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Montag, 21. April 2008

"Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder ..." - Evolutionärer Fortschritt durch die Kindheit?

Die Evolution der Kindheit war eines der wichtigsten Forschungsthemen des bedeutenden Schweizer Biologen Adolf Portmann (1897-1982) (Wiki). Er war es, der aufgrund des Vergleichs von Gehirngrößen zwischen verschiedenen Arten (abgeglichen jeweils nach ihren sehr unterschiedlichen Körpergrößen), Progressionen (Weiterentwicklungen) im Verlauf der Evolution feststellte, und der feststellte, daß Gehirngröße und die Intensivität und Länge der Kindheitsphase gemeinsam evoluieren. Und zwar das sowohl bei den Vögeln wie bei den Säugetieren. 

Er war es, der aufgrund dessen erstmals feststellte, daß der "Nestflüchter" eine ursprünglichere, nicht eine fortgeschrittenere Stufe der Evolution von Kindheit und Intelligenz gewesen ist. "Nesthocker"-Dasein, also Hilflosigkeit in der Kindheit, ist gemeinsam mit Intelligenz evoluiert. (Dazu gibt es auch eine schöne Grafik im dtv-Atlas für Biologie.)

Abb.: David F. Bjorklund "Why Youth is Not Wasted on the Young - Immaturity in Human Development" (2007)

Kindheit hat also etwas mit unserer Intelligenz zu tun. Der Mensch ist nach Adolf Portmann ein "sekundärer Nesthocker", also evoluiert aus einer evolutiven Nestflüchter-Stufe heraus und zwar aufgrund einer "physiologischen Frühgeburt", das heißt gegenüber Schimpansen-Babys werden menschliche Babies physiologisch um ein Jahr zu früh geboren. - Aber warum das alles? Warum legt die Evolution - übrigens auch im Pflanzenreich - so einen deutlichen Schwerpunkt auf alles, was mit Fortpflanzung und "Brutfürsorge" zu tun hat?

Schon die wesentlichsten Pflanzengruppen unterscheiden wir ja aufgrund ihrer Unterschiede im "Brutfürsorge"-Bereich, nämlich die "Nacksamer" und die "Bedecktsamer", also jene, die ihrer Nachkommenschaft "nackt" und "bloß" lassen und jene, die sie stärker "bedecken" und "schützen". Also die ursprünglicheren Gymnospermen, die in der Dinosaurier-Zeit die vorherrschende Pflanzengruppe waren, und die erst gemeinsam mit den Säugetieren (!) ökologisch vorherrschend gewordenen Angiospermen, die Blütenpflanzen. Liegen denn nicht auch hier evolutionäre Konvergenzen vor, sogar - letztlich - zwischen Pflanzen und Tieren? Auch das Säugetier schützt und pflegt ja seine Nachkommen mehr als die Reptilien.

Und warum kam das alles zustande? Der Neodarwinismus für sich genommen weiß auf diese Fragen oft nur erbärmlich bescheidene Antworten. Oft leugnet er ja heute sogar, daß mehr Intelligenz eine evolutive "Höher"-Entwicklung darstellen würde. Es wäre reiner "Zufall", daß es so intelligente Wesen wie Menschen auf der Erde gibt, so noch vor wenigen Jahren Stephen Jay Gould. Ein Wesensunterschied zu Bakterien würden Menschen und Säugetiere nicht aufweisen, schon gar nicht würden sie eine Höherentwicklung darstellen. -

Aber auch bei der "jüngsten Humanevolution" in den letzten Jahrzehntausenden sind offenbar noch einmal die Dauer der Kindheit und die Intelligenz gemeinsam evoluiert. - Im "American Scientist" wird ein neues Buch zu diesem Thema besprochen (1), das sicherlich wieder viele neue spannende Fragen zu diesem, wie ich finde, sehr wesentlichen Thema aufwirft.

Es könnte einmal mehr aufzeigen, wie tagesaktuelle Diskussionen in der Familienpoliitk - etwa um die "pauschalere", weniger individuelle Betreuung von Kindern in Kinderkrippen statt durch die Eltern - in tiefster Weise unser in der Evolution entstandenes Humanum, unsere Menschlichkeit betreffen. "Der Mensch ist nur da ganz Mensch," sagt Schiller, "wo er spielt". Wer also ist mehr Mensch als die Kinder? Und wie gehen wir heute mit diesem unserem Menschentum um?

Und ein Schritt weiter wäre zu fragen: Was hat Kindheit mit Religiosität zu tun? Sind Kinder religiösere Menschen als Erwachsene? Ich bin fest davon überzeugt. Abgesehen von der wie ich finde, zu verwerfenden "Wenn-Dann"-Beziehung, Lohn-Straf-Beziehung in moralischen Fragen tat deshalb Jesus Christus sehr recht, den Menschen die Kinder zu zeigen:

Da rief Jesus ein Kind herbei, stellte es in ihre Mitte und sagte: "Ich versichere euch: Wenn ihr nicht umkehrt und wie die Kinder werdet ..." (Matthäus 18:2-10)

_________

  1. David F. Bjorklund: Why Youth is Not Wasted on the Young. Immaturity in Human Development. 2007 (Amaz)

Mittwoch, 19. März 2008

Der Kindergarten - oder: Die ausgelutschte Zitrone Kind

Wozu hat man Kinder? Um den Alltag nicht mit ihnen zu verbringen?

Abb. 1: F. W. A. Fröbel
- So sieht ein Wohltäter der Menschheit aus?
Ein Vater schreibt an "Stud. gen."*):
Wir haben eine entzückende, kleine, zweieinhalbjährige Tochter. Geradezu "wie aus dem Bilderbuch". Meine Lebensgefährtin geht Vollzeit arbeiten und ich gehe derzeit von zu Hause aus einer Halbtags-Beschäftigung nach und habe dabei bislang auf unsere Tochter aufgepaßt. Nun drängt sich der "Zeitgeist" in unsere Familie.

Meine Lebensgefährtin meint, die Tochter müsse "unbedingt" in den Kindergarten. Und heute hat unsere Tochter ihren fünften Kindergarten-Tag. Grade habe ich sie wieder hingebracht.

Aber wie sieht so etwas aus aus meiner Perspektive?

Bislang war jeder Tag mit meiner Tochter ein Tag voller Freude, Friede und Glück. Voller Ausgeglichenheit.

Vielleicht gelingt das nicht immer zwischen Eltern und Kindern. Aber die Tochter hat ein glückliches Naturell, mit dem ich als Vater gut zurecht komme. Während ich am Rechner sitze und arbeite, spielt sie - in Ruhe und vollkommener Harmonie. Natürlich, es fehlt etwas. Vor allem fehlen Spielkameraden für sie. Sie kann zwar - wie wohl jedes Kind in diesem Alter - viel für sich alleine spielen. Aber immer, das ist natürlich auch ein bißchen einseitig und langweilig.

Und freilich, ich muß mich oft von meiner Arbeit lösen, wenn ich sehe, das Kind muß rauss an die frische Luft, muß laufen, muß sich bewegen. Oft denke ich, ich müßte eigentlich weiterarbeiten. Aber das Kind geht vor. Frische Luft - was ist besser, als frische Luft für so ein Kind? Aber selbst wenn man nun hinaus geht: Alle Kinder in der Wohnsiedlung scheinen im Kindergarten zu sein und die wenigen, die es nicht sind, findet man auch nicht. Selbst nicht auf den zentralsten Spielplätzen. Also auch hier: Einsamkeit für die kleine Tochter. Nicht so schlimm. Sie kann stundenlang mit Sandkasten-Förmchen und ein bißchen Regenwasser in der kleinen, von ihr als "Küche" konzipierten Spielecke spielen - oder was immer sonst. Nur für mich als Vater und Aufsichtsperson wird es leicht ein bißchen langweilig, jedenfalls so "auf die Dauer".

Ja, da sind also mancherlei Gründe, daß man sich sagt, das Kind müßte eigentlich unter Kinder. Aber wie? Wo?

Vielleicht gäbe es noch andere Möglichkeiten (Spielkameraden ins Haus einladen? Welche?) Aber die naheliegendste ist: Kindergarten.

Kindergarten


Natürlich ist die Tochter begeistert. Wir haben die zwei nächstgelegenen zusammen besichtigt, Vater und Tochter. Und der, wo es am meisten Krach und Lärm gegeben hat, und wo die Kinder am chaotischsten herumliefen, der war ihr am liebsten. Klar! Aber man konnte ihr leicht verständlich machen, was auch die Kindergarten-Leitung dem Vater erklärte: Der Kindergarten ist "voll". Warteliste: "ein Jahr", "mindestens".

In einem anderen bekommen wir sofort einen Platz.

So. Und da soll sie nun - vorläufig - hin: drei Tage in der Woche von 9 Uhr bis 12 Uhr.

- Toll?

Ne.

Aus meiner Perspektive als Vater: Ich bin nur noch der Müllablade-Platz für meine Tochter, die - viel - seelischen Müll abzuladen hat nach einem solchen Kindergarten-Tag. Merkwürdig, daß das - offenbar - so wenige andere Eltern erleben. Oder reden sie nur nicht darüber? Versuchen sie es, sich nicht bewußt zu machen? Sie geben wahrscheinlich allem möglichen die schuld, wenn ihre Kinder nervös, unruhig, unerzogen, unaufmerksam, "fahrig" oder "völlig durch den Wind" sind. Bestimmt nicht dem Kindergarten. Dem Kindergarten, dem Kindergarten, dem Kindergarten.

Oh, das ist eine grausame Erfindung. Einem viel gerühmten Friedrich Wilhelm August Fröbel (1782-1852) haben wir Deutschen und die Welt - offenbar - diese "Erfindung" zu verdanken. (Wikipedia 1, 2) Vorher nannte man das auch - wie ich es treffender benannt finde: "Kinderbewahranstalt". Das ist es doch - und mehr nicht. Und dann lese ich auch, daß Kindergärten in Preußen zehn Jahre lang (zwischen 1851 und 1860) verboten gewesen sind. Was? Waren die damals schon so klug?
(Das preußische Kultusministerium verbot sie am 7. August 1851 wegen „destruktiver Tendenzen auf dem Gebiet der Religion und Politik“ und weil sie „atheistisch und demagogisch“ wären. ...)

Abb. 2: F.W.A. Fröbel
 Sieht denn das keiner?

Muß man noch mehr sagen? Zu was bin ich "degradiert"? Morgens bin ich nur damit beschäftigt, meine Tochter fertig zu machen: Töpfchen, Anziehen, Kämmen, Essen, Anziehen, in den Kindergarten fahren. Dabei der "Zwang zur Pünktlichkeit", der doch noch Grundschulkindern einigermaßen zu schaffen macht. Und jetzt schon bei einer Zweieinhalbjährigen? Ich muß sie dauernd drängeln, damit wir nicht "zu spät" kommen. Und das jetzt - - - "jeden Morgen"? Mittags kriege ich ein "völlig fertiges", übermüdetes Kind zurück, das so fertig ist, daß ein ruhiges, normales Mittagessen überhaupt nicht möglich ist. Bisher jedenfalls. Das Kind ist ein einziger Müllhaufen. Seelisch.

Und mir ist inzwischen auch klar, warum. Äußerlich geht alles freundlich zu in einem Kindergarten, man möchte sagen "superfreundlich". Daran kann es nicht liegen. Der Grund ist, daß die Situation an sich boshaft ist. Kein Kind trennt sich gern von seinen Eltern. Und ihm wird im Kindergarten eingeflößt, daß das "normal" ist. Alle Kinder machen das ja. Und alle sind ja "superfreundlich". Aber alle Reaktionen, die es danach zeigt, zeigen mir, daß das normal nicht ist. Und daß das Unbehagen, wenn meine Tochter andere Mütter sich von ihren Kindern an der Tür des Kindergartens verabschieden sieht, ein wesentliches ist. Es wird von ihr registriert, sie sieht es.

Seit sie im Kindergarten ist, ist sie viel aggressiver. Warum? Weil die Situation selbst aggressiv ist. Meine Meinung jedenfalls. Niemand einzelner ist Schuld. Schuld sind allein die Eltern, also ich, die das zulassen, um die Beziehung nicht auf eine Zerreiß-Probe zu stellen und - natürlich - der Zeitgeist. Es sind wunderbare Erzieherinnen im Kindergarten. An ihnen liegt es nicht.

Also so schnell wie möglich zum Mittagsschlaf mit diesem seelischen Müllhaufen. Essen ist doch sowieso nicht mehr möglich. Nun, zwei Stunden später scheint äußerlich alles wiederhergestellt. Aber die tiefe, gemütvolle, harmonische Beziehung, die entspannte Freude, der Spaß will sich - nach diesem tiefen Einschnitt der drei Stunden Kindergarten, diesen ungeheuer reichhaltigen und vielfältigen Eindrücken für so ein kleines Kind - offenbar auch nachmittags nicht mehr zwischen uns einstellen. Sie kann nicht mehr, wie sonst, still, harmonisch und friedlich spielen. "Fahrig" läuft sie in der Wohnung herum, macht dies, macht das. Macht meistens Mist und Unsinn. Findet keinen Frieden, keine Ruhe mehr in sich, also das, was doch zuvor - für Vater und Tochter - das Schönste war am Tag.

Wozu? Wozu, wozu? Wir hatten so schöne Stunden. Tage. Jeder Tag war ein Fest mit ihr. Und nun?

Und nun? "Auf den Hund gekommen." Eine Kindheit und ihre Frieden zerstört.

Und wie man in der Umgebung sieht, gibt es viele Kinder, die nicht nur drei Tage in der Woche drei Stunden im Kindergarten sind. Nein, sie gehen früher und kommen später, erst am Nachmittag nach Hause. Ganz und gar "kaputt". Nur noch ein "Haufen Elend". Ich sehe es doch. Bei Nachbarkindern. Und das fünf Tage die Woche. - Hat Gott diese Welt wirklich verlassen? Die Hand von ihr abgezogen? Oder bin ich einfach "zu zimperlich", "zu sensibel"? Wir sind doch sonst in allem so ... "supersensibel"? Und in diesen Fragen nicht?

Habe ich meine Tochter nur, um sie die schönsten Zeiten, die man überhaupt mit ihr haben kann im Leben, um sie diese im Kindergarten verbringen zu lassen? Und um mir selbst dann nur den "faden Rest" zu lassen, die "ausgelutschte Zitrone"? Ist das der Sinn? Ist es das, was wir wollen und zu preisen würdig finden?

Ich finde es ekelhaft und könnte erbrechen.
Abb. 3: F.W.A. Fröbel
- Soweit dieser Vater. - Ja, schade, was soll man dazu noch sagen? So wie dieser Vater erlebt vielleicht noch so mancher und so manche die Welt, soziale Beziehungen und Kinder.

Zur Bebilderung dieses Beitrages wurden noch ein paar Fotos von dem F. W. A. Fröbel heraus gesucht. Kann man diesen Menschen freundlich nennen? War er ein "Menschenfreund"? War das gut, was er getan hat? Konnte er ahnen, was er tut? Oder hat der preußische Kultusminister nicht doch auch eine gewisse richtige "Ahnung" gehabt über dessen Tun - ? Waren ihm die möglichen Folgen seines Tuns nicht bewußt? Das "düsterste" Portrait von ihm (ganz oben) scheint einem jedenfalls am ehesten jene Menschlichkeit zum Ausdruck zu bringen, die von ihm und seiner "Erfindung" auf die heutige Gesellschaft ausstrahlt. ...

Samstag, 22. Dezember 2007

Das Kind in der Krippe ... in Bethlehem und anderswo ...

Rechtzeitig zum Weihnachtsfest, dem Fest der Kinder, meldet sich - endlich, endlich - die "Deutsche Psychoanalytische Vereinigung" zu Wort. Und zwar zum Thema Krippenbetreuung.

Der diesbezügliche FAZ-Artikel sei hier vollständig zitiert:

Verlust der Lebenssicherheit

von Heike Schmoll

Angesichts des Krippenausbaus hat die Deutsche Psychoanalytische Vereinigung die Bedeutung der Eltern-Kind-Beziehung in den ersten drei Lebensjahren bekräftigt. Jeder Krippenwechsel oder Wechsel einer Tagesmutter werde vom Kind als Bindungsverlust wahrgenommen.
Nur wenn die außerfamiliäre Betreuung – seien es Krippe oder Tagesmutter – vom Kind als Teil der „familiären Einheit“ erfahren würden, könnten sie seine Entwicklung bereichern und bei der Ablösung von den Eltern eine Hilfe sein. Die Bindungsfähigkeit des Kindes bilde die Grundlage für sein Selbstwertgefühl und seine Fähigkeit, tragfähige Beziehungen aufzubauen.
Auch die emotionale und kognitive Entwicklung würden in der frühen Kindheit durch die Stabilität seiner Beziehungen gefördert, heißt es in dem Memorandum der Psychoanalytiker.
Seelische Überforderung durch eine Trennung
Plötzliche oder zu lange Trennungen von den Eltern in der frühen Kindheit bedeuteten einen bedrohlichen Verlust der Lebenssicherheit, auch weil Sprach- und Zeitverständnis des Kindes noch nicht weit genug entwickelt seien, um Verwirrung oder Angst mit Erklärungen zu mildern.
Die seelische Überforderung des Kindes durch eine Trennung, die sich in verzweifeltem Weinen, anhaltendem Schreien oder späterem resignierten Verstummen sowie Schlaf- und Ernährungsstörungen zeige, fordere besondere Zuwendung und Verständnis, um nicht zu einer innerseelischen Katastrophe zu werden. Pflegeleichte Kinder, die gegen die Trennung nicht protestierten, brauchten besondere Aufmerksamkeit, da ihre seelische Belastung zuweilen nicht erkannt werde.
Gefährdung der psychischen Gesundheit
Kinder könnten von der Betreuung außerhalb der Familie nur profitieren, wenn sie dort gute und dauerhafte Beziehungen entwickeln könnten. Alle Eltern, die sich zu Hause mit ihren Kindern überfordert oder isoliert fühlten, brauchten Unterstützung, gesellschaftliche Anerkennung und öffentliche Angebote für das Leben mit Kindern, heißt es in dem Memorandum.
Die deutsche Psychoanalytische Vereinigung verweist darauf, dass es entwicklungspsychologisch entscheidend ist, ob ein Kind mit einem Jahr, mit anderthalb oder mit zwei Jahren in eine außerfamiliäre Betreuung komme und wie viele Stunden sie täglich in Anspruch genommen werde. Je länger die tägliche Betreuung getrennt von den Eltern dauere, desto höhere Werte des Stresshormons Cortisol seien im kindlichen Organismus nachweisbar.
Dies erkläre den in Längsschnittstudien belegten Zusammenhang zwischen ganztägiger Dauer der außerfamiliären Betreuung und späterem aggressivem Verhalten in der Schule. Je jünger das Kind sei, je geringer sein Sprach- und Zeitverständnis, je kürzer die Eingewöhnungszeit in Begleitung der Eltern, je länger der tägliche Aufenthalt in der Krippe, je größer die Krippengruppe und je wechselhafter die Betreuungen, desto ernsthafter sei die mögliche Gefährdung seiner psychischen Gesundheit, wenden die Psychoanalytiker ein.
Fehlentwicklungen vorbeugen
Sie schlagen vor, jedes Kind individuell auf seine „Krippenreife“ hin zu beurteilen, um Traumatisierungen zu verhindern. Die Eltern kannten ihr Kind zwar am besten und erfassten seine „Krippenreife“ intuitiv, doch politische Forderungen nach möglichst früher Rückkehr der Mütter an den Arbeitsplatz verunsicherten intuitives Wissen und schürten eine unnötige ideologische Konkurrenz um ein „richtiges“ Frauenbild.
Für dringend erforderlich halten die Psychoanalytiker daher staatlich geförderte entwicklungspsychologische Forschungen und Langzeitstudien, die den geplanten Ausbau der Tagespflegeplätze und die Einführung des Rechtsanspruchs auf einen Krippenplatz unter den Dreijährigen aufmerksam begleiteten, um Fehlentwicklungen vorzubeugen.
Diesem Artikel muß eigentlich nichts mehr hinzugefügt werden.

Freitag, 7. Dezember 2007

Seid "frech" wie Christa Müller!

"Frech wie Christa" titelte der "Vanity Fair". - Am 1. Dezember hatte die familienpolitische Sprecherin der Partei "Die Linke - Saarland", Frau Christa Müller, auf der Tagung der "Paneuropa-Union" in Augsburg gesprochen - zusammen mit Bischof Mixa. Kurz zuvor hatte die FAZ einen Gastbeitrag von ihr gebracht, in der sie ihre Gedanken darlegte:
„Wenn wir Erzieher, Lehrer und Kinderpsychologen bezahlen, müssen wir aus Gründen der sozialen Gerechtigkeit auch Eltern für ihre Erziehungsleistung honorieren.“ (FAZ)
- Ein Gedanke so simpel und selbstverständlich, daß es Wunder nimmt, daß er nicht bei allen Parteien als erster Punkt schon seit 40 Jahren auf ihrem Programm steht, spätestens aber seit dem Familienbericht von 1994, der unter Federführung von Rosemarie von Schweitzer erstellt wurde. Schon 1952 und 1957 hatten die führenden deutschen Sozialreformer der Adenauer-Regierung im Zusammenhang mit der Rentenreform einen umfangreichen Familienlasten-Ausgleich vorgeschlagen (und zwar als gleichgewichtiger Teil der Rentenrform). Dieser ist damals von Adenauer mit dem burschikosen Wort übergangen worden "Kinder bekommen die Leute von alleine". Die Bundesrepublik brauchte bislang mehr als vierzig Jahre, um festzustellen, endlich festzustellen, daß eben genau dieser Satz zumindest für moderne, post-agrarische (verstädterte) Gesellschaften nicht zutrifft. Das Umfeld muß stimmen, auch das finanzielle, zumal bei der heute vorherrschenden "strukturellen Rücksichtslosigkeit" von Staat, Wirtschaft und Gesellschaft gegenüber der Institution Familie, wie sie ja schon von mehreren Familienberichten und Verfassungsgerichten inzwischen quasi "regierungsamtlich" und "höchstrichterlich" festgestellt worden ist.

Aber "Die Grünen" wiederholen aus dem Anlaß der Thesen von Christa Müller einfach nur ihre Uralt-Phrasen (Grünen) und haben offenbar jegliche grundlegendere gesellschaftspolitische Reformfähigkeit verloren, seit sie sich vom Turnschuh-Fischer wie ein Lamm an der Leine in den ersten Krieg der Bundesrepublik Deutschland nach 1945 haben hineinführen lassen.

Die "freche" Christa Müller ist ja zugleich die Ehefrau von Oskar Lafontaine. Oskar Lafontaine war als Bundesminister rechtzeitig zurückgetreten, als der Krieg ausbrechen sollte. Letzterer hat sich also seine Integrität bewahrt und hat auch jegliche Distanzierung von seiner Frau in Fragen der Familienpolitik bislang abgelehnt. Gerade darum erregt sie großen Unmut unter den "Linken":
... Verärgert sind viele Linkspolitiker auch, dass Müller im bistumseigenen Augsburger Sankt Ulrich Verlag ein Buch publiziert, in dem sie Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen (CDU) heftig attackiert. Unter dem Titel „Dein Kind will Dich!“ wirbt sie mit Nachdruck für ein Erziehungsgehalt von 1600 Euro monatlich pro Kind in den ersten drei Lebensjahren. Damit sollen Eltern eine echte Wahlfreiheit zwischen Familien- und Erwerbsarbeit bekommen. Das Buch ist laut Verlagsankündigung „ein flammendes Plädoyer für eine radikale Neuorientierung in der Familienpolitik“. (Welt, Hervorhebung durch mich, I.B.)
Wir haben hier auf dem Blog schon mehrfach sehr zustimmend über Christa Müller und ihre Thesen berichtet. Es sollen noch ein paar Auszüge aus der Presse über ihre Rede gebracht werden:
... „Die Betreuung von Kindern in der Familie muss mindestens genauso finanziell unterstützt werden wie eine Fremdbetreuung.“ Das von der CSU geforderte Betreuungsgeld von etwa 150 Euro im Monat halte sie für „indiskutabel gering“. ... (Mittelbayerische)

... Müller bemängelte in ihrer Rede, Familien mit Kindern würden vom herrschenden Steuersystem »ausgebeutet«. Dadurch finanzierten sie indirekt kinderlose Ehepaare. Sie forderte ein Ende der »massiven staatlichen Unterstützung« für kinderlose Lebensmodelle. Eine ideelle und materielle Anerkennung der schwierigen Situation junger Familien finde nicht statt, betonte die Familienexpertin der Linke Saar. ... (Linie Eins)
Das sagt ja nicht nur Christa Müller, das sagen ja auch Bundesfamilien-Berichts- und regierungsamtliche Experten-Kommissionen ebenso wie Bundesverfassungs-Gerichte. Merkwürdig, daß das immer so leicht vergessen wird. Mixa und Müller ...
... schoben sich, vor allem in der freien Diskussion, gegenseitig die Bälle zu, (...): "Es scheint momentan eine Rückbewegung zu Familie und Treue zu geben" (Müller) (...). "Das Problem heute ist, dass man ja nur noch das sagen darf, was politisch korrekt ist, wie man auch bei Eva Herman gesehen hat" (Müller), "Ich habe den Eindruck, dass meine bischöflichen Mitbrüder im Grunde genauso denken wie ich, aber weil es nicht politisch korrekt ist, sagen sie dann nichts" (Mixa). (...) "Mit einem Überangebot an Krippenplätzen" sollen "Hunderttausende von Müttern kleiner Kinder dem Arbeitsmarkt zugeführt werden" heißt bei Müller. Der Theologe im Ornat und die blonde Linke im eleganten Kostüm Seite an Seite - gibt es einen besseren Beleg, dass die Neuausrichtung der Kinder- und Familienpolitik die Republik aufwühlt wie kaum ein anderes Thema? (Welt, Hervorhebung durch mich, I.B.)
Die "freche Christa" hat also auch noch den - - - "traurigen" Mut, den viele deutsche Bischöfe nicht haben, die ekelhafte Behandlung der Eva Herman in der deutschen Öffentlichkeit als das anzusprechen, was sie war und ist: ekelhaft. Es wäre schön, wenn sich mehr Menschen wie Christa Müller und Eva Herman ihre Frechheit und ihre Respektlosigkeit gegenüber dem herrschenden Unsinn bewahren würden. Das könnten durchaus auch Parteipolitiker beliebiger Farbe sein ... (Von Theologen gar nicht zu reden ...)

Ihr Buch übrigens gibt's auch in unserem Buchladen (Rubrik "Familienpolitik"). Es dürfte eines der schönsten Weihnachtsgeschenke dieses Jahr sein.

Mittwoch, 5. Dezember 2007

"Gegen Gossenjournalismus zur Quotenmaximierung"

Frau Maria Steuer, die Leiterin des Familiennetzwerks, weist in ihrem jüngsten Rundbrief auf die Mahnwache einer "Interessengemeinschaft gegen Medienmanipulation" beim ZDF in Mainz am Freitag aus Anlaß der Fernsehrats-Sitzung hin. In letzterer soll auch die Kerner/Herman-Angelegenheit besprochen werden. Diese "Interessengemeinschaft" fordert seit vielen Wochen vom ZDF und anderen Medien, deutlich wahrnehmbare Konsequenzen aus dem Geschehenen zu ziehen. Es heißt auf ihrer Seite:
Diese Homepage und das hinterlegte Forum dienen in erster Linie der Dokumentation aller veröffentlichten Presseberichte und Hintergrundinformationen, auch offener Briefe und Kommentare zum "Kerner-Eklat". Die Zusammenfassung der Chronologie und weitere Beobachtung der Begleitumstände rund um die offensichtlich gezielte Manipulation der Medien zwecks Diffamierung einer Einzelperson, hier Frau Eva Herman, ist Anlass für die Bildung einer "Interessengemeinschaft gegen Medienmanipulation", die sich aus mündigen Bürgern zusammensetzt, welche sich einem gemeinsamen Ziel verpflichtet fühlen: Sie wollen in einer die Freiheit der Rede achtenden Demokratie leben, die diese Bezeichnung auch verdient. Und sie sind nicht bereit hinzunehmen, wie zunehmend wirtschaftliche und politische Interessen die freie Informationsbeschaffung und objektive Berichterstattung unterdrücken und manipulieren.
Ich kenne die Leute nicht, die dies organisieren - aber das klingt für mich alles sehr gut:
Dies ist keinesfalls eine "Eva-Herman-Fanseite". Es geht uns nicht darum, für die familienpolitischen Ansichten von Eva Herman einzutreten, die sie in Ihren öffentlichen Auftritten und Publikationen vertritt, sondern darum, das Grundrecht auf freie Meinungsäußerung zu verteidigen. Und da der Medienskandal Eva Herman nach wie vor hochaktuell ist, wollen wir nicht nur, dass die in diesem Zusammenhang vorgenommenen Zitatfälschungen, Verdrehungen und Manipulationen lückenlos aufgeklärt, sondern vor allem auch, dass sie nicht weiter fortgeführt werden. Unabhängig davon, ob wir die Meinung von Eva Herman nun teilen oder wie wir persönlich zu ihren Thesen stehen: Unser Ziel muss es auch sein, zu Frau Hermans vollständiger Rehabilitation beizutragen. Der Erfolg unserer Interessengemeinschaft wird nicht zuletzt auch davon abhängen, inwieweit es uns gelingt deutlich mehr Menschen über die Vorfälle aufzuklären, zum Nachdenken anzuregen und für die Mitarbeit zu gewinnen. Auch für die Aktionen die wir vorhaben, denn es gibt noch viel zu tun.
Auf der Seite werden viele sehr klare Worte geäußert. Hier zum Beispiel ein Aufruf zur Mahwache beim Landesstudio des ZDF in Düsseldorf von B. Bruns (Hervorhebung durch mich, I.B.):
Mahnwache in Düsseldorf

Freitag, 26. 10. 2007, ab 14:00 Uhr

vor dem Landesstudio des Zweiten Deutschen Fernsehens,
Josef-Gockeln-Straße 8

Gegen die mediale Hinrichtung der integeren Frau Eva Herman durch den ZDF-Moderator Johannes B. Kerner;

Gegen den Gossenjournalismus zur Quotenmaximierung und den Verfall des kulturellen Niveaus, insbesondere in den von den Bürgern zwangsfinanzierten öffentlich-rechtlichen Medien mit gesetzlichem Sendeauftrag;

Gegen die ungeprüfte fahrlässige Übernahme evident falscher Agenturmeldungen, die letztlich in der Konsequenz zu einer Gleichschaltung der Medien bei der Verbreitung von bedenklicher Berichterstattung führen.

Der würdelose Umgang von Johannes. B. Kerner in seiner Sendung vom 9.10.2007 mit seiner eingeladenen Gesprächspartnerin Eva Herman führte in der Bevölkerung zu einer Empörungswelle, die wohl einmalig sein dürfte in der deutschen Mediengeschichte. Dabei hatte Eva Herman in dem Kerner-Tribunal mehrfach unmissverständlich von einer ihr unterstellten ideologischen Nähe zum damaligen verbrecherischen Naziregime distanziert. Jedenfalls hat Sie in dieser Sendung nichts gesagt, dass die Toleranzschwelle von Demokraten auch nur annähernd hätte tangieren können.

In Tag- und Nachtschichten artikulieren die verärgerten und entsetzten Bürger und Bürgerinnen seither im „besetzten“ Forum des ZDF ihre massive Kritik an dieser offenbar gezielt inszenierten Krawallsendung. Viele tausende von Protesten und Forderungen – auch in den Foren diverser Printmedien - konnten bis heute die Verantwortlichen des ZDF nicht zu einer nachvollziehbaren Stellungnahme bewegen.

Das ZDF verweigert zu der von ihr zu verantwortenden Skandalsendung beharrlich jeden Dialog mit seinen kritischen Zuschauern. Der öffentlich-rechtliche zwangsfinanzierte „Kommunikationskonzern“ mag mit seinen Zuschauern partout nicht kommunizieren. Die Menschen, die Antworten auf den Vorgang verlangten, erlebten beim ZDF einen unvermuteten Abgrund an Arroganz. Offenbar wird in den Chefetagen der Sendeanstalt die naive Strategie verfolgt, den Skandal auszusitzen und abzuwarten, bis die Gebührenzahler ermüden, peinliche Fragen – auch mit Wirkung für die Zukunft – zu stellen. Diese plumpe Strategie wird scheitern.

Die Kerner-Affäre hat sich derweil zu einer massiven Vertrauens- und Glaubwürdigkeitskrise des ganzen Zweiten Deutschen Fernsehens entwickelt. Ein Krisenmanagement gibt es in dieser Sendeanstalt offenbar nicht. Alle vorgesehenen Kontrollgremien versagen kläglich. Das ist das traurige Resümee der Community.

Bereits in Mainz hat jüngst eine von der Community delegierte Gruppe von Menschen versucht, einen Dialog mit dem Sender zu erreichen. Es gab vage Versprechungen, bisher ohne Erfolg.

Jetzt folgen engagierte Aktionen der Internetgemeinde in Düsseldorf, Hamburg. Berlin und anderswo um mit ZDF-Verantwortlichen endlich ins Gespräch zu kommen.

Der mediale Kerner-Krawall, dieser Glaubwürdigkeits-Gau, hatte allerdings auch eine höchst wertvolle Wirkung: Viele tausend Menschen sind dadurch aufgewacht. Und sie fragen sich seither, warum die evidente Lüge und Manipulation zum Handwerkszeug der „Meinungsmacher“ gehören. Denn es hat sich an diesem Skandal auch gezeigt, dass der Mainstream der Medien – die veröffentlichte Meinung – oft bei weitem nicht identisch ist mit der Meinung jener, die hier zu Lande in der Politik nur noch bei Wahlen wahrgenommen werden.

Die anhaltende Empörung der Menschen – jenseits aller politischen und weltanschaulichen Präferenzen – muss Folgen haben. Eine der Forderungen: Herr Kerner hat sich bei der integeren Frau Herman öffentlich zu entschuldigen oder er kann als Repräsentant eines öffentlich-rechtlichen Senders nicht mehr konsensfähig sein. Auch wird vom ZDF verlangt, dass der unakzeptable Vorgang in einer ZDF-Sendung adäquat und transparent „aufgearbeitet“ wird: Vergangenheitsbewältigung sozusagen.
In Mainz hat einmal eine Elisabeth Noelle-Neumann gelehrt. Es sollte dort wohl doch eine Besinnung auf anständigen Journalismus möglich sein.

Donnerstag, 18. Oktober 2007

"... daß es nicht geklappt hat mit der Eigenorganisation des Menschen ohne Gott"

Die Familientherapeutin und Buchautorin Christa Meves, frühere Mitherausgeberin des "Rheinischen Merkur", ist immer wieder eine Autorin, die ich gerne lese. Hier ihr jüngster Kommentar zur Hysterie rund um Eva Herman. Ja, Hysterie. Irrsinnige Hysterie. Anders scheint man das meiner Meinung nach nicht benennen zu können. Vor allem um des letzten Satzes willen halte ich diese Ausführungen für lesenswert:
WORUM ES WIRKLICH GEHT

von Christa Meves

Klar, so lässt sich das gewissermaßen in einem Abwasch erledigen: Eva Herman, diese Lachnummer der Journaille, und die deutschen Katholiken von Mixa bis Gindert gleich mit - nach dem Motto: "Ist mir aber was nicht lieb - weg damit ist mein Prinzip."

Das Bedenkliche ist nur: Es handelt sich nicht um eine Petitesse. Es handelt sich auch erst recht nicht allein um eine grammatikalisch verunglückte Satzkonstruktion auf einer Pressekonferenz, die sich missdeuten lässt, wenn man Übles gegen eine Buchautorin im Sinn hat.

Vielmehr lässt sich an dem spektakulären Rummel um die abgehalfterte Fernsehmoderatorin Eva Herman ablesen, wie zum Zerreißen gespannt die geistige Situation in unserem Land ist: Auf der einen Seite die Dampfwalze einer seit 1969 das innere Aktionsfeld unserer Republik bestimmenden liberal- neomarxistischen feministischen Ideologie. Durch deren massive Verdrängungsdecke quellen unablässig die negativen Ergebnisse der seit vierzig Jahren revolutionär veränderten Einstellung:

* 50% Scheidungen, unruhige, psychotherapeutisch behandlungsbedürftige Kinder, ein immer mehr absinkendes Leistungsniveau,
* 20% der Schüler ohne Schulabschluss,
* 51% der Studenten ohne Universitätsexamen,

absinkende Zahl der Eheschließungen, Geburtenschwund ohne Ende, Massenabtreibung, hohe Kriminalität, das Avancieren der Depression zur zweithäufigsten unter den Krankheiten.

Mit aller Macht wird seit Jahrzehnten versucht, das Ungute dieser Entwicklung herunterzuspielen, ja, es überhaupt zu überhören. Aber die Halden verstörter Seelen werden immer höher, sie lassen sich nicht mehr durch Lärmkulissen verschleiern.

Auf der anderen Seite eine ahnungsschwere Bevölkerung, die zwar selten die Ursachen des Verhängnisses und den Zusammenhang mit dem vielen selbstgemachten Unglück und dem Verarmungsprozess zu durchschauen vermag (schließlich wurde sie kaum einmal unverblümt informiert). Aber sie spürt: Hier ist etwas faul im Staate Dänemark, schon ganz und gar, seit sogar die CDU die Fahnen gestrichen hat...

Deshalb muss man gegen diese eine von ihnen aus der Phalanx der Mächtigen, die ausgeschert ist und die gegen die Betondecke der Verdrängung auf die Barrikaden geht, mit diesem medialen Kanonengedonner vorgehen; denn mit Recht fürchtet die Mediendiktatur das Aufwachen der jahrzehntelang für dumm Verkauften.

Es könnte ins Bewusstsein geraten, dass ohne genug intakte Familien am Ende nur noch Verzweiflung bleibt. Es könnte bemerkt werden, dass ohne Mütter, die sich ihren Babys und Kleinkindern hinhalten, keine Leistungsgesellschaft aus dem Boden zu stampfen ist. Ja, es dämmert sogar vom Horizont her, dass es eben nicht geklappt hat mit der Eigenorganisation des Menschen ohne Gott.

Montag, 15. Oktober 2007

Noch einmal: Eva Herman

Einigermaßen Treffendes sagt Andreas Zielcke in der "Süddeutschen" zum Thema Eva Herman. (Süddt. ) Er redet von der "Schlechterwisserei" ihrer Gesprächspartner. Im Grunde äußert er Banalitäten. Aber manchmal ist wohl auch das nötig ...:
"(...) Das Etikett "gleichgeschaltet", mit dem Eva Herman die sie treffende breite Medienschelte belegt, wird als NS-Begriff charakterisiert. Und der Hinweis auf Hitlers Autobahnen wird ihr als apologetisch ausgelegt.

diese Art der Beweisführung ist absurd. Die Kritik am dominanten Individualismus gehört zum Fundament konservativer Kulturkritik bis heute - es wäre ein geistesgeschichtlicher Witz, diese Gedankenfigur zu verbieten.

Auch der Vorwurf der Gleichschaltung zählt längst zum Arsenal der Medienkritik, er ist - im Westen - fast immer polemisch und mächtig übertrieben, aber wer lokalisiert, wenn man ihn im Spiegel oder in der SZ liest, seinen Autor ideell im Dritten Reich? Und Hitlers Autobahnen gehören schon zur zynischen Folklore. Abgesehen davon war Eva Hermans Pointe genau umgekehrt: Heute den Ausdruck "gleichgeschaltet" zu benutzen, besage doch nicht mehr, als heute auf Hitlers Autobahnen zu fahren. Stimmt!

Man braucht sich gar nicht zu vergegenwärtigen, mit welcher skrupulösen Umsicht Victor Klemperer in seiner "Lingua Tertii Imperii" typische Sprachvehikel des Dritten Reichs untersucht hat, um die unredliche Selbstgerechtigkeit heutiger Anklagen wie bei Kerner zu erkennen. "System", "Intelligenz", "Objektivität" - alles bösartig verwendete Begriffe der NS-Denker, wie Klemperer zeigt.

Doch systematisch, intelligent und objektiv - wenn man den heutigen politisch Korrekten doch nur diese Etiketten anheften könnte!"

Donnerstag, 11. Oktober 2007

TV - total blöd

Nun hat man es also auch gesehen: Eva Herman bei Johannes B. Kerner. Daneben - - - Senta Berger. Daneben - - - Margarethe Schreinemakers. Daneben so ein "Unbekanntling" (für seltene Fernsehzuschauer).

Haben die denn alle ein Rad ab? Und dahinter noch der Herr Wippermann, ein Vertreter der ehrwürdigen Historiker-Zunft. Sind die alle noch ganz dicht?

Die einzige, die normal ist, ist Eva Herman. Nach der Nervosität in den Medien war man doch überrascht, wie ruhig sie ist und bleibt. Doch warum nickt sie sofort und geht raus und zeigt sich darüber nicht verwundert? Alles doch so mehr oder weniger Regie - auch mit ihr? - - - Merkwürdig ....

Frau Berger verkündet, gehen zu wollen und - - - schlägt die Beine übereinander.

Das beste zum Thema ist wohl wirklich noch Stefan Raab von TV Total ... "Die spinnen, die Deutschen."

....



Mittwoch, 10. Oktober 2007

Das neue Feuerwerk der "Public Relations-Industrie" ...

... zum allseits "beliebten" Thema "Eva Herman"

Der Hund stinkt von vorne bis hinten, nämlich die Art, wie in der Öffentlichkeit mit Eva Herman umgegangen wird. Die bundesdeutsche Öffentlichkeit produziert mediale Grotesken von unsäglicher Unerheblichkeit. Ein Volk hat - wahrscheinlich - die Talkshows, die es verdient. Was soll man sonst zu all dem Quatsch, all dem Quatsch rund um Eva Herman sagen? Nein, um es ganz klar zu sagen: Man muß - auch als Nichtkatholik - voll auf Seiten von Eva Herman stehen. Jede andere Haltung ist absurd. Noch einmal: Absurd.

Wenn Antje Hildebrandt auf Welt-Online (Welt) "irgendwie" Eva Herman entgegenkommen will, dann aber doch sagt: "Das vollständige Zitat" (das berühmte ...) "entlastet sie aber nicht," dann weiß man nicht, was Antje Hildebrandt meint, was daran nicht entlastend ist. Sie sollte das sagen. Das ist alles eine solche Groteske und Lächerlichkeit, daß all das nur eines deutlich macht: Dummheit und "Herrschaft des Verdachts" hat keine Grenzen, wenn man einmal näher in deren Einflußbereich gekommen ist. Heute Eva Herman. Morgen Du. Denn alle Welt weiß, ... "was in der Zeitung steht". Und kein bedeutender Name hat den Mut, Eva Herman in der Öffentlichkeit beizuspringen. Alles Feiglinge. Alle.

Hier für alle Superschlauen noch einmal, was Eva Herman über das sagte, was ihr vorgeworfen worden war:
"Was ich zum Ausdruck bringen wollte, war, dass Werte, die ja auch vor dem Dritten Reich existiert haben, wie Familie, Kinder und Mutterdasein, die auch im Dritten Reich gefördert wurden, anschließend durch die Achtundsechziger abgeschafft wurden. Vieles, was in dieser Zeit hochgehalten wurde, wurde danach abgeschafft. Und dazu gehören Werte, die uns auch vor dem Dritten Reich zusammengehalten haben und uns ja auch das Überleben gesichert haben. Familie nämlich." (Markenpost)
Und das war es. Mit dieser Erläuterung, die klar und eindeutig ist, ist jede Diskussion zu Ende. Es sei denn: Erwähne niemals das Dritte Reich, wenn Du nicht jederzeit bereit bist, Dich danach auch für das zu entschuldigen, was andere glauben, was Du gesagt hast, was Du aber eindeutig nicht gesagt hast. Und was Du auch nicht MEINST, nicht meinen KONNTEST, wie ja klar von Dir zum Ausdruck gebracht wird und immer nur wieder neu zum Ausdruck gebracht wird.

Schön auch Charly Kneffel von der "Berliner Umschau". Er schreibt unter anderem:
"Zwar hatte Senta Berger die Bücher Hermans gar nicht gelesen, aber eine Meinung hat man immer, es ist die herrschende Linie in der veröffentlichten Meinung, die gern mit der öffentlichen Meinung verwechselt wird. Klasse auch der „Experte“ Wolfgang Wippermann, der zwar die Äußerungen Eva Hermans gar nicht im Original kennt, wie er einräumte, aber schließlich habe doch alles in der Presse gestanden – eine Haltung, die in Hochzeiten de APO ff allgemeines Hohngelächter ob ihrer Naivität ausgelöst hätte – und da könne man doch jetzt nicht kommen und sagen, alles sei falsch zitiert. (...)

Eva Herman mag glauben, sie hätte in dieser Republik noch eine Chance. Hat sie nicht, denn ist der Hase erst zum Abschuß freigegeben, wird er auch erlegt. Wer anderer Meinung ist, wird sich hüten, sie zu äußern. Retten kann sie nur die Freigabe der Originalbänder, die aufzeigen, was sie wann wirklich gesagt hat." (Die sind doch freigegeben! Man lese öfter mal "Studium generale", Herr Kneffel! Sind SIE der verantwortliche Journalist, der sich und andere informieren muß, bevor er schreibt - oder wir?) Weiter: "Rehabilitiert wird sie dann zwar nicht, aber die Angriffe werden etwas leiser werden und sie fortan totgeschwiegen. Bis dahin wird sie damit leben müssen, daß ihre Aussagen mit Alfred Rosenberg verglichen werden, sie gefragt wird, wann sie „bei Mixa“ gelernt habe oder verhöhnt, sie müsse sich doch freuen, entlassen worden zu sein, dann habe sie doch mehr Zeit für die Kinder.

Eigentlich sagt das aber nur etwas aus über den Mob." (Berliner Umschau)

Donnerstag, 27. September 2007

Eva Herman - die Medien sind komplett durchgeknallt

Ein Leser schreibt an "Stud. gen.":
.... hier ist das Originaltondokument zu der „umstrittenen“ Aussage von Eva Herman:

http://www.duesseldorf-blog.de/audio/Eva_Herman.mp3

http://de.wikipedia.org/wiki/Eva_Herman

Es ist sehr aufschlussreich, daß dieser Audiomitschnitt deutlich von der Darstellung der meisten Medien abweicht. Nach meinem Gefühl kann man Hermans Aussage in diesem Sinnzusammenhang voll bejahen. Ihre Rede scheint in jedem Fall völlig ungeeignet als Entlassungsgrund zu sein. Ähnlich wie in der verflossenen DDR scheint sich die mediale Meinungsnorm zunehmend vom Empfinden der Menschen abzukapseln.
"Stud. gen." meint: Es fehlen einem die Worte dazu, wie aus einem so harmlosen Gerede ein Skandal gemacht werden kann. Grotesk. Abscheulich. (Beim Duesseldorf-Blog gibt's weitere Verweise.)

Sonntag, 9. September 2007

Eva Herman ...

Provokation ist gut. Aber geht nicht so mancher Schuß nach hinten los? - Wie urteilt das Volk? Bei einer Umfrage von Web.de haben bislang nach dortigen Angaben 21.541 Menschen ihre Stimme abgegeben. Hier das Ergebnis (Web.de):
"Eva Herman's NS-Zitat ist ...
... empörend ------- 46 %
... ein dummes Mißgeschick --------- 20 %
... ganz treffend -------- 34 %."
Diese Umfrage zeigt jedenfalls eine etwas andere Stimmung auf als der allgemeine Tenor der Presse (etwa: Bild).

Dienstag, 14. August 2007

Jugendbewegung, Bevölkerungswissenschaft und Drittes Reich

Das Beispiel Gerhard Mackenroth

Von der DFG (Deutsche Forschungs-Gemeinschaft) in einem Schwerpunktprogramm gefördert wird derzeit die Geschichte der deutschen Bevölkerungswissenschaft während des 20. Jahrhunderts sehr intensiv erforscht. (Bevölkerungsforschung TU Berlin) In früheren Beiträgen hatten wir schon auf den dabei entstandenen wichtigen Band "Bevölkerungswissenschaft im Werden" hingewiesen, in dem vor allem über den bedeutendsten deutschen Bevölkerungswissenschaftler Gerhard Mackenroth viel Neues zu erfahren gewesen war. (Studium generale 1, 2) Dieser unter einem unscheinbaren Titel erschienene Band war es vor allem gewesen, der hier auf dem Blog Anregung gab, das Thema Familienpolitik künftig grundlegender zu behandeln und anzugehen.

Nun ist aus diesem Schwerpunktprogramm heraus ein weiterer, sehr wichtiger Band erschienen. (1) Dies ist ein thematisch so umfangreicher und vielfältiger Band, daß an dieser Stelle nur einzelnes herausgegriffen werden kann. So vertieft Patrick Henßler in seinem Beitrag zu diesem Band seine Ausführungen über Gerhard Mackenroth im schon genannten vorherigen Band. Und der Gießener Historiker Jürgen Reulecke, der die Lebensreformbewegung nach 1900 erforscht, befaßt sich genauer mit Gerhard Mackenroths Schrift von 1933 "Deutschlands Jugend revoltiert". Reulecke schreibt (S. 226):
Henßler hat - in dem Band "Bevölkerungswissenschaft im Werden" - (...) zwar durchaus eine Reihe von zustimmenden Urteilen zum nationalsozialistischen Umbruch, aber auch Belege für eine anfänglich abwartende Distanz gefunden: Den "ganzen cäsarischen Kult um die Person des 'Führers' " hielt Mackenroth z.B. zunächst für "außerordentlich widrig" und hatte sogar ein Jahr vorher in einem Brief (...) Hitler als "dumm und eitel und begabt mit dem politischen Instinkt einer Kuh" charakterisiert. Den ganzen nationalistischen Rummel mit "Uniformen und Märschen und Hurrarufen" deutete er als nichts anderes als eine "Überkompensation einer tiefergehenden Unsicherheit".
Reulecke betrachtet im weiteren diese Schrift Mackenroth's, der selbst Angehöriger der Jugendbewegung war, als sehr geeignete Quelle zur Erforschung der Jugendbewegung und ihres Verhältnisses zum Nationalsozialismus, genauso wie ihm auch der persönliche Werdegang von Gerhard Mackenroth in dieser Beziehung als sehr exemplarisch erscheint. Hochspannend sind die abschließenden Worte von Reulecke's Beitrag (S. 230):
Abschließend, angestoßen durch Mackenroth's Beispiel, nur ein kurzer Hinweis auf eine verallgemeinerbare Beobachtung, welche sich auf das Personal der sich mit Volk, Rasse und Bevölkerung beschäftigenden Disziplinen jener Zeit bezieht: Es ist bemerkenswert, wie viele jüngere, d.h. seit 1890/1900 geborene Wissenschaftler der sich mit Problemen der Bevölkerung befassenden Wissenschaftszweige jugendbewegt geprägt gewesen sind: von Gunther Ipsen über Hans Harmsen, Hans Raupach, Ernst Rudolf Huber bis hin zu Werner Conze und Theodor Schieder. Mackenroth ist nur ein Beispiel unter vielen. Es wäre reizvoll, diese Verbindung etwas genauer zu analysieren. Zwei Einzelbeispiele aus den damaligen völkischen Bemühungen um das Grenz- und Auslandsdeutschtum bzw. die deutschen Sprachinseln im Ausland zeigen bereits exemplarisch, wie stark Denkimpulse aus der Jugendbewegung, hier aus dem Wandervogel, entsprechende Forschungen angeregt haben: bei dem Germanisten und Volkskundler Georg Schmidt-Rohr (1890 - 1945) und bei dem Volkskundler und Historiker Walter Kuhn (1903 - 1983).
Die Universität Mainz, an der ich (I.B.) studierte, besitzt den Buchnachlaß von Professor Walter Kuhn. Walter Kuhn behandelte als Schlesier die Siedlungsgeschichte vieler deutscher Minderheiten im osteuropäischen Raum, die er als jugendbewegter Mensch wie so viele damals (also wie offenbar auch Mackenroth) reisend und wandernd und Theater spielend besuchte und erforschte (Dialektforschung, Liedforschung, Siedlungsgeschichte u.a.m.). Zu diesen Minderheitengruppen zählten auch die Wolhynien-Deutschen, die aufgrund ihres ungeheuren Fleißes (bracchialische Rodungsarbeit in riesigen Sumpfgebieten) und zugleich ihres ungewöhnlichen Kinderreichtums sicherlich ein Modell früher seßhafter europäischer Bevölkerungen abgeben könnten (etwa der sicherlich von ähnlichem Pionier- und Rodungsgeist geprägten Gesellschaft der Bandkeramiker und ihres immensen, sehr schnellen Bevölkerungswachstums und ihrer Expansion vor knapp 8.000 Jahren vom Plattensee aus über ganz Mitteleuropa hinweg bis zur Kanalküste).

Wie viele von den Wolhynien-Deutschen übrigens während der September-Morde 1939 ums Leben gekommen sind, ist nach Kenntnis des Autors dieser Zeilen und seiner schon etwas intensiveren Nachforschungen, noch keineswegs wissenschaftlich geklärt. (Siehe auch meine Amazon-Rezension zu diesem Thema hier.) Dies insbesondere auch deshalb, weil das Gebiet (Wolhynien in "Ostpolen") 1939 ziemlich bald von den Sowjets besetzt worden ist und deshalb offizielle deutsche Untersuchungen dort nicht durchgeführt werden konnten.

Gerhard Mackenroth und negative Eugenik

Der Beitrag von Patrick Henßler schließlich arbeitet heraus, daß Mackenroth, der schon 1933 Mitglied der NSDAP geworden war (ähnlich wie - neuerdings dürfen wir auch das wissen ...: Erhard Eppler ...) in einer Vorlesung von 1941/42 sehr selbstverständlich die Meinung vertrat, daß es einen Zusammenhang gibt zwischen der rassischen Zusammensetzung eines Volkes und seiner wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit, bzw. überhaupt seines Wirtschaftssystems. (S. 215 - 221) Mackenroth sprach sich in diesem Zusammenhang auch für negative Eugenik aus, wie das viele damalige Wissenschaftler auch in den westlich-demokratischen Staaten taten. Dies beschränkte sich aber auch hier bei Mackenroth auf Sterilisierungen (unklar ob bloß empfohlene freiwillige oder auch erzwungene). Heßler weiter (S. 221):
Auch die von den Nationalsozialisten nicht gesetzlich geregelte "Tötung" bzw. "Vernichtung unwerten Lebens" wird von Mackenroth, wenn auch nur kurz, erörtert. Sie gilt ihm "als die radikalste und sicherste Form" des Vorgehens bei "der Ausschaltung von Blutströmen aus dem Innern des deutschen Volkes". Allerdings ist sie mit rassehygienischer Zielsetzung "in unserer aus christlichen Vorstellungen erwachsenen Sozialmoral noch nicht möglich" und "gesetzlich nicht statthaft".
Puh! Was sind das für Worte?! Vor allem das Wort "noch" in diesem Zusammenhang. Wer darf sich so sicher gefeit bezeichnen vor den Einflüssen des Zeitgeistes, wenn es selbst ein Mackenroth nicht war? Einmal mehr wird man darauf aufmerksam gemacht, wie leicht Menschen - wenigstens gedanklich - auf Abwege geraten können. Aber noch etwas Überraschendes ist zu erfahren:
Mackenroth setzte die Befürwortung einer negativen Eugenik (also wohl im wesentlichen Sterilisierung, I.B.) auch nach dem Ende des Dritten Reiches im Jahr 1945 fort. Sowohl in seiner "Bevölkerungslehre" aus dem Jahr 1953 als auch in einer unveröffentlichten Rezension zu Hans F.K. Günthers Buch "Gattenwahl zu ehelichem Glück und erblicher Ertüchtigung" verteidigte er die Maßnahmen einer negativen Eugenik als notwendig.
Nun, wie gesagt, es ist sicherlich nicht unwichtig zu erfahren, ob freiwillige Sterilisierung durch persönliche Einsicht erreicht werden sollte oder ob jeweils auch an staatlich verordnete Zwangssterlisierung gedacht wurde.

Gary S. Becker und die "Neue Haushaltsökonomie"

Ein weiterer Beitrag des Bandes - von Bernhard Nauck - beschäftigt sich dann mit gegenwärtigen familienpolitischen Debatten. (S. 321 - 331) Es wird vor allem auf die "Neue Haushaltsökonomie" des amerikanischen Nobelpreisträgers Gary S. Becker hingewiesen ("New Home Economics"), der wohl als erster prominenter Wirtschaftswissenschaftler die Familien selbst nicht nur als Konsumenten wirtschaftlicher Güter, sondern auch als Produzenten wirtschaftlicher Güter und Dienstleistungen begriffen hat (schon 1991!).

Ja, liebe Leute - und auch Herr Bernhard Nauck! Man sei nicht so zimperlich und denke diesen Gedanken konsequent zu Ende und man landet dann sehr schnell und zügig bei einem regulären Erziehungsgehalt für Eltern wie es seit Jahren die "Deutsche Familien-Partei" fordert, seit kurzem auch Christa Müller von der "Linkspartei" und andeutungsweise von der wissenschaftlichen Beratergruppe des Familienministerium (5. Familienbericht 1994, "Gerechtigkeit für Familien" 2002 u.a.) und neuerdings auch von dem familienpolitischen Autor Peter Mersch.

- Warum quälen sich eigentlich alle so viel damit herum? Das ist das Simpelste und das Selbstverständlichste und das Normalste von der ganzen Welt, ein solches zu fordern und einzuführen. Aber die heutigen Denkenden scheuen sich davor, wie Mackenroth das in seiner jugendbewegten Schrift von 1933 nannte, so scheint es: "ohne Pathos gefährlich zu leben". (S. 229) - Wie weit man das bei ihm selbst als eingelöst betrachten kann, bleibe an dieser Stelle sowieso dahingestellt. Aber: Was wäre denn daran heute - im Gegensatz zu seiner Zeit - - - noch gefährlich?

1. Ehmer, Josef; Ferdinand, Ursula; Reulecke, Jürgen (Hg.): Herausforderung Bevölkerung. Zu Entwicklungen des modernen Denkens über die Bevölkerung vor, im und nach dem "Dritten Reich". VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2007

Mittwoch, 1. August 2007

Gründe für unerfüllte Kinderwünsche

Tabuthemen: a) Unfruchtbarkeit in der Ehe, b) keine echte Liebe, c) Geld ...
- Eine wichtige Studie des "Berlin-Instituts"

Die Hauptgründe dafür, daß heute in Deutschland nicht mehr Kinder geboren werden, sind erst ansatzweise in das Bewußtsein derer, die derzeit Familienpolitik betreiben oder in das Bewußtsein der öffentlichen Meinung überhaupt eingegangen. Die Medien thematisieren sie so gut wie gar nicht.

Abb. 1: Gründe für unerfüllte Kinderwünsche

Laut neuester Studie des "Berlin-Instituts" und der von ihm in Auftrag gegebenen Allensbach-Studie (Berlin Institut, St. gen.), deren Bedeutung man von Tag zu Tag klarer erkennt, wünschen sich derzeit 4,6 Millionen Kinderlose und 3,3 Millionen Eltern (weitere) Kinder, also insgesamt grob 8 Millionen Menschen. Gründe dafür, daß sich diese Kinderwünsche derzeit nicht erfüllen, sind in einer Umfrage nun abgefragt worden. Es handelt sich im Grunde um lauter Themen, die letztlich noch heute selbst im Gespräch unter Freunden Tabuthemen sind. Das sind noch am wenigsten Geldfragen. Und deshalb haben "Studium generale" und andere diese Geldfragen zunächst in den Vordergrund der Diskussion gestellt (Thema Erziehungsgehalt). Aber es gibt noch stärker mit Tabus behaftete Themen, die hier wichtig sind. Themen, zu denen leicht gesagt wird: "Darüber spricht man nicht."

Gründe für nicht erfüllten Kinderwunsch werden von den 4,6 Millionen Kinderlosen in der folgenden Reihenfolge der Häufigkeit genannt (Mehrfachnennungen waren möglich) *):

1. der subjektiv als geeignet empfundene Lebenspartner fehlt (46 % !!!)
2. berufliche Gründe (26 %)
3. finanzielle Gründe (25 %)
4. man fühlt sich zu jung (18 %) (nur Menschen ab dem 25. Lebensjahr waren überhaupt befragt worden!)
5. der objektiv richtige Lebenspartner zum Kinderkriegen fehlt ("es hat mit dem Schwangerwerden nicht geklappt") (13 %) (Bei den "früheren", heute nicht mehr vorhandenen unerfüllten Kinderwünschen [man hat also schon resigniert] rangiert dieser Grund bei den Kinderlosen sogar auf Platz 2 mit 34 %.)

Gründe dafür, daß sich Kinderwünsche derzeit nicht erfüllen, werden von den genannten 3,3 Millionen Eltern in der folgenden Reihenfolge der Häufigkeit genannt:

1. finanzielle Gründe (35 % !!!) (- ob Ministerin von der Leyen den hier sprechenden Eltern wirklich ausreichend zuhört?)
2. der Partner möchte kein weiteres Kind (19 %) (- erstaunlich!)
3. berufliche Gründe (18 %)
4. der fehlende objektiv richtige Lebenspartner zum Kinderkriegen ("es hat mit dem Schwangerwerden nicht geklappt") (15 %)

Siehe die entsprechende Grafik in Abb. 1 (durch Draufklicken wird's größer) *).

Gehen wir im folgenden die einzelnen Gründe noch einmal durch.

a) Kinderwunsch zurückgestellt: Die "große Liebe" fehlt

Der Hauptgrund ist also ganz eindeutig der fehlende subjektiv als richtig/geeignet angesehene Lebenspartner. Diese Thematik wurde hier auf dem Blog schon mehrmals erörtert. Aber deshalb sicherlich noch keineswegs genug. Warum verstehen sich die Menschen heute so schlecht miteinander, dass sie nicht zusammen kommen können? Reichen Partner-Vermittlungs-Institute wie "Parship" oder "Elitepartner" aus, um diese Frage zu lösen? Ganz klar heute immer noch mehr oder weniger ein Tabuthema, das noch immer sehr selten offen und gerade heraus in größerer Runde besprochen wird. Oder wer möchte über seine Parship-Erfahrungen gleich ganz unbefangen und gerade heraus reden? - Ganz offensichtlich ist aber in diese Rubrik auch einzuordnen der zweite Hinderungsgrund bei den sich weitere Kinder wünschenden Eltern: der Partner möchte nicht! Was für eine verrückte Welt! Nur einer von beiden Partner möchte noch ein weiteres Kind. In zentralen Fragen einer Partnerschaft herrscht keine Einigkeit.

b) Kinderwunsch zurück gestellt: zu wenig Geld

Dann aber - etwas, was einem erst nach und nach auffällt an der Studie und hochgradig bedeutsam ist: Der Hauptgrund von Eltern, einen weiteren Kinderwunsch zurückzustellen, ist der finanzielle. Wer hat eigentlich diesen Sachverhalt schon wirklich ausreichend auf sich wirken lassen? Das ist ein entscheidendes Argument für mehr Geld für Eltern. Betreuungsgeld, Erziehungsgehalt, bedingungsloses Grundeinkommen, Bürgergeld - ganz egal, wie: mehr, mehr, mehr ist notwendig, wenn man Zukunft sichern will. Dieses Thema wurde ja schon vielfach behandelt hier unter der Rubrik "Familienpolitik". Die Tatsache, dass es die Eltern sind, nicht die Kinderlosen, die diesen Grund als Hauptgrund nennen, zeigt klar auf, dass das nur aus klarstem Realismus heraus genannt worden sein kann. Denn Eltern wissen, was Kinder kosten! Sollten derartige Dinge nicht jeder Bundesregierung in den Ohren gellen?

c) Kinderwunsch zurückgestellt: Keine familienfreundliche Arbeitswelt

Dabei hatte sich "Studium generale" eigentlich vorgenommen, über das Tabuthema Nummer eins in diesem Zusammenhang zu schreiben, nämlich Unfruchtbarkeit in der Beziehung. Sie nimmt einen bedeutsamen vierten und fünften Platz ein und wurde vom Berlin-Institut bei der Auswertung zunächst in den Vordergrund gestellt. Wahrscheinlich auch mit einiger Berechtigung. Aber finanzielle Gründe rangieren auch bei den Kinderlosen auf Platz drei gleich hinter den beruflichen Gründen, die wiederum bei den Eltern auf Platz drei liegen. Die Forderung muss also klar lauten: 1. mehr Geld, 2. ganz umfassend familienfreundlichere Arbeitswelt (Wiedereinstiegs-Chancen etc. pp.). Und diese familienfreundlichere Arbeitswelt wird schlicht dadurch geschaffen, dass die Familien selbst mehr Geld bekommen und darum nicht mehr so sehr auf die Arbeitswelt angewiesen sind. Diese wird sich dann überlegen müssen, wie sie die Eltern wieder zurück lockt. So funktionieren gesunde volkswirtschaftliche Zusammenhänge - auch auf diesen Gebieten.

d) Kinderwunsch zurückgestellt: Man fühlt sich zu jung

Dann ist aber auch Grund vier der Kinderlosen hoch bedeutsam: Man fühle sich zu jung, obwohl man schon 25 Jahre alt ist. Das Berlin-Institut hat in anderem Zusammenhang klar darauf hingewiesen, dass die Wahrscheinlichkeit rein medizinisch a) schwanger zu werden, b) eine leichte Schwangerschaft zu haben, c) eine leichte Geburt zu haben, mit jedem späteren Jahr, in der Erstgeburt stattfindet, deutlich sinkt. Sich mit 25 Jahren noch "zu jung" zu fühlen, ist eine weitere Absurdität unserer infantilen Gesellschaft. Viele Fachleute haben deshalb schon gefordert - auch "Studium generale": Ausbildungs- und Berufswege müssen so gestaltet werden, dass die Menschen erst Kinder bekommen können und dann ihre Ausbildung, ihren beruflichen Weg fortsetzen können. Auch dies wird am ehesten dadurch geschaffen werden, dass man die Eltern finanziell vom Produktionsbereich in den Reproduktionsbereich "lockt", und dass sich dann der Produktionsbereich endlich mal wieder etwas einfallen lassen muss, wie er sie zurücklockt und nicht umgekehrt. So wird ein Schuh daraus.

Jeder andere Weg wäre doch "Murks". Jeder andere Weg wäre so ähnlich wie die früheren DDR-Kampagnen zur Leistungssteigerung, die, da sie den Gesetzen des freien Marktes nicht gehorchten, eben immer wieder nur fruchtlos verhallten, bis das ganze Gebäude in einem riesigen großen Krach zusammen stürzte.

Natürlich wird dann auch schnell deutlich, dass schulische und mediale Beeinflussung in Richtung auf die höhere oder geringere Befähigung zur Übernahme familiärer Verantwortung schon in früherem Lebensalter von Bedeutung ist. So ist es zum Beispiel absurd, wie in der Wochenzeitung "Zeit" jüngst berichtet, dass sich die Alkohol-Werbe-Industrie neuerdings ausgerechnet die jungen Frauen als neue Zielgruppe ausgesucht hat. (siehe St. gen.) Mit der Zigaretten-Werbung verhält es sich ganz identisch. Man könnte aber auch weiter fragen, ob "Werbung" in Richtung auf ständigen Sexual-Partnerwechsel sich nicht ebenfalls massiv kontraproduktiv auswirkt auf die Fähigkeit zur Übernahme und zum Leben familiärer Verantwortung in frühen Lebensjahren. Das würde auf eine Kritik an Jugendzeitschriften wie "Bravo" und ähnliche "Institutionen" hinauslaufen.

e) Kinderwunsch unerfüllbar: Unfruchtbarkeit

Und nun zu dem eigentlichen Thema, das ursprünglich in diesem Beitrag hatte behandelt werden sollen: Unfruchtbarkeit in Partnerbeziehungen. Auch hier hat das "Berlin-Institut" (siehe frühere Beiträge) schon wichtige Erkenntnisse verbreitet, als es nämlich darauf hinwies, dass die Pille schon allein ein Klima seelischer Unfruchtbarkeit schafft dadurch, dass die hormonell falsche "Einstellung" der Frauen sie den potentiell falschen Lebenspartner für Kinderkriegen wählen läßt.

"Studium generale" hat den diesbezüglich abgefragten Grund - "es hat mit dem Schwangerwerden nicht geklappt" - umformuliert in: "der objektiv richtige Lebenspartner zum Kinderkriegen fehlt". Und das soll nun begründet werden: Unzählige Kinder werden gezeugt und geboren unbeabsichtigt, da werden Frauen oft viel zu "schnell" schwanger. Wir sind also biologisch im Grunde darauf ausgerichtet (ohne Verhütung), dass Kinder nur so in die Wiegen purzeln, zumal in jungen Jahren, und wenn nicht lange gestillt wird, was ja - mitunter zumindest - eine natürliche Empfängnisverhütung darstellt.

Warum erhofft man sich eigentlich heutzutage so viel von "reproduktiver Medizin"? Sie ist zum einen Teil sehr teuer. Und zum anderen hat sie viel geringere Erfolgswahrscheinlichkeiten, als das allgemein bewusst ist. Darauf wies ebenfalls schon das "Berlin-Institut" hin. (Das "Berlin-Institut" leistet auf all diesen Gebieten derzeit ganz hervorragende Arbeit.) Aber ist nicht auch das ein Absurdum hoch Zehn? Sagt denn hier "die Natur", "die Biologie" nicht ganz klar: nein, sie will nicht. So geht es nicht.

Das muss doch etwas zu bedeuten haben. Wollen wir überall auf die Natur hören, wollen uns gesund ernähren, gesund leben, Sport treiben, Birkenstock-Sandalen tragen, "Jutetaschen statt Plastik" - aber bei einem so wesentlichen Lebensbereich wie dem Kinderkriegen plötzlich das Unnatürlichste vom Unnatürlichen unternehmen? Auch das muss einem doch absurd und haarsträubend erscheinen.

Kinderwunsch und Öko-Bewegung

Und merkwürdig genug, daß solche Dinge noch von keiner "Öko-Bewegung" breit aufgegriffen und thematisiert worden sind. Oder ging das an "Studium generale" vorbei? Jeder kennt aus dem eigenen Verwandten-, Freundes- und Bekanntenkreis solche genannten Fälle. Kaum jemals wird darüber offen gesprochen. Man ist da "betulich", läuft nur auf Zehenspitzen umher und tanzt Eiertänze kommunikativer Nichtkommunikation.

Sagt denn die Biologie einem hier nicht ganz klar und eindeutig das, was den anderen (siehe ganz oben) schon die subjektive Psychologie gesagt hat: der geeignete Lebenspartner zum Kinderkriegen ist nicht vorhanden? Selbst wenn man sich sonst noch so gut versteht? Und dies ist nun sogar eine objektive Tatsache. Nicht nur eine subjektiv empfundene. Wollen wir denn gar nicht mehr auf die Natur hören? Auf: "unsere"!?

Natürlicher Umgang mit menschlicher Unfruchtbarkeit

Wie sind denn frühere Generationen, in denen eheliche Fruchtbarkeit schlicht oft die Rentenversicherung darstellte, in denen die Weitergabe des Bauernhofes als Lebensgrundlage als wegleitend empfunden wurde, mit solchen Dingen umgegangen? "Studium generale" fallen dazu die folgenden Zusammenhänge ein. Sicherlich gibt es da noch weitere:

Zunächst herrschte vielerorts in Europa und in Deutschland vor allem bei den Bauern die Sitte, dass eine halbjährige Verlobung erst dann nicht wieder aufgekündigt wurde, wenn die Frau schwanger geworden war. Man lebte also nicht Jahre lang zusammen und "entschied" sich "dann" für Kinder (das wäre in vorindustriellen Gesellschaften schlichtweg als absurd empfunden worden). Sondern man ging frühzeitig Verbindungen ein, die auch wieder gelöst werden konnten, wenn sich zeigte, dass sie sich für die "Alterssicherung" als nicht geeignet erwiesen. Das war früher sicherlich eine der ersten Grundsicherungen gegen Unfruchtbarkeit in der Ehe. (Dies war in vielen Gegenden in Deutschland Sitte. Auch das frühere bayerische, alemannische und heutige amische "Fensterln" fanden und finden aus solchen Gründen heraus Tolerierung bei bäuerlichen Menschen. Bei den Amischen in Nordamerika, einer Bevölkerungsgruppe mit einer der höchsten Geburtenraten weltweit, heute immer noch.)

Zweitens wurde oft und durchaus auch recht pragmatisch eine Ehe wieder aufgelöst, wenn aus ihr keine Kinder hervorgingen. Die Alterssicherung ging vor. Die Verabsolutierung der romantischen Liebesheirat gab es nicht in so ausgeprägtem Maß wie heute.

Die "Fromme Helene"

Drittens gab es bei vielen vormittelalterlichen Kulturen die noch unkompliziertere Institution des "Zeugungshelfers". Also die Frau besuchte einen anderen Mann. Etwas einfacheres kann es ja auch nicht geben. Bei Abwägung aller Umstände werden das viele Menschen als besser empfinden als die Adoption eines Kindes, mit dem man biologisch dann gar nicht verwandt ist. Wenn der deutsche Zeichner und Humorist Wilhelm Busch mit seiner "Frommen Helene" recht haben sollte, dann herrschten solche Sitten noch bis ins späte 19. Jahrhundert sehr selbstverständlich vor: Die Frau machte eine Wallfahrt. Zufälligerweise kam auch noch ihr alter Vetter Franz mit. Aber ansonsten war sie - "sozusagen" - "ganz alleine" (Fromme Helene):

... Aber dort im Sonnenscheine
Geht Helene traurig-heiter,
Sozusagen, ganz alleine,

Denn ihr einziger Begleiter,
Still verklärt im Sonnenglanz,
Ist der gute Vetter Franz ...

Welche Frau von heute traut sich solche Dinge schon zu, wenn sie über eine von einer Ehe unabhängige finanzielle Absicherung für sich und ihre Kinder, die über das Existenzminimum auch dann hinaus geht, wenn sie nicht parallel einer Berufsarbeit nachgeht, nichts weiß. Nicht jede Frau mit gutem Bildungsabschluss und guten Karriereaussichten lebt gerne am Existenz-Minimum. Sogar die meisten nicht. Und wenn Gefahr besteht, dass ein "Vetter Franz" die Ehe zerstören kann, lassen es natürlich alle Beteiligten gleich ganz sein.

Unsere Gesellschaft kennt heute in der medialen Welt einen unglaublichen geschlechtlichen Laisser-faire auf fast allen Gebieten. Und auf der anderen Seite - oder gerade deshalb? - herrscht im privaten Bereich oft eine Prüdität vor, die zu all den schon vorhandenen Absurditäten noch so manche weitere mit sich bringt.

- Es ist die Seele, an der unsere heutige Gesellschaft krankt. Mit allen sich daraus ergebenden Folgen. Bis auf die fundamentalsten Gebiete. Und jeder - jeder - ist betroffen.

__________________

*) Achtung, in dem Berlin-Institut-Artikel scheinen die Überschrift der beiden Grafiken zu Kinderwünschen heute und früher vertauscht zu sein. Aber man kann sich ja an den Formulierungen "ich habe"/"ich hatte" orientieren.

Montag, 30. Juli 2007

Christa Müller und Ursula von der Leyen

Die Auseinandersetzung der fortschrittlichen Kräfte auf dem Gebiet der Familienpolitik mit den konservativen, also einer Christa Müller (St. gen.) mit einer Ursula von der Leyen scheint in eine neue Phase getreten zu sein. Das wird deutlich in der neuesten Ausgabe des "Spiegel". (Spiegel) Das Interview mit beiden Damen sollte man vollständig kennen. Es sind der gereizte Ton, mit dem Ursual von der Leyen reagiert und die klar umrissenen Vorstellungen von Christa Müller, die die Bedeutung dieses Interviews ausmachen (siehe auch Bild unten). Mit den beiden "Spiegel"-Journalistinnen waren es übrigens vier Frauen in einer Runde.

Daß Edmund Stoiber schon gestern aus Anlaß dieses Interviews kräftige Worte gegen Ursula von der Leyen fand und sich damit auf die Seite der Partei "Die Linke" stellte, bleibt da dann fast nur noch am Rande zu bemerken. (Yahoo Nachrichten) Aber vielleicht sollten doch die Stoiber-Meldung vorweggenommen werden, weil man so klare und deutliche Worte aus seinem Mund noch nicht gehört hat:
Der Union droht eine Kontroverse über die Familienpolitik. CSU-Chef Edmund Stoiber wirft Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen (CDU) vor, das Betreuungsgeld «ideologisch zu diffamieren». Darüber werde es «eine intensive Diskussion mit unserer Schwesterpartei» geben, sagte der bayerische Ministerpräsident der «Süddeutschen Zeitung» (Montagausgabe).

Auslöser für Stoibers Ärger ist ein Streitgespräch Leyens mit Christa Müller, der Ehefrau des Linke-Vorsitzenden Oskar Lafontaine, im «Spiegel». Die Ministerin kritisiert darin das Betreuungsgeld, das die CSU an Eltern auszahlen möchte, die ihre Kinder zu Hause betreuen und nicht in eine Kinderkrippe geben.

Leyen betonte: «Mit dem Betreuungsgeld verstärken wir den Teufelskreis, in dem Kinder, die von zu Hause keine Chance auf frühe Bildung, gute Sprache, wenig Fernsehen, viel Bewegung haben, vom Kindergartenbesuch ausgeschlossen werden, weil ihre Eltern mit 150 Euro lieber ihre Haushaltskasse aufbessern.» Die CDU-Politikerin plädierte stattdessen erneut dafür, ein Betreuungsgeld «in Bildungsgutscheinen auszuzahlen, so dass das Geld sicher in Bildung geht».

Stoiber nannte die Kritik «völlig unverständlich». Die Ministerin verkenne, dass sich eine große Mehrheit der Eltern darum bemühe, in den ersten Lebensjahren eine Bezugsperson für ihre Kinder zu sein. Der CSU-Chef kündigte massiven Widerstand seiner Partei an, sollte Leyen bei ihrer Linie bleiben. Stoiber wies darauf hin, dass in Bayern 70 Prozent der Bevölkerung für das Betreuungsgeld seien. «Auch in der CDU steht eine große, schweigende Mehrheit hinter dieser Idee», sagte er. Die CDU sei deshalb «gut beraten», diesen Mehrheitswillen aufzugreifen.
Und nun das "Spiegel"-Interview. Um den Lesefluß nicht zu stören, sind eigene Anmerkungen, die eigentlich auch Frau Müller hätte machen können, nummeriert an das Ende des Textes gesetzt worden. (Hervorhebungen nicht im Original.)

SPIEGEL: Frau Familienministerin, mit sieben Kindern haben Sie gleichzeitig noch einen Ganztagsjob. Sind Sie eine Rabenmutter?

Von der Leyen: Das Wort gehört schon lange auf den Müllhaufen der Geschichte. Der Rabenvogel ist bekanntlich eine fürsorgliche Vogelart. Insofern tun wir auch den Tieren unrecht, wenn wir sie mit einem solchen Vorwurf konfrontieren.

SPIEGEL: Sind Ihre Kinder denn nie sauer, weil Sie zu wenig Zeit mit Ihnen verbringen?

Von der Leyen: Diesen Konflikt hat es immer gegeben, sowohl in der Zeit, als ich viel gearbeitet habe, als auch in den Jahren, als ich mit den Kindern zu Hause war. Das gehört einfach zum Alltag dazu, gerade bei sieben Kindern mit ganz unterschiedlichen Interessen. Ich kann schließlich nicht gleichzeitig beim Fußballspiel, im Schwimmbad und beim Ponyrennen dabei sein. (1)

SPIEGEL: Frau Müller, Sie haben nach der Geburt Ihres Sohnes Ihre Karriere beendet. Sind Sie glücklich als Heimchen am Herd?

Müller: Der Begriff "Heimchen am Herd" diffamiert Millionen Frauen, welche die gesellschaftlich unverzichtbare Arbeit der Kindererziehung und Pflege ihrer Eltern leisten. Früher war ich auch davon überzeugt, dass man als Mutter natürlich weiter erwerbstätig sein sollte. Aber unser Sohn Carl-Maurice, der 1997 zur Welt kam, brauchte meine Anwesenheit mehr, als ich vorher gedacht hatte. Heute ist mir das Glück meiner Familie einfach wichtiger als ein Job. Meine Familie macht mich glücklich.

SPIEGEL: Können berufstätige Frauen denn überhaupt gute Mütter sein?

Müller: Nur wenn die Mütter genug Zeit für die Kinder haben. Und wer sagt, dass Mütter unbedingt Karriere machen wollen? Nur für 20 Prozent aller Mütter ist Vollzeiterwerbsarbeit das Ideal.

Von der Leyen: Sie unterschlagen, dass 60 Prozent der jungen Frauen mit Kindern Teilzeit arbeiten möchten. Damit sind wir in der Summe schon bei der überwältigenden Mehrheit von 80 Prozent, die Kindererziehung und Beruf vereinbaren wollen. Und genau dies zu schaffen ist unser Ziel. Wenn wir junge Frauen genauso gut ausbilden wie junge Männer, dann möchten sie zu Recht auch ihre Talente einsetzen.

SPIEGEL: Führen Hausfrauen in Ihren Augen ein rückständiges Leben?

Von der Leyen: Nein. Entscheidend ist nicht, ob Mütter oder Väter erwerbstätig sind, sondern wie zufrieden sie mit ihrer Lebenssituation sind. Wenn eine Frau gern zu Hause ist, ist alles in Ordnung. Wenn sie zu Hause bleiben muss, weil sie keine Kinderbetreuung findet und damit nicht die Wahl hat, ein Jobangebot anzunehmen, dann wird sie frustriert sein, und das wirkt sich negativ aufs häusliche Klima aus. (2) Umgekehrt gilt: Eltern, die glücklich sind in ihrem Job und die Balance zwischen Familie und Beruf gut meistern, sind motivierende, zugewandte, aufmerksame Mütter und Väter. (3)

SPIEGEL: Die Bundesregierung will bis 2013 die Anzahl der Krippenplätze verdreifachen. Wäre das eine Lösung?

Müller: Die 500.000 neuen Plätze für die Fremdbetreuung von Kindern entsprechen doch gar nicht der Nachfrage. So viele brauchen wir nicht. Durch ein Überangebot entsteht Druck auf die Frauen, ein Jahr nach Geburt ihres Kindes arbeiten zu gehen. Das nenne ich Zwang zur Fremdbetreuung.

Von der Leyen: Erstens unterstellen Sie mit dem bösartigen Wort Fremdbetreuung (4) allen Eltern, die ihre Kinder stundenweise bei einer Tagesmutter oder in einer Kita haben, sie wären nicht die Erzieher ihrer Kinder, sondern Fremde würden dies übernehmen. Zweitens: Sie haben offenbar seit März nicht mehr die Nachrichten verfolgt: Den Bedarf an Krippenplätzen haben Bund, alle Landesjugendminister und die kommunalen Spitzenverbände natürlich längst ermittelt. Wir brauchen Betreuungsplätze für ein Drittel der unter Dreijährigen. Das Angebot wäre dann gerade mal im europäischen Durchschnitt und entspricht dem Wunsch der Eltern.

Müller: Aber Sie unterscheiden ja nicht zwischen dem, was die Eltern wollen, und dem, wozu sie gedrängt werden. Bei uns im Saarland gibt es Fälle, da werden Hartz-IV-Empfängerinnen, die ihre drei kleinen Kinder zu Hause betreuen, dazu gezwungen, einen Ein-Euro-Job anzunehmen und ihre Kinder in eine Kindertagesstätte zu geben. Das ist Arbeitszwang für die Mütter. Die haben überhaupt keine Wahl.

Von der Leyen: Natürlich haben sie die! Was Sie hier verbreiten, entspricht absolut nicht der Gesetzeslage. Das wissen Sie doch auch! Auch für Hartz-IV-Empfängerinnen gibt es das Recht, in den ersten drei Jahren Elternzeit zu nehmen. (5) Im Übrigen wollen zwei Drittel dieser Frauen mit Kindern unter drei Jahren lieber arbeiten, denn sie wollen aus Hartz IV raus und auf eigenen Füßen stehen. Was ihnen fehlt, ist Kinderbetreuung. Es sind 75 000 alleinerziehende Frauen mit Kindern unter drei Jahren in Hartz IV, von denen 60 000 arbeiten wollen. Sie können das nicht, weil sie keine Kinderbetreuung finden. Das ist doch ein Armutszeugnis für unser Land! (6)

SPIEGEL: Frau Müller, Sie warnen davor, Kinder "wegzuorganisieren", und sind auf einer Linie mit dem Augsburger Bischof Walter Mixa, der die Krippenpläne der Bundesregierung für "kinderfeindlich und ideologisch verblendet" hält.

Müller: Bischof Mixa hat gesagt, die Familien würden der Ökonomie untergeordnet, und das mache die Familie kaputt. In dieser Beurteilung hat er recht. Es geht nicht, dass wir das gesamte Leben nur noch wirtschaftlichen Erfordernissen unterwerfen. In den fünfziger Jahren, als noch das Hausfrauenmodell dominierte, hat die Familie durchschnittlich 48 Stunden Erwerbsarbeit geleistet. Heute arbeiten Männer und Frauen 60 Stunden, und in Zukunft sollen es bei Vollerwerbstätigkeit beider Elternteile 80 Stunden sein. Für die Familie bleibt dann kaum noch Zeit.

Von der Leyen: Sie tun so, als ob sich nur die Arbeitsweise verändert hat, bei sonst gleichen Bedingungen. Seit den fünfziger Jahren haben wir den Übergang zur Wissensgesellschaft und zu einer globalisierten Welt erlebt. Leute wie Sie fordern für Familien nur die Verhältnisse der Fünfziger, anstatt Familien konkret in der Welt, wie sie heute ist, zu unterstützen. (7)

SPIEGEL: Frau Müller, wollen Sie zurück zum Hausfrauenmodell der fünfziger Jahre?

Müller: Nein. Mir geht es um das Wohl der Kinder. Umfragen zeigen: Sobald Kinder selbst entscheiden können, ob sie in die Betreuung wollen oder nicht, gehen sie nicht mehr hin. Kinder fühlen sich in den Familien am besten aufgehoben, in denen Vater und Mutter Teilzeit arbeiten oder die Mutter Hausfrau ist. Am unwohlsten fühlen sich die Kinder, deren Eltern beide Vollzeit arbeiten.

Von der Leyen: Belästigen Sie uns bitte nicht (8) mit Ihren persönlichen Umfragen, sondern lesen Sie nach, was die Wissenschaft zum Kindeswohl geforscht hat.

SPIEGEL: Selbst konservativere Bindungsforscher sagen, dass Fremdbetreuung ab einem Alter von 15 Monaten nicht schadet.

Müller: Zahlreiche wissenschaftliche Untersuchungen belegen: Es gibt Kinder, die Fremdbetreuung gut verkraften, und solche, die es schlecht verkraften.

Von der Leyen: Frau Müller, Sie sollten aufhören, den Familien ein schlechtes Gewissen zu machen. (9) Die Wirklichkeit ist komplexer. Männer und Frauen können mit ihrem Beruf und ihren Kindern glücklich werden, wenn die Rahmenbedingungen stimmen.

Müller: Aber genau die stimmen nicht, denn Familien sind gegenüber Kinderlosen finanziell extrem benachteiligt. Das Ifo-Institut hat ausgerechnet, dass ein Kind im Durchschnitt rund 77.000 Euro mehr an Steuern und Sozialleistungen zahlen wird, als es jemals zurückbekommt. Das heißt, dass Familien in Deutschland Kinderlose subventionieren. Daran muss etwas geändert werden.

Von der Leyen: Okay, jetzt spielen Sie also nicht mehr Familien gegeneinander aus, sondern jetzt geht's gegen die Kinderlosen. Hören Sie auf mit der Negativdebatte. (10) Wir müssen uns doch fragen, wie wir in Zukunft gut miteinander leben wollen, und deshalb will ich konstruktiv verbessern und verbinden. Deshalb haben wir das Elterngeld eingeführt.

Müller: Viele Familien würden sich gern auch nach diesen 14 Monaten selbst um ihre Kinder kümmern, aber ihnen fehlt oft das Geld dafür. Deswegen fordern die Linke im Saarland und christliche Familienverbände ein Erziehungsgehalt, und zwar für alle, nicht nur für die Besserverdienenden. Im ersten Jahr monatlich 1600 Euro pro Kind, 1000 Euro im zweiten und dritten Jahr und zwischen dem 4. und 20. Lebensjahr 500 Euro. (11) Zudem verfügen dann Millionen Hausfrauen über ein sozialversicherungspflichtiges Einkommen und würden endlich fast so viel verdienen wie die Männer. Ihre Geringschätzung der Familienarbeit ist rückständig. (12)

Von der Leyen: Ihr Ansatz ist ein hohles Versprechen. Sie sagen zwar, dass Ihr Schlaraffenland (13) brutto 116 Milliarden Euro kostet. Sie haben schlankweg mal eben fast die Hälfte des gesamten Bundeshaushalts ausgegeben. (14) Kein Wort davon, woher das Geld kommt. Kein Wort davon, dass es erarbeitet werden muss. Ich sage: Im Grundsatz kann ein Staat nur funktionieren, wenn die Menschen die Möglichkeit haben, ihr Einkommen selber zu verdienen. Ich bin der festen Überzeugung, dass Familien damit auf Dauer besser fahren.

Müller: Aber das Erziehungsgehalt ist doch verdientes Geld, da wird doch Leistung bezahlt! (15)

Von der Leyen: Ihr Vorschlag klingt natürlich toll, aber als Volkswirtin sollten Sie eigentlich wissen, dass Wohlstand erarbeitet werden muss. (16) Ich denke, dass sich im Prinzip jeder bemühen soll, seine Talente einzusetzen, um auf eigenen Beinen zu stehen. (17) Das gilt auch für Familien mit Kindern. Sie gaukeln zudem vor, dass der Staat eine große Gelddruckmaschine sei. Das ist absurd. (18)

Müller: Absurd ist das, was Sie sagen. Ohne Familienarbeit gibt es keinen Wohlstand. Wenn Betreuung, Erziehung und Fürsorge für Kinder institutionell geleistet wird, dann wird sie bezahlt, dann ist sie etwas wert, dann gilt das als Arbeit. Wenn aber Mutter und Vater dieselbe Tätigkeit zu Hause ausüben, dann wollen Sie diese Arbeit nicht vergüten. (19) Obwohl die Eltern das oft viel besser machen als professionelle Kräfte, weil sie motivierter sind, wenn es ihr eigenes Kind ist.

Von der Leyen: Familienarbeit muss von uns allen geleistet werden, ob es die Pflege der alten Eltern ist oder die Erziehung der Kinder. Und weil uns das so wichtig ist, fördern wir dies als Gemeinschaft jedes Jahr mit rund 30 Milliarden allein durch das Ehegattensplitting und die beitragsfreie Kranken- und Pflegeversicherung der Ehegatten zu Hause. Jetzt frage ich mich immer noch, woher nehmen Sie Ihren zusätzlichen dreistelligen Milliardenbetrag?

Müller: Das Erziehungsgehalt ist problemlos zu finanzieren. Netto brauchen wir rund 38 Milliarden Euro, die über eine Börsenumsatzsteuer, die Wiedereinführung der Vermögensteuer und die Erhöhung der Erbschaftsteuer aufgebracht werden können.

Von der Leyen: Das ist gerade mal ein Drittel Ihrer Rechnung, und es sind doch alles nur schöne Luftschlösser.

SPIEGEL: Frau von der Leyen, Sie gönnen den Vollzeitmuttis nicht einmal die 150 Euro Betreuungsgeld, auch "Herdprämie" genannt, die Ihre Schwesterpartei CSU fordert. Ist Ihnen die Leistung dieser Frauen nichts wert? (20)

Von der Leyen: Darum geht es nicht. Mit dem Betreuungsgeld verstärken wir den Teufelskreis, in dem Kinder, die von zu Hause keine Chance auf frühe Bildung, gute Sprache, wenig Fernsehen, viel Bewegung haben, vom Kindergartenbesuch ausgeschlossen werden, weil ihre Eltern mit 150 Euro lieber ihre Haushaltskasse aufbessern. Deshalb ist mein Vorschlag, ein Betreuungsgeld in Bildungsgutscheinen auszuzahlen, so dass das Geld auch sicher in Bildung geht.

Müller: Was sollen Eltern mit einem Bildungsgutschein, wenn sie sich mit ihrem Kind lieber selbst beschäftigen wollen?

Von der Leyen: Gerade die Eltern, die Wert auf Bildung legen, fragen heute ja schon am meisten Bildungsangebote nach. Sie profitieren also auch, wenn sie den Gutschein in der Musikschule einlösen.

Müller: Aus der Intelligenz- und Bindungsforschung weiß man aber auch, dass für die intellektuelle Entwicklung des Kindes die Bindung an eine feste Bezugsperson ganz entscheidend ist. Das ist normalerweise die Mutter, aber nicht wechselndes Personal in Kinderkrippen.

SPIEGEL: In vielen europäischen Ländern haben Krippen Tradition. In Dänemark etwa werden 83 Prozent der unter Dreijährigen fremdbetreut. Die sind ja auch nicht alle geistig und seelisch verkümmert.

Müller: Auch Frankreich dient immer als Vorbild, was die Krippenquote anbelangt. Dabei hat Frankreich gerade mal für neun Prozent der unter Dreijährigen Betreuungsplätze, genau wie Deutschland.

Von der Leyen: Das ist doch Unsinn. Lesen Sie die offizielle Statistik, die Betreuungsquote liegt bei 27 Prozent. Und in diesen Ländern profitieren die Kinder davon, dass Wert auf gute Qualität und Zusammenarbeit der Tagesmütter und Kinderkrippen mit den Eltern gelegt wird. Übrigens sind dort die Schulleistungen besser als bei uns. Die Frauenerwerbstätigenquote ist höher und mehr Kinder werden geboren, die Kinderarmut ist geringer. Da müssen wir hinkommen.

SPIEGEL: Frau Müller, Sie haben in den neunziger Jahren mal gesagt, Ihre Emanzipation basiere auf Ihrem Beruf und Ihrer finanziellen Unabhängigkeit. Sind Sie heute noch emanzipiert?

Müller: Natürlich, denn ich habe die gleichen Rechte wie mein Mann, trotz der klassischen Arbeitsteilung. Es ist für mich überhaupt keine Einschränkung. Ich vermisse nichts.

Von der Leyen: In diesem Punkt muss ich Frau Müller beispringen. Wenn sie diesen Lebensweg wählt und sich um ihr Kind kümmert und um die alte Mutter oder Schwiegermutter, dann ist das hoch anerkennenswert. Ich bin der Meinung, dass nachhaltige Familienpolitik nur dann gelingen kann, wenn wir diesen unseligen Streit darüber ein für alle Mal zu den Akten legen, wie Frauen, wenn sie Mütter werden, sich zu verhalten haben.

SPIEGEL: Wo bleiben in der ganzen Diskussion die Väter? Sind die nicht genauso verantwortlich für die Kindererziehung?

Müller: Leider werden die Väter bei uns immer noch ziemlich ausgeklinkt. Dabei stehen sie durchaus in der Verantwortung. Väter sind wichtig, vor allem für die Jungs. Ab einem gewissen Alter brauchen Söhne die Orientierung an männlichen Vorbildern. Deshalb brauchen wir Arbeitszeitverkürzungen für Väter.

SPIEGEL: Und wie läuft das bei Ihnen und Ihrem Ehemann Oskar Lafontaine?

Müller: Mein Mann hat sich in den ersten Jahren ziemlich eingebracht, bis er Finanzminister wurde. Das ließ sich dann nicht mehr vereinbaren. Ein guter Bundesfinanzminister und ein guter Vater zu sein, das war nicht möglich.

Von der Leyen: Auch berufstätige Männer können gute Väter sein. Es gibt in Deutschland viele Väter, die Zeit mit ihren Kindern verbringen und effektiv arbeiten. Es geht also darum, eine kinderfreundliche Arbeitswelt zu schaffen.

SPIEGEL: Frau Müller, Sie haben sich gegen Ihren Beruf und für die Familie entschieden, Frau von der Leyen kombiniert Kinder und Karriere. Versuchen Sie beide, mit Ihrer Politik nun den eigenen Lebensentwurf zu rechtfertigen?

Von der Leyen: Ich glaube nicht, dass man den persönlichen Lebensweg vollständig ausblenden kann. Meine eigenen Erfahrungen, die vielen Jahre, die ich zu Hause war, die vielen Jahre, die ich Teilzeit gearbeitet habe, und die vielen Jahre, die ich jetzt Vollzeit arbeite, haben unterschiedliche Spuren hinterlassen. Das fließt natürlich alles in die Politik ein, die ich jetzt für die Familien umsetze, die einen ganz normalen Alltag mit Kindern in unterschiedlichsten Lebenssituationen bewältigen.

Müller: Ich versuche, von meinen persönlichen Entscheidungen zu abstrahieren, weil ich ja weiß, dass alle Menschen letztendlich verschieden sind. Ich finde, es ist Aufgabe der Politik, Menschen den Lebensweg zu ermöglichen, für den sie sich selbst entscheiden. Wir wollen Freiheit für alle.

SPIEGEL: Das klingt jetzt ausnahmsweise mal nach Ihrer Linkspartei, meist stehen Sie mit Ihren wertkonservativen Ansichten ja quer zu den Genossen. Und Frau von der Leyens Krippenvisionen bedeuten für manchen Unionskollegen den Untergang des Abendlandes. Sollten Sie nicht lieber Ihre Parteibücher tauschen? (21)

Müller: Man ist ja nicht in allen Fragen in Übereinstimmung mit jedem Parteimitglied. Letztendlich kommt es auf die Mehrheiten an.

Von der Leyen: Ich fühle mich sehr wohl in meiner Union. Und wenn ich sehe, welche hohe Zustimmung wir in der Bevölkerung für unsere Familienpolitik haben, dann weiß ich uns auf dem richtigen Weg.

SPIEGEL: Frau Ministerin, Frau Müller, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
Anmerkungen von "Studium generale":

Fremdbetreuung - bösartiger Begriff oder bösartiges Phänomen?

1. ... Gleichzeitig nicht, stimmt, das kann keine Mutter von vielen Kindern, wie schon an früherer Stelle dieses Blogs ausgeführt worden ist ...
2. Es gibt aber noch viele andere Gründe, zu Hause frustriert zu sein. Warum nur einen so speziell herausgreifen und nicht gleich alle mit einer Maßnahme beseitigen? Diese Maßnahme wird ja gleich weiter unten von Frau Müller genannt.
3. ... Die anderen auch, wenn sie keine finanziellen Verluste dadurch hinnehmen müssen, daß sie den verwegenen Gedanken verwirklichen, ihre eigenen Kinder selbst betreuen zu wollen.
4. Soll jetzt auch das Wort "Fremdbetreuung" in die Liste der politisch unkorrekten Worte aufgenommen werden? Was ist an diesem Wort bösartig? Wie sehr fürchteten sich die Menschen früherer Jahrhunderte allein schon vor der bösen Stiefmutter, außerdem vor böse segnenden Frauen nach der Geburt eines Kindes (siehe diverse Märchen und völkerkundlich erforschte Sitten). Weil man eben das Gefühl hatte, man muß die Kinder vor bösen, fremden Einflüssen mehr schützen als erwachsene Menschen. Und die Unterscheidung "fremd"/"eigen" ist - zumindest für Kinder eine sehr wichtige. Das wird ja schon allein aus dem Wort und Phänomen "Fremdeln" deutlich.

Alle müssen argumentieren, das heißt, klar denken lernen

5. Wenn man es recht versteht, darf Frau Müller dieses Argument nicht gegen Kinderkrippen vorbringen. Sie spricht von einer Mutter mit drei kleinen Kindern. Diese kann nach derzeiger Gesetzeslage (versteht man es richtig?) die Elternzeit nehmen, so lange das jüngste Kind unter drei Jahre alt ist, das ist die Kinderkrippen-Zeit. Wenn das jüngste Kind aber ein Jahr älter ist, unterliegt die Mutter sehr wohl - sieht man das richtig? - dem von Frau Müller angesprochenen Arbeitszwang. Und das kann man durchaus absurd nennen. Denn die Betreuungsquote für Kinder im Kindergarten soll ja auch drei Kinder pro Betreuerin betragen. Absurd hoch zehn, da nicht der Mutter gleich selbst das Geld zu geben, das die Betreuerin auch bekommt. Nur ist es eben - da hat Frau von der Leyen recht - kein Argument gegen Kinderkrippen. Die liegen vor allem auf medizinischen Gebieten (siehe frühere Blog-Einträge).
6. Es ist bei weitem nicht das einzige Armutszeugnis in unserem Land, so hätte Frau Müller antworten müssen. Und sie hätte sagen können, daß die Wahlfreiheit sofort hergestellt ist, wenn die Mütter das von ihr geforderte Erziehungsgehalt bekommen, das sie ja auch für Krippenbetreuung ausgeben können. (- Genauso übrigens wie für Zigaretten-Automaten, insofern würde der bösartige frühere Vergleich von Frau von der Leyen dann endlich stimmig werden). (Da müssen offenbar alle noch üben, richtig zu argumentieren.)

Frau von der Leyen ist der Vergangenheit verhaftet

7. Das ist ein ganz dummer Vorwurf, schließlich ist Erziehungsgehalt genau das Gegenteil der rückwärtsgewandten fünfziger Jahre der Adenauer-Zeit. Man könnte da viel nachdrücklicher Frau von der Leyen entgegnen. Frau von der Leyen ist es, die die windschiefen Verhältnisse der Adenauer-Ära aufrecht erhalten will, nicht Frau Müller. Sie will das Gegenteil.
8. Das ist ein sehr gereizter Ton, den man unangebracht finden kann.
9. Das ist absurd. Wenn man vor Rauchen warnt, macht man Menschen auch ein schlechtes Gewissen. Biologie ist nun einmal Biologie. Und Psychologie genauso. Man kann die Welt der Fakten nicht an Ideologien anpassen - das geht nur umgekehrt.
10. Ja, darauf wiesen wir gestern schon hin: Es sollten keine Grabenkriege gegen Kinderlose geführt werden, sondern exakt deren Interessen vertreten werden. 8 Millionen Menschen in Deutschland wünschen sich Kinder, da sind Millionen von kinderlosen Menschen darunter.

Bundesverdienstorden für Frau Christa Müller

11. Das ist exakt das, was auch die Familien-Partei Deutschlands vertritt. Ist man der falschen Partei beigetreten? Hätte man Mitglied von "Die Linke" werden sollen? Es gibt Gründe, das als bedenkenswert anzusehen.
12. Da ist es genau gesagt, was gesagt werden muß.
13. Das ist Unsinn.
14. Aber so erreicht man etwas beim Finanzminister. Anders wird da niemand aus seinem Tiefschlaf aufgerüttelt.
15. Christa Müller aus dem Saarland sollte der Bundesverdienstorden verliehen werden.
16. Allerdings. Das - und zwar exakt das - ist es, was deutsche Mütter tun. Sie ziehen die bis dato immer noch besten Fachkräfte der Welt heran.
17. Sehr richtig. Und zwar genau mit jenem Erziehungsgehalt, das Frau Müller fordert.
18. Schon die deutschen Sozialreformer der 1950er Jahre haben das nicht absurd gefunden. Frau von der Leyen sollte sich besser von ihren Beraterstäben informieren lassen. Jeder Fachwissenschaftler muß darüber Auskunft geben können - und die meisten wissen das auch.
19. Ungeteilte Zustimmung.
20. Gut gefragt.
21. ... Der Gedanke kam einem auch schon ...

- Damit könnten die Auseinandersetzungen in einer neue Phase getreten sein. Was bisher nur diverse Randgruppen vertreten haben, könnte zunehmend - und mit großer Dringlichkeit - in die Mitte des politischen Spektrums rücken. Von rechts und links, so könnte man sagen, werden sie derzeit eingekreist die reform-aufhaltenden Kräfte. Unruhe jedenfalls könnte weiterhin die erste Bürgerpflicht in diesen Dingen sein.
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