Samstag, 31. Juli 2021

Die Indogermanen in Apulien - Herkunftsanteil 20 bis 40 %

Wann und von wo kamen die Indogermanen in den östlichen Mittelmeerraum und den Stiefelabsatz Italiens?

Apulien, berühmt durch das Castel del Monte (Wiki), das weiß glänzende Schloß des Stauferkaisers Friedrichs II. aus dem 13. Jahrhundert mit seinem acheckigen Grundriß (Abb. 1). Berühmt durch seine herrlichen Küsten und Strände, durch sein abwechslungsreiches Mittelgebirge im Inland. Apulien, der "Stiefelabsatz Italiens". Dort lebte in der Eisenzeit das Volk der Daunier (Wiki, engl). Es stammte genetisch zu 20 bis 40 % von Indogermanen ab (sogenannte "Steppen"-Herkunft) (1) (s. Abb. 2), die um 2.200 v. Ztr. in das Land gekommen waren (6) und dort die Bronzezeit einläuteten (Wiki):

An den Küsten entstanden während der Bronzezeit viele befestigte, oft zusätzlich natürlich geschützte Siedlungen, deren Funde teilweise intensive Handelsbeziehungen u. a. mit dem östlichen Mittelmeerraum - speziell dem mykenischen Griechenland und teilweise Zypern - offenbaren. Vor allem Mykenische Keramik kam an vielen Fundorten zu Tage. Ein bedeutendes Handelszentrum war die Siedlung am Scoglio del Tonno in Tarent, die nicht nur intensive Handelsbeziehungen zum östlichen Mittelmeerraum, sondern auch nach Norditalien unterhielt und ein wichtiger Umschlagsplatz für Metallwaren aus dem Norden war. Tausende von Purpurschneckenhäusern, die in der befestigten Siedlung von Coppa Nevigata ans Licht kamen, legen nahe, daß dort während der mittleren und späten Bronzezeit eine Produktionsstätte für Purpur bestand.

Daß die Bewohner Apuliens in der Bronze- und Eisenzeit zu 20 bis 40 % Steppen-Herkunft in sich trugen, also indogermanischer Herkunft waren, geht aus einer neue Studie zur Archäogenetik des eisenzeitlichen Apulien hervor (1). Wir sehen in ihr in "Fig. 2B" (hier: Abb. 2, B), daß es noch in der Eisenzeit in Apulien Menschen gab, die nur anatolisch-neolithische Herkunft (gelb) und Steppen-Herkunft (lila) in sich trugen.

Abb. 1: Casel del Monte, 13. Jahrhundert n. Ztr., erbaut von Kaiser Friedrich II. (Wiki)

Daraus wäre zu folgern, daß die westeuropäische Jäger-Sammler-Herkunft (blau) nach Süditalien erst sehr spät ("zurück"?) gekommen ist und sich dort womöglich noch nicht einmal (wie wir unten sehen werden) im Mittelalter überall ausgebreitet hatte.

Und dieser Umstand hinwiederum deutet darauf hin, daß die Bauernvölkern in Süditalien sich zwar mit den Indogermanen (vermutlich der Glockenbecherkultur) irgendwann nach 2.200 v. Ztr. (2-4) sehr umfangreich vermischt haben. Aber diese Menschen der Glockenbecher-Kultur scheinen von ihrem Ursprungsraum ohne weitere Vermischungs-Ereignisse bis nach Süditalien gekommen zu sein und dabei - womöglich - 800 Jahre überbrückt zu haben. Denn sonst hätte es nahegelegen, daß sie auch eine westeuropäische Jäger-Sammler-Komponente mit nach Süditalien gebracht hätten, die ja auf ihrem Weg nach Italien überall die spätneholithischen Bevölkerungen Mittel- und Westeuropas in sich trugen. 

Kann ein solches 800 Jahre lang aufrecht erhaltenes Unvermischt-Sein plausibel gemacht werden? Mit den neuesten, hier auf dem Blog schon referierten Forschungsergebnissen (5) durchaus. Nach ihnen haben die spätneolithischen Kulturen überall in Europa viele Jahrhunderte lang in engster Nachbarschaft und Verzahnung miteinander unvermischt gelebt (5).

Abb. 2: Die Herkunftskomponenten der eisenzeitlichen Apulier: Zu einem Drittel bis zur Hälfte indogermanischer Herkunft (aus: 1)

Wir haben ja schon referiert, daß die Steppen-Genetik in jener Zeit so gut wie nicht nach Kreta und in die minoische Kultur kam. Dorthin gelangte sie erst mit den Mykenern ab 1600 v. Ztr. (4).

Die Indogermanen kamen unvermischt bis Süditalien

Neben den beiden schon genannten Herkunftskomponenten tritt im eisenzeitlichen Apulien am häufigsten die iranisch-neolithische Herkunftskomponente auf. Von dieser wissen wir ja schon, daß sie sich früh im östlichen Mittelmeer-Raum ausgebreitet hat (s. z.B.: 4). Auffallend ist aber auch hier wieder, daß es in Apulien in der Eisenzeit noch Menschen gab, die diese Herkunftskomponente nicht in sich getragen haben. Es hat also hier Regionen und Stämme gegeben, die sich lange von äußeren Einflüssen und damit verbundenem Menschenaustausch (Sklavenhandel etc.) frei hielten. Und zwar obwohl sie sich schon mit Indogermanen umfangreich vermischt hatten.

Abb. 3: Daunische Kanne, 6./5. Jhrdt. v. Ztr.; heute im Hetjens-Museum Düsseldorf (Wiki) - Fotograf: DerHexer

Die Forscher interpretieren ihre Ergebnisse grundsätzlich ähnlich wie wir (1):

... Das eisenzeiche (vor-kaiserzeitliche) Süditalien (Apulien) kann eingeordnet werden in das genetische Mittelmeer-Kontinuum, das von Kreta (Minoer) und der Levante (Seevölker) bis zum republikanischen Rom und zur iberischen Halbinsel reicht und sich vornehmlich zusammensetzt aus der anatolisch-neolithischen und der iranisch-neolithischen/Kakasus-Jäger-Sammler-Herkunftskomponente, verbunden mit der westeuropäischen Jäger- und Sammler- sowie Steppen-Herkunftskompenente wie sie im (sonstigen) kontinentalen Italien zu beobachten ist.
The new genomic sequences Daunian samples reveal that Iron Age (pre-Imperial) Southern Italy (Apulia) can be placed within a Pan-Mediterranean genetic continuum that stretches from Crete (Minoans) and the Levant (Sea People) to the Republican Rome and the Iberian Peninsula, mainly composed by AN and IN/CHG genetic features with the addition of WHG and Steppe-related influences in Continental Italy.

Hier scheint also doch zumindest indirekt unterstellt zu sein, daß die Steppen-Herkunftskomponente im eisenzeitlichen Italien sich über die Glockenbecher-Kultur (und/oder bronzezeitliche Nachfolge- oder Parallelkulturen - Cetina-Kultur [Wiki]?) bis nach Apulien ausgebreitet hat.

Womöglich wäre dann zu schlußfolgern, daß sich Steppen-Herkunft und anatolisch-neolithische Herkunft in Süditalien beide zum Teil noch in "reiner Form" miteinander vermischen konnten und als solche Vermischung sich zum Teil bis in die Eisenzeit haben halten können ohne Zuflüsse von iranisch-neolithischer oder westeuropäischer Jäger-Sammler-Herkunft, die dann beide erst später hinzugekommen sein mögen.

Die Forscher halten außerdem fest (1):

Die westeuropäische Jäger-Sammler-Herkunfts-Komponente, die bei den eisenzeitlichen Apuliern und bei den Römern im republikanischen Zeitalter zu finden ist, ist bei den Minoern (auf Kreta) und bei den eisenzeitlichen Völkern in Kroatien nicht zu finden.
The WHG contribution, which was a necessary component to explain IAA and Roman Republicans according to qpAdm output, is absent from Minoans and Iron Age Croatians.

Das ist ein wesentlicher Satz. Sogar noch ein mittelalterlicher Apulier, so führen sie aus, weist keinerlei westeuropäische Jäger-Sammler-Herkunft auf. So regional divers scheint sich die Bevölkerung Apuliens also - nach dem zusätzlichen mittelalterlichen Einzel-Ergebnis - sogar noch durch die ganze Antike hindurch entwickelt zu haben. (Ob man das glauben kann, stehe aber einstweilen dahin. Das wäre ja die Geschichte sozusagen eines "einzelnen gallischen Dorfes" über Jahrtausende hinweg ....)

Wir schlußfolgern und ordnen ins bisherige Gesamtbild ein: Die anatolisch-neolithische Herkunftsgruppe wird sich spätestens im Mittelneolithikum zumindest in Norditalien mit den dort noch verbliebenen, einheimischen westeuropäischen Jägern und Sammlern vermischt haben. Diese Vermischung scheint aber zumindest in Teilen Süditaliens bis zur Eisenzeit - vielleicht sogar bis zum Mittelalter (!) - nicht stattgefunden zu haben. (Ähnlich authothon hat sich ja auch die Bevölkerung zeitgleich auf Sizilien weiter entwickelt [4].)

Während die Steppen-Genetik durchaus schon mit der Glockenbecher-Kultur - und ohne alle weitere vorherige Einmischung (auf dem Weg dorthin) - bis nach Süditalien gelangt zu sein scheint (vielleicht auch von Kroatien aus mit der Cetina-Kultur).

Das auffallendste Ergebnis dieser Studie ist also bis auf weiteres: Die Glockenbecher-Kultur (oder eine vergleichbare indogermanische Kultur) muß sich - ohne Vermischungen in Zwischenstationen - bis nach Süditalien ausgebreitet haben.

2.200 v. Ztr. - Bevölkerungsumbruch im östlichen Mittelmeer-Raum

Aber wie viel Grund haben wir eigentlich dafür zu vermuten, daß Apulien von den Glockenbecher-Leuten genetisch "indogermanisiert" wurde? Bisherige Ausbreitungskarten zeigen ja nur, daß sie bis nach Sizilien und Norditalien gekommen waren (2). 2014 fand in Halle an der Saale ein internationaler Archäologen-Kongreß zum europaweiten Epochenwechsel rund um 2.200 v. Ztr. statt (6). Auf diesem Kongreß wurde zur Archäologie Süditaliens und Siziliens rund um 2.200 v. Ztr. referiert (6):

... Eine fortgeschrittene Phase der späten Kupferzeit beginnt wohl um 26oo/255o v. Chr.; ihr Ende ist bisher noch nicht sehr gut erfaßt, ist aber wohl um 235o/23oo v. Chr. anzusetzen. Während dieser Zeit finden lokale Entwicklungen und kulturelle Veränderungen statt, während gleichzeitig die "internationale" Glockenbecherkultur aufzutreten beginnt - allerdings nur im Westen Siziliens relativ gut belegt. Die dritte Periode, die eine Endphase der späten Kupferzeit umfaßt, datiert zwischen 235o/23oo  v. Chr. und 215o/21oo v. Chr. Es  ist  eine  Übergangsphase,  während  derer einerseits frühere Traditionen verschwinden oder zumindest  klar  abgeschwächt  werden  (Laterza  und  Malpasso), sich andererseits aber neue Kulturgruppen und Keramikstile durchsetzen. In Süditalien breiten sich Cetina-artige Kulturelemente aus dem Adriagebiet aus, während in Sizilien, nebst  einigen  Funden  einer  späten  Glockenbechertradition  und einer sehr eingeschränkten Präsenz Cetina-artiger Keramik  (manchmal  auch  "Thermi-Ware" genannt),  die  bemalte  Keramik  des  sogenannten Naro-Partanna-Stils aufkommt, die eine Verwandtschaft mit der nachfolgenden Castelluccio Kulturgruppe aufweist. Die vierte Periode entspricht schließlich der Frühbronzezeit und datiert ungefähr zwischen 215o/21oo v. Chr. und 165o  v.  Chr. Diese Periode ist geprägt durch Fazies mit langen Laufzeiten, wie z. B. Palma Campania, Prov. Neapel, in Kampanien (die sich in einer späten Phase der Frühbronzezeit innerhalb der proto-apenninischen Kulturgruppe herausbildet); Cessaniti, Prov. Vibo Valentia, in Kalabrien; Capo Graziano 1, Prov. Messina, auf den Liparischen Inseln sowie Castelluccio, Prov. Syracuse, in Sizilien  (gleichzeitig mit der Rodì-Tindari-Vallelunga Kulturgruppe). Auf dem italienischen Festland lassen sich Phänomene wie Bevölkerungsrückgang und kulturelle Diskontinuität feststellen, die hauptsächlich in der ersten Periode des Übergangs zwischen der späten Kupferzeit und der frühen Bronzezeit, bzw. im späten 22. Jh. v. Chr.  und  frühen  21.  Jh.  v.  Chr. stattfinden.
The Late Copper Age, probably starts around 26oo/255oBC and ends somewhere around 235o/23ooBC. During this period, processes of local evolution and changes in previous traditions are seen, together with a limited introduction of the "international" Bell Beaker Culture group (fairly common only in western Sicily). The third phase, corresponding to a final stage of the Late Copper Age, spans from 235o/23ooBC to 215o/21ooBC. This is a phase of transition, during which we see a disappearance or a marked weakening of older traditions (Laterza and Malpasso), and the spread of new Culture groups and ceramic styles. In southern Italy, Cetina-related cultural elements of trans-Adriatic origin spread, and in Sicily, besides some artefacts relating to a late Beaker tradition and a very limited presence of Cetina-related pottery (sometimes called "Thermi Ware"), painted potteries of the so-called Naro-Partanna style appear, a style preluding to the subsequent Castelluccio Culture group. The fourth phase corresponds to the Early Bronze Age, beginning around 215o/21ooBC and ending at approximately 165oBC. This period is characterised by regional long-lasting archaeological facies like Palma Campania, prov. Naples, in Campania (evolving within the Protoapennine Culture group in a late phase of the Early Bronze Age); Cessaniti, prov. Vibo Valentia, in Calabria; Capo Graziano 1, prov. Messina, in the Aeolian Islands, and Castelluccio, prov. Syracuse, in Sicily (coexisting with the Rodì-Tindari-Vallelunga Culture group). Phenomena of depopulation and cultural discontinuity are attested in peninsular Italy, and mainly correspond to the earliest phase of transition from the Late Copper Age to the Early Bronze Age, dating to the late 22nd century BC and early 21st century BC.

In der Studie heißt es dazu genauer über (6):

... das Glockenbecher-Phänomen, das im südlichen Italien nur durch isolierte Funde bezeugt ist.
... the Bell Beaker phenomenon, although it is attested in southern Italy only by isolated  finds. A  more  significant presence has been found in the Rome area, especially in the fertile plains south-east of the city. In this area it was possible to document a local evolution of the Laterza facies. After 26oo BC a cultural change, characterised amongst other things by the admixture of Bell Beaker elements, gradually led to the development of the so-called Culture group of Ortucchio, which spread throughout part of central Italy (Carboni/Anzidei  2o13). Throughout southern Italy the Bell Beaker presence is sporadic, being evidenced only by single pieces (e. g. Lo Torto et al. 2oo1), sometimes within late Laterza contexts, as in the case of the burial ground found at Paestum, prov. Salerno, close to the temple of Ceres (Arcuri/Albore Livadie 1988).

Also nach 2.600 v. Ztr. ist in der Umgegegend von Rom ein kultureller Wandel festzustellen, charakterisiert durch die Vermischung einheimischer Funde mit Glockenbecher-Funden. Ansonsten tritt die Glockenbecherkultur in Süditalien in den ansonsten "einheimischen" archäologischen Funden nur "sporadisch" auf. Das würde bedeuten, daß der genetische Steppen-Zufluß - z. B. in Apulien - damals stärker war als sich aus den archäologischen Funden allein ablesen läßt. Und das wiederum würde heißen, daß die sich hierher ausbreitenden Indogermanen sehr schnell die einheimische Kultur und Lebensweise angenommen haben. Die Forscher schreiben weiter (6):

In Apulia, taking into account the radiocarbon dates available for the site of Grotta Cappuccini di Galatone, prov. Lecce (Ingravallo 2oo2) - where a late Laterza facies very similar to that of Cellino San Marco (Lo Porto 1963) is attested - we may postulate that the late Laterza tradition lasts until at least 235o/ 23oo BC. For the period corresponding to the third phase (between 235o/23oo BC and 215o/21oo  BC), data are not abundant in Campania and other parts of southern Italy, such as Basilicata and Apulia. If we compare this situation with the relatively rich record for the preceding and the subsequent  phases, the impression is that the scarcity of sites may be explained, at least in part and in some areas, by a demographic crisis.

Man wird also bis aufs weitere schlußfolgern können: In der Zeit um 2.350 v. Ztr. führt die vornehmliche kriegerische Ausbreitung einer indogermanischen Kultur - entweder der Glockenbecher-Kultur und/oder der ost-adriatischen Cetina-Kultur zu einem Bevölkerungszusammenbruch und zu jenem teilweisen "genetic replacement" in Süditalien, das wir noch an der Genetik in der Eisenzeit daselbst feststellen können. Die Forscher stellen Daten zusammen, nachdem dieser Bevölkerungszusammenbruch sehr eng zusammen fällt mit einem Auftreten von Cetina-Keramik in Süditalien. Über dieses Cetina-Phänomen im östlichen Mittelmeer-Raum schreiben sie (6):

In the Aegean this diffusion correlates well with the Early Helladic III, now dated by R. Jung and B. Weninger (Jung/Weninger in the present volume) to between approximately 23oo BC and 21oo BC. A similar chronology is also possible for the Italian evidence.

Das hier genannte Frühe Helladikum III (Wiki) wird von der griechischen Archäologie häufig mit der Zuwanderung von Indogermanen in Zusammenhang gebracht. Aus der Zeit nach der Zuwanderung der Indogermanen sind übrigens in Apulien zahlreiche Megalith-Anlagen überliefert (Wiki). Sie gehörten, da erst datiert auf die Zeit ab 2.300 v. Ztr. zu den spätesten des ganzen Mittelmeerraumes.

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*) Wie und warum die Forscher Kaukasus-Jäger-Sammler-Herkunft von iranisch-neolithischer Herkunft unterscheiden, bleibt uns unerfindlich. Womöglich ist doch die Kaukasus-Jäger-Sammler-Herkunfts-Komponente der Steppen-Herkunft hinzuzurechnen (?). Sie schreiben selbst, es sei "schwer, Kaukasus-Jäger-Sammler-Herkunft, die durch Mittelmeer-Ausbreitung nach Italien gekommen sein mag, angemessen von jener zu unterscheiden, die durch die Steppen-Herkunft dorthin gekommen sein mag" ("hard to properly detect a CHG signature  independent  from  the  Steppe wave, possibly brought by pan-Mediterranean  influxes"). Gibt es denn überhaupt Hinweise, daß Kaukasus-Jäger-Sammler-Herkunft sich von anatolisch-neolithischer Herkunft unterscheidet und sich deshalb getrennt von letzterer und der Steppen-Herkunft ausbreiten konnte? Auf solche wären wir allerdings bis jetzt nicht gestoßen.

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  1. The genetic origin of Daunians and the Pan-Mediterranean southern Italian Iron Age context     Serena Aneli, Tina Saupe, Francesco Montinaro, Anu Solnik, Ludovica     Molinaro, Cinzia Scaggion, Nicola Carrara, Alessandro Raveane, Toomas     Kivisild, Mait Metspalu, Christiana L Scheib and Luca Pagani     bioRxiv. posted 30 July 2021, , 10.1101/2021.07.30.454498     http://biorxiv.org/content/early/2021/07/30/2021.07.30.454498?ct=ct
  2. Bading, Ingo:  2.200 v. Ztr. - Kriegerische Glockenbecherleute im westlichen Mittelmeer-Raum, kriegerische Hethiter in Anatolien - Eine neue Ancient DNA-Studie zur Geschichte der Indogermanen im Mittelmeer-Raum der Bronzezeit, 2019, https://studgendeutsch.blogspot.com/2019/04/2200-v-ztr-kriegerische.html
  3. Bading, Ingo: Indogermanische Genetik in Italien, 11/2019, https://studgendeutsch.blogspot.com/2019/11/indogermanische-genetik-in-der.html
  4. Bading, Ingo: Völkerbewegungen im Mittelmeer-Raum ab 2.400 v. Ztr., 2020, https://studgendeutsch.blogspot.com/2020/02/volkerbewegungen-im-mittelmeer-raum-ab.html 
  5. Bading, Ingo: Die Fundamente Europas - Sie wurden in einer Umbruchszeit gelegt (3.500 bis 2.700 v. Ztr.), 5/2021, https://studgendeutsch.blogspot.com/2021/05/das-fundament-europas-in-einer.html
  6. Teodoro Scarano, Marco Pacciarelli, Anita Crispino: The transition between Copper and Bronze Ages in Southern Italy and Sicily. Konferenzbeitrag, October 2015; Conference: H.H. Meller, R. Risch, R. Jung, H. W. Arz (eds.), 2200 BC - Ein Klimasturz als Ursache für den Zerfall der alten Welt? (2200 BC - A climatic breakdown as a cause for the collapse of the old world?) Proceedings of the 7th Archaeological Congress of Central Germany of the State Office of Heritage Management and Archaeology Saxony-Anhalt (LDA), October 23-26, 2014 in Halle (Saale)Volume: 12/I-II 2015 Tagungen des Landesmuseums für Vorgeschichte Halle (Halle 2015) (Researchgate)

Dienstag, 27. Juli 2021

Korrektur notwendig? - Die ersten westeuropäischen Bauernvölker

Stammen sie doch nicht aus der Levante?
- Seltene Y-chromosomale Haplotypen scheinen ein anderes Bild zu zeichnen

Vor gut einem Jahr veröffentlichten wir hier auf dem Blog einen Aufsatz (4/2020), in dem wir Hinweise dafür zusammen trugen, daß die ersten westeuropäischen Bauernkulturen, genannt Cardial-Kulturen (Wiki), aus dem Levanteraum stammten (s. Abb. 1), während die zeitgleiche mitteleuropäische Bandkeramik bislang grob auf Ursprungsräume in Anatolien zurück geführt worden ist.


Abb. 1: Das Volk der Cardial-Keramik - Es stammt aus dem Levanteraum
(Eine Karte von José-Manuel Benito Álvarez, Wiki)

Nun ist aber soeben eine neue Studie über im Neolithikum vergleichsweise seltene Y-chromosomalen Haplotypen der ersten Bauern Europas erschienen (8). Scheinbar vor allem aufgrund ihrer Seltenheit ergibt sich für sie ein sehr übersichtliches Ausbreitungsmuster, nach dem sie auf engere Regionen innerhalb des östlichen Mittelmeer-Raumes zurück geführt werden können. (Außerdem ist natürlich wichtig, daß sie nicht einheimischen Jäger-Sammler-Ursprungs aus Europa selbst sind. Das waren ja bislang die Y-chromosomalen Haplotypen, die eher im Fokus der Forschung standen und hier auf dem Blog dementsprechend auch schon behandelt worden waren).

Bei der genaueren Erforschung dieses seltenen Y-chromosomalen Haplotyps stellt sich nun heraus, daß eine Korrektur unserer bisherigen Annahmen und Vermutungen notwendig werden könnte. Nach der Verbreitungs-Karte der in dieser Studie behandelten Y-chromosomalen Haplotypen, die aus dem östlichen Mittelmeer-Raum stammen (Abb. 2), wäre es genau umgekehrt als bislang angenommen: H2d-Individuen, die in der mitteleuropäischen Bandkeramik und ihrer Nachfolgekulturen verbreitet waren, finden sich auch im Levanteraum (und sonst nirgendwo im östlichen Mittelmeerraum) und H2m-Individuen, die in Frankreich, Spanien und - im Mittelneolithikum - auch bis nach Irland verbreitet gewesen waren, finden sich auch in Nordwest-Anatolien (aber sonst nirgends im östlichen Mittelmeerraum) (s. Abb. 2).

Abb. 2: Der menschliche Y-chromosomale Haplotyp H2d breitete sich (aus dem Levanteraum heraus?) mit der Bandkeramik über die Balkan-Route aus, H2m breitete sich mit der Cardial-Keramik über das Mittelmeer aus (aus: 8)

Dieses Ergebnis ist außerordentlich "counterintuitiv", zumindest gemessen an dem, was wir bislang zu diesen Fragen an Hinweisen zusammen getragen hatten (4/2020). Spannend immerhin, daß in dieser Studie so klare Ausbreitungsmuster beschrieben werden können (s. Abb. 2) (8):

... Es ergab sich ein klares phylogeographisches Muster. Die H2d-Individuen finden sich alle entlang der sogenannten Inland-Donau-Ausbreitungs-Route nach Mitteleuropa hinein. Aber alle - außer einem - der H2m-Individuen finden sich entlang der sogenannten Mittelmeer-Ausbreitungs-Route nach Westeuropa hinein, sowie auf die spanische Halbinsel und schlußendlich nach Irland. Das einzelne H2m-Individuum, das sich in Mitteldeutschland fand, wird auf einen spätneolithischen, frühbronzezeitlichen Kontext datiert, der zwei- bis dreitausend Jahre nach der neolithischen Ausbreitung liegt. Archäologische und mitochondrialen DNA-Hinweise auf eine Ostausbreitung der mittel- und spätneolithischen Gruppen wie der Michelsberger Kultur könnten höchstwahrscheinlich diesen einzelnen geographischen "Ausreißer" erklären.
When we plotted all of the samples in our study on a map of Europe, a phylogeographic pattern clearly emerged (Fig. 3B). The H2d individuals are all found along the so-called inland/Danubian route into central Europe, and all but one of the H2m individuals are found along the so-called Mediterranean route into Western Europe, the Iberian Peninsula and ultimately, Ireland. The solitary H2m individual (LEU019) found in central Germany is dated to the Late Neolithic/Early Bronze Age context, postdating the Neolithic expansion by 2000–3000 years. Archaeological and mtDNA evidence of an eastward expansion of Middle/Late Neolithic groups such as Michelsberg43,44,45 could potentially explain this single geographically outlying observation.

Über die Ursprungsregionen dieser beiden Y-Chromosomalen Haplotypen wird ausgeführt (8):

Wir fanden, daß die Verzweigung von H2d und H2m etwa 15.000 bis 12.000 Jahre alt sein kann. (...) Diese Schätzungen zusammen mit der Tatsache, daß H2d und H2m-Individuen in Anatolien und in der Levante gefunden wurden, zeigen, daß die H2-Vielfalt höchstwahrscheinlich schon bei nahöstlichen Jägern und Sammlern vor der Einführung des Ackerbaus und der Viehzucht vorgelegen hat und ebenso noch bei den frühen Bauernkulturen und nachfolgend sich über die neolithische Ausbreitung den Weg nach Mittel- und Westeuropa gefunden haben.
We found that the estimated TMRCA for H2d and H2m was ~ 15.4 kya. We also found that H2m and H2d had estimated TMRCAs of ~ 11.8 and ~ 11.9 kya (see Fig. 4). We note, however, that even though the associated error bars are wider due to fewer overlapping SNPs, the mean estimates are still relatively consistent. These estimates, plus the fact that H2d and H2m individuals are found in Anatolia and the Levant, show that H2 diversity most likely existed in Near-Eastern hunter-gatherers before the establishment of agriculture and animal husbandry and likely also in early farmers, and subsequently spread via the Neolithic expansion into Central and Western Europe.

Aber ob der hier behandelte seltene (!) Y-chromosomale Haplotyp wirklich repräsentativ ist, was die Herkunftsräume von großen Völkern betrifft, soll dahin gestellt bleiben.

Diesbezüglich wird man abwarten müssen, wie sich der Kenntnisstand in der Archäogenetik weiter entwickeln wird. 

Unsere bisherigen Annahmen ......

Im folgenden noch, was unser bisheriger Blogartikel zur Thematik enthalten hatte: Im Januar 2020 hatten wir in einem Blogbeitrag in einer Art Exkurs über die sogenannte "La Hoguette"-Keramik (Wiki), die sich in manchen bandkeramischen Siedlungen findet, und über deren Herkunft man lange in der Wissenschaft rätselte, geschrieben (St.gen. 2020). Wir hatten nämlich in dem Zusammenhang entdeckt, daß man sie inzwischen als verwandt erkannt hat mit der "Cardial-Keramik" (Wiki). Die Cardial-Keramik hinwiederum stammte ursprünglich - zumindest nach Wikipedia - aus dem Levanteraum und hat sich schon vor der großen Ausbreitungsbewegung anderer anatolischer Bauernvölker, also vor 6.500 v. Ztr. über das Mittelmeer hinweg ausgebreitet (Wiki).  

Nach Wikipedia scheint es Hinweise zu geben, daß die Cardial-Keramik in Zusammenhang steht mit Völkern, die vorwiegend Viehzucht und Herdenhaltung betrieben haben, bei denen es sich also um Hirten-Völker handelte. Und aufgrund der geographischen Herkunft dieser Kultur wird angenommen werden dürfen, daß sie auch genetisch eben - so wie die Bandkeramiker - aus dem Mittelmeer-Raum stammt. Aber diesmal vielleicht vor allem aus dem Levanteraum.

Archäogenetische Erkenntnisse zu dieser sehr speziellen Kultur waren bislang noch nicht so übersichtlichtlich zusammen getragen worden wie in der oben behandelten neuen Studie (8). Mit der Ausbreitung der ersten Ackerbaukulturen rund um das Mittelmeer befaßt sich der Autor dieser Zeilen schon seit einer Seminararbeit, die er zwischen 1993 und 1995 erarbeitete (1). An verstreuten Stellen hat er sich danach mit diesem Thema immer einmal wieder auseinander gesetzt. Und es mag einmal Sinn machen, diese verstreuten Artikel hier in einem neuen Blogartikel zu sammeln. So ist 2006 eine erste archäogenetische Studie erschienen über gefundene Knochen von domestizierten Ziegen (Wiki) in Südfrankreich (2).

2006 - Erste archäogenetische Erkenntnisse zur Geschichte der domestizierten Ziegen

Die nahe Bindung des frühen Menschen an Ziegen ist uns heute nur noch selten bewußt.

Abb. 3: Ausbreitung erster seßhafter Kulturen vom Nahen Osten aus rund um das Mittelmeer und über Europa hinweg - Sternchen: Fundort Baume d’Oullen in Südfrankreich (aus: 2)

In Abbildung 3 ist der zeitliche und räumliche Verlauf der Ausbreitung der bäuerlicher Lebensweise in Europa ab 6.200 v. Ztr. dargestellt. 2006 waren die heutigen Erkenntnisse zur Herkunft und Ausbreitung der Cardial-Keramik noch nicht so gut bekannt. Die Forschungsergebnisse von 2006 können aber recht gut zugeordnet werden zu den Forschungen zur Herkunft der Cardial-Keramik im Levanteraum. Die Abbildung 3 ist jener Studie entnommen, der die bei der Ausbreitung seßhafter Hirtenkulturen erfolgten Mitnahme domestizierter Ziegen und ihre Genetik anhand von archäologischen Knochenresten in Südfrankreich (siehe Sternchen in der Karte) untersucht (2):

Die Karte zeigt den europäischen Teil der heutigen geographischen Verteilung von wilden Ziegen (Capra aegagrus) (gepunktet markiert), ebenso wie die beiden Wellen der ersten Ausbreitung neolithischer Kulturen nach Europa hinein: die Route entlang der Mittelmeerküsten und die Route über den Balkan hinweg. Der Fundort Baume d’Oullen ist mit einem Sternchen markiert. (...) Dunkelgrau markiert ist der Bereich der Impresso-Kulturen (6.00 bis 5.500 v. Ztr.), hellgrau markiert ist der Bereich der Cardial-Kulturen (5.500 bis 4.800 v. Ztr.).
Map shows occidental part of the current geographic distribution of the wild goat, Capra aegagrus (dotted area), as well as the two main waves for the initial advancement of the Neolithic culture into Europe: the Mediterranean route and the Danubian route. The location of Baume d’Oullen is indicated by a star. The dates on the map are calibrated radiocarbon date-derived B.P. (cal. B.P.). Solid-line arrows indicate main flow; broken-line arrows indicate possible secondary flows. Dark gray zones indicate the area of the Impressa culture (8,000–7,500 cal. B.P.); light gray zones indicate the area of the Cardial and cultures (between 7,500 and 6,800 cal. B.P.).

Die Forscher kamen zu dem Ergebnis, daß die zeitliche und räumliche Nähe genetisch sehr unterschiedlicher Ziegen-Abstammungslinien zu so früher Zeit in Südfrankreich darauf hindeutet, daß die sich rund um das Mittelmeer ab 5.700 v. Ztr. recht zügig ausbreitenden, seßhaften Keramik-Kulturen (Impresso- und Cardial-Kultur)

  1. entweder schon einen genetisch sehr vielfältigen Bestand von domestizierten Ziegen in Besitz hatten oder aber
  2. daß es mehrfache, kurz hintereinander folgende Ausbreitungsbewegungen von unterschiedlichen menschlichen Gruppierungen/Kulturen gegeben hat.

Mit den auf Wikipedia dargestellten neuen Erkenntnissen zur Herkunft und Geschichte der Cardial-Kulturen, auf die wir einleitend hinwiesen, könnte die zweite hier genannte Vermutung sich als die richtige erweisen. Auf jeden Fall war nach der Studie von 2006 die genetische Vielfalt der mitgeführten Ziegen ein (weiterer) Hinweis darauf, daß der (Handels-?)Austausch auch über das Mittelmeer hinweg schon zu diesem frühen Zeitpunkt sehr rege hat gewesen sein können. Es ist - auch aufgrund der Schnelligkeit der Ausbreitung der seßhaften Kulturen (schließlich dann auch entlang der Atlantikküste) - anzunehmen, daß diese Kulturen schon die Seefahrt beherrschten (1). Und dabei können ja Ziegen leicht mitgenommen werden.

Abb. 4: Fünf unterschiedliche Regionen der Ziegen-Domestikation (aus: 5)

In der Zusammenfassung ist die Rede davon, daß es mindestens zwei unabhängige Domestikations-Ereignisse bei Ziegen im Nahen Osten gegeben haben könnte (2):

Phylogenetic analysis revealed that two highly divergent goat lineages coexisted in each of the two Early Neolithic layers of this site. This finding indicates that high mtDNA diversity was already present 7,000 years ago in European goats, far from their areas of initial domestication in the Near East. These results argue for substantial gene flow among goat populations dating back to the early neolithisation of Europe and for a dual domestication scenario in the Near East, with two independent but essentially contemporary origins (of both A and C domestic lineages) and several more remoteand/or later origins. 

Im Diskussions-Teil heißt es (2):

The presence of the two lineages in southwestern Europe since as early as the beginning of the Neolithic may result from either the succession of different waves of goats bearing different haplotypes between the first Impressa (7,700–7,500 B.P.) and Cardial (7,500–7,000 B.P.) time periods, or from one wave bearing all of the diversity as early as the first Impressa steps. In any case, however, our results reveal that the diversity of present-day goats does not result mainly from any Late Neolithic, Roman, or Modern episode. Instead, these data suggest that extensive gene flow occurred around the time of the first waves of arrival of Neolithic farmers into Europe through the Mediterranean route,ca. 7,500 ya. This is evidence of a continuing high degree of interactions (through regional contacts and commerce) alongthe Mediterranean basin during the Early Neolithic.

Ob es sich bei den südfranzösischen Ziegen auch schon um Ziegen gehandelt haben kann, die von der gleichzeitigen ersten mitteleuropäischen Bauernkultur, den Bandkeramikern nach Südfrankreich gelangt sind (oder deren Vorfahren),  blieb 2006 noch offen. Da für die rein kontinentaleuropäischen Bandkeramiker mancherlei Einflüsse aus Südfrankreich schon 2006 bekannt waren (sie kannten Mohn aus Südfrankreich, sowie bestimmte Muschelsorten ...), mußte das 2006 keineswegs als ausgeschlossen gelten. Kleine Anteile von französischer Cardial-Keramik hat den Bandkeramik-Forschern ja schon seit mehreren Jahrzehnten zu denken gegeben. Aber 2018 wurde deutlicher, daß es solcher komplizierter Erklärungen vermutlich nicht bedarf (siehe unten).


Abb. 5: Aristide Maillol - Illustration von Daphnis und Chloe

2007 wurde über Forscherstimmen berichtet, die ebenfalls eine vergleichsweise komplexe Ausbreitungsgeschichte seßhafter Kulturen rund um das Mittelmeer hinweg annahmen (3).

2011 - Charakteristische Verbreitung von Landschnecken in Algerien und Südfrankreich

2011 wurde dann eine sehr spannende Studie veröffentlicht (4). Unsere Vermutung war ja schon seit 1995, daß sich ab 6.200 v. Ztr. der Keramikgebrauch und der Anbau von Getreide, sowie auch die Rinderzucht rund um das gesamte Mittelmeer und hinüber auf den Balkanraum auch oder vor allem über den Schiffsweg ausbreitete (1). Dies hatten damals (1995) nur wenige Forscher wirklich glauben können. Durch die Erforschung des ungewöhnlichen Verbreitungsgebietes einer bestimmten Landschnecken-Art über Algerien, Sardinien und Südfrankreich hinweg, sowie durch deren früheste molekulargenetische Datierung auf etwa 6.000 v. Ztr. konnte die Annahme der Ausbreitung der seßhaften Lebensweise über den Seeweg hinweg aber sehr deutlich bekräftigt werden (4).

2018 - Fünf unterschiedliche Regionen der Ziegen-Domestikation?

Daß die Ziege tatsächlich in mehreren Regionen des Vorderen Orients während des Neolithikums domestiziert worden ist, wurde dann in einer Studie aus dem Jahr 2018 sehr deutlich bekräftigt (5). Auf der Grafik in Abbildung 4 ist sichtbar, daß allein im heutigen Iran während des vorkeramischen Neolithikums offenbar drei verschiedene Ursprungspopulationen von Ziegen domestiziert wurden: Eine im westlichen Zagros-Gebirge (rosa Raute), eine (vielleicht) an den Südhängen des Kaukasus (blaue Raute) und eine vielleicht an den Nordhängen des Kaukasus (grüne Raute). Andere Ursprungspopulationen befinden sich aber außerdem auch noch im Levanteraum, in Südanatolien und auf der griechischen Halbinsel. Wobei die Nordhänge des Kaukasus auch deshalb von besonderem Interesse sein könnten, weil dort ja auch die eine Hälfte des Herkunftsanteils der Indogermanen gesucht werden muß. Wenn dort unabhängig von anderen Regionen Ziegen domestiziert worden sind, haben sie vielleicht auch sonst größere kulturelle Unabhängigkeit von anderen Regionen (etwa vom Südkaukausus) aufgewiesen. Aber dieser Gedanke nur am Rande.

Abb. 6: Illustration zu Daphne und Chloe von Aristide Maillol

Jedenfalls: Dort wo selbstständige Domestikation stattfindet, wird man jeweils sicher auch von innovativeren, eigenständigen menschlichen Kulturen ausgehen dürfen. Die Forscher schreiben dazu, daß sich ja auch die dazu gehörigen anatolisch-neolithischen und die iranisch-neolitschen Bauern genetisch recht deutlich voneinander unterscheiden - so wie ihre Ziegen (5). Nach dem Neolithikum breitet sich dann aber eine genetisch vergleichsweise einheitliche Ziegenpopulation offenbar noch ganz anderer Herkunft über den gesamten Raum hinweg aus (Haplogruppe A).

Dasselbe Muster wird in einer Studie aus dem Jahr 2020 dann auch für die Schafe sichtbar. Denn eine 2020 bekannt gewordene archäogenetische Studie zu anatolischen Schafen zeigte unter anderem auf (6):

Wir finden, daß anatolisch-neolithische Schafe genetisch den heutigen europäischen Schafrassen näher stehen, insbesondere den mittel- und nordeuropäischen. Unsere Ergebnisse legen also nahe, daß asiatische Anteile zu südeuropäischen Schafrassen, die nach dem Neolithikum hinzu gekommen sind - möglicherweise während der Bronzezeit - dieses Verteilungsmuster erklären könnte.
We further find that Anatolian Neolithic sheep (ANS) are genetically closest to present-day European breeds, and especially those from central and north Europe. Our results indicate that Asian contribution to south European breeds in the post-Neolithic era, possibly during the Bronze Age, may explain this pattern.

Das hieße, die anatolisch-neolithischen Bauernvölker, insbesondere die Bandkeramiker, später die Trichterbecherleute brachten anatolisch-neolithische Schafrassen bis nach Nordeuropa, wo sie bis heute weitgehend unvermischt fortexistieren, während in Anatolien und im Mittelmeer-Raum während der Bronzezeit asiatische genetische Anteile zu den dortigen Schafrassen dazu kamen. Ähnliches ist ja auch schon für asiatische männliche genetische Rinder-Anteile (7) und auch für die iranisch-neolithische menschliche Genetik während der Bronzezeit im Mittelmeer-Raum festgestellt worden (siehe andere Artikel hier auf dem Blog im letzten Jahr).

Die Ziege in Kunst und Literatur

Schon in der Kunst und in der Litertur der Antike waren Ziegen und Ziegenhirten ein beliebtes Motiv. Der Naturgott Pan (Wiki) war halb Ziege und halb Mensch. Er wird deshalb auch in Skulpturen als ein solches Mischwesen dargestellt, das sich gerne nicht nur mit menschlichen Männern und Frauen, sondern auch mit Ziegen paart.

Und auch noch der französische Künstler Aristide Maillol hat im 19. Jahrhundert diesbezüglich eindrucksvolle Illustrationen geschaffen zu der bukolischen, antiken Liebesgeschichte "Daphnis und Chloe" (Wiki), die in der Zeit um 200 n. Ztr. nieder geschrieben worden ist, und die von dem Leben einer Ziegenhirtin und eines Ziegenhirten handelt (Abb. 5, 6). Wobei in der illustrierten Geschichte selbst eine vielleicht etwas gar zu übertrieben künstliche Sehnsucht nach "Natürlichkeit" spürbar wird, die um 200 n. Ztr. in der hellenisierten, unglaublich reichen Stadtkultur des Mittelmeerraumes - auch nach Zeugnis dieser Geschichte - als natürliche Empfindung weithin abhanden gekommen sein mag.

Vorläufiger Diskussions-Stand

Halten wir abschließend fest: Es wird noch einer größeren Auflösung der archäogenetischen Daten des östlichen Mittelmeerraumes aus der Zeit ab 7.000 v. Ztr. bedürfen, um zu klären, nach welchem detaillierteren Muster die Ausbreitung der Bauernvölker rund um das Mittelmeer - aus rein archäogenetischer Sicht - verlaufen ist. So scheint sich ja - zum Beispiel - in Grafik 2 auch noch zusätzlich anzudeuten, daß es auf Sardinien andere Y-chromosomale Haplotypen im Neolithikum gab als andernorts im Mittelmeer-Raum. Zu solchen Fragen werden weitere archäogenetische Studien abgewartet werden müssen.

________________________
  1. Bading, Ingo: Die Neolithische Revolution im Vorderen Orient (12.000 - 6.000 v. Ztr.), Seminararbeit 1995, https://www.academia.edu/1537440/Die_Neolithische_Revolution_im_Vorderen_Orient_12.000_-_6.000_v._Ztr._.
  2. Divergent mtDNA lineages of goats in an Early Neolithic site, far from the initial domestication areas. Helena Fernández, Sandrine Hughes, Jean-Denis Vigne, Daniel Helmer, Greg Hodgins, Christian Miquel, Catherine Hänni, Gordon Luikart, Pierre Taberlet Proceedings of the National Academy of Sciences Oct 2006, 103 (42) 15375-15379; DOI: 10.1073/pnas.0602753103, https://www.pnas.org/content/103/42/15375.
  3. Bading, Ingo: Seefahrt und früheste Ackerbauern im Mittelmeer-Raum, November 2007, https://studgendeutsch.blogspot.com/2007/11/seefahrt-und-frheste-ackerbauern-im.html
  4. Jesse R, Véla E, & Pfenninger M (2011). Phylogeography of a land snail suggests trans-mediterranean neolithic transport. PloS one, 6 (6) PMID: 21731622
  5. Kevin G. Daly et. al.: Ancient goat genomes reveal mosaic domestication in the Fertile Crescent. Science 06 Jul 2018: Vol. 361, Issue 6397, pp. 85-88, DOI: 10.1126/science.aas9411 http://science.sciencemag.org/content/361/6397/85.full.
  6. Archaeogenetic analysis of Neolithic sheep from Anatolia suggests a complex demographic history since domestication Erinç Yurtman, Onur Özer, (...) Anders Götherström, Mehmet Somel, İnci Togan, Füsun Özer bioRxiv 2020.04.17.033415; doi: https://doi.org/10.1101/2020.04.17.033415.
  7. https://studgendeutsch.blogspot.com/2019/07/unsere-kuhe-schon-immer-waren-sie-bei.html 
  8. Rohrlach, A.B., Papac, L., Childebayeva, A. et al. Using Y-chromosome capture enrichment to resolve haplogroup H2 shows new evidence for a two-path Neolithic expansion to Western Europe. Sci Rep 11, 15005 (2021). 22.7.2021, https://doi.org/10.1038/s41598-021-94491-z

Sonntag, 25. Juli 2021

4.700 v. Ztr. - Indogermanen am Mittellauf der Donau?

Gelangten sie nur wenige hundert Jahre nach ihrer Enthongenese schon in das Herzland der Vinča-Kultur in Serbien?
- Ihre Waffenvernarrtheit verrät sie womöglich, wo immer sind auch hingekommen sind ....

Womöglich ein außerordentlich überzeugender Beweis dafür, daß die Indogermanen schon um 4.700 v. Ztr., 200 Jahre nach ihrer Ethnogenese, bis in das Herzgebiet der Vinča-Kultur (Wiki) am Mittellauf der Donau und ins Mündungsgebiet der Save, eines ihrer Nebenflüsse, vorgedrungen waren, also 800 Kilometer Donau-aufwärts von dem (hier auf dem Blog schon behandelten) Königsgrab von Giurgiulești aus gesehen, das stellen die vor gut zehn Jahren gefundenen kleinen Lehmfigurinen dar, die 40 Kilometer südwestlich von Belgrad nahe der serbischen Ortschaft Stubline (Wiki) gefunden worden sind (Abb. 1) (1). Diese Ortschaft liegt 13 Kilometer südlich der Save, des dortigen Nebenflusses der Donau.

Abb. 1: Auswahl der Figurinen der Vinča-Kultur von dem Fundort Stubline um 4.700 v. Ztr - Die zentrale Figur trägt das Lehm-Modell eines Zepters; andere Figuren tragen Lehm-Modelle von Hammeräxten (aus 1)

Um 4.700 v. Ztr. befand sich hier eine recht große Siedlung der Vinča-Kultur, die aus 200 Häusern bestand. Die Kultur, die die Archäologen hier vorfinden, war auch just um 4.700 v. Ztr. schon in die Endphase ihres Bestehens eingetreten. 

Finden wir nun in den dort gefundenen kleinen, ein wenig lächerlich anmutenden Lehm-Figurinen Nachbildungen der Angehörigen jenes Volkes wieder, mit dessen Zuwanderung an das Ufer der Save der Untergang der Vinča-Kultur einher gegangen ist? Diese Figurinen scheinen es doch ganz offensichtlich zu bezeugen. Keine andere Kultur dieses Zeitraums weist eine solche Waffenvernarrtheit auf wie die Indogermanen. Und genau diese Waffenvernarrtheit findet sich - recht exakt - auch bei diesen Lehmfigurinen dargestellt! In einer neuen Studie heißt es zu der Frage, ob Metallwerkzeuge an die Existenz einer "Elite" innerhalb der Gesellschaft gebunden sind (1):

Ein interessanter Fund ...wirft neues Licht auf diese Perspektive. Es wurden 43 Lehm-Figurinen entdeckt zusammen mit 11 Lehm-Miniatur-Modellen von (Kupfer-)Erzeugnissen in sieben oder acht charakteristischen Anordnungen (...) Im Gegensatz zu den Figurinen selbst sind die Lehm-Modelle jener Waffen, bzw. Werkzeuge, die sie tragen, sorgfältig geformt und poliert unter besonderer Beachtung von Details. Ihre Form erlaubt sogar die Unterscheidung unterschiedlicher Waffen-, bzw. Werkzeug-Typen wie Hammeräxte, Pickäxte, lange Beile mit Klinge, Hammer, Streitkolben oder "Zepter". Einige Miniatur-Lehm-Werkzeug-Modelle weisen interessanterweise erstaunlich große Ähnlichkeit auf zu zeitgleichen originalgroßen Gegenstücken in Kupfer. ...
Originaltext: An interesting find from the Vinča culture site of Stubline potentially sheds a novel light on this perspective. Forty-three clay figurines were recovered, together with 11 miniature clay models of (copper) implements in seven or eight spatial clusters (Crnobrnja, 2011; Crnobrnja et al. 2010). These figurines were found arranged (Fig. 14) in front of a large domed oven inside a dwelling structure, surrounded by ceramic material typologically characteristic for the Vinča D2 phase, and dated to c. 4650/4600 BC (Crnobrnja, 2011, p. 132). Forty-two of the figurines are identical in their design, having carelessly-shaped cylindrical bodies with bird-like heads. They contrast with the remaining figurine, a much larger object that was made with more technical skill. All the figurines have a hole in the right shoulder, and in some of these the miniature model tools seem to have been inserted (possibly using an organic material for handles). Unlike the figurines, the clay models of the implements were meticulously shaped and polished, with particular attention paid to fine details. Their form even allows for the distinguishing of different types of tools, such as hammer-axes, pickaxes, long tools with a blade, mallets and a macehead or ‘sceptre’ (Crnobrnja, 2011, p. 134). Interestingly, some of the miniature implement models in clay are strikingly similar to their contemporaneous full-size counterparts in copper metal. One looks like the gilded hammer-axe from Varna 1 (burial no. 4) and others look like the Pločnik hammer-axes, while a counterpart for the macehead or ‘sceptre’ can be found at Divostin II (House 13) (Leusch et al. 2017, p. 113, fig. 7; Porčić, 2019). Not all the figurines have clay tools associated with them, but all have a hole in the right shoulder, implying that possibly these suffered from post-depositional processes. While the figurines at Stubline are undoubtedly important, exactly what they represent has been a matter of debate. While the tall figurine with a macehead (a status marker) may be interpreted as anything from a representation of a highly-ranked individual to a deity, the presentation of an equal community with carefully and distinctively designed miner’s and metallurgist’s tools may represent one of our ‘cooperatives’, as seen through the eyes of the artisan at the time. If the possession of copper was considered an indication of prestige or wealth, then the Stubline figurines may well show that it was equally distributed within a practising community.

Erinnern diese Figurinen nicht auch an bronzezeitliche Felsritzungen aus Skandinavien, wo die dargestellten Figuren ebenfalls Waffen in ähnlicher - womöglich die Götter anbetender? - Art tragen? Wie auch immer es sich damit verhalten möge: Wir haben hier auf jeden Fall Miniatur-Darstellungen vor uns, die geradezu exakt der Waffen-Vernarrtheit entsprechen, die wir in den Gräbern der ersten Indogermanen zwischen Chwalynsk und Warna schon vielfach vorgefunden haben (2). Und jetzt auch schon um 4.700 v. Ztr. mehr als 800 Kilometer Donau- und Save-aufwärts.

Wir wollen allerdings hinzufügen - was es zu beachten gilt -, daß die Mehrzahl der gefundenen Lehm-Figurinen keine Waffen oder Werkzeuge tragen (3-5).

Frühe Indogermanen - Hirten, Jäger, Fischer - Zu Fuß und auf Schiffen

Der Hinweis auf diese Lehmfigurinen veranlaßt uns, auch weiteres Wissen zur Frühgeschichte der Indogermanen, das wir zusammen getragen haben, in diesem Blogartikel zu veröffentlichen. Nach den bisherigen Daten erfolgte die Ausbreitung der Chwalynsk-Kultur bis an die Nordhänge des Kaukasus (Fundort "Progress-2") und bis nach Warna am Schwarzen Meer innerhalb von nur 400 Jahren (6). Mit dem oben angeführten Datum würde sich ein Zeitraum von sogar nur 200 Jahren ergeben. jedenfalls sind das Entfernungen von mehr als 2.000 Kilometern, also zwei mal durch die ganze Bundesrepublik Deutschland hindurch. Und das zu Fuß.

Abb. 2: Die Landschaft des Budschak in Bessarabien - Nördlich des Schwarzen Meeres, Siedlungsgebiet der Indogermanen ab 4.400 v. Ztr. - Und der Bessarabiendeutschen ab 1814 und bis 1939 (Wiki)

Was für einen immensen Kinderreichtum muß ein kleines Volk bei Chwalynsk an der Wolga gehabt haben, um innerhalb von 400 Jahren - oder womöglich nur 200 Jahren - ein so riesiges Territorium von der Größe mindestens ganz Deutschlands besiedeln zu können? Und um zusätzlich noch um 4.400 v. Ztr. in die Königsfamilie von Warna einzuheiraten?

Abb. 3: Die Siedlungen der Cucuteni-Tripolje-Kultur 4.500 bis 3.500 v. Ztr. (aus: 7)

Hätte es jemals in der Völkergeschichte - vor Erfindung des Rades und vor Domestizierung des Pferdes - eine vergleichbare Ausbreitungsbewegung eines Volkes aus einem kleinen Entstehungsraum heraus gegeben? Nun, gegebenenfalls kann diese Ausbreitung der Urindogermanen verglichen werden mit der Ausbreitung der Linearbandkeramiker aus ihrem Entstehungsgebiet im Wiener Becken heraus innerhalb weniger Jahrhunderte bis an die Kanalküste und bis in die Ukraine zwischen 5.500 und 5.300 v. Ztr.. Also so ganz unmöglich ist das nicht.

Da das Land westlich des Mittellaufs des Dnjepr damals sehr dicht von der Cucuteni-Tripolje-Kultur besiedelt gewesen war (Abb. 3), macht es womöglich auch Sinn, für eintausend Jahre die Grenze zwischen unseren Vorfahren, den Steppennomaden, und den seßhaften Bauern anatolisch-neolithischer Herkunft im damaligen Siebenbürgen, Bessarabien und der Westukraine grob bei Krementschuk (Wiki) am Dnjepr anzusetzen (Abb. 4).

Abb. 4: Der Dnjepr bei Krementschuk (Wiki)

Hinter dem oft seenartig verbreiteten Mittelauf des Dnjepr lagen die Großsiedlungen der Cucuteni-Tripolje-Kultur. Und das - vermutlich - lange Jahrhunderte vergleichsweise gut geschützt (Abb. 3).

Aber der schon genannte Umstand soll noch einmal betont werden: Der sich hier andeutende Aktionsraum vom Mittellauf der Wolga einerseits, den Nordhängen des Kaukasus andererseits und dem Mittellauf der Donau zum Dritten ist von den Indogermanen zwischen 4.700 und 3.700 v. Ztr. nur zu Fuß durchwandert worden. Wir dürfen uns unsere Vorfahren also als Rinderhirten vorstellen, die zu Fuß - vielleicht ähnlich wie die Stämme der Massai oder der Turkana in Ostafrika oder der Bantu-Völker in Westafrika - zu Fuß ihren Herden folgten. Da Flußläufe in früheren Jahrtausenden noch eine viel größere Rolle für weitreichende Kulturkontakte spielen, darf man auch annehmen, daß die frühen Indogermanen die Möglichkeit nutzten, sich über die Flüße hinweg zum Teil am schnellsten fortbewegen zu können. Sobald die Medwediza (Wiki) auf der Wolgaplatte westlich der Wolga von ihnen erreicht war, konnten sie diesen Fluß bis zum Don abwärts fahren und sodann den Don abwärts bis ins Asowsche Meer. Von dort erreichten sie über das Schwarze Meer hinweg die Donaumündung. Da die Schiffahrt zwischen dem Kaspischen Meer bis zum Mittellauf der Wolga ebenfalls angenommen werden muß, sind diese Zusammenhänge nicht ganz so fernliegend wie es auf den ersten Blick anmuten muß.

Sie hatten also kleine, gemischte Herden, sie gingen auf die Jagd - alles zu Fuß. Und sie fischten in den Flüssen. Und das alles über tausende von Kilometern Steppenland und Wasserwegen hinweg.

Die Chwalynsk-Kultur - 1977 entdeckt

Im folgenden noch einmal einiges zur Entdeckungsgeschichte der Chwalynsk-Kultur, des Urvolkes der Indogermanen. Sie wurde erst 1977 entdeckt, zumindest in nennenswertem Ausmaß. 1967 war ein Wolga-Staudamm bei Balakowo gebaut worden, um Energie zu gewinnen. (Übrigens ein Umstand, der dem Fischreichtum innerhalb der Wolga, insbesondere auch Wander-Fischen wie der Kaukasus-Forelle, außerordentlich abträglich war. Inzwischen wird - sicherlich auch hier - an der Wiederansiedlung fast ausgestorbener Fischarten in der Wolga gearbeitet.) Durch diesen Staudamm - einer von mehreren Wolga-Staudämmen jener Zeit - entstand der "Saratower Stausee" (Wiki). Dieser erstreckt sich bis heute über 230 Kilometer bis hinauf nach Samara. 2007 schrieb der US-amerikanische Archäologe David Anthony in seinem Klassiker zur Urgeschichte der Indogermanen (8, S. 181):

1977 wurde ein vorgeschichtliches Gräberfeld am Westufer der Mittleren Wolga in Chwalynsk entdeckt. Bedroht durch das Wasser, das hinter einem Wolga-Staudamm aufgestaut wurde, wurde es von einem Team  unter der Leitung von Igor Vasiliev aus Samara ausgegraben. Inzwischen ist es durch die Bodenerosion völlig zerstört worden. Fundstätten des Chwalynsk-Typs sind inzwischen bekannt geworden von der Samara-Region an südwärts entlang der Ufer der Wolga bis hinab zur Kaspischen Senke und bis zur Ryn-Wüste im Süden. (...) Die Chwalynsk-Kultur (...) entstand um 4.700 oder 4.600 v. Ztr. in der Region der Mittleren Wolga. (...) Die späte Chwalynsk-Kultur an dem Fundort Kara-Khuduk an der Unteren Wolga wird auf 3.900 bis 3.800 v. Ztr. datiert und hat dort vielleicht sogar noch länger überdauert.
A prehistoric cemetery was discovered at Khvalynsk in 1977 on the west  bank of the middle Volga. Threatened by the water impounded behind a  Volga dam, it was excavated by teams led by Igor Vasiliev of Samara (figure  9.7). Its location has since been completely destroyed by bank erosion. Sites  of the Khvalynsk type are now known from the Samara region southward  along the banks of the Volga into the Caspian Depression and the Ryn  Peski desert in the south. The characteristic pottery included open bowls  and bag-like, round-bottomed pots, thick-walled and shell-tempered, with  very distinctive sharply everted thick "collars" around the rims. They were  densely embellished with bands of pricked and comb-stamped decoration  that often covered the entire exterior surface. Early Khvalynsk, well documented at the Khvalynsk cemetery, began around 4700-4600 BCE in the  middle Volga region (after adjusting the dates downward for the 15 N con-  tent of the humnan bones on which the dates were measured). Late Khvalynsk on the lower Volga is dated 3900-3800 BCE at the site of Kara-Khuduk but probably survived even longer than this on the lower Volga. 

Die hier genannte Ryn-Wüste (Wiki) liegt zwischen den Unterläufen von Wolga und Ural am Nordrand des Kaspischen Meeres. Und an ihrem westlichen Rand liegt auch Kara-Khuduk. Das heißt also, die Chwalynsk-Kultur hat sich hier über eine Fläche von der Größe Deutschlands zu beiden Seiten der Wolga nach Süden ausgebreitet.

Und es darf auch vermutet werden, daß es in diesem Volk schon eine sehr differenzierte Arbeitsteilung gegeben hat. Denn während man in der Wolga Fische fing, ging man in der Ryn-Wüste zur Jagd auf spezielle Tierarten, hielt man in den Wäldern und Steppen der Wolga-Höhen Rinder, Schafe, Ziegen und gegebenenfalls Pferde und machte dort zusätzlich Jagd auf andere Tierarten, zum Beispiel - gegebenenfalls - Wildpferde. Es gab Menschen, die Keramik herstellten, es gab Menschen, die erste Gegenstände, Schmuckstücke aus Kupfer schufen. Andere bearbeiteten Feuerstein.

Abb. 5: Einzelgräber und Mehrfachbestattungen auf dem Gräberfeld von Chwalynsk am Westufer der Wolga (8, S. 183)

Das Gräberfeld Chwalynsk I umfaßte 158 Gräber und ist bis heute (zumindest bis 2007) das größte bislang entdeckte und ergrabene Gräberfeld der Chwalynsk-Kultur geblieben. Andere Gräberfelder umfassen höchstens zehn Gräber. 

Interessanterweise wurden die Knochen von Männern zwischen dem 30. und 50. Lebensjahr oft nicht in ihrem natürlichen Zusammenhang beigesetzt. Sie scheinen also erst nach ihrer Verwesung beigesetzt worden zu sein, so daß der Zusammenhang der Knochen nicht in jedem Fall mehr gegeben war. Dies deutet auf einen sehr speziellen Umgang mit angesehenen Männern der Gemeinschaft nach ihrem Tod hin. 

Einen solchen sehr speziellen Umgang mit Toten findet man in dieser Region bei den indogermanischen Völkern auch noch zweitausend Jahre später, während der Bronzezeit (9). Bei 3 % der Bestattungen in Samara und weiter südlich - insgesamt bei etwa hundert Skeletten - fand man, daß der Kopf vom Körper abgetrennt worden war, und daß das Gesicht übermodelliert worden war. Offenbar waren die Trauernden bemüht, eine angesehene, verstorbene Persönlichkeit möglichst lange in ihrer Nähe und in lebendiger Erinnerung zu behalten. Die Bearbeiter stellen fest, daß das so gestaltete Gesicht (9, S. 51),

stets einen friedvollen Ausdruck trägt.

Aber zurück ins Mittelneolithikum, zweitausend Jahre früher: Dreizehn der 158 Gräber in Chwalynsk waren Kindergräber. Diese waren alle überdurchschnittlich reich ausgestattet. Dies wird als ein Hinweis darauf angesehen, daß sozialer Status und Wohlstand schon zu dieser Zeit vererbt worden ist. Auch dies ein Hinweis darauf, daß wir es mit einer vergleichsweise komplexen, arbeitsteiligen Gesellschaft zu tun haben, in der Besitz und Wohlstand angehäuft werden konnte (8):

In Chwalynsk finden sich viel mehr Tieropfer als in irgendeinem Gräberfeld der (zeitgleichen) Dnjepr-Donez-Kultur (im Westen): 52 Schafe, bzw. Ziegen, 23 Rinder und 11 Pferde wurden (im Laufe der Zeit anläßlich der Bestattung von) 158 Menschen geopfert.
Khvalynsk had many more animal sacrifices than any DDII cemetery: 52  (or 70) sheep/goat, 23 cattle, and 11 horses, to accompany the burials of 158  humans. 

Zu den Pferdeopfern ist zu erfahren (8):

Die Pferde wurden symbolisch wie domestizierte Tiere behandelt: sie wurden gruppiert mit Rindern und Schafen, bzw. Ziegen in Begräbnisritualen, für die offensichtlich kein gejagtes Wild benutzt wurde.
Horses certainly  were treated symbolically like domesticated animals at Khvalynsk: they  were grouped with cattle and sheep/goat in human funeral rituals that excluded obviously wild animals.

Ob das ein Hinweis darauf ist, daß wilde Pferde in Herden gehalten worden sind? Ob an diese Möglichkeit in der Forschung schon gedacht worden ist? Vielleicht gab es Übergangsformen zur Domestikation so wie bei den Rentieren? Weiter lesen wir (8):

Siedlungen der Chwalynsk-Kultur sind auch nördlich von Saramra bei Gundurvoka und Lebyazhinka I am Sok gefunden worden.
Khvalynsk settlements have been found at Gundurovka and Lebyazhinka I on the Sok River, north of the Samara.

Der Sok (russisch Сок) (Wiki) ist ein linker Zufluß der Wolga, 364 km lang und mündet von Nordosten her in Samara in die Wolga. Auf dem russischen Wikipedia-Artikel zum Sok steht dementsprechend auch schon sehr informiert über einen neueren Forschungsstand (Wiki):

Der mesolithische Jäger und Sammler Nr. I0124, der vor 7500 Jahren in der Wolga-Region am Sok (Lopatino I) lebte, war Träger der Y-chromosomalen Haplogruppe R1b1a und der mitochondrialen Haplogruppe U5a1d.

Lopatino am Sok liegt noch einmal 260 Kilometer nordöstlich von Chwalynsk. - Anthony schreibt weiter (8):

Die Menschen von Chwalynsk aßen sehr viel Fisch. (...) Wahrscheinlich bestand 70 % ihres Fleischkonsums aus Fisch. Reine Chwalynsk-Lagerplätze sind an der Unteren Wolga in der Ryn-Wüste gefunden worden. Bei diesen handelte es sich aber um Jäger-Lagerplätze, die spezialisiert waren auf die Jagd auf Onager und die Saiga-Antilope. Sie machten dort 80 bis 90 % der Tierknochen aus. Aber selbst hier, in Kara Khuduk I finden wir einige Schaf-/Ziegen und Rinder-Knochen (6  bis 9 %).
We do know from the bones of the Khvalynsk people themselves that they ate a lot of fish; with an average I5 N measurement of 14.8%, fish probably represented 70% of their meat diet. Pure Khvalynsk camps have been found on the lower Volga in the Ryn Peski desert, but these were specialized hunters' camps where onagers and saiga antelope were the quarry, comprising 80-90 percent of the animal bones. Even here, at Kara Khuduk I, we find a few sheep/goat and cattle bones  (6-9 %), perhaps provisions carried by Khvalynsk hunters. 

Und weiter ist zu erfahren (8, S. 62):

Im Gräberfeld von Chwalynsk, datiert auf 4.600 bis 4.200 v. Ztr. an der Mittleren Wolga wurden Schafe als Hauptopfertiere geschlachtet, die meisten von ihnen waren älter, als ob sie für die Nutzung von Wolle oder Milch gehalten worden waren.
At Khvalynsk, a cemetery dated about 4600-4200 BCE on the  middle Volga in Russia, sheep were the principal animal sacrificed in the  graves, and most of them were mature, as if being kept alive for wool or  milk.

Und außerdem (8):

Die erste Ausgrabung am Gräberfeld von Chwalynsk 1977 bis 1979 (Ausgrabung I) deckte 158 Gräber auf; die zweite Ausgrabung 1980 bis 1985 (Ausgrabung II) deckte, wie mir gesagt worden ist, 43 weitere Gräber auf.
The first excavation at the Khvalynsk cemetery, in 1977-79 (excavation  I), uncovered 158 graves; the second excavation in 1980-85 (excavation II)  recovered, I have been told, 43 additional graves.

Bevor durch die Chwalynsk-Kultur domestizierte Rinder und Schafe nach Süden ausgebreitet wurden, gab es - nach einer Studie aus dem Jahr 2015 keine domestizierten Tiere an der Unteren Wolga (10). Dieser Forschungsstand würde allerhand Fragen aufwerfen. Es will einem noch schwer fallen zu glauben, daß dies der endgültige Forschungsstand bleiben wird. 2019 hält Anthony dementsprechend dann allerdings fest (6, S. 11):

Entlang der Ufer der Unteren Wolga sind viele Jäger-Fischer-Lagerplätze ausgegraben worden, die auf 6.200 bis 4.500 v. Ztr. datiert wurden. Sie könnten die Quelle der Kaukasus-Jäger-Sammler-Herkunft in der Steppe sein. Um 6.200 v. Ztr., als diese Lagerplätze zuerst begründet wurden in Kair Shak III und Varfolomievka, jagten sie vornehmlich die Saiga-Antilope rund um Dzhangar im Süden der Unteren Wolga und fast ausschließlich Onager in den trockeneren Wüstensteppen bei Kair Shak im Norden der Unteren Wolga.
Along the banks of the lower Volga many excavated hunting-fishing camp sites are dated 6200-4500 BC. They could be the source of CHG ancestry in the steppes. At about 6200 BC, when these camps were first established at Kair Shak III and Varfolomievka (42 and 28 on Figure 2), they hunted primarily saiga antelope around Dzhangar, south of the lower Volga, and almost exclusively onagers in the drier desert-steppes at Kair Shak, north of the lower Volga. Farther north at the lower/middle Volga ecotone, at sites such as Varfolomievka and Oroshaemoe hunter-fishers who made pottery similar to that at Kair-Shak hunted onagers and saiga antelope in the desert-steppe, horses in the steppe, and aurochs in the riverine forests. Finally, in the Volga steppes north of Saratov and near Samara, hunter-fishers who made a different kind of pottery (Samara type) and hunted wild horses and red deer definitely were EHG.

Sollte die Kaukasus-Genetik zu den Indogermanen wirklich durch reine Jäger-Sammler-Völker gelangt sein? Aber warum entsteht die Chwalynsk-Kultur dann gleichzeitig mit der Haltung domestizierter Rinder, Schafe und Ziegen? Von wo stammten dann diese Tiere? Anthony schreibt weiter (6):

Vor 4.500 v. Ztr. erscheint Kaukasus-Jäger-Sammler-Genetik bei den Osteuropäischen Jäger-Fischern in den Waldsteppen der Mittleren Wolga zwischen Samara und Saratow zu gleichen Zeit, in der dort domestizierte Rinder, sowie Schafe und Ziegen auftreten.
But before 4500 BC, CHG ancestry appeared among the EHG hunter-fishers in the middle Volga steppes from Samara to Saratov, at the same time that domesticated cattle and sheep-goats appeared. The Reich lab now has whole-genome aDNA data from more than 30 individuals from three Eneolithic cemeteries in the Volga steppes between the cities of Saratov and Samara (Khlopkov Bugor, Khvalynsk, and Ekaterinovka), all dated around the middle of the fifth millennium BC. Many dates from human bone are older, even before 5000 BC, but they are affected by strong reservoir effects, derived from a diet rich in fish, making them appear too old (Shishlina et al 2009), so the dates I use here accord with published and unpublished dates from a few dated animal bones (not fish-eaters) in graves.

Bis 4.300 v. Ztr. hat sich die Chwalynsk-Kultur dann bis zum Nordkaukasus ausgebreitet (6):

Wang u.a. (2018) entdeckten, daß sich das Volk der Mittleren Wolga hinunter bis zu den nordkaukasischen Steppen ausbreitete, wo es Grabstätten wie Progress-2 und Vonyuchka gibt, datiert auf 4.300 v. Ztr., wo derselbe Chwalynsk-artige Vorfahrentyp erscheint, eine Mischung aus Kaukasus-Jäger-Sammlern und Osteuropäischen Jäger-Sammlern ohne anatolisch-neolithische Bauern-Herkunft, jedoch mit Y-chromosomalen Haplogruppen R1b. Diese drei Individuen in den nordkaukasischen Steppen hatten einen höheren Anteil von Kaukasus-Jäger-Sammler-Herkunft, diesselbe wie die (späteren) Jamnaja.
Wang et al. (2018) discovered that this middle Volga mating network extended down to the North Caucasian steppes, where at cemeteries such as Progress-2 and Vonyuchka, dated 4300 BC, the same Khvalynsk-type ancestry appeared, an admixture of CHG and EHG with no Anatolian Farmer ancestry, with steppe-derived Y-chromosome haplogroup R1b. These three individuals in the North Caucasus steppes had higher proportions of CHG, overlapping Yamnaya.

Ackermelde (Gänsefuß) - Europäische "Getreidesorte" schon im Neolithikum

Das Samara-Projekt von David Anthony erbrachte schon 2007 für die Spätbronzezeit (!!!) an der Mittleren Wolga (11, S. 394):

In den frühesten, das ganze Jahr über genutzten Siedlungen der Spätbronzezeit gab es keinerlei Hinweise auf Ackerbau - aber reiche Hinweise auf das Sammeln von wilden Pflanzen - nahrhafte Samen von Gänsefuß und Amarant, Pflanzen, die dicht beeinanderstehend wachsen, und die im Samenertrag pro Hektar so produktiv sind wie Einkorn-Weizen. (...) Wilde Pflanzen sind bislang größtenteils unbeachtet geblieben, wenn von den produktiven Kapazitäten und der etwaigen Unabhängigkeit von Steppen-Ökonomien die Rede war.
The earliest permanent year-round settlements in the LBA contained no evidence of agriculture but abundant evidence for the gathering of wild plants - the nutritious seeds of Chenopodium and Amaranthus, which can grow in dense stands as productive in seed yield per hectar as einkorn wheat. (...) Wild plant resources have been largely ignored in arguments about the productive capacity and potential autonomy of steppe subsistence economies.

Abb. 6: Jeder hat schon einmal die Ackermelde, den Weißen Gänsefuß gesehen. Sie/er ist der Erstbesiedler von Brachflächen in Mitteleuropa (Wiki) - Kaum jemand aber weiß, daß die Samen dieser Pflanze schon seit seit dem Mittleren Neolithikum in Europa gegessen werden.

Was für neue Perspektiven. Über den Gänsefuß (Chenopodium) ist zu erfahren (Wiki):

Wirtschaftliche Bedeutung als Pseudogetreide besitzen beispielsweise Quinoa (Chenopodium quinoa) oder Kañiwa (Chenopodium pallidicaule), sowie Huauzontle (Chenopodium nuttalliae) als Gemüse. Viele weitere Arten sind eßbar, ihre Samen dienten in Notzeiten als Mehlzusatz und ihre Blätter als spinatartiges Gemüse.

Außerdem (Wiki):

Zu dem Genus Chenopodium gehören mehrere Pflanzen, die als Nutzpflanzen genutzt werden wie der eng verwandte Spinat .... Dazu gehört der Weiße Gänsefuß, Kañiwa und Quinoa. .... (...) Weißer Gänsefuß wurde in der Ertebolle-Kultur in Europa genutzt. Angehörige der östlichen Jamnaja-Kultur ernteten um 3.500 bis 2.500 v. Ztr. Weißen Gänsefuß als offensichtlichen Ersatz für Getreide und um ihre ansonsten vornehmlich aus Fleisch und Milch bestehende Ernährung abzurunden.
The genus Chenopodium contains several plants of minor to moderate importance as food crops as leaf vegetables – used like the closely related spinach (Spinacia oleracea) and similar plants called quelite in Mexico – and pseudocereals. These include white goosefoot (C. album), kañiwa (C. pallidicaule) and quinoa (C. quinoa). On the Greek island of Crete, tender shoots and leaves of a species called krouvida (κρουβίδα) or psarovlito (ψαρόβλητο) are eaten by the locals, boiled or steamed. As studied by Bruce D. Smith, Kristen Gremillion and others, goosefoots have a history of culinary use dating back to 4000 BC or earlier, when pitseed goosefoot (C. berlandieri) was a staple crop in the Native American eastern agricultural complex, and white goosefoot was apparently used by the Ertebølle culture of Europe. Members of the eastern Yamnaya culture also harvested white goosefoot as an apparent cereal substitute to round out an otherwise mostly meat and dairy diet c. 3500–2500 BCE. There is increased interest in particular in goosefoot seeds today, which are suitable as part of a gluten-free diet. Quinoa oil, extracted from the seeds of C. quinoa, has similar properties, but is superior in quality, to corn oil. Oil of chenopodium is extracted from the seeds of epazote, which is not in this genus anymore. Shagreen leather was produced in the past using the small, hard goosefoot seeds. C. album was one of the main model organisms for the molecular biological study of chlorophyllase. Goosefoot pollen, in particular of the widespread and usually abundant C. album, is an allergen to many people and a common cause of hay fever. (... )Many goosefoot species are thus significant weeds, and some have become invasive species.

Der Weiße Gänsefuß wird auch Ackermelde genannt. Er kommt vor (Wiki) ...

... vor allem als Erstbesiedler auf Schuttplätzen, an Wegen, in Äckern und Gärten, auch an Ufern und in Schlägen. Er gedeiht auf allen ausreichend nährstoffreichen Böden. Seit der jüngeren Steinzeit ist er ein Kulturbegleiter. (...) Im Westhimalaja und in Indien wird der Weiße Gänsefuß kultiviert und dort werden seine Blätter und Sprosse wie Spinat als Kochgemüse genutzt. Der Genuß großer Mengen ist jedoch wegen der leicht abführenden Wirkung schädlich. Größere Mengen der Samen wurden in Pfahlbauten gefunden und legen die Möglichkeit eines prähistorischen Ackerbaus nahe. Die Samen werden in Indien sogar dem Buchweizen vorgezogen. Sie ergeben gekocht eine Grütze. Auch werden sie zu Mehl verarbeitet, das meist als Beimischung zu so genannten „Hungerbroten“ verwendet wird; z. B. während der Hungersnot in Rußland 1891/1892. Als Brot sind sie aber nicht so gut verdaubar wie in gekochtem Zustand. Die Samen können auch zu Sprossen gekeimt werden und Salaten zugegeben werden. Es wird empfohlen, die Samen über Nacht einzuweichen und vor der Zubereitung gut abzuspülen, um die Saponine zu entfernen. Junge Blütenstände ergeben gekocht ein Brokkoli-artiges Gemüse.

Ergänzung 3.10.21: In einem Kommentar zu einem Vortrag des Archäobotanikers Prof. Ferran Antolín über Pflanzenreste in neolithischen Siedlungen in Nordostspanien (Katalonien) und Südfrankreich war von uns gefragt worden (12):

"Sind eigentlich auch Getreidesorten wie Ackermelde (Gänsefuß) oder Amarant gesucht/gefunden worden?" 

Seine Antwort (12): 

"Danke für die interessante Frage. Chenopodium album (Gänsefuß) ist in großen Mengen bei einigen unserer Fundstellen gefunden, und nicht nur in unverkohltem Zustand, sondern auch verkohlt. Das wäre ein Hinweis auf die Nutzung vom Gänsefuß. Ob es kultiviert wurde oder nicht können wir noch nicht beweisen und es ist auf jeden Fall umstritten, ob man es genutzt hat oder nicht."

Der Gänsefuß (=Ackermelde) ist allerdings, so sei hier noch festhalten, eine C3-Pflanze (Wiki). Ab der Mittelbronzezeit wird in Italien der Konsum von C4-Pflanzen festgestellt (13). Dabei könnte es sich um den Amarant gehandelt haben (da Hirse, eine andere C4-Pflanze ja scheinbar erst später nach Europa kam).

Amarant (=Fuchsschwanz)

Die Pflanze Amarant nun wird auch Fuchsschwanz genannt (Wiki):

Genutzt werden vor allem die feinkörnigen, an Hirse erinnernden Samen des Garten-Fuchsschwanzes (Amaranthus caudatus), in der Andenregion bis heute unter dem Namen Kiwicha bekannt. Die Azteken nannten ihn huautli. (...) Amaranthus-Arten sind in den wärmeren Zonen der Erde verbreitet, meist in trockenen Steppengebieten, in Ödland und Kulturland. (...) Amarant zählt zu den ältesten Nutzpflanzen der Menschheit. Er wurde bereits von der Coxcatlán-Kultur in Tehuacán (Mexiko) kultiviert, und in fast 9000 Jahre alten Gräbern wurden Samen nachgewiesen. Bei den Azteken, Inka und Maya waren die getreideähnlichen Amarant-Körner neben Quinoa und Mais ein Hauptnahrungsmittel. Wegen der auch religiösen Bedeutung des Amarants, unter anderem im Rahmen einer kommunionsähnlichen Zeremonie im Zusammenhang mit einem Fest zu Ehren des Aztekengottes Huitzilopochtli (bei der auch Menschenblut zur Anwendung kam), wurde der Amarant-Anbau im 16. Jahrhundert von den Spaniern unter Androhung der Todesstrafe verboten. Nach Aufhebung des Verbots blieb der Nutzen der Pflanze für Jahrhunderte fast völlig vergessen.

Und (Wiki):

Dieser Genus ist weltweit verbreitet. In vorkolonialen Zeiten wurde der Amarant von den Azteken kultiviert. (...) Man nimmt an, daß er bis zur spanischen Eroberung bis zu 80 % ihrer Energiezufuhr deckte. .... Rituelle Wettrennen, Prozessionen, Tänze, Lieder, Gebete und abschließend Menschenopfer.
The native range of the genus is cosmopolitan. In pre-Hispanic times, amaranth was cultivated by the Aztec and their tributary communities in a quantity very similar to maize. Known to the Aztecs as huāuhtli, amaranth is thought to have represented up to 80% of their energy consumption before the Spanish conquest. Another important use of amaranth throughout Mesoamerica was in ritual drinks and foods. To this day, amaranth grains are toasted much like popcorn and mixed with honey, molasses, or chocolate to make a treat called alegría, meaning "joy" in Spanish. Diego Durán described the festivities for the Aztec god Huitzilopochtli. The Aztec month of Panquetzaliztli (7 December to 26 December) was dedicated to Huitzilopochtli. People decorated their homes and trees with paper flags; ritual races, processions, dances, songs, prayers, and finally human sacrifices were held. This was one of the more important Aztec festivals, and the people prepared for the whole month. They fasted or ate very little; a statue of the god was made out of amaranth seeds and honey, and at the end of the month, it was cut into small pieces so everybody could eat a piece of the god. After the Spanish conquest, cultivation of amaranth was outlawed, while some of the festivities were subsumed into the Christmas celebration. While all species are believed to be native to the New World, several have been cultivated and introduced to warm regions worldwide. Amaranth's cosmopolitan distribution makes it one of many plants providing evidence of Pre-Columbian oceanic contact. [32][33] The earliest archeological evidence for amaranth in the Old World was found in an excavation in Narhan, India, dated to 1000-800 BCE[34][dubious – discuss]  Because of its importance as a symbol of indigenous culture, its palatability, ease of cooking, and a protein that is particularly well-suited to human nutritional needs, interest in amaranth seeds (especially A. cruentus and A. hypochondriacus) revived in the 1970s. It was recovered in Mexico from wild varieties[citation needed] and is now commercially cultivated. It is a popular snack in Mexico, sometimes mixed with chocolate or puffed rice, and its use has spread to Europe and parts of North America.

Über den "Aufsteigenden Fuchsschwanz" (Amarantus blitum) ist zu erfahren (Wiki):

Der Aufsteigende Fuchsschwanz ist eine alte Kulturpflanze, die schon in den Pfahlbauten nachgewiesen wurde und somit ein Kulturrelikt und ein Archäophyt darstellt. Die im Mittelmeerraum beheimatete Pflanze ist heute weltweit verschleppt. Von Theophrast wird ein angebautes Gemüse „bliton“ oder „blitum“ genannt. Im „Capitulare de villis“ Karls des Großen heißt die Pflanze „blidas“. Wegen aufwendiger Ernte und geringer Qualität wurde sie im deutschsprachigen Raum schon im 16. Jahrhundert vom Spinat verdrängt. (...) Amarant ist glutenfrei. Dies macht es zu einem vollwertigen und verträglichen Getreideersatz bei Gluten-Unverträglichkeit (Zöliakie). Zudem ist der hohe Eisengehalt wertvoll bei Eisenmangelanämie und während der Schwangerschaft. (...) Weitere zum Teil auch nur regional gebräuchliche Bezeichnungen für den Aufsteigenden Fuchsschwanz sind oder waren: Blutkraut (Schlesien), Blutmayer (Schlesien), Erdbeerspinat (Bern), Flöhkraut (Berner Oberland), Maier, Rautrich (Sommerfeld), Rotbuckeln (Zürich), Stur (Ostpreußen) und Tausendschön.

Und (Wiki):

The Greeks call the Amaranthus blitum var. silvestre, vlita (Modern Greek: βλίτα), and eat the leaves and the tender shoots cooked in steam or boiled and then served with olive oil, lemon and salt. Similarly, it is also picked as young shoots in Lebanon and cooked in olive oil, onion, chilli, and burghul, seasoned with salt and drizzled with lemon juice before eating with pita bread. It is considered a side dish and particularly popular in the north of Lebanon.

Mit diesem Ausflug in neolithische Getreide-Arten, auf die man bislang noch wenig aufmerksam geworden war, soll dieser Blogartikel beschlossen werden, in dem vielfältige weitere Puzzle-Teile zur Frühgeschichte der Indogermanen zusammen getragen worden sind.

_____________

  1. Radivojević, M., Roberts, B.W. Early Balkan Metallurgy: Origins, Evolution and Society, 6200–3700 BC. J World Prehist 34, 195–278 (2021). Veröffentlichtlich 15.7.2021, https://doi.org/10.1007/s10963-021-09155-7
  2. Bading, Ingo: Die Indogermanen des 5. Jahrtausends v. Ztr. - Was wissen wir über sie? Mai 2021, https://studgendeutsch.blogspot.com/2021/05/die-indogermanen-des-5-jahrtausends-v.html
  3. Miloš Spasić, « A Group Find of Neolithic Figurines of the Vinča Culture from Stubline, Serbia », Les Carnets de l’ACoSt [Online], 12 | 2014, Online since 30 July 2015, connection on 25 July 2021. URL : http://journals.openedition.org/acost/217 ; DOI : https://doi.org/10.4000/acost.217
  4. https://www.ilustrovana.com/vincanske-figurine-iz-stublina/
  5. https://www.vreme.com/cms/view.php?id=911228
  6. Anthony, David: Archaeology, Genetics, and Language in the Steppes: A Comment on Bomhard. In: Journal of Indo-European Studies, 2019 (Academia
  7. Harper, T. K., Diachenko, A., Rassamakin, Y. Y., & Kennett, D. J. (2019). Ecological dimensions of population dynamics and subsistence in Neo-Eneolithic Eastern Europe. Journal of Anthropological Archaeology, 53, 92-101. https://doi.org/10.1016/j.jaa.2018.11.006 
  8. Anthony, David: The Horse, the Wheel and Language, 2007, https://archive.org/stream/horsewheelandlanguage/horsewheelandlanguage_djvu.txt 
  9. Kruc, S., Kubyšev, A. I., Otrošcenko, V. V., & Pustovalov, S. Z. Das menschliche Gesicht der Bronzezeit. In: Gold der Steppe. Archäologie der Ukraine (Neumünster 1991), 51-53.
  10. Alexander Vybornov, Pavel Kosintsev, M. Kulkova: The origin of farming in the Lower Volga Region. Documenta Praehistorica 42:67, December 2015 (Academia)
  11. Anthony, David; Brown, Dorcas: The Herding-and-Gathering Economy at Krasnosamarskoe, Russia, and the end of the dependency model of steppe pastoralism. In: Social Orders and Social Landscapes, 2007, hrsg. von Charles W. Hartley, Laura M. Popova, Adam T. Smith, S. 393ff (GB)
  12. Ferran Antolin: Ackerbau, Risiken und Resilienzstrategien im Neolithikum im nordwestlichen Mittelmeergebiet, 307.2021, https://youtu.be/9beUJIN32nc.
  13. Isotopic evidence for population dynamics in the Central Italian Copper Age and Bronze Age.  Marco Romboni, Ilenia Arienzo, Mauro Antonio Di Vito, Carmine Lubritto, Monica Piochi, Maria Rosa Di Cicco, Olga Rickards, Mario Federico Rolfo, Jan Sevink, Flavio De Angelis and Luca Alessandri. bioRxiv. posted 1 October 2021, 10.1101/2021.09.30.462554, http://biorxiv.org/content/early/2021/10/01/2021.09.30.462554
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