Posts mit dem Label Kelten werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Kelten werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Freitag, 15. Mai 2026

Die steinernen Zeugnisse der Keltoromanen im Elsaß

Ein Blick in die keltoromanische Kultur
- Steinerne Zeugnisse eines unterworfenen, seelisch deformierten Volkes?

Unterworfene Völker geben oft kein schönes Bild ab. Insbesondere wenn ihnen ihr Stolz gebrochen wird und sie in ihrem kulturellen Sein zutiefst gedemütigt werden (Stg21).

Was für stolze, prachtvolle, selbstbewußte Kulturen sehen wir auf dem amerikanischen Kontinent - von ganz oben im Norden bis ganz tief hinunter im Süden, bevor dorthin die christlichen Europäer angekommen waren. Und wie so zutiefst gedemütigt und im Vergleich zu vorher fast kulturlos sehen wir die einheimischen amerikanischen Völker nach ihrer Unterwerfung durch die europäischen Christen.

Abb. 1: Der keltische Hirschgott vom Hohen Donn, 3. Jhdt. n. Ztr., ausgestellt im Archäologischen Museum in Straßburg (MusStrasbg)

Ähnliches sehen wir bei den durch die Römer unterworfenen Völker: Seltsam "gebrochene", gedemütigte, deformierte Kulturen. Kein prachtvolles, stolzes, selbstbewußtes Sein mehr.

Es gibt in der Geschichte allerdings auch "Unterwerfungen", die den Stolz der unterworfenen Völker zu schonen scheinen. Die den Stolz keineswegs besonders stark antasten. Wir möchten meinen, daß dies vorliegt im Großreich von Alexander dem Großen und in seinen Nachfolgereichen. Jedenfalls sehen wir hier überall ein Aufblühen der Kulturen, ein weiteres lebendiges, seelisches Leben, auch ein stolzes religiöses Leben trotz der Unterwerfung. Wir sehen beispielsweise, daß sich Isis-Tempel in dieser Zeit von Ägypten aus im ganzen hellenistischen Machtbereich, ja später im römischen Machtbereich ausbreiteten. Der religiöse Stolz der Ägypter also wurde nicht gedemütigt, vielmehr wertgeschätzt, ja, als Bereicherung empfunden. Ein vielleicht ungewöhnliches Geschehen.

Wir sehen sogar, daß die Griechen, die schließlich von den Römern unterworfen wurden, als vielleicht einziges von allen von den Römern unterworfenen Völkern (abgesehen vielleicht von den Ägyptern) ihr kulturelles Sein, ihren Stolz auf ihre eigene Kultur, ihr Selbstbewußtsein bewahren konnten und auch noch "Lehrer" werden konnten der Römer, von denen sie unterworfen worden waren. Im Grunde haben die Römer von den Griechen die gesamte Kultur, die gesamte Kunst, die gesamte Wertschätzung für das Wahre, Gute und Schöne übernommen.

Wir möchten fast meinen, daß Unterwerfungen solchen Charakters wie sie in Zusammenhang mit der antik-griechischen Kultur standen, zumindest für indogermanische Völker eher die Regel als die Ausnahme dargestellt haben könnten schon seit dem Mittel- und Spätneolithikum. Aber das ist vielleicht zunächst nur eine "Hypothese", Spekulation. 

Aber man denke doch nur: Marsyas, vielleicht eine Verkörperung der nicht-indogermanischen Vorfahren der indogermanisierten antiken Griechen, wird zwar von Apollon nichts weniger als "gehäutet". Dennoch lebt er im kulturellen Gedächtnis der antiken Griechen mit großer Wertschätzung, Liebe und Anteilnahme fort (Stg23). Neben der "apollinischen" Religiosität der Indogermanen fand die vorindogermanische, nun als "Satyr-haft" empfundene Kultur weiterhin einen liebevoll eingeräumten Platz. Sie wurde nicht verteufelt. Sozusagen der Stolz des Marsyas wurde selbst durch seine "Häutung" im kulturellen Gedächtnis nicht gebrochen. Das mag Zeugnis der indogermanischen Duldsamkeit gegenüber nicht-indogermanischen Kulturelementen sein, für die man Hinweise womöglich vielfach auch sonst findet. 

Abb. 2: Die Keltische Amphyktionie um den Hohen Donn - Der Weg von Metz über Toul zum Hohen Donn und weiter nach Brumath (und zum Wasgenstein) (GMaps)

Daß wir jene Völker, die durch die Römer unterworfen worden waren - mit Ausnahme der Griechen - nach der Unterwerfung so "ernüchtert" sehen, so gebrochen sehen in ihrem kulturellen Stolz - woran kann das liegen? Schließlich sind die Römer ja auch Indogermanen. Von ihrer Genetik her gesehen sind sie sogar viel mehr Indogermanen als die antiken Griechen. Liegt es an der großen Nüchternheit der Römer? Sie konnten keine wirklich neue kulturelle Blüte bei den unterworfenen Völkern hervor rufen. Gewiß, Tacitus konnte in seiner "Germania" den Germanen große Wertschätzung entgegen bringen. Manche brachten diese Wertschätzung auch den Galliern entgegen, den Kelten. Aber insgesamt waren die Römer wohl selbst viel zu nüchtern, viel zu sehr "Tatmenschen", "Machtmenschen". Sie mögen sich selbst aus ihrer Nüchternheit womöglich durch die Einflüssen von Seiten der seelisch lebendigen Griechen "erhoben" haben, vor kultureller Erstarrung bewahrt haben. Aber sie konnten diese kulturelle seelische Erhebung - soweit übersehbar - nicht zu den vielen sonstigen Völkern bringen, die sie unterworfen haben - wie die Karthager, die Iberer, die Illyrer, die Kelten oder die Germanen.  

Aus den keltoromanischen steinernen Zeugnissen blicken uns unsere eigenen keltoromanischen Vorfahren meistens seltsam starr, seltsam unlebendig entgegen, seltsam "erstarrt". Das frühere, lebendige kulturelle Selbstbewußtsein der Kelten ist völlig dahin. Deshalb ist es auch so vergleichsweise mühsam, sich mit diesen Keltoromanen und ihrem kulturellen Erbe auseinander zu setzen: gebrochene, gedemütigte, traumatisierte Menschen, so will es einem erscheinen anhand der steinernen Zeugnisse, die uns von ihnen überliefert sind - in Bayern, in Württemberg, im Elsaß, im Rheinland, in Kärnten und im ganzen heutigen Frankreich.

Nur dort, wo Hochkultur geschaffen wurde im Sinne der griechisch-römischen Mittelmeer-Kultur, nur dort fühlen wir uns ganz zu Hause, fühlen wir seelische Lebendigkeit - auch wenn es sich nur um "kopierte" handeln sollte.

Der Hohen Donn in den Vogesen - Zentralheiligtum der Kelten

Im antiken Griechenland bildeten sich rund um zentrale Heiligtümer wie Delphi lose Bündnisse der umwohnenden Stämme zum Schutze des zentralen Heiligtums. Diese Bündnisse dienten auch zu seiner Verwaltung und zur Organisation gemeinsamer Feste an diesen. Diese Bündnisse wurden "Amphyktionie" genannt (Wiki). Solche gab es auch in Kleinasien oder Etrurien. Und solche gab es auch unter den Stämmen der Gallier.

Gehen wir doch einmal in das Archäologische Museum Straßburg direkt neben dem berühmten Straßburger Dom. Seine berühmten Skulpturen "Ekklesia" und "Synagoge" blicken mitten in dieses Museum hinein! In diesem Museum ist eine Fülle von steinernen Zeugnissen unserer romanisierten, keltischen und germanischen Vorfahren ausgestellt.

Abb. 3: Merkur-Stele in Wasslnheim (franz. Wasselonne) im Elsaß (ArchMusStrbg), entdeckt 1991, gelegen 26 Kilometer westlich von Straßburg, Archäologisches Museum Straßburg

So etwa die Götterfigur eines keltischen "Hirschgottes" vom Hohen Donn in den Vogesen (MusStrasbg) (Wiki) (Abb. 1). Die Skulptur ist 1,76 Meter hoch. Der Gott ist nackt dargestellt. Er wird von einem Hirsch begleitet. Der bärtige Gott trägt Stiefel und ein Wolfsfell über den Schultern. Er hält eine Art Hirtenstab (oder ein Zepter? oder eine Axt?) in der Hand. Er trägt über der Schulter einen Beutel voller Kiefernzapfen.

Die Vogesen werden in der germanischen Sage Wasgenwald genannt (im Waltharilied) (Wiki). Der Zauber rund um die Sage von "Walter und Hildegund" (Wiki) liegt darin, der Zauber davon, daß ein Paar, ein Mann und eine Frau, einträchtig und gemeinsam alle Gefahren einer Flucht aus der Gefangenschaft beim Hunnenkönig Attila in Ungarn bestehen, sowie eine Verteidigung des mitgeführten, reichen Schatzes im Kampf am "Wasigenstein" (Wiki) durch Walthari, bzw. Walter. Der Zauber dieser Sage liegt noch heute über den Vogesen, mögen die Kämpfe des Ersten und Zweiten Weltkrieges auch noch so erbarmungslos über sie hinweg gegangen sein. Und der Zauber wird auch etwas damit zu tun haben, daß sich auf den höchsten Berggipfeln der Vogesen schon in keltischer Zeit bedeutende Heiligtümer befanden. 

Der genannte Hohen Donn liegt fünfzig Kilometer westlich von Straßburg. Auch er hat eine sagenumwobene Geschichte, eine, die noch deutlich älter ist als die genannte germanische Heldensage. Auf Französisch wird der Gipfel "Donon" genannt. Er bietet eine außergewöhnliche Aussicht in alle Richtungen. Spätestens seit dem 3. Jahrtausend v. Ztr. scheint er regelmäßig von den umwohnenden Bewohnern aufgesucht worden zu sein. Vermutlich so ähnlich wie die Zeus-Heiligtümer in Griechenland auch Bezüge zu Bergesgipfeln aufwiesen.

Abb. 4: Jupiter-Kopf, vermutlich von einer Jupiter-Giganten-Säule, Archäologisches Museum Straßburg (ArchMusStrbg)

Für die Zeit vor der Eroberung Galliens durch Caesar ist zu erfahren (Wiki):

Dieser von weitem sichtbare Gipfel war ein Berührungspunkt zwischen drei keltischen Völkern:
- im Norden die Mediomatriker mit ihrer Hauptstadt Divodurum (Metz);
- im Osten die Triboker mit ihrer Hauptstadt Brocomagus (Brumath);
- im Süden die Leuker mit ihrer Hauptstadt Tullum (Toul).

Dies war also eine keltische "Amphyktionie", deren Einzugsbereich in Abbildung 2 festgehalten ist: Brumath liegt 57 Kilometer nordöstlich vom Hohen Donn (und zwanzig Kilometer nördlich von Straßburg), Toul liegt 111 Kilometer westlich vom Hohen Donn, Metz liegt 119 Kilometer westlich vom Hohen Donn. Die Triboker in ihrem Hauptort Brocomagus werden von den römischen Geschichtsschreibern übrigens als Germanen angesehen (siehe unten). 

Erst in gallo-römischer Zeit entstanden ab dem 2. und 3. Jhdt. n. Ztr. auf dem Hohen Donn steinerne Bauten und damit verbundene steinerne Skulpturen. Diese waren nun dem Merkur geweiht, mit dem der vormals verehrte keltische Hauptgott in eins gesetzt wurde. Die religiöse Eigenständigkeit wurde also nicht wirklich gewürdigt und gepflegt, vielmehr sollte alles "vereinheitlicht" werden. Ein Zeugnis keltischer religiöser Überlieferung sind solche Skulpturen dennoch. Aber als ein Zeugnis seelischer Lebendigkeit wird man solche Skulpturen nur selten empfinden wollen. Wir haben es offenbar nicht mit einem Isis-Tempel zu tun, der lebendigen Respekt, lebendiges Interesse und Anteilnahme von Seiten der römischen Sieger auf sich zog (Wiki):

Auf dem Donon befand sich ein (Mercurius-)Heiligtum, um welches eine lose Stammeskonföderation zu dessen Schutz und Kult bestand (entsprechend der klassischen Amphiktyonie). Eine Interpretatio Romana des (unbekannten) göttlichen Stammesgründers oder der Lokalgottheit als Mercurius wäre deshalb möglich. In der Mitte des Kultortes befand sich eine 6,35 m tiefe trichterförmige Opfer­grube, früher als ein Heroengrab gedeutet.

Über das archäologisch festgestellte gallo-römische Heiligtum auf dem Gipfel heißt es (Wiki):

Das Heiligtum bestand aus vier Steingebäuden und einem Holzgebäude. Letzteres, ein rundes Holzgebäude, befand sich in der Nähe eines Brunnens (oder einer Zisterne). Die Steingebäude dienten der Kultstätte; die (...) Gebäude dienten vermutlich als Empfangsbereiche (Versammlungsorte für Gläubige, Aufbewahrungsort für Kultgegenstände usw.). Die Funktion des mit II nummerierten Gebäudes (unweit des Brunnens und durch Pfostenlöcher gekennzeichnet) ist noch nicht vollständig geklärt. Das Bauwerk III, das sich direkt unterhalb des Sandsteingesimses am Gipfel befand, besaß zweifellos große kultische Bedeutung. Die Ecksteine ​​der Giebel wiesen jeweils einen gemeißelten Kopf auf.

Wie wohl die Kelten und die germanischen Triboker als besiegte und gedemütigte Stämme zu ihrem einstigen Stammesheiligtum zurück gekehrt waren? Konnten sie noch freudig in die Fernen blicken und ihrem Gott und ihren Göttern dienen auf dem Hohen Donn? Sie konnten es offenbar durchaus, wenn auch von den zugezogenen römischen Städtern und Eliten vermutlich völlig unbeachtet. Denn die keltischen Götter lebten schließlich sogar trotz Christianisierung weiter, wie wir hören (Wiki):

Während die Region christianisiert wurde, versammelten sich Teile der Bevölkerung im frühen Mittelalter immer noch, so wie auch an anderen Orten, um Kulte und heilige Handlungen auszuüben (Verehrung von Felsen, Quellen, Verkleidung als Hirsche und Hirschkühe usw.), was im Widerspruch zu der neuen Religion stand, die von den Mönchen der vielen Abteien verbreitet wurde, die sich in der Region niederließen, um die Bevölkerung der Region zu evangelisieren.

Auffallenderweise findet sich diese Verkleidung als Hirsche und Hirschkühe in ähnlicher Weise auch im Dionysos-Kultur im antiken Griechenland. Jedenfalls wird hier erkennbar, wie zäh die einheimische Bevölkerung des Elsaß trotz Christentum an den heidnischen, religiösen Vorstellungen und Gebräuchen festhielt. Ob etwas Ähnliches auch für die Vindeliker in Bayern galt? Zumindest für die Noriker (Wiki) gilt Ähnliches, erkennbar etwa an der fortwirkende Bedeutung des keltischen Heiligtums auf dem Magdalensberg in Kärnten. Er war in der Antike Helenensberg genannt worden (Wiki).

Die Verehrung des Cernunnos (Wiki), des keltischen Hirschgottes, hatte über den ganzen keltischen Kulturbereich hinweg Verbreitung, etwa auch bei den eben genannten Norikern, die - wie alle anderen keltischen Stämme - eine Fülle von weiteren Göttern verehrten. Cernunnos findet sich auch auf dem Gundestrup-Kessel in Dänemark aus dem 1. Jahrhundert v. Ztr. dargestellt (heute im Nationalmuseum in Kopenhagen ausgestellt).

Abb. 5: Merkur und Rosmerta - Stele gefunden bei Sulz am Neckar, 150-200 n. Ztr. (Wiki)

Auf dem Hohen Donn wurde auch der keltische Gott Vosegus (Wiki) verehrt, nach dem vermutlich der Wasgenwald, der Wasgengau und die Vogesen benannt sind.

Nicht weniger als sieben (!) Jupiter-Giganten-Säulen sind auf dem Hohen Donn aufgestellt gewesen. Diese sind bildliche Zeugnisse davon, wie der Cäsaren-Wahn den Stolz unterworfener Völker bricht, wie der römische Jupiter den keltischen Giganten niederreitet. Über diese Säulen im gallo-romanischen Bereich haben wir schon vor fünf Jahren einen eigenen Blogartikel veröffentlicht (Stg2021). Sogar offenbar die häufigste Ansammlung auf dichtem Raum von solchen Jupiter-Giganten-Säulen fand sich auf dem Hohen Donn. Jeder wohlhabende keltische Adlige scheint das Bedürfnis empfunden zu haben, eine solche Säule aufrichten zu müssen. Daß man auch wirklich sähe, wie er sich zu der "neuen Zeit" bekennen würde. Rund um Mainz fanden sich 76 solcher Säulen. Sie scheinen aufgestellt worden zu sein so wie später christliche Wegekreuze. Zur Erinnerung daran, ja nicht zu vergessen, daß der Stolz der keltischen, barbarischen Vorfahren durch den römischen Cäsar auf immer und ewig gebrochen worden ist und sich nie wieder aufrichten soll (das scheint uns jedenfalls der Sinn zu sein). Zur Erinnerung daran, daß man zuvor "Barbar" ("Gigant") gewesen sei und es jetzt nicht mehr sein wolle. Sondern daß man jetzt "zivilisiert" sein wolle. Und daß man sich dazu demütigen müsse, niederreiten lassen müsse. Über solche Säulen lesen wir auf dem französischen Wikipedia (Wiki):

Solche Statuen sind in Ostfrankreich sehr verbreitet (Grand, Säule von Merten (Metz), am Hohen Donn (Donon) (im Elsaß) (fünf Reiter über einem Schlangenfüßigen, drei weitere auf Säulen). Zwei weitere Säulen befinden sich an jedem Ende des Landwegs zwischen der Saône und der Mosel: in Corre und in Portieux. Weitere Statuen wurden gefunden in Corseul (Côtes-d'Armor), Neschers (Puy-de-Dôme), Briec (Finistère), Landudal (Finistère), Riom (Puy-de-Dôme), Saint-Méloir-des-Bois (Côtes-d'Armor), Steinburg (Elsaß), Seltz (Elsaß), Plouaret (Côtes-d'Armor), Plomelin (Finistère) und Plobannalec (Finistère). Eine Umhegung für einen solchen Kult wurde in Bavilliers bei Belfort ausgegraben.

Von 58 bis 51 v. Ztr. hatte Gaius Julius Cäsar Gallien erobert. Er hatte die Germanen des Ariovist (der als Zweitfrau mit einer Norikerin verheiratet war) zusammen mit den Tribokern über den Rhein zurück gejagt (Wiki). Im Jahr 49 v. Ztr. begann dann der römische Bürgerkrieg. Cäsar zog mit seinem Heer und mit verbündeten Galliern von Gallien aus zurück nach Italien.

Die keltischen Stämme im heutigen Frankreich

Der römische Dichter Lukan (39-65 n. Ztr.) (Wiki) besang hundert Jahre nach dem Bürgerkrieg denselben in seinem Werk "De bello civili". In dem ersten Gesang desselben ist eine nicht uninteressante Übersicht über die unterworfenen gallischen Stämme gegeben. Er beschreibt recht ausführlich das Sammeln der römischen Truppen in Gallien durch Cäsar. Und er beschreibt das Aufatmen der dortigen besiegten gallischen Stämme. Viele dieser Stämme zählt er auf. Dabei erwähnt er auch den keltischen Stamm der Lingonen, dessen Siedlungsraum im Südwesten der Vogesen gelegen war (1) (Arch):

Cäsar ...
Ruft die Kohorten, die sonst zerstreut durch die gallischen Fluren,
Auf und Rom zu eilt er mit ringsher fliegenden Fahnen.
Sie verlassen die Zelt', an das Ufer des Lemans geheftet,          [Genfer See] 
Und ihr Lager, das, hoch am Felsabhang der Vogesen,
Zähmte das wilde Lingonenvolk mit bemalten Waffen.
Diese verlassen die Isara nun, die ihre Gewässer                       [den Fluß Isère] 
Weit durch's Land schon geführt, doch in einen berühmteren Strom dann
Fällt ...                                                                                         [die Rhone]
Ledig werden die blonden Rutener der langen Bewachung,
Frei die Welle des milden Atax von lateinischen Fähren,           [der Fluß Aude]
Und Hesperiens Mark, Varus, nach erweiterten Grenzen;          [Fluß Var]
(...) 
                                               ... Ach sie, die Nemausus             [heute: Nîmes]
Fluren bewohnen und des tarbellischen Atturus krummes         [Stamm der Tarbelli am Fluß Adour]
Ufer, wo er bespült die sanft hinwallende Meerflut,
Ziehen hinweg; der Santon ist erfreut ob des Feindes Entfernung,        [Stamm der Santonen]
Der Bituriger, und mit langem Schilde Suessonen.
Leukrer und Rhemier dann, gar trefflich gewandt in dem Speerwurf,
Sequanervolk, das die Rosse versteht im Kreise zu tummeln,
Belgier auch, als Lenker geschickt des geschnäbelten Wagens.
Die Averner, so kühn, sich Latiums Brüder zu nennen,
Völker von ilischem Stamm, der stets zur Empörung geneigte
Nervier, mit dem Blute befleckt des erschlagenen Cotta;
Vangionen, die ähnlich, Sarmat', an geräumigen Hosen;              [Stamm bei Worms]
Trutzige Bataver, die der Trommeten hallendes Schmettern
Aus rückwärts gebogenem Erz anstachelt zum Kampfe;
Und du Trevirer, froh, daß von dir weg die Schlachten sich wenden,
Du beschorener Ligurer, vor der ganzen Comata                          [s. "Gallia Comata" [W]]
Einst den Nacken geschmückt durch stolz hinwallende Locken,
Und die, welche mit schrecklichem Blut versöhnen den wilden
Teutates und den Hesus mit Schauer erweckenden Opfern
Und des Taranis Altar, wie Dianas, der skythischen, grausam.
Ihr auch, die ihr die tapferen Geister gefallener Krieger
Durch des Gesanges Preis aussendet in kommende Zeiten,
Konntet nun ruhig, o Barden, ergießen die Fülle der Lieder ...

All das klingt so, als hätten die gallischen Stämme nun Möglichkeiten gehabt, erneut um ihre Freiheit zu kämpfen.

Kein neuer Aufstand gegen Rom

Deshalb fragen wir, angeregt durch diese Dichtung, ChatGPT danach, wie sich die gallischen Stämme während des römischen Bürgerkrieges verhalten haben. Und wir erhalten die Antwort:

Während der römischen Bürgerkriege - vor allem im Konflikt zwischen Gaius Julius Caesar und Gnaeus Pompeius Magnus (49-45 v. Ztr.) - spielten die gallischen Stämme eine wichtige, aber oft pragmatische Rolle. Ihr Verhalten war keineswegs einheitlich, sondern stark von Eigeninteressen geprägt.
Viele gallische Stämme unterstützten Caesar, und das hatte mehrere Gründe:
Frühere Unterwerfung: Nach den Gallischen Kriegen (58-50 v. Ztr.) standen große Teile Galliens bereits unter römischer Kontrolle.
Einige Eliten hatten Vorteile aus der Zusammenarbeit mit Caesar gezogen (z. B. Macht, Schutz, Handelsvorteile).
Gallische Reitertruppen und Hilfseinheiten kämpften aktiv in Caesars Armee. Besonders die Aeduer (anfangs) und andere verbündete Stämme stellten Truppen.
Einige Stämme nutzten den Bürgerkrieg, um sich neu zu positionieren. Die Aeduer etwa wechselten zeitweise die Seite und unterstützten Pompeius, als Caesars Lage unsicher schien. Pompeius hatte ebenfalls Unterstützung in Gallien, aber weniger direkt: Vor allem konservative Kräfte und Gegner Caesars sahen in ihm die legitime Autorität. Dennoch war sein Einfluß in Gallien schwächer, da Caesar dort militärisch präsent war.
Nach dem großen Aufstand unter Vercingetorix (52 v. Ztr.) waren die meisten Stämme militärisch geschwächt und politisch kontrolliert. Deshalb kam es während des Bürgerkriegs nicht zu einem großen, gemeinsamen gallischen Aufstand gegen Rom.

Die Kelten fanden sich also nach den erschütternden Anstrengungen, Siegen und Niederlagen im Kampf gegen Cäsar mit ihrer Niederlage ab.

Abb. 6: Sonnenuhr mit einer tanzenden Stunde, gefunden in Bettwiller im Elsaß, aus dem 2. Jhdt. n. Ztr. (Archäolog. Museum Straßburg)

In den kommenden Jahrzehnten und Jahrhunderten wurde Gallien durch Straßen- und Städtebau nach und nach immer stärker in die römische Infrastruktur und Verwaltung einbezogen.

Die romanisierten Kelten

Die umfangreichste Abteilung des Archäologischen Museums in Straßburg stellt die Sammlung steinerner Hinterlassenschaften der im Elsaß lebenden romanisierten Kelten und Germanen dar.

Man begibt sich hier in eine "kunterbunte" Welt. Alle Übergänge auf dem Weg von archaischen Menschendarstellungen bis hin zu echter Hochkunst sind vertreten. Man bekommt es sprichwörtlich zu spüren, was es hieß, "Barbar" zu sein im Angesicht der römischen Hochkultur. Diese romanisierten Kelten oder Germanen haben sowohl eigene als auch römische Götter dargestellt. Aber es finden sich im Grunde keine Zeugnisse echter kultureller Eigenständigkeit und echten eigenen, kulturellen Selbstbewußtseins, eigenen kulturellen Stolzes. Welch ein Gegensatz zu den früheren, freien, stolzen, hochfahrenden Kelten. 

Da ist etwa die "Merkur"-Stele von Wasslnheim, entdeckt 1991 (Abb. 3): Vor ihr mag man - ob ihres archaischen ernsten Blickes - noch heute mit Furcht und Schrecken stehen. Kriegern mit so ernstem Blick und Gesichtsausdruck möchte man womöglich im Ernstfall nicht bei Nacht und Nebel begegnen. Aber als Zeugnis echten, eigenen kulturellen Selbstbewußtseins möchte man sie auch nicht unbedingt einordnen. 

Germanen im Elsaß?

Diese Hinterlassenschaften weisen - zumindest auf den ersten Blick - wenig "Germanisches" auf. Und doch sprechen die römischen Schriftsteller dieser Zeit alle davon, daß Germanen im Elsaß gesiedelt hätten, nämlich die Triboker (Wiki) und die Nemeter, die ab 70 v. Ztr. mit dem Suebenkönig Ariovist in das Elsaß gekommen waren, um gegen die keltischen Sequentiner zu kämpfen, die hinwiederum dann Cäsar gerufen hatten, der diese germanischen Stämme unter Ariovist dann geschlagen hat. Ariovist selbst war mit einer Germanin und - wie gesagt - mit einer Keltin aus dem Stamm der Noriker verheiratet. Dieser Umstand macht deutlich, wie viele keltische Stämme sich seiner Oberherrschaft unterordneten.

Abb. 7: Weiblicher Kopf, vielleicht eine Diana, um 150 n. Ztr., Archäologisches Museum Straßburg (ArchMusStrbg)

Deshalb mag auch die ethnische Zugehörigkeit der Triboker und Nemeter keineswegs so eindeutig gewesen sein als es die römischen Schriftsteller Glauben machen (Wiki):

Caesar bezeichnet die sieben Volksstämme der Schlacht am Rhein als Germanen. Neben den Tribokern nennt Caesar in seinem Kriegsbericht noch die Haruder, Markomannen, Vangionen, Nemeter, Sedusier und Sueben. Heute wird angenommen, daß bestimmte der aufgezählten Stämme wie die Nemeter ursprünglich Kelten waren, die sich vor der Schlacht in germanischem Siedlungsgebiet niedergelassen und sich dann der Führung des germanischen Fürsten Ariovist angeschlossen hätten. Über die ethnische Zugehörigkeit der Stämme im rechtsrheinischen Vorfeld des Rheins ist im 1. Jahrhundert v. Ztr. aufgrund der sogenannten „Helvetier-Einöde“ wenig bekannt.

Auf dem französischen Wikipedia lesen wir dazu noch etwas genauer (Wiki):

Die Triboker (lateinisch Triboci oder Tribocchi) waren ein germanisches Volk (manche Autoren halten sie jedoch für Kelten), das in der Antike die elsässische Tiefebene und die Ortenau besiedelte (im archäologischen Sinne). Ihre Hauptstadt in der Römerzeit war Brocomagus. Eine ihrer Befestigungsanlagen, Tribunci genannt, liegt in der Nähe von Lauterburg. Medru (oder Mider) war ihr Hauptgott, neben den anderen germanischen Göttern, die sie verehrten. (...) Im Archäologischen Museum Straßburg ist eine Inschrift aus Brumath zu sehen. Die darauf genannten Namen bedeutender Triboker sind entweder lateinischen oder keltischen Ursprungs. Keiner ist germanischen Ursprungs. (...) Strabo erwähnt zu Beginn der Kaiserzeit: „Nach den Helvetiern waren die Bewohner der Rheinufer die Sequaner und die Mediomatriker; unter ihnen siedelten sich die Triboker an, ein germanisches Volk, das aus seiner Heimat in diese Region gebracht worden war.“ Mit anderen Worten: Das Oberelsaß war noch im Besitz der Sequaner aus dem Jura (die es um 60 v. Ztr. an Ariovist abtraten), dann kamen die Mediomatriker, deren Gebiet sich ursprünglich von Metz bis zum Rhein erstreckte. Dieser Stamm scheint den Kontakt zum Rhein aufrechterhalten zu haben, aber die Triboker waren dort bereits ansässig.

Zu der Zeit als Cäsar Gallien eroberte, standen die Kelten in einem Stadium ihrer zivilisatorischen Entwicklung, in dem sich gerade die "Künste", das Handwerk und der Handel am deutlichsten zu entfalten und zu entwickeln begannen.

Die Merkur-Verehrung bei Kelten und Germanen

Sie standen auf einer Zwischenstufe zwischen der zivilisatorischen Schlichtheit der Germanen einerseits und der reichen zivilisatorischen und kulturellen Ausdifferenzierung der antiken Mittelmeerkulturen. Aufgrund dieses Umstandes wohl spielte bei den Kelto-Romanen allgemein der Gott Merkur eine große, wenn nicht die wichtigste Rolle (WikiC).

Abb. 8: Skulptur aus Könighoffen im Elsaß, 3. Jhdt. n. Ztr. (MusStrbg), entdeckt 1927, evtl. Porträt eines römischen Kaisers

Schon Cäsar berichtet über die Gallier (Wiki):

Der Gott, den sie am meisten verehren, ist Merkur. Ihm stehen zahlreiche Statuen; sie betrachten ihn als den Erfinder aller Künste, als den Führer der Reisenden und als den Hüter aller Arten von Gewinnen und Handel.

Auf dem deutschen Wikipedia lesen wir über den römischen Gott Merkur (Wiki):

Das Ansehen von Mercurius als Gott des Handels und der Kaufleute, aber auch der Diebe und des Gewinns, verbreitete sich im Römischen Reich während der Kaiserzeit (27 v. Ztr. bis 284 n. Ztr.) nach Westen und nach Rätien im Norden. In den keltischen und germanischen Provinzen nahm die Verehrung Merkurs enorm zu und wurde sogar stärker als in Rom selbst. Darauf weisen hunderte von Funden hin, bei denen es sich zumeist um Inschriften auf Weihesteinen oder um Tafeln aus Bronze handelt. Die Darstellungen des Mercurius auf den Steinen, die in den germanischen Rheinprovinzen gefunden wurden, sind von Form und Ausdruck her römisch, aber die Namenskomposite sind germanischer Herkunft und verbunden mit dem Stiftungszweck und einer bestimmten Personengruppe, seien es einzelne Stämme oder ein lokaler Bezug. In den Provinzen erhält Mercurius jeweils auch zahlreiche einheimische Beinamen wie Mercurius Cissonius oder Mercurius Gebrinius.
Die Verehrung Merkurs zeigte sich auch im Privatleben wohlhabender Siedler. So wurde 1836 im Ort Rogging im Oberpfälzer Landkreis Regensburg eine 14 cm hohe, gut erhaltene bronzene Merkurstatuette („Merkur von Rogging“) aufgefunden, die wahrscheinlich aus dem Hausheiligtum eines römischen Gutshofes stammt und als Erzeugnis einer italischen Werkstatt eingestuft wird. (...)
Auch reisende Kaufleute hatten Gelegenheit, Merkur zu verehren. So konnte in Regensburg, 2 km südlich vom römischen Legionslager Castra Regina auf der beherrschenden Höhe des umgebenden Hügellandes, ein Merkur geweihter Tempelbezirk nachgewiesen werden, der direkt an der von Augsburg nach Regensburg führenden heutigen Kumpfmühler Straße liegt. 1934 wurden bei Grabungen die Fundamente eines großen und zweier kleiner Tempelgebäude freigelegt. Das große Gebäude war ein quadratischer Umgangstempel mit einer Seitenlänge von 7 m. Der Stifter der Tempelanlage, deren Gesamtausdehnung nicht genau bestimmt werden konnte, war der Lagerkommandant von Castra Regina, wie man aus den Stempeln der Dachziegel schließen kann. Der nach Zerstörungen zweimal wiederaufgebaute Tempelbezirk war den archäologischen Befunden zufolge um 200 n. Ztr. entstanden und entweder 357 n. Ztr. beim Einfall der Juthungen oder im Laufe des Erstarkens des Christentums endgültig verwüstet worden.

Die vielen Tiergötter bei den Kelten

Auf dem französischen Wikipedia wird allerdings präzisiert, daß der "gallische Merkur" mit dem "römischen Merkur" nur flüchtige Gemeinsamkeiten hatte (Wiki):

Im römischen Gallien wurde jedoch nicht der römische Merkur verehrt - außer bei offiziellen römischen Zeremonien, die von ausländischen Kolonisten abgehalten wurden -, sondern ein gallischer Merkur, eine Gottheit, die unter anderem mit Handwerkern in Verbindung gebracht wurde. Dieser Lugus Mercurius übernahm dann die meisten Aspekte des keltischen Gottes Lugus.
Paul-Marie Duval bemerkt, daß die Scholiater zögerten, die keltischen Götter mit den römischen Göttern gleichzusetzen. Dennoch findet sich der Beiname Merkur 45 Mal in Gallien. Nach der römischen Eroberung ist er der Gott, dessen Bildnisse (insbesondere Bronzestatuetten) und Inschriften am zahlreichsten sind. Die Arverner weihten ihm eine der kolossalsten aller bekannten antiken Statuen. Somit erscheint er im Römischen Reich als der bedeutendste Gott der Gallier.
Dennoch ähnelt der einheimische Gott, der Gott des Handwerks, des Handels und der Handelswege, dem römischen Merkur nur teilweise in seinen Attributen, nämlich dem Schutz von Kaufleuten und Reisenden - Attribute, die im Mittelalter dem Heiligen Nikolaus zugeschrieben wurden, dessen Kultstätten an den Eingängen von Städten und Dörfern entlang der Hauptverkehrsstraßen lagen. In seinem ursprünglichen Bild als Erfinder aller Künste, was weder Merkur noch Hermes je waren, steht er dem keltischen Gott Lug viel näher. So wird er mit einem Hammer oder einer Feuerzange in der Hand dargestellt, die in Rom Attribute des Vulkan waren.
Der gallische Merkur (...) wird auch mit anderen keltischen Göttern assoziiert:
Mercurius Artaios, eine Verschmelzung des Gottes Merkur mit dem keltischen Gott Artaius, einem Bärengott, der in Beaucroissant , Frankreich, verehrt wurde;
Mercurius Arvernus, eine Verschmelzung des Gottes Merkur mit dem keltischen Gott Arvernus. Arvernus wurde im Rheintal in Deutschland verehrt, möglicherweise war er der Stammesgott der Arverner, obwohl in der Auvergne keine Weihung an Mercurius Arvernus gefunden wurde.
Mercurius Cissonius, eine Verschmelzung des Gottes Merkur mit dem keltischen Gott Cissonius, die in einem geographischen Gebiet von Köln in Deutschland bis Saintes in Frankreich zu finden ist. Dies ist eine der häufigsten Inschriften. (...)
Mercurius Gebrinius, eine Verschmelzung des Gottes Merkur mit dem keltischen oder germanischen Gott Gebrinius, bekannt unter anderem durch eine Inschrift auf einem Altar in Bonn, Deutschland (ein recht gebräuchlicher Name);
Mercurius Moccus, eine Verschmelzung des Gottes Merkur mit dem keltischen Gott Moccus, Inschriften, die in Langres gefunden wurden. Der Name Moccus („Schwein“) macht ihn zu einem Gott, der dem Eber oder der Eberjagd nahesteht;
Mercurius Visucius, eine Verschmelzung des Gottes Merkur mit dem keltischen Gott Visucius, ist auf mehreren Inschriften (etwa 10 an der Zahl) belegt, darunter eine in Stuttgart. Visucius wurde vorwiegend im Grenzgebiet zwischen dem römischen Gallien und Germanien verehrt. Obwohl er ursprünglich mit Merkur in Verbindung gebracht wurde, bestanden auch Assoziationen mit dem römischen Gott Mars, wie Inschriften an „Mars Visucius“ belegen. Visucia, die Gemahlin des Visucius, wurde in Gallien gefunden.
Sowohl in Gallien als auch in Rom verkörperte Merkur zwar oft die dritte Funktion, die Handwerks- und Handelsfunktion im Rahmen der indogermanischen Dreiteilung der Funktionen, doch läßt sich seine Rolle nicht immer auf das Dumézilianische Modell reduzieren. Der Grund dafür liegt darin, daß der Prototyp des keltischen *Lugus der unsterbliche Dioskur ist, eine zwar unbedeutende, aber sehr alte Gestalt der indogermanischen Tradition. Während der keltischen Expansionen (und zuvor in der Glockenbecherkultur) wurde er zum Führer und Erlöser von Göttern und Menschen erhoben, eine Rolle, die er auch in der irischen Mythologie einnimmt. Lugus, die göttliche Entität, die die Götter zurückbringt und die Tagesordnung wiederherstellt, wurde somit die Schirmherrschaft über verschiedene wohltätige Aktivitäten zugeschrieben, die mit der Erneuerung des zeitlichen, kosmischen und jährlichen Zyklus verbunden waren – Aktivitäten, die später als die „dritte soziale Funktion“ protohistorischer Gesellschaften kategorisiert wurden. Mit Lugus (altirisch Lug, walisisch Lleu ) erleben wir die Wiederbelebung einer Gestalt kosmischen Ursprungs, die in Theologie und politischer Doktrin neue Verwendung findet. Wie bei allem, was mit den göttlichen Zwillingen während ihrer langen mythologischen Geschichte (repräsentiert durch den Abend- und Morgenstern) zusammenhängt, ist es notwendig, die Daten zu periodisieren, um die Vorgeschichte von Lugus zu rekonstruieren.

Er wird hier oft dargestellt in Begleitung von Rosmerta. Von den Germanen wurde Merkur mit Wodan gleichgesetzt. Deshalb wurde der "Tag des Merkur" im Englischen zum "Wedensday". In der keltischen Kultur und Religion spielten bestimmte Tiere und Pflanzen eine große Rolle (Wiki). 

Es ist sehr spannend, daß man bei den keltischen Göttern noch sehr viele Tier-Götter findet. Diese mögen uralt sein und ihre Verehrung mag bis ins Mesolithkum zurück reichen. So kann man etwa bei den zum Teil heute noch mesolithisch lebenden Chanten und Mansen östlich des Ural eine Fülle von göttlicher Verehrung von Tieren finden.

Erwähnt sei noch, daß sich im Archäologischen Museum Straßburg auch eine keltoromanische Frauen-Darstellung findet (Abb. 7). Und es findet sich eine "Sonnenuhr, die an allen vier Seiten graviert ist", gefunden in Bettwiller im Elsaß (Abb. 6). Sie stammt aus dem 2. Jhdt. n. Ztr.. Dargestellt sind Apollon, Merkur und "die tanzenden Stunden" (MLaosWikiC). Wir erfahren (Wiki):

Das hier sichtbare Zifferblatt zeigt eine tanzende, nackte Stundenfigur.

Wenn wir die Ansage im Museum richtig verstanden haben, hat hier der gallo-romanische Künstler eine römische Skulptur nachgeahmt, ohne selbst das Prinzip der Sonnenuhr verstanden zu haben. Von griechischer leichter, tanzender Heiterkeit kann nicht die Rede sein, obwohl sie der Vorlage sicherlich innewohnte.

Es wurden in römischer Zeit auch tanzenden Mänaden an den Straßen aufgestellt, so etwa in Tiffen in Kärnten (UniKlagenfurt). Soweit nur flüchtige Einblicke, die sicherlich der Vervollständigung harren.

_________

  1. Des Markus Annäus Lukanus Pharsalia. Übersetzt im Versmaaße der Urschrift. Julius Krais (Übers.). Stuttgart 1863 (Arch)

Kelten - Römer - Germanen - Ihr Zusammentreffen in Süddeutschland

Eine neue archäogenetische Studie zu Altheim an der Isar (400 bis 600 n. Ztr.)

2024 wurde durch die archäogenetische Forschungsgruppe um Johannes Krause in Leipzig festgestellt, die heutigen Menschen in Süddeutschland tragen grob in sich (Stg24) ...

  • 55 % genetische Herkunft der Kelten,
  • 34 % genetische Herkunft der Germanen und
  • 12 % genetische Herkunft der Slawen.

Dieses erstaunliche Ergebnis versuchen wir seither hier auf dem Blog einzuordnen. Und dazu ist soeben eine neue Studie von Seiten der archäogenetischen Forschungsgruppe in Mainz in erschienen. In "Nature (1).

Abb. 1: Der Spangenhelm von Stößen in Thüringen (zwischen 470 und 520 n. Ztr.) - Als Symbolbild - Museum für Ur- und Frühgeschichte in Weimar (Wiki)

Diese Studie ist nicht gerade einfach zu lesen. Denn den genannten Forschungshorizont scheint sie überhaupt nicht zu berücksichtigen. Daß so etwas bei der angesehensten Wissenschaftszeitschrift der Welt, bei "Nature", durchgeht, wundert uns.

Als grobe Mutmaßung hatten wir schon 2024 hier auf dem Blog festgehalten, daß es vom Frühmittelalter bis heute in Süddeutschland noch ein Anwachsen des festgestellten keltischen Herkunftsanteiles gegeben haben muß. Wir schrieben (Stg24):

Die germanische genetische Herkunft stellte ab dem Frühmittelalter in Süddeutschland 62 % der gesamten Herkunft. Das heißt, die Herkunft der Glockenbecherleute und Kelten betrug im Frühmittelalter in den damals kulturell dominierenden Bevölkerungsteilen in Süddeutschland nur noch 38 %. Wobei allerdings vor allem Menschen der germanischen Reihengräberfelder untersucht worden sein werden und frühmittelalterliche Menschen in Rückzugsräumen, etwa in Höhenlagen der Mittelgebirge (Schwarzwald, Schwäbische Alp etc.) bislang weniger in den Fokus der Wissenschaft getreten sein werden.

Wir halten hier noch einmal fest: 38 % keltische Herkunft in den Reihengräberfeldern. Und wir hatten für künftige Blogartikel 2024 noch (unveröffentlicht, im Entwurf) als Vermutung/These festgehalten:

Stammt der keltische Herkunftsanteil der Süddeutschen zu 70 % von freie Kelten her und zu etwa 30 % von romanisierte Kelten?
Vielleicht wird man in erster Annäherung sagen können, daß die 55% keltische Abstammung der Süddeutschen zu mindestens 70 % auf die Vermischung der zuwandernden Germanen mit freien, heidnischen Kelten zurück geführt werden kann, die niemals romanisiert worden waren und zu etwa 30 % auf Vermischung mit Kelten, die zuvor schon romanisiert worden waren (weil sie südlich und westlich des Limes lebten). Denn wenn die genannten 55 % als die Gesamtheit des heutigen keltischen Erbes in Süddeutschland angesehen werden (und damit auf 100 % gesetzt werden), dann betragen die 37 %, die sich schon in den Reihengräberfeldern finden, 70 % dieser Gesamtheit.

Nun, das sind nur grobe, hypothetische Annäherungen. Aber zunächst noch ein kleiner Ausflug in die Wissenschaftsgeschichte: Der Freiburger Anatom Alexander Ecker hatte 1865 erstmals "Reihengräber-Schädel" untersucht (2, S. 17):

Eckert nannte diesen Schädeltypus den Reihengräbertypus, eine Bezeichnung, die sich bis heute durchgesetzt hat. Der entspricht dem nordiden Rassentypus bei Lebenden. Gelegentlich kamen die Reihengräberschädel auch schon in der Hügelgräberbevölkerung vor.

"Hügelgräberbevölkerung" waren die Nachkommen der Glockenbecher-Kultur, aus denen ab der Urnenfelder-Kultur um 1200 v. Ztr. die Kelten hervorgegangen sind. Kelten unterscheiden sich von den Germanen genetisch durch einen höheren Anteil anatolisch-neolithischer Herkunft.

Abb. 2: Die Römer brachten Hochkultur nach Bayern: Jupiter (2./3.Jhdt. n. Ztr. ) (Wiki) - Ihm war der Isarübergang bei Altheim geweiht - Bronzestatue aus dem Schatzfund von Weißenburg, Römermuseum Weißenburg  in Bayern

Nicht völlig geklärt ist bis heute die Frage: Stammt die keltische Herkunft der heutigen Westdeutschen, Süddeutschen, Österreicher, Schweizer und Elsässer von freien keltischen Stämmen nördlich des Limes (mit denen sich die Germanen spätestens seit Ariovist vermischt haben könnten) oder von "Keltoromanen" südlich und westlich des Limes?

In Bayern wären diese Keltoromanen die Vindeliker, die nach römischen Quellen noch im Jahr 431 zusammen mit den Norikern in Kärnten einen Aufstand gegen die römische Besatzungsmacht unternahmen, und zwar als die germanischen Juthungen einmal erneut von Norden her den Limes überschritten (Wiki). Diese Vindeliker waren also noch zu diesem Zeitpunkt höchst lebendig in ihrem Stammesbewußtsein. Die Germanen nördlich des Limes und die Vindeliker südlich des Limes hatten spätestens seit dem "Limesfall" von 260 n. Ztr. eng zusammen gelebt. Die heutigen Bayern und Schwaben werden jedenfalls - nach allem, was erkennbar ist - zu nicht geringen Anteilen von diesen Vindelikern und von anderen süddeutschen, keltischen Stämmen abstammen.

Die Kelten werden nicht erwähnt

Nun zu der neuen Studie (1). In dieser werden die Vindeliker oder auch allgemein die Kelten mit keinem einzigen Wort erwähnt. Wir kritisieren diesen Umstand sehr deutlich. Unter den Hauptautoren wird genannt der Tübinger Mittelalter-Historiker Steffen Patzold (geb. 1966). Von seinen ganzen Forschungsschwerpunkten her scheint er nicht der Mann zu sein, um darauf hinzuweisen, daß man sich in dieser Studie mit den Kelten und ihrer Herkunft beschäftigen müsse. Hat denn auch sonst niemand darauf hingewiesen innerhalb der großen Forschungsgruppe, die an dieser Veröffentlichung beteiligt war? Ihr Forscher, ihr lebt in Mainz, in Tübingen, in der Schweiz oder wo sonst noch alle auf vormals keltischem Siedlungsboden. Ist euch das nicht bewußt???

Ist diese Studie einmal erneut ein Zeichen dafür, wie wenig die Kelten im Zusammenhang mit der deutschen geschichtlichen Identität Beachtung finden? Wie schon seit vielen Jahrhunderten? Will man die Kelten immer noch "den Franzosen" überlassen als Teil ihrer geschichtlichen Identität? Das kommt uns alles sehr merkwürdig vor.

Abb. 3: Eros (2./3.Jhdt. n. Ztr. ) (Wiki) - Die Römer brachten Hochkultur nach Bayern: Bronzestatue aus dem Schatzfund von Weißenburg (Römermuseum Weißenburg)

Im Zentrum der Studie steht das Dorf Altheim (Essenbach) (Wiki) (GMaps) an der Isar. Also inmitten des schönen Bayernlandes. Altheim liegt von München aus gesehen 77 Kilometer flußabwärts an der Isar. Es liegt im Hügelland, in das die Münchener Schotterebene (Wiki) übergeht an ihrem nordöstlichen Ende. (Das Dorf liegt im dortigen Landkreis Landshut in Niederbayern.)

Regensburg und Straubing mit ihren dortigen einstmaligen römischen Kastellen liegen fünfzig Kilometer nördlich von Altheim (GMaps). Das römische Kastell Weißenburg (Wiki) liegt 115 Kilometer nordwestlich von Altheim (Abb. 4). Altheim lag also vergleichsweise weit entfernt im Hinterland des Limes.

An dem Schatzfund von Weißenburg (Wiki) kann gut aufgezeigt werden, welche hinreißende, durch Griechenland beeinflußte Hochkultur die Römer nach Bayern und Süddeutschland gebracht haben (Abb. 2, 3). Ob die einheimischen Vindeliker oder auch die nördlich lebenden Germanenstämme für diese Hochkultur damals schon einen "Sinn" hatten? - Nun, so ganz unmöglich muß auch das nicht sein: Die richtig teure, klassisch-antike Bronzeskulptur des "Jünglings vom Magdalensberg" (Wiki) in Kärnten ist im ersten Jahrhundert n. Ztr. dem Bergheiligtum der keltischen Noriker als Schenkung überlassen worden und zwar gemeinsam von einem keltischen Freien, einem keltischen Freigelassenen und einem keltischen Sklaven (s. Wiki). Zweierlei kann man dem entnehmen: Kelten konnten der antik-griechischen Kunst Wertschätzung entgegenbringen. Und zweitens: Wenn das Freie, Freigelassene und Sklaven gemeinsam tun konnten, dann wird es auch nicht unmöglich sein, daß sie sich gemeinsam - wie "gleichberechtigt" - in Reihengräberfeldern haben bestatten lassen. So möchte man meinen. (Diese Überlegung wird weiter unten noch wichtig werden.)

Aber unabhängig von solchen zumindest vereinzelten kunstliebenden keltischen Norikern haben wir heutigen Deutschen natürlich ebenfalls Grund genug, den hinreißenden Charakter dieser Hochkultur als den zu würdigen, als der er sich als Importware manifestiert hat. Ausstrahlungen der antik-griechischen Kultur bis nach Weißenburg in Mittelfranken am Nordrand der Fränkischen Alp, 60 Kilometer südlich von Nürnberg. "Jetzt komme, Feuer!" hat Friedrich Hölderlin zu dieser Verbindung des antiken Griechenland mit dem abendländischen Deutschland die Donau aufwärts - geschichtsphilosophisch - gesagt (Ged): "Was aber jener tuet, der Strom, / weiß niemand." - - -

Zurück nach Altheim an der Isar: Hier wurde unmittelbar neben der Sankt Andreas-Kirche, wo sich heute noch Acker befindet, von 1989 bis 1992 eines der größten Reihengräberfelder Bayerns ausgegraben (LdkLandshut). In der neuen Studie stammen 112 der 258 untersuchten Individuen von diesem Gräberfeld. Andere Individuen stammen aus anderen Teilen Bayerns, aus der Rhein-Main-Gegend, zum Teil auch aus österreichischen Gegenden Donau-abwärts. Das Reihengräberfeld von Altheim lag benachbart zu einer römischen Villa (1, Suppl.):

In unmittelbarer Umgebung wurden mehrere weitere Bestattungsplätze aus der Merowingerzeit freigelegt, die allesamt auf einer das Isartal überblickenden Terrasse gelegen sind. Südlich des Gräberfeldes wurden Spuren einer römischen Villa aus dem 1. bis 3. Jahrhundert entdeckt, unweit einer antiken Römerstraße, die entlang der Isar verlief.

Womöglich lagen die Villa und das Gräberfeld nicht unweit des "Isarübergangs des Jupiter", des "Iovis Isura", der im "Itinerarium Antonini" Erwähnung findet (s. Abb. 4).  

Abb. 4: Der Rätische Donaulimes (Wiki) - ChatGPT: "Iovisura ist eine antike römische Straßenstation, die im Itinerarium Antonini verzeichnet ist. Sie befand sich vermutlich in der Nähe von Ohu (Gemeinde Essenbach) bei Landshut an einer Römerstraße, die den Inn mit Regensburg verband. Der Name wird als 'Isarübergang des Jupiter' (aus Iovis Isura) gedeutet" - Ohu ist nur 3 km von Altheim entfernt

Deshalb auch stellen wir eine römische Jupiter-Skulptur, gefunden im Bayernland, hier in unseren Beitrag mit ein (Abb. 2). Die frühesten Gräber auf dem Reihengräberfeld waren beigabenlos (1, Suppl.):

Im westlichen Abschnitt stammen die bestatteten Individuen aus dem 5. Jahrhundert und zählen zu den frühesten auf dem Gräberfeld. Ihre Datierung stützt sich maßgeblich auf 14C-Analysen, da diese Gräber keine Grabbeigaben enthalten und sich nicht mittels anderer Methoden datieren lassen. Es bleibt ungewiß, ob die Bestattungen bereits um 400 n. Ztr. begannen.

Bevor wir uns die Studie noch genauer anschauen, rekapitulieren wir noch einmal kurz: Schon mit Ariovist waren ab 70 v. Ztr. Germanen nach Süddeutschland gekommen, hatten den Rhein im Elsaß überschritten und waren von Cäsar zurück über den Rhein geworfen worden, wo sie sich - laut römischer Geschichtsquellen - angesiedelt haben. Die Germanen könnten die Sprache und Kultur der Kelten angenommen haben, da die Archäologen - zum Beispiel im Elsaß - nur wenige Nachweise für Germanen daselbst finden. 

Die Germanen kommen ab 70 v. Ztr. nach Süddeutschland

Dann folgten die Augusteische Alpenfeldzüge (25 bis 14 v. Ztr.) (Wiki). Dabei kamen die Kelten des Alpenraumes und Süddeutschlands bis südlich von Augsburg unter Römische Herrschaft. Bei Augsburg wurde ein Römerkastell errichtet, das zum Kern der nachmaligen Stadt Augsburg wurde. Leopold von Ranke schreibt in seiner "Weltgeschichte" über die Eingliederung der Alpen in das Römische Reich:

Im Jahre 15 vor unserer Ära drangen die beiden Stiefsöhne des Augustus in das Gebirge ein, der eine von Italien längs der Etsch in die Tridentiner Alpen; es ist der jüngere, Drusus; er ging über den Brenner und rückte in das untere Inntal vor. Die Straße, die er eröffnete, ist dieselbe, die seitdem immer in Gebrauch geblieben ist. Indessen gelangte der andere, Tiberius Nero, von Gallien her an den Bodensee, besiegte die Vindelicer, die sich ihm an der Insel Reichenau entgegenstellten, und drang ebenfalls in die Alpen ein. So viel Täler, so viel unabhängige Stämme - die vereinten Römer suchten sie jetzt hier auf bezwangen sie, nicht ohne auf die tapferste Gegenwehr zu stoßen. Um nicht immer aufs neue mit ihnen kämpfen zu müssen, wurden viele von ihnen nach anderen Wohnsitzen weggeführt. Bald sehen wir in der Nordseite der Alpen Augusta Vindelicorum gegründet.

Damit ist Augsburg angesprochen. Zwar wurden die Römer 9 v. Ztr. durch die Cherusker unter Arminius bei Kalkriese vernichtend geschlagen. Dennoch schoben sie ihren Herrschaftsbereich in Süddeutschland weiter vor bis nach Regensburg, Straubing und Weißenburg. Dort errichteten sie ab 100 n. Ztr. den Limes, der von dort quer durch Süddeutschland bis zum Unteren Main bei Frankfurt führte.

Die Römer kommen ab 15 v. Ztr. nach Süddeutschland

Aus den römischen Provinzen vom Balkan, aus Italien und aus dem östlichen Mittelmeerraum strömten Menschen nach Süddeutschland wie wir der neuen Studie entnehmen (siehe gleich). Sie brachten, wie gesagt, hinreißende Hochkultur mit in die Länder nördlich der Donau. 

260 n. Ztr. drangen dann die Juthungen über den Limes bis nach Mailand vor. Es handelte sich um den sogenannten "Limesfall" (Wiki). Hundert Jahre später, ab 360 mußte das Umland von Regensburg, Straubing und Künzig von den römischen Legionen geräumt werden.

Nicht bekannt war bislang, in welchem Umfang die römische Provinzbevölkerung auch bei Abwesenheit der römischen Legionen im Land blieb. Wie wir noch sehen werden, blieben die Nachkommen der aus den genannten römischen Provinzen zugezogenen "Römer" noch bis 620 n. Ztr. im Land. So das Ergebnis der neuen Studie (siehe unten) (1).

Die Germanen und die ursprünglich hier ansässigen Kelten scheinen sich gegenüber der römischen Zivilbevölkerung tolerant verhalten zu haben. Oder aber sie haben die römische Zivilbevölkerung schlicht versklavt. Das ist auch denkbar, wie uns scheint. / Ergänzung 13.8.26: Nein, mehr noch, sie wurden von den germanischen Königen offenbar mitunter sogar weiter nach Norden umgesiedelt (BdW21.7.26), so daß die Archäogenetiker sie letztes Jahr sogar in Thüringen feststellen können, wo sie den Archäologen schon zuvor auffällig geworden waren (Stg25). / 

Augsburg wurde von den Römern noch bis 450 gehalten. - Im Grunde eine irre und spannende Zeit, womöglich auch eine sehr unsichere Zeit in diesem bis heute so solide und fest wirkenden Bayern-Land.

Ab 400 wird dann das Reihengräberfeld von Altheim nördlich der Isar genutzt. Ob Altheim zu dieser Zeit noch unter römischer Verwaltung stand, erscheint doch sehr unsicher. Soweit wir sehen, werden all diese Details in der neuen Studie gar nicht behandelt. Es bleibt also für Historiker und Archäologen noch viel zu tun, um die neuen Erkenntnisse dem bisherigen Forschungsstand zuzuordnen.

Und - wie gesagt: Merkwürdigerweise ist in der ganzen Studie - und dementsprechend auch in öffentlichen Äußerungen der Wissenschaftler - nie ausdrücklich von Kelten oder Keltoromanen die Rede. Die Zuwanderer seien "aus dem Norden" gekommen, heißt es überall. Es wird nicht ausdrücklich zwischen Kelten und Germanen unterschieden. Nur die zugewanderte Bevölkerung aus anderen Provinzen des römischen Reiches (vom Balkan, Griechenland, Italien), die sich schlicht als "Römer" empfunden haben werden, und die so hinreißende Hochkultur mitgebracht haben, erhält Aufmerksamkeit.

Abb. 4: Die genetische Herkunft auf dem Reihengräberfeld bei Altheim an der Isar (Landkreis Landshut)  400 bis 620 n. Ztr. (aus 1)

Wir selbst haben diese Studie nach einem ersten Durchgang deshalb enttäuscht und entmutigt zur Seite gelegt. Dann aber wurde uns klar: Wir können uns die Zusammenhänge ja selbst dennoch anhand der eingestellten Grafiken in Abbildung 4 verdeutlichen (Abb. 4, a-f), auch wenn sie im Studien-Text nicht so eindeutig benannt sind wie wir uns das wünschen und wie sie doch so eindrucksvoll aus den Grafiken hervor gehen, zumindest für uns hervor zu gehen scheinen.

Unsere eigene Auswertung der Hauptkomponenten-Analyse

Rechts unten in der Grafik f (Abb. 4) sind die Herkunfts-Häufigkeiten dargestellt von Menschen, die in heutigen Zeiten in einem Krankenhaus in Kiel behandelt worden sind (gelb) und von Menschen, die in heutigen Zeiten in einem Krankenhaus in München behandelt worden sind (rot). Das sind sogenannte "Vergleichs-Populationen". (Man sieht etwa auch, daß in München vereinzelt Norddeutsche behandelt wurden und daß in Kiel vereinzelt Süddeutsche behandelt wurden. Aber die genetische Trennung ist insgesamt schon sehr eindeutig.)

Die Süddeutschen (rot) tragen - wie wir hier auf dem Blog schon wissen - durchschnittlich 55 % keltische Herkunft in sich. Und zwar im Gegensatz zu den gelben Punkten weiter "nördlich" in Grafik f, die diese keltische Herkunft nicht aufweisen und - sozusagen - unvermischte germanische Herkunft in sich tragen.

Die hellblauen Punkte sind nun alle frühmittelalterlichen Menschen aus Altheim, aus Bayern und Main-Hessen, die in der Studie untersucht worden sind. Sie weisen - wie man sieht - ein viel weiteres Herkunfts-Spektrum auf als es dieses seit dem Ende des Frühmittelalters in Deutschland - sowohl in Nord- wie Süddeutschland - gegeben hat.

Damit es also bei der Vermischung der Germanen (gelb) mit der keltischen Bevölkerung in Süddeutschland zu der heutigen süddeutschen Bevölkerung (rot) kommen konnte, muß vorausgesetzt werden eine Vermischung der gelben Herkunft mit der blauen Herkunft weiter unten. Man wird also grob sagen können, daß etwa die Hälfte der "südliche Hälfte" der blauen Herkunftsverteilung keltische Herkunft repräsentiert.

Wir müssen das so "grob" auswerten, da sich eine solche Auswertung in der Studie selbst - soweit für uns übersehbar - mit keinem Wort findet. 

Und man wird grob sagen können, daß das ("südlichste") Viertel Herkunft aus Mittelitalien, aus dem Balkan und aus dem östlichen Mittelmeerraum repräsentiert. Und das heißt: Es hat in römischer Zeit (ab 100 n. Ztr.) durchaus viel Zuzug aus den Mittelmeerländern in die Regionen südlich des Limes gegeben. Einen solchen Zuzug aus dem Süden sieht die Archäogenetik ja - wie in früheren Beiträgen hier auf dem Blog schon behandelt - auch in anderen römischen Provinzen, etwa auf dem Balkan. Er war ja überraschenderweise sogar in Thüringen erkennbar geworden, also weit außerhalb der römischen Grenzen (Stg2025).

Abb. 5: In Trier hat sich ein steinernes römisches Stadttor erhalten - die Porta Nigra (s. Zikad) -, die einem zeitgleich in Regensburg bestehenden sehr ähnelt - So mancher Vindeliker oder Juthunge wird beeindruckt durch das Stadttor von Regenburg geschritten sein 

Diese südeuropäische Herkunft verschwindet - so wie in Thüringen und in anderen vormals römischen Provinzen auf dem Balkan - auch in Bayern und Main-Hessen am Ende des Frühmittelalters. Und zurück bleibt die heutige süddeutsche Bevölkerung (rote Punkte).

Soweit die Grundzüge.

Wenn wir uns aber nun noch weitere Einzelheiten anschauen anhand der Grafiken a bis d, wird es noch einmal viel spannender. Welche Herkunft die hinterlegte Farbverteilung auf den Grafiken a bis d repräsentieren, wird auf der Grafik e erkennbar: Hellrot ist östlicher Mittelmeerraum (antik-griechische Herkunft), blau-lila ist eisenzeitliche Ungarn-Balkan-Herkunft, dunkelgrün ist eisenzeitliche italienische Herkunft, hellgrün ist eisenzeitlicher westlicher Mittelmeerraum, hellblau ist das eisenzeitliche Skandinavien (Germanen), hellbraun sind eisenzeitliche Kelten.

Vor 470 sind auf dem Reihengräberfeld in Altheim an der Isar nun fast mehr Menschen mit keltischer als mit germanischer Herkunft bestattet (Grafik a) (!!!). Das ist der Befund, der der wirklich spannende in dieser Studie ist. Denn das heißt: Reihengräberfelder sind in Süddeutschland also tatsächlich nicht "rein germanisch" wie bislang vielleicht von vielen gedacht. An dieser wichtigen Erkenntnis gehen die Wissenschaftler der Studie, soweit wir das sehen, völlig vorbei (!!!). Sie starren nur auf die südeuropäische Herkunft. Das Schicksal der keltischen Herkunft behandeln sie, soweit wir sehen, in der Studie und in öffentlichen Äußerungen gar nicht!*) Dabei ist es total wesentlich. Schon in der ersten Generation ab 400 sehen wir Germanen und Kelten miteinander vermischt! Die Bajuwaren sind also schon um 400 keine reinen Germanen mehr. (Außerdem gibt es auch noch eine Person mit Herkunft aus dem östlichen Mittelmeerraum, vielleicht eine geraubte Sklavin aus der Region südlich der Isar, wer weiß.)

Sowohl Menschen mit keltischer als auch Menschen mit germanischer Herkunft sehen wir in Bayern, Main-Hessen und an der österreichischen Donau vereinzelt vor 470 nach römischem Grabbrauch bestattet (Abb. 4, Grafik a). (Vielleicht römische Offiziere oder Soldaten oder ähnlich.) In jeder der genannten Regionen fand ja der Übergang von römischer Verwaltung zu selbst verwalteten, freien germanischen Stämmen zu unterschiedlichen Zeiten statt. Vielleicht ist die Zeitangabe "vor 470" deshalb auch viel zu grobkörnig. Auch das könnte kritisiert werden. Die große Mehrheit jedenfalls der Menschen, die in Bayern und in Main-Hessen und an der österreichischen Donau nach römischen Grabbrauch bestattet sind, stammen aus dem östlichen Mittelmeerraum oder vom Balkan. "Römer" eben. Hochkultur. Ebenfalls ein spannender Befund. Hier könnte es sich zu nicht geringen Teilen um Heeres-Angehörige, ihre Familien oder um "Heeres-Zulieferer" (Handwerker etc.) handeln oder um römische Zivilbeamte oder um Kolonen auf den großen römischen Landvillen und Latifundien. Oder um Bedienstete der Thermen. Oder um Menschen, die hinreißende Bronzeskulpturen herstellen können oder die sie zumindest aus dem Süden importieren, weil sie Geschmack für diese haben (Abb. 2 und 3).

Die Römer selbst blieben noch hundert Jahre länger als die römischen Legionen

Die südeuropäischen Menschen verschwinden aber nun nicht einfach mit den römischen Legionen und mit der römischen Verwaltung! Das hat bisher so eindeutig niemand gewußt. Vielmehr sehen wir auf Grafik b und c (Abb. 4) zwischen 470 und 620, daß sich die keltisch-germanische Mischbevölkerung der Reihengräberfelder mit den römischen Provinzialen vermischt. Diese werden alle - offenbar - in germanischer Tradition bestattet. Heirats-Grenzen zwischen den beiden Ausgangspopulationen scheint es nicht mehr zu geben (wenn wir die Studie richtig verstehen).

Abb. 6: Römisches Straßennetz in Bayern (nach Tom Brughmans, 2025) (Itinere) (s. ScAm2026) - Bei Iovisura ist hier allerdings kein "Isarübergang" eingezeichnet ;-)

Es kann spekuliert werden, welche Sprache diese Bevölkerung sprach. Da die römische Verwaltung zusammen gebrochen war, werden die Menschen zunehmend alt-bajuwarische oder - in Main-Hessen - alt-fränkische Dialekte gesprochen haben. 

Ab 620 n. Ztr. gibt es in Altheim dann jene Herkunftszusammensetzung in der Bevölkerung, die bis heute daselbst fortbesteht.

Aber dann entsteht erneut die Frage: Wenn es zuvor zur Vermischung gekommen war mit den zugezogenen römischen Provinzialen - wie kam es dann eigentlich danach wieder zu dieser erstaunlichen "Entmischung"? Warum hatten die Nachkommen der römischen Provinzialen keine Kinder? Uns fällt als Erklärung ein: Sie waren Sklaven. Und sie waren als solche auch gesellschaftlich gekennzeichnet. Und Sklaven blieben in der Geschichte auch sonst sehr oft kinderlos. Aber das ist an dieser Stelle zunächst nur Spekulation.

Ein kritischer Blick auf den Text der Studie

Wie unsensibel die Studie womöglich vorgeht, scheint uns an dem folgenden Zitat erkennbar zu sein (1):

In der frühesten Phase (400-470  n. Ztr.) (...) gruppieren sich die Individuen mit nordeuropäischen Individuen der Eisenzeit (Fig. 2a, Fig. S3 und Fig. S7.3 und S7.4 ) sowie mit heutigen Populationen, vor allem aus Norddeutschland (Fig. 2), den Niederlanden und Dänemark (Fig. S7.1 und S7.2 ), was mit einer nordischen Abstammung übereinstimmt (22). Im Folgenden verwenden wir den Begriff „nordische Abstammung“, um diesen genetischen Hintergrund zu bezeichnen.
In the earliest phase (400-470 ce) (...). These individuals cluster with Iron Age northern Europeans (Fig. 2a, Extended Data Fig. 3 and Supplementary Figs. 7.3 and 7.4) and with present-day populations, above all from Northern Germany (Fig. 2), the Netherlands and Denmark (Supplementary Figs. 7.1 and 7.2), consistent with northern ancestral origins22. Hereafter, we use the term ‘northern ancestry’ to denote this genetic background.

Kein Wort von Kelten. "Nordeuropa" ist ein ausgedehnter Begriff. Es schließt - wie der Text ausführt - neben Skandinavien Norddeutschland und die Niederlande mit ein. Soweit wir nicht eines Besseren belehrt werden, halten wir das für falsch oder doch für sehr unscharf, ungenau interpretiert.**) Diese Individuen "clustern" keineswegs nur mit "Nordeuropäern" allgemein (im genannten Sinne), sondern zum Beispiel auch mit eisenzeitlichen keltischen Bevölkerungen auf den britischen Inseln (braun gefärbt). Natürlich sind das auch "Nordeuropäer", werden aber im Text nicht genannt. Wir sind deshalb hochgradig verwirrt von diesem Text.

Da die Kelten als eigenständige Gruppierung nirgendwo in der Studie auftauchen, werden sie, soweit wir das erkennen können, offenbar unter dem Begriff "nordische Abstammung" verdeckt, anstatt von dieser unterschieden und für sich als eigenständige Gruppierung heraus gearbeitet. Und das, obwohl das zuvor ja schon so deutlich von den Forschungsgruppen um Eske Willerslev in Kopenhagen und um Johannes Krause in Leipzig geschehen war. Wie konnten das die Gutachter von "Nature" durchgehen lassen?

Ein Hunne in Altheim an der Isar (gest. um 540)

Es seien noch einige Details heraus gegriffen (1):

Ein Mann aus Altheim (Alh_245; 528–553  n. Ztr. ), der lange IBD-Abschnitte mit Individuen aus der Nekropole von Berel im heutigen Kasachstan teilt, hat etwa zwei Drittel seiner Abstammung ostasiatischen Ursprungs und ein Drittel von Bevölkerungsgruppen der westlichen Steppe.

Das wird heißen, daß er unter seine Vorfahren Hunnen und Sarmaten zählte wie sie typisch waren für den Hof und das Heer des Hunnenkönigs Attila (gest. 453). Aber 470, zwanzig Jahre nach dem Tod von Attila, war das Hunnenreich schon wieder zerfallen und die nachfolgenden Awaren waren um 540 noch nicht in Europa aufgetreten. Vielleicht hat ein Bajuware diesen Mann als Kriegskamerad, den er in byzantinischen Diensten kennengelernt hat, mit nach Altheim gebracht? Damit er dort seinen Lebensabend verbringen konnte? Oder handelte es sich erneut um einen Sklaven? Aber wie kommt die weit entfernte Verwandtschaft mit Kasachstan zustande? 

Außerdem erfahren wir von einem Menschenfund aus der Wetterau in Mittelhessen, 37 Kilometer nördlich von Frankfurt am Main, ähnliches (1):

Ein zeitgenössischer Mann aus Wölfersheim (W67) weist eine ähnliche, wenn auch geringere asiatische Abstammung auf, während Frauen aus dem späten fünften Jahrhundert mit künstlicher Schädeldeformation (Wh4 und Wh59) keine Steppen-Abstammung aufweisen und stattdessen Muster zeigen, die mit nachrömischer Vermischung übereinstimmen.

"Nachrömische Vermischung" soll wohl heißen, daß wir es hier mit den Vorfahren der heutigen Bayern, Hessen und Franken zu tun haben wie sie nach 620 üblich sind im befreiten Germanien und Rätien westlich und südlich des Limes.

David Neuhäuser hat nachgefragt

/ Ergänzung 13.8.2026 / Zwischenzeitlich hatten wir einen Autor dieser Studie mit unserer Frage angeschrieben. Am 30. Juni hatte er geantwortet und am Ende festgehalten:

In unseren Modellen ist zwar durchaus ein Ancestry-Anteil aus südwesteuropäischen Eisenzeitpopulationen zu sehen, dieser ist jedoch deutlich geringer als die Anteile aus Nord- und Südosteuropa. Ob es sich hier etwa um eine "keltische" Bevölkerung oder deren Nachfahren, die bereits in einer römisch geprägten Gesellschaft aufgegangen waren, gehandelt hat, läßt sich nicht eindeutig klären.

Drei Wochen später hat der Historiker David Neuhäuser (geb. 1986), der auch für Zeitschriften wie "Damals", "Die Zeit" oder den "Spiegel" schreibt, und der auch einen eigenen Podcast betreibt ("Damals & heute" [Yt]), in "Bild der Wissenschaft" einen lesenswerten Artikel über diese Forschungsstudie veröffentlicht. Hier taucht in der Wissenschafts-Berichterstattung zum ersten mal im Zusammenhang mit dieser Studie der Begriff "keltisch" auf. Ob Neuhäuser unsere Kritik gelesen hatte und dann bei Joachim Burger, dem Leiter der Forschungsgruppe, etwas kritischer nachgefragt hat? Wir möchten uns fast einreden, daß es so sein könnte. Es heißt nämlich (BdW21.7.26):

Wer schon in der vorrömischen Zeit in Bayern als Einheimischer lebte, läßt sich zumindest im Labor nicht leicht beantworten. „Es gibt nur wenige Daten darüber, wie die Bevölkerung in Mitteleuropa vor den Römern ausgesehen hat“, so Burger. Dagegen läßt sich ein in der Region begrabener Römer mit ostasiatischen Wurzeln dank dem Gräberfeld von Berel (Altaigebirge/Ostkasachstan) identifizieren - von dort gibt es Vergleichsfunde aus der Zeit vom Ende des 4. bis zum frühen 3. Jahrhundert v. Chr. Eine ähnliche Referenz gibt es für mögliche keltische Einschläge im bayerischen Altheim nicht. Man kann nur vermuten, daß alteingesessene Familien seit dem Beginn der römischen Besatzung über Generationen hinweg mit den römischen Neuankömmlingen zu einer gemischten reichsrömischen Bevölkerung verschmolzen sind, die sich vor allem in den Garnisonssiedlungen sammelte.

Damit haben zwei Autoren der Studie der von uns vorgetragenen These und Interpretation zumindest nicht rundweg widersprochen. Im Grunde haben sie ihr ja fast schon zugestimmt. Dabei scheint es doch für Laien wie uns gar nicht so schwer, die Hauptkomponenten-Analysen in unserer Abbildung 4 diesbezüglich zu deuten. Deshalb bleibt bei uns weiterhin allerhand Verwunderung bestehen, warum sich die Forscher zu diesem Thema so außerordentlich zurückhaltend äußern.  

____________

*) Wie verwirrend sich der Studienleiter Joachim Burger äußern kann, wird deutlich, wenn er sagt, in den frühesten Gräbern in Altheim fänden sich Personen, deren Vorfahren (1) "während der römischen Epoche" aus dem Norden Bayerns gekommen seien. Das ist der Sache nach schon richtig, klingt aber ganz mißverständlich. Viel wichtiger erscheint uns: Mit ihrer Ankunft war die römische Verwaltung doch - höchstwahrscheinlich - beendet oder doch zumindest im Niedergang. Burger sagt also (zit. n. LdkLandshut):

In den ältesten Gräbern der Zeit zwischen 410 und 470 n. Chr. finden wir in Altheim fast ausschließlich Personen, deren Vorfahren bereits während der römischen Epoche aus dem Norden nach Bayern gekommen waren. Über Generationen heirateten sie innerhalb ihrer Gruppe, doch gegen Ende des 5. Jahrhunderts vermischten sie sich mit der Bevölkerung aus römischen Stadt- und Militärsiedlungen. Diese ‚Römer‘ bildeten selbst keine abgeschlossene genetische Gemeinschaft. Ihre Vorfahren stammten aus den unterschiedlichsten Teilen Europas aber auch aus Asien, viele aus dem Balkan und Nordeuropa. Sie waren in der römischen Armee oder ihrem Gefolge in die Region gekommen

Das ist alles richtig. Aber wie gesagt: Die in Bayern noch im 5. Jahrhundert durch Geschichtsquellen bezeugten Vindeliker, die einheimische keltische Bevölkerung, kommt in der Aussage von Burger - so wie in seiner ganzen Studie - mit keinem Wort vor. Dieser Blog wird doch wohl sicher nicht der einzige sein, der diesen Mißstand kritisiert.
**) Ist hier in "nordisch" auch die polnische Aunjetitzer Kultur der Bronzezeit mit eingeschlossen? Dies könnte nach der angeführten Anmerkung 22 gefolgert werden, die eine Studie bezeichnet, die wir hier auf dem Blog schon ausgewertet haben (s. Stg25). Aber die Aunjetitzer Kultur unterschied sich ja genetisch sehr deutlich von der germanischen Herkunft in Skandinavien. Sie war eine Mischkultur zwischen Schnurkeramikern (Germanen-Vorfahren) und Glockenbecherleuten (Kelten-Vorfahren). 
***) Über die Hunnen der Zeit um 540 lesen wir (Wiki): "Hunnen dienten später noch als Söldner, etwa für Ostrom (während der Kriege Justinians wurden sie unter anderem von Belisar eingesetzt). Ein Teil der Hunnen unter Ernak wurde unter römischer Oberherrschaft in der späteren Dobrudscha angesiedelt. Andere ließen sich an der heutigen serbisch-bulgarischen Grenze nieder und gingen später in der dortigen Bevölkerung auf. An den Läufen der Unteren Wolga siedelten noch Reste der Hunno-Bulgaren. Vereinzelte Volkssplitter der Hunnen (die Kutriguren) wurden noch 559 von oströmischen Geschichtsschreibern erwähnt, als diese bis nach Korinth und Konstantinopel vorstießen. ..."

___________

  1. Blöcher, J., Vallini, L., Velte, M. et al. Demography and life histories across the Roman frontier in Germany 400–700 ce. Nature (2026). https://doi.org/10.1038/s41586-026-10437-3, 29.4.2026 (Nature2026)
  2. Vonderach, Andreas: Die anthropologische Erforschung Deutschlands. Ihre Geschichte und Ergebnisse von 1860 bis zur Gegenwart. Lindenbaum-Verlag , Beltheim-Schnellbach 2025
  3. Sebrich, Johannes: Das spätantik-frühmittelalterliche Gräberfeld von Essenbach-Altheim. Materialhefte zur Bayerischen Archäologie 110. Verlag Michael Laßleben, Kallmünz 2019 [Diss. Uni München 2017] (Akad)

Related Posts Plugin for WordPress, Blogger...

Beliebte Posts (*darunter finden sich leider selten neuere Beiträge*)

Registriert unter Wissenschafts-Blogs

bloggerei.de - deutsches Blogverzeichnis

Haftungsausschluß

Urheber- und Kennzeichenrecht

1. Der Autor ist bestrebt, in allen Publikationen die Urheberrechte der verwendeten Bilder, Grafiken, Tondokumente, Videosequenzen und Texte zu beachten, von ihm selbst erstellte Bilder, Grafiken, Tondokumente, Videosequenzen und Texte zu nutzen oder auf lizenzfreie Grafiken, Tondokumente, Videosequenzen und Texte zurückzugreifen.

2. Keine Abmahnung ohne sich vorher mit mir in Verbindung zu setzen.

Wenn der Inhalt oder die Aufmachung meiner Seiten gegen fremde Rechte Dritter oder gesetzliche Bestimmungen verstößt, so wünschen wir eine entsprechende Nachricht ohne Kostennote. Wir werden die entsprechenden Grafiken, Tondokumente, Videosequenzen und Texte sofort löschen, falls zu Recht beanstandet.