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Samstag, 3. Juli 2021

Schlangen und Echsen - Bei der Evolution des Lebendgebärens hinken sie hinterher

Erst vor 15 Millionen Jahren - Die Säugetiere waren viel früher 
- "Vorpreschen" und "Hinterherhinken" in der Evolution

"Lebendgebärende Landschnecken" betitelten wir vor drei Wochen einen Artikel (St.gen. 6/21). Immer noch sind wir berückt von seinem Inhalt. Daß einige Landschnecken-Arten lebendgebärend sind, wer hätte das gedacht, wer gewußt? Neue Erkenntnisse durch die Bernstein-Forschung haben auf diesen Umstand aufmerksam gemacht (1, 2). Und nun stoßen wir auf eine neue Studie zur Evolution der Eigenschaft Lebendgebärend (5), so daß der damalige Artikel hier in erweiterter Form neu eingestellt wird.

Die Eigenschaft "Lebendgebärend" (Viviparie) (Wiki) stellt ja eine außerordentlich wichtige Errungenschaft der Evolution dar. Sie bestimmt ja noch heute unser gesamtes Leben und Überleben essentiell mit - als Menschen auf diesem Planeten. Es mag ja sei, daß ein paar Bio-Technokraten die Menschheit zurück bringen wollen zur Lebensform "Eierlegend", so daß sich Eltern nur noch möglichst wenig um ihre Nachkommenschaft kümmern brauchen und daß sie diese in außerfamiliärer Umgebung zu jenem "Neuen Menschen" heranwachsen lassen wollen, den solche Bio-Technokraten bevorzugen mögen.

Abb. 1: Im Bernstein entdeckt: Eine lebendgebärende Landschnecke (aus 2)

Aber es scheint doch sehr offensichtlich zu sein, daß innerhalb der Evolution selbst eine solche Lebensform wie: "eierlegend und die Nachkommenschaft zu großen Teilen sich selbst überlassend" eine sehr archaische - man kann wohl gerne auch sagen "primitive " - Lebensform darstellt. 

Und der faszinierende Vorgang nun, der zur Überwindung solcher Primitivität führte, hat sich konvergent (Wiki) abgespielt, er ist in vielen Zweigen des Artenstammbaums zu unterschiedliche Zeiten vollzogen worden. Das heißt, zu der lang gewordenen Liste von Fällen konvergenter Evolution, die sich die Wissenschaft seit etwa 2003 bewußt macht und die man auch angefangen hat, philosophisch zu deuten (3), gehört ganz zentral auch die Eigenschaft "lebendgebärend" dazu. (Bisherige Blogbeiträge zum Thema: konvergente Evolution.) [20.5.22] Wir lesen dazu (14):

Die Lebensform Lebendgebärend ist etwa 142 mal unter den Wirbeltieren von der Lebensform Eierlegend aus evoluiert.
Viviparity has evolved from oviparity approximately 142 times among vertebrates. 

Lebendgebärenden Landschnecken gab es schon in der Kreidezeit vor 80 Millionen Jahren, also in jener Zeit, in der auch die ersten - lebendgebärenden - Säugetierarten auf der Erde lebten. In der Unteren Kreidezeit vor 160 Millionen Jahren sind Kloaken- und Beuteltiere entstanden, am Ende der Kreidezeit vor 69 Millionen Jahren Plazentatiere (siehe unten). Und spätestens mitten in dieser Zeit sind also nun sogar wirbellose Tiere wie Landschnecken zu dieser Lebensform übergegangen.

Unsere Vermutung: Die Tendenz der Natur, auf etwas hinaus zu wollen, das sehr deutlich zu umschreiben und zu charakterisieren ist (und das Simon Conway Morris erstmals auch so charakterisiert hat) (s. konvergente Evolution), ist immer schwerer zu übersehen für die Wissenschaft.

Die Natur wollte nicht nur eierlegende Reptilien auf dieser Erde, sie wollte Lebewesen, die sich als Eltern einige Zeit - später viele Jahre - um ihren Nachwuchs kümmern, sie wollte also auf eines der Grundcharakteristika alles Humanen hinaus. Unbewußt natürlich. (Denn welches Bewußtsein hätte das wollen sollen?)

Aber die Forscher denken als erstes an Nützlichkeits-Erwägungen, sie überlegen, warum die Lebensform lebendgebärend bei den Landschnecken nicht ausgestorben ist oder wo sie einen Überlebensvorteil bietet gegenüber anderen Lebensformen. Das mutet im ersten Augenblick ein wenig willkürlich und auch "nüchtern" an angesichts des Herrlichen, das mit der Lebensform "lebensgebärend" alles sonst noch so verbunden ist. Es mutet das so an, als ob Wissenschaftler von ihrem eigenen Leben und Familienleben völlig absehen würden und könnten, wenn sie an Natur und Evolution denken.

Als wenn die Lebensform lebendgebärend auch in ihrem eigenen Leben allein Nützlichkeits- und Überlebensaspekte hätte, individuelle, evolutionäre, die zu beachten wären. Und keinerlei weitere.

Und als wäre das eine Gesamterklärung. Seit Charles Darwin glauben Biologen, daß Lebensformen nur deshalb entstehen, weil sie nützlich sind. Das ist freilich ein wenig absurd. Aber irgendwann werden das ja vielleicht - sogar! - einmal Biologen verstehen. Daß das reichlich absurd ist. Nämlich die Annahme, daß Leben und die Vielfalt der Lebensformen auf dieser Erde nur deshalb entstehen würden, "damit" sie nicht aussterben.

In der Studie heißt es (2):

Man weiß, daß die Lebensform "lebendgebärend" über 160 mal im Tierreich evoluiert ist, bei Knochenfischen ...., Amphibien, Säugetieren, Schlangen und Lurchen (Squamatae) ebenso wie in zahllosen Gruppen von Wirbellosen. Eine Voraussetzung für sie ist die Befruchtung innerhalb des Körpers.
Viviparity is known to have evolved over 160 times in the animal kingdom, including boney fishes, cartilaginous fishes, amphibians, mammals and squamate reptiles as well as in numerous invertebrate groups for which internal fertilization is a precondition (Blackburn, 1999).

Und mit diesen Worten werden wir gleich noch auf einen weiteren Umstand aufmerksam gemacht: Daß innere Befruchtung Voraussetzung ist für die Lebensform "lebendgebärend", daß also eine innigere Vereinigung beider Eltern-Lebewesen notwendig ist. Eine innigere als daß bei der bloß "äußeren Befruchtung" notwendig ist. Ob auch hier die Tendenz der Natur auf etwas hinaus wollte? Oder ob es auch diese Lebensform nur deshalb gibt, damit sie nicht ausstirbt? Weil sie zugleich "nützlich" ist? 

Oder wollte die Natur womöglich auf hier noch auf wesentlich andere Dinge mehr hinaus? Immerhin könnten ja auch in diesem Fall die Forscher einmal - so nebenbei - ihr eigenes Leben betrachten ....

... Genom-Vergleiche ...

Eine weitere Frage: Sicherlich kann über Genom-Vergleiche verschiedener Schneckenarten der Ursprung der Eigenschaft "lebendgebärend" in der Stammesgeschichte auch in die Kreide-Zeit verortet werden. Aber womöglich auch noch weiter unten im Stammbaum, in einer früheren Erdepoche. Das wäre sehr spannend zu erfahren. In der Studie findet sich dazu - soweit wir sehen - vorerst nichts angedeutet. 

Da aber schon Blütenpflanzen (Angiospermen) und Säugetiere so merkwürdig zeitlich parallel zueinander evolutiert sind - was beides mit einer intensivierten Sorge um die Nachkommenschaft einher geht (10) - ob solche Gleichzeitigkeiten dann nicht auch auf Wirbellose erweitert werden können? Man möchte meinen, daß in diesem Bereich ein nächster Schritt der Erkenntnisgewinnung in der Forschung liegt. Nämlich: Wie zeitverschoben oder gleichzeitig die konvergente Evolution von Merkmalen in verschiedenen Bereichen des Artenstammbaumes stattfindet. 

Anders gefragt: Eilen Organismen-Gruppen anderen voraus in der Evolution von bestimmten Merkmalen? Vor drei Jahren war uns auffällig geworden, daß auch der Übergang von der solitären Lebensweise bei Insekten zu der Lebensform "Helfer am Nest", wodurch es dann im weiteren Verlauf zur Staatenbildung kam, sich in der Kreidezeit vollzogen hat (4). Die Staatenbildung der Termiten könnte dem aber schon im Jura voraus geeilt sein, zur Zeit erster eierlegender Säugetiere (4). Damals hatten wir auch festgehalten (4):

Man möchte das Sozialleben der Termiten übrigens aus menschlicher und männlicher Sicht - bei aller weiter fortbestehenden Fremdheit - das "sympathischste" aller staatenbildenden Insekten nennen. Denn Königin und König leben nach ihrem Hochzeitsflug lebenslang zusammen, das heißt, die Königin ersetzt nicht ein lebendes Männchen durch eine Samenbank wie das bei den anderen staatenbildenden Insekten der Fall ist. Und auch in den Arbeiterkasten kommen Tiere beider Geschlechter zum Zuge. Da wird also nicht gegen männliche Tiere "diskriminiert" wie das sonst unter den staatenbildenden Insekten der Fall ist.

Vielleicht deutet sich in diesem Umstand auch ein Grundgesetz der Evolution an: In Frühstufen der Evolution einer bestimmten Eigenschaft zeigt sich diese bestimmte Eigenschaft "vollkommener" als über viele nachfolgende Stufen dieser Eigenschaft hinweg. 

... Die Schuppenkriechtiere ....

Wissenschaft erstaunt immer wieder. Wie schnell die oben von uns noch schnöde beiseite getanen "Nützlichkeits-Erwägungen" vielmehr dennoch zum Erkenntnisfortschritt beitragen können. Und zwar bei der Erforschung der Evolution der Schlangen und Echsen - zusammen gefaßt als "Schuppenkriechtiere! (Wiki) ("Squamata"). Zu ihnen gehört beispielsweise auch das Chamäleon. Wir lesen (5):

Lebend auf die Welt kommende Junge (Viviparie) sind eine wesentliche evolutionäre Errungenschaft und sind in vielen Wirbeltier-Stammbaum-Zweigen unabhängig voneinander aus eierlegenden Wirbeltier-Stammbaum-Zweigen (Oviparie) evoluiert, am häufigsten in der Gruppe der Eidechsen und Schlangen. Obwohl die heutigen lebendgebärenden Arten unter den Schuppenkriechtieren ("squamatae") weltweit im Allgemeinen in kälteren Klimazonen leben, ist es nicht bekannt, ob die Lebensform Lebendgebärend in erster Linie als Reaktion auf kaltes Klima evoluiert ist. (...) Wir zeigen, daß stabile, langanhaltende, kühle klimatische Bedingungen korrelieren mit Übergängen zur Lebensform Lebendgebärend über alle Schuppenkriechtier-Staumbaum-Zweige hinweg. ....
Live-bearing young (viviparity) is a major evolutionary change and has evolved from egg-laying (oviparity) independently in many vertebrate lineages and most abundantly in lizards and snakes. Although contemporary viviparous squamate species generally occupy cold climatic regions across the globe, it is not known whether viviparity evolved as a response to cold climate in the first place. Here, we used available published time-calibrated squamate phylogenies and parity data on 3,498 taxa. We compared the accumulation of transitions from oviparity to viviparity relative to background diversification and a simulated binary trait. Extracting the date of each transition in the phylogenies and informed by 65 my of global palaeoclimatic data, we tested the nonexclusive hypotheses that viviparity evolved under the following: (a) cold, (b) long-term stable climatic conditions and (c) with background diversification rate. We show that stable and long-lasting cold climatic conditions are correlated with transitions to viviparity across squamates. This correlation of parity mode and palaeoclimate is mirrored by background diversification in squamates, and simulations of a binary trait also showed a similar association with palaeoclimate, meaning that trait evolution cannot be separated from squamate lineage diversification. We suggest that parity mode transitions depend on environmental and intrinsic effects and that background diversification rate may be a factor in trait diversification more generally.

In vielen früheren Blogartikeln haben wir uns mit der Evolution von Plazenta-Tieren bei den Säugetieren beschäftigt (6-11). Aus diesen geht hervor, daß Kloakentiere und Beuteltiere schon in der Unteren Kreidezeit evoluiert sind und "echte Säugetiere", also Plazentatiere - nach dem Forschungsstand von 2016 - erst in den fünf Millionen Jahren vor dem endgültigen Aussterben der Dinosaurier (9). Wie nun verhält sich dies für die Evolution der Viviparie bei Schlangen und Eidechsen? Wir lesen (5):

Bei den Schlange und Echsen (also Squamatae/Schuppenkriechtieren) haben sich die meisten Übergänge von der Oviparie zur Viviparie innerhalb der letzten 66 Millionen Jahre ergeben, maximal höchstens drei Übergänge haben sich schon vorher vollzogen. (...) Die meisten dieser Übergänge vollzogen sich innerhalb der letzten 25 Millionen Jahre (mehr als 73 % aller Übergänge). (...) Der Höhepunkt in der Häufigkeit der Übergänge liegt in der Zeit von 16 bis 11 Millionen Jahren. 25 bis 29 % aller Übergänge vollzogen sich in dieser Zeitspanne. Im größeren erdgeschichtlichen Überblick kann gesagt werden, daß die Übergänge zur Lebensform Lebendgebärend vom Späten Oligozän an (vor ungefähr 25 Millionen Jahren) deutlich häufiger wurden und daß ihre Häufigkeit im Spätem Miozän (vor 5 Millionen Jahren) wieder zurück ging.
Most transitions from oviparity to viviparity in squamate reptiles occurred within the last 66 million years (Table 1), with only up to maximally three transitions occurring earlier than that. (...) Transitions tended to occur most frequently within the last 25 million years (>73% of all transitions, irrespective of cut-off). (...) The peak of transitions was between 11 and 16 mya, with 25.0%–28.8% of all transitions occurring in this time period. On geological scales, origins of viviparity increased markedly in frequency from the late-Oligocene (around 25 mya) and decreased in the late-Miocene (around 5 mya).

Daraus wäre zu schlußfolgern, daß Schlagen und Echsen deutlich länger brauchten, um auf die Lebensform Lebendgebärend zu kommen als die "schnelleren" Kloakentiere, Beuteltiere und Echten Säugetiere. Interessanterweise gibt es für all diese Angaben auch keinerlei Unterschiede zwischen Schlangen einerseits und Echsen andererseits. Dies zeigt sehr deutlich auf, wie ähnlich sich diese beiden Gruppen in den grundlegenderen Organisationsvoraussetzungen und -strukturen, in ihrer Lebensweise sind, in dem genetisch festgelegten Rahmen der Art ihres Lebens, und zwar auch hinsichtlich der Wahrscheinlichkeit, einen Übergang zu lebendgebärend zu vollziehen.

All diese "Gleichzeitigkeiten", bzw. das "Vorpreschen" und Hinterherhinken" in dem Erwerben von Eigenschaften innerhalb der Evolution - ob diese nicht doch noch mancherlei tiefere Geheimnisse bergen? Deuten sie nicht auf grundlegendere Gesetzmäßigkeiten, die es erst noch zu finden gilt? Liegen hier nicht Antworten auf die Frage, warum Tiere überhaupt so sind wie sie sind? Der von uns so geschätzte britische Evolutionsforscher Simon Conway Morris schüttete die vielen Beispiele von konvergenter Evolution in seinem wegleitenden Buch von 2003 nur "wild durcheinander" vor dem Leser aus. Nur wenig gedanklich sortiert und geordnet. Nach weiteren Gesetzmäßigkeiten, die für konvergente Evolution gelten könnten, außer daß etwas konvergent evolutiert ist, fragte er damals noch nicht. Sein Buch war ja auch nur der erste Schritt in ein neues Forschungsfeld. Aber die Klärung solcher Fragen wird die Forschung sicherlich in vielerlei Hinsicht nach und nach deutlich weiter bringen. Nämlich im Verständnis sowohl der Spielräume wie auch der Zwänge, innerhalb denen Evolution insgseamt stattgefunden hat und auch Evolution einzelner Zweige im Artenstammbaum.

Man könnte ja - beispielsweise, auch - angesichts der späten Übergänge bei Schlagen und Echsen - die These aufstellen, nämlich für alle Zweige des Artenstammbaumes, in denen sich keine Übergänge zur Lebensform Lebendgebärend finden: Womöglich hatten diese anderen Zweige nur noch nicht genügend "Zeit", um schließlich doch auch noch auf diesen Trichter mit der Lebensform Lebendgebärend zu kommen. Also quasi noch spätere "Spätzünder" als die Schlangen und Echsen. Aber das soll nur eine von vielen möglichen Vermutungen und Hypothesen andeuten, denen jetzt nachgegangen werden kann.

Ergänzung 8.7.2021: Über die Anliegen auf dem Gebiet grundlegender evolutionstheoretischer Erwägungen des soeben verstorbenen US-amerikanischen Evolutionsbiologen David Wake (1936-2021) (Wiki) wird berichtet:

Die Arbeit von Dave hob die Notwendigkeit hervor, auch intrinsische Faktoren zu berücksichtigen wie etwa Entwicklungsmerkmale, die für einen Zweig des Artenstammbaums spezifisch sind oder konservierte anatomische Muster, die eine Auffächerung der Artenvielfalt in einem Zweig des Artenstaumbaums in bedeutsamer Weise sowohl erleichtern wie beschränken können, oft im Gegensatz zu dem, was die natürliche Selektion bewirkt.
Dave’s work highlighted the need to also consider intrinsic factors, such as lineage-specific developmental traits or conserved anatomical features, which may both facilitate and constrain diversification in significant ways, often in opposition to natural selection.

David Wake stammt übrigens von einer Familie norwegischer Auswanderer ab (13).

Abb. 2: Genomische Prägung bei lebendgebärenden Tieren: Beuteltiere, Säugetiere und Fische (aus 14) 

Ergänzung 20.5.22: In einem soeben erschienenen Übersichts-Artikel gibt es neue Überlegungen zu den Nützlichkeitserwägungen bei der Evolution der Lebensform "Lebendgebärdend". 

Die Rolle der genomischen Prägung im Zusammenhang mit der Lebensform Lebendgebärend

Es wird einleitend zunächst ausgeführt (14):

Unterschiedliche Theorien sind vorgeschlagen worden, um die Evolution jedes der Merkmale (der Lebensform Lebendgebärend) in den unterschiedlichen Artengruppen zu erklären. Keine jedoch kann auf alle lebendgebärenden Wirbeltier-Arten angewandt werden, weil die vorausgesetzten ökologischen Vorteile wie Kontrolle der Bruttemperatur oder Schutz der Eier gegen Freßfeinde sich zwischen den Artengruppen sehr stark unterscheiden.
Different theories have been proposed to explain the evolution of each of its traits in the different taxa. None, however, is applicable to all the viviparous vertebrates, since the derived ecological advantages such as controlling incubating temperature or protecting eggs against predation differ amongst clades.

Ob der Artikel nun insgesamt bessere Vorschläge zur Theoriebildung macht, sei an dieser Stelle dahingestellt. Es sei aber angeführt, daß dieser Artikel seinen Ausgang zu nehmen scheint von der interessanten Entdeckung, daß das Phänomen der genomischen Prägung einen besonderen Zusammenhang aufweisen könnte mit der Eigenschaft Lebendgebärend (14) (s. Abb. 2):

Genomische Prägung ist nachgewiesen für die Theria (Beuteltiere und Säugetiere). Außerdem ist bekannt, daß sie bei Kloakentieren oder Vögeln nicht vorkommt. Weiterhin gibt es Hinweise darauf, daß sie in mindestens einer der Arten der Fischfamilie Goodeidae (Saldivar Lemus et al. 2017) vorkommt. Die Möglichkeit der Evolution von Genablesung, die von Eltern geprägt wird, bei Reptilien, Amphibien und Fischen ist bislang wenig erforscht worden (O’Neill et al. 2000; Griffith et al. 2016; Schwartz and Bronikowski 2016). Sie bedarf größerer Aufmerksamkeit in der Zukunft.
Genomic imprinting has been documented in therian mammals, and it is known to be absent (N) in monotremes or birds. There is evidence that suggest that it is also present in at least one species of the fish family Goodeidae (Saldivar Lemus et al. 2017). The possibility of the evolution of a parent-of-origin gene expression in reptiles, amphibians and fish has been poorly investigated (O’Neill et al. 2000; Griffith et al. 2016; Schwartz and Bronikowski 2016) and deserves further attention.

Der innige Zusammenhang zwischen Muttertier und den Nachkommen während der Schwangerschaft scheint es also erst zu sein, der das Phänomen der genomischen Prägung ermöglicht. Im Forschungsbereich der Epigenetik, in den das Thema genomische Prägung gehört, gibt es ja inzwischen sehr differenzierte Überlegungen und Forschungen (siehe z.B. Stgen2017, Stgen2020). Es wäre sicherlich interessant, diese Forschungen unter dem Aspekt der her sich andeutenden Erkenntnis neu zu bewerten.  

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  1. Kreidezeitliche Schnecken-Lebendgeburt 9. Juni 2021, https://www.wissenschaft.de/erde-klima/kreidezeitliche-schnecken-lebendgeburt/
  2. Adrienne Jochum, Tingting Yu, Thomas A. Neubauer, Mother snail labors for posterity in bed of mid-Cretaceous amber, Gondwana Research, Volume 97, 2021, Pages 68-72, https://doi.org/10.1016/j.gr.2021.05.006. (https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S1342937X21001453
  3. Conway Morris, Simon: Jenseits des Zufalls. Wir Menschen im einsamen Universum. Berlin University Press, 2008, (um wichtige Eingangs-Kapitel gekürzte deutsche Fassung von: "Life’s Solution: Inevitable humans in a Lonely Universe". Cambridge University Press, 2003)
  4. Bading, Ingo: Altruismus und Tierstaaten - In welchen Erdepochen evoluierten sie in der jeweiligen Tiergruppe? Datierungen anhand der Fossilgeschichte und der Genomvergleiche, 15. Februar 2018, https://studgendeutsch.blogspot.com/2018/02/altruismus-und-tierstaaten-in-welchen.html
  5. Recknagel, H., Kamenos, N. A., & Elmer, K. R. (2021). Evolutionary origins of viviparity consistent with palaeoclimate and lineage diversification. Journal of Evolutionary Biology, 00, 1– 10. https://doi.org/10.1111/jeb.13886  
  6. Bading, Ingo: Säugetier-Evolution - Berichterstattung erweckt falschen Eindruck, 2007, https://studgendeutsch.blogspot.com/2007/04/sugetier-evolution-berichterstattung.html
  7. Bininda-Emonds, O., Cardillo, M., Jones, K. et al. The delayed rise of present-day mammals. Nature 446, 507–512 (2007). 29.3.2007, https://doi.org/10.1038/nature05634 
  8. Bading, Ingo: Die lange Evolution der frühen Säugetiere, 2008, https://studgendeutsch.blogspot.com/2008/01/die-lange-evolution-der-frhen-sugetiere.html
  9. Bading, Ingo: Plazentatiere - Sie entstanden erst unmittelbar vor Aussterben der Dinosaurier, 2016, https://studgendeutsch.blogspot.com/2016/08/plazentatiere-sie-entstanden-erst.html
  10. Bading, Ingo: Parallele Evolution gesteigerter Nachkommenfürsorge bei Pflanzen und Tieren, 2017, https://studgendeutsch.blogspot.com/2017/08/parallele-evolution-gesteigerter.html
  11. Bading, Ingo:  Ein Blick in das innere Getriebe der Evolution - Das Wiederaufblühen des Lebens nach Massenaussterben auf der Erde kann zeitlich immer genauer nachvollzogen werden, 2020, https://studgendeutsch.blogspot.com/2020/01/ein-blick-in-das-innere-getriebe-der.html
  12. David Wake: Why are there so many kinds of organisms (but especially salamanders)? James Hanken Proceedings of the National Academy of Sciences Jul 2021, 118 (27) e2110321118; DOI: 10.1073/pnas.2110321118 
  13. David Wake, 20.02.2020, UC Berkeley Retirement Center, https://youtu.be/oHKA4k7uff8.
  14. Saldívar-Lemus, Yolitzi, and Constantino Macías Garcia. "Conflict and the evolution of viviparity in vertebrates." Behavioral Ecology and Sociobiology 76.5 (2022): 1-21, https://link.springer.com/article/10.1007/s00265-022-03171-z. (Resg)

Donnerstag, 10. Juni 2021

Lebendgebärende Landschnecken!

Gibt es uns und unsere Lebendigkeit nur, weil sie "nützlich" ist?

Daß einige Landschnecken-Arten lebendgebärend sind, wer wußte das wohl bisher? Außer einigen Eingeweihten? Die Wissenschaft hat sich verschworen, um uns diese wesentliche Erkenntnis vorzuenthalten. Aber die Bernstein-Forschung bringt es an den Tag (1, 2). 

Und damit kann zur Allgemeinbildung ein weiteres Beispiel für Konvergenz (Wiki) - nämlich ein solches im Rahmen der für die Evolution so wichtige Eigenschaft "lebendgebärend" (Wiki) - hinzugefügt werden. Das heißt, die lang gewordene Liste von Fällen konvergenter Evolution, die sich die Wissenschaft seit etwa 2003 bewußt macht und die sich auch angefangen hat, philosophisch zu deuten (3), ihr wäre hiermit ein weiterer Fall hinzuzufügen. (Bisherige Blogbeiträge zum Thema: konvergente Evolution.)

Abb.: Im Bernstein entdeckt: Eine lebendgebärende Landschnecke (aus 2)

Solche lebendgebärenden Landschnecken gab es schon in der Kreidezeit vor 80 Millionen Jahren, also in jener Zeit, in der auch die ersten - lebendgebärenden - Säugetierarten auf der Erde lebten.

Unsere Vermutung: Die Tendenz der Natur, auf etwas hinaus zu wollen, das sehr deutlich zu umschreiben und zu charakterisieren ist (und das Simon Conway Morris erstmals auch so charakterisiert hat) (s. konvergente Evolution), ist immer schwerer zu übersehen für die Wissenschaft.

Die Natur wollte nicht nur eierlegende Reptilien auf dieser Erde, sie wollte Lebewesen, die sich als Eltern einige Zeit - später viele Jahre - um ihren Nachwuchs kümmern, sie wollte also auf eines der Grundcharakteristika alles Humanen hinaus. Unbewußt natürlich. (Denn welches Bewußtsein hätte das wollen sollen?)

Aber die Forscher haben auch gleich Nützlichkeits-Erwägungen parat, warum die Lebensform lebendgebärend bei den Landschnecken nicht ausgestorben ist. Das mutet ein wenig willkürlich an angesichts des Herrlichen, das mit der Lebensform "lebensgebärend" alles sonst noch so verbunden ist. Das mutet so an, als ob Wissenschaftler von ihrem eigenen Leben und Familienleben völlig absehen würden und könnten, wenn sie an Natur und Evolution denken.

Und als wäre das eine Gesamterklärung. Seit Charles Darwin glauben Biologen, daß Lebensformen nur deshalb entstehen, weil sie nützlich sind. Das ist freilich ein wenig absurd. Aber irgendwann werden das ja vielleicht - sogar! - einmal Biologen verstehen. Daß das reichlich absurd ist. Nämlich die Annahme, daß Leben und die Vielfalt der Lebensformen auf dieser Erde nur deshalb entstehen würden, "damit" sie nicht aussterben.

In der Studie heißt es (2):

Man weiß, daß die Lebensform "lebendgebärend" über 160 mal im Tierreich evoluiert ist, einschließlich bei Knochenfischen .... Amphibien, Säugetieren und ... Reptilien ebenso wie in zahllosen Gruppen von Wirbellosen. Eine Voraussetzung für sie ist die Befruchtung innerhalb des Körpers.
Viviparity is known to have evolved over 160 times in the animal kingdom, including boney fishes, cartilaginous fishes, amphibians, mammals and squamate reptiles as well as in numerous invertebrate groups for which internal fertilization is a precondition (Blackburn, 1999).

Wir werden hier gleich noch auf einen weiteren bedeutsamen Umstand aufmerksam gemacht: Daß innere Befruchtung Voraussetzung für die Lebensform "lebendgebärend" ist, daß also eine innigere Vereinigung beider Eltern-Lebewesen notwendig ist. Eine innigere als daß sonst so bei der bloß "äußeren Befruchtung" notwendig ist. Ob auch hier die Tendenz der Natur auf etwas hinaus wollte? Oder ob es auch diese Lebensform nur deshalb gibt, damit sie nicht ausstirbt? Weil sie zugleich "nützlich" ist? 

Oder wollte die Natur womöglich auf hier noch auf wesentlich andere Dinge mehr hinaus? Immerhin könnten ja auch in diesem Fall die Forscher einmal - so nebenbei - ihr eigenes Leben betrachten ....

... Und Genom-Vergleiche ... ?

Und weitere Frage: Ob nicht über Genom-Vergleiche verschiedener Schneckenarten der Ursprung der Eigenschaft "lebendgebärend" in der Stammesgeschichte auch in die Kreide-Zeit zu verorten ist? Oder womöglich noch weiter unten im Stammbaum? In einer früheren Erdepoche? Das wäre doch sehr spannend zu erfahren. Darüber aber findet sich in der Studie - soweit wir sehen - vorerst nichts. 

Da aber schon Blütenpflanzen (Angiospermen) und Säugetiere so merkwürdig zeitlich parallel zueinander evolutiert sind - was beides mit einer intensivierten Sorge um die Nachkommenschaft einher geht - ob solche Gleichzeitigkeiten dann nicht auch auf Wirbellose erweitert werden können? Man möchte meinen, daß in diesem Bereich ein nächster Schritt der Erkenntnisgewinnung in der Forschung liegt. Nämlich: Wie zeitverschoben oder gleichzeitig die konvergente Evolution von Merkmalen stattfindet. 

Anders gefragt: Eilen Organismen-Gruppen anderen voraus in der Evolution von bestimmten Merkmalen? Vor drei Jahren war uns auffällig geworden, daß auch der Übergang von der solitären Lebensweise bei Insekten zu der Lebensform "Helfer am Nest", wodurch es dann zur Staatenbildung kam, sich in der Kreidezeit vollzogen hat (4). Die Staatenbildung der Termiten könnte dem aber schon im Jura voraus geeilt sein, zur Zeit erster eierlegender Säugetiere (4). Damals hatten wir auch festgehalten (4):

Man möchte das Sozialleben der Termiten übrigens aus menschlicher und männlicher Sicht - bei aller weiter fortbestehenden Fremdheit - das "sympathischste" aller staatenbildenden Insekten nennen. Denn Königin und König leben nach ihrem Hochzeitsflug lebenslang zusammen, das heißt, die Königin ersetzt nicht ein lebendes Männchen durch eine Samenbank wie das bei den anderen staatenbildenden Insekten der Fall ist. Und auch in den Arbeiterkasten kommen Tiere beider Geschlechter zum Zuge. Da wird also nicht gegen männliche Tiere "diskriminiert" wie das sonst unter den staatenbildenden Insekten der Fall ist.

Vielleicht deutet sich in diesem Umstand auch ein Grundgesetz der Evolution an: In Frühstufen der Evolution einer bestimmten Eigenschaft zeigt sich diese bestimmte Eigenschaft "vollkommener" als über viele nachfolgende Stufen dieser Eigenschaft hinweg. 

... Und die Schuppenkriechtiere ....

Ergänzung, 2.7.2021. Wissenschaft erstaunt immer wieder. Wie schnell die oben von uns noch schnöde beiseite getanenen "Nützlichkeits-Erwägungen" vielmehr dennoch zum Erkenntnisfortschritt beitragen können. Und zwar hier bei der Erforschung der Evolution der Schuppenkriechtiere (Wiki) ("Squamata"), zu denen alle Schlangen und Echsen - und beispielsweise auch das Chamäleon - gehören (5):

... Am häufigsten ist die Lebensform Lebendgebärend bei Eidechsen und Schlagen evoluiert. Obwohl die heutigen lebendgebärenden Arten unter den Schuppenkriechtieren ("squamatae") weltweit im Allgemeinen in kälteren Klimazonen leben, ist es nicht bekannt, ob die Lebensform Lebendgebärend in erster Linie als Reaktion auf kaltes Klima evoluiert ist. (...) Wir zeigen, daß stabile, langanhaltende, kühle klimatische Bedingungen korreliert sind mit Übergängen zur Lebensform Lebendgebärend über alle Schuppenkriechtier-Arten hinweg. ....
Live-bearing young (viviparity) is a major evolutionary change and has evolved from egg-laying (oviparity) independently in many vertebrate lineages and most abundantly in lizards and snakes. Although contemporary viviparous squamate species generally occupy cold climatic regions across the globe, it is not known whether viviparity evolved as a response to cold climate in the first place. Here, we used available published time-calibrated squamate phylogenies and parity data on 3,498 taxa. We compared the accumulation of transitions from oviparity to viviparity relative to background diversification and a simulated binary trait. Extracting the date of each transition in the phylogenies and informed by 65 my of global palaeoclimatic data, we tested the nonexclusive hypotheses that viviparity evolved under the following: (a) cold, (b) long-term stable climatic conditions and (c) with background diversification rate. We show that stable and long-lasting cold climatic conditions are correlated with transitions to viviparity across squamates. This correlation of parity mode and palaeoclimate is mirrored by background diversification in squamates, and simulations of a binary trait also showed a similar association with palaeoclimate, meaning that trait evolution cannot be separated from squamate lineage diversification. We suggest that parity mode transitions depend on environmental and intrinsic effects and that background diversification rate may be a factor in trait diversification more generally.

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  1. Kreidezeitliche Schnecken-Lebendgeburt 9. Juni 2021, https://www.wissenschaft.de/erde-klima/kreidezeitliche-schnecken-lebendgeburt/
  2. Adrienne Jochum, Tingting Yu, Thomas A. Neubauer, Mother snail labors for posterity in bed of mid-Cretaceous amber, Gondwana Research, Volume 97, 2021, Pages 68-72, https://doi.org/10.1016/j.gr.2021.05.006. (https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S1342937X21001453
  3. Conway Morris, Simon: Jenseits des Zufalls. Wir Menschen im einsamen Universum. Berlin University Press, 2008, (um wichtige Eingangs-Kapitel gekürzte deutsche Fassung von: "Life’s Solution: Inevitable humans in a Lonely Universe". Cambridge University Press, 2003)
  4. Bading, Ingo: Altruismus und Tierstaaten - In welchen Erdepochen evoluierten sie in der jeweiligen Tiergruppe? Datierungen anhand der Fossilgeschichte und der Genomvergleiche, 15. Februar 2018, https://studgendeutsch.blogspot.com/2018/02/altruismus-und-tierstaaten-in-welchen.html
  5. Recknagel, H., Kamenos, N. A., & Elmer, K. R. (2021). Evolutionary origins of viviparity consistent with palaeoclimate and lineage diversification. Journal of Evolutionary Biology, 00, 1– 10. https://doi.org/10.1111/jeb.13886  
  6. Bininda-Emonds, O., Cardillo, M., Jones, K. et al. The delayed rise of present-day mammals. Nature 446, 507–512 (2007). 29.3.2007, https://doi.org/10.1038/nature05634
  7. Bading, Ingo: Säugetier-Evolution - Berichterstattung erweckt falschen Eindruck, 2007, https://studgendeutsch.blogspot.com/2007/04/sugetier-evolution-berichterstattung.html
  8. Bading, Ingo: Die lange Evolution der frühen Säugetiere, 2008, https://studgendeutsch.blogspot.com/2008/01/die-lange-evolution-der-frhen-sugetiere.html
  9. Bading, Ingo: 2016, Plazentatiere - Sie entstanden erst unmittelbar vor Aussterben der Dinosaurier, https://studgendeutsch.blogspot.com/2016/08/plazentatiere-sie-entstanden-erst.html
  10. Bading, Ingo:  Ein Blick in das innere Getriebe der Evolution - Das Wiederaufblühen des Lebens nach Massenaussterben auf der Erde kann zeitlich immer genauer nachvollzogen werden, 2020, https://studgendeutsch.blogspot.com/2020/01/ein-blick-in-das-innere-getriebe-der.html

Dienstag, 17. Februar 2009

Der Buntbarsch, der Gentleman

In dem Buch "Life's Solution - Inevitable Humans in a Lonely Universe" (2004) (inzwischen auch auf Deutsch erschienen) nennt Simon Conway Morris als eines unter unzähligen anderen Beispielen für "konvergente Evolution" die Evolution arbeitsteiliger Gesellschaften, und zwar nicht nur beim Menschen, sondern auch bei Insekten oder den Nacktmullen. Seine Aufzählung war aber noch nicht vollständig. In den letzten Jahren wurden auch arbeitsteilige Gruppen bei den ostafrikanischen Buntbarschen festgestellt. Hier gibt es Gruppen von bis zu 30 oder mehr Einzeltieren, die sich arbeitsteilig gliedern und ein gemeinsames Territorium verteidigen. Zum Beispiel bei der Art Neolamprologus tetracanthus (siehe Bild).

Die ostafrikanischen Buntbarsche allgemein sind ja auch deshalb von so großem Interesse, weil sie ein Beispiel für "jüngste Evolution", also innerhalb der letzten Jahrzehntausende sind. (Siehe frühere Beiträge auf Stud. gen..) Denn viele ostafrikanische Seen mit ihrer einzigartigen Buntbarsch-Artenfülle waren vor wenigen tausend, bis zehntausenden Jahren ausgetrocknet.

Eine spannede Studie in der Zeitschrift "Journal of Ethology" (1) berichtet: Bei Neolamprologus tetracanthus verteidigt ein Buntbarsch-Männchen ein Revier, das aus den Territorien mehrerer seiner Buntbarsch-Weibchen besteht. Aber das Männchen selbst meidet die Jagd-Territorien der eigenen Weibchen (die es jedoch gegen Fremde verteidigt), wenn es selbst auf Jagd geht. Also offenbar ein Verhalten, "gentleman-like" wie es gar nicht besser sein kann.

Im folgenden die Skizze der Territorien-Aufteilung nach der genannten Studie. Die dicken durchgezogenen Linien sind die Territorien der Männchen mit Harem, die dicken gestrichelten Linien die der Männchen ohne Weibchen. Die dünnen Linien sind die Territorien der Weibchen:

In der Zusammenfassung des Artikels heißt es:

We studied foraging site partitioning between the sexes in Neolamprologus tetracanthus, a shrimp-eating Tanganyikan cichlid with harem-polygyny. Females maintained small territories against heterospecific food competitors within large territories of males, foraging exclusively at the inner side of their own territories (foraging areas). Males fed as frequently as females in their own territories, but mostly outside female foraging areas, although they frequently entered female territories and repelled food competitors from the territories. Soon after removal of the resident females, however, harem males, as well as many food competitors, invaded the vacant territories and intensively devoured prey of female foraging areas. This indicates that although female foraging areas appear to contain more food than outside the areas, harem males refrained from foraging there when the resident females were present. We suggest that harem males will attempt to keep female foraging areas in good condition, whereby they may get females to reside in male territories and/or promote female gonadal maturation.
Und im Diskussionsteil heißt es:
Although harem males entered female territories without receiving any agonistic behavior from the territory owners, they did not forage actively in female foraging areas when females were present. However, after female removal, the males intensively foraged in female foraging areas of the vacant territories, indicating that the presence of females discouraged males from feeding in the foraging areas.
Sicherlich werfen diese arbeitsteiligen Buntbarsch-Gesellschaften noch viele weitere Forschungsfragen auf. Auch wird erkennbar, daß "Single-Mütter" bei Buntbarschen (siehe Stud. gen.) möglicherweise in einem Kontinuum von verschiedenen Formen der Kooperation zwischen Männchen und Weibchen bei Buntbarschen angesiedelt sein können - und vielleicht gar nicht einmal im strengen Sinne "Single-Mütter" sein müssen.

ResearchBlogging.org
/ Leicht überarbeiteter Beitrag aus dem alten Blog "Studium generale". /

_________

  1. Kazunori Matsumoto, Masanori Kohda (2006). Male foraging avoidance in female feeding territories in a harem polygynous cichlid in Lake Tanganyika Journal of Ethology, 25 (1), 21-27 DOI: 10.1007/s10164-006-0200-z

Mittwoch, 4. Februar 2009

Darwin, das hättest Du nicht gedacht, oder?

Die verrückte Evolution der Buntbarsche

Hier soll auf einen jener Artikel aufmerksam gemacht werden, die derzeit besonders dicht an innovative Forschungen in der Biologie heranführen. Erschienen am 16. Dezember 2008. (1) (frei zugänglich --> pdf.) Er fragt nach den Ursachen der Artbildung bei den Buntbarschen.


Zur Abbildung: Konvergente Evolution von Buntbarschen im Tanganijka- und Malawi-See. - Das Spannende: Genetisch ähnelt jede Art den anderen Arten in ihrem eigenen See, morphologisch jedoch einer konvergenten Art in dem anderen See. - Darwin, das hättest Du nicht gedacht, oder? - Wahnsinn. (Doch, wer weiß, Darwin war Lamarckist ...)

Natürlich ist schon seit längerem bekannt, daß die Erforschung der ostafrikanischen Buntbarsche, die Erforschung von "Darwin's Traumsee", allerhand zu bieten hat: Schnelle Evolution von vielen Arten auf engem Raum von nur wenigen Ausgangsarten abstammend und gefähr in der gleichen Zeitspanne, in der die menschlichen Völker und Rassen evoluiert sind. Und merkwürdigerweise sogar eben dort, wo auch die Evolution des Jetztmenschen ihren Ausgang nahm: in Ostafrika. Was aber manchem noch entgangen sein könnte bislang, das sind die jüngsten, recht bedeutenden Fortschritte auf diesem Forschungsgebiet. Über diese kann man sich in dem genannten Review-Artikel des Konstanzer Buntbarsch-Spezialisten Axel Meyer und Koautor informieren. (Zu Axel Meyer allgemeiner, auf St.gen. --> hier.)

1. Kreuzungen zwischen Buntbarsch-Arten oft möglich

Hier soll kurz referiert werden, was man diesem Artikel an Neuem entnehmen kann, was bislang noch nicht so deutlich bekannt war. Das sind vor allem Fragen genetischer Ähnlichkeit und Unterschiedlichkeit. Da ist zum einen die Tatsache, daß viele Buntbarsch-Arten miteinander gekreuzt werden können, zumindest unter Laborbedingungen, daß also die Artgrenzen hier mitunter noch nicht so streng sein müssen wie zwischen vielen anderen Arten sonst im Organismen-Reich. Das wäre ein weiterer Hinweis darauf, daß wir hier der Evolution ziemlich gut "in die Karten" schauen können.

2. Buntbarsch-Arten sind sich genetisch ähnlicher als Menschen unterschiedlicher Ethnien

Was aber vor allem ganz neu ist, das sind die Ergebnisse von vergleichenden Genom-Studien zwischen verschiedenen Buntbarsch-Arten, vor allem von fünfen derselben durch eine Arbeitsgruppe, und die anschließenden Fragen und Forschungen, die sich daraus weiter ergeben. Und darüber schreiben Meyer und Koautor nun:

These five species of Lake Malawi haplochromine cichlids were from as different lineages as can be found in this adaptive radiation and represented hugely different lifestyles and, yet, they were genetically more similar than humans of different ethnic groups or different laboratory strains of zebrafish. Because of the remarkable genetic homogeneity of cichlids, the large numbers of genetically extremely similar species of haplochromine cichlids have long been called natural experiments or ‘natural mutagenesis screens’.

Das heißt also, die untersuchten fünf Buntbarsch-Arten, die unterschiedlicher nicht sein können von ihren Lebensweisen und Morphologien her gesehen, sind sich genetisch ähnlicher als Menschen unterschiedlicher ethnischer Gruppen. Also: eine große genetische Ähnlichkeit trotz großer morphologischer und verhaltensmäßiger (phänotypischer) Unähnlichkeit. Und jetzt stellt sich natürlich die Frage, wie die Evolution hier arbeitet, und ob die Evolution nicht immer und überall schon so gearbeitet hat, allerdings selten so gut beobachtbar wie hier, in "Darwins Traumsee(n)".

3. Wie funktionieren die "regulativen Elemente" des Genoms?

Wenn also die Ursachen für die Unterschiede zwischen den Buntbarsch-Arten gar nicht so arg leicht in unterschiedlichen Protein-kodierenden Genomsequenzen selbst zu finden sind - wo wohl dann? Nun, wir wissen spätestens seit Sean B. Carroll, daß es da noch mehr geben muß. Kein Wunder also auch, daß sich die Aufmerksamkeit der Buntbarsch-Forscher auf die "regulativen Elemente" des Genoms richtet. Meyer und Koautor schreiben:

The evolution of regulatory elements is believed to be a particularly fast and effective means of very rapid phenotypic diversification.

Und an dieser Stelle zitieren sie einen Aufsatz von Sean B. Carroll in "Cell", auch von 2008, den man sich noch einmal genauer wird anschauen dürfen. (Sie schreiben dazu: "The author develops verbal models of the genetic basis of phenotypic diversification." - Soll wohl im Klartext heißen: "verbal models" und sonst leider noch nicht sehr viel mehr.) (frei: pdf.) - Dann weiter:

Larger, more representative data sets on regulatory elements and their evolution in cichlid genomes are still lacking, so it is not clear at this point as to whether there is anything special happening in the genomes of cichlids in regard to regulatory evolution. The limited information on this that has been collected so far would appear to suggest that the presence/absence of putative regulatory elements and even micro-RNA is variable and that those regulatory mechanisms are possibly rather quickly evolving, particularly in terms of neo-functionalization and the complementary fixation of regulatory elements in duplicated genes.

4. Wo und wie ist genetisch und epigenetisch die Entwicklung der Neuralleiste verschaltet?

Und dann werden sie noch konkreter in ihren Vermutungen, indem sie auf die Besonderheit der Zellen der Neuralleiste ("neural crest") zu sprechen kommen, einer bestimmten Zellschicht im Embryo von Wirbeltieren, auf deren unterschiedlicher weiterer Entwicklung offenbar besonders viele morphologische Unterschiede zwischen Buntbarsch-Arten zurückgeführt werden könnten:

Many of the above-mentioned phenotypic features that are unique to cichlid fishes, namely, morphologies of craniofacial structures (e.g. lips, jaw-shapes, and toothshapes) and body color variation, can be attributed to the patterns of differentiation of neural crest cells. In vertebrate embryos, neural crest cells, that delaminate from dorsal neural fold, migrate to programmed sites, where they differentiate into cephalic skeletal element (e.g. jaws), color pigments such as melanocytes and so on. In general, neural crest cells strongly contribute to the species-specific morphology of craniofacial regions of vertebrates.
However, although the molecular regulatory factors for migration and differentiation of neural crest cells are relatively well studied, this aspect of cichlid biology has not been explored sufficiently. The first developmental studies about jaw and teeth development in cichlids through QTL analyses pointed toward a strong contribution of bone morphogenetic protein 4 (bmp4). These types of experimental approaches that use QTL or association analyses with genetic maps or entire genomic sequences promise in the near future to increase our understanding of molecular genetic basis of the rapid adaptive radiation of this fascinating group of organisms.

Also viele der unterschiedlichen morphologischen Merkmale der Buntbarsch-Arten scheinen zurückgeführt werden zu können auf unterschiedliche Entwicklungswege, die schon in der embryonalen Phase eingeschlagen werden besonders in der genannten Neuralleiste (Wiki, Wiki engl.)

5. Und dann noch - - - konvergente Evolution in der "Hexenküche" Darwin's (oder Lamarcks?)

Und dann behandeln Meyer und Koautor Fragen von konvergenter Evolution, Parallelevolution, ohne Simon Conway Morris überhaupt nur zu erwähnen. Und zwar dies unter der vielsagenden Kapitelüberschrift:

Empty morpho-space and massive parallel evolution through re-awakening of developmental programs?
Das sind die gleichen Fragen, die sich auch Conway Morris in seinem Buch gestellt hat (ein Buch, das Meyer für seine Kolumne "Quantensprung" allerdings nicht genau genug gelesen zu haben scheint). Und sie schreiben dann:
Did evolution reuse the same developmental pathways to come up independently with similar developmental outcomes or did it find alternative ways to respond to similar ecological challenges? Our bet would be that evolution reawakened developmental pathways independently.
Jedenfalls haben sie sicherlich vollkommen recht, wenn sie schreiben:
The recognition that cichlid species flocks also provide a textbook example of parallel evolution or convergence opens up very interesting future research directions that can be addressed only through comparative developmental and genomic approaches.

Viele der in diesem Review-Artikel zitierten Arbeiten dürften ebenso spannend sein, wie der Review-Artikel selbst, vor allem die diversen genetischen. Und wir kommen, wenn möglich, auf den einen oder anderen von ihnen noch einmal zurück.

Zwölf Jahre später ....

Ergänzung 29.8.2020: Zehn bis zwölf Jahre später erklärt man die überraschende Artenexplosion der ostafrikanischen Buntbarsche mit einer (2)

Kombination aus ökologischen Möglichkeiten, sexueller Selektion und außergewöhnlichem genomischen Potential.
("combination of ecological opportunity, sexual selection and exceptional genomic potential")

Das außergewöhnliche genomische Potential besteht unter anderem in einer jeweils neuen Nutzung alter Haplotypen, bzw. in neuer Kombination, es ist die Rede von ... (2):

... einer außerordentlich hohen Dichte alter Indel-Polymorphismen, von denen viele zu tun haben mit ökologischer Anpassung. Ohne diese genetische Variation, (...) die in vielen unterschiedlichen Weisen rekombiniert werden konnte, (...) wäre die Zahl der neuen Arten (...) sehr viel begrenzter gewesen.
("Our results suggest that simultaneous divergence in diet and macrohabitat occurred and that this divergence depended critically on the exceptional genomic potential of these cichlids. This genomic potential is driven by an extraordinarily high density of ancient indel polymorphisms, many of which are directly linked to ecological divergence. Without this genetic variation, which consists of many ancient haplotypes that affect ecology and mating and could be recombined in many different ways to create the highly polygenic genomic architecture of this radiation, the number of new species that could have evolved and persist in sympatry in the 15,000 years since the filling of the lake would likely have been much more limited. Adaptive radiation across the food web would have been much slower, and very possibly never have occurred in the limited time, had these transitions been dependent on waiting times for new mutations.")

__________________
  1. Kuraku, S.; Meyer, A. (2008). Genomic analysis of cichlid fish ‘natural mutants’ Current Opinion in Genetics & Development, 18 (6), 551-558 DOI: 10.1016/j.gde.2008.11.002
  2. Matthew D. McGee, Samuel R. Borstein, Joana I. Meier, David A. Marques, Salome Mwaiko, Anthony Taabu, Mary A. Kishe, Brian O’Meara, Rémy Bruggmann, Laurent Excoffier & Ole Seehausen: The ecological and genomic basis of explosive adaptive radiation. In: Nature (2020), Published: 26 August 2020, https://www.nature.com/articles/s41586-020-2652-7

Sonntag, 31. August 2008

Evolutionäre Konvergenzen - sie bleiben überraschend

Insbesondere der britische Paläontologe Simon Conway Morris war es, der in Veröffentlichungen aus den Jahren 1998 und 2003 ("The Crucible Creation" und "Life's Solution") evolutionäre Konvergenzen als ein Argument in der Erörterung sehr grundsätzlicher Fragen zur Deutung des Evolutionsgeschehens herangezogen hat. Im Widerspruch zu dem Paläontologen Stephen Jay Gould ("Zufall Mensch", "Illusion Fortschritt" etc.) benutzt Simon Conway Morris die in den letzten Jahren in der Forschung immer deutlicher gewordene Allgegenwärtigkeit evolutionärer Konvergenzen in der Evolution als ein Argument dagegen, daß die Evolution ein reiner und ungerichteter Zufallsprozeß sei, dessen Ausgang gar nicht vorhersehbar wäre. Conway Morris behauptet schlicht das Gegenteil: Evolutionäre Konvergenzen zeigen für ihn auf, daß sich die Evolution immer wieder auf ähnliche Weise vollziehen würde wie sie sich vollzogen hat und selbst von ganz anderen Ausgangspunkten aus immer wieder auf ähnliche Zielpunkte hinsteuern würde.

„Unvermeidlich Menschen in einem einsamen Universum“

Seine Grundthese lautet darum "Inevitable Humans" ("Unvermeidlich Menschen"), was gemeinsam mit der These des Buches von der "Einsamen Erde" in unserem Universum (siehe Ward/Brownlee) zu der These erweitert wird: "Inevitable Humans in a Lonely Universe" ("Unvermeidlich Menschen in einem einsamen Universum"). (In Deutsch gerade unter dem Titel "Jenseits des Zufalls - Wir Menschen im einsamen Universum" erschienen.)

Die vergleichende Beachtung evolutionärer Konvergenzen wird - auch ganz unabhängig von solchen bis in die Philosophie reichenden Grundsatzfragen - derzeit immer häufiger als ein einfaches Forschungsmittel benutzt, etwa wenn Konvergenzen in der Gehirn-Evolution von Papageien, Schimpansen, Bonobos, Delphinen, Elephanten und Menschen verglichen werden, die alle über außergewöhnliche Gehirnkapazitäten und innerartliche Kommunikationsmöglichkeiten verfügen, die aber zu diesen auf ganz verschiedenen evolutiven Wegen gekommen sind.

Auch Richard Dawkins hatte schon 2004 die Gedanken von Conway Morris sehr positiv aufgenommen ("Ancestor's Tale", Abschlußkapitel). Und auch er forderte wie natürlich Conway Morris selbst die grundlegendere Erforschung der Ursachen und des Charakters evolutionärer Konvergenzen.

Konvergenzen bezüglich weniger diskreter Merkmale

Und genau solche Forschungen scheinen nun Fahrt aufzunehmen. Im Januar 2008 erschien im "Journal of Theoretical Biology" ein Aufsatz des Amerikaners C. Tristan Stayton unter dem Titel "Is convergence surprising?" ("Ist Konvergenz überraschend?") (Untertitel: "An examination of the frequency of convergence in simulated datasets") (J. Theor. Biol., pdf.). Und das Ergebnis dieses Aufsatzes ist - so zumindest der Autor: nein, evolutionäre Konvergenzen sind gar nicht überraschend. Auch in einem ungerichteten evolutionären Prozeß von lauter Zufallsereignissen ("Modell der Brown'schen Molekularbewegung") müßte es evolutionäre Konvergenzen geben, so die zur Diskussion gestellte These.

Sieht man sich aber diesen Aufsatz nun genauer an, dann macht er gar nicht mehr jene sehr grundsätzliche Aussage wie sie im Titel angedeutet ist. Er behandelt nämlich nur Konvergenzen von zwei oder drei sehr genau meßbaren und eingrenzbaren ("diskreten") Evolutionsmerkmalen. Also solche meßbaren Merkmale wie Körpergröße, Länge eines bestimmten Knochens, etc.. Und Konvergenzen liegen nach der Definition dieses Aufsatzes vor, wenn nur in Bezug auf solche wenigen Meßdaten schon zwei evoluierte Arten einander "ähnlicher" geworden sind, als ihre beiden jeweiligen stammesgeschichtlichen Vorfahren einander ähnlich gewesen sind.

Hm! Wenn das mal nicht eine arg allgemeine Definition von evolutionärer Konvergenz ist!? Aber irgendwie muß man ja anfangen. Warum nicht einmal so?

Ist das aber nicht mehr oder weniger doch Unfug, was hier betrachtet wird? Durch Zufallsereignisse - und von bestimmten "Zwängen" und Selektionsdrücken abgesehen - kann natürlich immer nur eines von beidem geschehen: Betreffend eines diskreten Merkmales kann die Evolution von zwei getrennten Stammbaumlinien immer nur "ähnlicher" oder "weniger ähnlich" werden. Was soll denn sonst passieren? (Oder übersieht man da irgendwo noch etwas im Raisonnement?)

Komplexe Konvergenzen werden ausgeklammert

Aber hat man denn damit schon jene evolutionären Konvergenzen erfaßt, die einen in der Natur so erstaunen und überraschen? Nein, überhaupt nicht. Der Autor gibt es ja selbst gleich schon in der Einleitung zu:

Man könnte argumentieren, daß die hier vorgestellte Definition der Konvergenz - größere Ähnlichkeit zwischen einem Taxon und seinen entfernten Verwandten statt seinen nächsten Verwandten - die Idee ignoriert, daß Konvergenz komplexe Strukturen hervorbringt, die nicht zufällig entstehen können.
It may be argued that the definition of convergence presented here — greater similarity among a taxon and its distant relatives rather than its closest relatives — ignores the idea that convergence produces complex structures that cannot arise by chance.

Genau! Und der Autor weiter:

Komplexe Strukturen sind jedoch solche, die nur durch eine große Anzahl von Variablen beschrieben werden können. Wie diese Studie zeigen wird, ist es tatsächlich weniger wahrscheinlich, dass sich solche Strukturen durch ungerichtete Evolution entwickeln als einfachere Strukturen.
However, complex structures are those that can be described only by a large number of variables; as this study will show, such structures are indeed less likely to evolve by undirected evolution than simpler structures.
Die Schlußfolgerung heißt also schon klar, daß Konvergenzen tatsächlich überraschend bleiben, denn auch diese Studie zeigt ja, wie der Autor selbst sagt, daß komplexe Konvergenzen "weniger wahrscheinlich durch nicht-gerichtete Evolution evoluieren als einfachere konvergente Strukturen".

Und doch schreibt der Autor weiter:
If biologists only applied the concept of convergence to extremely complex structures, this issue would not perhaps be so important.
Wahrscheinlich meint er hier mit "this issue" das, was er selbst erklären will, nämlich einfachstrukturierte evolutionäre Konvergenzen bezüglich nur weniger diskreter Einzelmerkmale. Seine Rechtfertigung, sich einfachstrukturierten evolutionären Konvergenzen zuzuwenden ist einleuchtend, und lautet schlicht, daß es sie auch gibt und schon erforscht worden sind:
However, many studies describe convergence in datasets that only include two or three variables and use that convergence as evidence for the action of natural selection. Even cases in which similarity is found in two very different kinds of data may only involve a few variables; for example, convergence between the jaw mechanics and diet of herbivorous lizards only involved two variables (lower jaw mechanical advantage and percent plant material in the diet; Stayton, 2006). Clearly, studies are needed to determine whether such patterns of convergence are likely the results of undirected evolution.

Evolutionäre Konvergenzen bezogen auf zwei oder drei diskrete Einzelmerkmale zugleich sind also nicht überraschend, das will diese Studie beweisen. Mehr nicht. Und es soll hier offen bleiben, ob sie selbst hierbei wirklich überzeugend ist. Das müßte man sich nämlich noch einmal sehr genau durchdenken und hören, was andere dazu sagen. Aber viel wichtiger ist, daß selbst wenn sie darin überzeugend wäre, sie für (philosophische und naturwissenschaftliche) Grundsatzfragen noch gar nichts geklärt hätte und daß das Ergebnis auch den allgemeinen Titel nicht rechtfertigen würde.

Aber was bedeutet das eigentlich: Komplexe evolutionäre Konvergenzen?

Es ist nämlich hier wie so oft in der Natur: Erst durch das In-Rechnung-Stellen der sich ungeheuer gegenseitig potenzierenden Kombinationen von Eigenschaften und evolutionären Möglichkeiten wird der "Hyperraum" an Möglichkeiten deutlich, den die Evolution durchschreitet, und für den sie sich - immer wieder - nicht zu interessieren scheint (obwohl sie sich doch für so vieles interessiert ...), um immer wieder auf einen sehr viel schmaleren Bereich von verwirklichten Möglichkeiten an Eigenschaften zurückzukommen. Das ist ja das Überraschende an evolutionären Konvergenzen. Und dieses Überraschende bleibt natürlich überraschend.

Erstaunlicherweise zitiert Stayton gar nicht Conway Morris von 2003 (bzw. Deutsch von 2008). Hätte er da insbesondere in die vorderen Kapitel hineingeschaut, in denen ja gerade sehr gründlich der Hyperraum von Möglichkeiten bei der Evolution von Biomolekülen (Proteine, DNA etc.) diskutiert wird, und in denen dieser Hyperraum von Möglichkeiten verglichen wird mit dem "schmalen" Bereich von immer wieder konvergent (!) verwirklichten Möglichkeiten innerhalb dieses immensen Hyperraumes, dann hätte er wohl zumindest die kühne grundlegende These seines Artikels nicht mehr so kühn in die wissenschaftliche Debatte geworfen. So möchte man zumindest vermuten.

(Übrigens sind diese wohl sehr wichtigen grundlegenden Kapitel in der deutschen Ausgabe nicht übersetzt. Ob das verlegerisch die richtige Entscheidung war, bleibe dahingestellt. Diese Kapitel sind im Gesamt-Raisonement des Buches sehr wichtig und im Grunde unentbehrlich für die Überzeugungskraft des Buches insgesamt.)

Der "Hyperraum" an Möglichkeiten, "etwas" zu machen, zu evolvieren

Denn übrigens sind das ja alles vom Wesen her immer sehr ähnliche Diskussionen und Argumente wie bei den Diskussionen und Forschungen rund um das "Anthropische Prinzip". Auch bei letzterem wird der "Hyperraum" der Möglichkeiten von Größen und Größen-Kombinationen der grundlegenden Naturkonstanten, Grundkräften des Weltalls erörtert, mit denen ein solches Weltall eben ausgestattet sein könnte. Und es wird die erstaunliche Tatsache festgestellt, daß es nur einen sehr kleinen Bereich von jenen Möglichkeiten gibt, die das Entstehen von Leben in diesem Universum erlauben würden, und daß ausgerechnet in diesem Bereich von Möglichkeiten unser tatsächlich existierendes Weltall angesiedelt ist.

Und der amerikanische Astrophysiker Guillermo Gonzalez ("Privileged Planet") geht noch einen Schritt weiter und zeigt auf, daß in dem Hyperraum der Möglichkeiten der Platz unserer Erde im Weltall geradezu dazu prädestiniert ("priviligiert") zu sein scheint, die wissenschaftliche Erforschung dieses Weltalls durch den Menschen zu ermöglichen.

Bei der Rückfahrt vom Workshop der Templeton Foundation in Frankfurt zu Evolution und Religion kam einem gerade auch dazu noch ein Gedanke im Zusammenhang mit Gedanken über die Moderation des Gespräches zwischen Naturwissenschaft und Theologie. Hier stößt man wieder darauf. Darauf soll noch einmal zurückgekommen werden.

Insgesamt jedenfalls darf man sehr gespannt sein, wie die Diskussion um evolutionäre Konvergenzen weitergeht. Vor einigen Jahren schon war einmal ein schöner Artikel in "Nature" (31.1.2002) erschienen unter dem Titel "Fact and fantasy - The zoology created by our imagination is far outstripped by that of reality" von Sandra Knapp. Dieser machte sehr anschaulich, wie wenig Menschen und Forscher voraussagen können und konnten jene "Merkmals-Kombinationen", die etwa die Tierwelt des Präkambriums ausmacht, die erst seit wenigen Jahrzehnten bekannt ist.

Die Evolution hat also, wenn sie will, viel größere Phantasie als der Mensch, so die grundlegende Aussage dieses Artikels. Und das Erstaunliche ist, daß es trotz ihrer großen Phantasie (und des Hyperraums der Möglichkeiten) immer wieder zu evolutionären Konvergenzen kommt. Und zu diesem Erstaunlichen hat der in diesem Beitrag erörterte Artikel von Stayton eigentlich gar nichts gesagt.

/ ursprünglich veröffentlicht 29.5.2008 /

__________
  1. Stayton, C. (2008). Is convergence surprising? An examination of the frequency of convergence in simulated datasets Journal of Theoretical Biology, 252 (1), 1-14 DOI: 10.1016/j.jtbi.2008.01.008

Dienstag, 5. August 2008

Evolution, nichts weiter als - - - "Zufall"?

Simon Conway Morris - seine "Anhängerschaft" vergrößert sich

Evolution: Erst war die Erde "wüst und leer" ...

Was hat das Wunder des Lebens und die Artenvielfalt auf der Erde hervorgebracht? Ist dies allein mit den bislang bekannten Gesetzen des Neodarwinismus zu erklären?


... Dann überzog ein erster "Film" , ein erster "Flaum" von Leben die Erde ...

Der amerikanische, atheistische Biologe PZ Myers hat das Buch von Simon Conway Morris "Life's Solution - Inevitable Humans in a Lonely Universe", das inzwischen auch auf Deutsch erschienen ist, schon vor längerer Zeit so ziemlich von oben herab abgekanzelt, was man nicht besonders toll finden mußte. (Pharyngula) Denn Conway Morris geht der Vermutung nach, ob es noch über die bekannten Gesetzmäßigkeiten des Neodarwinismus hinaus Evolutionsgesetze geben könnte. Und ob nach diesen Gesetzmäßigkeiten der Mensch nicht mehr oder weniger "unvermeidlich" war. - Warum soll man solche Bemühungen nicht begrüßen, wenn sie allein mit streng wissenschaftlich erworbenem Tatsachenmaterial argumentieren?


... Schließlich bildeten sich die Lebensräume auf der Erde, wie wir sie kennen ...

- Neuerdings kann PZ Myers jedoch nicht umhin mitzuteilen, daß auch der von ihm geschätzte amerikanische Evolutionsbiologe Kenneth R. Miller ein "Anhänger" von Simon Conway Morris (geworden) ist. (Pharyngula)


... Mit einer Lust an Artenvielfalt, an Schönheit, an Formenreichtum ...

Vielleicht ist das ein weiteres Zeichen für einen sich anbahnenden Konsens, nachdem schon Richard Dawkins in "Ancestor's Tale" viel Sympathie für die Thesen von Conway Morris gezeigt hatte. - In "Ancestor's Tale", das ebenfalls dieses Jahr auf Deutsch erscheint (Amazon), hatte Dawkins auch mit Sympathie auf das Buch "Finding Darwins God" des christlichen Biologen Kenneth R. Miller hingewiesen. Letzterer hat nun ein neues Buch über die Kreationismus-Debatte herausgebracht, das man sicherlich mit PZ Myers für lesenswert wird halten dürfen.


Alles nur durch blinde Gesetze des Zufalls zustande gekommen? Obwohl uns Manfred Eigen belehrte:
"Das Leben ist ein Spiel, in dem nichts festliegt außer den Regeln." Ein Spiel, von dem gilt,
wie Eigen es formuliert: "Naturgesetze steuern den Zufall".

Freitag, 18. Juli 2008

Der Mensch - Ziel oder Zufallsprodukt der Evolution?

Abb.: Vortrag Juli 2013
Bei Zeit-Online gibt es eine neue Umfrage:
Die meisten Wissenschaftler sind sich einig: Der Mensch ist rein zufällig entstanden. Simon Conway Morris sieht das anders. Viele Tiere, die nicht miteinander verwandt sind, haben nämlich im Lauf der Evolution gleiche Merkmale entwickelt.
So haben beispielsweise Pinguin, Fische und Delfine allesamt Schwimmorgane, ohne miteinander verwandt zu sein. Beim Menschen hätte es sich wohl ähnlich verhalten, argumentiert der britische Wissenschaftler und ist sich sicher: Der Mensch wäre in jedem Fall entstanden. Was denken Sie: Ist der Mensch ein Zufallsprodukt? Diskutieren Sie mit und nehmen Sie an unserer Umfrage teil.
Bislang gibt es 98 Kommentare. Hoffentlich sind auch intelligente dabei. Die Frage selbst ist in der Kürze schon nicht sehr intelligent. Das hat Richard Dawkins wesentlich besser in seinem Buch "Ancestor's Tale" dargestellt. Das mit den Schwimmorganen ist noch kein besonders stichhaltiges Argument.

Im Grunde kann man wohl bei dieser Frage nur mitdiskutieren, wenn man das Buch von Simon Conway Morris, auf das auch hier auf dem Blog schon vielfältig hingewiesen worden ist, selbst versucht hat, etwas gründlicher zu lesen, wobei auch bemerkt werden muß, daß der deutschen Übersetzung einige wesentliche Kapitel fehlen.

Mittwoch, 11. Juni 2008

Statt "getrennter Magisteria" - Naturwissenschaft und Philosophie vom Feinsten

Da ich an meiner Amazon-Rezension des neu ins Deutsche übersetzten Buches von Simon Conway Morris einigermaßen lang herumgebastelt habe, stelle ich sie auch hier - bebildert - in den Blog:

Viele Biologen und Geisteswissenschaftler wissen noch heute nur TEILHARD DE CHARDIN zu nennen, wenn es um Persönlichkeiten geht, die die philosophische These von der Zielgerichtetheit der Evolution vertreten. Sie sollten ihr Wissen möglichst bald aktualisieren und sich mit diesem Buch von Simon Conway Morris (siehe Bild) möglichst gründlich auseinandersetzen. Die deutsche Übersetzung erleichtert das nun - dankenswerterweise. Denn Teilhard de Chardin hat seine These nun wirklich nicht ausgeprägt "fachwissenschaftlich" und ausgeprägt anhand von fachwissenschaftlicher Forschungsliteratur vertreten. - Ganz im Gegensatz zu - Conway Morris!

Die Kernthese dieses neuen Buches kommt im originalen, englischen Untertitel am deutlichsten zum Ausdruck: "Inevitable humans in a lonely universe". (Warum wurde es für die deutsche Ausgabe nicht wörtlich übersetzt? Dann wüßte auch der deutsche Leser gleich besser, worum es eigentlich geht.)


Simon Conway Morris

Es handelt sich - für philosophisch ungebildete Menschen, die alles, was über Naturwissenschaft hinausgeht, leicht zu Kreationismus erklären, sei das betont - zunächst einmal mehr um das Erschließen philosophischer denn um das Erschließen rein naturwissenschaftlicher Erkenntnispotentiale. Aber das Buch kann auch aus rein naturwissenschaftlicher Sicht auf viele, neu zu erschließende, rein naturwissenschaftliche Erkenntnispotentiale aufmerksam machen.

Beiderlei Arten von Erkenntnispotentialen liegen in der Fülle der evolutionärer Konvergenzen, die Conway Morris erstmals auf allen Ebenen des biologischen Seins - von den Molekülen bis zu arbeitsteiligen Tier- und Menschen-Gesellschaften - in der Evolution aufgezeigt. Und zwar in der Fülle, in der sie bis zum Jahr 2003 erforscht worden sind. Das ist ein ganz anderer Stand als - etwa - der Stand von 1960.

Das Buch ist darum zweierlei. Es ist zum einen EIN PHILOSOPHISCHES BUCH nur allein mit naturwissenschaftlichen Tatsachen geschrieben. Möglicherweise ein Novum in der menschlichen Geistesgeschichte überhaupt. Denn es geschah dies entlang einer unglaublich reichhaltigen, wie gesagt aktuellen, naturwissenschaftlichen Forschungsliteratur (allein hundert Seiten Literatur-Angaben).

Zum anderen kann es auch als REIN NATURWISSENSCHAFTLICHES BUCH gelesen werden, weil es erstmals den Blick umfassender auf die schlichte biologische Tatsache des vielfältigen Vorkommens evolutionärer Konvergenzen lenkt, und damit auf die Frage nach ihren biologischen Ursachen und nach ihren Erkenntnispotentialen bezüglich der evolutionären Entstehungsbedingungen der jeweils hier konvergent evoluierten Eigenschaften.

Allerdings zählt Conway Morris evolutionäre Konvergenzen nur auf, wirft sie dem Leser fast "ungeordnet" vor die Füße. Das heißt, er gibt selbst noch keinen umfassenderen Vorschlag zu einer Theorie evolutionärer Konvergenzen. Das dürfte sich als einer der berechtigteren Haupteinwände gegen dieses Buch herausstellen.

Aber das Verdienst von Conway Morris bleibt auch so schon riesig, da er ein ganz neues Forschungsgebiet erschlossen hat. Es handelt sich allein aufgrund der umfassenden Sichtung der Forschungsliteratur um ein sehr anspruchsvoll zu lesendes Buch, das nicht schnell "durchflogen" werden kann. Es liest sich also nicht so "obenhin" wie ein Teilhard des Chardin. Sondern man muß es sich erarbeiten. Es muß mit hoher Konzentration gelesen werden. Aber angesichts des Revolutionären der vertretenen (philosophischen) These dürfte sich der Aufwand lohnen.

(Die deutsche Übersetzung scheint zwar hervorragend zu sein. Leider sind aber einige vordere, grundlegendere Kapitel nicht übersetzt worden, wodurch beim deutschen Leser ein falscher Eindruck entstehen könnte. Davor sei gewarnt, denn diese Kapitel sind grundlegend für die Überzeugungskraft der in diesem Buch insgesamt vertretenen philosophischen und naturwissenschaftlichen These.)

Nun noch einige, vielleicht weniger wichtigen Zusatzbemerkungen:

1. RICHARD DAWKINS hat das Buch sehr positiv besprochen. Das sei insbesondere deshalb betont, weil Conway Morris von atheistischen Biologen oft angegriffen wird (bspw. von PZ Myers). Es geschah dies in Dawkins' ebenfalls sehr lesenwertem Buch "Ancestor's Tale", das im Oktober auf deutsch erscheinen wird (unter dem Titel "Geschichten vom Ursprung des Lebens"). Dort im letzten Kapitel.

2. Es empfiehlt sich, das Buch von Conway Morris zusammen zu lesen mit den Büchern "Einsame Erde" ("Rare Earth") von PETER WARD und DONALD BROWNLEE, sowie "The Priviledged Planet" von dem amerikanischen Astrophysiker GUILLERMO GONZALEZ. Beide Bücher führen die Thesen von Conway Morris auf anderen Gebieten in zum Teil ganz erstaunlicher Weise weiter.

Guillermo Gonzalez

3. Auch empfiehlt es sich, "The Crucible of Creation" von Conway Morris, das dem hier besprochenen Buch voraufging, zu lesen, weil man in ihm die Entstehung der neuen These von Conway Morris verfolgen kann.

4. Es geschah dies in Auseinandersetzung mit dem bekannten Werk von STEPHEN JAY GOULD "Zufall Mensch", das wiederum zuvor in Auseinandersetzung mit den neuen Forschungen des Paläontologen Conway Morris über die Tierwelt des Präkambrium entstanden war.

Die neue These entstand also, das sollte damit aufgezeigt werden, keineswegs im "luftleeren Raum" oder ist in einem solchen angesiedelt, sondern entstand - vielleicht ebenfalls früher oder später "unvermeidlich", mit "Notwendigkeit" - aus tief in der Sache gegründeten fachwissenschaftlichen Diskussionen heraus.

Viele, vielleicht sogar die meisten Natur- und Geisteswissenschaftler haben noch gar nicht verstanden, daß man grundlegendste philosophische Themen, die das menschliche Selbstverständnis an sich betreffen, allein anhand von naturwissenschaftlichen Tatsachen behandeln kann, OHNE damit in unseriösen Theologie-geleiteten "Kreationismus" zu verfallen. Man wird vielleicht demgegenüber das gewohnte, rein geisteswissenschaftliche Behandeln von philosophischen Themen künftig als ebenso unseriös beurteilen wie heute schon den Theologie-geleiteten Kreationismus.

Die vielen Menschen jedenfalls heute immer noch so liebenswert erscheinende Trennung zwischen Natur- und Geisteswissenschaften (in zwei separate "Magisteria") wird einmal weniger künftig aufrechtzuerhalten sein. Hierin liegt das eigentlich Revolutionäre auch dieses neuen Buches.

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