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Mittwoch, 2. Oktober 2019

Wie funktionieren Völker? - Das Verständnis erleichtert eine neue "Family Tree"-Funktion bei "23andme"


- Ein Rap-Musiker zeigt auf: Wir sind (meistens) Nachkommen kinderreicher Familien, die vor drei oder vier Generationen gelebt haben
- Diese Einsicht werden künftig immer mehr Menschen gewinnen: über Gensequenzierung

Aus der Reihe "Meine Gene", Teil 11

Kinder machen die Welt interessant. Kinderreiche Familien machen Familienforschung interessant. Denn wo Kinder sind, da ist Leben. Und wo viele Kinder sind, da ist viel Leben. Darüber kann sich bald jeder belehren lassen, der seine Gene bei 23andme sequenzieren läßt. Diese Erkenntnis ist inzwischen sogar in der Rap-Musik angekommen. In dieser wurde jüngst der Kinderreichtum eines burischen, evangelischen Pfarrhauses aus der Zeit um 1820 in Südafrika, sowie deren vielfältige Nachkommenschaft gefeiert (1).

So etwas kann aber inzwischen fast jeder auch für sich selbst und seine eigenen Vorfahren tun. (Ich für meinen Teil muß jetzt nur noch Rap-Musik lernen ....) Und wir sollten das alle tun und unsere Vorfahren feiern. Denn ohne sie und ihre aufopferungsvolle Bereitschaft, Kinder aufzuziehen, gäbe es uns alle nicht. Und das wäre doch eigentlich sehr schade. Oder wie es einmal ein deutscher Schriftsteller formulierte*):

"Ich bin das elfte Kind meiner Eltern. Und so lange ich Freude am Leben habe, bin ich geschworener Feind des Zehn-Kinder-Systems."

Wer von Kindheit an natürlicherweise in einem größeren Kreis von Verwandten aufwächst, der weiß womöglich den Wert von Verwandtschaft gar nicht wirklich zu schätzen. Aber auf diesen können auch immer einmal wieder bewegende Schicksale von Adoptivkindern aufmerksam machen (6).

Im folgenden sei von Seiten der Vorfahren des Blogautors ein Beispiel erläutert, eine in Ansätzen vergleichbare Geschichte erzählt wie jene genannte aus der Rap-Musik: Am 14. Januar 1858 wurde in  Stoke-on-Trent in Stafford in England eine Ehe geschlossen zwischen dem nachmaligen Forschungsreisenden Henry W. Morley (1834-1917) (Abb. 1), der in Leeds in England getauft worden war und in Quito in Ecuador gestorben ist, und Elizabeth Locker (1834-1909) (Abb. 2), die aus Uttoxeter in Staffordshire stammte, und die 1909 in Southampton an der englischen Kanalküste gestorben ist. Das Ehepaar lebte zunächst in Neuseeland als Farmer. Später ging der Ehemann als Forschungsreisender nach Südamerika. Ihre zehn Kinder (!) heirateten in alle Welt. Sie hatten vermutlich eine höhere Schulbildung genossen. Denn die älteste Tochter heiratete einen zeitweise in Deutschland tätigen englischen Diplomaten, eine ihrer Schwestern einen deutschen Arzt, der in Oberschlesien in der Funktion als Leibarzt des Fürsten Pleß tätig war.

Abb. 3: Nachkommen des kinderreichen Ehepaares William und Elizabeth Morley (die beiden Fragezeichen ganz oben rechts) (von 23andme) - Rekonstruiert werden nur die herkunftsmäßigen Zusammenhänge zwischen Menschen, die ihre Gene bei 23andme haben sequenzieren lassen und zu höheren Graden miteinander verwandt sind. Das sind in diesem Falle - bislang - Nachkommen von drei Kindern des Ehepaares

Es handelte sich bei den Kindern unter anderem um die Geschwister Alice, Elizabeth, Emma, Charlotte, Frances, Mary, John, Eliza, Lydia, Evely und Henry. (In den Unterlagen sind mehr als zehn Kinder aufgeführt, vermutlich haben nicht alle das Erwachsenenalter erreicht.) Diese vielen Kinder haben viele Nachfahren bis heute hinterlassen. Der Autor dieser Zeilen hat sogar seine Mitochondrien von Elizabeth Locker geerbt, weil seine Mutter in ungebrochener weiblicher Linie von ihr und einer ihrer Töchter abstammt (Abb. 6).

Die neue "Family Tree"-Funktion bei 23andme

Auf 23andme gibt es neuerdings in der Beta-Version einen "Family Tree, auf dem allein über genetische Daten "automatisch" rekonstruiert ist, über welche Wege man mit seinen "DNA-Verwandten " verwandt ist (also mit näheren oder entfernteren Verwandten, die bei 23andme ihre Gene haben sequenzieren, bzw. genauer: "typisieren" lassen) (2). Dieser "Family Tree" (zu übersetzen vielleicht mit "Verwandtschafts-Baum") ermöglicht es, familiengeschichtliche und verwandtschaftliche Zusammenhänge zu verstehen, die man zuvor nicht gleich auf den ersten Blick - und ohne (gemeinsame) Ahnenforschung schon einmal gar nicht - hätte verstehen können. In meinem Fall ist es so: Da ich schon einige wenige "Unbekannte" der "Gleichung mit vielen Unbekannten" in diesem "Family Tree" (Abb. 3) rekonstruiert habe (durch Austausch mit einigen der DNA-Verwandten über unsere etwaige gemeinsame Herkunft), sind hier nun in der Grafik weitere "Unbekannte" für mich viel leichter zu rekonstruieren und zu ergänzen.

Abb. 1: H. Morley

Und darüber verstehe ich zum ersten mal mir bislang schleierhafte Zusammenhänge zwischen mir und mir schon seit Jahren auf 23andme angezeigten "DNA-Verwandten", die auf meine Anfragen bisher nicht geantwortet hatten. Ich verstehe nämlich, daß auch diese - mit mir - Nachkommen aus der eben genannten Ehe sind. Vielleicht wissen sie das selbst (noch) nicht und ich könnte es ihnen jetzt erklären, ... wenn sie mir antworten würden.

Abb. 2: E. Locker

Nämlich: Die älteste Tochter des genannten Ehepaars war Alice, verheiratete Hadgkinson, die 1858 in Sneulou Mautra in Neuseeland geboren worden war. Von dieser stammen (mindestens) zwei mir namentlich bekannte DNA-Verwandte ab, die mir auf "23andme" angezeigt werden, darunter Sylvia aus Ontario in Kanada, mit der ich darüber geschrieben habe und worüber ich schon berichtet habe (3). Der Ehemann von Alice, ein Hadgkinson, war im auswärtigen, diplomatischen Dienst in Deutschland tätig, so schrieb mir Sylvia, deshalb ist auch einer seiner Söhne in Deutschland geboren worden. 

Abb. 4: Mary
Abb. 5: Jakob

Alice hatte eine Schwester Mary (Abb. 4), die 1864 in Otahuhu in Auckland auf Neuseeland geboren worden war, und die meine Ururgroßmutter ist. Sie wird in unserer Familienchronik folgendermaßen beschrieben:

"Haare braun, Augen tiefblau, mittelgroß, schlank. Charakter: sehr lebhaft, temperamentvoll, phantasievoll."

Mary hat (wohl) ihre Schwester Alice, die Diplomaten-Ehefrau, in Deutschland besucht und dabei ihren nachmaligen Ehemann Jakob Paul (Abb. 5) kennengelernt, einen Arzt mit dem im damaligen Baltikum verbreiteten adligen Familiennamen von Samson-Himmelstjerna. Er war aufgewachsen in Reval (heute Tallin). Sie ist die Großmutter meiner Großmutter. Ihr Ehemann Jakob war Leibarzt des Fürsten Pleß in Pleß in Oberschlesien. Dort ist noch meine eigene Großmutter 1910 geboren worden (weil ihre Mutter sich von ihrem Vater hatte entbinden lassen). Meine Großmutter ist aber nicht nur in Schlesien geboren, sondern ihr Vater mit dem Familiennamen Willner stammte mit allen seinen Vorfahren ebenfalls aus Schlesien, genauer, aus Wüstewaltersdorf.

Von den Nachkommen meiner Willner-Verwandten nun, wo es auch die eine oder andere kinderreiche Familie gegeben hat, und die meines Wissens zumindest in großen Teilen in Deutschland und Österreich leben, haben offenbar noch nicht sehr viele ihre Gene sequenzieren lassen, weder bei MyHeritage noch auf 23andme. Bei dieser Gelegenheit ist man fast versucht zu sagen: "Leute, Verwandte, der 'gesellschaftliche Druck' steigt. Eure Verwandten wissen allmählich, was ihr tut oder nicht tut, nämlich, ob ihr eure Gene sequenzieren laßt und das Wissen darüber teilt oder nicht. Ihr schließt euch nicht an, ihr haltet euch abseits. Wir sehen euch!" (- Naja, nicht ganz ernst gemeint.)

Beziehungsweise - in Anlehnung an George Orwell: "Your relatives are watching you!" War es nicht schon immer so, daß die liebe Verwandtschaft ein Auge hatte auf ihre Anverwandten? Das ist nun wieder häufiger und leichter möglich. Und das ist sicher besser (!!!), als wenn es "Big Brother" tut, der bestimmt vieles ist - aber kein echter Bruder. Immer mehr jedenfalls wird sich künftig der erstaunte Blick verschieben von jenen unter den eigenen näheren und entfernteren Verwandten, die ihre Gene "schon" haben sequenzieren lassen hin zu jenen, die das "immer noch nicht" getan haben.

Entfernt Verwandte meinerseits über die schon erwähnte von Samson-Himmelstjerna-Linie leben heute in London und haben ihre Gene schon sequenziert (4). Sie werden aber bisher auf dem Family Tree (Abb. 3) gar nicht angezeigt. Vermutlich hat das seinen Grund darin, daß der Verwandtschaftsgrad mit ihnen (0,36 %) zu gering ist. Würden sie mit erfaßt, würde es vermutlich auf dem "Family Tree" schnell sehr unübersichtlich werden. Aber es handelt sich ja erst um die Beta-Version ....

Eure Verwandten sehen Euch

Sylvia erzählte, daß man sich in ihrer Familie einer entfernten deutschen Verwandtschaft bewußt gewesen war (3) und auch in der Generation meiner Mutter war dieses Wissen noch vorhanden dahingehend, daß man von einer Tante erzählte, die in England leben würde. Dieses Wissen wird jetzt kräftig erneuert durch - - - 23andme.

Die gemeinsamen Gene von Sylvia und mir liegen auf den Chromosomen 16 und 17. Und das ist die Erkenntnis, die einem bei dieser Gelegenheit zum ersten bewußt wurde: Man kann also sagen, daß unsere gemeinsamen Vorfahren, die Eheleute Morley/Locker auch diese Gene auf Chromosom 16 und 17 hatten. Jetzt müßte man nur noch schauen, welche Gene das sind und man wüßte schon wieder einiges mehr über die Erbmerkmale dieser Vorfahren. Und man merkt dabei: Um so mehr Menschen mitmachen bei DNA-Sequenzierungen und ihr Wissen teilen, um so mehr kann man auch über die Gene ganz entfernter Vorfahren heraus bekommen. Und man kann lernen, welche angeborenen Eigenschaften man teilt und welche nicht.

Nun jedenfalls stelle ich über den automatisch erstellten "Family Tree" fest, daß es noch ein weiteres Geschwisterteil aus dieser eingangs genannten Morley-Familie gibt, von denen DNA-Verwandte abstammen, die mir auf 23andme schon seit Jahren angezeigt werden, nämlich die Geschwister Rodd E. und Tanya G., mit denen ich fast 1 % gemeinsame Gene habe (0,97 % und 0,99 %). Und vielleicht hat der Algorithmus, mit dem dieser "Family Tree" erstellt wurde aufgrund von Alterangaben von DNA-Verwandten und durchschnittlichem Generationenabstand auch schon die Altersreihenfolge der Morley-Geschwister rekonstruieren können, von denen wir alle abstammen. Sie sind jedenfalls in diesem Falle, soweit ich sehe, dem Alter nach von rechts nach links aufgereiht. (Denn die älteste war Alice und eine der älteren Mary. Und ich wüßte sonst nicht, warum sich in der Darstellung die Stammbäume von Rodd und Tanya einerseits und mir andererseits überkreuzen sollten.)

Allerdings stelle ich bei genauerem Hinschauen fest, daß der "Family Tree" eine Generation unterschlagen hat, nämlich die Mutter meiner Großmutter. An Stelle der Mutter wird gleich die Großmutter meiner Großmutter angezeigt. Das habe ich auch gleich als "Feedback" an 23andme gemeldet.

Mit Rodd und Tanya teile ich unter anderem Gene auf den Chromosomen 12 und 17. Damit ergänzen ihre Gene weiterhin die Kenntnis des Gen-Satzes unserer gemeinsamen Vorfahren Henry und Elizabeth Morley, denn zu 16 und 17 kommt nun noch - mindestens - ein gemeinsamer Abschnitt auf 12 dazu. Auffallen könnten einem noch die großen Unterschiede im Anteil gemeinsamer Gene zwischen uns entfernten Verwandten. Während ich mit Robert 1,25 % Gene teile, habe ich mit seiner Cousine Sylvia nur 0,68 % gemeinsam. Mit Rodd und Tanya hinwiederum fast 1 % gemeinsame Gene. Robert und Sylvia sind aber über eine Generation weniger hinweg mit mir verwandt als Rodd und Tanya. Aber wie gerade gesehen, scheint der Family Tree sich derzeit noch leicht um eine Generation verrechnen zu können.

Wenn es dieselbe Funktion auch auf MyHeritage geben wird, werden auch die Zusammenhänge unter den vielen Nachkommen der genannten von Samson-Himmelstjerna's viel leichter und schneller zu rekonstruieren sein, die dort ihre Gene haben sequenzieren lassen. Auch mit einigen von denen habe ich mich ja schon geschrieben und versucht, die Verzweigungen gemeinsamer Stammbäume zu rekonstruieren (4). Aber, huh!, das war schon verdammt kompliziert, zum Teil. Und nicht alles ist da geklärt (4).

Abb. 6: Meine Mutter (Jg. 1941) mit meiner Urgroßmutter (mütterliche Linie), geborene von Samson-Himmelstjerna, im Mai 1965 in Wien vor dem Weinheber-Gedenkstein ("Doch den Kranz der Heimat gebt mir Wien ...")

Aber alles das ist bislang nur möglich mit mittel-entfernter Verwandtschaft meinerseits mütterlicherseits, weil es eben hier viele solcher Verwandte im englischsprachigen Raum gibt. Es wird erkennbar, daß dort das Sequenzieren seiner Gene schon häufiger geschieht, weil es viel populärer ist als hier bei uns in Deutschland. Deutsche und österreichische Nachkommen des Vaters meiner Großmutter mütterlicherseits, ebenso wie Verwandte meines Vaters - ursprünglich alles Bauern im Elb-Havel-Winkel - und deren Nachkommen haben sich noch auffallend weniger häufig sequenzieren lassen. Mit Ausnahme des von mir schon behandelten Andreas T. (3), mit dem ich zwar "irgendwie" verwandt bin, da wir aus derselben Region stammen, aber wir konnten den genauen Zusammenhang bislang nicht rekonstruieren, und das obwohl wir sogar mehrere gemeinsame Familiennamen unter unseren Vorfahren haben. Diese Verwandtschaft über meinen Vater dürfte größtenteils in Deutschland leben und es dürfte typisch sein für das zerknirschte - und auf alles skeptisch schauende - Deutschland, daß hier die Menschen noch viel weniger häufig ihre Gene haben sequenzieren lassen und ihr diesbezügliches Wissen mit anderen teilen.

Aber es wird erkennbar, daß diese neue "Family Tree"-Funktion vieles erleichtern wird künftig. Man kann dann auf einen Blick sehen, welche und wie viele mittelentfernte (und ggfs. auch entfernte) Verwandte man hat und aufgrund welcher Zusammenhänge. Das, was heute für das Volk auf Island schon zur Verfügung steht (zum Teil sogar zurückreichend bis ins Frühmittelalter), wird dann allmählich weltweit möglich sein (wenn auch größtenteils vorerst nicht ganz so weit zurückreichend).

Es wird dabei dann die Rolle kinderreicher Familien sichtbar werden, die in der Historischen Demographie und in der Populationsgenetik schon lange bekannt ist (5). Nämlich die Erkenntnis: Im Wesentlichen stammen wir alle von kinderreichen Familien in früheren Generationen ab. Sie tragen in viel größerem Ausmaß zur der von den Populationsgenetikern so genannten "Effektiven Populationsgröße" (Wiki) bei als alle übrigen Familien. Das darf man alles sehr spannend finden. Das hat nämlich schon viele kenntnisreiche Demographen und Bevölkerungswissenschaftler veranlaßt zu fordern, daß es demographisch hinsichtlich der Zukunft von Völkern und Kulturen insbesondere darauf ankommt, kinderreiche Familien zu fördern, also Familien ab drei und mehr Kindern.

Mein Buch

Und um zu dieser Erkenntnis zu gelangen aufgrund der eigenen DNA-Verwandten muß man künftig seine eigenen Vorfahren und deren vielfältige Nachfahren immer weniger in erster Linie durch Ahnen-Forschung in Kirchenbüchern und sonstigen schriftlichen oder mündlichen Überlieferungen rekonstruieren (zumindest jedenfalls, um so mehr Verwandte man findet, die das schon für ihre eigenen Vorfahren getan haben).  Das könnte doch eigentlich auch all jene hellhörig machen, die nicht aus Familien wie meiner stammen, in der schon seit vielen Jahrzehnten Ahnenforschung aus Kirchenbüchern und aus Familienüberlieferung heraus eifrig betrieben wird.

Und aus allem werden wir lernen: Wir stehen in einer langen Reihe von Vorfahren, die ihr Leben immer weiter gegeben haben. Und wir werden uns von ihnen allen, also von hunderten, von tausenden von Vorfahren die Frage gefallen lassen dürfen: "Du willst der letzte sein in unserer langen Reihe?"

Mit diesem Blogartikel ist vorläufig das letzte Kapitel meines Buches "Meine Gene - Forschungsreise in unentdeckte Länder" fertig gestellt, nämlich das 11. Kapitel. Deshalb im folgenden einmal eine Übersicht über die anderen, bisher schon auf diesem Blog erschienenen Kapitel, alle verschlagwortet unter dem Stichwort "Meine Gene" und alle kostenlos einsehbar:

  • Genomforschung für alle! (Einleitung) (Sept. 2011)
  • Meine Gene - Teil 1 (Mai 2016)
  • Meine Gene - Teil 2 (Mai 2017)
  • Meine Gene - Teil 3 (Mai 2017)
  • Meine DNA-Verwandten (Feb. 2018)
  • Meine Londoner Verwandtschaft (Okt. 2018)
  • Unsere Gene, unsere besten Heiratspartner (Okt. 2018)
  • Robert Plomin und die polygenetische Revolution (Jan. 2019)
  • Mein erster Archäogenetik-Test (April 2019)
  • Meine ersten "Polygenic Score's" (Juni 2019)
  • Krieger oder Zweifler - Was bist du? (Sept. 2019)
  • Kinderreichtum und Familienforschung in der Rap-Musik (Okt. 2019)

Ein Teil des Stammbaumes von allem Leben

[Ergänzung 25.1.2022] MyHeritage, 23andme und andere Firmen arbeiten an nutzerfreundlichen, Visualisierungen, Veranschaulichungen der genetischen Verwandtschafts-Verhältnisse näherer und entfererer Art, das heißt, sie arbeiten mit Stammbäumen. Eine Veranschaulichung des Stammbaumes allen Lebens ist auf der Seite https://www.onezoom.org/ veröffentlicht worden, ein virtueller Baum des Lebens (7, 8). Da kommt der Gedanke auf, daß man den Stammbaum jedes einzelnen Menschen an diesen virtuellen Baum des Lebens anschließen könnte, daß man sie verknüpfen könnte, wodurch die Humanevolution und die Evolution von Völkern und Stämmen auf dieser Erde noch übersichtlicher veranschaulicht werden könnte. Das heißt, es wären die Australopithecinen einzutragen, Homo habilis, Homo erectus, Homo neandertalensis, Homo sapiens sapiens einzutragen, sowie jeweilige "Seitenlinien". Bei den eiszeitlichen Vorfahren würden sich die jeweiligen Stammbaum-Zweige von heute lebenden Menschen trennen, hin zu jenen, die heute in Afrika leben, hin zu jenen, die heute in Asien leben, hin zu jenen, die heute in Europa leben. Es Wären dann die neolithischen und bronzezeitlichen Vorfahren einzutragen und schließlich würde der virtuelle Baum des Lebens und des menschlichen Lebens einmünden in den virtuellen Baum des bronzezeitlichen Europa und von dort über die verschlungenen Pfade des Mittelalters zu jedem einzelnen Menschen von uns heute.

____________________

*) Wilhelm Pleyer (1901-1974) in seiner Kindheits-Geschichte "Tal der Kindheit". (Nach der Erinnerung zitiert.)


/ Ergänzungen: 
8.10.2019, 25.1.2022 /
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  1. Blume, Michael: Evolution und Religionsdemografie im Rap Guide to Religion von Baba Brinkman, 15.9.2019, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/evolution-und-religionsdemografie-im-rap-guide-to-religion-von-baba-brinkman/; das Video: https://youtu.be/WvSds8vTIZo
  2. thednageek: 23andMe Introduces the Automated Family Tree, October 1, 2019, https://thednageek.com/23andme-introduces-the-automated-family-tree/ 
  3. Bading, Ingo: Meine DNA-Verwandten, 9.2.2018, https://studgendeutsch.blogspot .com/2018/02/meine-dna-verwandten.html
  4. Bading, Ingo: Meine Londoner Verwandtschaft,  27. Oktober 2018, https://studgendeutsch.blogspot .com/2018/10/mitmach-genetik-meine-gene-teil-4.html
  5. Chaunu, Pierre: Die verhütete Zukunft. Seewald, Stuttgart 1981 
  6. Silvia: Koreanische Schwestern finden „The Missing Piece“ im neuen Dokumentarfilm von MyHeritage, 11. September 2019, https://blog.myheritage.de/2019/09/koreanische-schwestern-finden-the-missing-piece-im-neuen-dokumentarfilm-von-myheritage/
  7. Virtueller Baum des Lebens präsentiert die Arten der Erde, 16.12.2021, https://www.derstandard.de/story/2000131958523/virtueller-baum-des-lebens-praesentiert-die-arten-der-erde
  8. "Baum des Lebens" komplett: 2,2 Millionen Spezies auf einen Blick, 12/2021, https://www.heise.de/news/Baum-des-Lebens-komplett-2-2-Millionen-Spezies-auf-einen-Blick-6299106.html 

Dienstag, 9. Juni 2009

Humanevolution: WENIG Selektion?

Berichtet "Bild der Wissenschaft" richtig?

Soeben ist im Online-Dienst von "Bild der Wissenschaft" ein journalistischer Artikel von Ulrich Dewald (BdW) erschienen zu neuen humangenetischen Forschungen (1, PLoSGenetics, frei verfügbar). Diese Forschungen werden von Dewald sehr mißverständlich folgendermaßen zusammengefaßt:
Selektionsdruck spielte bei der Entwicklung des modernen Menschen nur eine geringe Rolle. Die genetischen Unterschiede bei modernen Menschen sind kein alleiniges Produkt des evolutionären Selektionsdrucks, bei dem der Stärkere oder Gesündere gegen den Schwächeren durchsetzt. Viel stärker haben die in der Menschheitsgeschichte häufigen Wanderungsbewegungen die Variationen im genetischen Code von Menschen unterschiedlicher Herkunft geprägt. (...)

Einen viel größeren Effekt auf die Ausbreitung neuer Genvarianten als die natürliche Selektion hatten die Wanderungsbewegungen, die es in der Menschheitsgeschichte seit vielen Jahrzehntausenden immer wieder gegeben hat, schließen die Forscher aus ihren Analysen. Die Selektion an sich war nicht stark genug, um eine feine Anpassung der menschlichen Populationen an die jeweiligen lokalen Umweltbedingungen zu bewirken, erklärt Jonathan Pritchard, einer der beteiligen Forscher. Die Ausbreitung neuer genetischer Merkmale folgte vielmehr den Strömen von Aus- und Einwanderern, die neue Siedlungsgebiete erschlossen und sich mit anderen Menschengruppen und Volksstämmen vermischten.
Ist Gruppenselektion keine Selektion?

Hier scheint doch insgesamt ziemlich klar zu kurzatmig gedacht zu werden. Haben denn Wanderungsbewegungen, Überlagerungen, Schichten- und Klassenbildungen nichts mit unterschiedlicher Fitneß und damit mit Selektion zu tun? Diese Frage wurde schon verschiedentlich auf "Studium generale" in früheren Beiträgen behandelt (zuletzt hier) und muß doch mehr oder weniger klar verneint werden.

Vielmehr handelt es sich doch bei ihnen fast immer um Vorgänge, die nur allzu deutlich in den Zusammenhang mit dem Konzept der Gruppenselektion gestellt werden können. (Das Konzept der Gruppenselektion wurde gerade erst wieder bei "Zoon politikon" aufgrund eines neuen "Science"-Artikels von Samuel Bowles thematisiert --> hier).

Schauen wir uns also den Artikel, über den Dewald Bericht erstattet, einmal genauer an. Bekannte Namen unter den heute lebenden Humangenetikern waren es, die sich zusammentaten (1), um eine sehr grundlegende Frage zu beantworten. Namen wie Luigi Luca Cavalli-Sforza (siehe Bild links), Marcus W. Feldman und Jonathan K. Pritchard fragten sich:
"How effective has selection been at driving allele frequency differentiation between continental groups?"
In Beantwortung dieser Frage schreiben die Forscher:
The first pattern, the “non-African sweep”, is exemplified by a sweep near the KIT ligand gene (KITLG). It has been reported previously that HapMap Europeans and East Asians have undergone a selective sweep in the KITLG region on a variant that leads to lighter skin pigmentation. Haplotype patterns in the HGDP indicate that a single haplotype has swept almost to fixation in nearly all non-African populations. More generally, at SNPs that strongly differentiate the HGDP Yoruba from both the Han and French, we observe that typically one allele is rare or absent in all the HGDP Africans, and at uniformly high frequency across Eurasia, the Americas, and usually Oceania. This pattern could be consistent either with sweeps across all the HGDP African populations, or with non-African sweeps that pre-date the colonization of the Americas some 15 KYA. As outlined below, it seems that in fact most of these signals are, like KITLG, due to non-African sweeps.

The second pattern, the “west Eurasian sweep” is illustrated by a nonsynonymous SNP in the SLC24A5 gene. The derived allele at this SNP is also strongly associated with lighter skin color and has clear signals of selection in the HapMap Europeans and in the Middle East and south Asia. The derived allele is also at high frequency in US-sampled Indian populations, supporting the idea that the sampled Indian populations may be similar to the western eurasian HGDP populations at selected as well as neutral SNPs. The derived allele is near fixation in most of the HGDP Eurasian populations west of the Himalayas, and at low frequency elsewhere in the world. More generally, alleles that strongly differentiate the French from both the Han and Yoruba are typically present at high frequency across all of Europe, the Middle East and South Asia (an area defined here as “west Eurasia”), and at low frequency elsewhere. This pattern of sharing across the west Eurasian populations is highly consistent with observations from random markers showing that the populations in west Eurasia form a single cluster in some analyses of worldwide population structure. Allele frequencies at high- FST SNPs in two central Asian populations, the Uygur and Hazara, tend to be intermediate between west Eurasia and east Asia, consistent with observations that these populations have recent mixed ancestry between west Eurasia and east Asia.

Finally, the “east Asian sweep” pattern is defined by SNPs that differentiate the Han from French and Yoruba. One example is provided by a nonsynonymous SNP in the MC1R gene, for which the derived allele is at high frequency in the east Asian and American populations, and virtually absent elsewhere. MC1R plays an important role in skin and hair coloration, although the functional impact of this variant in MC1R–if any–is unknown. A nonsynonymous SNP in the EDAR gene that affects hair morphology shows a very similar geographic pattern. It is interesting that although west Eurasians and east Asians have both evolved towards lighter skin pigmentation, they have done so via largely independent sets of genes. This suggests that favored mutations have not spread freely between the two regions.

It should be noted that rare examples of strong frequency clines within geographic regions do exist, in contrast to the sharp steps seen in Figure 3. For example, SNPs in the lactase and Toll-like receptor 6 gene regions are among the most differentiated SNPs between the French and Palestinian populations and are strongly clinal across Europe. However, these clinal alleles do not appear in Figure 3 because the values for these SNPs between the Yoruba, French and Han are less extreme than for the SNPs in Figure 3. We suggest that these alleles may represent relatively recent selection events that have not yet generated extremely large frequency differences between continental groups or had time to disperse more evenly across a broad geographic region.
Abrupte und fließende Übergänge in der geographischen Verteilung von Genen

Hier werden also einerseits Gensequenzen charakterisiert, die jeweils Haut- und Haarfarbe hervorrufen und deren geographische Verteilung zwischen den Kontinenten sich vergleichsweise abrupt ändert - abgesehen von kleineren Mischbevölkerungen wie den Uiguren und Hazara in Zentralasien. Von diesen kontinentalen Gen-Unterschieden (die also "Rassen" unterscheiden) kann angenommen werden, daß sie schon sehr früh evoluierten und sehr alt sind. Überraschenderweise sind dabei Gene für helle Haut in Ostasien und Europa unterschiedlich evoluiert.

Andererseits werden Gensequenzen charakterisiert, deren geographische Verteilung sich graduell ("clinal") ändert, also fließende Übergänge aufzeigt. Als Beispiel wird das viel zitierte Erwachsenen-Milchverdauungs-Gen genannt. Die graduell unterschiedliche Häufigkeitsverteilung von Nordeuropa nach Süden weist nach Ansicht der Forscher auf ein jüngeres Entstehungsdatum hin. Und dann machen die Forscher noch auf einen anderen wichtigen Umstand aufmerksam:
Although there should be sets of populations that share particular selective pressures despite not being closely related, the data do not provide obvious examples of this. For example, recall that within Eurasia, the geographic distribution of the skin pigmentation locus SLC24A5 agrees with population structure estimated from neutral markers, rather than with latitude or climate.
Nicht das Klima, sondern Prozesse der Gruppenselektion formten den Menschen

Das steht in mehr oder weniger auffälligem Unterschied zu bisherigen Annahmen über die Humanevolution: Die genetischen Populationsunterschiede sind also weniger mit einer sehr direkten Anpassungen an das Klima vor Ort in Zusammenhang zu bringen, eine Anpassung, die sich dann auch graduell mit dem Klima ändern müßte (und die das einzige sind, was Dewald, s.o. offenbar bereit ist, Produkt von Selektion zu nennen), sondern sie gehen parallel mit jenen genetischen Verwandtschaftsgraden, die auch schon in selektionsneutralen (also nicht kodierenden) Genomabschnitten festgestellt worden waren.

Und das weist wiederum darauf hin, daß nicht die Anpassung an das Klima der wichtigste formende Faktor in den humangenetischen Populationsunterschieden war, sondern die Bevölkerungsgeschichte an sich, die historischen Schicksale, die Wanderungen, Überlagerungen, das heißt also Prozesse der Gruppenselektion und der Gen-Kultur-Koevolution. (Achtung: Die Interpretation als "Gruppenselektion" ist eine Eigeninterpretation des Autors dieser Zeilen, sie ist nicht im Forschungsartikel selbst enthalten.) - Etwas später schreiben die Forscher:
This explanation does not imply an absence of positive selection in the Yoruba. (...) African populations have presumably also experienced a variety of new selection pressures during the same time-period, due to the appearance of new pathogens, changes in diet, etc. While these pressures may have been less numerous or sustained than in non-Africans, there may also be reasons why we might have lower power to detect them.
Es geht den Forschern also fortlaufend um Selektion und sie sagen keineswegs, daß die Selektion keine Rolle gespielt hätte. Und man findet bislang, so die Forscher, auf der Nordhalbkugel noch wesentlich deutlichere Anzeichen von genetischer Selektion als in afrikanischen Bevölkerungen. Das könnte auch durchaus ein Hinweis darauf sein, daß grundlegend humanevolutionär Neues (etwa höherer IQ) erst nach der Auswanderung aus Afrika evoluierte und erst mit diesem zusammenhängend dann eben auch Hautfarbe und ähnliche Dinge.

- Das Credo von "Studium generale" in diesen Zusammenhängen: Menschlichkeit bewährt sich daran, wie man mit Unterschieden umgeht. Sie plakativ wegzuleugnen, kann noch nicht der höchste, erreichbare Grad von Menschlichkeit sein. Es stellt möglicherweise sogar einen recht niedrigen Grad von Menschlichkeit dar, wenn man Unterschiede erst wegleugnen muß, um dann damit human umgehen zu können.

Literatur:

ResearchBlogging.org1. Coop, G., Pickrell, J., Novembre, J., Kudaravalli, S., Li, J., Absher, D., Myers, R., Cavalli-Sforza, L., Feldman, M., & Pritchard, J. (2009). The Role of Geography in Human Adaptation PLoS Genetics, 5 (6) DOI: 10.1371/journal.pgen.1000500

Samstag, 17. Januar 2009

Selektion "oder" Demographie?

ResearchBlogging.org
- Oder ist nicht vielmehr Demographie "Selektion"?

In einem neuen Artikel in den "Annals of Human Genetics" (1) wird die Frage aufgeworfen, ob die in den letzten Jahren in vielfältigen Studien bekannt gewordenen auffälligen genetischen Unterschiede zwischen den Völkern und Rassen weltweit (über alle Bereiche von inneren und äußeren Körpermerkmalen und psychischen Merkmalen hinweg) vornehmlich auf lokaler Selektion in den letzten Jahrtausenden "vor Ort" beruhen oder aber möglicherweise - wie in dieser Studie nun vorschlagen - zu größeren Teilen auf demographische Effekte zurückgeführt werden können. Und demographische Effekte wären dann - nach Meinung der Autoren - eher als Zufallseffekte zu werten ("Drift").

Die Idee ist zunächst sehr spannend. Unübersehbar spielt ja die Demographie eine große Rolle in der Geschichte menschlicher Gesellschaften. Aber machen sich die Autoren nun auch ausreichend klar, daß auch Demographie selbst (will heißen: unterschiedliche Demographien von Gruppen) eine bestimmte Form von Selektion darstellen, beinhalten können, nämlich: Gruppenselektion?

Denn bevor eine kleine Gründerpopulation eine Bevölkerungsexplosion erfährt, die zu den heute beobachteten großen genetischen Unterschieden gegenüber anderen Völkern und Rassen führen, haben ja doch, können oder müssen ja doch auch Selektionsprozesse stattgefunden haben. Eine Population durchläuft erst dann eine Bevölkerungsexplosion, wenn sie sich zuvor erfolgreich evolutiv angepaßt hat an (etwaig neue) kulturelle Lebensweisen und möglicherweise auch an die natürliche Umgebung vor Ort. Die entscheidende Selektion fände dann nicht in den großen später zu Völkern angewachsenen Populationen statt, sondern vor Beginn der Besiedlung eines neuen Lebensraumes oder in der Anfangsphase der Besiedlung desselben.

Kleine Populationen leben oft lange im "Schatten" größerer Populationen

Aus der Evolution sind viele Beispiele bekannt, in denen relativ kleine Populationen lange Zeit über im "Schatten" größerer Populationen leben (etwa die Säugetiere im "Schatten" der Dinosaurier oder - auf ganz anderer Ebene: die aschkenasischen Juden im "Schatten" der sephardischen etc.), um erst sehr viel später jene Reproduktionsvorteile ausnutzen zu können, die offenbar schon lange zuvor in ihrer Lebensweise beschlossen gelegen haben mußten. Zugleich aber kann ebenfalls angenommen werden, daß es viele relativ kleine Populationen in der Evolution gegeben hat und gibt, die niemals zu einem späteren Zeitpunkt eine Bevölkerungsexplosion erfahren haben oder erfahren.

Müssen das nun "nur" Zufallsumstände sein, die zu neuen Reproduktionsvorteilen von Populationen führen? Jedenfalls muß eine Population zunächst einmal schon - oft über lange Zeiten hinweg - eine evolutionsstabile Phase durchlaufen haben, da sie ja doch lange Zeit im Schatten größerer Populationen exisiteren konnte. Und diese evolutionsstabile Phase wird doch höchstwahrscheinlich durchaus durch Selektionsereignisse auf mehreren Ebenen erreicht worden sein. Schließlich sind aschkenasische Juden genetisch etwas anderes als sephardische und Säugetiere sind genetisch etwas anderes als Dinosaurier etc..

Häufigkeitsunterschiede von Genmerkmalen zwischen Völkern sind weit verbreitet

Die Forscher schreiben
We find that large allele frequency differences between continental regions are extremely common, as they occur at almost one third of all loci.
Und an anderer Stelle:
The sheer number of loci showing such striking patterns makes it difficult to believe that these patterns have all been shaped by positive selection, as previously advocated.
Und:
... African populations seem therefore to have a deficit of recent positive selection (but see Hawks et al. 2007), which may be interpreted as evidence that selective pressures in recent times were more prevalent outside of Africa (Akey et al. 2004, Storz et al. 2004).
Und dann schreiben sie zur eigenen Erklärung all dieser auffälligen Befunde:
It is to disentangle the effects of positive selection from those of demography, since past demographic events such as population bottlenecks or range expansions can mimic the genetic signatures of a selective sweep ...

The colonisation of the world by modern humans was probably accompanied by a series of founder effects with subsequent local population expansions (Handley et al. 2007). Strong bottlenecks have also certainly occurred during the exit out of Africa and at the onset of the colonisation of the Americas by people from Asia (Fagundes et al. 2007, Goebel et al. 2008).
Natürlich können in Gründerpopulationen auch selektiv neutrale genetisch Nebeneffekte auftreten (über "Drift") oder sogar selektiv nachteilige Effekte, die durch andere selektive Effekte aufrecht erhalten werden (da die Nachteile zugleich mit Vorteilen einhergehen, wodurch ja allein so viele Krankheiten über so lange Zeit hinweg evolutionsstabil geblieben sein können).

Die Anfänge sind das Entscheidende

Von jenen möglicherweise häufigen und vergleichsweise kleinen Gruppen, die zuerst versuchten, Afrika Richtung Südasien, Südasien Richtung Europa und Nordasien (und Nordasien Richtung Nordamerika) (oder Osttaiwan Richtung pazifischer Inselwelt) zu verlassen, von jenen Gruppen müssen durchaus nicht alle sozial untereinander und in ihren Beziehungen zur Umwelt erfolgreich gewesen sein. Es könnten da durchaus einige Gruppen erfolgreicher gewesen sein als andere. Und das kann dann durchaus als Selektionsprozeß auf mehreren Ebenen aufgefaßt werden.

Aber möglicherweise müßte man sich auch mit dem Methodenteil der Studie noch genauer befassen, um herauszubekommen, ob demographische und selektive Effekte von den Forschern tatsächlich besser auseinandergehalten werden können als hier vorausgesetzt wird. Das wäre dann schon ungewöhnlich. Die Fragestellung selbst - makrohistorische Effekte wie Demographie von mikrohistorischen Effekten wie Selektion unterscheiden zu wollen - erscheint jedenfalls sehr spannend.

Übrigens ist zu der ganzen Thematik in den letzten Tagen von Gregory Cochran und Henry Harpending ein neues Buch erschienen - "The 10.000 Year Explosion", das mancher Beachtung wert sein dürfte (siehe ---> St.gen. Bücherregal).

Literatur:

1. T. Hofer, N. Ray, D. Wegmann, L. Excoffier (2009). Large Allele Frequency Differences between Human Continental Groups are more Likely to have Occurred by Drift During range Expansions than by Selection Annals of Human Genetics, 73 (1), 95-108 DOI: 10.1111/j.1469-1809.2008.00489.x

Montag, 15. September 2008

Wissenslogs: Die ländliche, nichtbäuerliche Wirtschaft

"Rural Nonfarm Economy" (RNE), die Entwicklung der ländlichen, nichtbäuerlichen Wirtschaft wird als ein entscheidender Faktor in der wirtschaftlichen Entwicklung der heutigen Entwicklungsländer gesehen, so erfahren wir im Interview von Stefan Ohm vom Wissenschaftsblog "Geo-Log" mit dem amerikanischen Wirtschaftswissenschaftler Steven Haggblade (Geo-Log), der zu diesem Thema gerade ein Buch veröffentlicht hat. (Amazon)

Auf dieses Thema habe ich selbst schon im Zusammenhang mit der Diskussion um die Evolution des (beruflichen) Verantwortungsbewußtseins und der Amischen hingewiesen auf den Chronologs (Natur des Glaubens von Michael Blume). Ich schrieb dort:

... Bei den Amischen kann man ja heute auch eine berufliche "Spezialisierung" im wirtschaftlichen sekundären Sektor (Handwerk usw.) beobachten, (die insbesondere von Donald Kraybill wissenschaftlich aufgearbeitet wird), da nicht alle amischen Kinder selbst Land kaufen können und selbst Landwirte werden können. Auf der Farm des Bruders richten sie deshalb handwerkliche Betriebe ein und gründen auf diese Weise selbst Familie.

Sie exerzieren gegenwärtig eine Entwicklung vor, die alle komplexer-arbeitsteiligen Gesellschaften geschichtlich durchlaufen haben, (in Mittel- und Nordeuropa besonders seit dem Frühmittelalter - aber sicherlich letztlich schon seit Einführung des Ackerbaus überhaupt).

Auch bei den Amischen ermöglicht und stabilisiert arbeitsteilige-gesellschaftliche Gliederung, Spezialisierung derjenigen, die nicht Bauern werden können, das weitere Wachstum, also die biologische Fitneß der Gruppe.

Siehe dazu das Buch von Donald Kraybill "Amish Enterprise" (Amazon).

"Pull-" und "Push-"Faktoren bezüglich ländlicher, nichtbäuerlicher Wirtschaft (NRE)

Steven Haggblade sagt nun in dem Interview:

Nonfarm earnings account for 35% to 50% of rural household income across the developing world. Landless and near-landless households everywhere depend heavily on nonfarm income for their survival, while agricultural households count on nonfarm earnings to diversify risk, moderate seasonal income swings and finance agricultural input purchases. (...)

Since many of the resource flows from agriculture to the secondary and tertiary sectors of the economy transit functionally and spatially via the rural nonfarm economy, an understanding of the forces that drive change in the RNFE becomes central to understanding the processes that drive overall economic growth. Rural households diversify into nonfarm activities in response to “pull” factors such as growing markets and rising rural purchasing power or in response to “push” factors such as falling rural wage rates and declining land availability. Thus the trajectory of rural nonfarm growth and development differs substantially across settings, driven by changes in agriculture, population and integration with urban markets.

Und dann sagt er weiter:

In successfully transforming economies, policy makers see the RNFE as a sector that can productively absorb the many agricultural workers and small farmers being squeezed out of agriculture by increasingly commercialized and capital intensive modes of farming. Given frequently low capital requirements in the nonfarm economy, policy makers in both settings view the RNFE as offering a potential pathway out of poverty for many of their rural poor.

(Ich schrieb dort gerade den folgenden Kommentar.)

Wenn ich Haggblade recht verstehe, dann sieht er im gegenwärtigen Afrika die "Zug"-Faktoren, die in einer prosperierenden landwirtschaftlichen Entwicklung liegen, positiv, die "Druck"-Faktoren, die aus einer stagnierenden oder rückläufigen landwirtschaftlichen Entwicklung folgen, als negative Folgen für die RNE. Es entsteht der Eindruck, als würde Haggblade alles von einer prosperierenden landwirtschaftlichen Entwicklung erwarten. Ich habe das Buch selbst noch nicht gelesen und würde deshalb gerne fragen: Ist dieser Eindruck richtig?

Wie war es in der europäischen Entwicklung?

Als Mittelalter- und Neuzeithistoriker würde ich dazu sagen: In der europäischen mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Entwicklung war ja alles ein bischen anders. Da bekamen nur diejenigen eine Heiratserlaubnis, die eine zuverlässige wirtschaftliche Versorgung der künftigen Familie nachweisen konnten, damit diese neu gegründeten Familien nicht künftig die Armenhäusern der jeweiligen Dörfer füllen würden, die von den Dorfbewohnern jeweils ja selbst finanziert werden mußten, ihnen selbst zur Last fielen.

Damit war ein letztlich durch "sexuelle Askese" (Max Weber) angetriebener Anreiz gegeben, sich wirtschaftlich so zu positionieren, daß man an diese wertvolle Glücks-Ressource "Sexualität" herankam (als Mann oder auch als Frau). (Auch spätes Heiraten von wirtschaftlich nicht gut Versorgten wurde dadurch gefördert, was ja die Nachkommenzahl herabsetzt.)

In der Dritten Welt gibt es diese typisch europäische mittelalterliche und frühneuzeitliche Steuerung des Bevölkerungswachstums, um allgemeinen gesellschaftlichen Rückgang des Wohlstandes zu vermeiden, so weit ich weiß ja nicht.

Übrigens gab es diese Steuerung laut dem französischen Bevölkerungswissenschaftler Pierre Chaunu ("Die verhütete Zukunft") auch nicht in der Geschichte Chinas, in der immer fast 100 % der Bevölkerung auch verheiratet war, und in der chinesische Kaiser es sich sogar zur Pflicht machten, dafür zu sorgen, daß alle Chinesen heiraten konnten. Was immer wieder zu übertrieben starkem Bevölkerungswachstum führte, ohne daß die wirtschaftliche Komplexität parallel mitwachsen konnte.

Die chinesische Geschichte war dementsprechend von geradezu periodisch wiederkehrenden, katastrophalen Bevölkerungszusammenbrüchen gekennzeichnet, die nicht zu vergleichen wären mit den parallelen in Europa. Diesen gegenüber hätte Europa eine viel kontinuierlichere Entwicklung aufzuweisen. (Ich weiß nicht, ob das alles wirklich exakt so stimmt - so aber zumindest Chaunu.)

Wenn man die Aids-Epidemie im heutigen Afrika berücksichtigt und anderes, auf das diese Gesellschaften immer noch nur sehr unflexibel reagieren können, möchte man doch meinen, daß Afrika sich - unbewußt - eher an das von Chaunu beschriebene "chinesische Modell" ökonomisch-demographischer Entwicklung hält, als an das mittelalterlich-frühneuzeitlich europäische.

Nimmt denn Haggblade in seinem Buch auch demographische Entwicklungen in die Betrachtung hinein?

Dienstag, 4. März 2008

Vorstudien zu einer "Vergleichenden Religionsdemographie" (Teil 2)

„Erfolgsmodelle der Evolution“

Reproduktionserfolge in ausgewählten Populationen (Ausbreitungschancen der Gene)

(Manuskript, entstanden Dezember 1996, Erstveröffentlichung. Erläuterung siehe voriger Beitrag)

Einleitung und Zusammenfassung

Die entscheidenden Abschnitte in der Geschichte der menschlichen Kulturen sind die Phasen des rapiden Bevölkerungs-Wachstums.

Von 1700 bis 1972 hat sich die Bevölkerung auf dem Gebiet des heutigen Deutschland verfünfacht: von 15 Millionen auf 75 Millionen. Eine Verfünfachung der Bevölkerung lag auch bei der Besiedlung Schlesiens durch die Deutschen im 13. und 14. Jahrhundert vor. Eine Verzehnfachung der Bevölkerung ergab sich bei den ersten landwirtschaftlichen Siedlungen im Vorderen Orient (nach 8.000 v. Ztr.). Von einer Verhundertfachung der Bevölkerung über Zwischenstufen geht man für die Zeit der ersten landwirtschaftlichen Siedlungen Mitteleuropas aus (nach 6.000 v. Ztr.). Bevölkerungs-Wachstum kann sich ergeben entweder
1. wenn sich die Produktion ausweitet,
2. wenn neue Besiedlungsmöglichkeiten erschlossen werden (Übersee-Kolonien, Deichbau, Entwässerung von Flußniederungen, Sümpfen, Rodung von Wäldern)
3. bei Verarmung der Bevölkerung, d. h. auf Kosten des Wohlstandes (und sogar auf Kosten ausreichender Nahrungsmittelversorgung), wenn sich während des Bevölkerungswachstums die Produktion nicht ausweitet (s. Dritte Welt).

Merkmale, die mit Reproduktions- und Produktionserfolg in menschlichen Populationen korrelieren

Wodurch sind Gemeinschaften bestimmt, die in einem starken Bevölkerungswachstum stehen und dabei nicht verarmen? Durch intensives Gemeindeleben (vgl. 1, 2):

a) Sie haben eine hohe Kinderzahl.
b) Sie sind religiös bestimmt.
c) Sie sind arbeitsteilig gegliedert.
d) Nachbarschaftshilfe, häufige Verwandten-Besuche, gemeinsame kulturelle Betätigungen herrschen vor.
e) Erschwerte äußere Bedingungen und/oder selbst auferlegte Anstrengungen sind vorherrschend.
f) „Barrieren“ (geographische, kulturelle, Heiratsschranken) zu anderen Gruppen liegen vor.

Beispiele

1. Die Hutterer

a) Die Population mit dem größten Bevölkerungswachstum der Welt: „Alle 15 bis 20 Jahre verdoppelt sich die Bevölkerung in den fruchtbaren Kolonien.“ (3, S. 142) 10 bis 12 Kinder pro Frau keine Seltenheit.
b) radikale Christen (pazifistische, protestantische Wiedertäufer) (3)
c) „Welche Bauern der Umgebung können sich so moderne Maschinen leisten? ... Wer hat die stärksten Ochsen, und wer erntet den besten Weizen?“ (3, S. 53) Vielseitigkeit, Ökonomie des verteilten Risikos
d) „... erinnert mich diese Gesellschaft hier an einen fleißigen Ameisenhaufen oder einen emsigen Bienenstock, in dem jeder dem anderen zuarbeitet ... für ‚unsre hailiga Gmah’“ (3, S. 110)
e) legen sich selbst Steine in den Weg: "gute Zeiten machen schlechte Christen", das „böse Fleisch“ soll leiden
f) gegenüber den „Englischen“

Geschichtlicher Hintergrund: 1875 - 1877 Einwanderung in die USA aus der Ukraine („Odyssee“ der Hutterer: zuvor in Siebenbürgen, davor bis 1593 in Mähren). 1756 stieß in Siebenbürgen eine aus Kärnten vertriebene 65-köpfige Gruppe von Kryptoprotestanten dazu, von der heute die meisten der 30.000 bis 33.000 Hutterer in den 300 (200?) Kolonien im Grenzgebiet USA/Kanada (1986) (4, S. 2, 19) abstammen (4, S. 199, 203): Es gibt bei ihnen im Wesentlichen nur 15 Familiennamen, die auf drei Dörfer im Drautal in Kärnten zurückverfolgt werden können. Von den 33.000 leben 11.300 in Kanada (4, S. 124, 305).

2. Die Amischen

a) 7 Kinder pro Ehe (1, S. 37) „Verdreifachung in jeder Generation“ (5, S. 76)
b) radikale Christen (pazifistische, protestantische Wiedertäufer, s. a. pazifistische Hinnahme des „Hochstetler Massacre“ an ihnen durch Indianer 1757 ohne Gegenwehr).
c) In einer Gemeinde von 200 Personen ein „Völliger Diener“ (Bischof), zwei „Prediger“, ein „Armendiener“ (Arbeitsorganisator) (5, S. 60f), Lehrer(in) (5, S. 78, 108; 6), landwirtschaftliche und handwerkliche Selbstversorgung (5, S. 54 - 66), Barn-raising („Dieses eindrucksvolle Ergebnis kann nur erreicht werden, weil bis zu 200 Amish-Männer gleichzeitig zusammenarbeiten.“) (5, S. 82 - 85; 2, S. ..), “Quilts” (Patchworkdecken) (5, S. 100) “Today, although 30 percent of married Amishmen are not farming, many of their jobs indirectly support farm economy.” (6, S. 197)
Luftpumpen und Luftpumpen-Systeme, Bäckerei, Batterien und Elektronik, Bienenhaltung-Zubehör, Buchhändler, Metzger, Tischlerei, Kutschen, Uhrenreperatur, Stoffe, Textilien, Motorreperatur, Zäune, Fließenleger, Gießerei, Möbel, Lebensmittelläden, Eisenwaren, Hut-Herstellung, Apotheke, Hufschmied, Haushaltsgeräte, hydraulische Systeme, Laternen-Herstellung, Leder und Pferdegeschirr, Holzhaus-Bau, Maschinen-Montage, Maschinen-Bau, Maschinen-Reperatur, Maurer, Klemptner, Drucker, „Quilts“, Einzelhandel, Straßenstände, Dachdecker, Wasserkraft, Anstreicher, Speicherhaus-Bau, Sturm-Fenster und Glas, Blech-Fabrikation, Grabsteine, Spielzeug, Polstermöbel, Gemüse, Floristen, Waschmaschinen-Handel u. v. m.
„In general, the products and services must be compatible with Amish values. ... Few Amish work in service or information roles that require formal education and extensive interaction with the outside world. ... Not all the nonfarm jobs cater to the peculiar needs of the Amish community; many serve the larger society.” (6, S. 201 - 206)
Es gibt „keine Armut unter den Mitgliedern der untersuchten Gruppe. Im Gegenteil, die Amish sind relativ vermögend.“ (5, S. 101)
d) „Diese Besuche bei Verwandten oder Freunden in anderen Gemeinden spielen eine hervorragende Rolle im Leben der Old Order Amish People.“ (5, S. 63, 53, 59) Abendliches Bibel-Lesen in der Familie (5, S. 99, 105); „Rum-Springa“ der Jugend (5, S. 110ff); „Barn-Dance“ (6).
e) Kein elektrischer Strom, kein Blitzableiter, keine Schädlingsbekämfungsmittel, Pferdewagen usw.
f) gegenüber den „Englischen“

Hintergrund: Seit 1713 aus der Schweiz und dem Elsaß in den USA eingewandert. (5, S. 34f) 1980 87.000 Personen Old Order Amish (5, S. 23). Während die Hutterer ihr Bevölkerungs-Wachstum in die Gründung neuer Kolonien einmünden lassen, geht dieser bei den Amischen derzeit in weitere berufliche Spezialisierung ein, da für sie neuer Landkauf meistens zu teuer ist.

3. Die Mennoniten allgemein

Besiedlung des Dollart?, Eindeichungen in Ostfriesland, in der Weichselniederungen, in Rußland und in den USA (Pennsylvania, Ohio u. a.)
a) ?
b) protestantisch
c) ?
d) ?
e) ja
f) ja? (7)

4. Bergbauern-Gemeinde Embd (Schweiz, Wallis)

a) Geburten-Überschuß von 18,9 auf Tausend (1931 - 1954) (Schweiz allgemein: 6,1 auf Tausend); jede 4. Ehe 9 und mehr Kinder (8, S. 21f)
b) katholisch (8, S. 25)
c) Schreiner, Maurer, Zimmerleute, Schmiede, Schuhmacher, Stör-Metzger, Korbmacher, zwei Mühlen, Steinbruch (8, S. 59f), sowie zwei Lehrer (8, S. 97), eine Hebamme
d) „... Dagegen hilft man sich heute noch bei den verschiedensten Arbeiten gegenseitig aus.“ (8, S. 29, 83) Zahlreiche „Geteilschaften“ (8, S. 83f) Kulturelles Gemeindeleben (8, S. 82f).
e) sehr stark (z. T. urtümlichste Wirtschaftsweise infolge stärkster Neigung der bewirtschafteten Hänge)
f) geographische Abgeschlossenheit, geringe verkehrsgeographische Erschließung (keine Straße, nur Seilbahn und Bergpfade).

1798: 149 Einwohner (8, S. 16), 1950: 395 Einwohner (= 84 Familien, aber nur 10 Familiennamen) (8, S. 19, 63, 76) (Geburtenüberschuß mündete in starke Abwanderung in die Täler, zum Teil in Auswanderung nach Übersee.)

5. Familie schlesischer Leinenfabrikanten im Eulengebirge (1709 - 1958) (n = 6 Ehefrauen)

a) 8,1 Kinder pro Frau
b) evangelisch
c) Weber, Firmengründung mit Filiale in Warschau, Gutsbesitz
d) wahrscheinlich
e) wahrscheinlich (- die berühmten schlesischen Weberunruhen im Nachbardorf)
f) Heiratsschranken (?) (9)

6. Eine deutsch-baltische Adelsfamilie (1520 - 1918) (n = 9 Ehefrauen)

a) 7,2 Kinder pro Frau
b) Evangelisch. (Der gemeinsam mit dem schwedischen Kanzler Axel Oxenstierna geadelte Stammvater der Familie war Superintendent in Riga.)
c) Bürgermeister, Burggrafen, Gerichtsassesoren, Landrichter, Landmarschälle von Livland, Ärzte
d) ?
e) ?
f) lettische Bauern (9)

7. Eine englische Fabrikantenfamilie (1730 - 1930) (n = 4 Ehefrauen)

a) 5,2 Kinder pro Frau
b) Puritaner
c) „manufacturer“, Landräte, Regierungs-Geologen (9)

8. Besiedlung der USA im 19. Jahrhundert

a) “American birth rates began the century far above European rates.” (10, S. 18) “By European standards, American birth rates were exceptionally high at the start of the nineteenth century.” (10, S. 13) “Also relativly unambiguous is the proximate cause of this exceptional growth: a birth rate which, by European standards, was high at the beginning of the century.” (10, S. 15) Die Einwanderung “was a factor of secondary importance, contributing one quarter of the total population increase in the first half of the century.” (10, S. 18f, 15)
b) überwiegend protestantisch
c) Landwirtschaftliche und Industrielle Revolution gleichzeitig.
d) ?
e) hohe Wochenstunden-Zahlen
f) (Indianer)

9. Erste landwirtschaftliche Siedlungen in Mitteleuropa (Bandkeramiker)

a) Verhundertfachung der Bevölkerung über Zwischenstufen (11, S. 28, 87), z. T. in nur 100 bis 200 Jahren
b) z. B. Jungfrauen- und andere "Bau"-Opfer
c) Steinbeil-, Keramik- und Feuerstein-Produktion zentral für ein ganzes Tal (für mehrere 100 Personen) (12).
d) ?
e) vermutlich sehr stark
f) vermutlich gegenüber den einheimischen Spätmesolithikern (Jäger-Sammler-Völker)

10. Rodungsbauern in Wolhynien (Ostpolen/Ukraine) im 19. und frühen 20. Jahrhundert

a) „allgemein hohe Kinderanteile“, Geburtenüberschuß von 22,2 auf 1.000 (13, S. 111f, 72)
b) evangelisch, „betonte Kirchlichkeit“ (13, S. 72)
c) Schuster, Schneider, Schlosser, Wagner, Brunnenmeister, Zimmerleute, Mühlenbauer, Müller (1, S. 75)
d) Nachbarschaftshilfe (13, S. 51)
e) „Sibirienarbeit“ (13, S. 43)
f) Ukrainer, Polen, Juden (13, S. 27f, 75f)

20 Familien pro Dorf (13, S. 14f)

11. Siebenbürger Sachsen

a) ?
b) ?
c) und d) Das "Nachbarschaftswesen":
„Aus ihrer Sorge um die Sicherheit und ein reibungsloses Zusammenleben waren in der Siedlung - vom Brunnen bis zur Bäckerei - gemeinsame Einrichtungen entstanden, das Schroten von Weinfässern gehörte ebenso zur Aufgabe der gesamten Nachbarschaft wie etwa die Dorfwache oder Beschlußfassung über gemeinsame Angelegenheiten. An der Spitze der Gemeinde stand der aus ihrer Mitte demokratisch gewählte ‚Nachbarhann’ - das ‚Hann’ erinnert an Hunno, den Vorsteher der alten Hunschaft -, der sein Amt, wenn er einmal dazu bestellt war, genau wie bei den Hutterern nicht ablehnen durfte. Und wie bei den Täufern erstreckte sich sein Aufsichtsrecht bis in die Wohnstuben, wurde hier mit Hilfe einer Lebensordnung rechtzeitig gebannt, was den Frieden und die Sicherheit der Gemeinschaft beeinträchtigen konnte. Der Nachbarhann wachte darüber, daß sich kein fremdes Element in seine vom deutschen Gruppengeist geprägte Dorfgemeinde drängte, wobei ihm eine ‚Altschaft’ - vergleichbar mit den hutterischen Zeugbrüdern - beratend zur Seite stand. Dieses Nachbarschaftswesen weckte den Sinn für die Notwendigkeit gemeinsamer Ordnungen, für Selbstbeschränkung, Zucht und Sitte.“ (4, S. 220) (Dorfwache, der Nacht- oder Taghut; Halten und Stellen von Soldaten)
e) Militärgrenze zum Osmanischen Reich; aus Moselfranken im 12. Jahrhundert „als rodender Arm und kriegerische Faust“ in Siebenbürgen eingewandert (4, S. 204)
f) gegenüber Rumänen

12. Schlesien im 14. Jahrhundert

a) Verfünfachung der Bevölkerung im 13. und 14. Jahrhundert
b) Klöster als Vorreiter der Besiedlung
c) Städtegründungen (Handwerk)
d) wie in Siebenbürgen?
e) Rodung
f) ?

13. Deutschland 1770 – 1972

a) Von 1700 bis 1972 hat sich die Bevölkerung auf dem Gebiet des heutigen Deutschland verfünfacht: von 15 Millionen auf 75 Millionen. (1, S. 67ff) „Diese Bevölkerungsvermehrung erfolgte nicht in allen deutschen Staaten gleichmäßig. Sie stieg zwischen 1816 und 1910 beispielsweise in Bayern und Württemberg um das Doppelte, in Preußen und Sachsen aber um das Vierfache der ursprünglichen Bewohnerschaft.“ (14, S. 192) Geborenenüberschuß (Zuwachsrate) nach 1750: 3 auf Tausend; 1816 - 1825: 16 auf Tausend; 1900/1910: 14,2 pro Tausend, 1925/1933: 5,1 pro Tausend (14, S. 150 - 153) Auswanderung im 19. Jahrhundert: rd. 5 Mio. (1, S. 69)
b) normal
c) Industrielle Revolution
d) ...
e) hohe Wochenstunden-Zahlen
f) wenig

14. Erste landwirtschaftliche Siedlungen im Vorderen Orient (akeramisches Neolithikum)

a) Verzehnfachung beim Übergang von Erntewirtschaft zu Getreideanbau (15, S. 15)
b) viele Hinweise auf Ahnenkult u. a.
c) Arbeitsteilung in Jagd und Ackerbau, zentrale Nahrungsaufbereitung für die ganze Siedlung (15, S. 24f)
d) enges stadtartiges Zusammensiedeln, Bau der Mauer von Jericho (15, S. 15)
e) sehr arbeitsintensive landwirtschaftliche Produktion (16) („Desperate times forced rise of farming“, [New Scientist, 25. 6.1994, S. 17])
f) umwohnende Jäger-Sammler- und Erntevölker-Populationen

15. Frankreich (1650 – 1730)

a) „Wir sind allesamt Kinder der ‚kinderreichen’ Familien der Vergangenheit.“ Hier „werden über 53 vom Hundert aller Kinder in kinderreichen Familien mit 6 und mehr Kindern geboren. Von 1.000 im 17. Jahrhundert in Frankreich geborenen Kindern sind beziehungsweise entstammen
42 Einzelkinder
68 Familien mit 2 Kindern
94 Familien mit 3 Kindern
131 Familien mit 4 Kindern
131 Familien mit 5 Kindern
133 Familien mit 6 Kindern
136 Familien mit 7 Kindern
120 Familien mit 8 Kindern
75 Familien mit 9 Kindern
29 Familien mit 10 Kindern
21 Familien mit 11 Kindern
11 Familien mit 12 Kindern
6 Familien mit 13 Kindern
3 Familien mit 14 Kindern.“ (17, S. 102f)

b), e) und f) „Regulierungsmechanismus Heirat“: Keine Empfängnis außerhalb der Ehe. Keine Eheschließung ohne ‚Niederlassung’. (17, S. 95f) Hohe Zahlen Unverheirateter. „Modell der Enthaltsamkeit, das die Landgeistlichen dem Bauernvolk vorlebten.“ (17, S. 85) „Uneheliche Geburten überaus selten.“ „In den Jahren 1650 - 1730 - es sind die Jahre, in denen die Instinktbeherrschung durchschnittlich am höchsten liegt - schwankt das christliche Europa zwischen 7 - 8 vom Hundert mit vorehelichem Geschlechtsverkehr in den am stärksten triebbeherrschten Kreisen und 20 - 25 vom Hundert in den laschesten Gegenden.“ (17, S. 96f)

Beispiele für eher stationäre oder schrumpfende Bevölkerungen

1. Eine niederösterreichische Bauernfamilie (1826 - 1996) (n = 3 Ehefrauen)

a) 4,3 Kinder pro Frau
b) katholisch
c) Kleinhäusler, vermögende Bauern, Offiziere, Beamte (9)

2. Eine brandenburgische Bauernfamilie (1810 - 2000) (n = 6 Ehefrauen)

a) 3,3 pro Frau
b) evangelisch
c) Bauern
d) ?
e) ?
f) nein (9)

3. Vorindustrielle Handwerkerfamilien in Oppenheim am Rhein(1650 – 1794)

a) 2 überlebende Kinder pro Ehe (4 Kinder überhaupt) (18, S. 193f)

4. Bauern der Krummhörn (Ostfriesland) (18. und 19. Jahrhundert)

a) 3,2 bis 4,2 überlebende Kinder pro Familie (4,3 bis 5,9 Lebendgeburten) (19, S. 69)
b) calvinistisch
c) Bauern
d) ?
e) ?
f) gewisse Heiratsschranken

5. USA (Los Angeles, weiße Mittelklasse) (heute) (n = 300)

a) 2,16 Kinder pro Frau (katholisch: 2,36; konfessionslos: 1,83) (2, S. 227, 232)
b) protestantisch 44 %, konfessionslos 25 %, katholisch 18 %, jüdisch 10 % (2, S. 225)
c) (70 % haben irgendwann in ihrem Leben professionelle psychiatrische Beratung aufgesucht: Psychologen [31 %], Pfarrer [25 %], Psychiater [21 %]) (2, S. 226)
d) lebende enge Verwandte (bis r = 0, 25): 14,1 (2, S. 226)
e) ?
f) ?

6. Amerikanische Ureinwohner (1490 – 1570)

a) Bevölkerungszusammenbruch von 80 bis 90 Millionen auf 12 - 15 Millionen innerhalb von 70 Jahren. „Dieser Zusammenbruch eines Fünftels der Menschheit binnen 70 Jahren ist historisch mit nichts exakt vergleichbar.“ (17, S. 118)

7. Römisches Weltreich im 4./5. Jahrhundert

a) Bevölkerungszusammenbruch von 65 bis 70 Millionen auf 18 bis 20 Millionen. Dies betrifft ein Viertel der damaligen Menschheit. (17, S. 60, 118)
_________
Literatur:

  1. Miegel, Meinhard; Wahl, Stefanie: Das Ende des Individualismus. Die Kultur des Westens zerstört sich selbst. Verlag Bonn Aktuell, München 1993
  2. Essock-Vitale, Susan M.; McGuire, Michael T.: What 70 million years hath wrought: sexual histories and reproductive sucess of a random sample of American women. In: Betzig, Laura; Borgerhoff Mulder, Monique; Turke, Paul (eds.): Human reproductive behaviour. A Darwinian perspective. Cambridge University Press, Cambridge 1988, S. 221-235
  3. Holzach, Michael: Das vergessene Volk. Ein Jahr bei den deutschen Hutterern in Kanada. Deutscher Taschenbuch-Verlag, München (11. Aufl.) 1992
  4. Längin, Bernd G.: Die Hutterer. Gefangene der Vergangenheit, Pilger der Gegenwart, Propheten der Zukunft. Goldmann-Verlag, Hamburg 1986
  5. Merk, Kurt Peter: Die Amish People. Modell einer alternativen Lebensform. Verlag Peter Lang, Frankfurt/M. 1986
  6. Kraybill, Donald B: The Riddle of Amish Culture. The John Hopkins University Press, Baltimore, London 1989
  7. Gerlach, Horst: Mein Reich ist nicht von dieser Welt. 300 Jahre Amische. 1693 - 1993. Weierhof 1993
  8. Imboden, Adrian: Die Produktions- und Lebensverhältnisse der Walliser Hochgebirsgemeinde Embd und Möglichkeiten zur Verbesserung der gegenwärtigen Lage. Verlag Schweizerische Arbeitsgemeinschaft der Bergbauern, Brugg 1956
  9. Bading, Ingo: Meine Ahnen und ihre Zeit. Facharbeit für die Mittlere Reife. (Aufarbeitung der genealogischen Unterlagen der eigenen Familie) Realschule Homberg/Efze 1982
  10. McClelland, Peter D.; Zeckhauser, Richard J.: Demographic Dimensions of the New Republic. American Interregional Migration, Vital Statistics, and Manumissions, 1800 - 1860. Cambridge University Press, Cambridge 1982
  11. Lüning, Jens: Frühe Bauern in Mitteleuropa im 6. und 5. Jahrtausend v. Chr. Jb. Röm. Germ. Zentralmus. Mainz 35/1988 (I), S. 27-93
  12. Keeley, Lawrence H.; Cahen, Daniel: Early Neolithic Forts and Villages in NE Belgium: A Preliminary Report. Journal of Field Archaeology 16/1989, S. 157-176
  13. Seraphim, Hans-Jürgen: Rodungssiedler. Agrarverfassung und Wirtschaftsentwicklung des deutschen Bauerntums in Wolhynien. Verlagsbuchhandlung Paul Parey, Berlin 1938
  14. Marschalck, Peter: Bevölkerungsgeschichte Deutschlands im 19. und 20. Jahrhundert. Suhrkamp-Verlag, Frankfurt/M. 1984
  15. Bading, Ingo: Populationsstrukturen und Transitionsvorgänge im Levanteraum vom Epi-Paläolithikum zum PPNB. Anthropologisches Seminar, Mainz 1995 (unveröffentlichtes Manuskript)
  16. Wright, Katherine I.: Ground-stone tools and hunter-gatherer subsistence in Southwest Asia. Implications for the transition to farming. American Antiquity, 59(2), 1994, S. 238-263
  17. Chaunu, Pierre: Die verhütete Zukunft. Seewald-Verlag, Stuttgart 1981
  18. Zschunke, Peter: Konfession und Alltag in Oppenheim. Beiträge zur Geschichte von Bevölkerung und Gesellschaft einer gemischtkonfessionellen Kleinstadt in der Frühen Neuzeit. Franz Steiner Verlag, Wiesbaden 1984
  19. Voland, Eckart: Differential reproductive success within the Krummhörn population (Germany, 18th and 19th Centuries. Behavioral Ecology and Sociobiology 26/1990, S. 65-72

Samstag, 16. Februar 2008

Neue Religiosität

Meine Forschungen zur Beeinflussung der Geburtenrate durch die "Lebensreform-Bewegung" und durch "Neue Religiosität", das heißt, zum demographischen "Wettbewerb der Religionen" (Stud. gen. 1, 2), darunter neuerdings als erste Fallstudie zu den Anthroposophen (Stud. gen. 1, 2, 3), veranlassen mich, die Beiträge hier auf dem Blog detaillierter zu ordnen und zu kategorisieren und dazu eine neue Katergorie einzuführen, benannt ---> "Neue Religiosität". Diese Kategorie orientiert sich an den Themen des "Arbeitskreises zur Geschichte neuer Religiosität im 20. Jahrhundert", gegründet von Prof. Stefanie von Schnurbein und Dr. Justus H. Ulbricht. (siehe Stud. gen.). *)

Aber derartige Dinge veranlassen einen doch weiterzudenken: Wie ordnet sich eigentlich ein solches Phänomen wie "Neue Religiosität", von dem ich - im Prinzip - glaube, gezeigt zu haben, daß es dazu befähigt ist, ein neues "demographisches Regime" zu etablieren (also eine neue "Bevölkerungsweise" im Sinne von Gerhard Mackenroth), wie ordnet sich ein solches Phänomen in die geschichtliche Entwicklung etwa der letzten 400 Jahre ein? Ich ordne die wesentlicheren geistigen Tendenzen der letzten 400 Jahre, die zeitlich nacheinander aber auch parallel und sich gegenseitig ergänzend und abstoßend das Denken der aufgeweckteren Menschen ihrer Zeit bestimmten, in der Weise, daß ich sage:

Auf das Vorherrschen eines äußerst erfolgreichen alten "religions-demographischen Regimes" (einer religiös bestimmten und durch Religion stabilisierten "Bevölkerungsweise") folgte geschichtlich gesehen eine lange, schwierige Phase von Versuchen und Mißerfolgen, um auf die modernen gesellschaftlichen Entwicklungen in allen Bereichen von Theorie und Praxis neue religiöse, philosophische und weltanschauliche Antworten zu geben. Das heißt, es fand und findet Selektion statt auf Gen- und Mem-, sowie auf individueller und Gruppenebene, wobei die "evolutionär erfolgreiche Anpassung" mehr oder weniger eindeutig gelingt oder mißlingt. Den Atheisten weltweit ist sie bislang jedenfalls eindeutig mißlungen. Und dabei (und dadurch) kam es auch zu den "Urkatastrophen" des 20. Jahrhunderts, zu denen nun zuletzt auch der demographische Niedergang der westlichen und verwestlichten Gesellschaften unserer Zeit gezählt werden muß.

Atheismus bewirkt den demographischen Niedergang

Eine solche Gruppierung wie die der Anthroposophen zeigt aber nun - zumindest für mich - auf, daß es prinzipiell möglich ist - und deshalb sicherlich mit geschichtlicher Notwendigkeit früher oder später günstigstensfalls auch geschehen wird und muß -, daß sich durch die Ausbreitung "Neuer Religiosität" (also neuer "Meme") in westlichen und verwestlichten Gesellschaften sich ein neues "religions-demographisches Regime" etabliert, das befähigt ist, die kulturelle Entwicklung der westlichen Gesellschaften der letzten 400 Jahre weiterzuführen, statt sie zusammenbrechen und beenden zu lassen. Dies wäre die erforderliche "Mindestproduktion innovativen Wandels", die es nach Joseph A. Tainter geben müßte, um komplexe, arbeitsteilige Gesellschaften vor dem Zusammenbruch zu bewahren und ihre Fortexistenz sicherzustellen. (Stud. gen.-Buchhandlung)

Es wäre ja doch ein hochgradiger Widersinn, daß es eine Wiederbelebung geschichtlich und geistig längst überwundener Formen von Religiosität sein sollte, die die westlichen Gesellschaften vor dem demographischen Zusammenbruch retten könnte. Daß darauf derzeit noch so viele Menschen starren und hoffen, zeigt das ganze Ausmaß an geistiger Unflexibilität unserer Zeit auf. - Jedenfalls: Aus solchen und weiteren Überlegungen ergäben sich grob die folgenden fünf Phasen in der "religions-demographischen Geschichte Europas" der letzten 400 Jahre:

1. Vor 1600: Das Vorherrschen "alter Religiosität" (des Christentums).

2. Seit etwa 1600: Kritik an der alten Religiosität (also die "Religionskritik" seit der "Aufklärung" bis zum Bestseller "Gotteswahn" von Richard Dawkins).

3. Seit etwa 1750: In der städtischen Bildungsschicht erste und vielfältige Artikulationen eines vollwertigen Ersatzes für die alte Religiosität (siehe etwa: Giordano Bruno, Naturwissenschaft, französische "Vernunftreligion", deutsche Klassik, deutscher Idealismus, deutsche Romantik - insbesondere Friedrich Hölderlin -, künstlerisches und kulturelles Schaffen in Europa etwa zwischen 1750 und 1950, umfassendere Lebensreform-Bewegungen im 20. Jahrhundert)

4. Seit etwa 1917: entseelte und zutiefst unmoralische Versuche der Etablierung von Lebensreform und "neuer Religiosität" durch die "politischen Religionen" des 20. Jahrhunderts: Kommunismus, Nationalsozialismus, Kapitalismus, Neoliberalismus und Atheismus, sowie moderne, gänzlich entseelte und moralisch völlig verflachte Entwicklungen auf allen Gebieten der Kultur und des Alltagslebens.

5. Seit etwa 1920 (und in starker Reaktion auf 4.): "Neue Religiosität" auf der Grundlage eines konsequent naturalistischen Weltbildes aber bei gleichzeitigem Leben und Formulieren einer mindestens hinlänglich vorbildlichen Moral und Ethik ("Prinzip Verantwortung"). (In vielerlei Ansätzen zu finden bei: Anthroposophen, Wandervögeln, bei Werner Heisenberg, Albert Einstein, Hans Jonas, Nicolai Hartmann, Konrad Lorenz, Adolf Portmann, Sigrid Hunke, Dieter Henrich, Hoimar von Ditfurth, Paul Davies, Richard Dawkins, David Sloan Wilson, Edward O. Wilson, John Leslie und vielen anderen mehr.)
____________

*) Gleichzeitig habe ich die Kategorie "Monotheismus" umbenannt in "Alte Religiosität [Monotheismus]" und die inzwischen zur Allerwelts-Kategorie aufgeblähte Kategorie "Religiosität" entschlackt und unbenannt in "Religiosität allgemein".

Samstag, 9. Februar 2008

"Ausländer rein!" - Judith Rosmair über die "Zukunft der westlichen Welt"

Die deutsche "Schauspielerin des Jahres 2007", Judith Rosmair, geboren 1967,
"wuchs als siebtes von zehn Kindern in einem gutbürgerlichen, ländlichen Haushalt bei Rosenheim in Bayern auf". (Abendblatt)

Die Januar-Ausgabe des Reisejournals der Deutschen Bundesbahn porträtierte sie ausführlich.



In ihrem dritten Lebensjahr stirbt ihre Mutter

Aber im "Stern" kann man noch einiges nachlesen, was dort nicht zu lesen war, nämlich daß ihre Kindheit so einfach nicht war:
Dieser dumpfe Schmerz, der niemals ganz verschwindet und der sie zum ersten Mal vor 37 Jahren traf, daheim in Ottobrunn bei München. Es sind keine einfachen Tage damals für Judith, das blasse, dünne Kind. (...)

Der Vater ernährt als Beamter die Seinen, die Mutter macht das Leben warm und sicher und verlässlich. Bis die Mutter eines Tages schlimme Kopfschmerzen bekommt und nicht mehr richtig sehen kann. Der Augenarzt findet nichts, doch die Schmerzen nehmen zu. Die Mutter fährt mit dem Fahrrad in die Klinik, es tut uns leid, eine schlimme Nachricht, Gehirntumor. Der Albtraum bis zur Operation dauert drei Monate. Drei Tage danach ist die Mutter tot. Judith ist drei Jahre alt. Und niemand ist mehr da, der ihr sagt, wie großartig sie ist.
Es ist wie nach einer Bombenexplosion. Nichts ist mehr heil. Sieben Kinder und ein Vater, mittendrin die kleine Judith, allein unter Geschwistern, zu dritt im winzigen Zimmer, ohne Rückzugsraum, ohne Trost, ohne Freude. Der Vater vergräbt sich in seinen Sorgen um die Familie und heiratet wieder; drei weitere Kinder kommen. Judith hat dunkle Ringe unter den Augen, fast kann man durch sie hindurchsehen, so dünn ist sie.

Der Schmerz bleibt. Nachts kann Judith nicht schlafen.
Nur die Flucht in eine Karriere als Ballett-Tänzerin und Schauspielerin lässt sie den Schmerz überwinden, so der Tenor des Stern-Artikels, der mit den Worten endet:
Früher wünschte sie sich, eine Fee zu sein. Eine gute Fee mit einem Zauberstab. Die könnte dafür sorgen, dass es allen gut geht. Die könnte den Tod besiegen und Gehirntumore. Und Mama zurückholen, vielleicht für eine einzige Vorstellung nur. Schau, was aus mir geworden ist. Bist du stolz auf mich?
"Hungrig nach Leben"

Und nun ist sie die deutsche "Schauspielerin des Jahres 2007" geworden und wird von der Presse gefeiert. Das "Abendblatt" berichtet über sie:
"Ich bin hungrig nach dem Leben. Es ist für mich ein einziges großes Fest", sagt sie und rollt ihre großen Augen. Sie hat viele Pläne: eine Rolle im Fernsehen, Tanzen, mehr Gesang und nach dem "Vatertag"-Erfolg ein Musikvideo zu ihrer Kismet-Rolle. "Vielleicht schreibe ich noch einen "Kismet seine Schwester"-Titel mit einer türkischen Bauchtanzgruppe. So was hat es noch nicht gegeben", sinniert Judith Rosmair.
Und sie sagt zugleich auch:
"Mich reizt die großartige Sprache der deutschen Dichter Hebbel, Kleist, Schiller und Goethe."
Aber das vielleicht Aufsehenerregendste dieser deutschen Schauspielerin ist ein Musikvideo, dass sie im August 2007 veröffentlicht hat, und dessen Text sie selbst gedichtet hat, genannt "Kismet sein Bruder", in dem sie als Frau einen türkischen Macho und Rap-Sänger imitiert. (Kismetseinbruder.de, Youtube, Spiegel Video, Spiegel Interview, itsrap.de, Stern)



Hier der leicht gekürzte Text (Kismetseinbruder.de):
Ausländer rein!

Paß auf, du, jetzt kommt
Kismet sein Bruder - hähähähä

Du säufst teuren Rotwein, laberst linken Bockmist
Und bist irre stolz, wenn Du beim Golfen mal das Loch triffst.
Du lebst so chic, Du lebst so gut -
Doch es stirbt langsam aus, dein weißes deutsches Blut.

Die Eier deiner Alten hast Du einfrieren lassen,
Dein Same ist so kostbar, den willst Du nicht verprassen,
Du hast 'n Landhaus, 'n Stadthaus, zum Pennen 'n Penthouse,
Am Weekend fährst du fett in deinem Jaguar und Benz aus.

Ihr kleinen Psychos! ihr habt Potenzprobleme
In der Glotze diskutiert ihr Fremdkultur-Theoreme,
Ihr quatscht von Freiheit, Gleichheit, Toleranz
Und seid doch heimlich neidisch auf jeden großen - - -
(Hier kommen alte Phallus- und Priapus-Kulte zum Vorschein. Wer provozieren will, kann offensichtlich nichts auslassen ...)
(...)

Ich glaub nicht an Euch, ich glaub nur an mich
Euer Gott ist der Kommerz, ihr seid alle nicht ganz dicht.
Eure Stadt, Euer Land, dieser ganze Kontinent
Sind dem Untergang geweiht, fett und renitent (...)

Bald stehen die Türken wieder vor Wien
Dann auch vor Hamburg und auch vor Berlin
Bleiberecht für Deutsche, das ist dann die Frage,
Ihr seid dann die Landesplage, so ist dann die Lage

Ey, wir vermehren uns so lang, bis euch die Glocken schellen
Und wir hier in Deutschland die Mehrheit stellen.

Ihr müsst dann kuschen, habt nix mehr zu melden
Die Minderheit seid ihr dann und wir sind hier die Helden
In zehn Jahren ist hier 'n Türke Kanzler
Und dann schnakt man Kanak-Sprak, ihr klein'n Schlappschwanzler

Auch wenn ihr aussterbt, ey!, (...)

Wir lassen euch Deutsche doch mit euch nich allein
Schwarz rot gold, wie die Fahne, werd'n die Hautfarben sein
Wir schenken euch Enkel, zahlen eure Rente ein

Wir steigern das Bruttosozialprodukt
Ja, ja, ja jetzt wird wieder in die Hände gespuckt!
Wir werden die kanakigsten Deutschländer sein
Im Heimatverein, also: Ausländer rein!

(...) wir scheißen auf Geld,
denn wir sind die Zukunft der westlichen Welt.
- Hähähähähä.
Rosmair erklärt (Abendblatt):
Der Song mit dem Titel "Ausländer rein" wirbt mit den Mitteln der derben Satire für Integration.
- Ach ja? Hätt' ich jetzt, ähm, so nicht gedacht ... Ähm ...

Deutschland soll sich als Einwanderungsland begreifen und sich die Renten von "anderen" zahlen lassen

Oder (Spiegel):
Als Performerin ist mein Hauptmotiv, die Menschen zu berühren: sie zu erfreuen, zu schockieren, sie zum Denken zu bewegen, dazu zu bringen, eine Haltung zu entwickeln.
Und dann sagt sie:
Ich glaube, es ist total wichtig, dass Deutschland sich als Einwanderungsland begreift und es als Qualität sieht, dass sich hier sehr viele Ethnien und Kulturen mischen.
Naja, wichtig, wichtig - und zumal: "total wichtig" - könnte man vieles ansehen. Und vielleicht gibt es auch noch andere Dinge, die einem wichtig sind und wozu man eine Haltung entwickeln könnte. Isch hab jetzt voll nachgedacht, ey!
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