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Samstag, 9. November 2019

Indogermanische Genetik in Italien (2.100 v. Ztr. bis heute)

Römische Republik und Italienische Renaissance
- Welcher Zusammenhang besteht zwischen der Genetik einerseits und dem Aufblühen und dem Niedergang von Kultur andererseits?

Die Bevölkerungsgeschichte Mittelitaliens vom Mesolithikum bis heute ist aufgearbeitet worden (1). Dies geschah von Seiten einer archäogenetischen Forschungsgruppe um Jonathan Pritchard anhand der Typisierung von 127 archäologischen Skeletten, die in Rom und seinem Umland gefunden wurden. Man sehe sich die Abbildung 1 an: Hier werden die Forschungsergebnisse in kompakter Form dargestellt. Deutlich wird hier der indogermanische, genetische Einfluß auf die Hervorbringung

  1. der Römischen Republik und 
  2. der italienischen Renaissance

Abb. 1: Die Bevölkerungsgeschichte Mittelitaliens 7.000 v. Ztr. bis heute

Dies ist ablesbar insbesondere im Balken recht (B) (Abb. 1). Gehen wir das im einzelnen durch:

1. Anfangs leben in Italien - wie im übrigen West- und Mitteleuropa - westeuropäische Jäger und Sammler (WHG).

2. Ab 6.500 v. Ztr. breiten sich anatolisch-neolithische Bauern über Europa aus. (Die Forscher meinen aufzeigen zu können, daß sie auch schon einen kleinen Anteil iranisch-neolithischen genetischen Anteil in sich tragen. Das ist nicht unmöglich, fand sich aber in anderen Studien bisher nicht.)

3. Es gibt einige Individuen - vielleicht erst ab dem Mittelneolithikum, bei denen es - wie in Mitteleuropa - einen Anteil westeuropäischer Jäger-Sammler-Genetik gibt, der sich zumindest in Mitteleuropa vornehmlich ab dem Mittelneolithikum (wieder) ausbreitet. Es geschah das in Mitteleuropa nach dem Zusammenbruch der bevölkerungsdichten frühneolithischen Kulturen (Bandkeramik) und der Ethnogenese neuer extensiver wirtschaftender Völker während des Mittelneolithikums, z.T. aus Rückzugsräumen der ursprünglich einheimischen Bevölkerung heraus.

2.100 v. Ztr. - 20 Prozent Steppengenetik

4. Nach der Kupferzeit - also parallel zum Spätneolithikum in Mitteleuropa - erfolgt - grob um 2.500 v. Ztr. - der Einbruch der indogermanischen Völker (in Form der Glockenbecherkultur) auch in Italien (Wiki, engl). Diese indogermanische Genetik hält sich - offenbar trotz oder mit der etruskischen Kultur - konstant bis in die Zeit der Römischen Republik. Das sollte dem historisch Urteilenden zu denken geben. Und das dürfte schon eine der entscheidenderen Neuerkenntnisse dieser Studie sein. (Diese hatte man aber auch schon aus der zu 80 % hellen Haarfarbe bei den Menschendarstellungen auf den Wandgemälden von Pompeji ablesen können (3) [Wiki]. Dieser Umstand ist ja für das heutige Neapel so nicht mehr gegeben.)

Rückgang indogermanischer Genetik in der Frühen Kaiserzeit

5. In der Frühen Kaiserzeit geht der Anteil der indogermanischen Genetik (Steppengenetik) in Mittelitalien außerordentlich deutlich zurück. Das wird auf die vielen inneritalischen und Bürgerkriege zurück zu führen sein, vielleicht auch auf die außeritalischen Aktivitäten der Römer. Außerdem auch auf die zurückgehende Geburtenzahlen der im Wohlstand lebenden Römer. Genau so ist es auch schon in den 1950er Jahren anthropologisch beschrieben worden (3)*). Gleichzeitig breitet sich iranisch-neolithische Genetik in Italien aus, nämlich aus dem ostmediterranen Bereich heraus. Das dürfte u.a. auf den Sklavenhandel in dieser Zeit zurückzuführen sein. (Auch der u.a. schon in etruskischer Zeit auftretenden Herkunftsanteil von Bauern-Genetik aus Marokko, die sich in der Römischen Kaiserzeit verstärkt, könnte noch genauer nachgegangen werden.)

Der Anteil der indogermanischen Genetik ist in der Römischen Kaiserzeit sehr ungleichmäßig verteilt, bleibt aber auf deutlich niedrigerem Niveau als zuvor.

6. In der Spätantike wächst er dann zum Teil beträchtlich an. Das dürfte auf den Zuzug von Goten und Langobarden zurückzuführen sein. Im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit sehen wir die Anteile indogermanischer Genetik sehr ungleichmäßig in der Bevölkerung verteilt. Das könnte mit Heiratsschranken durch soziale Schichtung oder Stadt/Land-Unterschiede erklärt werden. (In der Renaissance-Kunst sehen wir ja auch noch verhältnismäßig viele hellhaarige Menschen.)

7. Aber bis zum 19. Jahrhundert herum scheinen Bevölkerungsteile mit diesem höheren Anteil indogermanischer Genetik weniger Nachkommenschaft in Mittelitalien hinterlassen zu haben. Auffallenderweise ging damit zugleich einher - bekanntlich - der Rückgang des Beitrags Italiens zu den kulturellen Errungenschaften der Menschheit (4). Mit all dem wird dem historisch Urteilenden viel zu denken gegeben. 

Ausbreitung von Nord- nach Mittelitalien - Innerhalb von 400 Jahren

Ergänzung (17.5.2021): Inzwischen ist eine weitere Studie zum Thema erschienen (5). In dieser wird die Ausbreitung des indogermanischen Steppen-Herkunftsanteils in Italien folgendermaßen beschrieben:

Auftauchend in der Frühen Bronzezeit - Italienische Glockenbecher (2195-1940 v. Ztr.), Italienische Remedello-Kultur (2134-1773 v. Ztr.), sowie Broion (1952-1752 v. Ztr.) - und über die Zeiten hinweg anwachsend in Individuen von Broion und Regina Margherita (1626-1497 v. Ztr.). Diese Funde bestätigen das Ankunftsdatum im nördlichen Italien um spätestens ∼2000 v. Ztr. und vier Jahrhunderte später sein Auftauchen in Mittelitalien.
Emerging in the Early BA (Italian Bell Beaker [I2478: 2195–1940 calBCE], Italian Remedello [RISE486: 2134–1773 calBCE], and Broion [BRC010: 1952–1752 calBCE (95.4%)]) and increasing through time in the individuals from Broion and Regina Margherita (GCP003: 1626–1497 calBCE [95.4%]). These samples confirm the date of arrival in Northern Italy to at least ∼2000 BCE and its presence in Central Italy by 4 centuries later.

Dies ist also der Zeitraum, in dem sich die italischen Stämme und Völker bildeten, nicht zuletzt das römische. Die hier genannte Remedello-Kultur bestand im Alpenraum und in Norditalien seit 3.400 v. Ztr.. Ihr gehörte auch der Ötzi an. Sie war unter anderem durch charakteristische Kupfer-Stabdolche gekennzeichnet. Auf Wikipedia steht (Wiki):

Zwischen 2500 und 2200 BC emigrieren Gruppen der Glockenbecherkultur in die nördliche Po-Ebene und beendeten die Phase der Remedello-Kultur.

 

 / Letzte Überarbeitung: 
20.3.2022 /
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*) In einer Arbeit, die einstmals von Alfred Rosenberg angeregt worden war. Dazu ist zu bemerken: Wenn die Wissenschaft heute auf der Ebene der Erforschung des Seins zu ähnlichen Ergebnissen kommt wie die Wissenschaft vor 1945, heißt das noch lange nicht, daß auf der Ebene des "Sollens" und der Bewertungen sich "Geschichte wiederholen" müßte. Die Lehren von der Herrenrasse und von der Minderwertigkeit von "Untermenschen" sind in den 1930er Jahren sehr stark aus freimaurerischen ebenso wie katholischen ariosophischen Okkultlogen heraus befeuert worden, in denen viele führende Nationalsozialisten Mitglied waren. Viele solcher ariosophischer Okkultlogen gibt es heute immer noch - oder wieder. Diese stellen eine große Gefahr dar, auf die noch viel stärker das Augenmerk gerichtet werden sollte. So sollte beispielsweise der Tatsache nachgegangen werden, daß Werner Best, der dritte Mann hinter Himmler und Heydrich dem Skladenorden nahe stand, daß Himmler sich von Astrologen wie Wihelm Wulff beraten ließ und viele Dinge mehr auf dieser Linie.
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  1. Ancient Rome: A genetic crossroads of Europe and the Mediterranean  By Margaret L. Antonio, (...) Ron Pinhasi, Jonathan K. Pritchard, Science, 08 Nov 2019:708-714, https://science.sciencemag.org/content/366/6466/708 
  2. Khan, Razib: https://www.gnxp.com/WordPress/2019/11/07/syrian-orontes-has-long-since-dried-up-to-be-replaced-by-the-tiber-once-more/ 
  3. Günther, Hans F.K.: Lebensgeschichte des römischen Volkes. Verlag Hohe Warte 1957 
  4. Murray, Charles: Human Accomplishment, 2003 
  5. Saupe, T., Montinaro, F., Scaggion, C., Carrara, N., Kivisild, T., D’Atanasio, E., ... & Scheib, C. L. (2021). Ancient genomes reveal structural shifts after the arrival of Steppe-related ancestry in the Italian Peninsula. Current Biology, online 10.5.2021, https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0960982221005352.

Dienstag, 5. August 2008

Beeinflussen Krankheitsgefahren die Gruppen- und Religionspsychologie?

Neue Forschungsansätze aus der Soziobiologie

Die amerikanischen Biologen Corey L. Fincher und Randy Thornhill haben eine neue These zur Evolution menschlicher Sprach- und Religionsgemeinschaften erarbeitet. Da über diese These zumeist im Zusammenhang mit dem Schlagwort "Parasitenbefall" berichtet wurde, haben das viele Leser womöglich ein wenig zu abwegig gefunden, um weiterzulesen.

Abb.: Kranker Mensch - Gemälde von Ferdinand Hodler, Juni 1914 (Wiki)

Aber die These ist letztlich viel allgemeiner, so wird es deutlich wird, wenn man sich die Originalartikel anschaut (Oikos, Proc. Roy. Soc. B, Proc. Roy. Soc. B).

Der Ausgangspunkt ist lokale genetische Humanevolution, zunächst bei der Krankheitsabwehr des Menschen. Für solche lokale genetische Humanevolution haben ja die Genetiker in den letzten Jahren eine Fülle von neuen Hinweisen gefunden. ("Studium generale" berichtete häufig darüber.) Es handelt sich hier um sehr allgemeine Erkenntnisse und Konzepte, die weit über lokal unterschiedlichen Parasitenbefall und genetische, psychologische und kulturelle Anpassung an diesen auf Gruppenebene hinausgehen.

Jüngste, lokale Humanevolution aus der Sicht der traditionellen Soziobiologie

Soweit übersehbar sind das zwei erste Studien von Seiten der "traditionellen" Evolutionären Psychologie (bzw. der Soziobiologie), die konkreter alle die neuen Erkenntnisse in der Humangenetik der letzten zwei, drei Jahre zu jüngster, lokaler Humanevolution aufnehmen - oder sich doch sehr konkret auf theoretischer Ebene an sie annähern. Allein aufgrund dieses allgemeinen theoretischen Ansatzes verdienen die beiden Studien von Fincher und Thornhill Beachtung, auch wenn der in diesen Studien erörterte Ansatz selbst noch nicht für sich verbürgen sollte, daß man gleich im ersten Schritt schon zu sehr gut verallgemeinerbaren Ergebnissen kommt.

Anpassung an unterschiedlichen Krankheitsgefahren ist sicherlich ein Aspekt von menschlichem Gruppenverhalten. Aber sicherlich auch nicht der einzige. Der Denkansatz selbst ist jedoch so grundlegend, daß er sehr leicht erweiterungsfähig sein wird in viele Richtungen. Das mag spürbar werden, wenn nur allein einige Stichworte genannt werden aus dem zweiten Originalartikel: "locally adaptive immunity", "spacial variance in the immunbiology", was beides sowohl auf genetischer, wie psychologischer wie kultureller Ebene Auswirkungen hat, nämlich in Richtung von: "philopatry" (Heimatliebe), "ethnocentrism", "xenophobia", "collectivism", "individualism", "average coefficient of relatedness of ego's interactions over the lifetime", "flow of ideas and values", "markers of commitment", "ethnic code as a honest signal" (der "ethnische Code als ein ehrliches Signal") und so weiter und so fort.

Wie man in der Wissenschaftsberichterstattung und in der Blogszene sehen kann, sind das Studien, die beispielsweise Sprachwissenschaftler gleichermaßen interessieren wie Religionswissenschaftler. Auch dieser Umstand deutet darauf hin, daß man es hier mit einem sehr grundlegenden Denk- und Forschungsansatz zu tun hat. Die Berichte und Blog-Stellungnahmen (hier eine Auswahl: Spektr. d. Wiss., BdW, ORF, Kath.net, Spiegel, Tagesspiegel, New Scientist, Science, Telegraph, Homo economicus' Weblog, Bad Idea, Bremer Sprachblog) sind, wenn man sie mit den Originalartikeln vergleicht, oft noch viel zu oberflächlich und undifferenziert. "Studium generale" wird deshalb versuchen, auf diese Studien noch einmal differenzierter zurückzukommen.

Auszüge aus der Wissenschafts-Berichterstattung 

Hier zunächst nur einige wertvollere Auszüge aus der Berichterstattung. Der ORF schreibt:

Überprüft wurde diese These erstmals in den 1970er Jahren, als Forscher verschiedene Pavianpopulationen untersuchten. Es zeigte sich, dass in der afrikanischen Savanne die Affen von ähnlichen Bakterien befallen waren und in regem Austausch miteinander standen. In den Regenwäldern hingegen unterschied sich der Bakterienbefall zwischen den Populationen stark und die Paviane interagierten weit weniger. Die verschiedenen Parasiten, so lautete der Schluss, sind eine treibende Kraft der Evolution. Corey Fincher und Randy Thornhill meinen, daß dies auf für die Menschen gilt. (...) Wie sie in ihrer Studie schreiben, gab es überall eine strenge Korrelation zwischen diesen beiden Größen: Je mehr Sprachen es in einem Gebiet gibt, desto unterschiedlicher sind auch die Krankheitserreger, die die verschiedenen Menschengruppen tragen.
Und:
"Individuen müssen Kosten und Nutzen beim Kontakt mit Artgenossen abwägen", meinte Fincher gegenüber dem Online-Dienst des "New Scientist". Zu den Kosten zähle die Gefahr, sich mit Krankheitserregern eines fremden Individuums anzustecken, an die das eigene Immunsystem nicht angepaßt ist. Ist diese Gefahr hoch, wird der Kontakt eingeschränkt.
Man meidet also Gruppenfremde, um etwaige Ansteckungen zu vermeiden. Dazu paßt ein früheres Forschungsergebnis, nach dem vor allem schwangere Frauen stärker zwischen Gruppenfremden und Gruppenzugehörigen unterscheiden, da sie gesundheitlich besonders gefährdet sind (EHB 2007). Weiter:
Hintergrund der Studie ist ein bekanntes Phänomen der Ökologie: Die Artenvielfalt ist rund um den Äquator, in den Tropen und Subtropen, am größten, die Regenwälder sind jene Regionen mit der höchsten Artendichte und -vielfalt. Je näher man zu den Polen kommt, desto geringer ist die Biodiversität.

Aber die Forscher ziehen noch viele weitere Implikationen aus ihren Studien. Nicht nur die Größe, sondern auch die Art der Sprach- und Religionsgemeinschaften sei durch die Häufigkeit unterschiedlichen Parasitenbefalls bedingt. Hier geht es um den Unterschied zwischen mehr kollektivistischen oder mehr individualistischen Gesellschaften. Vor zwei Jahren hat der ORF schon über eine ähnliche Studie zu Parasiten berichtet (ORF, Proc. Royal Soc.). Hier wurde behauptet, daß der höhere Befall mit einer Parasitenart in Brasilien zu höheren Ängstlichkeits- und Neurotizismus-Raten, sowie zu höherer Betonung von Männlichkeit führe:

... Könnten gewisse Charakteristika nationaler Kulturen auf den Einfluß eines Parasiten zurückzuführen sein? Für die Hypothese spricht, daß der Infektionsgrad mit T. gondii regional sehr unterschiedlich ist. In Großbritannien und Norwegen liegt er bei sieben bzw. neun Prozent, in Brasilien und dem Balkan sind hingegen zwei Drittel der Bevölkerung infiziert.
Eine statistische Analyse von Lafferty zeigt indes, daß tatsächlich ein Zusammenhang zwischen der Verbreitung des Parasiten und gewissen Persönlichkeitsfaktoren besteht: Gesellschaften, die eine hohen Anteil Infizierter aufweisen, erreichen auch höhere Werte bei Persönlichkeitstests bezüglich Neurotizismus. Zusammenhänge, wenn auch weniger ausgeprägt, gibt es außerdem bei zwei Faktoren, die vom Niederländer Geert Hofstede eingeführt wurden, um das gesellschaftliche Klima in Kulturgruppen zu charakterisieren: Gesellschaften mit vielen Infizierten weisen eine tendenziell geringere Risikobereitschaft (bzw. höhere "uncertainty avoidance") auf und orientieren sich daher vermehrt an vorgegebenen Regeln. Und sie sind, in der Terminologie von Hofstede, eher "maskulin" - d.h., sie halten eher an traditionellen Geschlechterrollen fest.

Detaillierteres zu diesen Dingen noch einmal in einem weiteren Beitrag.

ResearchBlogging.org

/ leicht überarbeitet: 10.3.2021 /

_______________
  1. Corey L. Fincher, Randy Thornhill (2008). Assortative sociality, limited dispersal, infectious disease and the genesis of the global pattern of religion diversity Proceedings of the Royal Society B: Biological Sciences, -1 (-1), -1--1 DOI: 10.1098/rspb.2008.0688

Donnerstag, 25. Oktober 2007

Das Werden der Völker in Europa - ein neues Buch


Ein Freund macht mich auf ein gerade erschienenes Buch aufmerksam, das die Autorin Elisabeth Hamel auf ihrer Homepage vorstellt. Sein Titel: "Das Werden der Völker in Europa - Forschungen aus Archäologie, Sprachwissenschaft und Genetik."

Besonders da sie für dieses Buch mit dem bekannten Humangenetiker Peter Foster zusammengearbeitet hat, wird man es mit Interesse zur Hand nehmen. Auch ihre Publikationsliste läßt einen weiteren Horizont erkennen.

Schon die Grafiken aus dem Buch, die sie auf ihrer Homepage bringt, wecken mancherlei Hoffnungen.

Vielleicht (nein, wahrscheinlich!) entdeckt man ja in diesem Buch auch noch einiges, das man aus anderen Büchern zur gleichen Thematik (St. gen. Buchladen) noch nicht kennt? Ich glaube, noch ohne es gelesen zu haben kann man der Autorin ein großes Dankeschön für dieses Buch aussprechen. Ein solchartiges Buch ist es immer gewesen in den letzten Jahren, das auch mir selbst vorgeschwebt hat (siehe mein eigenes Buchprojekt auf Lulu.com). - Puh, davon bin ich jetzt ja entlastet, jetzt muß ich vieles nicht mehr selbst schreiben! ;-)

(Durch Anklicken wird die folgende Abbildung größer.)



(Ergänzung September 2008:) Nachdem man inzwischen einen Blick hat hineinwerfen können, ist die ursprüngliche Begeisterung nicht mehr so groß. Es werden zwischen dem recht ausführlichen Hauptteil über Sprachen und dem anderen Hauptteil über Gene nur wenige Bezüge hergestellt. Dadurch bleibt das Bild vom Werden der Völker insgesamt doch recht "abstrakt" und es werden die neuen Erkenntnismöglichkeiten, wie einem scheinen will, noch nicht genügend ausgeschöpft. Lebendiger würde das Bild wohl erst dann, wenn man auch die Bezüge zu dem geschichtswissenschaftlichen und archäologischen Kenntnissstand ausführlich darstellen würde. Insgesamt liest sich das Buch doch eher wie eine gut bebilderte Vorlesungsmitschrift, in der das Wissen anderer referiert wird - aber nicht kreativ zu einem eigenen Bild neu aufbereitet wird.

Sonntag, 21. Oktober 2007

Menschliche kulturelle Vielfalt in Gefahr

Die kulturelle Vielfalt der Menschheit nimmt drastisch ab, weil die Sprachen vieler kleiner Völker und Volksstämme aussterben und mit ihnen ein einzigartiger, nie mehr zu konstruierender Blick auf die Welt, bzw. Wissen über die Welt. ("National Geographic")
The research has revealed five hotspots where languages are vanishing most rapidly: eastern Siberia, northern Australia, central South America, Oklahoma, and the U.S. Pacific Northwest.
Bildunterschrift in "National Geographic": Among the world's disappearing tongues is northern Australia's Magati Ke—still spoken by "Old Man" Patrick Nanudjul (far left), who is in his 70s.

Die Evolution des Amylase-Gens

Die eben gebrachte Meldung war noch viel zu oberflächlich. Ein Bericht in "Spektrum der Wissenschaft" bringt noch viele weitere Details zur Evolution der Stärke-Verdauung beim Menschen. (siehe auch Originalartikel in Nature Genetics - leider nicht frei) Und bekanntlich liegt das Aufregende in der Wissenschaft meistens im Detail. Deshalb noch weitere Ergänzungen:
(...) Wer von den freiwilligen Spuckespendern mehr Genkopien in den Zellen trug, in dessen Speichel fanden sich dann stets auch höhere Konzentration des Enzyms.

Einige der Speichelproben erwiesen sich dabei als überraschend hochkonzentriertes Stärke-Zersetzungsgebräu: Bis zu 15 Genkopien in den Zellen sorgten für eine entsprechend hohe Amylasekonzentration im Mund. Eine solche enzymatische Spezial-Massenproduktion ist typisch menschlich, wie die Forscher dann durch einen Vergleich mit Speichelproben von Schimpansen zeigten: Unsere nahen tierischen Verwandten hatten immer nur genau zwei Kopien des Amylase-Gens und demnach gleichbleibend eher niedrige Enzymkonzentrationen. Auf effizienten Stärkeverdau, schlussfolgern die Wissenschaftler, legen die tierischen Vettern offenbar weniger Wert als unsereins.

Dominys Team macht sich nach diesen Anfangserkenntnissen auf die Suche nach Indizien für den Zusammenhang von Speichel, Genen und Ernährung und zählten die Amylase-Kopienzahl verschiedener Volksgruppen, die sich durch stärkehaltige oder weniger stärkereiche Ernähung auszeichnen. Dabei zeigte sich zum Beispiel, dass die Hadza aus dem afrikanischen Tansania - nutzen amylosereichehaltige Wurzelknollen als Grundnahrungsmittel - durchschnittlich 6,7 Amylase-Kopien tragen. Die Pygmäengruppe der Mbuti, die sich schon immer als Jäger- und Sammlerkultur durch Savannen und Regenwaldländer geschlagen haben und daher üblicherweise viel weniger stärkehaltige Mahlzeiten konsumieren, haben dagegen nur 5,4 der entsprechenden Verdau-Gene.

Dieser Trend bestätigt sich in vergleichbaren Proben aus Asien, Europa und der Arktis, so Dominys Team: Die Jakuten des Polarkreises essen im Vergleich zu denen ihnen verwandtschaftlich nahe stehenden Japanern keinen stärkehaltigen Reis - und passend haben Erstere durchschnittlich wenig, Letzte mehr Amylase-Genkopien. Die Ernährungsgewohnheiten scheinen also die Gen-Ausstattung zu beeinflussen. Möglicherweise war dies auch schon in der grauen Frühzeit des Menschen so, spekulieren die Forscher.

Irgendwann müssen, so das fertige Theoriepuzzle der Forscher, mehrere Erfindungen zusammen gekommen sein: Gemeinsam mit der Entdeckung des Feuers durch Homo erectus wurde es womöglich Mode, die zuvor schon gelegentlich nach Geistesblitzen ausgebuddelten Wurzeln - Vorläufer von Kartoffeln oder Mohrrüben und von den konkurrierende Affen wohl unbeachtet - als Stärkespender weich zu kochen und zu verspeisen, anstatt sie wie vorher mühsam herunterzuwürgen. Mit der Ernährungsumstellung auf Stärkehaltiges veränderte sich dann auch - mal mehr, mal etwas weniger - im Laufe der Zeit die genetische Ausstattung zur effizienten Verdauung des Wurzelinhalts. (...)
All das wirft auch Aspekte zur Betrachtung jüngerer geschichtlicher Ereignisse auf: Wie sieht es zum Beispiel mit der Einführung des Kartoffel-Anbaus in Preußen durch Friedrich den Großen aus? In Norddeutschland ist wohl sicherlich die Kartoffel als Nahrungsmittel viel beliebeter als in Süddeutschland, wo mehr Teigwaren gegessen werden.

Waren die Preußen schon vorher stärker disponiert auf Stärke-Verdauung als die Süddeutschen und hat sich deshalb die Kartoffel in Norddeutschland schneller ausgebreitet als in Süddeutschland? Oder hat das eher einfach nur Gründe in den Anbau-Bedingungen etc.? Und was sind die Folgen des Kartoffel-Konsums? Befinden wir uns derzeit in einem Selektions-Prozeß zugunsten von Stärke-Verdauuern in Europa? Alles spannende Fragen. Sicherlich gibt es noch viele andere, die sich daran anschließen.

Die Völker spucken (und verdauen) genetisch unterschiedlich - Zur jüngsten lokalen Humanevolution der Spucke

In unserem Speichel befindet sich das Enzym Amylase für die Verdauung von Stärke, die sich in Kartoffeln, viele Früchten und diversen Pflanzen-Wurzeln befindet. Nun haben andere Primaten in ihrem Erbgut nur zwei verschiedene Varianten für die Amylase-Herstellung, während man in einer neuen Studie bei 150 Studenten 15 unterschiedliche Gen-Varianten gefunden hat. Das heißt, die Stärke-Verdauung - und nicht unbedingt die Fleischverdauung - war für die Evolution des Menschen offenbar besonders wichtig. Aber noch mehr: Die Völker unterscheiden sich - offenbar auch genetisch - in der Art der Stärke-Verdauung (Berliner Morgenpost, Nature Genetics):

Den Zusammenhang zwischen unserer Spucke und der Ernährungsweise konnten die Forscher auch bei verschiedenen heute noch lebenden Völkern nachweisen: So besitzen die Jakuten, ein Volk, das von Jagd und Fischfang lebt, weniger Amylase als die Japaner, die sich auch von stärkehaltigem Reis ernähren. Ähnliche Ergebnisse lieferte ein Vergleich zwischen afrikanischen Stämmen, von denen der eine von der Viehzucht und damit von Fleisch, der andere vom Ackerbau lebt.

Die Westgoten, die sephardischen und die aschkenasischen Juden

Die Geschichte des antiken Judentums ist gut erforscht, ebenso die Geschichte des mittelalterlichen Judentums. Aber wie gut ist eigentlich die Geschichte des Judentums in der Übergangszeit zwischen Antike und Mittelalter erforscht? Da sich in dieser Zeit die genetische und kulturelle Neubildung des aschkenasischen (traditionell deutsch-/jiddisch-sprachigen) Judentums vollzog (also eine klassische Ethnogenese), das eine für die Wissenschaft heute so interessante Genetik aufweist, stellen sich neue Fragen an die Geschichtswissenschaft. Mit dem Thema kenne ich mich noch gar nicht so richtig aus, bin aber gerade auf die Rezension ("Early Medieval Europe", frei zugänglich) einer deutschen Doktorarbeit von 2001 gestoßen , die inzwischen ins Englische übersetzt worden ist von Wolfram Drews zum Thema "Juden und Judentum bei Isidor von Sevilla". (Amazon 1, 2)

Es ist erstaunlich zu erfahren, daß sich die Westgoten in Spanien, als sie zum Katholizismus übertraten, als Volk neu definierten und zwar insbesondere als unterschiedlich gegenüber den Juden, die also im weströmischen Reich keine besonders unbekannte Komponente gebildet haben können. Könnte man nicht ähnliche Vorgänge vermuten bei der Ethnogenese des deutschen Volkes und des aschkenasischen Judentums in den Jahrhunderten danach?

Aus der englischen Version wird Wolfram Drews folgendermaßen zitiert:
"In the 6th century the self-perception of the Goths had been subjected to constant change and even erosion, which provided the basis for the creation of a new paradigm in 589, the invention of a new ‘origin of the Goths’ . . . When they converted to Catholicism, a new form of religious and ‘ethnic’ demarcation suggested itself: the opposition to Judaism, which became a new and constant feature in the 7th century, but which in fact continued the anti-Roman strategy of earlier centuries. Traditional Roman and Catholic anti-Judaism was taken over at the time of conversion and adapted to the political agenda of the Catholic Gothic monarchy."
In diesem Prozeß spielte Isidor, Bischof von Sevilla, eine entscheidende Rolle.

All das handelt ja wahrscheinlich vom sephardischen Judentum. Für mich ist die ganze Thematik nur deshalb interessant, weil dies genau jener Zeitraum ist, in dem sich zu gleicher Zeit in Deutschland am Rhein die Abspaltung der aschkenasischen von den sephardischen Juden vollzogen haben muß.

Vielleicht erfährt man über all das noch Genaueres in dem neuen Buch von Jon Entine über die aschkenasischen Juden und ihre "genetische Geschichte" (siehe früehrer St. gen.-Beitrag).

Montag, 1. Oktober 2007

Beschäftigungsquote protestantischer Länder höher als katholischer Länder

Die traditionelle Religiosität eines Landes hat auch heute noch Einfluß auf die Beschäftigungsquote dieses Landes, wie eine neue Studie des Ökonomen Horst Feldmann herausarbeitete. (Wissenschaft.de)
... Feldmann sammelte die Wirtschaftsdaten und die Zahlen der religiösen Zusammensetzung der Bevölkerung von achtzig Ländern. Darunter befanden sich sowohl Industrieländer als auch Schwellen- und Entwicklungsländer. Feldmann berechnete, wie sich wirtschaftliche Faktoren wie Steuern, Einkommensstruktur, Gewerkschaften und Arbeitsschutzgesetze auswirken. Außerdem berücksichtigte er, welchen Einfluss Kriege und die geographische Lage haben. Diese Faktoren konnte er dadurch als Einflussgrößen auf die Beschäftigung herausrechnen, so dass der Faktor Religion übrig blieb.

Protestantische Länder haben den Ergebnissen zufolge im Durchschnitt eine um sechs Prozentpunkte höhere Beschäftigungsquote im Vergleich zu nichtprotestantischen Ländern. Frauen sind in protestantischen Ländern sogar mit elf Prozentpunkten höher beschäftigt. In diese Ländergruppe fallen beispielsweise die USA, Großbritannien, Dänemark und Schweden. Deutschland mit seinen jeweils rund 25 Millionen Protestanten wie Katholiken zählte der Forscher ebenfalls zur protestantisch geprägten Ländergruppe. (...)

In weiteren Studien will Feldmann nun untersuchen, wie sich die Beschäftigung in überwiegend katholisch oder islamisch geprägten Volkswirtschaften entwickelt.
Auch der durchschnittliche angeborene Intelligenzquotient der Bewohner eines Landes hat großen Einfluß auf die Wirtschaftsgestaltung desselben. Ein Abwägung wäre interessant dahingehend, ob die traditionelle Religiosität oder der IQ eines Landes insgesamt gesehen einen größeren Einfluß haben. Ich nehme an, daß der IQ einen größeren Einfluß hat, zugleich aber auch mit protestantischer Religiosität korrellieren wird.

Montag, 13. August 2007

Genetische Vereinheitlichung der europäischen Völker in den letzten tausend Jahren?

Genreste von 48 Menschen, die zwischen 300 und 1000 n. Ztr. in Großbritannien gelebt haben, sind untersucht worden. Ihre genetische Vielfalt ist verglichen worden mit der genetischen Vielfalt von 6.200 Menschen, die heute in Europa und im Vorderen Orient leben. Dabei wurde Auffälliges festgestellt. (Spiegel, Berliner Morgenpost, New Scientist, Biology Letters - Forschungsartikel frei zugänglich) Die frühmittelalterlichen Briten hatten grundsätzlich alle typisch europäische Gensequenzen (Haplotypen), wie man sie auch heute noch in Europa findet. Allerdings war die genetische Vielfalt der damaligen Briten im einzelnen erheblich größer als die der heutigen und auch als die der heutigen Menschen in Dänemark, Deutschland oder Norwegen. Letzteres sind alles Länder, von denen aus es im Frühmittelalter Zuwanderungen nach England gegeben hat: Erst die Angeln und Sachsen aus Dänemark und Deutschland, später die Wikinger, bzw. die Normannen aus Norwegen, bzw. aus der Normandie.

Nur die Menschen in der Türkei, Palästina und in Weißrußland weisen heute noch eine ähnliche genetische Vielfalt auf wie die Menschen im Frühmittelalter in Großbritannien.

Die Forscher vermuten, der Verlust der genetischen Vielfalt könnte auf die Pest zwischen 1347 und 1351 zurückgeführt werden, durch die durchschnittlich in Europa die Hälfte der Menschen ums Leben kam. Dies würde besonders dann zutreffen, wenn ganze Familien und Dörfer (also Verwandtschaftskreise) ums Leben gekommen wären. Wenn aber nur ein einzelner aus einer Familie überlebt hätte, hätte ja damit auch seine einzigartige genetische Linie überlebt. Deshalb erscheint mir diese Vermutung nicht sehr plausibel zu sein.

Man könnte wohl viel eher darüber nachdenken, ob nicht unterschiedliche Fortpflanzung in den Familien eines Dorfes zu Verlusten von Abstammungslinien führen kann. Wenn es die reichen Bauern sind, also die bäuerlichen Oberschichten, die ihre Kinder auch in die Unterschichten einheiraten lassen, umgekehrt dies aber nicht geschieht, sollte es über längere Zeiträume hinweg zu einem Aussterben der Familienlinien von Unterschichten (Tagelöhnern und andere) kommen. Ich halte diesen Selektionsmechanismus für plausibler, um die Ergebnisse zu erklären als die Schwarze Pest. Die bäuerlichen Oberschichten haben beispielsweise im Deutschland östlich der Elbe nach der deutschen Ostsiedlung vor allem die wohlhabenderen zugewanderten Deutschen gestellt, während die einheimische Ursprungsbevölkerung sicherlich oft mittel- und langfristig in der Mehrheit zu bäuerlichen Unterschichten wurden. Ähnliches könnte man deshalb auch von England vermuten.

Beispielsweise die Forschungen von Eckart Voland in der Krumhörn (Ostfriesland) und vergleichbare in vielen anderen Agrarregionen - etwa Volkmar Weiß in Sachsen (Bevölkerung und soziale Mobilität. Sachsen 1550 - 1880) - weisen immer wieder darauf hin, daß die bäuerlichen Oberschichten einen vergleichsweise umfangreichen Anteil an der Reproduktion der nachfolgenden Generationen haben - auf Kosten der an der Grenze der Armut lebenden bäuerlichen Schichten. Letztere heirateten wenn überhaupt spät und hatten nur wenige Kinder. Über die Jahrhunderte hinweg muß das dazu führen, daß auf dem Land letztlich alle Menschen im Wesentlichen von den (früheren) bäuerlichen Oberschichten, den reichen Bauern abstammen, da auch deren Söhne und Töchter - aufgrund ihres Wohlstands - begehrte Heiratspartner für Unterschichten waren.

Somit könnte deutlich werden, daß es über geschichtliche Zeiträume hinweg immer wieder - auch - zu genetischen Vereinheitlichungs-Prozessen in Völkern kommen kann - noch ganz unabhängig von allen anderen Selektionsprozessen (etwa Sprach- und Kulturgrenzen, sowie geographische Barrieren als Heiratsschranken).

Freitag, 29. Juni 2007

Asiaten achten mehr auf Kontext

Was ist interessanter: Hund, Gans oder Katze vorne – oder doch die Laube dahinter? Der Hund und die Katze natürlich! Und die Gans. Aber nein: Der Hintergrund scheint für einige Asiaten spannender zu sein. (Gesundheitpro)

Frühere Untersuchungen über Augenbewegungen hatten schon ergeben, dass Ostasiaten dem Hintergrund eines Bildes mehr Aufmerksamkeit schenken als Abendländer. Denise Park zufolge zeigen die aktuellen Erkenntnisse aus ihrer Studie, zusammen mit früheren, bei denen sie Gehirnaktivitäten älterer Probanden aufgezeichnet hatte, jedoch erstmalig, „wie Kultur das Gehirn formt.“

Allerdings gibt es auch Experten, die dem entgegenhalten, dass es noch eine ganze Reihe anderer Faktoren neben den kulturellen Einflüssen gibt, die diese Unterschiede erklären könnten.

So endet der Artikel. War zum Schluß von genetischen Faktoren die Rede? Auf jeden Fall hatten andere Studien schon gezeigt, daß die Muttersprache sehr stark die Wahrnehmung (und wahrscheinlich auch die emotionalen Reaktionen auf Umweltreize) konfiguriert.

Sonntag, 17. Juni 2007

Stammesorientierte Religiosität

Michael Blume wirft eine neue Thematik auf, die mich auch sehr interessiert: stammesorientierte Religiosität. (Religionswissenschaft) Viele Anzeichen in der modernen Humangenetik deuten darauf hin, daß sich die meiste Zeit in der menschlichen Evolution Ethnizität und Religiosität sehr stark überschnitten haben, gemeinsam evoluiert sind. Noch in den letzten tausend Jahren hat genau dieser Umstand offenbar den heute höchsten, durchschnittlichen Intelligenz-Quotienten eines Volkes weltweit, nämlich des aschkenasischen Judentums hervorgebracht.

Die eigentlichen "großen" Weltreligionen, die diese enge Verflechtung von Religiosität und Ethnizität aufgehoben haben, sind ja weltgeschichtlich gesehen nicht besonders alt. Und sie sind meist selbst aus einer stammesorientierten Religiosität hervorgegangen. So das Christentum und der Islam aus der - auch heute oft noch sehr stark stammesorientierten - jüdischen Religion. Es muß also eine solche Aufgabe von stammesbezogener Religiosität durch Annahme, Bekehrung zu Weltreligionen nicht das letzte Wort der Weltgeschichte und der Humanevolution gewesen sein.

Gerade in Zeiten "globaler" Krisen beginnen sich Menschen häufig wieder auf das Naheliegendere, Lokale, Heimatliche zu besinnen und es durchaus auch religiös oder quasi-religiös zu werten. So lautet etwa auch der Vorschlag von Martin Walser in seinem Text "Ich vertraue" von 1998, dem ich sehr viel abgewinnen kann.

Das "smaragdene Halsband Indiens"

Immer mehr Hinweise sammeln sich dafür an, daß Humanevolution insbesondere in Stämmen und Völkern stattfindet und durch sie. Und bekanntermaßen "arbeitet" Evolution - nicht nur in Bezug auf den Menschen - am besten mit Vielfalt - offenbar auch auf Gruppen-Ebene. Was diese Themen betrifft, geschieht derzeit in der Humangenetik und Soziobiologie sehr viel. Und auch in anderen Forschungsbereichen. Hier liegt ja für "Studium generale" derzeit auch ein Schwerpunkt. Denn es ist abzusehen, daß man da für die nächsten Jahre und Jahrzehnte noch manche rasanteren Fortschritte erwarten kann, die zu größeren Umbrüchen in unserem Denken und Handeln führen können. Der bekannte Sprachforscher Steven Pinker sprach ja diesbezüglich von der "gefährlichsten Idee der nächsten zehn Jahre".

Der Humangenetiker Armand Leroi führte vor einigen Jahren in einem vielbeachteten und -diskutierten NYT-Artikel zu der Thematik, daß Evolution in Rassen und Völkern unterschiedlich abgelaufen sein könnte, ein wunderschönes Zitat aus der "Indian Times" an, das gesprochen hatte von dem "smaragdenen Halsband Indiens". Dieses Wort bezieht sich auf all die menschheitsgeschichtlich uralten Volksgruppen und Minderheiten, die in Indien leben und die auch den Kernbesiedlungsraum Indiens umgeben. Es bezog sich vor allem auch auf die weit draußen im Indischen Ozean gelegenenen Andamanen-Inseln, deren Bewohner noch heute sehr direkte und isoliert bis heute lebende Nachfahren der ersten aus Afrika ausgewanderten Menschengruppen zu sein scheinen. (Nach den neueren genetischen Forschungen.)

Armand Leroi legt also den Schwerpunkt der Argumentation darauf, die kulturelle und biologische Vielfalt der menschlichen Rassen, Völker und Stämme als einen unersetzlichen Wert der Menschheit anzusehen - und nicht in erster Linie als eine Gefahrenquelle, die Kriege und Völkermorde hervorrufen kann. Wahrscheinlich wird dies die richtige Herangehensweise an all diese Fragen sein, die im 20. Jahrhundert zu so unendlich viel unheilvollem, politischen Mißbrauch und Leid geführt haben.

Samstag, 16. Juni 2007

"Wenn die Geburtenrate so bleibt ..."

Wirtschafts-Nobelpreisträger Gary Becker ist im "Spiegel" der Meinung, daß Kinderkrippen demographisch gar nichts bringen werden. Er sagt aber weiter:

"Wenn die Geburtenrate so bleibt, wird ein Volk wie die Italiener in fünf, sechs Generationen verschwinden."

Es klingt unwahrscheinlich hilflos, wenn Herr Becker dann sagt:

"Ob die Gesellschaften Europas das Problem lösen, hängt auch davon ab, ob sie mehr Einwanderung erlauben oder nicht. Aus meiner Sicht ist das die wirksamste Art" (!!!), "die Bevölkerungszahl zu stabilisieren oder sogar zu steigern. Es ist auch die billigste: Die Einwanderer sind auf Kosten anderer Ländern ausgebildet worden, kommen nun zu Ihnen, zahlen Steuern und entlasten die Sozialsysteme."

Selbst wenn wir es nicht tragisch finden sollten, daß in Indien Eltern und Staat durch ihre Leistungen Kinder aufziehen, die dann nicht mehr zur Stablisierung des eigenen Sozial- und Wirtschaftssystems beitragen sollen, sondern zur Stabilisierung von Sozial- und Wirtschaftssystemen in anderen Weltteilen - vielleicht nicht tragisch, ... denn: "sie haben ja genug Kinder". Selbst dann also bleiben doch bei einem derart bequemen Denken und Handeln die entscheidendsten Fragen offen:

Schon heute fällt den westlichen Staaten Integration schwer und es wird mit Recht von Einwanderern zunehmend als Bevormundung verstanden, wenn sie sich an eine "Leitkultur" anpassen sollen und diese leben sollen, an der sie, da sie zunehmend in einer Parallel-Gesellschaft leben, innerlich gar keinen Anteil nehmen und haben. Viele Angehörige von Einanderer-Kulturen haben heute subjektiv schon sehr stark das Gefühl, daß sie zu einem "Ghetto" gehören, in einem "Ghetto" leben, da eben der tatsächliche Anschluß an die derzeit noch bestehende Mehrheits-Gesellschaft, also der innerliche, subjektive gar nicht mehr geleistet werden kann. Also eine echte Identifikation. Und zwar von beiden Seiten.

Wohn-"Ghetto's" für Einwanderer-Kinder

Wer in solchen Wohn-"Ghetto's" einmal eine Weile gelebt hat, der weiß das doch: Zwar kommt es hin und wieder zu freundlichen, persönlichen Kontakten. Aber dazu leben doch dort viel zu wenig Deutsche, als daß sich die Kinder der Einwanderer vollständig "angenommen" fühlen könnten (innerlich) durch die Mehrheits-Gesellschaft. Der Alltag der Einwanderer-Kinder findet eben doch im "Ghetto" statt. So empfinden sie es eben. Wenn man als Deutscher in einer solchen Wohn-Gegend lebt, käme man gar nicht auf den Gedanken, diese als "Ghetto" zu empfinden. Weil rund um das Ghetto herum ja Deutsche leben. Ich jedenfalls kam nie auf diesen Gedanken und habe mich immer gewundert, daß dort überall vom "Ghetto" die Rede war.

- Aber warum sollten denn die Einwanderer auch dauerhaften und nachhaltigen Anteil nehmen und haben an der Kultur der Mehrheitsgesellschaft? Warum sollten wir das Recht haben, ihnen eine solche Leitkultur aufzudrängen? Es wird bei den weiter stagnierenden oder sinkenden Geburtenraten der Deutschen sowieso immer schwerer werden. Und warum sollten sich die Einwanderer nicht auf ihrer Herkunftskultur besinnen oder - wie in anderern klassischen Einwandererländern (Hawaii etc.) - eine neue Einwandererkultur ausbilden mit ganz neuer Sprache, Mentalität und so weiter?

Das kann doch alles keine Lösung sein! Ich finde es geradezu ekelhaft, wenn eine Gesellschaft die sie drängensten langfristigen Stabilitäts-Probleme nicht aus sich selbst heraus löst, sondern sie von anderen, weit entfernten Gesellschaften lösen läßt oder lösen lassen will. Die abendländische Kultur und auch die gesamte Bandbreite der emanzipatorischen und aufgeklärten Lebens- und Denkweisen, Mentalitäten, Philosophie, Wissenschaft und Technik, die diese fortschrittliche abendländische Kultur ausgebildet hat, wird dadurch zu Schrott werden. Zu schlichtem Schrott. Hölderlin auf den Schrott. Goethe auf den Schrott. Rilke auf den Schrott. Die Philharmonie auf den Schrott. Eine bestimmte, sehr emanzipierte Grundhaltung in öffentlichen und privaten Diskursen: auf den Schrott. - Das alles ist doch schon heute allzu deutlich abzusehen. Mit halbherzigen Maßnahmen ist all das nicht abzuwenden.

Sonntag, 27. Mai 2007

"Gutes tun ist schwer" - König Ashoka (303 - 233 v. Ztr.)

Der Buddhismus gehört zu den Religionen, für die ich noch nicht so richtig Verständnis gefunden habe, zu denen ich innerlich noch keinen oder nur wenig Zugang gefunden habe. Man freut sich also über alles, was das Verständnis ein bißchen erleichtern könnte. Der "Spiegel" hat einen Bericht über den König Ashoka (303 - 233 v. Ztr.), der den Buddhismus in Indien eingeführt hat. Das war schon eine ganz merkwürdige Person, die für merkwürdige Dinge in ihrem Land Propaganda gemacht hat. Nämlich: alle Menschen sollen gut sein. Niemandem im Reich soll es schlecht gehen. Die Straßen sollen mit Bäumen bepflanzt werden, damit die Reisenden im Schatten reisen können. Wahnsinn. Irgendwie fühlt man sich an Alexander den Großen erinnert, der mit ähnlichem Sendungsbewußtsein die Welt durchzog, wenn auch offenbar bis zum Lebensende gewalttätiger als Ashoka. Aber diese "indische Sanftmut" ... Puh, da wird einem ja ganz anders ... Das "säuselt" einem nur so durch's Gebein. Ist vielleicht doch nicht so ganz das Rechte für mich, diesem indischen König Ashoka nachzueifern. - Wenngleich ... sein Harem dürfte sicherlich ganz annehmlich gewesen sein ... ;-) )

Übergehen wir die grausige Vorgeschichte und gehen wir gleich auf sein Leben nach seiner Bekehrung ein, jene Lebensphase, die allein geschichtlich bezeugt zu sein scheint:

... Über acht Monate ist Ashoka danach - das heißt nach seiner Bekehrung zum Buddhismus - auf Reisen, durchquert sein riesiges Imperium, sucht auch in entlegenen Landstrichen das Gespräch mit seinen Untertanen. Und täglich lässt er seine Entourage eine Botschaft verlesen, in der er sich als Laienanhänger des buddhistischen Ordens zu erkennen gibt. Auch dem Niedrigsten, so heißt es da, stehe der Himmel offen.

Dergleichen sind für einen indischen Herrscher ganz unerhörte Töne. Wenn in der Vergangenheit der König den Palast verließ, zu einer Jagd oder Lustreise, dann war die Straße mit Seilen abgesperrt. Ashoka, der Bekehrte, aber mischt sich unter sein Volk, verteilt Almosen und Geschenke an brahmanische Priester, an Asketen und Betagte.

Ein oder zwei Jahre nach der Reise entschließt er sich, auch dem übrigen Land von seiner Konversion zu berichten. Schriftlich und in einfachen Worten. Er entwirft für seine Untertanen eine Morallehre, die Dhamma-Regeln. Innerhalb weniger Jahre überzieht er das ganze Land mit Edikten, von seinen Handwerkern eingemeißelt in große Felsenflächen.

In diesen steinernen Botschaften spricht Ashoka in sanftmütigen Worten als "Götterliebling" zu seinen Untertanen. Er bekennt, sich dem buddhistischen Glauben zugewandt zu haben und nun "tiefe Reue" über die Eroberung Kalingas zu empfinden.

Die Felsen-Edikte verkünden allen Untertanen Ashokas die Dhamma-Regeln: Respekt vor Vater und Mutter und vor Älteren, Freundlichkeit und Wahrhaftigkeit. Gut sei es, keinerlei Lebewesen zu töten und Großzügigkeit zu üben gegenüber Freunden, Bekannten und Verwandten, gegenüber Brahmanen und Asketen.

Ashoka begnügt sich nicht mit allgemeinen Idealen, sondern verkündet auch konkrete Reformen. Der "Götterliebling" ordnet an, dass künftig kein Tier mehr zu Opferzwecken geschlachtet werden soll. Auch in der königlichen Küche dürfen die Köche bald kaum noch ein Tier töten.

In seinem Reich lässt Ashoka Heilpflanzen für Mensch und Tier kultivieren. Er ordnet an, die Handelsstraßen, über die Kaufmannskarawanen und Pilger im Sommer in sengender Hitze ziehen, mit Schatten spendenden Feigen- und Mangobäumen zu säumen. Seine Straßenbauer haben Befehl, alle 15 Kilometer Brunnen zu graben und Rasthäuser zu errichten.

Zudem entsendet der "Götterliebling" königliche Beamte in seine Provinzen, die alle fünf Jahre auf Inspektionsreise gehen, um das Volk in der Dhamma-Lehre zu unterweisen. (...)

Doch schon 256 v. Chr., nur zwei Jahre nach der Veröffentlichung seiner ersten Edikte, spürt Ashoka, so scheint es, Widerstand gegen seine Tugend-Reformen. Verwunderlich ist dies nicht. Neben allen Wohltaten bürden sie dem ganzen Land einen hehren Anspruch auf: Keinem Lebewesen, ob Mensch oder Tier, darf ein Leid geschehen.

Sollen Fischer in den Flüssen also nicht mehr ihre Netze auswerfen, Jäger nicht mehr die Wälder zum Schutz der Reisenden nach Raubtieren durchstreifen? Bauern beim Pflügen der Äcker auf jedes Gewürm und Insekt Acht geben?

Sollen Kranke auf die Tieropfer verzichten, die als Allheilmittel gegen jedes Übel gelten? Die Brahmanen-Priester auf das Geld, das sie mit diesen Opferdiensten einnehmen? Und die Höflinge in Ashokas Palast auf das unterhaltsame Spektakel der Tierkämpfe mit Elefanten, Rhinozerossen und Bullen?

Womöglich aber stachelt den König der Widerstand gegen seine Regeln in seinem Sendungsbewusstsein nur an. Denn er lässt nun eine weitere Serie von Edikten in Felspartien meißeln, zehn neue Botschaften des "Götterlieblings". "Gutes zu tun ist schwer", hebt er diesmal an und rühmt sich der vielen edlen Taten, die er bereits vollbracht habe - die neuen Dhamma-Edikte sind auch Leistungsbilanzen des Königs, Propaganda in eigener Sache.

Um den Unwillen zu brechen, auf den seine Reformen zu stoßen scheinen, ernennt Ashoka Dhamma-Beamte und lässt sie ins Land ausschwärmen. Es sind Spitzel im Zeichen des Guten, die prüfen, wer den Instruktionen des Königs noch nicht folgt. Zugleich sollen die Tugendpolizisten für die selig machende Dhamma-Lehre werben, zum Glück und zur Wohlfahrt aller. Unter den Gläubigen aller Religionen, bei Soldaten, Brahmanen und Hausvätern, unter Armen und den Alten. Sie sollen auch vor den Harems von Ashokas Brüdern nicht Halt machen und vor den Privat-Gemächern seiner Schwestern und übrigen Verwandten.

Die Botschaft ist eindeutig: Niemand darf sich mehr der Dhamma-Unterweisung durch die Sonderagenten des Königs entziehen. Ashoka errichtet eine Gesinnungsdiktatur im Namen von Wahrhaftigkeit und Toleranz: eine Tyrannei der Sanftmut. (...)

So heftig ist Ashokas missionarischer Eifer, dass seine Emissäre die Dhamma-Botschaft auch zu den nie eroberten Stammesgebieten innerhalb des Großreiches tragen müssen, zu den unabhängigen Gebieten im Süden des Subkontinents und auf die Insel Sri Lanka. Doch selbst damit gibt sich der König nicht zufrieden. Ashoka schickt sie auch in die nordwestlichen Grenzregionen des Imperiums, wo es griechische Ansiedlungen gibt. Und er lässt seine Botschafter in die Ferne reisen, viele Tausende Kilometer, bis ins hellenistische Reich der Seleukiden, zu den Ptolemäern, nach Makedonien, Kyrene in Nordafrika und Epirus im Nordwesten Griechenlands.

Eine vergleichbare diplomatische Unternehmung hat es wohl noch nie gegeben: Der Herrscher über ein mächtiges Großreich bekundet seinen Friedenswillen vor aller Welt. Ashoka versteht sein Dhamma inzwischen als eine universelle, kosmopolitische Morallehre - nützlich für alle Kasten, Stämme und Nationen. (...)

Um 242 v. Chr. lässt Ashoka eine letzte Serie von Edikten meißeln. Diesmal nicht in Felsen, sondern in schlanke, zwölf bis 15 Meter hohe Steinsäulen - es sind die frühesten heute noch erhaltenen Zeugnisse indischer Monumentalkunst. (...)

In den sieben neuen Edikten propagiert der "Götterliebling" seine Lehre eindringlicher als je zuvor. Immer spezieller fasst Ashoka seine Tötungsverbote. Verschont werden müssen: Papageien, Wildenten, Fledermäuse, Schildkröten und Stachelschweine. Aber auch Eichhörnchen, Hirsche, Bullen, Ameisenköniginnen, Sumpfschildkröten, wilde Esel, wilde und zahme Tauben sowie sämtliche vierfüßigen Kreaturen, die weder nützlich noch essbar sind.

Ja überhaupt alle Tiere, die nicht älter als sechs Monate sind. Und Hähne dürfen nicht mehr kastriert werden. Diese Säulenedikte sind vermutlich die letzten Inschriften, in denen sich der König an sein Volk wendet. Alles ist nun verkündet über die Dhamma-Lehre. (...)

Es muß wirklich nicht einfach gewesen sein für Ashoka, ein guter Mensch zu sein. Sonst wäre ihm das nicht so wichtig gewesen. "Tue Gutes und rede davon," ist ja auch immer mein Motto. Aber Ashoka, Ashoka, Ashoka, Du kommst mir doch ein bißchen ... "fremd" vor. Es kommt einem alles ein bißchen - - - "kitschig" vor. Sorry! Immer etwas gar zu viel "Schmalz". Bollywood oder Hollywood? No difference? - Brrrr!

So seelisch "besoffen" machen einen sonst eigentlich nur ... Frauen. Aha! Das ist's: Ashoka hatte zu viele Frauen in seinem Harem: Als Alleinherrscher residiert er im Palast von Pataliputra im Nordosten Indiens, umgeben von bewaffneten Frauen - denn weibliche Wächter gelten als besonders loyal.

Im Schutz "bewaffneter Frauen"! - Damit ist vielleicht schon alles gesagt. - - - Brrrr!

Donnerstag, 24. Mai 2007

Der Nationalstaat - zu klein oder zu groß

Heiner Geißler ist Mitglied von "Attac" geworden. (Zeit) Einige seiner im Interview geäußerten Gedanken geben Anlaß zum Weiterdenken:

Zeit: Sie reden von Überwindung der Nationen?

Geißler: Ja. Der Nationalstaat ist nicht mehr in der Lage, auf die aktuellen Herausforderungen zu reagieren.

Zeit: Große Teile der europäischen Bevölkerung lehnen schon ein regionales Konstrukt wie die EU ab.

Geißler: Das liegt daran, dass die EU sich in das Schlepptau dieser neoliberalen Entwicklungen begeben hat. Die Dienstleistungsrichtlinie und zu viel Freizügigkeit für Arbeitnehmer haben dazu geführt, dass die Menschen in Kernländern wie Frankreich oder den Niederlanden plötzlich Angst vor Europa haben. Die Bürger spüren, dass nicht mehr der Mensch im Mittelpunkt steht und wenden sich von der Politik ab.

Zeit: Manche junge Menschen wenden sich nationalistischen oder rechtsextremen Parteien wie der NPD zu. Die erstarkte Nation soll helfen, weil die Globalisierung für Ungerechtigkeit sorgt.

Geißler: Erstens kann ich nicht beobachten, dass die NPD großen Zulauf hat. Und zweitens wird sich diese Ansicht als Unsinn herausstellen. Der US-Soziologe Daniell Bell sagte einmal: "Der Nationalstaat ist für die großen Dinge zu klein und für die kleinen Dinge zu groß." ...

Meine Meinung dazu: Daß in der Hierarchie der "Vergesellschaftungen des Menschen" es gerade der Nationalstaat sein soll, der für die "großen Dinge zu klein und für die kleinen Dinge zu groß ist," halte ich für absurd. Die Verbundenheit mit der eigenen Nation, das Verantwortungsgefühl für die eigene Nation können sehr starke sein. Das ergibt sich wahrscheinlich verhaltensphysiologisch schon durch die (emotionale) Prägung auf die Muttersprache. So wie man als Kind seine Mutter liebt, so liebt man auch die Sprache, die sie spricht und damit all die damit verbundenen Mentalitäten. Und diese sehr ursprüngliche Prägung kann leicht auch in Zusammenhängen des Erwachsenenlebens aktiviert werden, wie wir alle wissen. - Natürlich auch zum Schlimmen. Wie alles, was wertvoller ist.

Aber wer kontrolliert denn noch den Einsatz von "internationalen Söldnern" durch "internationale Institutionen", wenn die je eigene nationale Verbundenheit mit ihnen verloren geht, verloren gegangen ist? Wer erinnert sich ihrer noch mit Liebe? Wie kann ich das Eigenleben anderer Völker und Volksstämme achten, wenn ich das Eigenleben meines eigenen Volkes nicht mehr achte? - Ich glaube, es gibt in der heutigen Welt nichts, das aus so tiefem Geist heraus demokratisch sein kann wie der Nationalstaat. Hier findet die lebendigste Kommunikation zwischen Menschen statt.

Mir kommt das als zeitgeist-gemäße Feigheit vor, wenn man solche banalen Wahrheiten nicht sieht.

Dienstag, 8. Mai 2007

Die Muttersprache beeinflußt die Wahrnehmung II

Auch die "Welt" hat einen Artikel zur unterschiedlichen Farbwahrnehmung von Russen und Amerikanern. (Siehe Studium generale vor einer Woche.) Zwei kluge Kommentatoren haben sich dort gemeldet:

Pete meint:
01-05-2007, 10:14 Uhr

Die Untersuchung ist schon bedeutend. Es macht einen riesigen Unterschied ob ich dunkelblau als Subkategorie von blau klassifiziere, oder ob ich ciniy und goluboy den Status von Grundfarben neben grün, gelb und rot gebe. Wenn die MIT-Forscher recht haben, hat diese linguistische Unterscheidung Einfluss auch auf ganz andere Bereiche der menschlichen KOgnition. Das ist aber seit Jahrzehnten umstritten:

Die dahinter stehende Frage wird spätestens seit den 50er Jahren sehr kontrovers in der Linguistik diskutiert (Sapir Whorf). Im Kern geht es um die Frage, ob die Sprache Einfluss auf unser Denken hat. Das würde bedeuten, dass z.B. ein totalitärer Staat durch verbindliche Sprachregeln Einfluss auf das Denken der Menschen hätte. Es gibt aber auch höchst umstrittene kulturelle Implikationen. Ist das Weltbild eines Russen nur schon deswegen anders, weil er eine andere Sprache hat? Sapir und Whorf hatten schon ähnliche linguistische Unterscheidungen bei Indianersprachen untersucht. In Deutschland ist die Kontroverse unter dem Namen Humboldt-Weißgerber bekannt.

Golub meint:
01-05-2007, 13:23 Uhr

Zu Dunkelblaubär: Für dich als Deutschen wechselt auf dem Bild nur der Ton des Blau von Dunkel zu Hell. Für einen Russen wechseln sich da zwei Farben ab, goluboj und sinij, genau wie sich für dich bei einem Sonnenuntergang zwei Farben (gelb und rot) abwechseln. Für einen Russen ist goluboj von sinij genau so verschieden wie von zelenyj (grün). Wenn man im Russischen das falsche Wort benutzt, kann es auch sein, dass man nicht verstanden wird ("Schau mal das 'goluboj' Auto! - Wo????" - wenn es nur eines in der Farbe sinij gibt, wird er erst mal nicht erkennen, welches Auto gemeint ist....)

In anderen Sprachen gibt es übrigens beispielsweise keine Unterscheidung zwischen grün und blau. Für diese Menschen hat das Meer die gleiche Farbe wie der Rasen und sie verstehen nicht warum wir dafür unterschiedliche Wörter brauchen.

Übrigens, nur am Rande: Das russische Wort goluboj kommt von golub' = die Taube, bedeutet also letztlich "taubenblau".

Mittwoch, 2. Mai 2007

Die Muttersprache beeinflußt die Wahrnehmung

Das folgende aus der Frankfurter Rundschau. Dazugehöriger Forschungs-Artikel in PNAS (dort aber nur die Zusammenfassung frei).

Washington (dpa) - Russen sehen Blau mit anderen Augen als Amerikaner: Die Muttersprache hat Einfluss darauf, wie Farben wahrgenommen werden. Das berichten US-Psychologen nach Tests mit russisch- und englischsprachigen Probanden in den "Proceedings" der US-Akademie der Wissenschaften ("PNAS").

Das Russische kennt kein Wort für Blau, sondern differenziert Hellblau (goluboi) und Dunkelblau (sinij). Russische Muttersprachler konnten entsprechend im Test schneller zwischen hell- und dunkelblauen Schattierungen unterscheiden als zwischen zwei hell- oder zwei dunkelblauen. Amerikaner waren bei allen Blautönen gleich schnell.
Die Forscher um Jonathan Winawer vom Massachusetts Institute of Technology (MIT) ließen 26 Probanden mit Russisch als Muttersprache und 24 englischsprachige Amerikaner unterschiedliche Blautöne zuordnen. Die Versuchsteilnehmer sollten dabei entscheiden, welches von zwei unterschiedlich blauen Quadraten dem Farbton eines dritten gleicht. War von den beiden fraglichen Quadraten eines hell- und das andere dunkelblau, entschieden sich die russischsprachigen Probanden wesentlich schneller als bei zwei Quadraten derselben Kategorie. Bei englischsprachigen Probanden gab es diesen Unterschied nicht.

Sollten sich die Versuchsteilnehmer zusätzlich eine achtstellige Zahl merken, verschwand der Geschwindigkeitsvorteil bei den russischsprachigen Probanden. Sollten sie sich hingegen statt dieser sprachbezogenen Aufgabe ein räumliches Muster merken, blieb der Vorteil bestehen. Die Forscher schließen daraus, dass die Sprache eine große Rolle bei der Farbunterscheidung im Gehirn spielt. Ihre Analyse berücksichtigte für jeden Probanden dessen individuelle Grenze zwischen Hell- und Dunkelblau. Interessanterweise zogen beide Sprachgruppen diese Grenze im Mittel an fast derselben Stelle.

Mittwoch, 18. April 2007

Was hat Kinderpsychologie mit ethnischen Unterschieden und Verkaufen zu tun? Nichts? - Glauben Sie!

Wie schon in einem früheren Beitrag deutlich wurde (Studium generale) beschäftigen sich Werbefachleute und -strategen mitunter sehr gerne mit Patriotismus und ethnischen Eigenheiten - denn, so waren wir schon belehrt worden: "50 % aller Wirtschaft ist Psychologie".

Ein Freund wies mich nun auf ein neues Buch hin, benannt "Der Kultur-Code" von dem Kinder- und Marketing-Psychologen Cloitaire Rapaille (Amazon), das meinem Freund deshalb auffiel, weil da von dem "kollektiv Unbewußten" des C. G. Jung und dem "persönlich Unbewußten" des Sigmund Freud die Rede ist. Jetzt fragt man sich: Wie paßt denn das zusammen: Kinder- und Marketing-Psychologe? - Die Antwort wird sehr überraschend und durchaus überzeugend ausfallen. Man siehe unten. Der Autor wird als ein in Frankreich geborener und aufgewachsener US-Amerikaner bezeichnet. (Also wohl so etwas ähnliches wie der Humangenetiker Armand Leroi.) Wer zwischen Kulturen steht, kann oft besser die Unterschiede dieser Kulturen wahrnehmen und analysieren.

Aber - wen wundert's - auch hier ist wieder einmal eines der ersten und Hauptthemen - - - der Kauf und Verkauf von Autos. (Natürlich neben unzähligen anderen Dingen, die gekauft und verkauft werden sollen.) Nach allen Texten, die man so findet im Netz (neben Amazon z.B. changeX, Weltbild) kommt mir der Autor unwahrscheinlich dumm vor. In einem Interview (Technorati) erzählt Rapaille zum Beispiel, wie er - natürlich ganz erfolgreich - einen Absatzmarkt für Kaffee in Japan geschaffen habe. Also ganz offenbar ein ganz heroisch kluger Vorkämpfer der Globalisierung. Er klingt auch unwahrscheinlich eingebildet.

Aber man sollte es wohl besser doch kennen, dieses Buch von einem der "Großen" in der heutigen Marketing-Branche, als der er beschrieben wird .... - Ah, hier finde ich noch etwas. In einem "Focus"-Interview von 2005 heißt es:

Focus: Sie haben die japanische Psyche für Kaffeehersteller seziert. Mit Erfolg?

Rapaille: Ja, die suchten vor ein paar Jahren unsere Hilfe, weil es nicht gelang, die Japaner vom quasi religiösen Teeritual auf Kaffee umzupolen. Also haben wir bei den Kindheitsprägungen angesetzt und Kaffee-Kinderdesserts eingeführt, dann Joghurts mit Kaffeearoma... . Heute gibt´s Starbucks-Läden in Japan, die laufen super.

Der Kaffee scheint ihm auch sonst tiefe Einsichten über nationale Eigenheiten vermittelt zu haben. Über seine frühen Einsichten als Kinderpsychologe sagt er (PBS, 2003):

... Part of my work was in Switzerland, and I was working with children trying to learn French, Italian or German. And my second discovery at the time was that there's a different imprint for these different cultures. What I discovered was that the code for each culture was different. "Coffee" in Italy doesn't mean "coffee" in America. I mean, if you drink American coffee the way you do, and [then] you switch, and instead of American coffee you drink that much coffee, but it's Italian coffee, you're dead at the end of the day. So obviously with the same word, we have a completely different relationship with what the word means, what is behind this word, and so on. ...

Aber das folgende klingt schon klüger, wenn nicht sehr klug:

... For example, I'm trying to speak English, but my first imprint of language was French, because I was born during the war in France. When I start learning English it was later. I was already also grown up, so I will never have the same imprints with English that I have with French. Most of the time, when children don't learn a foreign language before they are 7, they always have some kind of an accent. The brain is very available if you want at an early age to create this mental connection. When we [are] born, we have the reptilian brain. The reptilian brain is there already. It's part of survival; it's breathing, eating, going to the bathroom. But then, in relationship with the mother, we develop the second brain, which is the limbic brain -- emotions -- and these emotions vary from one culture to another. In the relationship with your mother, you're going to imprint, make mental connection about what means love, what means mother, what means being fed, what means a home, what means all the things that are very basic for survival. [These] are transmitted by the mother to you, and you create this mental connection in the brain -- like a reference system, if you want, that you keep using.

Wie tief die muttersprachliche Prägung das Denken und Wahrnehmen prägt, das wird ja gerade in den letzten Jahren erst wieder zunehmend stärker erkannt unter anderem durch eine "Nature"-Studie vor wenigen Jahren an koreanischen Kindern, die in Europa aufgewachsen sind.

Dienstag, 10. April 2007

Kinderbetreuung und Intelligenz-Evolution

Es gibt ein Buch des "umstrittenen" Rasse-Forschers J. Philippe Rushton, das sich nennt "Rasse, Evolution und Verhalten". (Amazon) Nachdem wir durch die Humangenom-Forschung, durch die medizinische Forschung und durch die psycho-metrische Forschung erst der letzten wenigen Jahre wissen, daß sehr bedeutsame Rasse- und ethnische Unterschiede tatsächlich auf allen biologischen und psychischen Ebenen des Menschen existieren, nachdem wir wissen, daß Humanevolution über die letzten 200.000 Jahre hinweg IQ-Evolution gewesen ist von einem durchschnittlichen IQ von um die 60 (heutige Buschleute und australische Ureinwohner) zu einem durchschnittlichen IQ von 115 (aschkenasische Juden), nachdem also all das allmählich zum festen Bestandteil unseres Wissens wird, wird auch die These des Buches von J. Philippe Rushton nicht mehr nur eine beiläufige These in der Landschaft unseres Wissens bleiben, sondern im Gegenteil: diese These könnte/wird ganz zentrale Bedeutung in heutigen und künftigen politischen Debatten bekommen.

In dem Buch wird nämlich die These vertreten, daß IQ-Evolution einhergeht mit einer zunehmenden Verschiebung "elterlichen Investments" von einer sogenannten r- zu einer sogenannten K-Selektion. K-Selektion heißt kurzgefaßt, daß im Verlauf der Humanevolution das elterliche Investment immer stärker in Richtung auf qualitativ bessere Fürsorge für das einzelne Kind ging, auf eine gegenüber früheren Stufen noch mehr verlängerte Säugling-, Kleinkind-, Kind- und Jugendphase, also lauter evolutive "Trends", die es auch schon auf dem evolutionären Weg vom Schimpansen zum anatomisch modernen Jetztmenschen gegeben hat, der vor 200.000 Jahren in Afrika entstanden ist. Alle gegenwärtigen Zeichen in der Forschung deuten darauf hin, daß dieser Trend in den letzten 200.000 Jahren nicht aufgehört hat, sondern weitergegangen ist, daß also Rushton auf voller Linie bestätigt wird. Und zwar - was ganz besonders bedeutsam ist - auf genetischer Ebene. Denn die körperliche Entwicklung von Kindern und Heranwachsenden wird ja vornehmlich (nicht nur - aber vornehmlich) auf genetischer Ebene gesteuert. Und wenn diese in traditionellen Völkern der Südhalbkugel durchschnittlich schneller verläuft als in Völkern der Nordhalbkugel und auch jeweils mit dem lokal vorhandenen, durchschnittlichen (angeborenen) IQ korreliert, dann muß all das natürlich auch Schlußfolgerungen mit sich bringen, die sich darauf beziehen, wie man sich grundsätzlich gegenüber (eigenen) Kindern verhält oder verhalten will, wenn man sich und sein Handeln in den großen Ablauf der Human-Evolution hineinstellt - oder hineinstellen will.

Die Verschiebung von r- Richtung K-Selektion bezieht sich übrigens auch auf die Dauerhaftigkeit und Festigkeit von familiären Bindungen während des Erwachsenen-Alters und der Renten-Jahre. Man könnte also auch mutmaßen, daß Kinder verschiedener Völker genetisch, psychologisch verschieden angepaßt sind an verschiedene vorherrschende Familienstrukturen. Man könnte also - oder vielmehr sollte? - die These vertreten, daß frühe Krippenbetreuung und häufig wechselnde Partnerbeziehungen im späteren Leben ein Schritt Richtung r-Selektion ist, Richtung weniger individueller Betreuung des einzelnen Kindes durch wenige Betreuungspersonen, ein Schritt in Richtung weniger individueller Wertschätzung eines einzigen lebenslangen Lebenspartners und allem, was damit einhergeht.

Man könnte also die These vertreten, daß Kinder (vielleicht schon wir selbst?) durch ein solches Aufwachsen in familiären und außerfamiliären "Konstellationen", an die sie verhaltensgenetisch nicht angepaßt sind (waren), ungeeignet werden, die Anforderungen zu meistern, die in einer modernen (Wissens-)Gesellschaft an uns gestellt werden, die von Menschen mit - evolutiv gesehen - durchschnittlich hohem IQ hervorgebracht und (bisher) aufrecht erhalten worden ist und weiterentwickelt wird. Hohe Intelligenz scheint also, so die These dieses Beitrages - evolutiv gesehen - sehr direkt etwas damit zu tun zu haben, wie wir uns der Tatsache stellen, daß wir Kinder haben, und in welcher Weise wir Kinder haben (- wollen) (- und natürlich: ob).

Ich schreibe diesen Beitrag, weil das Fenster meines Arbeitszimmers hinunter auf einen Spielplatz schaut, und dort gerade sechs bis acht kleine "Wutzelzwerge" mit ihren - ja, verdammt: süßen - kurzen, wackeligen Beinen in der Sonne spielen, Vögel zwitschern in den Bäumen ... - "Krippenkinder", betreut von drei erwachsenen Personen.

- - - Man wunderte sich in den letzten Jahren öfter, daß es selbst zwischen zwei so ähnlichen Völkern wie den Franzosen und den Deutschen ganz tief kulturell eingegrabene Unterschiede in der Einstellung gegenüber Mutterschaft und Kinderbetreuung gegeben hat und immer noch geben würde, obwohl das doch auf rein bewußter Ebene niemandem mehr wichtig ist (oder überhaupt jemals war). Und in der Regel werden diese tief kulturell eingegrabenen Einstellungen, Mentalitäten von Menschen, die "Social Engineering" betreiben (oder was?) (Wikipedia) als etwas Veraltetes, Verkrustetes angesehen. Müssen wir uns nicht auch hier Europa öffnen, lautet die Frage, ja oft geradezu als "zwangsläufig" hingestellte Forderung. Uns den Franzosen angleichen, die in allem, was Kinderbetreuung (und Paarbeziehung?) betrifft so viel unkomplizierter sind als wir - offenbar? Warum diese merkwürdige Hast, diese Sucht, immer zu anderen Völkern zu schielen und dort alles besser zu finden als bei uns? Warum nicht auch einmal in Rechnung stellen, daß unsere Mentalitäten in Richtung K-Selektion, in Richtung auf individuelle Betreuung des einzelnen Kindes durch den einzelnen Elternteil über möglichst lange Zeiträume hinweg am angepaßtesten ist, was zukünftige Human-Evolution betrifft?

Auf all diesen Gebieten ist ungeheuer viel Diskussionbedarf vorhanden - in der Forschung selbst, klar - aber dann natürlich auch ziemlich dringend gesellschaftsweit. Aber der Bedarf an Diskussion, der hier besteht, ist ein Bedarf an Diskussion, die umfassend "informiert" ist - umfassend informiert über das, was wir über das, was "Menschsein" an sich bedeutet, eigentlich heute schon alles wissen.

Samstag, 7. April 2007

^_^ statt :-)

Menschen im Westen sagen :-) Das heißt: Ich bin fröhlich.
Menschen in Japan sagen ^_^ Das heißt ebenfalls: Ich bin fröhlich.

Menschen im Westen sagen
:-( Das heißt: Ich bin traurig.
Menschen in Japan sagen
;-; Das heißt ebenfalls: Ich bin traurig.

Warum haben westliche und ostasiatische Kultur - trotz Globalisierung - und gleichen Windows-Rechnern etc. pp. unterschiedliche Zeichen (Gesichtsausdrücke) gewählt, um ihre Stimmung auszudrücken? Eine neue Studie zeigt (wissenschaft.de):

Westliche Menschen schauen auf den Mund, um Stimmungen anderer Menschen zu erkennen, weil im Westen Gefühle viel offener gezeigt werden. Ostasiaten schauen mehr auf die Augen, weil hier die Gefühle viel "verborgener" geäußert werden. ... Ich nehme also mal an, das sind Tränen da bei der japanischen Traurigkeit ...

... Also: Von wegen "Globalisierung"!

Mittwoch, 4. April 2007

Sprache und Denkstil - Zusammenhänge sollen erforscht werden

Die "Volkswagenstiftung" fördert aktuell manche sehr aufregenden Fragestellungen in der Forschung, zum Beispiel die Frage danach, in welcher Weise eine Muttersprache den Denk- und Forschungsstil prägt. Dazu heißt es (hier):

"Der Gebrauch der englischen Sprache ist bei wissenschaftlichen Veröffentlichungen und auch bei Tagungen in Deutschland in vielen Disziplinen gang und gäbe. Doch Denkstil und Sprache sind eng miteinander verknüpft, und die schlichte Übersetzung einer wissenschaftlichen Arbeit in eine andere Sprache ist nicht selten mit deutlichen Veränderungen und Einbußen in Ausdruck, Akzentuierung und Bedeutung verbunden. Gerade über die jeweils verwendete Sprache finden spezifische Begriffe, Erkenntnis- und Deutungsmuster Eingang in die Prozesse von Forschung und Lehre."

Unter anderem soll "den in deutscher Sprache erarbeiteten wissenschaftlichen Erkenntnissen international angemessener Raum und mehr Gewicht" gegeben werden. Dazu sollen "Übersetzungen herausragender deutschsprachiger wissenschaftlicher Arbeiten" gefördert werden. Vor allem aber sollen "Forschungsvorhaben zu Fragen der sprachlichen und kulturellen Prägung wissenschaftlichen Denkens und Arbeitens" gefördert werden.
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