Samstag, 26. Juni 2021

"... Eine unzugängliche Waldstelle, mit Wall und Graben gesichert ...."

Wallanlagen nach 1200 v. Ztr. - Nördlich der Mittelgebirge
- Vermutlich angelegt von den Vorfahren der West- und Ostgermanen

Nachdem hier auf dem Blog schon ein kleiner Überblick gegeben worden ist über Völkerburgen der Kelten im heutigen Franken aus der Zeit zwischen 1200 und 30 v. Ztr. (1), richtet sich der Blick gerne auch einmal auf das, was zeitgleich nördlich der deutschen Mittelgebirge diesbezüglich zu finden ist.

Aber bevor wir das tun, mag es sinnvoll sein, sich an das zu erinnern, was Julius Cäsar aus dem Jahr 54 v. Ztr. über die keltischen Stämme in Britannien berichtet. Als er mit seinen Legionen dorthin nämlich ein zweites mal übersetzte, um die dortigen Stämme zu unterwerfen, hatten diese sich unter der Leitung des Königs Cassivelanus darauf vorbereitet. Sie hatten zum Beispiel die Themse-Furt mit hölzernen Spießen bewehrt. Dennoch unterwarf Cäsar einen Stamm nach dem anderen. Dies fiel ihm um so leichter, als sie untereinander große Uneinigkeit aufwiesen und zuvor in einem fast regelmäßigen Krieg miteinander gestanden hatten. Die Unterworfenen verrieten ihm schließlich die Zuflucht des Cassivelanus. Darüber berichtet Cäsar in "Der Gallische Krieg":

"Von ihnen erfuhr ich, daß nicht weit davon der durch Wälder und Sümpfe geschützte feste Platz des Cassivelanus liege, in den Menschen und Vieh in beträchtlicher Menge gekommen seien. Einen festen Platz aber nennen die Britannier schon eine unzugängliche Waldstelle, die sie mit Wall und Graben sichern. Dorthin pflegen sie dann zu fliehen, um einem feindlichen Einfall auszuweichen."

Diese Worte scheinen es einem zu erleichtern, jene noch heute völlig abgelegen im Wald liegenden bronzezeitlichen Wallanalgen historisch einzuordnen, die sich in der Nähe zum Beispiel des Königsgrabes von Seddin aus der Zeit um 800 v. Ztr. im nördlichen Brandenburg, in der Prignitz gefunden haben, nämlich die Schwedenschanze an der Dömnitz bei Horst, bzw. bei Pritzwalk (2-5). 


Cäsar berichtet weiter:

"Ich marschierte mit den Legionen dorthin, fand den von Natur und durch Menschenhand befestigten Platz und suchte ihn von zwei Seiten zu bestürmen. Die Feinde verzögerten zwar ein wenig unseren Angriff, konnten ihm aber nicht standhalten und flohen auf einer Seite vom Platz. Dort fand man eine große Menge Viehs. Viele Feinde wurden auf der Flucht ergriffen und niedergemacht."

Wenn also eine so unzugängliche Waldstelle, die mit Wall und Graben gesichert worden war, die letzte Zuflucht eines Königs der Britannier bilden konnte, warum dann nicht auch die letzte Zuflucht jenes Königs, der im Königsgrab von Seddin begraben liegt? 

Denn auffallenderweise lebten diese britannische Stämme, die zum Teil vom heutigen Belgien aus die Themse aufwärts gesiedelt hatten, noch zu Cäsars Zeiten in vieler Hinsicht so wie man in Kontinental- und Südeuropa 800 Jahre zuvor gelebt hatte. So kämpften sie zum Beispiel noch mit Streitwagen. Cassivelanus benutzte diese Streitwagen nämlich für seine Guerilla-Taktik, um den Römern beim ausschwärmenden Requierieren von Getreide und Vieh Schaden zuzufügen. Cassivelanus mußte sich schließlich dennoch unterwerfen. 

Um 800 v. Ztr. fuhren solche Streitwagen aber auch durch das heutige Brandenburg, durch das heutige Sachsen, durch das Weichselland, durch Schlesien, Böhmen, an der Donau - eigentlich überall in Europa und im Mittelmeer-Raum.

Im südlichen England hat man die Örtlichkeiten vieler sogenannter "Oppida" dieser Zeitstellung erforscht. Und es haben sich auch mehrere Wallanlagen nördlich des heutigen London gefunden, die für den Ort des hier erwähnten befestigten Platzes des Cassivelanus infrage kämen. Dies gilt insbesondere für "Devil's Dyke" nahe dem Dorf Wheathampstead (Wiki). Aber gesichert ist diese Vermutung bis heute nicht. Ob sich solche Wallanlagen nicht auch mit Hilfe eiserner Nägel römischer Marschstiefel und ähnlicher Dinge sollten nachweisen lassen - so wie das in Deutschland inzwischen nicht selten gelungen ist?

Die Wallanlagen der Lausitzer Kultur (1000 bis 500 v. Ztr.)

Wie auch immer. Wer die bis heute vergleichsweise wenig erforschten bronzezeitlichen Wallanlagen im nördlichen Deutschland und nördlichen Europa verstehen und historisch einordnen will, wird gut daran tun, sich weiterhin zunächst einmal mit den schon etwas besser bekannten und erforschten Wallanlagen der zeitgleichen Lausitzer Kultur (1300-500 v. Ztr.) (Wiki) im mittleren Deutschland zu beschäftigen. Diese Lausitzer Kultur - so wird in der Forschung vermutet - ist von den Vorfahren ostgermanischer Stämme getragen gewesen (Wiki):

Für eine (vor)germanische sprachliche Identität bzw. Ethnizität der Träger der Lausitzer Kultur spricht, daß das Verbreitungsgebiet dieser Kultur um die Zeitenwende von den (ost)germanischen Stämmen der Przeworsk-Kultur besiedelt war. Und es gibt keine Hinweise auf größere Wanderungsbewegungen in diesem Raum in der zweiten Hälfte des 1. Jahrtausends vor Christus.

Tacitus berichtet davon, daß die ostgermanischen Stämme - im Gegensatz zu den westgermanischen - Königsherrschaften besessen hätten, die nicht zuletzt auf dem Besitz einer größeren Zahl von Sklaven beruhte. Und es wird ja nicht ausgeschlossen sein, daß diese Herrschaftsform bis auf die Lausitzer Kultur zurück geht. Das Verbreitungsgebiet der Lausitzer Kultur reichte vom heutigen Potsdam im Nordwesten über die Provinz Posen im Nordosten, über Schlesien, Wolhynien und die Ukraine im Südosten bis zur Donau im Süden. Es handelt sich um die Nachbarkultur der Nordischen Bronzezeit im Norden, zu der ja auch die Seddiner Gruppe in der Prignitz im nördlichen Brandenburg gezählt wird.

Befestigtes Dorf südlich von Bromberg (748-620 v. Ztr.)

Zu dieser Kultur gehört beispielsweise das befestigte Dorf Biskupin (748-620 v. Ztr.) (Wiki), 50 Kilometer südlich von Bromberg an der Weichsel und 77 Kilometer nordöstlich von Posen gelegen. Es wurde seit 1933 von polnischen, seit 1940 von deutschen und seit 1945 wieder von polnischen Archäologen erforscht (Wiki):

Das Dorf bot etwa 1000 Bewohnern zusammen mit Rindern, Schweinen und Kleinvieh Platz. Das Dorf lag auf einer 6900 m² großen Insel im Biskupiner See und war auf Pfählen im See gebaut, mit Zugang über eine einzige Brücke sowie durch Boote. Dem feuchten Untergrund ist die Erhaltung eines großen Teils der hölzernen Bauten zu verdanken. Hölzernes Buhnenwerk sowie ein umlaufender Holz-Erde-Ringwall, dem hölzerne Innenbauten Halt verliehen, umgaben die Insel. Eine einzige Torgasse durchschnitt den Ringwall. Ein mit Holz befestigter Damm verband die Insel mit dem Seeufer. Die Siedlung selbst bestand aus etwas über 100 in Blockhausbauweise errichteten Holzhäusern, die in 13 parallelen Zeilen angeordnet waren. Zwischen den Häuserzeilen verliefen mit Bohlen belegte Straßen. Die Häuser waren gleich groß (8 × 9 m). Jedes besaß an der Südseite einen Vorraum, dazu einen (oft in eine größere und eine kleinere Abteilung unterteilten) Hauptraum mit steinernem Herd. Das Siedlungsbild läßt einheitliche Planung erkennen.

Wallanlagen im Oderbruch (1000 und 500 v. Ztr.)

13 Kilometer westlich der Oder und 63 Kilometer nordöstlich der Stadtmitte von Berlin fanden sich in dem kleinen Oderbruch-Dorf Eichwerder bei Wriezen (Wiki) nicht nur zahlreiche Keramiköfen, sondern auch Tor- und Wallanlagen einer Befestigung aus der Zeit zwischen 1000 und 500 v. Ztr. (MOZ 2017):

Die Wallanlage ordnet (die Archäologin) Blandine Wittkopp der gleichen Epoche wie der bereits entdeckten Öfen zu - 1000 bis 500 Jahre vor Christus.

Auch in Rathsdorf bei Wriezen, ebenfalls im Oderbruch gelegen, neun Kilometer westlich von Eichwerder fanden sich Hinweise auf Wallanlagen dieser Zeitstellung (FU Berlin).

Wallanlage an Havelseen bei Potsdam (1250-550 v. Ztr.)

Eine Wallanlage der Lausitzer Kultur fand sich ebenfalls bei Potsdam (nämlich die sogenannte "Römerschanze bei Potsdam") (1250-550 v. Ztr.) (Wiki). Sie wurde ab 1881 - in Luftlinie vier Kilometer - nördlich des heutigen Schlosses Cecilienhof in Postdam auf einem einstmals sicherlich recht unzugänglichen Geländesporn zwischen zwei Havel-Seen angelegt (Wiki):

Eine erste Besiedlung des Platzes begann in der Hügelgräberbronzezeit und erstreckte sich kontinuierlich bis zum Ende der Hallstattzeit (...) (ca. 1250 bis 550 v. Chr.). (...) Die Wallburg kann der Lausitzer Kultur zugerechnet werden, die in der späten Bronzezeit und der frühen Eisenzeit (1300 bis 500 v. Chr.) auf den heutigen Gebieten von Ostdeutschland, Polen, Teilen Tschechiens und der Slowakei und in Teilen der Ukraine bestand. Starke Brandschichten am Ende der Besiedlung im 6. Jahrhundert v. Chr. deuten auf eine Zerstörung beziehungsweise Brandkatastrophe. (...) Die Wallburg mit einer Ausdehnung von 175 m mal 125 m umfaßt circa zwei Hektar Fläche. Vom einst sechs Meter hohen Ringwall erhielt sich nach Abwaschung eine Resthöhe von etwa drei Metern. Die Fortifikation wies eine Bauphase in Holz-Erde-Technik auf. Bis zu 1.000 Mann fanden in ihr Platz. Von der Innenbebauung konnte ein Haus mit einer Grundfläche von 11,50 m mal 16,60 m freigelegt werden. 

Ob hier die Nachkommen der einstigen Seddiner Kultur in der Prignitz einen Kriegszug gen Süden unternommen hatten? Derartige Dinge sind natürlich denkbar.

Burgwall in Lossow an der Oder (1000-600 v. Ztr.)

90 Kilometer südwestlich von Berlin Mitte, 60 Kilometer südlich des schon erwähnten Wriezen im Oderbruch und acht Kilometer südlich des heutigen Frankfurt an der Oder wurde in den 1970er und 1980er Jahren fast direkt am westlichen Oderufer der Burgwall Lossow ausgegraben (Wiki):

Die Geschichte der Burg beginnt mit der im 12. Jahrhundert v. Chr. als befestigte Siedlung oberhalb der Steilen Wand, einer natürlichen Hochfläche des westlichen Oderlaufs. Vermutlich begann der Bau des Burgwalls im 10. Jahrhundert v. Chr. Dies belegen Grabungen von technischen Anlagen zur Keramikherstellung. Bruchstückteile von Gußformen zeugen von handwerklicher Tätigkeit der Bronzeverarbeitung; Reste von Haus- und Wildtieren, Fischen und Pflanzen geben Auskunft über die Ernährungsgewohnheiten. Die Burg beherbergte bis zu 1800 Menschen. In der frühen Eisenzeit, ca. 800-600 v. Chr., besiedelte die sogenannte Göritzer Gruppe das Gebiet. Der Burgwall wurde im 6. Jahrhundert v. Chr. aufgegeben.

Eine Wallanlage der Seddiner Kultur (800 v. Ztr.)

Zur Zeit der vielen Hügelgräber rund um das Königsgrab von Seddin (Wiki) gab es nun also auch sieben Kilometer östlich derselben, flußaufwärts des Elbe-Nebenflusses Dömnitz und von diesem umschlungen eine bronzezeitliche Befestigungsanlage mit Zangentor.

Die Zitadelle von Troja (Wiki) am Skamander-Fluß in der heutigen Westtürkei umfaßte in der Mitte des 3. Jahrtausend knapp 1 Hektar Fläche, um 2.000 v. Ztr. herum 2 Hektar. Das Troja der Ilias umfaßte dann 5 Hektar Fläche.

Abb.: Die bronzezeitliche Stadtanlage im Dömnitzbogen zwischen den Dörfern Horst und Neudorf bei Pritzwalk

Diese Wallanlage an der Dömnitz umfaßte 3,5 Hektar und kann deshalb - rein von der Fläche her - mit Troja durchaus verglichen werden. Jedenfalls: Daß ein Ort geschichtliche "Größe" hat und behält, muß nicht unbedingt nur an meßbaren Daten liegen.

Das größte Grab an den Wickolt'schen Tannen hatte einen Durchmesser von etwa 40 Meter (Minute 8:40). Außerdem befand sich hier das Grab Wickholt I mit schwerem Bronzeschmuck. Ein "Macht- und Reichtumszentrum".

Burgen in Mecklenburg (1200 v. Ztr.)

Vom nördlichen Ausläufer der Urnenfelderkultur, der Lausitzer Kultur zwischen Saale, Brandenburg und Oder, breitete sich nach 1200 v. Ztr. der Burgenbau also bis nach Mecklenburg in das Gebiet des "Nordischen Kreises" hinaus aus. Dabei entstanden Höhenburgen mit einem Umriß von bis zu 20 Hektar, so nämlich eine solche Höhenburg in Rothemühl (Wiki), 40 Kilometer südlich von Anklam und Usedom, 60 Kilometer westlich von Stettin (7):

Bei den meisten der hier behandelten, bronzezeitlich einzuordnenden Anlagen handelt es sich um Höhenburgen. Eine erhöhte Lage auf Geländespornen ist typisch für Burgwälle der diskutierten Zeitstellung, sowohl im Lausitzer Kerngebiet als auch im Verbreitungsgebiet des Nordischen Kreises in Mecklenburg-Vorpommern, und bietet gute Voraussetzungen für Schutz und Verteidigung. Im Allgemeinen besitzen die Höhenburgen an den Seiten steile Abhänge, die allein bereits einen guten Schutz darstellen (Beispiele für Mecklenburg-Vorpommern: Basedow, Fahrenwalde, Kratzeburg, Willershusen). Die Wallführung und die Grundform der Anlagen hängen besonders bei Höhenburgen stark vom vorgegebenen Gelände ab. Die Erhebung kann von mehreren Niederungen oder Sümpfen umgeben sein, so daß der Zugang zur Wehranlage und somit zum Siedlungsplatz durch das Umland noch zusätzlich erschwert wird (zum Beispiel: Kratzeburg, Schlemmin, Willershusen).

Der letztere Umstand gilt insbesondere auch für die Schwedenschanze bei Horst. Viele der Burgen weisen - wie die der Lausitzer Kultur - Brandhorizonte auf, die auf das Ende oder eine vorübergehende Zerstörung der Großsiedlung verweisen können. 

***

Ein Dichter hat einmal ein Lied über die Zeit der mittelalterlichen Kriege gegen das Raubrittertum in Brandenburg geschrieben. An dessen Zeilen mag man denken, wenn man es zu tun hat mit "... einer unzugänglichen Waldstelle, die mit Wall und Graben gesichert ist":

Hinter brandgeschwärzten Mauern 
...                                             ...,
faustgeballt im Dickicht kauern
Bauernhorden schwarz und wild.
Daß der Fluch ins Raubnest fege,
Sturmgebrüll der trutz'gen Schar
"Hie guet Brandenburg allewege,
hie guet Brandenburg, immerdar!"

(Nur der Erinnerung nach zitiert. Der vollständige Text muß noch einmal aus einer alten Heimat-Zeitschrift der 1920er Jahre herausgesucht werden.) 

Anhang: Die Spätgeschichte des Streitwagens

Als Anhang noch ein kleiner Einblick in die Spätzeit der "Weltgeschichte des Streitwagens". Nach 700 v. Ztr. kommen nämlich Streitwagen im Allgemeinen außer Gebrauch. Auch für die Nordische Bronzezeit sind Streitwagen - über Felszeichnungen - nachgewiesen (Wiki):

Es gibt zahlreiche Felszeichnungen der Nordischen Bronzezeit, die Streitwagen darstellen.
Original: There are numerous petroglyphs from the Nordic Bronze Age that depict chariots. One petroglyph, drawn on a stone slab in a double burial from c. 1000 BC, depicts a biga with two four-spoked wheels.

Für die anderen, südlicheren, östlicheren und westlicheren Regionen sind sie oft in Form von Wagengräbern (Wiki) nachgewiesen (wobei zu beachten ist, was auf Wikipedia noch nicht zur Darstellung gekommen ist, daß die Bestattungssitte der Rinderwagen-Gräber, verbreitet bis hoch nach Dänemark durch Trichterbecher- und Kugelamphorenkultur, der Bestattungssitte der Pferde-gezogenen Streitwagen voraus gegangen ist). Über die Darstellung der Pferde-gezogenen Streitwagen in der "Ilias" ist zu erfahren (Wiki):

In der Ilias werden Streitwagen vielerorts erwähnt; nach neuesten Forschungen stellt die im Epos dargestellte Gefechtstechnik der Streitwagen das Endstadium des Streitwageneinsatzes im Kampf dar. Er kann nicht mehr im Angriff in geschlossenen Verbänden eingesetzt werden, findet aber in Phasen hochbeweglicher Kampfführung noch ein eingeschränktes Einsatzspektrum, das auffallende Parallelen zur Gefechtstechnik und Taktik heutiger Kampffahrzeuge aufweist. Im Lelantinischen Krieg (710-650 v. Ztr.) wurde der Streitwagen bereits durch die Kavallerie im Kampfeinsatz verdrängt. Der Streitwagen wurde also in der Ägäis von der mykenischen Epoche bis in die Mitte des 8. Jahrhunderts v. Chr. als Kampffahrzeug eingesetzt.

Die "Ilias" hält also eine Kampfform in schriftlicher Form fest, die schon kurze Zeit nach der Niederschrift der Ilias - zumindest in der Ägäis - außer Gebrauch gekommen ist. Belege dafür, daß die germanischen Stämme der Römischen Kaiserzeit Streitwagen benutzt haben, finden sich bislang nicht. Womöglich war die Benutzung dieser Streitwagen auch schon in früheren Jahrhunderten bei den Germanen nicht ganz so häufig wie bei Kelten, Griechen oder Römern. Wir erfahren vielmehr (Wiki):

Im Gegensatz zu ihren westlichen, keltischen Nachbarn ist die Benutzung des Streitwagens von den frühen Germanen nicht aufgegriffen worden.
Original: Unlike their western Celtic neighbors, the use of chariots was not picked up by the early Germans.

Die Germanen Skandinaviens und Norddeutschlands scheinen also wie die Griechen die Benutzung des Streitwagens spätestens ab dem 8. Jahrhundert v. Ztr. aufgegeben zu haben. Bis August 2017 hat sich auch auf dem Schlachtfeld an der Tollense um 1300 v. Ztr. die Benutzung von Streitwagen nicht nachweisen lassen (9):

Die Muskelansätze an den Knochen einiger Kämpfer lassen darauf schließen, daß sie viel geritten sind. Die Pferde aus dem Tollensetal könnten also die bislang ältesten bekannten Reitpferde in Mecklenburg-Vorpommern sein. (...) Südlich der Alpen wurden Pferde in der Bronzezeit vor zweirädrige Streitwagen gespannt eine wichtige Neuerung der Kriegstechnik. Für den Konflikt im Tollensetal fehlen Hinweise auf Streitwagen.

Die Kelten haben Streitwagen allerdings noch bis 100 v. Ztr. benutzt. Über ihre "Esseda" genannten Streitwagen ist zu erfahren (Wiki):

Die keltischen Esseda waren die letzten in Schlachten eingesetzten Streitwagen. Auf dem europäischen Festland wurden sie zwischen 700 und 100 v. Ztr. genutzt, in Britannien und Irland sogar bis 200 n. Ztr.

Selbst Pferde sollen die Germanen der Römischen Kaiserzeit nur wenige gehabt haben wie der Historiker Todd nach Tacitus berichtet (Wiki). 

Die berühmte Hallstatt-Kultur (Wiki) im Alpenraum, die zeitgleich zu den Homerischen Heroengräbern von Seddin bis in die Ägäis um 800 v. Ztr. bestanden hat, kennt noch recht häufig Streitwagen-Gräber.

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  1. Bading, Ingo: Die mächtigen Völkerburgen Mitteleuropas 1200 bis 30 v. Ztr. - Einige stichprobenartige Einblicke in die Geschichte der Kelten, März 2021, https://studgendeutsch.blogspot.com/2019/08/die-machtigen-volkerburgen.html
  2. L. K.: Schwedenschanze - befestigte Anlage am unteren Lauf der Dömnitz - Besiedelt seit über 3.000 Jahren. http://www.landkreis-prignitz.de/de/zu-gast-im-landkreis/tourismus/zao/zao_schwedenschanze.php
  3. Koenigsgrab Seddin Ein Monument der Bronzezeit 2, 2019, https://youtu.be/2p8XlppYoVQ. [Ausgrabungen in den Wickolt'schen Tannen bei Seddin, ab Minute 8:05; Schwedenschanze bei Horst, ab Minute 10:20-12:19] 
  4. Archäologie in Brandenburg, 2020, 2021, https://vimeo.com/563831666
  5. Bading, Ingo: Im Troja der Prignitz, 1.8.2019, https://youtu.be/Qn6m-1Bk5zQ.
  6. Funde in Eichwerder auf 1200 Stücke angewachsen (MOZ 2017)
  7. Dräger, Jana: Jungbronze- und früheisenzeitliche Burgwälle in Mecklenburg-Vorpommern. 2011, https://www.academia.edu/32264883/Jungbronze-_und_fr%C3%BCheisenzeitliche_Burgw%C3%A4lle_in_Mecklenburg-Vorpommern. (kürzere Fassung der Magisterarbeit, siehe folgende Literaturangabe)
  8. Dräger, Jana: Bronzezeitliche Burgen in Mecklenburg-Vorpommern. Forschungsstand und Perspektiven. Magisterarbeit, Universität Greifswald (Lehrstuhl Professor Terberger) 2011,  https://www.academia.edu/32410459/Bronzezeitliche_Burgen_in_Mecklenburg-Vorpommern_Magisterarbeit.
  9. Henning Lipski, Beatrix Schmidt: Blutiges Gold. Macht und Gewalt in der Bronzezeit. Begleitheft zur Sonderausstellung des Landesamtes für Kultur und Denkmalpflege Mecklenburg-Vorpommern. Schwerin, Stand: August 2017 (Docplayer)

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