Mittwoch, 15. April 2026

Die Piasten stammten in männlicher Linie von den Wikingern ab

Die Y-chromosomale Linie der Piasten findet sich im Frühmittelalter in England

Der erste polnische König Mieszko I. (945-992) (Wiki) begründete das polnische Herrscherhaus der Piasten (Wiki).

Abb. 1: Mittelalterliche Halskette, ausgestellt im Piasten-Museum von Ostrów Lednicki (Wiki) zwischen Posen und Gnesen, der Ort, der als Keimzelle des polnischen Staates gilt (Yt2022)*)

Seit vielen Jahrzehnten gibt es in der Geschichtswissenschaft eine Erörterung darüber, ob das Piastenhaus von Wikingern begründet wurde oder welcher Herkunft dieses Herrscherhaus sonst wäre. Der Verfasser dieser Zeilen saß 1988 an der Universität Mainz bei Professor Gotthold Rhode im Hauptseminar für polnische Geschichte und erinnert sich noch gut, mit welcher "Behutsamkeit" Professor Rhode dieses Thema angesprochen hat. Es bestand ohne Frage große Sorge, polnische Nationalgefühle zu verletzen. Und Professor Rhode wollte wirklich nur das referieren, was wissenschaftlich gesichert oder wenigstens plausibel war. Eine besonders große Sicherheit gab es zu dieser Zeit zu dieser Frage nicht.

Im Zusammenhang mit der Erörterung der spannenden Wikinger-Studie aus der Forschungsgruppe um Eske Willerslev waren wir hier auf dem Blog schon einmal auf diese Thematik zu sprechen gekommen (Stg19). Da sich nach dieser Studie Wikinger-Genetik die Weichsel aufwärts ausgebreitet hat ebenso wie in anderen Teilen Osteuropas, war es immer nahe liegender geworden, daß sich die Wikinger-Herkunft des Piastenhauses bestätigen würde. Nun ist eine neue polnische archäogenetische Studie erschienen, in der mit allen Mitteln und in umfangreichen Untersuchungen versucht worden ist, diese Frage zu klären - anhand gesicherter Menschenreste der Piasten aus Polen selbst (1):

Unsere aDNA-Befunde ermöglichten es uns zusammen mit historischen Daten, die Skelettreste von mindestens zehn Piasten zu identifizieren. Die von uns durchgeführten Genomanalysen deuten darauf hin, daß die Piasten höchstwahrscheinlich nicht aus Polen stammten. Durch die Verfolgung der mütterlichen und väterlichen Abstammungslinien der Piasten bestätigten wir historisch belegte Verbindungen zwischen den Häusern der Piasten und den ungarischen Árpád.

Gemeint sind spätere Heiratsverbindungen, durch die die archäogenetische Rekonstruktion des Stammbaumes der Piasten in Polen bestätigt und abgesichert werden kann. Und weiter (1): 

Basierend auf unseren Ergebnissen, gestützt durch genealogische Daten, ordneten wir die mitochondrialen und/oder Y-chromosomalen Haplogruppen von über zweihundert bekannten historischen Persönlichkeiten aus europäischen Dynastien und Adelsfamilien zu, darunter 18 Könige. Das so erstellte genetische Profil des Hauses der Piasten vor dem Hintergrund anderer mittelalterlicher Königsdynastien bildet die Grundlage für weitere Studien zu den Prozessen, die im 10. Jahrhundert zur Bildung neuer politischer Gebilde auf der Grundlage von Monarchie und autarker Wirtschaft führten.
Our aDNA findings, together with historical data, allowed us to identify the skeletal remains of at least 10 Piasts. The genome-wide analyses we performed indicate that the Piasts most likely came from outside of Poland. By tracing both maternal and paternal Piast lineages, we confirmed historically-documented links between the Houses of Piast and Hungarian Árpád. Based on our results, supported by genealogical data, we assigned the mitochondrial and/or Y-chromosomal haplogroups of over two hundred known historical figures from European dynasties and noble families, including 18 kings. The created genetic portrait of the House of Piast against the background of other medieval royal dynasties forms the basis for further studies of the processes that led to the formation of new political entities based on monarchy and self-sufficient economies in the tenth century.

Die meisten archäogenetischen Daten der Studie stammen aus der Grablege der Piasten in Plock (Wiki) an der Weichsel. Plock liegt 110 Kilometer südwestlich von Hohensalza in Kujawien und 100 Kilometer nordwestlich von Warschau.

Abb. 2: Schloß Zakrzewo (Wiki) des Grafen Belina-Wesierski (1812-1875), gelegen 16 Kilometer westlich von Posen - Er gilt als Förderer der Archäologie im Landkreis Gnesen als der Urzelle des polnischen Staates

Der rekonstruierte Y-chromosomale Haplotyp, der über die Jahrhunderte hinweg bei allen gesicherten männlichen Mitgliedern der Piasten vorliegt, findet weder heute noch in früheren Jahrtausenden bislang eine Entsprechung in Polen oder in Osteuropa. Aktuell findet sich dieser Y-chromosomale Haplotyp auch nicht in Skandinavien, weder heute noch in früheren Jahrtausenden. Aber er findet sich - entsprechend dieser Studie - überraschenderweise in Nordwesteuropa (1):

Unter den DNA-Proben, die in die Zeit vor der Entstehung des Piastenstaates datiert wurden, wurde dieselbe (Y-chromosomale) Abstammungslinie in drei derselben gefunden: CGG_023713 (datiert auf 770–540 v. Ztr.) aus dem heutigen Frankreich, CGG_107766 (datiert auf 20–200 n. Ztr.) aus den heutigen Niederlanden und VK177 (datiert auf 880-1000 n. Ztr.) aus dem heutigen England. Unsere Daten zeigen somit, daß die Piasten der Abstammungslinie R1b-BY3549 angehörten, was darauf hindeutet, daß sie Migranten nicht-slawischer Herkunft waren.
Among the samples dated to the period before the Piast state formation, the same lineage was found in three ancient samples: CGG_023713 (dated to 770–540 BCE) from present-day France42, CGG_107766 (dated to 20–200 CE) from present-day Netherlands, and VK177 (dated to 880–1000 CE) from present-day England. Thus, our data revealed that the Piasts belonged to the R1b-BY3549 lineage, suggesting that they were migrants of non-Slavic origin.

Das "VK177" genannte Indiviuum aus England ist nun ein Individuum, das in der Wikinger-Studie von Eske Willerslev im Preprint im Jahr 2019 veröffentlicht worden war (Stg19). Die anderen beiden Individuen wurden ebenfalls von der Forschungsgruppe um Eske Willerslev sequenziert und sind 2024 im Preprint in ihrer Germanen-Studie veröffentlicht worden (Stg24). Im Diskussionsteil wird zu diesen nordwesteuropäischen Entsprechungen ergänzt (1):

Nach archäologischen Analysen repräsentierte das erste Individuum (aus der Zeit um 650 v. Ztr.) die westliche Hallstattkultur, das zweite Individuum (aus der Zeit um 115 n. Ztr.) wurde in einem römischen Friedhof bestattet, und das dritte Individuum (aus der Zeit um 940 n. Ztr.) war höchstwahrscheinlich ein Wikinger.
According to archaeological analyses, the first individual (from c.a. 650 BCE) represented the Western Hallstatt Culture, the second individual (from c.a. 115 CE) was buried in a Roman cemetery, and the third individual (from c.a. 940 CE) was most likely Viking.

Aufgrund der zeitlichen Nähe des Wikingers "VK177" in England und von Miesko I. in Polen könnten man ja fast der Frage nachgehen, ob es sich bei beiden nicht sogar um familiär Verwandte handelte. Aber soweit sind die Forscher bislang noch nicht gegangen. Sie schreiben immerhin einleitend in ihrer Studie (1):

Mieszkos Tochter, bekannt als Sigrid die Stolze oder Gunhild von Wenden, war Königin von Schweden, Dänemark, Norwegen und England und die Mutter mehrerer Könige: Olof Skötkonung, Harald II. Svensson und Knut des Großen. Innerhalb weniger Jahrzehnte stiegen die Piasten zu einer der größten europäischen Dynastien auf. Die Piastenmonarchie endete 1370 n. Ztr. mit dem Tod von König Kasimir III. dem Großen. Andere Zweige der Piasten herrschten jedoch weiterhin über Herzogtümer wie Masowien und Schlesien, bis der letzte männliche Piastenvertreter 1675 n. Ztr. starb.
Mieszko’s daughter, known as Sigrid the Haughty or Gunhild of Wenden, was the Queen of Sweden, Denmark, Norway, and England and the mother of several kings: Olof Skötkonung, Harald II Svensson, and Cnut the Great18. Within a matter of decades, the Piasts grew to become one of the largest European dynasties. The Piast monarchy ended in AD 1370 with the death of King Kazimierz III Wielki (Casimir III the Great). However, other Piast branches continued to control duchies, such as Masovia and Silesia, until the last male Piast representative died in AD 1675.

Und sie führen im Diskussionsteil aus (1):

Die nicht-polnische Herkunft der Piasten sollte Forscher auch dazu veranlassen, die Beziehungen der ersten polnischen Dynastie zu den Wikingern neu zu überdenken. Dieses Thema wird seit vielen Jahren intensiv diskutiert.
The non-local origin of the Piasts should also prompt researchers to reconsider the relations of the first Polish dynasty with the Vikings. This issue has been widely discussed for many years now.

Die Studie hat aber Bedeutung für die Erforschung des europäischen Hochadels insgesamt.

Abb. 3: Heiratsverbindungen von Piastentöchtern mit anderen europäischen Königshäusern und Hochadelsfamilien - Unterste Reihe (dunkelbraun): Hohenzollern (aus 1, Suppl. Fig. 11)

Aufgrund der Heiratsverbindungen innerhalb des europäischen Hochadels führen die Autoren aus (1):

Viele Töchter der Piasten und viele Frauen, die in die Familie der Piasten einheirateten, wurden bzw. waren ebenfalls Angehörige bekannter europäischer Dynastien. Daher ermöglichen die von uns erhobenen genetischen Daten der Piasten, die mitochondrialen Haplogruppen von über 200 bekannten historischen Persönlichkeiten vorherzusagen. Zu dieser Gruppe gehören 108 Piasten, 32 Rurikiden, 12 Giediminiden, 23 Árpáden, 15 Přemysliden, 13 Hohenzollern, 10 Habsburger, 8 Wettiner, 5 Anjou und 4 Wittelsbacher (Einzelheiten siehe  Supplementary Fig. 11 und Supplementary Data 3).
Many of Piast’s daughters and the women who married into the Piast family were also representatives of famous European dynasties; hence, the genetic data we collected for the Piast dynasty members allow us to predict mt-hgs for over 200 well-known historical figures. Within this group, there are 108 Piasts, 32 Rurikids, 12 Giediminids, 23 Árpáds, 15 Přemyslids, 13 Hohenzollerns, 10 Habsburgs, 8 Wettins, 5 Angevins, and 4 Wittelsbachs (for details, see Supplementary Fig. 11 and Supplementary Data 3).

Nach der genannten "Supplementary Fig. 11" (s. Abb. 3) ergibt sich die hier genannte Verbindung zu den Hohenzollern dadurch, daß der Habsburger Ernst der Eiserne (1377-1427) (Wiki) 1412 in zweiter Ehe die Piasten-Prinzessin Cimburgis von Masowien (1394-1429) (Wiki) heiratete. Deren Enkeltochter war dann Anna von Sachsen (1437–1512) (Wiki) aus dem Hause Wettin. Und diese war nun mit Albrecht Achilles (1414-1486) (Wiki) verheiratet, der ab 1470 Kurfürst von Brandenburg war. 

Abb. 4: "Schwere märkische Reiter", 15. Jahrhundert (Pintr)

Anna und Albrecht Achilles hatten nun 13 Kinder und die Töchter unter diesen vererbten somit die mitochondrialen Piasten-Haplotypen der Piasten-Prinzessin Cimburgis von Masowien weiter. Diese 13 bilden die unterste (braun gefärbte) Hohenzollern-Reihe in Abb. 3. Wir lesen (Wiki):

Die Historiographen des preußischen Königshauses charakterisierten Albrecht als „eine von Lebenslust strotzende Kraftnatur, der Körper mit Narben bedeckt, ein Meister der Heerfahrt, glänzender Redner und gewiegter Diplomat, impulsiv, gewaltsam und herrisch, trinkfest und prachtliebend, aber auch sparsam als guter Haushalter, Freund und nimmermüder Parteigänger seiner Fürstengenossen, geschworener Feind der verhassten Städte.

Nun, 15. Jahrhundert halt. Über den Sohn dieses Albrecht Achilles, über Johann Cicero (Wiki), der auch noch Piasten-Mitochondrien-DNA in sich trug, hat der deutsche Dichter Börries von Münchhausen eine immer wieder gern gelesene Ballade gedichtet, die wir hier an das Ende unserer Ausführungen stellen wollen.

Die Wunderwirkung der Latinität

(Börries Freiherr von Münchhausen)

Ihr lieben Jungens in Stadt und Land,
ich weiß euch eine Geschichte!
Ich kenn euch, ihr hört so trefflich zu
mit sehr ernsthaftem Gesichte,
doch in den Winkeln am Auge blitzt's,
wie von ganz anderen Sachen,
und eure Lippen beben dabei, -
das ist verhaltenes Lachen,
ihr seid nämlich eine ganz dolle Schwefelbande!

Der Kurfürst Johann von Brandenburg,
der war gelehrt wie sonst keiner,
er sprach das flüssigste, klarste Latein
noch besser als selbst die Lateiner,
Da nannten sie ihn den 'Cicero'
er fand das übel geraten,
viel besser hätte ihm 'Cäsar' gepaßt,
so liebte er die Soldaten -
vor allem seine sechstausend schweren märkischen Reiter!

Nun hatten einst einen großen Streit
die Könige von Ungarn und Polen,
da ließ der Kaiser, den das verdroß,
den Johann Cicero holen:
Herr Kurfürst, Ihr sprecht das berühmte Latein,
so bitt' ich Euch, habt die Gnade
und zieht gen Warschau und söhnt sie aus
mit Eurer lateinischen Suade,
vielleicht nehmt Ihr auch ein paar Soldaten mit?

Herr Kaiser, der Auftrag paßt mir gut!
sprach Johann mit tiefem Verneigen,
Die klassische Kunst der Rhetorik wird
sich stark an Barbaren erzeigen,
Die Ungarn und Polen versöhne ich
ganz ohne Schwertstreich und Wunde,
so wirkt der Wohllaut der Latinität
in meinem beredsamen Munde
und außerdem nehme ich meine sechstausend schweren Reiter mit!

Vor Warschau, auf dem weiten Plan,
da standen Ungarn und Polen,
die beiden Könige rechts und links,
die saßen wie auf Kohlen,
denn Johann Cicero sprach und sprach,
wie troff die Rede von Milde,
und wenn er von christlichen Gründen sprach,
so waren doch alle im Bilde.
hinter ihm standen Sechstausend aufgesessen und Lanzen eingelegt!

Was Johann Cicero dort gesagt,
es ist der Nachwelt verloren,
den feindlichen Königen klangen nur
so einzelne Worte in Ohren:
"Totschlago vos fortissime,
nisi vos benehmitis bene!!"
Da söhnten die Gegner gerührt sich aus,
und Johann vergoß eine Träne,
und seine sechstausend Kerle brüllten: Hurra, vivat Cicero!

Ihr lieben Jungens, euch ist ja gelehrt,
warum die Dichter was dichten,
ihr wißt, der Zweck ist stets die Moral
bei allen solchen Geschichten,
drum, wenn ein Klassenaufsatz es gibt
über Münchhausens letzte Ballade,
so schreibt: Ein tadelloses Latein
das ebnet im Leben die Pfade,
vorausgesetzt, daß einer eine gute Faust daneben haut!

_________

Abb. 5: Belina-Wesierski
*) Ostrów Lednicki gehört zur Gemeinde Lubowo und diese bis 1919 zum preußischen Landkreis Gnesen. Von den etwa 50.000 Einwohnern des Landkreises Gnesen waren 1905 67 % Polen und 33 % Deutsche (s. Wiki).
Der polnische Großgrundbesitzer Graf Albin Belina-Wesierski (1812-1875) (Wikigilt als Förderer der Archäologie im Landkreis Gnesen als der Urzelle des polnischen Staates. Er "unternahm ausgedehnte Reisen, auf denen er eine umfangreiche Sammlung archäologischer Funde zusammentrug. Das ererbte Gut baute er zu einem erfolgreichen landwirtschaftlichen Musterbetrieb aus. 1854 erhielt er mit königlichem Diplom die Bestätigung des preußischen Grafenstandes, wurde königlich-preußischer Kammerherr und Mitglied des preußischen Herrenhauses als Vertreter des Alten und Befestigten Grundbesitzes im Landschaftsbezirk Gnesen. In Zakrzewo ließ er ein repräsentatives Schloß im Stil des französischen Barock errichten, das von den Wirtschaftsgebäuden und einem Park umgeben war. 1856 kaufte Belina von der preußischen Regierung die Burg Ostrów Lednicki, um sie für die polnische Nation zu bewahren und vor Verfall zu schützen. Gelegen auf einer Insel im Lednica-See, ist sie eine Burg des ersten Piastenherrschers Mieszko I., der dort auch getauft wurde. Sie gilt damit als eine Wiege des polnischen Staates und darüber hinaus der Christianisierung Polens. Darüber hinaus engagierte Belina sich für die archäologische Erforschung dieser Burg und veröffentlichte einige Aufsätze darüber. Belina unterstützte auch die Posener Gesellschaft der Freunde der Wissenschaften und die Krakauer Akademie der Gelehrsamkeit." Und (Wiki): "In seinem Schloß in Zakrzewo trug er eine Sammlung archäologischer Fundstücke zusammen, hauptsächlich aus Ostrów Lednicki und Umgebung, auf deren Grundlage er ein „Lednica-Museum“ errichten wollte. Zu seiner archäologischen Sammlung gehörten auch Münzen aus einem mittelalterlichen Schatzfund, der 1872 im Dorf Głębokie (heute Gemeinde Kiszkowo ) entdeckt wurde. Elf Brakteaten davon schenkte Węsierski dem British Museum in London." (Weiteres auch hier: Pojezierze2021)
**) Irgendwie erinnert insgesamt diese Herkunft der Piasten auch an den ersten Böhmen-König Samo (600-658 n. Ztr.) (Wiki), der womöglich ebenfalls aus der Gegend rund um das heutige Brüssel stammte - allerdings schon 300 Jahre früher lebte (Wiki):

Samo (* um 600; † um 658/659) war nach der Fredegarchronik, der einzig bekannten Quelle, ein aus dem Frankenreich stammender Kaufmann und der erste namentlich bekannte Herrscher eines slawischen Reiches. Um 623/624 gründete er das in Mitteleuropa gelegene Reich des Samo (lateinisch: regnum Samoni), welches Samo bis zu seinem Tod 35 Jahre lang als König (rex) regiert haben soll. (...) In der Fredegar-Chronik (IV, 48) wird ein "homo nomen Samo, natione Francos, de pago Senonago" genannt („Ein Mann namens Samo, fränkischer Herkunft, aus dem Gau von Senonago“). Dieser Satz kann jedoch unterschiedlich übersetzt und gedeutet werden. Teilweise wird heute davon ausgegangen, daß Senonago der heutigen französischen Stadt Sens südöstlich von Paris entspricht. Anderen Quellen zufolge handelt es sich beim Senonago allerdings um Soignies oder Sennegau. Mit "natione Francos" wurden in Quellen im 7. Jahrhundert allgemein die Bewohner des Frankenreichs bezeichnet.

Die Senne ist ein Fluß, der durch Soignies und Brüssel fließt. Soignes gehört zum Hennegau. Aber wie gesagt: Mieszko I. (Wiki) lebte 300 Jahre später. 

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  1. Zenczak, M., Handschuh, L., Marcinkowska-Swojak, M. et al. Genetic genealogy of the Piast dynasty and related European royal families. Nat Commun 17, 3224 (2026). https://doi.org/10.1038/s41467-026-71457-1, 6.4.2026 (Nat2026)

Samstag, 11. April 2026

Kriegseinsatz und Archäologie - 1941 bis 1945

Die Studienjahre des deutschen Archäologen Georg Kossack (1923-2004) - als Beispiel
Von der Schule an die Front - von der Front an die Universität

Wenn man das Selbstverständnis der deutschen Archäologen seit 1945 verstehen will, macht es Sinn, sich klar zu machen, mit welchen Erfahrungen die damalige Studenten-Generation 1945 aus dem Krieg nach Hause gekehrt ist. Als ein vielleicht willkürliches Beispiel sollen im folgenden die Studienjahre des akademischen Lehrers heutiger bedeutender deutscher Archäologen (Harald Meller, Hermann Parzinger, Wolfgang Schier und anderer mehr) heraus gegriffen werden.

Abb. 1: Aus dem Studienbuch des Archäologie-Studenten Georg Kossack, Berlin 1943 (1)

Bei diesem akademischen Lehrer handelt es sich um den Münchener Archäologen Georg Kossack (1923-2004) (WikiDgtBib). Dieser hatte vormals auch in Kiel gelehrt und stammte ursprünglich aus Neuruppin in der Mark Brandenburg. Über diesen Archäologen ist im Jahr 2023 eine "Virtuelle Ausstellung" eröffnet worden, auf die sich die folgenden Ausführungen vor allem stützen (1). Dieser Archäologe Georg Kossack hatte so weise Lehren für seine Studenten im Gepäck wie die folgende (1):

Der Tag hat 24 Stunden. Sieben brauchen sie zum Schlafen, der Rest ist fürs Fach.

Ohne Frage: Hier brennt jemand für die Wissenschaft.*) Angeregt zur Auseinandersetzung mit Georg Kossack wurden wir durch die mehrfache Erwähnung desselben in einem gerade veröffentlichten Gespräch zwischen den Archäologen Harald Meller und Hermann Parzinger (2), sowie durch die Entdeckung des Umstandes, daß Georg Kossack aus Neuruppin stammte, sowie des Umstandes, daß er 1943 mit 20 Jahren als Schüler des Archäologen Hans Reinerth in Berlin in die heiligen Hallen der Wissenschaft eingetreten ist. Wir lesen (3):

Georg Kossack wuchs im brandenburgischen Neuruppin auf, wo er am 25. Juni 1923 geboren wurde und am humanistischen Friedrich-Wilhelm-Gymnasium die ersten Anregungen zur Beschäftigung mit der heimischen Vorgeschichte erfuhr, sodaß er schon vor seinem Notabitur im Jahr 1940 den Entschluß faßte, Vorgeschichte zu studieren.

Der Schüler Kossack wird in Bezug auf seinen Studienwunsch sicher auch von dem damals bedeutenden Archäologischen Museum in Heiligengrabe - in der Nähe von Neuruppin gelegen - Anregungen erhalten haben. Auf dieses lange vergessene Museum haben wir hier auf dem Blog schon vor einigen Jahren aufmerksam gemacht, nachdem wir es zufällig beim Vorbeifahren entdeckt hatten (Stg2019). (Kossack selbst erwähnt es aber in seiner eigenen wissenschaftsgeschichtlichen Darstellung mit keinem Wort [6].)

Die Eltern von Georg Kossack wohnten - zumindest 1943 - in Möhringstraße 6 in Neuruppin (1) gegenüber jenem Gebäude, in dem so manches Neuruppiner Kind in den letzten Jahrzehnten die Grundschule besucht hat. Er hatte somit nur zehn Minuten Fußweg zum Gymnasium am Marktplatz. Als Beruf seines Vaters wird "Kaufmännischer Leiter" angeführt. 

Eintritt als Kriegsfreiwilliger in die Wehrmacht - Am 1. Januar 1942

Georg Koassack ist am 1. Januar 1941 mit 18 Jahren als Freiwilliger in die Wehrmacht eingetreten - wie auf seinem Notabitur verzeichnet ist (DigtBibl).

Er wurde Angehöriger des brandenburgischen Infanterie-Regiments Großdeutschland (Wiki). Tat er das, weil er genug von der Schule hatte? War das eine Einzelentscheidung dieses Schülers? Oder haben sich damals viele Schüler - womöglich aufgrund von Werbeveranstaltungen? - als Freiwillige für die Wehrmacht gemeldet? Das geht aus den präsentierten Dokumenten vorderhand nicht hervor.

Ab 1942 kam er an der Ostfront zum Kriegseinsatz (DigBibl). Zu Anfang des Jahres 1942 am Nordabschnitt der Ostfront, im Sommer 1942 im Südabschnitt derselben und am Ende des Jahres wieder im Nordabschnitt. Am 22. September 1942 erhielt er die Medaille "Winterschlacht im Osten 1941/1942". Kossack könnte ab Januar 1942 als Verstärkung des bis dahin durch die Kämpfe schon stark dezimierten Regiments Großdeutschland zum Einsatz gekommen sein. Es können das nicht nur erhebende Eindrücke gewesen sein für diesen jungen "Kriegsfreiwilligen" in dieser "Winterschlacht".**)

Ab April 1942 wurde das Regiment Großdeutschland zur Infanterie-Division Großdeutschland erweitert. Im Sommer 1942 war diese Division dann am Oberen und Unteren Don, am Donez und am Manytsch eingesetzt. Als Archäologie-Interessierter könnte Kossack die Landschaft dort als Heimat der Skythen wahrgenommen haben. (Als Urheimat der Indogermanen wird Kossack diese Region noch nicht wahrgenommen haben, denn sicheres Wissen darüber ist erst 2024 durch die Archäogenetik gewonnen worden, siehe die entsprechenden Beiträge hier auf dem Blog.)

Abb. 2: Lage des Frontvorsprungs bei Rschew seit Januar 1942, der erst im März 1943 von den Deutschen geräumt wurde

Ab 10. September 1942 wurde die Division Großdeutschland dann wieder am Nordabschnitt der Ostfront eingesetzt, und zwar in den Kämpfen um Frontbogen um Rschew (Wiki) an der Oberen Wolga. Dort wurde die Division zum Gegenstoß angesetzt (Wiki):

Die Rote Armee antwortete mit dem verbundenen Einsatz von Artillerie, Werfern, Minen und besonders vielen Scharfschützen. Die Division Großdeutschland erlitt „hohe und höchste“ Verluste, die Panzerabteilung verlor 80 % ihrer Fahrzeuge. (...) In diesem Raum sollte die Division im Bereich des XXIII. und XXVII. Armeekorps den Rest des Jahres 1942 verbringen und sich während der sowjetischen Operation Mars im Lutschessa-Tal und bei Olenino den Namen „Feuerwehr“ verdienen. Die Infanterie-Division Großdeutschland wurde von jetzt an immer an Brennpunkten der Front eingesetzt. Das Jahr 1943 war zunächst für die Division mit dem Abschluß der Einsätze im Raum südlich von Rschew verbunden. Am 9. Januar traf der Befehl zum Abtransport nach Nowy Oskol ein.

Außerdem lesen wir (Wiki):

Bis Ende Januar 1943 war die Wehrmacht im Raum Rschew, Demjansk und Leningrad pausenlosen Angriffen der Sowjetarmee ausgesetzt, die allerdings nicht stark genug waren, um einen unmittelbaren Zusammenbruch befürchten zu lassen.

Im Zusammenhang mit diesen Kämpfen dürfte Kossack dann noch vor dem 9. Januar 1943 den "Verlust beider Unterschenkel infolge Erfrierungen" erlitten haben, von dem berichtet wird. Die Unterschenkel wurden amputiert, Kossack konnte sich aber mit Prothesen fortbewegen. Es ist das die selbe Zeit, in der die 6. Armee in Stalingrad ihren letzten Kampf führte (Abb. 2).

Studienbeginn in Berlin 1943 - Als Schüler von Hans Reinerth

Nach seiner Genesungszeit wurde Kossack am 21. September 1943 aus der Wehrmacht zurück nach Neuruppin entlassen. Er hatte aber vorher schon Resturlaub erhalten und im Sommersemester 1943 in Berlin mit dem Studium begonnen.

Abb. 3: Studienbuch von Georg Kossack, belegte Lehrveranstaltungen im Sommersemester 1943 in Berlin

Er studierte im Sommersemster 1943 bei Professor Hans Reinerth an der Friedrich-Wilhelm-Universität Berlin. Es war dies der bedeutendste Vertreter der sogenannten "Kossinna-Schule" in der deutschen Archäologie (s. Stg17). Kossack hörte bei Reinerth die Vorlesungen "Die Bronzezeit" und "Die Germanen, ihre kulturelle und politische Leistung". Er nahm an einem Unter- und einem Oberseminar Reinerths teil. Außerdem hörte er bei anderen Professoren Vorlesungen, so zu "Wesen und Weltbedeutung der griechischen Kunst", zu "Geschichte der deutschen Philosophie bis Kant" und schließlich auch noch zu "Rasse und Volk" bei Professor Wolfgang Abel (Wiki). Dies war der Lehrstuhl-Nachfolger des Anthropologen Eugen Fischer.

Im Wintersemester 1943/44 studierte Kossack dann Archäologie in Halle bei Walther Schulz (Wiki). Dies war der Nachfolger von Hans Hahne, des Neugestalters des Museums für Vor- und Frühgeschichte in Halle. Auch sie waren beide zugehörig zur "Kossinna-Schule" in der deutschen Archäologie.

Im Sommersemester 1944 studierte Kossack dann in Freiburg im Breisgau bei dem Archäologen Georg Kraft (1894-1944) (Propyl). Kraft hatte wiederum gemeinsam mit Reinerth in Tübingen studiert. Kossack hörte bei ihm die Vorlesung "Die Kelten", verfolgte in Freiburg auch weiterhin seine Interessen für griechischen Kunst, hörte auch die Vorlesung "Deutsche Plastik im 13. und 14. Jahrhundert". Außerdem belegte er drei Lehrveranstaltungen bei dem Professor für Anthropologie Johann Schäuble (1904-1968) (Wiki). Dieser sollte ab 1957 die "Zeitschrift für Morphologie und Anthropologie" heraus geben. Sodann lesen wir (DigBibl):

Das weitere Studium in Freiburg im Breisgau war nicht mehr möglich, weil Georg Kraft bei den Luftangriffen (Operation Tigerfish) auf Freiburg am 27. November 1944 getötet worden war.

- - - Was für krasse Studienjahre. Nun, Sterben war für den Studenten Georg Kossack nichts Neues. Für das Wintersemester 1944/45 wechselte Kossack zurück nach Halle.

Das Schiff sinkt ... - schnell runter ... - November 1944

Innerlich scheint sich Kossack spätestens zu diesem Zeitpunkt für eine ganz andere Richtung bezüglich der Fortsetzung seines Studiums entschieden zu haben: Alle bisher genannten Archäologen - in Berlin, in Halle und in Freiburg - gehörten der sogenannten "Kossinna-Schule" in der deutschen Archäologie an. Schon vor seinem Wechsel zurück nach Halle muß Georg Kossack nun aber an den schon emeritierten Marburger Archäologen Gero von Merhart (1886-1959) (Wiki) geschrieben haben und ihn um Rat gefragt haben bezüglich der Weiterführung seines Studiums. (Der Lehrstuhlnachfolger von Merhart in Marburg, Wolfgang Dehn [Wiki], war 1944 zum wiederholten mal zur Wehrmacht eingezogen worden. Deshalb hat Merhart für ihn die Lehrveranstaltungen bis 1947 übernommen, bis Dehn aus französischer Kriegsgefangenschaft zurück gekehrt ist.) 

Welche Überlegungen, gegebenenfalls Gespräche unter den Studenten und akademischen Mitarbeitern Kossack bei dieser Kontaktaufnahme zu Merhart leiteten, ist bislang nicht klar. Vielleicht haben ja sogar Angehörige der Kossinna-Schule selbst Kossack zu diesem Schritt geraten. Gero von Merhart war - sozusagen - einer der führenden Köpfe der ideologischen Gegner der "Kossinna-Schule". Das wird Georg Kossack sicher deutlich bewußt gewesen sein. Und sein Wechsel nach Marburg war diesbezüglich sicher eine sehr bewußte Entscheidung. Hat Kossack mit dem nahenden Kriegsende voraus gespürt, daß es für ihn als Schüler der Kossinna-Schule in der deutschen Archäologie keine Zukunft mehr geben würde? Das haben in jenen Jahren wohl viele Archäologen ähnlich frühzeitig wahrgenommen. Denn Reinerth stand in jener Zeit schon ziemlich isoliert innerhalb seines eigenen Faches da.

Gero von Merhart hatte das Jesuiteninternat Stella Matutina in Feldkirch besucht und hatte 1906 dort die Matura erworben (Acad). In den 1930er Jahren sandte er auch wieder seine eigenen Söhne auf dieses Jesuiteninternat. Unter anderem deshalb war er von Seiten der "Kossinna-Schule" als Teil eines christ-katholischen Netzwerkes wahrgenommen worden, das sogar innerhalb des Dritten Reiches sehr einflußreich geblieben sei, und aufgrund dessen mehrere Archäologen der Kossinna-Schule sogar während des Dritten Reiches glaubten, bespitzelt zu sein. - Merhart nun antwortete auf Kossack's Schreiben. Und Kossack schrieb an Merhart am 17. Dezember 1944:

Es war für mich eine große Beruhigung, in der Weiterführung des Studiums nunmehr klarer sehen zu können als es sonst der Fall sein mußte.

Er schreibt schon, daß er bezüglich der Zimmersuche in Marburg mit einer baldigen Zusage rechnet und daß er deshalb hofft, bald nach Marburg kommen zu können:

Bis zu diesem Zeitpunkt werden ja wohl hoffentlich die äußeren Umstände, unter denen wir alle im Äußersten zu leiden haben, günstigere sein. 

Eine auffallend "optimistische" Äußerung für jemanden, der am 17. Dezember 1944 mitten in Deutschland lebt, und dessen akademischer Lehrer in Freiburg gerade im Bombenhagel ums Leben gekommen war.

Zunächst setzte Kossack noch bis zum Semesterende sein Studium in Halle fort, wo er wieder Vorlesungen und Seminare bei Walther Schulz besuchte. Er hörte aber auch wieder Vorlesungen zur "Erb- und Rassenlehre", sowie "Rassenbiologie", diesmal bei Professor Georg Frommolt, einem in Halle angesehenen Gynäkologen und Anthropologen.

Halle wird durch die US-Armee besetzt - 19. April 1945

Am 19. April 1945 wurde Halle durch die 104. US-Infanteriedivision („Timberwolf-Division“) eingenommen. Die Kämpfe um die Stadt dauerten vier Tage, bevor die Übergabe erfolgte. Es gab aber keine größeren Zerstörungen.

Am 23. Mai 1945 wurde für Georg Kossack vom "Military Gouvernement of Germany" eine "Temporary Registration" ausgestellt, nach der er sich nicht aus Halle entfernen durfte - unter Androhung von sofortigem Arrest.

Neubeginn in Marburg - September 1945

Erst im September 1945 wird Kossack dann für das Wintersemester 1945/46 in Marburg eingetroffen sein. Dort ist er nun für sein 5. Fachsemester an der Universität Marburg eingeschrieben. Welche inneren Verschiebungen, äußeren Erfahrungen und Gespräche mögen es gewesen sein, die den einstigen Kriegsfreiwilligen des Jahres 1940 im Verlauf der vier Jahre bis Ende 1944 nun so entschieden nach Marburg wechseln ließen? 

Die ersten sieben Veranstaltungs-Eintragungen im Studienbuch für das Wintersemester 1945/46 liegen alle im Bereich Germanistik, in dem er bislang nicht studiert hatte. Diese germanistischen Studien hat er auch in den Folgesemestern in kleineren Anteilen fortgesetzt, ergänzt durch Lehrveranstaltungen zur allgemeinen Geschichte. So hörte er etwa auch eine Vorlesung zur "Geistesgeschichte Rußlands im 18.-19. Jahrhundert". Bei Gero von Merhart hörte er "Einführung in die Urgeschichte" (1):

Die prägenste akademische Station für Georg Kossack war das Studium im sogenannten "Marburger Laden". Neben Gero von Merhart (1886-1959) gestaltete Margarete Philippson (genannt "Der Philipp") das Institutsleben, "... weil sie aus dem Seminar einen 'Laden' formte, eine Gemeinschaft, deren Mitglieder sich in politisch schwieriger Zeit aufeinander verlassen konnten und Freundschaften schlossen, die lebenslang hielten." (G. Kossack 1986, S. 4).

So zitiert nach (4). Diese Margarete Philippson (geb. 1903) (DigBibl) war die langjährige Sekretärin Merharts (Propyl). In einer Veröffentlichung des Jahres 1973 erinnert sich jemand an die Fürsorge (GB, 1973, S. 333), ...

... die mir Merharts langjährige Sekretärin, Frau Margarete Philippson, Marburg, hat zuteil werden lassen. Sie hatte uns Jüngere ja schon während unseres Studiums betreut, war uns Kamerad geworden und zuverlässiger Mentor in schwierigen Lagen. Sie hat Merharts Schicksal treu und uneigennützig mitgetragen, verstand ihn wie niemand sonst und wußte in vielen Gesprächen die Stimmung wiederzuerwecken, die die Persönlichkeit Merharts in guten wie in schweren Tagen um sich verbreitet hat.

Kossack bleibt in Marburg bis zum Sommersemester 1947. Wir lesen (2): 

Mit dem Wechsel nach Marburg 1945/46 brach für Kossack ein entscheidender neuer wissenschaftlicher und persönlicher Lebensabschnitt an. Als Teil einer jungen, in jeder Hinsicht vom Krieg versehrten Generation fand Kossack in Marburg mit Gero von Merhart nicht nur einen akademischen Lehrer, der selbst im Nationalsozialismus durch die Aktivitäten Hans Reinerths seinen Lehrstuhl verloren  hatte, sondern auch eine Persönlichkeit, die für diese Generation prägend wirken sollte und für einen ideologiebefreiten Neubeginn des Faches stand.

Der wissenschaftliche Nachlaß von Georg Kossack soll noch mancherlei spannende Details enthalten. Darüber wird unter anderem angeführt (3):

Ein anderes Beispiel betrifft Kossacks Sammlung von für ihn forschungsgeschichtlich interessanten Quellen. Eine dieser Quellen ist die schriftliche Dokumentation einer Veranstaltung der Stadt Ahrensburg zum Umgang mit dem Andenken an Alfred Rust unter dem Titel »Alfred Rust und die Rahmenbedingungen für die Archäologie im Dritten Reich« vom November 2000. Die Veranstaltung dokumentiert die hitzige Diskussion, ob ein archäologischer Lehrpfad nach dem Ahrensburger Ehrenbürger Alfred Rust benannt werden soll und wie Rusts Tätigkeit für das »Ahnenerbe« und seine freiwillige Meldung zur Waffen-SS zu bewerten seien (vgl. Pape 2002, 330). Diese Diskussion steht exemplarisch  für die Konfliktlinien im Umgang mit deutschen Prähistorikern, deren Karrieren vor 1945  erst in den letzten 20 Jahren verstärkt Beachtung geschenkt wurde. Auch wenn Kossack  sich in diesem Themenfeld in erster Linie zum Fall Merhart und zur Rolle Hans Reinerths geäußert hat, so finden sich doch zahlreiche - meist unpublizierte - Quellen und Notizen zu diesen Fragen in seinem Nachlaß (Kossack 1999, 56–76).

Es dürfte spannend sein, darüber noch mehr zu erfahren. Und wir wollen solche Fragestellungen auch hier auf dem Blog weiter im Auge behalten.

Kossack's Darstellung zur Geschichte der deutschen Archäologie im Dritten Reich (1999)

Georg Kossack wurde im Jahr 1988 emeritiert. Zehn Jahre nach seiner Emeritierung und fünf Jahre vor seinem Tod gab er eine Darstellung zur Geschichte seines Faches während des 20. Jahrhundertes und insbesondere auch während des Dritten Reiches (6). Es handelt sich um jene, die am Ende des letzten Zitates erwähnt worden ist. Diese Darstellung läßt den Leser mit eigentümlichen Gefühlen zurück. An zentraler Stelle derselben zitiert er einen Brief von Gero von Merhart aus dem Herbst 1945 an den ostdeutschen Archäologen Bolko Freiherr von Richthofen, dessen Sichtweise auf die Entwicklung des Faches bis dahin Georg Kossack vollständig zu teilen scheint. Dies gilt insbesondere auch bezüglich der Würdigung der Verdienste von Gustaf Kossinna, die sich in diesem Brief von Merhart auch findet.

1. Zur Einordnung Kossinna's in die Wissenschaftsgeschichte

Kossack führt einleitend aus (6):

Nach dem ersten Weltkrieg trat bei manchen Archäologen in Deutschland der nationale, völkische Gedanke in den Vordergrund und spornte zu intensivierter Germanenkunde an, vor allem in den Ländern ostwärts der Elbe. Heute beurteilt man die Gelehrten, die diese Richtung vertraten, als Wegbereiter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft. Das ist genauso irreführend als wenn man behauptete, alle Vorgeschichtsforscher der sowjetischen Besatzungszone und der späteren DDR hätten dort die ideologischen Voraussetzungen für die „sozialistische“ Diktatur geschaffen, nur weil einige in führender Position den historischen Materialismus als einzig mögliche Methode auch prähistorischer Forschung praktizierten.

Er stellt ausführlich die Fragestellungen, Bestrebungen und Sichtweisen des Anthropologen und Archäologen Rudolf Virchow dar und die sich daran anknüpfenden Fragestellungen und Sichtweisen von Forschern anderer Fächer. In den Rahmen all dieser Bestrebungen ordnet er dann - sozusagen "harmonisch" - die Fragestellungen und Sichtweisen von Gustaf Kossinna ein.

Abb. 4: Titelseite der Darstellung von Georg Kossack, 1999

Kossinna erscheint danach keineswegs als "bracchialer Neuerer", sondern als jemand, der Fragestellungen anderer Disziplinen erstmals konkreter auf die Archäologie angewandt hat (6):

Der Grundgedanke, aus der Verbreitung typischer Formen des Sachbesitzes auf verkehrsgeographisch begründbare Räume und infolgedessen auf Territorien zu schließen, die ethnisch einheitliche Bevölkerungsgruppen bewohnten, geht auf Überlegungen der Anthropogeographie zurück. Carl Ritter (1779-1859) und Friedrich Ratzel (1844-1904) hatten dieses Wissensgebiet zu einer selbständigen Disziplin gemacht, wobei Ratzel an die philosophischen Systeme von Montesquieu und Herder anknüpfte und vornehmlich aus ethnographischen Quellen schöpfte. Die Menschen, lehrte er, seien keine beliebig manipulierbare Größe im historischen Prozeß, sie unterschieden sich nach biologischen Merkmalen wie nach ihren kulturellen Einrichtungen. Deshalb dürfe man von raumbezogenen Kulturgruppen sprechen. Aus anthropologischen Merkmalen und ethnographisch beschreibbaren Besitztümern ließen sich die Beziehungen zwischen den Völkern rekonstruieren. Außer den sprachlichen Eigentümlichkeiten müsse vor allem der Verbreitung der Gegenstände Bedeutung zugemessen werden, „weil die Gegenstände den Stempel des Volkes tragen, das sie verfertigte. Wir erkennen an ihnen, wo immer sie auftreten mögen, das Volk, von dem sie ausgehen“ (1891). Deshalb spiegele sich in ihrer geographischen Verbreitung der Verbreitungskreis des Volkes oder dessen Verkehrsraum wider. Je enger das Objekt mit denjenigen zusammenhinge, die es verwendeten, desto sicherer setze ihre Übertragung in andere Kulturkreise Völkervermengung und -mischung voraus. Diese Gedanken waren bei den Kontakten der Anthropologie, Ethnologie und Urgeschichte im „anthropologischen Zeitalter“ des Faches in Deutschland gemeinsame Überzeugung aller Forscher. Für die prähistorische Archäologie sie präzise formuliert zu haben, war das Verdienst eines Germanisten, Gustaf Kossina (1858-1931). Wenn zum Begriff „Volk“ seit Herder ein abgeschlossenes, mehr oder weniger dicht besiedeltes Landgebiet von annähernd einheitlicher Kultur und Sprache gehörte, müßten, folgerte Kossinna 1895, in den „archäologischen Kulturprovinzen“ Völker- oder Stammesgebiete stecken. Später erhob er diese Hypothese zum Lehrsatz: „Scharf sich heraushebende, geschlossene archäologische Kulturprovinzen fallen unbedingt mit bestimmten Völker- und Stammesgebieten zusammen“.

In einer Anmerkung nennt Kossack wissenschaftliche Literatur, die sich mit Kossinna befaßt und stellt in diesem Zusammenhang erneut fest:

... hier als einer der Wegbereiter nationalsozialistischer Ideologie beurteilt, eine Simplifizierung, die von geringer Kenntnis der Ära zeugt, die Kossinna geprägt hat (s.u. S. 39 ff).

Wie er selbst Kossinna beurteilt, wird aus den weiteren Ausführungen deutlich (6):

In Richard Wagners „Ring“, 1876 erstmals zusammenhängend aufgeführt und schon damals als nationale Tat gefeiert, schien germanisch-deutsches Wesen wiederzuerwachen. Viele Deutschbewußte verstanden dieses Erlebnis als Einladung, sich intensiver mit Germanenkunde zu befassen, die damals in der Literatur- und Sprachwissenschaft als philologische Teildisziplin Hervorragendes geleistet hatte. Indessen, der sich formierende Widerstand gegen den raschen Aufschwung experimenteller Fächer und die unheilvollen Folgen rasanter Industrialisierung, gegen den fortschreitenden Zerfall der alten Standesordnung und deren Wertbegriffe, schließlich gegen die steigende Gewinnsucht und das Imponiergehabe eines saturierten Bürgertums, er rief jene „völkische Bewegung“ ins Leben, in der sich alsbald auch namhafte Akademiker zusammenfanden. Sie verteilten sich zwar auf zahlreiche Organisationen mit variierenden Programmen, aber der Gedanke an eine Reform des Lebens, die in der edlen Größe des Germanentums ihr Vorbild haben sollte, einte sie. Insofern legten sie ein pseudophilosophisches Fundament, auf dem die „Konservative Revolution“ der zwanziger Jahre weiterbauen konnte.

So weit, sicherlich so richtig. Und man möchte fast vermuten, Kossack würde hier auch über seine eigene Jugendzeit schreiben. Ausdrücklich kenntlich macht Kossack das allerdings nicht. Kossinna, so schreibt Kossack weiter (6), ...

... ließ sich von einer geistigen Bewegung tragen, die man sehr bewußt als Abkehr von der bürgerlich-liberalen Kultur der Zeit empfand. Wer gemeinschaftlich die mannigfaltigen Erscheinungsformen der Natur, der bäuerlichen Lebensweisen und die Werke aus urbaner Vergangenheit erwanderte, für den erwuchs daraus ein geschärftes Wertbewußtsein für die Schöpferkraft, die in den Leistungen des eigenen Volkes Gestalt gewann. Dem Bedürfnis, dessen Ursprung nachzugehen, entsprach Kossinna schon 1912 in seinem Buch „Die deutsche Vorgeschichte, eine hervorragend nationale Wissenschaft“.

Auch dies ist sachlich richtig. Und man möchte auch hier wieder fast heraus hören, was Kossack selbst in seiner Jugend dazu veranlaßte, Archäologie zu studieren - als Schüler dieser Kossinna-Schule und geprägt womöglich von den Erfahrungen in der Hitler-Jugend des Dritten Reiches. Daß Kossack sich der Einseitigkeiten der Kossinna-Schule bewußt ist, wird ebenso deutlich und wird auch gut durch Gero von Merhart in seinem Brief vom Herbst 1946 gekennzeichnet.

2. Zur deutschen Archäologie während des Dritten Reiches

Kossack's Darstellung der Geschichte der deutschen Archäologie während des Dritten Reiches wird man nun allerdings doch recht einseitig nennen müssen. Er folgt nur der Sicht Gero von Merhart's auf diese Geschehnisse, in keiner Weise der Selbstwahrnehmung der Kossinna-Schule in dieser Zeit. Er stellt es so dar, als ob der starke, totalitäre Staat den machtlosen "redlichen" Archäologen gegenüber gestanden sei. Das ist sicherlich eine Facette dieses Geschehens - aber nicht das vollständige Bild. Unter Berufung auf (7) führt er aus, es seien von Seiten des Staates gebraucht worden (6) ...

... organisatorisch begabte, selbstbewußte Naturen, die es an den Schaltstellen der Macht vor allem unter jungen Leuten in etlicher Menge gab, in Parteiämtern, im Reichsministerium für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung und auch in der Notgemeinschaft (Deutsche Forschungsgemeinschaft), die seit 1920 viele Unternehmen und qualifizierten Nachwuchs finanziell gefordert hatte, aber nach der Machtübernahme Hitlers dem „Führerprinzip“ glaubte folgen zu müssen. Man begann dort alsbald, auch Rosenbergs parteiamtliche Kontrollbehörde und Himmlers Schützlinge mit erheblichen Beträgen zu unterstützen, bis 1936 die einsetzende Kriegswirtschaft („Vierjahresplan“) eine Wende in der Wissenschaftspolitik notwendig erscheinen ließ. Wie sie sich auf die Forschungsgemeinschaft auswirkte, untersuchte kürzlich Notker Hammerstein (1999). Ein Protege Himmlers, höherer SS-Offizier, im Ministerium leitend tätig, übernahm die Präsidentschaft der Forschungsgemeinschaft, weitete die Förderung auf kriegswichtige Zweckforschung aus („Reichsforschungsrat“), zu der auch die Volkstumsforschung aller einschlägigen Sparten zählte, und vergaß dabei das „Ahnenerbe“ nicht, während er Rosenberg die bis dahin reichlich fließenden Mittel sperrte. Das hinderte jedoch weder den Reichsleiter noch dessen Gehilfen im Amt Vorgeschichte, Hans Reinerth (1900-1990) daran, Professoren konservativer Geisteswissenschaften unsachlich, ja rüde zu diskreditieren.

In dem letzten zitierten Satz fehlt der logische Zusammenhang mit den vorhergehenden Ausführungen. Mittelsperrung hätte Reinerth also "hindern" sollen, "rüde zu diskreditieren"? Könnte es nicht umgekehrt sein, daß Reinerth auch in dieser Mittelsperrung Machenschaften seiner "Gegner" sah, die dazu geführt haben könnten, daß sich sein Ton und sein Verhalten gegenüber den von ihm identifizierten "gegnerischen" Netzwerken verschärfte? Daß auch eine solche Sichtweise zumindest möglich ist, fehlt uns bei der Darstellung von Kossack. Kossack weiter (6): 

Das trieb etliche Studenten und Fachvertreter in die Arme der SS und ihres „Ahnenerbes“ , weil sie sich dort unangreifbar, der herrschenden Klasse zugehörig wähnten. Reinerth, bis 1934 Dozent in Tübingen, wo er sich ungerecht behandelt fühlte, im Rosenbergschen „Kampfbund für deutsche Kultur“ in leitender Position tätig, wurde 34jährig an die Berliner Friedrich Wilhelms-Universität und zugleich in die erwähnte parteiamtliche Kontrollbehörde berufen. Er setzte sich sogleich vehement für das geplante Reichsinstitut ein, auch mit unredlichen Mitteln, die er um so bedenkenloser nutzte, je mehr er Widerstand gegen seine Person und seine Forderung nach alleiniger Führerschaft vernahm (Heiber 1966, 245ff.; Bollmus 1970, 162ff. 221 ff.; Junker 1997, 55ff). Seine Gegner fand er im Marburger Kreis um Gero v. Merhart und in den Präsidenten des Archäologischen Instituts, Gerhard Rodenwaldt (1886-1945) und Theodor Wiegand (1864-1936), der zur Führungsspitze des Staates Verbindungen unterhielt.

Bei dem erwähnten "Protege Himmlers" handelt es sich um Rudolf Menzel (1900-1987) (Wiki), von dem berichtet wird, daß er schon in Göttingen "Netzwerke" geknüpft habe, und daß er ein ausgesprochener Karrierist gewesen sei. Während Kossack also noch verstehende Worte für Kossinna findet, findet er solche für Hans Reinerth in keiner Weise mehr.

Im Gegenteil. Ohne eigene Distanzierung und Einordnung zitiert er einen Brief Gero von Merhart's aus dem Herbst 1945 an den ostdeutschen Archäologen Bolko Freiherr von Richthofen, in dem Merhart Reinerth nichts weniger als einen "Lumpen" nennt, und in dem er von der "Schuld" ostdeutscher Kollegen am Niedergang des Faches spricht, und in dem er spricht von den "wissenschaftlich-politisch-weltanschaulichen Bastarden", die die Fehlentwicklung des Faches hervor gebracht hätten. Das sind schon krasse Bewertungen und Stimmungen, die aus diesem Brief sprechen. Ist es wirklich so, daß Gero von Merhart selbst völlig von "Rachsucht" frei war? Wenn dieser Brief also womöglich insgesamt auch rein sachlich die Entwicklungen innerhalb der deutschen Archäologie zwischen 1933 und 1945 ganz treffend charakterisiert, wird doch deutlich, daß Merhart persönlich in gar keiner Weise erhaben "über den Dingen" stand. Sondern auch dieser Brief schüttete nur wieder neues Öl ins Feuer. Mehrhart schreibt gar (6):

Die niederträchtige Behandlung, die Reinerth unter Deckung Rosenbergs mir widmete, hat meine Gesundheit zerschlagen.

Da scheint rein menschlich alles Porzellan zerschlagen, das überhaupt nur hatte zerschlagen werden können. Als Nachgeborener fragt man sich, woher diese überaus starken Emotionen gerührt haben mögen. Merhart selbst stellt sich nur als Opfer, nicht als Mitwirkender in Netzwerken und als Nutznießer von Netzwerken dar, die ebenfalls während des Dritten Reiches über Einfluß verfügten. Kossack übernimmt diese Sichtweise Merharts offenbar vollständig. Eigenwahrnehmungen läßt Kossack nicht einfließen. Zu diesen ist sein Mund wie "zugenäht".

Walter Jens war gleichen Jahrgangs wie Georg Kossack. Walter Jens starb zehn Jahre nach Kossack. Das Buch seines Sohnes Tilman Jens "Demenz - Abschied von meinem Vater" erschien 2009, zehn Jahre nach dem hier behandelten Aufsatz von Georg Kossack. Ob mit diesem Buch nicht der innere Zwiespalt eines ganzen Jahrgangs gekennzeichnet ist?

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*) Während der Verfasser dieser Zeilen über Kossack schreibt, muß er oft an seinen eigenen akademischen Lehrer, den Mainzer Bismarck- und Fontane-Biographen Ekkhart Verchau (1927-2016) (Wiki) denken. Verchau war vier Jahre jünger als Kossack. Aber in Bezug auf eine gewisse "Bärbeißigkeit" mögen Ähnlichkeiten bestanden haben. 
**) Über das, was das Regiment Großdeutschland bis Januar 1942 schon alles durchgemacht hatte, ist zu lesen (Wiki):
Die endgültige Wende in der Schlacht um Moskau brachte die sowjetische Gegenoffensive ab dem 5. Dezember, welche auch das Regiment Großdeutschland traf. In der Nacht auf den 7. Dezember gab es die ersten Gefechte mit den frischen sibirischen Truppen, die hervorragend für den Winterkampf ausgebildet und ausgerüstet waren. Nachdem Generaloberst Guderian eigenmächtig für seine Panzerarmee den Rückzug befohlen hatte, begann dieser für die Einheiten des Infanterie-Regiments Großdeutschland in den Morgenstunden des 8. Dezembers. In den nächsten Wochen zogen sich die Einheiten des Regiments immer weiter nach Westen zurück. Die Gefechtsstärke der Kompanien sanken dabei auf jene von Zügen, sodaß Einheiten zusammengelegt werden mußten. Die vom Vormarsch her bekannte Stadt Mzensk passierten die dezimierten Großdeutschland-Verbände am Morgen des 22. Dezembers westwärts. In der Nähe von Bolchow wurden die Reste des Regiments in den Oka-Brückenkopf eingegliedert. Nach einigen Tagen der Ruhe griff die Rote Armee den Brückenkopf immer wieder an und fügte den dezimierten Verbänden noch weitere Verluste zu. Am 20. Januar wurden diese aus der Verteidigungsstellung herausgelöst und bis 21. Februar für lokale Angriffsunternehmen in Dörfern wie Jagodnaja oder Gorodok, die sich im Großraum Belew befanden, eingesetzt. Durch diese verlustreichen Kämpfe sank die Kampfstärke des einstmals so großen Verbandes auf drei Offiziere und 30 Unteroffiziere und Mannschaften, fast 1.000 Mann waren in den vergangenen Monaten gefallen und etwa 3.000 verwundet worden.

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  1. Dr. Gabriele Rasbach, Sandra Schröer-Spang M.A.: Georg Kossack (1923-2004) - Wegbereiter einer interdisziplinären Archäologie. Eine virtuelle Ausstellung zum 100. Geburtstag. Gestaltet von der Römisch-Germanischen Kommission, die den Nachlass Georg Kossacks aufbewahrt (DgtBib)
  2. Harald Meller trifft Hermann Parzinger - Skythen. Landesmuseum für Vorgeschichte Halle, Veröffentlicht am 9.4.2026, aufgenommen im Jahr 2024 (Yt2024)
  3. Urte Dally und Christoph Jahn: Der wissenschaftliche Nachlaß von Georg Kossack (1923-2004). In: Jahresschrift für mitteldeutsche Vorgeschichte / Band 97 / 2019 (pdf) 
  4. Gedenkschrift für Gero von Merhart. Zum 100. Geburtstag. Frey, Otto-Hermann; Dobiat, Claus; Roth, Helmut; Merhart, Gero von. Hitzeroth, Marburg 1986
  5. Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Hessen. Band 35. 1973 (GB, 1973, S. 333)
  6. Kossack, Georg: Prähistorische Archäologie in Deutschland im Wandel der geistigen und politischen Situation. In: Sitzungsberichte - Bayerische Akademie der Wissenschaften, Jg. 1999, Heft 4, 2. Juli 1999 (pdf)
  7. Hammerstein, Notker: Die deutsche Forschungsgemeinschaft in der Weimarer Republik und im Dritten Reich: Wissenschaftspolitik in Republik und Diktatur 1920-1945. 1999

Dienstag, 7. April 2026

2.900 v. Ztr. - Steppengenetik am Rhein - Iberer-Genetik im Pariser Becken

Spanien hatte im Mittelneolithikum eine bis heute völlig unterschätzte Bedeutung
- Von hier ging ein völlig überraschender Bevölkerungsaustausch aus, der sich bis in das Pariser Becken um 2.900 v. Ztr. erstreckte

Soeben ist eine neue archäogenetische Studie der Forschungsgruppe um den dänischen Archäogenetiker Eske Willerslev und den dänischen Archäologen Kristian Kristiansen erschienen. Im Mittelpunkt steht die die Untersuchung von den menschlichen Überresten von mehr als 130 mittelneolithischen Personen, die in einem Galerie-, bzw. Ganggrab 50 Kilometer nördlich von Paris bestattet worden waren (in der Nähe der Ortschaft Bury) (1). 

Abb. 1: Steppengenetik am Rhein, Iberer-Genetik im Pariser Becken um 2.900 v. Ztr. (aus 1)

Eine eindrucksvolle, für sich sprechende Zusammenfassung der Ergebnisse dieser Studie findet sich in Abbildung 1.

Interessanterweise ist an der Studie so gut wie kein Franzose beteiligt, weshalb die Studie die neuen Ergebnisse aus der Archäogenetik auch so gut wie gar nicht in den konkreten, regionalen archäologischen Kenntnisstand einordnet und diesem zuordnet.

Die Forscher stellen nämlich sehr überraschender Weise eine Ausbreitung iberischer, mittelneolithischer Genetik bis in den Pariser Raum hinein fest, wo es bis dahin eine einheimische mittelneolithische Genetik gegeben hatte, die sich ab 4.100 v. Ztr. auch schon über die britischen Inseln ausgebreitet hatte (Stg2019). Die iberische mittelneolithische Genetik trat vor 2.900 v. Ztr. im Pariser Becken zunächst nur vereinzelt auf, stellte dann aber nach 2.900 v. Ztr. 80 % der Herkunft der dortigen Bevölkerung (1):

In Übereinstimmung mit unserer Hauptkomponenten-Analyse fanden wir eine hohe Diversität bei den Individuen der Phase 1 mit unterschiedlichen Anteilen modellierter Abstammungen aus dem frühen Neolithikum Frankreichs und einer Gruppe neolithischer Iberer aus dem vierten Jahrtausend v. Ztr. (...). Dieses Muster spiegelt sich auch bei anderen zeitgleichen Individuen aus dem Pariser Becken wider, von den Fundstätten Mont Aimé hypogée (I + II), Wettolsheim und Pont-sur-Seine. Für Phase 2 hingegen ergab die Modellierung eine homogenere Population mit über 80 % (Mittelwert 83,8 % ± 0,1 % Standardabweichung) iberischer Abstammung.

Weiter heißt es (1):

Die Mischungsmodellierung zeigt eine schrittweise Ausbreitung der neolithischen iberischen Abstammung nach Norden (...). Um 2900 v. Ztr. wiesen die Bevölkerungen in Südfrankreich und auf der Iberischen Halbinsel einen großen Anteil iberischer Abstammung auf, während die Menschen im Pariser Becken, wie die Individuen der Phase 1 zeigen, noch einen gemischten Anteil an Abstammung aufwiesen. Nach 2900 v. Ztr. verdrängte eine letzte Ausbreitung der iberischen Abstammung nach Norden die bestehende lokale Abstammung im Pariser Becken teilweise, was zu der in Phase 2 beobachteten homogenen Bevölkerung führte.

Allgemeiner schreiben die Verfasser dann (1):

Seit Anfang des 20. Jahrhunderts nehmen viele Autoren einen Zustrom an von Menschen von der Iberischen Halbinsel nach Nordwesteuropa, basierend auf der Verbreitung der Glockenbecherkultur im dritten Jahrtausend v. Ztr. (...). Unsere Daten belegen einen genetischen Zustrom von der Iberischen Halbinsel bereits vor dem Phänomen der Glockenbecherkultur: Wir zeigen, daß die Erbauer und ersten Nutzer des Grabes bereits um 2900 v. Ztr. weitgehend durch eine neolithische Bevölkerung aus Südfrankreich und der Iberischen Halbinsel ersetzt wurden. Dieses Datum liegt mehrere Jahrhunderte vor dem ersten bestätigten Zustrom der Glockenbecherkultur in das Pariser Becken.

Soweit übersehbar, ist die Ausbreitung von Iberer-Genetik bis in das Pariser Becken eine für die Archäologie völlig unerwartete Erkenntnis.

Eine völlig unerwartete Erkenntnis

Sie scheint uns doch sehr deutlich ein Hinweis darauf zu sein, daß auf der iberischen Halbinsel im Mittelneolithikum besonders fortschrittliche Gesellschafts- und Wirtschaftsformen ausgebildet worden sein müssen. Allerdings konnten die Archäologen in Spanien oder Katalonien bislang dafür offenbar noch nicht besonders viele konkrete Hinweise zusammen tragen (Wiki). Offenbar. In Katalonien ist die Rede von der "Kultur der Grubengräber" (Wiki) (Spanisch "Cultura de los Sepulcros de Fosa"). Es sind bislang von dieser offenbar keine Siedlungen gefunden worden, es scheinen vorwiegend Gräber und Höhlenbefunde vorzuliegen. Sie erlauben immerhin Rückschlüsse auf Fernhandel (Wiki):

Während der Blütezeit der Bestattungspraxis in Gruben oder Steinkisten (zahlreiche Beispiele finden sich in den katalanischen Regionen Solsonès und Berguedà sowie in Nachbarländern wie Andorra und Frankreich) sind Siedlungen und Hütten selten. In Solsonès wurden zudem zahlreiche Muschelarmbänder gefunden, die wahrscheinlich aus dem Ebrodelta und anderen Küstenregionen stammen. Honigfarbener Feuerstein aus Südfrankreich und Alpenäxte sind ebenfalls häufig in Gräbern von Vallès und Solsonès zu finden. Der Bergbau gewann ebenso an Bedeutung wie der Nah- und Fernhandel. Weitere Fundstücke, die diesen Handel belegen, sind polierte Keramik, typisch für eine Gruppe in Südfrankreich, Gefäße mit quadratischer Mündung und Keramik mit rotem Überzug.

Über die "Kultur der Grubengräber" Kataloniens lesen wir auch (Wiki):

Man geht heute davon aus, daß sie mit der Cortaillod-Kultur der Schweiz, der Lagozza-Kultur Norditaliens und der in Frankreich gefundenen Chasséen-Kultur verwandt war.

Nun, diese "Verwandtschaft" scheint gerade sehr deutlich durch die Archäogenetik bestätigt worden zu sein, denn sie scheint auch auf genetischer Ebene vorzuliegen (1). Inzwischen sprechen die Archäologen auch schon von einer "Chassey-Lagozza-Cortaillod-Kultur" (Wiki):

Die Chassey-Lagozza-Cortaillod-Gruppe (4600–2400 v. Ztr.) wurde wegen der Übereinstimmung ihrer Keramik als zusammenfassende Bezeichnung für die drei jungneolithischen Kulturen Chasséen, Cortaillod und Lagozza vorgeschlagen.

Diese Sichtweise dürfte durch die Archäogenetik nun deutlich untermauert worden sein. Im Pariser Becken nun war auf die Michelsberger Kultur (4.400 bis 3.500 v. Ztr.) (Wiki) die "Seine-Oise-Marne-Kultur" (3.400-2.800 v. Ztr.) (Wiki) gefolgt. Die Archäologie ahnt bislang offenbar nur vergleichsweise wenig von einer Herkunft dieser Kultur aus dem südlichen Frankreich oder gar aus Spanien (Wiki):

Die Seine-Oise-Marne-Kultur wurde nach den zahlreichen archäologischen Funden im Pariser Becken (den Einzugsgebieten der Flüsse Seine, Oise und Marne) benannt. Doch diese Kultur breitete sich weit darüber hinaus aus, durch Nordwestfrankreich und Südbelgien bis hin zu den Niederlanden. (...) Die Elemente, die Mitte des 3. Jahrtausends v. Ztr. in Nordfrankreich auftreten, finden sich in dieser Weise nirgendwo sonst und deuten auf einen lokalen Ursprung hin. (...) Die Seine-Oise-Marne-Kultur existierte zeitgleich mit der Schnurkeramik-Kultur, die sich von Ostfrankreich bis nach Rußland erstreckte. Mit dieser teilt sie so viele gemeinsame kulturelle Elemente, daß erstere als eine Untergruppe der letzteren betrachtet werden kann.

Immerhin bemerkenswerte Ausführungen. Stand die Ausbreitung der "Iberer"-Stämmigen in das Pariser Becken in irgendeinem Zusammenhang mit der Ausbreitung der Schnurkeramiker in dieser Zeit bis an den Rhein (und bis nach Jütland wie wir schon anderwärts erörterten [Stg21])? 

In der Seine-Oise-Marne-Kultur begrub der Adel seine Verstorbenen in "Galeriegräbern" und stellte ihnen Stein-Stelen auf. Nach den neuen archäogenetischen Daten sollte die Seine-Oise-Marne-Kultur im Pariser Becken aus der Chasséen-Kultur im südlichen Frankreich hervor gegangen sein (Wiki): 

Die Chasséen-Kultur ist eine archäologische Kultur des Mittelneolithikums, die sich zwischen etwa 4350 und 3300 v. Ztr. in Norditalien und sich später im heutigen Frankreich ausbreitete. Sie ist die einzige neolithische Kultur, die sich über einen Großteil dieses Gebiets ausbreitete.

All das, was die Archäologen hier eher zaghaft andeuten, wird durch die Archäogenetik nun deutlich "befeuert" werden. Die Archäogenetik erweitert auch hier sehr deutlich die Perspektiven und Erkenntnishorizonte, läßt mit großer Sicherheit Zusammenhänge erkennen, deren sich die Archäologen bislang gewiß nicht so sicher gewesen sind wie sie es ab jetzt sein werden.

Immerhin: Wir hatten hier auf dem Blog schon behandelt, daß die ältesten Eigendarstellungen der mittelneolithischen Bauern Europas aus Spanien stammen (Stg2019).

Eine Männer-dominierte Gesellschaft schon vor Ankunft der Indogermanen?

Interessanterweise wurden viel mehr Männer als Frauen in den Adelsgräbern bestattet. Mehr als die Hälfte der weiblichen Mitglieder dieser Familien scheinen nicht in diesen Adelsgräbern bestattet worden zu sein. Das mag ein starker Hinweis darauf sein, wie "Männer-dominiert" diese Gesellschaften schon damals waren, also auch hier einmal erneut schon vor Ankunft der Indogermanen.

Außerdem geht die Studie einmal erneut einem "neolithic decline" um 3.000 v. Ztr. nach, einem in weiten Teilen Nordeuropas beobachteten Bevölkerungsrückgang mit erneuter verstärkter Bewaldung. Nun einen solchen "neolithic deline" hat es in den westlichen Regionen der Bandkeramik an ihrem Ende offenbar auch gegeben wie wir erst jüngst berichteten (Stg26). Auch am Ende der "Völkerwanderung" um 500 n. Ztr. sehen wir einen solchen zeitweisen Bevölkerungsrückgang in vielen Regionen Ostmitteleuropas vor der Neubesiedelung durch die Slawen. "Der" "neolithic decline" dürfte also nicht so einzigartig sein wie hier unterstellt wird, sondern im Wechsel der Kulturen und Völker zwischendurch immer einmal wieder aufgetreten sein.

*** 

Für uns mag all dies ein Anlaß sein, einen Blogartikel-Entwurf aus dem April 2024 hier mit zu veröffentlichen:

Mittelneolithische Megalithkultur - Ihre Ethnogenese in Portugal

Sie entstand im Gebiet der im Gebirge lebenden späten Jäger und Sammler

Die archäogenetische Forschung tastet sich immer näher an die Ursprungsorte der Ethnogenese der mittelneolithischen Völker und Kulturen heran. Zu diesem Thema ist soeben eine archäogenetische Studie zum neolithischen Portugal erschienen (2).

Der Ursprünge der Megalithkultur an der Atlantikküste Westeuropas werden schon seit vielen Jahrzehnten in der Forschung erörtert. Zunächst war angenommen worden, die Megalithgräber-Kultur sei vom Mittelmeerraum durch direkte Bevölkerungs-Ausbreitung an die Atlantikküste gelangt. Die C14-Datierungen schlossen eine solche Erklärung aber aus. Denn die Megalithgräber in Portugal an der Atlantikküste waren älter als die im Mittelmeerraum, sie gehören zu den ältesten der Megalithkultur überhaupt (Wiki). 

Nachdem dies klar war, nahm man an, die Megalithgräber in Portugal und anderwärts wären vor allem von den Nachkommen der frühesten bäuerlichen Besiedlung in diesen Räumen errichtet worden. Dieses waren die Hirten und Bauern der sogenannten Cardial-Kultur (Wiki), die sich vom Levanteraum rund um das ganze Mittelmeer und auch entlang der Atlantikküste ausgebreitet hat. 

Ab den 1960er Jahren wurde aber von einigen Archäologen auch eine bis heute nur wenig publizierte These vertreten, die der portugiesische Archäologe Manuel Heleno (1994-1970) (Wiki) in Umlauf gebracht hat, nämlich ... 

... daß die frühesten Erbauer der Megalithgräber in Portugal direkte Nachkommen der mesolithischen Jäger und Sammler des Muge-Tales waren, die aus dem Tejo-Tal in die inneren Zentral-Gebiete Südportugals eingewandert waren. Dies wäre der Fall bei den Erbauern der Megalithgräber im Montemor-o-Novo-Gebiet in der zentralen Ebene des Alentejo (Heleno, unveröffentlicht; siehe Gonçalves und Andrade, 2020; Rocha, 2009/10), und diesen konnten später ähnliche Gräber im Monchique-Gebirge an der Algarve (Formosinho et al., 1953) zugeordnet werden (Abb. 1B).
Entsprechend dieser Sichtweise sind die in diesen Regionen reichlich vorhandenen kleinen, zistenartigen Gräber aus Steinplatten für Einzelbestattungen Zeugnisse dieses Prozesses und stellten die ersten Grabarchitekturen des Neolithikums dar.
... that the earliest megalith builders of the country were direct descendants of Muge Mesolithic hunter-gatherers who migrated from the Tagus valley to the interior areas of central-southern Portugal. Such would be the case with the builders of the Montemor-o-Novo megalithic area in the central plains of Alentejo (Heleno, unpublished; see Gonçalves and Andrade, 2020; Rocha, 2009/10), to which similar tombs of the Monchique mountain range in Algarve (Formosinho et al., 1953) would be added later (Fig. 1B).
According to this view, the abundant number of small, cist-type graves built with stone slabs for individual burial known in those regions bore witness to the process and represented the first funerary architectures of the Neolithic.

Der hier genannte Tejo-Fluß (Wiki) ist der längste Fluß der iberischen Halbinsel. Er durchfließt diese von Osten nach Westen. Er durchfließt eindrucksvoll in gebirgiger Gegend die Städte Aranjuez und Toledo, 40 Kilometer südlich von Madrid (bekannt z.B. aus Schillers Drama "Don Carlos"). Der Tejo mündet schließlich bei Lissabon in den Atlantik.


Abb. 2: Von den spätmesolithischen zu den neolithischen Beisetzungen in Westiberien zusammen mit archäogenetischen Ergebnissen

Und weiter (2):

Aus diesen architektonisch einfacheren Steinbauten dürften sich die späteren und größeren Gräber mit Passagen und polygonalen Kammern entwickelt haben. Tatsächlich gehen einige Autoren immer noch davon aus, daß diese kleinen Gräber zu gleicher Zeit eine späte Manifestation autochthoner mesolithischer Gruppen und das früheste Stadium der Megalith-Sequenz sind – daher der Begriff „Proto-Megalithismus“ (z. B. Silva und Soares, 2000).
The later and larger tombs with passages and polygonal chambers would have evolved out of these architectonically simpler stone structures. Indeed, a number of authors still envisage these small tombs as being simultaneously a late manifestation of autochthonous Mesolithic groups and the earliest stage of the megalithic sequence—hence the term “proto-megalithism” (e.g., Silva and Soares, 2000).

Nun, all das folgt einer "Regel", die überall in Europa zu beobachten ist: An der Ethnogenese der mittelneolithischen Völker nahm die ursprünglich in Europa einheimische Bevölkerung, die westeuropäischen Jäger und Sammler, fast überall Anteil.

Abb. 3: Der portugiesische Archäologe Manuel Heleno

Zum Stand der archäologischen Erkenntnisse zum Neolithikum Portugals wird nun dementsprechend referiert (2):

Um 5500 v. Ztr. wurde die bäuerliche Lebensweise entlang der Küstengebiete der Estremadura und der Westalgarve eingeführt. Von dort aus breitete sich diese Lebensweise im Landesinneren und im Norden aus, wo sie bereits um 5100 v. Ztr. bezeugt ist (gemäß der derzeit verfügbaren Radiokarbon-Chronologien für Zentral-Nordportugal und Galizien). Der Bau von Megalithen begann um oder kurz nach 4000 v. Ztr. (Tabelle 1). Zumindest in den ersten paar Jahrhunderten der etwa 1500-jährigen Dauer des frühen Neolithikums lebten Bauern mit mesolithischen Jägern und Sammlern im unteren Tejo- und Sado-Tal und an der Alentejo-Küste zusammen (Abb. 1A), bevor sie sich in Regionen ausbreiteten, die nur spärlich oder überhaupt von letzteren besiedelt waren.
Farming economies were established along the coastal areas of Estremadura and western Algarve by 5500 BC. From there, farming spread to the interior and the north, where its presence is documented by 5100 BC (according to the currently available radiocarbon chronologies for central-northern Portugal and Galicia). Megalith building started around, or a little after 4000 BC (Table 1). During at least the first couple of centuries of the ca. 1500-years duration of the Early Neolithic, farmers coexisted with Mesolithic hunter-gatherers in the lower Tagus and Sado valleys and the Alentejo coast (Fig. 1A) before spreading to regions sparsely, if at all occupied by the latter.

Andernorts war auch schon Kontakt über die Atlantikküsten nach Frankreich und bis nach Schottland deutlich geworden (Stg11, Abb. 2). [Gegebenenfalls muß diese Darstellung zur archäogenetischen Erkenntnissen in Portugal noch vervollständigt werden.]

_________

  1. Seersholm, F.V., Ramsøe, A., Cao, J. et al. Population discontinuity in the Paris Basin linked to evidence of the Neolithic decline. Nat Ecol Evol (2026). https://doi.org/10.1038/s41559-026-03027-z, 3.4.2026 (NatEcolEvol2026)
  2. Hunter-gatherer genetic persistence at the onset of megalithism in western Iberia: New mitochondrial evidence from Mesolithic and Neolithic necropolises in central-southern Portugal. By A Faustino Carvalho, E Fernández Domínguez u.a.. In: Quaternary International, Volumes 677–678, 20 December 2023, Pages 111-120 (Sci)

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