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Montag, 9. Dezember 2024

Die Indogermanen - Vier Herkunftsgruppen eroberten die Welt

Die Indogermanen verzweigten sich:
  1. in Chwalynsk-Abkömmlinge (ab 4.500 v. Ztr.),
  2. in Jamnaja-Abkömmlinge (ab 3.300 v. Ztr.),
  3. in Schnurkeramik-Abkömmlinge (ab 3.000 v. Ztr.) und 
  4. in Glockenbecher-Abkömmlinge (ab 2.800 v. Ztr.).

Nachdem im Frühjahr 2024 die Schnurkeramiker archäogenetisch einfach und klar der germanischen Völkergruppe, die Glockenbecherkultur einfach und klar der keltischen Völkergruppe hatten zugeordnet werden können (s. Stg2024), klären sich in einer neuen Studie nun auch die Zuordnungen aller anderen großen indogermanischen Herkunftsgruppen (1).

Abb. 1: Steppenherkunftsanteile bei Italo-Kelten (Bell Beaker), Griechen und Armeniern (Yamnaya) und Germanen-Indo-Ariern im 3. Jahrtausend v. Ztr. (oben) und im 2. Jahrtausend v. Ztr. (unten) (aus 1)

Beide Studien stammen von Seiten der dänischen Forschungsgruppe um Eske Willerslev. Das letztere zu klären, war zwar womöglich schon zu einer "low hanging fruit" geworden. Man hätte es sich womöglich auch schon ohne diese neue Studie "zurecht reimen" können. Trotzdem gibt die neue Studie diesbezüglich Sicherheit. Das wesentlichste Ergebnis der neuen Studie (1) ist schon in der Abbildung 1 zusammen gefaßt:

Germanen, Balten, Slawen und Inder - Sie sind "eines Stammes"
---> Sie sind Abkömmlinge der Schnurkeramiker
Antike Armenier und antike Griechen - Sie sind "eines Stammes"
---> Sie sind direkte Nachkommen von Jamnaja-Leuten 
Kelten und Italiker - Sie sind "eines Stammes"
---> Sie sind Nachkommen von Glockenbecher-Leuten 
Die (ausgestorbenen) frühen anatolischen indogermanischen Völker (Hethiter, Lyder, Lyker usw.) - - -waren "eines Stammes"
---> Sie waren direkte Nachkommen der Chwalynsk-Kultur

Oder in den Worten der neuen Studie (1):

Um die genetische Entstehung der indoeuropäischen Sprachfamilie aufzuklären und ihre Verzweigung abzuleiten, untersuchten wir den Zustrom potenzieller ursprünglicher Herkunftspopulationen in den Mittelmeerraum im weiteren Sinne, einschließlich der Gebiete, in denen historisch die italischen, keltischen, griechischen und armenischen Sprachen gesprochen wurden. Die genetischen Ergebnisse, die durch IBD-Admixture-Modellierung mit mutmaßlich steppenverwandten Herkunftspopulationen erzielt wurden, stützen eine tiefe Aufzweigung zwischen indoeuropäisch sprechenden Gruppen im östlichen und westlichen Mittelmeerraum durch die Entdeckung von mit der Jamnaja- bzw. Glockenbecher-Kultur verwandten Steppenvorfahren. Diese Aufzweigung unterstützt die linguistischen Hypothesen zur Existenz der sogenannten Griechisch-Armenischen und Italo-Keltischen Untergruppen. Im Gegensatz dazu disqualifiziert sie die konkurrierenden kladistischen Hypothesen, die als Indo-Griechisch und Italo-Germanisch bekannt sind, da die Steppenvorfahren unter den Populationen historisch germanisch- und indo-iranischsprachiger Gebiete zuvor als hauptsächlich mit der Schnurkeramik verwandt charakterisiert wurden.
To elucidate the genetic formation and infer the divergence of the Indo-European language family, we investigated the contribution of potential ancestral source populations to the wider Mediterranean region, including from areas in which the Italic, Celtic, Greek, and Armenian languages are historically spoken. The genetic results obtained by IBD admixture modelling with putative steppe-related source populations support a deep divergence between Eastern and Western Mediterranean Indo-European-speaking groups through the detection of Yamnaya-related and Bell Beaker-related steppe ancestry respectively (Fig. 4). This divergence supports the linguistic hypotheses on the existence of the so-called Graeco-Armenian and Italo-Celtic subclades. In contrast, it disqualifies the rival cladistic hypotheses known as Indo-Greek and Italo-Germanic, the steppe ancestry among the populations of historically Germanic- and Indo-Iranian-speaking areas previously having been characterized as primarily Corded Ware-related.

Den zuletzt genannten Umstand hatten wir uns noch gar nicht wirklich bewußt gemacht, obwohl er schon länger nahe lag (Stg2020). Aber so lang nicht die sprachliche Zuordnung zwischen Schnurkeramikern und Glockenbecherleuten so klar festgestellt war wie seit Frühjahr dieses Jahres, war es keinesfalls sicher, ob es sinnvoll wäre, sich in anderen Richtungen hin gar zu weit aus dem Fenster zu lehnen. Seitdem ersteres aber klar ist - und mit dieser neuen Studie - lassen sich die hier genannten Schlußfolgerungen ziehen.  

Die Inder sind mit den Germanen verwandt

Es ist im Grunde eine neue Sichtweise, daß Menschen vorwiegend "germanischer" (nordeuropäischer) Abstammung genetisch - und ggfs. sprachlich - der Brahmanen-Kaste in Nordindien - vom Prinzip her - näher stehen als den Jamnaja-Abkömmlingen im antiken Griechenland und in Armenien und auch als den Glockenbecher-Abkömmlingen in Südeuropa.

Die Sprachforschung hatte diesbezüglich bis heute letztlich völlig im Dunkeln getappt. Wir waren ansatzweise auf die Thematik schon einmal hier auf dem Blog gestoßen (s. Stg2021).

Die Deutschen hatten sich kulturell immer als sehr eng mit dem antiken Griechenland verbunden gefühlt. Und es ist auch viel über tiefere Gemeinsamkeiten gemutmaßt worden, weil "große" metaphysische Philosophien ausgerechnet in zwei Völkern entstanden sind: bei den antiken Griechen und bei den Deutschen. Aber stattdessen tritt nun  viel eher eine gewisse gemeinsame genetische und sprachliche Herkunft zwischen den Germanen, den Balten, den Slawen und den Indern in den Vordergrund. 

Inder und Germanen teilen auf subtile Weise genetische und sprachliche Herkunft, die Germanen weder mit den Kelten/Italikern, noch mit den antiken Griechen/Armeniern teilen. Für die Wissenschaftler, die die indogermanische Sprachgeschichte erforschen, dürften diese Erkenntnisse doch noch mancherlei Schlußfolgerungen mit sich bringen. Die lange Zeit als tiefgreifend erachtete Trennung der indoeuropäischen Sprachen in östliche Satem- und westliche Kentum-Sprachen war immerhin schon aus rein sprachwissenschaftlichen Erkenntnissen heraus zwischenzeitlich längst verworfen worden (Wiki). Der Autor dieser Zeilen hatte sein Herz bis heute an dieser These hängen. Aber er wird auch hier nun durch die Archäogenetik eines Besseren belehrt und man ist nun auch leichter bereit, sich auf die dazu auf Wikipedia genannten Argumente einzulassen.

Man kann jetzt mit größerer Sicherheit nach sprachlichen Gemeinsamkeiten innerhalb der vier Herkunftsgruppen fragen.

Natürlich gilt es, noch weiteres zu beachten: Direkte Jamnaja-Abkömmlinge, direkte Glockenbecher-Abkömmlinge und direkte Schnurkeramik-Abkömmlinge sind ja in der Geschichte dann noch in vielen Regionen und bei vielen Gelegenheiten Jahrhunderte und Jahrtausende später erneut aufeinander getroffen. Sie haben Kriege miteinander geführt und neue Völker miteinander begründet. Auf den britischen Inseln entstanden die Engländer aus der Verschmelzung von Nachkommen von keltischen Glockenbecher-Leuten mit Nachkommen von germanischen Schnurkeramik-Leuten (letztere kamen als Angelsachsen nach England). Auch die Süddeutschen sind eine solche Mischung (Alemannen, Bajuwaren und Franken trafen auf vormalige Kelten). 

Aus einem Aufeinandertreffen von Schnurkeramik- und Jamnaja-Abkömmlingen sind zum Beispiel auch die Skythen entstanden (wie wir erst im letzten Kaukasus-Artikel wieder lernten). 

Die Phryger hinwiederum sind um 1200 v. Ztr. in Anatolien als Balkan-Jamnaja-Abkömmlinge (siehe unten) auf die Hethiter als Chwalynsk-Abkömmlinge gestoßen. Ähnlich stießen zur gleichen Zeit die Griechen vor Troja auf die Trojaner als Chwalynsk-Abkömmlinge. 

Die genetischen und sprachlich-kulturellen Gemeinsamkeiten können bei solchem Aufeinandertreffen jeweils ihre eigene Rolle gespielt haben.

Von Interesse ist weiterhin, daß es heute - weltgeschichtlich gesehen - in Nord- und Südeuropa immer noch klare Schnurkeramik- und Glockenbecher-Abkömmlinge gibt, daß aber die direkten Abkömmlinge der Jamnaja-Leute in Armenien, Griechenland und im östlichen Mittelmeerraum seit dem Frühmittelalter als genetisch und sprachlich-kulturell weitgehend ersetzt und ausgestorben werden angesehen müssen ebenso wie die Chwalynsk-Nachkommen in Anatolien. Nur leicht erhöhte Steppengenetik-Anteile könnten jeweils lokal noch ein Hinweis sein auf eine solche Vergangenheit (etwa bei den Armeniern oder Kurden).

Soweit die allgemeiner interessierenden Erkenntnisse der Studie. (Es sei nur noch einmal am Rande erwähnt, wie stark die Jahrzehnte lange "Pots-versus-People"-Debatte in der Archäologie gerade auch durch diese Neuerkenntnisse erneut in Richtung von "Kossinna's Smile" hin entschieden worden ist, sprich: Völker machen die Geschichte, und zwar vor allem über Demographie. Wer in heutigen deutschen Großstädten lebt, sollte diesen Umstand im übrigen auch nur schwer übersehen können.) 

Zypern aus Sicht der Archäogenetik 

Der Kupferhandel mit Skandinavien seit 2.000 v. Ztr. 

Von besonderem Interesse sind außerdem noch die vorgetragenen Ergebnisse zu Zypern. Zypern ist "das" Kupferland (FergusMurray) und zog deshalb das Interesse wirtschaftsstarker Mächte auf dem nahen Festland und von weiter entfernt auf sich. Zusammen gefaßt wird gesagt (1):

Aufgrund seiner reichen Kupfervorkommen unterhielt Zypern ausgedehnte Handelsnetze mit den meisten Mittelmeerländern; diese Situation spiegelt sich sehr passend in der Präsenz anatolischer, levantinischer, griechischer und europäischer Vorfahren in zypriotischen Genomen wider.
Due to its rich copper sources, Cyprus maintained extensive trading networks with most of the Mediterranean; this situation is well mirrored by the presence of Anatolian, Levantine, Greek, and European ancestries in the Cypriot genomes.

"Europäisch" ist hier als "nordeuropäisch" zu lesen - wie wir weiter unten sehen werden. Und weiter (1):

Unsere Ergebnisse legen nahe, daß Zypern und insbesondere seine Küstenstädte während der Bronzezeit ein genetischer und kultureller „Schmelztiegel“ waren.
Our results suggest that Cyprus, and in particular its coastal towns, were a genetic and cultural “melting pot” during the Bronze Age.

Die wirtschaftsstarken Städte Nordmesopotamiens und des Levanteraumes strahlten ja während des 3. Jahrtausends v. Ztr. kulturell recht weit in den Mittelmeerraum hinein. Wir hatten hier auf dem Blog für die Zeit vor 2.200 v. Ztr. von einer ausländischen Händler-Elite auf Sardinien gehört (Stg2021), die kulturell auf Nordmesopotamien zurück wies. In der spanischen Archäologie gibt es seit Jahrzehnten Diskussionen darüber, ob die Los Millares-Kultur (3.500-2.200 v. Ztr.) (Wiki) vom östlichen Mittelmeerraum her beeinflußt gewesen sei oder nicht. Der archäogenetische Forschungsstand ist dazu noch nicht sehr eindeutig (Stg2021). 

Nordmesopotamier auf Zypern (3.000 bis 2.500 v. Ztr.)

Aber zu Zypern klärt sich dieser Umstand jetzt (1):

Die Individuen aus der mittleren und späten Bronzezeit aus Zypern weisen ein genetisches Muster auf, das dem von Individuen aus der Bronzezeit im Libanon und Ostanatolien ähnelt, während ein (das älteste) Individuum aus Karavas (CGG_2_022531), das auf 3.000-2.500 v. Ztr. datiert wird (Archaeology Supplementary 2.2.3), eine besonders frühe anatolische Bauernabstammung aufweist.
The Middle and Late Bronze Age individuals from Cyprus show a genetic pattern similar to that of individuals from Lebanon and Eastern Anatolia Bronze Age, while one (the earliest) individual from Karavas (CGG_2_022531), dated to 5,000– 4,500 BP (Archaeology Supplementary 2.2.3), show extra early Anatolian farmer ancestry. 

Letzteres Individuum dürfte die ursprüngliche rein anatolisch-neolithische Bevölkerungsschicht auf Zypern widerspiegeln, die offenbar - wie auf Sardinien - von Eliten aus dem Levanteraum überschichtet worden ist. Das bronzezeitliche Herkunftsprofil der bisher sequenzierten Menschen auf Zypern weist jedenfalls zunächst auf den damaligen Libanon und auf Ostanatolien zurück.

Mykener auf Zypern - 2.100 und 1.500 v. Ztr. 

Aber schon ab dem Ende des 3. Jahrtausends v. Ztr. machten sich auf Zypern auch Mykener bemerkbar, Abkömmlinge der Jamanaja-Herkunftsgruppe. Und zwar nicht nur kulturell, sondern auch genetisch (1):

Eine genetische Fernverbindung wird in Hala Sultan Tekke festgestellt, einem genetischen Ausreißer mit balkanischer/ägäischer Abstammung, der der von Individuen aus der späten Bronzezeit in Griechenland ähnelt. Unser Datensatz deutet also auf enge Kontakte Zyperns mit dem Levanteraum und der Ägäis während der Bronzezeit und sogar früherer Perioden hin. 
A long-distance genetic connection is observed at Hala Sultan Tekke, one genetic outlier  carrying Balkan/Aegean ancestry similar to that of Late Bronze Age Greece individuals. Thus, our dataset suggests close contacts of Cyprus with the Levant and the Aegean during the Bronze Age and even earlier periods. 

Was "sogar frühere Perioden" heißt, wird im Diskussionsteil noch deutlicher ausgeführt, es ist hier von "Vor-Mykenern" die Rede (1):

Steppenherkunft wurde bei einer Reihe bislang unveröffentlichter Individuen aus Hala Sultan Tekke (CGG_2_022123, CGG_2_022924) und aus Lapithos (CGG_2_022517) festgestellt, was auf eine Zugehörigkeit zu späthelladischen (d. h. mykenischen) Populationen der Peloponnes hinweist. Dies steht im Einklang mit dem Auftreten mykenischer Keramikimporte in der Spätbronzezeit und mit der linguistischen Klassifizierung von Arkadisch-kyprischem Griechisch als Nachkomme desselben südgriechischen Dialekts wie Mykenisch, im Gegensatz zu anderen griechischen Dialekten wie Dorisch und Ionisch. Ein weiteres Individuum aus Lapithos (CGG_2_22488) ist jedoch, obwohl es 2.100-2.000 v. Ztr. begraben wurde, bereits mit LBA-Griechen assoziiert, was auf eine prämykenische Verbindung mit von der Steppe beeinflußten Populationen der Ägäis hindeutet.
Steppe ancestry is identified in a number of unpublished individuals from Hala Sultan Tekke (CGG_2_022123, CGG_2_022924) and from Lapithos (CGG_2_022517), reflecting an affiliation with Late Helladic (i.e. Mycenaean Age) populations of the Peloponnese. This aligns with the appearance of Mycenaean pottery imports in the Late Bronze Age and with the linguistic classification of Arcadocypriot as a descendant of the same South Greek dialect as Mycenaean, in contrast to other Greek dialects such as Doric and Ionic. However, one other individual from Lapithos (CGG_2_22488), although buried 4,100-4,000 BP, already clusters with LBA Greeks, suggesting PreMycenaean connectivity with steppe-impacted populations of the Aegean.

Daraus ist zu folgern, daß das "Kommen der Griechen", der "Hyperboräer" von Nordgriechenland aus nach Griechenland hinein sehr schnell - ab 2.100 v. Ztr. - auch auf Zypern übergegriffen hat. Womöglich wurde ja in jener Zeit auch auf Zypern ein Apollon-Heiligtum begründet - so wie auf in Olympia, Delphi und auf Delos (s. Stg2023)? Das Arkadisch-kyprische Griechisch (Wiki) ist auf Zypern durch Inschriften erhalten geblieben und wurde offenbar bis ins 3. Jahrhundert v. Ztr. gesprochen.

Vor-Germanen (Skandinavier) auf Zypern - Um 2.000 v. Ztr. (!)

Als große Überraschung darf gelten, daß mit dieser Studie auf Zypern erstmals direkte genetische bronzezeitliche Kontakte zwischen Skandinavien und dem Mittelmeer-Raum gefunden werden. 

Abb. 2: Bellapais im Norden Zyperns

Und zwar wären damit Skandinavier, also Schnurkeramik-Abkömmlinge fast zur gleichen Zeit in den Mittelmeer-Raum gekommen wie die Vor-Mykener (1):  

Darüber hinaus gibt es genetische Hinweise auf Fernkontakte mit Nordeuropa, wie ein skandinavischer genetischer Ausreißer (CGG_2_022535) aus einem in den Felsen gehauenen Grab in Vounous Bellapais zeigt, das von der schwedisch-zypriotischen Expedition ausgegraben und auf ca. 2.000-1.800 v. Ztr. datiert wurde. (Genetics and Strontium Supplementary Fig. S6.45, Archaeology Supplementary 2.2.7). Dieser Ausreißer stimmt überein mit Individuen aus der skandinavischen Bronzezeit und interessanterweise wird dieser Ursprung auch durch die Y-Haplogruppe I1 sowie durch eine nicht-lokale, stark radiogene Strontium-Isotopen-Signatur ergänzt, die zu einigen Teilen Skandinaviens paßt (Genetics and Strontium Supplementary S10; Supplementary Table S8).
Additionally, there is genetic evidence of long-distance interaction with Northern Europe, as seen in a Scandinavian genetic outlier (CGG_2_022535) from a rock-cut tomb at Vounous Bellapais, excavated by the Swedish-Cyprus expedition and dated to c. 4,000–3,800 BP. (Genetics and Strontium Supplementary Fig. S6.45, Archaeology Supplementary 2.2.7). This outlier clusters with Scandinavian Bronze Age individuals and, intriguingly, this origin is also supported by the Y-haplogroup I1 and by a non-local highly radiogenic strontium isotope signature compatible with some parts of Scandinavia (Genetics and Strontium Supplementary S10; Supplementary Table S8).

Für die etwas spätere mykenischen Zeit waren von den Archäologen schon längst vielfältige Kontakte Skandinaviens mit dem Mittelmeerraum angenommen worden, zum Beispiel aufgrund reicher ähnlicher Schwertfunde im Raum der Nordischen Bronzezeit und in Mykene (s. Stg2019). Man vermutet, daß skandinavische Söldner in Mykene Dienst getan haben.

Abb. 3: Bellapais gehört zu den drei bedeutendsten, wohlhabendsten Orten auf Zypern in der Mittleren Bronzezeit (Webb/Knapp2020)

Auch hatten wir hier hier auf dem Blog schon früher als Forschungsstand für Skandinavien festgehalten (Stg2019):

Kupferbarren und Bronzegegenstände der Nordischen Bronzezeit Schwedens stammen (...) spätestens seit 1600 v. Ztr. nicht aus Schweden selbst, sondern der Kupfer, aus dem sie bestehen, ist abgebaut worden in Österreich, Spanien, Sardinien und auf Zypern.

Aber 2.000 bis 1.800 v. Ztr. liegt noch früher als in diesem Zitat angesprochen.

Der Fundort Vounous-Bellapais (Wiki) liegt im bergreichen Norden Zyperns (Abb. 2, 3). Das Grab 69, in dem der Skandinavier bestattet war, ist zwischen 1931 und 1938 ausgegraben worden von verschiedenen Forschungsexpeditionen. Aus Sicht der Physischen Anthropologie war der Schädel aus Grab 69 als höchstens 30 Jahre alt charakterisiert worden. Interessanterweise war er 1947 schon aus Sicht der Physischen Anthropologie als Ausreißer charakterisiert worden (1, Arch.Suppl., 2.2.7):

Interessant ist hierbei, daß Schädel II laut Hjortsjös kraniometrischen Untersuchungen im Vergleich zu den anderen Schädeln der Region als eine Art Ausreißer angesehen wurde.
As a curiosity, it is interesting to mention that according to Hjortsjö's craniometrics studies73 (...) cranium II was considered a sort of outlier, compared to the other skulls from the region.

Bis 2020 war die Gesellschaft des mittelbronzezeitlichen Zypern als vornehmlich egalitär eingeschätzt worden. Aber das will im Grunde gar nichts heißen angesichts des ungeheuer reichen archäologischen Fundbestands auf Zypern, der schon für sich selbst von einer sehr komplexen, arbeitsteiligen Gesellschaft spricht. Man bedenke auch, was zur gleichen Zeit von dem nahegelegenen Ägypten, dem nahegelegenen Levanteraum und dem nicht gar zu weit entfernten Kreta bekannt ist. Angesichts all dieser Umstände äußern sich die Forscher offensichtlich bei weitem zu zurückhaltend, wenn sie schreiben (s. Webb/Knapp2020):

Mehrere metallreiche Grabstätten an der Nordküste der Insel weisen nicht nur auf gewisse Unterschiede in den Bestattungspraktiken hin, sondern implizieren auch ein gewisses Maß sozioökonomischer Ungleichheit (Kohler und Smith 2018; Price und Feinman 2012); solche Ungleichheiten scheinen teilweise auf dem Wettbewerb um die Kontrolle über Bodenschätze und den Zugang zu Wissen im Zusammenhang mit der metallurgischen Produktion und Herstellung zu beruhen.
Several metal-rich tombs from the island’s north coast not only signal some differentiation in mortuary practices but also imply a level of socioeconomic inequality (Kohler and Smith 2018; Price and Feinman 2012); such inequalities appear to have been based in part on competition for control over mineral resources and access to knowledge associated with metallurgical production and manufacturing.

Auf Zypern finden sich Vollgriffdolche (MetM), wie sie sich seit 2.200 v. Ztr. von Südostfrankreich aus über Mitteleuropa und Italien ausgebreitet haben, und die als Hinweis erachtet werden für die Ausbreitung der indogermanischen Italiker innerhalb von Italien (siehe unten). 

Abb. 4: Model eines urtümlichen Tempels auf Zypern (aus Kotsiatis-Marki im mittleren Zypern) (aus: Webb/Frankel2010)

Die reiche bronzezeitliche Kultur Zyperns wird schnell sichtbar, wenn man Bildersuche zum Beispiel mit dem Suchwort "Vounous" unternimmt (s.a. Webb/Frankel2010).  

Antike, ostmediterrane Herkunft auf Zypern ab 1200 v. Ztr.

Weiter heißt es in der Studie (1):

Während der darauffolgenden Eisenzeit deuten Daten aus Lapithos und Amathus auf eine zunehmend einheitliche Bevölkerung auf der ganzen Insel hin. Darüber hinaus zeigen Genome aus der Eisenzeit eine ähnliche Zusammensetzung wie Populationen der Eisenzeit der Ägäis und Westanatoliens, die einen kleinen Anteil Jamnaja-Herkunft aufweisen, was griechische Vorfahren widerspiegelt (Abb. 6).
During the subsequent Iron Age, data from both Lapithos and Amathus suggest an increasingly uniform population across the island. Moreover, Iron Age genomes show a formation similar to populations of the Aegean and Western Anatolia Iron Age, carrying a small proportion of Yamnaya ancestry which reflects Greece ancestry (Fig. 6).

Wir haben es hier mit dem typischen antiken ostmediterranen Herkunftsprofil mit etwa acht Prozent Steppengenetik zu tun. Ob für eine solche Vereinheitlichung nicht auch ein genetisches Replacement auf Zypern für die Zeit um 1200 v. Ztr. in Betracht gezogen werden muß, steht wohl noch offen. Zumindest für Kreta ist für die Zeit um 1200 v. Ztr. von Flucht und Verelendung der bis dahin dort einheimischen Bevölkerung die Rede (s. Stg2022).

Eine vertiefte Beschäftigung mit der Geschichte und Kunstgeschichte Zyperns sollte noch viele Erkenntnisse bereit halten hinsichtlich der Kunst- und Kulturgeschichte des Mittelmeer-Raumes allgemein. Die reiche Fülle der antiken Kunst auf Zypern kommt auf derzeitigen deutsch- und englischsprachigen Wikipedia-Artikeln keinesfalls zum Ausdruck. Zypern weist bis in die hellenistische Zeit hinein einen eigenen kulturellen Stil auf, beeinflußt von Nordmesopotamien, von Ägypten, von Mykene, von Phönizien und schließlich von Griechenland her. Wertvolle Sammlungen zur Kunstgeschichte Zyperns finden sich im Cypros-Museum in Nikosia (Wiki) und im Medelhavsmuseet in Stockholm (WikiCom).

Neuerkenntnisse zu anderen Regionen

Die Phryger stammten aus Thrakien (1200 v. Ztr.)

Und nun noch Neuerkenntnisse zu anderen Regionen. Zweifelhaft ist, ob die Dorer tatsächlich während oder nach dem Seevölkersturm um 1200 v. Ztr. in die Peleponnes eingewandert sind (sogenannte Dorische Wanderung). Sehr viel sicherer scheint hingegen zu sein, daß die Phryger (Wiki) um 1200 v. Ztr. von Thrakien aus nach Zentralanatolien zugewandert sind und sich im vormaligen Herrschaftszentrum des Hethitischen Reiches angesiedelt haben. Daß die Phryger aus Thrakien stammen würden, ist schon in der Antike von den Phrygern behauptet worden, von den Archäologen auch vermutet worden. Es wird jetzt durch die Archäogenetik bestätigt (1):

In den neu sequenzierten Menschenfunden aus der Eisenzeit in Zentral- und Nordwestanatolien (Kalehöyük, Antandros und Keçiçayırı) haben wir geringe Anteile von Steppenherkunft festgestellt, die dem Muster der Balkan-/griechischen Spätbronzezeit entsprechen und wahrscheinlich Migrationen aus dem Balkan widerspiegeln (Genetics and Strontium Supplementary Fig.S6.37; S6.38; S6.39; Supplementary Table S5). Da das Individuum aus Keçiçayırı (CGG_2_022162) im Phrygischen Tal ausgegraben wurde, kann das Auftreten dieser Herkunft mit der Entstehung des Phrygischen Staates im späten 2. Jahrtausend v. Ztr. in Verbindung gebracht werden (Archaeology Supplementary 2.12.5; Linguistic Supplementary 3.3).
In the newly sequenced Iron Age samples from Central and Northwestern Anatolia (Kalehöyük, Antandros and Keçiçayırı), we observed minor proportions of steppe ancestry with the pattern found in Balkans/Greek Late Bronze Age and probably reflects migrations from the Balkans (Genetics and Strontium Supplementary Fig. S6.37; S6.38; S6.39; Supplementary Table S5). Given that the individual from Keçiçayırı (CGG_2_022162) was unearthed from the Phrygian valley, the appearance of this ancestry may be associated with the emergence of the Phrygian state during the late 4th millennium BP48 (Archaeology Supplementary 2.12.5; Linguistic Supplementary 3.3).

Die Archäologen sind sich noch nicht sicher, ob die Phryger auch für den Untergang des Hethitischen Reiches verantwortlich waren. Aber warum sollen sie eigentlich nicht Teil des Seevölkersturmes gewesen sein? 669 v. Ztr. wurde das Phrygische Reich kurzzeitig von den indogermanischen Kimmerern erobert und zerstört, ohne daß die Kimmerer selbst in dieser Region eine eigene politische Macht ausgebildet hätten. Sie siedelten sich zwischen den Phrygern an. Später wurden die Phryger Untertanen der Lyder und mit diesen dann Untertanen des Großreichs der Perser.

Hatte es schon eine anatolisch-indogermanische Zuwanderung nach Griechenland gegeben um 2.700 v. Ztr.?

In der Studie wird auch Bezug genommen auf die vor-griechische Substrat-Sprache (Wiki) in Griechenland, also die Sprache, die vor Ankunft der Griechen in Griechenland gesprochen wurde. 

Abb. 5: Siedlungsgebiet der frühen Griechen um 2.200 v. Ztr. (Wiki) (Sie waren zu jener Zeit "Hyperboräer", sie lebten - aus der Sicht der damaligen Bewohner Südgriechenlands - "jenseits der Berge", "jenseits des Nordwinds")

Zu unserer Überraschung lesen wir, daß es eine stärkere Forschungsmeinung in der Sprachforschung gibt, die davon ausgeht, daß es sich bei dieser Substrat-Sprache um eine anatolisch-indogermanische Sprache gehandelt habe (Wiki):

Eine Substratsprache, deren Einfluß auf Altgriechisch und auf anatolische Sprachen erkennbar ist, wird von einer Reihe von Wissenschaftlern als eine indoeuropäische Sprache angesehen, die mit der anatolischen luwischen Sprache verwandt ist und für die weit verbreiteten Ortsnamen mit den Endungen
-ssa und -nda in Westkleinasien und
-ssos und -nthos auf dem griechischen Festland verantwortlich sein soll.
Beispielsweise wurde der Name des Berges Parnassos in Griechenland als das luwische parna- („Haus“) interpretiert, das an das Possessivsuffix -ssa- angehängt wurde. Sowohl hethitische als auch luwische Texte belegen auch einen Ortsnamen namens Parnassa, der verwandt sein könnte. Der Philologe Martin L. West hat vorgeschlagen, diese nicht belegte anatolische Sprache „Parnassianisch“ zu nennen, und argumentiert für „eine parallele Bewegung von Thrakien nach unten durch einen Zweig desselben Volkes, das nach Anatolien gelangte, das Volk, das 1.500 Jahre später als Luwier auftauchen sollte“. Aus der Verteilung der Namen geht hervor, daß diese Sprache während der Frühhelladischen II-Periode gesprochen wurde, die um 2800 v. Chr. begann.
One substrate language, whose influence is observable on Ancient Greek and Anatolian languages, is taken by a number of scholars to be an Indo-European language related to the Anatolian Luwian language,[4][5] and to be responsible for the widespread place-names ending in:
-ssa and -nda in western Asia Minor, and
-ssos and -nthos in mainland Greece.[6][7][4]
For instance, the name of the mount Parnassos in Greece has been interpreted as the Luwian parna- ('house') attached to the possessive suffix -ssa-. Both Hittite and Luwian texts also attest a place-name Parnassa, which could be related.[4] Philologist Martin L. West has proposed to name this unattested Anatolian language "Parnassian", and has argued for "a parallel movement down from Thrace by a branch of the same people as entered Anatolia, the people who were to appear 1,500 years later as the Luwians". From the distribution of the names, it appears that this language was spoken during the Early Helladic II period, which began around 2800 BC.

Wir hatten hier auf dem Blog schon behandelt, daß die erste indogermanische Ausbreitungswelle von der Mittleren Wolga aus (4.500 v. Ztr., 3.000 v. Ztr.) - zusammen mit Siedlungsabbrüchen vor Ort - bis nach Nordgriechenland gekommen war - aber nicht bis Südgriechenland (Stgen2021). Wildpferdekopf-Zepter der Frühen Urindogermanen finden sich in Nordgriechenland schon um 4.000 v. Ztr.. Es wäre also denkbar, daß die frühe urindogermanische Sprache der Chwalynsk-Kultur sich nicht nur in Anatolien ausgebreitet hat, sondern - von Nordgriechenland her oder von Anatolien her - sich auch nach Griechenland hin ausgebreitet hat. Hier dürfte in den nächsten Jahren noch manche spannende Erkenntnis gewonnen werden.

Zu diesem Thema hatte Philipp Stockhammer im November 2022 in einem Vortrag in Harvard auch schon einige interessante Dinge gesagt (Stg2023), nämlich über (wir wiederholen hier einen Absatz von uns selbst) ...

... Erkenntnisse aus einem Familien-Schachtgrab in Nea Styra auf Euböa aus dem Frühhelladikum II um 2.700 v. Ztr.. Und zwar über die Vorgänge, die womöglich auch dazu führten, daß sonst im Mittelmeer-Raum - etwa auf Sardinien - eine ausländische Elite die einheimische Bevölkerung unterwarf. Womöglich ist Ähnliches auch in Griechenland geschehen, wie hier deutlich wird. Zwei Menschen sind in diesem Grab begraben, die die traditionelle ägäisch-neolithische Herkunft in sich tragen. Drei Menschen sind in demselben Grab begraben, die eine andere Herkunft in sich tragen, nämlich eine solche anatolisch-kupferzeitlich-bronzezeitlicher genetischer Signatur. Sie haben keine genetische Herkunft aus der Ägäis. Nach der Radiocarbon-Datierung stammen alle bestatteten Menschen aus derselben Zeitstufe. Das paßt zu archäologischen Annahmen über das Hereinkommen von neuen Technologien (schnell drehende Töpferscheibe) und von Menschen von Anatolien oder Levante aus in die Ägäis und in den Mittelmeerraum hinein während der Frühbronzezeit.

Außerdem war von ersten Daten die Rede, die darauf hinweisen, daß sich in der Frühbronzezeit sowohl Gruppen aus Anatolien wie aus der Levante im Mittelmeerraum ausbreiteten.

Das "Kommen der Armenier" - um 2.200 v. Ztr.

Über das parallele "Kommen der Armenier" nach Armenien wird ausgeführt, was man sich schon hatte denken können und was wir hier auf dem Blog auch schon voraus gesetzt hatten (Stg2023), nämlich daß Griechen und Armenier von derselben Ausgangspopulation abstammten, und zwar von den Jamnaja (1):

Steppenabstammung wurde bereits in der mittleren Bronzezeit im Südkaukasus nachgewiesen, was mit dem Übergang von der Kura-Araxes-Kultur zur Trialeti-Kultur am Ende des 3. Jahrtausends v. Ztr. zusammenfiel. Wir können nun nachweisen, daß diese Personen sowie diejenigen aus urartäischen Kontexten Steppenabstammung aus derselben westlichen Jamnaja-Population erhielten wie Personen aus dem 2. Jahrtausend v. Ztr. aus der Ägäis (Extended Data Fig. 6, Genetics and Strontium Supplementary Fig. S6.19; S6.21). Diese Ergebnisse stützen die sprachliche griechisch-armenische Hypothese und legen nahe, daß der sprachliche Vorläufer des Armenischen am Ende des 3. Jahrtausends v. Ztr. über den Kaukasus kam.
Steppe ancestry has previously been detected in the South Caucasus from the Middle Bronze Age, coinciding with the transition from the Kura-Araxes culture to the Trialeti culture by the end of the 5th millennium BP. We can now demonstrate that these individuals, as well as those from Urartian contexts, received steppe ancestry from the same, western Yamnaya population as 4th millennium BP individuals from the Aegean (Extended Data Fig. 6, Genetics and Strontium Supplementary Fig. S6.19; S6.21). These findings support the linguistic Graeco-Armenian hypothesis and suggest that the linguistic precursor of Armenian was introduced to the Caucasus by the end of the 5th millennium BP.

Diese Vorgänge sind ja schon in der im Oktober 2024 erschienenen archäogenetischen Kaukasus-Studie sehr detailliert behandelt und aufgeschlüsselt worden (s. Stg2024). 

Italiker, Vollgriffdolche und Ösenhalsringe (ab 1.800 v. Ztr.)

Über die Archäogenetik Italiens wird im Diskussionsteil ausgeführt (1):

Glockenbecher-Populationen übten einen sehr starken genetischen und kulturellen Einfluß auf die Iberische Halbinsel aus. Die Situation in Italien ist allerdings komplexer. In Nordostitalien scheinen Glockenbecher-Gruppen in relativ geringer Zahl angekommen zu sein, wobei einige Individuen prominente Grabhügelbestattungen erhalten haben. Während der Frühbronzezeit und am Übergang zur Mittelbronzezeit tauchen jedoch Hinweise auf eine Verbindung zwischen Mitteleuropa und Italien in der Verbreitung dreieckiger Dolche auf, die oft in Hortfunden gefunden wurden. Diese Dolche sind in ganz Italien verbreitet, wobei ihr Auftauchen mit der weiten Verbreitung von Glockenbecher-Vorfahren über die italienische Halbinsel zwischen 1.800 und 1.500 v. Ztr. zusammenfällt.
Bell Beaker populations exerted a pronounced genetic and cultural impact in Iberia, whereas the situation in Italy is more complex. In Northeastern Italy, Bell Beaker groups appear to have arrived in relatively small numbers, with some individuals receiving prominent tumulus burials. However, during the Early Bronze Age and at the transition to the Middle Bronze Age, evidence emerges of a connection between Central Europe and Italy in the distribution of triangular daggers, often found in hoards. These daggers are distributed across Italy, with their appearance coinciding with the widespread diffusion of Bell Beaker-related ancestry across the Italian Peninsula between 3,800 and 3,500 BP.

Man bezieht sich in den Literaturangaben unter anderem auf eine deutsche Studie über die Verbreitung von "Vollgriffdolchen" aus dem Jahr 2003 (s.a. Ach-Onl) (s. Abb. 7). 

Abb. 6: Vollgriffdolche (2.200-1.600 v. Ztr.) - Ausgestellt im Kantonsmuseum für Archäologie und Geschichte in Lausanne (Wiki)

Auf diese waren wir hier auf dem Blog auch schon gestoßen (Stg2010). 

Abb. 7: Die Verbreitung von Vollgriffdolchen in Mitteleuropa und Italien (Schwenzer2003)

Damals hatten wir auch auf die Verbreitung von mitteleuropäischen Ösenhalsringen bis in den Levanteraum verwiesen (Stg2010). In dieser neuen archäogenetischen Studie aus Dänemark werden nun - dazu passend - Ösenhalsringe und Gewandnadeln der Aunjetitzer Kultur auf Zypern erwähnt (man bezieht sich dabei auf eine Arbeit von Kristian Kristiansen) (1):

Zu Beginn des 2. Jahrtausends v. Ztr. bestand darüber hinaus eine archäologische Verbindung zwischen der Aunjetitzer Kultur und dem östlichen Mittelmeerraum, einschließlich Zyperns, wie das Vorkommen von Aunjetitzer Ösenhalsringen (=ring ingots?) und Gewandnadeln belegt.
By the early 4th millennium BP, an archaeological connection additionally existed between the Únětice culture and the Eastern Mediterranean, including Cyprus, as exemplified by the presence of Únětice ring ingots and dress pins.

Weiter lesen wir nun in der neuen Studie (1):

Drei Genome von der mittel- und süditalienischen Küste (CGG_2_100646; NEO806; R1) weisen Ähnlichkeiten mit Balkanpopulationen auf, was auf anhaltende Kontakte zwischen beiden Seiten der Adria im 3. und 2. Jahrtausend v. Ztr. hinweist. Diese Kontakte reichten über die Adria hinaus bis zur Ägäis, wie das Vorhandensein mykenischer Keramik und anderer Waren in Siedlungen entlang der italienischen Küste zeigt. Genetische Abstammungen deuten außerdem auf kleinräumige Bewegungen von Menschen hin, möglicherweise unter Beteiligung spezialisierter Handwerker und Händler oder möglicherweise bedingt durch Exogamiepraktiken, was zur beobachteten genetischen Vermischung in der Region beiträgt.
Three genomes from the Central and Southern Italian litoral (CGG_2_100646; NEO806; R1) reveal affinities with Balkan populations, reflecting sustained contacts between both sides of the Adriatic Sea during the 5th and 4th millennia BP. These contacts extended beyond the Adriatic, reaching as far as the Aegean, as indicated by the presence of Mycenaean pottery and other goods in settlements along the Italian coast. Genetic ancestries further suggest small-scale movements of people, possibly involving specialized craftspeople and traders, or potentially driven by exogamy practices, contributing to the observed genetic admixture in the region.

Jene Jamnaja-Genetik, die sich ab 2.400 v. Ztr. nach Griechenland, bis nach Kreta und vereinzelt bis Zypern (siehe oben) ausgebreitet hatte, hat sich in kleineren Anteilen also auch schon früh entlang der Adria-Küste nach Norden ausgebreitet, auch an der italienischen Ostküste. Da diese Verbreitung gemeinsam mit mykenischem Kulturgut auftritt, ist es naheliegend zu sagen, daß es schon eine mykenische, bronzezeitliche "griechische" Kolonisation in der Adria gegeben hat (1):

Eine dritte kleinere Gruppe mit erhöhter Jamnaja-Abstammung, ähnlich den Balkan- und griechischen Populationen der Bronzezeit, läßt sich bei Individuen an der italienischen Adriaküste beobachten (Abb. 4; Genetics and Strontium Supplementary S6.2, CGG_2_100646, NEO806, R1). Interessanterweise weisen drei Individuen der Frühbronzezeit aus Nordostitalien eine zusätzliche Schnurkeramik- oder Jamnaja-Komponente auf, und ein solches Profil läßt sich auch bei Individuen aus Ungarn beobachten (Genetics and Strontium Supplementary S6.3). Diese Individuen, die in monumentalen Tumulusgräbern und einer Sargbestattung (CGG_2_022653) gefunden wurden, hatten wahrscheinlich einen besonderen sozialen oder kulturellen Status inne, wie die Komplexität der Tumuli und die mit diesen Monumenten verbundenen rituellen Aktivitäten nahelegen (Archaeological Supplementary 2.7.4; 2.7.9–11).
A third limited group with increased Yamnaya ancestry, similar to Balkan and Greek Bronze Age populations, is observed in individuals from the Adriatic coast of Italy (Fig. 4; Genetics and Strontium Supplementary S6.2, CGG_2_100646, NEO806, R1)6,20 271 . Interestingly, three Early Bronze Age individuals from Northeastern Italy carry an additional CWC or Yamnaya component, and such a profile is also observed in the individuals from Hungary Genetics and Strontium Supplementary S6.3). These individuals, found in monumental tumulus graves and a coffin burial (CGG_2_022653), likely held a special social or cultural status, as suggested by the complexity of the tumuli and the ritual activities linked to those monuments46 (Archaeological Supplementary 2.7.4; 2.7.9–11).

Wir hatten ja hier auf dem Blog schon vermutet, daß um 2.200 v. Ztr. herum Populationen vom Plattensee in Ungarn abgewandert sein könnten Richtung Adria und Richtung Griechenland (Stg2022). Vermutlich erfolgte diese Kolonisation der Adriaküste in Teilen also auch von Norden aus. Womöglich steht damit in Zusammenhang, was wir erst kürzlich auf Facebook weiter gegeben hatten (Fb), daß zwar eine archäogenetische Studie über die Picener in der Eisenzeit an der mittleren Adria-Küste eine ähnliche Herkunftszusammensetzung feststellt wie im übrigen Italien, daß sie aber außerdem noch feststellt (5):

Die Picener haben (...) einen größeren Anteil an Individuen mit blauen Augen (26,8 %) und blonder Haarfarbe (22,0 %) als andere italische Populationen. Bei den Etruskern und Römern sind diese helleren Phänotypen viel seltener (blaue Augen: 2,6 % bei den Etruskern, 10,0 % bei den Römern; blondes oder dunkelblondes Haar: 5,3 % bei den Etruskern, 10,0 % bei den Römern), wodurch diese Populationen früheren Individuen von der italienischen Halbinsel ähnlicher sind.

Dieser Umstand macht womöglich auch darauf aufmerksam, wie groß bei ähnlicher Herkunftszusammensetzung dennoch Phänotypen in unterschiedlicher Häufigkeit evoluieren können. Vielleicht ergab sich dieser Umstand daraus, daß selektive Heiratswahl diesen höheren Anteil Blonder bei den Picenern hervor brachte.

Hochmobile Lebensweise der Indogermanen um 2.200 v. Ztr.?

Insgesamt kann man jedenfalls wieder einmal nur sagen: "Völker in Bewegung". Eine weitere, neue Studie stellt anhand der Isotopen-Untersuchung (Wiki) von Skeletten aus einem Glockenbecher-zeitlichen Kollektivgrab auf Sardinien fest (3):

Stickstoff-, Kohlenstoff- und Sauerstoff-Isotope, gewonnen aus Knochen aus einem Kollektivgrab auf Sardinien ... weisen auf umfangreichen Fleischverzehr hin und auf wenig spezialisierte, extensive Viehhaltung, die wiederum zur Hypothese eines vergleichsweise mobilen Lebenstiles paßt.
Bone nitrogen, carbon, and oxygen stable isotopes from a collective burial in Sardinia ... show high consumption of animal products and generalized, extensive livestock management, fitting the hypothesis of a relatively mobile lifestyle.

In der Studie wird darauf hingewiesen, daß Ähnliches zuvor schon für die Glockenbecherleute in Großbritannien festgestellt worden war (3):

In Großbritannien (...) wurde eine Mobilität mittlerer Reichweite festgestellt, ohne viel Überseereisen und mit umfangreichem Verzehr von ausschließlich terrestrischen tierischen Proteinen (Jay et al., 2012, Jay und Richards, 2007a, Jay und Richards, 2007). Dies unterstützt eine Charakterisierung ihrer Gesellschaft als Herdenhalter, ein Befund, der durch die vorliegende Studie bekräftigt wird.
In Great Britain (...) medium-range mobility was detected, without much travel overseas and with high consumption of fully terrestrial animal proteins (Jay et al., 2012, Jay and Richards, 2007a, Jay and Richards, 2007). This supports a pastoral characterization of their society, a finding confirmed by the present study.

Es wird auch verwiesen auf die weltweite große Trockenheit und Abkühlung des 22. Jahrhunderts v. Ztr. (Wiki), die einhundert Jahre angehalten haben soll, und mit der in vielen Teilen der Erde politische und gesellschaftliche Umbrüche einhergingen. Die Ereignisse, die die Ankunft indogermanischer Völker in China (?), Indien, Anatolien, Nord- und Südeuropa mit sich brachten, scheinen durch sie noch einmal besonders akzentuiert, vielleicht beschleunigt worden zu sein. Vielleicht konnten die veränderungsbereiten, indogermanischen Herkunftsgruppen auf diese langanhaltende kühle Trockenperiode - aufgrund ihrer traditionellen Veränderungsfreudigkeit mit Herdenhaltung - flexibler reagieren als die bis dahin jeweils vor Ort einheimischen, seßhaften Bauernvölker. 

Die hoch mobile Lebensweise der Glockenbecher-Leute auf Sardinien und in England mit viel Konsumieren von Fleisch könnte ein Teil der Erklärung vieler Vorgänge sein.

/ Ergänzung 31.1.25: Während die neolithischen Schafe Europas aus Anatolien stammten, wurden sie genetisch in weiten Teilen durch die Schafe verdrängt, die die Indogermanen aus der Nordschwarzmeer-Steppe mit gebracht haben (ScMag2025, TCD2025, Phy2025). Wenn man mit Herden von Schafen, Rindern und Ziegen neue Länder aufsucht, ist man als wandernde Gruppe autark. / 

/ ergänzt um Ausführungen 
zu (5): 22.12.24 /

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*) Im germanischen Bereich der Schnurkeramiker benutzte man zu jener Zeit ähnlich geformte Feuersteindolche, auch Fischschwanz-Dolche (Wiki) genannt. Danach wird diese Zeitepoche von den skandinavischen Archäologen "Dolchzeit" (2350 bis 1700 v. Ztr.) (Wiki) genannt. Im Elbe-Oder-Bereich gab es den bronzenen Oder-Elbe-Dolch (Wiki). Man findet diese Vollgriffdolche auch verschlagwortet unter "Bronze Age daggers" (Wiki). Nahe dem Dorf Łęki Małe (Wiki) bei Lututow in der ehemaligen deutschen Provinz Posen - 30 Kilometer östlich von Wollstein, 50 Kilometer südwestlich von Posen, 70 Kilometer nördlich von Glogau an der Oder und 180 Kilometer östlich von Neißemünde - gab es mindestens 14 Grabhügeln der Aunjetitzer Kultur (2200-1600 v. Ztr.), von denen heute noch vier erhalten sind. In einem derselben fand sich sogar ein goldener Vollgriffdolch (Wiki). Die Fürstengräber der Aunjetitzer Kultur im Posener Raum und in Schlesien waren uns noch gar nicht bekannt und wir werden in einem künftigen Beitrag darauf zurück kommen. 

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  1. Ancient genomics support deep divergence between Eastern and Western Mediterranean Indo-European languages. By Fulya Eylem Yediay, Guus Kroonen, Serena Sabatini, Karin Margarita Frei, (...) Morten Erik Allentoft, Martin Sikora, Rasmus Nielsen, Kristian Kristiansen, Eske Willerslev, bioRxiv 2024.12.02.626332; doi: https://doi.org/10.1101/2024.12.02.626332 (bioRxiv2.12.24)
  2. Verhasselt, Gertjan: The Pre-Greek linguistic substratum. An overview of current research. Les Études Classiques 77.3-4 (2009). (pdf)
  3. Luca Lai, Ornella Fonzo, Jessica F. Beckett, Robert H. Tykot, Ethan Goddard, David Hollander, Luca Medda, Giuseppa Tanda: Understanding the intersection of Rapid climate change and subsistence Practices: An isotopic perspective from a Mediterranean Bell Beaker case study. Journal of Anthropological Archaeology, Volume 77, March 2025, 101637, https://doi.org/10.1016/j.jaa.2024.101637 (ScDir-22.11.2024)
  4. Webb, Jennifer M., Knapp, Arthur B.: Rethinking Middle Bronze Age Communities on Cyprus: “Egalitarian” and Isolated or Complex and Interconnected?. J Archaeol Res 29, 203–253 (2021). https://doi.org/10.1007/s10814-020-09148-8; Published 14 September 2020 (Resg)
  5. Ravasini, F., Kabral, H., Solnik, A. et al. The genomic portrait of the Picene culture provides new insights into the Italic Iron Age and the legacy of the Roman Empire in Central Italy. Genome Biol 25, 292 (2024). https://doi.org/10.1186/s13059-024-03430-4, Published 21 November 2024 (Spri)

Sonntag, 24. März 2024

Germanen - Wer wir waren, bevor wir wurden, was wir sind

Die Schnurkeramiker breiteten sich entlang der West- und der Ostküste der Ostsee bis Schweden aus
- Die Germanen aus Sicht der Archäogenetik (3.000 bis 500 v. Ztr.)

Im Rijksmuseum in Amsterdam hängt das Wandgemälde "Willibrords Predigt an die Friesen" (Abb. 1) (Wiki). Es ist um 1885 herum entstanden. Dargestellt sind germanische Menschen inmitten einer Umbruchzeit

Abb. 1: Germanen reagieren auf das Christentum ("Willibrord predigt den Friesen das Christentum", 1885) - Ausschnitt eines Wandgemäldes im Rijksmuseum in Amsterdam von Georg Sturm (1855-1923) (Wiki)

Der Missionar Willibrord (658-739) (Wiki) war selbst Germane, Angelsachse. Ebenso wie Georg Sturm, der Maler. Im Gemälde kommt aber nun gar nicht zum Ausdruck, daß die politische und militärische Machterweiterung des Frankenreiches einerseits und die Annahme des Christentums auch in Friesland andererseits zu jeder Zeit miteinander Hand in Hand gegangen sind. Die Annahme des Christentums beruhte in der Regel nicht auf innerer Überzeugung. Im Gemälde spiegelt sich eher die Haltung, die sich 1250 Jahre später gegenüber dem Christentum heraus gebildet hatte: Auf den Gesichtern spiegelt sich, was diese 1250 Folgejahre mit sich bringen sollten: Abgelenktheit, Unaufmerksamkeit, gemischt mit Andacht, Unruhe, Aufbruch, Zweifel, Ärgernis, Mißfallen. Auf den Gesichtern spiegelt sich die Besinnung vor der Tat, es spielgelt sich das Erleben der vielen nachfolgenden Jahrhunderte. 

Dieses Gemälde ist auch sonst quasi "zeitlos", Neudeutsch: "unhistorisch": Schmuck, Kleidung und Haartracht der Männer stammen aus ganz unterschiedlichen Epochen, aus der Bronzezeit, aus der Eisenzeit. Vielleicht entsteht aber gerade durch eine Zusammenschau all der genannten langen Zeiträume eine Ahnung von dem, was "Germanen" insgesamt sind. Versuchen wir eine kurze Zusammenschau:

Vornehmlich Germanen waren schon die Träger der Aunjetitzer Kultur, die Volkssternwarten, Goldhüte und die Himmelscheibe von Nebra hervor brachte. Keltische geographische Benennungen haben sich nach Ausweis des Sprachforschers Udolph nie dorthin verirrt, wenn es nach Ausweis der Archäogenetik auch Vermischungen mit der (vor-"keltischen"?!) Glockenbecher-Kultur gegeben hat.

Eine glanzvolle "Nordische Bronzezeit" (Wiki, engl) sollte parallel dazu viele Jahrhunderte lang in Skandinavien bestehen. In dieser sollte es auffallende Verbindungen gerade mit den Königen der mykenischen Palastkultur in Griechenland geben, vornehmlich wohl durch germanische Söldner (Stgen2022). Jahrhunderte lange Griechenlandfahrten sollten aber zum Beispiel gar keine Auswirkungen haben auf den Schiffbau in Skandinavien, der dort bis zu Beginn der Wikingerzeit weder Ruder noch Segel kannte. Das Langsteven-Kriegspaddelboot der Skandinavier wurden vielmehr auf vielen Felszeichnungen verherrlicht. Es scheint auch religiös eine große Rolle gespielt zu haben. Prachtvolle Flottenparaden muß es damals auf der Meerenge zwischen Dänemark und Schweden gegeben haben, dort, wo es die meisten Felsbilder von ihnen gibt (Stgen2022).

Auch in der Wirtschaftsweise, in der Einfachheit des Ackerbaus, im Nichtvorhandensein von Gartenbau ließen sich die Germanen lange Zeit nicht besonders auffällig von "außen", von Süden her beeinflussen (s. Nachtrag 3). Unter anderem aber im Archäologischen Museum in Kopenhagen kann einem zugleich auch bewußt werden, daß in manchen Jahrhunderten viel keltisches Kulturgut in den germanischen Raum eingeführt worden ist.

In dieser Zeit relativer germanischer Abgeschiedenheit sollten die südlich benachbarten Kelten in viel dynamischerer Weise Weltgeschichte gestalten. Ihrer mehrmaligen Ankunft auf den britischen Inseln, in Spanien und in Italien sind wir schon andernorts nachgegangen (Stgen2021). Die Kelten unternahmen wiederholte Ausgriffe auch auf den Balkan und anzunehmender Weise nach Schlesien und bis nach Mecklenburg hinein (als "Lausitzer Kultur"). Sie sollten insbesondere auch - anzunehmender Weise - das tragende Element bilden des Seevölkersturmes von 1200 v. Ztr., nachdem die vereinigten Germanen die auch nach Norden ausgreifenden Kelten in der Schlacht an der Tollense in Mecklenburg um 1250 v. Ztr. (Wiki) zurück gewiesen hatten (Stgen2019).

Erst in der Eisenzeit begann das, was völkische Geschichtsschreibung vor hundert Jahren für Weltgeschichte an sich gehalten hatte, nämlich daß "Welle um Welle" germanische Völker aus dem skandinavischen Raum heraus nach Süden aufgebrochen seien. Erst jetzt begann der eigentliche Eintritt der Germanen in die Weltgeschichte, so schält sich mit der Archäogenetik inzwischen deutlich heraus. Insbesondere jetzt durch eine neue Studie aus dem Archäogenetik-Labor von Eske Willerslev in Dänemark, deren Inhalte im folgenden zu referieren sind (1).

Die Germanen stammen von den Schnurkeramikern ab - Die Kelten stammen von den Glockenbecher-Leuten ab

Da es um 2.350 v. Ztr. einen Ausgriff der Glockenbecher-Kultur nicht nur nach England, sondern auch bis nach Norwegen hinauf gab (Stgen2022), war sich die Forschung bis heute nicht klar darüber, ob die heutige germanische Sprache mit den zuvor schon in Skandinavien siedelnden Schnurkeramikern dorthin gekommen war oder erst mit dieser zweiten indogermanischen Zuwanderung. Aber das ist wohl eines der wichtigsten Ergebnisse der Studie: Glockenbecher-Gene finden sich in Skandinavien nicht vor der Wikingerzeit. Der Ausgriff nach Norwegen um 2.350 v. Ztr. hat populationsgenetisch keine Nachwirkungen hinterlassen (1). 

Abb. 2: Germanen - Der Dejbjerg-Wagen, Dänemark, 1. Jhdt. v. Ztr. (Wiki)

Vielmehr scheint sich mit dieser Studie zu bewahrheiten, was eigentlich schon lange offen vor den Augen der Forscher und geschichtlich Interessierten lag, was man sich aber so einfach bislang nicht hatte denken wollen: Die Germanen stammen von den Schnurkeramikern ab, die Kelten stammen von den Glockenbecher-Leuten ab. Punkt. Fertig. Und diese neue Studie macht auf diese lange Kontinuität der Herkunfts-, Sprach- und Kulturgrenze zwischen den Kelten im Süden (und Westen) und den Germanen im Norden (und Osten) Europas aufmerksam. Diese Grenze hatte sich schon im Spätneolithikum heraus gebildet (Abb. 2). Wie viel vorherige Unklarheit sich allein durch diese eine Erkenntnis klärt.

Wieder einmal gehen Kultur und Gene viel enger miteinander zusammen in der Ausbreitung als so lange, lange Jahrzehnte von der Forschung angenommen worden war. Schon wieder einmal hopst der alte, bärbeißige Germanen-Bewunderer Gustaf Kossinna vor Vergnügen im Dreieck dort droben im Himmel (s. Stgen2017).

Abb. 2: Kelten und Germanen - Glockenbecherleute und Schnurkeramiker (aus 1) - (Individuen mit weniger als 10% Steppenherkunft oder weniger als 66% von einer der Herkunftsgruppen werden durch ein 'x' gekennzeichnet)

Diese Grenze wurde nämlich schon mit der Ausbreitung der Schnurkeramiker einerseits und der Ausbreitung der Glockenbecherleute andererseits begründet. Das genetische Profil der Menschen der jeweiligen Kultur - sichtbar in der "Hauptkomponenten-Analyse" - weist zwar viele Überschneidungen mit dem der anderen Kultur auf, ist sich also recht ähnlich. Es waren ja beides indogermanische Kulturen, die von der Jamnaja-Kultur abstammten. Aber bei genauerem Hinschauen weisen beide außerdem auch noch markant andere Verteilungsmuster (Häufigkeitsmuster) auf. Weshalb beide Großvölker, Großkulturen sich inzwischen auch genetisch recht gut unterscheiden lassen (Abb. 2).

Diese Jahrtausende lange Grenze hat sich erst in der Völkerwanderung ab 375 v. Ztr. (!) stärker verwischt. Im Groben dauert sie aber sogar bis heute fort. Wenn sich auch die germanischen Sprachen seither auf Kosten der keltischen Sprachen durchgesetzt haben. Wir lesen darüber in der Studie (1):

Unabhängig von den Clustern läßt sich ab der späten Bronzezeit die Steppen-Abstammung fast aller Europäer gut modellieren anhand entweder der nördlichen Schnurkeramiker- oder der Glockenbecher-Herkunft (hier: Abb. 2). Fast alle Proben, die modelliert wurden vorwiegend mit Schnurkeramiker-, Glockenbecher- und Jamanaja-Verwandte-Vorfahren, fallen in die Regionen, die durch die jeweilige Kultur aus der archäologischen Literatur schon vorgegeben ist (Abb. 2).
Die Grenze zwischen diesen Schnurkeramiker- und Glockenbecher-Vorfahren blieb während der gesamten Eisenzeit bis zum Untergang des Römischen Reiches relativ stabil (Abb. 2). Ab der Völkerwanderungszeit beobachten wir eine Verschiebung dieser Grenzen nach Süden.
By the late Bronze Age onwards, irrespective of clusters, the Steppe ancestry in almost all Europeans can be well modelled by Northern Corded Ware or the Bell Beaker sources (Figure 4). Almost all samples modelled primarily as Corded Ware, Bell Beaker and Yamanaya-related ancestry fall within the regions prescribed to each culture in the archaeological literature (Figure 4).
The border between these Corded Ware and Bell Beaker Steppe ancestries remains relatively stable throughout the Iron Age, until the fall of the Roman Empire (Figure 4). Beginning in the Migration Period, we see a southward shift of these borders.

In diesen Worten spiegelt sich wieder, daß die Germanen in Skandinavien Jahrtausende lang keine Ausgriffe nach Süden oder Westen oder Osten unternommen haben, sondern daß sie einfach nur für sich gelebt haben und ihre Heimat behauptet haben. Es hat also seit der ersten Ausbreitung der Indogermanen bezüglich ihrer Grenze zu den Kelten keine besonders grundlegenden Völkerbewegungen und -veränderungen mehr gegeben - bis zur Völkerwanderung ab 375 n. Ztr.!

Was für eine erstaunliche Tatsache!

Die Aunjetizer Kultur war sprachlich nicht keltisch

Einschränkend und differenzierend muß aber bei genauerem Blick auf die obere Karte in Abb. 2 - und in Ergänzung zum Fließtext der Studie - gesagt werden: Innerhalb einer Region umgrenzt von den Eckpunkten Harz, Südpolen, Ungarn und der Bodenseeregion hat es von Anfang an Verzahnungen zwischen beiden Herkunftsgruppen gegeben, die den Archäologen auch schon seit Jahrzehnten Kopfzerbrechen bereiten. Man darf sagen: Die dort lebenden "Kelten" dürften schon von Anfang an viele "germanische" (schnurkeramische) Herkunftsanteile in sich getragen haben - und umgekehrt. Wir wissen ja auch schon von frühbronzezeitlichen Heiratsnetzwerken zwischen dem "keltisch-germanischen" Raum im heutigen Bayern und dem "keltisch-germanischen" Raum im heutigen Böhmen und dem "keltisch-germanischen" Raum rund um Halle an der Saale. 

Da über lange Jahrhunderte die keltische Kultur die dynamischere in Europa gewesen ist, könnte man vermuten, schlußfolgern, daß die Schnurkeramiker im eben umschriebenen Raum "keltisiert" worden waren, und daß auf diese Weise etwa die Aunjetitzer Kultur und evtl. auch die Lausitzer Kultur kulturell "keltisch" aufgestellt waren, daß in ihnen aber zumindest genetisch auch germanische Schnurkeramik-Traditionen fortlebten. Einzelheiten dazu können aber beim gegenwärtigen Wissensstand nicht gegeben werden. Denn erstaunlicherweise ist Deutschland was die Bronzezeit betrifft, archäogenetisch ein weißer Fleck auf der Landkarte.

Das ist ein Umstand, auf den jüngst der Humangenetiker Razib Khan hingewiesen hat (RKhan2024), und der auch in der neuen Studie (1) bedauernd benannt wird. Und das, obwohl in Jena und Leipzig in Deutschland mit Svaante Pääbo und Johannes Krause die Archäogenetik aus der Taufe gehoben worden ist! Razib Khan hat selbst zum Thema eigene Datensätze zusammen gestellt, da fast jedes Land Europas Veröffentlichungen zur eigenen genetischen Geschichte aufzuweisen hat - nur Deutschland aktuell noch nicht.

Einschub 2.4.24: In einer weiteren neuen Studie wird zu diesem Thema mit Bezug auf eine Studie aus dem Jahr 2021 geäußert (5):

Archäogenetische Studien der letzten Jahre zeigten, daß Schnurkeramik- und Glockenbecher-assoziierte Individuen einander nicht ersetzten, sondern sich langsam vermischten/verschmolzen, was zum genetischen Profil der frühbronzezeitlichen Aunjetzizer Kultur in Mitteleuropa führte.
Recent archaeogenetic studies showed that CW and BB-associated individuals did not replace each other, but slowly admixed/amalgamated, resulting in the genetic profile of the EBA Únětice in Central Europe.

So klar hatten wir das aus der hier zitierten Studie von 2021 gar nicht heraus gelesen in unserem Beitrag zur Auswertung derselben (Stgen2021)! Dort haben wir dieses Zitat jetzt auch nachträglich eingefügt. Diese Aussage paßt sehr gut zu den eben getätigten Ausführungen. Das Zitat wird fortgesetzt (5): 

Vergleichende Untersuchungen der Grabbeigaben der Fürstengräber Mitteldeutschlands zeigen ebenfalls, daß die Aunjetizer Kultur Einflüsse beider Vorgängergruppen in sich aufgenommen hat.
Comparative investigations of the grave goods of the princely burial mounds of central Germany also support that the Únětice material culture incorporated influences from both preceding groups.

Am Ende der Studie wird noch einmal präzisiert (5):

Schon in früheren Studien hat gezeigt werden können, daß die kulturelle Entstehung der Aunjetitzer Kultur in Mitteldeutschland in der Auflösung der Schnurkeramik- in die Glockenbecher-Kultur bestand. Unsere neuen Daten (Supplement-Informationen) zeigen, daß Personen, die mit der Aunjetitzer Kultur in Mitteldeutschland und Böhmen in Verbindung stehen, einen hohen Anteil an Schnurkeramik-bezogenen Vorfahren hatten und daher ein charakteristisches Cluster bilden, das sich im PCA-Raum kaum mit frühbronzezeitlichen Individuen aus Süddeutschland überschneidet. Dieses Ergebnis steht im Einklang mit früheren genetischen Studien und mit den archäologischen Beweisen, daß die Aunjetitzer Kultur Elemente der materiellen Kultur sowohl der Glockenbecher als auch der Schnurkeramik vereint.
It could be shown in the past that the cultural emergence of the Únětice culture in Central Germany was the result of the CW dissolving into the BB culture. Our new data (Supplementary Information) shows that individuals associated with the Únětice culture in Central Germany and Bohemia carried a high amount of CW-related ancestry, and therefore form a distinctive cluster with little overlap in PCA space with EBA individuals from southern Germany. This result is consistent with previous genetic studies and with the archaeological evidence that the Únětice culture combines elements of the material culture of both the BB and the CW.

Das heißt: Genetisch war die Aunjetizter Kultur eher "germanisch"-nordeuropäisch, kulturell aber womöglich eher keltisch. Und wenn es Heiratsnetzwerke zwischen Bayern und dem Elb-Saale-Gebiet gab, erklärt sich dadurch ganz gut die kleine, frühe genetisch "germanische" Einmischung im keltischen Kulturraum, der inzwischen festgestellt ist (s. Stgen2024). (Ende Einschub)

(Einschub 12.7.24) Aus Sicht der Ortsnamenforschung ist über die Sprache der Aunjetitzer Kultur zu lesen (EurAsisch)

Frage: Sie bezweifeln, daß die inzwischen berühmte Himmelsscheibe von Nebra wirklich keltischen Ursprungs ist, wie weithin angenommen wird. Worauf gründen sich Ihre Zweifel?
Jürgen Udolph: Sie gründen auf mehreren Argumenten: Erstens haben in Sachsen-Anhalt nie keltisch sprechende Siedler gelebt. Es gibt nicht einen einzigen Ortsnamen, der aus dem Keltischen erklärt werden könnte. Zweitens gehört das Gebiet um Nebra herum zu altgermanischem Siedlungsgebiet. In diesem lassen sich ohne Probleme Gewässer- und z.T. auch Ortsnamen finden, die aus indogermanischem Mund in germanischen gekommen sind, oder von germanisch werdenden Indogermanen gegeben und übernommen worden sind. Es gab aber zur Zeit der Entstehung der Himmelsscheibe auch noch kein Germanisch - jedenfalls sprachlich gesehen, d.h., die erste Lautverschiebung war noch nicht durchgeführt worden. Die Gewässernamen in diesem Gebiet entstammen einer Zeit, als es noch keine keltischen, germanischen, italischen oder baltischen Sprachen gab.

Damit wäre gesagt, daß die Menschen der Aunjetitzer Kultur eine proto-germanische Sprache gesprochen haben, vermutlich vergleichbar mit der Sprache anderer Nachkommen der Schnurkeramiker. (Ende Einschub)

Ein ganz anderer Gedanke kommt einem allerdings noch bei einem Blick auf die obigen Verteilungskarten (Abb. 2): nämlich daß die Jamnaja-Kultur ganz im Osten ja im Grunde der slawischen Sprachfamilie zugeordnet werden könnte. Denn uns stellt sich ja schon länger die Frage, warum die Slawen zu einem so ganz anderen Zeitpunkt entstanden sein sollen als die Kelten und die Germanen. Aber kann das plausibel sein, wenn von den Jamnaja zugleich - über Südwanderungen - auch die Armenier, die Hethiter und die Griechen abstammen?! Diese bohrende Frage bleibt also weiter offen und wir dürfen weiter gespannt sein auf die nächsten Jahre.

Die Angelsachsen - Mit ihnen kommt erstmals Schnurkeramik-Herkunft nach England

In Übereinstimmung mit den bisherigen Ausführungen wird dann gesagt (1):

Der Beginn der angelsächsischen Periode in Großbritannien ist mit einer demographischen Bewegung von Kontinentaleuropa her in Verbindung gebracht worden; dieser Übergang spiegelt sich hier in der Verschiebung der Individuen vom Glockenbecher- zu Schnurkeramik-Clustern wider. Darüber hinaus sehen wir ein ähnliches, aber etwas früheres Ergebnis für die Niederlande und Deutschland.
Das Vorhandensein von Glockenbecher-Vorfahren in der norwegischen Wikingerzeit bildet zuvor dokumentierte Migrationen aus keltischen Regionen in Großbritannien und Irland ab. Wir können diese Migrationen hier jedoch bereits in der Eisenzeit (708 n. Ztr.) nachweisen.
In Britain, the beginning of the Anglo-Saxon period has previously been linked to a demographic movement from continental Europe; this transition is reflected here in the shift among individuals from the Bell Beaker to Corded Ware clusters. In addition, we see a similar but slightly earlier result for the Netherlands and Germany.
The presence of Bell Beaker related ancestry in the Norwegian Viking Period represents previously documented migrations from Celtic regions within Britain and Ireland, however here we detect these migrations as early as the Iron Age (1242 BP). 

Wie kamen Menschen mit "keltischer" Glockenbecher-Genetik schon um 700 n. Ztr. nach Norwegen? Als Sklaven so wie in späteren Jahrhunderten? Man wird es zunächst annehmen müssen. Aber hier haben wir den - weltgeschichtlich vergleichsweise so späten - Beginn des germanischen Ausgriffs nach Südwesten und Westen. Die Elbe, die Oder und die Weichsel aufwärts haben sich die Germanen freilich schon früher ausgebreitet, dazu mehr weiter unten. 

Ostgermanen und Westgermanen

In der Studie werden viele Ausführungen gemacht zu innerskandinavischen genetischen Verschiebungen.

Abb. 3: Die früheste schnurkeramische Ausbreitung innerhalb Skandinaviens erfolgte im Wesentlichen über Land (Karte von Joachim Koch) (ADNS2021) - Die Schnurkeramiker kannten noch nicht 24-Stunden-Fahrten ohne Sicht auf Land über das offene Meer, letzteres begann offenbar erst mit Glockenbecher-Leuten, die aber dann in Norwegen keine genetischen Spuren hinterließen

Es wird zu wichtigen innerskandinavischen Vorgängen während des Spätneolithikums und der Frühbronzezeit ausgeführt (1):

Innerhalb Skandinaviens sind drei Cluster erkennbar (s. hier: Abb. 2):
  1. ein frühes skandinavisches Cluster, das die ältesten schwedischen (Streitaxt-Kultur) und dänischen Individuen sowie fast alle Norweger umfaßt,
  2. ein späteres „südskandinavisches“ Cluster, das auf Dänemark beschränkt ist und auf die Südspitze Schwedens, und 
  3. ein zweites späteres „ostskandinavisches“ Cluster, das sich über ganz Schweden erstreckt und sich mit dem des südlichen Skandinavien-Clusters überschneidet.
Within Scandinavia, three clusters are apparent (Extended Data Figure 4): 1) an early Scandinavian cluster, including the oldest Swedish (Battle Axe Culture) and Danish samples and almost all Norwegians, 2) a later ‘Southern Scandinavian’ cluster restricted to Denmark and the southern tip of Sweden, and 3) a second later ‘Eastern Scandinavian’ cluster, spread across Sweden and overlapping with that of the Southern Scandinavia cluster.

Die Ausführungen zu diesen drei Clustern sind nicht gleich sehr eingängig, da vieles sehr neu ist. Lesen wir deshalb, was zusammenfassend dazu im Diskussionsteil geschrieben wird (1):

Obwohl die frühbronzezeitlichen Populationen Skandinaviens alle ihre Abstammung aus der Steppe von Menschen der Schnurkeramik-Kultur ableiten, tragen die frühesten skandinavischen Individuen geringe Anteile lokaler westlicher Jäger-Sammler-Vorfahren, während die späteren östlichen Skandinavier mit litauisch/lettischer Jäger-Sammler-Herkunft modelliert werden können (...), was auf eine spätneolithische Ausbreitung über die Ostsee nach Skandinavien hinein hinweist. Eine solche Ausbreitung ist unseres Wissens nach bislang in der archäologischen Forschung nicht angenommen worden. Der Zeitpunkt fällt jedoch mit der Einführung einer neuen, spätneolithischen Schafrasse in Skandinavien zusammen. Es fällt auch zusammen mit der Ausbreitung eines neuen Bestattungsritus von Galeriegräbern in Südschweden, den dänischen Inseln und Norwegen, einem neuen Haustyp, den ersten dauerhaften Bronze-Netzwerken sowie mit dem Ende eines Ost-West-Gefälles in Skandinavien zwischen 2100 und 1700 v. Ztr..
Although all Early Bronze Age populations of Scandinavia derive their Steppe ancestry from people of Corded Ware culture, the earliest Scandinavian individuals carry small proportions of local Western Hunter-Gatherer ancestry, whereas the later Eastern Scandinavians are modelled with Lithuanian/Latvian Hunter-Gatherer ancestry (...), indicative of a Late Neolithic cross-Baltic migration into Scandinavia. No such migration has to our knowledge been identified in the archaeological record. However, the timing coincides with the introduction of a new, Late Neolithic sheep breed to Scandinavia. It also coincides with the spread of a new burial rite of gallery graves in south Sweden, the Danish islands and Norway, a new house type, the first durative bronze networks, as well as with the end of an eastwest divide in Scandinavia between 4050 and 3650 BP.

Damit ist gesagt: Die Zuwanderung von Glockenbecher-Leuten nach Norwegen hinterließ so gut wie keine genetischen Spuren. Viel wichtiger war aus genetischer Sicht die Ausbreitung "östlicher Skandinavier" nach Westen während dieser Zeit (s. Abb. 3). Diese neue Erkenntnis muß man wohl noch länger auf sich wirken und "sacken" lassen. (Siehe dazu auch "Nachtrag 1" am Ende dieses Beitrages.)

Die Erste germanische Lautverschiebung (500 v. Ztr.)

Aber bevor wir dazu kommen, werden wir gleich mit einem neuen spannenden Thema konfrontiert. In der Studie wird nämlich auch die Erste germanische Lautverschiebung (Wiki) angesprochen und die in der Forschung schon seit längerem bestehende Vermutung, daß diese durch demographische Völkerbewegungen ausgelöst worden sein könnten. Die Forscher sehen für die Zeit, auf die diese datiert wird (um 500 v. Ztr.) aber keine wesentlichen demographischen Veränderungen innerhalb Skandinavienes und damit des germanischen Bereichs.

Damit werden wir auf den Umstand gestoßen, daß sich die Germanen bis dahin sprachlich noch gar nicht so weit von den ihnen benachbarten Kelten und anderen indogermanischen Völkern fortentwickelt hatten wie seither durch eben diese Lautverschiebung. Ob die Ursachen für dieselbe nur allein auf der geographischen Abgeschiedenheit der Germanen beruhte? Ganz ohne äußere Einflüsse? 

Diese Frage setzt einige Klärungsbemühungen unsererseits in Gang. Wir fragen uns, ob der Anstoß dazu etwa von Osten, aus dem ostgermanischen Raum gekommen sein kann, aus jenem Raum, in dem es am frühesten Dynamik gegeben hat, und wo die Germanen - grob gesprochen - auf die Skythen gestoßen sind. Es gibt ältere Theorien, nach denen die Skythen die Ursache für das Ende der (keltischen?) Lausitzer Kultur gewesen sind. Nach diesen Theorien könnten die Skythen Träger der Billendorfer Kultur (7. und 6. Jhdt. v. Ztr.) (Wiki) gewesen sein, die benannt ist nach dem Dorf Billendorf bei Naumburg am Bober, einem linken Nebenfluß der Oder, 37 Kilometer südwestlich von Grünberg in Schlesien (Mapcarta). Die Billendorfer Kultur war im Weichsel- und Oderraum verbreitet und breitete sich bis an die Mittlere Elbe aus. Ihr wird insbesondere der skythisch anmutende "Goldschatz von Vettersfelde" (Wiki) zugesprochen. Vettersfelde liegt 37 Kilometer nordwestlich von Billendorf auf der rechten Seite der Lausitzer Neiße, 43 Kilometer nördlich von Bad Muskau (und dem Landschaftspark des Fürsten Pückler [Wiki]), sowie 45 Kilometer nordöstlich von Cottbus. Der dortige Landgraben Werdawa mündet in die Neiße, zehn Kilometer vor seiner Mündung liegt Vettersfelde (s. (MapcartaKomoot), wo man Siedlungsbefunde feststellen konnte. (Der Goldschatz soll nach neueren Annahmen im skythischen Auftrag von griechischen Goldschmieden geschaffen worden sein. Solche griechischen Goldschmiede haben ja später auch noch die Goten in Anspruch genommen.)

Der Odin-Glaube - Wann und von wo kam er nach Skandinavien? 

Die Billendorfer Kultur war nun der südöstliche Nachbar der nördlicher siedelnden Germanenstämme. Durch diese Kultur - so möchten wir hier als Spekulation in den Raum stellen - könnten die Germanen in Berührung gekommen sein mit dem östlichen Odin-Glauben, dessen Herkunft bislang nie abschließend hatte geklärt werden können. Bislang hatten wir vermutet, er könnte mit den Sarmaten (Wiki) in den germanischen Raum gekommen sein. Da die Germanen auch sonst viel von den Sarmaten übernommen haben (Tierstil, Spangenhelm zum Beispiel). Aber mit der Billendorfer Kultur wäre der Kontaktraum zwischen Skythen und Germanen viel breiter gewesen. Und von den damaligen Skythen könnte viel Strahlkraft ausgegangen sein. Die zweite hochdeutsche Lautverschiebung kam mit dem Christentum, warum also sollte die erste germanische Lautverschiebung nicht ähnlich mit der Einführung neuer religiöser Vorstellungen einher gegangen sein?

Die Billendorfer Kultur überschneidet sich geographisch mit der Pommerllischen Gesichtsurnen-Kultur (Wiki). Es wird ausgeführt, daß die Träger dieser letzteren Kultur die Bastarnen gewesen seien. Diese wiesen viel Ähnlichkeit mit den Germanen auf, wiesen aber auch Verbindungen zu den Sarmaten auf. Die Billendorfer Kultur wird in einer Darstellung zur Geschichte der Stadt Dahlen östlich von Leipzig als Nachfolgekultur der dortigen Lausitzer Kultur benannt (von Hartmut Finger). Dort fand sich (GB2017) ...

... eine der ganz wenigen Fundstellen im Gebiet der Lausitzer Kultur, in der außer Siedlungsgruben auch komplette Hausgrundrisse nachgewiesen wurden. Warum diese Siedlung letztlich wieder aufgegeben wurde, konnte nicht geklärt werden. (...) Nachgewiesen ist, daß die bronzezeitliche Bevölkerung aus der Dahlener Heide (...) am Ende der Bronzezeit abgewandert ist. (...) An den noch verbliebenen, bzw. den neuen Siedlungsplätzen der bronzezeitlichen Kultur zeigte sich ab etwa 750 v. Ztr., daß deren Bewohner eine neue Technologie übernommen hatten. Es handelt sich hierbei um die Herstellung und Verarbeitung von Eisen. Es ist die Kultur der "Frühen Eisenzeit", die sogenannte "Billendorfer Kultur". (...) Die Billendorfer Kultur steht in direkter Nachfolge der Lausitzer Kultur.    

Könnte es nicht so sein, daß insbesondere Schmiede neue religiöse Vorstellungen aus einem Kulturraum in einen anderen mitgebracht haben? Da sie ein besonderes Ansehen hatten? Ab dem 6. und 5. Jahrhundert v. Ztr. tritt in der Gegend von Leipzig, so heißt es weiter, die germanische Jasdorf-Kultur auf. Über die Ausbreitung von Eisen lesen wir (PrähArch2021):

Eisen wurde bereits in der zweiten Hälfte des zweiten Jahrtausends vor Christus im Vorderen Orient von den Hethitern verwendet. Von dort aus wanderte das Wissen über die Verarbeitung dieses Rohstoffes über Anatolien nach Südosteuropa und gelangte schließlich von dort nach Mitteleuropa.
Die Ausbreitung erfolgte in ihrer ersten Phase zwischen dem 13. und 8. Jahrhundert vor Christus von Griechenland über Mitteleuropa bis in den Norden Dänemarks. Vom 8. bis zum 5. Jahrhundert vor Christus wurden auch die westlichen Teile Europas (England, Frankreich und Spanien), des nördlichen (Schweden, Norwegen) und östlichen (Rußland) mit der Technologie der Eisenverarbeitung (Eisenverhüttung) vertraut. Archäologisch ließ sich bei der Verbreitung der Eisenverarbeitung häufig beobachten, daß zunächst Eisenobjekte importiert, anschließend nachgemacht und dann erfolgreich selbst hergestellt wurden. Es ist demnach festzustellen, daß spätestens um 600 v. Chr. die Eisenverhüttung in ganz Europa verbreitet ist. (...)
Zwei ganz andere Objekte verstreuen sich zur Eisenzeit in Europa. Die Drehscheibe zur Herstellung von Keramik wandert erstmals zu dieser Zeit aus dem mykenisch-griechischen Raum nach Mitteleuropa und läßt sich allerorts auffinden.

Daß sich die germanische Lautverschiebung sehr grob zeitlich überschneidet mit der Einführung dieser neuen Techniken, zugleich mit der Frühphase der Herausbildung der klassischen griechischen Kultur - vermittelt entweder über die Skythen oder die Kelten, könnte dem Geschichtsphilosophen allerlei zu denken geben. Wir werden all diesen Zusammenhängen sicherlich in künftigen Blogbeiträgen noch weiter nachgehen (siehe dazu auch den Nachtrag ganz unten). Zum Verständnis sei noch einmal erwähnt: Die Erste germanische Lautverschiebung brachte - grob gesprochen - die Verschiebung mit (laut Wiki):

  • von Lateinisch "pēs" (siehe "Piedestal" [Wiki]) nach Deutsch "Fuß" 
  • von Lateinisch "piscis" nach Deutsch "Fisch"
  • von Lateinisch "tertius" nach Althochdeutsch "thritto" ("dritte")
  • von Lateinisch "cor" nach Deutsch "Herz"
  • von Lateinisch "canis" nach Deutsch "Hund"
  • von Lateinisch "capiō" nach Deutsch "haben"
  • von Lateinisch "decem" nach Deutsch "zehn"
  • von Lateinisch "frater" nach Deutsch "Bruder"
  • von Lateinisch "hostis" nach Deutsch "Gast".

Wobei "Lateinisch" hier nur als bestes Beispiel für die Art des Sprechens auch in Skandinavien vor der Lautverschiebung angeführt ist. Wie dunkel und "nah"-"entfernt" verwandt auf einmal so viele "Fremdsprachen" innerhalb von Europa für einen erscheinen, wenn man diese Zusammenhänge auf sich wirken läßt. In der Bronzezeit waren unseren germanischen Vorfahren die anderen indogermanischen Sprachen in Europa noch nicht ganz so "fremd" wie uns heute. Denn sie haben eine ihnen noch ähnlichere Sprache gesprochen. Durch diese Erste germanische Lautverschiebung erst hat sich womöglich das eigentlich Besondere des "Germanischen" heraus gebildet.

Mit ihm einher gegangen mag sein eine dumpfe Ahnung, daß nun die weltgeschichtliche Stunde der Germanen geschlagen hatte. Wie unbeholfen auch immer sie dann ins helle Licht der Weltgeschichte eingetreten sein mögen ... 

Vollzog sich die erste Lautverschiebung unbewußt als eine Art "Gegenbewegung", Parallelbewegung, als eine Art "Reaktion" zur Herausbildung der Kultur des klassischen Griechenland?

Und: Gehen wir falsch in der Annahme, daß die germanischen Sprachen durch die erste Lautverschiebung im Charakter "weicher" wurden, "herzlicher" wurden, eine Entwicklung, die in anderen Sprachen - etwa dem Altgriechischen - auf andere Weise auch erreicht worden sein mag? Geschichtsphilosophisch jedenfalls haben wir es hier zu tun mit der sogenannten "Achsenzeit". Und uns wird bewußt, daß dieser Achsenzeit auch der Eintritt der Germanen in die Weltgeschichte zugeordnet werden kann - zwar noch ohne Schriftsprache, zwar mehr als "Barbaren" denn als kultivierte Leute (aus Sicht der Mittelmeerkulturen) - aber dafür auch um so frischer und "unverbrauchter".

Götterdämmerung

Immerhin waren sie zum Beispiel in den kommenden Jahrhunderten fähig, dem indogermanischen Welteneschen-Mythos, dem indogermanischen Mythos von der "Urschlange" eine neue, konkretere Wendung dadurch zu geben, daß sie die "Mitgartschlange" an den Wurzeln der Weltenesche nagen ließen, was zu Erschütterungen des ganzen Baumes führen sollte. Baldur, der Sonnengott, sollte ihnen getötet werden. Ihnen schwante immer mehr eine ungeheuerliche "Götterdämmerung" - aber am Ende derselben auch eine neue "Heilszeit". All das mag sich ohne Schriftkultur im germanischen Bereich im Laufe der nachfolgenden Jahrhunderte geistig weiter entwickelt haben - insbesondere in Reaktion auf die Ausbreitung des zutiefst unduldsamen Christentums, das alle Religionen weltweit zu satanischen erklärte. 

Vorbereitet worden mag dieses Bewußtsein auch durch das Miterleben des erschütternden Untergangs der Kelten-Götter, ja, der ganzen keltischen Kultur im Gefolge der Unterwerfung durch Cäsar und Rom (Stgen2021). 

Und es war und ist wahrlich nötig, daß die Germanen frisch und unverbraucht in die Weltgeschichte eingetreten sind, daß sie zuvor 3000 Jahre lang abgeschieden und ausgeglichen in ihrer Heimat gelebt hatten. Welcher Völkergruppe wären denn heftigere Aufgaben zugewachsen durch die Weltgeschichte - als dieser? Im furchtbaren seelischen Aufflammen ist diese Völkergruppe heute begriffen. Soweit sie überhaupt noch Restfunken Lebendigkeit in sich hat bewahren können. Diese Völkergruppe weiß heute: Es geht um das Letzte. Und sie weiß auch: "Wer auf sein Elend tritt, steht höher." So sagte es einer ihrer letzten großen Seher, der ebenfalls eine neue Heilszeit voraus sagte (Friedrich Hölderlin). Genug der Geschichtsphilosophie. - - -

Nachdem Süd- und Ostgermanen gut unterschieden werden können durch die genannte Studie, kann geschaut werden: Welche Völker hatten vorwiegend südskandinavische Herkunft (Angelsachsen, Langobarden) und welche Völker hatten vorwiegend ostskandinavische Herkunft (die ursprünglichen Goten im Weichselraum).

Die Goten - Schon in der Ukraine ging ihre ursprüngliche Genetik verloren

Es finden sich in der Studie auch Ausführungen über die Herkunft der westgermanischen Friesen. Diese wollen wir an dieser Stelle zunächst übergehen. (Die dortige Glockenbecher-Genetik scheint - wie in England - vornehmlich durch Schnurkeramik-Genetik ersetzt worden zu sein.) Über die Goten lesen wir (1):

Die frühesten Individuen der Wielbark-Kultur in Polen (ca. 100 n. Ztr.) sind hauptsächlich ostskandinavischer Abstammung, was auf eine Ausbreitung aus einer Region und Bevölkerung hindeutet, die sich von der der west- und nordgermanischen Bevölkerung unterscheidet, ein Szenario, das möglicherweise mit gotischer mündlicher Überlieferung vereinbar ist. Weiter südlich scheinen die späteren Ostgoten und Westgoten (400-900 n. Ztr.), die kulturell Nachkommen der früheren Goten waren, (genetisch) den einheimischen Südeuropäern ähnlich zu sein. Die beiden Ausreißer aus Spanien haben etwa 50 % nordeuropäische Vorfahren, liegen aber im Gegensatz zu den früheren Wielbark-Individuen entlang der nordöstlich-südöstlichen Ostseeküste. Der genetische Unterschied der Ostgoten- und Westgoten-Populationen von den ostskandinavischen Wielbark-Goten läßt auf eine Übernahme der Kultur und der ostgermanischen Sprache durch südlichere Gruppen schließen.
The earliest individuals from Wielbark, Poland (~1900 BP) are primarily of Eastern Scandinavian ancestry, supporting a population migration from a region and population distinct from that of the West and North Germanic populations, a scenario potentially consistent with Gothic oral history. Further south, the later Ostrogoth and Visigoth individuals (1600 - 1100 BP) who were cultural descendents of the earlier Goths, appear similar to local Southern Europeans. The two outliers from Spain have around 50% northern European ancestry, but unlike the earlier Wielbark individuals, they fall along the Northeast Southeast Baltic cline. The genetic distinction of the Ostrogoth and Visigoth populations from the Eastern Scandinavian Wielbark Goths suggests an adoption of the culture and East Germanic language by the more southern groups.

Es stellt sich also mit dieser Studie heraus, daß die "Goten" schon in der Ukraine - und um so mehr dann später in Dalmatien, Italien und Spanien - gar nicht mehr vorwiegend skandinavischer Herkunft gewesen sind. An anderer Stelle heißt es dazu (1):

Die späteren Personen, die mit den ursprünglich ostgermanischsprachigen Gruppen, den ukrainischen Ostgoten und den Westgoten von Iberien, in Verbindung gebracht wurden, scheinen (genetisch) meistens Einheimische zu sein.

Sie scheinen also genetisch aus der Region vor Ort (aus der Ukraine) zu stammen, nicht aus Skandinavien. Weiter (1): 

Zwei Ausnahmen bilden Goten aus Iberien, deren genetische Herkunft auf die nordöstlich-südöstliche Ostseeküste hindeutet (von denen einer eine nordeuropäische Y-Haplogruppe trägt), was auf einen Ursprung in Nordosteuropa, aber nicht speziell in Ostskandinavien schließen läßt. Diese Abstammung umfaßt Populationen, die mit der Ausbreitung der slawischen Bevölkerung in Polen, Ungarn und der Tschechischen Republik in Zusammenhang stehen und mit der aus Nordosteuropa stammenden baltischen Vorfahren aus der Bronzezeit in Zusammenhang stehen. Mit den aktuell zur Verfügung stehenden Daten ist eine genauere Bestimmung des Ausgangspunktes der slawischen Völkerwanderungen noch nicht möglich.
Most later individuals associated with the originally East Germanic-speaking groups, the Ukrainian Ostrogoths and the Visigoths of Iberia, appear to be locals (Supplementary Note 6.9.6). Two exceptions are from Goths from Iberia, who genetically fall on the Northeast-Southeast Baltic cline (one of which carries a Northern European Y haplogroups), suggesting an origin in North East Europe, but not Eastern Scandinavia specifically. This cline includes populations related to the spread of Slavic populations in Poland, Hungary and the Czech Republic and are to be related to the Baltic Bronze Age ancestry originating in North East Europe. With the current sampling, determining a more precise homeland of the Slavic migrations is not yet possible.

Diese Ausführungen werfen natürlich einen wichtigen Lichtschein auf die Geschichte und das genetische "Verschwinden" der Goten in Dalmatien, Italien und Spanien (s. Stgen2023). Vielleicht waren sie genetisch gar nicht mehr bis in die Balkan-Region gekommen und vielleicht können die späteren Slawen-Züge gegen Byzanz und Griechenland - wie sich hier andeutet - als die Fortsetzung der vormaligen Goten-Züge gegen Byzanz und Griechenland verstanden werden. Da schon Menschen mit "slawischer" Genetik als "Goten" diese Züge unternommen hatten. Die Archäogenetik bringt wahrlich immer einmal wieder neue große Überraschungen mit sich. 

Abschließend noch einmal die Zusammenfassung (der "Abstract") der Studie (1):

Wir finden Hinweise auf eine bisher unbekannte, groß angelegte bronzezeitliche Migration innerhalb Skandinaviens, die ihren Ursprung im Osten hat und sich im Westen und Süden ausbreitet, was einen neuen potenziellen Antriebsfaktor für die Ausbreitung der germanischen Sprachgemeinschaft darstellt. Dieser ostskandinavische genetische Cluster macht sich erstmals 800 Jahre nach der Ankunft der Schnurkeramik-Kultur bemerkbar, der ersten Steppenpopulation, die in Nordeuropa auftauchte, und eröffnet ein neues Szenario, das eher auf eine spätneolithischen anstatt auf eine mittelneolithische Ankunft der germanischen Sprachgruppe in Skandinavien schließen läßt. Darüber hinaus deutet die nicht-lokale Jäger-Sammler-Abstammung dieses ostskandinavischen Clusters eher auf einen baltischen maritimen als auf einen südskandinavischen Landeintritt hin.
We find evidence of a previously unknown, large-scale Bronze Age migration within Scandinavia, originating in the east and becoming widespread to the west and south, thus providing a new potential driving factor for the expansion of the Germanic speech community. This East Scandinavian genetic cluster is first seen 800 years after the arrival of the Corded Ware Culture, the first Steppe-related population to emerge in Northern Europe, opening a new scenario implying a Late rather than an Middle Neolithic arrival of the Germanic language group in Scandinavia. Moreover, the non-local Hunter-Gatherer ancestry of this East Scandinavian cluster is indicative of a cross Baltic maritime rather than a southern Scandinavian land-based entry.

Wir sehen, daß diese Zusammenfassung nur ein einziges Thema aus den vielen Themen der Studie heraus greift. Warum die germanischen Sprachen allerdings erst mit der Schnurkeramiker-Ausbreitung von Finnland her nach Skandinavien gekommen sein sollen, wird uns nicht so recht deutlich. Sollten die west- und die ostskandinavischen Schnurkeramiker-Populationen sich nach 800 bis tausend Jahren Trennung nicht immer noch gegenseitig verstanden haben können? Die Studie selbst spricht von einer kulturellen Homogenisierung innerhalb Skandinaviens in den nachfolgenden Jahrhunderten.

Manches in der Studie enthaltene wertvolle Detail mag uns bisher noch entgangen sein. Es wurde erkennbar, daß in der Studie Anstöße zu weiterer Forschung nach vielerlei Richtungen hin enthalten sind. Die Archäogenetik verändert weiterhin - und oftmals immer noch sehr grundlegend - altüberkommene Geschichtsbilder oder schafft Klarheit, wo es bisher nur "Raten und Meinen" gab.

Nachtrag 1 - Woher kam Odin? Warum kam er?

Indem wir den Themen "skytho-sarmatischer Tierstil" und "sibirische Tierstil" nachgehen, stoßen wir auf einen aktuellen Aufsatz (2), in dem sich zudem der Hinweis findet auf eine interessante Studie aus dem Jahr 2017, die auf der Grundlage unter anderem einer berühmten Studie des Religionspsychologen Mircea Eliade (1907-1986) (Wiki) aus dem Jahr 1951 (3) dargelegt, daß das achtbeinige Pferd Sleipnir des germanischen Gottes Odin viele Parallelen aufweist mit Vorstellungen im sibirischen Schamanismus. Es wird dann gefragt (4):

Wie gelangten diese Motive in die nordische Kultur? Eine Erklärung könnte sein, daß die protogermanischen Völker, Vorfahren der Nordmänner, das Konzept des schamanischen Pferdes durch das Interagieren mit den Skythen in Osteuropa übernommen haben. Es gibt sprachliche Hinweise darauf, daß diese beiden Gruppen in Verbindung miteinander standen. Zwei Wörter, *hanapiz „Hanf“ und *paidō „Umhang“, wurden vor der Ersten germanischen Lautverschiebung ins Protogermanische entlehnt und stammen höchstwahrscheinlich aus einer iranischen Sprache (Ringe, 296-297). Noch wichtiger ist, daß das Wort paþaz „Weg“ aus einer iranischen Sprache ins Urgermanische entlehnt worden sein muß, da der interdentale Frikativ in der Wortmitte nur in diesem Wort in den iranischen Sprachen vorkommt (Mayrhofer, 224-230; Ringe, persönliche Mitteilung). Im Gegensatz zu den ersten beiden wurde es jedoch nach der Ersten germanischen Lautverschiebung entlehnt. Ein weiteres Wort, wurstwą „Arbeit“, existiert nur im Gotischen und kann nicht vom protogermanischen Wort für „Arbeit“ abgeleitet werden, es könnte also auch eine Entlehnung aus einer iranischen Sprache sein.
How did these motifs enter Norse culture? One explanation might be that the Proto-Germanic peoples, ancestors of the Norse, adopted the concept of the shamanic steed through interaction with the Scythians in Eastern Europe. There is linguistic evidence indicating that these two groups were in contact. Two words, *hanapiz ‘hemp’ and *paidō ‘cloak,’ were borrowed into Proto-Germanic before the operation of Grimm’s Law and most likely from an Iranian language (Ringe, 296–297). Even more importantly, the word paþaz ‘path’ must have been borrowed into Proto-Germanic from an Iranian language, as the interdental fricative in the middle of the word is only present in this word in the Iranian languages (Mayrhofer, 224–230; Ringe, personal communication). In contrast to the first two, however, it was borrowed after the operation of Grimm’s Law. An additional word, wurstwą ‘work’ survives only in Gothic and cannot be derived from the Proto-Germanic word for ‘work,’ so it may also be a borrowing from an Iranian language.

Es wird außerdem darauf hingewiesen, daß sich die Darstellung eines achtbeinigen Hirsches auch bei den Thrakern findet. Dem möchten wir den Gedanken anfügen, daß der mythische Begründer der orphischen Bewegung im antiken Griechenland, Orpheus selbst, ja ein Thraker gewesen sein soll (nach der Behauptung vieler). Insbesondere der Weltentstehungsmythos der orphischen Bewegung - Urei und Urschlange - mag manche ähnlich ekstatisch-östlichen Elemente enthalten (Stgen2022), die Verwandtschaften aufzeigen könnten sowohl mit dem nordischen Mythos wie mit sibirischen mythischen Vorstellungen.

Wenn wir Odin mehr aus orphischem Geiste heraus auffassen würden, würden wir womöglich innerlich einen direkteren Bezug zu ihm aufbauen können. Wir könnten dann vielleicht verstehen, daß die Germanen von Odin ähnlich fasziniert gewesen sein konnten wie die Griechen von Orpheus. Odin würde dann - auf der Linie der andernorts behandelten Hesperien-Deutung Hölderlins - mitgeholfen haben, das heilige Pathos, das Feuer des Himmels in den ansonsten gar zu nüchterneren Germanenherzen zu entflammen. Freilich: diese Begeisterung brachte sie zunächst vor allem dazu, erobernd in fremde Länder zu ziehen mitsamt ihrem Völkerwanderungsgott Odin. Die Übernahme allein des Wortes "Arbeit" von Seiten der Skythen reichte nicht, um nun wirklich zugleich auch diszipliniert arbeiten zu lernen. Dafür bedurfte es doch noch anderer Mittel.

Ob sich der Missionar Willibrord dessen bewußt war oder nicht: Seine Religion brachte auch eine neue Arbeitsethik nach Germanien: die benediktinische. Und Luther formte sie später um zur protestantischen Arbeitsethik (Wiki). Und dreihundert Jahre später war Schiller in der Lage zu dichten (Zen):

Wie schön, o Mensch, mit deinem Palmenzweige
Stehst du an des Jahrhunderts Neige,
In edler stolzer Männlichkeit,
Mit aufgeschloßnem Sinn, mit Geistesfülle,
Voll milden Ernsts, in tatenreicher Stille,
Der reifste Sohn der Zeit.

Er, der Mensch, wurde - nach Schiller - zu einem so reifen Menschen durch Kunst. Die Kunst gab dem Menschen die Menschlichkeit und Reife. Es sind deshalb die Künstler, denen Schiller gegen Ende seines Gedichtes zuruft (Zen):

Der Menschheit Würde ist in eure Hand gegeben,
Bewahret sie!
Sie sinkt mit euch! Mit euch wird sie sich heben!

Wichtiger aber noch als die Kunst mag heute sein das Aufeinander-Hören. Denn "Zuhören ist heilig" - so wie auch den Griechen, Kelten und Germanen Zuhören heilig war (Stgen2024).

Nachtrag 2 - Razib Khan

8.5.2025: Der Humangenetiker Razib Khan titelt neuerdings aufgrund der in diesem Beitrag behandelten Studie "Germans are from Finland" (RKhan4/25, b). Seine Karten und Grafiken sind immer sehr übersichtlich gestaltet. Aber so schlicht hatten wir das in der Studie nicht wahrgenommen. Ohne daß wir uns ausführlich mit dem beschäftigen, was er vorträgt, glauben wir intuitiv sagen zu können, daß sich die Schnurkeramiker-Genetik am Anfang gemeinsam mit der Kugelamphoren-Kultur nach Skandinavien ausgebreitet hat. Das wird - soweit wir das bislang überblicken - gleichzeitig sowohl nach Dänemark hinein wie auch nach Finnland hinein geschehen sein. Falls wir uns in dieser Sichtweise noch korrigieren müssen, werden wir das natürlich tun.

Nachtrag 3 - Karl Banghard

28.2.2026: Durch ein neues Video werden wir auf den Archäologen Karl Banghard (geb. 1966) (Wiki) aufmerksam, der einen über die Germanen mancherlei Neues lernen läßt (Yt2026): Der einheitliche Bau der Langhäuser über den ganzen nordeuropäischen Raum hinweg, die hohe Bevölkerungsdichte (viele Häuser aufgereiht entlang der Bäche), die wenig arbeitsintensive Wirtschaftsweise, das Nichtvorhandensein von Obst- und Gemüsegärten (6) (Geo2025):

Der Hauptkalorienlieferant war wie in allen Agrargesellschaften das Getreide. Die Landwirtschaft der Germanen war aber nicht so sehr auf Überschuß ausgerichtet wie die der Römer. In germanischen Speiseresten finden sich erstaunlich hohe Anteile von Wildpflanzen. Sie haben zum Beispiel Eicheln gesammelt, geschält und geröstet. Sättigende Wildpflanzen kamen als Nahrungsergänzung mit ins Getreide. Auch gibt es Hinweise darauf, daß die Germanen auf einem abgeernteten Feld zunächst Wildpflanzen hochkommen ließen, die als zweite Ernte abgesammelt wurden, statt die Fläche sofort neu zu bestellen. Mit Ackerbau haben sich die Germanen also nicht gerade einen abgebrochen, sondern sie haben auf eine Mischung aus Effizienz und Nachhaltigkeit gesetzt.

Banghard war Mitarbeiter im Pfahlbaumuseum Unteruhldingen bei Gunter Schöbel und ist seit 2002 Leiter des Freilichtmuseums Oerlinghausen. Er bewegt sich damit - unausgesprochen - auf den Spuren der Kossinna-Schule in der deutschen Archäologie, aus der beide Museen hervor gegangen sind. Es werden auch die Fotografien von nachgestellten Germanen des Fotografen Jonas Radtke gerühmt, die für das neue Buch von Banghard benutzt wurden (JRadtke), und die in Ausstellungen wie "Past Identities" gezeigt worden sind.

__________________

  1. Steppe Ancestry in western Eurasia and the spread of the Germanic Languages. By Hugh McColl (...) Kristian Kristiansen, Martin Sikora and Eske Willerslev. bioRxiv. posted 14 March 2024 (Biorxiv)
  2. Çağıl Çayır: War Germanen-Gott Odin ein Türke? Januar 2024 (Nex24/2024)
  3. Eliade, Mircea: Schamanismus und archaische Ekstasetechnik. Rascher, Zürich 1957 (Neuausgabe Suhrkamp, Frankfurt am Main (EA Paris 1951)
  4. Kristen Pearson: Chasing the Shaman’s Steed. The Horse in Myth from Central Asia to Scandinavia. Sino-Platonic Papers, hrsg. von Victor H. Mair, Mai 2017 (pdf)
  5. Penske, S., Küßner, M., Rohrlach, A.B. et al. Kinship practices at the early bronze age site of Leubingen in Central Germany. Sci Rep 14, 3871 (2024), 16.2.2024 (Nature), https://doi.org/10.1038/s41598-024-54462-6
  6. Karl Banghard: Die wahre Geschichte der Germanen: Die faszinierende Lebenswelt der Germanen jenseits von Mythos und völkischer Ideologie, Propyläen Verlag, 2025

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