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Donnerstag, 15. Mai 2025

Ein sehr konservatives Volk an der Nordsee-Küste macht Revolution (2.400 v. Ztr.)

Eine sehr konservative Genetik und Kultur in den Küstenregionen der Nordsee 
- Sie wird Ausgangspunkt für die Ethnogenese der italo-keltischen Völkergruppe, bzw. der Glockenbecherkultur

Wir hatten gerade im März erst völlig neue Erkenntnisse über die Entstehung und Geschichte der keltischen und italischen Völker in Europa behandelt (Stg25). Es geschah das unter dem Titel "Bollwerk Germanien", um deutlich zu machen, daß diese keltischen und italischen Völker mehrfach ohne langfristigen Erfolg versuchten, nach Skandinavien einzudringen, wodurch sich in Skandinavien eine vergleichsweise "konservative" Völkergruppe erhielt, nämlich die germanische.

Abb. 1: Hoher verbliebener Jäger-Sammler-Herkunftsanteil an der Nordseeküste zwischen Weser, Weserbergland und Schelde zwischen 4.500 und 2.500 v. Ztr. (aus 1) - Ausgangspunkt für die Ethnogenese der Glockenbecher-Kultur (!) 

In einer neuen archäogenetischen Studie wird nun - zunächst im Preprint - auf die Bedeutung eines anderen genetisch sehr konservativen Volkes an der Nordseeküste hingewiesen. Nämlich auf einen lange Zeit nachwirkenden, ungewöhnlich hohen Jäger-Sammler-Anteil in den neolithischen und frühbronzezeitlichen Kulturen zwischen Weser, Weserbergland und Schelde (1) (s. Abb. 1). / Ergänzung 14.2.2026: Die Studie ist inzwischen auch offiziell erschienen (3) mit einem journalistischen Begleitartikel von Ewen Callaway (Nature2026). / 

Nordhessen einerseits, die Niederlande und Flandern andererseits

Fast zeitgleich zum Preprint der hier zu behandelnden archäogenetischen Studie zu den Niederlanden und Flandern erscheint eine weitere, die einen ähnlich konservativen, hohen Jäger-Sammler-Anteil aufzeigt für die benachbarten Regionen in Nordhessen und Südniedersachsen. Nämlich für die dortige Wartberg-Kultur (3.500-2.800 v. Ztr.) (Wiki) und die dortige Westliche Trichterbecher-Kultur (4.300-2.800 v. Ztr.) (Wiki) (2), und zwar in Menschen, die in dortigen, zum Teil berühmten Galerie- und Megalithgräbern bestattet worden waren. Zum Beispiel im berühmten Galeriegrab von Züschen in Nordhessen, in dem es eines der ältesten Wagendarstellungen der Weltgeschichte gibt. 

Es wird all dies aufgezeigt anhand der Analyse von 129 Genomen, die aus Skeletten gewonnen werden konnten von den Fundorten in Altendorf, Niedertiefenbach, Rimbeck, Warburg und Züschen (alle der Wartberg-Kultur in Nordhessen/Westfalen zugehörig), sowie von dem Fundort Sorsum (im südlichen Niedersachsen, der Westlichen Trichterbecher-Kultur zugehörig). Die Genome all dieser Menschen wiesen genetisch einen hohen westeuropäischen Jäger-Sammler-Anteil auf, nämlich zwischen 25 und 50 %, im Durchschnitt 35 %.

Außerdem aber wird in dieser archäogenetischen Nordhessen-Studie Eliten-Verwandtschaft aufgezeigt rund um die genannten Großsteingräber, und zwar zum Teil über mehr als 200 Kilometer hinweg (2). Wir haben es hier mit einer ähnlichen Erscheinung zu tun, wie sie 2020 schon für die berühmtesten Megalithgräber in Irland aufgezeigt worden war (Stg20), wodurch staatliche Strukturen, "Großreiche" in Nordeuropa schon für das Mittelneolithikum immer wahrscheinlicher werden.

Aber mehr noch: die in diesen Galerie-Gräbern repräsentierten mittelneolithischen Fürstentümer und Königreiche in der norddeutschen Tiefebene und an der Nordseeküste scheinen nun das Kerngebiet der Ethnogenese der Glockenbecher-Kultur ab 2.460 v. Ztr. gewesen zu sein oder diesem Kerngebiet räumlich, genetisch und kulturell sehr nahe gestanden zu haben (1). Zunächst lesen wir von (1) ...

... der Region rund um das Rhein-Maas-Gebiet in Gemeinschaften in den Feuchtgebieten, Flußgebieten und Küstengebieten der westlichen und zentralen Niederlande, Belgiens und Westdeutschlands, wo wir genomweite Daten für 109 Menschen zwischen 8500 und 1700 v. Ztr. zusammentrugen. Hier überlebte eine besondere Population mit hohem Jäger- und Sammleranteil (∼50 %) bis zu dreitausend Jahre länger als in kontinentaleuropäischen Regionen, was auf die begrenzte Eingliederung von Frauen früheuropäischer Bauernabstammung in die lokalen Gemeinschaften hindeutet. In den westlichen Niederlanden war auch die Ankunft des Schnurkeramik-Komplexes außergewöhnlich: Tieflandbewohner aus Siedlungen, die Schnurkeramik übernahmen, hatten trotz eines charakteristischen Y-Chromosoms der frühen Schnurkeramik kaum Steppenvorfahren. Der begrenzte Zustrom könnte die einzigartige Ökologie der flußdominierten Landschaften der Region widerspiegeln, die sich nicht für die flächendeckende Übernahme des frühneolithischen Landwirtschaftstyps eigneten, der mit der Linearbandkeramik eingeführt wurde. Dadurch konnten bereits etablierte Gruppen gedeihen und eine dauerhafte, aber durchlässige Grenze geschaffen werden, die Ideentransfer und Genfluß auf niedriger Ebene ermöglichte. Dies änderte sich mit der Entstehung durch Vermischung von Bevölkerungen der Glockenbecherzeit um 2500 v. Ztr. durch die Verschmelzung lokaler Rhein-Maas-Bevölkerung (9-17 %) und mit der Schnurkeramik assoziierter Migranten beiderlei Geschlechts. Ihre Ausbreitung aus der Rhein-Maas-Region hatte dann zerstörerische Auswirkungen auf einen viel größeren Teil Nordwesteuropas, einschließlich Großbritannien, wo ihre Ankunft die Hauptursache für eine 90-100-prozentige Verdrängung der lokalen neolithischen Bevölkerung war.
... the wider Rhine-Meuse area in communities in the wetlands, riverine areas, and coastal areas of the western and central Netherlands, Belgium and western Germany, where we assembled genome-wide data for 109 people 8500-1700 BCE. Here, a distinctive population with high hunter-gatherer ancestry (∼50%) persisted up to three thousand years later than in continental European regions, reflecting limited incorporation of females of Early European Farmer ancestry into local communities. In the western Netherlands, the arrival of the Corded Ware complex was also exceptional: lowland individuals from settlements adopting Corded Ware pottery had hardly any steppe ancestry, despite a characteristic early Corded Ware Y-chromosome. The limited influx may reflect the unique ecology of the region’s river-dominated landscapes, which were not amenable to wholesale adoption of the early Neolithic type of farming introduced by Linearbandkeramik, making it possible for previously established groups to thrive, and creating a persistent but permeable boundary that allowed transfer of ideas and low-level gene flow. This changed with the formation-through-mixture of Bell Beaker using populations ∼2500 BCE by fusion of local Rhine-Meuse people (9-17%) and Corded Ware associated migrants of both sexes. Their expansion from the Rhine-Meuse region then had a disruptive impact across a much wider part of northwest Europe, including Britain where its arrival was the main source of a 90-100% replacement of local Neolithic peoples.

Der Hauptkomponenten-Analyse für die Verwandtschaftsverhältnisse zwischen den neolithischen und bronzezeitlichen Bevölkerungen im Rhein-Maas-Gebiet entnehmen wir, daß es dort mit jeder neuen archäologischen Kultur während des Neolithikums zu einem weiteren Vermischungsschub kam (Abb. 2). 

Abb. 2: Hauptkomponenten-Analyse für die Verwandtschaftsverhältnisse zwischen den neolithischen und bronzezeitlichen Bevölkerungen im Rhein-Maas-Gebiet (aus 2)

Wir haben zunächst Menschen mit 100 % westeuropäischem Jäger- und Sammler-Anteil (Abb. 2: gelb). Mit der dortigen Swifterbant-Kultur (Wiki), die parallel zur bandkeramischen Kultur entstand, kam es zu Vermischungen mit Menschen der bandkeramischen Kultur, und zwar in recht unterschiedlichen Anteilen (Abb. 2: dunkelblau). Die mittel- und spätneolithische Wartberg-Kultur (Abb. 2: hellblau) weist dann Herkunftsanteile auf wie oben schon anhand (2) wiedergegeben.

Auf Baltrum waren die Menschen genetisch noch "konservativer"

Wir lesen außerdem über genetisch noch "konservativere" Menschen in der Blätterhöhle in Westfalen und auf der schönen Nordseeinsel Baltrum (1):

Zu den seltenen Ausnahmen zählen ein Individuum aus dem Mittelneolithikum von der Insel Baltrum (BLR001) und ein veröffentlichtes Individuum aus der Blätterhöhle (I1565), beide mit einer Abstammung von >75 % von Jägern und Sammlern, sowie einige mit der Wartberg-Kultur in Zusammenhang stehende Individuen mit einem WHG-Abstammungsanteil von nur 25 %.
Rare exceptions include one Middle Neolithic individual from the island of Baltrum (BLR001) and one published individual from the Blätterhöhle cave (I1565), both with >75% hunter- gatherer ancestry, and also some Wartberg-associated individuals with a range of WHG ancestry reaching as low as 25%.

Ab 3.000 v. Ztr. nehmen die Menschen des Niederrhein-Gebietes dann die Kultur der indogermanischen Schnurkeramik an. Aber ihre Genetik verändert sich dabei einmal erneut nicht wesentlich. Sie bleiben weiterhin "konservativ". Es kommt nur zu leichten genetischen Einmischungen der Schnurkeramiker (Abb. 2: rot).

Auch als "Schnurkeramiker" blieben die Menschen an der Nordseeküste genetisch "konservativ"

Erst ab 2.500 v. Ztr. wandelt sich das genetische Abstammungsbild drastisch. Die einheimische Bevölkerung wird genetisch ersetzt durch die Glockenbecher-Kultur (orange), die ein völlig anderes Herkunftsprofil aufweist. Über die Ankunft der Glockenbecher-Genetik und -Kultur in den Niederlanden wird vornehmlich aus archäologischer Sicht ausgeführt (2):

Die Ankunft des Glockenbecher-Komplexes um 2500 v. Ztr. markierte einen weiteren großen kulturellen Übergang. Mit ihr breiteten sich Siedlungen über die Feuchtgebiete und Küstengebiete aus und ersetzten Siedlungen von Vlaardingen/Schnurkeramik, obwohl sie im Allgemeinen nicht dieselben Standorte nutzten. Die Glockenbecher-Wirtschaft war der vorherigen Schnurkeramik-Wirtschaft ähnlich und bestand hauptsächlich aus Landwirtschaft, gemischt mit Jagen und Sammeln von geringer Intensität. Im sandigen Hochland gab es eine Fortsetzung des Hügelgräberrituals, allerdings mit ausgeprägten Glockenbecher-Merkmalen und einer materiellen Kultur, die das Schnurkeramik-Repertoire ersetzte. Glockenbecher-Gruppen sind auch südlich des Rheins gut belegt, wie Glockenbecher-Grabhügel auf den Sandböden der südlichen Niederlande und Belgiens belegen.
The arrival of the BB complex around 2500 BCE marked another major cultural transition, as settlements spread across the wetlands and coastal areas, replacing Vlaardingen/CW settlements, though generally not using the same sites28. The BB economy was similar to the previous CW one and consisted of predominantly farming mixed with low-intensity hunting and gathering. In the sandy uplands, there was a continuation of the barrow ritual, but with distinct BB characteristics and material culture replacing the CW repertoire34,35. BB groups were also well attested south of the Rhine, as evident in BB burial mounds on the sandy soils of the southern Netherlands and Belgium32,36,37. BB settlement sites remain just as elusive in this area as CW settlements.

Ab 2.500 v. Ztr. vollzieht sich auch die Indogermanisierung Armeniens und Griechenlands und auch dort beobachten wir - wie anderwärts - ein vergleichsweise grausames Ausrotten der Vorbevölkerung, bildlich dargestellt etwa in dem Silberbecher von Karashamb aus der Zeit um 2.200 v. Ztr. (Stg23). Dieses grausame Ausrotten ist zeitgleich durch die Archäogenetik auch in Böhmen und anderwärts zu beobachten.

Aber dann kam die Glockenbecher-Kultur ...

Über die Glockenbecher-Genetik in den Niederlanden wird ausgeführt (2):

Alle 13 verfügbaren Individuen, die mit der Glockenbecher-Kultur in Zusammenhang stehen, scheinen in der Hauptkomponentenanalyse genetisch den Gruppen nahezustehen, die in Zusammenhang mit der Schnurkeramik-Kultur stehen, jedoch nicht mit den vorhergehenden lokalen Vlaardingen/Schnurkeramik-Individuen aus dem Rhein-Maas-Gebiet. Sie können mit einer Abstammung von ∼83 % aus dem Hauptcluster der Schnurkeramik-assoziierten Individuen und ihre restliche Abstammung aus einer mit dem Wartberg-Neolithikum verwandten Gruppe modelliert werden, die jene neolithische Bevölkerung aus dem Rhein-Maas-Gebiet mit dem niedrigsten Grad an Jäger- und Sammler-Abstammung repräsentiert, oder als Mischung zwischen mittel- und spätneolithischen Gruppen von außerhalb des Rhein-Maas-Gebiets (z. B. Kugelamphore in Polen, TRB in Tschechien, Baalberge in Deutschland, Neolithikum-Chalkolithikum in Iberien) und spätneolithischen Populationen aus Belgien. Alle diese Szenarien deuten auf eine Abstammungsänderung von ∼83–91 % (aber nicht 100 %) hin, die mit der Ankunft des Glockenbecher-Komplexes in der Rhein-Maas-Region verbunden ist (Ergänzende Tabelle 5). Ein Beitrag der lokalen Bauern des Rhein-Maas-Deltas mit ihrem charakteristischen Merkmal einer hohen Jäger- und Sammlerabstammung ist essenziell, um die Entstehung der mit dem Rhein-Maas-Delta assoziierten Glockenbecher-Individuen zu modellieren. Sogar bei 9–17 % können wir davon ausgehen, daß diese lokale Vermischung stattfand: Modelle, denen dieser einzigartige genetische Beitrag der Bauern des Rhein-Maas-Deltas fehlt, werden mit hoher Signifikanz zurückgewiesen. Das deutet darauf hin, daß die beobachtete Vermischung zwischen den mit der Schnurkeramik-Kultur verbundenen Gruppen und europäischen Bauern, die das genetische Profil des Rhein-Maas-Deltas bildete, in der Region selbst stattgefunden haben muß. Radiokarbondatierungen legen außerdem nahe, daß die Rhein-Maas-Region einer der frühesten Orte war, an denen das Glockenbecher-Kulturphänomen auftrat. Während das früheste Vorkommen von Glockenbecher-Kulturmaterial auf der Iberischen Halbinsel lokalisiert wurde, zeigen unsere Ergebnisse, daß eine frühe Bildung von Glockenbecher-assoziierten Gruppen, die nicht nur kulturell, sondern auch genetisch von Schnurkeramik-Nutzern beeinflußt wurden, auch im Rhein-Maas-Gebiet stattfand.
All 13 available BB-associated individuals appear genetically close to CW-associated groups, but not to the preceding local Rhine-Meuse area Vlaardingen/CW individuals in the PCA. They can be modeled with ∼83% ancestry from the main cluster of CW-associated individuals (Supplementary Table 5), and their remaining ancestry from a Wartberg Neolithic-related group, representing the Neolithic population from the Rhine-Meuse area with the lowest level of hunter-gatherer ancestry, or as a mixture between Middle and Late Neolithic groups from outside the Rhine-Meuse area (e.g. Poland Globular Amphora, Czechia TRB, Germany Baalberge, Iberia Neolithic-Chalcolithic) and Late Neolithic populations from Belgium. All these scenarios point to a ∼83-91% (but not 100%) ancestry change associated with the arrival of the BB complex in the Rhine-Meuse region (Supplementary Table 5). A contribution of local Rhine-Meuse delta farmers, with their distinctive signature of high hunter-gatherer ancestry, is essential to model the formation of Rhine-Meuse delta BB-associated individuals. Even at 9-17%, we can be confident this local admixture occurred: models lacking this unique Rhine-Meuse delta farmer genetic contribution are rejected with high significance. This suggests that the observed mixture between CW culture associated groups and European farmers that formed the genetic profile of Rhine-Meuse delta BB must have occurred in the region itself. Radiocarbon dates further suggest that the Rhine-Meuse area was one of the earliest places where the BB cultural phenomenon arose61. While the earliest appearance of BB cultural material has been located in Iberia62, our results show that early formation of BB-associated groups, influenced not just culturally but also genetically by CW users, also occurred in the Rhine-Meuse area.

Vor zwei Monaten erst war - wie eingangs angedeutet - eine Studie aus dem Labor von Eske Willerslev erschienen, die den Ursprung der Glockenbecher-Kultur in Nordfrankreich lokalisierte für die Zeit ab 2.463 v. Ztr., und die eine Ausbreitung in die Niederlande ab 2.384 v. Ztr. annahm (Stg25). Man darf gespannt sein, wie weit sich die Kernregion der Ethnogenese der Glockenbecherkultur künftig noch eingrenzen lassen wird.

Jedenfalls wird hier einmal erneut eine spannende Beobachtung gemacht. Einmal erneut - wie dies schon zum Beispiel archäogenetischen Studien zu Böhmen (Stg21) oder zu Ungarn/Kroatien (Stg22) gleich mehrfach beobachtet worden war (ebenso in Westfrankreich: Stg25) - sind es einheimische europäische Jäger-Sammler-Anteile, die einen entscheidenden Beitrag leisten zur Ethnogenese neuer Völker. In dem vorliegenden Fall an der Nordseeküste sogar zur Ethnogenese eines der bedeutendsten Völker der europäischen Geschichte überhaupt, nämlich der Glockenbecher-Kultur und damit der italo-keltischen Völkergruppe.

"Das untergehende Vaterland" - ein "Werden im Vergehen"

Wir ahnen, bzw. bekommen damit einmal erneut vor Augen geführt, daß "konservative" Völker dennoch zum Fortschritt der Völkergeschichte beitragen oder vielleicht gerade deshalb, weil sie so konservativ sind und darum einer Welt, die sich inzwischen völlig gewandelt hat, "Impulse" geben können, die aus weniger konservativen Völkern nicht mehr gegeben werden können, da sie zu sehr angepaßt sind an die inzwischen "modern" gewordene Welt. Wir ahnen einmal erneut ein dynamisches Wechselspiel zwischen sehr konservativen und sehr fortschrittlichen Tendenzen und Ausrichtungen innerhalb der Völkergeschichte, und daß beide Tendenzen oft sehr nahe beieinander liegen können. Ähnliches glaubten wir ja auch schon etwa bei der Ethnogenese der Urindogermanen an der Mittleren Wolga zu beobachten, wo zwei sehr gegensätzliche Lebensweisen zu einer neuen Lebensweise verschmolzen und etwas völlig Neues schufen.

Und wir erkennen damit - vielleicht einmal erneut: daß auch die norddeutsche Tiefebene und die Küstenregionen der Nordsee schon im Neolithikum und in der frühen Bronzezeit eine für das übrige Europa vergleichsweise "konservative" Genetik und Kultur aufgewiesen haben, die aber nicht bedeutungslos im "Strom der Geschichte" "versiegten". Denn welch große Überraschung zugleich: Genau diese konservative Genetik und Kultur in den Küstenregionen der Nordsee scheinen der Ausgangspunkt gewesen zu sein für die Entstehung einer der bedeutendsten Völkergruppen der europäischen Geschichte, insbesondere der Bronze- und Eisenzeit, nämlich der italo-keltischen Völkergruppe und der Glockenbecher-Kultur, die diese begründete.

Wir erkennen damit zugleich, daß die große Geschichte der  Völkergruppe der westeuropäischen Jäger und Sammler (Stg21) um 2.400 v. Ztr. zwischen Weser und Schelde einen sehr überraschenden "Endpunkt" findet, einen Abschluß, der womöglich sogar als ein neues, illustrierendes Beispiel gelten kann für den so grundlegenden geschichtsphilosophischen Gedanken von Friedrich Hölderlin (1770-1843) rund um das von ihm umsonnene Theorem vom "Werden im Vergehen" (Zeno):

Das untergehende Vaterland, Natur und Menschen, insofern sie in einer besondern Wechselwirkung stehen, eine besondere ideal gewordene Welt, und Verbindung der Dinge ausmachen, und sich insofern auflösen, damit aus ihr und aus dem überbleibenden Geschlechte und den überbleibenden Kräften der Natur, die das andere, reale Prinzip sind, eine neue Welt, eine neue, aber auch besondere Wechselwirkung, sich bilde, so wie jener Untergang aus einer reinen, aber besondern Welt hervorging. (...) Dieser Untergang oder Übergang des Vaterlandes (in diesem Sinne) fühlt sich in den Gliedern der bestehenden Welt so, daß in eben dem Momente und Grade, worin sich das Bestehende auflöst, auch das Neueintretende, Jugendliche, Mögliche sich fühlt. 

In der von uns behandelten Studie (1) wird ja zudem auch noch ausgeführt, daß es tatsächlich eine besondere "Wechselwirkung" gegeben hat zwischen den Menschen an der Nordseeküste und dem dortigen, wasserreichen Naturraum, die dazu führte, daß die vollneolithische und die nachmalige indogermanische Lebensweise viel zögernder angenommen wurde als in anderen Regionen.

Und es kann ja gar keinem Zweifel unterliegen, daß sich "das Neueintretende, Jugendliche, Mögliche" in der Glockenbecher-Kultur "fühlte" - - - angesichts des geradezu rasenden Eroberungssturmes, mit dem die Glockenbecherkultur von dem kleinen umrissenen Raum der Nordseeküste aus vordrang bis nach Südnorwegen, bis nach Böhmen, bis nach Schottland und Irland, bis nach Sizilien, bis nach Portugal, bis nach Nordafrika.

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  1. Long-term hunter-gatherer continuity in the Rhine-Meuse region was disrupted by local formation of expansive Bell Beaker groups. By: Iñigo Olalde, Eveline Altena, (...) Iosif Lazaridis, Swapan Mallick, Nick Patterson, Nadin Rohland, Martin B. Richards, Ron Pinhasi, Wolfgang Haak, Maria Pala, David Reich. als Preprint bioRxiv 2025.03.24 (biorxiv)
  2. Ben Krause-Kyora, Nicolas Antonio da Silva, Almut Nebel et al. Long-distance kinship in megalithic Europe, 06 May 2025, Preprint (Version 1) (Research Square) [https://doi.org/10.21203/rs.3.rs-6464608/v1]
  3. Olalde, I., Altena, E., Bourgeois, Q. et al. Lasting Lower Rhine–Meuse forager ancestry shaped Bell Beaker expansion. Nature (2026). https://doi.org/10.1038/s41586-026-10111-8 Published 11 February 2026 (Nature2026) (pdfoffizielle Version

Samstag, 8. März 2025

Bollwerk Germanien

Der Abwehrsieg der Germanen im Jahr 1250 v. Ztr. - Laßt uns ein neues Hermanns-Denkmal errichten - An der Tollense - Es ist so weit

Die großartige Goldhut-Kultur der Kelten - Sie eroberte Festland-Europa, England und die Levante (1300 bis 800 v. Ztr.) - Aber sie scheiterte an Germanien und Ägypten

Die Archäogenetik - Auch 2025 hageln aus ihr heraus wieder "Jahrhundert-Erkenntnisse":

  1. Die Eroberung Europas durch die Glockenbecher-Kultur ab 2360 v. Ztr.  - Ursprung: Nordfrankreich
  2. Die Eroberung Europas durch die Urnenfelder-Kultur ab 1300 v. Ztr. - Ursprung: Serbien

Die großartige Goldhut-Kultur, bzw. Urnenfelder-Kultur (Wiki) der Kelten entstand um 1900 v. Ztr. in Serbien und breitete sich ab 1300 v. Ztr. über ganz Europa aus (Abb. 1). 

Abb. 1: Bollwerk Germanien in Norddeutschland an der Tollense und die Eroberung des übrigen Europas durch die Urnenfelder-Kultur ausgehend von Serbien, 1300 bis 800 v. Ztr. (Wiki) - Der zeitgleiche Seevölker-Sturm im Mittelmeerraum, ebenfalls von Serbien ausgehend

Wir hatten diese Urnenfelder-Kultur hier auf dem Blog bislang noch nie wirklich als bedeutende, einflußreiche, geschichtsmächtige, archäologische Einheit, Kultur, Ethnie wahrgenommen. Wir hatten sie fast gar nicht "auf dem Schirm". Der Name selbst klingt ja auch schon nur nach Friedhof. Wie soll man bei einem solchen Namen auf Glanz, Herrlichkeit, Macht und Reichtum schließen? Wir nennen diese Kultur im folgenden nach den strahlendsten Gold-Kunstwerken, die sie hervorgebracht hat, wir nennen sie: die "Goldhut-Kultur" (Abb. 2).   

Wir müssen also mit diesem Blogartikel sehr viele Veränderungen der Wahrnehmung im Blick auf die europäische und mediterrane Geschichte mitteilen. Denn es sind wieder einmal reihenweise neue Erkenntnisse zusammen zu tragen, die sich nun alle - fast wie selbstverständlich - aus dem Fortschritt des Erkenntnisstandes der Archäogenetik ergeben (1). 

Die Urnenfelder-Kultur entfaltete sich zunächst zeitgleich zur großartigen Kultur von Mykene in Serbien. Sie griff aber dann räumlich noch viel weiter aus als das die Griechen der mykenischen Zeit innerhalb des Mittelmeerraumes getan haben. Man kann womöglich so sagen: 

  • 2.300 v. Ztr.: "Das Kommen der Griechen". Als die Jamnaja-Leute sich nach Griechenland hinein ausbreiteten, kam es zeitlich parallel zur Entstehung und Ausbreitung der keltischen Glockenbecher-Kultur über ganz Europa hinweg - von Nordfrankreich ausgehend (1). Die Ethnogenese der Italiker-Kelten, der Griechen und der Armenier erfolgte also in etwa zeitgleich.
  • 1.250 v. Ztr.: Blütezeit und Untergang von Mykene, Seevölkersturm. Sie können zeitlich parallel gesetzt werden zur Ausbreitung der keltischen Urnenfelder-Kultur über ganz Europa hinweg von Serbien ausgehend. Und vieles weist inzwischen darauf hin, daß der Untergang von Mykene und des Hethiter-Reiches auch mit der Ausbreitung der Urnenfelder-Kultur in Zusammenhang steht. 

Damit kann vielleicht verdeutlicht werden, daß die 3000-jährige Dynamik der keltischen Völkergeschichte in Europa um 1200 v. Ztr. ihren Höhepunkt erreicht und auch im Seevölkersturm im Mittelmeer-Raum ihren Ausdruck findet. 

Abb. 2: Die Goldhut-Kultur der Kelten um 1200 v. ztr. (Neues Museum, Berlin) (Fotograf: Sailko) (Wiki)

Die keltische Hallstatt-Kultur, die keltischen Wanderungen danach (Wiki), die Gallier zur Zeit Caesars, ja, die Blüte der antik-griechischen und hellenistischen Kultur könnten - aus dieser Sicht - auch "nur" als "Ausebben" einer noch viel gewaltigeren Dynamik eintausend Jahre zuvor angesehen werden.

Der englischsprachige Wikipedia-Artikel über die Goldhut-, bzw. Urnenfelderkultur (Wiki) gibt auch schon - allein über seine Bebilderung - ein viel differenzierteres Bild von dieser Kultur als dies der aktuell noch "langweiligere" deutschsprachige Artikel tut.

Wir selbst waren wir hier auf dem Blog in vielen Beiträgen schon oft genug mit dieser Urnenfelder-Kultur befaßt, ohne daß uns das bewußt war und ohne daß wir das Thema unter diesem Namen zusammen gefaßt hatten. So etwa in der Blogartikel-Serie zur "Bronzezeitlichen Stadtgeschichte" Mitteleuropas. (Ein Faux pas unsererseits? Oder einfach dem damaligen mangelhaften Kenntnisstand der Archäologie geschuldet? Wir sind verunsichert! Neue Erkenntnisse werfen ja nicht selten die Frage auf, warum man diese Erkenntnis nicht schon früher hatte, sondern sich so vergleichsweise "dumm" anstellte!)

Wann errichten wir ein Hermanns-Denkmal an der Tollense?

Es war offensichtlich diese großartige Goldhut- und Urnenfelder-Kultur, die um 1250 v. Ztr. in der Schlacht an der Tollense (Wiki) bei Altentreptow in Mecklenburg versucht hat, die Königreiche der Nordischen Bronzezeit in einem gigantischen Eroberungszug aufzurollen (s. Stg2019). Dort mußte das Großreich der Urnenfelder-Kultur eine erste und weltgeschichtlich offenbar zugleich auch noch sehr entscheidende Niederlage hinnehmen (s. Abb. 1). Die Königreiche der Nordischen Bronzezeit bewahrten sich durch diese Schlacht ihre germanische Sprache, Kultur und Genetik bis heute (1). Und damit bekommt die Schlacht an der Tollense um 1250 v. Ztr. eine ähnliche geschichtliche Bedeutung wie die Schlacht von Kalkriese im Jahre 9 n. Ztr. im Teutoburger Wald im Wiehengebirge. (Denn die Geographen und Historiker früherer Jahrhunderte hätten den Teutoburger Wald ja als Wiehengebirge bei Kalkriese identifizieren müssen, wenn sie schon so schlau gewesen wären wie wir heute.)  

Abb. 3: Kriegsausrüstung der Goldhut-/Urnenfelder Kultur (Wiki) - Kammhelme und Brustpanzer (aus einer Veröffentlichung von Gabriel de Mortillet [1821-1898])

Das Wiehengebirge ist der Teutoburger Wald, die Landkarten und der Sprachgebrauch müssen endlich der wissenschaftlichen Erkenntnis angepaßt werden so wie sie seit 25 Jahren festgestellt ist. Das Hermanns-Denkmal muß umgesetzt werden ins Wiehengebirge (!). Und an der Tollense muß ein weiteres Hermanns-Denkmal errichtet werden und dieses muß gemeinsam mit den Königen von Dänemark, Schweden und Norwegen eingeweiht werden (!). 

Es wird allmählich klar: So wie der Pharao Ramses III. (1221-1156 v. Ztr.) seinen Sieg über die Seevölker, über die Urnenfelder-Kultur (!?!) im Jahr 1180 v. Ztr. in großartigen Darstellungen verewigt hat (Wiki), so müssen auch wir Germanen unseren Sieg über die Urnenfelder-/Goldhut-Kultur siebzig Jahre zuvor feiern und seiner gedenken. Wann, wenn nicht jetzt?! Wir hatten damals einen starken Gegner. Genauso wie der Pharao Ramses III. von Ägypten. Und wir schlugen diesen Gegner. Genauso wie der Pharao von Ägypten 1180 v. Ztr., als er als Bericht einmeißeln ließ (Wiki):

Die Fremdländer verließen alle gemeinsam ihre Inseln. Es zogen fort und im Kampfgewühl sind die Länder verstreut auf einen Schlag. Kein Land hielt ihren Armen stand; von Ḫatti, Qadi, Qarqemiš, Arzawa, und Alasia an waren (nun) (alle) entwurzelt auf [einen Schlag].
Es wurde ein Lager aufgeschlagen an einem Ort im Inneren von Amurru. Sie vernichteten seine Leute und sein Land, als sei es nie gewesen. Sie kamen nun, indem die Flamme vor ihnen bereitet war, vorwärts gegen Ägypten, ihre Zwingburg (?). Die plst, ṯkr, šklš, dnjn und wšš, verbündete Länder, legten ihre Hände auf alle Länder bis ans Ende der Welt; ihre Herzen waren zuversichtlich und vertrauensvoll: Unsere Pläne gelingen.

Ein furchtbarer Kriegszug durch fast alle dem Pharao bekannten Länder - aus Gegenden heraus, die dem Pharao ganz unbekannt waren. 

Schon 2019 hatten wir grundlegende Zusammenhänge anhand einer neuen Studie des dänischen Archäologen Kristian Kristiansen verstanden. Wir veröffentlichten hier auf dem Blog unseren Artikel "Der große europäische Krieg, der zum Seevölkersturm führte".  Wir schrieben damals (Stg2019):

Ein junger "Makedonen"-König aus der Slowakei rollte ab 1340 v. Ztr. die süddeutsche Ökumene (Höhenburg-Kultur / Palast-Kultur) auf und führte dann - mit den Unterworfenen und neuen Verbündeten einen Kriegszug bis Mecklenburg, bis in das Tal der Tollense.

Wir kamen uns damals noch sehr kühn vor mit dieser "Hypothese". Der hier in phantastischer Weise mit dem jungen Makedonen-König Alexander dem Großen verglichene König aus der Slowakei wäre also jetzt zunächst einmal als ein König der Goldhut- und Urnenfeld-Kultur zu identifizieren.

Abb. 4: Das Portal der nordirischen Dorfkirche von Clonfert, über dem 16 in Stein gemeißelte abgeschnittene menschliche Köpfe "präsentiert" werden (Wiki) (aus: Stg2021)

Ein ähnlicher, herrlicher Abwehrsieg wie es den germanischen Königreichen der Nordischen Bronzezeit an der Tollense gelang und dem Pharao Ramses III. am Nil gelang offenbar den keltischen Königreichen auf den britischen Inseln nicht (wie wir noch sehen werden). Und anhand der Ausbreitungskarte der Urnenfelderkultur in Abb. 1 und der folgenden Ausführungen müssen wir nun auch die Lausitzer Kultur, die sich von der Gegend um Breslau aus nach Norden ausgebreitet hat, und deren Verhältnis zur keltischen Urnenfelderkultur wir schon vor drei Jahren umsonnen hatten (Stg2021), nun offenbar im Rahmen dieses Eroberungszuges der Urnenfelder-Kultur betrachten.

Schon 2021 hatten wir anhand von (2) über die Ausbreitungsbewegung der Urnenfelderkultur geschrieben (Stg2021):

Eine Besiedlungswelle ging insbesondere von der Urnenfelder-Kultur (Wiki) aus, die sich - ab 2000 v. Ztr. - vom zentralen Ungarn her ausbreitete. Die Forschung nimmt mehrheitlich an, daß sich mit ihr die nachmaligen Italiker, Iberer, Ligurer und Kelten ausbreiteten. (...) Ab 1900 v. Ztr. sei die Urnenfelder-Kultur im nordöstlichen Serbien südlich des Eisernen Tores anzutreffen. Während des darauffolgenden Zusammenbruchs des Tell-Systems um 1500 v. Ztr. breitete sich das Urnenfelder-Modell in einige weitere Regionen aus, in die südliche Poebene, auch in die Sava/Drava- und Untere Tisza-Ebene. In vielen dazwischenliegenden Regionen (etwa im Alpenraum) hat es lange keinerlei Urnenfelder-Kultur gegeben oder aber hybride Kulturen mit weniger radikaler Übernahme der Urnenfelder-Kultur-Elemente (etwa in der nördlichen Po-Ebene).

Aber es war uns noch nicht wirklich deutlich genug, daß dieses Unruhezentrum in Europa noch viel weitere Kreise gezogen hat. Durch die Archäogenetik wird dieser Umstand jetzt geklärt (1). 2011 hatten wir etwa schon - der Sache nach - von der süddeutsch-französischen "Kultur der Goldhüte" geschrieben (Stg2011), die sich bei dieser Gelegenheit ausbildete oder ausbreitete. Es haben sich also mit dieser Urnenfelder-Kultur auch erste Stadtanlagen nach Mitteleuropa hin ausgebreitet, die hier auf dem Blog vor vielen Jahren Thema waren. Die Urnenfelder-Kultur war vermutlich auch deshalb so erfolgreich, weil sie mit einer deutlich höheren Siedlungsdichte in den bronzezeitlichen Stadtanlagen samt der sie umgebenden Terrassierungen einher ging, die man ja zur gleichen Zeit von Mykene bis zu den britischen Inseln feststellt. Kein Wunder, daß sich das damit verbundene Bevölkerungswachstum zu einem "Seevölkersturm" auswachsen konnte.

Die Seevölker - Sie trugen die Waffen der Goldhut-/Urnenfelder-Kultur (!)

Wir lesen jetzt auch auf Wikipedia zu unserer Überraschung über die Herkunft der Seevölker (Wiki):

Nach neueren Forschungen der Archäologen Jung und Mehofer standen Gruppen in der Ägäis auch mit dem Apennin in engem Kontakt. Darauf weisen Ergebnisse archäometallurgischer Untersuchungen an spätbronzezeitlichen Schwertern und Fibeln hin. Die charakteristischen Hiebschwerter vom Typ Naue II wurden demnach in Italien hergestellt und verbreiteten sich von dort über die Ägäis in den östlichen Mittelmeerraum. Die typisch italischen Violinbogenfibeln wurden dagegen lokal in der Ägäis und der Levante hergestellt und wurden wohl von Auswanderern getragen, die zu Seevölkergruppen gehörten. Verschiedene Auswanderungswellen bildeten dann in einem Dominoeffekt den Seevölkersturm.
Mehofer und Jung (2013) sehen in ihren Untersuchungen eine Allianz zwischen italischen Ethnien und den zerfallenden mykenischen Stadtstaaten. Um 1200 v. Ztr. kollabierte die mykenische Palastkultur. Sie zerfiel in Stadtstaaten. Diese orientierten sich unter anderem an italischen Ethnien, die eine fortschrittliche Kriegstechnik entwickelt hatten. Mehofer und Jungs Neuwertung der bronzezeitlichen Funde aus Griechenland, Zypern, der Levante und Ägypten zeigen, daß etwa die Waffen nicht aus den jeweiligen Regionen stammen, sondern der Urnenfelderkultur Mitteleuropas (etwa 1300-800 v. Ztr.) zuzurechnen seien. So zeige sich seit dem 13. Jahrhundert v. Ztr. ein nachweisbarer Funktionswandel von den reinen Stich- zu den Hiebschwertern. So waren die in Mitteleuropa und Italien produzierten Griffzungenschwerter des Typs Naue II effektivere Waffen. Derartige Waffen verwendeten auch die Seevölker. Im östlichen Mittelmeer wurde bis ins 13. Jahrhundert v. Ztr. hauptsächlich mit Stichschwertern gekämpft, die funktionell dem neuzeitlichen Rapier oder Degen ähnelten. Die Kriegswerkzeuge des Typs Naue II hingegen konnten sowohl als Hieb- wie auch als Stichwaffen verwendet werden. Solche Waffensysteme waren den griechischen, levantinischen und ägyptischen Waffen überlegen, was zum militärischen Erfolg der Seevölker beitrug.

Hier auf dem Blog behandelten wir schon Hinweise darauf, daß das Volk der Phryger im Zusammenhang mit dem Seevölkersturm von der Lausitz aus über Thrakien nach Mittelanatolien eingewandert sein könnte (Stg20). Nun lesen wir in einer neuen archäogenetischen Studie, entstanden einmal erneut rund um die dänische Forschungsgruppe von Eske Willerslev und in Zusammenarbeit mit dem dänischen Archäologen Kristian Kristiansen, daß dieser Eroberungszug von der Slowakei und von Böhmen ausgehend auch archäogenetisch charakterisiert werden kann und - wie ebenfalls schon 2021 festgehalten - bis auf die britischen Inseln hin weiter verfolgt werden kann (1). 

Abb. 5: Eine mit Mauerwerk befestigte Siedlung der Daker in Siebenbürgen, dahinter aufgespießte Schädel, womöglich getötete Römer aus dem vorhergehenden Kriegszug des Domitian gegen die Daker, im Vordergrund geschlagene Daker, vermutlich Nachkommen der Urnenfelder-Kultur (aus: Stg2019)

Die neue Studie setzt aber thematisch zunächst tausend Jahre früher ein.

Die Glockenbecher-Kultur entstand um 2460 v. Ztr. in Nordfrankreich

Und zwar beim Zeitpunkt der Ethnogenese der Glockenbecher-Kultur und damit vermutlich der Ur-Italo-Kelten tausend Jahre zuvor, um 2460 v. Ztr., und zwar - offenbar - in Nordfrankreich (!) (1):

Wir verglichen zunächst die räumlich-zeitlichen Wahrscheinlichkeits-(bzw. "Kriging"-)Ergebnisse um 2300 v. Ztr., als die mit der Glockenbecher-Population verbundene Abstammung ihren ersten Höhepunkt erreichte, mit 500 v. Ztr., als die schriftlichen Aufzeichnungen die geografische Verbreitung der Kelten in ganz Europa dokumentieren. Während dieser Zeit blieb das Ausbreitungsgebiet der mit der Schnurkeramik verbundenen Abstammung unverändert (Abb. 2A, D), während sich die mit der Glockenbecher-Kultur verbundene Abstammung ausbreitete (Abb. 2B, E) und die mit den europäischen (mittelneolithischen) Bauern verbundene Abstammung ihr vormaliges Übergewicht verlor (Abb. 2C, F).
We first compared the spatio-temporal kriging results at around ~4300 BP, when ancestry associated with Bell Beaker population first peaks, to ~2500 BP, where the written record documents the geographical distribution of Celtic across Europe. During this period, the range of Corded Ware-related ancestry remains stable (Fig. 2A, D), but Bell Beaker-related ancestry expands (Fig. 2B, E) and European Farmer-related ancestry contracts, correspondingly (Fig. 2C, F).

Dieser Umstand war uns ja schon vor genau einem Jahr hier auf dem Blog so bedeutsam, ebenfalls erarbeitet anhand einer da,aöogem Archäogenetik-Studie aus der Gruppe um Eske Willerslev. Denn er gewährt einen völlig neuen Blick auf die wenig "dynamische" "germanische" Geschichte bis in die Römische Kaiserzeit hinein (Stg2024). Wir lesen nun weiter (1):

Basierend auf direkter Probenentnahme finden wir frühe Belege für Glockenbecher-Vorfahren in Frankreich ab 2463 v. Ztr., in den Niederlanden ab 2384 v. Ztr., auf den Britisch-Irischen Inseln ab ca. 2300 v. Ztr. (England: 2333 v. Ztr., Schottland: 2312 v. Ztr., Irland: 1906 v. Ztr.) und in Südeuropa ab ca. 2300 v. Ztr. (Spanien 2367 v. Ztr., Portugal 2158 v. Ztr., Italien 2212 v. Ztr.). Obwohl sie zu einer ähnlichen Zeit auftraten, ist der Anteil der Glockenbecher-Vorfahren in Frankreich, Spanien und Italien geringer als in Großbritannien und den Niederlanden (Ergänzende Abbildung S1.5).
Based on direct sampling, we find early evidence of Bell Beaker-related ancestry being present in France by 4463 BP, the Netherlands by 4384 BP, on the British-Irish Isles by ~4300 BP (England: 4333 BP, Scotland: 4312 BP, Ireland: 3906), and reaching southern Europe by ~4300 BP (Spain 4367 BP, Portugal 4158 BP, Italy 4212 BP). Despite occurring at a similar time, the proportion of Bell Beaker-related ancestry in France, Spain and Italy is less than that of Britain and the Netherlands (Supplementary Fig. S1.5).

Man kann damit vielleicht folgendes sagen: Die germanischen Völker in Skandinavien und Norddeutschland entstanden um 3.000 v. Ztr. mit der Zuwanderung der Schnurkeramiker. Diese germanischen Völker lebten dann für viele Jahrtausende einfach in Skandinavien, ohne daß sich ihre Genetik in größerem Umfang ausbreitete oder sich ihr Verbreitungsraum verringerte. Auch dank zweier welthistorisch bedeutsamer Schlachten, nämlich der an der Tollense um 1250 v. Ztr. und dank der Schlacht bei Kalkriese im Jahre 9 n. Ztr.. 

Abb. 6: Das Köpfen und Ermorden der Kriegsgefangenen bei der Eroberung Armeniens durch die Jamnaja - Silberbecher von Karashamb in Armenien, um 2.200 v. Ztr (s. Stg2023)

Die italo-keltische Völkergruppe entstand also an der Südgrenze des germanischen Verbreitungsraumes zeitgleich zur Entstehung der antiken Griechen. Und mit dieser italo-keltischen Völkergruppe kam offenbar für die nächsten drei Jahrtausende eine weitere Steigerung der Dynamik in die Völkergeschichte Europas. Über dreitausend Jahre hinweg wird die europäische Geschichte von den Kelten dominiert - nicht von Germanen. 

Es wäre übrigens mehr als naheliegend, für die Zeit um 2.300 v. Ztr. ebenfalls Abwehrschlachten der germanischen Völker gegen die italo-keltischen Glockenbecher-Leute anzunehmen. Diese werden einmal siegreicher, einmal weniger siegreich gewesen sein. Wir hörten hier auf dem Blog ja schon davon, daß die Glockenbecher-Leute als erste den Skagerrak direkt durchpaddelt haben. Das war für die damalige Zeit eine große seemännische Leistung. Und sie kamen damit zeitweise bis Norwegen (Stg2022). Aber sie haben dort dann aber offenbar doch keine Genetik hinterlassen. Vielleicht haben die Schnurkeramik-Nachfahren in Norwegen und Dänemark schließlich doch erbarmungsloser gegen sie zugeschlagen, als das bis heute bekannt geworden ist. Zeitgleich scheinen die Schnurkeramik-Nachfahren aber im Böhmischen Becken erbarmungslos ausgerottet worden zu sein (zumindest die Männer).

In Südeuropa tritt die (italo-keltische) Glockenbecher-Herkunft vermutlich insbesondere deshalb in geringerem Umfang auf, weil Südeuropa schon damals dichter besiedelt war und sich hier diese genetische Herkunft nicht ganz so leicht und stark durchsetzen konnte - in einer Art Replacement-Vorgang - wie auf den britischen Inseln oder auch in Teilen Mitteleuropas (z. B. in Böhmen).

In Nordfrankreich - Die gnadenlosen Ur-Italo-Kelten entstehen

Daß sich die Ethnogenese der frühen italo-keltischen Glockenbecher-Kultur in Nordfrankreich vollzogen hat. hören wir übrigens in dieser Studie zum ersten mal in der Literatur überhaupt. Offenbar ist dieser Entstehungsraum bislang noch nicht für die Glockenbecher-Kultur angenommen worden. Wir lesen weiter (1):

Weiter östlich ist die Schnurkeramik-Kultur der Glockenbecher-Kultur zeitlich voraus gegangen. Der Übergang (von ersterer zu letzterer) spiegelt sich genetisch wider, wobei die mit der Glockenbecher-Kultur verbundenen Individuen der Verbreitungsgrenze der mit der Schnurkeramik verbundenen Individuen folgen oder sich mit deren Ausbreitungsgrenze überschneiden. Dies ist in Deutschland (CWC-verwandt 2703-2358 v. Ztr., BB-verwandt bis 2439 v. Ztr.), Ungarn (BB-verwandt bis 2299 v. Ztr., andere CWC-verwandte aus derselben Zeit), der Tschechischen Republik (CWC-verwandt 2739-2477 v. Ztr., BB-verwandt bis 2333) und Polen (CWC-verwandt 2705-2239 v. Ztr., BB-verwandt bis 2250 v. Ztr.) zu beobachten. Darüber hinaus fanden wir in allen Regionen eine starke zeitliche Korrelation zwischen der Ankunft der mit den Glockenbecher-Leuten verwandten Herkunft und der Y-chromosomalen Haplogruppe R-P312, was die Verbindung zwischen beiden bestätigt (Supplementary Note S3).
Further east, the Bell Beaker period was preceded by the Corded Ware Culture. This transition is mirrored genetically in which the Bell Beaker-related individuals follow, or overlap with the end of, the temporal distribution of Corded Ware-related individuals. This is seen in Germany (CWC-related 4703–4358 BP, BB-related by 4439), Hungary (BB-related by 4299 BP, other CWC-related from the same time), Czech Republic (CWC-related 4739–4477 BP, BB-related by 4333), and Poland (CWC-related 4705–4239 BP, BB-related by 4250 BP). Additionally, in all regions, we found a strong temporal correlation between the arrival of Beaker-related ancestry and Y-chromosome haplogroup R-P312, confirming their association (Supplementary Note S3). 

Die Glockenbecher-Kultur ("Bell Beaker", deshalb "BB") ist also offenbar in Nordfrankreich entstanden und hat sich schon zehn Jahre später über Wallonien und Flandern bis an den Rhein ausgebreitet. Im Böhmischen Becken tritt sie einhundert Jahre später auf, in Ungarn noch einmal dreißig Jahre später, in Schlesien noch einmal 50 Jahre später. Eine solche schnelle demographische Ausbreitung muß zugleich aber auch daran liegen, daß die Menschen dieser Kultur sehr kinderreich gewesen sind.

Mit dieser Herkunft tritt ein neuer Y-chromosomaler Haplotyp auf, was darauf schließen läßt, daß die vorher in diesen eroberten Regionen lebenden Männer in größerem Umfang erschlagen worden sind. Dabei scheint es keine Rolle gespielt zu haben, ob die Feinde in ähnlichen Anteilen Steppengenetik in sich trugen (wie die Schnurkeramiker) oder nicht. Dieser Umstand ist schon 2021 in einer archäogenetischen Studie für Böhmen charakterisiert worden. Schon in dieser Studie war festgestellt worden (zit. n. Stg2021):

Sowohl die Schnurkeramiker wie die Glockenbecher-Leute durchliefen zwischen 2600 und 2400 v. Ztr. Veränderungen, die mit einschlossen einschneidende Rückgänge und vollständigen Austausch in der Vielfalt ihrer Y-Chromosomen.

Die Ur-Kelten scheinen also nicht gerade "zimperlich", sondern vielmehr ziemlich gnadenlos mit ihren Feinden umgegangen zu sein. Vielleicht waren sie auch schon "Kopfjäger" wie noch ihre Nachfahren in der Eisenzeit (Wiki) (s.a. Wiki) (Abb 1 und 2). Übrigens sind zur gleichen Zeit - 2.300/2.200 v. Ztr. - Armenien und Griechenland von den Jamnaja-Leuten erobert worden. Und vieles deutet darauf hin, daß diese Eroberungen ähnlich grausam vonstatten gingen wie die Eroberung Böhmens durch die Glockenbecher-Leute (Abb. 3) (s. Stg2023). 

Abb. 7: Ausrüstungsteile erschlagener Feinde - Präsentiert in einem Relief vom Osttor von Side an der Südküste der Türkei, 650 v. Ztr., ausgegraben aus den Dünen in den 1980er Jahren, heute im Museum von Side (eig. Aufn.) (aus: Stg2016)

Das Zurschaustellen von Ausrüstungsteilen erschlagener Feinde findet sich um 650 v Ztr. auch im anatolisch-indogermanischen Side an der Südküste der Türkei (Abb. 4).

Von wo stammten die Kelten, die um 1100 v. Ztr. die britischen Inseln eroberten?

Es werden dann die unterschiedlichen Herkunftsregionen der keltischen Zuwanderungen auf die britischen Inseln in verschiedenen Jahrhunderten charakterisiert anhand der jeweils vorherrschenden, bzw. hinzukommenden, regionalen mittelneolithischen Bauernkomponente. Das haben wir hier auf dem Blog in den Grundzügen auch schon anhand einer Studie von 2021 behandelt (Stg2021). Es heißt dazu (1):

Die Veränderungen in der (mittelneolithisch-)bäuerlichen Abstammung deuten auf Migrationen aus bestimmten Regionen Europas hin, in denen die jeweilige lokale (mittelneolithisch-)bäuerliche Abstammung vorherrschend war.
The changes in Farming ancestry present are suggestive of migrations from distinct regions of Europe in which local farming ancestry was incorporated.

Sprich, der Steppengenetik-Anteil unterscheidet sich nicht so stark wie der mittelneolithische bäuerliche Herkunftsanteil regional und deshalb kann man an letzteren die Zusammenhänge besser erkennen. Es gab auf den britischen Inseln Zuwanderungen aus Nordspanien ebenso wie aus Nordfrankreich. Und am Ende sogar aus Norditalien - laut dieser Studie. Auch in Nordfrankreich wird in der Eisenzeit ein Anstieg von italienischer mittelneolithischer Bauerngenetik festgestellt. Im Böhmischen Becken wird ein Anstieg dieser italienischen mittelneolithischen Bauerngenetik für die Zeit 1200 bis 800 v. Ztr. festgestellt. Es wird ausgeführt (1):

Durch eine weitere Aufschlüsselung der kulturellen Phasen der Region stellen wir fest, daß dieses Abstammungsprofil im Böhmischen Becken bereits ab 1300 v. Ztr. bei Personen auftrat, die mit der Tumulus-Kultur in Verbindung stehen, und sich bis in die Knovíz- und Hallstattzeit fortsetzte (Extended Data Fig. 1).
By splitting further into the cultural phases for the region, we find that this ancestry profile in the Czech Republic occurred by 1300 v. Ztr., in individuals associated with the Tumulus Culture and continuing into the Knovíz and Hallstatt Periods (Extended Data Fig. 1). 

Im Englischen bezeichnet "Tumulus-Kultur" (Wiki) die Nachfolge-Kultur der Aunjetitzer Kultur in Mitteleuropa. Im Deutschen wird diese als "Süddeutsche Bronzezeit" oder auch als "Hügelgräberzeit" (Wiki) bezeichnet. 

In diesen Regionen breiteten sich also Menschen mit Genetik der Urnenfelder-Kultur vom Balkan her aus. Und in Zusammenhang mit dieser Urnenfelder-Kultur stehen dann auch die sogenannten "Goldhüte" (Wiki). Vielleicht wäre es deshalb anschaulicher, die Urnenfelder-Kultur die "Goldhut-Kultur" zu nennen (Stg2011).

Die hier erwähnte Knovízer Kultur (1300-800 v. Ztr.) (Wikiengl) ist eine Untergruppe der Urnenfelder-Kultur und ist nach dem Dorf Knoviz in der Nähe von Prag an der Elbe benannt, gelegen im Böhmischen Becken. Von der zeitgleichen Lausitzer Kultur in Schlesien und im Oder- und Weichselraum war die Knovizer Kultur in Böhmen durch einen Streifen unbesiedelten Landes getrennt (s. Wiki).

Um besser zu verstehen, wie sich diese mit (mittel-)neolithischen Bauern in Zusammenhang stehenden Abstammungen während der Bronze- und Eisenzeit weiter verbreiteten, führten wir eine räumlich-zeitliche Wahrscheinlichkeits-(Kriging-)Analyse der IBD-Mixture-Modelling-Ergebnisse für diese Abstammungen durch (Extended Data Fig. 2). Für alle drei unterscheidbaren (mittelneolithischen) europäischen Bauern-Herkünfte sehen wir, daß ihr Herkunftsanteil im Laufe der Zeit abnimmt. Während wir eine allgemeine Verringerung der Reichweite der britischen und französisch-iberischen mittelneolithischen Herkünfte beobachten, stellen wir fest, daß sich die mittelneolithisch-italienische und die bronzezeitlich-anatolische Herkunft in diesen Zeiträumen ausbreitet.
To understand how these Neolithic Farmer-related ancestries spread during the Bronze and Iron Age more broadly, we performed spatio-temporal kriging on the IBD Mixture Modelling results for these ancestries (Extended Data Fig. 2). For the three European Farmer related ancestries, we see the proportion of ancestry modelled decreasing through time. However, while we see a general range reduction of the British and French/Iberian Neolithic-related ancestries, we find an increase in the geographical range of the Italian Neolithic-related and Bronze Age Anatolian-related ancestries throughout these periods.

Und weiter (1):

Wir stellen fest, daß bronzezeitliche französisch-iberische Herkunft in England während der mittleren Bronzezeit auftaucht und daß die ungarisch-serbische bronzezeitliche Herkunft während der Eisenzeit weit verbreitet war (Abb. 4). In der Tschechischen Republik stellen wir fest, daß fast alle Individuen aus der Spätbronzezeit mit einem großen Anteil ungarischer/serbischer Abstammung modelliert werden können.
We find the appearance of Bronze Age French/Iberian ancestry appearing in England during the Middle Bronze Age, and the Hungarian/Serbian Bronze Age reaching widespread distributions during the Iron Age (Fig. 4). In the Czech Republic, we find almost all individuals being modelled with a large proportion of Hungarian/Serbian ancestry during the Late Bronze Age.

Und (1):

Der Einfluß der Knovíz-bezogenen Abstammung ist besonders hoch in Frankreich, Deutschland und der Tschechischen Republik. In Österreich stellen wir an der gleichnamigen Ausgrabungsstätte von Hallstatt eine beträchtliche genetische Vielfalt fest, wobei Individuen mit besonders hohen Anteilen von entweder Knovíz- oder ungarisch/serbischer Abstammung aus der Bronzezeit modelliert wurden, also ähnlicher zu Herkunft aus Ungarn, Slowenien und der Slowakei, wo die ungarisch/serbische Abstammung aus der Bronzezeit als in hohen Anteilen vorliegend modelliert werden kann. (...) In England werden Individuen von der Spätbronzezeit bis zur Völkerwanderungszeit hauptsächlich von britisch-irischen Vorfahren aus der Bronzezeit modelliert, mit einigen Knovíz- oder französisch/iberischen Vorfahren aus der Bronzezeit (Supplementary Fig. S1.9).
The impact of Knovíz-related ancestry is particularly high in France, Germany and the Czech Republic. In Austria, we note considerable diversity at the eponymous Hallstatt site, with individuals modelled with particularly high proportions of either Knovíz or Hungarian/Serbia Bronze Age-related ancestry, more similar to Hungary, Slovenia and Slovakia, where the Hungarian/Serbian Bronze Age-related ancestry is modelled in high proportions. (...) In England from the Late Bronze Age until the Migration Period, individuals tend to be modelled primarily by the British-Irish Bronze Age ancestry, with some Knovíz or French/Iberian Bronze Age-related ancestry (Supplementary Fig. S1.9).

Soweit zur damit also vermutlich noch weiter zu differenzierenden "inneren" Geschichte der Urnenfelder-Kultur und der auf sie folgenden keltischen Kulturen. Es wird deutlich, daß mit dieser neuen archäogenetischen Studie da noch manche Details tiefenschärfer ausgeleuchtet werden können, was wir an dieser Stelle aber erst einmal übergehen wollen.

/ Ergänzung 1.3.26 / Um 2.200 v. Ztr. begann in Europa, im Vorderen Orient und in Asien die große Ära der Streitwagen (Stg2021) (Wiki).

Abb. 8: Streitwagen der Eisen-, bzw. Bronzezeit - Bronzemodell aus Göchebi (Dedoplistsqaro), Georgien, erste Hälfte des 1. Jahrtausends v. Ztr., Sighnaghi-Museum, Georgien (Wiki)

Jeder Gedanke auch an die europäische Bronzezeit wird sofort viel anschaulicher, wenn man sich klar macht, daß zu dieser Zeit sowohl Rinderwagen - für den Transport - wie Streitwagen - für die Kriegsführung - verwendet worden sind. Und daß die Geschwindigkeit dieser Fortbewegungsmittel den Alltag ebenso wie die Kriegsführung bestimmte. Im Grunde macht es Sinn, an den Anfang jeden Blogartikels über die europäische Bronzezeit das Bild eines solchen Streitwagens zu stellen (Abb. 8). Denn sofort taucht ein ganz anderes Bild der bronzezeitlichen Gesellschaften vor dem inneren Auge auf.

Die Verwendung der Streitwagen für den Krieg endete im Mittelmeer-Raum um 750 v. Ztr., auf den britischen Inseln waren sie noch zur Zeit der Ankunft Cäsars im Gebrauch.

Urnenfelder-Genetik in Nordostspanien

/ Ergänzung 5.9.2025 / 2.300 v. Ztr. hatte sich die Glockenbecher-Kultur von Nordfrankreich bis nach Spanien ausgebreitet (Stg2021Stg2024), vielleicht gelangte auch die Aunjetitzer Kultur aus dem Raum zwischen Elbe und Weichsel bis nach Spanien (Stg2025). Und ab 1.100 v. Ztr. hat sich die Urnenfelder-Kultur vom heutigen Serbien aus auch bis nach Nordostspanien, bis nach Katalonien ausgebreitet. Dortige Menschenfunde weisen zu 18 bis 30 % dieselbe genetische Herkunft auf wie Menschen der Urnenfelderkultur im heutigen Deutschland und im heutigen Böhmen (3). Die Y-chromosomalen Haplotypen ändern sich aber in Nordost-Spanien durch die neue Genetik gar nicht. Die Genetiker gehen deshalb davon aus, daß die zuwandernden Urnenfelder-Leute in Nordostspanien zum Beispiel aus dem südlichen Frankreich kamen und nicht direkt aus Böhmen.

Mitteleuropäische Genetik in Dänemark und Schweden nach 375 n. Ztr.

In der Völkerwanderungs- und Wikingerzeit nach 375 n. Ztr. kamen interessanterweise Menschen aus Mitteleuropa nach Dänemark und Südschweden, die geringe Teile von Urnenfelder-Genetik in sich trugen (1):

Der Zustrom kleiner Anteile kontinentaler Abstammung wird als Abstammung aus der Bronzezeit in Knovíz und Ungarn/Serbien modelliert, wobei die britisch-irische Bronzezeit und die französische/iberische Bronzezeit im Allgemeinen fehlen. Daher können wir die Niederlande, Frankreich, Großbritannien und Irland als Quelle dieser kontinentalen Abstammung ausschließen und auf eine weiter östlich gelegene Ursprungsregion schließen. Dies steht im direkten Gegensatz zu Norwegen, wo hohe Anteile der britisch-irischen Abstammung aus der Bronzezeit bei den meisten Personen mit nicht-lokaler Abstammung festgestellt werden, was mit früheren Studien übereinstimmt.
The influx of small proportions of continental ancestry is modelled as Knovíz and Hungary/Serbia Bronze Age-related ancestry, generally lacking British-Irish Bronze Age and French/Iberian Bronze Age. As such, we can exclude the Netherlands, France, Britain and Ireland as a source of this continental ancestry, and infer a source region further east. This stands in direct contrast to Norway, where high proportions of the British-Irish Bronze Age-related ancestry are detected in most individuals with non-local ancestry, consistent with previous studies.

Es gibt einerseits Hinweise auf eisenzeitliche Eroberungsversuche germanischer Stämme aus Norddeutschland, die Richtung Dänemark vorgestoßen sind. Aber vielleicht kamen Menschen dieser Herkunft eher noch im Rahmen des Sklavenhandels der Wikinger über Osteuropa hinweg nach Skandinavien? Solche Herkunft sollte es ja auch in Norddeutschland damals - vermutlich - nicht gegeben haben. Übrigens dürfte es viel Sinn machen, auch für die Urnenfelder-Kultur umfangreichen Sklavenhandel anzunehmen, ein Aspekt, der vermutlich auch leicht vergessen wird.

Im Diskussions-Teil der Studie werden unsere eigenen obigen Annahmen, Deutungen und Schlußfolgerungen bezüglich der Eroberungszüge der Urnenfelder-Kultur dann noch einmal ausdrücklich voll bestätigt. Und das dürfte unter anderem auf Kristian Kristiansen zurück gehen (1):

Die nordwärts gerichtete Expansion von Mitteleuropa nach Norddeutschland und Südskandinavien endete offenbar in einer bedeutenden Niederlage. Dies legt die Schlacht an der Tollense um 1.200 v. Ztr. nahe und wird auch durch das Fehlen von Knovíz-Herkunft in Skandinavien vor der Völkerwanderungszeit deutlich.
The northward expansion from Central Europe into northern Germany and southern Scandinavia appears to have culminated in a significant defeat, as suggested by the Tollense battle around 3200 BP and evident also from the lack of Knovíz related ancestry in Scandinavia prior to the Migration Period.

Wir dürfen also sagen: Bollwerk Germanien gegenüber der italo-keltischen Völkergruppe um 2.300 v. Ztr., um 1250 v. Ztr. und 9 n. Ztr.. Allerdings wollen wir bei Gelegenheit auch noch einmal den keltischen Kultureinflüssen auf die nordische Bronzezeit nachgehen, auf die wir etwa letztes Jahr im Museum in Kopenhagen gestoßen waren. Man wird sagen dürfen: Als Heiratspartner waren die Angehörigen der italo-keltischen Völkergruppe bis 375 n. Ztr. in "Germanien" nicht gern gesehen. Aber als Händler vermutlich doch. Vielleicht haben auch germanische Fürsten, die sich in den Dienst keltischer Könige gestellt haben, "Beute" und Kulturgüter mit nach Germanien gebracht.

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  1. Tracing the Spread of Celtic Languages using Ancient Genomics. Hugh McColl, Guus Kroonen, Thomaz Pinotti, John Koch, Johan Ling, Jean-Paul Demoule, Kristian Kristiansen, Martin Sikora and Eske Willerslev (bioRxiv. posted 1 March 2025) 10.1101/2025.02.28.640770
  2. Cavazzuti, C., Arena, A., Cardarelli, A., Fritzl, M., Gavranović, M., Hajdu, T., ... & Szeverényi, V. (2022). The First ‘Urnfields’ in the Plains of the Danube and the Po. Journal of World Prehistory, 1-42 (Springer)
  3. Bretos Ezcurra, M., Rohrlach, A.B., Papac, L. et al. (Roberto Risch, Johannes Krause, Wolfgang Haak) Genomic insights from a final Bronze Age community buried in a collective tumulus in an Urnfield settlement in Northeastern Iberia. Commun Biol 8, 1299 (2025). https://doi.org/10.1038/s42003-025-08668-7, Published 28 August 2025 (Nature)

Freitag, 3. Januar 2025

Haben die Menschen der Aunjetitzer Kultur Ligurisch (und Lusitanisch) gesprochen?

Waren die antiken Ligurer in Nordwestitalien und Marseille Nachkommen der Aunjetitzer Kultur?
- Eine archäogenetische Studie aus Dänemark weist neue Tiefenschärfe für den genetischen Wandel in vielen Regionen Europas auf

In einer neuen, dänischen archäogenetischen Studie (1), in der der genetische Wechsel für verschiedene Regionen Europas seit dem Spätneolithikum mit neuen statistischen Methoden tiefenschärfer als bislang aufgeschlüsselt worden ist und in der die Ergebnisse auch grafisch eindrucksvoll dargestellt sind (s. Abb. 1), wird zunächst einmal für das Territorium des heutigen Polen deutlich (Abb 1a):

In der frühen Bronzezeit gab es im Weichselraum "mitteleuropäische" Genetik. Ein auffallender Befund. Da sie sich sehr deutlich von der zeitgleichen Genetik in Skandinavien unterscheidet, die in Skandinavien auch bis heute als solche vorherrschend geblieben ist, wird es nicht einfach sein, diese Genetik schlankweg mit "Ur-Germanen" in Verbindung zu bringen oder auch nur schlankweg mit "Ur-Süd-Germanen". 

Abb. 1: Genetische Veränderungen innerhalb verschiedener Regionen Europas seit dem Spätneolithikum (aus 1) (s. dort Fig. 3) (zur besseren Verständlichkeit ist es sinnvoll, sich zuvor die Grafik 2a der Studie einzuprägen, die hier überall als Hintergrund vorausgesetzt wird, siehe dazu Abb. 2)

Es handelt sich um die Schnurkeramik-Kultur in dieser Region und um die in dieser Region nachfolgende Aunjetitzer Kultur. Die Schnurkeramik-Genetik hat sich im Raum des heutigen Mitteldeutschland und wohl auch bis in den Weichselraum hinein mit der Glockenbecher-Genetik vermischt, so daß vorderhand nicht klar ist, ob die nachfolgende Aunjetitzer Kultur eine keltische oder eine germanische Sprache gesprochen hat. Aber vielleicht hat sie ja auch keine von beiden Sprachen gesprochen? Vielleicht hat die Aunjetitzer Kultur das Ligurische (Wiki) gesprochen?

Da es nach Auskunft des Sprachforschers Jürgen Udolph (Stg24) keine Spuren von keltischen geographischen Namen in Mitteldeutschland gibt, ist die Frage ungeklärt, welche Sprache die Menschen der Aunjetitzer Kultur gesprochen haben. Und auch, welches Schicksal diese Sprache hatte.

Die Südwanderung der Aunjetitzer Kultur (ab 1800 v. Ztr.)

In der mittleren Bronzezeit aber nun - und zwar offenbar schon ab 1800 v. Ztr. (!!!) - verschiebt sich die Genetik im Weichselraum Richtung "Osten", also Richtung heutiger osteuropäischer Bevölkerungen. Das kann nur heißen, daß größere vorherige Bevölkerungsteile abgewandert sind, also vielleicht mit den Ösenhalsringen und Vollgriffdolchen nach Italien oder gar bis nach Ugarit in den Levanteraum gezogen sind (s. Stg24). Ob man auch fragen könnte, ob auch indogermanische Sprachen in Italien aus der Aunjetitzer Kultur abstammen, schließt sich für uns an dieser Stelle als Fragestellung an. Und zunächst kommen wir uns mit dieser Fragestellung sehr kühn vor.

Aber zumindest ab 1000 n. Ztr. verschiebt sich ja die Genetik auch in Italien sehr deutlich in Richtung des heutigen Mitteleuropa und bleibt hier ebenfalls bis zum Mittelalter als solche erhalten (s. Abb. 1d). Und zu unserer Überraschung lesen wir zu den "Italikern" (Wiki):

Eine Migration früher Indoeuropäer aus Ostmitteleuropa über die Alpen soll um 1800 v. Ztr. stattgefunden haben. Laut Barfield ist das Auftreten der Polada-Kultur mit der Bewegung neuer Bevölkerungen aus Süddeutschland und der Schweiz verbunden. Laut Bernard Sergent müßte der Ursprung der ligurischen Sprachfamilie (seiner Meinung nach entfernt verwandt mit den keltischen und italischen) in den Polada- und Rhone-Kulturen, südlichen Zweigen der Aunjetitzer Kultur, liegen. Diese Personen ließen sich in den Ausläufern der Ostalpen nieder und weisen eine materielle Kultur auf, die den zeitgenössischen Kulturen der Schweiz, Süddeutschlands und Österreichs ähnelt.
A migration across the Alps from East-Central Europe by early Indo-Europeans is thought to have occurred around 1800 BC. According to Barfield the appearance of Polada culture is connected to the movement of new populations coming from southern Germany and from Switzerland.[13] According to Bernard Sergent, the origin of the Ligurian linguistic family (in his opinion distantly related to the Celtic and Italic ones) would have to be found in the Polada and Rhone cultures, southern branches of the Unetice culture. These individuals settled in the foothills of the Eastern Alps and present a material culture similar to contemporary cultures of Switzerland, Southern Germany, and Austria.

Über die erwähnte Polada-Kultur (Wiki) in Norditalien lesen wir (Wiki):

Abgesehen vielleicht vom Gebrauch von Pfeil und Bogen und einem gewissen, technischen Können in der Metallverarbeitung besitzt die Polada-Kultur keinerlei Übereinstimmungen mit der vorangegangenen Remedello-Kultur und der Glockenbecherkultur.

Sollte man also womöglich weder nach keltischen geographischen Bezeichnungen in Mitteldeutschland suchen, noch nach  italischen, sondern genauer nach ligurischen? Die Entstehung des hier erwähnten Ligurischen (Wiki) wird mitunter in Zusammenhang gesehen mit einer vor-keltischen und vor-germanischen indogermanischen Sprache innerhalb von Europa, wie sie von Hans Krahe anhand "alteuropäischer Gewässernamen" angenommen worden ist (Wiki). Womöglich würde ja eine Mischkultur wie die Aunjetitzer Kultur, eine Mischkultur zwischen Schnurkeramikern und Glockenbecherleuten dafür am ehesten infrage kommen?

/ Ergänzung 10.5.25: Inzwischen werden wir darauf aufmerksam, daß es auch sprachliche Verwandtschaft geben könnte zwischen dem Ligurischen in Italien und dem Lusitanischen auf der iberischen Halbinsel (Stg21). ChatGPT antwortet auf die Frage "Was weiß man über eine etwaige gemeinsame Herkunft des Ligurischen und des Lusitanischen?" unter anderem:

Beide Sprachen zeigen alteuropäische Toponyme (nach Hans Krahe), etwa Flussnamen mit ähnlicher Struktur (z. B. -ona, -ana). Es gibt Hypothesen über eine gemeinsame "alteuropäische" Schicht, die vor der Ausbreitung klar erkennbarer keltischer und italischer Dialekte existierte. Einzelne Forscher (z. B. Theo Vennemann oder Francisco Villar) vermuten tieferliegende genealogische Verbindungen oder Kontakte im Rahmen eines archaischen italokeltischen Kontinuums. Aber: Eine direkte Abstammungslinie oder ein gemeinsamer Zweig ist bisher nicht überzeugend nachgewiesen.

Die von Hans Krahe vorgeschlagene "Alteuropäische Hydronomie" (Wiki) würde jedenfalls recht gut zusammen fallen mit der hier vermuteten Ausbreitung der Aunjetitzer Kultur - zumal wenn man jetzt noch das Lusitanische auf der Iberischen Halbhinsel mit hinzu nimmt. Soweit ein Ausflug in den Bereich womöglich hochinteressanter Spekulation. /

Abb. 2: Hauptkomponentenanalyse der genetischen Verwandtschaft heutiger europäischer Völker (aus 1)

Folgen wir weiter unserer neuen Studie (1): Ab 50 n. Ztr. kommen Skandinavier in den Weichselraum: die Goten (archäologisch die "Wielbark-Kultur"). Die Goten stammen nach dieser Studie aus dem nördlichen Skandinavien, während alle anderen germanischen Stämme wie Bajuwaren oder Langobarden aus dem südlichen Skandinavien stammen. Das würde die Unterschiedlichkeit der ost- und westgermanischen Sprachen erklären (1).

Genetik der Goten hat auch im Weichselraum nicht überdauert

Bis zum Frühmittelalter hat sich die Genetik der Goten im Weichselraum wieder völlig verloren. Es herrscht seither im Weichselraum wieder osteuropäische Genetik vor. Allerdings ist diese nicht mehr ganz so osteuropäisch wie zuvor. Dazu heißt es in der Studie (1):

"Eine frühere Studie konnte die Kontinuität in der Abstammung von den mit Wielbark assoziierten Individuen zu späteren mittelalterlichen Individuen aus einer ähnlichen Region nicht ausschließen. Mit der verbesserten Leistung von Twigstats können Kontinuitätsmodelle sehr deutlich zurück gewiesen werden, da kein Ein-Quellen-Modell einer vorhergehenden Gruppe aus der Eisenzeit oder Bronzezeit eine angemessene Übereinstimmung für die mittelalterlichen Individuen liefert (P ≪ 1 × 10−32). Stattdessen kann die Mehrheit der Individuen aus dem mittelalterlichen Polen nur als eine Mischung von Abstammungen modelliert werden, die mit dem Litauen der römischen Eisenzeit verwandt ist, was den Abstammungen von Individuen aus dem Polen der mittleren bis späten Bronzezeit (44 %, 95 %-Konfidenzintervall 36–51 %) ähnelt, einer Abstammungskomponente, die mit ungarischen Skythen oder slowakischen La-Tène-Individuen verwandt ist (49 %, 95 %-Konfidenzintervall 41–57 %) und möglicherweise eine kleinere Komponente mit Abstammung, die mit Sarmaten aus dem Kaukasus verwandt ist (P = 0,13). Vier von zwölf Individuen aus dem mittelalterlichen Polen, von denen drei aus der späten Wikingerzeit stammen, hatten nachweisbare skandinavische Vorfahren. Ein Teil der bei Individuen aus dem späteren mittelalterlichen Polen nachgewiesenen Abstammung könnte im späten 1. Jahrtausend n. Ztr. in dem Teil der Bevölkerung, der seine Toten einäscherte, fortbestanden haben, aber ungeachtet dessen deutet dies auf eine groß angelegte Abstammungstransformation im mittelalterlichen Polen hin. Zukünftige Daten könnten Aufschluß darüber geben, inwieweit dies den Einfluß slawischsprachiger Gruppen in der Region widerspiegelt."

Soweit zum Weichselraum.

Kamen Sachsen nach Dänemark (um 500 n. Ztr.)?

Auch in England war die skandinavische Genetik im Früh- und Hochmittelalter deutlich vorherrschend und hat sich danach sehr deutlich verloren. Und da stellt sich die Frage, wie es gekommen ist, daß sich diese wieder so deutlich verloren hat.

Die Studie stellt überraschenderweise auch fest, daß ab 500 v. Ztr. mitteleuropäische Genetik nach Dänemark und Westschweden herein kam. Diese ist aber in der Neuzeit ebenfalls wieder ganz verloren gegangen. Das könnte heißen, daß die Angeln und Sachsen nicht nur nach England übergesetzt sind, sondern auch Krieg mit Dänemark geführt haben. Oder es könnte heißen, daß die Dänen in Sachsen Sklaven geraubt oder gekauft haben. In Schweden hinwiederum kam Genetik hinein aus dem heutigen Litauen.

Es ist auffallend, daß sich sowohl in England wie in Dänemark und Schweden wie im Weichselraum eine jeweils ursprünglichere Genetik nach zwischenzeitlichen Zuwanderungen wieder durchgesetzt hat. Fast drängt sich der Eindruck auf, als ob die dänische und die englische Sprache jeweils "gegen" "ausländische" Genetik selektiert haben, ebenso - womöglich - die polnische Sprache. Denn welche Selektionsfaktoren sollten sonst dafür verantwortlich sein?

__________

  1. Speidel, L., Silva, M., Booth, T. et al. High-resolution genomic history of early medieval Europe. Nature 637, 118–126 (2025). Published 01 January 2025 (Nature2025)

Montag, 9. Dezember 2024

Die Indogermanen - Vier Herkunftsgruppen eroberten die Welt

Die Indogermanen verzweigten sich:
  1. in Chwalynsk-Abkömmlinge (ab 4.500 v. Ztr.),
  2. in Jamnaja-Abkömmlinge (ab 3.300 v. Ztr.),
  3. in Schnurkeramik-Abkömmlinge (ab 3.000 v. Ztr.) und 
  4. in Glockenbecher-Abkömmlinge (ab 2.800 v. Ztr.).

Nachdem im Frühjahr 2024 die Schnurkeramiker archäogenetisch einfach und klar der germanischen Völkergruppe, die Glockenbecherkultur einfach und klar der keltischen Völkergruppe hatten zugeordnet werden können (s. Stg2024), klären sich in einer neuen Studie nun auch die Zuordnungen aller anderen großen indogermanischen Herkunftsgruppen (1).

Abb. 1: Steppenherkunftsanteile bei Italo-Kelten (Bell Beaker), Griechen und Armeniern (Yamnaya) und Germanen-Indo-Ariern im 3. Jahrtausend v. Ztr. (oben) und im 2. Jahrtausend v. Ztr. (unten) (aus 1)

Beide Studien stammen von Seiten der dänischen Forschungsgruppe um Eske Willerslev. Das letztere zu klären, war zwar womöglich schon zu einer "low hanging fruit" geworden. Man hätte es sich womöglich auch schon ohne diese neue Studie "zurecht reimen" können. Trotzdem gibt die neue Studie diesbezüglich Sicherheit. Das wesentlichste Ergebnis der neuen Studie (1) ist schon in der Abbildung 1 zusammen gefaßt:

Germanen, Balten, Slawen und Inder - Sie sind "eines Stammes"
---> Sie sind Abkömmlinge der Schnurkeramiker
Antike Armenier und antike Griechen - Sie sind "eines Stammes"
---> Sie sind direkte Nachkommen von Jamnaja-Leuten 
Kelten und Italiker - Sie sind "eines Stammes"
---> Sie sind Nachkommen von Glockenbecher-Leuten 
Die (ausgestorbenen) frühen anatolischen indogermanischen Völker (Hethiter, Lyder, Lyker usw.) - - -waren "eines Stammes"
---> Sie waren direkte Nachkommen der Chwalynsk-Kultur

Oder in den Worten der neuen Studie (1):

Um die genetische Entstehung der indoeuropäischen Sprachfamilie aufzuklären und ihre Verzweigung abzuleiten, untersuchten wir den Zustrom potenzieller ursprünglicher Herkunftspopulationen in den Mittelmeerraum im weiteren Sinne, einschließlich der Gebiete, in denen historisch die italischen, keltischen, griechischen und armenischen Sprachen gesprochen wurden. Die genetischen Ergebnisse, die durch IBD-Admixture-Modellierung mit mutmaßlich steppenverwandten Herkunftspopulationen erzielt wurden, stützen eine tiefe Aufzweigung zwischen indoeuropäisch sprechenden Gruppen im östlichen und westlichen Mittelmeerraum durch die Entdeckung von mit der Jamnaja- bzw. Glockenbecher-Kultur verwandten Steppenvorfahren. Diese Aufzweigung unterstützt die linguistischen Hypothesen zur Existenz der sogenannten Griechisch-Armenischen und Italo-Keltischen Untergruppen. Im Gegensatz dazu disqualifiziert sie die konkurrierenden kladistischen Hypothesen, die als Indo-Griechisch und Italo-Germanisch bekannt sind, da die Steppenvorfahren unter den Populationen historisch germanisch- und indo-iranischsprachiger Gebiete zuvor als hauptsächlich mit der Schnurkeramik verwandt charakterisiert wurden.
To elucidate the genetic formation and infer the divergence of the Indo-European language family, we investigated the contribution of potential ancestral source populations to the wider Mediterranean region, including from areas in which the Italic, Celtic, Greek, and Armenian languages are historically spoken. The genetic results obtained by IBD admixture modelling with putative steppe-related source populations support a deep divergence between Eastern and Western Mediterranean Indo-European-speaking groups through the detection of Yamnaya-related and Bell Beaker-related steppe ancestry respectively (Fig. 4). This divergence supports the linguistic hypotheses on the existence of the so-called Graeco-Armenian and Italo-Celtic subclades. In contrast, it disqualifies the rival cladistic hypotheses known as Indo-Greek and Italo-Germanic, the steppe ancestry among the populations of historically Germanic- and Indo-Iranian-speaking areas previously having been characterized as primarily Corded Ware-related.

Den zuletzt genannten Umstand hatten wir uns noch gar nicht wirklich bewußt gemacht, obwohl er schon länger nahe lag (Stg2020). Aber so lang nicht die sprachliche Zuordnung zwischen Schnurkeramikern und Glockenbecherleuten so klar festgestellt war wie seit Frühjahr dieses Jahres, war es keinesfalls sicher, ob es sinnvoll wäre, sich in anderen Richtungen hin gar zu weit aus dem Fenster zu lehnen. Seitdem ersteres aber klar ist - und mit dieser neuen Studie - lassen sich die hier genannten Schlußfolgerungen ziehen.  

Die Inder sind mit den Germanen verwandt

Es ist im Grunde eine neue Sichtweise, daß Menschen vorwiegend "germanischer" (nordeuropäischer) Abstammung genetisch - und ggfs. sprachlich - der Brahmanen-Kaste in Nordindien - vom Prinzip her - näher stehen als den Jamnaja-Abkömmlingen im antiken Griechenland und in Armenien und auch als den Glockenbecher-Abkömmlingen in Südeuropa.

Die Sprachforschung hatte diesbezüglich bis heute letztlich völlig im Dunkeln getappt. Wir waren ansatzweise auf die Thematik schon einmal hier auf dem Blog gestoßen (s. Stg2021).

Die Deutschen hatten sich kulturell immer als sehr eng mit dem antiken Griechenland verbunden gefühlt. Und es ist auch viel über tiefere Gemeinsamkeiten gemutmaßt worden, weil "große" metaphysische Philosophien ausgerechnet in zwei Völkern entstanden sind: bei den antiken Griechen und bei den Deutschen. Aber stattdessen tritt nun  viel eher eine gewisse gemeinsame genetische und sprachliche Herkunft zwischen den Germanen, den Balten, den Slawen und den Indern in den Vordergrund. 

Inder und Germanen teilen auf subtile Weise genetische und sprachliche Herkunft, die Germanen weder mit den Kelten/Italikern, noch mit den antiken Griechen/Armeniern teilen. Für die Wissenschaftler, die die indogermanische Sprachgeschichte erforschen, dürften diese Erkenntnisse doch noch mancherlei Schlußfolgerungen mit sich bringen. Die lange Zeit als tiefgreifend erachtete Trennung der indoeuropäischen Sprachen in östliche Satem- und westliche Kentum-Sprachen war immerhin schon aus rein sprachwissenschaftlichen Erkenntnissen heraus zwischenzeitlich längst verworfen worden (Wiki). Der Autor dieser Zeilen hatte sein Herz bis heute an dieser These hängen. Aber er wird auch hier nun durch die Archäogenetik eines Besseren belehrt und man ist nun auch leichter bereit, sich auf die dazu auf Wikipedia genannten Argumente einzulassen.

Man kann jetzt mit größerer Sicherheit nach sprachlichen Gemeinsamkeiten innerhalb der vier Herkunftsgruppen fragen.

Natürlich gilt es, noch weiteres zu beachten: Direkte Jamnaja-Abkömmlinge, direkte Glockenbecher-Abkömmlinge und direkte Schnurkeramik-Abkömmlinge sind ja in der Geschichte dann noch in vielen Regionen und bei vielen Gelegenheiten Jahrhunderte und Jahrtausende später erneut aufeinander getroffen. Sie haben Kriege miteinander geführt und neue Völker miteinander begründet. Auf den britischen Inseln entstanden die Engländer aus der Verschmelzung von Nachkommen von keltischen Glockenbecher-Leuten mit Nachkommen von germanischen Schnurkeramik-Leuten (letztere kamen als Angelsachsen nach England). Auch die Süddeutschen sind eine solche Mischung (Alemannen, Bajuwaren und Franken trafen auf vormalige Kelten). 

Aus einem Aufeinandertreffen von Schnurkeramik- und Jamnaja-Abkömmlingen sind zum Beispiel auch die Skythen entstanden (wie wir erst im letzten Kaukasus-Artikel wieder lernten). 

Die Phryger hinwiederum sind um 1200 v. Ztr. in Anatolien als Balkan-Jamnaja-Abkömmlinge (siehe unten) auf die Hethiter als Chwalynsk-Abkömmlinge gestoßen. Ähnlich stießen zur gleichen Zeit die Griechen vor Troja auf die Trojaner als Chwalynsk-Abkömmlinge. 

Die genetischen und sprachlich-kulturellen Gemeinsamkeiten können bei solchem Aufeinandertreffen jeweils ihre eigene Rolle gespielt haben.

Von Interesse ist weiterhin, daß es heute - weltgeschichtlich gesehen - in Nord- und Südeuropa immer noch klare Schnurkeramik- und Glockenbecher-Abkömmlinge gibt, daß aber die direkten Abkömmlinge der Jamnaja-Leute in Armenien, Griechenland und im östlichen Mittelmeerraum seit dem Frühmittelalter als genetisch und sprachlich-kulturell weitgehend ersetzt und ausgestorben werden angesehen müssen ebenso wie die Chwalynsk-Nachkommen in Anatolien. Nur leicht erhöhte Steppengenetik-Anteile könnten jeweils lokal noch ein Hinweis sein auf eine solche Vergangenheit (etwa bei den Armeniern oder Kurden).

Soweit die allgemeiner interessierenden Erkenntnisse der Studie. (Es sei nur noch einmal am Rande erwähnt, wie stark die Jahrzehnte lange "Pots-versus-People"-Debatte in der Archäologie gerade auch durch diese Neuerkenntnisse erneut in Richtung von "Kossinna's Smile" hin entschieden worden ist, sprich: Völker machen die Geschichte, und zwar vor allem über Demographie. Wer in heutigen deutschen Großstädten lebt, sollte diesen Umstand im übrigen auch nur schwer übersehen können.) 

Zypern aus Sicht der Archäogenetik 

Der Kupferhandel mit Skandinavien seit 2.000 v. Ztr. 

Von besonderem Interesse sind außerdem noch die vorgetragenen Ergebnisse zu Zypern. Zypern ist "das" Kupferland (FergusMurray) und zog deshalb das Interesse wirtschaftsstarker Mächte auf dem nahen Festland und von weiter entfernt auf sich. Zusammen gefaßt wird gesagt (1):

Aufgrund seiner reichen Kupfervorkommen unterhielt Zypern ausgedehnte Handelsnetze mit den meisten Mittelmeerländern; diese Situation spiegelt sich sehr passend in der Präsenz anatolischer, levantinischer, griechischer und europäischer Vorfahren in zypriotischen Genomen wider.
Due to its rich copper sources, Cyprus maintained extensive trading networks with most of the Mediterranean; this situation is well mirrored by the presence of Anatolian, Levantine, Greek, and European ancestries in the Cypriot genomes.

"Europäisch" ist hier als "nordeuropäisch" zu lesen - wie wir weiter unten sehen werden. Und weiter (1):

Unsere Ergebnisse legen nahe, daß Zypern und insbesondere seine Küstenstädte während der Bronzezeit ein genetischer und kultureller „Schmelztiegel“ waren.
Our results suggest that Cyprus, and in particular its coastal towns, were a genetic and cultural “melting pot” during the Bronze Age.

Die wirtschaftsstarken Städte Nordmesopotamiens und des Levanteraumes strahlten ja während des 3. Jahrtausends v. Ztr. kulturell recht weit in den Mittelmeerraum hinein. Wir hatten hier auf dem Blog für die Zeit vor 2.200 v. Ztr. von einer ausländischen Händler-Elite auf Sardinien gehört (Stg2021), die kulturell auf Nordmesopotamien zurück wies. In der spanischen Archäologie gibt es seit Jahrzehnten Diskussionen darüber, ob die Los Millares-Kultur (3.500-2.200 v. Ztr.) (Wiki) vom östlichen Mittelmeerraum her beeinflußt gewesen sei oder nicht. Der archäogenetische Forschungsstand ist dazu noch nicht sehr eindeutig (Stg2021). 

Nordmesopotamier auf Zypern (3.000 bis 2.500 v. Ztr.)

Aber zu Zypern klärt sich dieser Umstand jetzt (1):

Die Individuen aus der mittleren und späten Bronzezeit aus Zypern weisen ein genetisches Muster auf, das dem von Individuen aus der Bronzezeit im Libanon und Ostanatolien ähnelt, während ein (das älteste) Individuum aus Karavas (CGG_2_022531), das auf 3.000-2.500 v. Ztr. datiert wird (Archaeology Supplementary 2.2.3), eine besonders frühe anatolische Bauernabstammung aufweist.
The Middle and Late Bronze Age individuals from Cyprus show a genetic pattern similar to that of individuals from Lebanon and Eastern Anatolia Bronze Age, while one (the earliest) individual from Karavas (CGG_2_022531), dated to 5,000– 4,500 BP (Archaeology Supplementary 2.2.3), show extra early Anatolian farmer ancestry. 

Letzteres Individuum dürfte die ursprüngliche rein anatolisch-neolithische Bevölkerungsschicht auf Zypern widerspiegeln, die offenbar - wie auf Sardinien - von Eliten aus dem Levanteraum überschichtet worden ist. Das bronzezeitliche Herkunftsprofil der bisher sequenzierten Menschen auf Zypern weist jedenfalls zunächst auf den damaligen Libanon und auf Ostanatolien zurück.

Mykener auf Zypern - 2.100 und 1.500 v. Ztr. 

Aber schon ab dem Ende des 3. Jahrtausends v. Ztr. machten sich auf Zypern auch Mykener bemerkbar, Abkömmlinge der Jamanaja-Herkunftsgruppe. Und zwar nicht nur kulturell, sondern auch genetisch (1):

Eine genetische Fernverbindung wird in Hala Sultan Tekke festgestellt, einem genetischen Ausreißer mit balkanischer/ägäischer Abstammung, der der von Individuen aus der späten Bronzezeit in Griechenland ähnelt. Unser Datensatz deutet also auf enge Kontakte Zyperns mit dem Levanteraum und der Ägäis während der Bronzezeit und sogar früherer Perioden hin. 
A long-distance genetic connection is observed at Hala Sultan Tekke, one genetic outlier  carrying Balkan/Aegean ancestry similar to that of Late Bronze Age Greece individuals. Thus, our dataset suggests close contacts of Cyprus with the Levant and the Aegean during the Bronze Age and even earlier periods. 

Was "sogar frühere Perioden" heißt, wird im Diskussionsteil noch deutlicher ausgeführt, es ist hier von "Vor-Mykenern" die Rede (1):

Steppenherkunft wurde bei einer Reihe bislang unveröffentlichter Individuen aus Hala Sultan Tekke (CGG_2_022123, CGG_2_022924) und aus Lapithos (CGG_2_022517) festgestellt, was auf eine Zugehörigkeit zu späthelladischen (d. h. mykenischen) Populationen der Peloponnes hinweist. Dies steht im Einklang mit dem Auftreten mykenischer Keramikimporte in der Spätbronzezeit und mit der linguistischen Klassifizierung von Arkadisch-kyprischem Griechisch als Nachkomme desselben südgriechischen Dialekts wie Mykenisch, im Gegensatz zu anderen griechischen Dialekten wie Dorisch und Ionisch. Ein weiteres Individuum aus Lapithos (CGG_2_22488) ist jedoch, obwohl es 2.100-2.000 v. Ztr. begraben wurde, bereits mit LBA-Griechen assoziiert, was auf eine prämykenische Verbindung mit von der Steppe beeinflußten Populationen der Ägäis hindeutet.
Steppe ancestry is identified in a number of unpublished individuals from Hala Sultan Tekke (CGG_2_022123, CGG_2_022924) and from Lapithos (CGG_2_022517), reflecting an affiliation with Late Helladic (i.e. Mycenaean Age) populations of the Peloponnese. This aligns with the appearance of Mycenaean pottery imports in the Late Bronze Age and with the linguistic classification of Arcadocypriot as a descendant of the same South Greek dialect as Mycenaean, in contrast to other Greek dialects such as Doric and Ionic. However, one other individual from Lapithos (CGG_2_22488), although buried 4,100-4,000 BP, already clusters with LBA Greeks, suggesting PreMycenaean connectivity with steppe-impacted populations of the Aegean.

Daraus ist zu folgern, daß das "Kommen der Griechen", der "Hyperboräer" von Nordgriechenland aus nach Griechenland hinein sehr schnell - ab 2.100 v. Ztr. - auch auf Zypern übergegriffen hat. Womöglich wurde ja in jener Zeit auch auf Zypern ein Apollon-Heiligtum begründet - so wie auf in Olympia, Delphi und auf Delos (s. Stg2023)? Das Arkadisch-kyprische Griechisch (Wiki) ist auf Zypern durch Inschriften erhalten geblieben und wurde offenbar bis ins 3. Jahrhundert v. Ztr. gesprochen.

Vor-Germanen (Skandinavier) auf Zypern - Um 2.000 v. Ztr. (!)

Als große Überraschung darf gelten, daß mit dieser Studie auf Zypern erstmals direkte genetische bronzezeitliche Kontakte zwischen Skandinavien und dem Mittelmeer-Raum gefunden werden. 

Abb. 2: Bellapais im Norden Zyperns

Und zwar wären damit Skandinavier, also Schnurkeramik-Abkömmlinge fast zur gleichen Zeit in den Mittelmeer-Raum gekommen wie die Vor-Mykener (1):  

Darüber hinaus gibt es genetische Hinweise auf Fernkontakte mit Nordeuropa, wie ein skandinavischer genetischer Ausreißer (CGG_2_022535) aus einem in den Felsen gehauenen Grab in Vounous Bellapais zeigt, das von der schwedisch-zypriotischen Expedition ausgegraben und auf ca. 2.000-1.800 v. Ztr. datiert wurde. (Genetics and Strontium Supplementary Fig. S6.45, Archaeology Supplementary 2.2.7). Dieser Ausreißer stimmt überein mit Individuen aus der skandinavischen Bronzezeit und interessanterweise wird dieser Ursprung auch durch die Y-Haplogruppe I1 sowie durch eine nicht-lokale, stark radiogene Strontium-Isotopen-Signatur ergänzt, die zu einigen Teilen Skandinaviens paßt (Genetics and Strontium Supplementary S10; Supplementary Table S8).
Additionally, there is genetic evidence of long-distance interaction with Northern Europe, as seen in a Scandinavian genetic outlier (CGG_2_022535) from a rock-cut tomb at Vounous Bellapais, excavated by the Swedish-Cyprus expedition and dated to c. 4,000–3,800 BP. (Genetics and Strontium Supplementary Fig. S6.45, Archaeology Supplementary 2.2.7). This outlier clusters with Scandinavian Bronze Age individuals and, intriguingly, this origin is also supported by the Y-haplogroup I1 and by a non-local highly radiogenic strontium isotope signature compatible with some parts of Scandinavia (Genetics and Strontium Supplementary S10; Supplementary Table S8).

Für die etwas spätere mykenischen Zeit waren von den Archäologen schon längst vielfältige Kontakte Skandinaviens mit dem Mittelmeerraum angenommen worden, zum Beispiel aufgrund reicher ähnlicher Schwertfunde im Raum der Nordischen Bronzezeit und in Mykene (s. Stg2019). Man vermutet, daß skandinavische Söldner in Mykene Dienst getan haben.

Abb. 3: Bellapais gehört zu den drei bedeutendsten, wohlhabendsten Orten auf Zypern in der Mittleren Bronzezeit (Webb/Knapp2020)

Auch hatten wir hier hier auf dem Blog schon früher als Forschungsstand für Skandinavien festgehalten (Stg2019):

Kupferbarren und Bronzegegenstände der Nordischen Bronzezeit Schwedens stammen (...) spätestens seit 1600 v. Ztr. nicht aus Schweden selbst, sondern der Kupfer, aus dem sie bestehen, ist abgebaut worden in Österreich, Spanien, Sardinien und auf Zypern.

Aber 2.000 bis 1.800 v. Ztr. liegt noch früher als in diesem Zitat angesprochen.

Der Fundort Vounous-Bellapais (Wiki) liegt im bergreichen Norden Zyperns (Abb. 2, 3). Das Grab 69, in dem der Skandinavier bestattet war, ist zwischen 1931 und 1938 ausgegraben worden von verschiedenen Forschungsexpeditionen. Aus Sicht der Physischen Anthropologie war der Schädel aus Grab 69 als höchstens 30 Jahre alt charakterisiert worden. Interessanterweise war er 1947 schon aus Sicht der Physischen Anthropologie als Ausreißer charakterisiert worden (1, Arch.Suppl., 2.2.7):

Interessant ist hierbei, daß Schädel II laut Hjortsjös kraniometrischen Untersuchungen im Vergleich zu den anderen Schädeln der Region als eine Art Ausreißer angesehen wurde.
As a curiosity, it is interesting to mention that according to Hjortsjö's craniometrics studies73 (...) cranium II was considered a sort of outlier, compared to the other skulls from the region.

Bis 2020 war die Gesellschaft des mittelbronzezeitlichen Zypern als vornehmlich egalitär eingeschätzt worden. Aber das will im Grunde gar nichts heißen angesichts des ungeheuer reichen archäologischen Fundbestands auf Zypern, der schon für sich selbst von einer sehr komplexen, arbeitsteiligen Gesellschaft spricht. Man bedenke auch, was zur gleichen Zeit von dem nahegelegenen Ägypten, dem nahegelegenen Levanteraum und dem nicht gar zu weit entfernten Kreta bekannt ist. Angesichts all dieser Umstände äußern sich die Forscher offensichtlich bei weitem zu zurückhaltend, wenn sie schreiben (s. Webb/Knapp2020):

Mehrere metallreiche Grabstätten an der Nordküste der Insel weisen nicht nur auf gewisse Unterschiede in den Bestattungspraktiken hin, sondern implizieren auch ein gewisses Maß sozioökonomischer Ungleichheit (Kohler und Smith 2018; Price und Feinman 2012); solche Ungleichheiten scheinen teilweise auf dem Wettbewerb um die Kontrolle über Bodenschätze und den Zugang zu Wissen im Zusammenhang mit der metallurgischen Produktion und Herstellung zu beruhen.
Several metal-rich tombs from the island’s north coast not only signal some differentiation in mortuary practices but also imply a level of socioeconomic inequality (Kohler and Smith 2018; Price and Feinman 2012); such inequalities appear to have been based in part on competition for control over mineral resources and access to knowledge associated with metallurgical production and manufacturing.

Auf Zypern finden sich Vollgriffdolche (MetM), wie sie sich seit 2.200 v. Ztr. von Südostfrankreich aus über Mitteleuropa und Italien ausgebreitet haben, und die als Hinweis erachtet werden für die Ausbreitung der indogermanischen Italiker innerhalb von Italien (siehe unten). 

Abb. 4: Model eines urtümlichen Tempels auf Zypern (aus Kotsiatis-Marki im mittleren Zypern) (aus: Webb/Frankel2010)

Die reiche bronzezeitliche Kultur Zyperns wird schnell sichtbar, wenn man Bildersuche zum Beispiel mit dem Suchwort "Vounous" unternimmt (s.a. Webb/Frankel2010).  

Antike, ostmediterrane Herkunft auf Zypern ab 1200 v. Ztr.

Weiter heißt es in der Studie (1):

Während der darauffolgenden Eisenzeit deuten Daten aus Lapithos und Amathus auf eine zunehmend einheitliche Bevölkerung auf der ganzen Insel hin. Darüber hinaus zeigen Genome aus der Eisenzeit eine ähnliche Zusammensetzung wie Populationen der Eisenzeit der Ägäis und Westanatoliens, die einen kleinen Anteil Jamnaja-Herkunft aufweisen, was griechische Vorfahren widerspiegelt (Abb. 6).
During the subsequent Iron Age, data from both Lapithos and Amathus suggest an increasingly uniform population across the island. Moreover, Iron Age genomes show a formation similar to populations of the Aegean and Western Anatolia Iron Age, carrying a small proportion of Yamnaya ancestry which reflects Greece ancestry (Fig. 6).

Wir haben es hier mit dem typischen antiken ostmediterranen Herkunftsprofil mit etwa acht Prozent Steppengenetik zu tun. Ob für eine solche Vereinheitlichung nicht auch ein genetisches Replacement auf Zypern für die Zeit um 1200 v. Ztr. in Betracht gezogen werden muß, steht wohl noch offen. Zumindest für Kreta ist für die Zeit um 1200 v. Ztr. von Flucht und Verelendung der bis dahin dort einheimischen Bevölkerung die Rede (s. Stg2022).

Eine vertiefte Beschäftigung mit der Geschichte und Kunstgeschichte Zyperns sollte noch viele Erkenntnisse bereit halten hinsichtlich der Kunst- und Kulturgeschichte des Mittelmeer-Raumes allgemein. Die reiche Fülle der antiken Kunst auf Zypern kommt auf derzeitigen deutsch- und englischsprachigen Wikipedia-Artikeln keinesfalls zum Ausdruck. Zypern weist bis in die hellenistische Zeit hinein einen eigenen kulturellen Stil auf, beeinflußt von Nordmesopotamien, von Ägypten, von Mykene, von Phönizien und schließlich von Griechenland her. Wertvolle Sammlungen zur Kunstgeschichte Zyperns finden sich im Cypros-Museum in Nikosia (Wiki) und im Medelhavsmuseet in Stockholm (WikiCom).

Neuerkenntnisse zu anderen Regionen

Die Phryger stammten aus Thrakien (1200 v. Ztr.)

Und nun noch Neuerkenntnisse zu anderen Regionen. Zweifelhaft ist, ob die Dorer tatsächlich während oder nach dem Seevölkersturm um 1200 v. Ztr. in die Peleponnes eingewandert sind (sogenannte Dorische Wanderung). Sehr viel sicherer scheint hingegen zu sein, daß die Phryger (Wiki) um 1200 v. Ztr. von Thrakien aus nach Zentralanatolien zugewandert sind und sich im vormaligen Herrschaftszentrum des Hethitischen Reiches angesiedelt haben. Daß die Phryger aus Thrakien stammen würden, ist schon in der Antike von den Phrygern behauptet worden, von den Archäologen auch vermutet worden. Es wird jetzt durch die Archäogenetik bestätigt (1):

In den neu sequenzierten Menschenfunden aus der Eisenzeit in Zentral- und Nordwestanatolien (Kalehöyük, Antandros und Keçiçayırı) haben wir geringe Anteile von Steppenherkunft festgestellt, die dem Muster der Balkan-/griechischen Spätbronzezeit entsprechen und wahrscheinlich Migrationen aus dem Balkan widerspiegeln (Genetics and Strontium Supplementary Fig.S6.37; S6.38; S6.39; Supplementary Table S5). Da das Individuum aus Keçiçayırı (CGG_2_022162) im Phrygischen Tal ausgegraben wurde, kann das Auftreten dieser Herkunft mit der Entstehung des Phrygischen Staates im späten 2. Jahrtausend v. Ztr. in Verbindung gebracht werden (Archaeology Supplementary 2.12.5; Linguistic Supplementary 3.3).
In the newly sequenced Iron Age samples from Central and Northwestern Anatolia (Kalehöyük, Antandros and Keçiçayırı), we observed minor proportions of steppe ancestry with the pattern found in Balkans/Greek Late Bronze Age and probably reflects migrations from the Balkans (Genetics and Strontium Supplementary Fig. S6.37; S6.38; S6.39; Supplementary Table S5). Given that the individual from Keçiçayırı (CGG_2_022162) was unearthed from the Phrygian valley, the appearance of this ancestry may be associated with the emergence of the Phrygian state during the late 4th millennium BP48 (Archaeology Supplementary 2.12.5; Linguistic Supplementary 3.3).

Die Archäologen sind sich noch nicht sicher, ob die Phryger auch für den Untergang des Hethitischen Reiches verantwortlich waren. Aber warum sollen sie eigentlich nicht Teil des Seevölkersturmes gewesen sein? 669 v. Ztr. wurde das Phrygische Reich kurzzeitig von den indogermanischen Kimmerern erobert und zerstört, ohne daß die Kimmerer selbst in dieser Region eine eigene politische Macht ausgebildet hätten. Sie siedelten sich zwischen den Phrygern an. Später wurden die Phryger Untertanen der Lyder und mit diesen dann Untertanen des Großreichs der Perser.

Hatte es schon eine anatolisch-indogermanische Zuwanderung nach Griechenland gegeben um 2.700 v. Ztr.?

In der Studie wird auch Bezug genommen auf die vor-griechische Substrat-Sprache (Wiki) in Griechenland, also die Sprache, die vor Ankunft der Griechen in Griechenland gesprochen wurde. 

Abb. 5: Siedlungsgebiet der frühen Griechen um 2.200 v. Ztr. (Wiki) (Sie waren zu jener Zeit "Hyperboräer", sie lebten - aus der Sicht der damaligen Bewohner Südgriechenlands - "jenseits der Berge", "jenseits des Nordwinds")

Zu unserer Überraschung lesen wir, daß es eine stärkere Forschungsmeinung in der Sprachforschung gibt, die davon ausgeht, daß es sich bei dieser Substrat-Sprache um eine anatolisch-indogermanische Sprache gehandelt habe (Wiki):

Eine Substratsprache, deren Einfluß auf Altgriechisch und auf anatolische Sprachen erkennbar ist, wird von einer Reihe von Wissenschaftlern als eine indoeuropäische Sprache angesehen, die mit der anatolischen luwischen Sprache verwandt ist und für die weit verbreiteten Ortsnamen mit den Endungen
-ssa und -nda in Westkleinasien und
-ssos und -nthos auf dem griechischen Festland verantwortlich sein soll.
Beispielsweise wurde der Name des Berges Parnassos in Griechenland als das luwische parna- („Haus“) interpretiert, das an das Possessivsuffix -ssa- angehängt wurde. Sowohl hethitische als auch luwische Texte belegen auch einen Ortsnamen namens Parnassa, der verwandt sein könnte. Der Philologe Martin L. West hat vorgeschlagen, diese nicht belegte anatolische Sprache „Parnassianisch“ zu nennen, und argumentiert für „eine parallele Bewegung von Thrakien nach unten durch einen Zweig desselben Volkes, das nach Anatolien gelangte, das Volk, das 1.500 Jahre später als Luwier auftauchen sollte“. Aus der Verteilung der Namen geht hervor, daß diese Sprache während der Frühhelladischen II-Periode gesprochen wurde, die um 2800 v. Chr. begann.
One substrate language, whose influence is observable on Ancient Greek and Anatolian languages, is taken by a number of scholars to be an Indo-European language related to the Anatolian Luwian language,[4][5] and to be responsible for the widespread place-names ending in:
-ssa and -nda in western Asia Minor, and
-ssos and -nthos in mainland Greece.[6][7][4]
For instance, the name of the mount Parnassos in Greece has been interpreted as the Luwian parna- ('house') attached to the possessive suffix -ssa-. Both Hittite and Luwian texts also attest a place-name Parnassa, which could be related.[4] Philologist Martin L. West has proposed to name this unattested Anatolian language "Parnassian", and has argued for "a parallel movement down from Thrace by a branch of the same people as entered Anatolia, the people who were to appear 1,500 years later as the Luwians". From the distribution of the names, it appears that this language was spoken during the Early Helladic II period, which began around 2800 BC.

Wir hatten hier auf dem Blog schon behandelt, daß die erste indogermanische Ausbreitungswelle von der Mittleren Wolga aus (4.500 v. Ztr., 3.000 v. Ztr.) - zusammen mit Siedlungsabbrüchen vor Ort - bis nach Nordgriechenland gekommen war - aber nicht bis Südgriechenland (Stgen2021). Wildpferdekopf-Zepter der Frühen Urindogermanen finden sich in Nordgriechenland schon um 4.000 v. Ztr.. Es wäre also denkbar, daß die frühe urindogermanische Sprache der Chwalynsk-Kultur sich nicht nur in Anatolien ausgebreitet hat, sondern - von Nordgriechenland her oder von Anatolien her - sich auch nach Griechenland hin ausgebreitet hat. Hier dürfte in den nächsten Jahren noch manche spannende Erkenntnis gewonnen werden.

Zu diesem Thema hatte Philipp Stockhammer im November 2022 in einem Vortrag in Harvard auch schon einige interessante Dinge gesagt (Stg2023), nämlich über (wir wiederholen hier einen Absatz von uns selbst) ...

... Erkenntnisse aus einem Familien-Schachtgrab in Nea Styra auf Euböa aus dem Frühhelladikum II um 2.700 v. Ztr.. Und zwar über die Vorgänge, die womöglich auch dazu führten, daß sonst im Mittelmeer-Raum - etwa auf Sardinien - eine ausländische Elite die einheimische Bevölkerung unterwarf. Womöglich ist Ähnliches auch in Griechenland geschehen, wie hier deutlich wird. Zwei Menschen sind in diesem Grab begraben, die die traditionelle ägäisch-neolithische Herkunft in sich tragen. Drei Menschen sind in demselben Grab begraben, die eine andere Herkunft in sich tragen, nämlich eine solche anatolisch-kupferzeitlich-bronzezeitlicher genetischer Signatur. Sie haben keine genetische Herkunft aus der Ägäis. Nach der Radiocarbon-Datierung stammen alle bestatteten Menschen aus derselben Zeitstufe. Das paßt zu archäologischen Annahmen über das Hereinkommen von neuen Technologien (schnell drehende Töpferscheibe) und von Menschen von Anatolien oder Levante aus in die Ägäis und in den Mittelmeerraum hinein während der Frühbronzezeit.

Außerdem war von ersten Daten die Rede, die darauf hinweisen, daß sich in der Frühbronzezeit sowohl Gruppen aus Anatolien wie aus der Levante im Mittelmeerraum ausbreiteten.

Das "Kommen der Armenier" - um 2.200 v. Ztr.

Über das parallele "Kommen der Armenier" nach Armenien wird ausgeführt, was man sich schon hatte denken können und was wir hier auf dem Blog auch schon voraus gesetzt hatten (Stg2023), nämlich daß Griechen und Armenier von derselben Ausgangspopulation abstammten, und zwar von den Jamnaja (1):

Steppenabstammung wurde bereits in der mittleren Bronzezeit im Südkaukasus nachgewiesen, was mit dem Übergang von der Kura-Araxes-Kultur zur Trialeti-Kultur am Ende des 3. Jahrtausends v. Ztr. zusammenfiel. Wir können nun nachweisen, daß diese Personen sowie diejenigen aus urartäischen Kontexten Steppenabstammung aus derselben westlichen Jamnaja-Population erhielten wie Personen aus dem 2. Jahrtausend v. Ztr. aus der Ägäis (Extended Data Fig. 6, Genetics and Strontium Supplementary Fig. S6.19; S6.21). Diese Ergebnisse stützen die sprachliche griechisch-armenische Hypothese und legen nahe, daß der sprachliche Vorläufer des Armenischen am Ende des 3. Jahrtausends v. Ztr. über den Kaukasus kam.
Steppe ancestry has previously been detected in the South Caucasus from the Middle Bronze Age, coinciding with the transition from the Kura-Araxes culture to the Trialeti culture by the end of the 5th millennium BP. We can now demonstrate that these individuals, as well as those from Urartian contexts, received steppe ancestry from the same, western Yamnaya population as 4th millennium BP individuals from the Aegean (Extended Data Fig. 6, Genetics and Strontium Supplementary Fig. S6.19; S6.21). These findings support the linguistic Graeco-Armenian hypothesis and suggest that the linguistic precursor of Armenian was introduced to the Caucasus by the end of the 5th millennium BP.

Diese Vorgänge sind ja schon in der im Oktober 2024 erschienenen archäogenetischen Kaukasus-Studie sehr detailliert behandelt und aufgeschlüsselt worden (s. Stg2024). 

Italiker, Vollgriffdolche und Ösenhalsringe (ab 1.800 v. Ztr.)

Über die Archäogenetik Italiens wird im Diskussionsteil ausgeführt (1):

Glockenbecher-Populationen übten einen sehr starken genetischen und kulturellen Einfluß auf die Iberische Halbinsel aus. Die Situation in Italien ist allerdings komplexer. In Nordostitalien scheinen Glockenbecher-Gruppen in relativ geringer Zahl angekommen zu sein, wobei einige Individuen prominente Grabhügelbestattungen erhalten haben. Während der Frühbronzezeit und am Übergang zur Mittelbronzezeit tauchen jedoch Hinweise auf eine Verbindung zwischen Mitteleuropa und Italien in der Verbreitung dreieckiger Dolche auf, die oft in Hortfunden gefunden wurden. Diese Dolche sind in ganz Italien verbreitet, wobei ihr Auftauchen mit der weiten Verbreitung von Glockenbecher-Vorfahren über die italienische Halbinsel zwischen 1.800 und 1.500 v. Ztr. zusammenfällt.
Bell Beaker populations exerted a pronounced genetic and cultural impact in Iberia, whereas the situation in Italy is more complex. In Northeastern Italy, Bell Beaker groups appear to have arrived in relatively small numbers, with some individuals receiving prominent tumulus burials. However, during the Early Bronze Age and at the transition to the Middle Bronze Age, evidence emerges of a connection between Central Europe and Italy in the distribution of triangular daggers, often found in hoards. These daggers are distributed across Italy, with their appearance coinciding with the widespread diffusion of Bell Beaker-related ancestry across the Italian Peninsula between 3,800 and 3,500 BP.

Man bezieht sich in den Literaturangaben unter anderem auf eine deutsche Studie über die Verbreitung von "Vollgriffdolchen" aus dem Jahr 2003 (s.a. Ach-Onl) (s. Abb. 7). 

Abb. 6: Vollgriffdolche (2.200-1.600 v. Ztr.) - Ausgestellt im Kantonsmuseum für Archäologie und Geschichte in Lausanne (Wiki)

Auf diese waren wir hier auf dem Blog auch schon gestoßen (Stg2010). 

Abb. 7: Die Verbreitung von Vollgriffdolchen in Mitteleuropa und Italien (Schwenzer2003)

Damals hatten wir auch auf die Verbreitung von mitteleuropäischen Ösenhalsringen bis in den Levanteraum verwiesen (Stg2010). In dieser neuen archäogenetischen Studie aus Dänemark werden nun - dazu passend - Ösenhalsringe und Gewandnadeln der Aunjetitzer Kultur auf Zypern erwähnt (man bezieht sich dabei auf eine Arbeit von Kristian Kristiansen) (1):

Zu Beginn des 2. Jahrtausends v. Ztr. bestand darüber hinaus eine archäologische Verbindung zwischen der Aunjetitzer Kultur und dem östlichen Mittelmeerraum, einschließlich Zyperns, wie das Vorkommen von Aunjetitzer Ösenhalsringen (=ring ingots?) und Gewandnadeln belegt.
By the early 4th millennium BP, an archaeological connection additionally existed between the Únětice culture and the Eastern Mediterranean, including Cyprus, as exemplified by the presence of Únětice ring ingots and dress pins.

Weiter lesen wir nun in der neuen Studie (1):

Drei Genome von der mittel- und süditalienischen Küste (CGG_2_100646; NEO806; R1) weisen Ähnlichkeiten mit Balkanpopulationen auf, was auf anhaltende Kontakte zwischen beiden Seiten der Adria im 3. und 2. Jahrtausend v. Ztr. hinweist. Diese Kontakte reichten über die Adria hinaus bis zur Ägäis, wie das Vorhandensein mykenischer Keramik und anderer Waren in Siedlungen entlang der italienischen Küste zeigt. Genetische Abstammungen deuten außerdem auf kleinräumige Bewegungen von Menschen hin, möglicherweise unter Beteiligung spezialisierter Handwerker und Händler oder möglicherweise bedingt durch Exogamiepraktiken, was zur beobachteten genetischen Vermischung in der Region beiträgt.
Three genomes from the Central and Southern Italian litoral (CGG_2_100646; NEO806; R1) reveal affinities with Balkan populations, reflecting sustained contacts between both sides of the Adriatic Sea during the 5th and 4th millennia BP. These contacts extended beyond the Adriatic, reaching as far as the Aegean, as indicated by the presence of Mycenaean pottery and other goods in settlements along the Italian coast. Genetic ancestries further suggest small-scale movements of people, possibly involving specialized craftspeople and traders, or potentially driven by exogamy practices, contributing to the observed genetic admixture in the region.

Jene Jamnaja-Genetik, die sich ab 2.400 v. Ztr. nach Griechenland, bis nach Kreta und vereinzelt bis Zypern (siehe oben) ausgebreitet hatte, hat sich in kleineren Anteilen also auch schon früh entlang der Adria-Küste nach Norden ausgebreitet, auch an der italienischen Ostküste. Da diese Verbreitung gemeinsam mit mykenischem Kulturgut auftritt, ist es naheliegend zu sagen, daß es schon eine mykenische, bronzezeitliche "griechische" Kolonisation in der Adria gegeben hat (1):

Eine dritte kleinere Gruppe mit erhöhter Jamnaja-Abstammung, ähnlich den Balkan- und griechischen Populationen der Bronzezeit, läßt sich bei Individuen an der italienischen Adriaküste beobachten (Abb. 4; Genetics and Strontium Supplementary S6.2, CGG_2_100646, NEO806, R1). Interessanterweise weisen drei Individuen der Frühbronzezeit aus Nordostitalien eine zusätzliche Schnurkeramik- oder Jamnaja-Komponente auf, und ein solches Profil läßt sich auch bei Individuen aus Ungarn beobachten (Genetics and Strontium Supplementary S6.3). Diese Individuen, die in monumentalen Tumulusgräbern und einer Sargbestattung (CGG_2_022653) gefunden wurden, hatten wahrscheinlich einen besonderen sozialen oder kulturellen Status inne, wie die Komplexität der Tumuli und die mit diesen Monumenten verbundenen rituellen Aktivitäten nahelegen (Archaeological Supplementary 2.7.4; 2.7.9–11).
A third limited group with increased Yamnaya ancestry, similar to Balkan and Greek Bronze Age populations, is observed in individuals from the Adriatic coast of Italy (Fig. 4; Genetics and Strontium Supplementary S6.2, CGG_2_100646, NEO806, R1)6,20 271 . Interestingly, three Early Bronze Age individuals from Northeastern Italy carry an additional CWC or Yamnaya component, and such a profile is also observed in the individuals from Hungary Genetics and Strontium Supplementary S6.3). These individuals, found in monumental tumulus graves and a coffin burial (CGG_2_022653), likely held a special social or cultural status, as suggested by the complexity of the tumuli and the ritual activities linked to those monuments46 (Archaeological Supplementary 2.7.4; 2.7.9–11).

Wir hatten ja hier auf dem Blog schon vermutet, daß um 2.200 v. Ztr. herum Populationen vom Plattensee in Ungarn abgewandert sein könnten Richtung Adria und Richtung Griechenland (Stg2022). Vermutlich erfolgte diese Kolonisation der Adriaküste in Teilen also auch von Norden aus. Womöglich steht damit in Zusammenhang, was wir erst kürzlich auf Facebook weiter gegeben hatten (Fb), daß zwar eine archäogenetische Studie über die Picener in der Eisenzeit an der mittleren Adria-Küste eine ähnliche Herkunftszusammensetzung feststellt wie im übrigen Italien, daß sie aber außerdem noch feststellt (5):

Die Picener haben (...) einen größeren Anteil an Individuen mit blauen Augen (26,8 %) und blonder Haarfarbe (22,0 %) als andere italische Populationen. Bei den Etruskern und Römern sind diese helleren Phänotypen viel seltener (blaue Augen: 2,6 % bei den Etruskern, 10,0 % bei den Römern; blondes oder dunkelblondes Haar: 5,3 % bei den Etruskern, 10,0 % bei den Römern), wodurch diese Populationen früheren Individuen von der italienischen Halbinsel ähnlicher sind.

Dieser Umstand macht womöglich auch darauf aufmerksam, wie groß bei ähnlicher Herkunftszusammensetzung dennoch Phänotypen in unterschiedlicher Häufigkeit evoluieren können. Vielleicht ergab sich dieser Umstand daraus, daß selektive Heiratswahl diesen höheren Anteil Blonder bei den Picenern hervor brachte.

Hochmobile Lebensweise der Indogermanen um 2.200 v. Ztr.?

Insgesamt kann man jedenfalls wieder einmal nur sagen: "Völker in Bewegung". Eine weitere, neue Studie stellt anhand der Isotopen-Untersuchung (Wiki) von Skeletten aus einem Glockenbecher-zeitlichen Kollektivgrab auf Sardinien fest (3):

Stickstoff-, Kohlenstoff- und Sauerstoff-Isotope, gewonnen aus Knochen aus einem Kollektivgrab auf Sardinien ... weisen auf umfangreichen Fleischverzehr hin und auf wenig spezialisierte, extensive Viehhaltung, die wiederum zur Hypothese eines vergleichsweise mobilen Lebenstiles paßt.
Bone nitrogen, carbon, and oxygen stable isotopes from a collective burial in Sardinia ... show high consumption of animal products and generalized, extensive livestock management, fitting the hypothesis of a relatively mobile lifestyle.

In der Studie wird darauf hingewiesen, daß Ähnliches zuvor schon für die Glockenbecherleute in Großbritannien festgestellt worden war (3):

In Großbritannien (...) wurde eine Mobilität mittlerer Reichweite festgestellt, ohne viel Überseereisen und mit umfangreichem Verzehr von ausschließlich terrestrischen tierischen Proteinen (Jay et al., 2012, Jay und Richards, 2007a, Jay und Richards, 2007). Dies unterstützt eine Charakterisierung ihrer Gesellschaft als Herdenhalter, ein Befund, der durch die vorliegende Studie bekräftigt wird.
In Great Britain (...) medium-range mobility was detected, without much travel overseas and with high consumption of fully terrestrial animal proteins (Jay et al., 2012, Jay and Richards, 2007a, Jay and Richards, 2007). This supports a pastoral characterization of their society, a finding confirmed by the present study.

Es wird auch verwiesen auf die weltweite große Trockenheit und Abkühlung des 22. Jahrhunderts v. Ztr. (Wiki), die einhundert Jahre angehalten haben soll, und mit der in vielen Teilen der Erde politische und gesellschaftliche Umbrüche einhergingen. Die Ereignisse, die die Ankunft indogermanischer Völker in China (?), Indien, Anatolien, Nord- und Südeuropa mit sich brachten, scheinen durch sie noch einmal besonders akzentuiert, vielleicht beschleunigt worden zu sein. Vielleicht konnten die veränderungsbereiten, indogermanischen Herkunftsgruppen auf diese langanhaltende kühle Trockenperiode - aufgrund ihrer traditionellen Veränderungsfreudigkeit mit Herdenhaltung - flexibler reagieren als die bis dahin jeweils vor Ort einheimischen, seßhaften Bauernvölker. 

Die hoch mobile Lebensweise der Glockenbecher-Leute auf Sardinien und in England mit viel Konsumieren von Fleisch könnte ein Teil der Erklärung vieler Vorgänge sein.

/ Ergänzung 31.1.25: Während die neolithischen Schafe Europas aus Anatolien stammten, wurden sie genetisch in weiten Teilen durch die Schafe verdrängt, die die Indogermanen aus der Nordschwarzmeer-Steppe mit gebracht haben (ScMag2025, TCD2025, Phy2025). Wenn man mit Herden von Schafen, Rindern und Ziegen neue Länder aufsucht, ist man als wandernde Gruppe autark. / 

/ ergänzt um Ausführungen 
zu (5): 22.12.24 /

___________

*) Im germanischen Bereich der Schnurkeramiker benutzte man zu jener Zeit ähnlich geformte Feuersteindolche, auch Fischschwanz-Dolche (Wiki) genannt. Danach wird diese Zeitepoche von den skandinavischen Archäologen "Dolchzeit" (2350 bis 1700 v. Ztr.) (Wiki) genannt. Im Elbe-Oder-Bereich gab es den bronzenen Oder-Elbe-Dolch (Wiki). Man findet diese Vollgriffdolche auch verschlagwortet unter "Bronze Age daggers" (Wiki). Nahe dem Dorf Łęki Małe (Wiki) bei Lututow in der ehemaligen deutschen Provinz Posen - 30 Kilometer östlich von Wollstein, 50 Kilometer südwestlich von Posen, 70 Kilometer nördlich von Glogau an der Oder und 180 Kilometer östlich von Neißemünde - gab es mindestens 14 Grabhügeln der Aunjetitzer Kultur (2200-1600 v. Ztr.), von denen heute noch vier erhalten sind. In einem derselben fand sich sogar ein goldener Vollgriffdolch (Wiki). Die Fürstengräber der Aunjetitzer Kultur im Posener Raum und in Schlesien waren uns noch gar nicht bekannt und wir werden in einem künftigen Beitrag darauf zurück kommen. 

_______________

  1. Ancient genomics support deep divergence between Eastern and Western Mediterranean Indo-European languages. By Fulya Eylem Yediay, Guus Kroonen, Serena Sabatini, Karin Margarita Frei, (...) Morten Erik Allentoft, Martin Sikora, Rasmus Nielsen, Kristian Kristiansen, Eske Willerslev, bioRxiv 2024.12.02.626332; doi: https://doi.org/10.1101/2024.12.02.626332 (bioRxiv2.12.24)
  2. Verhasselt, Gertjan: The Pre-Greek linguistic substratum. An overview of current research. Les Études Classiques 77.3-4 (2009). (pdf)
  3. Luca Lai, Ornella Fonzo, Jessica F. Beckett, Robert H. Tykot, Ethan Goddard, David Hollander, Luca Medda, Giuseppa Tanda: Understanding the intersection of Rapid climate change and subsistence Practices: An isotopic perspective from a Mediterranean Bell Beaker case study. Journal of Anthropological Archaeology, Volume 77, March 2025, 101637, https://doi.org/10.1016/j.jaa.2024.101637 (ScDir-22.11.2024)
  4. Webb, Jennifer M., Knapp, Arthur B.: Rethinking Middle Bronze Age Communities on Cyprus: “Egalitarian” and Isolated or Complex and Interconnected?. J Archaeol Res 29, 203–253 (2021). https://doi.org/10.1007/s10814-020-09148-8; Published 14 September 2020 (Resg)
  5. Ravasini, F., Kabral, H., Solnik, A. et al. The genomic portrait of the Picene culture provides new insights into the Italic Iron Age and the legacy of the Roman Empire in Central Italy. Genome Biol 25, 292 (2024). https://doi.org/10.1186/s13059-024-03430-4, Published 21 November 2024 (Spri)

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