Posts mit dem Label Sozial- und Wirtschaftsgeschichte werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Sozial- und Wirtschaftsgeschichte werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Samstag, 20. Februar 2010

Von Ratten, Göttern, Menschen und Wirtschaftssystemen

Ein weiter Weg - der geschichtliche Weg der Ratte 

Andere Völker - andere Kulturen: In Indien werden Ratten religiös verehrt, es gibt ganze, zehntausende von Menschen umfassende Stämme, die traditionell vom "Rattenfang" leben. In Europa hingegen werden Ratten im allgemeinen verabscheut. Doch auch wir können viel von ihnen über unsere Geschichte erfahren.

Nachdem die "freundlichere" Hausmaus als archäologischer Indikator wirtschaftlicher Intensität und gesellschaftlicher Komplexität auf diesem Blog schon mehrmals Thema war (1, 2), sind wir vielleicht gut darauf vorbereitet, uns mit einem noch "abwegigeren" Gegenstand zu befassen: Das Erscheinen einer neuen Studie zur Herkunft der Hausratte auf Madagaskar (3) sei Anlaß für einen kleinen Überblick zur Geschichte der Ratte als Tier religiöser Verehrung, als Nutz- und Haustier, als Kulturfolger und - - - als Schädling des Menschen.

1. Die Hausmaus - gebunden an die Städte (Bronze- und Wikingerzeit)

Zu Beginn sei noch einmal kurz die Hausmaus rekapituliert: Die Hausmaus hat sich in Europa mit den ersten, noch vergleichsweise kleinen Handelsstädten, Volksburgen und Fürstensitzen, sowie mit den zu ihnen gehörenden Fernhandelskontakten ("Argonauten-Fahrten") über Wasser und Land ausgebreitet. Nach Mitteleuropa und nach Südengland breitete sie sich - nach derzeitigem Kenntnisstand - in der frühen Bronzezeit aus. Nach Skandinavien, Schottland und Irland breitete sie sich hingegen erst mit den Wikingern aus. (1, 2, 4)

Aus diesen Gründen eignet sich die Hausmaus wahrscheinlich als gar nicht zu überschätzende Erkenntnisquelle der Archäologie zur Bronzezeit. Denn soweit die Literatur übersehbar ist (siehe etwa: 4), gibt es keine Fund- oder Befundgruppe, die über den Charakter der bronzezeitlichen Wirtschaftssysteme Mitteleuropas objektivere (!) Auskunft geben könnte, als die An- oder Abwesenheit der Hausmaus in einer bestimmten Region zu einer bestimmten Zeit. Deshalb kann nur dringend zur Erforschung der Ausbreitungsgeschichte der Hausmaus in der mitteleuropäischen Bronzezeit geraten werden, die bislang noch nicht sehr bewußt in den Mittelpunkt der Forschung gestellt worden ist. (Offenbar auch noch nicht von großen DFG-Projekten zur mitteleuropäischen Bronzezeit.)  

2. Die Pazifische Ratte - sie breitete sich mit den Polynesiern aus (ab 2.000 v. Ztr.) 

Es könnte sehr spezifische kulturelle Gründe haben, daß die Ausbreitungsgeschichte der Pazifischen Ratte (Rattus exulans) (engl. "Polynesian Rat") (a, b, c, d, e) in ihren Gesetzmäßigkeiten offenbar nur schwer parallel gesetzt werden kann zu der Ausbreitungsgeschichte der anderen beiden großen Rattenarten.

Abb: Ein Kunstwerk aus einem Maori-Versammlungshaus in Neuseeland zeigt die Bedeutung der Ratten für die polynesischen Kulturen auf: die Ratten tanzen auf dem Kopf einer mythologischen Figur (5)

Das Ausbreitungs-Gebiet der Pazifischen Ratte ist an die Lapida-Kultur, also an die polynesische, bäuerliche Kultur von Seefahrern mit Auslegerbooten gebunden. Diese Kultur hat sich ab etwa 2.000 v. Ztr. von Osttaiwan aus über die gesamte Inselwelt im Südpazifik ausgebreitet. Es war das ein Prozeß über viele Jahrhunderte hinweg. Im Südpazifik wie in anderen Teilen Asiens hat die Ratte noch heute einen ganz anderen Stellenwert als sie es jemals in Europa hatte (a):

Wahrscheinlich wurde die pazifische Ratte von den frühen Siedlern als Fleischlieferant genutzt. Heute ist sie in ganz Südostasien und Polynesien verbreitet, wird dort oft als Haustier oder zumindest als Nahrungslieferant gehalten und wird als sehr wohlschmeckend geschildert.

In Europa hingegen werden Ratten und Mäuse noch am ehesten in Hungerzeiten als bedeutenderer Fleischlieferant genutzt worden sein. Diese ganz andere Nutzungsart in Asien wird vor allem der Grund dafür sein, daß sich die Pazifische Ratte, wie die Forschung sagt (5, 6), jeweils sofort mit den ersten Siedlern ausgebreitet hat, jeweils immer zusammen mit Haushund und Hausschwein. Da dies aber einen sehr auffälligen Unterschied darstellt zur Ausbreitungsgeschichte der anderen beiden großen Rattenarten (siehe unten), weil sie dann gar nicht an das Vorhandensein stadtähnlicher Siedlungen oder von so intensiven Fernhandelskontakten gebunden gewesen wäre, wie in Europa, wird man die --> aktuelle Forschungsliteratur zu dieser Frage noch einmal sehr genau prüfen müssen. - Ob der Forschung dieser grundlegende Unterschied überhaupt bewußt ist, wird auf den ersten Blick ebenfalls nicht erschichtlich. (Siehe übrigens auch: 7.)

In Asien jedenfalls scheinen Ratten von Anfang an immer auch als nützliche Tiere angesehen und "gehalten" worden zu sein. In Europa hingegen wurden sie bestenfalls als Schädlinge "geduldet", weil man sie nicht ausrotten konnte.

Diese Umstände wären sicherlich auch in die Überlegungen von Jared Diamond's "Arm und Reich" mit einzubeziehen: Warum leben manche Kulturen gerne von Ratten, andere höchstens in Notzeiten? Es wäre dieser Unterschied ein weiterer Hinweis darauf, daß die bloße Verfügbarkeit einer grundsätzlich domestierbaren Tier- oder Pflanzenart noch nicht die einzige Ursache dafür sein muß, daß diesebe dann auch wirklich domestiziert wird oder als gern gesehener Begleiter des Menschen angesehen wird. Da spielen sicherlich auch unterschiedliche kulturelle Einstellungen und Mentalitäten eine Rolle. 

3. Die Hausratte in Indien  

Indien ist das Heimatland der Hausratte (Rattus rattus) (engl. "Black rat"). Hier wird die Hausratte sogar als ein den Göttern nahestehendes Tier verehrt und gefüttert (8; daraus auch die diversen Abbildungen dieses Beitrages zu indischen Gottheiten und Priestern mit Bezügen zu Ratten). In Indien scheint es außerdem sogar ganze Stämme zu geben, die traditionellerweise vom Rattenfang leben. Diese bis zu 3 Millionen Menschen zählenden Stämme leben an der untersten Armutsgrenze und gehören zu den "Unberührbaren". (9)

In Indien wie in anderen Teilen Asiens werden die Ratten auf den Feldern gejagt, etwa vergleichsweise zur Jagd auf Feldhasen in Europa.

4. Die Hausratte - gebunden an die großen Handelsrouten der Römer, Araber und Briten (in Antike, Mittelalter und Neuzeit) 

In Europa hat sich die Hausratte - offenbar - erst mit einigen der frühesten Großstädte der Menschheitsgeschichte ausgebreitet. Das sind sicherlich andere Umstände als in Südasien. Und auch andere Umstände als bezüglich der Hausmaus. Auf Wikipedia finden sich zur Ausbreitungsgeschichte der Hausratte folgende Hinweise (a):

Als ihre ursprüngliche Heimat gilt Südindien, von hier gelangte sie durch den bronzezeitlichen Handel nach Persien und dem Zweistromland. Aus Tell Isan Bahriyat (Iran) liegen Nachweise von Rattus rattus aus der Zeit um 1500 v. Chr. vor. Aus dem Zweistromland gelangte sie nach Ägypten und ins östliche Mittelmeer. Frühe Berichte über mittelbar durch Ratten ausgelöste Pestepidemien, beispielsweise die durch Thukydides beschriebene Pest in Athen, werden als indirekter Beweis für die Anwesenheit von Hausratten genutzt, aber nicht immer sind die Beschreibungen der Symptome eindeutig. Die Verbreitung auf dem afrikanischen und dem europäischen Kontinent erfolgte wahrscheinlich in einer zweiten Ausbreitungswelle mit dem Gewürzhandel über Schiffe der römischen Kaiserzeit. Der älteste Nachweis der Hausratte in Deutschland stammt aus Ladenburg bei Mannheim, aus dem 2. Jahrhundert. Nach Großbritannien gelangte die Hausratte vielleicht schon mit den Römern, hier wird eine Pest-Epidemie in Londinium (London) im 2. Jahrhundert n. Chr. als Beleg angeführt. Die ältesten Knochenfunde stammen jedoch erst aus einem Brunnen des 4. oder 5. Jahrhunderts aus Skeldergate, York. Manche Forscher nehmen an, dass die Ratte im Frühmittelalter wieder ausstarb (schlechtere Lebensbedingungen durch das Ende städtischer Siedlungen und der Klimaverschlechterung im 7. Jahrhundert) und erst mit heimkehrenden Kreuzrittern wieder eingeführt wurde. Bei Grabungen nahe der Stadt Haithabu wurde das Vorkommen der Hausratte um 1050 bestätigt, von wo sie sich weiter mit den Schiffen der Wikinger und später der Hanse verbreiten konnte.

Nach Mitteleuropa hat sich also die Hausratte - im Gegensatz zur Hausmaus - nicht schon in der Bronzezeit oder in der Keltenzeit ausgebreitet, sondern erst mit dem Römischen Weltreich. Und auch innerhalb desselben nur entlang der großen Handelsrouten (3):

The colonization history of the black rat, R. rattus, towards western Europe and Africa is hypothesized to be strongly connected to human migration and trade routes. This species was first found in North Africa (Egypt, Libya) in 2000 BC. (...) Rattus rattus arrived into southern Europe by the second to fourth centuries BC but would have remained confined to main commercial roads until a period of rapid urban growth; consequently, the rat population expanded around the 11th to 13th centuries AD.

Ergänzung 15.4.2021: Interessanterweise hat die Völkerwanderung zu einem starken Rückgang der Ratte in Mitteleuropa geführt. Es scheint dann zu einer Wiederbesiedlung in Mitteleuropa mit neuen Rattenpopulationen gekommen zu sein (10):

Hausratten treten erneut während des 9. und 10. Jahrhunderts in nordeuropäischen Handelssiedlungen auf, auch außerhalb ihres vormaligen römischen Ausbreitungsgebietes, und zwar einschließlich von Hedeby im nördlichen Deutschland und Birka in Schweden, ebenso wie in früheren römischen Städten und herausgehobenen frühmittelalterlichen Siedlungen wie York und Flixborough in England und Sulzbach in Bayern. 
Black rats reappear at northern European trading settlements during the 9th and 10th centuries CE, including sites well beyond their Roman range, including Hedeby in northern Germany and Birka in Sweden, as well as former Roman towns and high-status early medieval settlements such as York and Flixborough in England and Sulzbach in Bavaria.

Der Hinweis auf die Wikinger-Siedlung Haithabu ist interessant, ebenso sowie auf die (merowingerzeitliche) Burg Sulzbach in der Oberpfalz (Wiki) (besiedelt ab dem 8. Jahrhundert) (11). Im späten 14. Jahrhundert erreicht die Ratte dann sogar Finnland (10).

Solche Vorgänge wären dementsprechend natürlich auch denkbar für Hausmaus-Populationen während Bevölkerungsumbrüchen, etwa während der spätneolithischen Ausbreitung der Indogermanen (Glockenbecher und Schnurkeramik).

5. Die Hausratte auf Madagaskar kam aus Oman (um 850 n. Ztr.)  

Nach Madagaskar gelangte die Hausratte nach der neuen Studie der französischen Studentin Charlotte Tollenaere wahrscheinlich von Oman von der arabischen Halbinsel aus durch arabische oder indische Handelsschiffe und -gründungen. (3) Obwohl es eine erste spärliche menschliche Besiedlung im Südwesten Madagaskars schon um 300 v. Ztr. gegeben hat (durch wen eigentlich? - die Phönizier?), begann die eigentliche Besiedlung Madagaskars an seiner Ostküste um etwa 850 n. Ztr.. An der Ostküste finden sich heute auch die genetisch ältesten Hausratten-Linien auf Madagaskar. (3) Andere, kleinere Inseln wurden hingegen viel später von Großbritannien aus mit der Hausratte "infiziert".

In Amerika hat sich die Hausratte auffälligerweise nur an wenigen Stellen ausgebreitet (schmale Verbreitungsgebiete an der West- und Ostküste Nordamerikas). An ihrer Stelle hat sich ab 1755 die Wanderratte in Nordamerika ausgebreitet. Die Wanderratte verdrängt auch sonst auf der Erde die Hausratte.  

6. Die Wanderratte wittert die Industrielle Revolution und folgt ihr 

Die Wanderratte (engl. "Brown rat") hat noch heute den wissenschaftlichen Namen "Rattus norvegicus". Dieser beruht auf einem Irrtum. Die ersten wissenschaftlichen Bearbeiter in Großbritannien hatten angenommen, daß diese Rattenart um 1732 aus Norwegen in Großbritannien eingeführt worden wäre. Aber zum Zeitpunkt der Benennung dieser Rattenart gab es die Wanderratte in Norwegen noch gar nicht. Sie stammt nämlich aus China, wo es zur Zeit von Marco Polo (1254 - 1324) die damals größten Städte weltweit gab. Über die Verbreitungsgeschichte der Wanderratte berichtet Wikipedia (a):

Die Wanderratte stammt ursprünglich aus Zentralasien und Nordchina. Sie hat sich wie die Hausratte als Kulturfolger des Menschen in alle Welt ausgebreitet. (...) Die weltweite Verbreitung der Wanderratte begann erst im 18. Jahrhundert, sie führte zur Verdrängung der Hausratte. 1727 setzte die Wanderratte bei Astrachan über die Wolga, und 1732 wurde sie aus Indien nach England eingeschleppt. 1750 erschien sie in Ostpreußen, 1753 in Paris. Um 1780 war sie in Deutschland überall häufig, in der Schweiz aber erschien sie erst 1809. Nach Nordamerika gelangte sie 1755. Bedingt durch die veränderte Lebensweise der Menschen, den Bau moderner Häuser und die Kanalisation konnte sich die Wanderratte stark vermehren. In weniger modernen Siedlungen von Menschen ist ihr Verbreitungsgebiet dagegen beschränkt. So ist sie auch heute in Afrika nur in Groß- und Hafenstädten anzutreffen. Sie schwimmt, taucht und klettert sehr gut. Gerade in modernen Großstädten findet sie ideale Bedingungen vor. Man schätzt, dass z. B. in New York 16 Millionen Wanderratten leben, also zwei pro Einwohner.

Die Wanderratte ist offenbar an die moderne Industriegesellschaft und an ihre "Massenstädte" (noch) besser angepaßt als die Hausratte. Denn die Wanderratte hat sich auch über ganz Amerika ausgebreitet, während die Hausratte an schmale Küstenstreifen gebunden blieb.

ResearchBlogging.orgVielleicht wäre es noch sehr spannend, der Frage nachzugehen, ob sich die Ratten als Kulturfolger über die Erde ausgebreitet hätten, wenn es nicht in Asien diese große Nähe und Aufeinander-Bezogenheit zwischen Ratten und Menschen gäbe. Auch könnte man sich fragen, ob die Menschen in Europa für Krankheiten, die durch Ratten übertragen werden, genetisch leichter oder anders anfällig sind, als in Asien, und daß möglicherweise dadurch die große Abscheu gegenüber den Ratten in Europa entstand. Der Dichter Heinrich Heine jedenfalls sah in den Wanderratten nichts Heiliges mehr, sondern ein Abbild des zu seiner Zeit modern werdenden --> Proletariers. - Ein weiter Weg: der geschichtliche Weg der Ratte.

Literatur: 

  1. Bading, Ingo: Die Hausmaus als Erkenntnisquelle der Historiker. Studium generale, 5.10.2008 
  2. Bading, Ingo: Die Hausmaus in der Weltgeschichte. Studium generale, 31.8.2008  
  3. Tollenaere, C., Brouat, C., Duplantier, J., Rahalison, L., Rahelinirina, S., Pascal, M., Moné, H., Mouahid, G., Leirs, H., & Cosson, J. (2010). Phylogeography of the introduced species in the western Indian Ocean, with special emphasis on the colonization history of Madagascar Journal of Biogeography, 37 (3), 398-410 DOI: 10.1111/j.1365-2699.2009.02228.x  
  4. Bading, Ingo: Zur Religions- und Stadtgeschichte des bronzezeitlichen Mitteleuropa. Studium generale, 5.1.2010 
  5. Matisoo-Smith, E.; Robins, J. H.: Origins and dispersals of Pacific peoples: Evidence from mtDNA phylogenies of the Pacific rat. PNAS June 15, 2004 vol. 101 no. 24 9167-9172. frei --> html 
  6. Roberts, Mere: Origin, Dispersal Routes, and Geographic Distribution of Rattus exulans, with Special Reference to New Zealand. Pacific Science (1991), vol. 45, no. 2: 123-130 (freies pdf.
  7. Bading, Ingo: Jade-Handel in Südostasien 2.500 Jahre lang von Osttaiwan aus. Studium generale, 21.12.2007 
  8. Jordan, Claire M.: Deshnok - The Indian temple where ship rats are revered. [20.2.10] 
  9. Trivedi, Prithi: Reduce Poverty for Indigenous Rat Catchers. Globalgiving.org, August 2007 [20.2.10]
  10. Palaeogenomic analysis of black rat (Rattus rattus) reveals multiple European introductions associated with human economic history He Yu, Alexandra Jamieson, Ardern Hulme-Beaman, Chris J. Conroy, (...), Jean-Denis Vigne, Thomas Walker, Stephanie Wynne-Jones, Jørn Zeiler, Keith Dobney, Nicole Boivin, Jeremy Searle, Ben Krause-Kyora, Johannes Krause, Greger Larson, David Clive Orton bioRxiv 2021.04.14.439553; doi: https://doi.org/10.1101/2021.04.14.439553 This article is a preprint and has not been certified by peer review  
  11. Pasda,   K.   Tierknochen als Spiegel sozialer Verhältnisse im 8.-15. Jh. in Bayern. 931 (Praehistoricaverlag, 2004) (Academia)

Montag, 19. Januar 2009

Von der "Villa rustica" zum germanischen Dorf

Zur Entstehung der nachantiken, mitteleuropäischen Agrarstrukturen

Auf vielen zentralen Gebieten der europäischen Geschichte, auch dem der Sozial- und Wirtschaftsgeschichte, wurden im Frühmittelalter jene Grundlagen gelegt, die noch bis in unsere Zeit hinein nachwirken. Im Frühmittelalter entstand mit der Landnahme der germanischen Stämme in Süddeutschland und im heutigen Frankreich, sowie in England jenes ländliche Siedlungsmuster, das sich in den Grundzügen bis heute erhalten hat. Ein großer Teil der deutschen, der fränkischen, alemannischen und bayerischen Dörfer und Dorfnamen geht auf Gründungen im Frühmittelalter zurück. Diese Dörfer sind in der Landnahmezeit zunächst als kleine Weiler, als kleine Häusergruppen (um einen Adelshof herum) entstanden und wuchsen in späterer Zeit, besonders im Hoch- und Spätmittelalter, durch Landteilungen und Rodungen zu der Größe der heutigen Dörfer an mit ihren Vollbauernhöfen, Halbbauern und Kätnerhäusern.*)

Abb. 1: Von der Villa Rustica ... - hier ein Nachbau bei Mehring in Rheinland-Pfalz aus dem 2. Jahrhundert n. Ztr. (Wiki)

In römischer Zeit hat es in Süddeutschland, in Frankreich und in Britannien ein ganz anderes Agrarsystem gegeben, als dann mit der germanischen Landnahme etabliert worden ist. Es ist sehr erstaunlich zu erleben und zu erforschen, wie die germanischen Landnahme-Stämme mit diesem von ihnen vorgefundenen Siedlungsmuster und Agrarsystem umgegangen sind. Dazu ist ein neuer Überblicks-Artikel erschienen (1) (Early Medieval Europe, frei herunterladbar).

Die römische "Villa rustica" ...

Das römische Agrarsystem war in der Spätantike über das ganze Römische Reich hinweg jeweils zentriert um die sogenannte "Villa rustica", die die umfangreichen städtischen Bevölkerungen im Römischen Reich versorgten, und auf denen auch nicht unerhebliche Steuerlasten ruhten. (Wiki) Diese ländlichen Villen, bzw. Landgüter waren oft sehr luxeriös ausgestattet. Mit den bekannten Mosaikfußböden und Wandmalereien. Sie wurden von der römischen Oberschicht bewohnt, die auf ihren Villen Sklaven und Freigelassene wirtschaften ließen.

Die Villen waren zum Teil auch nach ästhetischen Aspekten, das heißt in landschaftlich schöner Lage angelegt worden. So die heute so genannte Villa Hasselburg im Odenwald (Wiki). Sie wurden von Menschen angelegt, die Sinn für landschaftliche Schönheiten hatten. Es geht dies auch aus vielen anderen Zeugnissen hervor. So aus überkommenen spätantiken, lateinischen Dichtungen, die - etwa - zum Preis der landschaftlichen Schönheiten des Moseltales verfaßt worden sind.

... und ihre Nachnutzung durch die germanischen "Barbaren"

Nach dem derzeitigen Stand der archäologischen Forschungen muß man sich die Germanen als von ganz anderem kulturellen "Kaliber" beschaffen vorstellen. Keineswegs brachten sie etwa ein zivilisatorisch "verfeinertes" Kulturbewußtsein mit sich. Sie waren wirtschaftlich auch mehr auf den lokalen Markt hin orientiert, nicht auf reichsweite Absatzmärkte, wie die römische Villenwirtschaft. Die Forscherin Tamara Lewit schreibt in ihrem Artikel über die germanische Nachnutzung der römischen Villen (1, S. 83):

Wohnbereiche wurden für landwirtschaftliche oder handwerkliche Zwecke genutzt, und Ölpressen, Vorratsgefäße, Feuerstellen, Töpferöfen, Eisenschmelzöfen, Fischverarbeitungsbecken und Zisternen wurden in den ehemals repräsentativen Räumen installiert, selbst in den einst luxuriösesten Villen. Oft wurden diese Gebrauchsgegenstände in prächtige Mosaikböden eingearbeitet, in die monumentalen Empfangsräume integriert oder aus umgebauten Badehauselementen errichtet. Es scheint deutlich weniger importierte Luxusgüter gegeben zu haben, und ein völlig anderer Baustil wurde angewendet, der vergängliche Materialien (meist Holz, Lehm und Stuck), Pfostenlochkonstruktionen (oftmals großflächig) und versenkte Gebäude sowie einfachere Bautechniken verwendete. Manchmal wurden Steingebäude sogar absichtlich abgerissen, um Platz für neue Holzkonstruktionen zu schaffen. An anderen Orten wurden Räume in private Oratorien oder Baptisterien umgewandelt. Häufig wurden Gräber innerhalb oder um die Villengebäude herum angelegt.
... Residential zones were used for agricultural or industrial purposes, and oil presses, storage jars, hearths, pottery kilns, iron-working furnaces, fish-processing tanks and cisterns were installed in the formerly decorative rooms, even at what had been the most luxurious villas. Often these utilitarian features were cut into rich mosaic floors, implanted in the monumental reception rooms, or constructed from converted bathhouse features. There appear to have been considerably fewer imported luxury goods, and a completely different construction style was used, employing ephemeral materials (usually wood, earth and stucco), post-hole structures (often large) and sunken buildings, and rougher building techniques. Sometimes stone buildings were even deliberately demolished to make way for new timber structures. At other sites, rooms were converted into private oratories or baptisteries. Often, burials were placed within or around villa buildings.

Oft wurden die Villen auch "links liegen" gelassen, sie verfielen.

Abb. 2: ... zum frühmittelalterlichen germanischen Dorf - Hier Nachbau eines bäuerlichen Weilers in Haithabu (Foto: Kai-Erik, 2016)

So daß erst in den letzten Jahrzehnten in Wäldern und auf heute waldfreiem Gebiet ihre Grundmauern wieder zum Vorschein gekommen sind.

Unprätentiöse Nachnutzung

Tamara Lewit schreibt über die eigenen, weilerartigen Ansiedlungen der Germanen (1):

Solche ländlichen Holzsiedlungen, in denen Wohnen, Bestattungen und Nutzflächen enger beieinander lagen als in der römischen Zeit, lassen sich wohl eher als Beginn frühmittelalterlicher Siedlungsformen denn als trauriges Ende der Siedlungsformen des 1. bis 4. Jahrhunderts betrachten. Jüngste archäologische Forschungen deuten darauf hin, daß der charakteristische Siedlungstyp des 5. bis 7. Jahrhunderts der kleine Holzweiler mit wenigen Häusern und Wirtschaftsgebäuden war. Ein gut erforschtes Beispiel ist El Val in Spanien, wo die luxuriöse römische Behausung durch ein 14 × 19 m großes Holzgebäude ersetzt wurde, das nachweislich verschiedene Bereiche zum Wohnen, Kochen, Schlafen und zur Tierhaltung aufwies. Ähnliche Strukturen finden sich in frühmittelalterlichen, repräsentativen Gehöften wie Cowdery’s Down in Großbritannien, einem Elite-Anwesen aus dem 6. Jahrhundert, bestehend aus einem 194 m² großen Holzgebäude und mehreren weiteren Häusern und Erdbauten; oder dem hölzernen Gehöft Lauchheim aus dem späten 7. Jahrhundert, das von Nebengebäuden und einem großen ummauerten Hof mit sechs außergewöhnlich reich bestatteten Gräbern umgeben war. Soziokulturelle Veränderungen innerhalb der aristokratischen Elite – einschließlich einer veränderten Zusammensetzung – dürften eine wichtige Rolle bei diesem Wandel gespielt haben. Die radikal neue Einbeziehung von Gräbern in die Villengebäude und die achtlose Zerstörung von Elementen, die für den klassischen Lebensstil wesentlich waren, wie etwa Badehäuser, scheinen besonders auf kulturelle Veränderungen wie die Militarisierung der Elite hinzuweisen.
... Such wood-built rural settlement, in which habitation, burial and utilitarian uses were more closely clustered than in Roman practice, is perhaps better seen as the start of early medieval patterns than as the sad and sorry tail-end of first-to fourth-century settlement forms. Recent archaeological work suggests that the characteristic settlement type of the fifth to seventh centuries was the small wooden hamlet of a few houses and work buildings. A wellexplored example is El Val in Spain, where the luxurious Roman period habitation was replaced by a 14 × 19 m wooden structure, with evidence of different zones used for habitation, cooking, sleeping and the care of animals. Such arrangements seem similar to early medieval highstatus farmsteads such as Cowdery’s Down in Britain, a sixth-century elite habitation consisting of a 194 qm wooden structure and several other houses and sunken buildings; or the late seventh-century wooden farmstead at Lauchheim, which was surrounded by supplementary buildings and a large enclosed yard where six exceptionally rich graves were placed. Socio-cultural changes among the aristocratic elite – including a change in its composition – may have played an important role in the transformation. The radically new inclusion of burials within the villa building, and the careless destruction of elements essential to the classical lifestyle, like bathhouses, seem particularly indicative of cultural changes such as the militarization of the elite.

Untersuchungen bezüglich von Pollendiagrammen lassen es keineswegs nahe gelegen erscheinen, daß nach der germanischen Landnahme in Nordwesteuropa etwas das Land weniger intensiv genutzt worden wäre als zuvor. Lewit betont nur, daß es anders genutzt wurde. Mit anderen, vielfältigeren Anbau-Sorten. Und die Herdenhaltung, sowie die Waldweide spielten nun wieder eine größere Rolle.

Prosperierender östlicher Mittelmeer-Raum

Im Vergleich der nachantiken Siedlungs- und Wirtschaftsformen Nordwesteuropas mit denen Italiens und mit jenen des östlichen Mittelmeerraumes stellt Lewit fest, daß der östliche Mittelmeerraum noch über lange Zeiträume des Frühmittelalters hinweg wirtschaftlich - und überraschenderweise sogar: demographisch (etwa in Griechenland) - prosperierte. Diesen Umstand hat man sich als wirtschaftliche und demographische Grundlage des politischen und kulturellen Aufblühens der oströmischen, byzantinischen Kultur im Mittelalter hinzudenken.

Um so weiter man in den Jahrhunderten voranschreitet, um so mehr wird man sowohl im nördlichen Europa wie im Mittelmeerraum von religionsdemographischen Verhältnissen zu sprechen haben, die durch die christliche Religion sehr stark mitbeeinflußt und stabilisiert worden sind und immer weniger von nachwirkenden, antiken demographischen Bedingungsfaktoren ("Bevölkerungsweisen" in der Begrifflichkeit von Gerhard Mackenroth).

In der hier behandelten Übergangszeit ist der Einfluß des Christentums auf die Sozial- und Wirtschaftsgeschichte ebenso wie auf die Demographie sicherlich noch nicht so sicher zu bestimmen, wie das Religionswissenschaftler Michael Blume möglicherweise gerne voraussetzen würde (siehe "Natur des Glaubens" und dortige Diskussionen).

Reiche, prächtige Adelsgräber der Germanen

Für Spanien und Nordafrika, die Getreideversorgungsländer der Spätantike, zeichnet Lewit im übrigen noch einmal ein leicht anderes Bild. Hier siedelten zwar die germanischen Stäme der Wandalen und Westgoten. Aber sie siedelten dort keineswegs so nachhaltig und dicht wie im nördlichen Europa.

Und festzuhalten wäre außerdem, daß die Stämme der germanischen Landnahmezeit über viele Jahrhunderte hinweg - zumindest in den Adelskreisen - keineswegs als wirtschaftlich "verarmt" bezeichnet werden kann - etwa im Vergleich zur vorausgehenden römischen Oberschicht. Die reich ausgestatteten Adelsgräber, die reiche Ausstattung von Klöstern wie auf der Insel Reichenau (im Bodensee) schon in dieser frühen Zeit, ebenso wie die riesigen Reihengräberfelder zeichnen ein Bild, dem wirtschaftshistorisch die richtigen Bedingungsfaktoren zugeordnet werden müssen.

___________

*) Nebenbei sei bemerkt, daß die Siedlungsdichte des Frühmittelalters im mitteleuropäischen Raum zuvor schon annähernd von der bandkeramischen Kultur erreicht worden war - aber nur von dieser. Nach dem Untergang der Bandkeramik (4.700 v. Ztr.) hat erst das Frühmittelalter (600 n. Ztr.), noch nicht einmal die keltische Kultur, wieder eine vergleichbare Siedlungsdichte erreicht (abgeleitet aus der archäologischen Fundort-Dichte der vielen aufeinander folgenden archäologischen Kulturen). Dieser Umstand stellt besonders die exzeptionelle Rolle heraus, die die bandkeramischen Kultur für die Sozial- und Wirtschaftsgeschichte Europas, bzw. ihre Grundlegung gespielt hat. (Siehe dazu --> Folgeartikel.)

________________

ResearchBlogging.org

  1. Tamara Lewit (2009). Pigs, presses and pastoralism: farming in the fifth to sixth centuries AD Early Medieval Europe, 17 (1), 77-91

Freitag, 16. Januar 2009

Gruppenselektion und "ethnisch homogene Zwischenhändler-Gruppen"

ResearchBlogging.org
Das Dezember-Heft der vierteljährlich erscheinenden Zeitschrift "Journal of Bioeconomics" ist dem Thema "Gruppenselektion", bzw. Mehr-Ebenen-Selektion (Multi-Level-Selektion) gewidmet. (1) Es entstand auf Anregung des derzeit bekanntesten Vertreters der Gruppenselektions-Theorie, nämlich David Sloan Wilson's. Im Mittelpunkt des Heftes steht der Aufsatz der amerikanisch-chinesischen Wirtschaftswissenschaftlerin Janet Tai Landa (2) über "ethnisch homogene Zwischenhändler-Gruppen als evolutionär angepaßte Einheiten". ("ethnically homogenous middleman group" = EHMG). Mit diesem Thema beschäftigt sich Landa seit den frühen 1980er Jahren und sie hat dazu auch schon im Jahr 2004 am Max-Planck-Institut für Ökonomik in Jena referiert.

In Kürze besagt ihre These, daß in einer kulturellen und wirtschaftlichen Umgebung, die von Unsicherheit geprägt ist, es vorteilhaft ist für Zwischenhändler, sich auf zuverlässigere ethnisch ähnliche Handelspartner zu verlassen und sich mit ihnen zusammenzuschließen, also mit solchen, mit denen man möglichst ähnliche ethische und religiöse Grundhaltungen teilt. Durch die ethnische Homogenität, Ähnlichkeit ist gewährleistet, so Landa, daß "tit-for-tat"-Beziehungen nicht so leicht durch Täuscher und Trittbrett-Fahrer unterwandert werden können.

Diese These ist von vornherein so einleuchtend, daß man sich fragt, warum sie offenbar nicht schon lange in den Wirtschaftswissenschaften diskutiert worden ist. Als Anschauungsbeispiele benutzt Landa anhand eigener Forschungen und wirtschaftswissenschaftlicher und wirtschaftshistorischer Literatur:
1. die chinesischen Zwischenhändler in West-Malaysia (2, S. 269), die durch konfuzianische Grundhaltungen zusammengehalten werden,
2. chinesische Zwischenhändler in der heutigen Volksrepublik China (2, S. 270)
3. indische Zwischenhändler, die ethnisch-religiös durch die Religion des Jainismus zusammengehalten werden (der einen asketischen Lebensstil fördert ähnlich der protestantischen Ethik) (2, S. 271)
4. indische Zwischenhändler in Zentralafrika (2, S. 272)
5. indische Händler in Südafrika (2, S. 272)
6. libanesische Händler in Westafrika (2, S. 272)
7. jüdische Händler im mittelalterlichen Europa (2, S. 273)
8. mittelalterliche Juden in Tunesien (2, S. 273)
9. heutige Juden in Antwerpen, Amsterdam und New York (2, S. 274)
Zu letzteren wird die interessante Tatsache angeführt, daß seit vielen Jahrzehnten im Diamant-Handel der drei genannten Städte "Jiddisch" die Umgangssprache ist, und daß es eine Arbeitsteilung gibt zwischen weniger orthodoxen Juden, die den Exporthandel dominieren und streng-orthodoxen, hassidischen Juden, die den Importhandel und den einheimischen Handel dominieren.

Kritische Einwürfe

Im Diskussionteil erörtern Richard A. Epstein, Alexander J. Field, Peter A. Corning, Christopher Boehm, Richard Sosis, Paul Swartwout und Frank Salter die Thesen von Landa, sowohl verhalten kritisch wie verhalten positiv. Mehrere Kommentatoren (etwa Sosis, Swartwout, Salter) kritisieren, daß Landa bisher nicht darauf eingegangen ist, daß in einer evolutionären Theorie Reproduktions-, also Fortpflanzungsentscheidungen und Einflüsse auf diese im Mittelpunkt stehen müssen. Stattdessen brachte Landa ein Zitat, in dem es hieß:
"Nothing in the economic world correspond to the exact process of biological inheritance ..." (2, S. 268)
Dieser Satz erscheint allerdings wirklich ein bischen zu arg einfach gestrickt. Als ob sich Wirtschaftswissenschaftler nicht sehr zentral und basal - oft als Einführung von wirtschaftswissenschaftlichen Vorlesungen - zunächst einmal mit der Demographie der von ihnen untersuchten Volkswirtschaften beschäftigen müßten und würden. Ohne Menschen, Arbeitskräfte, keine Wirtschaft, keine soziale Absicherung. Der Zusammenhang ist ja in den letzten Jahrzehnten immer unübersehbarer geworden. Und Arbeitskräfte, Menschen haben unterschiedliche biologische Merkmale und kulturelle Merkmale, oft solche, die über Prägung schon in früher Kindheit erworben werden (muttersprachliche, sozialpsychologische Prägungen und anderes).

Und dementsprechend geht auch Frank Salter vom Max-Planck-Institut für Verhaltenswissenschaften folgerichtig einen Schritt weiter und macht darauf aufmerksam, daß auch Erbmerkmale wie Intelligenz oder Gewissenhaftigkeit "Humankapital" darstellen, also Humankapital, das unmittelbar im Rahmen evolutionären Denkens in Rechnung gestellt werden kann. Denn menschliche Gesellschaften sind von diesem Humankapital, das durch simple biologische Vererbung und frühkindliche Prägung weitergegeben wird, beeinflußt.

Literatur:

1. Janet Tai Landa, David Sloan Wilson (2008). Group selection: Theory and evidence. An Introduction to the Special Issue Journal of Bioeconomics, 10 (3), 199-202 DOI: 10.1007/s10818-008-9049-2

2. Janet T. Landa (2008). The bioeconomics of homogeneous middleman groups as adaptive units: Theory and empirical evidence viewed from a group selection framework Journal of Bioeconomics, 10 (3), 259-278 DOI: 10.1007/s10818-008-9043-8
3. Frank Salter (2008). Genes and homogeneous trading groups: A comment on Janet Landa’s target paper Journal of Bioeconomics, 10 (3), 303-306 DOI: 10.1007/s10818-008-9047-4

Freitag, 3. Oktober 2008

Die Hausmaus als eine Erkenntnisquelle der Historiker

Kurz gefaßt: Die Hausmaus breitete sich in Europa schrittweise aus 1. wahrscheinlich mit der frühbronzezeitlichen Glockenbecher-Kultur, 2. mit den Wallburg-Kulturen der Kelten, 3. mit den römischen Städten, 4. mit den Wallburg-Kulturen der Ostsee-Slawen und 5. über die Handelswege der Wikinger und Byzantiner. Die neuen genetischen und archäologischen Daten deuten auf den "Oldenburger Wall" (d.i. die Slawenburg Starigard bei Oldenburg in Ostholstein), als einen Schlüsselort für die weitere Ausbreitung der Hausmaus nach Skandinavien und von dort nach Irland. Die Ausbreitung der Hausmaus scheint jeweils als ein guter Indikator dienen zu können für das früheste Auftreten erster stadtähnlicher Siedlungs- und Wirtschaftsstrukturen, die zugleich an weiträumigere und regelmäßigere Handelsverbindungen gebunden sind.
Abb. 1: Hausmaus-Funde (Mus musculus) in Großbritannien aus Bronzezeit (schwarz), Eisenzeit (grau) und römischer Kaiserzeit (weiß) (aus: 1)

1. Der "fürstliche Bogenschütze" von Stonehenge bringt die Hausmaus nach England


Die eingangs gezeigte Karte zeigt die geographische und zeitliche Verteilung archäologischer Befunde zur geschichtlichen Ausbreitung der Hausmaus (Mus musculus) in Großbritannien nach aktuellem Kenntnisstand (aus: 1). Diese Karte gibt über die Ausbreitungsgeschichte der Hausmaus - zusammen mit weiter unten zu referierenden neuen genetischen Erkenntnissen - viel größere Sicherheit, als sie bisher bestanden hat (siehe Stud. gen. 1, 2, 3).

Abb. 2: Hausmäuse
Danach könnte die Hausmaus erstmals mit der frühbronzezeitlichen Glockenbecher-Kultur nach Großbritannien gekommen sein - aber nur nach Südwest-England in die Gegend rund um Stonehenge herum. Dies zeigen die schwarzen Kreise in der Karte, die für die Bronzezeit (2.300 - 700 v. Ztr.) stehen. Wie ja die Forschungen der letzten Jahre erbracht haben, ist der Beginn der Bronzezeit in Südengland und Stonehenge charakterisiert durch die Zuwanderung eines reichen "fürstlichen Bogenschützen" aus Süddeutschland, zugleich des ersten Bronzehandwerkers in England, der auch eine viel fortschrittlichere Hausbau-Weise und insgesamt Wirtschaftsweise nach England mitgebracht hat. (vgl. etwa: a, b, c)

2. Die Hausmaus ist an die keltische Höhenburgen- und die Oppida-Kultur gebunden


Die grauen Kreise zeigen Hausmaus- Funde aus der Eisenzeit (700 v. Ztr. - 43 n. Ztr.). Die Eisenzeit ist in Süd- und Mitteldeutschland gekennzeichnet durch die keltischen Höhenburgen und -siedlungen. Ähnliches Anlagen trifft man zu dieser Zeit auch in Südengland an. Es ist somit sehr naheliegend, auch für Süddeutschland in diesen keltischen "Oppida" schon die Hausmaus zu vermuten.

Aber da es diese stadtähnlichen Siedlungen in der Eisenzeit in Norddeutschland noch nicht gegeben hat, wird man die Entwicklung in Norddeutschland und Skandinavien wohl mit der in Schottland und Irland - und zwar sowohl in der Bronzezeit wie in der Eisenzeit - parallel setzen können.

Denn da die Hausmaus, wie sich immer mehr herausschält, zu ihrer Verbreitung an stadtähnliche Siedlungskonzentrationen gebunden zu sein scheint, könnte man annehmen, daß die Bronzezeit der Glockenbecherkultur - zumindest in Kernregionen - ebenfalls an eine solche gebunden gewesen ist, und daß diese sie dann aber nicht über ein Kerngebiet in Südwestengland hinaus nach Norden oder auch nach Irland ausgebreitet hat. Die Frage danach, wo die Kulturgrenze diesbezüglich in Deutschland auszumachen wäre Richtung Norden, Westen und Osten, gibt sicherlich noch spannende Forschungsaufgaben der nächsten Jahre ab.

Obwohl es für die Spätbronzezeit sowohl an der Nord- wie an der Ostseeküste Belege für Handels- und Kulturkontakte mit dem Mittelmeer-Raum gibt, hat man dort bislang noch keinerlei Hinweise für stadtähnliche Siedlungskonzentrationen in dieser Zeit gefunden.

3. Die Hausmaus ist an die römische Zivilisation gebunden


Die weißen Kreise stehen nun für Hausmaus-Funde aus der römischen Zeit (43 n. Ztr. - 450 n. Ztr.). Hier ist die Ausbreitung der Hausmaus ganz klar an die Verbreitung der römischen Zivilisation gebunden. Ein paralleles Geschehen wird man für Deutschland vermuten dürfen - also: bis zum Limes. Beziehungsweise Versuche, große Getreidelager auch an der Weser (Barkhausen?) und an der Werra (Holzminden) anzulegen, werden ja derzeit archäologisch intensiv erforscht (siehe andere Beiträge auf Stud. gen.). Dort wird aber die Hausmaus nach der Schlacht von Kalkriese vor 2.000 Jahren bald wieder ausgestorben sein, da ihre römischen "Hüter" mitsamt ihrer intensiven Wirtschaftsweise vertrieben wurden.

Wie ging nun die Geschichte der Hausmaus und damit der menschlichen Zivilisation mit stadtähnlichen Siedlungsstrukturen in Nordeuropa weiter? Wer brachte schlußendlich die Hausmaus an die Nordwest-Küsten Großbritanniens und nach Irland? Beziehungsweise an die deutsche Nord- und Ostseeküste? Hinsichtlich Deutschlands kann es noch nicht so definitiv gesagt werden. Aber hinsichtlich Großbritanniens deuten nun die genetischen Forschungen (1) (siehe auch: ORF, wissenschaft-online, Süddt., Welt, n-tv etc.) immer mehr auf: die Wikinger.

Abb. 3: Die skandinavischen Hausmäuse der Wikinger auf den britischen Inseln (schwarze Kreise) (aus: 1)

4. Die Hausmaus ist an die Wikinger gebunden


Von ihnen war schon zuvor vermutet worden, daß sie die Hausmaus auf die Insel Madeira gebracht haben. Die zweite und dritte Karte (Abb. 3) (aus: 1) zeigen nun die heutige Verteilung von zwei sehr deutlich genetisch unterscheidbaren Hausmaus-Linien in Großbritannien und Irland (oben) und auf den Orkney-Inseln (unten) (1). Die weißen Kreise deuten auf genetische Linien, die genetische Verwandtschaft mit den westdeutschen und westeuropäischen Hausmäusen aufzeigen - vielleicht die Nachfahren jener Mäuse, die der reiche süddeutsche "fürstliche Bogenschütze und Bronzeschmied von Stonehenge" Anfang der Bronzezeit mit nach Südwestengland gebracht hat, und die sich dann mit den eisenzeitlichen Höhensiedlungen, der römischen Zivilisation und in der Zeit danach bis nach Nordschottland ausgebreitet haben.

Die schwarzen Kreise deuten nun auf genetische Hausmaus-Linien, die genetische Verwandtschaft mit norwegischen Hausmaus-Linien aufzeigen. Da sie das gleiche Verbreitungsgebiet zeigen wie die Haupthandels- und Hauptkriegs-Routen der Wikinger und Norweger im Früh- und Hochmittelalter, ist es hochplausibel, diese für die Verbreitung der Hausmaus in jenen Gebieten verantwortlich zu machen, zumal sie die ersten stadtähnlichen Siedlungen nach Irland gebracht haben. Die hier ausgewertete Studie (1) kündigt diesbezüglich weitere Untersuchungen für die nächsten Jahre im Nordsee-Raum an, die vielleicht noch eine genauere zeitliche Einordnung erlauben werden.

5. Die skandinavische Hausmaus stammt aus Oldenburg in Ostholstein (700 n. Ztr.)


Wie nun die Norweger zu den Hausmäusen gekommen sind, kann schon aufgrund älterer Studien jetzt sehr gut auch zeitlich eingeordnet werden. In einem früheren Beitrag (Stud. gen.) wiesen wir auf eine Gründerpopulation aller skandinavischen Hausmäuse hin, die in Ostholstein, in der Nähe der Insel Fehmarn gelebt haben muß, und die aus einer Mischpopulation der sich hier begegnenden west- und osteuropäischen Hausmaus-Arten hervorgegangen ist. (Die Artgrenze verläuft entlang der Elbe und dem Bayerischen Wald quer durch Europa von Norden nach Süden, siehe der frühere Beitrag.) Im früheren Beitrag vermuteten wir noch die erste Bauernkultur Skandinaviens, die Trichterbecherkultur als Verbreiter der Hausmäuse. Diese Vermutung kann aber nun wohl angesichts der oben referierten Forschungen zu England ad acta gelegt werden. Und damit tritt auch hier mit großer Sicherheit das Frühmittelalter ins Zentrum der Aufmerksamkeit, was die Hausmäuse betrifft.

Im Frühmittelalter war Ostholstein von sehr kriegerischen slawischen Volksstämmen besiedelt, die an germanische Volksstämme grenzten. Insbesondere von den Wagriern, die sehr oft auf Schiffen Raubzüge nach Dänemark ausführten oder ihrerseits von den Dänen in Raubzügen heimgesucht wurden. (So berichtet es etwa Helmold von Bosau, s.u..) Ihr religiöses Zentrum lag auf Rügen. In den Slawenstädten an der Ostsee, etwa in Vineta, lebten damals viele ethnische Gruppen als Händler, darunter auch "Griechen" aus Byzanz.

Schon vor den Missionskriegen Karls des Großen also hatten die Sachsen, Friesen, Dänen, Schweden und die slawischen Stämme Burgen errichtet, sowie Handelsplätze. Haithabu (Wiki) an der Schlei ist spätestens 770 n. Ztr. gegründet worden. Der vergleichbare Handelsplatz Oldenburg/Starigard (Wiki) in Ostholstein wohl noch einige Jahrzehnte früher. Es dürfte allerdings beim gegenwärtigen Kenntnisstand noch schwierig sein zu entscheiden, wann genau sich die westeuropäische und die osteuropäische Hausmaus in Ostholstein getroffen haben, ob schon vor den Sachsenkriegen Karls des Großen oder erst später. Von seiner Stadtgründung Bardowick an der Elbe aus regulierte Karl ausdrücklich und streng den Handel mit den Wagriern.

Abb. 4: Der "Limes saxonia" - errichtet von Karl dem Großen gegen die - von ihm eroberten und tributpflichtig gemachten - Wagrier in Ostholstein

Die osteuropäische Hausmaus dürfte sich über die berühmten slawischen Handelsstädte an der Ostseeküste in jener Zeit ausgebreitet haben, von Reric (Wiki) in der Wismarer Buch kommend, von Vineta (oder Jumneta) (Wiki), von Truso (Wiki) bei Elbing und anderen Städte an der Oder- und Weichselmündung. Sicherlich hat ihre Ausbreitung etwas zu tun mit den Handelskontakten Oldenburg/Starigards bis nach Kiew und damit bis nach Byzanz. Waren es als erstes die Wikinger oder die Byzantiner, die über die russischen Flüsse die Hausmaus bis zur Ostsee ausgebreitet haben?

Von Ostholstein aus muß sich dann jedenfalls sehr früh und sehr schnell die Ausbreitung der Hausmaus über ganz Skandinavien vollzogen haben. Und da die Ausbreitung im genetischen Bild so klar und eindeutig ist, dürfte sie auch mit sehr konkreten historischen und wirtschaftshistorischen Ereignissen der frühen Wikingerzeit oder davor zusammenhängen, also mit Raub- und Handelszügen entweder der Wagrier oder der Dänen.

6. Was wissen wir über die Wagrier in Starigard/Oldenburg?


Der berühmte Helmold von Bosau (1120-1177) (Wiki), ein Kleriker aus dem ostholsteinischen Kloster Bosau, hat in seiner "Chronik der Slawen" recht genau geschildert, wie die dortigen Slawen an der Ostseeküste von den Ottonen und schließlich von Heinrich dem Löwen in einem Jahrhunderte langen Prozeß christianisiert wurden, und wie sich zugleich in der dorigen Ostsee-Region die verschiedenen Fürstentümer und Könige einander bekriegten, die Dänen, die Wagrier, die Polaben, die Rugianer (auf der Insel Rügen), die Obotriten (in Mecklenburg), die Pommern, die Pruzzen (in Preußen) und anderen Stämme in immer wechselnden Allianzen mit den Herrschern des Deutschen Reiches. In seiner Chronik beschreibt er die slawischen Ostsee-Völker von Osten nach Westen und kommt zum Schluß zu seiner engeren Heimat:
... Die Polaben, ihre Burg ist Ratzeburg. Dann kommt man über den Travefluß in unser, das wagrische Land. Die Burg dieses Landes war einst das am Meer liegende Aldenburg (= Oldenburg in Ostholstein). Auch gibt es im Baltischen Meere Inseln, welche von den Slawen bewohnt sind; deren eine heißt Fehmarn. Diese liegt den Wagriern gegenüber, so daß man sie von Aldenburg aus sehen kann.
Abb. 5: Die frühmittelalterliche Wallanlage im Stadtgebiet von Oldenburg/Holstein

7. Ein "tapferes", "gastfreundliches" Volk


Über ihre Bewohner, über die er sich bei "alten Greisen" der Slawen noch erkundigt hat, schreibt er:
Diese Burg und Landschaft wurde einst von sehr tapferen Männern bewohnt, darum weil sie am Ende des ganzen Slawenlandes gelegen die Völker der Dänen und Sachsen zu Nachbarn hatte, und weil daher ihre Bewohner allen kriegerischen Bewegungen (...) zuerst ausgesetzt waren. Es sollen aber mitunter so mächtige Könige unter ihnen gewesen sein, daß sie das ganze Gebiet der Obotriten und Kyciner und selbst derer, die noch weiter entfernt waren, beherrschten.
Also ganz Mecklenburg. Helmold rühmt auch die Gastfreundschaft dieses Volkes:
... Da habe ich durch eigene Erfahrung kennengelernt, was ich vorher nur vom Hörensagen wußte, daß kein Volk, was Gastlichkeit anlangt, ehrenwerter ist, als die Slawen.
Das hinderte ihn aber nicht, ihre vielfältigen heiligen, religiösen Orte (unter anderem "Eichenhaine") zu zerstören, wann immer er dazu Gelegenheit hatte. Sachlichere Auskünfte über die Geschichte der Stadt Starigard/Oldenburg entnehmen wir Wikipedia:
Oldenburg lag früher an einer Ostseebucht und war Hafen und Hauptort der slawischen Wagrier. Um das Jahr 700 entstand ein Burgwall, der später bis zu 18 Meter hoch war. Aus dem westlichsten slawischen Fürstensitz Starigard (Alte Burg) wurde der Ortsname Aldinborg, später dann Oldenburg. Der Ort war im frühen Mittelalter umkämpft.

Adam von Bremen erwähnt Oldenburg erstmals im Jahr 1076: "(...) Aldinburg ist eine große Stadt der Slawen, die Wagrier genannt werden, gelegen in der Nähe des Meeres, welches das Baltische oder das Barbarische genannt wird, ... Tagereisen von Hamburg entfernt." Zusammen mit Haithabu war Aldinburg Hafen im Ostseehandel. Die Schiffe gingen bis ins Samland oder nach Kiew.
Und:
Im 7. Jahrhundert lebten im heutigen Ostholstein die slawischen Wagrier. Auf einem Hügel an der schmalsten Stelle eines schiffbaren Sundes bauten sie ihre Fürstenburg Starigard. Zum Schutz gegen ungebetene Gäste umgaben sie die Burg mit einem 18 m hohen Wall, dem Oldenburger Wall. Dieses Bauwerk bestand aus gezimmerten Holzkästen, die mit Sand und Lehm gefüllt wurden, und umschloss die gesamte, in ihrer größten Achse 260 m große Siedlung. Innerhalb dieses Burgwalls wohnte nicht nur der Fürst mit seinem Hof und seinem Heer, sondern auch Handwerker. Zu Füßen der Burg lag ein Hafen. Im 8. und 9. Jahrhundert war Starigard eine der bedeutendsten Siedlungen an der westlichen Ostsee und trieb auch mit entfernten Städten Handel. Sie war vergleichbar mit dem an der Schlei gelegenen Haithabu. Im zehnten Jahrhundert kamen christliche Sachsen, eroberten die Burg, zerstörten die slawischen Heiligtümer und gründeten hier das Bistum Oldenburg.

Abb. 6: Die Niederung, die Oldenburg früher mit dem Meer verband, ist noch auf heutigen Karten gut zu erkennen.

Die Ausgrabungsbefunde, die im Oldenburger Wallmuseum zu besichtigen sind, deuten auch auf reiches karolingisches Tafelgeschirr und viele andere Dinge mehr. Von hier also, darf man vermuten, breitete sich die Gründerpopulation der skandinavischen Hausmäuse aus - schließlich bis nach Irland und Madeira, ja, bis in andere Teile der Welt. Fraglich bleibt nur noch der genaue Zeitpunkt.

Abb. 6: Oldenburg in Ostholstein - ein zentraler Ostsee-Handelsplatz im Frühmittelalter

8. Und wie sieht es aus mit der Hauskatze?


Das Vorkommen der Hausmaus kann also als ein guter Indikator für die Intensität der jeweils vor Ort vorherrschenden städtischen Siedlungs- und Wirtschaftsweise, sowie der bestehenden weitreichenderen Handelsbeziehungen gelten.

Übrigens wäre es noch einmal so spannend zu erforschen, wann die Hauskatze - als der "natürliche" Feind der Hausmaus - jeweils in einer geographischen Region heimisch wurde. Für sie gibt es zwar inzwischen frühe archäologische Belege auf Zypern aus dem Frühneolithikum (2). Aber sie scheint sich erst mit den Römern nach Mitteleuropa ausgebreitet zu haben. (3) Besonders bemerkenswert scheint die Tatsache zu sein, daß die Hauskatze auch im antiken Griechenland erst sehr spät gehalten worden ist (3), und daß man in älteren archäologischen Schichten auch in diesem Raum nur Wildkatzen findet.

_________________________________________________
Literatur:
  1. Jeremy B. Searle, Catherine S. Jones, İslam Gündüz, Moira Scascitelli, Eleanor P. Jones, Jeremy S. Herman, R. Victor Rambau, Leslie R. Noble, R.J. Berry, Mabel D. Giménez, Fríða Jóhannesdóttir (2008). Of mice and (Viking?) men: phylogeography of British and Irish house mice Proceedings of the Royal Society B: Biological Sciences, -1 (-1), -1--1 DOI: 10.1098/rspb.2008.0958
  2. Vigne, J.-D. et. al. : Early Taming of the Cat in Cyprus. In: Science, Vol. 304, 9.4.2004, S. 259
  3. Benecke, Norbert: Archäozoologische Studien zur Entwicklung der Haustierhaltung. Akademie Verlag, Berlin 1994

Montag, 15. September 2008

Wissenslogs: Die ländliche, nichtbäuerliche Wirtschaft

"Rural Nonfarm Economy" (RNE), die Entwicklung der ländlichen, nichtbäuerlichen Wirtschaft wird als ein entscheidender Faktor in der wirtschaftlichen Entwicklung der heutigen Entwicklungsländer gesehen, so erfahren wir im Interview von Stefan Ohm vom Wissenschaftsblog "Geo-Log" mit dem amerikanischen Wirtschaftswissenschaftler Steven Haggblade (Geo-Log), der zu diesem Thema gerade ein Buch veröffentlicht hat. (Amazon)

Auf dieses Thema habe ich selbst schon im Zusammenhang mit der Diskussion um die Evolution des (beruflichen) Verantwortungsbewußtseins und der Amischen hingewiesen auf den Chronologs (Natur des Glaubens von Michael Blume). Ich schrieb dort:

... Bei den Amischen kann man ja heute auch eine berufliche "Spezialisierung" im wirtschaftlichen sekundären Sektor (Handwerk usw.) beobachten, (die insbesondere von Donald Kraybill wissenschaftlich aufgearbeitet wird), da nicht alle amischen Kinder selbst Land kaufen können und selbst Landwirte werden können. Auf der Farm des Bruders richten sie deshalb handwerkliche Betriebe ein und gründen auf diese Weise selbst Familie.

Sie exerzieren gegenwärtig eine Entwicklung vor, die alle komplexer-arbeitsteiligen Gesellschaften geschichtlich durchlaufen haben, (in Mittel- und Nordeuropa besonders seit dem Frühmittelalter - aber sicherlich letztlich schon seit Einführung des Ackerbaus überhaupt).

Auch bei den Amischen ermöglicht und stabilisiert arbeitsteilige-gesellschaftliche Gliederung, Spezialisierung derjenigen, die nicht Bauern werden können, das weitere Wachstum, also die biologische Fitneß der Gruppe.

Siehe dazu das Buch von Donald Kraybill "Amish Enterprise" (Amazon).

"Pull-" und "Push-"Faktoren bezüglich ländlicher, nichtbäuerlicher Wirtschaft (NRE)

Steven Haggblade sagt nun in dem Interview:

Nonfarm earnings account for 35% to 50% of rural household income across the developing world. Landless and near-landless households everywhere depend heavily on nonfarm income for their survival, while agricultural households count on nonfarm earnings to diversify risk, moderate seasonal income swings and finance agricultural input purchases. (...)

Since many of the resource flows from agriculture to the secondary and tertiary sectors of the economy transit functionally and spatially via the rural nonfarm economy, an understanding of the forces that drive change in the RNFE becomes central to understanding the processes that drive overall economic growth. Rural households diversify into nonfarm activities in response to “pull” factors such as growing markets and rising rural purchasing power or in response to “push” factors such as falling rural wage rates and declining land availability. Thus the trajectory of rural nonfarm growth and development differs substantially across settings, driven by changes in agriculture, population and integration with urban markets.

Und dann sagt er weiter:

In successfully transforming economies, policy makers see the RNFE as a sector that can productively absorb the many agricultural workers and small farmers being squeezed out of agriculture by increasingly commercialized and capital intensive modes of farming. Given frequently low capital requirements in the nonfarm economy, policy makers in both settings view the RNFE as offering a potential pathway out of poverty for many of their rural poor.

(Ich schrieb dort gerade den folgenden Kommentar.)

Wenn ich Haggblade recht verstehe, dann sieht er im gegenwärtigen Afrika die "Zug"-Faktoren, die in einer prosperierenden landwirtschaftlichen Entwicklung liegen, positiv, die "Druck"-Faktoren, die aus einer stagnierenden oder rückläufigen landwirtschaftlichen Entwicklung folgen, als negative Folgen für die RNE. Es entsteht der Eindruck, als würde Haggblade alles von einer prosperierenden landwirtschaftlichen Entwicklung erwarten. Ich habe das Buch selbst noch nicht gelesen und würde deshalb gerne fragen: Ist dieser Eindruck richtig?

Wie war es in der europäischen Entwicklung?

Als Mittelalter- und Neuzeithistoriker würde ich dazu sagen: In der europäischen mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Entwicklung war ja alles ein bischen anders. Da bekamen nur diejenigen eine Heiratserlaubnis, die eine zuverlässige wirtschaftliche Versorgung der künftigen Familie nachweisen konnten, damit diese neu gegründeten Familien nicht künftig die Armenhäusern der jeweiligen Dörfer füllen würden, die von den Dorfbewohnern jeweils ja selbst finanziert werden mußten, ihnen selbst zur Last fielen.

Damit war ein letztlich durch "sexuelle Askese" (Max Weber) angetriebener Anreiz gegeben, sich wirtschaftlich so zu positionieren, daß man an diese wertvolle Glücks-Ressource "Sexualität" herankam (als Mann oder auch als Frau). (Auch spätes Heiraten von wirtschaftlich nicht gut Versorgten wurde dadurch gefördert, was ja die Nachkommenzahl herabsetzt.)

In der Dritten Welt gibt es diese typisch europäische mittelalterliche und frühneuzeitliche Steuerung des Bevölkerungswachstums, um allgemeinen gesellschaftlichen Rückgang des Wohlstandes zu vermeiden, so weit ich weiß ja nicht.

Übrigens gab es diese Steuerung laut dem französischen Bevölkerungswissenschaftler Pierre Chaunu ("Die verhütete Zukunft") auch nicht in der Geschichte Chinas, in der immer fast 100 % der Bevölkerung auch verheiratet war, und in der chinesische Kaiser es sich sogar zur Pflicht machten, dafür zu sorgen, daß alle Chinesen heiraten konnten. Was immer wieder zu übertrieben starkem Bevölkerungswachstum führte, ohne daß die wirtschaftliche Komplexität parallel mitwachsen konnte.

Die chinesische Geschichte war dementsprechend von geradezu periodisch wiederkehrenden, katastrophalen Bevölkerungszusammenbrüchen gekennzeichnet, die nicht zu vergleichen wären mit den parallelen in Europa. Diesen gegenüber hätte Europa eine viel kontinuierlichere Entwicklung aufzuweisen. (Ich weiß nicht, ob das alles wirklich exakt so stimmt - so aber zumindest Chaunu.)

Wenn man die Aids-Epidemie im heutigen Afrika berücksichtigt und anderes, auf das diese Gesellschaften immer noch nur sehr unflexibel reagieren können, möchte man doch meinen, daß Afrika sich - unbewußt - eher an das von Chaunu beschriebene "chinesische Modell" ökonomisch-demographischer Entwicklung hält, als an das mittelalterlich-frühneuzeitlich europäische.

Nimmt denn Haggblade in seinem Buch auch demographische Entwicklungen in die Betrachtung hinein?

Sonntag, 31. August 2008

Wie entstehen und entwickeln sich arbeitsteilige Gesellschaften?

Stadtentwicklung in Nordmesopotamien (4.200 bis 3.400 v. Ztr.)
- Das Beispiel Tell Brak

Der Urknall in der "Evolution" arbeitsteiliger, städtischer Gesellschaften, also von Hoch- und insbesondere Schriftkulturen wird in der Regel mit den Städten Ur und Uruk im Süden des heutigen Irak (Südmesopotamien) in Verbindung gebracht. Dort entstanden nach Vorläufer-Kulturen um 3.200 v. Ztr. ein mächtiges Reich und ziemlich bald auch eines der ersten bekannten Schriftsysteme der Menschheit. Inzwischen rücken aber in den letzten Jahren immer mehr die Oberläufe von Euphrat und Tigris (also unter anderem das heutige nördliche Syrien, Nordmesopotamien) in den Vordergrund, wenn es um die Frage nach der Entstehung erster städtischer Hochkulturen, Großreiche geht und um ihre lange Vorgeschichte (siehe Karte in Abb. 1). Auch hier bildeten sich zeitgleich zu - und zunächst unabhängig von - Südmesopotamien städtische Zentren heraus, die sich gegenseitig bekriegten, wie archäologisch nachweisbar ist (1). (Siehe auch Studium generale 1, 2.)

Abb. 1: Die Ausbreitung von Uruk aus (Wiki)

Man kann von einer typisch "assyrischen" oder "alttestamentarischen" Kriegführung sprechen, die gekennzeichnet ist durch die emphatische Ausrottung ganzer Städte und Völker im Namen einer anderen Volks- oder Reichsgottheit, bzw. eines religiösen oder weltlichen Despoten. Und genau eine solche scheint in dieser Region - auch nach diesen neuerlichen archäologischen Forschungen - schon sehr früh begonnen zu haben. Und sie scheint über die Jahrtausende hinweg dort immer wieder praktiziert worden zu sein.

Schon in den vorkeramischen ersten Städten der Menschheit (die archäologische Stufe des "PPNB") finden sich die sogenannten "plasterd skulls", die vermutlich "Stadtdespoten" abbilden. Und schon bei diesen scheint man mancherlei Erbarmungslosigkeit im Umgang mit Mitmenschen herauslesen zu können. Einen ähnlichen Eindruck üben auch auch die zeitgleichen, grausam wirkenden weiblichen "Kaffeebohnenaugen-Gottheiten" jener vorkeramischen Zeit.

Vermutlich kann hier überall von vergleichsweise despotischen Eliten ausgegagen werden, die die Voraussetzung bildeten, daß sich größere Menschenmassen in rigiden stadtstaatlichen Systemen zu stärker arbeitsteilig gegliederten Gesellschaften ausgebildet haben, bzw. ausbilden konnten.

Der friedliche Siedlungsverlauf

Inzwischen ist jedoch auch der friedliche Siedlungsverlauf, die Siedlungsverdichtung eines der bedeutendsten, frühen städtischen Zentren der späten Kupferzeit im nördlichen Syrien genauer unter die Lupe genommen worden, nämlich des Tell Brak (2). Hier bildeten sich um ein städtisches und religiöses Zentrum (mit Tempel und "Industrie") sehr früh schon etwas abgelegenere, dieses umgebende vorgelagerte Dörfer, bzw. sekundäre städtische Zentren. In den weiteren Jahrhunderten wurden dann die zuvor unbesiedelten Zwischenräume schrittweise aufgesiedelt und es kam zu einer Siedlungsverdichtung wie wir sie ja auch von der Entwicklung moderner europäischer Großstädte kennen, die schrittweise immer mehr früher selbständige Dörfer und Städte eingemeindeten und die siedlungsleeren Zwischenräume auffüllten (s. Abb. 2) (2):

Das Anwachsen eines städtischen Zentrums begann in Brak in der Periode des Späten Chalcolithikums (LC) 2, zirka 4.200 bis 3.900 v. Ztr..
Urban growth at Brak began in the Late Chalcolithic (LC) 2 period [circa (c.) 4200 to 3900 calendar years before the common era (cal BCE)].

So die Forscher.*)

Abb. 2: Tell Brak - Städtische Verdichtung im 4. Jahrtausend v. Ztr. (aus: 2)

Die Forscher schreiben (2):

Wir berechneten, daß die besiedelte Fläche etwa 55 Hektar betrug in einer Zeit, als nur wenige zeitgleiche Siedlungen 3 Hektar Größe überschritten. (....) Während des frühen bis mittleren vierten Jahrtaseunds v. Ztr. (3.900 bis 3.400 v. Ztr.) dehnten sich Vororte in Richtung des Zentrums aus. Viele zuvor unbesiedelte Flächen wurden nun besiedelt. Auf dem zentralen Siedlungshügel gab es große industrielle Strukturen und mindestens einen kunstvoll ausgestalteten Tempel. Die gesamte besiedelte Fläche dieser Zeit wuchs auf 130 Hektar an. Wir interpretieren das häufige Vorkommen von Oberflächen-Keramikfunden als einen Indikator für die angewachsene Dichte der Besiedlung. Das heißt, daß die Siedlungsdichte anwuchs zugleich mit der räumlichen Ausdehnung. Zu dieser Zeit erreichten die größten Nachbarn von Brak nur 15 Hektar Ausdehnung und nur eine zeitgleiche Siedlung war größer, nämlich Uruk im südlichen Mesopotamien.
We calculated the total settled area at 55 ha, at a time when few contemporary settlements exceeded 3 ha. (...) During the early to mid-fourth millennium BCE (LC 3 to 4, 3900 to 3400 cal BCE, Fig. 1B), outer town settlement expanded inward. Many formerly unsettled areas were then filled. The central mound hosted large industrial structures and at least one elaborately decorated temple. The total LC 3 to 4 settled area grew to 130 ha. We interpreted the abundance of surface ceramics as an indicator of increased density of occupation. Thus, settlement density increased along with spatial extent. At this time, the largest of Brak’s neighbors reached only 15 ha, and only one contemporary settlement in southern Mesopotamia, Uruk, exceeded it in size.

Bei dem hier erwähnten Tempel auf der Akropolis von Tell Brak handelt es sich um den sogenannten "Augentempel" (Wiki). Vor allem die folgende Interpretation der erforschten Befunde wirft grundsätzlichere Fragen auf (2):

Zwang durch Eliten scheint nicht der alleinige Mechanismus gewesen zu sein, der die ursprüngliche Entwicklung von städtischer Lebensweise in Brak vorangetrieben hat. Es scheint wahrscheinlich, daß die städtische Lebensweise zumindest in Teilen das unbeabsichtigte Ergebnis des Handelns autonomer und nichthierarchisierter Gruppen gewesen sein könnte.
Elite coercion does not appear to be solely responsible for the initial development of urbanism at Brak. It seems likely that urbanism was at least in part the unintended result of the actions of autonomous and nonhierarchically ranked groups. 

So die Forscher.**)

Soziale Entwicklung nur auf der Grundlage des Gegenseitigkeits-Prinzips?

Daran könnten grundsätzlicher Überlegungen angeschlossen werden: Wenn eine arbeitsteilige Gesellschaft entsteht, kann dies dann nur durch Despotie und große Strafanreize entstehen, wie man dies von den ersten großen Hochkulturen und ihren auf einzelne "absolute Monarchen" (Despoten) zugeschnittenen Gesellschaftssystemen vermuten darf? Nein, es sollte auch noch andere Quellen für menschlichen Altruismus geben als bloß despotische, polizeistaatliche Strafanreize. "Despotische" Straf- und Lohnanreize von seiten einer erbarmungslosen Elite würden ja - letztlich - doch nur allein dem Gegenseitigkeits-Prinzip in sozialen Interaktionen "irgendwie" zum Erfolg verhelfen, das, wie wir wissen, täuschungsanfällig ist, also vieler "Polizeikräfte" bedürfte, die dann wieder von Mafiabanden unterwandert werden können. Man braucht dann einen despotischen, tyrannischen Gott als "dritten Bestrafer im gesellschaftlichen Third Party-Punishment-Spiel" (siehe etwa: St. gen.). Die Flexibilität einer solchen Gesellschaft geht schnell verloren, wie siebzig Jahre real existierenden Sozialismus oder die Verhältnisse im italienischen Mezzogiorno leidvoll aufgezeigt haben, zum Teil noch aufzeigen.

Also Gruppenselektion wie von Jonathan Haidt und immer mehr Forschern vermutet (siehe Beitrag von gestern - Stud. gen.)? - Vielleicht. Aber man könnte noch etwas anderes vermuten, nämlich einen Abgleich des Hamilton'schen Verwandten-Altruismus nach den von Adam Smith erstmals formulierten Gesetzmäßigkeiten der Arbeitsteilung. Verwandten-Altruismus wird leichter, kann auf mehr Menschen mit geringerem durchschnittlichen Verwandtschaftsgrad ausgedehnt werden, wenn man sich spezialisiert, wenn man also mit weniger Aufwand mehr produziert. Das ist - übrigens - die Grundthese einer von dem Autor dieser Zeilen schon vor allerhand Jahren an der Universität Gießen begonnenen Doktorarbeit. Auch bei fortlaufender Durchsicht der Forschungsliteratur findet sich in den letzten Jahren keine Arbeit, die eine solche These konsequenter verfolgen würde. Dabei könnte man wenig als naheliegender empfinden als einen solchen evolutionspsychologischen Zusammenhang.

Ein "nichtzentralisierter" gesellschaftlicher Prozeß

Die Autoren beenden ihren kurzen Artikel mit den Worten, der erforschte Siedlungsprozeß im historischen Verlauf der Jahrhunderte und Jahrtausende (2)

legt eine größere Rolle nichtzentralisierter Prozesse im Zusammenhang mit dem ursprünglichen Anwachsen der Siedlungsgröße von Brak nahe und eine geringere Bedeutung von zentralisierter Autorität. Er legt ebenso nahe, daß das Studium der mesopotamischen städtischen Lebensweise mit vielfältigen Modellen für die Entstehung von Städten in Abgleich gebracht werden muß.
suggests a greater role for noncentralized processes in the initial growth of Brak and lesser importance for centralized authority; it also suggests that the study of Mesopotamian urbanism must accommodate multiple models for the origins of cities.
Abb. 3: Christian Cordes

Ein "nichtzentralisierter" gesellschaftlicher Prozeß bedeutet, daß viele Menschen Verantwortung übernehmen und tragen für die gesellschaftliche und wirtschaftliche Entwicklung.

Mehr oder weniger selbstgewählte Verantwortung (englisch: "commitment") ist etwas, das - wie viele Arbeitgeber und Firmen wissen - letztlich gar nicht "bezahlt" werden kann, nicht auf der Grundlage des "Gegenseitigkeits-Prinzips" "entlohnt" werden kann. Immer mehr Forscher (siehe 3, 4), gegenwärtig zum Beispiel Christian Cordes am Max Planck-Institut für Ökonomik in Jena (Abb. 3), ziehen deshalb zur Erklärung dieses "commitment" eine ethnische oder "quasi-ethnische" ("pseudo-ethnische") Komponente in Betracht: Man identifiziert sich mit seiner Firma wie früher der Mensch sich mit seinem Stamm identifiziert hat. Und man entfaltet aus dieser Identifikation heraus berufliches Verantwortungsgefühl, das keiner ausgefeilten Kontrolle "von oben" bedarf, um ein selbstverantwortliches Berufsethos auszubilden.

Das stalinistische Prinzip des Verdachts - "Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser" - wird also in ein freiheitlicheres Prinzip des Vertrauens umgewandelt: Vertrauen ist gut und Kontrolle wird in die Eigenverantwortlichkeit des - sozusagen - "sittlich gefestigten" Mitarbeiters verlegt.

Da ist dann - freilich noch nicht besonders explizit und präzise - der Verwandten-Altruismus "irgendwie" wieder in die Erforschung arbeitsteiliger, wirtschaftlicher Systeme zurückgekehrt. Er könnte auch hochgradig arbeitsteilige Dienstleistungs-Gesellschaften innerlich flexibel erhalten. - Und so wird es sicher sinnvoll sein, weiter an einer präziseren theoretischen Fassung derartiger kausaler Zusammenhänge arbeiten. Auch andere Autoren (5) könnte man dabei im Blick behalten.

Skepsis - Funktioniert Arbeitsteilung von selbst reibungslos?

[ Ergänzung 16.1.2022 ] Die starke Skepsis gegenüber der modernen Medizin, gegenüber Medienwelt und Politik, die sich gegenwärtig innerhalb einer Impf-kritischen und Corona-Politik-kritischen Szene der westlichen Öffentlichkeit manifestiert und festigt, zeigt, daß ein solches, selbstverständliches Vertrauen in die Eigenverantwortung selbstständig agierender Fachleute und Fachdisziplinen und deren ganzheitliches Zusammenwirken zum Wohle aller, innerhalb arbeitsteiliger Gesellschaften gerne auch einmal wieder schwinden kann, bzw. daß einzelnen Fachleuten aufgrund von "Tunnelblick" auf ihr eigenes Fachgebiet von korrupten Medien und Politikerrn zu viel Bedeutung zugesprochen werden kann, anstatt die von diesen formulierten Interessen mit dem Gesamtinteresse einer Gesellschaft in einen sehr sorgfältigen Abgleich zu bringen. 

Seit fast zwei Jahren wird beispielsweise die gesamte Gesellschaft im Verhalten und in der wirtschaftlichen Durchstrukturierung auf sogenannte "vermeidbare" Corona-Tote hin durchstilisiert, während man sich zuvor und zeitgleich um "vermeidbare" Rauchertote, die seit Jahrzehnten in ähnlicher Zahl (150.000) und in ähnlichem Alter sterben, in vergleichbarer Weise nicht erregt und empört hat. Dabei ist inzwischen sogar bekannt, daß Raucher - selbst nachdem sie aus allen Innenräumen verdrängt worden sind - schon allein durch ihre Körperausdünstung andere gesundheitlich schädigen, also etwas, was zugleich - wiederum - den Ungeimpften viel mehr zum Vorwurf gemacht wird als den Rauchern. Hier scheint uns beiderlei verloren gegangen zu sein: Zum einen Augenmaß in der Einordnung von beruflichen Anliegen (z.B. in diesem Fall von Virologen), sowie zum zweiten - und daraus folgend - Vertrauen darin, daß Korruption und Manipulation innerhalb von Politik und Medienwelt nicht längst alles vertretbare Maß überschritten haben.

Dieser Umstand scheint uns ein Hinweis darauf zu sein, daß das sozusagen "reibungslose" Funktionieren arbeitsteiliger Gesellschaften eben doch zahlreichen Gefährdungen unterliegen kann, die noch heute oft zu wenig in Rechnung gestellt werden. Altruismus hieße in dem vorliegenden Falle, auch als Virologe, Epidemiologe und Gesundheitspolitiker das Gesamte im Blick zu behalten und nicht die kurzfristigen Sonderinteressen von einzelnen beruflichen Anliegen.

_______________

*) "Chalcolithic" ist "Kupferzeit" (Wiki, Wiki-deutsch) - der Begriff "Steinzeit", etwa in "Jungsteinzeit" oder in "Kupfersteinzeit" weckt allerdings ziemlich falsche Assoziationen. Schließlich denkt man dabei eher an Neandertaler als an moderne, arbeitsteilige Dorf- und Stadt-Gesellschaften wie sie hier vorliegen. Es könnte deshalb sinnvoll sein, diese Begriffe möglichst wenig zu benutzen.
**) Ergänzung 16.1.2022: Man darf auch gerne im Hinterkopf behalten, daß diese Stadtentwicklung von Tell Brak in Nordmesopotamien parallel ging zur Entwicklung der Maikop-Kultur (4.000-3.200 v. Ztr.) (Wiki) nördlich des Kaukasus, die nämlich auch von Nordmesopotamien aus beeinflußt war. Sie ging zudem zeitlich parallel zur Cucuteni-Tripolje-Kultur (Wiki) in der Ukraine, deren Megasiedlungen um 3.800 v. Ztr. schon bis zu 340 Hektar umfaßten. - - - Durch Keilschrift-Quellen andernorts kann Tell Brak als "Kagar" identifiziert werden. Hier wurden um 3.000 v. Ztr. Kunga gezüchtet, die vierrädrige Streitwagen zogen. Hierzu wurden Hausesel (die genetisch zur heute noch fortexistierenden Gruppe der "Afrikanischen Esel" gehörten) mit Wildeseln gekreuzt (die genetisch zur heute ausgestorbenen Gruppe der "Syrischen Wildesel" gehörten). Die entstandenen Tiere haben Eigenschaften gehabt, die sie zu angesehenen, prestige-trächtigen Zugtieren machten. Sie waren zwar unfruchtbar, galten aber als sehr wertvoll. Da sich von Nordmesopotamien aus viele kulturelle Einflüsse auf die reiche Maykop-Kultur nördlich des Kaukasus auswirkten, wird es nicht unwahrscheinlich sein, daß die dortige Domestizierung unseres heutigen Hauspferdes zunächst zum Zugtier von zweirädrigen Streitwagen (um 2.200 v. Ztr.) ihre Anregung von Nordmesopotamien heraus erhalten hat (St. gen. 2021).

________ 



ResearchBlogging.org
































/ ursprünglich veröffentlicht 25.11.2007;
überarbeitet 16.1.2022 /

_____________________________________

  1. Andrew Lawler: Murder in Mesopotamia? Science, Vol 317, 31.8.07, S. 1164f
  2. Jason A. Ur, Philip Karsgaard, Joan Oates: Early Urban Development in the Near East. Science, Vol. 317, 31.8.07, S. 1188, DOI: 10.1126/science.1138728
  3. Nesse, Randolph M. (ed.): Evolution and the Capacity of Commitment. 2002
  4. Cordes, Christian (MPI für Ökonomik, Jena): diverse Publikationen
  5. Salter, Frank: On Genetic Interest. 2006
Related Posts Plugin for WordPress, Blogger...

Beliebte Posts (*darunter finden sich leider selten neuere Beiträge*)

Registriert unter Wissenschafts-Blogs

bloggerei.de - deutsches Blogverzeichnis

Haftungsausschluß

Urheber- und Kennzeichenrecht

1. Der Autor ist bestrebt, in allen Publikationen die Urheberrechte der verwendeten Bilder, Grafiken, Tondokumente, Videosequenzen und Texte zu beachten, von ihm selbst erstellte Bilder, Grafiken, Tondokumente, Videosequenzen und Texte zu nutzen oder auf lizenzfreie Grafiken, Tondokumente, Videosequenzen und Texte zurückzugreifen.

2. Keine Abmahnung ohne sich vorher mit mir in Verbindung zu setzen.

Wenn der Inhalt oder die Aufmachung meiner Seiten gegen fremde Rechte Dritter oder gesetzliche Bestimmungen verstößt, so wünschen wir eine entsprechende Nachricht ohne Kostennote. Wir werden die entsprechenden Grafiken, Tondokumente, Videosequenzen und Texte sofort löschen, falls zu Recht beanstandet.