Donnerstag, 17. September 2020

Die Pferde der Hethiter

Erst um 2000 v. Ztr. treten domestizierte Pferde in Anatolien auf

Bis um 2000 vor unserer Zeitrechnung lebten in Anatolien nur wilde Pferde. Sie hatten gleichmäßig eine einzige braune Fellfarbe. Um 2000 v. Ztr. kommen plötzlich domestizierte Pferde nach Anatolien herein (1) (Abb. 1).

Abb. 1: Genetik und Fellfarben der Pferde in Anatolien vor und nach 2.000 v. Ztr. (aus: 1)

Die ab 2000 in Anatolien auftretenden domestizierten Pferde hatten nun ein großes Spektrum an Fellfarben (Abb. 1). Die ersten domestizierten Pferde traten in Nordmesopotamien offenbar vereinzelt schon ab der Mitte des dritten Jahrtausends auf und wurden dort "Esel aus dem Gebirge" genannt. Vieles deutet darauf hin, daß die domestizierten Pferde aus dem südlichen Kaukasus heraus nach Anatolien eingeführt wurden und nicht über den Bosporus hinweg. Es wird hier insbesondere auf die Maikop-Kultur (4000 bis 3000 v. Ztr.) (Wiki, engl) verwiesen, für die es Hinweise auf Reiten gibt (1):

The abundance of horse bones and images of horses in Maikop culture settlements and burials of c. 3300 BCE in the northern Caucasus led to the suggestion that horseback riding began in the Maikop period. In addition, recent studies of ancient human genomes showed continuous gene flow between Copper Age steppes and Caucasus peoples, and later, during the Bronze Age, between Mesopotamia, Anatolia, the southern and northern Caucasus, and the steppes.

Die Menschen der Maikop-Kultur waren zumindest mehrheitlich nicht-indogermanischer (bzw. Nicht-"Steppen"-)Abstammung. Sie wiesen aber kulturell auch ausgeprägte indogermanische Elemente auf (Wiki) (Kurgane zum Beispiel). Die Maikop-Kultur gilt zugleich als aussichtsreicher Kandidat für den Ursprungsort der Ausbreitung der Nordwestkaukasischen Sprachen.

Es wird sicherlich zunächst vermutet werden dürfen, daß ähnliche domestizierte Pferde im 3. Jahrtausend auch nach Mittel- und Nordeuropa eingeführt wurden. Nachdem die Botai-Kultur in Zentralasien inzwischen von Seiten der Archäogenetik als Ursprungsort der Pferde-Domestikation ausgeschlossen ist, tritt immer mehr die Region der Urheimat der Indogermanen (Nordschwarzmeer-Raum) in den Mittelpunkt des Interesses hinsichtlich der Frage nach diesem Ursprungsort. Insbesondere nachdem nun - nach zwei neuen Studien zweier Forschungsgruppen von Eske Willerslev und Eva-Maria Geigl (1) - auch Spanien und Anatolien als Ursprungsregionen der Pferde-Domestikation ausscheiden.

Übrigens sind die ältesten Streitwagen der Weltgeschichte bislang in der Sintaschta-Kultur (2.100 - 1.800 v. Ztr.) (Wiki) in der Ukraine gefunden worden. Womöglich war der Streitwagen auch erst die Voraussetzung für die Ausbreitung domestizierter Pferde in größerer Zahl nach Anatolien hinein.

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  1. Ancient DNA shows domestic horses were introduced in the southern Caucasus and Anatolia during the Bronze Age. By Silvia Guimaraes, Benjamin S. Arbuckle, Joris Peters, Sarah E. Adcock, Hijlke Buitenhuis, Hannah Chazin, Ninna Manaseryan, Hans-Peter Uerpmann, Thierry Grange, Eva-Maria Geigl  Science Advances16 Sep 2020 : eabb0030 , https://advances.sciencemag.org/content/6/38/eabb0030.

Dienstag, 15. September 2020

Und mit einem mal ... Leben auf der Venus

Sehr überraschende neue Forschungsergebnisse

Mögliche Hinweise auf organisches Leben innerhalb der Wolken der Venus sind seit gestern Nachmittag - mit Recht - das vorherrschende Thema in der Wissenschafts-Presse (1-4). Jenseits der vielen auch philosophischen Implikationen, die mit dieser Frage verbunden sein könnten, ist auch schon allein der Weg, auf dem die Forscher auf diese Hinweise gestoßen sind und wie sie diese jetzt auswerten werden, von allerhöchstem Interesse. Wird doch hier einmal wieder - wie selten - deutlich, wie Forschung heute arbeitet und was sie zu leisten im Stande ist. Bei so philosophisch grundlegenden Fragen wie der nach Leben außerhalb der Erde fallen solche Dinge natürlich besonders ins Auge.




Das beste Video in deutscher Sprache, das einem dazu bislang unter kommen kann, stammt von der deutschen Astrophysikerin und Astronautin-Anwärterin Dr. Suzanna Randall (geb. 1979) (Wiki) (1).

Sie erklärt die neuen Forschungen sehr genau und umfassend und deshalb sehr spannend. Hier bekommt man zum ersten mal ein "Gefühl" für den Planeten Venus. Noch spannender ist natürlich für die, die der englischen Sprache mächtig sind, die Pressekonferenz, auf der die Forscher selbst gestern Abend ihre Forschungsergebnisse präsentiert und erklärt haben (2).

Natürlich findet man unter #Venus, #Leben noch andere interessante Videos auf Youtube (3, 4).

Spannend wird nun natürlich sein, ob das Leben auf der Venus die gleiche Herkunft hat wie das auf der Erde und wo dann der Ursprungsort für beide ist. Oder ob es auf beiden Planeten unabhängig voneinander entstanden ist. Die Venus scheint in früheren Jahrmillionen auch auf ihrer Gesteinsoberfläche lebensfreundlicher gewesen zu sein als heute und es wird spekuliert, daß sich das Leben dort dann später nur noch in den Wolken halten konnte, der heutigen einzigen habitablen Zone auf der Venus.

Suzanna Randall macht vor allem auch deutlich, wie schrill Bakterien leben können und wie schrill jene Bakterien sein müssen, die auf der Venus leben (wenn sie denn dort leben). Von dem vielen, was die Forschung hier an irren Dingen macht, ist eine irre Sache, daß man noch nicht mal auf der Erde weiß, welche Bakterien jenes Phosophan erzeugen, das sowohl auf der Erde wie auf der Venus in der Menge nur auf organischem, nicht anorganischem Wege entstanden sein kann und das außerdem für aerobes Leben (für Leben, das auf Sauerstoff angewiesen ist), reines Gift ist.
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  1. Randall, Suzanna: Leben auf der Venus? Was die Phosphan-Spuren bedeuten. Terra X Lesch & Co, 14.9.2020, https://youtu.be/g8_STeIv18Y.
  2. Phosphine on Venus - Royal Astronomical Society - Press Briefing, 14.9.2020, https://youtu.be/y1u-jlf_Olo.
  3. https://www.youtube.com/watch?v=gGYAGo43Lt4
  4. https://www.youtube.com/watch?v=CiqcN54rVig

Sonntag, 13. September 2020

David Reich zur Ethnogenese der Indogermanen

In einem im Juni veröffentlichten Vortrag spricht der Archäogenetiker David Reich am Ende (ab 48'38) auch über unpublizierte Forschungen zur Ethnogenese der Indogermanen.




David Reich referiert die Erkenntnisse aus der Sequenzierung von 550 archäologisch gewonnenen Genomen aus Zentral- und Südostasien. Für uns wird dabei nichts Neues referiert, da wir ja diesselben Erkenntnisse schon aus einer anderen Publikation entnommen hatten (2). Dennoch ist es gut, sich dieser Erkenntnisse aus der Sicht von David Reich noch einmal zu vergewissern.

Übrigens hat auch der Archäogenetiker Johannes Krause wieder einmal einen Vortrag gehalten (3). Neben vielem, was wir hier auf dem Blog in verschiedenen Artikeln und Videos schon referiert haben, ist in diesem an Neuem vor allem spannend eine Zusammenfassung seiner bisherigen Forschungen zur Geschichte der Krankheitserreger.

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  1. Reich, David: New Scientist, 17.6.2020, https://youtu.be/3-vHByC14bc?t=2918.
  2. Bading, Ingo: Es ist "amtlich" - Das Urvolk der Indogermanen war die Chwalynsk-Kultur um 4.500 v. Ztr. an der Mittleren Wolga, 8/2019, https://studgendeutsch.blogspot.com/2019/08/es-ist-amtlich-das-urvolk-der.html.
  3. Krause, Johannes: Die Reise unserer Gene, vhs im Norden des Landkreises München e.V., 12.5.2020, https://youtu.be/zh2GfytNMAE.

Königreiche im Elb-Saale-Gebiet - Seit dem Mittelneolithikum und in der Bronzezeit

Herrschaftszentren der Reiche des Mittelneolithikums und der Bronzezeit

Ein Buch des Landesarchäologen von Sachsen-Anhalt, Harald Meller, aus dem Jahr 2018 mit dem Titel "Die Himmelsscheibe von Nebra" (1) ist keinesfalls nur ein weiteres Buch zur Himmelsscheibe von Nebra - wie man auf den ersten Blick annehmen sollte. In diesem Buch geht es vielmehr um etwas ganz anderes als bloß um diese Himmelsscheibe. Es geht um den Nachweis von staatlichen Strukturen im Kernraum der Aunjetitzer Kultur, einer der bedeutendsten frühbronzezeitlichen Kulturen Mitteleuropas, jener Kultur, aus der die Himmelsscheibe von Nebra und ihre Begleitfunde hervorgegangen ist, und die diese Kultur deshalb - ein ganzes Stück weit - erklären hilft. Diese staatlichen Strukturen wären aus einer gesamteuropäischen Betrachtung der Frühbronzezeit leicht abzuleiten so wie wir dies hier auf diesem Blog schon vor zehn Jahren getan haben, und wofür es gerade im letzten Jahr ständig neue Hinweise gibt (siehe frühere Beiträge). Der Grund, weshalb das aber aus einer allein auf die Archäologie Sachsen-Anhalts fokussierten Betrachtungsweise im Jahr 2018 noch so schwer war, wird eigentlich erst auf Seite 278 dieses Buches genannt, nämlich in diesem Satz (1, S. 278):
Trotz intensiver Suche entdeckte die Arbeitsgruppe um Peter Ettel, Professor für Ur- und Frühgeschichte an der Universität Jena, weder Befestigungsanlagen noch Höhensiedlungen.
Höhensiedlungen seit dem Mittelneolithikum und in der Bronzezeit sind ja inzwischen nicht nur für den Mittelmeerraum und die Adria (Mokodonja), sondern auch für den Donauraum und den Raum nördlich der Alpen bis in den Thüringer Wald und den Harz hinein als Frühformen protourbaner Siedlungen nachgewiesen, jüngst durch Detlev Gronenborn auch für das Rhein-Main-Gebiet (siehe viele frühere Beiträge hier auf dem Blog). Im Mittelmeerraum spricht man für die Epochen seit dem Mittelneolithikum und der Bronzezeit von "Palastkulturen" mit "Akropolis" auf der höchsten Stelle des Berges und im innersten Ring der Befestigungen, was gar so unähnlich auch für Mitteleuropa für dieselben Geschichtsepochen schon so oder ähnlich benannt worden ist. Sogar in der Nähe des Königsgrabes von Seddin ist inzwischen eine umfangreiche "Schwedenschanze" - nämlich bei dem kleinen Dorf Horst bei Pritzwalk in der Prignitz - als befestigte Siedlung der Bronzezeit nachgewiesen worden. Nur für den Elb-Saale-Raum fand sich diesbezüglich bis 2018 - offenbar - nichts. Die daraus gezogene Schlußfolgerung war aber - wie nun Forschungen des Jahres 2020 aufzeigen - man möchte fast sagen: "natürlich" zu frühzeitig gezogen worden.
 

Protourbane Siedlung bei Pömmelte (bei Magdeburg)


Ähnlich wie man im Umfeld des überregionalen religiösen Zentrums von Stonehenge eine stadtähnliche Siedlung fand, fand man in diesem Jahr 2020 im Umfeld der Kreisgrabenanlage von Pömmelte (Wiki), 25 Kilometer südlich von Magdeburg an der Elbe, ebenfalls eine solche stadtähnliche Siedlung, eine solche, die zumindest in den Feierzeiten der Winter- und der Sommersonnenwende genutzt worden ist (3):
Franziska Knoll und ihre Kollegen haben das Umfeld des Heiligtums frei gelegt und die Reste von mindestens 30 Häusern gefunden. "Es handelt sich damit um eine der größten Siedlungen der Aunjetitzer Kultur in Mitteleuropa", sagt die Archäologin. Wenige der zirka 20 Meter langen Häuser stammen aus der Zeit der Glockenbecher, die Mehrzahl hatten Menschen der Aunjetitzer-Zeit errichtet. Das belegen C-14-Daten, die Wohnbauten der beiden Kulturen haben aber auch einen unverkennbaren Grundriß: Die Glockenbecherhäuser waren trapezoid aufgebaut, die der Aunjetitzer rechteckig. "Die Siedlung war enorm groß", sagt Archäologe Bertemes. "In der Mittelmeerregion würden wir bei dieser Größe von protourban sprechen" - also von stadtähnlich. Außerdem haben die Ausgräber ein großes Gräberfeld aufgedeckt.
In Stonehenge wurde - offenbar - als großes Volksfest Weihnachten gefeiert: Nach ... (3)
"... tausenden Tierknochen, die Zoologen analysierten, waren die Schweine stets zum Zeitpunkt der Wintersonnenwende geschlachtet worden. Gezüchtet hatte man die Tiere aber woanders - an unterschiedlichen Orten auf den Britischen Inseln. Offenbar waren die Menschen aus ganz Britannien nach Stonehenge gepilgert, um dort mitten im Winter die längste Nacht des Jahres zu feiern."
In Pömmelte fand man nun in der Osthälfe des Grabenrunds achtvoll Männer bestattet, die im Alter zwischen 17 und 30 Jahren ums Leben gekommen waren. Es wurden Hinweise gefunden, daß viele Jahresfeste, die wir heute als christliche Feste wahrnehmen, die aber auch schon aus dem keltischen Kulturraum bekannt sind, schon damals in der Bronzezeit begangen worden sind (1. November, 1. Mai, 2. Februar). Und "Polterabende" mit zerbrochenem Porzellan hat es dort auch schon gegeben, denn man fand wiederholt Gruben, die mit absichtlich zerbrochenen Scherben sorgfältig abgedeckt worden waren.

Auch Hinweise auf Menschenopfer finden sich in Pömmelte (eine Frau, ein gefesseltes Kind). Und neben der Anlage von Pömmelte hat es nun - so wie in Stonehenge - eine stadtähnliche Großsiedlung gegeben. - Worauf wir hier auf dem Blog gerne noch zusätzlich hinweisen: Kurze Zeit, nachdem in Pömmelte die Anlage bewußt abgebrannt wurde und die Menschen danebst abgewandert sind (2050 v. Ztr. und 1.975 v. Ztr.), beginnt die Kultur der blonden, hochgewachsenen Wüstenmumien an der Seidenstraße, die eine westindogermanische Sprache sprachen, bei deren Grabanlagen unter anderem Pappelholz eine große Rolle spielte, und deren Tätowierungen viele Spiral- und Sonnenformen aufwiesen. Aber zurück nach Sachsen-Anhalt.
 

Überregional organisiertes Heerwesen

 
Aus der Sicht des Jahres 2018 wurde für die Frühbronzezeit des Elb-Saale-Raumes konstatiert (1, S. 278):
Die Dörfer mit ihren in Ost-West-Richtung orientierten Langhäusern reihten sich perlschnurartig entlang der Flüsse, dahinter lagen direkt die Felder. Bisher fanden wir kein einziges Haus, das bei einem kriegerischen Ereignis in Schutt und Asche gelegt worden wäre.
Dennoch kann aus solchen fast städtischen Siedlungsballungen und von ebenfalls zu findenden, im Land verteilten überdimensionierten Langhäusern und damit oft in Verbindung stehenden großen, einheitlich strukturierten Waffen-Hortfunden nicht nur auf ein organisiertes, überregionales (staatliches) Feierwesen, sondern auch auf organisiertes, überregionales ein Heerwesen geschlossen werden, auf denen die Macht und das Ansehen solcher Fürsten beruht haben kann, die dann in Fürstengräbern wie denen von Helmsdorf, Leubingen und im Bornhöck - quasi als Leiter religiöser Feiern, als geehrte Bronzeschmiede und als Gefolgschaftsführer (warum nicht: Könige?) - bestattet worden sind.

Solche Gefolgschaften werden aus jungen Männern aus vielen Teilen Europas bestanden haben, die in der Zeit, bevor sie heirateten und sich auf ihren Erbhöfen (zum Beispiel am Lech) niederließen, für eine Zeit lang in der Gefolgschaft eines angesehenen Fürsten im Elb-Saale-Raum getreten sein konnten und dabei - etwa während der großen jahreszeitlichen Feiern - nicht selten auch ihre späteren Frauen kennen lernen konnten. Für die Errichtung des "Bornhöck" waren - unter anderem - in großen Mengen wertvolle, wenig benutzte Mahlsteine genutzt worden, die ein einzelner Mensch gar nicht hätte bedienen können. Schlußfolgerung der Autoren (1, S. 279):
Erinnern wir uns an die gewaltigen Mahlsteinfunde aus dem Bornhöck: während ansonsten Familien das Mehl für den Eigenbedarf selbst mahlten, waren diese Steine nicht nur zu groß dafür, sie benötigten eigene Konstruktionen, die in gesondert errichteten Gebäuden installiert waren.
Das frühbronzezeitliche Königreich im Elb-Saale-Gebiet war also so mächtig, daß es - in seinem fruchtbaren Kernraum - zwar offenbar keiner Befestigungsanlagen bedurfte. Wie wir aus den (durch die Archäogenetik und die Strontium-Isotop-Analyse nachgewiesenen) Heiratsverbindungen des in den Langhäusern wohnenden Beamten-Adels mit dem Bereich der süddeutschen Bronzezeit und Böhmens wissen, bestanden aber - sicherlich auch zum Schutz - freundschaftliche und verwandtschaftliche Beziehungen in vergleichsweise weit entfernte Gebiete, also "Bündnisse", abgesichert durch den Austausch heranwachsender Söhne und durch Heiraten.

Doch der Ausgangspunkt der Überlegungen des Buches war (1, S. 214):
Das kalendarische Wissen der Himmelsscheibe verlangt nach einer avancierten Gesellschaft.
Und noch deutlicher (1, S. 211):
Wir müssen es mit einer Gesellschaft zu tun haben, die ein Interesse an einem Kalender hatte, der das Sonnen- und Mondjahr in Einklang brachte. Dann kann es sich nicht nur um Bauern, Hirten oder Stammeskrieger handeln, dann müssen wir das erste staatsähnliche Gebilde Mitteleuropas vor uns haben.
Zwar wurde gerade vor wenigen Wochen erst wieder in einer neuen Studie die Sicherheit der Datierung der Himmelsscheibe von Nebra in die Bronze- statt Eisenzeit infrage gestellt. Aber auch ohne diese Datierung macht es ja inzwischen viel Sinn, Hinweisen auf staatliche Strukturen in Mitteleuropa nachzugehen so wie es in diesem Buch getan wird.

Eine große bronzezeitliche Handelsstadt in Salzmünde bei Halle, 3.000 v. Ztr.


Einer dieser Hinweise ist das "Erdwerk von Salzmünde" (Wiki). Es handelte sich - offensichtlich - um eine vergleichsweise große Handelsstadt in Sichtweite der Saale (Abb. 1), gelegen zwölf Kilometer nordwestlich der heutigen Altstadt von Halle. Dieser Ort - sicherlich Handelsstadt und Herrschersitz zugleich wie das überall in der Bronzezeit angenommen werden kann - war auch Grablege und Ort vieler ritueller Handlungen, die für das ganze Reich des Herrschers von Salzmünde Bedeutung gehabt haben müssen.

Abb. 1: Der ausgegrabene Teil des Erdwerks von Salzmünde bei Halle an der Saale

Viele Sklaven haben für den Herrscher von Salzmünde gearbeitet, zum Teil sehr schwer. Und sie scheinen nicht selten sehr grausam behandelt worden zu sein. Von Sklaven im Besitz der ostgermanischen Könige spricht noch der römische Geschichtsschreiber Tacitus dreitausend Jahre später.

Die Salzmünder Kultur um 3000 v. Ztr. fällt in den gleichen Zeitraum wie das Königsgrab von Newgrange in Irland, in dem jüngst durch die Archäogenetik eine Herrscherdynastie und ein Reichsadel nachgewiesen worden sind (ebenso punktuell etwas so Urtümliches wie innerfamiliärer Inzest). Ähnliches, einen Reichsadel und eine Herrscherdynastie und urtümliche Lebensweisen sind dann sicherlich auch für andere Regionen Europas im Mittelneolithikum anzunehmen, insbesondere wenn wir zentrale, großflächig umhegte Siedlungsorte vorfinden.

Ein solcher Siedlungsort ist das "Erdwerk von Salzmünde". Die Ausgrabungen dort zeigten auf, daß rituelle Tötungen von Gefangenen und von Sklaven in den dortigen Königreichen und Palastkulturen stattfanden (1, S. 166 -171). Von den 15 aufeinanderfolgenden Kulturgruppen des Neolithikums in Sachsen-Anhalt sagt der dortige Landesarchäologe Harald Meller (1, S. 166):
Teils existierten sie zeitgleich, teils lösten sie einander ab. Leider hat kein Homer diese Ereignisse besungen; auch haben wir weder einen Herodot noch einen Thukydides, die uns über das Geschehen berichtet hätten.
Das sind schöne Worte. Denn in der Tat bedarf es auch der Phantasie, die sich nicht in Widerspruch setzt zu den erforschten Tatsachen, um die hier vorliegenden Erkenntnismöglichkeiten voll auszuschöpfen. Welche staatlichen Strukturen bestanden im Mittelneolithikum in Mittel- und Nordeuropa? Immer mehr läuft es auf die Antwort hinaus: Es gab staatliche Strukturen von "Großstaaten", vergleichbar den zeitgleichen im Vorderen Orient und im Mittelmeerraum.

Bevor die starken Befestigungsringe der mittelneolithischen Stadt an der Saale errichtet wurden, wurden an demselben Ort über Jahrhunderte Menschen bestattet, auch rituell Sklaven und Gefangene - auch Frauen und kleine Kinder - ermordet. Ihre Leichen wurden rituell deponiert an eben demselben Ort, über dem später die Fundamente der Befestigungsanlage angelegt wurden.

Vielleicht waren es Angehörige jenes Volkes, das zuvor diese Gegenden bewohnt hatte, das von einem von auswärts kommenden Reich besiegt wurde, wobei das siegreiche Reich die gemachten Gefangenen Jahrhunderte lang schwer für sich arbeiten ließ, grausam behandelte und auch rituell töten ließ. Die Besiegten wurden auch mitsamt dem Brandschutt ihrer Häuser bestattet. - Über eine solchermaßen bestattete Frau erfahren wir (1, S. 168):
Circa 1,47 Meter groß, keine 25 Jahre alt. (...) Der verheilte Ermüdungsbruch eines Brustwirbels belegt, daß sie von Jugend an schwerste Arbeiten verrichten mußte. Sie ist immer wieder mißhandelt worden. Ihr Schädel weist drei stumpfe Verletzungen auf, Schläge eines Knüppels oder einer Keule. Auch diese waren verheilt. Wenige Wochen vor ihrem Tod hatte ihr jemand brutal ins Gesicht geschlagen - ihr Unterkiefer war mehrfach gebrochen. (...) Als ob das alles nicht schon schrecklich genug wäre, wiesen die Knochen Bißspuren (...) auf. Die rechte Hand fehlte ganz. Hatte man die Tote den Hunden vorgeworfen oder ihren Leichnam unbestattet liegen gelassen? 
Um 2.800 v. Ztr. unterwarfen die indogermanischen Schnurkeramiker und Glockenbecherleute mit ihren trapezoidförmigen Hausgrundrissen die sehr wohlhabenden Reiche im Elb-Saale-Raum. Sie scheinen ihrerseits sehr umfangreich die einheimische Bevölkerung ermordet und "ersetzt" zu haben. Jedenfalls finden sich die Gene der Vorgängerbevölkerung in den nachfolgenden Jahrhunderten nur noch in geringeren Anteilen in den zugewanderten Menschen. Diese haben also nur in geringeren Anteilen einheimische Frauen geheiratet.

Ein Reichsoberhaupt wird begraben (1942 v. Ztr.)


Harald Meller behandelt auch die beiden Fürstengräber von Leubingen (1942 v. Ztr.) und Helmsdorf (1828 v. Ztr.) - und zwar nach den zeitgenössischen Grabungsberichten aus dem Kaiserreich recht ausführlich, da hier vieles von der Forschung in Vergessenheit geraten war. Das erstere war von dem bedeutenden deutschen Archäologen Friedrich Klopffleisch ausgegraben worden (1, S. 197):
Geologen bescheinigten Klopffleisch, daß die Steine aus einem Umkreis von 30 Kilometern herbeigekarrt worden sein mußten - roter Sandstein vom Kyffhäuser und weißer Sandstein aus der Umgebung von Nebra. "Was läßt diese sichere Tatsache für einen tiefen Blick in die Verhältnisse jener Urzeit tun (...)!," staunte Klopffleisch. "Wir sehen hier im Geiste die mächtigen Reihen holzrädriger Wagen oder Karren vor uns, welche, durch den leitenden Willen eines Stammesoberhaupts befehligt, den umliegenden Gau nach geeigneten Steinen ... durchsuchen. Dies alles setzt bereits die Entwicklung eines mächtigen Gemeinwesens und die Anfänge eines Verkehrslebens voraus, welches schon fahrbarer (...) Straßen sich bediente."
Der Ausgräber des zweiten Grabes war der Archäologe Hermann Größler. Meller spricht von einem weithin sichtbaren Grabhügel, in welchem wir nach den Worten des seinerzeitigen Grabungsberichts (1, S. 208):
"ein frühestes Denkmal der Ahnen unseres eigenen Volkes zu erblicken" haben.
Beide Fürsten sind recht ähnlich bestattet worden, auch jeweils mit geopferten Menschen, vermutlich Bediensteten, Sklaven oder Kriegsgefangenen. Die Ausstattung mit Metallbeigaben erinnert mehr als deutlich an die Zusammensetzung der Beigabenfunde zur Himmelsscheibe von Nebra.

Soweit nur ein erster Teil der Auswertung dieses spannenden Buches.
 
Ergänzung, 16.11.2020: Erinnert sei auch daran, daß die Stadtkultur sich ab 2.000 v. Ztr. mit der Andronovo-Kultur auch bis östlich des Ural ausgebreitet hat, bezeugt durch die "Spiralstadt" Arkaim im Ural (Wiki) (5), in der dann um 200 v. Ztr. Sarmaten lebten.


/ Entwurf: 6.7.2020 /
_________________
  1. Meller, Harald, Michel, Kai: Die Himmelsscheibe von Nebra. Der Schlüssel zu einer untergegangenen Kultur im Herzen Europas. Propyläen 2018
  2. Bading, Ingo:  Zur Religions- und Stadtgeschichte des bronzezeitlichen Mitteleuropa - Personale Gottheiten und Himmelskunde in ersten Städten, 2010, https://studgendeutsch.blogspot.com/2010/01/zur-religions-und-stadtgeschichte-des.html, https://studgendeutsch.blogspot.com/2010/05/2200-1600-v-ztr-zu-einigen.html
  3. Karin Schlott: Deutschlands Vorgeschichte - Stonehenge an der Elbe - Ein Ort für brachiale Rituale, 22.04.2020, https://www.spektrum.de/news/stonehenge-an-der-elbe/1715860.
  4. H. Meller/S. Friederich (Hrsg.), Salzmünde-Schiepzig - ein Ort, zwei Kulturen. Ausgrabungen an der Westumfahrung Halle (A 143), Teil I. Archäologie in Sachsen-Anhalt, Sonderband 21/I, Halle 2014, 94-111 (Academia.edu)
  5. Prestel, Peter; Graichen, Gisela: Das Vermächtnis der Steppenkrieger. Schliemanns Erben 32, ZDF 2010, https://youtu.be/6PcDHUSc_2w
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