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Sonntag, 15. März 2026

Die Urheimat der Trichterbecherkultur - Lag sie in Kujawien?

Hatten die Menschen der Lengyel-Kultur, bzw. der Jordansmühler Kultur daran Anteil, an der Ethnogenese der Trichterbecher-Kultur?

Die Trichterbecherkultur (4.300 bis 2.800 v. Ztr) (Wikiengl) ist hier auf dem Blog bislang nur sehr stiefmütterlich behandelt worden (außer: Stg2026). Zu viele andere Themen waren uns bislang wichtiger gewesen.

Aufgrund einer neuen Studie sind wir gerade erstaunt, was für eine Vielfalt an Keramik sich schon in der Trichterbecherkultur findet (1) (Abb. 1 bis 4) und wie formschön diese anzusehen ist. Diese vielfältigen Keramikformen datieren auf die Zeit nach 3.500 v. Ztr. und werden auf Einflüsse der Badener Kultur (3.500-2.700 v. Ztr.) (Wiki) aus dem Mittleren Donauraum zurück geführt (1). Indem wir aber von dieser neuen Studie ausgehen, machen wir uns nach und nach eine Fülle von Zusammenhängen klar, die am Ende darauf hindeuten, daß die Trichterbecher-Kultur tatsächlich - wie schon 1975 von einem dänischen Archäologen vermutet (Wiki- in Kujawien an der Weichsel entstanden sein könnte (also in der ehemals deutschen Provinz Posen).

Abb. 1: Keramik der Trichterbecher-Kultur - Gefunden 2016 bei dem Dorf Slabencinek (poln. Sławęcinek), gelegen 3,5 Kilometer nördlich von Hohensalza (Inowrocław) (Wiki) in Kujawien, 3.500 bis 3.350 v. Ztr. (das Dorf wurde auf Deutsch auch Ruppertshof genannt) (aus 1) 

Der Leser mache sich also zunächst in diesem Blogartikel auf ein "Sammelsurium" an Themen gefaßt. Wir pflücken viele unaufällige "Erkenntnis-Blumen" am Wegesrand und geraten dabei unversehens zur etwaigen Klärung einer Frage, die den Bloginhaber schon seit mehreren Jahrzehnten umtreibt: Wo und wann entstand die Trichterbecher-Kultur?

Wir gehen die Dinge jedenfalls nach und nach durch so wie sie auch bei der Erarbeitung dieses Blogartikels in das Blickfeld gerieten: Die erwähnte Badener Kultur ist ab 3.500 v. Ztr. im Karpatenbecken entstanden. Mit ihr kam es - sozusagen - zu einem "Wiederaufleben", bzw. genauer: zu einer ersten Ausbreitung typischer (west-)europäischer, mittelneolithischer Bauerngenetik in das Karpatenbecken, ganz ohne die Beimischung von Karpaten-Jäger-Sammler-Genetik. Diese Beimischung hatte in dieser Region sowohl in der vorhergehenden Lengyel-Kultur wie auch in der nachfolgenden Řivnáč-Kultur gegeben (s. (Stg2021). Ebenso wenig hat es in der Badener Kultur - natürlich - Steppengenetik gegeben. Denn diese Steppengenetik entstand ja in genau jener Zeit ab 3.300 v. Ztr. erst innerhalb der Jamnaja-Kultur am Mittleren Dnjepr.

Und nun noch ein weiterer Umweg, bevor wir zu dem spannendsten Ergebnis dieses Blogartikels kommen.

Wurden Rad und Wagen in der Cucuteni-Tripolje-Kultur erfunden?

In diesen Zeitraum fällt auch die Erfindung des Rades und des von Rindern gezogenen Wagens. Da diese Erfindung noch wichtiger ist als die Vielfalt der Gefäßformen, fühlen wir uns getrieben, uns zunächst mit diesem Thema zu beschäftigen. Vor fünfzehn Jahren waren wir einmal total fasziniert davon, daß Rinderwagen-Prozessionen in der Zeit um 3.100 v. Ztr. in Nordjütland von Archäologen hatten nachgewiesen werden können (Stg2010). Damals stand für uns die Kugelamphoren-Kultur (3.300 bis 2.800 v. Ztr.) im Vordergrund. Auch aus der Badener Kultur, so wird auf den ersten Blick erkennbar, gibt es vergleichsweise viele und eindrucksvolle Wagendarstellungen. Aber noch ältere Wagendarstellungen gibt es - einerseits aus der Cucuteni-Tripolje-Kultur in der Ukraine (Abb. 8) und andererseits aus der Trichterbecher-Kultur fünfzig Kilometer nordöstlich von Krakau (Abb. 3). 2012 schrieb eine ungarische Archäologin darüber folgendermaßen (2, S. 19):

Zusammenfassend läßt sich sagen, daß Rad und Wagen höchstwahrscheinlich nicht aus Mesopotamien nach Europa gelangten. Es ist möglich, daß diese beiden Innovationen (...) aus dem Nordschwarzmeer-Raum stammen; die neuen Funde aus Nord- und Westeuropa aus dem späten Neolithikum legen jedoch die Vermutung nahe, daß Rad und Wagen gleichzeitig an verschiedenen Orten erfunden wurden. Dies würde die Unterschiede in Form und Stil erklären und warum ihnen in verschiedenen Gesellschaften und Glaubenssystemen Anatoliens und Europas unterschiedliche Funktionen zugeschrieben wurden.

Die Frage nach dem Entstehungsort oder der Entstehungsregion von Rad und Wagen ist weiterhin offen. Aber der Zeitraum kann immer mehr eingegrenzt werden. Nämlich auf die erste Hälfte des 4. Jahrtausends v. Ztr., grob ab 4.000 v. Ztr..

Abb. 2: Keramik der Trichterbecherr-Kultur - Gefunden 2016 bei dem Dorf Slabencinek (auch Ruppertshof; poln. Sławęcinek), 3,5 Kilometer nördlich von Hohensalza (Inowrocław) (Wiki) - 3.500 bis 3.350 v. Ztr. (aus 1)

Die ungarische Archäologin führt nämlich weiter aus (2, S. 22):

Abgesehen von den in der Steppe gefundenen Gefäßen mit Wagendarstellungen stammt die wohl bekannteste Darstellung eines Radfahrzeugs auf einem Keramikgefäß aus Bronocice in Polen (KRUK – MILISAUSKAS 1991, Abb. 3). Seine Entdeckung eröffnete ein neues Kapitel in der Erforschung europäischer Wagen. Das Gefäß konnte zuverlässig datiert werden: Radiokohlenstoffdatierungen ergaben, daß die Grube der Trichterbecherkultur, in der es gefunden wurde, älter ist als die Badener Kultur. Die eingeritzte Piktografie zeigt einen vierrädrigen Wagen mit einem rechteckigen Kasten. Auch die zentrale Zugstange ist abgebildet. In der Mitte ist ein weiteres Rad zu sehen, das nach Ansicht von Albert Lanting ein Ersatzrad oder ein heiliges Bild oder Objekt war (BAKKER et al. 1999, 784). Auch die Art der Zugvorrichtung konnte rekonstruiert werden (KRUK – MILISAUSKAS 1991, Abb. 2). Wir wissen, daß Rinder, vermutlich Ochsen, vor schwere Karren gespannt wurden, deren Achse sich mit dem Rad drehte, wie bei dem Fahrzeug auf dem Bronocice-Gefäß. Auch andere Symbole sind zu sehen (möglicherweise solche, die Wasser, Bäume oder Gebäude darstellen). Das Bronocice-Gefäß lieferte den eindeutigen Beweis, daß vierrädrige Fahrzeuge bereits lange vor dem Aufstieg der Baden-Kultur in Europa existierten (KRUK – MILISAUSKAS 1978, 1981, 1982, 1991, Abb. 3; BAKKER et al. 1999, Abb. 7).

Damit (Abb. 3) befinden wir uns also mitten in Geschehen rund um die Trichterbecher-Kultur.

Abb. 3: Ein berühmtes Keramikgefäß aus Bronocice, gelegen fünfzig Kilometer nordöstlich von Krakau, 3.550 v. Ztr. (Wiki) - Gefunden 1975, Archäologisches Museum Krakau - Er wird auf die Zeit vor der Badener Kultur datiert

Doch auch dies muß noch nicht der älteste, bisher vorliegende Nachweis von Rad und Wagen sein. Die ungarische Archäologin schreibt über die Zeit vor der "Boleraz-Phase", also vor der  frühesten Phase der Badener-Kultur (2, S. 23f):

Ein weiterer kürzlich gemachter Fund bestätigte die Vertrautheit mit Räder-Wagen vor der Boleráz-Zeit: eine stilisierte Rinderfigur auf Rädern, eine ungewöhnliche Kombination aus einem Wagen auf vier massiven Rädern und einem daran gespannten Ochsen (...). Über dieses faszinierende Modell ist nur wenig bekannt, außer daß es irgendwo in der Ukraine gefunden wurde und vermutlich in die Zeit zwischen 3950 und 3650 v. Ztr. datiert werden kann (CUCUTENI TRYPILLIA, Kat.-Nr. U-102, 263).
Another recent find too confirmed the familiarity with wheeled vehicles before the Boleráz period: a stylised cattle figurine set on wheels, a curious combination of a wagon rolling on four solid wheels and the oxen yoked to the wagon (Fig. 2. 1). Very little is known about this intriguing model save for the  fact that it was found somewhere in the Ukraine and that it can probably be dated  to the period between 3950 and 3650 BC (CUCUTENI TRYPILLIA, Cat. no. U-102, 263).

Die Abbildung dazu stellen wir - um ihrer Plumpheit willen! - ganz unten ein (Abb. 8). Denn es will uns nicht so recht in den Sinn, daß ausgerechnet ein solches "Kinderspielzeug" der älteste Hinweis auf Rad und Wagen sein soll (!). In diesem Zusammenhang ist nun immer auch zu erörtern die Entdeckung von Radspuren bei Flintbek bei Hamburg aus der Zeit um 3.400 v. Ztr. (UniKiel2017) (Wiki). Ähnlich wäre an das Galeriegrab von Züschen (Wiki) in Nordhessen zu erinnern mit seinen Wagendarstellungen, zugehörig zur Wartbergkultur aus der Zeit zwischen 3.500 und 2.800 v. Ztr.. Man sieht also, daß die Zeugnisse ab 3.500 v. Ztr. dichter werden, ebenso innerhalb der Badener Kultur (s. Abb. 7).

Jedenfalls: Schon an der Nutzung von Rinderwagen sollte - neben den Megalithgräbern der Elite - erkennbar sein, daß wir es europaweit und damit auch schon bei der Trichterbecher-Kultur mit sozial geschichteten Gesellschaften zu tun haben, Gesellschaften, die sich gliederten in Adel, Freie und Hörige, so wie sie erstmals ab 4.700 v. Ztr. im Pariser Becken und in der Bretagne entstanden waren und sich nach Osten ausgebreitet haben - zusammen mit "nichtmegalithischen Langgräbern" (s. Stg2025 und die beiden darauffolgenden Artikel).

Von dänischen Archäologen wird Kujawien seit 1975 als Urheimat der Trichterbecherkultur angesprochen

Schon 1975 suchte ein namhafter dänischer Archäologie - wie gesagt - den Ursprung der Trichterbecher-Kultur nicht in Schleswig-Holstein, sondern in Kujawien an der Mittleren Weichsel (bis 1918 die deutsche Provinz Posen) (Wiki):

Die Trichterbecherkultur entstand in den südlichen Küstenregionen der Ostsee, vermutlich in Kujawien an der Weichsel, da sowohl die Bewohner von Barkær als auch eine weitere, frühe Siedlung, Stengade auf Langeland, einen Bestattungsbrauch mit großen Ähnlichkeiten aufwiesen. Sie war als Zweig der Michelsberger Kultur aus dem Süden dorthin gelangt.

Als Zweig der Michelsberger Kultur? In Kujawien? Da müssen wir erneut weiter ausholen. Aber auf "Umwegen" macht man mitunter unerwartete Entdeckungen. 

Abb. 4: Tasse aus einem jungsteinzeitlichen Großsteingrab in der Fischbeker Heide im Hamburger Stadtteil Neugraben-Fischbek (Wiki) - Archäologisches Museum Hamburg

Auf Verbreitungskarten sehen wir zunächst, daß die Rössener Kultur (4790 bis 4550 v. Ztr.) (Wiki) sich vom Pariser Becken bis nach Kujawien und bis nach Böhmen ausgebreitet hat (als Auswirkung der "Französischen Revolution" von 4.700 v. Ztr.). Und tatsächlich ist in der Oder-Mündungs-Region die Abfolge der Kulturen: Bandkeramik, Stichbandkeramik, Rössen (10). In Böhmen herrschte von 4.900 bis 4.300 v. Ztr. genetische Kontinuität ausgehend von den Bandkeramikern, und zwar in Form der Stichbandkeramik (Stg2021), die deshalb vielleicht auch in der Oder-Mündungs-Region genetische Kontinutität repräsentierte. 

In Böhmen folgt auf die Stichbandkeramik dann die Jordansmühler Kultur (Wiki). Sie ist von den Archäogenetikern schon charakterisiert worden (Stg2021). Sie wird hier nun als eine Untergruppe der Lengyel-Kultur (5.000 bis 4.000 v. Ztr.) (Wiki, engl) angesprochen (s.a. Abb. 8). Und indem wir uns diesen Umstand klar machen, kommt uns der Gedanke: Womöglich läßt sich daraus schlußfolgern, daß das genetische Profil der Jordansmühler Kultur auf die gesamte Lengyel-Kultur zutrifft (?). Dann hätte sich das genetische Profil der Jordansmühler Kultur, bzw. der Lengyel-Kultur womöglich von der Donau bis nach Kujawien ausgebreitet und (womöglich) dort dasjenige der Rössener Kultur ersetzt - oder aber es hätte sich dort mit Resten von Nachkommen von Bandkeramikern vermischt. Ob von dieser Kultur dann Anregungen ausgingen zur Entstehung der Trichterbecher-Kultur? Wir lesen auf dem polnischen Wikipedia zur Lengyel-Kultur (Wiki):

Die Lengyel-Kultur war eine neolithische Kultur (ca. 5000–4000 v. Ztr.), hervorgegangen aus den Donaukulturen, benannt nach dem Dorf Lengyel in der Region Tolna bei Kaposvár in Ungarn. Ihre Fortsetzung war die Jordansmühler Kultur. Die Angehörigen dieser Kultur besiedelten Gebiete des heutigen Polens (Schlesien, Kleinpolen, die Warthe-Region und Kujawien), der Tschechischen Republik (Südmähren), der Westslowakei, Westungarns sowie angrenzende Teile Österreichs, Sloweniens und Kroatiens. In Polen vermischten sich Elemente der Lengyel-Kultur mit Elementen der Polgar-Kultur und bildeten so den sogenannten Lengyel-Polgar-Komplex. 

Hier ist offenbar die Tiszapolgár-Kultur (4.500 bis 4.000 v. Ztr.) (Wiki) aus dem Karpatenbecken angesprochen. Da die Jordansmühler-Kultur durch Jäger-Sammler-Genetik der Karpaten geprägt ist (Stg2021) und damit vermutlich auch die Lengyel-Kultur, könnte dieser Umstand natürlich auch auf die  Tiszapolgár-Kultur zutreffen, deren räumlicher Bezug zu den Karpaten ja sowieso der nächste war. 

Abb. 5: Rindergespann aus Bythin (poln. Bytyń), 30 Kilometer westlich der Stadt Posen, Arsenische Bronze, 4. Jhtsd. v. Ztr., 

Die nun im dänischen Wikipedia-Zitat genannte Michelsberger Kultur (4.400 bis 3.500 v. Ztr.) stammte erneut wohl aus der damaligen gesellschaftlichen Innovationsschmiede des Pariser Beckens und hat sich - wenn man sich Verbreitungskarten ansieht - in Böhmen zwar noch ein wenig über die Elbe ausgebreitet, aber keineswegs bis zur Oder oder über diese hinaus. Im Museum in Pilsen wird durchaus Keramik der Michelsberger Kultur gezeigt (Wiki). Aber die Archäogenetiker stellen im Gegensatz zu dieser Verbreitungskarte fest, daß ab 3.100 v. Ztr. auch in Böhmen Menschen mit Trichterbecher-Genetik siedeln (Stg2021). Auf eine Genetik, die mit der Michelsberger Kultur zusammen hängt, scheinen sie nicht gestoßen zu sein. Bislang.

Woher stammt der "nichtlokale" Jäger-Sammler-Herkunftsanteil der Trichterbecher-Kultur?

Uns fällt an dieser Stelle noch ein weiterer Umstand auf - und damit kommen wir zur Zentralaussage des vorliegenen Blogartikels:

In der Trichterbecher-Genetik fanden die Archäogenetiker schon 2021 einen kleinen Anteil Karpaten-Jäger-Sammler-Genetik (Stg2021). Ist das nicht doch ein Hinweis darauf, daß die Trichterbecher-Kultur in Kujawien entstanden sein könnte, bis wohin sich diese Karpaten-Jäger-Sammler-Genetik mit der Lengyel-Kultur, bzw. mit der Jordansmühler Kultur ausgebreitet haben könnte? Diese Frage läßt uns noch einmal in die Willerslev-Studie von 2024 hinein schauen. Und in der Tat: auch sie hatte überraschend hohe Übereinstimmungen des Jäger-Sammler-Herkunftsanteils der Trichterbecher-Leute ausgerechnet mit Jägern und Sammlern aus dem Karpatenraum gefunden (s. Stg2026, und darin die Abb. 2 und darin die 3. Grafik ganz rechts). Und sie hatte deshalb geschlußfolgert, daß der Jäger-Sammler-Herkunftsanteil der Trichterbecher-Kultur in Dänemark "nichtlokaler" Herkunft sei. (Eine Schlußfolgerung, die uns vor einigen Monaten noch ganz unplausibel vorkam: Stg2026.)

Aber mit all dem rücken die Ergebnisse der archäogenetischen Böhmen-Studie von 2021 in ganz neue Zusammenhänge! Ebenso die Ergebnisse der Willerslev-Studie von 2024. In räumlich viel weitergehende als bislang - zumindest von uns - geschlußfolgert. Ob die Archäogenetiker und die Archäologen bezüglich dieser Frage schon aufeinander aufmerksam geworden sind? Wir sehen dafür bislang keine Hinweise. Der Krakauer Archäologe Marek Nowak scheint uns am ehesten prädestiniert, auf diese Zusammenhänge aufmerksam werden zu können. Über seine innovativen Forschungen haben wir schon 2021 hier auf dem Blog berichtet (Stg2021), er schreibt brauchbare Übersichtsarbeiten (8) und stellt schwedischen Archäogenetikern Untersuchungsmaterial aus seinen Ausgrabungen zur Verfügung (9). 

Der vorliegenden Blogartikel hat zwei Folgeartikeln nach sich gezogen. In diesen beziehen wir uns noch einmal ausführlicher auf die Beiträge in Schrift und Video-Form von Marek Nowak (Stg26a, Stg26b).

Kujawien und seine Salzvorkommen - Von vielen mittelneolithischen Kulturen begehrt

Doch nun zunächst zu dem ursprünglichen Ausgangspunkt zurück, zur Vielfalt der Keramikformen innerhalb der Späten Trichterbecher-Kultur ab 3.500 v. Ztr. In der eingangs genannten neuen Studie heißt über diese spätere Phase (1):

Dieses Gesamtbild änderte sich um 3650/3500 v. Ztr. grundlegend, als die Badener Kultur des Karpatenbeckens, die eine über die Kultur hinausgehende Ausgestaltung neuer gemeinsamer Werte und sozialer Möglichkeiten aufwies, sich über einen Großteil Mitteleuropas erstreckte und von den Trichterbecher-Bauern auf dem Gebiet des heutigen Polens mehr oder weniger selektiv übernommen wurde. In dieser Zeit war Europa durch ein Netzwerk von Austausch und sozialen Aktivitäten miteinander verbunden, das von Kleinpolen und Süddeutschland bis in die Ostalpenregion und von Südpolen, Mähren und der Slowakei über Ungarn bis nach Serbien reichte. Die alte Vorstellung von monumentaler Architektur wurde durch das Aufkommen neuer Einstellungen zum Tod und zur Bestattung, wie sie sich in Siedlungsbestattungen und Feuerbestattungen zeigten, in Frage gestellt. Die Siedlungen wurden nun zu Orten, an denen sich ritueller und häuslicher Bereich trafen und vermischten (...). Zentrale Hauptorte entwickelten sich zu Bezugspunkten für die benachbarten Weiler und prägten die sozialen und politischen Entwicklungen in der Region, wie beispielsweise an den Trichterbecher-Fundstätten Bronocice und Kałdus erkennbar ist.

Das hier erwähnte Bronocice liegt 50 Kilometer nordöstlich von Krakau. Dort wurde die schon behandelte frühe Rinderwagendarstellung gefunden (s. Abb. 3). Kaldus (Wiki) liegt 3 Kilometer südlich von Kulm, 40 Kilometer nördlich von Thorn am Ostufer der Weichsel (GMaps).*) 

Abb. 6: Trichterbecher aus Skarp Salling, Dänemark (Wiki), 3.200 v. Ztr., Nationalmuseum Kopenhagen

Weiter heißt es über die spätere Phase der Trichterbecher-Kultur ab 3.500 v. Ztr. (1):

Eine engere Kontaktzone entstand in Kleinpolen und Schlesien, wo die stilistischen Einflüsse der Badener Kultur besonders im Keramikrepertoire der Trichterbecher-Kultur deutlich ausgeprägt sind. Darüber hinaus läßt sich eine Kette von Verbindungen zwischen Baden und Trichterbecher-Kultur (der sogenannte "Badenisierungs-Prozeß") anhand der Fortschritte in Ackerbau und Tierhaltung nachvollziehen, insbesondere durch die Einführung neuer landwirtschaftlicher Techniken wie Düngung und Zugtierhaltung. Grundlegend für diesen Prozeß war die zunehmende Bedeutung tierischer Nebenprodukte, erkennbar an der Sterblichkeitsrate und dem Geschlechterverhältnis der Herden sowie an Keramikfunden mit Milchfetten und -proteinen, zusammen mit der weitverbreiteten Verwendung von konischen Spinnwirteln und anderem Webzubehör.

Weiter lesen wir (1):

Die zunehmenden Verbindungen zwischen den Regionen der Trichterbecher- und der Baden-Kultur förderten den Austausch von Luxusgütern wie Feuersteinäxten und makrolithischen, retuschierten Klingen sowie Metallen. Diese Objekte wurden von den lokalen Machteliten der Trichterbecher-Kultur in Polen als Mittel zur Manifestation ihrer jeweiligen sozialen und politischen Interessen angenommen. Die fortwährenden Impulse der Badener Kultur führten auch zur Entstehung gemeinsamer Konventionen für öffentliche Trinkrituale, bei denen verschiedene Keramikgefäße aus dem lokalen Repertoire der Trichterbecher-Kultur verwendet wurden, darunter Becher mit hornförmigen Henkeln (ansa lunata), weithalsige Becher, Gläser und Flaschen mit Kragen. Die materiellen Zeugnisse dieses Prozesses lassen sich nun bis zur Trichterbecher-Fundstätte Slabencinek in Kujawien, Zentralpolen, zurückverfolgen, wo ein Trinkgeschirr entdeckt wurde, das für Milchprodukte verwendet wurde. Das Trinkgeschirr und andere Funde der Fundstätte geben Einblicke in die sozialen und rituellen Aspekte der Verschmelzung von Elementen der Baden-Kultur mit den lokalen Gegebenheiten. Die Funde tragen auch zu unserem Verständnis des komplexen Zusammenspiels zwischen Milchwirtschaft, Trinkritualen und den frühesten Rinderwagen bei.

Das hier erwähnte Dorf Slabencinek (auch Ruppertshof; poln. Sławęcinek) liegt 3,5 Kilometer nördlich von Hohensalza (Inowrocław) (Wiki) und 40 Kilometer westlich von Thorn an der Weichsel. Es liegt im früheren Kreis Hohensalza (Wiki).**) 

Abb. 7: Rekonstruktion eines tönernen Wagens der Badener Kultur mit Scheibenrädern von Szigetszentmárton (Ungarn), nach 3.500 v. Ztr. (Museum)

Anhand der Trichterbecher-Gefäße von Slabencinek in Kujawien gelang der Nachweis, daß in ihnen Milchprodukte konsumiert worden sind (Arch2023). Und das, obwohl die angeborene Laktoseintoleranz bei Erwachsenen zu dieser Zeit vorherrschend war, wie man inzwischen sicher durch die Archäogenetik weiß. Das heißt, daß es sich bei den konsumierten Milchprodukten um verarbeitete Milchprodukte gehandelt haben muß - wie Kefir, Jogurth oder ähnliche.

Uns wird bei Erarbeitung dieses Blogartikels erst bewußt, wie sehr es sogar für den rein wissenschaftlichen Fortschritt schädlich ist, daß wir Deutschen die Heimat von einem Viertel unserer Vorfahren (insgesamt gesehen) so ganz und gar aus den Augen verloren haben. Schon rein für das Verständnis vorgeschichtlicher, archäologischer Zusammenhänge ist das nicht gerade vorteilhaft. Auch Marek Nowak macht auf die eingeschränkte Sichtweise der Forscher nur jeweils auf ihr eigenes Land aufmerksam (8).

Soweit wir können, wollen wir künftig die Arbeiten polnischer Archäologen regelmäßiger im Auge behalten. Durch die Übersetzungenfunktionen bei der Nutzung des Internets ist dies inzwischen auch immer leichter geworden. 

Es sei noch erwähnt: Das Dorf Bythin (poln. Bytyń) (Wiki) nahe dem Dorf Kazmierz (Wiki), wo ein bronzenes Rindergespann gefunden wurde (Abb. 5) liegt 30 Kilometer westlich der Stadt Posen, 17 Kilometer östlich der Stadt Pinne inmitten der vormalig deutschen Provinz Posen auf der Straße von Posen nach Küstrin an der Oder.

Festgehalten sei auch: In der ungarischen Stadt Kalasch (ungar. Budakalász) (Wikiungar) nahe von Budapest am rechten Donauufer fand man 1953 ein Wagenmodell (Wiki), das aus der Badener Kultur hervorgegangen ist, also auf die Zeit nach 3.500 v. Ztr. zu datieren ist (ähnlich wie Abb. 7).

Abb. 8: Wagenmodell aus der Cucuteni-Tripolje-Kultur aus der Zeit zwischen 3.900 und 3.500 v. Ztr.

Und ganz zum Schluß die bislang womöglich älteste Wagendarstellung der Welt, hervorgegangen aus der Cucuteni-Tripolje-Kultur in der ersten Hälfte des 4. Jahrtausends v. Ztr. (Abb. 8).

Archäologen diskutieren die Urheimat der Trichterbecher-Kultur (2013 bis 2020)

/ Ergänzungen 16.3.2026 / Die Ausführungen oben forderten noch weitere Literatur-Recherchen heraus. Ergebnis: Die Theorie, daß Kujawien die Urheimat der Trichterbecherkultur sein könnte, wird nicht nur von einem dänischen Archäologen, sondern auch von polnischen Archäologen schon seit vielen Jahren erörtert. Wir lesen etwa in einer Studie von 2013, die auch im Nachgang viel Diskussion in den Kreisen polnischer Archäologen ausgelöst hat (5):

... Die dritte Theorie geht von starken genetischen Verwandtschaftsverhältnissen zwischen der Trichterbecher-Kultur und der späten Lengyel-Kultur (der Brześć-Kujawski-Gruppe) in der Region Kujawien (Zentralpolen) aus. Sie stützt sich auf zwei sehr frühe C14-Datierungen aus den Fundstätten Sarnowo und Łącko in Kujawien (Zentralpolen) und weist auf Ähnlichkeiten in der Keramik- und Steingeräteproduktion zwischen der Brześć-Kujawski-Gruppe der Lengyel-Kultur und der sogenannten Sarnowo-Phase der Trichterbecher-Kultur hin (Domańska und Kośko 1974; Kośko 1980; 1981; Czerniak und Kośko 1993; Domańska 1995).
...The third theory suggests strong genetic relationships of the FBC and late Lengyel culture (the Brześć Kujawski Group) of the Kuyavia region (central Poland). It relies on two very early C14 dates from the sites of Sarnowo and Łącko at Kuyavia (Central Poland) and suggested similarities in pottery and lithic production between the Brześć Kujawski Group of the Lengyel Culture and the socalled Sarnowo phase of the FBC (Domańska and Kośko 1974; Kośko 1980; 1981; Czerniak and Kośko 1993; Domańska 1995).

Das Wort "genetisch" ist hier nicht wörtlich gemeint. 2013 steckte die Archäogenetik noch in den Kinderschuhen. - Man bezieht sich hier auf Studien der Lodscher Archäologin Lucyna Domańska (UniLodz)(Acad) (Resg). Weiter wird kritischer Weise ausgeführt (5):

Die Anfänge der östlichen Gruppe der Trichterbecher-Kultur sowie eines der Hauptkonzepte zu deren Genese basieren auf einzelnen Radiokohlenstoffdatierungen von zwei polnischen Fundstätten in der Region Kujawien, nämlich Sarnowo und Łącko: 4420±50 cal. v. Ztr. (5570±60 v. Chr. – GrN-5035; Bakker et al. 1969) bzw. 4430±110 cal. v. Ztr. (5570±110 v. Chr. – Gd-6019; Domańska und Kośko 1983). In beiden Fällen sind diese Datierungen aufgrund der geringen Qualität und des umstrittenen stratigraphischen (und kulturellen) Kontextes der analysierten Holzkohle grundsätzlich zweifelhaft (Bakker et al. 1969; Domańska und Kośko 1983; Nowak 2009, 263–266; Rybicka 2011). Ohne auf Details einzugehen (siehe dazu beispielsweise Nowak 2009, S. 263–266), erfüllen die Proben nicht die modernen Standards für die Radiokohlenstoffdatierung, und die Ergebnisse der C14-Analyse von Sarnowo und Łącko müssen als unzuverlässig verworfen werden. Dies ist symptomatisch dafür, daß für die gesamte östliche Gruppe der FBC nur zwei so frühe Datierungen vorliegen und es an weiteren Radiokohlenstoff- (oder anderen) Datierungen mangelt, die älter als etwa 4000 v. Chr. sind. Tatsächlich besteht eine Lücke von etwa 400 Kalenderjahren, und verläßliche C14-Datierungen der stilistisch ältesten Phase der FBC stammen aus der Zeit um die Wende vom 5. zum 4. Jahrtausend v. Ztr. Dazu gehören Fundstätten wie Renice 5, datiert auf etwa 3800–3750 v. Ztr. (Poz-3182: 4995 ± 35 v. Ztr., Poz-31781: 4990 ± 35 v. Ztr., Poz-34215: 4975 ± 35 v. Ztr.; Rzepecki 2011, 49), Strzelce-Krzyżanna 56 – ca. Kaliber 3827-3740. Ztr. (Utc-8559: 4980±50 BP, Ki-6180: 4950±50 BP, Ki-6179: 5020±60 BP; Rzepecki 2004, 98, Tab. 18), Łojewo 35 – ca. 3868 cal Ztr (Gd-6265: 5080±90 BP; Rzepecki 2004, 98, Tab. 18), insbesondere Redecz Krukowy 20. Von dieser letzten Fundstätte datieren mehrere C14-analysierte Proben organischer Substanz, die direkt von Gefäßen entnommen wurden, die Siedlung der Sarnowo-Phase auf etwa 4050 v. Ztr. und 3500 v. Ztr., wobei die meisten Datierungen zwischen 4050 und 3850 v. Ztr. liegen (Papiernik 2012). Erwähnenswert ist, daß die neuen Datierungen aus Sarnowo ebenfalls direkt an Keramikfragmenten vorgenommen wurden. Diejenigen, die offenbar der frühesten Phase der FBC zuzuordnen sind, sind deutlich jünger als die oben genannte, zweifelhafte Datierung (ca. 3773 v. Chr., Ki-15742: 4940 ± 90 BP; ca. 3540 v. Chr., Ki-15743: 4790 ± 80 BP; Rybicka 2011). Zusammenfassend läßt sich nach den verfügbaren Daten der Beginn der ältesten Phase der FBC in Kujawien auf etwa 4000 v. Ztr. datieren.
The beginnings of the Eastern Group of the FBC, as well as one of the main concepts on the genesis of the FBC, are based on single radiocarbon dates from two Polish sites in the Kuyavia region, namely Sarnowo and Łącko: 4420±50 cal. BC (5570±60 bp – GrN- 5035; Bakker et al. 1969) and 4430±110 cal. BC (5570±110 bp – Gd-6019; Domańska and Kośko 1983) respectively. In both cases these dates fundamentally doubtful because of the poor quality and controversial stratigraphic (and cultural) context of the analyzed charcoal (Bakker et al. 1969; Domańska and Kośko 1983; Nowak 2009, 263-266; Rybicka 2011). Without going into detail (for that see for instance Nowak 2009, 263-266), the samples do not meet modern standards for radiocarbon analysis and the results of C14 analysis from Sarnowo and Łącko have to be rejected as unreliable. This is symptomatic, that for whole of the Eastern Group of the FBC only two such early dates exist and there is a lack of other radiocarbon (or other) dates older than about 4000 cal. BC. In fact we have a hiatus of about 400 calendar years, and reliable C14 dates of the stylistically oldest phase of the FBC come from the turn of the 5th and 4th millennia cal. BC. These include sites such as Renice 5, dated at about 3800-3750 cal. BC (Poz-3182: 4995±35 BP, Poz-31781: 4990±35 BP, Poz-34215: 4975±35 BP; Rzepecki 2011, 49), Strzelce-Krzyżanna 56 – ca. 3827-3740 cal. BC (Utc-8559: 4980±50 BP, Ki-6180: 4950±50 BP, Ki-6179: 5020±60 BP; Rzepecki 2004, 98, tab. 18), Łojewo 35 – ca. 3868 cal BC (Gd-6265: 5080±90 BP; Rzepecki 2004, 98, tab. 18), and especially Redecz Krukowy 20. From this last site several C14 analyzed samples of organic matter sampled directly from vessels date the Sarnowo phase settlement in the range of 4050 and 3500 cal BC, with most of dates between 4050 and 3850 cal. BC (Papiernik 2012). It is worth mentioning that the new dates from Sarnowo are also made directly on pottery fragments. Those apparently belonging to the earliest FBC phase are much younger than the above cited doubtful date (ca. 3773 cal. BC, Ki-15742: 4940±90 BP; ca. 3540 cal. BC, Ki-15743: 4790±80 BP; Rybicka 2011). Summing up, according to accessible data the beginnings of the oldest phase of the FBC at Kuyavia can be dated to around 4000 cal. BC. 

Und dann wird auf deutsch-polnische Ausgrabungen bei Neuwasser in Pommern Bezug genommen, denen wir hier auf dem Blog auch schon einen Artikel gewidmet hatten (Stg2017). Es wird ausgeführt (5):

Wichtige Erkenntnisse, die den Beginn der östlichen Gruppe der Trichterbecher-Kultur etwas weiter zurückdatieren, stammen aus den letzten Grabungskampagnen in Neuwasser (poln. Dąbki). Eine der Fundstellen (Nr. 38) der spätmesolithischen Siedlung barg eine faszinierende Ansammlung von mehreren hundert mesolithischen Feuersteinartefakten, Fragmenten typischer Spitzbodengefäße sowie zweier Trichterbecher und Abfallprodukte der Bernsteinscheibenherstellung (Abb. 12). Die Fragmente mesolithischer Gefäße gehören zu mindestens sechs Spitzbodengefäßen, die mit einer einzelnen Reihe kleiner Löcher unter dem Rand und Einkerbungen am Randrand verziert sind. Der Ton ist mit Granit gemagert. Beide Trichterbecher sind im „Sarnowo“-Stil gefertigt und weisen eine leicht S-förmige Gefäßform, eine Verzierung in Form einer einzelnen Reihe kleiner, unregelmäßiger Stempel unter dem Rand und – typisch für Kujawien – eine Magerung aus Schamotte auf (deutlich anders als die lokale, mineralische Magerung). Die ähnlichsten Funde sind beispielsweise Becher aus Sarnowo (Czerniak 1994, Abb. 25: 2, 5, 17). Ein an einer der Scherben haftendes Holzkohlefragment wurde mittels Radiokohlenstoffdatierung auf 4090±80 v. Ztr. (Poz-49886: 5250±40 BP) datiert.
Important evidence that moves back the beginnings of the Eastern Group of the FBC slightly comes from the last seasons of research at Dąbki. One of the features (No. 38) at the late Mesolithic settlement produced an intriguing assemblage of a few hundred Mesolithic flint artefacts, fragments of typical pointed-bottom vessels and of two funnel beakers and waste from amber discs production (Fig. 12). The fragments of Mesolithic vessels belong to at least six pointed-bottom vessels decorated with a single row of small holes under the rim and indentions at the edge of the rim. The clay is granite tempered. Both funnel beakers are made in the “Sarnowo” style with a gently S-profiled vessel shape, decoration in the form of a single row of small irregular stamps below the edge of the rim and, typically for Kuyavia chamote temper (distinctively different from the local, mineral one). The closest analogies are for instance beakers from Sarnowo (Czerniak 1994, fig. 25: 2, 5, 17). A fragment of charcoal attached to one of the sherds has been radiocarbon dated to 4090±80 cal. BC (Poz-49886: 5250±40 BP).

Auch solche Ausführungen sind später wieder kritisch infrage gestellt worden, da in Neuwasser ein großes Durcheinander in den Keramikscherben vorzuliegen scheint statt einer wünschenswerten klaren Trennung in unterschiedliche Schichten. Allgemeiner wird zu Neuwasser (Dąbki) ausgeführt (5):

Es besteht kein Zweifel, daß sich die Lebensweise der Trichterbecher-Gruppe in Neuwasser in den ersten Jahrhunderten nicht von der des späten Mesolithikums unterschied und auf intensiver Jagd, Sammeln und Fischfang beruhte. Aktuellen Daten zufolge gibt es eine kurze Besiedlungslücke von etwa 150-200 Kalenderjahren zwischen 3900 und 3700 v. Ztr.. Die letzte Phase der Trichterbecher-Siedlung wird auf etwa 3700–3600 v. Ztr. datiert; hier zeigen sich erste Spuren einer landwirtschaftlichen Wirtschaftsweise in Form von Getreidepollen im palynologischen Profil. Zahlreiche Importwaren, vorwiegend Keramikgefäße, belegen weitreichende und relativ systematische Beziehungen zu den bäuerlichen Gesellschaften des Donauraums von Beginn bis zum Ende der Besiedlung von Dąbki (Czekaj-Zastawny et al. 2011a; 2011b; 2011c), namentlich zur Linearbandkeramikkultur, zur Strichbandkeramikkultur, zur Lengyel-Kultur (insbesondere der Brześć-Kujawski-Gruppe) sowie zur Bodrogkeresztúr-Kultur der Ungarischen Tiefebene. Auch mit der westbaltischen Zone (Ertebølle-Kultur und FBC) wurden Beziehungen unterhalten.
It is beyond doubt that for the first hundreds of years the subsistence of the FBC group at Dąbki did not change from that of the Late Mesolithic and was based on intensive hunting, gathering and fishing. According to current data there is a short hiatus in site occupation of about 150–200 calendar years, between 3900–3700 cal. BC. The last stage of the Funnel Beaker settlement is dated to about 3700–3600 cal. BC and here the first traces of a farming economy are visible in the form of cereal pollen in the palynological profile. Numerous imported goods, mainly pottery vessels, prove wide and relatively systematic relations with Danubian farming societies from the very beginning to the end of the settlement at Dąbki (Czekaj-Zastawny et al. 2011a; 2011b; 2011c), namely Linear Band Pottery Culture, Stroke Band Pottery Culture, Lengyel Culture (especially Brześć Kujawski Group) as well as the Bodrogkeresztúr culture of the Hungarian Plain. Relations were also maintained with the Western Baltic zone (Ertebølle Culture and FBC).

Man hat es also bei Neuwasser um 4.000 v. Ztr. nicht mit einer typischen Trichterbecher-Siedlung zu tun, sondern mit mesolithischen Fischern, Jägern und Sammlern, die in Austausch-Prozessen mit bäuerlichen Siedlungen stehen, bzw. ggfs. auch selbst Trichterbecher-Keramik herstellen. - Uns erscheint es eher unwahrscheinlich, daß gerade hier an der Küste die Trichterbecher-Kultur entstanden sein soll (wie manche mutmaßen).

Bei genauerer Überlegung kommt uns noch der Gedanke, daß zu klären wäre, wie der höhere Karpaten-Jäger-Sammler-Herkunftsanteil der Jordansmühler Kultur (bzw. der Lengyel-Kultur) bei der Entstehung der Trichterbecher-Kultur geringer werden konnte. Dies kann eigentlich nur durch Vermischung mit unvermischten Nachkommen der Bandkeramik-Kultur zustande gekommen sein. Vielleicht lebten solche noch in der Brester Kulter (poln. Brześć Kujawski-Kultur) in Kujawien um 4.300 v. Ztr.. Von dieser wird ja wiederholt gesagt, daß sie vor Ort aus der Bandkeramik hervorgegangen sei. Oft sind es ja besonders "konservative" Bevölkerungs-Gruppen, die besonders befähigt zu sein scheinen, neue, große Völker zu begründen.

Abb.  9: Keramik der Lengyel-Kultur aus Schammerwitz, Kreis Ratibor in Oberschlesien - Malice-Kultur, Schlesisches Museum in Kattowitz (Wiki) (weitere Keramik der Lengyel-Kultur in Oberschlesien auch hier --> WikiC)

Achtung, hier bahnt sich ein neuer Umweg an. Wie es zur Ausbreitung der Bandkeramik durch die Mährische Pforte hindurch nach Schlesien bis ins Wartheland und die Weichsel aufwärts bis nach Kujawien und bis ins Kulmer Land in Westpreußen gekommen ist, hatten wir uns auch erst noch klar machen müssen. Auf all das wollen wir aber in zwei künftigen Blogartikeln noch detaillierter zu sprechen kommen (s. 8) (s Stg26aStg26b). Diese Ausbreitung bildete natürlich die Grundlage für alles, was auch im vorliegenden Blogartikel behandelt ist. Und auch diese Ausbreitung dürfte selbst vielen genuinen Bandkeramik-Kennern in Westeuropa nicht wirklich deutlich genug vor Augen stehen.

Die eben genannte Brester Kultur (Brześć Kujawski-Kultur) ist benannt nach der Stadt Brest (Wiki) in Kujawien (poln. Brześć Kujawski). Sie liegt erneut innerhalb der ehemaligen deutschen Provinz Posen, und zwar 13 Kilometer westlich von Włocławek an der Weichsel und 50 Kilometer südöstlich von Hohensalza (poln. Inowrocław) (GMaps). Während Hohensalza etwa in der Mitte der historischen Landschaft Kujawien (Wiki) liegt und Bromberg an der Weichsel im Norden, liegt Brest im südlichen Teil von Kujawien. Brest wird deutscherseits auch "Kujawisch Brest" genannt, die hiernach benannt Kultur wird aber in deutscher Sprache schlicht "Brester Kultur" genannt.

Abb. 8: Die nördliche Siedlungsgrenze der Ackerbau-Kulturen um 4.300 v. Ztr. - 1 Ertebolle-Siedlungsstätten, 2 Trichterbecher-Siedlungen (aus 7) (2018) - Eingezeichnet ist auch die Jade-Kupfer-Grenze, die wir in früheren Blogartikel 2025 schon behandelt haben

Den letzten Stand der rein archäologischen Diskussion zum Ursprung der Trichterbecherkultur an der nördlichen Siedlungsgrenze der Bauernkulturen zwischen Oder und Weichsel, zwischen Pommern und Kujawien (Abb. 8) scheint die Studie eines Danziger Archäologen aus dem Jahr 2018 zu repräsentieren (7). Diese sieht Pommersche Trichterbecher-Fundorte wie Dörsenthin (poln. Dzierżęcino) (Wiki) bei Köslin, gelegen 30 Kilometer südlich von Neuwasser (GMaps) oder Falkenwalde (poln. Tanowo), 14 Kilometer nördlich von Stettin in Pommern als repräsentativer an für "echte" Trichterbechersiedlungen als ausgerechnet Neuwasser an der Ostseeküste (7). Sicherlich mit Recht. Aber insbesondere seine beigegebene Karte (Abb. 8) ist recht "suggestiv".

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*) In Kaldus wurde neben der hier erwähnten Trichterbecher-Siedlung auch eine befestigte Siedlung der Lausitzer Kultur und eine Wikinger-Siedlung gefunden (Wiki). Das von uns schon behandelte Dorf Unislaw (Prl2019) liegt 14 Kilometer südlich von Kaldus.
**) Die 75.000 Einwohner des Kreises Hohensalza bestanden im Jahr 1905 zu 30% aus Deutschen und zu 70% aus Polen. Die Stadt Hohensalza selbst hatte 1871 7429 Einwohner, davon waren 2000 evangelisch, 3750 katholisch und 1560 jüdisch (Wiki). 1910 waren von den 25.600 Einwohnern in Hohensalza 58% Polen (16.000 Katholiken, 8400 Evangelische, 951 Juden; 2051 Militärpersonen). Der Anteil der Deutschen = Evangelischen war also auch hier recht hoch. Dieser Umstand tritt leicht in den Hintergrund. Die hier seit Jahrhunderten lebenden Deutschen, die mitgeholfen hatten, das Land wirtschaftlich auf die Höhe zu bringen, wurden schon zwischen 1919 und 1939 systematisch aus ihrer Heimat verdrängt.

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  1. A first toast in Kuyavia: New evidence for drinking rituals in Neolithic Europe from Sławęcinek, Poland. By Łukasz Kowalski, Kamil Adamczak, Magdalena Kozicka ... Jessica Hendy. Praehistorische Zeitschrift, March 2026 (Resg)
  2. Bondár Mária: Prehistoric wagon models in the Carpathian Basin (3500-1500 BC). Archaeolingua. Series minor 32, Budapest 2012 (Resg)
  3. Burmeister, Stefan: Innovationswege - Wege der Kommunikation. Erkenntnisprobleme am Beispiel des Wagens im 4. Jt. v. Chr, in: Sv. Hansen u. J. Müller (Hrsg.), Sozialarchäologische Perspektiven: Gesellschaftlicher Wandel 5000–1500 v. Chr. zwischen Atlantik und Kaukasus. Archäologie in Eurasien 24 (Mainz 2011) 211–240 (Acad)
  4. EmanuelHe: Rad und Wagen. 8. Juli 2020 (UniMünchen)
  5. Agnieszka Czekaj-Zastawny, Jacek Kabacinski, and Thomas Terberger: The Origin of the Funnel Beaker Culture from a southern Baltic coast perspective. In: Kadrow S. and Włodarczak P. (eds.), Environment and subsistence - forty years after Janusz Kruk’s „Settlement studies…” (= Studien zur Archäologie in Ostmitteleuropa / Studia nad Pradziejami Europy Środkowej 11). Rzeszów, Bonn: Mitel & Verlag Dr. Rudolf Habelt GmbH, 2013, 409-428 (Acad)
  6. Ulrich Dirks: Ein Fundplatz der frühen Trichterbecherkultur in der Uckermark – Neumeichow 8. In: Schnitt durch die Jahrtausende - Die Ausgrabungen auf der Trasse der EUGAL in Brandenburg. Arbeitsberichte zur Bodendenkmalpflege in Brandenburg 34, Brandenburgisches Landesamt für Denkmalpflege und Archäologisches Landesmuseum Wünsdorf 2020, S. 43ff (pdf)
  7. Lech Czerniak: The emergence of TRB communities in Pomerania. Prace i Mat. Muz. Łodz Ser. Arch. 47, 2016–2017 (2018), 103–130 (Acad)
  8. Nowak, Marek. "The first vs. second stage of neolithisation in Polish territories (to say nothing of the third?)." Documenta Praehistorica 46 (2019): 102-127 (Resg)
  9. Lindstedt, Freja. "Genetic affinities among individuals buried at a multi-period site in East-Central Europe." Examensarbeit für den Master of Science am Biology Education Centre and Department of Organismal Biology, Human Evolution, Universität Uppsala, betreut von Helena Malmström und Jules Koelman, 2023 (Diva-Portal)
  10. Dziewanowski, Marcin. "Dziewanowski Stylistic changes in the pottery production of the linear Pottery Culture in the Lower Odra in the light of most recent studies." Światowit (2023) 

Freitag, 9. Januar 2026

Zur Entstehung der Trichterbecherkultur

Haben Bandkeramiker in Ostholstein bis 4.300 v. Ztr. unvermischt überlebt und dann mit Angehörigen der Ertebolle-Kultur ein neues Volk gebildet?

Die hohen Wildtierknochenanteile an Fundplätzen der frühen Trichterbecherkultur sind 2005 von dem Kieler Archäologen Jan Steffens in einer Studie untersucht worden (1) (s. Abb. 1). 

Abb. 1: Jagdwildanteil in der Trichterbecherkultur (nach 2, bearbeitet von L. Ammer)*)

Diese Wildtierknochen-Anteile sind sehr eindrucksvoll. Denn sie waren nach dieser Studie vor allem in der Frühen Trichterbecherkultur in Ostholstein und Mecklenburg noch auffallend hoch (s. Abb. 1). Als eine Deutung dieses Umstandes wird deshalb in der Studie unter anderem vorgeschlagen (1):

.... J. Hoika (1993, 13 ff.) (...) Nach seiner Ansicht könnte es sich bei den wildtierreichen Fundstellen aus dem frühen Stadium der Trichterbecherkultur, wie z. B. Bebensee in Schleswig-Holstein, noch um die eigentlichen  Hauptsiedlungen  gehandelt  haben.  Dieser Vorstellung liegt die Annahme zugrunde, daß während der Stufe FN I erst ein geringer Teil des Nahrungsbedarfs durch Viehzucht und Ackerbau gedeckt wurde und Jagd und Sammeltätigkeit noch die eigentliche Lebensgrundlage bildeten. Eine überwiegend neolithische Wirtschaftsweise habe sich laut Hoika erst im weiteren Verlauf des Frühneolithikums durchgesetzt.  

Eine entsprechende grobe zeitliche Gliederung ist in Abbildung 1 nachträglich noch markiert worden (bearbeitet von Linus Ammer).

Woher stammt der Jäger-Sammler-Anteil der Trichterbecherkultur?

Nun gut, wir wissen seit Jahren: Die Menschen der Trichterbecherkultur trugen 20 bis 30 % einheimische, mesolithische, westeuropäische Jäger-Sammler-Genetik in sich. Mit der aktuellsten Willerslev-Studie von 2024 zu diesem Thema (2) hatten wir uns hier auf dem Blog noch gar nicht beschäftigt. Das Spannende aber ist, daß in dieser auch der Frage nachgegangen wird, woher der Jäger-Sammler-Herkunftsanteil der Trichterbecherkultur stammt, und daß dieser - so wie wir das verstehen - einheimische Genetik direkt aus Ostholstein und Dänemark darstellen könnte, das heißt: nicht aus anderen Regionen nach Ostholstein und Dänemark eingeführt worden ist (2):

Unter Verwendung einer genaueren Abstammungsmodellierung stellen wir fest, daß neolithische Trichterbecher-Kultur-assoziierte Individuen in Dänemark, Schweden und Polen ihre Jäger-Sammler-Abstammungskomponente überwiegend aus einer Quelle bezogen, die mit WHG (EuropeW_13500BP_8000BP) verwandt ist.
Using more proximate ancestry modelling, we find that Neolithic FBC-associated individuals across Denmark, Sweden and Poland derived their hunter-gatherer ancestry component predominantly from a source related to WHG (EuropeW_13500BP_8000BP).

Und diese Gruppierung lebte direkt vor Ort in Ostholstein und Dänemark (s. Abb. 2). 

Abb. 2: Welche Jäger-Sammler-Herkunft stammt mit derjenigen der TRB-Kultur am besten überein? ("Spatial distribution of estimated ancestry proportions of three different HG sources for Neolithic farmer individuals from Scandinavia and Poland") (aus 2)

Die Forscher schreiben aber weiter (2):

Unsere Ergebnisse belegen einen Bevölkerungswechsel in Dänemark zu Beginn der Neolithisierung durch Zuwanderer, die eine Mischung aus anatolischer neolithischer Bauernabstammung und nicht-lokaler Jäger- und Sammlerabstammung aufwiesen.
Our results demonstrate a population turnover in Denmark at the onset of the neolithisation by incomers who displayed a mix of Anatolian Neolithic farmer ancestry and non-local hunter-gatherer ancestry.

Warum hier so sicher von "nicht-lokaler Jäger-Sammler-Abstammung" die Rede ist, wird uns nicht klar. Vielleicht handelt es sich - nach Abb. 2 - ja bei der Jäger-Sammler-Herkunft auch um eine Reliktbevölkerung, die sich regional in Dänemark bis 4.000 v. Ztr. gehalten haben mag, obwohl es rundum zwischenzeitlich auch andere (osteuropäische) Jäger-Sammler-Herkünfte gab? 

Wir schließen jedenfalls - zumindest auf den ersten, laienhaften Blick, daß sich um 4.300 v. Ztr. Männer einer regionalen Untergruppe der Ertebolle-Kultur, die für ihre Zeit vergleichsweise archaische Genetik aufwiesen, in Ostholstein sich mit Frauen von Bevölkerungsresten der schon lange untergegangenen Bandkeramik-Kultur vermischt haben.

Ein ähnliches Szenario hat es ja zur gleichen Zeit auch in den nördlichen Karpaten zwischen Bevölkerungsresten der Bandkeramiker und den dortigen "Körös"-Jäger-Sammlern gegeben (Stg2021).

Woher stammt der Bauern-Herkunfts-Anteil der Trichterbecherkultur?

Hat es sich um ein solches Szenario gehandelt? Immerhin: Der nördlichste Fundort der Linearbandkeramik (LBK) liegt nach heutigem Forschungsstand - laut ChatGPT und zu unserer eigenen großen Überraschung - ausgerechnet bei Wangels-Blekendorf in Ostholstein (Schleswig-Holstein). Und ChatGPT gibt uns dazu auch die entsprechenden Literaturangaben - erschienen ab 1997/98 (3, 4): Der bandkeramische Fundplatz Wangels-Blekendorf liegt im Kreis Ostholstein etwa 5 km von der Ostsee entfernt und wird auf etwa 5300 - 5200 v. Ztr. datiert. Es wurden typische bandkeramische Keramik, Hausgrundrisse und Silexgeräte gefunden. ChatGPT sagt dazu:

Der Fundplatz markiert: die ökologische und kulturelle Grenze zwischen neolithischen Bauern der Bandkeramik und mesolithischen Ertebølle-Jägern im Ostseeraum, einen frühen Kontakt- und Austauschraum zwischen beiden Lebensweisen.

Es gibt nun nur noch ein Problem: Die Ethnogenese der Trichterbecherkultur vollzog sich erst knapp tausend Jahre später - und zwar höchstwahrscheinlich in derselben Region Ostholstein. Haben die Bandkeramiker in Ostholstein unvermischt noch weitere tausend Jahre fortbestanden, um dann - gemeinsam mit Ertebolle-Leuten - ab 4.300 v. Ztr. ein neues Volk, die Trichterbecherkultur zu bilden - so wie in Böhmen zur gleichen Zeit die Jordansmühler Kultur entstanden ist (Stg2021)?

Alle diese mittelneolithischen Ethnogenesen in Europa sind ja insgesamt noch nicht gut verstanden. Viele Archäologen weisen ja bezüglich der Ethnogenese der Trichterbecherkultur auch auf kulturelle Einflüsse der Michelsberger Kultur hin. (Aber die Michelsberger Kultur hatte ja schon ihren "eigenen" einheimischen mesolithischen Herkunftsanteil. Wenn sie nach Dänemark zugewandert wäre, hätte nach der Vermischung der westeuropäische Jäger-Sammler-Anteil ja noch höher sein müssen - das kann es also eigentlich nicht sein.)

Das starke Bevölkerungswachstum der Trichterbecherkultur

Um aber nun zum hoher Wildtier-Verzehr der frühen Trichterbecherkultur zurück zu kehren: Er würde in das genannte Szenario wunderbar hinein passen. Dieser war halt möglich noch so lange, so lange der Wildtier-Bestand hoch war. Nachdem sich die Siedlungsdichte die Trichterbecherkultur beträchtlich erhöht hat, wird das dann nicht mehr so einfach möglich gewesen sein. Zur Erhöhung der Siedlungsdichte in der Trichterbecherkultur teilt uns ChatGPT mit:

"Während der Trichterbecherkultur vervielfachte sich die Siedlungsdichte in Nord- und Mitteleuropa von unter 0,05 auf rund 1 Einwohner pro km² - ein Anstieg um etwa das 20- bis 30-Fache. Damit markiert die Trichterbecherkultur den ersten wirklich nachhaltigen demographischen Durchbruch nördlich der Lößgebiete."

Das macht es natürlich nachvollziehbar, daß es da mit umfangreicher Jagd dann bald zu Ende war. Fischfang und Wildtierfleisch waren zuvor gut bei Vitamin D-Mangel und der dunklen Haut der Ertebolle-Leute. Als diese Vitamin D-Versorgung zunehmend wegfiel, war es natürlich sinnvoll, daß sich die Haut der Menschen aufhellte. 

Wir haben ja hier auf dem Blog schon darauf hingewiesen, daß auch die ersten nichtmegalithischen Langgräber im Pariser Becken ab 4.500 v. Ztr. oder früher nur Jagd-Symbolik aufweisen und keinerlei Ackerbauern-Symbolik (Stg2025).

Abschließend noch einmal die Zusammenfassung der Willerslev-Studie von 2024 (2):

Wir stellen fest, daß dänische mesolithische Individuen der Maglemose-, Kongemose- und Ertebølle-Kulturen ein scharf umrissenes genetisches Cluster bilden, das in Beziehung steht zu anderen westeuropäischen Jägern und Sammlern (HGs). Trotz der Umbrüche in der materiellen Kultur zeigten sie genetische Kontinuität von 8.500 bis 3.900 v. Ztr., als sich neolithische Bauern mit anatolischer Herkunft  ausbreiteten.
Obwohl sich dieser Umbruch im Vergleich zu Mitteleuropa um mehr als ein Jahrtausend später vollzog, verlief er sehr abrupt und führte zu einem Bevölkerungswechsel mit nur wenig genetischem Anteil einheimischer Jäger-Sammler-Herkunft. Die nachfolgende neolithische Bevölkerung, die mit der Trichterbecherkultur in Verbindung gebracht wird, existierte nur etwa 1000 Jahre, bevor sich Menschen mit Vorfahren aus der östlichen Steppe ansiedelten.
Dieser zweite, ebenso schnelle Bevölkerungsaustausch führte zur Entstehung der Einzelgrab-Kultur mit einem Abstammungsprofil, das dem der heutigen Dänen schon sehr gut ähnelte. In unserem Multiproxy-Datensatz manifestieren sich diese großen demografischen Ereignisse als parallele Verschiebungen im Genotyp, Phänotyp, der Ernährung und der Landnutzung.
Abb. 3: Herkunftsanteile je Epoche (aus 2) - Hellgrün: westeuropäische Jäger und Sammler, Hellbraun: anatolisch-neolithische Herkunft, Dunkelgrün, dunkelrot und lila: Steppenherkunft

/ Ergänzung 17.1.26 / Sehr merkwürdig ist, daß in einer neuen Studie in "Antiquity" Eilsleben, gelegen 40 Kilometer westlich von Magdeburg in der Magdeburger Börde (GMaps), als der nördlichster Bandkeramik-Standort überhaupt angesprochen wird. "Wangels" wird in der ganzen Studie nicht erwähnt. Von Eilsleben bis Wangels sind es noch einmal 270 Kilometer. Aber die Forschung hatte auch schon vorgeschlagen, daß die Entfernung vom Wiener Becken bis Unterfranken von den Bandkeramikern innerhalb einer Generation überwunden worden wäre (Stg2022). Insofern muß auch die Überbrückung der Entfernung von Eilsleben bis Wangels für die Bandkeramiker keine Unmöglichkeit gewesen sein.

/ Ergänzung 22.3.26 / Nachdem wir inzwischen Kujawien an der Weichsel als Urheimat der Trichterbecher-Kultur in drei Blogartikeln erörtert haben (Stg26a, Stg26bStg26c) (aus Sicht von Archäogenetik und Archäologie), fällt uns bei Abbildung 1 auf, daß die Regionen mit hohem Wildtier-Anteil in den Regionen liegen, in denen es zuvor noch keine Ackerbau-Kulturen gegeben hatte, während die die Regionen mit niedrigem Wildtier-Anteil in jenen Regionen liegen, in denen es schon Ackerbau-Kulturen gegeben hat. In der diesbezüglichen Studie wird auch dieser Umstand als Erklärung für die Unterschiede erwogen (1):

Eine weitere Ursache könnte darin liegen, daß sich die verschiedenen Regionalgruppen der Trichterbecherkultur vor unterschiedlichen kulturellen Hintergründen entwickelt haben. Während das südliche Mitteleuropa bereits seit der Zeit der Linienbandkeramik von Ackerbau und Viehzucht betreibenden Kulturen besiedelt war, ist die Trichterbecherkultur in Norddeutschland und Südskandinavien die erste vollneolithische Kultur. Es liegt deshalb nahe zu vermuten,  daß im  Süden  des  Verbreitungsgebietes,  wo  eine  bäuerlich  geprägte  Wirtschaftsweise schon  seit  langem  etabliert  war,  durch den Einfluß älterer neolithischer Kulturen die Haltung von Haustieren  gegenüber  der  Jagd  bereits  von  Beginn  der  dortigen  Trichterbecherkultur an klar dominierte. Im Gegensatz dazu hielten  sich  im  Norden  neben  der  Landwirtschaft  teilweise  noch  bis  weit in das Mittelneolithikum Formen der Nahrungsbeschaffung,  die auf mesolithischen Traditionen beruhten.

Zumindest zwischen Oder und Weichsel wird für die Trichterbecher-Kultur ein "Auffüllen der Räume" zwischen den vormaligen bandkeramischen Siedlungskammern an Oder und Weichsel beobachtet. Dieses "Auffüllen der Räume" hätte ja zumindest in der Anfangszeit ebenfalls mit einem hohen Wildtieranteil einher gehen können.


Eine weitere Ursache könnte darin liegen, dass sich die verschie-denen Regionalgruppen der Trichterbecherkultur vor unterschied-lichen kulturellen Hintergründen entwickelt haben. Während das südliche Mitteleuropa bereits seit der Zeit der Linienbandkeramik von Ackerbau und Viehzucht betreibenden Kulturen besiedelt war, ist die Trichterbecherkultur in Norddeutschland und Südskandina-vien die erste vollneolithische Kultur. Es liegt deshalb nahe zu ver-muten, dass im Süden des Verbreitungsgebietes, wo eine bäuer-lich geprägte Wirtschaftsweise schon seit langem etabliert war, durch den Einfl uss älterer neolithischer Kulturen die Haltung von Haustieren gegenüber der Jagd bereits von Beginn der dortigen

Trichterbecherkultur an klar dominierte.   

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*) Korrektur: Die Bezeichnung "TBK Frühneolithikum" taucht zwar in der Literatur auf, ist aber mißverständlich oder sogar falsch. Denn das Frühneolithikum hat ja sogar in Ostholstein schon um 5.300 v. Ztr. mit der Bandkeramik begonnen. Und außerdem haben wir es bei der TBK - aus europaweiter Sicht - insgesamt natürlich mit dem Mittelneolithikum zu tun.

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  1. Steffens, Jan: Die Bedeutung der Jagd in der Trichterbecherkultur. In: Journal of Neolithic Archaeology, 15.12.2005. DOI: https://doi.org/10.12766/jna.2005.14 (UniKiel)
  2. Allentoft, M.E., Sikora, M., Fischer, A. et al. ... (Willerslev): 100 ancient genomes show repeated population turnovers in Neolithic Denmark. Nature 625, 329–337 (2024) (Nature2024), veröffentlicht 10.1.2024
  3. Hartz, S. „Frühbäuerliche Küstensiedlung im westlichen Teil der Oldenburger Grabenniederung (Wangels LA 505). Ein Vorbericht.“ Offa 54/55 (1997/98), S. 19-41 - zentrale Grabungs- und Auswertungsberichte zum Fundplatz Wangels LA 505 (inkl. Keramik, Stratigraphie).
  4. Hartz, S. / Lübke, H. / Heinrich, D. „Frühe Bauern an der Küste. Neue 14C-Daten und Aspekte zum Neolithisierungsprozeß im norddeutschen Ostseeküstengebiet.“ Prähistorische Zeitschrift 75 (2000), S. 129-152 - Diskussion zur Neolithisierung im Ostseeraum inkl. Wangels-Funde
  5. Dietrich L, Knoll F, Piezonka H, et al. LBK outpost of Eilsleben: hunter-farmer encounters in the borderlands of Early Neolithic Central Europe. Antiquity. Published online 2026:1-7. doi:10.15184/aqy.2025.10270 (Antiquity2026)

Sonntag, 18. Mai 2025

Der älteste, bekannte Glockenbecher-Mann lebte bei Soissons in Nordfrankreich

Entstand die Glockenbecher-Kultur im Aisne-Tal oder in Flandern (2.500 v. Ztr.)

Der bislang älteste, bekannte Glockenbecher-Mann lebte 115 Kilometer nordöstlich des heutigen Paris in der Nähe des heutigen Soissons (GMaps), so eine im März 2025 veröffentlichte Studie aus dem Labor von Eske Willerslev in Dänemark (1) (s. Stg3/25). Die Glockenbecher-Kultur ist autochthon am Niederrhein entstanden, so eine im Mai 2025 veröffentlichte Studie aus dem Labor von David Reich in den USA (Stg5/25). Also wo nun? Diese Frage treibt uns um. 

Abb. 1: Im Jahr 2023 vorliegende archäogenetische Daten zur Glockenbecher-Kultur - Nordfrankreich als weißer Fleck (aus: 4)

Schon 2023 vermutete man die Urheimat der Glockenbecher-Kultur in Nordfrankreich, allerdings gab es damals aus dieser Region noch keine archäogenetischen Daten (s. Abb. 1) (aus: 4). Die genannten neuen Veröffentlichungen ändern diese Situation - zumindest ein wenig.

Allerdings muß von Seiten eines Laien immer noch ein bisschen wild gesucht werden, bis er alle verfügbaren Daten über den in der Literatur erwähnten Fund und seine Örtlichkeit zusammen hat - über das bis dato offenbar älteste, bekannte Glockenbecher-Grab (1-3).

Im Text der Studie (1) ist als Alter angegeben "4463" (vor heute). Mit diesem Suchwort finden wir in den Datenanhängen der Studie das folgendermaßen gekennzeichnete Individuum (1):

"CBV95.brunel_2020_pnas | La Bouche−−Vesle | France_Neolithic_Campaniforme | R1b | 4463"

Der hier angegebene Fundort „La Bouche à Vesle“ führt zunächst nicht weiter, da es sich bloß um die Bezeichnung eines Flurstückes handelt (wie wir später erfahren). Und solche finden sich bekanntlich nicht auf Google Maps. Aber man hätte den Ortsnamen ja auch einmal einfach übersetzen können, er lautet "Die Mündung der Vesle", also Mündung des Flusses Vesle (in die Aisne). Daß es so einfach sein könnte, wird uns erst später klar. Schließlich führt die Angabe "brunel_2020_pnas" weiter. Es ist dies nämlich die Studie, in der die archäogenetischen Daten dieses Fundes zum ersten mal veröffentlicht worden sind (2), und zwar unter der Kennzeichnung "CBV95".

Der frühste Glockenbecher-Fund im Aisne-Tal (2.500 v. Ztr.)

Über das Suchwort „La Bouche à Vesle“ fand sich zumindest zunächst einmal ein Bericht der französischen Denkmalbehörde über die diesbezügliche Ausgrabung (Neolitiqueblog2016):

Im Dorf Ciry-Salsogne auf dem Flurstück „La Bouche à Vesle“ wurde eine auf etwa 2.574/2.452 v. Ztr. datierte Einzelbestattung aus der Glockenbecher-Kultur entdeckt. (...) Bei dem Verstorbenen handelt es sich um einen jungen, erwachsenen Mann im Alter von 20 bis 22 Jahren. Ihm ist ein für die damalige Zeit typischer Becher, ein Feuerstein-Messer und ein Hirschgeweihobjekt beigegeben worden (ein langes, bogenförmiges Daubensegment). Der Feuersteindolch wurde links vom Verstorbenen abgelegt; gemessen an der Stumpfheit seiner Kante und der sekundären Retusche ist er sehr häufig verwendet worden.

Das Flurstück liegt also an der Mündung der Vesle in die Aisne. Die Vesle kommt von Reims her, der Stadt, die fünfzig Kilometer weiter östlich liegt. An ihrer durch die beiden Flußläufe geschützten Mündung fanden die Archäologen eine Siedlung aus der späten Hallstatt-Zeit. Sie bestand aus mindestens 16 Gebäuden, umgeben von einer Palisade (AdlFI1999). Unabhängig von diesen Funden wurde dann hier auch das 2000 Jahre ältere, bis dato älteste Grab der Glockenbecher-Kultur entdeckt. 

Abb. 2: Ein 15 cm hoher Becher als Beigabe - Aus dem bis dato ältesten Glockenbecher-Grab weltweit im Aisne-Tal (aus: Neolitiqueblog2016)

In der archäologischen Studie, in der dieser Fund 2011 veröffentlicht wurde, heißt es (3): 

Im Jahr 2000 wurde ein Grab aus der Glockenbecherzeit entdeckt im nördlichen Teil des Dorfes Ciry-Salsogne im Aisne-Tal rund ein Dutzend Kilometer östlich der Stadt Soissons. Das Flurstück „La Bouche à Vesle“ liegt an der Vesle, in der Nähe der Mündung in die Aisne. Das untersuchte Flurstück (30 ha) besteht insgesamt aus einer ebene Fläche mit kiesigem Untergrund, geeignet für menschliche Besiedlung. Durch jüngste und frühere archäologische Eingriffe wurden zahlreiche Strukturen sowohl aus der Frühgeschichte als auch aus der Geschichte freigelegt (Desenne et al., 2000). Eine Rodung auf zwei Hektar ergab nun dieses isolierte Grab (Struktur 95) inmitten von Strukturen aus der Bronze- und Latènezeit. In der Umgebung wurden sonst keine Strukturen, Außenbestattungen oder anderen Bestattungen entdeckt (Desenne et al., 2000). (...) Eine Datierung durch das Groninger Labor ergab für dieses Grab eine Zeitstellung von 2574-2452 v. Ztr..

Die Veröffentlichung der archäogenetischen Daten zu diesem 20-jährigen Mann der Glockenbecher-Kultur erfolgte dann im Jahr 2020 (2) (Abb. 3, 4). 

Abb. 3: "CBV95" - Das bislang älteste, bekannte Glockenbecher-Individuum, das sich nahe von Soissons in Nordfrankreich fand, hatte offenbar ausschließlich Steppenherkunft (aus 2)

In der Studie heißt es (2):

Wir präsentieren zwei mit der Glockenbecherkultur assoziierte Individuen (CBV95 und PEI2), die wir zusammen mit bereits beschriebenen zeitgenössischen Individuen aus Europa, einschließlich Frankreich, analysiert haben (10). Mit der Glockenbecherkultur assoziierte französische Individuen weisen ein breites Spektrum an Steppenabstammungsanteilen auf (Abb. 1C und 2D). CBV95 in Nordfrankreich weist in unserem Datensatz den höchsten Anteil an Allelen der Jamnaja-Kultur auf und gehört zur Y-Chromosom-Haplogruppe R1b (Abb. 1C und 2D und SI-Anhang, Abb. S4-5), was den frühesten klaren Beweis für die Präsenz dieser Haplogruppe in Frankreich um 2500 v. Ztr. darstellt (Datensatz S10). Diese Linie wurde mit der Ankunft von Migranten aus der Steppe in Mitteleuropa während des Spätneolithikums in Verbindung gebracht und wurde in anderen Teilen Europas und bei mit der Glockenbecherkultur assoziierten Individuen aus Südfrankreich beschrieben, während sie auf der Iberischen Halbinsel vor der Bronzezeit fast nicht vorhanden war (10, 13).
We report two Bell Beaker-associated individuals (CBV95 and PEI2), that we coanalyzed with previously reported contemporaneous individuals from Europe, including France (10). French Beaker-associated individuals display a wide range of steppe-ancestry proportions (Figs. 1C and 2D). CBV95 in northern France derives the highest proportion of alleles from the Yamnaya in our dataset, and belongs to Y-chromosome haplogroup R1b (Figs. 1C and 2D and SI Appendix, Fig. S4-5), providing the earliest clear evidence of the presence of this haplogroup in France around 2500 BCE (Dataset S10). This lineage was associated with the arrival of migrants from the steppe in central Europe during the Late Neolithic, and was described in other parts of Europe and in Bell Beaker-associated individuals from southern France, while being almost absent in Iberia prior to the Bronze Age (10, 13).

Es wird dann noch die Angabe gemacht (1):

Vermischungsmodelle erbrachten überraschenderweise Villabruna nicht als Herkunftsanteil für CBV95 oder PEI2, was sich von bisher bekannten Individuen aus der Jungsteinzeit unterscheidet.
Surprisingly, the admixture model did not include Villabruna as an ancestry source for either CBV95 or PEI2, which differs from previously known Late Neolithic individuals.

Für CBV95 wollen wir das gelten lassen. Aber diese Aussage kontrastiert ja doch mit den Ergebnissen aus dem David Reich-Labor, wonach die westeuropäische Jäger-Sammler-Herkunft konstitutiv für die Ethnogenese der Glockenbecher-Kultur gewesen sein soll (Stg5/25). Wie auch immer sich dieser Widerspruch auflösen wird!*) Wenn es im Aisne-Tal um 2.500 v. Ztr. noch Menschen mit reiner Jamnaja-Genetik gab, obwohl sich die Schnurkeramik-Leute in Europa seit 500 Jahren mit Einheimischen vermischt hatten, sollte dieser Umstand auch auf eine genetisch sehr konservativ gebliebene indogermanische Bevölkerung im Aisne-Tal verweisen.

In einer weiteren der Studie beigegebenen Grafik wird "CBV95" dann als Ausgangspunkt gewählt der europaweiten Glockenbecher-Ausbreitung (Abb. 4): Ihm stehen genetisch zunächst Glockenbecher-Individuen, die in Deutschland und Großbritannien gefunden wurden, am nächsten. 

Abb. 4: Die Vermischung der Glockenbecher-Leute während ihrer Ausbreitung über Europa - CBV96 steht dem Ursprung am nächsten (aus: 1) ("D statistics of the form D(Mbuti, Test; Yamnaya_Samara, Anatolia_Neolithic) for individuals associated with the Bell Beaker cultural complex")

Glockenbecher-Individuen, die auf der iberischen Halbinsel gefunden wurden, sind genetisch weiter von ihm entfernt. Die unterschiedliche genetische Nähe ergibt sich wohl jeweils vor allem aufgrund der Vermischung mit jeweils einheimischen Vorbevölkerungen.

Ein Fürstensitz der Michelsberger Kultur im Vesle-Tal in Nordfrankreich (4.200 v. Ztr.)

Das Aisne-Tal in Nordfrankreich und das Tal des Vesle, die von Süden kommend in die Aisne mündet, werden seit vielen Jahren archäologisch erforscht. Ein regionales Zentrum der Michelsberger Kultur aus der Zeit um 4.200 v. Ztr. fand sich nahe Jonchery-sur-Vesles, 30 Kilometer von der Mündung der Vesle flußaufwärts entfernt (Neolitiqueblog2016):

Die bedeutendste Stätte aus dem Mittelneolithikum ist die von Jonchery-sur-Vesles (Michelsberg-Kultur, etwa 4.200 v. Ztr.). Ihre Ausgrabung wurde 2003 abgeschlossen. Es handelt sich bei ihr um eine Einfriedung mit einer Innenfläche von 5 Hektar. Diese besteht aus 4 bis 5 konzentrischen Gräben (also 3.500 Meter Gräben) mit einer oder mit zwei inneren Palisaden (also 1.500 Meter Palisaden, für die 600 Bäume gefällt werden mußten). Die archäologischen Funde sind bedeutsam (sie betragen 1 Tonne Keramik!) und sie zeugen von einem Ort mit einem bestimmten Zweck, vielleicht für zeremonielle Zwecke oder um die umliegenden Dorfgemeinschaften zusammenzubringen (Markt?). Neben dieser Fundstelle wurden für das Mittelneolithikum rund zwanzig weitere Fundstellen identifiziert.

Es dürfte sich um einen Fürstensitz am Westrand der Michelsberger Kultur (4.400 bis 3.500 v. Ztr) (Wiki) gehandelt haben, deren Volk sich von Ostbayern bis Nordfrankreich ausgebreitet hatte, und die dann von der Wartberg- und der Trichterbecher-Kultur abgelöst wurde. Rund um diese Ortschaft wurden Megalithgräber angelegt und genutzt zum Spätneolithikum, so daß auch das älteste Glockenbecher-Individuum an der Mündung der Vesle in Zusammenhang mit diesem kulturellen, politischen und wirtschaftlichen Zentrum gestanden haben kann. Bekanntlich haben sich ja die Schnurkeramiker schon 500 Jahre vorher im Weichselraum mit ihren Herden in den Randbereichen der Ackerbauern-Siedlungen aufgehalten (ebenso zeitgleich die Indogermanen in Anatolien, die Kura-Araxes-Kultur). 

Die Gegend bei Soissons - Ort von Entscheidungsschlachten des Ersten Weltkrieges

Die Gegend um Soissons weist eine reiche Geschichte auf (Wiki), schon in der Zeit der Gallischen Kriege des Julius Caesar. Der Zeithistoriker denkt vor allem an das Geschehen des Ersten Weltkrieges in dieser Region. Die Deutschen hatten sich im September 1914 entsprechend des Schlieffen-Planes im vollen Siegeslauf auf Paris befunden. Sie hatten nur noch wenig Gegenwehr vorgefunden, als sie überraschend hinter Soissons, hinter die Vesle und hinter Reims zurück gingen. Dies war ein Vorgang, der unter der Bezeichnung "Wunder an der Marne" in die Geschichte einging (Wiki), und der sich in der Zeit zwischen dem 9. und 13. September 1914 vollzog (s. Abb. 5). 

Eine entscheidende Rolle bei der Verwirklichung dieses "Wunders" spielte ein Oberstleutnant Richard Hentsch, der als Abgesandter des von Rudolf Steiner okkult beratenen deutschen Generalstabschefs Hellmuth von Moltke zwischen den Hauptquartieren der vormarschierenden deutschen Armeen wechselte und der der jeweils nächsten Armee, zu der er kam, von einer angeblich sehr pessimistischen Sicht auf die Lage berichtete auf Seiten jener Armee, von der er gerade kam. Diese pessimistische Sicht hatte bei dieser aber gar nicht vorgelegen. Da nun plötzlich jede der vormarschierenden Armeen befürchtete, vom Gegner auf den Flügeln angegriffen und umfaßt zu werden, gingen alle vormarschierenden Armeen nun ziemlich gleichzeitig zurück. Ein ziemlich "verrückter" Vorgang. 

Abb. 5: Das Wunder an der Marne im September 1914

Erneut trat diese Regionen in den Mittelpunkt des Geschehens unter anderem im entscheidenden, letzten Jahr des Ersten Weltkrieges, im Jahr 1918. Mit einer gewaltigen deutschen Frühjahrsoffensive (Wiki) wollte der deutsche General Erich Ludendorff (1865-1937), der Sieger der Schlacht von Tannenberg in Ostpreußen im Jahr 1914, noch einmal die Lage zugunsten des Deutschen Reiches wenden. Die Deutschen erreichten unter seiner Führung an der Westfront auch den größten Geländegewinn seit 1914, jedoch nicht den heiß erstrebten Durchbruch nach Paris. Die erste Phase dieser Schlacht dauerte vom 21. März bis 5. April 1918. Die Deutschen waren in dieser etwas weiter nördlich von St. Quentin bis kurz vor Amiens durchgestoßen. Die zweite Phase dieser Schlacht spielte sich erneut rund um Soissons und um die Täler der Aisne und der Vesle ab. Vom 27. Mai bis zum 6. Juni griffen die Deutschen auf der Front von Reims an westwärts gen Süden an. Sie eroberten Soissons und den gesamten Flußlauf der Vesle von Reims abwärts, und zwar ein zweites mal seit 1914. Sie stießen bis Chauteaux Thierry und bis zum Wald von Villers-Cotterêts durch (Wiki). Entsprechend dieses Kriegsverlaufs heißt es über Soissons auch (Wiki):

Im Ersten Weltkrieg (1914-1918) wurde die Stadt zweimal von deutschen Truppen besetzt und durch Artilleriefeuer von beiden Seiten zu drei Vierteln zerstört. 

Über das Jahr 1914 heißt es (Wiki):

Am 13. September griffen die Zuaven und Schützen von General Quiquandon den „Hügel 132“ an, der Soissons im Norden überblickt, jedoch ohne Erfolg. Nach den Angriffen am 14., 17., 23. und 30. September gelang es den Angreifern nicht, die Verteidiger zu vertreiben, die sich in diesen von Senken durchzogenen Hügeln eingegraben hatten und die sich zu hervorragenden Beobachtungsposten und Stellungen für die Bombardierung von Soissons entwickelten. (...) Die fortschreitende Zerstörung der Stadt veranlaßte das französische Kommando Anfang Januar 1915 zu einem Angriff, um die Stadt zu befreien. Es ist die Schlacht von Crouy. Am 8. Januar griffen ein Bataillon Jäger und ein Bataillon marokkanischer Schützen mit Unterstützung der 55. Division an und es gelang ihnen, auf dem „Sporn 132“ Fuß zu fassen. Die Front stabilisierte sich nördlich der Stadt, die bis 1917 schwer bombardiert wurde. 
Henri Barbusse schrieb dort "Le Feu".
Während der Meutereien von 1917 marschierten Soldaten durch die Stadt, die sich nach der verheerenden Offensive am Chemin des Dames geweigert hatten, an die Front zu gehen. (...)
29. Mai 1918: Die marokkanische Division und das Marschregiment der Fremdenlegion werden per Lastwagen in den Westen des gerade in Feindeshand gefallenen Soissons transportiert. Ziel war es, seinen Vormarsch in Richtung Villers-Cotterêts zu blockieren, indem man Stellung auf der Montagne de Paris einnahmen. Der Angriff begann am frühen Morgen nach einem kurzen, aber heftigen Artilleriefeuer. Der zahlenmäßig deutlich überlegene Feind konnte in den Stellungen der Legion Fuß fassen. Die Legionäre waren gezwungen, ihre Munition zu schonen, und verloren in den zweitägigen Kämpfen 47 Mann, 219 wurden verwundet und 70 wurden vermißt. Dennoch gelang es dem Marschregiment der Fremdenlegion, seine Stellungen zu halten und den deutschen Vormarsch in seinem Abschnitt zu blockieren.

Soweit nur ein kurzer Ausschnitt aus diesem dramatischen Geschehen, der natürlich beliebig erweitert werden könnte (s.a. Abb. 6).

Soldatenfriedhof Soupir an der Asine

Elf Kilometer westlich der Mündung der Vesle in die Aisne wurde der deutsche Soldatenfriedhof Soupir angelegt. Auf ihm liegen (Volksbund) ...

... mehr als 11.000 Gefallene aus den Gefechten, die vom September 1914 bis zum Oktober 1918 tobten. Allein 5.955 Tote ruhen in einem Gemeinschaftsgrab.

Daneben ist ein französischer Soldatenfriedhof angelegt worden. Auf ihm liegen (Volksbund... 

7.236 französische Soldaten aus den Schlachten des Ersten Weltkrieges zwischen Soissons und Reims, an der Aisne, der Vesle und der Marne sowie um den Chemin-des-Dames.

Die meisten der hier bestatteten Soldaten werden, sofern sie nicht allein germanischer Herkunft aus Norddeutschland waren, zu größeren Teilen auch jene Glockenbecher-Herkunft in sich getragen haben, die womöglich genau in dieser Region an der Aisne - oder weiter nördlich bis hoch nach Flandern - entstanden ist.

Abb. 6: Landschafts- und Geschichtseindruck - Der Fluß Aisne - "Französischer Angriff auf die deutschen Stellungen im Norden der Aisne - April und Mai 1917" - Gemalt von François Flameng 1917 (Wiki

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*) Jedenfalls steht diese Angabe auch in Widerspruch zu Angaben im sonstigen Internet über die Herkunftszusammensetzung dieses Individuums (nach ExploreyourDNA):

73.15 % Yamnaya_RUS_Samara (Jamnaja-Steppenhirten)
16.60 % TUR_Barcin_N (anatolisch-neolithische Bauern)
10.25 % WHG (westeuropäische Jäger und Sammler)

Eine andere Aufschlüsslung der Herkunft von CBV95 (dnagenetics), wonach er 42 % westeuropäische Jäger-Sammler-Herkunft gehabt hätte, ist dann noch weniger nachvollziehbar (s.a. umap). 

_________

  1. Tracing the Spread of Celtic Languages using Ancient Genomics. Hugh McColl, Guus Kroonen, Thomaz Pinotti, John Koch, Johan Ling, Jean-Paul Demoule, Kristian Kristiansen, Martin Sikora and Eske Willerslev (bioRxiv. posted 1 March 2025) 10.1101/2025.02.28.640770
  2. S. Brunel,E.A. Bennett,L. Cardin,D. Garraud,H. Barrand Emam,A. Beylier,B. Boulestin,F. Chenal,E. Ciesielski,F. Convertini,B. Dedet,S. Desbrosse-Degobertiere,S. Desenne,J. Dubouloz,H. Duday,G. Escalon,V. Fabre,E. Gailledrat,M. Gandelin,[...]& M. Pruvost,  Ancient genomes from present-day France unveil 7,000 years of its demographic history, Proc. Natl. Acad. Sci. U.S.A. 117 (23) 12791-12798, https://doi.org/10.1073/pnas.1918034117 (2020). (PNAS2020)
  3. Lamys Hachem, Pierre Allard, Fabien Convertini, Bruno Robert, Laure Salanova, et al.. La sépulture campaniforme de Ciry-Salsogne ” La Bouche à Vesle ” (Aisne). In: Laure Salanova & Yaramila Tchérémissinoff (Hg): Les sépultures individuelles campaniformes en France, CNRS Editions, pp.21-35, 2011, Gallia Préhistoire. Supplément; 41, 978-2-271-07124-8. ffhalshs-00654008
  4. Ian Armit: A sea change? Mobility, Genetics and the Beaker Complex in Britain. The Transformation of Europe in the Third Millennium BC. International Conference on the Third Millennium BC archaeology in Europe. Riva del Garda, Trento, Italy, 25-28 October 2023 (Yt)

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