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Sonntag, 23. Februar 2020

Intelligenzevolution bei den Papierwespen in den letzten 8000 Jahren

"23andme" ist bei den Papierwespen angekommen

Kurzgefaßt: Eine eusoziale nordamerikanische Papierwespen-Art besitzt die seltene Fähigkeit zur individuellen Gesichtererkennung. Diese wurde notwendig zur Vermeidung von sich ständig wiederholenden Rangkämpfen unter ihren streitbaren Königinnen. Diese mußten aber zusammen bleiben, da größere Kolonien mehr Überlebenschancen haben. Die entscheidenden Fragen lauten jetzt: Warum geschah das nur bei dieser Art und vor allem: warum erst in den letzten 8000 Jahren

Individuelle Gesichter von Artgenossen unterscheiden, das kann die eusozial lebende mittel- und nordamerikanische Papierwespen-Art Polistes fuscatus (Wiki) (1). Sie lebt - wie andere Papierwespen (Abb. 1) - in Schwärmen von bis zu 200 Artgenossen mit mehrere Königinnen und sterilen Arbeiterinnen. Seit 2011 ist dieses Forschungsergebnis bekannt (Abb. 2). Selbst nah verwandte Arten beherrschen diese Gesichtererkennung nicht. Diese Fähigkeit beherrschen - nach derzeitigem Kenntnisstand - überhaupt nur eine Handvoll Arten im Insektenreich.

Abb. 1: Typisches Nest einer Papierwespe - Hier Polistes exclamans. Letztere hat ein ähnliches Verbreitungsgebiet in Mittel- und Nordamerika inne wie ihre Schwesterart Polistes fuscatus, von der sonst in diesem Artikel die Rede ist; Fotograf: Davefoc (Wiki)

Dieses Forschungsergebnis ist 2011 von dem jungen, aufstrebenden Wissenschaftler Michael J. Sheehan (Cornell, Sheehan-Lab, Google Scholar), sowie Mitarbeitern im Wissenschaftsmagazin "Science" veröffentlicht worden. Mit anderen Forscherleistungen wird es nicht wenig dazu beigetragen haben, daß Sheehan heute eine Assistenz-Professur an einer der fünfzehn besten Universitäten der Welt innehat, nämlich an der Cornell-Universität (Wiki) im Nordosten der USA im US-Bundesstaat New York.

Über dieses Forschungsergebnis war 2011 breit im Wissenschaftsteil fast aller großen deutschen Tageszeitungen und Wochenmagazine berichtet worden (2, 3). (Da das leicht gegegoogelt werden kann, wird an dieser Stelle zum Einlesen nur beispielhaft auf die beiden eben angeführten Artikel verwiesen.)

Diese Intelligenzevolution begann 6.000 v. Ztr.

Anfang 2020 wird von Seiten desselben Forschers bekannt (4):

Die Evolution dieser Fähigkeit zur individuellen Gesichtererkennung begann bei dieser Tiererst erst um 6.000 v. Ztr.. Um 2000 v. Ztr. bis etwa 0 nahm sie Fahrt auf. Und vor 500 Jahren ist sie bei dem heutigen Stand angelangt (Abb. 3).

Sagen wir: Ein - unerwartetes - Forschungsergebnis (4). Es ist so unerwartet, daß sich Wissenschaftsmagazine wie "Science" oder "Nature" offenbar nicht dazu durchringen konnten, es zu veröffentlichen. Deshalb kann die deutsche Wissenschaftspresse auch gut Gelegenheit nehmen, es gar nicht erst zu behandeln Immerhin ist es im angesehenen Wissenschaftsmagazin PNAS veröffentlicht worden. Und es wird gelegentlich in der englischsprachigen Wissenschaftspresse auf dieses hingewiesen (5). Aber wie verrückt: Wenn dieses Ergebnis Bestand hat, dann sind diese Papierwespen die erste Tierart, für die ein solcher evolutiver Vorgang genetisch und zeitlich - und auch regional/lokal/geographisch/artspezifisch - so eng eingegrenzt werden kann.

Abb. 2: Die Gesichter verschiedener nordamerikanischer Papierwespen lassen sich auch für Menschen gut unterscheiden. Quelle: Michael J. Sheehan, 2011, damals Universität von Michigan

In der Arbeit wird auch auf parallele Forschungen zur Evolution vergleichsweise hoher Intelligenz bei Delphinen, Elefanten, Papageien und Menschen hingewiesen. Nirgendwo aber konnte deren Evolution höherer Intelligenz bislang so genau im Genom und zeitlich wie geographisch so eng eingeordnet werden.

Aber berücksichtigt werden kann in diesem Zusammenhang gerne (ohne daß die Autoren der Studie expliziter darauf hinweisen müssen), daß nach heutigem Kenntnisstand die meisten Daten darauf hinweisen, daß einigermaßen in demselben Zeitraum über "jüngste" und "lokale" Intelligenzevolution auch jene Intelligenz und Intelligenzunterschiede evoluiert sind, die bei den heutigen Europäern und Ostasiaten auf der Nordhalbkugel - oder auch bei den Bantuvölkern südlich der Sahara - in Auseinandersetzung mit der jeweils lokal vorliegenden gesellschaftlicher Komplexität evoluiert sind. Diese Unterschiede werden in näherer Zukunft auch über Consumer genetics-Firmen wie 23andme oder MyHeritage oder Genomelink wahrnehmbar werden. Und das dürfte Shehaan im Kopf haben als er in einer gesprächsweisen Äußerung Bezug nimmt auf "23andme" (siehe unten).

Die vorliegenden Mechanismen auf genetischer Ebene sind für die genannten Arten und den Menschen bislang jedoch keineswegs so gut aufgeklärt wie das nun vermutlich für die mittel- und nordamerikanische Papierwespe Polistes fuscatus gesagt werden kann. Während die menschliche Intelligenz und die menschlichen Intelligenzunterschiede - wie wir seit wenigen Jahren wissen - stark polygenetisch im Genom verschaltet sind, zeigt diese Studie auf (4), daß die höhere Intelligenz bei Polistes fuscatus eher oligogenetisch verschaltet ist, also in einer eher überschaubaren Zahl von Genomstellen, nicht in tausenden oder zehntausenden "Small-Effect-SNP's" wie beim Menschen. 

Also noch einmal: Diese Papierwespen-Art Polistes fuscatus wäre die erste Tierart, für die ein solcher Vorgang "jüngster Intelligenzevolution" genetisch, zeitlich und lokal so eng eingegrenzt werden kann (Abb. 3).

Abb. 3: "Schätzungen des Alters einiger Gesichtererkennungs-Loci im Genom von P. fuscatus weisen auf mehrere Schübe in der jüngsten Selektion hin" (aus: 4)

Für die Papierwespen hätte die Forschung Teile eines solchen evolutiven Mechanismus also schneller herausgekriegt als sogar für uns Menschen und auch als für Delfine, Elefanten oder Papageien. Verantwortlich sind für die Intelligenzevolution der Polistes fuscatus vor allem Veränderungen der Steuerungssequenzen im nicht-kodierenden Genom, nicht Veränderungen im kodierenden Genom (4)*).

Pro Schwarm gibt es bei diesen Papierwespen meistens nicht nur eine, sondern mehrere Königinnen. Diese bilden eine Hierarchie untereinander, die darauf beruht, daß sie sich gegenseitig individuell erkennen können. Warum das ausgerechnet bei ihnen evoluiert ist und nur bei wenigen oder gar keinen anderen staatenbildenden Insekten und auch erst in den diesen wenigen letzten Jahrtausenden, wird sehr spannend werden zu erfahren.

Auch schließt sich eine Fülle von weiteren Fragen an dieses Ergebnis an. Zum Beispiel: "Dunbar's number" (Wiki) - gilt sie in irgendeiner Weise auch für Papierwespen, bzw. soziale Insekten? Also ist Intelligenzevolution gebunden an die Größe der sozialen Gruppe, innerhalb der sie geschieht, wie das Robin Dunbar für die Primaten aufgezeigt hat? Gilt auch für soziale Insekten die "Socail-Brain-Theorie"?  Das ist eine seit vielen Jahren offene und intensiv erforschte Frage.

Abb. 4: Subsistenz-Grundlage 1.000 v. Ztr.: gelb: Jäger-Sammler-Völker, grün: einfache bäuerliche Gesellschaften, braun: komplexe, arbeitsteilige Gesellschaften (Wiki)

Eine weitere Frage ist, ob hier womöglich Koevolution mit dem Menschen in irgendeiner Weise stattgefunden hat. Polistes fuscatus lebt natürlicherweise in Wäldern und braucht Holz als Lebensgrundlage. Papierwespen leben allerdings auch gerne in der Nähe des Menschen, beispielsweise auch gerne in der Nähe schwacher Lichtquellen. Das Verbreitungsgebiet von Polistes fruscatus reicht im Süden bis zum heutigen Staat Honduras, also bis südlich der Yucatan-Halbinsel von Mexiko. Dieser Umstand könnte einen auf den Gedanken bringen, ob womöglich irgendein Zusammenhang besteht zwischen dieser Intelligenzevolution bei den Papierwespen und ihrer Nähe zu Menschen, bzw. vielleicht auch zu: vielen Menschen.

Die Entwicklung komplexer menschlicher Gesellschaften begann im Südamerika 8.800 v. Ztr.

Als früheste seßhafte und womöglich auch komplexe menschliche Gesellschaft auf dem amerikanischen Kontinent gilt nach derzeitigem Kenntnisstand eine indianische Kultur in der Moxos-Ebene (Wiki, engl) im heutigen Bolivien (Wiki):

Die Einwohner errichteten landwirtschaftliche Erdwerke: erhobene Felder, Wege, Kanäle und um 4700 bewaldete Hügel in einem Gebiet von 50.000 Quadratkilometern. Diese Erdarbeiten wurden ausgeführt zwischen 8.850 v. Ztr. bis 1450 n. Ztr.. Der Anbau beinhaltete seit 8.350 v. Ztr. Maniok, seit 8.250 v. Ztr. Kürbis, seit 4.850 v. Ztr. Mais. Viele domestizierte Pflanzen, einschließlich Maniok, Kürbis, Erdnüsse sowie einige Unterarten des Chilli und einige Bohnenarten stehen genetisch wilden Arten nahe, die es in der Moxos-Ebene gibt, was nahelegt, daß sie hier domestiziert worden sind. Die Menschen produzierten dekorierte Keramik, webten Baumwollkleidung und bestatteten an einigen Orten ihre Toten in großen Urnen.
The inhabitants constructed agricultural earthworks: raised fields, causeways, canals, and about 4700 forested mounds over a 50,000 square kilometer area. Construction lasted from about 8850 BCE to about 1450 CE. Cultivation included manioc from about 8350 BCE, squash from about 8250 BCE, and maize from about 4,850 BCE. Several domestic crops, including manioc, squash, peanut, some varieties of chili and some beans, are genetically very close to wild species living in the Llanos de Moxos, suggesting that they were domesticated there. The people made decorated pottery, wove cotton cloth, and in some places buried their dead in large urns.

Als sehr frühe komplexe Gesellschaft gilt auch die Norte-Chico-Kultur (Wiki, engl) in Nordperu. Dort begann die seßhafte Lebensweise um 3.500 v. Ztr.. Ab 3.200 v. Ztr. wurden dort Stufenpyramiden (!) in städtischen Siedlungen errichtet - ähnlich wie im zeitgleichen Mesopotamien. Zugleich aber handelt es sich um eine Kultur, die noch keine Keramik kannte (städtische   Gesellschaften ohne Keramik hat es im Vorderen Orient bis 7.000 v. Ztr. gegeben). Es ist schon eine aufregende Frage, wie eine so prägnante Bauweise wie "Stufenpyramide" gleichzeitig in zwei so weit auseinanderliegenden geographischen Regionen auf der Erde auftritt. Aber das sei hier nur am Rande erwähnt.

Für Mittelamerika gilt vielmehr als früheste seßhafte und zugleich städtische Kultur die Kultur der Olmeken (Wiki, engl). Diese beginnt aber erst um 1.500 v. Ztr.. 

Vermutung: Da größere Kolonien besser überleben, wurde Vermeidung von internen Rangkämpfen durch Gesichtererkennung zu einem Selektionsfaktor

Soweit seien unsere eigenen Überlegungen eingeschoben. Michael Sheehan wird mit den Worten zitiert (5):

"Das wirklich überraschende Ergebnis ist hier, daß der intensivste Selektionsdruck in der jüngsten Geschichte dieser Wespen nichts zu tun hat mit Klima, Nahrungssuche oder mit Parasitenbefall, sondern damit, besser miteinander zurecht zu kommen. Das ist ganz schön grundlegend."
"The really surprising conclusion here is that the most intense selection pressures in the recent history of these wasps has not been dealing with climate, catching food or parasites but getting better at dealing with each other. That's pretty profound."
Damit stellt er seine Studie also klar in die Tradition des Denkens der Social-Brain-Theorie. Sheehan sagt außerdem die schönen Worte (5):
"Das ist so eine Art von 23andMe - aber mit Papierwespen."
"It's kind of like 23andMe, but with paper wasps."
Als selektiven Druck für  diese Intelligenzevolution vermutet Sheehan, daß es bei Papierwespen mehrere Königinnen gibt, die miteinander Rangkämpfe führen (5): 
In Gemeinschaften mit einer einzigen Königin wie in den Honigbienen-Kolonien, sind die Rollen klar. Jedes Individuum kennt seinen Platz. Aber Papierwespen können fünf oder mehr Königinnen in einem Nest haben und Gesichtererkennung kann diesen Königinnen helfen, miteinander zurecht zu kommen. (...) Die Königinnen führen Rangkämpfe miteinander. Indem sie ihre gegenseitigen Gesichter erkennen, können sich die Königinnen daran erinnern, wen sie schon besiegt haben oder durch wen sie besiegt worden sind. Und das vermindert die Aggression im Nest.
In communal groups with a single queen, like honeybee colonies, the roles are clear, and each individual knows its place. But paper wasps may have five or more queens in one nest and facial recognition helps these queens negotiate with one another. (...) In their battle for dominance, queens fight with one another. By recognizing each other’s faces, the queens can keep track of who they’ve already beaten, or been beaten by, which lessens aggression in the nest.

Der Selektionsdruck ist also derjenige, daß größere Schwärme mit bis zu 200 Tieren leichter überleben und sich verteidigen können als kleinere Schwärme. Die individuelle Gesichtererkennung dient dazu, Rangkämpfe in größeren Schwärmen zu reduzieren, damit jede ihren Platz in der Gemeinschaft kennt und diesen konstant einnimmt ohne weitere aufwändige Kämpfe - zum Nutzen aller.

Die streitbaren Papierwespen, wozu ihre Streiterei alles nützlich ist. Hier sind bedeutende weitere Schritte in ein Forschungsfeld hinein getan, das sehr spannend ist und weiterhin spannend bleibt, nämlich in die Evolution von Intelligenz, die konvergent und parallel zur Evolution menschlicher Intelligenz in vielen verschiedenen Tierarten stattfand und stattfindet.

____________
*) Original (3): "Recent, strong, hard selective sweeps in P. fuscatus contain loci annotated with functions in long-term memory formation, mushroom body development, and visual processing, traits which have recently evolved in association with individual recognition. The homologous pathways are not under selection in closely related wasps that lack individual recognition. Indeed, the prevalence of candidate cognition loci within the strongest selective sweeps suggests that the evolution of cognitive abilities has been among the strongest selection pressures in P. fuscatus’ recent evolutionary history. Detailed analyses of selective sweeps containing candidate cognition loci reveal multiple cases of hard selective sweeps within the last few thousand years on de novo mutations, mainly in noncoding regions. These data provide unprecedented insight into some of the processes by which cognition evolves." 

/ ergänzt um: (6, 7)
11.4.2020 /
_______________
  1. Specialized Face Learning Is Associated with Individual Recognition in Paper Wasps  By Michael J. Sheehan, Elizabeth A. Tibbetts  Science, 02 Dec 2011 : 1272-1275 
  2. Heuer, Jens Christian (Apotheker): https://ethologiepsychologie.wordpress.com/2012/01/18/gesichtserkennung-bei-papierwespen/
  3. https://www.scinexx.de/news/biowissen/wespen-unterscheiden-gesichter/
  4. Sara E. Miller, Andrew W. Legan, Michael T. Henshaw, Katherine L. Ostevik, Kieran Samuk, Floria M. K. Uy, Michael J. Sheehan: Evolutionary dynamics of recent selection on cognitive abilities. In: Proceedings of the National Academy of Sciences Feb 2020, 117 (6) 3045-3052; DOI: 10.1073/pnas.1918592117, https://www.pnas.org/content/117/6/3045
  5. Krisy Gashler: Paper wasps rapidly evolved ability to identify faces. January 27, 2020, https://news.cornell.edu/stories/2020/01/paper-wasps-rapidly-evolved-ability-identify-faces, gekürzt auch: https://phys.org/news/2020-01-profound-evolution-wasps.html
  6. Umberto Lombardo, José Iriarte, Lautaro Hilbert, Javier Ruiz-Pérez, José M. Capriles, Heinz Veit: Early Holocene crop cultivation and landscape modification in Amazonia. In: Nature. 2020, doi:10.1038/s41586-020-2162-7 

Sonntag, 31. August 2008

Ist die monogame Bindung der Kern aller Intelligenz-Evolution auf der Erde?

Eine unerwartete - aber womöglich grundlegende - neue Erkenntnis des britischen Anthropologen Robin Dunbar

Er wurde gar nicht in der deutschen Wissenschafts-Berichterstattung erwähnt: Ein ein Aufsatz des britischen Anthropologen Robin Dunbar im angesehenen "Science Magazine" vom 7. September 2007 (1) (siehe auch: [2]). Die auffallende These desselben wurde hier schon in der Überschrift zusammen gefaßt: Ist die monogame Bindung der Kern aller Intelligenz-Evolution auf der Erde?

Abb. 1: Tiefe, lebenslange Verbundenheit bis in den Tod: Der Grabstein eines
Ehepaares in Athen, um 345 v. Ztr. - Thraseas und Euandria (Wiki)

Spätestens seit der Veröffentlichung seines auch ins Deutsche übersetzten Buches "Klatsch und Tratsch" ist Robin Dunbar für eine größere Öffentlichkeit als einer jener lebenden Anthropologen erkennbar geworden, die in besonderer Produktivität an der Klärung des modernen naturwissenschaftlichen Menschenbildes mitarbeiten. Seine Forschungen und unerwarteten Einsichten geben immer wieder aufs Neue eine Fülle von Anregungen zum Weiterdenken und zum weiteren Forschen hinsichtlich des Wesens des Menschen und jener Evolution, die den Menschen hervorgebracht hat.

Die "Social Brain"-Hypothese

Bislang war bekannt (in weiten Teilen von Dunbar selbst erforscht - siehe "Klatsch und Tratsch"), daß im Vergleich aller Primatenarten miteinander Gehirngröße mit Gruppengröße korrelieren, daß also Gehirn (Intelligenz) vor allem evoluiert wurde, um Probleme des sozialen Zusammenlebens in Gruppen zu meistern ("social brain hypothesis"). Einer der vielen auffallenden Schlußfolgerungen dieser Forschungen ist, daß man aus den Gehirngrößen der Australopithecinen, von H. habilis und H. erectus Schlüsse ziehen kann darauf, wie groß die Gruppen gewesen sein könnten, deren Zusammenleben diese Gehirne befähigt waren zu meistern. Für Homo sapiens sapiens ergibt sich etwa die Gruppengröße von 150, eine Zahl, die als "Dunbar's Zahl" (Wiki, engl.) in die Literatur eingegangen ist. Ihre Implikationen werden inzwischen in ganz unterschiedlichen Forschungsbereichen weiterverfolgt.

Es stellte sich nun aber in den letzten Jahren das Dilemma heraus, daß diese genannte Korrelation nur für den Primaten-Stammbaum gültig war. Dunbar und Mitarbeiter untersuchten diesbezüglich auch Paarhufer (Herdentiere in der Savanne), sowie andere Zweige des Säugetier-Stammbaumes. Aber sie fanden dort beim Arten-Vergleich nirgendwo eine Korrelation zwischen Gruppengröße und Gehirngröße. Es war dies einer von mehreren Gründen dafür, daß andere Forscher begannen, die Allgemeingültigkeit von Dunbar's Thesen infrage zu stellen und nach Alternativen für die Social-Brain-Theorie zu suchen. (Ergänzung, 21.12.2017: Diese Debatte ist auch noch zehn Jahre später, 2017, in vollem Gange und es zeichnet sich einstweilen keine definitivere Entscheidung ab. Eine alternative Theorie, die ein so breites Spektrum von Phänomenen erklären kann wie Dunbar's Social-Brain-Theorie konnte bislang noch nicht formuliert werden.)

Monogamie fördert Intelligenz-Evolution

Robin Dunbar hat aber nun mit der hier zu behandelnden neuen Studie nachgelegt (1, 2). Zwar findet er für Fleischfresser (Carnivoren), Paarhufer, Vögel, Fledermäuse - wie gesagt - im Artenvergleich keine Korrelation zwischen Gehirngröße und Gruppengröße. Dafür aber deutliche Korrelationen zwischen Gehirngröße und monogamer Lebensweise. Das ist eine große Überraschung.*) Kurz gesagt: "Monogamie fördert Intelligenz-Evolution". Das Spannende scheint weiterhin dabei zu sein, daß das - wenn man Dunbar recht versteht - gar nicht unbedingt vordringlich etwas mit klassischer darwinischer "sexueller Selektion" zu tun haben muß, denn diese wirkt am effektivsten bei polygamen Arten (und vergrößert, wie Dunbar so schön sagt, nur das limbische System! ...) (s.a.: 4). Sondern es stellt - offenbar - einen ziemlich neuartigen Mechanismus für sich dar.

Dunbar betont auch: Paarbindung selbst ist der entscheidende Faktor, nicht das gemeinsame Aufziehen von Kindern durch Vater und Mutter (also nicht "biparental care"). Aber nun soll Dunbar selbst das Wort gegeben werden, denn besser als er kann man das selbst auch nicht sagen:

Für vier Ordnungen der Säugetiere (Primaten, Fledermäuse, Paarhufer und Fleischfresser) und für 135 Vogelarten, die einen weit gespannten Querschnitt der Vogel-Ordnungen repräsentieren, konnten wir zeigen, daß in allen Arten außer den Menschenaffen das Verhältnis zwischen Gehirngröße und Sozialität qualitativ ist und nicht quantitativ: In jedem Fall ist große relative Gehirngröße explizit verbunden mit paargebundener (d.h. mit sozialer) Monogamie (siehe - hier - Abb. 2).
Diese Entdeckung legt nahe, daß es die von Gehirnen zu lösenden Herausforderungen der Paarbindung waren, die die ursprüngliche Evolution von großen Gehirnen bei allen Wirbeltieren ausgelöst hat. Und noch wichtiger ist hierbei, daß Paarbindung das Thema ist, nicht gemeinsame elterliche Aufzucht von Nachkommen.
Original: For four orders of mammals (primates, bats, artiodactyl ungulates, and carnivores) and 135 species of birds representing a wide cross-section of avian orders, we have shown that, in all taxa except anthropoid primates, the relationship between brain size and sociality is qualitative and not quantitative: In each case, large relative brain size is associated explicitly with pairbonded (i.e., social) monogamy (siehe - hier - Abb. 3).
These findings suggest that it may have been the cognitive demands of pairbonding that triggered the initial evolution of large brains across the vertebrates. More important, pairbonding is the issue, not biparental care.

Abb. 2: "Mean (±SE) of residual brain volume (controlling for body size and phylogeny) in species with pairbonded (purple bars) versus all other mating systems (gray bars) in birds and four orders of mammals. The differences are significant in all cases except primates."

Und etwas später noch grundlegender, ja geradezu philosophisch, bzw. angefüllt mit mancher philosophischen Implikation (Hervorhebung durch mich, I.B.):

The important issue in the present context is the marked contrast between anthropoid primates and all other mammalian and avian taxa (including, incidentally, prosimian primates): Only anthropoid primates exhibit a correlation between social group size and relative brain (or neocortex) size. This quantitative relationship is extremely robust; no matter how we analyze the data (with or without phylogenetic correction, using raw volumes, or residuals or ratios against any number of alternative body or brain baselines) or which brain data set we use (histological or magnetic resonance imaging derived, for whole brain, neocortex, or just the frontal lobes), the same quantitative relationship always emerges. This suggests that, at some early point in their evolutionary history, anthropoid primates used the kinds of cognitive skills used for pairbonded relationships by vertebrates to create relationships between individuals who are not reproductive partners. In other words, in primates, individuals of the same sex as well as members of the opposite sex could form just as intense and focused a relationship as do reproductive mates in nonprimates. Given that the number of possible relationships is limited only by the number of animals in the group, primates naturally exhibit a positive correlation between group size and brain size. This would explain why, as primatologists have argued for decades, the nature of primate sociality seems to be qualitatively different from that found in most other mammals and birds. The reason is that the everyday relationships of anthropoid primates involve a form of "bondedness" that is only found elsewhere in reproductive pairbonds.

Das heißt, Dunbar betont weiterhin, daß die Primaten mit (allen) Gruppenmitgliedern ähnlich intensive Sozialbeziehungen eingehen wie alle Nichtprimaten mit jeweils bloß einem monogamen Lebenspartner, bzw., Dunbar unterstellt, daß die sozialen Fähigkeiten zum monogamen Zusammenleben mit einem Lebenspartner die Wurzeln bilden für die Intelligenz-Evolution bei den Primaten, die diese Fähigkeit auf das Zusammenleben mit Gruppenmitgliedern ausdehnen.

Man fühlt sich hierbei auch an die Thesen der amerikanischen Anthropologin Barbara King erinnert, nach der "belonging", "Zugehörigkeits-Gefühl zu" Gruppenmitgliedern, Sozialpartnern die tiefste Wurzel aller menschlichen Religiosität (= Liebe) sein könnte (3). Ist nicht tatsächlich alle Religiosität - zunächst einmal oder letztlich - Liebe, "sich zugehörig fühlen zu" ...?

... und die Evolution von menschlicher Religiosität?

Aber um nun das zu beschreiben, was die kognitiven Erfordernisse der "Paarbindung" eigentlich ausmachen, spricht Dunbar geradezu philosophisch oder wie ein Künstler - oder soll man sagen wie ein echter "Liebender"?:

It has become apparent that we lack adequate language with which to describe relationships, yet bondedness is precisely what primate sociality is all about. Intuitively, we know what we mean by bondedness because we experience it ourselves, and we recognize it when it happens. The problem, perhaps, is that bondedness is an explicitly emotional experience and language is a notoriously poor medium for describing our inner, emotional experiences. Because relationships do not have a natural objective cognitive dimension that we can easily express in language, comparing the bondedness of different species is difficult (this may also explain why ethologists have invariably ducked the problem completely, preferring observable descriptions of behavior to grappling with what is going on inside the animal).

Das muß man erst mal alles auf sich wirken lassen und in sein bisheriges Welt- und Menschenbild einordnen. Man könnte den Eindruck gewinnen, daß es der Implikationen hier viele geben könnte und der (Forschungs-)Perspektiven auch. Von Schlußfolgerungen für unsere Gesellschaft (und unsere Familien?) gar nicht zu reden.

Und warum stellte der kanadische Psychologe J. P. Rushton fest, daß Menschenrassen, die eher zu Monogamie neigen (Europäer, Ostasiaten) durchschnittlich einen höheren angeborenen Intelligenz-Quotienten haben, als Menschenrassen, die insgesamt eher zu polygamer Lebensweise neigen (Buschleute, Schwarzafrikaner, amerikanische Ureinwohner)? Gehört das auch in die hier besprochenen Zusammenhänge? Es scheint sich jedenfalls geradezu nahtlos in diese einzuordnen.

Abb. 3: Robin Dunbar

Dunbar war schon vor einigen Monaten an Besprechungen beteiligt, die nach Formen suchten, auch solche Dinge zu thematisieren (siehe früherer Beitrag hier auf dem Blog). Jedenfalls: Auch beim Menschen also könnte IQ-Evolution - zumindest auf der Nordhalbkugel - etwas mit Monogamie zu tun zu haben.

Klar wird, daß es hier auch Implikationen geben könnte für die Evolution von menschlicher Religiosität. (Dieser Beitrag wird fortgesetzt ---> hier.)





/ ursprünglich veröffentlicht 15.11.2007;
zuletzt bearbeitet und ergänzt um [4-6]: 21.12.2017 /


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*) 21.12.2017: Nur einen Monat zuvor war - aus ganz anderen Zusammenhängen heraus wie es scheint - von dem niederländischen Evolutionsbiologen Jacobus J. Boomsma (geb. 1951) (Wiki) dessen inzwischen recht einflußreich gewordene "Monogamie-These" veröffentlicht worden (4). Sie besagt, daß am Ursprung aller staatenbildenden Insekten, deren Königinnen oft polygam leben, immer sozial einfachere, monogame Arten stehen würden, und daß die Monogamie den Übergang zur Staatenbildung erst möglich gemacht hat (weil sie größere genetischen Einheitlichkeit unter den Arbeiterinnen bewirkt, was wiederum mehr Verwandten-Altruismus bewirkt). Es wäre noch einmal der Frage nachzugehen, ob es irgendwelche Zusammenhänge zwischen beiden Veröffentlichungen gegeben hat, ob Anregungen von einer Seite für die andere gegeben worden sind. Da sich aber beide Arbeiten in ihren Literatur-Verzeichnissen auf ganz unterschiedliche Forschungszweige und deren Forschungsliteratur beziehen, wird die enge zeitliche Parallele zwischen beiden Veröffentlichungen eher auf einem auffallenden Zufall beruhen.
Womöglich handelt es sich um fast zeitgleiche "konvergente" Entwicklungen 1. einerseits in der Forschung selbst wie womöglich 2. auch hinsichtlich der zu erforschenden Gegenstände, nämlich a) komplexeres soziales Leben einerseits bei sozialen Insekten und andererseits b) bei Primaten. Auch bei den Forschungsgegenständen selbst könnte konvergente Evolution - vielleicht ebenfalls einigermaßen zeitgleich? - stattgefunden haben aufgrund von jeweils stammesgeschichtlich ursprünglicherer monogamer Lebensweise. Auch angesichts der Grundsätzlichkeit dessen, was hier jeweils erklärt wird, dürfte man sagen, daß man hier aufregende forschungsgeschichtliche Entwicklungen beobachten kann. - Im übrigen ist darauf hinzuweisen, daß der von Dunbar 2007 quantitativ nachgewiesene Zusammenhang zwischen Monogamie und Intelligenz von Konrad Lorenz schon im Jahr 1972 aufgrund vielfältiger Tier-Beobachtungen benannt worden war (5). (Der Autor dieser Zeilen hat Dunbar auf diesen Umstand hingewiesen, Dunbar hatte davon nicht gewusst und war sehr erfreut, davon zu erfahren [6].)

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  1. Dunbar, Robin I. M.; Shultz, Susanne: Evolution in the Social Brain. Review. In: Science, Vol. 317, 7. September 2007, S. 1344-1347, https://www.researchgate.net/publication/6017731_Evolution_in_the_Social_Brain
  2. Shultz, Susanne, Dunbar, Robin I. M.: The evolution of the social brain: anthropoid primates contrast with other vertebrates. Proc. R. Soc. London Ser. B, Volume 274, Number 1624, 7. Oktober 2007 (eingegangen am 23. Mai 2007, zur Veröffentlichung frei gegeben am 26. Juni 2007), https://www.researchgate.net/publication/6186835_The_evolution_of_the_social_brain_Anthropoid_primates_contrast_with_other_vertebrates
  3. King, Barbara J.: Evolving God. A Provocative View on the Origins of Religion. Doubleday Books 2007
  4. Boomsma, Jacobus J.: Kin Selection versus Sexual Selection - Why the Ends Do Not Meet. In: Current Biology, Volume 17, Issue 16, 21 August 2007, Pages R673-R683 Available online 20 August 2007. https://doi.org/10.1016/j.cub.2007.06.033, http://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0960982207015709
  5. Lorenz, Konrad: Soziale Bindungen und die in ihrem Dienste ritualisierten Verhaltensweisen. Vortrag anläßlich der Tagung Encyclopaedia Cinematographica, Göttingen 3. Oktober 1972, Film des Instituts für den wissenschaftlichen Film, https://www.youtube.com/watch?v=1kTDEpa4cRM
  6. Bading, Ingo: "... Was die großen Köpfe der Vergangenheit längst wußten ..." Konrad Lorenz, der Forscher und Mahner, in wenig bekannten Film- und Tondokumenten. Studium generale, 26. September 2017, http://studgendeutsch.blogspot.de/2017/09/was-die-groen-kopfe-der-vergangenheit.html
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