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Samstag, 5. Dezember 2020

Verteufelung des Mannes? - Abwertung der Frau?

Nein, ganz anders: Verherrlichung des Mannes - Verherrlichung der Frau!

Der Geschichtsphilosoph Thomas Wangenheim hat einen Geschichtszyklus formuliert, zu dem ich einen Gegenentwurf formuliert habe (Facebook). In beiden geht es um die Rolle der Frau in der Geschichte. Und natürlich um die Rolle der Männer dabei.


 Zunächst Wangenheim:

Sichere Gesellschaft -> Freiheit der Frau -> Teilnahme der Frau an der offenen Wirtschaft -> politischer Einfluß der Frau -> Aufgabe des Verteidigungsprinzips durch Gewalt -> unsichere Gesellschaft -> die Frau zieht sich aus der Gesellschaft zurück -> Herrschaft der Männer -> Aufbau des Verteidigungsprinzips durch Gewalt -> sichere Gesellschaft -> ...

Hier scheint uns ein geschichtlicher Rückkopplungsprozeß beschrieben zu sein, der vor allem durch die Auseinandersetzung mit einer vorderorientalischen Geisteshaltung zustande kommt. Da uns die "Härte", die in diesem Rückkopplungsprozeß enthalten ist, zu "hart" und "unversöhnlich" erscheint, formulierten wir einen Gegenentwurf:

Seelisch lebendige Gesellschaft -> Seelisch lebendige Frauen -> Gleichwertige Teilnahme der Frau an allen Fragen des gesellschaftlichen Zusammenlebens -> politischer Einfluß der Frau -> Einsicht in die Notwendigkeit der Machtausübung, insbesondere durch seelisch lebendige Männer, aber auch Frauen -> sichere Gesellschaft -> die Frau behält ihre gleichwertige, freie Teilhabe innerhalb der Gesellschaft -> Mann und Frau als gleichwertige Gestalter des familiären und gesellschaftlichen Lebens -> weiterhin Einsicht in die Notwendigkeit der Machtausübung zum Zwecke der Erhaltung seelisch lebendiger Gesellschaften -> ...

Darauf Wangenheim:

Ich glaube, Sie mißverstehen meinen Beitrag. Es handelt sich um einen vollen geschichtsphilosophischen Zyklus mit zeitlicher Schlußfolge, während Sie darin offenbar eine Art Geltungsbeweis gesehen haben.

Darauf ich:

A. Naja, dieser Zyklus wäre aber doch nur dort voll in Geltung, wo vorderorientalische religiöse Vorstellungen und Geschlechterverhältnisse einmal ziemlich heftig Einfluß auf die Kulturentwicklungen genommen haben ("Das Weib schweige in der Gemeinde" etc. pp.), und wo in Gegenbewegung zu diesen extremen vorderorientalischen Vorstellungen und Rollenmodellen (und weil man sie un- oder unterbewußt nicht der eigenen Art gemäß empfindet) man dann in ein billiges Wegreden der angeborenen Begabungs- und Wesensunterschiede zwischen Mann und Frau verfällt. Damit wären 2000 Jahre abendländischer Geschichte bis heute schon einmal charakterisiert, ja, und zwar als Teufelskreis. Ich möchte meinen, daß dieser Teufelskreis der letzten 2000 Jahre zumindest für Europa ein Extrem darstellt, das man nicht so ohne weiteres auf die restlichen acht- bis zehntausend Jahre Geschichte seßhafter Völker weltweit extrapolieren darf. Und ich möchte meinen, daß mein Gegenentwurf insgesamt - als Segenskreis - die siebentausendjährige genetische und kulturelle Kontinuität indogermanischer Völker in Europa besser erklären kann. Immerhin ist aus vielen Völkern indogermanischer Herkunft eine sehr herausgehobene Rolle der Frau bekannt als Seherinnen in Delphi oder bei den Germanen und immerhin haben Platon/Sokrates in ihrem "Gastmahl" bei der Erörterung der Frage, was Liebe eigentlich ist, das letzte Wort einer Frau überlassen (Diotima) und immerhin ist der Untergang dieses Segenskreises verbunden damit, daß eine angesehene heidnische Philosophin (Hypathia) von einem christlichen Mob durch die Straßen von Alexandria zu Tode geschleift wurde.

B. Wobei ich allerdings noch nicht fertig bin mit der Behauptung, daß in den indogermanischen Sprachen eine patriarchalische Komponente enthalten ist und wie mit dieser - heute - sinnvoll umzugehen wäre. Schon diese patriarchalische Komponente mag auf Einflüsse der kaukasisch-neolithischen Bauernvölker zurück geführt werden, die ja Einfluß auf die Ethnogenese der Urindogermanen genommen haben (genetisch zu 50 %). Sie ergibt sich ja auch einfach schon aus der größeren Körperkraft des Mannes. Aber bekanntlich wird heute Macht noch viel mehr über andere Einflußfaktoren ausgeübt als ausgerechnet über Körperkraft (gerade wieder sichtbar daran, wie die "Unterwanderung" von Polizei und Bundeswehr durch "böse Kräfte" "gestoppt" wird).

C. Ich habe nicht selten das Bild des Volkes der Tuareg vor Augen, in denen die Frau eine ziemlich gleichwertige gesellschaftliche Stellung besitzt. Sie beruht auf dem Nomadentum. Wenn ihr ein Mann nicht gefällt, packt sie ihre Sachen zusammen und geht woanders hin. Die Unterordnung unter den Mann ergibt sich SCHLAGARTIG dann, wenn Tuareg in festen Häusern wohnen und die Frauen eingesperrt werden können. Insofern darf für die ursprünglichere nomadische Lebensweise vielleicht auch noch einmal alles anders durchdacht werden. (Wobei ja auch für das Urvolk der Indogermanen eine nomadische Komponente angenommen wird.)

D. Außerdem sind eben doch die weltweit sehr unterschiedlichen angeborenen seelischen und muttersprachlich geprägten Neigungsstrukturen zu berücksichtigen, die dazu führen, daß solche Rückkopplungskreise eigentlich nur dann und dort in Gang kommen können, wo Kulturen sehr unterschiedlicher solcher Neigungen aufeinander treffen. Wodurch freilich Weltgeschichte erst zu dem wird, wie wir sie kennen (was inzwischen gut durch die Ergebnisse der Archäogenetik seit 2017 unterstrichen wird). 

Darauf Wangenheim:

Es ist das freilich nicht als Extrem zu lesen, sondern Idealisierung, um den Zyklus deutlicher werden zu lassen. Und diesbezgl. ist es dann nichts anderes als die nüchterne Darstellung eines Rückkopplungskreises, wie Sie richtig sagen. Dagegen stellen Sie einen ewigen Zustand dar, der aber offensichtlich Geschichte nicht ausmacht, die wir nur deshalb überhaupt als Fortgang erkennen, weil eben keine „vernünftige“ Konstanz herrscht, sondern ständiges Durchsetzen je anderer Strömungen. Aber das Entscheidende an Ihrem Widerspruch scheint mir dann doch, daß Sie drgl. sofort wertend gelesen haben. Aber nicht, wie man mit selbigem Recht tun könnte, als Verteuflung des Mannes (der ewig Gewaltätige), sondern als eine Abwertung der Frau (die ewig Versöhnende). Aber das liegt freilich im Zeitgeist.

Darauf ich:

Ich wollte überhaupt niemanden abgewertet wissen ... (Und genau das scheint mir eben der Gehalt "indogermanischen Seelentums" zu sein. Warum Abwertung? Abwertung ist Ressentiment, ist vorderorientalisch. Ich bin für Aufwertung. 🙂 ) Die These Ihres Zyklus ist doch letztlich: Teilhabe der Frau an der Gesellschaft ist nur möglich, wenn der Mann Gewalt ausübt (die mir zudem mehr körperlich als geistig verstanden zu sein scheint). Meine erste Reaktion war: "Ja, vom Prinzip her richtig, aber als Gentleman sagt man das doch gar nicht, bzw. stellt es nicht so kraß heraus, sondern verhüllt es eher." Und genau diese Verhüllung habe ich formulierend versucht. 🙂 Zumal wir weißen, jungen und alten Männer ja gerade ziemlich machtlos durch die Weltgeschichte tapern, was eben nicht gerade zum Vorteil der weißen, jungen und alten Frauen zu sein scheint. Und zum evolutionären Vorteil beider schon gar nicht.

Ich bin im übrigen ein großer Freund von Charles Murray's Buch "Human Accomplishment", nach dem über 90 % aller kulturellen Errungenschaften der Menschheit seit 2.500 Jahren von weißen Männern hervorgebracht worden sind. Daß die Begabung und der Antrieb hierfür - in Verlängerung - über 7500 Jahre hinweg kulturell und genetisch stabil war, liegt wohl daran, daß sich das "exzentrischere" Lebensprinzip des Mannes in einem guten Ausgleich befunden hat mit dem "versöhnlicheren" Lebensprinzip der Frau. Beide Prinzipien müssen unweigerlich zusammen wirken, damit es die Möglichkeit gibt, daß kulturelle Errungenschaften hervorgebracht werden können.

Wangenheim:

Ich wollte ebenfalls niemanden abgewertet wissen, mir schien aber, daß Sie in meinem Zyklus eine Abwertung erkannt zu haben glaubten. Aber wir scheinen uns da einig zu sein. Sie haben übrigens recht, wenn Sie sagen, so etwas sagt man als feiner Gesellschafter nicht. Aber ich bin nun einmal in der nicht gänzlich zu vereinenden Position nebenbei auch noch den Denker zu geben. Und dieser muß im Gegenteil auch so etwas aussprechen. Freilich nicht in Gesellschaft, aber als theoretische Äußerung im abstrakten Raum muß das möglich sein.

Ich:

Ich muß ja eigentlich auch insoweit zustimmen, als oft noch viel zu wenig bekannt ist, wie VIEL Gewalt gegen Frauen es in der Antike und Vorgeschichte allgemein gegeben hat. Ich finde es sehr erstaunlich, daß diese immense Gewalt gegen Frauen zum Beispiel in der Ilias (deren Grundthema ja ein Streit um gewaltmäßig angeeignete Frauen ist) zugleich mit einer unglaublichen Hochachtung gegenüber den Frauen verbunden ist. Das ist eine Geisteshaltung, bei der wir lange in uns selbst suchen müssen, um der auch innerlich nahe zu kommen - MEINE ich. Da die Ilias aber - mit viel Recht - als das Urwort Europas verstanden worden ist, besteht vielleicht doch viel Anlaß, hier zu größerem Verständnis zu gelangen. Mir scheint Peter Sloterdijk da viel Verdienst zu haben, daß er der Psychologie der Libido des Sigmund Freud mit seinem "Zorn und Zeit" eine Psychologie des Thymos entgegen gestellt hat, über die man sich dieser völlig anderen Geisteshaltung vielleicht noch am ehesten annähern kann.
Hoffentlich sind wir Männer in dieser Erörterung nicht doch wieder auf viel zu versöhnliche Bahnen geraten !!!! ;-) Aha, ich ergänze noch einmal:
Ich möchte ergänzen: eigentlich sogar TROTZ der immensen Gewalt der Männer ist doch ZUGLEICH die immense Hochachtung der Männer gegenüber den Frauen gewahrt. Zum Beispiel allein daran erkennbar, welche Riesen große Rolle die Griechen den weiblichen Gottheiten zugesprochen haben für den Ausgang einzelner Auseinandersetzungen und des ganzen in der Ilias dargestellten Krieges.

Insofern ist vielleicht doch echteste Männlichkeit am vorbildlichsten verbunden mit echtesten weichen, weiblichen Eigenschaften in einem der größten deutschen Dichter, der da gedichtet hat:

Herrlicher Göttersohn! da du die Geliebte verloren,
    Gingst du ans Meergestad, weintest hinaus in die Flut,
Weheklagend, hinab verlangt in den heiligen Abgrund
    In die Stille dein Herz, wo, von der Schiffe Gelärm
Fern, tief unter den Wogen, in friedlicher Grotte die blaue
    Thetis wohnte, die dich schützte, die Göttin des Meers.

Dienstag, 17. November 2020

Die Urheimat der Arier - Ist sie gefunden?

Ein nicht unbedeutendes, "vergessenes Kind der Schnurkeramik-Familie"

- Aus der schnurkeramischen Fatyanovo-Kultur Rußlands gingen die Sintashta-Kultur im Ural und die Andronowo-Kultur Sibiriens hervor, ebenso wie - vermutlich - die Kultur der "Arier" in Nordindien und wohl auch der Perser im Iran und schließlich der Skythen in der Steppe.

Ein Mann der griffigen, einprägsamen Formulierungen ist der deutsche Archäologe Volker Heyd. 2017 prägte er das Wort von "Kossina's smile" (1). Damit gab er dem Umstand eine Kennzeichnung, daß der lange vergessene, deutsche Archäologe Gustaf Kossinna oben im Himmel sitzt und lacht. Diese herzhafte Formulierung hatten wir hier auf dem Blog aufgegriffen. Und wir hatten mitgelacht (1). Denn bevor alles bierernst und verbiestert wird, kann ein Lachen eine verkrampfte Haltung und Stimmung lösen. 

Abb. 1: Die Fatyanovo-Kultur (aus 2)

Nun hat Volker Heyd eine neue einprägsame Formulierung gefunden. Ein neuer Aufsatz vom 12. November 2020 hat - laut Titel - gefunden das "Vergessene Kind der Schnurkeramik-Familie" (2). Damit ist die Fatyanovo-Kultur (Wiki) angesprochen, die erste Hirten- und Bauern-Kultur im heutigen westlichen Rußland. Ab 2.900 v. Ztr. hat sie sich von der baltischen - oder aus anderer Sicht (3): von der ukrainischen - Schnurkeramik aus nach Osten bis zur Wolga ausgebreitet. Sie hat die bis dahin dort ansässigen osteuropäischen Fischer-, Jäger und Sammler-Völker verdrängt, wenn nicht sogar weitgehend ersetzt. (Das genetische Erbe dieser osteuropäischen Jägern und Sammlern trugen die Schnurkeramiker selbst fast zur Hälfte in sich als Teil ihrer sogenannten "Steppen-Genetik", die sich an der Wolga, in der Kirgisen-Steppe und am Unteren Dnjepr geformt hat [Stgen2024].) 

Die Archäologen haben im Zusammenhang dieser Kultur auch Massengräber entdeckt. Bei ihnen scheint aber noch nicht geklärt zu sein, ob die dort Begrabenen durch Gewalt oder durch Seuchen ums Leben gekommen sind.

Aus der Fatyanovo-Kultur ging dann die Abeshovo-Kultur hervor. Und aus dieser schließlich die berühmte Sintashta-Kultur im südlichen Ural, sowie aus ihr die bedeutende Andronovo-Kultur im westlichen Sibirien (Abb. 1).

Die Urheimat der Arier

Indem in diesem neuen Aufsatz auf diese Zusammenhänge hingewiesen wird, schließt sich für uns eine Wissenslücke, die offenbar in der Archäologie selbst lange bestanden hat. Im Umkreis der Indogermanen-Forschung hatte es ja auch wahrlich genügend andere offene Fragestellungen gegeben. Nachdem diese anderen großen Fragen aber inzwischen - in vielen Grundzügen - gelöst sind (was ja zum Lachen des Gustaf Kossinna führte) (zuletzt hier: Stgen2024), kann man sich weiteren grundlegenden Fragen zuwenden, die angesichts der inzwischen geklärten Fragen bislang als eher "zweitrangig" empfunden worden waren. Und zu diesen gehört nicht nur die Frage nach der Urheimat der Indogermanen selbst, sondern auch die Frage nach der Heimat eines Zweiges von ihnen, nämlich der berühmten "Arier" (Wiki) und ihrer indoarischen Sprachen (Wiki), ihrer indoiranischen Sprachen (Wiki), die ab 2000 v. Ztr. in Nordindien eingewandert sind. Sie könnten - so Heyd - von diesem "vergessenen Kind der Schnurkeramik-Familie" abstammen, denn von diesem ging vermutlich aus, so Heyd und sein Koautor .... (1, S. 19)

... die Entwicklung der Sintashta-Kultur, deren Zentrum im südlichen Ural liegt und der Andronovo-Kultur im südwestlichen Sibirien. Beide sind innovativ was ihre befestigten Siedlungen betrifft, ihr fortgeschrittenes Metallhandwerk, ihre Pferde-gezogenen Streitwagen und ihre Krieger-Ideale, um nur einiges wenige des Wichtigsten zu benennen, ebenso wie in ihrer geographischen Expansivkraft. (...) Im Besonderen wird der Andronowo-Kultur dahingehend eine besondere Rolle zugesprochen dahingehend, daß sie Weltgeschichte schrieb, als sie vielleicht das Substrat bildete für die Steppen-Herkunft im südlichen Asien (Indien).
This Abashevo and the key lands of the forest-steppe between Don and Volga its cultural proponents inhabit are, in turn, regarded the starting point for the next pieces in the big dominoes game of the Eurasian Bronze Age: The development of the Sintashta Culture centred in the southern Urals and of the Andronovo Culture in south-western Siberia (Anthony 2007, 381; Koryakova & Epimakhov 2007, 59; Parzinger 2011, 246ff.) (Fig. 11: A). Both are innovative, in terms of their fortified sites, advanced metallurgy, horse-drawn chariots, and warrior ideals, to name only the most important, as well as geographically expansive. Their link to the CWC has recently been strengthened by aDNA studies proposing similarity between individuals affiliated with the CWC, on the one hand, and Sintashta and Andronovo, on the other (Allentoft et al. 2015, 169; Damgaard et al. 2018a). In particular, a special role of writing world history is conferred on Andronovo in that it likely forms a substrate in the forwarding of steppe ancestry to southern Asia (Parpola 2015; Damgaard et al. 2018b; Narasimhan et al. 2019).

Damit wäre also gesagt: Wir hätten es hier mit dem "Urvolk" der Arier zu tun und mit jenem Prozeß, der Kentum- und Satem-Sprachen in der indogermanischen Sprachfamilie voneinander trennten (Wiki). Ausgangspunkt der archäologischen Überlegungen aus (2) ist aber wiederum eine neue archäogenetische Studie zur Fatyanovo-Kultur aus dem Sommer dieses Jahres (3). Als Ergebnis der letzteren wird formuliert (3):

Die steinzeitlichen Jäger und Sammler einerseits und die bronzezeitliche Fatyanovo-Angehörigen andererseits sind genetisch klar zu unterscheiden. (...) Mehr noch, die Fatyanovo-Angehörigen (ähnlich wie andere Schnurkeramiker) haben vornehmlich Steppen-Herkunft, aber ebenso einige anatolisch-neolithische Herkunft, die in dieser Region zuvor nicht vorgekommen war, weshalb auch eine Nordwärts-Ausbreitung der Yamnaya-Kultur als Ursprung der Fatyanovo-Kultur ausgeschlossen werden kann, da die Yamnaya nur Steppen-Herkunft (ohne anatolisch-neolithische Herkunftskomponente) aufweisen.
The Stone Age Hunter Gatherer (HG) and the Bronze Age Fatyanovo individuals are genetically clearly distinguishable. (...) What is more, the Fatyanovo Culture individuals (similarly to other CWC people) have mostly Steppe ancestry, but also some EF ancestry which was not present in the area before and thus excludes the northward migration of Yamnaya Culture people with only Steppe ancestry as the source of Fatyanovo Culture population.

Die offene Frage, die jetzt noch zu klären bleibt, ist die, ob die Fatyanovo-Kultur von der Schnurkeramik-Kultur am Mittleren Dnjepr - so sagen es die Forscher in (3) - oder aber ob sie von der Schnurkeramik-Kultur im Baltikum - so sagen es die Forscher in (2) - abstammt.

Vier Prozent waren blond

Dabei ist aber die eigentliche Urheimat der Schnurkeramiker noch nicht gefunden. Der Umstand, daß die erste Generation der Schnurkeramiker auch in Mitteleuropa scheinbar noch reine Steppen-Herkunft aufgewiesen hat und auch dort erst in den nachfolgenden Generationen die anatolisch-neolithische Herkunftskomponente hinzu kam, gibt schon erste Anhaltspunkte, wo diese Urheimat zu suchen sein könnte, nämlich in Grenzregionen der Yamnaya-Kultur. Auf dem englischen Wikipedia werden die wesentlichsten Ergebnisse der hier erwähnten archäogenetischen Studie übrigens schon folgendermaßen zusammen gefaßt (Wiki):

Saag et al. (2021) (Science) untersuchten 24 Angehörige der Fatyanowo-Kultur. Sie wiesen größtenteils Steppenherkunft auf mit nur einer geringen Einmischung früher europäischer Bauern. (...) 80 % hatten dunkle Haare und braune Augen, nur 4 % hatten blondes Haar und 21 % hatten blaue Augen. (...) Mit der vorhergehenden Volosovo-Kultur scheinen sie sich nicht vermischt zu haben. Die frühe europäische Bauern-Einmischung fand sich nicht in der früheren Jamnaja-Kultur, was nahelegt, daß die Fatyanowo-Kultur keine direkten Nachkommen der Jamnaja waren.
Saag et al. (2021) examined 24 individuals of the Fatyanovo culture. They were mostly of steppe ancestry with moderate Early European Farmer (EEF) admixture.[21] They were most closely related to Late Neolithic and Bronze Age populations of Central Europe, Scandinavia and the eastern Baltic, and also grouped together with modern Northern and Eastern Europeans.[22] All 14 male samples belonged to subclades of Y-haplogroup R1a-M417. Six of these could be further specified to haplogroup R1a2-Z93.[22][23][24] Haplogroup R1a2-Z93 is today prevalent in Central Asia and South Asia rather than in Europe.[22] The 24 samples of mtDNA extracted belonged to various subclades of maternal haplogroups U5, U4, U2e, H, T, W, J, K, I and N1a.[22][23][24] Both the paternal and maternal lineages of the examined Fatyanovo individuals were characteristic of the Corded Ware culture.[22] 58% of the samples had an intermediate skintone and 80% of the samples had dark hair and brown eyes, with only 4% having blonde hair and 21% having blue eyes. Lactase persistance was only 17% in the Fatyanovo samples. [25][26] The genetics of the people of the Fatyanovo culture was found to be substantially different from preceding Volosovo culture, with whom they do not appear to have mixed. Their EEF admixture has not been detected in the earlier Yamnaya culture, suggesting that the Fatyanovo people did not directly descend from the Yamnaya.

Interessant ist übrigens, daß die Verwandtschaft der modernen indoarischen Sprachen mit den modernen westindogermanischen Sprachen gar nicht so leicht sichtbar ist, daß sie aber bei den antiken Sprachen noch viel deutlicher war (Wiki):

Für einen Großteil des Wortschatzes und insbesondere der Grammatik der modernen indoarischen Sprachen läßt sich gar keine Entsprechung in den heutigen europäischen Sprachen finden. Zwischen im Altertum gesprochenen Sprachen wie dem Sanskrit und dem Lateinischen oder Altgriechischen sind die Übereinstimmungen hingegen weitaus größer, sowohl was den Wortschatz als auch die Morphologie angeht. Man vergleiche hierzu Formen wie Sanskrit dantam und Latein dentem „den Zahn“ oder Sanskrit abharan und Altgriechisch epheron „sie trugen“.

Hier wird auch "spürbar", daß vielleicht schon mit der Ausbreitung der Schnurkeramiker und der Glockenbecher-Kultur selbst die Ausgangspunkte der späteren indogermanischen Einzelsprachen in Europa entstanden sind (zum Beispiel eben von Latein oder Griechisch).

Ergänzung 31.3.2021: Inzwischen ist das Thema auch in Videoform aufgegriffen worden (4).

Ergänzung 28.12.2021: Inzwischen ist bekannt, woher die Pferde der Sintashta-Kultur stammten - so wie alle domestizerten Pferde von heute, nämlich von Don und Wolga (5). In einer neuen Studie eines russischen Archäologen (6) glaubt man das kulturelle Merkmal befestigte Siedlungen auf Anregungen aus Kasachstan zurück führen zu können. Immerhin macht diese These darauf aufmerksam, daß die Sintashta-Kultur kulturelle Innovationen aus verschiedensten Richtungen übernommen haben könnte: Domestizierte Pferde aus dem Süden, befestigte Siedlungen aus dem Osten, während die Genetik und Sprache der Sintashta-Kultur ja auf jedem Fall aus dem Westen kam. Oder kann das kulturelle Merkmal "befestigte Siedlung" auch aus der Ukraine übernommen worden sein?

Ergänzung 8.9.22: Auf Wikipedia sind die Angaben zu der Saag et al. (2021)-Studie (s. Science) inzwischen präzisiert worden. Das ist jetzt dementsprechend auch hier in diesem Blogartikel aktualisiert worden.

____________

  1. Bading, Ingo: 2017, https://studgendeutsch.blogspot.com/2017/11/kossinna-lacht-er-lacht-und-lacht-und.html
  2. The Forgotten Child of the Wider Corded Ware Family: Russian Fatyanovo Culture in Context. K Nordqvist, Volker Heyd - Proceedings of the Prehistoric Society, 12.11.2020 (Cambridge)
  3. Genetic ancestry changes in Stone to Bronze Age transition in the East European plain Lehti Saag, Sergey V. Vasilyev, Liivi Varul, Natalia V. Kosorukova, Dmitri V. Gerasimov, Svetlana V. Oshibkina, Samuel J. Griffith, Anu Solnik, Lauri Saag, Eugenia D’Atanasio, Ene Metspalu, Maere Reidla, Siiri Rootsi, Toomas Kivisild, Christiana Lyn Scheib, Kristiina Tambets, Aivar Kriiska, Mait Metspalu bioRxiv 2020.07.02.184507; doi: https://doi.org/10.1101/2020.07.02.184507, https://www.biorxiv.org/content/10.1101/2020.07.02.184507v1, https://advances.sciencemag.org/content/7/4/eabd6535
  4. Genos Historia: Fatyanovo the Ancestor of the Indo Iranians (Documentary), 01.02.2021, https://youtu.be/TupNpqfAIIQ
  5. Bading, I.: 2021, https://studgendeutsch.blogspot.com/2021/10/unsere-pferde-sie-stammen-von-don-und.html
  6. Kukushkin, Igor A.: Sintashta as a cultural and historical phenomenon of the Bronze Age. 2021, https://elibrary.ru/item.asp?id=47251419 
  7. Lehti Saag et al., Genetic ancestry changes in Stone to Bronze Age transition in the East European plain. Sci. Adv.7,eabd6535(2021).DOI:10.1126/sciadv.abd6535; 20.1.2021, https://www.science.org/doi/10.1126/sciadv.abd6535

Samstag, 7. November 2020

Turkvölker, Indogermanen, Sarmaten und Hunnen - Zwischen Mongolei und Kaukasus

Die Geschichte der Völker in der Mongolei und rund um das Altai-Gebirge

Vorbemerkung: Die Inhalte dieses Blogartikels werden auch behandelt und erläutert in einem Video auf meinem Videokanal: https://youtu.be/sA6wpUUvV-c.

Eine neue Studie im Bereich der Archäogenetik ist erschienen (1, 2). Sie wartet mit neuen "Farbspektren" der Herkunftsanteile der vielen Völker auf, die im Laufe der Geschichte in der Mongolei aufgetreten - und wieder untergegangen sind (Abb. 1 und 2). Was für ein farbenprächtiges, wechselhaftes Bild!

In Teilen knüpft die Studie natürlich an ältere Studien an (z.B. 3; siehe auch: 4, 5).

Tasten wir uns nach und nach an diese Völkervielfalt und Epochenvielfalt heran.

Die einzige genetische Kontinuität im Wechsel der Völker innerhalb der Mongolei seit dem Neolithikum stellt die nordostasiatische Jäger-Sammler-Herkunftskomponente dar, repräsentiert ursprünglich durch Funde in der "Devil's Cave" nördlich von Korea und durch noch heute am Amur-Fluß und in Nordost-Sibirien lebende Völker. Bei den heutigen Mongolen macht diese Herkunftskomponente 65 % aus (in Abb. 1 die grünen Balken). Geschichtliche Großreiche bildend, trat dieser Herkunftskomponente aber offenbar erst sehr spät in der Weltgeschichte auf.

Die heutigen Mongolen tragen außerdem zu 15 % indogermanische (westliche) Genetik in sich (Abb. 1 blauer Balken) und 20 % Han-chinesische Genetik (Abb. 1 gelber Balken). (s. Abb. 1: "lateMed_Mongol").

Der Han-chinesische Herkunftsanteil ist jedoch in der Mongolei der allerjüngste Herkunftsanteil von allen, die dort jemals aufgetreten sind. Er ist erst nach der Zeitenwende - etwa ab dem 1. Jahrhundert n. Ztr. - in die Mongolei gelangt. Wenn diese Herkunftsanteile also erst ab der Eisenzeit in der Geschichte der Mongolei "umtriebiger" geworden sind - welche Völker waren es zuvor? Nun, Völker, die - zu nicht geringen Teilen -  vor Ort in der Mongolei heute als ausgestorben gelten müssen.

Im Norden der Mongolei, im Altai-Gebirge und am Baikal-See lebten Angehörige der Völkergruppe der westsibirischen Jäger und Sammler. Es gibt Hinweise, daß das Ausbreitungsgebiet dieser Völkergruppe ursprünglich bis in den Ostiran reichte (4) (s.a. Stgen2022). In Abbildung 1 findet sie sich vor allem in den hellblauen Balken wieder.

In einer anderen archäogenetischen Studie aus dem letzten Jahr wurden zusätzlich noch die Nganasanen (Wiki, engl) als eine wichtige Herkunftsgruppe nordasiatischer Völker genannt (5; in der dortigen Abbildung 1 in der ersten Reihe das dritte Volk von rechts mit dunkelgrüne Farbe). Ihre "paläosibirische Genetik" hat sich später bis auf die Kola-Halbinsel zu den Samen ausgebreitet, ebenso lebt sie in einigen Völkern der Waldtundra weiter, etwa bei den Besermenen und Udmurten (5; Abb. 1 zweite Reihe) und ebenso bei vielen stolzen Reitervölkern wie den Tataren (Ttm, Ttk, Ttz, Tts), der Baschkiren (Bsn, Bsc, Bss), den Altaiern (Alt, Ack), den Tubalaren (Tbl) und den Kasachen (Khk) (5; Abb. 1 dritte Reihe). // Ergänzung 21.6.2022: Inzwischen wissen wir, daß von ihnen auch die Landnahme-Ungarn abstammen (Stgen2022). // Soweit erkennbar, spielt diese Vorfahrengruppe aber in den Völkern und Kulturen, die in dieser neuen Studie erforscht werden, keine Rolle. Umgekehrt scheint die Vorfahrengruppe der westsibirischen Jäger und Sammler in der genannten archäogenetischen Studie aus dem letzten Jahr (5) nicht berücksichtigt zu sein. Ist das eine Folge des Umstands, daß die westsibirische Genetik im Altai-Gebirge und in der Mongolei tatsächlich ausgestorben ist?

Weiter im Westen - im Altai-Gebirge - hatten sich diese westsibirischen Jäger und Sammler jedenfalls mit osteuropäischen Jägern und Sammlern vermischt. Dabei entstand die Botai-Kultur (3.700 bis 3.100 v. Ztr.) (Wiki) (4; darin Abb. 1). Die Angehörige der Botai-Kultur gehörten zu der Völkergruppe der osteuropäischen Jäger und Sammler, hatten sich aber zu etwa einem Viertel mit den westsibirischen Jäger-Sammlern, die am Baikal-See gelebt haben, vermischt (4; darin Abb. 1). Es waren dies Fischer, Jäger und Sammler, die auch von der Jagd auf wilde Pferde lebten. Daß sie es gewesen sein könnten, die das Pferd domestiziert haben, ist länger von der Forschung vermutet worden. Bis heute ist diese Frage aber nicht wirklich geklärt.

Der westsibirische Herkunftsanteil ist nun rund um das Altai-Gebirge und in der westlichen Mongolei im Laufe der Geschichte, also nach der Eisenzeit - scheinbar - völlig ausgestorben. Stattdessen scheint er sich während der Eisenzeit - wahrscheinlich mit den Turkvölkern - bis nach Anatolien und innerhalb der nordindischen Hochkultur offenbar bis nach Ostindien ausgebreitet zu haben (4; darin Abb. 1 - oranger Herkunftsanteil).

Abb. 1: Herkunftskomponenten der Völker rund um das Altai-Gebirge: A. Grün = Ostsibirische Jäger und Sammler (Devil's Cave), Schwarz = Botai-Jäger und Sammler, Hellblau = Westsibirische Jäger und Sammler, Braun = Iranisch-neolithische Bauern, Rot=Urvolk der Indogermanen, Hellbraun=Zweite Welle der Indogermanen

Aber noch der Herkunftsanteil einer weiteren großen Völkergruppe gelangte in das Altai-Gebirge. Ab 2.750 v. Ztr. haben sich Angehörige der Hochkultur der Marghiana aus Turkmenistan (BMAC) (Wiki) (6), also Angehörige vornehmlich der iranisch-neolithischen Völkergruppe, bis in das Altai-Gebirge ausgebreitet. Sie haben sich dort mit den Angehörigen der Botai-Kultur vermischt (1). Daraus entstand die Chemurchek-Kultur (2.750-1.900 v. Ztr.). Dieses Volk hatte zu 60 bis 80 % genetische Botai-Herkunft und zu 20 bis 40 % BMAC-Herkunft (1, S. 4). Die einheimische Botai-Genetik hat im Norden des Altai 80 % betragen, im Süden des Altai 60 %. Die bisherigen archäogenetischen Daten scheinen aber nahezulegen, daß dieses Volk der Chemurchek-Kultur im Altai schon in der Mittleren Bronzezeit genetisch wieder ausgestorben ist (4, S. 4). Wie wechselhaft sich hier die Geschichte gestaltete!

Der Ostiran und die erst spät entdeckte bronzezeitliche Hochkultur der Marghiana in Turkmenistan (auch "Turan-Region", "Oasenkultur") ist erst vor zwei Jahren näher in den Aufmerksamkeits-Kegel der Archäogenetik geraten (4) und nur wenige Jahre zuvor in die Aufmerksamkeit der westlichen Archäologen überhaupt. In dieser Hochkultur in Turkmenistan hatten sich nach Norden ausbreitetende iranisch-neolithische Kulturen mit den einheimischen, westsibirischen Jägern und Sammlern vermischt, also - vermutlich - den Vorfahren der heutigen Turkvölker, die ursprünglich am Baikal-See gelebt hatten (4). Ab 2.300 v. Ztr. findet sich in Baktrien/Turan/Ostiran dann 60 % iranisch-neolithische Herkunft neben 21 % anatolisch-neolithischer Herkunft und 13 % westsibirischer Jäger-Sammler-Herkunft (4).

Kein Wunder vielleicht, daß am Nordrand dieser Hochkultur der Marghiana auch noch ganz andere Völker entstanden sind, nun durch die Zuwanderung indogermanischer Völker nach Osten.

Die Pazyryk-Kultur - Nachkommen westsibirischer Jäger und Sammler

Nach 3.000 v. Ztr. begannen sich nach Westsibirien, in die westliche Mongolei und in das Altai-Gebirge nämlich Angehörige der zweiten Welle der indogermanischen Ostwanderung auszubreiten. In der Mittleren und Späten Bronzezeit stammten im Norden der Mongolei die Angehörigen des einheimischen Volkes der westsibirischen Jäger und Sammler ("Khövsgöl"/"Khovsgol") zu etwa 10 % von diesen Indogermanen ab, zur gleichen Zeit im Altai-Gebirge zu etwa 50 % (Abb. 1: "Altai_MLBA").

Im Osten der Mongolei nahmen die Menschen zwar in dieser Zeit auch die Lebensweise der Herdenhaltung an, die sie - vermutlich - von den Indogermanen kennengelernt hatten. Aber sie scheinen sich über lange Jahrtausende hinweg genetisch so gut wie gar nicht mit diesen Indogermanen aus dem Westen vermischt zu haben (s. "Ulaanzuukh" in Abb. 1). Sie sind repräsentiert durch die Plattengrab-Kultur (Wiki), englisch Slab-Grave-Kultur (Wiki), die im späten 2. und 1. Jahrtausend v. Ztr. über die ganze heutige Mongolei verbreitet war (1.300 bis 300 v. Ztr.).

Während der Frühen Eisenzeit erhöhte sich dieser indogermanische genetische Anteil in Westsibirien auf 50 %. Im südlichen Sibirien gab es die Aldy-Bel-Kultur (Wiki) und die Sagly-Baschi-Kultur (Wiki), auch "Chandman"-Kultur genannt. Sie standen in großer kultureller Nähe zur Pazyryk-Kultur (Wiki). Bei ihnen handelte es sich wiederum zur Hälfte um Nachkommen der zweiten Welle der Indogermanen, zur anderen Hälfte um Nachkommen der westsibirischen Jäger und Sammler. Diese Völkerschaften haben, so scheint es, in der Mongolei und rund um das Altai-Gebirge aber später genetisch keine Nachkommen mehr hinterlassen, sind dort also ausgestorben. Aber sie könnten den Grundstock der nachherigen Turkvölker gebildet haben, also der Uiguren und vieler weiter westlich lebender Turkvölker.

Abb. 2: Die eisenzeitlichen Sarmaten ("Early Samartian IA") tragen Spuren von westsibirischer Jäger-Sammler-Genetik in sich (hellblau), ihre bronzezeitlichen Vorfahren ("Poltavka") noch nicht

Aus dieser Sagli-Baschi-Kultur - mit zur Hälfte indogermanischer Genetik, zur anderen Hälfte westsibirischer Genetik und einem kleinen Anteil iranisch-neolithische Marghiana-Genetik - entsteht dann das Großreich der Xiongnu in der westlichen Mongolei. Im Verlauf seiner Geschichte vermischen sich die westlichen Xiongnu mit den Einwohnern der östlichen Mongolei, wodurch zusätzlich nordostasiatische Genetik in dieses Volk hinein kommt. Das wird in der Studie folgendermaßen charakterisiert (1):

Sechs Individuen stehen genetisch auf der Mitte zwischen den "Frühen Xiongnu im Westen" und dem genetischen Cluster der Plattengrab-Kultur. Vier tragen unterschiedliche genetische Anteile der "Frühen Xiongnu im Westen" (39 bis 75 %) und der Plattengrab-Kultur (25 bis 61 %), zwei sind von der Genetik der Plattengrab-Kultur nicht zu unterscheiden. Hier wird das Verschmelzen von zwei genetisch sehr unterschiedlichen Gruppen in der östlichen Steppe erkennbar.
Six individuals (‘‘earlyXiongnu_rest’’) fall intermediate between the earlyXiongnu_west and Ulaanzuukh_SlabGrave clusters; four carry varying degrees of earlyXiongnu_west (39%–75%) and Ulaanzuukh_SlabGrave (25%–61%) related ancestry, and two (SKT004, JAG001) are indistinguishable from the Ulaanzuukh_- SlabGrave cluster (Figure 3D; Tables S5F and S5G). This genetic cline linking the earlyXiongnu_west and Ulaanzuukh_SlabGrave gene pools signifies the unification of two deeply diverged and distinct lineages on the Eastern Steppe.

Und damit sind dann die Hunnen entstanden, die indogermanische Genetik, Turkvolk-Genetik und "mongolische" Genetik in sich tragen, in der späteren Zeit aber überwiegend die nachmalige "mongolische" Genetik (s. Abb. 1B).

Und während dieses Verschmelzungsprozesses stoßen indogermanische Sarmaten (Wiki) und Alanen (Wiki) zu diesem Großreich der Xiongnu hinzu. Während der westsibirische genetische Anteil ebenso wie der ursprünglichere indogermanische genetische Anteil in dieser Zeit sehr stark zurückgedrängt wird im Großreich der Xiongnu, wird er also noch einmal - sozusagen - "erneuert" durch den Zuzug von Sarmaten und Alanen. Mit ihnen zusammen entstehen nachmalige Turkvölker wie die Uiguren und sicherlich andere Turkvölker, die sich dann bis in den Kaukasus und nach Anatolien ausgebreitet haben.

Die Sarmaten

Wer aber nun waren die genannten Sarmaten? Sie waren ein Reitervolk aus dem Süden des Ural, das zur gleichen Zeit - ab 300 v. Ztr. - die ganze Völkergruppe der hochherzigen antiken Skythen nördlich des Schwarzen Meeres aufgerollt hat (berichtet von den zeitgleichen griechischen Historikern), und das - soweit erkennbar - einen völlig neuen Geist in die europäische Völkergeschichte gebracht hat, womöglich auch neue religiöse Vorstellungen. Ausgerechnet die Genetik dieser Sarmaten nun, von deren Kriegsdiensten im Römischen Reich man viele gute Kenntnisse hat, findet man - zur großen Überraschung der Forscher - um 200 v. Ztr. in der Mongolei bei den  "Weißen Hunnen", bei den "Xiongnu" (2): 

Elf Skelette der Xiongnu-Zeit zeigen eine genetische Signatur, die der der Sarmaten gleicht, Krieger-Nomaden, die die Region nördlich des Schwarzen Meeres dominierten, 2000 Kilometer offener Steppe entfernt von der Mongolei. "Es gibt keine schriftliche Belegen für einen Kontakt der Xiongnu mit Sarmaten und er ist auch durch die Archäologie (noch) nicht gut belegt. Es ist wirklich sehr überraschend, daß sie sich über diese weiten Entfernungen vermischt haben," sagt Tsagaan Turbat, ein Archäologe des Instituts für Archäologie der Mongolischen Akademie der Wissenschaften. "Solche Informationen sind wirkliche 'Game Changer' (etwas Bahnbrechendes). ...
Original: Eleven Xiongnu  period skeletons showed genetic signatures similar to those of the  Sarmatians, nomad warriors who dominated the region north of the Black Sea, 2000 kilometers across the open steppe from Mongolia. “There’s  no written evidence of [Xiongnu] contact with Sarmatians, and it’s not  well-attested archaeologically. It’s really surprising they’re mixing over these long distances,” says Tsagaan Turbat, an archaeologist at the  Mongolian Academy of Sciences’s Institute of Archaeology. “This kind of  information is really a game changer.” In the future, researchers hope the genomes will help reveal how the mysterious nomad empire worked. The  Xiongnu are “doing the things that empires do - forcing or enticing  people to move,” says University of Michigan, Ann Arbor, archaeologist Bryan Miller. “Are people sent out to rule, or are local elites allowed to continue?” he asks. “Only genetics could answer that.”

2017 hieß es in einer archäogenetischen Studie über Sarmaten vom Fundort Pokrovka südwestlich des Ural (3):

Die beiden frühen Sarmaten-Funde aus dem Westen fallen (genetisch gesehen) in die Nähe eines eisenzeitlichen Fundes aus dem Samara-Distrikt und stehen im allgemeinen den frühbronzezeitlichen Yamnaya-Funden von Samara und Kalmykien und den mittelbronzezeitlichen Poltavka-Funden von Samara nahe.
The two Early Sarmatian samples from the West (group #3 in Fig. 2) fall close to an Iron Age sample from the Samara district and are generally close to the Early Bronze Age Yamnaya samples from Samara and Kalmykia and the Middle Bronze Age Poltavka samples from Samara.

Zusammen genommen mit den Auskünften aus den Abbildungen 1 und 2 der neuen Studie (1) ist das dahingehend zu verstehen, daß sich die Sarmaten südwestlich des Ural ("Poltavka") - wie andere indogermanische Kulturen an der Wolga (Samara) - bis zum Ende der Bronzezeit im wesentlichen die ursprünglichste Genetik des Urvolkes der Indogermanen erhalten hatten (siehe Poltavka, Yamnaya_Samara/Kalmykia und Afanasievo in Abbildung 2). Das heißt, daß sie bis dahin nicht jene typische Einmischung anatolisch-neolithischer Genetik aufgewiesen haben, die für viele indogermanischen Kulturen rund um sie herum ab 3.000 v. Ztr. charakteristisch wurden (Sintashta, Schnurkeramik, Glockenbecher, Andronovo, Srubnaya).

Abb. 3: Samarten mit Spangenhelmen - Darstellung auf römischem Sarkophag

Ab der Eisenzeit allerdings sind auch bei ihnen erstens kleinere Anteile von Einmischungen zu anatolisch-neolithischer Genetik zu erkennen. Ebenso aber auch Einmischungen von ursprünglicher westsibirischer wie auch nordostasiatischer Genetik ("Devils Gate"). Und genau dieses genetische Profil scheint sich dann um die Zeitenwende in der Mongolei bei den Xiognu wiederzufinden, weshalb die Archäogenetiker auf eine Zuwanderung von Saramaten in die Mongolei schließen.

Haben die Sarmaten die Religion der völkerwanderungszeitlichen Germanen beeinflußt?

Noch heutige wilde Bergvölker des Kaukasus wie die Osseten und andere führen ihre Herkunft auf Sarmaten und Alanen zurück. Ihre Mythologie (Wiki), die mündlich überlieferten "Narten"-Sagen (Wiki, engl), erinnern nun vom Geist und Inhalt in vielem an die religionsgeschichtlich jüngeren germanischen Göttergestalten Loki und Odin, an Götter also, die oft als Zutaten zur ursprünglichen indogermanischen Mythologie gedeutet werden (7, 8).*) Dies gilt insbesondere für einen Unterstamm der Samarten, die Narten (Wiki). Bei ihnen findet man viele ähnliche mythologische Elemente wie bei den germanischen Völkern. Die Alanen siedelten im Zuge der germanischen Völkerwanderung fast in allen Teilen Europas, bergründeten kurzzeitig auch in Spanien ein eigenes Reich. Und noch im Mittelalter führten viele Adlige stolz ihre Herkunft auf die Alanen zurück.

Noch der klassische Spangenhelm (Wiki) der völkerwanderungszeitlichen Germanen wird auf den Spangenhelm der Sarmaten zurück geführt, von denen viele als Hilfstruppen bis hoch hinauf nach Britannien innerhalb des römischen Heeres gedient haben.

Als im Jahr 375 n. Ztr. die Hunnen (Wiki) die Goten an der Wolga besiegten und nach Westen vordrangen und hier die germanische Völkerwanderung auslösten, war damit also nur die allerletzte Phase einer unglaublich langen und wechselvollen Völkergeschichte auf der West-Ost-Achse zwischen Mongolei und Atlantikküste eingeläutet, einer Völkergeschichte, die mehr als fünftausend Jahre zuvor begonnen hatte.

Um es also noch einmal klar zu sagen: Nach den Ergebnissen dieser neuen Studie verliert sich die westsibirische Herkunftskomponente nach dem Ende des Großreiches der Xiongnu im Großraum der Mongolei. In den nachfolgenden Turkvölkern scheint sie ebensowenig mehr vorhanden zu sein wie die vorherigen indogermanischen Herkunftsanteile. Aber an ihre Stelle tritt - zu 5 % (bei den Khitan [Wiki]) bis 45 % (bei den Uiguren) - Genetik der Sarmaten und Alanen.

Anhang: Snorri Sturleson 1230 n. Ztr. zur Frage, wie der Gott Odin nach Skandinavien kam

 
Vielleicht macht es auch in solchen Zusammenhängen Sinn, sich an das zu erinnern, was ein Laienforscher und Georgien-Freund namens Walter Schüle (Backnang, Jahrgang etwa 1958) (Fb) schon 2016 auf Facebook über den isländischen Historiker Snorri Sturleson (1179-1241) (Wiki) schreibt (FB 2016):
Der Isländer Snorri Sturluson war ein Dichter und Gelehrter des 12./13. Jahrhunderts. Er schrieb um 1230 das beachtenswerte Werk "Heimskringla", das die nordische Mythologie anhand völlig weltlicher Geschichte erklärte. Demnach war die germanische Göttin "Freya" ursprünglich die Tochter eines Stadtbewohners aus Vanaheim/Tanais, einer griechischsprachigen Kolonie in der heutigen Südukraine. Nachdem die Stadtbewohner die Asen eigentlich besiegt hatten (vgl auch Völuspà, Vers 28), sich aber auf einen Verhandlungsfrieden mit den Asen einigten, kam Freya, urprünglich eine Priesterin aus Tanais als Geisel zu den Asen, die daraufhin statt griechischen Schwarzmeerkolonien den Norden, insbesondere Sachsen und Schweden heimsuchten. Odin, nach Sturluson ein weltlicher Asenfürst, nahm seinen Heimsitz am Välarsee in Schweden, wo er in seinem Bett starb und sich kurz vor seinem Tod mit der Lanze verletzen liess, um den Tod eines Kriegers nach zu empfinden. Auf Odin als König Schwedens folgte daraufhin der reiche Njörður (Freyas Vater) als König des Friedens und unglaublichen Wohlstands. Seine Tochter Freya aber wirkte als Priesterin (auch als Vollzieherin der Blutopfer) und ihr Name wurde fortan zur ehrenvollen Anrede aller Frauen verwendet, woher das Wort "Frue" herstammen würde. (Vgl. Snorri Sturlusons "Heimskringla", Kapitel 1-13)
2019 schrieb Walter Schüle (FB 2019):
Nimmt man Snorri Sturlusons Bericht über die Heimskringla ernst, dann entstand das kriegerische Element der germanischen Religion kurz vor der römischen Ausbreitung. Womit übrigens der Wodans-Kult nur unwesentlich älter als das Christentum wäre. Da Snorris Bericht auf eine ethnisch iranische Herkunft des historischen Wodans (und eine griechische Herkunft der Vanen-Götter) hinweist, erklärt dies auch, warum die aus dem Mittelalter überlieferten Relikte der kriegerischen germanischen Religion überhaupt nicht zum Nerthus- oder Forseti-Kult passen, die etwa von Tacitus überliefert wurden. Demnach war die germanische Religion wohl tatsächlich relativ friedlich und annähernd egalitär. Kurz vor der römischen Ausbreitung belagerte eine iranische Elite aus dem nördlichen Schwarzmeerraum vergeblich eine griechische Kolonie am Don-Delta und eroberte dann (mit drei Griechen im Schlepptau) Teile Mitteleuropas und Skandinaviens. Aus deren Gefolge entstand eine kriegerische Elite, die dann den Grundstock für die sehr kampfstarken Germanenheere des Altertums bildeten. Jedenfalls, wenn man (wie ich) der Heimskringla historischen Wert beimißt.
Und:
Bei Snorri Sturlusons Heimskringla handelt es sich um eine historische Erklärung für den Hintergrund der beiden Eddas. Sturluson zufolge lag Vanaheim am Delta des Dons. Was auf eine griechische Schwarzmeerkolonie hinweist. Für die umliegenden Völker am Don nimmt die Mainstream-Linguistik einen iranischen Hintergrund an, genauer gesagt: Es dürfte sich um die sprachlichen Onkels der heutigen Osseten handeln. Der Ausdruck "Vanen" bzw. "Vanaheim" passt übrigens exzellent in die iranische Annahme, da das Suffix -van, das sich auch noch im nicht-iranischen armenisch findet, in einigen iranischen Sprachen "befestigter Ort" bedeutet. Vanaheim würde sich dann als "Ort befestigter Städten" bzw. "umfriedetes Stadtgebiet" und "Vanen" als "Stadtbewohner" deuten lassen. Auch der Name "Asen" passt wunderbar auf die nähere Verwandtschaft der Osseten. Der Namen "Osseten" ist ein georgisches Fremdwort" und verweist im Original auf ein Volk, das sich selbst "Osen" nennt. Der Sprung von Osen zu Asen ist nicht sonderlich weit, wobei die Variante "Asen" ebenfalls in der Selbstbezeichnung der Osseten auftaucht. Die Osseten jedenfalls sind ohne Zweifel ein iranisches Volk, das in der Antike sehr gut nachweisbare Ausläufer bis nach Mitteleuropa aufwies. Sprachliche Zeugnisse, die eine enge Beziehung zum ossetischen Iron aufweisen, wurden übrigens noch im mittelalterlichen Ungarn gefunden (siehe Jazygen). Weiterhin sind sehr enge politische Verflechtungen zwischen iranischen Alanen und germanischen Heeren nachweisbar. Insbesondere unter Bogenschützen und leichter Kavallerie. Die Annahme, dass es sich bei den nordischen Asen um die historischen Asen handelte, würde übrigens auch den Namen der Vanen erklären. Der Ausdruck "Van" taucht nämlich in einigen iranischen Sprachen (und auch in der nicht-iranischen armenischen Sprache, die sehr viele Iranismen beinhaltet) im Sinne von "befestigter Ort" auf. Die Vanen wären demnach ganz einfach die Stadtbewohner. Es gibt übrigens eine Reihe von Logikfehlern in der Edda, die sich ziemlich gut auflösen lassen, wenn man die Heimskringla als historische Erklärung des Hintergrunds gelten liesse.
Und:
Mal zu den Logikfehlern in der Edda: Die Edda beschreibt den Vanenkrieg, einen Krieg zwischen Asen und Vanen. So weit so gut. Am Ende dieses Krieges tauchen die Vanen bei den Asen als "2. Geige" auf. Die Mainstream-Philologie interpretiert dies als Sieg der kriegerischen Asen, die ihre besiegten, nicht so kriegstüchtigen Gegner in ihren Stamm aufnahmen. Diese These hat aber einen Logikfehler: Die Edda schreibt NIRGENDS von einem Sieg der Asen im Vanenkrieg! Nirgends! Stattdessen schreibt schon das erste Lied der Edda (die Völuspa) von einer vernichtenden Niederlage der Asen. Ausgelöst durch die Kriegskunst der ganz und gar nicht untüchtigen Vanen! Zitat: "Gebrochen war der Burgwall der Asen. Schlachtkundige Vanen stampften das Feld." (Völuspa, Vers 24). Die beiden Eddas alleine vermögen die folgende Situation nicht aufzulösen: Warum sind die Wanen, die sogar die Stammburg der Asen niederbrennen zwar die völlig unbestreitbaren Sieger im Vanenkrieg, spielen aber dennoch später die zweite Geige? Der Mainstream argumentiert hier mit einer irgendwie vorkommenden Niederlage der Vanen, die man nur vergessen hätte, in einer der Eddas niederzuschreiben. Und die auch Snorri Sturluson irgendwie vergessen hätte zu erwähnen. Die Eddas schreiben ja nur von einem überwältigenden Sieg der Vanen. Nun, Snorri Sturluson hat nichts vergessen. Er schrieb außer der Prosa-Edda noch die Heimskringla, ein von den Germanisten eher stiefmütterlich betrachtetes Werk. Die Heimskringla, die in geografischer Hinsicht Vanaheim ausdrücklich am Nordufer des schwarzen Meeres (Raum Don/Asowsches Meer) verortet, beschreibt nicht nur einen klaren Punktsieg der Vanen im Vanenkrieg. Sie beschreibt auch, dass Asen und Vanen letztlich einen Friedensvertrag aushandelten, der die gegenseitige Überstellung von Geiseln beinhaltete. Dabei kamen von den Stadtbewohnern drei Personen als Geiseln zu den Vanen, nämlich Njörd und seine beiden Kinder Freyr und Freya. Ob es sich um Eigennamen der Betroffenen handelt, um germanische Analogien oder vielleicht um iranische Spitznamen, wäre separat zu klären. Auch die Asen sandten nach der Heimskringla zwei kluge Männer als Geiseln zu den Vanen: Nämlich Hönir und Mimir. Wobei Mimir tatsächlich klug, Hönir aber ein Vollidiot war. Sobald die Wanen bemerkten, dass sie nicht zwei weise Männer, sondern einen Weisen und einen Vollidioten bekommen hatten, köpften sie Mimir und schickten Odin dessen abgetrenntes Haupt, das er offenbar mumifizieren oder sonstwie konservieren liess. Diese Variante der Heimskringla ist jedenfalls in sich stimmig. Ganz im Gegensatz zur Auffassung, dass die Edda lediglich vergessen hätte, den glänzenden Sieg der Asen im ersten Götterkrieg zu berichten. Die Heimskringla berichtet auch, dass Odin daraufhin beschlossen hatte, dass seine Nachkommen im Norden herrschen sollte und er unterwarf Sachsen und Schweden, starb in seinem Bett in der Nähe des heutigen Stockholm und liess sich vor seinem Tod nochmals mit einer Lanze verletzen, um einen Kriegertod nachzufühlen. Politisch beerbt wurde Odin von dem Vanen Njörd unter dem der Handel aufblühte und dann von Njörds Tochter Freya. Da der Heimskringla zufolge der skandinawische Adel von Odin und seinem Gefolge abstammt, kann hier sehr wohl von einer iranischen Elite innerhalb eines germanischen Substrats gesprochen werden. Ob diese Elite sich auch genetisch bemerkbar machen muss, steht auf einem anderen Blatt. Denn die Heimskringla überliefert nicht, aus welchen Ethnien die Krieger Odins stammten. Ich persönlich vermute, dass er überwiegend iranische Völker aus heute slawischsprachigen Gegenden rekrutierte, man also nach ukrainischer, polnischer oder weißrussischer DNA suchen müsste. Nicht unwahrscheinlich ist aber auch, dass er womöglich im Rahmen innergermanischer Konflikte auch größere Mengen germanischer Fußtruppen hatte. Ähnlich wie die Germanen der Völkerwanderung in großem Stil iranische Söldner unter den Alanen anwarben.
Und:
Eine weitere unlogische Sache in der Edda: Die Edda erwähnt Odins Frau Frigga und Odins Brüder Wili und We. Alle drei spielen aber sehr untergeordnete Rollen, Wili und We sind sogar reine Statisten mit nur einmaliger Erwähnung. Auch hier führt die Heimskringla eine überzeugende Erklärung an: Odin, Wili und We waren tatsächlich drei Brüder. Odin ging auf einen Kriegszug, wurde für Tod gehalten und nach vermutbarem Brauch stieg seine Frau Frigga dann offenbar mit seinen Brüdern Wili und We ins Bett (warum ausgerechnet mit allen beiden, bleibe dem Kopfkino des Lesers überlassen). Jedenfalls: Totgeglaubte leben länger. So auch Odin, der doch noch unter den Lebenden weilte. Man braucht nicht viel Empathie für die Vermutung, dass bei Odins daraufhin der Haussegen etwas schief hing. Spätestens nachdem Odin vergeblich Tanais/Vanaheim belagerte und sein Betrug beim Austausch der Geiseln bemerkt wurde, war es Zeit, den Brüdern Lebewohl zu sagen. Und weit weg zu gehen. Zum Beispiel in den Norden, nach Sachsen und Schweden. Seine Brüder kamen offenbar nicht mit. Und ob Frigga danach noch die glücklichste Ehefrau Europas war, mag man auch mal bezweifeln.
Auf private Nachfrage schrieb mir Walter Schüle dazu noch:
Meine Überlegung geht fast ausschliesslich aus dem Studium der Primärliteratur zurück. Anstöße aus Sekundärliteratur nahm ich natürlich auf, allerdings ist mir kein Buch untergekommen, das den von mir favorisierten Ansatz verfolgt. Es ist daher zumindest mal ein von mir entwickelter Ansatz. Was nicht ausschliesst, dass jemand anders mal den gleichen Gedanken hatte.

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*) Interessanterweise hat zu diesem Thema auch der oberste Priester der russisch-orthodoxen Kirche in Deutschland André Sikojev (geb. 1961) (Wiki) Quellentext auf Deutsch herausgebracht.

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  1. A Dynamic 6,000-Year Genetic History of Eurasia’s Eastern Steppe. Choongwon Jeong, Ke Wang, Shevan Wilkin, Myagmar Erdene, Jessica Hendy, Christina Warinner. Cell, Open Access, Published:November 05, 2020, DOI:https://doi.org/10.1016/j.cell.2020.10.015, https://www.cell.com/cell/fulltext/S0092-8674(20)31321-0.
  2. How the horse powered human prehistory, Andrew Curry Science  06 Nov 2020: Vol. 370, Issue 6517, pp. 646-647, DOI: 10.1126/science.370.6517.646 https://science.sciencemag.org/content/370/6517/646
  3. Ancestry and demography and descendants of Iron Age nomads of the Eurasian Steppe. Martina Unterländer, Friso Palstra, Iosif Lazaridis, Aleksandr Pilipenko, Zuzana Hofmanová, Melanie Groß, Christian Sell, Jens Blöcher, Karola Kirsanow, Nadin Rohland, Benjamin Rieger, Elke Kaiser, Wolfram Schier, Dimitri Pozdniakov, Aleksandr Khokhlov, Myriam Georges, Sandra Wilde, Adam Powell, Evelyne Heyer, Mathias Currat, David Reich, Zainolla Samashev, Hermann Parzinger, Vyacheslav I. Molodin & Joachim Burger. Nature Communications volume 8, Article number: 14615 (2017), Published: 03 March 2017, https://www.nature.com/articles/ncomms14615
  4. Bading, Ingo: Die Indogermanen, ihre Nachbarvölker, ihre Ausbreitungsgebiete ,06/2018, https://studgendeutsch.blogspot.com/2018/06/die-indogermanen-ihre-nachbarvolker.html
  5. Bading, Ingo: Ihr Völker Asiens, ihr Völker Europas, 1. Mai 2019, https://studgendeutsch.blogspot.com/2019/05/ihr-volker-asiens-ihr-volker-europas.html
  6. Bading, Ingo: Die Marghiana - Eine Hochkultur im Westen der Seidenstraße, 11/2019, https://studgendeutsch.blogspot.com/2019/11/eine-hochkultur-im-westen-der.html 
  7. Georges Dumézil: Loki. Darmstadt 1959 
  8. Kinder der Sonne. Die Narten - das große Epos des Kaukasus. Hrsg. von André Sikojev, Hugendubel, Kreuzlingen 2007
  9. Bading, Ingo: Die Ethnogenese des chinesischen Volkes - Sie erfolgte offenbar (bis in historische Zeit hinein) autochthon, ohne größere Zuwanderung von auswärts, 27. März 2020, https://studgendeutsch.blogspot.com/2020/03/die-ethnogenese-des-chinesischen-volkes.html
  10. Bading, Ingo: "Söhne der Sonne" - Die Indogermanen Asiens, 1. Juli 2018 (mit aktuellem Nachtrag vom 8.11.2020), https://studgendeutsch.blogspot.com/2018/07/sohne-der-sonne-die-indogermanen-asiens.html.
  11. manasataramgini:  The ethnogenesis of the Mongols, 6.11.2020, https://twitter.com/blog_supplement/status/1324593436822044673
  12. Damgaard et. al. 2018 (Eske Willerslev): 137 ancient human genomes from across the Eurasian steppes. Nature Magazine, 9. Mai 2018

Samstag, 31. Oktober 2020

Der Hund - Sein Weg durch die Geschichte der Völker

Neueste Erkenntnisse aus der Archäogenetik

Eine neue archäogenetische Studie zur Geschichte der domestizierten Hunde geht davon aus, daß am Ende der Eiszeit auf der Erde fünf genetisch unterscheidbare Hunde-Herkunftsgruppen existierten, repräsentiert durch Hunde-Funde in der neolithischen Levante, im mesolithischen Karelien, am mesolithischen Baikalsee, im vorkolumbianischen Amerika und repräsentiert durch die "singenden Hunde" Neuguineas, den Neuguinea-Dingo (Wiki, engl), der auch sonst in Asien verbreitet war (s. a. Abb. 1) (1):

.... Five ancestry lineages (Neolithic Levant, Mesolithic Karelia, Mesolithic Baikal, ancient America, and New Guinea singing dog) must have existed by 10.9 ka ago (the radiocarbon date of the Karelian dog) and thus most likely existed prior to the transition from the Pleistocene to the Holocene epoch ~11.6 ka ago.

Weiterhin wird davon ausgegangen, daß sich zwar Wölfe bis heute immer wieder einmal mit domestizierten Hunden vermischt haben, daß es aber so gut wie keine Hinweise darauf gibt, daß sich die Hunde nach der genetischen Trennung von den Wölfen noch einmal später mit Wölfen vermischt haben (1). Daraus wäre zu schließen, daß Hund-Wolf-Mischlinge zwar immer einmal wieder gerne als Paarungspartner von Wölfen akzeptiert worden sind und vielleicht werden, nicht aber umgekehrt von Hunden. Und wenn sie als solche von Hunden akzeptiert worden sein sollten, dann hätten sie - aufgrund welcher Umstände auch immer - keinen Fortpflanzungserfolg gehabt. Dieser Umstand ist vielleicht ein interessanter Aspekt, auch was die heutige Problematik der Wiederansiedlung von Wölfen in Mitteleuropa betrifft.

 

Abb. 1: Verwandtschaftsverhältnisse der archäogenetisch sequenzierten Hunde (graue Punkte) mit modernen Hunde-Populationen (aus: 1)

Das heißt also, die jeweils ursprünglicheren Hunde-Herkunftsgruppen haben sich vor Ort in die dortigen Wolfs-Populationen eingemischt, in Amerika in die dortigen Kojoten-Populationen, in Afrika in die dortigen Populationen des Afrikanischen Goldwolfes, aber nicht umgekehrt. Nur bei den tibetischen Hunden findet man genetische Anpassungen an größere Höhenlagen im Genom, die von den dortigen Wolfspopulationen übernommen worden sein können (1).

Weiterhin wird davon ausgegangen, daß alle domestizierten Hunde weltweit von einer einzigen, heute aber ausgestorbenen Wolfs-Population abstammen. Das könnte implizieren, daß es domestizierte Hunde schon vor der Besiedlung Neuguineas vor 60.000 Jahren gab. Es könnte das ein "Out-of-Africa"-, besser vielleicht "Out of Levante"-Szenario für die domestizierten Hunde nahelegen.

Insgesamt und grob gesehen, überlappte jede menschliche, archäogenetisch feststellbare mesolithische (also nacheiszeitliche) Herkunftsgruppe (Völkergruppe) (die hier auf dem Blog schon intensiv behandelt worden sind) nach Zeit und Raum mit einer genetisch eigenen Hunde-Herkunftsgruppe - wie sich das schon im einleitenden Zitat andeutete, und was wir auch schon - bezüglich der Dingo's - für das vorgeschichtliche China hier auf dem Blog behandelt hatten (2). Deshalb sind vor allem die Ausnahmen von dieser "Gesetzlichkeit" von besonderem Interesse. Zu ihnen gehört der Umstand, daß bei den iranisch-neolithischen Bauern - nach dieser Studie - genetisch gesehen dieselbe domestizierte Hunde-Vorfahrengruppe gelebt hat wie bei den anatolisch-neolithischen Bauern (1).

Die Hunde im europäischen Neolithikum

Eine weitere Ausnahme sind die Bandkeramiker in Mitteleuropa, deren menschliche Genetik fast ausschließlich anatolisch-neolithischer Herkunft ist, deren neolithisch-levantinische Hunde sich aber genetisch in unterschiedlichen Anteilen mit den Hunden der vormaligen nordeuropäischen Jäger und Sammler vermischt haben (1). Man sehe sich Abbildung 1 an: "Sweden 4k" (also ein Hund, der in Schweden 2.000 v. Ztr. gelebt hat) steht den levantinischen Hunden genetisch nahe, andere archäogenetisch untersuchte Hunde unterschiedlicher Zeitstellung in Schweden und Deutschland stehen der einheimischen europäischen Vorfahrengruppe der Hunde genetisch näher.

In der Formierungsphase der Bandkeramik im Wiener Becken und darüber hinaus kam also nicht nur 7 % einheimische osteuropäische, menschliche Jäger- und Sammler-Genetik in das neu entstehende Volk - vornehmlich über die männliche Linie - hinein, sondern auch in die mitgebrachten Haushunde mischte sich in unterschiedlichen Anteilen Genetik der einheimischen Jäger-Sammler-Hunde hinein.

Dieselben Umstände waren ja auch schon für die in der Bandkeramik sehr beliebten Hausschweine (3) und Hausrinder festgestellt worden. Schon auf dem Balkan hatten die sich dorthin ausbreitenden anatolisch-neolithischen Bauern die in Europa einheimischen Auerochsen domestiziert (4).

Aber so wie sich die einheimische menschliche Jäger-Sammler-Genetik im Ostsee-Raum noch bis zur Zuwanderung der Indogermanen um 2.900 v. Ztr. hielt, so hielt sich auch die Genetik ihrer Hunde dort gerne auch unvermischt (siehe Abb. 1 graue Punkte "Sweden" in verschiedenen Datierungen, also aus neolithischen und mesolithischen Kontexten). 

Die Hunde der Indogermanen

Soweit das der Grafik 5 der Studie zu entnehmen ist (1), gehört die heutige Tibetdogge (Wiki) zu den heutigen Hunderassen, die noch am meisten indogermanische Hunde-Herkunftsanteile aufweisen. Auch während der indogermanischen Zuwanderung im Spätneolithikum ab 2.900 v. Ztr. konnten sich die von den Indogermanen mitgebrachten Hunde insgesamt gesehen nicht gegenüber den einheimischen europäischen Hunden durchsetzen (1). Über die von den Indogermanen mitgebrachten Hunde heißt es (1):

Wir haben einen Hund sequenziert, der 1.800 v. Ztr. in der osteuropäischen Steppe lebte in der bronzezeitlichen Srubnaya-Kultur. Obwohl seine Herkunft der westeuropäischer Hunde ähnelt, fällt er aus der sonstigen Verteilung heraus. Ein Hund der Schnurkeramiker aus der Zeit 2.700 v. Ztr. in Deutschland, von dem angenommen worden war, daß er Steppen-Genetik in sich trug, kann in seinen Herkunftsanteilen modelliert werden als ein Hund, der 51 % seiner Herkunft auf eine Herkunftsgruppe zurückführen kann, die dem Srubnaya-Hund nahe stand und den Rest von einer europäisch-neolithischen Herkunft. Ähnliche Ergebnisse bekommen wir für einen bronzezeitlichen schwedischen Hund, der 1.100 v. Ztr. gelebt hat.

We analyzed a 3.8-ka-old dog from the eastern European steppe associated with the Bronze Age Srubnaya culture. Although its ancestry resembles that of western European dogs (Fig. 1C and fig. S10), it is an outlier in the center of PC1–PC2 space (Fig. 1B). A Corded Ware-associated dog (4.7 ka ago) from Germany, hypothesized to have steppe ancestry (14), can be modeled as deriving 51% of its ancestry from a source related to the Srubnaya steppe dog and the rest from a Neolithic European source (data file S1) (30). We obtain similar results for a Bronze Age Swedish dog (45%; 3.1 ka ago).

Das hieße nun wiederum, daß sich die Hunde der Indogermanen mit den einheimischen europäischen Hunden zunächst etwa zu 50/50 gemischt haben, um die nordeuorpäischen Hunde der Bronzezeit hervorzubringen. Die meisten späteren europäischen Hunde zeigen aber keine genetische Nähe mehr zu dem Srubnaya-Hund, der "indogermanische" Herkunftsanteil der Hunde ist also nach der Bronzezeit in Europa - aufgrund ungeklärter Umstände - wieder verloren gegangen.

Die Hunde der Indogermanen in China

Ganz anders in China und Asien. Die ursprünglichen chinesischen Hunde standen den Dingo's Neuguineas nahe (1, 2). Über die bronzezeitlichen chinesischen Hunde heißt es nun in dieser Studie (1):

Das am besten zu den genetischen Daten passende Modell beinhaltet nicht nur Herkunft von modernen europäischen Hunderassen, sondern ebenso beträchtliche Beisteuerungen des Srubnaya-Hundetyps wie er aus der Zeit 1.800 v. Ztr. in der Steppe bislang bekannt ist. (...) Unsere Ergebnisse legen somit die Möglichkeit nahe, daß die Ostwanderungen der (indogermanischen) Steppenhirten einen größeren Einfluß auf die Herkunft der (heutigen) chinesischen Hunde hatte als der damals Richtung China zugewanderten Menschen im heutigen Ostasien.

The best-fitting models involve not only ancestry from modern European breeds but also substantial contributions from the 3.8-ka-old Srubnaya steppe dog. (...) Our results thus raise the possibility that the eastward migrations of steppe pastoralists had a more substantial impact on the ancestry of dogs than humans in East Asia.

Es muß zugeben werden, daß es einem noch schwer fällt, diese in Worte gefaßten Ergebnisse alle so in den Grafiken wieder zu finden. Aber lassen wir das alles einmal so stehen. Vielleicht wird das alles künftig noch einmal von kundigeren Leuten irgendwo erläutert. 

Europäische Hunde ohne "Indogermanen-Anteil" werden zu allen heutigen modernen europäischen Hunderassen

Von den mesolithischen Hunderassen Europas hätten sich bis heute kaum noch unvermischt Herkunftsanteile in den heutigen Hunden Europas gehalten, sondern (1):

Wir machen die Feststellung, daß ein einzelner Hund aus einem neolithischen Megalith-Kontext aus der Zeit 3.000 v. Ztr. in Frälsegården im südwestlichen Schweden als alleinige Quelle der Herkunft von 90 bis 100 % der meisten europäischen Hunderassen modelliert werden kann unter Ausschluß aller anderen vorgeschichtlichen Hunde-Herkunftsgruppen.

We found that a single dog from a Neolithic megalithic context dated to 5 ka ago at the Frälsegården site in southwestern Sweden can be modeled as a single-source proxy for 90 to 100% of the ancestry of most modern European dogs, to the exclusion of all other ancient dogs.

Und weiter (1):

Und das legt nahe, daß eine Population mit einer Herkunft ähnlich wie dieses Individuum, die aber nicht notwendigerweise in Skandinavien ihren Ursprung hatte, alle anderen Hunde-Populationen ersetzt hat und den bis dahin existierenden Kontinent-weiten genetischen Gradienten "ausradiert" hätte. Die heutigen europäischen Hunde wären dann zu modellieren als solche, die zu gleichen Anteilen von der karelischen und der levantinischen Herkunftsgruppe abstammten (54 und 46 % jeweils für den Deutschen Schäferhund). Der Frälsegården-Hund kann ebenso favorisiert werden als Repräsentant der Teil-Herkunftsgruppe eines bronzezeitlichen Hundes in Italien (2.000 v. Ztr.) und eines Hundes aus der byzantinischen und mittelalterlichen Türkei (500 n. Ztr.), was aber nicht für frühere Hunde in der Levante gilt, womit der Zeitrahmen eingegrenzt werden kann für die Ausbreitung dieser (modernen europäischen) Hunde-Herkunft. Allerdings bleiben die Umstände unbekannt, die die Homogenisierung dieser Hunde-Herkunft in Europa initiierten und erleichterten, ausgehend von einer kleinen Untergruppe aller im europäischen Neolithikum in Europa verbreiteten Hunde, einschließlich der Entstehung ihrer phänomenalen phänotypischen Vielfalt und genetischen Differenzierung in moderene Rassen.

This implies that a population with ancestry similar to this individual, but not necessarily originating in Scandinavia, replaced other populations and erased the continent-wide genetic cline (Fig. 5B). This ancestry was in the middle of the cline (Fig. 1C), and so present-day European dogs can be modeled as having about-equal proportions of Karelian- and Levantine-related ancestries [54 and 46%, respectively, for German shepherd on the basis of the admixture graph (Fig. 1E)].  The Frälsegården dog is also favored as a partial ancestry source for a 4-ka-old Bronze Age dog from Italy, a 1.5-ka-old dog from Turkey and Byzantine and Medieval, but not earlier dogs in the Levant (data file S1), providing some constraints on the timing of this ancestry expansion. However, the circumstances that initiated or facilitated the homogenization of dog ancestry in Europe from a narrow subset of that present in the European Neolithic, including the phenomenal phenotypic diversity and genetic differentiation of modern breeds (12, 19, 20) (Fig. 1C), remain unknown.

Man fühlt sich an die Verbreitung der heutigen europäischen Pferderassen ausgehend von den Araber-Pferden der Eisenzeit und des Frühmittelalters erinnert, die schon in einer früheren Studie angeommen worden war (5). Jedenfalls hieße das, daß sich der indogermanische Hunde-Herkunftsanteil in China und Asien bis heute gehalten hat, in Europa aber nicht. Immerhin interessant.

Überhaupt weisen die heutigen Hunde Asiens noch eine viel größere Vielfalt an Herkunftsanteilen auf als die heutigen Hunde Europas und jener Hunde, die von Europa aus in den letzten 500 Jahren in alle Teile der Welt exportiert worden sind (s. 1, Abb. 5).

Jedenfalls haben sich diese europäischen, nachbronzezeitlichen Hundrassen inzwischen weltweit verbreitet und nur noch geringe Herkunftsanteile ursprünglicherer Hunde-Herkunftsgruppen haben sich - zum Beispiel - in Amerika gehalten (1). In der Studie heißt es abschließend, daß man ältere archäogenetische Daten von Hunden bräuchte, um den Ort der - angeommenerweise singulären - Domestikation des Hundes insgesamt noch näher eingrenzen zu können. Da die domestizierten Hunde südlich der Sahara aus dem Levanteraum zu stammen scheinen, könnte man mutmaßen, daß der Hund am ehsten vor mehr als 60.000 Jahren eben in diesem Levante-Raum domestiziert worden ist und von dort nach Neuguinea und Asien und Europa "mitgenommen" worden ist und sich dann jeweils vor Ort genetisch isoliert von den anderen weiter evoluiert hat.

Auch findet die Studie, daß alle Hunde-Vorfahrengruppen auf der Nordhalbkugel in Amerika, Asien und Europa sich untereinander einander genetisch ähnlicher sind im Vergleich zu den Hunden auf Neuguinea. Auch dies würde gut zu einem "Out-of-Levante"-Szenario vor 65.000 Jahren für die domestizierten Hunde passen. Über die heutigen domestizierten Hunde in Afrika heißt es nämlich (1):

Unsere Ergebnisse legen einen singulären Ursprung aller afrikanischen Hunde südlich der Sahara von einem levantinischen Ausgangspunkt aus nahe mit nur wenig genetischen Zufluß von außerhalb des Koninents bis vor wenige hundert Jahre.

Our results suggest a single origin of sub-Saharan African dogs from a Levant-related source (Fig. 5B), with limited gene flow from outside the continent until the past few hundred years.

Im Levanteraum sind allerdings die ursprünglich dort einheimischen levantinischen Hunde heute so gut wie ausgestorben und durch iranische und europäische Hunde-Genetik ersetzt worden. So die Studie, die - insgesamt gesehen - wohl noch mehr Fragen offen läßt und aufwirft als sie abschließend klären kann.

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  1. Origins and genetic legacy of prehistoric dogs  By Anders Bergström, Laurent Frantz, Ryan Schmidt (....) Pontus Skoglund. Science30 Oct 2020 : 557-564, https://science.sciencemag.org/content/370/6516/557
  2. Bading, Ingo: Dingos in China, März 2020, https://studgendeutsch.blogspot.com/2020/03/die-ethnogenese-des-chinesischen-volkes.html 
  3. Bading, Ingo: Hausschweine, 2019, https://studgendeutsch.blogspot.com/2019/08/unsere-hausschweine-stammen-nicht-aus.html
  4. Bading, Ingo: Unsere Kühe - Sie waren schon immer bei uns einheimisch - Sie stammen NICHT (!) aus dem Vorderen Orient, 18. Juli 2019, https://studgendeutsch.blogspot.com/2019/07/unsere-kuhe-schon-immer-waren-sie-bei.html  
  5. Bading, Ingo: Unsere Pferde - Sie stammen aus dem Vorderen Orient Unsere modernen Pferderassen stammen von den Araber-Pferden ab - sogar die Islandpony's, 30. August 2019 , https://studgendeutsch.blogspot.com/2019/08/unsere-pferde-sie-stammen-aus-dem.html
  6. https://idw-online.de/de/news756839

Freitag, 30. Oktober 2020

Die Urindogermanen - "Allem Anfang wohnt ein Zauber inne"

Neue Schlaglichter aus der Forschung zur Ethnogenese der Indogermanen

Zusammenfassung: 1. Das Urvolk der Indogermanen weist einen Nord-Süd-Gradienten in dem Anteil der iranisch-neolithischen Herkunftskomponente auf, der sich erst nach dem Übergang zur Jamnaja-Stufe verwischt. 2. Die anatolisch-neolithische Herkunftskomponente der westlichen Indogermanen könnte auf unterschiedliche Vermischungsereignisse zurück gehen. 3. Neue Details aus dem komplexen Zusammenspiel mit den Königreichen der Tripolye-Kultur.

Eine neue Studie des führenden Archäologen zur Ethnogenese der Indogermanen, David W. Anthony (Wiki), ist erschienen (1). Anthony ist übrigens seit letztem Jahr emeritiert. Im letzten halben Jahr war auf Google Bücher nur die Einleitung dieser Studie einsehbar, weshalb unser vorhergehender Blogartikel mit Bezug auf diesen Artikel sich nur auf indirekte Inhaltswiedergaben auf Wikipedia und anderwärts beziehen konnte (St. gen. 07/2020). Jetzt ist aber auch der vollständige Text einsehbar (1). Deshalb können wir hier unseren Blogartikel vom Sommer nun viel konkreter und authentischer umschreiben und vervollständigen. Wir stellen ihn deshalb hiermit ganz neu ein, da wir auch auf völlig neue Erkenntnisse dabei stoßen. 

Abb. 1: Ethnogenese der Indogermanen - Grafik von David W. Anthony (Herkunft: Twitter)

David Anthony berichtet über die Genetik der vom David Reich-Labor in Harvard untersuchten Skelette des Urvolkes der Indogermanen, der Chwalynsk-Kultur, die von der Mittleren Wolga (Fundort Ekaterinovka) bis zum Nordrand des Kaukasus (Fundort Progress-2) reichte. Anstelle eines Begriffes wie "Volk" oder "Ethnie" benutzt Anthony den Begriff "mating network" (1, S. 35):

Die Skelette weisen eine dominante osteuropäische Jäger-Sammler-Herkunfts-Komponente (EHG) auf, die typisch ist für dieses Volk, zusammen mit einer Kaukasus-Jäger-Sammler-Herkunfts-Komponente (CHG). Der prozentuale Anteil der CHG-Herkunfts-Komponente nimmt von Süden nach Norden hin ab, vom Fundort Progress-2, wo die CHG-Komponente 30 bis 50 % beträgt, über den Fundort Khwalynsk (CHG 20 bis 30 %) bis Ekaterinovka (vielleicht 5 %, aber noch nicht veröffentlicht). (...) Die (aus der Chwalynsk-Kultur hervorgegangene spätere) Jamnaja-Kultur war (dann) genetisch homogener als die spätneolithischen Grabstätten, insbesondere hinsichtlich der männlichen genetischen Marker auf dem Y-Chromosom.
Original: They exhibit dominant EHG ancestry, typical oft this mating network, with CHG. The percentage of CHG ancestry declines south-to-north, from Progress-2, where CHG ist 30-50 %, to Khvalynsk (CHG 20-30%) to Ekaterinovka (perhaps 5 %, but not yet published). (...) Yamnaya was more homogeneous genetically than the Eneoloithic cemetries, particularly in male genetic traits on the Y-Chromosome.

Wenn wir jetzt berücksichtigen, daß der Ursprungsort der Chwalynsk-Kultur die Mittlere Wolga ist und sie sich von dort erst nach Süden und Westen ausgebreitet hat, wäre zu schlußfolgern, daß diese Ethnogenese schrittweise erfolgte, und zwar zunächst mit einem kleineren Herkunftsanteil der Kaukasus-Bauern, der sich aber vielleicht, scheinbar während der Ausbreitung osteuropäischer Jäger-Sammler nach Süden noch bis 50 % erhöht hat. Im Verlauf der Geschichte der Khwalynsk-Kultur und insbesondere dann im Übergang zur nachfolgenden Jamnaja-Kultur scheint es dann zu einer gleichmäßigeren Durchmischung der beiden Herkunftsanteile innerhalb des ganzen Volkes gekommen zu sein.

Das läßt im ersten Blick vermuten, daß Ehen in diesem Volk gerne auch einmal über 1000 Kilometer Distanz zwischen Süd und Nord hatten geschlossen werden können. Denn so groß war ja der Verbreitungsraum am Ende. Und dann würde es sich - was die Heiratsnetzwerke betrifft - um eine ähnliche Erscheinung handeln wie wir sie dann später noch für die indogermanischen Kulturen Mitteleuropas während der Bronzezeit beobachten, wo inzwischen auch Heiratskontakte zwischen Bayern, Böhmen und Sachsen-Anhalt nachgewiesen sind, also zwischen der süddeutschen Bronzezeit, der Aunjetitzer Kultur und anderen zeitgleichen archäologischen Kulturen.

Es könnte gemutmaßt werden, daß diese Heiratskontakte auf einer Art Beamtenadel beruhten, der auf Erbhöfen - wie im Lechtal nachgewiesen - über Generationen in der männlichen Linie residierte, der aber in politischem, kulturellem und Heirats-Austausch auch mit entfernteren Königreichen stand. Vielleicht lassen sich ähnliche Umstände damit auch schon für das Urvolk der Indogermanen nachweisen. Aber sehr spannend sind auch die weiteren Ausführungen von Anthony über die Herkunft und das Schicksal der Y-chromosomalen Haplotypen im Urvolk der Indogermanen (1, S. 36):

Die meisten Chwalynsk-Männer gehörten zur Y-chromosomalen Haplogruppe R1b1a - ebenso wie fast alle Jamnaja-Männer. Aber mindestens fünf Chwalynsk-Männer, einschließlich einiger mit sehr reichen Beigaben waren Q1a1b. Einzelne Männer waren R1a1, J1 und I2a2a. Die Q1a1b-Männer sind wahrscheinlich in Verbindung zu bringen mit Populationen im Norden, wo diese Haplogruppe in alten Skeletten in Sibirien, im Altai-Gebirge und über die ganze Waldzone hinweg bis zur Ostsee verbreitet gewesen ist. Der J1-Mann aus Khwalynsk ist wahrscheinlich in Verbindung zu bringen mit dem Süden, denn er gehört zur selben Y-chromosomalen Haplogruppe wie das CHG-Skelett in der Satsurblia-Höhle in Georgien, was eine eine Nähe der Khwalynsk-Population zu Bevölkerungen bestätigt, die kaukasische Jäger-Sammler-Herkunft aufweisen. Der I2a2a-Mann stammte von einer Haplogruppe ab, die sehr verbreitet war bei mesolithischen westeuropäischen Jägern und Sammlern des Donautals. Und der R1a1-Mann gehörte zu einem Minderheiten-Typ innerhalb der osteuropäischen Jäger und Sammler. Aber Jamnaja-Individuen, die unter Kurganen bestattet wurden, scheinen von einer weniger vielfältigen Auswahl dieser Haplotypen abzustammen, fast alle sind R1b1a, was nahelegt, daß jene, die unter Kurganen in der pontisch-kaspischen Steppe begraben lagen, zu einer eingeschränkten patrilinealen Gruppe gehörten -  wahrscheinlich einem Clan oder mehreren Clans, die miteinander verwandt waren.
Original: Most Khvalynsk males belonged to Y-chromosome haplogroup R1b1a, like almost all Yamnaya males, but at least five Khvalynsk males, including some very richly endowed, were Q1a1b. Single males were R1a1, J1, and I2a2a. The Q1a1b males probably were linked to the north, where this haplogroup is found in ancient samples from Siberia, the Altai Mountains, and across the forest zone to the Baltic. The J1 male at Khvalynsk probably was linked to the south, since he belonged to the same Y-haplogroup as the CHG type speciment from Satsurblia Cave in Georgia, confirming affinity with CHG in the Khvalynsk population. The I2a2a male was descended from a haplogroup common among Mesolithic WHG's in the Danube valley, and the R1a1 male belonged to a minority type within the EHG. But Yamnaya individuals chosen for kurgan burial seem to have been drawn from a narrower subset of these, almost all oft them R1b1a, suggesting that those buried under Yamnaya kurgans in the Pontic-Caspian steppes belonged to a restricted patrilineal group of some kind - probably a clan or releated set of clans.

Das heißt, in der Ursprungsregion der Chwalynsk-Kultur finden sich zwar auch Männer kaukasisch-neolithischer Herkunft, die sich vereinzelt in dieses Volk eingemischt hatten (!), womöglich insbesondere anfangs. Bis zum Übergang der Chwalynsk-Kultur aber zur Jamnaja-Kultur scheint ihr genetisches Erbe innerhalb des Volkes der Indogermanen schon wieder verloren gegangen zu sein, ebenso wie das genetische Erbe anderer Männer, die dem Urvolk ursprünglich angehört hatten. Hier sind also deutliche Hinweise auf (schon zuvor angenommene) starke Selektion zu erkennen, die mit dem - sich womöglich über Jahrhunderte erstreckenden - Prozeß der Ethnogenese einhergingen.

Auch solche Vorgänge des Verlustes des männlichen genetischen Erbes ganzer, zuvor einheimischer mittelneolithischer Völker - etwa in England oder in Spanien oder anderwärts - wird ja dann noch sehr häufig in Zusammenhang mit dem Auftreten der Indogermanen im Spätneolithikum Europas und des Mittelmeerraumes (Schnurkeramiker- und Glockenbecher-Leute) zu beobachten sein. Auch hier scheint also schon im Prozeß der Ethnogenese der Indogermanen vieles von dem aufzuscheinen, was dann auch weitere Epochen der Geschichte der Indogermanen kennzeichnet. 

4.000 v. Ztr. - Das Urvolk der zweiten Welle der Indogermanen formiert sich in der östlichen Ukraine

Interessant ist dann auch, was Anthony über einen Angehörigen der Sredni Stog-Kultur schreibt (1, S. 36):

Schlußendlich ist noch ein Individuum einer Grabstätte der Sredni Stog-Kultur am Fluß Donez bei Aleksandriya in der östlichen Ukraine auf 4000 v. Ztr. datiert. Es weist zwischen 70 bis 80 Prozent CHG/EHG-Herkunft auf wie Chwalynsk und Progress-2 aber ebenso etwa 20 % anatolisch-neolithische Herkunft. Sein Y-chromosomaler Haplotyp war R1a-Z93 - ähnlich denen in der späteren Sintashta-Kultur und  bei den südasiatischen Indo-Ariern. (...) Seit vielen Jahrzehnten ist die Sredni-Stog-Kultur als eine Vorgänger-Kultur der Jamnaja-Kultur in der Ukraine angesehen worden, die auch Verbindungen einerseits mit der Chwalynsk-Kultur in den russischen Steppen aufwies (ähnliche Grabrituale) wie mit europäischen Bauernkulturen im Westen  andererseits (Kupfer-Handel). Dieses Sredni Stog-Individuum war viel mehr mit europäischer (anatolisch-neolithischer) Bauernherkunft vermischt als jedes ältere Skelett in den Steppen. Sein Hauptherkunfts-Anteil zeigt die westliche Ausdehnung des Volkes der Indogermanen in die nordpontischen Steppen auf.

(Anmerkung 29.4.24: Inzwischen hat sich herausgestellt, daß der anatolisch-neolithische Herkunftsanteil nach Aleksandria grob aus der Nordkaukaus-Region heraus in die Donez-Region gekommen ist.) Damit deutet sich gleich noch die Klärung einer weiteren, bisher ungeklärten Frage an. Nämlich wo und wie der anatolisch-neolithische Herkunftsanteil in das Urvolk der (westlichen) Indogermanen hinein gekommen ist. Offenbar zum ersten Mal schon um 4.000 v. Ztr. in der Sredni-Stog-Kultur, aus der dann die Jamnaja-Kultur hervorgegangen ist (Wiki):

Auf die Sredny-Stog-Kultur folgt die Jamnaja-Kultur.

Nach derzeitigem Kenntnisstand besaß die Sredny-Stog-Kultur zwar einerseits Rinder und Rinder-Wagen, lebte aber zugleich von umfangreicher Jagd auf wilde Pferde. Die Pferde dieser Kultur, die ausgegraben wurden, wiesen noch keine Anzeichen von Domestizierung auf. Aber diese Frage ist noch nicht vollständig geklärt. Auf dem englischen Wikipedia sind die neuen Erkenntnisse, die David Anthony übermittelte, schon eingepflegt (Wiki).

In aller Vorläufigkeit wird also gesagt werden können: Die Ethnogenese zumindest eines Teils der europäischen Indogermanen könnte sich schon in der Ukraine um 4000 v. Ztr. vollzogen haben. Es müssen das aber noch nicht zwangsläufig jene Indogermanen gewesen sein, die sich als erste Generation der Schnurkeramiker in Norddeutschland ausbreiteten, da diese ja die anatolisch-neolithische Herkunftskomponente noch nicht aufgewiesen haben sollen. (Anmerkung 29.4.24: Auch das dürfte sich inzwischen als Irrtum heraus gestellt haben.)

Dennoch könnten ja Teile der europäischen indogermanischen Völker von ihnen abstammen und auch der zweiten Welle der nach Asien sich ausbreitenden indogermanischen Völker (siehe zu letzteren früheren Blogbeiträge: Afanasijewo- und Andronowo-Kultur in Sibirien). Anthony schreibt, was wir hier auf dem Blog schon behandelt hatten (1, S. 38):

Wir wissen immer noch nicht, wann oder wo Menschen mit kaukasischer Jäger- und Sammler-Genetik zuerst das Steppenland betreten haben. Es war aber bestimmt vor 4.500 v. Ztr..

Merkwürdigerweise glaubt Anthony, daß es sich dabei um Jäger-Sammler-Populationen gehandelt habe, nicht um Ackerbauern oder Herdenhalter. Das ist etwas merkwürdig, wo doch zu jener Zeit südlich des Hauptkamms des Kaukasus schon Wein angebaut wurde und in großen Keramik-Bottichen verarbeitet und bevorratet wurde von Angehörigen dieser Völkergruppe. Es scheint mir doch weiterhin am ehesten denkbar, daß sich die Menschen mit kaukausisch-neolithischer Genetik entlang beider Ufer des Unterlaufs der Wolga nach Norden ausgebreitet haben.

Über die Dnjepr-Donez-Kultur, eine archaische Fischer-, Jäger- und Sammler-Kultur, die westlich der Chwalynsk-Kultur und östlich des Ostrandes des Verbreitungsgebietes der anatolisch-neolithischen Völkergruppe, der Bandkeramiker, an den Dnjepr-Fällen lebte, schreibt Anthony (1, S 39):

Die Dnjepr-Region scheint einen Zustrom der westeuropäischen Jäger-Sammler-Komponente (WHG) zwischen dem Mesolithikum und dem Neolithikum erfahren zu haben, vielleicht als die europäischen Bauern (Bandkeramiker) frühere WHG-Gebiete in Moldavien und Rumänien besiedelten. (...) Alle 32 getesteten DDII-Individuen waren Mischlinge mit (vornehmlich) EHG-Herkunft und (unterschiedlicher geringerer) WHG-Herkunft, aber mit keinerlei CHG-Herkunft. (...) Die Dereivka-Männer waren vornehmlich R1b1a mit wenigen I2a2a, ähnlich zu Chwalynsk - aber ohne das Q1a2-Element, die eine bedeutende Minderheit in der Chwalynsk-Kultur ausmachten; und ohne J1-Individuen, die Chwalynsk mit dem Kaukasus verbanden.

(Anmerkung 29.4.24: Die rot gefärbte Aussage hat sich inzwischen bestätigt.) Eine weitere getestete Gruppe bestand nur aus WHG-Männern, so daß die Vermutung aufkommt, daß sich dort die WHG-Männer genetisch vollständig gegenüber den EHG-Männern durchgesetzt hatten. Diese Kultur hielt schon domestizierte Rinder, die sie auch opferte. Immerhin wurde dort auch ein einzelner, genetisch 100%iger Bandkeramiker bestattet, vielleicht auch erst in der Endzeit der Dnjepr-Donez-Kultur. Da er am Ende einer Reihe einheimischer Männer bestattet wurde, kann vermutet werden, daß es sich um einen Gefangenen handelte (1, S. 40). Um 3.500 v. Ztr. fand sich dort ein einzelnes Frauenskelett, das zu 20 % Nachkomme der Bandkeramiker war, außerdem der Jäger-Sammler-Populationen vor Ort. Sie lebte in der Zeit kurz bevor diese Gegend von der Jamnaja-Kultur "übernommen" wurde. (Anmerkung 29.4.24: Vermutlich war hier noch vieles falsch interpretiert und zugeordnet worden, was die eigentlichen Herkunftsverhältnisse betrifft.)

Ausgriff bis auf den Balkan (4.500 bis 3.500 v. Ztr.)

Auch über die frühe Expansion der Chwalynsk-Kultur (der "Steppen-Genetik") bis nach Warna in Bulgarien macht Anthony bedeutsame Ausführungen (1, S. 41f). Nach ihnen hatte sogar die älteste der dortigen, mit reichen Beigaben versehenen Bestattungen (zwischen 4.700 und 4.550 v. Ztr.), vielleicht 200 Jahre älter als das jüngste, prächtigste Grab - ein vier bis sechs Jahre altes Mädchen - 20 % EHG/CHG-Erbgut. Ihre mütterliche Herkunft war einheimisch, ihre väterliche Herkunft zu einem Viertel oder Achtel aus der Steppe nördlich des Kaukasus. Anthony schreibt (1, S. 41):

Steppen-Herkunft scheint also Menschen in Warna nicht davon ausgeschlossen zu haben, hohen Status zu erlangen.

Und er schreibt - vielleicht wiederum plausibel (1, S. 42):

Einige hoch angesehene alteuropäische Familien in Nordost-Bulgarien könnte eine kleine Zahl von Männern aus der Steppe als Heiratspartner akzeptiert haben, um ein friedliches Zusammenleben und Handelsaustausch unter dem Schirm der Verwandtschaft sicherzustellen.

Diese Heiratsverbindung bestand sogar, so Anthony, räumlich über die noch bestehende Dnjepr-Donez-Kultur hinweg. Über die weitere Geschichte schreibt Anthony (1, S. 44):

Steppen-Völker der Suvorovo-Kultur (einer Gräbergruppe am Donau-Delta, die wahrscheinlich von der Sredni-Stog-Kultur in der Ukraine abzuleiten ist) breiteten sich im Donau-Tal um 4.400 bis 4.200 v. Ztr. aus in Übereinstimmung mit der Vermischung mit europäischen Bauern in Aleksandriya um 4.000 v. Ztr.. Zusätzlich zu den Suvorovo-Gräbern in den Steppen nördlich des Donau-Tals breiteten sich offensichtlich einige Steppen-Bewohner in den Balkan aus, in das östliche Karpatenbecken und nach Transylvanien. (...) Eines der Markzeichen der Suvorovo- oder Skelya-Epoche war das Auftreten einer neuen Art von polierten Steinaxt-Köpfen, angefertigt in einem spezifischen Wolga-Kaspische Steppe-Stil, unterschiedlich vom Dnjepr-Steinaxtkopf-Stil, der sowohl in den Cucuteni-Tripolye-Städten wie in den Tell-Städten an der unteren Donau und auf dem Balkan zu finden ist. Diese Ausbreitung von Wolga-Kaspischen polierten Steinaxtköpfen begleitete eine Ausbreitung von Wolga-Kaukasus-Genen in die führenden Familien von Nordost-Bulgarien. 

Zur gleichen Zeit strömten hunderte von Kupferschmuck-Stücken vom Balkan aus in die Steppen am Dnjepr und an der Wolga. Es gab also einen Austausch von Menschen, Symbol- und Schmuckgegenständen zwischen Warna, Chwalynsk und Svobodnoe (1, S. 45):

Auf diese Epoche des Austauschs, des Verkehrs und der Ausbreitungsbewegungen folgte ein katastrophaler Kulturwechsel, der die Aufgabe aller Tell-Siedlungen im unteren Donau-Tal und auf dem Balkan begleitete, und das Ende ihrer materiellen kulturellen Traditionen um 4.300 bis 4.200 v. Ztr.. In den folgenden Jahrhunderten scheinen die Einwanderer aus den Steppen sich mit den übrig gebliebenen Bewohnern der Tell-Siedlungen vermischt zu haben, um die von der Steppe beeinflußte, aber gemischte Cernavoda I-Kultur zu bilden. (Wiederum haben wir von dieser wichtigen Bevölkerung bislang keine archäogenetischen Daten.)

Die Schnurkeramiker (3.000 v. Ztr.)

Über die Schnurkeramiker sagt Anthony, daß gerade vor den ersten archäogenetischen Daten im Jahr 2015 von Seiten der Archäologie her sehr definitiv vermutet worden war, sie wären einheimisch entstanden. Die Archäogenetik zeigte aber noch im selben Jahr das Gegenteil auf (1, S. 46):

Ihre entfernte Herkunft wurde verdeckt durch den Wechsel in der materiellen Kultur von der Jamnaja- zur Schnurkeramik-Kultur, vielleicht innerhalb eines Jahrhunderts (3000 bis 2.900 v. Ztr.) am Beginn ihrer großen Ausbreitung. Die materielle Kultur der Schnurkeramik beinhaltete spezifische Artefakt-Typen (Kugelamphoren, polierte Steinhammer-Äxte), die von den einheimischen mittelneolithischen Kulturen im nördlichen Europa übernommen worden waren. Es könnte angesehen werden als ein materielles Erkennungszeichen der Schnurkeramiker gegenüber ihren Yamnaya-Eltern und -Großeltern (...), ein aktives materielles Statement der politischen Abtrennung, das betonte Referenzen gegenüber neuen Verbündeten beinhaltete. 

Fast an jedem Satz von Anthony ist spürbar, daß er viele archäologische Zusammenhänge dichter und konkreter zu Ende gedacht zu haben scheint als die meisten seiner Fachkollegen. Deshalb haben wir ihn hier so ausführlich zitiert. (Wobei wir schon in früheren Beiträgen hier auf dem Blog auch deutlich genug gemacht haben, daß wir Anthony nicht für unfehlbar halten. Das betrifft etwa sein lange aufrecht erhaltenes Infragestellen von Kontakten zwischen den archäologischen Kulturen über den Kaukasus hinweg wie auch seine Hypothese von "Geheimbünden" bei den Indogermanen, abgelesen an angeblichen Hunde-"Opfern" bei ihnen. Aber das nur am Rande.)

Von dieser Arbeit von Anthony wird derzeit auf Google Scholar angezeigt, daß sie erst ein einziges mal zitiert worden ist. Sie wird also den Forschungsstand darstellen, der der aktuellste verfügbare ist.

Noch einmal in indirekter Wiedergabe auf Wikipedia

Ein Teil des Inhalts der Studie fand sich auch schon auf dem Wikipedia-Artikel zum Urvolk der Indogermanen ("Western Step Herders" = WSH) referiert (Wiki). Aber das war nur sehr unscharf und keineswegs vollständig wiedergegeben.

Bevor dieses sehr vorläufige Zitat gebracht werden soll, muß aber vorausgeschickt werden, daß die darin erwähnte Dnjepr-Donez-Kultur  (Wiki) ursprünglich ein Jäger-Sammler-Volk war, das ab 5.200 v. Ztr. begonnen hat, Haustiere zu halten, ohne sich aber mit zuwandernden Bauernvölkern zu vermischen (wie wir gleich sehen werden). Das östlich von ihm lebende Volk der Chwalynsk-Kultur (das Urvolk der Indogermanen), war - so referierten wir hier auf dem Blog schon früher (2) - ab 4.700 v. Ztr. zur Haustierhaltung übergegangen, und zwar parallel zu Vermischung mit Frauen der aus dem Kaukasus zugewanderten Bauern. Wir lesen jedenfalls (Wiki):

"Anthony stellt fest, daß die 'Westlichen Steppenhirten' (Urindogermanen) eine genetische Kontinuität ihrer väterlichen Linien aufweisen zwischen der Dnjepr-Donez-Kultur und der Jamnaya-Kultur. Denn die Männer beider Kulturen waren zumeist Träger des Y-chromosomalen Hapoltyps R1B, sowie zu einem geringen Anteil des Y-chromosomalen Haplotyps I2. Während nun die mitochondriale DNA der Dnjepr-Donez-Kultur ausschließlich aus U-Haplotypen bestand, die von ost- und westeuropäischen Jägern und Sammlern stammen, schließt die mitochondriale DNA der Jamnaya auch Haplotypen mit ein, die bei kaukasischen sowie anatolisch-neolithischen Bauern zu finden sind. Anthony stellt fest, daß die 'Westlichen Steppenhirten' zuvor schon sowohl in der Sredny Stog-Kultur wie in der Chwalynsk-Kultur anzutreffen waren, die der Yamnaya-Kultur in der pontisch-kaukasischen Steppe vorausgegangen waren. Die Sredny Stog-Kultur war im wesentlichen von 'Westlichen Steppenhirten' getragen, die ein wenig mit anatolisch-neolithischen Bauern vermischt war, während die Chwalynsk-Kultur, die weiter östlich lebte, ausschließlich 'Westliche Steppenhirten'-Genetik aufwies. Anthony stellt ebenfalls fest, daß anders als ihre Chwalynsk-Vorfahren die Y-DNA der Yamnaya ausschließlich ost- und westeuropäische Jäger-Sammler-Herkunft aufweist. Dies legt nahe, daß die führenden Geschlechter der Yamnaya ost- und westeuropäische Jäger-Sammler-Herkunft aufwiesen."
("Anthony notes that WSHs display genetic continuity between the paternal lineages of the Dnieper-Donets culture and the Yamnaya culture, as the males of both cultures have been found to have been mostly carriers of R1b, and to a lesser extent I2. While the mtDNA of the Dnieper-Donets people is exclusively types of U, which is associated with EHGs and WHGs, the mtDNA of the Yamnaya also includes types frequent among CHGs and EEFs. Anthony notes that WSH had earlier been found among the Sredny Stog culture and the Khvalynsk culture, who preceded the Yamnaya culture on the Pontic-Caspian steppe. The Sredny Stog were mostly WSH with slight EEF admixture, while the Khvalynsk living further east were purely WSH. Anthony also notes that unlike their Khvalynsk predecessors, the Y-DNA of the Yamnaya is exclusively EHG and WHG. This implies that the leading clans of the Yamnaya were of EHG and WHG origin.")

Das ist am also noch einmal etwas unschärfer das, was oben anhand der Originalzitate nur schärfer gefaßt werden konnte. Hier wird also vorausgesetzt, daß sich diese "führenden Geschlechter" über überdurchschnittlich hohen Fortpflanzungserfolg gegenüber Y-DNA nicht-ost- oder westeuropäischer Jäger-Sammler-Herkunft in den frühen Jahrhunderten der Geschichte dieses Urvolkes der Indogermanen durchgesetzt hat, bzw. sie "ersetzten". 

"Anthony vermutet, daß die Vermischung zwischen osteuropäischen Jägern und Sammlern und kaukasischen Jägern und Sammlern zuerst in der östlichen pontisch-kaukasischen Steppe um 5.000 v. Ztr. stattfand, ...

Bislang war ein Zeitpunkt um 4.700 v. Ztr. genannt worden. Dieser war uns aber auch schon als etwas zu spät datiert erschienen. 5.000 v. Ztr. hieße nun, daß dieser Zeitpunkt vollgültig in den Zerfall der einheitlichen Bandkeramik weiter im Westen fällt und ihre Aufgliederung in Regional-Kulturen. Weiter im Text: 

... während die Vermischung mit anatolisch-neolithischen Bauern erst etwas später in den südlichen Teilen der pontisch-kaspischen Steppe stattfand. Da Jamnaja-Y-DNA ausschließlich Haplotypen ost- und westeuropäischer Jäger und Sammler aufweist, stellt Anthony fest, daß diese Vermischung zwischen ost- und westeuropäischen Jäger-Sammler-Männern und kaukasisch- und anatolisch-neolithischen Frauen stattgefunden hat. Anthony führt dies als zusätzlichen Beleg dafür an, daß die indoeuropäische Sprache ursprünglich von osteuropäischen Jägern und Sammlern gesprochen wurde, die in Osteuropa lebten. Auf dieser Grundlage folgert Anthony dann, daß die indoeuropäischen Sprachen ursprünglich das Ergebnis 'einer dominanten Sprache waren, die von den osteuropäischen Jägern und Sammlern gesprochen wurde, die kaukasus-neolithische Elemente in der Phonologie, Morphologie und im Wortschatz absorbiert hat' (wie sie von den kaukasischen Bauern gesprochen wurde).
("Anthony suggests that admixture between EHGs and CHGs first occurred on the eastern Pontic-Caspian steppe around 5,000 BC, while admixture with EEFs happened in the southern parts of the Pontic-Caspian steppe sometime later. As Yamnaya Y-DNA is exclusively of the EHG and WHG type, Anthony notes that the admixture must have occurred between EHG and WHG males, and CHG and EEF females. Anthony cites this as additional evidence that the Indo-European languages were initially spoken among EHGs living in Eastern Europe. On this basis, Anthony concludes that the Indo-European languages whom the WSHs brought with them were initially the result of "a dominant language spoken by EHGs that absorbed Caucasus-like elements in phonology, morphology, and lexicon" (spoken by CHGs).")

In diesem Zusammenhang ist es sinnvoll, sich an die Sichtweise zu erinnern, die wir schon 2017 hier auf dem Blog zitierten (Zitat Andreas Vonderach nach: 3):

"In der Ukraine zeigt sich mit der wahrscheinlich aus östlicheren Gebieten eingewanderten Kurgan-Bevölkerung ein völliger Bruch zur Vorbevölkerung der Dnepr-Donez-Kultur, die durch extreme Größenmaße und Robustizität, lange Schädel, breite Gesichter und Nasen und noch niedrigere Orbitae (Augenhöhlen) charakterisiert war. Der extreme, eher jungpaläolithische oder mesolithisch anmutende Typus der Dnepr-Donez-Kultur verschwindet gegen Ende des Neolithikums ohne erkennbare Spuren zu hinterlassen."

Die hier genannte Dnjepr-Donez-Kultur (Wiki) (5.000-4.200 v. Ztr.) blieb also sehr konservativ, hat anfangs keine oder nur geringe Vermischung mit zuwandernden Bauernfrauen betrieben und wurde schließlich von der östlicheren, indogermanischen Jamna-Kultur (Wiki) (4.000-2.300 v. Ztr.) abgelöst, bzw. wohl "ersetzt". Diese war aus der Chwalynsk-Kultur (5.000-4.500 v. Ztr.) (Wiki) an der Mittleren Wolga hervorgegangen. Soweit noch einmal dieser Einschub.

Neue kulturelle Orientierungen und Formen der Sozialdisziplinierung ermöglichen neue kulturelle und seelische Verwurzelung

Genetisch unterschieden sich die iranisch-neolithischen (und anatolisch-neolithischen) Bauernvölker, die sich nach Norden über den Kaukasus (und über den Balkan) ausbreiteten, von den in Europa einheimischen Jäger-Sammler-Völkern so stark wie wir heutigen Europäer uns genetisch von den Ostasiaten unterschieden. So führte es der Archäogenetiker David Reich in verschiedenen Vorträgen der letzten Jahre wiederholt aus. Also nicht nur kulturell, sondern auch genetisch stießen hier ungeheuer gegensätzliche "Welten" aufeinander. Dieser Umstand sollte nicht unter den Tisch gekehrt werden.

Es begann dabei ein Prozeß von kultureller Anziehung und Abstoßung. Die bisherige Lebensweise in Europa als Jäger, Fischer und Sammler war infrage gestellt, die neue Lebensweise als Ackerbauer oder Rinderhirte wies sowohl anziehende wie abstoßende Aspekte auf. Es kam zum friedlichen kulturellen Austausch wie auch zu "völkermörderischen" kriegerischen Auseinandersetzungen (inzwischen  zumindest gut nachgewiesen für die Spätphase der Bandkeramik).

Dieser Prozeß mündete in der Ethnogenese neuer Völker. An der Mittleren Wolga entstand im Rahmen der Chwalynsk-Kultur um 4.800 v. Ztr. das Urvolk der Indogermanen, im Wiener Becken entstand um 5.500 v. Ztr. das Urvolk der Bandkeramiker, im Verlauf des Auflösungsprozesses der Bandkeramik um 4.900 v. Ztr. entstanden in Mitteleuropa die dortigen mittelneolithischen Völker, die bis 2.900 v. Ztr. eindrucksvolle Königreiche mit Fernhandel und Rinderwagen errichteten.

Die gegensätzlichen seelischen Strukturen, die bei diesem "Kampf der Kulturen" aufeinander trafen, mögen bewirkt haben, daß beide jeweils ursprünglicheren Volksteile partiell aus ihrer bisherigen Art zu leben "entwurzelt" wurden. Neue  kulturelle Gemeinsamkeiten mögen nun geschaffen worden sein, um in der Erfahrung dieser seelischen Entwurzelung eine neue kulturelle Orientierung und emotionale Einbettung zu gewinnen. Aus solchen psychologischen Vorgängen heraus mag es sich erklären, daß neue kulturelle Formen entstanden wie in der Bandkeramik und im Mittelneolithikum etwa das eindrucksvolle "Langhaus" und weitere, stark vereinheitlichende kulturelle Praktiken, die in Richtung Sozialdisziplinierung gewirkt haben möchten, im Urvolk der Indogermanen etwa das eindrucksvolle "Hügelgrab" und weitere kulturelle Praktiken, die in Richtung auf Sozialdisziplinierung gewirkt haben mochten. Etwa bei den Indogermanen eine "patriarchale" Lebensweise, die im Verlauf der Ethnogenese stärker betont worden sein mag als das notwendigerweise in den beiden Ausgangspopulationen der Fall gewesen sein muß.

______________
  1. Anthony, David W. (2019b). "Ancient DNA, Mating Networks, and the Anatolian Split". In Serangeli, Matilde; Olander, Thomas (eds.). Dispersals and Diversification: Linguistic and Archaeological Perspectives on the Early Stages of Indo-European. BRILL. pp. 21–54 (GB)
  2. Bading, Ingo ( Studgen2019 )
  3. Bading, Ingo ( Studgen2017 )
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