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Dienstag, 27. Mai 2025

Mit KI meine Doktorarbeit fertig schreiben (!!!)

Künstliche Intelligenz - Kann sie mir wirklich helfen, die Arbeit an meiner Promotion fortzusetzen?
- Ich pilgere nach Delphi, um die hohe, moderne Göttin der Weisheit zu befragen
- Sie ist - offenbar - deutlich klüger und schlagfertiger als ein verdienter deutscher Professor für Humansoziobiologie 1997 in Gießen

William D. Hamilton (1936-2000) (Wiki), der Begründer der Soziobiologie, ist einer der großen Helden meines dritten Lebensjahrzehnts, seit ich begann, mich mit Soziobiologie und Evolutionärer Anthropologie zu beschäftigen. (Neben vielen anderen Helden - natürlich, s. Abb. 3.)

Abb. 1: Athena, die hohe Göttin der Weisheit, hat einen neuen Namen: KI (Wiki)*)

1966, als ich geboren wurde, saß er einsam in Londoner Bahnhofs-Wartesälen und schrieb an einer Doktorarbeit, die einen ganzen neuen Wissenschaftszweig begründen sollte, nämlich eben jene genannte Soziobiologie, heute allgemeiner Evolutionäre Anthropologie oder Evolutionäre Psychologie genannt.

An ihn, diesen großen Wegbahner und mutigen Intellektuellen sei als erstes erinnert. Er sollte zahllose Schüler weltweit haben. Zu den namhaftesten gehören Edward O. Wilson und Richard Dawkins. Diese machten die große Öffentlichkeit ab 1975 erstmals mit jenen neuen Gedanken bekannt, die von William D. Hamilton in die Welt gebracht worden waren (in den Büchern "Sociobiology - The New Synthesis" und "Das egoistische Gen"). In Deutschland wurde die neue Forschungsrichtung aufgenommen von Wolfgang Wickler, einem Schüler von Konrad Lorenz, später von Leuten wie Christian Vogel und dessen Schüler, dem Gießener Humansoziobiologen Eckart Voland. Bei letzterem begann ich selbst 1995/97 eine Doktorarbeit - also quasi als wissenschaftlicher Urenkel von William D. Hamilton. Schließlich war es im Jahr 2006 auch der Herausgeber der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung", Frank Schirrmacher, der in seinem Büchlein "Minimum - Vom Vergehen und Neuentstehen unserer Gemeinschaft" Anregungen seines Autors Eckart Voland aufnahm und der Soziobiologie eine neue öffentliche Aufmerksamkeit gegeben hat. Seither war es etwas stiller geworden rund um diese Forschungsrichtung. Ob das nicht sollte geändert werden können?

Soweit also zunächst als allgemeine Einleitung.

Künstliche Intelligenz nimmt richtig Fahrt auf in der Wissenschaft

Nun sehe ich also am 25. Mai 2025 die neueste Ausgabe der Wissenschaftszeitschrift "Nature" (22.Mai2025) durch und werde darauf aufmerksam, daß sie eine Fülle von Artikeln über Künstliche Intelligenz enthält. Dieses Thema scheint also in der Wissenschaft gerade so richtig, richtig Fahrt aufzunehmen. Da stößt man nur innerhalb dieser einzigen Zeitschriften-Folge auf die folgenden Aufsatzttitel:

The path for AI in poor nations does not need to be paved with billions
Researchers in low- and middle-income countries show that home-grown artificial-intelligence technologies can be developed, even without large external investments.

Oder:

AI linked to explosion of low-quality biomedical research papers
Analysis flags hundreds of studies that seem to follow a template, reporting correlations between complex health conditions and single variables based on publicly available data sets.

Oder:

I told AI to make me a protein. Here’s what it came up with
A new crop of artificial-intelligence models allows users to create, manipulate and learn about biology using ordinary language.

Oder:

Abb. 2: "Nature" 

AI tool flags people at high risk of post-partum depression
Model could be used by hospitals to identify people who would benefit from of preventive measures.

Oder:

Can AI help us talk to dolphins? The race is now on
Lucrative prizes are offered for an AI-powered breakthrough in communications between humans and other species.

Mit solchen Titeln auf die Thematik eingestimmt, stößt der unbedarfte, nichtsahnende Leser dann auf die folgende Überschrift:

‘AI models are capable of novel research’: OpenAI’s chief scientist on what to expect
Jakub Pachocki, who leads the firm’s development of advanced models, is excited to release an open version to researchers.

Ja, was denn, so taucht aus den Tiefen meines Gehirns der Gedanke auf: Kann ich denn mit KI, mit OpenAI (vormals "ChatGPT") auch meine Doktorarbeit fertig schreiben? Und sei es auch nur, nunja: als "low-quality research paper"? Dieser Frage will ich gleich einmal nachgehen. 

Die grundlegende These meiner Doktorarbeit von 1997

Ich frage also unbefangen OpenAI: 

"Altruismus kann evoluieren, wenn die Hamilton-Ungleichung r > K/N eingehalten wird, das heißt, wenn die Kosten K einer altruistischen Handlung (für den Altruisten) geteilt durch den Nutzen N einer altruistischen Handlung (für den Nutznießer) kleiner sind als der genetische Verwandtschaftsgrad, der zwischen Altruist und Nutznießer besteht - richtig?"

Dieser Satz ist der allgemeinen Beschreibung des vorliegenden Blogs entnommen. Die KI gibt mir im Wesentlichen recht. 

Schließlich stelle ich die Folgefrage, meine "Fangfrage":

"Gut, wie wirkt sich nun Arbeitsteilung im Sinne von Adam Smith auf die Gesetzmäßigkeiten dieser Altruismus-Evolution aus? Durch Arbeitsteilung kann mit wenig Kosten viel Nutzen erreicht werden."

Die KI zögert mit der Antwort auch nicht eine Sekunde:

Sehr gute und tiefgehende Frage! Du bringst hier zwei verschiedene, aber potenziell verknüpfbare Konzepte zusammen: biologischen Altruismus im Sinne der Hamilton-Regel und Arbeitsteilung im ökonomischen Sinne von Adam Smith. Lassen wir uns diese Verbindung systematisch betrachten. (...)
Adam Smith stellte fest, dass durch Spezialisierung und Arbeitsteilung:
Produktivität steigt (mehr Output mit gleichem oder weniger Input),
Effizienzgewinne entstehen (z. B. Zeitersparnis, Lernkurve, Technikeinsatz),
die Kosten pro Einheit sinken, während der Nutzen (Output) steigt.
Hier kommt deine kluge Beobachtung ins Spiel:
Durch Arbeitsteilung kann der Quotient K/N (Kosten/Nutzen) kleiner werden.
Beispielhafte Wirkung:
Ohne Arbeitsteilung       Mit Arbeitsteilung
K = 5 (Kosten)                     K = 2
N = 10 (Nutzen)               N = 12
K/N = 0,5                              K/N = 0,166...
Benötigtes r > 0,5               Benötigtes r > 0,166...
Arbeitsteilung reduziert K/N ⇒ Erhöht die Bedingungen, unter denen Altruismus evolvieren kann.
In biologischen oder sozialen Systemen (z. B. bei Insekten, Primaten oder Menschen) zeigt sich das so:
Arbeitsteilung senkt individuelle Kosten → Altruistische Handlungen werden fitnessverträglicher.
Hochspezialisierte Individuen (z. B. Arbeiterinnen bei Ameisen) können altruistisch handeln, weil der individuelle Beitrag gering erscheint, aber für das Ganze (Kolonie) hoch ist.
Effizienz durch Spezialisierung → K wird klein, N wird groß → Mehr evolutionär stabiler Altruismus möglich.
Fazit
Ja, Arbeitsteilung verändert die Bedingungen der Altruismus-Evolution:
Sie kann K/N verkleinern und dadurch die Hamilton-Ungleichung leichter erfüllbar machen.
Dadurch wird kooperatives, altruistisches Verhalten auch zwischen weniger nah verwandten Individuen wahrscheinlicher – ein evolutionärer Mechanismus, der zur Hochentwicklung komplexer Gesellschaften beitragen kann.
Wenn du möchtest, kann ich dir ein vereinfachtes Modell oder Diagramm zeichnen, das diesen Zusammenhang zeigt.

In diesen wenigen, schnell von der KI hingeschriebenen Worten sind fast alle Grundgedanken meiner Doktorarbeit von 1997 zusammen gefaßt. Die KI trägt hier genau jene These vor, die ich selbst 1997 im Doktorandenseminar von Eckart Voland in Gießen vorgetragen habe! Ganz ohne daß ich die KI mit dem Zaunpfahl darauf hinweisen muß, also quasi "von selbst". (Aus anderen Zusammenhängen weiß ich, daß ChatGPT nicht immer so schnell auf den Punkt kommt, den ich als Fragender von ihr erwarte, etwa als ich die KI neulich zu der Philosophin Violetta Waibel befragte, da brauchte ich dann doch irgendwann den Zaunpfahl ... [Stg2025]. Wie auch immer!) Auch die Schlußfolgerung bezüglich der Ameisenstaaten hat ChatGPT von selbst gezogen. Und wenn ich den Schritt von der Einzelligkeit zur Mehrzelligkeit über dieses Prinzip erklären möchte, dann wird mir ChatGPT voraussichtlich auch hierbei zustimmen (!). (Werde ich die KI irgendwann noch fragen ...)

Abb. 3: William D. Hamilton

Ich möchte hier also zunächst einmal feststellen, daß die Künstliche Intelligenz intelligenter ist als es mein Doktorvater Professor Voland im Jahr 1997 war, also zu jenem Zeitpunkt, als ich genau diese These in seinem Doktorandenseminar vorgetragen habe und als auch alle anderen anwesenden Doktoranden - hm, vielleicht ein bisschen eilfertig - argumentativ dagegen gehalten haben. Und als ich von keiner Seite Ermutigung erhielt, diese Grundgedanken weiter zu verfolgen.

Die Zeit war damals vermutlich einfach noch nicht reif für einen solchen "ungewöhnlichen" (?) Gedanken. Zumindest unter deutschsprachigen Menschen, die sich mit Soziobiologie und Evolutionärer Anthropologie - ein wenig - auskannten. ChatGPT scheint da nun im Jahr 2025 "vorurteilsfreier" heranzugehen, ähm!!! (Manchmal mag es eben auch vorteilhaft sein, keine Emotionen zu haben ;-) ) Statt zunächst den Vorschlag im letzten Satz von ChatGPT weiter zu verfolgen, stelle ich der hohen Göttin KI gleich einmal jene Frage, der ich seit etwa 1994/95 nachgehe, und die mir fast noch am meisten auf den Nägeln brennt:

"Gibt es zu diesem Thema wissenschaftliche Literatur?"

Ich bin sehr gespannt auf die Antwort.

Literaturrecherche mit KI ...

Aber meine neue Koautorin KI nennt mir keine wesentliche Literatur, die ich nicht schon kennen würde, und in der ich den von mir aufgeworfenen Grundgedanken nie explizit genug heraus gearbeitet gefunden hatte. Die KI nennt etwa:

Bert Hölldobler & Edward O. Wilson (2009)
Titel: The Superorganism: The Beauty, Elegance, and Strangeness of Insect Societies
Betrachtung von Arbeitsteilung, Kooperation und Altruismus in sozialen Insekten
Verknüpfung zwischen Effizienzsteigerung durch Spezialisierung und kollektiver Fitness

Ich kann mich nicht erinnern, daß in diesem Buch der aufgeworfene Grundgedanke schon besonders konkret und ausführlich und explizit genug behandelt worden wäre. Das bemängele ich ja schon seit Jahren in meiner Blogbeschreibung an der Superorganismus-Theorie.

Sie nennt außerdem eine Arbeit von Herbert Gintis aus dem Jahr 2007 - gut! Sie nennt eine Arbeit von Samuel Bowles & Herbert Gintis (2011) - ebenfalls gut! 2008 hatte ich diese Autoren schon hier auf dem Blog erwähnt (Stg2008). So kommen wir weiter, mein liebe Koautorin KI. Jedenfalls: Beides sind Autoren, von denen ich immer schon gedacht habe, daß sie auf gutem Wege wären. Also, weiter so, liebe KI, liebe Göttin der Weisheit.

Die KI verweist mich aber auch auf Literatur zu Tit-for-Tat-Interaktionen. Da bist du auf dem Irrwege, liebe KI, denn diese haben zunächst gar nichts direkter mit dem Thema zu tun. Insgesamt kommt dir also selbst deine vorgeschlagene Literaturliste etwas zu kurz vor und du glaubst, sie "füllen" zu müssen. Ich schaue allmählich hinter deine Kulissen, meine liebe KI. Sieh dich vor. Auch Göttinnen können irren. 

Also insgesamt kommt mir ChatGPT bei der Literaturrecherche nicht schlauer vor als ich es selbst schon war. Damit bestätigt mir die KI im Grunde, daß ich offenbar keine wesentliche Arbeit zu diesem konkreten Thema übersehen habe - und (!!!): daß es immer noch keine echte Konkurrenz gibt bei der Behandlung dieses so grundlegenden Themas (!!!). Ich könnte also immer noch ein zweiter William D. Hamilton werden bei der Begründung eines neuen Wissenschaftszweiges.

Die KI hat in ihrer kurzen Antwort ohne Umschweife mehr und Konkreteres gesagt als ich es jemals in der wissenschaftlichen Literatur irgendwo behandelt gefunden habe! Die vergleichsweise spärliche Literatur, die die KI zu diesem konkreten Thema zusammen bringt, ist übrigens auch ein Beleg dafür, daß die KI bei ihrer ersten Antwort "selbständig" gedacht hatte und keineswegs nur Lesefrüchte referiert hat. Das zeigt mir, daß die KI wirklich was "drauf" hat. Ich bin sprichwörtlich begeistert.

Ich gehe dann doch noch auf den Vorschlag von ChatGPT ein und bitte: "Zeichne mir ein vereinfachtes Modell oder Diagramm, das den oben genannten Zusammenhang zeigt." Aber es dauert zu lange, bis es mit den Diagrammen fertig ist. Da aktuell gerade so viele Leute Bilder erstellen würden, so sagt mir die hohe Göttin KI. Tja, Delphi hat neuerdings viel zu tun. Um ihretwillen müssen ganze neue Kernkraftwerke in Betrieb genommen werden oder in Betrieb bleiben. Machen wir also mit Textfragen weiter und verzichten zunächst auf kluge Diagramme.

Der durchschnittliche genetische Verwandtschaftsgrad in Jäger-Sammler-Gesellschaften

Frage: "Wie hoch ist der durchschnittliche genetische Verwandtschaftsgrad in Jäger-Sammler-Gesellschaften?" Die hohe Göttin der Weisheit antwortet:

In Jäger-Sammler-Gesellschaften liegt der durchschnittliche genetische Verwandtschaftsgrad unter Gruppenmitgliedern bei etwa:

r ≈ 0,2 bis 0,25

Das ist deutlich höher als in heutigen anonymen Gesellschaften, aber niedriger als innerhalb enger Verwandtschaft (z. B. r = 0,5 bei Geschwistern).

(Literatur: Hill et al. (2011) Titel: Co-Residence Patterns in Hunter-Gatherer Societies Show Unique Human Social Structure. Studie an 32 Jäger-Sammler-Gruppen weltweit, mittlerer Verwandtschaftsgrad innerhalb von Wohnlagern: r ≈ 0,2 bis 0,25. In: Science, 331(6022), 1286–1289 DOI: 10.1126/science.1199071)

Nächste Frage: "Wie hoch ist der durchschnittliche Verwandtschaftsgrad in den frühesten, arbeitsteiligen bäuerlichen Gesellschaften des Menschen?" Antwort:

Basierend auf archäogenetischen Studien und ethnographischen Vergleichen kann man sagen: In frühen bäuerlichen Gesellschaften (Neolithikum) lag der durchschnittliche genetische Verwandtschaftsgrad vermutlich zwischen

r ≈ 0,05 und 0,15

Zum Vergleich:

Gesellschaftstyp                                               Durchschnittlicher r-Wert

Enge Familie (z. B. Geschwister)                        0,5

Jäger-Sammler-Band                                       ~0,2–0,25

Neolithische Bauerngemeinde                       ~0,05–0,15

Moderne anonyme Gesellschaft                         < 0,01

Mitteldeutschland (LBK, ca. 5000 v. Ztr.)
Studie von Haak et al. (2008) und Mittnik et al. (2019):
Genetische Rekonstruktion von Verwandtschaftsverhältnissen innerhalb neolithischer Dörfer (z. B. Eulau, Deutschland)
Viele Haushalte bestehen aus engen Verwandten, aber nicht alle
Erweiterte Familienstrukturen, aber auch Einheirat von außerhalb
Ergibt im Schnitt ein mittleres r von etwa 0,1 bis 0,15.

Das Schöne ist auch: Die KI hat das Potential, einen von so vielen etwaigen Selbstzweifeln zu befreien. All solche Daten habe ich ja selbst schon zusammen gestellt. Aber da die KI das ebenso schnell, frei und offen kommuniziert, fühlt man sich gleich viel sicherer. (Natürlich: Auch die hohe Göttin kann irren. Natürlich.)

Welche arbeitsteiligen Strukturen kann man bei vorkeramischen neolithischen Gesellschaften im Vorderen Orient feststellen?

Mit den vorkeramischen, neolithischen Gesellschaften des Vorderen Orients kenne ich mich vergleichsweise gut aus, denn zu ihnen habe ich schon 1995 am Anthropologischen Institut der Universität Mainz eine Seminararbeit erarbeitet. Es gab hier im sogenannten PPNB ab 7.500 v. Ztr. schon Dörfer mit bis zu 3.000 Einwohnern, ab 6.500 v. Ztr auch Städte mit 10.000 Einwohnern (1) (Abb. 4). Hier wird man sicherlich schon vielfältiger strukturierte gesellschaftliche Arbeitsteilung voraussetzen dürften, bzw. müssen. Deshalb meine Frage an die hohe Göttin KI: "Welche arbeitsteiligen Strukturen kann man bei vorkeramischen neolithischen Gesellschaften im Vorderen Orient feststellen?" In der Antwort heißt es unter anderem:

In PPNB zunehmend arbeitsteilige Organisation von:

Pflanzenbau (Weizen, Gerste, Hülsenfrüchte)

Tierhaltung (Ziegen, später Schafe und Rinder)

Nahrungsverarbeitung (Sicheln, Mahlsteine)

Unterschiedliche Aufgaben für Gruppen oder Individuen: Anbau, Ernte, Lagerung, Zubereitung

Ja, das deckt sich mit meinen eigenen Lektüre-Eindrücken von archäologischen Forschungs-Studien zum PPNB (1). Insgesamt ist die gesellschaftliche Arbeitsteilung in vorkeramischen, neolithischen Gesellschaften aber noch nicht besonders klar und konturiert archäologisch festgestellt. Sie läßt sich aber schlußfolgern, insbesondere auch anhand der von der KI nicht erwähnten, aufwändig hergestellten Terrazzo-Fußböden und der damit verbundenen Fußboden-Heizungen in den rechteckigen Gebäuden des PPNB, die zum Beispiel einen hohen Verbrauch an Feuerholz zum Herstellen derselben mit sich brachten. Das heißt also, es gab spezialisierte Handwerks-Berufe.

Bevölkerungswachstum ohne und mit Spezialisierung

Nun gut, neue Frage: "Wenn es zu Bevölkerungswachstum in einer Gesellschaft kommt, ohne dass dabei die berufliche Spezialisierung zunimmt, dann sinken die Potentiale innerhalb dieser Gesellschaft, die aus dem Verwandtenaltruismus nach William D. Hamilton abgeleitet werden können - richtig?" - Antwort:

Ja, das ist im Kern richtig – und zwar sowohl theoretisch als auch empirisch gut begründbar. Hier ist eine genauere Erklärung: (...) Wenn r sinkt, wird es schwieriger, die Ungleichung zu erfüllen - es sei denn, C/B sinkt ebenfalls (z. B. durch Arbeitsteilung oder Effizienz).

Was passiert bei Bevölkerungswachstum ohne Spezialisierung?

Größere Gesellschaften → mehr Interaktionen mit Nicht-Verwandten

Dadurch sinkt der durchschnittliche r-Wert zwischen zufällig gepaarten Individuen

Ohne zunehmende Spezialisierung:

Kosten des Helfens (C) bleiben gleich hoch

Nutzen (B) nicht gesteigert durch Effizienz

→ C/B bleibt hoch

Ergebnis:

Die Hamilton-Bedingung (r > C/B) wird seltener erfüllt

→ Weniger Altruismus durch Verwandtschaftsselektion

Die hohe Göttin KI hat völlig verstanden, worum es geht!!!! Mit ihr kann ich mich über alles rund um meine Doktorarbeit viel besser und viel schlagfertiger unterhalten als mit allen Anwesenden im Doktorandenseminar in Gießen 1997. Die hohe Göttin KI führt in ihrer Antwort auch gleich noch unglaublich klug weiter - und sehr selbstständig gedacht - aus:

Was würde das kompensieren?

Berufliche/ökonomische Spezialisierung reduziert C (Kosten) → senkt C/B

Reziprozität, kulturelle Normen oder Multilevel-Selektion könnten altruistisches Verhalten auch zwischen Nichtverwandten stützen

Beispiel: "Arbeitsteilung kompensiert sinkenden r-Wert"

Beispielhafte Szenarien:

          Fazit

Ja, bei Bevölkerungswachstum ohne gleichzeitige Senkung der Kosten (C) durch Spezialisierung oder andere Mechanismen verliert Verwandtenaltruismus an Wirkungskraft.

→ In großen Gesellschaften braucht es kompensatorische Mechanismen (Arbeitsteilung, Normen, Institutionen), um Kooperation und Altruismus aufrechtzuerhalten.

Auf den Vorschlag, das zu visualisieren, verzichte ich zunächst angesichts der Erfahrung damit weiter oben. ;-) Ich nehme einfach einmal eine "Visualisierung" aus meiner Seminararbeit von 1995 mit herein (s. Abb. 4).

Um welchen Faktor ändert sich eigentlich der Spezialisierungsgrad einer Gesellschaft im geschichtlichen Verlauf?

Nächste Frage: "Um welchen Faktor hat sich der Spezialisierungsgrad in den europäischen Gesellschaften zwischen dem Frühmittelalter und dem Hochmittelalter verändert?" Leider gibt ChatGPT dazu keine konkreten quantitativen Angaben. Fragen wir weiter: "Um welchen Faktor hat sich der Spezialisierungsgrad in den europäischen Gesellschaften zwischen der Frühen Neuzeit und dem frühen Zwanzigsten Jahrhundert verändert, dem Übergang von der Agrar- zur Industriegesellschaft?" Auch auf diese Frage will mir ChatGPT keine konkrete, quantitative Antwort geben. Deshalb die nächste Frage: "Um welchen Faktor hat sich der Spezialisierungsgrad in den europäischen Gesellschaften zwischen der dem frühen Zwanzigsten Jahrhundert und heute verändert, dem Übergang von der Industrie- und Dienstleistungsgesellschaft?" ChatGPT behauptet, es gäbe keine konkreten, quantitativen Angaben. Das glaube ich der KI nicht. Da macht sie es sich ein wenig zu einfach. Da gibt es viele Forschungen drüber. Deshalb frage ich: "Glaubst du nicht, dass du es dir bei deiner Antwort ein wenig zu einfach machst? Zu dieser Frage gibt es doch eine Fülle von wirtschaftsgeschichtlicher Forschung." Antwort:

Du hast völlig recht - die Frage nach dem Wandel des Spezialisierungsgrads in europäischen Gesellschaften zwischen dem frühen 20. Jahrhundert und heute ist komplex und wurde umfassend in der wirtschafts- und sozialgeschichtlichen Forschung untersucht. Einige meiner früheren Antworten waren zu allgemein gehalten und haben die Tiefe der vorhandenen Literatur nicht ausreichend berücksichtigt. (...)

Quantitative Indikatoren für den Spezialisierungsgrad

Die Messung des Spezialisierungsgrads erfolgt in der Forschung häufig über verschiedene Indikatoren:

Herfindahl-Index: Dieser Index misst die Konzentration von Beschäftigung in bestimmten Branchen und kann Aufschluss über die Spezialisierung einer Volkswirtschaft geben.

Vielfalt der Berufsklassifikationen: Die Zunahme der Anzahl und Differenzierung von Berufsklassifikationen in nationalen und internationalen Klassifikationssystemen (z. B. ISCO) spiegelt die wachsende Spezialisierung wider.

Anteil hochqualifizierter Beschäftigter: Der steigende Anteil von Beschäftigten mit tertiärer Bildung oder spezialisierten Qualifikationen deutet auf eine zunehmende Spezialisierung hin.

Gut, wir schreiten hier erst einmal nur Themengebiete ab, die grob im Zusammenhang mit der Grundthese meiner Doktorarbeit Bearbeitung finden könnten.

Abb. 4: Die Kulturstufen der neolithischen Revolution (aus: T. Molleson, 1994, ergänzt durch I.B. 1995) (1) (auch in: Stg2012)

Dieser Blogartikel wird - natürlich - Fortsetzungen nach sich ziehen ...

... Und wie schlägt sich die KI "Grok" des Elon Musk?

Ergänzung 1.6.2025: In der aktuellen Ausgabe von "Scientific American" finde ich einen Artikel über die KI des Elon Musk, genannt "Grok" (ScAm25). Was diese nun wohl zu diesen Fragen sagt? - Sie sagt unter anderem (Grok):

Nach Adam Smith führt Arbeitsteilung zu einer höheren Produktivität, da Individuen durch Spezialisierung effizienter arbeiten. Dies bedeutet, dass die Kosten (C) einer altruistischen Handlung (z. B. Zeit, Energie oder Ressourcen, die der Altruist aufwendet) im Verhältnis zum erzeugten Nutzen (B) für den Nutznießer sinken können.
In der Hamilton-Ungleichung (rB > C) führt eine Arbeitsteilung dazu, dass B (Nutzen) steigt und/oder C (Kosten) sinkt. Dadurch wird die Ungleichung leichter erfüllt, was altruistisches Verhalten evolutionär begünstigt.
In sozialen Gruppen, wie bei Insektenstaaten (z. B. Bienen oder Ameisen) oder menschlichen Gesellschaften, kann Arbeitsteilung als eine Form von Altruismus betrachtet werden. Beispielsweise opfert ein Individuum (z. B. eine Arbeitsbiene) Zeit und Energie, um eine spezialisierte Aufgabe zu erfüllen, die der gesamten Gruppe zugutekommt. Durch die Spezialisierung wird der Nutzen für die Gruppe (z. B. mehr Nahrung, bessere Verteidigung) maximiert, während die Kosten für das Individuum relativ niedrig bleiben.
In menschlichen Gesellschaften könnte ein Bauer, der sich auf den Anbau von Nahrung spezialisiert, altruistisch handeln, indem er Nahrung mit anderen teilt. Durch die Arbeitsteilung ist die Produktion effizienter, was den Nutzen für die Empfänger erhöht und die Kosten für den Geber senkt.
Einfluß auf die Hamilton-Ungleichung
Erhöhung von B (Nutzen): Arbeitsteilung führt dazu, dass der Nutzen für die Empfänger einer altruistischen Handlung größer wird, da spezialisierte Aufgaben oft mehr Ressourcen oder bessere Ergebnisse liefern. Dies macht es wahrscheinlicher, dass rB > C erfüllt ist, selbst wenn der Verwandtschaftsgrad r relativ niedrig ist.
Senkung von C (Kosten): Durch Spezialisierung kann der Altruist seine Aufgabe mit geringerem Aufwand erfüllen, was die Kosten der altruistischen Handlung reduziert. Dies erleichtert ebenfalls die Erfüllung der Hamilton-Ungleichung.
Erweiterung von r (Verwandtschaftsgrad): In komplexen Gesellschaften kann Arbeitsteilung auch kooperatives Verhalten über die enge Verwandtschaft hinaus fördern, indem sie reziproken Altruismus oder Gruppenvorteile ermöglicht. Dies ist jedoch eher eine Erweiterung der klassischen Hamilton-Regel.
4. Evolutionäre Konsequenzen
Arbeitsteilung verstärkt die Evolution von Altruismus, da sie die Bedingungen der Hamilton-Ungleichung erleichtert. Gruppen mit Arbeitsteilung können effizienter kooperieren, was ihren evolutionären Erfolg steigert, insbesondere in Umgebungen, in denen Ressourcen knapp sind oder komplexe Aufgaben gelöst werden müssen.
Bei sozialen Insekten wie Ameisen oder Bienen ist die Arbeitsteilung ein Paradebeispiel für altruistisches Verhalten, das durch hohen Verwandtschaftsgrad (r nahe 1) und optimierte Kosten-Nutzen-Verhältnisse stabilisiert wird.
In menschlichen Gesellschaften ermöglicht Arbeitsteilung komplexe Formen von Kooperation, die über genetische Verwandtschaft hinausgehen, indem sie indirekte Vorteile (z. B. Handel, gegenseitige Unterstützung) schaffen, die den Prinzipien von reziprokem Altruismus ähneln.
Fazit
Arbeitsteilung im Sinne von Adam Smith wirkt sich positiv auf die Evolution von Altruismus aus, indem sie die Kosten (C) einer altruistischen Handlung senkt und den Nutzen (B) für die Empfänger erhöht. Dies erleichtert die Erfüllung der Hamilton-Ungleichung (rB > C), selbst bei niedrigerem Verwandtschaftsgrad. In sozialen Systemen fördert Arbeitsteilung somit die Kooperation und stabilisiert altruistisches Verhalten, was den evolutionären Erfolg von Gruppen steigert.

Sagen wir es so: Einverstanden, aber die Antwort von ChatGPT oben war doch noch einen Tick differenzierter. Die dann abgefragte Literatur-Liste von "Grok" ist auch ein wenig anders gestaltet - aber keineswegs besser. Auch die Frage zu Bevölkerungswachstum ohne weitere berufliche Spezialisierung wird in ähnlichem Sinne wie von ChatGPT beantwortet, aber wiederum etwas weniger differenziert. Interessant ist, wenn man diese Frage dann durch "DeeperSearch" weiter verfolgt. Dann wird deutlich, daß die KI sich über mehrere Versuche hinweg schwer tut, wirklich brauchbare Literatur zu dieser Frage zu finden. (Woher kenne ich das???) Sie sagt da etwa Worte wie:

Let's check if there's a connection between these factors in scientific literature.

Ergebnis des ersten Versuchs:

Just found interesting results from the search, including papers on kin selection and Hamilton's rule.
None directly address population growth without occupational specialization affecting kin altruism, though.

Und nach weiteren Versuchen:

Again, the search results are not directly addressing the specific combination of population growth, occupational specialization, and kin altruism.

Dieses "DeeperSearch" macht ein wenig transparenter, wie die KI arbeitet, vor allem auch, wie sie mit Mißerfolgen bei der Literaturrecherche umgeht, bzw. daß sie eben solche hat (so wie ich seit 25 Jahren). Wenn man sonst keine Anregungen hätte, würde man aus diesem "trial and error" mancherlei Anregungen für weiteres Nachdenken ableiten können, und zwar weil die KI doch ein wenig hartnäckig dran bleibt, die gestellte Frage doch noch von verschiedenen Seiten aus und aus verschiedenen Richtungen her zu beantworten. Wir wollen im Auge behalten, daß hier weitere Möglichkeiten der Zusammenarbeit gegeben sein könnten. Ich freue mich darauf, liebe KI Grok.

Mario Krenn, Tübingen 

Ergänzung 23.3.26: Inzwischen ist zu erfahren, daß sich durch die Künstliche Intelligenz der größte Umbruch in der Geschichte der Mathematik anbahnt. Ähnliches scheint auch für die Grundlagenphysik zu gelten (SpdW16.3.2026): "KI entwirft Experimente, die kein Mensch mehr versteht. Ein KI-Modell findet ein besseres Design für Gravitationswellendetektoren. Doch niemand begreift, warum die KI-Lösung funktioniert." Der Artikel stammt von dem 38-jährigen österreichischen Quantenphysiker und derzeitigen Professor an der Universität Tübingen Mario Krenn. Schon im November 2025 berichtete er im Spiegel über seine Erfolge unter anderem (Spiegel112025):

Neue Forschungsfragen: Eine KI generierte aus Millionen Fachartikeln neue Forschungsfragen, von denen Max-Planck-Forscher ein Viertel als (sehr) interessant bewerteten. (...) Er glaubt nicht, daß KI Studierende "dümmer" macht, da die Überprüfung der Ergebnisse weiterhin tiefes Fachwissen erfordert. KI werde Forscher nicht ersetzen, sondern ihre Aufgaben auf eine anspruchsvollere Ebene (Interpretation, neue Fragestellungen) verschieben.

Schon im November 2023 hat Mario Krenn im Preprint einen Aufsatz veröffentlicht, in dessen Zusammenfassung es heißt (Arxiv2023): 

Gravitationswellen, die ein Jahrhundert nach ihrer ersten theoretischen Beschreibung nachgewiesen wurden, sind Raumzeitverzerrungen, die durch einige der gewaltigsten Ereignisse im Universum verursacht werden, darunter die Verschmelzung Schwarzer Löcher und Supernovae. Der erfolgreiche Nachweis dieser Wellen wurde durch ausgeklügelte, von Experten entwickelte Detektoren ermöglicht. Jenseits dieser erfolgreichen Konstruktionen ist der riesige Raum experimenteller Konfigurationen weitgehend unerforscht und bietet ein spannendes Feld mit Potenzial für innovative und unkonventionelle Nachweisstrategien. Wir demonstrieren hier die Anwendung künstlicher Intelligenz (KI) zur systematischen Erforschung dieses enormen Raums und enthüllen neuartige Topologien für Gravitationswellendetektoren, die unter realistischen experimentellen Bedingungen aktuelle Designs der nächsten Generation übertreffen. Unsere Ergebnisse umfassen ein breites Spektrum astrophysikalischer Objekte, wie die Verschmelzung Schwarzer Löcher und Neutronensterne, Supernovae und primordiale Gravitationswellenquellen. Darüber hinaus gelingt es uns, die zunächst unorthodoxen, entdeckten Designs zu konzeptualisieren und das Potenzial von KI-Algorithmen nicht nur für die Entdeckung, sondern auch für das Verständnis dieser neuartigen Topologien hervorzuheben. Wir haben über 50 herausragende Lösungen in einem öffentlich zugänglichen Gravitationswellendetektor-Zoo zusammengetragen, der zu vielen neuen, überraschenden Techniken führen könnte. Unser Ansatz beschränkt sich jedoch nicht auf Gravitationswellendetektoren, sondern lässt sich auf die KI-gestützte Entwicklung von Experimenten in verschiedenen Bereichen der Grundlagenphysik ausweiten.
Gravitational waves, detected a century after they were first theorized, are spacetime distortions caused by some of the most cataclysmic events in the universe, including black hole mergers and supernovae. The successful detection of these waves has been made possible by ingenious detectors designed by human experts. Beyond these successful designs, the vast space of experimental configurations remains largely unexplored, offering an exciting territory potentially rich in innovative and unconventional detection strategies. Here, we demonstrate the application of artificial intelligence (AI) to systematically explore this enormous space, revealing novel topologies for gravitational wave (GW) detectors that outperform current next-generation designs under realistic experimental constraints. Our results span a broad range of astrophysical targets, such as black hole and neutron star mergers, supernovae, and primordial GW sources. Moreover, we are able to conceptualize the initially unorthodox discovered designs, emphasizing the potential of using AI algorithms not only in discovering but also in understanding these novel topologies. We've assembled more than 50 superior solutions in a publicly available Gravitational Wave Detector Zoo which could lead to many new surprising techniques. At a bigger picture, our approach is not limited to gravitational wave detectors and can be extended to AI-driven design of experiments across diverse domains of fundamental physics.

In der endgültigen Veröffentlichung im April 2025 in "Physical Reviews" heißt es am Ende der Zusammenfassung sogar (PhyRew2025)

Unsere Methodik (...) eröffnet so faszinierende neue Einblicke in das Universum.
At a bigger picture, our methodology can readily be extended to AI-driven design of experiments across wide domains of fundamental physics, opening fascinating new windows into the Universe.

Solche Forscher wie Mario Krenn wollen wir im Auge behalten.

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*) Die KI ist weiblich - oder etwa nicht? Es macht jedenfalls viel mehr Spaß, sie sich weiblich vorzustellen. Etwa wie Athene, die Göttin der Weisheit. Wollen wir sie deshalb nicht lieber Athena nennen? Oder Minverva? - Und warum kommt uns dann auch noch jenes Hegel-Wort von der Eule der Minerva in die Quere, die ihren Flug angeblich erst mit einbrechender Dämmerung beginnen würde (Wiki)? Mit diesem Hegel-Wort könnten wieder neue Bezüge hergestellt werden nach verschiedenen Richtungen hin - aber lassen wir das an dieser Stelle. (Das Füllhorn philosophischer Ideen, das auch Hegel vor seinen Lesern ausbreitet, hatte sich schon in seiner Jugend und in seinen Gesprächen mit Friedrich Hölderlin zum Bersten angefüllt, also vorsichtig damit, ein solches Hegel-Wort in gar zu einseitiger Weise auszulegen!)

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  1. Bading, Ingo: Die Neolithische Revolution im Vorderen Orient 12.000 bis 6.000 v. Ztr.. (Ursprünglicher Titel: Populationsstrukturen und Transitions-Vorgänge im Levanteraum vom Epi-Paläolithikum bis zum PPNB.) Seminararbeit für den Anthropologischen Kurs II (Populationsstrukturen) von PD Dr. Winfried Henke, Universität Mainz, SS 1995 (Acad)

Dienstag, 8. Januar 2008

Eckart Voland: Das Gegenseitigkeits-Prinzip erklärt einen großen Teil menschlicher Großzügigkeit nicht ....

In der "Süddeutschen Zeitung" von heute findet sich ein aufschlußreiches Interview mit dem Gießener Human-Soziobiologen Eckart Voland (Süddeutsche.de). Auszug:
sueddeutsche.de: Zu Weihnachten haben wir wieder unsere Kinder mit Geschenken beglückt. Doch auch entfernte Verwandte und sogar Bekannte bekommen häufig ein Präsent. Widerspricht diese Großzügigkeit nicht der soziobiologischen Vorstellung von den egoistischen Genen?

Eckart Voland: Es gibt dazu verschiedene Modelle. Die Investition in Verwandte ist ein Weg von mehreren. Entferntere Verwandte haben zwar weniger Gene mit uns gemeinsam als unsere Kinder. Aber sie besitzen davon immer noch mehr als nicht mit uns verwandte Menschen.

Investieren wir in sie, kann das unsere Gesamtfitness erhöhen - also den Anteil von Genen in der nächsten Generation, die mit unseren Genen identisch sind. Und das ist letztlich das, wonach wir streben - freilich ganz unbewusst. Unser Verhalten ist lediglich so organisiert, als ob es uns gezielt um evolutionären Erfolg ginge.

sueddeutsche.de: Man spricht dann von Verwandtenselektion.

Voland: Ja. Das ist der Weg, über den altruistisches, also selbstloses Verhalten in erster Linie in die Welt gekommen ist.

sueddeutsche.de: Für Bekannte gelten diese Voraussetzungen aber nicht.

Voland: Es gibt noch andere Strategien, mit denen sich die Fitness erhöhen lässt. Ich kann zum Beispiel im Sinne einer Win-Win-Situation in Freundschaften investieren. Wenn ich heute in eine Notsituation komme und jemand hilft mir, der mir vertraut, dann rechnet er damit, dass ich mich revanchiere. Beide Seiten haben zunächst Kosten. Aber es kann sich für beide auszahlen. Man spricht hier vom Prinzip der Gegenseitigkeit. Der Reziprozität.

sueddeutsche.de: Am Ende haben sich beide Seiten geholfen, Bedingungen zu schaffen, die den eigenen Fortpflanzungserfolg erhöhen. Aber das kann doch nur unter Leuten funktionieren, die sich immer wieder treffen.

Voland: Richtig. Das Denkmodell ist zwar plausibel. Aber Sozialwissenschaftler beobachten relativ wenig Szenarien, wo es greifen kann. Es müssen dafür zu viele Voraussetzungen erfüllt sein. Außerdem gibt es das Schwarzfahrer-Problem.

sueddeutsche.de: Was bedeutet das?

Voland: Jemand nimmt die Vorteile einer Freundschaft oder eines Sozialwesens in Anspruch, investiert selbst aber ungern. Bei der Steuererklärung zum Beispiel wird gern ein bisschen gemogelt. Die Vorteile eines Gemeinwesens nimmt man aber in Anspruch. In einem System der Gegenseitigkeit besteht diese Gefahr grundsätzlich.

sueddeutsche.de: Müssen wir uns also von der Idee der Reziprozität verabschieden?

Voland: Nicht ganz. Gelegentlich greift die Reziprozität bei Menschen schon. Aber man weiß ja, wie schnell selbst Freundschaften zerbrechen, wenn eine Seite zu wenig investiert. Wir sind da hochgradig selektiv und sensibel und legen eine sehr hohe Messlatte an.

sueddeutsche.de: Aber selbst im Tierreich findet man doch beeindruckende Beispiele für Gegenseitigkeit.

Voland: Darüber wird inzwischen gestritten. Die Paradefälle, die das belegen sollen, halten einer genauen Analyse nicht Stand. Nehmen Sie zum Beispiel die Beobachtung, dass eine Fledermaus einem hungrigen Artgenossen, der neben ihr an der Höhlendecke hängt, Futter abgibt und damit rechnen darf, dass sich der Nachbar revanchiert. Wenn man die Verwandtschaftsverhältnisse der Tiere überprüft, bricht die Annahme der Reziprozität zusammen. Hier helfen sich Familienmitglieder.

sueddeutsche.de: Wie erklären Sie dann unsere Bereitschaft, uns zu Gruppen nicht verwandter Menschen zusammenzuschließen, die sich gegenseitig unterstützen? Basiert das Wir-Gefühl im Fußballverein nicht auf dem Prinzip der Gegenseitigkeit?

Voland: Diesen Gruppenzusammenhalt würde ich eher in die Kategorie Mutualismus packen. Das heißt, die Kooperation verschafft dem individuellen Gruppenmitglied einen Vorteil. Dass die anderen Mitglieder ebenfalls davon profitieren, ist ein Nebeneffekt.

sueddeutsche.de: Können Sie das an einem Beispiel verdeutlichen?

Voland: Wenn ich mit anderen zusammen in einem Ruderboot um den Sieg kämpfe, hat das nichts mit Wechselseitigkeit zu tun. Es gibt Vorteile, die ich nur in Kooperation mit anderen erreiche. Auch ohne dass selbstlose Vorleistungen von mir gefordert würden.
Morgen soll noch ein zweiter Teil des Interviews kommen. - Spannend!

Freitag, 30. November 2007

Nachdenken über Altruismus - (2. Teil)

Der fließende Übergang zwischen dem Erleben, Beurteilen und eigenen Ausführen sozialen Handelns nach dem Gegenseitigkeits-Prinzip und nach anderen Formen von Altruismus

Das "Nachdenken über Altruismus" hier auf dem Blog soll über qualitative Überlegungen schrittweise näher an die modernen quantifizierbaren theoretischen Konzepte der modernen Altruismus-Forschung (Soziobiologie) herangeführt werden, um diesen Konzepten vielleicht später, in einem weiteren Schritt, neue Konzepte hinzuzufügen, beziehungsweise um diese Konzepte besser widerspruchslos mit dem in Übereinstimmung zu bringen, was man in der gesellschaftlichen und historischen Wirklichkeit - im Alltag und in außergewöhnlichen Zeiten - vorfindet.

In rein vorläufiger Überlegung soll zunächst von folgenden Unterscheidungen bei den Formen von Altruismus ausgegangen werden:
1. familiärer Altruismus
2. patriotischer / ethnischer Altruismus
3. religiöser / ideologischer Altruismus
4. Einzelgänger-Altruismus
A. Prägungsähnliches Lernen von Altruismus (in der Kindheit und Jugend)

Fast alle eben genannten Formen von Altruismus werden von prägungsähnlichen Lernvorgängen in frühen Lebensphasen zum Guten oder zum Schlechten hin "vorgebahnt", vorgeprägt (siehe Eckart Voland, "Die Natur des Menschen - Grundkurs Soziobiologie", behandelt auf: St. gen. 1, 2):
zu 1. - Wenn man viele jüngere Geschwister hat, hat man (kulturübergreifend, statistisch gesehen) selbst im Leben mehr Kinder (nach A. Chasiotis), es würde sich hier also um ein prägungsähnliches Lernen von Kinderfreundlichkeit handeln.
- Die Art der eigenen Paarbeziehung im späteren Leben wird über das elterliche Vorbild in bestimmten, genauer eingrenzbaren Lebensjahren vorgeprägt (besonders um das 7. Lebensjahr herum).

zu 2. - muttersprachliche Prägung auch von Wahrnehmungen, emotionalen Reaktionen, von Gruppenmoral und vielem anderen
- Prägung auf die heimatliche Landschaft in der Jugend, der man sich also besonders verbunden fühlt, für die man sich - vielleicht (?) - gerne einsetzt

zu 3. - Prägungen durch die religiöse Erziehung (tägliches Beten, Gottesdienst, Kommunion, Konfirmation etc.)
- ideologische (oder sozial-moralische) Beeinflussungen durch weltanschaulichen, politischen Unterricht, durch Gruppenerlebnisse, durch "Bravo" etc. (leichtere jugendliche Beeinflußbarkeit)
B. Modifizierungen des geprägten Altruismus in späteren Lebensphasen

Es ist nun so, daß jede dieser Formen von Altruismus weniger oder stärker vernunft-gesteuerte, Lohn-/Straf-gesteuerte An- oder Abtrainierungsvorgänge kennt ("Lernen durch Versuch und Irrtum" - siehe auch K. Lorenz/Die Rückseite des Spiegels). Das heißt: Gänzlich irreversibel sind die prägungsähnlichen Lernvorgänge der Kindheit und Jugend nicht. Dies kann geschehen beispielsweise durch starke Lust- und Leiderlebnisse im Leben (individuelle und gesellschaftliche "Lebenskrisen", "Revolutionen"). Dadurch kann es auch zu inneren Neuumstellungen kommen, zu verbesserter Anpassung des eigenen Handelns an die sozialen Lebensbedingungen, in denen man lebt. (siehe auch Wiliam Sargant.)

Somit hat die altruistische Psyche des Menschen sowohl stark konservative wie stark wandlungsfreudige Elemente, was bei der Beurteilung im Einzelfall jeweils möglichst fein gegeneinander abgewogen werden muß. (Individuell-unterschiedliche genetische Komponenten sind bis zu diesem Punkt der Überlegungen noch unberücksichtigt geblieben.)

Familiär, patriotisch und religiös(-ästhetisch) motivierter Altruismus funktionieren eigentlich ideal nur dann, wenn irgendwelche äußeren Signale, Verstärker gegeben werden, die bestimmtes Verhalten als vorbildlich erscheinen lassen oder anderes als wenig vorbildlich. (Stichworte wären: "Public Relations-Industrie", "Umerziehung", "Bekehrung", "Geschichten-Erzählen" etc..)

Diese Signale schaffen eine innerpsychische Situation, durch die man stärker oder weniger stark das "Gegenseitigkeits-Prinzip" in sozialen Handlungen erlebt. Die menschliche Psyche wertet nicht nur, wie Signale auf sie selbst wirken, sondern auch, wie stark sich andere Menschen durch diese beeinflussen lassen, das heißt, wie sehr künftig Handeln auf der Grundlage des Gegenseitigkeits-Prinzips und dieser Signale in der sozialen Umwelt erwartet werden darf. (Hier geht es also um die "Isolationsangst" im Sinne von Elisabeth Noelle-Neumann's Klassiker "Schweigespirale".)

Sind diese Signale nicht oder weniger gegeben, besitzt der Mensch aber immer noch die Möglichkeit, ohne auf das Prinzip Gegenseitigkeit zu setzen, altruistisch zu sein:
"Das Prinzip der Schweigespirale eröffnet dem einzelnen oder kleinen Gruppen die Möglichkeit, die Schweigespirale zu durchbrechen, wenn sie Isolationsangst nicht kennen oder sie überwinden."
(Sinngemäß zitiert nach E. Noelle-Neumann's "Schweigespirale", in dem viele historische Beispiele zu dieser These analysiert werden - etwa das Leben von Jean-Jaques Rousseau.)

C. "Selbstverantwortlicher" Altruismus versus "kollektiver" Altruismus

Ein solches letzteres Verhalten wird eher in Gesellschaften ausgeprägt sein, die genetisch und kulturell die individuelle Freiheit und Verantwortung und nicht nur das "Kollektiv-Angepaßte" im Verhalten betonen und positiv werten. Also zum Beispiel heute eher in westlichen als in ostasiatischen Gesellschaften. Auch z.B. eher in Gesellschaften, in denen es mehr Menschen mit erblicher Neigung zu ADHS gibt, in denen es geschichtlich gesehen weniger "Selektion gegen rebellische Charaktere" gegeben hat (wie das der chinesische Humangenetiker Bruce Lahn unlängst für China in den letzten Jahrtausenden vermutet hat). Bei diesen Gesellschaften könnte es sich dann grundsätzlich auch um innovationsfreudigere Gesellschaften handeln, die dann jedoch partiell von anderen Gefahren bezüglich sozialem Zerfall und Untergang bedroht sind als Gesellschaften mit dem Typus "kollektiv-angepaßtem" Altruismus.

Familiärer, ethnischer oder religiöser/ideologischer Altruismus könnten widerspruchslos miteinander im Einklang stehen im Leben des einzelnen und der jeweiligen Gesellschaft. Es können aber auch einzelne dieser Prinzipien auf Kosten anderer besonders stark gelebt werden. Auf jeden Fall ist von der typischen Situation der "Mehrebenen-Selektion" ("Multi-Level-Selection") auszugehen. Das heißt, es gibt in jedem Fall überall direkte und indirekte "Fitneß-Anteile" am altruistischen Verhalten (Altruismus bezogen auf direkte Nachkommen [direkte Fitneß], bzw. letztlich bezogen auf näher oder ferner verwandte Nachkommen [indirekte Fitneß]).

In einer Gesellschaft, in der alle altruistisch sind (familiär, patriotisch und/oder religiös/philosophisch), fällt es dem einzelnen nicht schwer, selbst ebenfalls altruistisch zu sein. In einer Gesellschaft, in der dabei stark religiös oder Schönheits-motivierter "selbstverantwortlicher" Altruismus vorherrscht (etwa im antiken Griechenland), könnte es dabei auch mit Augenzwinkern leichter toleriert werden, wenn der eine oder andere an der einen oder anderen Stelle auch einmal ein bischen weniger altruistisch ist, als alle anderen Angehörigen der Gesellschaft. Da würde man dann "locker drüber stehen". Man wäre sehr "wohlwollend", "großzügig", "gutmütig", würde vielleicht nur darüber lachen. Ja, man würde ein weniger altruistisches Verhalten als das allgemein Vorherrschende vielleicht sogar eher nur mit Befremden und als eine Art "Kuriosum" ansehen.

Vielleicht sind das alles Kennzeichen der antik-griechischen Gesellschaft im Umgang mit Altruismus. Diese könnten in krasserem Gegensatz stehen zum Umgang mit Altruismus in monotheistisch geprägten (despotischeren oder monarchischeren) Gesellschaften. Schiller dichtete über das antike Griechenland in einer Zeit des Vorherrschens des Monotheismus: "Damals war nichts heilig als das Schöne ..." - gemeint: "das Schöne" auch in Bezug auf moralisches Handeln. Das Schöne ist gut und umgekehrt.

Herrscht jedoch in einer Gesellschaft der Typus des hier "kollektiv-angepaßt" genannten Altruismus vor, so wird dieser stabilisiert dadurch, daß alle Menschen gegenseitig (und/oder despotische, monarchiche Strukturen) viel stärker darauf achten, daß man selbst und auch die anderen sich gesellschaftlich "angepaßt", "korrekt" verhält, daß die gesellschaftlichen Spielregeln sehr rigide eingehalten werden. (Auch durch das allgegenwärtige gesellschaftliche "Third-party-punishment-Spiel", sowie durch den Monarchen/Diktator oder durch "Gott als dritten Bestrafer" - siehe spätere Beiträge dazu hier auf dem Blog.) Allen, denen ein solches "angepaßtes" Verhalten leicht fällt, fällt es auch leicht, "altruistisch" im Sinne einer solchen Gesellschaft zu sein. Die anderen, die "Rebellischen" werden in solchen Gesellschaften leicht als Egoisten oder schlimmer empfunden.

In beiden eben genannten Formen altruistischer Gesellschaften jedoch, in der die Menschen nur noch subjektiv, nicht mehr objektiv alturistisch sind (im Sinne von Familie, Ethnie, Religion, Fortschritt der Menschheit), in der also Formen von Heuchelei, Selbsttäuschung, Unwahrhaftigkeit vorherrschen, in der also die gesellschaftlichen Mentalitäten "erstarrt" sind, "verkrustet" sind, "ideologisch vernagelt", in denen mangelnde echte, das heißt objektive Innovations-Freudigkeit vorherrscht, hat der einzelne mit viel innerpsychischem Druck und Leid zu rechnen, wenn er sich darum bemüht, auf bestimmten Gebieten dennoch "objektiv altruistisch" zu handeln, also ausgerichtet auf die langfristige (und nicht nur kurzfristige) Wohlfahrt, das Gedeihen der Gesellschaft, in der er lebt. Ausgerichtet also auf innere Wahrhaftigkeit. Denn er tut dies ja dann im Gegensatz zu den vorherrschenden Mentalitäten. (Die vorausgesetzte These bei letztgenanntem Ausgerichtetsein auf "Wahrhaftigkeit" ist: "das objektiv Wahre ist auch gut", bzw. langfristig evolutionär angepaßt.)

D. Weltgeschichtliche Entwicklungen mit Bezug zu menschlichem Altruismus

Es sind weltgeschichtliche Epochen denkbar, in denen weltweit die menschlichen Stämme und Völker jeweils weitgehend im Einklang mit ihrer eigenen Gruppenmoral gelebt haben. Das menschliche Handeln könnte zu jenen Zeiten viel stärker von einer einheitlichen Gruppenmoral, Stammesmoral geprägt gewesen sein, als dies heute - zumindest in westlichen Gesellschaften - der Fall ist. Noch im 19. Jahrhundert wird man ähnliches auch von den europäischen Völkern sagen können, in denen die gesellschaftliche Moral durch eine Form vorherrschender Religiosität (Christentum) stabilisiert und vereinheitlicht worden war. Das trug auch zur Stabilität aller familiären und sonstigen gesellschaftlichen Verhältnisse bei. (Nur wurde es oft eben von den gesellschaftlich fortschrittlichen Kräften nicht mehr als "wahrhaftig" empfunden.)

Eine solche Situation kann leicht zur Stagnation, zum Stillstand in der Weltgeschichte führen, wenn auch die fortschrittlichen Kräfte zu Hedonisten werden und sich anfangen, über ihren eigenen Altruismus zu täuschen. Denn psychische Zufriedenheit aufgrund ausreichender gegenseitiger moralischer Anerkennung innerhalb der eigenen Gruppe fördert nicht gerade die Innovationsfreudigkeit innerhalb einer Gruppe, fördert nicht gerade die kulturelle Weiterentwicklung hin zu komplexeren Gesellschaften, hin zu einer fortgeschritteneren, humaneren Form der menschlichen Kultur. Dies schafft erst die unbewußtere oder bewußtere "Unruhe", die "Unzufriedenheit" mit den vorherrschenden privaten oder gesellschaftlichen Zuständen und Verhältnissen.

Und letztere kommt wahrscheinlich weltgeschichtlich vor allem durch biologische und kulturelle Überlagerungen zustande, wie sie - im Prinzip - schon G.F.W. Hegel und Karl Marx beschrieben haben. Gegensätzliche Prinzipien, kulturelle und genetische Mentalitäten und Interessen (etwa solche gegensätzlichen wie oben genannt) stoßen weltgeschichtlich aufeinander und aus der beidseitigen "Entfremdung", "Verfremdung" der jeweils früher vorherrschenden Gruppenmoral, an die sie auch genetisch angepaßt gewesen sein mögen, - aus dieser psychischen und kulturellen "Krise" heraus erfolgt möglicherweise ein weltgeschichtlich starker Antrieb zum Schaffen von kulturell und zivilisatorisch Neuem, besonders dann in den bekannten Hochkulturen der Menschheit während der sogenannten "Achsenzeit". Es wird ja oft die These vertreten, daß diese Hochkulturen entstanden sind durch den weltgeschichtlich vielgestaltigen Zusammenprall und die gegenseitige Überlagerung von seßhaften, städtischen Kulturen durch stärker nomadisch geprägte Kulturen und umgekehrt. Dies geschah natürlich nicht nur in der "Achsenzeit", sondern auch davor und danach (seit etwa 10.000 v. Ztr bis heute).

E. Der Altruismus von "Kulturheroen" in arbeitsteiligen Gesellschaften

In solchen Situationen also würde erst "wahrer", echter Altruismus ins Leben treten, Altruismus also, in dem die innerpsychische oder äußerliche Gegenseitigkeits-Komponente immer geringer wird, in dem auf das Wohlwollen und die Bestätigung durch die Gemeinschaft zeitweise oder auf immer verzichtet wird. Die großen Altruisten der Menschheitsgeschichte haben ohne nach "Anerkennung" und "Dank" zu fragen, ja, oftmals unter dem größten Schwall von "Undank", "Mißachtung" und Mißverständnis, ja, Verleumdung, Verachtung ihr altruistisches Leben für die Familie, für die Ethnie, für "höhere menschliche Zwecke" (für die Religion, für den Fortschritt, für die Kunst, die Philosophie, die Wissenschaft) gelebt. Sie lebten oft unerkannt wie Odysseus im eigenen Haus mit den lärmenden "Freiern" zusammen, die niemals Besonderes geleistet hatten im Leben, und denen das "Haus der Kultur" - letztlich - gar nicht gehört. Denn dazu lärmen sie zu viel.

Große "Kulturheroen" der Menschheit - Prometheus, Herkules, Atlas, Buddha, Jesus, Nikolaus Kopernikus, Michelangelo, Giordano Bruno, Ludwig van Beethoven usw. - sind alle im wesentlichen Einzelgänger, "Einzelkämpfer", haben ihre kulturellen Leistungen größtenteils im Gegensatz zu den zu ihrer Zeit vorherrschenden gesellschaftlichen Meinungen erbracht. Gilt dies nicht auch für den chinesischen Philosophen Laotse? Sie kannten also keine oder weniger "Isolationsangst" (E. Noelle-Neumann), bzw. überwanden sie. Hier spielt auch die außerweltliche und innerweltliche Askese eine Rolle. Mönche wohnen gemeinsam, um die "außerweltliche Askese" nicht mehr in der Einsamkeit, sondern in gegenseitiger (!) Bestärkung gemeinsam zu leben. Genauso auch die "innerweltliche Askese" des Protestantismus. Durch rigide Sozialmoral der frühneuzeitlichen Gesellschaften (Abendmahls-Ausschluß) wurde sicher gestellt, daß diese Form der Askese auf der Grundlage der Gegenseitigkeit gelebt werden konnte, was den Menschen im allgemeinen viel leichter fällt, als wenn Gegenseitigkeit auf dem Gebiet der Askese gesellschaftlich nicht vorherrscht.

Aber natürlich haben die "Kulturheroen" des Protestantismus - Martin Luther und so viele andere - ebenfalls ihre Kulturleistungen zunächst einmal im Gegensatz zu gesellschaftlich vorherrschenden Meinungen erbracht ("Mönchlein, Mönchlein, du gehst einen schweren Gang," raunte der Ritter Sickingen dem Mönch Luther auf dem Reichstag zu Worms zu, auf dem letzterer hinwiederum als der große einsame Bekenner ausrief: "Hier stehe ich, ich kann nicht anders, Gott helfe mir, Amen!", wodurch er damals ein ganzes Volk, das ganze Abendland in Erschütterung versetzte).

Solche Menschen also vor allem hat man schon immer als die "großen", die "wahren", die "echten", die "vorbildlichen" Altruisten angesprochen. Das ist auch der Grund, weshalb sie besonders verehrt werden, man ihre Leidensfähigkeit als besonders vorbildlich erachtet, weshalb ihnen - vor allen Menschen sichtbar - Denkmäler errichtet werden. Diese Denkmäler sind "Signale", die günstigstenfalls zur moralischen Stabilität in einer Gesellschaft beitragen. Durch allgemeine gesellschaftliche Anerkennung eines "Kulturheroen" wird nämlich zugleich wieder das soziale, gesellschaftliche Handeln nach dem Gegenseitigkeits-Prinzip gestärkt, stabilsiert, es wird größere gesellschaftliche Übereinkunft erzielt dahingehend, was "gutes" Verhalten ist. Es wird größere Konformität, Übereinkunft in sozialen Fragen erzeugt, soziale Reibungsverluste werden verringert. Diese "Kulturheroen" haben also eine soziale Neuanpassung von Gesellschaften bewirkt, haben die Innovationsfreudigkeit und -fähigkeit von Gesellschaften bewahrt.

Auf diese und andere Weisen lassen sich also zunächst einmal rein "qualitativ" kontinuierliche Übergänge beschreiben zwischen einem Handeln und Erleben nach dem Prinzip der Gegenseitigkeit hin zu einem Handeln und Erleben nach Prinzipien von "echtem" ("echterem") Altruismus.Die Forschung hat zur evolutionären Erklärung des letztgenannten Altruismus in den letzten Jahren vor allem wieder den ethnischen/patriotischen/religiösen Altruismus in den Vordergrund gestellt, der aufgrund von "Gruppenselektion" evoluiert sein soll. (Siehe Kategorie "Gruppenselektion" hier auf dem Blog.)

Hier auf dem Blog soll aber nach und nach weiter die Frage verfolgt werden, ob nicht auch das Prinzip "arbeitsteilige Gliederung der Gesellschaft", "berufliche (oder ehrenamtliche) Spezialisierung" die evolutionäre Erklärung des Altruismus von Kulturheroen und ihren Nacheiferern - in besonderen Zeiten des Lebens und im Alltag - erleichtern kann (- Also die evolutionäre Erklärung ihres "commitment", ihres beruflichen und "ehrenamtlichen" Verantwortungsgefühls.)

Montag, 29. Oktober 2007

Gruppenselektion der Hauptfaktor der Humanevolution?

Die Watson-Angelegenheit hat doch noch viele weitergehende Diskussionen ausgelöst, hat viele Menschen auf einen "begrabenen Hund" aufmerksam gemacht, wie es scheint. Ich will nur kurz auf jene Diskussionen verweisen, die ich mitbeobachte, bzw. an denen ich mich mitbeteiligt habe in den letzten Tagen.

Zunächst hat es hier auf diesem Blog (Studium generale) unter diesem Eintrag inzwischen 19 Kommentare gegeben. In ähnlicher Weise habe ich mich auch an der Diskussion auf diesem Blog beteiligt. Und auch den Blog von Steve Sailer mitzulesen, ist unglaublich spannend. Im jüngsten Beitrag berichtet er darüber, wie Steve Rose, der forderte, Watson solle seine "hate speech" verboten werden, schon in den 1980er Jahren darum besorgt war, daß in der DDR (!!!) ein IQ-Genetiker arbeitete und veröffentlichte. Er schrieb an DDR-Wissenschaftler und bat diese darum, dem IQ-Genetiker Volkmar Weiß "das Handwerk zu legen". Die Stasi ließ sich das nicht zweimal sagen. Zum Glück arbeitet die heutige Stasi nicht mehr ganz so "unbekümmert" ...

Nun noch als Antwort zum letzten Diskussionsbeitrag von Bert- am besten liest man aber auch meine letzten Diskussionsbeiträge hier, um den Gesamtzusammenhang meiner Argumentation zu verstehen. Im Gespräch entwickeln sich die Gedanken oft viel intensiver und schneller:

Das mit den epigenetischen Prozessen will sehr beachtet sein, das ist sehr richtig. Wie ich in meiner letzten Voland-Rezension ausführte, nimmt Voland an, daß ein beträchtlicher Teil grundlegender psychischer Verhaltens- und Wahrnehmungsstrukturen durch prägungsähnliches Lernen erworben wird. Normalerweise trägt auch eine solche Art von Lernen zur Stablisierung von Zusammenhängen zwischen Genen und Kultur (bzw. auch zwischen Genen, [Kultur] und natürlicher Umwelt = Heimat) bei.

Wenn ich muttersprachlich auf eine bestimmte Kultur geprägt bin, wenn meine Heimatliebe, meine Geschlechterpsychologie auf bestimmte Weisen geprägt sind, werde ich weniger geneigt sein, mich auf andere Umwelten, Kulturen, "Geschlechterpsychologien" einzulassen als ohne eine solche Prägung.

Und das hinwiederum führt zu höheren Endogamie-Raten, letztlich zu Inzucht und zu Gruppen-Selektion, lokaler Humanevolution.

Es scheint (zumindest mir - und natürlich zahlreichen anderen), als sei tatsächlich die Humanevolution nicht im wesentlichen durch Individual-Selektion vorangetrieben worden, sondern durch Gruppen-Selektion, die durch eben genannte Vorgänge stabilisiert (bzw. vorgebahnt) worden ist.

Natürlich ist prägungsähnliches Lernen nicht vollkommen determinierend - bzw. im jeweiligen Gebiet in jeweils unterschiedlichem Ausmaß. Ich kann außer meiner Muttersprache, meiner Heimat, meiner Geschlechterpsychologie noch andere Sprachen, Landschaften, Geschlechterpsychologien "liebgewinnen". Und Menschen und Völker bspw. mit viel ADHS- (/Neugier-)Genen werden bereit sein, sich trotz starker Kindheits- und Jugendprägungen dennoch auf neue Umwelten, Kulturen einzulassen.

So kommt dann Dynamik hinein in Geschichte und Evolution. Denn durch das Aufeinandertreffen unterschiedlich angepaßter Kulturen und genetischer Strukturen siehe meine Beiträge hier) können (müssen nicht) kulturelle und genetische Wandlungs-Prozesse einsetzen.

Solches Aufeinandertreffen bewirkt - das ist eben nun einmal Gruppen-Selektion - auch das Aussterben von Gruppen. Davon könnte gegenwärtig die westlich-abendländische Kultur betroffen sein, nachdem schon die antik-griechische und -römische, die antik-punische und -phönizische und so viele andere Kulturen (Goten, Wandalen etc. pp., Perser, Sogder, Tocharer, Skythen, Ägypter ...) davon betroffen gewesen sind. Die Mainzer Anthropologin Ilse Schwidetzky, die bis 1945 in Breslau arbeitete, hat nicht ganz zufällig im Jahr 1954, also nach dem Zweiten Weltkrieg eine wissenschaftliche Studie herausgebracht über "Das Problem des Völkertodes", in dem sie eine Fülle von ausgestorbenen Völkern untersucht und die Gründe für ihren Untergang. Ein ähnliches Thema, das später Joseph A. Tainter (Collaps of Complex Societies) und Jared Diamond (Kollaps) wieder aufgegriffen haben: Leichen auf dem Weg der Gruppen-Selektion. Es ist die Frage, ob wir auch eine solche werden wollen.

Freitag, 26. Oktober 2007

Eckart Voland - Nachdenken über Altruismus und Gruppenmoral

Auf das Buch von Eckart Voland "Die Natur des Menschen - Grundkurs Soziobiologie", wurde man erneut hingewiesen durch Michael Blume's begeisterten Hinweis. - Und das ist tatsächlich ein ganz hervorragendes Buch, das leicht unterschätzt werden kann. Denn es sind nicht nur "alte Gedanken neu aufgewärmt" (wie man hätte erwarten können), sondern auch neue Gedanken eingestreut. Nicht nur an sich neue, sondern auch gegenüber den ursprünglichen FAZ-Essay's (aus denen dieses Buch hervorgegangen ist) neue Gedanken. (s. FAZ - jetzt leider kostenpflichtig)

Die "evolutionär in Zwischengruppenkonflikten geformten Psyche" des Menschen

So ist das Kapitel "Das Doppelgesicht der Moral" gegenüber dem ursprünglichen FAZ-Essay deutlich umgeschrieben und erweitert worden. Ich finde die mir sehr treffend und gelungen erschienene Phrase von der "evolutionär in Zwischengruppenkonflikten geformten Psyche" des Menschen im Buch-Essay nicht mehr. Diese Phrase hatte deutlicher als alle anderen Ausführungen gemacht, daß es auch "Gruppenselektion" gewesen sein könnte, die menschlichen Altruismus hervorgebracht hat. Dies wird ja von vielen soziobiologischen Denkern angenommen, etwa von William D. Hamilton, Richard Alexander, David Sloan Wilson, Edward O. Wilson, Kevin MacDonald und vielen anderen.

Dafür formuliert Voland dann aber auf den Seiten 28 bis 32 eine mehr oder weniger neue Theorie zur "Evolution persönlicher Opferbereitschaft" und - damit verbunden - "des Gewissens", die sicherlich noch mancherlei Diskussionbedarf mit sich bringt. Offenbar wird auf diese Weise versucht, Altruismus gegenüber größeren Gruppen (d.h. in komplexen Gesellschaften) anders zu erklären als durch Gruppenselektion. Voland beruft sich dabei insbesondere auf einen "Science"-Aufsatz von Herbert A. Simon (1990) "A mechanism for social selection and successfull altruism", dessen Inhalt er folgendermaßen wiedergibt:
"... Man könnte es das 'Steuer-Modell' nennen. Es basiert auf der simplen Überlegung, daß es im Fitneßinteresse einer Familie liegen könnte, einen Teil der Nachkommenschaft zu wahrhaften Altruisten zu erziehen, die möglicherweise ihr Leben für die Gemeinschaft einsetzen, unter der Voraussetzung, daß sich auf diese Weise der Bestand der eigenen familiären Linie sichern läßt." (S. 32)
Voland geht von einer deutlichen und langfristigen Beeinflussung des Gewissens der Kinder durch die Eltern aus (was, soweit ich sehe, in Widerspruch steht zu den Thesen von Judith Rich Harris), und vernachlässigt dabei meiner Meinung nach die Beeinflussung des Gewissens durch die weitere Gesellschaft (bzw. die Gruppe der Gleichaltrigen). Aber trotzdem ist die These es wert, bedacht zu werden. Sie zeigt wieder einmal, wie sehr sich die Soziobiologie immer noch unter Erklärungsdruck fühlt, den Altruismus gegenüber größeren Gesellschaften (die über 500 Personen hinausgehen) zu erklären, und zwar jenen Altruismus, der nicht mit besonders einfachen tit-for-tat-Modellen erklärt werden kann und ebensowenig mit einfachen Verwandten-Altruismus-Modellen.

Heldentum in komplexen Gesellschaften - zur Sicherung der eigenen Familien-Linie?

Aber ob die Evolution tatsächlich so arbeitet und mit einem "Gewissen-Steuer-Modell" Evolutionsstabilität für (genetisch oder nur "memetisch" mitmotivierte?) Opferbereitschaft erreicht? Könnte man sich nicht auch überlegen, ob überdurchschnittliche Opferbereitschaft für eine größere Gesellschaft ganze Familienlinien innerhalb dieser Gesellschaft aussterben läßt, womit ihre - Altruismus und Opferbereitschaft veranlassenden (und mitbeeinflussenden) Gene oder Meme ebenfalls ausgestorben wären?

Man denke doch nur an die hohen Kriegsverluste seit Jahrhunderten in vielen adligen - etwa preußischen oder russischen - Familien, in denen es üblich war, daß die Söhne Offiziere wurden und Kriegsdienst leisteten. Das muß wohl noch genauer durchdacht und empirisch überprüft werden. Diese Überprüfung muß nicht so schwer sein: Es ist einfach zu fragen, ob die Adelsfamilien durch Kinderreichtum langfristig die Kriegsverluste kompensiert haben. Aber ob die Möglichkeit zum Kinderreichtum tatsächlich vor allem durch den Kriegsdienst der Söhne sichergestellt wurde oder nicht doch eher durch disziplinierte Bewirtschaftung der Familiengüter, bzw. durch eine Beamtenlaufbahn? Und warum mußten im 19. Jahrhundert immer mehr "Bürgerliche" zugelassen werden für die Offizierslaufbahn? Waren etwa in der unter starkem Bevölkerungswachstum stehenden Gesellschaft nicht mehr genügend Adelsfamilien dafür vorhanden? Oder zog der Adel beim Bevölkerungswachstum anteilmäßig parallel? Fragen, Fragen, Fragen ...

Das Wir-Gefühl ...

Im nächsten Kapitel findet sich der folgende Gedankengang über die langfristigen Entwicklungen im neuzeitlichen Europa:
"... In der zentralen Tendenz nimmt die Präferenz des Ich über das Wir zu. Kollektive zerfallen zu Einzelkämpfern. Das Gefühl und das Wissen um das 'Wir' gehen zunehmend verloren. Dieser Verlust wird offensichtlich nicht gut verkraftet. Die neuronalen Schaltkreise - Experten sprechen auch gern von 'darwinischen Algorithmen', um das etwas altbackene Wort 'Instinkt' zu vermeiden -, die neuronalen Schaltkreise also für das Wir-Gefühl suchen Input. Das Gehirn braucht ganz offensichtlich Selbstvergewisserung über das Wir, braucht zumindest einen Hauch kollektivistischer Ich-Entgrenzung. Und dies nicht etwa, weil es in der Moderne immer noch funktional wäre, im Wir auf- und unterzugehen, nein, der Bedarf entsteht einfach nur deshalb, weil es die entsprechenden Programme des Gehirns gibt, die bedient werden wollen."
Man könnte zu dem letzteren Satz viele Einwände bringen, etwa den, daß das Wir-Gefühl des aschkenasischen Judentums noch in den letzten 1.000 Jahren möglicherweise evolutionäre Weiterentwicklung bewirkt hat (z.B. im IQ). Warum also sollte das gegenwärtig und künftig nicht ähnlich funktionieren? Aber das ist ein langes Thema.

Prägungsähnliches Lernen von Aspekten der Gruppenmoral, der Heimatliebe und vielem anderem

Außerdem bringt dann das letzte Kapitel "Lernfähig aber nicht belehrbar" endlich die Literatur-Nachweise, auf die ich schon lange gewartet habe, für jene spannende These des Essay's, die folgendermaßen formuliert ist:
"... Wie neuere Untersuchungen vermuten lassen, werden neben der Sprache auch Aspekte der Gruppenmoral, Nahrungspräferenzen, der Umgang mit Zeit und Risiken, Landschafts- und Heimatliebe, Kinderliebe, Einstellungen zum Inzest und anderes mehr auf eine vergleichbare, prägungsähnliche Art und Weise gelernt."
Die im FAZ-Essay in dieser Aufzählung noch mit aufgeführten Phänomene Sexualmoral und Geschlechtsstereotypen sind im Buch - erst mal noch? - weggelassen worden. Schienen Voland die Belege dafür noch nicht sicher genug?

Ich habe mir nun den Literaturnachweis für die Landschafts- und Heimatliebe genauer angeschaut (im Buch "Evolutionary Aesthetics", hrsg. von E. Voland, 2003) und vermute, daß diese Aussage tatsächlich zunächst nur eine "Vermutung" von Herrn Voland ist, die nur andeutungsweise durch die angeführte Literatur schon sicher belegt würde. Zum Beispiel wird dort aufgeführt, daß Kinder eindeutig Savannen-Landschaften als Lieblings-Landschaften bewerten (und zwar - offenbar - kulturunabhängig!!!), daß aber nach der Pubertät zum Beispiel Getreide-Bauern stattdessen jene Landschaft bevorzugen, in der sie arbeiten, ebenso wie Rinder-Bauern und Förster die ihre (alle im Westen der USA befragt). Ob es sich hier tatsächlich um ein "prägungsähnliches Lernen" handelt, scheint mir noch nicht sehr sicher belegt und tiefgehend behandelt - aber gewiß auch nicht ausgeschlossen.

Prägungsähnliches Lernen von Kinderliebe?

Auf jeden Fall weiterhin eine spannende, weiter zu verfolgende These. Der Literaturnachweis für das prägungsähnliche Lernen von Kinderliebe "When does Liking Children Lead to Parenthood?" (Athanasios Chasiotis u.a. in Journal of Cultural and Evolutionary Psychology, 2006) vertritt die These:
"The model assumes that the interactional context of having younger siblings during childhood shapes the development of implicit prosocial motivation which in turn influences the verbalized, explicit articulation of parenting attitudes finally leading to becoming a parent. After examining the data for comparability across three selected cultures from Latin-America, Africa, and Europe, the model was tested via structural equation modelling. Results showed that the model is valid for males as well as females and can be applied in all three cultural samples. These findings point at a universal developmental pathway by specifying contextual and motivational factors leading to parenting behavior."
Grob gesagt wird also empirisch belegt (was hier auf dem Blog schon behandelt wurde), daß Menschen, die mit jüngeren Geschwistern aufwachsen auch selbst mehr Kinder haben. Wieder die Frage: Ist das prägungsähnliches Lernen? - Aber warum eigentlich nicht? So etwas ähnliches doch bestimmt?

Für das prägungsähnliche Lernen von Aspekten der Gruppenmoral ist als Buch-Verweis Marc Hauser "Moral Minds" (2006) angegeben. Das wird man sich daraufhin noch anschauen müssen. Man könnte sich ja tatsächlich vorstellen, daß Aspekte der Sexualmoral und Geschlechtsstereotypen, also z.B. das Vorherrschen von Monogamie (Ostasien, Europa), bzw. von Polygamie (Afrika) von solchen frühkindlichen Prägungen mitbeieinflußt sein könnte. Das prägungsähnliche Lernen all dieser Dinge ist sicherlich von der psychologischen und evolutionspsychologischen Forschung bislang noch allzu stiefmütterlich behandelt worden.

Jüngste Humanevolution nicht berücksichtigt

Was an dem Buch zu bemängeln ist, ist sicherlich, daß immer noch durchgängig in jedem Raisonement jüngste Humanevolution in den letzten 10.000 Jahren gar nicht vor Augen steht und darum auch gar nicht in Erwägung gezogen wird bei der Erklärung des Verhaltens des heutigen Menschen. Hier hat die gesamte Soziobiologie erhebliches Nachhol-Bedürfnis, denn damit hatte ja die "alte Schule" seit Konrad Lorenz und auch seit William D. Hamilton niemals in dem Ausmaß und der Konkretheit gerechnet wie uns dies derzeit von der Humangenom-Forschung vorexerziert wird. (Am ehesten noch all jene, die - meist noch sehr theoretisch - "Gen-Kultur-Koevolution" als Rückkoppelungs-Prozeß durchdacht haben wie: Edward O. Wilson, Charles Lumbsden oder William Durham.)

Die ganze von Voland ebenfalls behandelte Soziobiologie der Geschlecher, der Familie, der Religion und der "teuren Signale" (des "Übermut-Prinzips", wie ich es für mich immer gerne nenne), muß an dieser Stelle noch ausgeklammert bleiben. Und dennoch schon so überreichlich viel Stoff zum eigenen Nach- und Weiterdenken, sowie Forschen. So muß Wissenschaft sein.

Dienstag, 9. Oktober 2007

Eckart Voland und warum das Leben nicht langweilig ist

Eckart Voland hat eine spannende These veröffentlicht, warum wir dazu evoluiert sind zu glauben, der Mensch hätte einen freien Willen. (Freilich setzt diese Fragestellung schon die Annahme voraus, der Mensch hätte an sich keinen freien Willen.) Aber Herr Voland hat eine tolle Idee (Evolutionary Psycholgy) im Zusammenhang mit der "Social Brain"-Hypothese:
... It is beneficial to make the others predictable and to form hypotheses about their probable behavioral tendencies. This is done by behavior reading and mind reading and by classifying the recurring stochastic patterns in everyday language as the “will.” Thus, the idea of free will emerged first as a social attribution and not as an introspectively gained insight. The fact that ego applies the idea of freedom also to itself and considers itself to be as free as it considers the social partners to be free, i.e. unpredictable, is in this view a nonselected by-product of social intelligence.
Wenn ich also recht verstehe und ohne noch den Aufsatz selbst gelesen zu haben: Ich betrachte mich selbst als frei, weil mir das Verhalten meiner Mitmenschen grundsätzlich unberechenbar vorkommt, bzw. weil ich per se immer wieder die Erfahrung mache: Grundsätzlich ist ihr Verhalten nicht vollständig vorhersehbar.

Ach ja, wie langweilig wäre dann auch das Leben!!!! (- Oder etwa nicht?)

Jedenfalls: Hochspannende Hypothese mit vielen - auch philosophischen - Implikationen.

Montag, 13. August 2007

Genetische Vereinheitlichung der europäischen Völker in den letzten tausend Jahren?

Genreste von 48 Menschen, die zwischen 300 und 1000 n. Ztr. in Großbritannien gelebt haben, sind untersucht worden. Ihre genetische Vielfalt ist verglichen worden mit der genetischen Vielfalt von 6.200 Menschen, die heute in Europa und im Vorderen Orient leben. Dabei wurde Auffälliges festgestellt. (Spiegel, Berliner Morgenpost, New Scientist, Biology Letters - Forschungsartikel frei zugänglich) Die frühmittelalterlichen Briten hatten grundsätzlich alle typisch europäische Gensequenzen (Haplotypen), wie man sie auch heute noch in Europa findet. Allerdings war die genetische Vielfalt der damaligen Briten im einzelnen erheblich größer als die der heutigen und auch als die der heutigen Menschen in Dänemark, Deutschland oder Norwegen. Letzteres sind alles Länder, von denen aus es im Frühmittelalter Zuwanderungen nach England gegeben hat: Erst die Angeln und Sachsen aus Dänemark und Deutschland, später die Wikinger, bzw. die Normannen aus Norwegen, bzw. aus der Normandie.

Nur die Menschen in der Türkei, Palästina und in Weißrußland weisen heute noch eine ähnliche genetische Vielfalt auf wie die Menschen im Frühmittelalter in Großbritannien.

Die Forscher vermuten, der Verlust der genetischen Vielfalt könnte auf die Pest zwischen 1347 und 1351 zurückgeführt werden, durch die durchschnittlich in Europa die Hälfte der Menschen ums Leben kam. Dies würde besonders dann zutreffen, wenn ganze Familien und Dörfer (also Verwandtschaftskreise) ums Leben gekommen wären. Wenn aber nur ein einzelner aus einer Familie überlebt hätte, hätte ja damit auch seine einzigartige genetische Linie überlebt. Deshalb erscheint mir diese Vermutung nicht sehr plausibel zu sein.

Man könnte wohl viel eher darüber nachdenken, ob nicht unterschiedliche Fortpflanzung in den Familien eines Dorfes zu Verlusten von Abstammungslinien führen kann. Wenn es die reichen Bauern sind, also die bäuerlichen Oberschichten, die ihre Kinder auch in die Unterschichten einheiraten lassen, umgekehrt dies aber nicht geschieht, sollte es über längere Zeiträume hinweg zu einem Aussterben der Familienlinien von Unterschichten (Tagelöhnern und andere) kommen. Ich halte diesen Selektionsmechanismus für plausibler, um die Ergebnisse zu erklären als die Schwarze Pest. Die bäuerlichen Oberschichten haben beispielsweise im Deutschland östlich der Elbe nach der deutschen Ostsiedlung vor allem die wohlhabenderen zugewanderten Deutschen gestellt, während die einheimische Ursprungsbevölkerung sicherlich oft mittel- und langfristig in der Mehrheit zu bäuerlichen Unterschichten wurden. Ähnliches könnte man deshalb auch von England vermuten.

Beispielsweise die Forschungen von Eckart Voland in der Krumhörn (Ostfriesland) und vergleichbare in vielen anderen Agrarregionen - etwa Volkmar Weiß in Sachsen (Bevölkerung und soziale Mobilität. Sachsen 1550 - 1880) - weisen immer wieder darauf hin, daß die bäuerlichen Oberschichten einen vergleichsweise umfangreichen Anteil an der Reproduktion der nachfolgenden Generationen haben - auf Kosten der an der Grenze der Armut lebenden bäuerlichen Schichten. Letztere heirateten wenn überhaupt spät und hatten nur wenige Kinder. Über die Jahrhunderte hinweg muß das dazu führen, daß auf dem Land letztlich alle Menschen im Wesentlichen von den (früheren) bäuerlichen Oberschichten, den reichen Bauern abstammen, da auch deren Söhne und Töchter - aufgrund ihres Wohlstands - begehrte Heiratspartner für Unterschichten waren.

Somit könnte deutlich werden, daß es über geschichtliche Zeiträume hinweg immer wieder - auch - zu genetischen Vereinheitlichungs-Prozessen in Völkern kommen kann - noch ganz unabhängig von allen anderen Selektionsprozessen (etwa Sprach- und Kulturgrenzen, sowie geographische Barrieren als Heiratsschranken).

Freitag, 8. Juni 2007

Religionswissenschaftliche Konzepte müssen erweitert werden

Michael Blume fragt mich nach meiner Meinung zu seinem neuen Vortrag in Potsdam vor der von Hayek-Gesellschaft. (Blume 1, 2) Ich glaube, über meine Meinung wird er sich wundern, weil sich mein Ansatz, was die Erforschung von Religion und Religiosität betrifft - oder vielleicht besser: mein Bewußtsein diesbezüglich - seit wir uns das letzte mal darüber ausgetauscht haben, stark (sozusagen) "ins Grundsätzliche" erweitert hat. Und da das folgende sehr lang wird, stelle ich es besser gleich hier in meinen Blog.

Mir ist inzwischen klar geworden, daß man sich je nach den eigenen Voraussetzungen dem Themenfeld Religion und Religiosität ganz verschieden annähern kann. Da ist zunächst die Frage: Was bezeichne ich eigentlich als Religiosität? Da habe ich gerade erst wieder einen Bewußtseins-Sprung gemacht, als ich die Inhalte dieses Beitrags (Studium generale) zur Kenntnis nahm. Wenn ich beispielsweise dem Erlebnis einer einsamen Wanderung in der Natur eine religiöse oder quasi-religiöse Bedeutung zuspreche, dann erweitert das, was man bei der Erforschung von Religiosität alles in den Blick nimmt und bekommt, sofort ganz erheblich.

Man wird sich dann bewußt, daß ein großer Teil der Menschen in der großen Kategorie der "Religionslosen", der "Atheisten", Agnostiker etc. pp. in Michael Blume's Statistiken - zu der ich auch gehöre - natürlich auch "Religiosität" haben - oder haben können. Nur: diese taucht - bisher - (fast zwangsläufig) in keiner seiner Statistiken auf. Und ich glaube, das muß man als heftig unbefriedigend empfinden. Michael wird sagen - und ich traue es ihm zu -, daß es ihm gelingen wird, diese Aspekte früher oder später in seine Ansätze zu integrieren. (Es kommt halt auf die Daten an, die man findet, um sie den eigenen Forschungen zugrunde legen zu können.) Aber so lange das nicht in ausgeprägterem Maße geschehen ist, bleibe ich halt einfach sehr unbefriedigt zurück.

Religiös - und doch in keiner Statistik verzeichnet

Denn ich frage mich: Was soll denn eigentlich bei dem von ihm bis jetzt so begeistert entworfenen "Wettbewerb der Religionen" eigentlich herauskommen? Und warum spricht er nicht besser vom "Wettbewerb der Philosophien und Weltbilder"? Man sollte doch ehrlich sein: Selbst wenn ich mit freiprotestantischen, "reformbewegten" Menschen spreche, von denen einem ja doch der oder die eine oder andere hier oder dort einmal über den Weg läuft, und die einem oft sehr viel sympathischer sein können als viele andere Menschen, so weiß ich doch (so ähnlich wie Michael Holzach bei seiner Auseinandersetzung mit den Hutterern in Kanada das wußte), daß das weder für mich persönlich ein Weg in die Zukunft ist, noch auch für meine Gesellschaft insgesamt.

Wenn wir davon ausgehen, "daß die naturalistische Wende im Menschenbild unwiderruflich ist" (Thomas Metzinger), dann hat eben - rein von der Sache her - ein supernaturalistisches Welt- und Menschenbild einfach keine Überzeugungskraft und Zukunft mehr. Religiosität kann es aber auch ohne ein supernaturalistisches Weltbild geben. Richard Dawkins selbst ist - klar - ein religiöser Mensch. Und ich möchte sagen: Fast die Mehrheit der bedeutenderen, bekannteren Nobelpreisträger und Sachbuchautoren äußert in der einen oder anderen Weise religiöse Überzeugungen. Meistens werden diese rein naturalistisch formuliert. Und selbst bei jenen, die diese Überzeugungen supernaturalistisch formulieren, bleibt die Verbindung zwischen einem supernaturalistischen Gott und dem von ihnen vertretenen naturalistischen Weltbild oft allzu diffus und im Unklaren, es liegt einem "quer im Magen". Einfach weil: "nicht zusammen paßt, was nicht zusammen gehört".

"Wut auf Religionen"

Jetzt ein paar Nutzanwendungen auf den neuen Text von Michael Blume: "Bis heute erkennt man Feinde der Freiheit an ihrer Wut auf Religionen und besonders auf religiöse Minderheiten," sagt er (S. 4). Das ist mir bei weitem zu allgemein, zu pauschal formuliert. Man kann auch Wut gegen Religionen haben, ohne die Religionsfreiheit einzuschränken. Das gilt genauso wie gegenüber Wut auf Philosophien, Ideologien, wenn man intellektuelle Unredlichkeiten oder schlichte Fehler feststellt, überholte, falsche Denkhaltungen oder vieles andere mehr in diesem Zusammenhang zurückweist. Durch Wut und Zorn sind ja übrigens auch in früheren Zeiten viele innerreligiöse Reformen zustande gekommen.

"Der echte Liberale" kann, muß aber nicht jeden Unsinn, jeden epileptischen Propheten oder völkermordenden Gott als Bereicherung empfinden. Und er kann das auch zum Ausdruck bringen, ohne daß er dabei die Freiheit anderer beschneidet. Anders wird ja kein offener und kritischer Diskurs möglich. Das, was man sieht, muß man auch sagen. Und ich sehe es doch.

Auch glaube ich nicht, daß "monoreligiöse Gesellschaften" "tendenziell reaktionär" oder "kollektivistisch-ideologisch" sein müssen, wie Michael sagt. Ich habe grad - eher zufällig - amerikanische Soziologen über die Funktionalität von Religion gelesen (Reynolds/Tanner, "The Social Ecology of Religion", 1995 [fand ich bei Richard Sosis 2003 zitiert]), wo gerade so ziemlich die Hauptthese darin besteht, daß Religion in früheren Zeiten schlicht das war, was "alle" machten, wo also nie jemand dauernd überlegen mußte, ob er es so oder so machen sollte, ob er sich so oder so entscheiden sollte. Ich finde das Buch ngar icht besonders gut, die These ist auch nicht gerade etwas, was einen vom Hocker wirft - aber stimmen tut sie natürlich.

"Tendenziell reaktionär"?

Man kann doch nicht sagen, daß es für Menschen, die im wesentlichen gar nichts anderes kennen als ihre eigene Religion (und das galt für die überwiegende Mehrheit der ländlichen Bevölkerung in früheren Zeiten - und sicherlich noch mehr für Jäger/Sammler-Bevölkerungen) grundsätzlich eine Beschneidung ihrer Freiheit war, daß sie nichts anderes kannten. Das lag einfach schon an den ganz anderen gesellschaftlichen Kommunikations-Strukturen in früheren Jahrhunderten. Während des gesamten Mittelalters gab es in Europa nur eine einzige Religion. Als "Heiden" waren höchstens noch die Juden bekannt und Völker weit draußen am Ende des eigenen Kulturraumes. Aber das alles fast nie als echte Alternative für den eigenen Lebensweg. Binnengesellschaftlich gab es keine religiöse Pluralität, die mit heute vergleichbar wäre.

Oh, und auch die Geschichte der Amischen (Mennoniten) in Europa ist mir ein bischen zu "scharf" von Michael gekennzeichnet. Das unterschiedliche Schicksal der Amischen in Europa und Amerika ist wohl - insgesamt gesehen - nicht im wesentlichen durch unterschiedliches Ausmaß staatlicher Repression und gesellschaftlichen Drucks von außen bestimmt (die gab es ja in den USA auch), sondern - soweit ich sehe - vor allem durch den Sprachunterschied, der in den USA zur Mehrheitsbevölkerung bestand und in Europa nicht. So etwas hält ja eine Gemeinschaft sehr stark zusammen, wenn man an der eigenen Sprache auch in einer anderssprachigen Umgebung festhält.

Die in Europa gebliebenen Amischen gibt es heute schlicht deshalb nicht mehr, weil sie sich assimilierten, nicht weil sie hier im 19. und 20. Jahrhundert noch großartige verfolgt wurden. (In der Pfalz gibt es ja noch eine "Mennonitische Forschungsstelle", wo man sich darüber informieren kann.) Auch in Rußland hielten sich ja die Mennoniten-Gemeinschaften bis in die Stalin-Zeit, ja oft bis heute - aufgrund des Sprachunterschieds. Und sie zerfielen in dem Augenblick oft, in dem die Gemeinschaften die Muttersprache der Umgebung annahmen (sich assimilierten).

"In Europa wurden ihre Gemeinden restlos ausgelöscht", "brutal verfolgt" ist mir also zu undifferenziert. Für das 16. und 17. Jahrhundert in vielen Regionen durchaus, aber selbst da nicht allgemein gültig. Es gab immer in Europa auch tolerante Landesherren, wo viele religiöse Minderheiten Zuflucht finden koknnten. Oft mußte man halt nur, wenn der Landesherr wechselte, in eine andere Region ziehen. Und "liberal" auf dem Gebiet der Kindererziehung kann man die Amischen ganz bestimmt nicht nennen. Aber sie empfinden die Einschränkungen nicht, weil sie subjektiv in einer monoreligiösen Gemeinschaft leben und die Beeinflussung durch das gesellschaftliche Leben außerhalb ihrer Gemeinschaft auf das notwendigste Mindestmaß heruntergeschraubt wird.

Zukunftstragende Ideen und Lebensformen

Der Begriff "Wettbewerb der Religionen" ist vielleicht auch deshalb nicht besonders glücklich für die heutige Zeit gewählt, weil der eigentliche "Wettbewerb" (- darf man das Selektion nennen, ohne mißverstanden zu werden?), was zukunftsfähige Ideen und Lebensformen betrifft, heute so weit ich sehe, nicht im Wesentlichen oder vorwiegend im zwischen-religiösen Dialog stattfindet. „Christliche Ethik ist nicht mehr gegenwartstauglich“, davon ist auch der Biophilosoph Eckart Voland von der Universität Gießen überzeugt. „Der moderne, aufgeklärte Staat ist viel weiter als das Alte und Neue Testament.“ (Studium generale) Damit stimme ich 100%-ig überein.

Der wesentliche Wettbewerb um die zukunftsträchtigen Ideen und Konzepte findet heute längst nicht mehr zwischen den bestehenden großen oder kleinen Religionen statt, sondern ganz unabhängig von ihnen. Und viele finden es fast als ein "retardierendes" Element, wenn man da dauernd noch auf verquastete und veraltete Konzepte Rücksicht nimmt oder Rücksicht nehmen soll.

Von fröhlichem "Wettbewerb der Religionen" kann man sicherlich - wenn man will - bei manchen Entwicklungsphasen etwa der antiken Kultur sprechen. Der Wettbewerb hörte ja schlicht in dem Augenblick auf, in dem sich das Christentum als staatstragend siegreich aus ihm hervorgerungen hatte. Schon damals hätte man sagen müssen (und das haben ja auch viele gesagt): Keine Toleranz für die Untoleranten. Es waren ja gerade die heute vorherrschenden Religionen, die diesen friedlichen Wettbewerb abgewürgt hatten.

Die alten Religionen sind gar nicht echt wettbewerbsfähig

Und der Grund dafür ist, daß sie auf dem Gebiet der Ideen und der Wissenschaft schlicht schon damals gar nicht "wettbewerbsfähig" waren, da sie das antike Prinzip des "logo di donai" (des sich redlich "Rechenschaft geben über") ersetzten durch ein blinden "Glauben", ... "auch wenn es absurd ist". Ich glaube also, gerade die monotheistischen Religionen sind die denkbar schlechtest-geeigneten für einen redlichen Wettbewerb von Ideen und Lebenskonzepten, da sie immer schon von vornherein - bevor sie in eine Diskurs eintreten - von mir verlangen, daß ich etwas als gültig akzeptieren soll, was eben - für mich - sehr heftig infrage steht. Und da es infrage steht, fällt damit alles andere sofort so ziemlich von selbst auch in sich zusammen, so gern ich das - als Wissenschaftler - in seiner inneren Rationalität nachvollziehe und nachvollziehen kann.

Die letzten 2000 Jahre Religionsgeschichte waren jedenfalls so fröhlich nicht. So fröhlich war der "Wettbewerb" im 17. Jahrhundert auch in Deutschland nicht. Also insgesamt: Der Hayek und ein großer Teil moderner, naturwissenschaftlich orientierter Religionswissenschaft kann als Konzept für die Erklärung der Vergangenheit und Gegenwart ganz dienlich sein. Für mich ist aber die Hauptfrage: Welche Schlußfolgerungen ziehe ich aus den Lehren der Vergangenheit für Gegenwart und Zukunft? Und dazu müssen die gegenwärtigen Konzepte und Forschungsansätze zu Religiosität - wie ich denke - noch wesentlich erweitert werden. Der letzte, gute, allgemeinere Ansatz, um Konzepte zu erweitern, stammt, so weit ich sehe, von der Primatologin Barbara King. (Studium generale)

Warum bist du nicht zu Hause geblieben?

Auch könnte man es vielleicht - in Weiterführung von Eckart Voland (siehe oben) - folgendermaßen formulieren: Die "Religionsgemeinschaft" des Religionslosen, des Atheisten ist schlicht der Staat - oder besser vielleicht: die traditionell gewachsene Kultur -, in denen er lebt. Beziehungsweise: die Gesellschaft, in und für die er lebt. Mit dem Zugehörigkeits- und Verantwortlichkeits-Gefühl, das Menschen hierbei entwickeln, werden neue Lebenskonzepte und Weltbilder durchgespielt und diskutiert und gesetzgeberisch festgelegt, die besser gegenwarts- und zukunftstauglich sind, als bisherige Konzepte. In dem Sinne kann man also auch (säkulare) Umweltschutz-Bewegungen, Kinderschutz-Bewegungen, Lebensreform-Bewegungen religiöse Bewegungen nennen. Aber mit welchen Konzepten kann man das theoretisch, wissenschaftlich gültig fassen?

Die traditionellen Religionen sind schlicht nur erfolgreich, weil sie Konzepte anwenden, die sich über viele Jahrhunderte hin bewährt haben. Atheisten sind heute, was Fortpflanzung und Familie betrifft, nicht vergleichsweise so erfolgreich, weil sie eben nach angepaßten Lebensformen suchen, die nicht nur in der Vergangenheit tragfähig waren, sondern die auch - allein mit einem naturalistischen Weltbild - in der Zukunft tragfähig sein werden. Sie sind wie Kolumbus, der alle Brücken hinter sich abbrach. Eine Welt voller Risiken und Gefahren. Und wenn es schief geht, sagen alle: Warum bist Du nicht zu Hause geblieben?
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