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Dienstag, 15. April 2008

Neues zur Gründerpopulation des aschkenasischen Judentums

Auf "Gene Expression" stellt der Humangenetiker Gregory Cochran aus Utah, der insbesondere durch seine Studie zur "Naturgeschichte der aschkenasischen Intelligenz" vom Jahr 2005 bekannt geworden ist (zusammen mit Henry Harpending und Jason Hardy) ("Natural History of Ashenazi Intelligence"), eine neue genetische Studie vor, von der er glaubt, daß sie im wesentlichen ihre Hypothesen aus dem Jahr 2005 bestätigen würde. Nun aber auf einer sehr stark erweiterten Datengrundlage (GeneExpr 1, 2, Steve Sailer).

Trennung des aschkenasischen und sephardischen Judentums im Frühmittelalter

Er legt insbesondere Wert auf die Tatsache, daß das aschkenasische Judentum, also das traditionell jiddisch-sprachige, "osteuropäische" Judentum, von dem vermutet werden kann, daß es sich im Frühmittelalter am Oberrhein vom sephardischen (romanisch-sprachigen) westeuropäischen, mediterranen Judentum abgespalten hat, daß dieses aschkenasische Judentum, das 80 % des heute weltweit lebenden Judentums bildet, mit seinen ganz besonderen und spezifischen genetischen Eigenschaften, nicht als eine (populationsgenetische) Gründerpopulation, also nicht durch einen (populationsgenetischen) "Flaschenhals" entstanden ist.

Abb. 1: Esra liest aus der Thora - Fresco in der Missions-Synagoge in der von Griechen gegründeten syrischen Handelsstadt Dura-Europos, erste Hälfte des 3. Jhdt. n. Ztr.

Offenbar scheinen die neuen genetischen Befunde dafür sehr überzeugend zu sein.

Gerade in den letzten Jahren war vermutet worden, daß die aschkenasischen Juden vor etwa tausend Jahren aus einer sehr kleinen Ausgangspopulation hervorgegangen wären, daß die mütterliche Linie (das mitochondriale Genom) aufzeigen würde, daß sie zu etwa 40 % von nur acht nichtjüdischen Frauen abstammen würden, was ja nur durch eine Gründerpopulation und einen Flaschenhals würde erklärt werden können. (Literaturangabe siehe die Kommentare, in denen diese damalige These nur sehr kritisiert wird.)

Nur Selektion, keine Gründerpopulation?

Sollte also diese Meinung nun aufgegeben werden müssen?

Das wäre immerhin recht interessant. Auch ich selbst hatte bislang vermutet, daß genetische Unterschiede zwischen Völkern viel besser durch Flaschenhals-Ereignisse zu erklären sein würden, als durch bloße "Selektion" wie nun neuerdings - nach Cochran - vermutet wird. Also bloß Selektion (durch Heiratswahl und unterschiedliche Nachkommenzahlen der einzelnen Individuen innerhalb einer gegebenen Population, also durch Heiratsschranken zu anderen Populationen) in einer nach hunderttausenden von Angehörigen zählenden Population innerhalb von nur gut tausend Jahren bringt so markante genetische Unterschiede zwischen Völkern hervor, wie sie diese neue Studie ebenfalls offenbar wiederum deutlicher als jemals zuvor aufzeigt (- nach Cochran)?

Ausgeschlossen darf diese Möglichkeit scheinbar jetzt nicht mehr. Wie sollen dann aber die 40 % nichtjüdischen (weiblichen) Vorfahren in den Abstammungslinien der aschkenasischen Juden erklärt werden? Das würde heißen, daß sich im Frühmittelalter, während der Ethnogenese der heutigen europäischen Völker, viele tausende von nicht-jüdischen Frauen (deutschsprachigen höchstwahrscheinlich, wie schon der jiddische Dialekt impliziert) zum Judentum bekehrt hätten.

Man darf auf die weitere Forschungsdiskussion in diesem Bereich gespannt sein.

Die neuen Erkenntnisse müssen doch relativiert werden

- Aha, Cochran sagt in den Kommentaren noch einiges letztlich doch stark Relativierende:

Montgomery Slatkin used a historical population model with _two_ population bottlenecks. The first bottleneck in that model was the founding of the Roman Jewish population, which he modeled using a range of population sizes (150, 600, and 3,000), with a second bottleneck around 1350 (600, 3,000, and 6,000). These are the census sizes: he assumes that the effective population size was 1/3rd of census size.

You need to have populations in those size ranges - low thousands or fewer - to have any significant chance of perturbing gene frequencies enough to get the sort of mutation spectrum we see among the Ashkenazim. Even then you won't see clustering in a couple of metabolic pathways. And those scenarios have other effects on genetic statistics, effects we do not observe. Moreover, any really strong bottleneck would make a population somewhat dumber.

Das präzisiert die Sache allerdings erheblich. Eine Population von nur tausend oder mehreren hundert Individuen ist aber für mich doch eine Flaschenhals-Population! Wenn später ein Volk von Millionen Menschen daraus hervorgeht!? Natürlich handelt es sich dabei um "Gründereffekte"!

Worms oder Straßburg - oder wo?

Die Diskussion in den Kommentaren, an der sich zum Schluß auch Henry Harpending beteiligt, geht eigentlich nur darum, ob es plausibel ist, bloß wenige zig Angehörige in der Gründerpopulation anzunehmen, oder mehrere hundert. Diesen Unterschied finde ich nicht mehr gar so bedeutsam. Eine Population von tausend Menschen ist nicht mehr als ein heutiges Dorf, sicherlich nicht größer als eine durchschnittliche jüdische Gemeinde in einer frühmittelalterlichen Stadt. Ich finde das eine sehr winzige Ausgangspopulation.

- Bliebe weiter die spannende Frage: in welcher Stadt? In Straßburg? In Worms? Wäre doch ungeheuer spannend, wenn man das herausbekommen würde. Wenn man sagen könnte: Hier in dieser Stadt, an diesem Ort entstand das heute zu Millionen weltweit verbreitete aschkenasische Judentum. Ich habe noch nirgends irgendwelche guten Hypothesen von Frühmittelalter-Historikern oder -Archäologen oder Judaistik-Professoren zu dieser Frage gehört. Die wissen wahrscheinlich gar nichts von den derzeitigen Diskussionen in der Humangenetik? ... Oder interessieren sich nicht dafür?

Mittwoch, 13. Februar 2008

Zu welchen Anteilen stammen die aschkenasischen Juden von deutschen Frauen ab?


Zu Jon Entine - "Abraham's Children" (2007)


Das Buch von Jon Entine "Abraham's Children - Race, Identity, and the DNA of the Chosen People" (2007) ist eine etwas zeitaufwendigere Lektüre (400 Seiten). (siehe auch Stud. gen. 1, 2, 3) *) Ich habe alle Kapitel gründlicher durchgesehen und hoffe, nichts Wesentlicheres übersehen zu haben. Schon von Entine's Buch "Taboo" aus dem Jahr 2000 kann einem bekannt sein, daß bei Entine an den unauffälligsten Stellen die interessantesten Dinge stehen können, während er andererseits wohl als ein Autor bezeichnet werden darf, der sehr redselig schreiben kann, wobei dann nicht immer alles auf dem gleichen Niveau intellektueller Reflektiertheit stehen muß, was er schreibt.

Aber auch wenn dieses neue Buch wieder viele Anekdoten und Anekdötchen enthält, so möchte ich doch meinen, daß es kaum eine wesentliche "take away"-Botschaft vermittelt, die man nicht schon aus anderen Büchern und Veröffentlichungen hätte mitnehmen können. Freilich hat Entine erfreulicherweise einen schönen neuen Überblick gegeben, in dem fast jeder wesentliche Aspekt des Themas und fast jeder bedeutendere beteiligte Wissenschaftler bei der Erforschung des Themas wenigstens einmal irgendwo erwähnt worden ist. Auch die dazu gehörige wissenschaftliche Literatur ist dann jeweils genannt.


Eine gehörige Portion Stolz

Ganz ohne Zweifel spielt eine gehörige Portion Stolz mit, wenn Jon Entine - selbst kaum noch gläubiger Jude - die Geschichte seines Volkes vom genetischen Standpunkt aus "rekapituliert". So finden sich beispielsweise über das ganze Buch verteilt gleich drei Fallbeispiele von Menschen, die bis vor kurzem gedacht hätten, sie wären Nichtjuden, und die aufgrund von DNA-Tests herausbekommen haben, daß sie genetisch (auch) von Juden abstammen.

Badische Weinkönigin 2007/2008 - Andrea Köninger (Bildmitte)

Sicherlich war das im Dritten Reich und anderswo ziemlich nachteilig, derartiges herauszubekommen. Aber warum Jon Entine so geneigt ist, solche Einzelfälle so besonders herauszustellen, kann ich mir nur mit einem gewissen Stolz auf sein eigenes Volk und dessen "besondere" Genetik erklären.

Da ist der mexikanische, im wesentlichen spanisch-stämmige katholische Priester William Sanchez in Santa Fe (S. 13 - 25), der, nachdem er den jüdischen "Priester-Haplotyp" ("Cohanim-Haplotypen") auf seinem Y-Chromosom festgestellt hat (mithilfe der Firma "Family Tree DNA"), laut Entine so einigermaßen stolz äußert: "Being a priest runs in my family." Und dazu weiß dann Entine noch allerhand anderes zu zitieren und zu formulieren. Es scheint, als stamme Sanchez zusammen mit vielen weiteren spanisch-stämmigen Mexikanern in seiner Verwandtschaft von "Krypto-Juden" ab, die wegen der katholischen Inquistition gegen die spanischen Juden in früheren Jahrhunderte ihr Judentum verleugneten, bzw. nach Nordmexiko geflüchtet sind und dort ihre jüdische religiös-kulturelle Identität schrittweise - aber bis heute nie vollständig - verloren hatten. Aber auffällig häufen sich auch in diesen Familien die typisch jüdischen Erbkrankheiten wie Brustkrebs und andere.


Da ist der katholische, polnisch-stämmige Rechtsanwalt Cezary Fudali aus Ottawa in Kanada, der mit Hilfe der Firma "Family Tree DNA" herausbekommt, daß er nicht (nur) von Polen abstammt, sondern daß seine Großmutter als Kind einer jüdischen Mutter von Polen adoptiert worden war. (S. 267 - 269) - Ein streng gehütetes Familiengeheimnis bis vor wenigen Jahren. Und nun fragt sich dieser Rechtsanwalt laut Entine: "Is there a god for me?" Als wäre es selbstverständlich, daß wenn man jüdische Gene hätte, man auch eine besonderen Bezug zum jüdischen Gott hätte oder haben müsse. Die Selbstverständlichkeit, mit der Entine solche Überlegungen wiedergibt, leuchtet mir nicht so ganz ein, zumal doch Entine selbst sich gar nicht mehr als gläubig ansieht. Aber den überkommenen jüdischen Gott scheint er mit viel Liebe zu betrachten und er scheint ihn doch auch heute noch - "irgendwie" - für wichtig zu halten und stolz auf ihn zu sein. (Manchmal genügt für die Wahl einer Religion vielleicht wirklich nur "Nationalstolz" und Patriotismus? ...) (Das ist ungefähr so, als wäre man als Deutscher stolz darauf, wenn man feststellt, daß man - wohlgemerkt: in männlicher Linie - von irgendeiner germanischen Wotans- oder Odins-Priesterschaft abstammen würde und von daher plötzlich einen "neuen Gott" für sich entdecken würde ...)

Da ist die berühmte Gen-Pionierin Marie-Claire King, die im Jahr 1990 das erste Brustkrebs-Gen entdeckte, ausgerechnet jenes, das so viel Unheil gerade im jüdischen Volk anrichtet. Die genetischen Forschungen an ihrer eigenen Person bringen zu ihrer Überraschung auch jüdische Gene zum Vorschein, wiederum ein streng gehütetes Familiengeheimnis. In den bei solchen Dingen oft etwas schwülstig erscheinenden Worten von Jon Entine hätte sie entdeckt die "Jewish American Princess" in sich ... (S. 282 - 289).

Erbkrankheiten aufgrund von Intelligenz-Evolution?

Diese "besondere" "jüdische Genetik" - das verschweigt Entine keineswegs, sondern diskutiert es breit - bringt also auch eine nicht selten sehr heftige familiäre Häufung von schweren Erbkrankheiten mit sich. In der eigenen Familie von Jon Entine beispielsweise sind gleich mehrere nahestehende Verwandte an Brustkrebs und ähnlichen Krankheiten oft schon in frühem Lebensalter gestorben, wie er berichtet.


Da muß es einen Wissenschafts-Interessierte wie Jon Entine natürlich besonders interessieren, wenn im Jahr 2005 diese besondere Häufung von bestimmten Erbkrankheiten im jüdischen Volk erklärt wurde durch eine parallele Anhäufung von Intelligenz-Genen in demselben. Denn auch bezüglich vieler anderer Erbkrankheiten nimmt man inzwischen "stabilisierende Selektion" für diese an, wenn sie in einer größeren Häufigkeit in einer Population vorkommen, das heißt, sie können nicht nur nachteilig für diese Population gewesen sein, sondern müssen mit irgendwelchen Vorteilen verbunden, an Vorteile gekoppelt gewesen sein, sonst wären sie nicht so weit verbreitet. Die diesbezügliche Theorie von Cochran und Harpending, die auch schon mehrmals hier auf dem Blog diskutiert wurde, war sicherlich der Hauptauslöser zum Schreiben und Veröffentlichen dieses neuen Buches von Jon Entine.

Die neue "Rasseforschung" in der Humangenetik

Dieses Buch ist also eine große Sammlung von "Geschichten, die das Leben schrieb", die die Wissenschaft schrieb, und die die Weltgeschichte (bzw. Humanevolution) selbst schrieben. Der Autor hat "Dutzende" von Humangenetikern weltweit zur Thematik gesprochen und interviewt. So wird zum Beispiel viel Raum gegeben den persönlichen Geschichten der Humangenetiker, die den jüdischen "Priester-Haplotypen" entdeckten. Diese Geschichten werden geradezu "zelebriert", wie mir scheint, und was mir wiederum sehr auffällig vorkommt. "Blut" scheint für Jon Entine immer noch "ein ganz besonderer Saft" zu sein, insbesondere wenn es sich um jüdisch-orthodoxe Priester handelt.

Aber erst aus einer ganz anderen als aus der bloß auf alles "Jüdische" fokussierten Lese-Perspektive heraus könnte man, wie ich meine, die wirkliche Bedeutung dieses Buches erkennen. Meiner Meinung sollte es gar nicht in erster Linie als eine populärwissenschaftliche Berichterstattung über die derzeitige humangenetische Erforschung des jüdischen Volkes gelesen werden, sondern viel grundlegender als ein Buch über die modernen humangenetischen Forschungen überhaupt, wobei das jüdische Volk nur als ein gutes Anschauungsbeispiel dient und es deshalb durchaus sinnvoll ist, daß es im Mittelpunkt der Darstellung steht.

Aber ebenso wie schon in seinem Buch "Taboo" ist Jon Entine keineswegs nur an der Humangenetik des jüdischen Volkes interessiert. Sie dient ihm im Grunde nur als Aufhänger, um überhaupt grundlegende Fortschritte auf dem Gebiet der Humangenetik zur Darstellung zu bringen. Und darin liegt meiner Meinung nach die unbestreitbare Stärke seines neuen Buches. Denn zu dieser Thematik gibt es noch wenig populärwissenschaftliche Darstellungen. Am ehesten könnte noch Nicholas Wade's "Before the Dawn" genannt werden.


Im Kapitel 11 ab Seite 250 wird es zum Beispiel besonders interessant, wenn die Frage gestellt wird, ob es eine Zukunft der naturwissenschaftlichen Erforschung menschlicher Rassen und Völker geben wird. Und die Darstellung kommt - natürlich - zu dem Ergebnis, daß dem so sein wird, da alle derzeitigen humangenetischen Forschungen mehr oder weniger zwangsläufig darauf hinauslaufen. Hier bringt Jon Entine viele neue und nützliche Erläuterungen und Erklärungen.

Alle wichtigen Meilensteine zur Thematik werden behandelt: Die Forschungen des amerikanisch-jüdischen Anthropologen Franz Boas und seiner Schule, dann die Forschungen des italienischen Humangenetikers Luigi Lucca Cavalli-Sforza ("Human Genome Diversity Project") und schließlich von Humangenetiker Spencer Wells ("Genographic Project"). Sodann die Verkündung von führenden Humangenetikern (Francis Collins und Craig Venter) im Jahr 2000, daß man "Rasse" im menschichen Genom nicht finden würde. Und gleich darauf die Nennung und Zusammenstellung der Tatsachen und Argumente, die genau diese Behauptung als so wertlos und ganz und gar mißverständlich erkennen lassen.

Sodann wird das "Haplotype Map Project" erläutert. Und die aktuelle Einsicht der Verantwortlichen dieses Projektes, die Einsicht, die sich unter Humangenetikern weltweit ausbreitet:
"Each 'race and even ethnic groups within the races' have their own collection of diseases and specific reactions to drugs. They believe that environmental triggers for many common disorders, from cancer to asthma, that have no effect on one population group could devastate another. That's the explanation for many 'Jewish diseases'. ..." (S. 264f)
Die Entdeckung des ersten Brustkrebs-Gens durch die Humangenetikerin Mary-Claire King im Jahr 1990 wird breit geschildert, wie schon erwähnt, da dieses Brustkrebs-Gen besonders unter aschkenasischen Juden weit verbreitet ist. Die Erforschung der Tay-Sachs-Erbkrankheit, die ebenfalls überdurchschnittlich unter aschkenasischen Juden verbreitet ist, wird erläutert.

Angeborene Volks- und Rasseeigenschaften psychischer Art?

Und dann wird die Frage gestellt:
"There is grudging acceptance that the founder effect and genetic bottlenecks that result in 'ethnic' diseases may also contribute to group behavioral patterns. But which traits have a strong genetic component? Although most talk about inborn psychological or behavioral traits among Jews and other groups is plain rubbish or loose speculation, maybe not all of it is."
Sodann wird natürlich die schon erwähnte Cochran/Harpending-These zur "Naturgeschichte der aschkenasisch-jüdischen Intelligenz" aus dem Jahr 2005 erläutert. Und sodann werden die Forschungen des kalifornischen Psychologen Kevin MacDonald - allerdings eher in der Form einer herabsetzenden Karrikatur (siehe St. gen.) - nachgezeichnet.

Ruth, die hilfsbereite Nichtjüdin

Aber die entscheidende Neuerkenntnis für mich aus diesem Buch liegt gar nicht einmal in humangenetischen Erkenntnissen selbst, die referiert und diskutiert werden, sondern in der ganz erstaunlich anmutenden Möglichkeit einer orthox-religiös-jüdischen Interpretion derselben. Nämlich die sich abzeichnende Möglichkeit, daß etwa grob 40 % der Vorfahren der heutigen aschkenasischen Juden weltweit weibliche Mitteleuropäerinnen, sprich höchstwahrscheinlich deutsche Frauen vom Rhein (vielleicht aus der Zeit Karls des Großen - davor oder danach) waren, diese Tatsache also wird biblisch mit der Erzählung über "Ruth" religiös eingeordnet.


Ruth war laut Bibel eine Nichtjüdin, die ihrer jüdischen Schwiegermutter auch dann noch half, als die eigenen Töchter ihre eigene Mutter (sprich Ruth's Schwiegermutter) in der Gefahr schmählich im Stich ließen und das Weite suchten. Ruth hingegen half ihr sogar dann noch, als ihre Schwiegermutter sie bat, zu ihrem eigenen Volk zurückzukehren, da ihr Mann (also der Sohn der Schwiegermutter) gestorben war. Ja, Ruth ließ sich dann sogar willig an einen weiteren jüdischen Verwandten ihres ersten Mannes weiterverheiraten.

Auf dieses Tun blickte Jehova, wie es scheint, mit großem Wohlgefallen. Und alle Nachkommen von "Ruth" (immerhin 80 % der heutigen Juden) werden "deshalb" auch heute nach den neuesten humangenetischen Erkenntnissen noch als "Juden" gelten gelassen, selbst wenn sie in weiblicher Abstammungslinie nichtjüdische Gene in sich tragen und nach dem strengen orthodox-jüdischen Gesetz eigentlich als Nichtjuden gelten müßten. - Wie man sich diese nichtjüdischen Frauen vorstellen könnte, die die Gründerpopulation der aschkenasischen Juden am Rhein mitgebildet haben könnten, soll mit der Bebilderung dieses Beitrages angedeutet sein.

Jehova hat halt den Seinen doch allerhand Verstand mitgegeben, so daß sie sich auch noch durch die unglaublichsten wissenschaftlichen Neuerkenntnisse biblisch-religiös "hindurchwinden" können. - Oder war es doch der gesunde "Hausfrauenverstand" der deutschen Frauen vom Rhein gewesen, nicht der von Jehova mitgegebene? Nun, das wollen wir alles künftig noch genauer herausbekommen! ;-)

_________________

*) Der Grund für die Auswahl der Bebilderung findet sich in den beiden letzten Absätzen dieses Beitrages genannt.

Mittwoch, 26. Dezember 2007

"Samson" - Händels Oper macht traditionelle Gruppen- und Religionspsychologie nachvollziehbar

Zu Weihnachten kann man sich schenken lassen zum Beispiel eine vollständige CD-Aufnahme der Oper "Samson" von Georg Friedrich Händel (1685-1759) (Wiki), die im Jahr 1741 uraufgeführt wurde. Und damit kann man seine religionswissenschaftlichen und gruppenpsychologischen Studien erweitern.

G. F. Händel v. W. Hogharth (von Wiki Commons)

Diese Oper scheint sehr gut für letzteres geeignet zu sein. Geht es in ihr doch um den biblischen, israelitischen Helden Samson, der im Kampf für (seinen) Gott und für sein Volk schlimmste Leiden erfährt. Dabei werden Gott und Volk durchgängig als eine tiefe und selbstverständliche Einheit angesehen. Samson erleidet Gefangenschaft, Blindheit, Verspottung durch ein feindliches, siegreiches Volk, durch die Philister, die einen anderen Gott anbeten.

Und letzteres ist das Schlimmste: daß ein anderes Volk mit einem anderen Gott - und damit dieser Gott selbst - siegreich sind und bleiben sollen. Schließlich gibt Samson seinem Leiden und seinem Tod dadurch einen Sinn, daß er noch zahlreiche Feinde mit sich in seinen Tod hineinzieht und dadurch aus seinem Tod und Untergang ein Triumphlied, ein Siegeslied für seinen eigenen Gott und sein eigenes Volk gestaltet.

Man spürt sofort: Dieser Herr Händel und seine Zeitgenossen haben noch nie etwas von politischer Korrektheit gehört. Wahrscheinlich, nunja, führt eine gerade Linie von Händel zu Hitler. Ob das schon jemand gemerkt hat? (Google-Suche sagt: nein, erstaunlich wenige haben das bis heute gemerkt!)

Händel hat das genannte biblische Geschehen, das zu seiner Zeit ja noch ganz "naiv" gelesen und verstanden wurde (auch ohne jede verweichlichende "Metaphorik"), in eine Musik umgesetzt, die die Handlung und das Leiden des Helden - und das Mitgehen der mitfühlenden "Stammesbrüder", "Volks-" und Religionsgenossen (in Form der Frauen- und Männer-Chöre) - emotional nachvollziehbar macht, wie dies wohl selten später in ähnlicher dichter Weise geschehen ist.

Seine starken und stolzen Rhythmen, seine Sieges-Trompeten und -Gesänge, seine Klagegesänge ...

Aber eine erhöhte Bedeutung erhält all diese Musik erst, wenn man den Text ganz naiv parallel dazu liest und so ernst nimmt, wie er auch von allen Zeitgenossen Händel's und von diesem selbst ernst genommen wurde. Davon, daß Händel diesen Text ernst genommen hat, davon zeugt seine ganze Oper, die Musik von Anfang bis Ende.

Tod des Samson von Gustave Doré (1866)

Man erlebt das erschütternde Schicksal eines für seinen Gott und für sein Volk leidenden und schließlich triumphierenden Menschen. Eines Helden, von dem es abschließend heißt im Text (deutsche Übersetzung):

Glorreicher Held, mag nun dein Grab
Frieden und Ehre allzeit genießen;
nach all dem Leiden, all dem Weh
jetzt ewige Rast und süße Ruh!

Die Jungfrauen werden an Festtagen ihrerseits
sein Grab besuchen mit Blumen und dort beweinen
sein unglückliches Los bei seiner Gattenwahl. (...)

Mag jeder Held den Weg sich bahnen wie du,
durch Kummer zur Glückseligkeit. (...)

Kommt, kommt! Jetzt ist nicht die Zeit zum Klagen,
auch kein Grund zur Trauer: Samson wie Samson starb,
im Leben wie im Tod ein Held. Seinen Feinden
bleibt das Verderben; ihm der ewige Ruhm.

Laßt alle die Seraphim in glühendem Spektakel
die lauten, himmelwärts erhobenen Engelstrompeten blasen.
Laßt die Schar der Cherubime in sangesfreudigen Chören
ihre unsterblichen Harfen mit den goldenen Saiten zupfen.

"Let the bright Seraphim"

Dieser abschließende Absatz beginnt im englischen Original mit den Worten der berühmten Händel-Arie "Let the bright Seraphim", jener Sopran-Arie, die von einer Solo-Trompete begleitet wird und einer der emphatischsten Triumph- und Siegesgesänge der Menschheits- und Musikgeschichte darstellen wird. Bei Youtube findet man zahlreiche Aufnahmen dieser Arie. Die folgende erstgenannte, gesungen von einer Dänin 1993, ist die, die mir selbst am besten gefällt, aber auch die anderen haben ihre Qualitäten. (Youtube 1, 2, 3) Auch die Aufnahme eines Kinderchors ist sehr eindrucksvoll:




Auch die Arie "Total eclipse ..." ("Völlige Dunkelheit") aus dem 1. Akt, 2. Szene der Oper kann einen Eindruck von dem Geist der Oper und seines Helden insgesamt geben:




Samson besingt sein Leiden:

Völlige Dunkelheit! Keine Sonne, kein Mond,
alles finster im Mittagslicht!
O glorreiches Licht! Kein aufmunternder Strahl,
der mir die Augen erfreute mit dem willkommenen Tag!
Weshalb nur hieß Dein Ratschluß, daß ich so elend jetzt beraubt?
Nicht Sonne, Mond noch Sterne kann ich jemals sehen.

Oder die klagende, flammende Arie Samon's "Warum schläft der Gott Israels?" - "Why does the God of Israel sleeps?"




Etwas Aufrüttelnderes als diese Oper wird man selten zu hören bekommen. Georg Friedrich Händel hat diese Oper 1741 komponiert, kurz nachdem er den "Messias" vollendet hatte. Er leitete in den kommenden Jahren neun Aufführungen dieser Oper selbst. Diese riefen die volle Anerkennung im englischen Publikum hervor. Es war dies die Zeit, in der Friedrich II. von Preußen mit seinem ersten schlesischen Krieg begann.

Friedrich II. betrieb einen ähnlichen Heroen-Kult wie Händel. Dieser wurde dann vom deutschen "Sturm und Drang" und der deutschen Klassik, also von Schiller, Goethe, Hölderlin und ihren Zeitgenossen aufgenommen. Auch ein Dichter wie Klopstock muß berücksichtigt werden, wenn man diese "heroische" Zeit der mittel- und nordeuropäischen Geistes- und Kulturgeschichte verstehen will. Ohne sie sind die Französische Revolution und sind damit alle modernen abendländischen Errungenschaften nicht denkbar.

Und möglicherweise bedarf es auch eines ähnlichen Geistes, einer ähnlichen Emphase, einer ähnlichen Bereitschaft zum Leiden, eine ähnlichen Leidensfähigkeit, um den Fortbestand dieser Errungenschaften heute sicherzustellen.


(leicht ergänzt und überarbeitet: 4.11.16)

Donnerstag, 22. November 2007

"Das Judentum ist zur gänzlichen Vernichtung des Heidentums bestimmt."

Durchgeknallte neokonservative amerikanische Intellektuelle

Letztes Jahr starb in den USA ein führender neokonservativer Intellektueller, Milton Himmelfarb. Und seine Schwester Gertrude Himmelfarb hat schon dieses Jahr posthum eine Essay-Sammlung von ihm herausgebracht unter dem Titel "Jews and Gentiles". Es umfaßt vor allem Essay's, die seit vielen Jahrzehnten in der renommierten Zeitschrift "Commentary" unter der Herausgeberschaft von Norman Podhoretz erschienen sind. Dieses Buch wurde schon im April von David Gelernter, der beim konservativen "American Enterprise Institute" arbeitet, rezensiert. Die Rezension birgt allerhand Überraschungen. (AEI) Sein Urteil über dieses Buch gleich zu Beginn:
Should you happen to be a Jew or a Gentile, you will find it indispensable.
Also übersetzt:
Sollten Sie zufällig Jude oder Nichtjude sein, so werden Sie dieses Buch unentbehrlich finden.
Als gäbe es keine wichtigere Unterscheidung in der Welt als die zwischen Juden und Nichtjuden. Nun, für - manche - Juden offenbar auf jeden Fall. - Aber wer spricht denn hier eigentlich? Der nächste Satz stellt dann als geradezu selbstverständliche Tatsache hin, was in dem Buch "Israel-Lobby" von Mearsheimer und Walt gerade als heftig öffentlich umstritten - und kritikwürdig - erörtert wird (neuerdings sogar von Richard Dawkins in die öffentliche Diskussion eingebracht [siehe Michael Blume]):
Of the imposing, mostly Jewish, intellectuals who changed America forever by inventing neoconservatism (i.e., "new conservatism," progressive conservatism), Milton Himmelfarb was the one who cared first and most about religion--in particular, Judaism. Repeatedly, he described the mood of the moment with absorbing precision, but kept his eye fixed on politics and historical and religious truth.
Also übersetzt:
Von den eindrucksvollen, zumeist jüdischen Intellektuellen, die Amerika für immer umwandelten dadurch, daß sie den Neokonservatismus einführten (bzw. den "neuen Konservatismus", den fortschrittlichen Konservatismus), war Milton Himmelfarb derjenige, der zu allererst und am intensivsten Religion mitberücksichtigte - besonders die jüdische. Wiederholt beschrieb er das Tagesgeschehen mit erschöpfender Präzision. Aber er hielt sein Auge auf Politik und auf historische und religiöse Wahrheiten gerichtet.
"Die eindrucksvollen, zumeist jüdischen Intellektuellen ..."

Man höre genau hin, hier wird - wiederum ganz selbstverständlich - von "religiösen Wahrheiten" in Bezug auf das Judentum gesprochen. Weiter heißt es:
The essays here span nearly half a century, from 1949 through 1996--the time during which intellectuals took over America's universities, the universities took over American culture, and the left replaced the right as America's "Establishment" (a word that was far more popular in olden times when the Establishment was right-leaning and fun for professors to attack).
Offensichtlich ist doch der Autor der Rezension selbst Jude. Will er denn absichtlich provozieren, indem er die Thesen über die "Israel-Lobby" so schnodderig als selbstverständliches Schuljungen-Wissen voraussetzt?
Die Essay-Sammlung "Jews and Gentiles", so werden wir weiter von ihm belehrt, hat "ein Thema":

The rise of paganism in our times, and the fundamental, irreconcilable antagonism between paganism and Judaism. We must carefully distinguish (the author writes) between paganism and mere atheism. Paganism is a positive system of beliefs. Atheism dominated the "modern" age, but modernism collapsed in the turmoil of the late 1960s.

Das Thema ist also:
Der Aufstieg des Heidentums in unserer Zeit und die fundamentale, unversöhnliche Gegnerschaft zwischen dem Heidentum und dem Judentum. Wir müssen sorgfältig unterscheiden (so schreibt der Autor) zwischen Heidentum und bloßem Atheismus. Heidentum ist ein positives Glaubenssystem. Atheismus dominierte zwar das "moderne" Zeitalter. Aber diese Modernisierungsbewegung brach in den Unruhen der späten 1960er Jahre zusammen.
"Heidentum steht für Promiskuität, Not und Tod."

Der Atheismus brach schon in den späten 1960er Jahren zusammen? Merkwürdige These. Gerade damals kam er doch erst so richtig in Fahrt!? Weiter heißt es:

For Himmelfarb, paganism is the characteristic religion of today's elite--and it stands for promiscuity, misery, and death. He traces the taste for paganism to Enlightenment philosophes such as Diderot, to their 20th-century academic admirers, and to the psychotic sixties, when nature-worship and sexual promiscuity began to seem positively good and Christianity (and Judaism even more, to the extent anyone ever thought about it) began to seem evil.

Also:
Für Himmelfarb ist Heidentum die charakteristische Religion der heutigen Elite - und sie steht für Promiskuität, Not und Tod. Er führt die Vorliebe für das Heidentum auf die Philosophen der Aufklärung zurück wie Diderot und auf ihre Bewunderer im 20. Jahrhundert und auf die psychotischen 68er, als man begann, Natur-Anbetung und sexuelle Promiskuität als positiv anzusehen und das Christentum (und das Judentum noch mehr - in einem Ausmaß wie es niemand zuvor geglaubt hatte) als schlecht.
Zwischenfrage: Von welcher Elite ist denn jetzt die Rede? Doch nicht etwa jene, die mit Himmelfarb Amerika veränderte? Weiter heißt es:
Himmelfarb rottet beiläufig aber gründlich den letzten Splitter des Glaubens aus, daß Heidentum bewundernswürdig wäre.
Und das weitere ist einem viel zu dumm und geradezu absurd, als daß man es hier alles übersetzen möchte:

Himmelfarb casually but thoroughly annihilates to the last splinter the idea that paganism is admirable. Diderot admired pagan Tahiti, for example, which still (in the 21st century) strikes many people as romantic, exotic, and generally lovable. But a little research discloses that, in pagan Tahiti, an organized priesthood handled the worship of the "greater gods," who sometimes required human sacrifice; cannibalism was also on the menu, occasionally. Himmelfarb notes the bloodthirsty, "sick-making" entertainments staged in the amphitheaters of pagan Rome, a civilization much praised by Diderot and his Enlightenment colleagues. As for the Eastern spirituality sometimes admired by "soft-boiled modern pagans," as recently as 1968, India's prime minister saw fit to denounce the ritual murder of a 12-year-old boy to appease the gods at the outset of a large construction project. Bloodshed, says Himmelfarb, is "the piety of paganism."

Das absurde Allgemeinurteil lautet also:

(...) Blutvergießen, sagt Himmelfarb, ist "die Frömmigkeit des Heidentums".
"Das Judentum ist zur gänzlichen Vernichtung des Heidentums bestimmt."

Weiter heißt es in der Rezension:
Das Judentum ist der andere Teil seines Hauptthemas. Das Judentum ist zur gänzlichen Zerstörung des Heidentums bestimmt.
Im Originaltext wird dieser archaische, ganz und gar alttestamentarisch anmutende Satz im weiteren irgendwie eingeschränkt:
Judaism is the other part of his main topic. Judaism is dedicated to paganism's utter destruction. (Even though--Himmelfarb never neglects a nuance--the prophet Micah said, "For let the peoples walk each in the name of its god, but we will walk in the name of the Lord our God for ever and ever." "Sometimes I like to think," Himmelfarb writes, "that maybe [the rabbis] had a quiet weakness for pluralism.")
Also:
(Obwohl - Himmelfarb verneint niemals diese Nuance - der Prophet Micha sagte: "Laßt die Völker jedes im Namen seines Gottes leben wir werden stattdessen im Namen des Herrn, unseres Gottes für immer und ewig leben." "Manchmal möchte ich glauben," so schreibt Himmelfarb, "daß die Rabbiner eine stille Schwäche für Pluralismus hatten.")
Hört man denn hier ganz richtig ein ... zynisches Lächeln über ... "Pluralismus", religiösen Pluralismus ... heraus? Die "stille Schwäche für Pluralismus" wird nur in Klammer gesetzt aber als Hauptaufgabe des Judentums hier in der Welt wird - ganz und gar im wortwörtlichen Sinne des Alten Testamentes bestimmt: die gänzliche Zerstörung des Heidentums. Man sollte das doch festhalten. Was führende amerikanische Konservative zu äußern fähig sind am Beginn des 21. Jahrhunderts. Sollen hier nur in zynischer Weise einige Klischees bedient werden? Oder gleich alle auf einmal?

(Religiöser) Pluralismus - ja oder nein, das ist hier die Frage ...

Sodann wird - das soll hier nur kurz erwähnt werden - die Unterscheidung von Judentum und Christentum behandelt. Das Judentum würde kaum eine Hölle kennen und sei darum weniger "rachsüchtig" als das Christentum. Liest man genau, so erfährt man: Das Judentum kennt nur für Juden selbst keine Rache von Gottes Seite. Aber diese Absätze seien hier übergangen. Es ist 'eh alles schon absurd und archaisch genug. Angesehene, neokonservative Intellektuelle in den USA schreiben so etwas? - Weiter heißt es dann:

Yet Himmelfarb is careful to note that only paganism, and never Christianity, could have sponsored the Holocaust: "If one sentence could summarize Church law and practice over many centuries, it is this: the Jews are allowed to live, but not too well." This sentence is worth a couple of academic monographs and a journal paper all by itself.

Also, das Christentum kann am Holocaust nicht schuld sein, da ein Grundsatz des kirchlichen Rechtes und der kirchlichen Praxis über viele Jahrhunderte hin gelautet hätte: es ist den Juden erlaubt zu leben - aber nicht zu gut. Dieser Satz wäre eine ganze Reihe von akademischen Monographien und Zeitschriftenartikeln für sich selbst wert, so Gelernter.

Bleibt also nur das Heidentum, das am Holocaust schuld ist. Von anderen Menschheitsverbrechen muß bei dem Thema "Jews and Gentiles" ja sowieso nicht die Rede sein. (... Oder wäre nicht auch Juri Slezkine zu behandeln?) Von dem Essay über Hitler als die Ursache des Holocaust ist Gelernter dann auch nicht so recht befriedigt:

We don't hear enough about General Erich Ludendorff's anti-Christian views and Teutonic paganism. We do learn that Hitler "scorned Judaism and Christianity not like Ludendorff the Teutonizer but like Voltaire the Enlightener." But no explanation follows. There are Hitler pronouncements that support this claim (although Himmelfarb doesn't cite them); there are also pronouncements that suggest other wise--and there is the Wagner cult Hitler belonged to, the pseudo-Teutonic rites and ceremonies he loved. Himmelfarb emphasizes that the Holocaust was a pagan and not Christian phenomenon, but doesn't tell us nearly enough about Germany's paganism or Hitler's.

Übersetzt:

Wir hören nicht genug über Erich Ludendorffs antichristliche Ansichten und teutonisches Heidentum. Wie lernen, daß Hitler "das Judentum und das Christentum verachtete nicht wie Ludendorff, der Teutonisierer, sondern wie Voltaire, der Aufklärer." Aber keine Erklärung folgt. Es gibt Äußerungen von Hitler, die diese Behauptung stützen (obwohl Himmelfarb sie nicht zitiert), aber es gibt auch Äußerungen, die anderes nahelegen - und da gibt es den Wagner-Kult, dem Hitler anhing, die pseudo-teutonischen Riten und Zeremonien, die er liebte. Himmelfarb betont, daß der Holocaust ein heidnisches und nicht ein christliches Phänomen war aber er sagt uns nahezu nichts über Deutschlands Heidentum oder über das Hitlers.

Eben war noch geradezu selbstverständlich das Judentum "zur gänzlichen Vernichtung des Heidentums bestimmt" angesprochen worden (wobei offen geblieben war, mit welchen Mitteln diese Vernichtung vorangetrieben werden sollte - doch nicht etwa mit Auslands-Einsätzen amerikanischer Soldaten?), und dann macht man sich Gedanken darüber, aus welchen Gründen Antisemiten im Deutschland der 1930er Jahre "Vernichtungs-Absichten" gehegt hätten.

Keine sehr schöne gedankliche Welt jedenfalls, in der da führende amerikanische Konservative zu leben scheinen.

Dienstag, 16. Oktober 2007

Eugenik: Das Beispiel Israel heute

Abb. 1: Israelische Fahne
Fotograf: Zachi Evenor (Wiki)
In einem Zeitungsbericht (Zeit) erfährt man viel Neues über die Hochwertung von Kinderreichtum und über den Umgang mit Pränatal-Diagnostik und Unfruchtbarkeit in Israel. Viele Gedanken, die durch das Denken und Handeln während des Dritten Reiches in Deutschland diskreditiert sind, werden in Israel ausdrücklich und betont praktiziert. Es wird mit diesem Beispiel vielleicht sehr prägnant aufgezeigt, dass jeder Staat, jede Kultur, jedes Volk durch die in ihm vorherrschenden Normen und Werte sich sein eigenes eugenisches oder dysgenisches "Programm" gestaltet. Und zwar mal mehr, mal weniger bewusst. Und wahrscheinlich war das auf die eine oder andere Weise immer schon in der Menschheits-Geschichte so. Aber hier nun einige Auszüge:
Die hohe Zahl der Geburten soll das Überleben einer Nation garantieren. (...) Orthodoxe Familien bekommen im Schnitt acht bis neun Kinder, nicht selten auch mehr. (...) "Seid fruchtbar und mehret euch" (...). Für orthodoxe Gläubige ist er die erste Mitzwa: das höchste Gebot. (...)

Israel hält den Weltrekord an Gentests vor oder während der Schwangerschaft - 14 sind bei nichtorthodoxen Frauen üblich. Selbst kleinere Abweichungen von der Norm führen häufig zur Abtreibung, mitunter genügt eine Lippen-Kiefer-Gaumenspalte, die im Ultraschall auffällt. (...)

Nach einer vergleichenden Untersuchung aus den neunziger Jahren fanden es zwei Drittel der israelischen Humangenetiker unverantwortlich, wissentlich ein Kind mit schweren Erbschäden zur Welt zu bringen. Nur acht Prozent der deutschen Kollegen teilten diese Ansicht. (...) In der Bundesrepublik ist der Begriff "Eugenik" hoch belastet. In Israel ist er es nicht. (...)

Die PID, in anderen Ländern verboten oder nur bei schweren Erbkrankheiten erlaubt, setzt Dor auch ein, um taube oder blinde Embryonen zu erkennen. Demnächst will er die vorgeburtliche Diagnostik auf das BRCA-Gen ausdehnen – die Trägerinnen werden vielleicht als Erwachsene an Brustkrebs erkranken. (...)

Freiwillige Kinderlosigkeit existiert in Israel so gut wie nicht. "Single zu sein ist schon schwierig in Israel (...) aber keine Kinder zu haben, das ist, als wäre man ein spinnerter Sonderling." (...)

Beispielsweise praktiziert Israel ein Bevölkerungsscreening, das so ausgefeilt ist wie nirgendwo auf der Welt: Eine Frau im fortpflanzungsfähigen Alter wird auf versteckte Erbkrankheiten untersucht, bei positivem Befund auch ihr Mann, und falls beide Träger eines bestimmten Gens sind, wird später auch der Embryo oder Fötus gescreent, weil er ein Risiko hätte zu erkranken. Die israelische Vereinigung der Humangenetiker empfiehlt für bestimmte Gruppen der Bevölkerung 14 verschiedene Tests. Gefahndet wird etwa nach dem Tay-Sachs-Syndrom, einer unter osteuropäischen Juden vermehrt auftretenden genetischen Störung, die im Kleinkindalter zum Tod führt; aber auch nach der Stoffwechselkrankheit Mukoviszidose, bei der Neugeborene heute eine Lebenserwartung von bis zu 50 Jahren haben. Rund ein Dutzend weiterer Tests werden zwar nicht empfohlen, aber praktiziert. In Deutschland gibt es noch kein Bevölkerungsscreening auf genetisch bedingte Erkrankungen. (...)

Im Zentralcomputer von Dor Yeshorim sind genetische Daten von mehr als 200000 orthodoxen Juden aus Israel, den USA und Europa gespeichert. Die Organisation wurde in den achtziger Jahren von dem New Yorker Rabbiner Joseph Ekstein gegründet, der vier seiner zehn Kinder durch das Tay-Sachs-Syndrom verloren hatte. Bereits mit 17 Jahren liefern junge Orthodoxe der Einrichtung ihre Blutproben und lassen sie auf versteckte genetische Krankheiten testen; sie zahlen dafür einen durch private Spenden subventionierten Preis von bis zu 200 Dollar. Zehn Tests sind derzeit üblich, etwa auf Tay-Sachs oder das Gaucher-Syndrom.

Jeder Teilnehmer bekommt eine mehrstellige Codenummer mitgeteilt. Wenn zwei Kandidaten von den Eltern für die arrangierte Hochzeit ausgesucht wurden, wählen sie die Brooklyner Nummer, geben ihre Codes durch und erfahren, ob sie vom Erbgut her zueinanderpassen. Lautet die Antwort "genetisch kompatibel", können sie sich näher kennenlernen und sehen, ob sie sich auch sympathisch sind. Falls aber ihrem Nachwuchs genetische Probleme drohen, verzichten die Aspiranten auf weitere Kontakte.

"Niemand würde auf die Idee kommen, keine Kinder haben zu wollen oder schwerstkranke Kinder in Kauf zu nehmen", sagt die Politikwissenschaftlerin Barbara Prainsack, die am Londoner King’s College lehrt. Dabei erfahren weder die Betroffenen noch ihre Angehörigen zu irgendeinem Zeitpunkt das individuelle Genprofil. "Dadurch wird Stigmatisierung verhindert, wie es die jüdische Religion gebietet", so Prainsack.

Dor Yeshorim erfasst nach eigenen Angaben 90 Prozent der streng orthodoxen Juden. (...)

Anders als in Deutschland ging Eugenik in Israel allerdings nie mit staatlichem Zwang einher. (...)

Behindertes Leben werde in Deutschland glorifiziert, sagt Hashiloni-Dolev, hingegen gelte es in der säkularen Tel Aviver Gesellschaft als verrückt, ein behindertes Kind zur Welt zu bringen.
Viel sehr Extremes auf diesem Gebiet in Israel stößt einen ab. Anderes wiederum erscheint nachdenkenswert. Auf einer Tagung in Berlin im November will die "Evangelische Akademie" wie im Artikel berichtet wird, ebenfalls Neues zu der Thematik lernen.
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