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Sonntag, 13. März 2022

Die stolzen Altai-Skythen

Einige Eindrücke zu ihrer Kultur
- Insbesondere zu den Goldapliken auf ihren Königsgewändern

Anfang der 1960er Jahre wurde in der antiken Stadt Chaltschajan (Wiki), 400 Kilometer südlich von Samarkand im heutigen Usbekistan (nahe der heutigen Stadt Denov), die Skulptur eines Saken gefunden (Abb. 1, 2). Sie fand sich in der Empfangshalle des Palastes der Stadt, vormals angebracht in 3 Meter Höhe. Heute ist sie im Archäologischen Museum in Termez in Usbekistan ausgestellt.

Abb. 1: Skulptur eines Saken aus der antiken Stadt Chaltschajan (Wiki), heute Usbekistan, 1. Jhdt. n. Ztr.

Bei ihrem Anblick kommt einem der Gedanke, daß sie - vom Gesichtsausdruck her gesehen - genauso gut auch mitten in Deutschland hätte geschaffen, bzw. gefunden worden sein können. Sie mag beispielsweise in entfernerer Weise erinnern an den berühmten Mainzer "Kopf mit der Binde", der im Dommuseum in Mainz ausgestellt ist und um 1240 n. Ztr. vom Naumburger Meister geschaffen wurde. 

Abb. 2: Skulptur eines Saken aus der antiken Stadt Chaltschajan (Wiki), 1. Jhdt. n. Ztr.

Beide Kunstwerke wurden räumlich 5.500 Kilometer voneinander entfernt (G-Maps) und zeitlich tausend Jahre von einander entfernt geschaffen.

Räumlich mußt du quer durch Usbekistan reisen, durch Kasachstan, bis nach Astrachan an der Wolga. Heute gehört es zu Rußland. Dann mußt du quer durch die Ukraine reisen, über Kiew, Lublin, Breslau, Dresden und Frankfurt, um schließlich nach Mainz zu gelangen, also vom Amudarja zum Rhein.

Für die Sarmaten des ersten Jahrhunderts n. Ztr. übrigens, die aus der Region südlich des Ural stammten, war das keine Entfernung, die zu überwinden für sie unüberwindlich gewesen wäre. Im Gegenteil: Sie waren in den nachchristlichen Jahrhunderten in beiden Regionen zu Hause, in China und in Asien ebenso wie an der Donau, am Rhein und im römisch regierten England.

Abb. 3: Der Mainzer "Kopf mit der Binde", geschaffen vom Naumburger Meister (Wiki), 1240 n. Ztr. (Rev)

Zeitlich freilich mußt du über die Christianisierung der germanischen Völker hinweg springen, mußt du den Untergang der skythischen Völker in Asien im Hunnensturm an deinem Auge vorbei ziehen lassen, sowie ihre weiteren Schicksale im Zusammenhang mit der Ausbreitung der Turkvölker in Asien, um zu verstehen, daß ein solcher dargesteller Gesichtsausdruck heute nicht mehr der typische ist, den du in Usbekistan antreffen kannst.

Der Issyk-Kurgan

In den letzten Monaten sind zwei neue Studien erschienen über die serienmäßig hergestellten Goldapliken an den Königsgewändern der Altai-Skythen, die sich in ähnlicher Form auch im China der Jahrhunderte vor und nach der Zeitenwende finden lassen und auf die kulturellen Kontakte zwischen beiden Regionen verweisen (1, 2) (Abb. 4, 5).

Abb. 4: Der Skythen-König vom Issyk-Kurgan (Wiki) in Kasachstan, ein etwa 18-jähriger Prinz (4./3. Jhdt. v. Ztr.)

Ein solches Königsgewand fand sich etwa im Issyk-Kurgan des "Sonnenkönigs" der Saka-Skythen (Wiki) aus dem 4. oder 3. Jahrhundert v. Ztr., das sich 50 Kilometer östlich des heutigen Alma-Ata ("Almaty"), der Hauptstadt des heutigen Kasachstan befindet. Dieser Kurgan war umgeben von 45 weiteren königlichen Hügelgräbern. Das Gewand dieses Skythen ist heute fest in der Staats-Ikonographie Kasachstans verankert.

Dieses Grab befand sich im östlichen Skythien, unmittelbar nördlich der Sogdiana und deren Hauptstadt Samarkand. 

Eine Inschrift auf einem Silberbecher, der diesem Grab beigegeben worden ist, scheint in der Saka-Sprache der Kushan (Wiki) verfaßt worden zu sein, einem Stamm der Saka-Skythen ("Yuezhi"), der - verdrängt von den Hunnen - zwischen 100 und 250 n. Ztr. Nordindien beherrschte.

Abb. 5: Ähnliche serienmäßig hergestellte Gold-Artefakte in der Steppe und in China (aus: 1)

Ein stolzes, indogermanisches Volk waren sie, die Saken, bzw. Altai-Skythen (Wiki). Nach und nach wollen wir uns hier auf dem Blog noch mehr mit ihrer Kultur und Geschichte beschäftigen. Vor eineinhalb Jahren hatten wir damit schon in einem ersten Artikel begonnen (3).

Eine ihrer Städte war die eingangs schon erwähnte antike Stadt Chaltschajan (Wiki), 400 Kilometer südlich von Samarkand, gelegen im heutigen Usbekistan nahe der heutigen Stadt Denov (G-Maps). Sie lag am Fluß Surxondaryo, eines nördlichen Nebenflusses des Amudarya (Oxus). Sie existierte im 1. Jhdt. n. Ztr. zur Zeit des Reiches von Kushan. Sie befand sich in einer Region, die 329 v. Ztr. von Alexander dem Großen erobert worden war, der die Prinzessin von Samarkand heiratete. 

In der Stadt Chaltschajan mischten sich skythische, griechische und indische kulturelle Elemente - es kam offenbar bald auch zu genetischer Vermischung der hier aufeinander treffenenden genetischen Herkunftsgruppen.

Abb. 6: Gewand einer Saken-Fürstin mit Gold-Aplikationen (Taksai, Kasachstan) (aus: 1)

Seid gegrüßt, ferne Verwandte am Amudarja, über zwei Jahrtausende von uns getrennt, über 6000 Kilometer von uns entfernt - und doch uns in vielen Grundzügen so nah. Ob uns euer Schicksal etwas zu sagen hat?

So wie Lennart Meri (1929-2006) (Wiki, engl), der estnische Filmemacher und frühere Staatspräsident der Republik Estland, in seinen bewegenden Filmdokumentationen der 1970er bis 1990er Jahre (4-9) der Verwandtschaft der Völker finno-ugrischer Sprache nachgespürt hat, so spüren wir hier auf dem Blog mit besonderem Schwerpunkt der Verwandtschaft der Völker indogermanischer Sprache nach. Dabei fühlen wir uns dem Geist Lennart Meri's eng verbunden. Er hat Pionierarbeit geleistet.

Für ihn war geistiges Schaffen jene Höhle der Freiheit, die noch blieb in der Ära, in der der Menschentyp des "Sowjetmenschen" vorzuherrschen begann. In den Fußstapfen von Lennart Meri wollen wir weiter gehen. Und auch über die wenig beachtete finno-ugrische Völkergruppe sollen hier auf dem Blog - in Ergänzung zu den bisherigen (10) - noch weitere Blogartikel erscheinen.

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  1. Liu, Y., Tan, P., Yang, J., & Ma, J. (2022). Social agency and prestige technology: serial production of gold appliqués in the early Iron Age north-west China and the Eurasian steppes. World Archaeology, 1-21 (Academia)
  2. Liu, Y., Li, R., Yang, J., Liu, R., Zhao, G., & Tan, P. (2021). China and the steppe: technological study of precious metalwork from Xigoupan Tomb 2 (4th–3rd c. BCE) in the Ordos region, Inner Mongolia. Heritage Science, 9(1), 1-16. 
  3. Bading, I.: Die Altai-Skythen - Und ihre Vorgänger-Kulturen, 2020, https://studgendeutsch.blogspot.com/2020/11/die-altai-skythen-und-ihre-vorganger.html
  4. Lennart Meri: Völker im Zeichen des Wasservogels, 1970; Englisch "The people of the water bird": https://youtu.be/hYzYe3jAOyQ; Russisch (Yt), Original Estnisch "Veelinnurahvas" (Yt) [Encyclopaedia Cinematographica Gentium Fenno-Ugricarum, Teil 1]
  5. Lennart Meri: Die Winde der Milchstraße, 1977; Englisch "The Winds of the milky weay", https://youtu.be/Vgc1Nu3oSVs; Original Estnisch "Linnutee tuuled" (Yt) ["Encycolopaedia Cinematographica Gentium Fenno-Ugricarum" - Teil 2]
  6. Lennart Meri: Die Stimmen von Kaleva, 1986; Englisch "Sounds of Kaleva", (Ausschnitt: Yt, Yt); Russisch (Yt); Original Estnisch "Kaleva hääled", https://jupiter.err.ee/1073584/kaleva-haaled  ["Encycolopaedia Cinematographica Gentium Fenno-Ugricarum" - Teil 3]
  7. Lennart Meri: Die Söhne von Toorum, 1990; Englisch "The Sons of Toorum": https://youtu.be/iX7nHETRNow; Russisch: "Сыновья Тоорума" (Yt) Original Estnisch "Toorumi pojad" ["Encycolopaedia Cinematographica Gentium Fenno-Ugricarum" - Teil 4] [Über die Chanten, sowie ihren Bärenkult]
  8. Lennart Meri. Der Schamane, 1997, https://youtu.be/1LgY3vFpMxI , Russisch (Yt) ["Encycolopaedia Cinematographica Gentium Fenno-Ugricarum" - Teil 5] [aufgenommen 1977]
  9. Jaak Lõhmus: Tänze auf der Milchstraße, 2011; Original Estnisch "Tantsud Linnuteele", https://youtu.be/9MSdTqN2mjw [(L Meri's Filmschaffen] 
  10. Bading, I.: Im Land der Chanten und Mansen, 2022, https://studgendeutsch.blogspot.com/2022/03/im-land-der-chanten-und-mansen-in.html

Dienstag, 5. Oktober 2021

Die "Sechsunddreißig Königreiche der Westlichen Provinzen"

- Das Pamir-Gebirge - Einstmals besiedelt von Indogermanen
Sie lebten in Dörfern und Städten auf 3.300 Meter Höhe
 
"Freund," sagte der alte Kaufmann auf dem Markt von Islamabad, "ich rate dir, fahre nach Norden, besuche die alten Königreiche, die Königreiche jenseits des Gebirges, die Königreiche, die einstmals der mächtige Kaiser von China die Sechsunddreißig Reiche der Westlichen Provinzen (Wiki, engl) nannte, natürlich aus seiner Sicht: die Sechsunddreißig Reiche seiner Westlichen Provinzen. Ja, reise nur dort hin. Du wirst viel erleben. Über mehr als tausend Kilometer wirst du zu reisen müssen (Wiki). Also so weit, als ob du einmal quer durch Deutschland reisen wolltest, deinem Heimatland."

Abb. 1: Taschkurgan - Auf dem Weg vom nördlichen Pakistan nach Kaschgar zur Seidenstraße über die Karakorum-Hochstraße, deren höchster Paß 4.700 Meter hoch liegt - Hier bauen die Chinesen auf 3.300 Metern Höhe einen Flughafen. In dieser Region lebten vor 3000 Jahren: Indogermanen der zweiten indogermanischen Ostwanderung

"Das erste Drittel deines Weges führt dich quer durch den Kaschmir, eine Region mit bewegter Geschichte und Gegenwart. Am Ende dieses ersten Drittels wirst du rechts den Nanga Parbat erblicken, den gewaltigen Berg. In seiner ganzen Pracht. Den 'Schicksalsberg der Deutschen'. So wird er doch genannt, mitunter, von euch Deutschen. Du weißt doch: Reinhold Messner und all die anderen. 8.125 Meter ist er hoch. Der höchste Berg des Westlichen Himalaja, des 'Daches der Welt'. Schau ihn dir an. Und schau dich um. Und versuche, bei Atem zu bleiben.
Den wirst du brauchen für das zweite Drittel deines Weges. Denn dann wirst du hoch hinauf müssen, so hoch, wie du womöglich noch niemals in deinem Leben gekommen bist: Bis auf den Khunjerab-Paß hinauf, bis auf 4.700 Meter. Warst du schon einmal 4.700 Meter hoch? Das ist etwas anderes als der Brenner-Paß bei euch. Der Khunjerab-Paß ist einer der höchsten Bergpässe der Welt. Im Winter ist er gar nicht zu überqueren. Die Chinesen hindert das nicht daran, ihn künftig auch auf den höchsten Abschnitten asphaltieren zu wollen. Du merkst allmählich, worauf du dich einläßt?
Steige dann herab, die weite Paßstraße hinunter, hinunter und immer weiter hinunter, dann - - - ja, dann gelangst du zu einer der ersten Hauptstädte der Sechsunddreißig Reiche der Westlichen Provinzen. Taschkurgan (Wiki) (Abb. 1), die "Steinerne Stadt", eine Stadt der Tadschiken, im kargen, steinereichen Pamir-Gebirge.
Freilich: Du kannst dich auch noch einmal in ein östliches Seitental deines Weges begeben, sagen wir 50 Kilometer östlich von Taschkurgan, indem du dem Fluß des Taschkurgans folgst. In jenem Seitental, in dem 2003 und 2004 bronzezeitliche Gräberfelder ausgegraben worden sind, nämlich im Zuge des dortigen Staudamm-Baus. Die Menschen, die damals dort lebten, waren Indogermanen. Indogermanen wie sie einstmals überall lebten in den Sechsunddreißig Reichen der Westlichen Provinzen
Du sagst, das wäre schwer zu glauben?
Reise, guter Freund, reise!"

Der alte Kaufmann auf dem Markt in Islamabad. Seine Worte gingen ihm nicht aus dem Kopf. Was hatte er gewollt? Hatte er etwa eine gerade erst ganz neu erschienene Studie zur Archäogenetik der indogermanischen Völker in Innerasien gelesen (1)? Womöglich funktionierte das Internet auch in Islamabad? ... Nachdem er sich aus dem wirbelnden Trubel des Marktgeschehens gelöst hatte und zu Hause angekommen war, begab er sich ans Studium (1, 2) ... Karakorum, Pamir, Taschkurgan ...

Ja, die genetische Geschichte der Tocharer in den Oasenstädten der Seidenstraße, der "Sechsunddreißig Reiche der Westlichen Provinzen" und anderer Völker mit Steppen-, sprich indogermanischer Herkunft daselbst ist insgesamt noch wenig ins Bewußtsein der Menschen im europäischen Westen getreten, auch deshalb, weil sie noch keineswegs besonders gut geklärt ist (siehe unsere letzten Blogbeiträge dazu: 3-5) (Abb. 2). 

Abb. 2: Regionen tocharischer Textfunde im Tarimbecken rund um die Taklamakan-Wüste im 5. bis 12. Jahrhundert n. Ztr., also entlang der Nord- und Südroute der Seidenstraße (Wiki), entlang der "Sechsunddreißig Reiche der Westlichen Provinzen"

Wie war da auf Wikipedia über die "Westlichen Provinzen", insbesondere das Tarimbecken zu lesen (Wiki):

Vor dem Einsetzen der Ausbreitungsbewegungen der Turkvölker sprachen die Menschen dieser Region zwei Hauptgruppen der indoeuropäischen Sprachen. Die Menschen der Königreiche Khota und Kaschgar sprachen Sakisch, eine der ostiranischen Sprachen, während die Menschen von Kutscha, Turfan und Loulan tocharische Sprachen sprachen.
Before the onset of Turkic migrations, the peoples of the region spoke two main groups of Indo-European languages. The peoples of oasis city-states of Khotan and Kashgar spoke Saka, one of the Eastern Iranian languages, whereas the people of Kucha, Turfan and Loulan spoke the Tocharian languages.

Ab wann die Sakische Sprache im Tarim-Becken gesprochen wurde, ist nicht ganz sicher, vielleicht "erst" ab dem 6. oder 2. Jahrhundert v. Ztr. (Wiki, engl). Dementsprechend muß es nicht unmöglich sein, daß im Südwesten des Tarimbeckens zuvor auch tocharische Sprachen gesprochen wurden (?). In der neuen Studie, auf die sich der Kaufmann auf dem Markt von Islamabad - wohl - bezogen haben wird, wird zunächst der derzeitige Forschungsstand folgendermaßen referiert (1):

... Weizen und Gerste haben sich schon 3.200 v. Ztr. bis in das Altai-Gebirge ausgebreitet. Ebenso sind domestizierte Schafe und Rinder in prähistorischen Kulturen Nordwest-Chinas festgestellt worden (z. B. in der Majiayao-Kulture, 3,550–2,850 v. Ztr; Qijia-Kultur, 2,450–1,650 BC). (...) Die Menschen des eisenzeitlichen Shirenzigou-Fundortes aus dem östlichen Tianshangebirge waren .... eher verwandt mit frühbronzezeitlichen Steppen-Herdenhaltern wie der Jamnaja- und/oder Afanasiewo-Kultur als mit den chronologisch jüngeren Sintashta- und Andronowo-Kulturen. .... 
A number of studies provided the evidence that the steppe cultures from western Eurasia had also integrated into the early Bronze Age cultures of western China. A recent archaeobotanical study showed that both wheat and barley had already spread to the Altai Mountains as early as 5,200 years ago (Zhou et al., 2020). Additionally, domesticated sheep and cattle were also observed in the prehistoric cultures of northwestern China (e.g., Majiayao culture, 3,550–2,850 BC; Qijia, 2,450–1,650 BC) (Fu et al., 2009). (...) A recent paleogenomic study on the Iron Age Shirenzigou individuals from the eastern Tianshan mountains further confirmed the previous observations and characterized that the West Eurasian ancestry was likely to be related to the Early Bronze Age steppe pastoralists such as Yamnaya and/or Afanasievo than the chronologically more recent Sintashta and Andronovo cultures (Ning et al., 2019). Wang W. et al. (2021) retrieved the whole mitochondrial genomes of ancient Xinjiang populations from the Bronze Age to Historic Era. Their results revealed that the Bronze Age Xinjiang populations had genetic affinities with Steppe-related and Northeastern Asian populations (Wang W. et al., 2021).

Die bisherigen archäogenetischen Studien bezogen sich nur auf die nördlichen und östlichen Teile und Ausläufer der Seidenstraßen-Region (Xingjang). In der neuen Studie kommt aber nun ein Fundort aus dem westlichen Teil dieser Region hinzu. Es werden die Ergebnisse der Sequenzierung der mitochondrialen DNA von 15 Skeletten des Xiabandi-Gräberfeldes mitgeteilt, das chinesische Archäologen 2003 und 2004 archäologisch erforscht haben (1). 

Das Pamir-Gebirge

Um sich zunächst hinsichtlich der größeren geographischen Bezüge dieser Region zu orientieren, ist es sinnvoll, sich klar zu machen, daß das zentrale Gebirge dieser Region das Pamir-Gebirge (Wiki) ist (Abb. 3).

Abb. 3: Das Pamir-Gebirge verbindet den Hindukusch-Gebirgszug und den Karakorum-Gebirgszug im Süden mit dem Tienshan im Norden (Wiki)

Der größte Teil dieses Gebirges entwässert nach Norden in den Amudarja, einen Fluß, der für mehrere vorgeschichtliche Völker und Kulturen von Bedeutung war. Der östliche Teil des Gebirges entwässert in das Tarim-Becken, darunter auch der Fluß Taschkurgan, von dessen Anwohnern im weiteren die Rede sein soll. Heute ist das Pamir-Gebirge größtenteils von Tadschiken bewohnt, die einstmals in wilden Bergdörfern gewohnt haben, die nur über schwer begehbare Bergsteige und durch wilde Flußtäler hindurch zu erreichen waren (8). Die ursprünglicheren Bewohner dieser Region scheinen aber Indogermanen der zweiten Ausbreitungsbewegung der indogermanischen Ostwanderungen (also der nachmals iranisch-sprachigen Andronowo-Kultur) gewesen sein. Wir erfahren (2):

Das Xiabandi-Gräberfeld befand sich bei den Dörfern Xindi und Xia Baldir, gehörend zur Stadt Baldir, gehörend zum Tadschikischen Autonomen Bezirk Taschkurgan, Xianjang.
Xiabandi Cemetery was located in the Xindi and Xia Baldir Villages of Baldir Township, Taxkorgan Tajik Autonomous County, Xinjiang. 

Über das Hineinkopieren der chinesischen Umschrift des Stadtnamens Baldir (Wiki) in Google Maps können wir den Ort genauer eingrenzen. Er liegt mitten im Pamir-Gebirge, und zwar zunächst grob 300 Kilometer südlich der Oasen-Stadt Kaschgar (Wiki) (G-Maps) und 50 Kilometer östlich der Bezirksstadt Taschkurgan (Wiki) (G-Maps) (Abb. 4). 

Taschkurgan liegt - wie uns eingangs der Kaufmann auf dem Markt von Islamabad erzählte -  an der Karakorum-Hochstraße (Wiki), die den Norden Pakistans quer durch das Pamir-Gebirge hindurch mit Kaschgar verbindet. Taschkurgan liegt auf 3.300 Meter Höhe. Es war vor 2000 Jahren die Hauptstadt eines der genannten Sechsundreißig Königreiche der Westlichen Provinzen. Die Menschen des erforschten Gräberfeldes werden also Einwohner dieses Königreiches oder eines benachbarten Königreiches gewesen sein. Die Gräberfelder wurden im Vorfeld des Baues der Xiabandi-Talsperre (Wiki) des Flußes Taschkurgan archäologisch erforscht. 

Abb. 4: Der Weg von Taschkurgan flußabwärts bis zur Xiabandi-Talsperre und den dort in der Nähe gelegenen Xiabandi-Gräberfeldern (G-Maps)

Der Fluß Taschkurgan kommt von Süden aus dem Karakorum und dem Hindukusch. Er durchfließt die Stadt Taschkurgan und biegt dann nördlich der Stadt Richtung Osten ab, eine Richtung, die er bis zur seiner Mündung in den Yarkant-Fluß, etwa 200 Kilometer weiter östlich beibehält. Um ihn zu erreichen, durfließt er die Xiabandi-Talsperre und schlängelt sich dann durch die hohen Berge des Pamir-Gebirges. Der Yarkant fließt dann nach Norden in das Tarimbecken, wo er sich mit dem Tarim-Fluß (Wiki) vereinigt, der weiter nach Osten fließt und im hinteren Teil der Tarim-Wüste verdunstet und versickert, die berühmten Pappeln dieser Flußlandschaft vertrocknen lassend. - Zunächst wird der bisherige Forschungsstand zur Archäologie der westlichsten Region Chinas, des Xinjang folgendermaßen referiert (1):

In den letzten Jahrzehnten sind viele kulturelle Hinterlassenschaften und archäologische Fundorte im westlichen Xinjang untersucht worden, die Merkmale der Mittleren und Späten Bronzezeit der eurasischen Steppen-Kulturen aufgeweisen (z.B. Sintashta und Andonowo). ... Weizen- und Hirse-Ernährung ... Studie der Schädel vom Liushui-Gräberfeld (950 v. Ztr.) zeigten, daß die Bevölkerung schon zwischen Ost und West vermischt war ....
In recent decades, a number of cultural remains and archaeological sites in western Xinjiang, showing the traits that are characteristic of the middle and late Bronze Age Eurasian Steppe (Steppe_MLBA) cultures (e.g., Sintashta and Andronovo) (Shao and Zhang, 2019), were investigated. However, the stable isotope analysis of the Bronze Age Xiabandi (XBD) population provided direct evidence of wheat and millet consumption in the eastern part of the Pamir Plateau (Zhang et al., 2016), suggesting that the possible East-West cultural interactions and communications in westernmost Xinjiang can be dated to 1,500 BC. A craniometry study on individuals from the Liushui cemetery (∼2,950 BP) in western Xinjiang also showed that the population was already admixed between the East and West Eurasians but with the majority inherited from the former (Zhang et al., 2011).

Ob bei der Erwähnung der unterstellten Hirse-Nahrung schon in Rechnung gestellt ist, daß die C4-Signatur der Hirse auch von Pflanzen wie dem Amarant herrühren kann, soll an dieser Stelle nicht weiter erörtert werden (siehe letzter Blogbeitrag). 

Abb. 5: Die Landschaft am Taschkurgan-Fluß in 3.300 Meter Höhe ist außerordentlich karg - Hier die Ufer am Xiabandi-Stausee (Wiki)

Es heißt dann weiter (1):

... Die früheste Phase des Gräberfeldes wird auf die Bronzezeit datiert (1.500 bis 1.300 v. Ztr.). ... Die Funde ... legen nahe, daß die erste Phase des Xiabandi-Gräberfeldes zur Andronowo-Kultur gehörte. Das Gräberfeld enthielt 92 Gräber aus der Bronzezeit, es wurden aber nur 27 menschliche Skelette ausgegraben. ....
The whole cemetery can be divided into three phases, the earliest of which was dated to the Bronze Age (3,500–3,300 BP), and the remaining two phages were dated to Han-Tang (∼2,200–1,300 BP) and Ming-Qing dynasties (∼600–300 BP) (Wu, 2012). The excavations of the jars with contracting neck, the bowls, the trumpet-shaped earrings, as well as the wide band-shaped bracelets in the first phase suggest that the XBD cemetery belongs to the Andronovo culture (Figure 1B; Wu, 2012). The cemetery contained 92 burials from the Bronze Age, but only 27 human skeletons were excavated. We selected 15 well-preserved skulls and sampled the intact and sound teeth for genetic research (Table 1; Supplementary Table 1A). The permission for the use of the 15 Bronze Age samples of the XBD cemetery was obtained from Xinjiang Cultural Relics and Archaeology Institute.

Es wurden nun nur die nur weiblich vererbten mitochondrialen Haplotypen sequenziert und untersucht. Zwei der 14 gefundenen Haplogruppen könnten eher "einheimischer" Herkunft sein. Die gefundene Haplogruppe U1a1c1 war zuvor schon in Individuen der Marghiana-Kultur ("Bactrial-Marghiana-Archaeological Complex" = BMAC), sowie im Iran gefunden worden. Sie könnte also, so wollen wir es etwas konkreter formulieren als in der Studie geschehen - ebenso wie die gefundene Haplogruppe HV14 - auf einen Herkunftsanteil zurückgehen, herstammend von der iranisch-neolithischen Herkunftsgruppe oder von mit ihr ursprünglicher vermischten Bevölkerungen hindeuten (die also von der Marghiana-Kultur oder verwandten Kulturen abstammen). In der Studie heißt es weiter (1):

Die übrigen 12 Haplogruppen .... sind jedoch in bronzezeitlichen Steppen-Herdenhaltern gefunden worden, in frühen Xinjiang-Gruppen und in prähistorischen Bevölkerungen Europas.
The remaining 12 haplogroups (I4a, H6a1a, H5b, H11b, R1b, R1b1, T2a1b1, U2e1, U2e2a1d, U2e3, U4a1, U4c1), however, were detected in the Bronze Age steppe pastoralists, the ancient Xinjiang groups, and the prehistoric populations in Europe.

Damit haben wir es bei den bronzezeitlichen Menschen des Xiabandi-Gräberfeldes klar mit Indogermanen der zweiten indogermanischen Ostwanderung (Shintashta und Andronowo) zu tun. Drei Haplogruppen dieser Kategorie sind aber gleichzeitig auch in der Marghiana-Kultur festgestellt worden. Da die Indogermanen - ebenso wie die Marghinana-Kultur - einen iranisch-neolithischen Herkunftsanteil in sich tragen, muß dieses Ergebnis auf den ersten Blick nicht gar zu verwunderlich sein. Es macht auch bewußt, wie unscharf die Erkenntnis oft noch aufgrund alleiniger Auswertung von Haplogruppen bleiben muß.

In dieser Studie werden im Diskussionsteil die Tocharer - trotz dieser neuen Erkenntnisse - einmal erneut als Nachkommen der Afanasievo-Kultur angesprochen.*) Uns ist nicht klar, warum dies für wahrscheinlicher gehalten wird als daß die Tocharer Nachkommen von Menschen sind, die im Zusammenhang mit der zweiten indogermanischen Ostwanderung an die Seidenstraße gekommen sind. Muß denn nur ein "einziges" indogermanisches Volk angenommen werden, das in dieser Zeit gewandert ist? Können nicht auch gleichzeitig Völker mit Kentum- wie mit Satem-Sprache ostwärts gewandert sein? Diese Frage dürfte bis auf Weiteres ungeklärt bleiben.

Aber es erstaunt jedes mal aufs Neue, in welche abgelegenen Regionen dieser Erde es die Indogermanen getrieben hat, gerade auch im Inneren Asiens und hier bis auf 3.000 Meter Höhe des Karakorum-Gebirges. Schafhaltung spielt dort oben wie seit Jahrtausenden auch heute noch immer eine Rolle wie man diesem schönen kurzen, kleinen Film entnehmen kann (6):


Ergänzung (13.4.2022): Zwischen 770 v. Ztr. bis 70 n. Ztr. gab es eine befestigte städtische Siedlung Kuiyukexiehai'er (Koyuk Shahri) in der Region von Bülgür und Kucha im nördlichen Tarim-Becken (9), genauer südlich des südöstlichsten Teiles des Tianshan-Gebirges (Abb. 6).

Nach den Ausgrabungs-Funden war sie von der Chawuhu-Kultur (1000 bis 400 v. Ztr.) beeinflußt, benannt nach Gräbern, die bei Heijing (Wiki, engl) gefunden worden sind. Heijing liegt 300 Kilometer im Osten (Abb. 6) und ist heute zu 50% von Han-Chinesen, zu 28% von Uiguren und zu 17% von Mongolen bewohnt.

Abb.: Von Heijing nach Bülgür in der nordöstlichen "Ecke" des Tarim-Beckens

Wie mit Abb. 2 schon erläutert, war in dieser Region bis ins 12. Jahrhundert hinein Tocharisch gesprochen worden, eine indogermanische Sprache.

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*) "The Tocharians may have moved eastward earlier than the Indo-Iranians. The Tocharians are likely to be closely associated with the Afanasievo culture in the Altai Mountains who were a successor of the Yamnaya culture in the Pontic–Caspian Steppe. The middle and late Bronze Age steppe pastoralists, such as the Sintashta, Andronovo, and Srubnaya, are believed to be associated with the dispersal of Indo-Iranian languages."

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  1. Ancient Mitochondrial Genomes Reveal Extensive Genetic Influence of the Steppe Pastoralists in Western Xinjiang. C Ning, HX Zheng, F Zhang, S Wu, C Li, ... Frontiers in Genetics, published: 22 September 2021 doi: 10.3389/fgene.2021.740167, https://www.frontiersin.org/articles/10.3389/fgene.2021.740167/full
  2. Xiabandi Cemetery in Xinjiang, 2013, http://www.kaogu.cn/en/Publication/New_books/2013/1025/30108.html
  3. Bading, Ingo: 2/2021, https://studgendeutsch.blogspot.com/2021/02/tibeter-tocharer-japaner-chinesen.html
  4. Bading, Ingo: 11/2020, https://studgendeutsch.blogspot.com/2020/11/die-altai-skythen-und-ihre-vorganger.html 
  5. Bading, Ingo: 8/2019, https://studgendeutsch.blogspot.com/2019/08/die-indogermanen-der-nordgrenze-chinas.html
  6. Cameron Martus: Tashkorgan - An Introduction, 2016, https://youtu.be/Qq78OGt4Ax0.
  7. Wedding of the Eagle Ethnic Group, Tashkurgan, Xinjiang, 2016, https://youtu.be/mVVqatvlhXc.
  8. China's ethnic group Tajiks see life ascending on Pamir Plateau, 2020, https://youtu.be/fKpXrN3MHeA
  9. Dang, Z., Li, C., Zhang, X., Xu, Y., Li, Y., Tian, D., & Zhang, C. (2022). Early urban occupation in the Tarim Basin: Recent fieldwork results from the fortified site of Kuiyukexiehai'er (Koyuk Shahri). Antiquity, 96(386), 463-470. doi:10.15184/aqy.2022.18 (Antiquity)

Samstag, 10. April 2021

6.000 v. Ztr. - Domestizierte Schafe im Ferghana-Tal westlich der Seidenstraße

Die frühe Ausbreitung der iranisch-neolithischen Völkergruppe Richtung Osten

Die Geschichte der Ausbreitung des Ackerbaus und der Viehzucht vom Fruchtbaren Halbmond aus über den gesamten Iran hinweg bis nach Innerasien in das Ferghana-Tal (Wiki) (Abb. 1) ist noch wenig gut verstanden. Aber wir haben sie - ansatzweise - hier auf dem Blog 2017 schon einmal behandelt, als wir die Entstehung des Volkes der Urindogermanen an der Mittleren Wolga nördlich des Kaspischen Meeres in den Zusammenhang der vielen benachbarten Kulturen stellen wollten (1).

Abb. 1: Domestizierte Schafe im Ferghana-Tal um 6.000 v. Ztr. (aus 2)

Um das Forschungsergebnis einer neuen archäogenetischen Studie (2) zu verstehen und einzuordnen, seien noch einmal Sachverhalte ausgeführt, die man sich - auch als belesener Mensch - nicht oft genug vor Augen halten kann, da sie so selten in das Blickfeld getreten sind bislang: Seßhafte, ackerbautreibende Kulturen gibt es im Kaukasus-Gebirge in Georgien an der Ostküste des Schwarzen Meeres seit 8.000 v. Ztr. (Wiki). Das ist ein ungeheuer langer Zeitraum.

Seit 6.000 v. Ztr. wird dort Wein angebaut, und zwar durch die Shulaveri-Shomu-Kultur (Wiki). Das ist eine Kultur, mit der man sich als heutiger Europäer womöglich noch viel intensiver auseinander setzen sollte. Denn derzeit ist sie als die älteste Wein-anbauende Kultur weltweit nachgewiesen, da die Zeugnisse hierfür im Iran deutlich jünger sind. Und in dieser Kultur sind - wohl - die Vorfahren der einen Hälfte des Urvolkes der Indogermanen zu suchen, nämlich der - genetisch gesprochen - kaukasisch-neolithischen Herkunftskomponente.

Und indem wir das gerade noch einmal nieder schreiben, kommt uns der Gedanke: Vielleicht haben die indogermanischen Völker eine so intensive Beziehung zu berauschenden Getränken - wie Wein und Met -  über so viele Jahrtausende hinweg, eben weil sie entstanden sind nördlich des Kaukasus aus eben dieser frühen Wein-anbauenden Kultur. Vielleicht wurde deshalb seit dieser Zeit die Völkergeschichte so "beschwingt" (räusper).

Es ist jedenfalls zu erfahren, daß die Shulaveri-Kultur von der berühmten Hassuna- und Halaf-Kultur beeinflußt ist, bzw. abstammt, die sich zuvor im Zagros-Gebirge über weite Gebiete ausgebreitet hatte. Sie ist unter anderem berühmt wegen ihrer eindrucksvollen Keramik (Kaukasus-Wiki):

Um 6.000 bis 4.200 v. Ztr. benutzten die Shulaveri-Shomu-Kultur und andere neolithische/kupferzeitliche Kulturen des Südlichen Kaukasus örtlichen Obsidian für Werkzeuge, hielten Tiere wie Rinder und Schweine, bauten domestizierte Pflanzen an, einschließlich Wein. Von vielen der Merkmale ihrer materiellen Kultur (runde Lehmhütten, Keramik dekoriert durch plastisches Design, anthropomorphe weibliche Figurinen, Osidian-Werkstätten mit einer Betonung auf der Produktion von langen, prismenförmigen Klingen) wird angenommen, daß sie ihren Ursprung im nahöstlichen Neolithikum haben (Hassuna, Halaf).
In around ca. 6000-4200 B.C the Shulaveri-Shomu and other Neolithic/Chalcolithic cultures of the Southern Caucasus use local obsidian for tools, raise animals such as cattle and pigs, and grow crops, including grapes. Many of the characteristic traits of the Shulaverian material culture (circular mudbrick architecture, pottery decorated by plastic design, anthropomorphic female figurines, obsidian industry with an emphasys on production of long prismatic blades) are believed to have their origin in the Near Eastern Neolithic (Hassuna, Halaf).

Eine weitere Ursprungsregion des Ackerbaus scheint in Pakistan und Nordindien gelegen zu haben und sich ebenfalls ab 6.500 v. Ztr. bemerkbar zu machen (Wiki):

Die am besten erforschte Stätte dieser Zeit ist Mehrgarh, die um 6500 v. Chr. entstand. Diese Bauern domestizierten Weizen und Rinder und benutzten ab 5500 v. Chr. auch Töpferwaren. 

Vielleicht entstand der Ackerbau dort auch schon früher (Wiki). Der dort domestizierte Weizen hat sich jedenfalls von dort schon ab 5.500 bis 4.000 v. Ztr. bis nach Innerasien und Tibet ausgebreitet (3). Weiter nach China hinein hat er sich aber nach derzeitigem Kenntnisstand erst ab 3.000, vielleicht auch erst ab 2.200 v. Ztr. ausgebreitet (3), also vermutlich mit der Zuwanderung der Indogermanen nach Innerasien.

Auch die Fischer- und Jäger-Kulturen der Kelteminar (Wiki) - datiert auf die Zeit ab 5.500 v. Ztr. am Aralsee und am Kaspischen Meer (s. Abb. 1) - ist in Rechnung zu stellen. Sie besaß schon 25 Meter lange Häuser, was ja ebenfalls ein Hinweis auf Viehzucht und Ackerbau sein wird, die womöglich nur noch nicht durch die Archäologie festgestellt worden sind. Wir erfahren von dem Archäologen Detlef Gronenborn (4, S. 203):

Keramik tritt nördlich des Kaspischen Meeres und an der Unteren und Mittleren Wolga (Yelshan, ca. 7.200 v. Ztr.) und am Unteren Don (Rakushechnyi Yar; ca. 6800 v. Ztr.) auf. Das Bestehen dauerhafter Siedlungen wird durch Ausgrabungsorte an der Mittleren und Unteren Wolga (Yelshan) um 6.800 v. Ztr. und in der Ebene nördlich des Kaspischen Meeres und am Unteren Don um ca. 6.000 v. Ztr. nahegelegt (...) 
Pottery appears in the north Caspian area, the middle-lower Volga (Yelshan, c. 7200 BC) and the lowe Don (Rakushechnyi Yar; c. 6800 BC). Stable settlement is indicated by sites in the middle-lower Volga (Yelshan) at 6800 BC, and in the Caspian lowland and on the lower Don at c. 6000 BC. (...) The origin of ceramics in eastern Europe was independent from the Near East. However, the early appearance of ceramics at the western margins of the central Asian steppe zone and the high degree of perfection make its local invention unlikely. Vybornov (2008) seeks its sources in the trans-Caspian deserts. Significantly, a network of culturally related pottery-bearing foraging sites arose along the waterways further north (Vinogradov 1981). Ultimately, this pottery horizon might have its origins in the early pottery of Siberia and China (Gronenborn 2009). Future research should be geared towards closing this link. This pottery horizon then spreads from the Russian steppe zone into the forest zone northwards up to the Baltic coast and from there westward until its final outliers are reached with the Ertebolle and Swifterband traditions.

Interessant jedenfalls dürfte sein, daß die halbseßhafte Vorgängerkultur der späteren, quasi "voll-"indogermanischen Samara-Kultur an der Mittleren Wolga, nämlich die Elsan-Kultur um 7.500 v. Ztr. schon von Ostasien her Keramik übernommen hatte (5). Sie war damit die früheste europäische Kultur mit Keramik (5):

Weiter westlich hielt die neue Technologie erst etwa tausend Jahre später Einzug (Bug-Dnestr-Kultur),

dort nun aufgrund der neuen kulturellen Einflüsse aus dem Westen, vom Balkanraum. Und von dort breitete sich die Keramik dann bis zur Ertebolle-Kultur an der Ostsee aus (5). 

Die Dscheitun-Kultur (7.200 bis 4.600 v. Ztr.)

Und nun ist für uns als neues Wissen zu erfahren: Auch östlich des Kaspischen Meeres im heutigen Turkmenistan, nördlich der Grenze zum Iran ist archäologisch schon seit 1950 die seßhafte Kultur von Dscheitun (Wiki) - Englisch Jeitun (Wiki) - für den Zeitraum 7.200 bis 4.600 v. Ztr. bekannt (s. Abb. 1). Diese Kultur geht der später in dieser Region entstandenen, ebensfalls noch wenig ins Bewußtsein getretenen Hochkultur der Marghinana (BMAC) (Wiki) um nicht weniger als 4000 Jahre voraus.

Was für umfangreiche Entwicklungen der Völkergeschichte liegen hier noch im Dunkel und Halbdunkel unseres Wissens und der Forschung. 

Aber das Alter dieser letzteren Kultur macht es nun erklärlich, daß neuerdings in einer archäogenetischen Studie domestizierte Schafe und Ziegen um 6.000 v. Ztr. im heutigen südlichen Kirgisistan, nämlich im berühmten Ferghana-Tal (Wiki) gefunden wurden (2). Dieses neue Forschungsergebnis macht bewußt, was wir alles über die Jahrtausende lange Geschichte einer riesigen Region des eurasischen Kontinents noch nicht wissen und jetzt erst allmählich zu erahnen beginnen.

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  1. Bading, Ingo: Neue Forschungen zur Entstehung der Indogermanen, 2017, https://studgendeutsch.blogspot.com/2017/07/neue-forschungen-zur-entstehung-der.html
  2. Taylor, W.T.T., Pruvost, M., Posth, C. et al. Evidence for early dispersal of domestic sheep into Central Asia. Nat Hum Behav (2021). https://doi.org/10.1038/s41562-021-01083-y, Published 08 April 2021
  3. Chris J Stevens, Charlene Murphy, Rebecca Roberts, Leilani Lucas, Fabio Silva and Dorian Q Fuller: Between China and South Asia - A Middle Asian corridor of crop dispersal and agricultural innovation in the Bronze Age. In: The Holocene 2016, Vol. 26(10) 1541–1555, pdf: http://journals.sagepub.com/doi/pdf/10.1177/0959683616650268 
  4. Gronenborn, Detlef; Dolukhanov, Pavel: Early Neolithic Manifestations in Central and Eastern Europe. (Verfasst Dezember 2011). In: Chris Fowler, Jan Harding, Daniela Hofmann (Hrsg.): The Oxford Handbook of Neolithic Europe, Oxford University Press, 2015, S. 195ff (GB)
  5. Piezonka, Henny: Neue AMS-Daten zur frühneolithischen Keramikentwicklung in der nordosteuropäischen Waldzone. In: Estonian Journal of Archaeology, 12/2008, S. 67-113
  6. https://www.shh.mpg.de/1977786/taylor-sheep

Freitag, 13. November 2020

Die Altai-Skythen - Und ihre Vorgänger-Kulturen

Zunächst einiges zur Pasyryk-Kultur (500 v. Ztr.)

Ein langhaariger, blonder, bärtiger Mann reitet auf prächtig geschmücktem Hengst, einem Schimmel dahin. Er reitet in der Reihe vieler anderer blonder, langhaariger bärtiger Männer, die ebenfalls auf Hengst-Schimmeln reiten.

Abb. 1: Pasyryk-Teppich - Blonder Reiter, hinter seinem Pferd gehend mit bunten Hosen

Es sind Männer des stolzen Volkes der Altai-Skythen. Dieses Volk lebt - wie der Name schon sagt - im Altai-Gebirge, 500 v. Ztr.. Als der König dieses Volkes stirbt, wird ihm ein Teppich mit ins Grab gegeben, der älteste, erhaltene Teppich der Welt, ein typischer "Orientteppich". Er wurde 1947 entdeckt. Auf ihm ist dieser blonde, bärtiger Reiter dargestellt mit 27 weiteren Angehörigen - vermutlich - sozusagen der "Königsgarde" (Wiki).

Und auf einem inneren Fries auf diesem Teppich traben dann in entgegengesetzter Richtung Tiere jener Art, die einen zweiten Reichtum dieses Volkes darstellten: Vierundzwanzig Elche, ihr Jagdwild, mit rötlichem Fell dargestellt (Abb. 3, 4). Auf dem Teppich sind sogar recht genau die inneren Organe der Elche dargestellt. Diesen waren den Altai-Skythen offenbar wichtig (Abb. 4). So wie es ihnen offenbar auch wichtig war, zur Darstellung zu bringen, daß es sich bei den Pferden um Hengste und um Schimmel handelte. Noch die Wikinger auf Island ließen sich - tausendfünfhundert Jahre später - regelmäßig zusammen mit Hengsten begraben.

Abb. 2: Pasyryk-Teppich - Blonder Reiter mit schwarzer langer Hose und Umhang

Die Skythen reiten noch weder auf Sätteln, noch mit Steigbügeln. Das sind erst Erfindungen der Chinesen aus einer späteren Zeitepoche. Aber sie sitzen auf farbenprächtigen "Satteldecken", solchen mit vorwiegend rotem oder auf solchen mit vorwiegend gelbem Muster. Sie tragen außerdem lange Hosen. Der Pasyryk-Teppich wurde in einem Fürstengrabhügel im Pasyryk-Hochtal im Altai-Gebirge gefunden, zusammen mit dem mumifizierten, bestatteten Fürsten selbst und mit geopferten Pferden. Der Teppich zeigt auf, daß es schon damals eine uralte Teppich-Knüpftradition gab (Wiki):

An ihm erkennt man bereits alle Merkmale des Orientteppichs.

Abb. 3: Der Pasyryk-Teppich (Ausschnitt)

Aber natürlich gab es auch in anderen Kulturen - nicht nur in Nomaden-Kulturen - Teppiche (Wiki):

Griechische Quellen beschrieben häufiger die „weichen Teppiche“ der Babylonier und Perser.

Und (Wiki):

Man geht weiterhin davon aus, daß es eine Entwicklungszeit von mehreren hundert Jahren gegeben haben muß, um den hohen Standard des Pasyryk-Teppichs zu erreichen, was bedeuten würde, daß die Teppichknüpfkunst möglicherweise bis tief in die Bronzezeit zurückreicht.

Und (Wiki):

Nach Milhofer weist der Teppich in Stil, Format, Materialwahl, Technik sowie Struktur eine hohe Übereinstimmung mit neuzeitlichen Knüpfarbeiten der trans-kaspischen Turkmenen auf.

Solche und viele andere Hinterelassenschaften, die - zum Beispiel - in der Eremitage in Sankt Petersburg zu besichtigen sind (1), machen deutlich, daß es sich bei diesen "Nomaden-Völkern" um sehr stolze, wohlhabende Fürstentümer und Königreiche gehandelt hat (s.a.: 2).

Abb. 4: Elch vom Pasyryk-Teppich

Aus dieser Perspektive darf man gerne vermuten, daß dies schon für das Urvolk der Indogermanen, für die hier auf dem Blog schon mehrmals behandelte Chwalynsk-Kultur gegolten haben kann. Denn deren Grabfunde - Kurgane -  sind schon genauso eindrucksvoll wie später noch die Grabhügel der Könige, Fürsten und Hochadligen der Skythen (2).

Auf seiner äußersten Borte zeigt der Teppich also 28 langhaarige, blonde Männer, die im bunten Wechsel reiten oder ihr Pferd gehend führen in einer Prozession. Es handelt sich bei ihnen um solche typischen Skythen wie man sie auch in vielen Eigendarstellungen skythischer Kunst viel weiter im Westen gefunden hat in prächtigen Gegenständen aus Gold. Hier auf dem Teppich tragen die Männer lange Hosen, zum Teil sehr bunte. Der Skythe auf Abbildung 1 geht ja neben und hinter seinem Pferd. Er trägt eine bunt gepunktete Hose (Abb. 1).

Neue archäogenetische Erkenntnisse intensivieren Interesse

Im letzten  Beitrag war von der genetischen Zusammensetzung der skythischen Völker im Altai-Gebirge und in der heutigen Mongolei die Rede (3). All diese neuen Erkenntnisse lassen noch einmal verstärkt danach fragen, was über dieses Volk der Skythen eigentlich bekannt ist, selbst wenn man schon vor 25 Jahren die eindrucksvolle Ausstellung "Das Gold der Skythen" im Schloß Gottorf in Schleswig-Holstein besucht haben sollte (4). In der Eremitage in St. Petersburg sind heute viele der wertvollsten Hinterlassenschaften der Skythen ausgestellt, darunter auch dieser berühmte Pasyryk-Teppich (Wiki) (1). Es fand sich auch eine Harfe. Vieles erinnert an die Fürstengräber der zeitgleichen Kelten in Süddeutschland oder an die Fürstengräber der Alemannen des Frühmittelalters.

All diese Grabfunde stammen also - weltgeschichtlich gesehen - aus Zeiten, "kurz bevor" die Nachfahren dieser Menschen zum Christentum oder Islam übergetreten sind. Auch aus dieser Sicht wird noch einmal deutlich, was sich alles verändert hat mit der Ausbreitung der monotheistischen Religionen weltweit.

Abb. 5: Darstellung einer Siedlung der Tagar-Kultur im Felsbild (Wiki) //Aus: M. G. Moshkova (ed.), Stepnaya polosa Aziatskoy chasti SSSR v skifo-sarmatskoye vremya. Moskva 1992, p. 438 (Wiki)//

1993 wurde ein weiterer erhaltener Kurgan geöffnet. Unter ihm war eine 20-jährige Adlige des Volkes der Altai-Skythen (Pasyryk-Kultur) begraben, sie wird gelegentlich "Sibirische Eisprinzessin" (Wiki) genannt (5, 6). Wie fast alle Skythen war sie reich tätowiert. Sie ist vermutlich schon mit 20 Jahren an Brustkrebs gestorben. Um die Schmerzen vor ihrem Tod zu lindern, nahm sie Cannabis (Sensi Seeds 2020):

Ihre Kleider waren von hervorragender Qualität - eine Tunika aus gelber Wildseide, ein gestreifter Rock aus Wolle und lange, reich dekorierte Pelzstiefel. Man geht davon aus, daß Seide für die Pasyryk-Menschen aus jener Zeit seltener und vielleicht sogar wertvoller als Gold war, da man sie normalerweise nur in „königlichen“ Pasyryk-Gräbern finden kann. 
Sie lag in einem Baumsarg aus Lerchenholz. Diese Altai-Skythen waren Nachkommen der zweiten indogermanischen Ausbreitung im Zusammenhang mit der Andronowo-Kultur. Aber die Archäologie weiß noch über viele andere Kulturen im Umfeld des Altai- und des Tianshan-Gebirges zu berichten. Insbesondere ist zu beachten, daß sich mit den Skythen eine neue, eher nomadische Lebensweise ausbildete, während zuvor in diesen Regionen eher seßhafte Rinderzüchter gelebt hatten (Wiki):
Die kulturelle Kontinuität am Ob hielt im ersten Jahrtausend v. Chr., als in Sibirien die Eisenzeit anbrach, weiter an; es findet sich dort immer noch die heimische Keramik. Ein umso größerer Umbruch machte sich nun im zentralasiatischen Steppengürtel bemerkbar: Die seßhaften, vorwiegend viehzüchtenden Gesellschaften der späten Bronzezeit wurden abgelöst durch mobile Reiternomadenverbände, die bis in die Neuzeit Bestand haben sollten. Die Mobilität, die die neue Gesellschaftsform ermöglichte, entfesselte eine ungeheure Dynamik, mit der sich die Völker Mittelasiens fortan in der Steppe bewegen konnten. Davon waren nicht zuletzt auch die benachbarten Hochkulturen betroffen. Das alte China wurde von den Xiongnu und ihren Nachfolgern bedroht, die antiken Staaten des heutigen Iran hatten sich gegen die Massageten und Saken, und das Römische Reich, dessen Westteil wenig später unterging, schließlich gegen die Hunnen zu verteidigen. Die gesellschaftlichen Veränderungen schlugen sich auch im Fundgut deutlich nieder: Es finden sich keine Siedlungen mehr, Angehörige der neu gebildeten Oberschicht wurden in riesigen Kurganen reich ausgestattet begraben, und völlig neue Formen der Kunst bildeten sich heraus.

Es macht also womöglich wenig Sinn, sich die indogermanischen Völker vor der Eisenzeit vornehmlich als Völker vorzustellen, die wie die Skythen gelebt haben. Im folgenden noch einige Eindrücke von dem aktuellen Forschungsstand zum Spätneolithikum und zur Bronzezeit Mittelasiens (10-16).

4.000 v. Ztr. - Europäische Kulturen breiten sich bis zum Altai-Gebirge und zur Seidenstraße aus

Die spätneolithischen bis vormittelalterlichen Ausbreitungsbewegungen europäischer Völker und Kulturen bis an den Nord- und Westrand Chinas werden immer genauer nachvollziehbar (10-12). Wir stoßen auf eine Grafik, die gerade die früheste dieser Ausbreitungsbewegungen sehr gut zusammen zu faßt, nach derzeitigem Forschungsstand (Abb. 6) (10).

Abb. 6: Kulturen zwischen Pamir und Altai ab 4.000 v. Ztr. - Die iranisch-neolithische Oxus-Zivilisation (BMAC) und die indogermanische Afanassiewo-Kultur (aus: 10)

Dargestellt ist auf dieser, wie die iranisch-neolithische Marghiana-Kultur (hier benannt als "Oxus-Zivilisation") (Wiki)*). 

Die Marghiana-Kultur hat sich vom östlichen Iran aus über das heutige Tadschikistan hinweg am Nordhang des Tianshan-Gebirges entlang bis in den Süden des Altai-Gebirges ausgebreitet. In ihren östlichen Teilen, insbesondere im Altai-Gebirge wird diese Kultur von den Archäologen "Chemurchek-Kultur" benannt. Ihre anthropomorphen Stelen gleichen sehr zeitgleichen anthropomorphen Stelen in Europa und Arabien (Abb. 7) (13). Diese Kultur ist gerade erst neu von den Archäogenetikern eingeordnet worden - wie wir im letzten Beitrag berichteten (3). Die Archäologen benennen als einen Ausgangsort dieser Kultur (12, S. 6) ...

... den Fundort Sarazm in Tadschikistan am Zarafshan-Fluß, flankiert von Bergen und unterhalb der Oase von Samarkand. In der Keramik findet man Einflüsse aus der südlichen zentralasiatischen Oasenkultur von Namazga II. In Sarazm finden sich Belege für Weizenanbau 3.905-3.645 v. Ztr..
... the site of Sarazm in Tajikistan, on the Zarafshan river, flanked by mountains and upstream from the oasis of Samarkand. (...) The ceramic forms (...) reflect influences from the south Central Asian oasis culture of Namazga II. Sarazm has evidence for wheat cultivation (T. aestivum/ durum) from the mid-4th millennium BCE (3905-3645 cal. BCE) (Isakov, 1996; Isakov et al., 1987; Spengler & Willcox, 2013).

Diese Hochkultur hat sich also von der Region Samarkand bis hin zum Altai-Gebirge ausgebreitet.

Abb. 7: Die anthropomorphen Stelen der Chermurchek-Kultur, die sowohl Männer wie Frauen darstellen (aus: 12) - Sie ähneln stark zeitgleichen aus ganz Europa (13)

Grob tausend Jahre später erfolgte dann die Ausbreitungsbewegung der ersten Welle der Indogermanen, der indogermanischen Afanassiewo-Kultur, ebenfalls bis zum Altai-Gebirge. 

Aus Sicht der Archäologie Xianjiang's wird referiert (12, S. 5):

Im Nordwesten hatte sich die Afanassiewo-Kultur ausgebreitet, deren Zentrum westlich des Altai und im Minusinsk-Tales lag. Sie repräsentiert den frühesten Beleg für spätneolithisch/bronzezeitliche Herdenhaltung in der östlichen Steppe und ist jüngst auf 3.300 bis 2.500 v. Ztr. datiert worden. Die wirtschaftliche Grundlage der Afanassiewo-Kultur beruhte zu bis zu 50 % auf der Jagd, außerdem auf der Haltung einer Mischung von domestizierten Herdentieren, wobei Schafe und Ziegen mit Rindern kombiniert wurden. Weizenkörner, die auf 3.000 v. Ztr. datiert werden, sind jüngst in Verbindung mit Afanassiewo-Keramik an dem Fundort Tongtiandong im westlichen Xinjiang am Südufer des Irtysch-Flusses gefunden worden.
Original: To the northwest was the Afanasievo, centred on the western Altai and Minusinsk basin. It represents the earliest evidence for Éneolithic/ Bronze Age herding in the eastern steppe region (Frachetti, 2008, 2012) and has been recently dated to 3300-2500 cal. BCE (Svyatko et al., 2009). The Afanasievo economy included up to 50% reliance on hunting, together with a mix of domestic herds combining sheep/goat and cattle. Wheat grains dating from c. 3000 BCE associated with Afanasievo pottery have recently been found at the site of Tongtiandong in western Xinjiang on the south bank of the Irtysh river (Yu & He, 2017).

Neben Jagd und Herdenhaltung ist von Seiten der Afanassiewo-Kultur also auch Ackerbau getrieben worden. Der Irtysch (Wiki) ist ein Fluß, der im Altai entspringt. Er fließt durch die weiten Steppen Kasachstans und erreicht über sie östlich des Urals das Westsibirische Tiefland. Er fließt insbesondere durch die Stadt Omsk und mündet schließlich in den Ob (Wiki), mit dem zusammen er den Arktischen Ozean erreicht. Der Irtytsch spielt auch für die Geschichte des ugrischen Volkes der Chanten, die eng mit dem nordsibirischen Volk der Nganasanen verwandt sind, eine große Rolle (siehe Blogbeiträge von Anfang 2022).

Die Xiaohe-Kultur (Wiki, engl) am Tarim-Fluß mit ihren zumeist als "europäisch" identifizierten Wüstenmumien scheint archäogenetisch noch nicht so gut erforscht zu sein (?). Aber sie scheint doch im Wesentlichen indogermanischer Steppen-Herkunft zu sein (2):

Die Genetik platziert die Herkunft der Xiaohe-Populationen vornehmlich in die eurasische Steppe und jenseits derselben.
The human DNA places the ancestry of the Xiaohe population predominantly in the Eurasian steppe and beyond.

Die Archäologen schreiben hinsichtlich der genetischen Herkunft ansonsten noch sehr vage (12):

Die Chermurchek- und Xiaohe-Kulturen entstanden aus Populationen des Altai und der Mongolei, sowie aus eurasischen Populationen heraus, während sich eine dritte frühe Gruppe, die Tianshanbeilu-Kultur am östlichen Ende des Tianshan von Oasen-Bauern in Gansu und dem Hexi-Korridor herleitet. Im frühen 2. Jahrtausend v. Ztr. breiteten sich neue eurasische, bäuerliche Herdenhalter vom Westen her aus, die dieselben Landstriche besiedelten wie die Chemurchek-Kultur. Sie breiteten sich entlang der westlichen Hügel und Berge von Xianjiang aus, entlang des Tianshan Richtung Osten und nach Süden in den Pamir bis an das westliche Ende der tibetischen Hochebene. Diese Gruppe wies im Großen und Ganzen eine Ähnlichkeit auf mit dem Andronowo-Kultur, die sich weit über Eurasien in der späteren Bronzezeit ausbreitete, am meisten mit der östlichen Federowo-Variante.
Qiemu’erqieke and Xiaohe/Gumugou emerged out of Altaic/Mongolian and east Eurasian populations [11–13], while a third early group, the Tianshanbeilu culture, appearing in the oasis of Hami at the eastern end of the Tianshan, had its ancestry to the east in early oasis farming populations in Gansu and the Hexi Corridor. [10, 14]. By the early 2nd millennium BCE, new Eurasian agro-pastoralists moved in from the west, occupying some of the same lands as the southerly expansion of Qiemu’erqieke peoples. They spread into the western hills and mountains of Xinjiang, along the Tianshan towards the east, and south into the Pamirs, close to the western end of the Tibetan Plateau. This group shared broad affinity with the loosely defined Andronovo complex that appeared widely across Eurasia in the later Bronze Age [15–17], more specifically the eastern Federovo variant [18].

Die Xiaohe-Kultur könnte älter und zeitglich mit der hier genannten Andronowo-Kultur bestanden haben. In den Oasenstädten der Seidenstraße ist in späteren Jahrtausenden auch Tocharisch, eine westindogermanische Sprache gesprochen worden. Von dieser Sprache könnte man auch annehmen, daß sie erst mit der zweiten Welle der indogermanischen Ausbreitung nach Innerasien gelangt ist.

Abb. 7: Die bronzezeitliche Chemurchek-Kultur südlich des Altai-Gebirges (2.500-1.700 v. Ztr.), die Xiaohe-Kultur am Tarim-Fluß (2.200-1.500 v. Ztr.) (aus: 3)

Von der Xiaohe-Kultur wird von Seiten der Archäologen gesagt, daß sie weitgehend akeramisch gewesen sei und von dem Anbau von Weizen und Gerste, sowie von Rinderhaltung lebte (12, S. 4f). Daß die Xiaohe-Kultur von anderen Kulturen abgeleitet werden könnte, etwa von der Chermurchek-Kultur wird von den Archäologen aufgrund des sehr unterschiedlichen kulturellen Inventar-Vergleichs verneint. 

Damit sollte nur ausschnitthaft einiges zum archäologischen Forschungsstand jener Völker und Kulturen gesagt werden, deren Archäogenetik Thema des letzten Beitrages war (3). Wichtig ist es auch, sich klar zu machen, daß auch schon die Andronowo-Kultur Stadtkultur östlich des Ural ausgebreitet hat, aufgezeigt unter anderem durch die Spiralstadt Arkaim im Osten des Ural (Wiki). Stadtartige Siedlungen der Skythen sind inzwischen ebenfalls bekannt.

"Low-investment Agropastoralists"

[Ergänzung, 17.5.21] In einer neuen Studie wird darauf abgehoben, daß die skythischen Völker der Andronowo-Kultur keineswegs Nomaden im klassischen Sinne waren, sondern "low-investment agropastoralits" waren, also Herdenhalter und Ackerbauern, die nicht zu viel Mühe in den Anbau von Getreide gesteckt haben, die aber dennoch viele Züge von Seßhaftigkeit aufgewiesen haben. Die Archäologen sprechen von (17) ...

... der weiten Verbreitung von architektonischen Strukturen (Höfe und Dörfer), die auf Seßhaftigkeit hinweisen, ebenso unzählige Mahlsteine ...., Vorratsgruben, Bewässerungskanäle, .... Wir können inzwischen ein viel detaillierteres und komplexeres Bild gewinnen von dem Leben im östlichen Zentralasien während dem zweiten und ersten Jahrtausend v. Ztr..
the widespread presence of sedentary architectural structures (farmsteads and villages) and abundant grinding stones, in addition to farming implements, storage pits, irrigation canals, twills made with nonportable up-right looms, and bulky nonportable bronze and ceramic cooking cauldrons. In linking these archaeological data to recently accrued information emerging from the application of archaeological scientific methods, including isotope evidence, phytolith and macrobotanical data attesting to farming and grain processing practices, and seasonality estimates from zooarchaeological and macrobotanical studies, we can piece together a much more detailed and complex image of life in eastern Central Asia during the second and first millennia BC.

Wir hätten es also mit Seßhaftigkeit zu tun, die aber gerne auch wieder aufgegeben werden konnte, um andere Gegenden zu besiedeln. Eine solche Situation finden wir ja auch noch vor bei den keltischen und germanischen Stämmen zur Zeit von Cäsar.

Das Pazyryk-Pferd - Es wurde von den Chinesen weiter gezüchtet

[Ergänzung 25.1.22] Chinesische Genetiker haben die Größen-Zunahme der chinesischen domestizierten Pferde untersucht. Sie finden eine Stelle im Genom, an der diese verschaltet ist (18):

Das G-Allel findet sich am frühesten in Berel' Pazyrk-Pferden, etwa 300 v. Ztr. in der Altai-Region und nahm an Häufigkeit stetig zu bis zu der heutigen Häufigkeit. Das legt ein Szenario nahe, nach dem die Züchter zu Beginn des chinesischen Reiches während der Qin-Dynastie begannen, auf größere Pferde hin zu züchten.
The G allele was first detected among Berel’ Pazyryk horses some ∼2,300 YBP in the Altay region and steadily increased to present-day frequencies thereafter. This supported a scenario in which past breeders started to select horses of larger sizes concurrently with the beginning of the Chinese Empire during the Qin dynasty.

In welchen Zusammenhängen es zur Verbreitung von domestierten Pferden an den Nordwestgrenzen Chinas kam und in welchen Zusammenhängen die domestizierten Pferde dann Verbreitung in China gefunden haben, wäre noch einmal gesondert aufzuarbeiten.

Die berühmten Pferde des Ferghana-Tales haben dabei eine Rolle gespielt, vielleicht auch das Volk der Sogder, dessen Hauptstadt Samarkand war, und in dessen Besitz sich diese Pferde befunden haben.

Die geschichtliche Überlieferung zu Pferden ist in der chinesischen Geschichte jedenfalls sehr reich. Sie bietet viele Erkenntnismöglichkeiten allgemeinerer Art. In diese wären dann auch die Pferde der Altai-Skythen (Wiki) einzuordnen und das Weiterzüchten derselben in China. 

Außerdem werden die Hunnen, Awaren und Ungarn, die aus diesen Gebieten 600 Jahre später gen Westen aufgebrochen sind, ebenfalls ihre Pferde mit nach Europa gebracht haben. 

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*) Andere Namen dieser erst spät ins Blickfeld der westlichen Forschung geratenen Hochkultur: "Oasen-Kultur" oder auch "Baktria-Marghiana-Archäologischer-Komplex" = BMAC

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  1. Pazyryk. Tour in English. Eremitage - The State Hermitage Museum, Sankt Petersburg, 10.04.2020, https://youtu.be/rAvoeqxfEHI.  
  2. Barry Cunliffe: The Scythians: Nomad Warriors of the Steppe. Talks at Google, 03.12.2019, https://youtu.be/XFsd_LyYZdo.
  3. Bading, Ingo: Turkvölker, Indogermanen, Sarmaten und Hunnen, November 2020, https://studgendeutsch.blogspot.com/2020/11/turkvolker-indogermanen-sarmaten-und.html
  4. Berthild Gossel-Raeck; Ralf Busch (Hrsg.): Gold der Skythen. Schätze aus der Staatlichen Eremitage St. Petersburg. Wachholtz, Münster 1993, ISBN 3529018457. (Katalog zur Ausstellung) 
  5. The Ice Maiden's Treasure - Ascent of Woman, 29.05.2017, https://youtu.be/UCmeU2-zBGo.
  6. NOVA: Ice Mummies: Siberian Ice Maiden (1998-TV), 11.02.2020, https://youtu.be/ZUtgQ6dQUF0.
  7. Hermann Parzinger: Das Gold der Skythen - Über ein sagenhaftes Reitervolk in der Antike (dctp.tv), 10.08.2020, https://youtu.be/o-vI_Jzf1_Y.
  8. Schliemanns Erben 05 Der Fluch der Skythen, 07.04.2013, https://youtu.be/WFLlAF2u5CQ. [Ein Kamerateam begleitet die Grabungen von Hermann Parzinger]
  9. Grandits, Victor: Die Amazonen - Auf der Spur antiker Kämpferinnen DOKU HD 11.01.2017, https://youtu.be/TIyMbzAmy24.
  10. Daniel Yang: Wann wurden Weizen und Hochlandgerste in China eingeführt? Quelle: China Tibet Online, 17.03.2020, http://german.tibet.cn/de/culture/news/202003/t20200317_6754986.html
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  14. Prestel, Peter; Graichen, Gisela: Das Gold von Tuva. Schliemanns Erben - Spezial 1. ZDF 2002, https://youtu.be/1sOHDO_a5aI. [Grabungen Hermann Parzingers]
  15. Prestel, Peter; Graichen, Gisela: Das Geheimnis der Eismumie. Schliemanns Erben - Spezial 2, ZDF 2006, https://youtu.be/aTcRuHE8J3c. [Grabungen Hermann Parzingers 2006]
  16. Prestel, Peter; Graichen, Gisela: Das Vermächtnis der Steppenkrieger. Schliemanns Erben 32, ZDF 2010, https://youtu.be/6PcDHUSc_2w. [Archäologe Rüdiger Krause, Spiralstadt Arkaim im Ural (Wiki), Andronowo-Kultur, 2.000 v. Ztr., Sarmaten 200 v. Ztr.]
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  18. Xuexue Liu, Yanli Zhang, Wujun Liu, Yefang Li, Jianfei Pan, Yabin Pu, Jianlin Han, Ludovic Orlando, Yuehui Ma, Lin Jiang, A single-nucleotide mutation within the TBX3 enhancer increased body size in Chinese horses, Current Biology, Volume 32, Issue 2, 2022, Pages 480-487.e6, https://doi.org/10.1016/j.cub.2021.11.052. (https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0960982221016110)
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