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Mittwoch, 1. September 2021

Die Arabische Halbinsel - Wiege der außerafrikanischen Menschheit

Vor 125.000 Jahren kamen die ersten anatomisch modernen Menschen in den Raum zwischen der Levante und dem Golf von Oman, auf die arabische Halbinsel.
- 50.000 weitere Jahre lang breiteten sie sich nicht weiter nach Norden und Osten aus.
- In der Zeit auf der arabischen Halbinsel geschah genetisch sehr viel.

Abb. 1: Evolution in Arabien vor 50.000 Jahren (Wiki)
Eine neue Studie zeigt an den bislang genetisch sequenzierten Skelettresten von frühen anatomisch modernen Menschen in Europa und weltweit auf, daß die Ausbreitung von Afrika, bzw. genauer: von der arabischen Halbinsel aus nach Südasien und Südostasien, Nordostasien und Europa mit massiven genetischen Neuanpassungen einher ging.

Diese Neuanpassungen hätten sich vollzogen innerhalb der 50.000 Jahre, in denen die "Out-of-Africa"-Populationen - höchstwahrscheinlich - nur auf der Arabischen Halbinsel lebten (1):

In direktem Kontrast zu Studien an modernen menschlichen Genomen können wir für 57 Mutationen ausgeprägte Verschiebungen in der Häufigkeit derselben ("hard selective sweep") innerhalb der auswandernden Populationen feststellen, die alle auf eurasische Populationen beschränkt waren und in Yoruba-afrikanischen Populationen nicht vorhanden sind. Während einige der 56 entdeckten, ausgeprägten Häufigkeitsverschiebungen ("hard selective sweep") sehr weit verbreitet sind, ist keine von ihnen in allen auswandernden eurasischen Populationen vorhanden. ... Dies legt nahe, daß die Häufigkeitsverschiebungen am ehesten nach der Trennung der anatomisch-modernen-Out-of-Afrika-Gründerpopulation von den afrikanischen Gruppen eintraten, daß sie aber wahrscheinlich vor der nachfolgenden Ausbreitung über Eurasien hinweg noch nicht abgeschlossen waren.
In direct contrast to studies of modern human genomes, we were able to identify 57 hard sweeps (Extended Data Fig. 3, Extended Data Table 2) in the ancient populations with high-confidence (study-wide false positive rate <11%; ref. 7), all of which were limited to Eurasian populations and absent in the YRI African population. While some of the 56 detected hard sweeps were very common, none were present in all of the ancient Eurasian populations, and they were almost entirely absent amongst other contemporary African populations. This suggests that the sweeps most likely arose after the separation of the founding AMH OoA population from African groups, but were probably not fixed prior to the subsequent dispersal of this population across Eurasia.

Da eine dieser Häufigkeitsverschiebungen nicht genau genug untersucht werden konnte, beschränkten die Forscher ihre Auswertung auf 56 untersuchte. Sie schreiben weiter (1):

Die Ausbreitung über Eurasien scheint sich eine beträchtliche Zeit (etwa 50.000 Jahre) nach der geschätzten Trennung der Out-of-Africa-Population von anderen afrikanischen Populationen ereignet zu haben. Dieser Zeitrahmen stimmt überein mit weit verbreiteten Belegen seit der Zeit vor 125.000 Jahren für frühe anatomisch moderne menschliche Gruppen über die arabische Halbinsel hinweg von der Levante bis zum Golf von Oman. Wir bezeichnen diesen langen Zeitraum als die "Zeit in Arabien" ("Arabian Standstill").
The Eurasian dispersal appears to have occurred a considerable period (~50,000 years) after the estimated ~100ka genetic separation of the OoA population from other African populations. This timing is consistent with widespread evidence of early AMH groups from around 125ka throughout the Arabian Peninsula, from the Levant to the Gulf of Oman. We refer to this apparent prolonged delay as the Arabian Standstill (Supplementary Information 2), and during this period previous genetic studies have suggested the OoA population split into the now extinct Basal Eurasians, and the Main Eurasians which subsequently admixed with Neandertals and dispersed globally.

(Im englischen Originalwortlaut der Studie wird hier der Begriff "Arabian Standstill" verwendet. Übersetzt als "Arabischen Stillstand" klingt das aber doch nicht neutral genug, vielmehr ein wenig abwertend. Es klingt sogar falsch, wo doch die 50.000 Jahre zumindest genetisch - und vermutlich doch auch kulturell - keineswegs ein bloßer "Stillstand" waren. In dieser Zeit fand in jedem Fall vielfältiges menschliches und kulturelles Leben statt. Vermutlich sogar in vielfältigen Sprachgruppen, vielleicht vergleichbar mit den Verhältnissen noch vor 50 Jahren auf Papua-Neuguinea. Die Forscher schreiben weiter (1):

In Europa traten die ausgeprägtesten Häufigkeitsverschiebungen vor Beginn des Holozäns (9.500 v. Ztr.) auf. Sie gingen dann stark zurück, am ausgeprägtesten während der Bronzezeit (vor 5000 Jahren), die inzwischen als eine Zeit umfangreicher Bevölkerungsvermischung bekannt geworden ist.
In Europe, the highest sweep frequencies occurred prior to the onset of the Holocene before decreasing markedly, most notably during the Bronze Age (from 5ka) which is a known period of extensive population admixture.

Etwa die Hälfte der gefundenen Häufigkeitsverschiebungen werden auf die "Zeit in Arabien" datiert, denn sie sind noch heute über ganz Eurasien weit verbreitet, bis nach Ozeanien hinein (1). So wie bislang schon der Neandertaler- und Denisova-Herkunftsanteil in modernen Menschen genutzt wurde, um das Geschehen der Ausbreitung der anatomisch modernen Menschen zeitlich und räumlich einzugrenzen, so glauben die Forscher, daß auch die genannten 56 Häufigkeitsverschiebungen von Mutationen zu einer solchen Datierung herangezogen werden können. Aufgrund dessen nehmen sie an, daß jene Ausbreitung über Eurasien hinweg, die noch zur heute bestehenden genetischen Vielfalt der Menschheit beitrug, erst vor 55.000 bis 50.000 Jahren stattfand, daß etwaig vorzufindende frühere Ausbreitungsbewegungen also größtenteils wieder ausgestorben sind. Aus der Zeit vor 50.000 vor heute häufen sich auch die Menschenfunde in Süd- und Südostasien, so schreiben sie.

Die Forscher schreiben weiter (1):

... Genome der Erstbesiedlung Europas und Asiens (IUP) (vor 45.000 bis 40.000 Jahre) beinhalten die frühest feststellbare Häufigkeitsverschiebung und zwar bezüglich von acht Mutationen, während die frühesten westeurasischen Individuen, die vor 38.000 bis vor 18.000 Jahren lebten, weitere zehn Mutationen mit massiven Häufigkeitsverschiebungen zeigen. ... In Individuen der Aurignacien-Kultur, ... in Individuen der Gravettien-Kultur ... und am Ende des Höhepunktes der Letzten Eiszeit in der MagdalenienKultur, die durch das El Miron-Skelett repräsentiert wird, das 19.000 Jahre alt ist. ... Das Phänomen der Massiven Häufigkeitsverschiebungen (hard selective sweep) stimmt jeweils überein mit genetischen Umbrüchen zwischen den Erstbesiedlern (IUP), den Populationen des Aurignacien und des Gravettien .... Individuen der späteiszeitlichen Epigravettien-Kulturen (z.B. Villabruna und Azilian Bichon, beide vor 14.000 Jahren) weisen weitere sechs Häufigkeitsverschiebungen auf, von denen der Eindruck entsteht, daß sie schon früher stattgefunden hatten in Populationen weiter im Osten, vornehmlich außerhalb des untersuchten Gebietes, daß sie sich aber geographisch Richtung Westen ausbreiteten, wodurch sie um diese Zeit herum in das Blickfeld dieser Studie gelangen.
Genomes from the first (Initial Upper Paleolithic) European and Asian AMH populations (~45-40ka; ref. 21) contain the earliest observations of eight sweeps, while early West Eurasian individuals dated between 38-18ka record a further ten sweeps (Fig. 1, Extended Data Table 3). The sweeps in western Eurasian specimens appear to group into four distinct time bins, which correlate with early European archaeological cultures (Fig. 1). After the Initial Upper Paleolithic, nine further sweeps were detected in two specimens (Kostenki14, 38ka, and GoyetQ116-1, 35ka) associated with the Aurignacian Culture (~43-35ka), often referred to as the first pan-European technocomplex. Further single sweeps appear in individuals associated with the subsequent Gravettian Culture (35-25ka; represented by the Sunghir 1-4, 35-33ka, and Věstonice16, 31ka, individuals; refs. 22,23), and towards the end of the Last Glacial Maximum in the Magdalenian cultures as represented by the El Mirón specimen (19ka). The pattern of shared sweep signals are consistent with previously recognized genetic replacements between the IUP, Aurignacian, and Gravettian populations (Extended Data Table 4; Supplementary Information 2), which also occur close in time to two major geomagnetic events (the Laschamps and Mono Lake excursions, respectively) suggested to have caused rapid environmental shifts. Individuals from late-glacial/Epigravettian cultures (e.g. Villabruna and the Azilian Bichon, both ~14ka) contain a further six sweeps which appear to have originated earlier in populations to the east, largely outside the sampling area, but spread geographically westward into view of this study around this time.

Ein Teil der gefundenen Mutationen liegt in der Nähe von Genen, von denen festgestellt wurde, daß sie noch in heutigen arktischen Populationen unter Populations-spezfischer Selektion stehen.

Diese gruppieren sich um drei funktionale Kategorien: 31 % Gene neurologischer Art, 31 % Entwicklungsgene (z.B. Körpergröße), sowie 28 % Stoffwechsel-Gene. Dieselbe Verteilung ergibt sich für Neandertaler-Gene, die in diesen Populationen als vorteilhaft unter positiver Selektion stehen (1).*)

Von einigen dieser Gene ist bekannt, daß sie bei Säugetieren die Anpassung des Fettstoffwechsels an kalte Lebensräume bewirken.

Bei den Entwicklungsgenen sind unter anderem Gene betroffen, die die Entwicklung von Zilien beeinflussen, also von Haaren, und zwar nicht nur auf der Körperoberfläche, sondern auch in der Lunge (Flimmerhärchen), wo sie wichtig sind für die Kälte-Anpassung der Lunge.

Im Bereich der Kategorie Neurologie finden sich auffallend viele Gene, die mit Entwicklungsverzögerung ("retardation") zu tun haben. Die Reifeentwicklung von Kindern verläuft ja auch auf der Nordhalbkugel anders als in afrikanischen Populationen.

Vor 80.000 Jahren hat es auch auf der arabischen Halbinsel eine Abkühlung des Klimas gegeben. Dasselbe bewirkte der Ausbruch des Mount Toba in Indien vor 74.000 Jahren.

Von der Forschung wird also die arabische Halbinsel immer mehr als eine zweite "Wiege der Menschheit" in Betracht gezogen (2-4). So wie die Sahara kennt auch die arabische Halbinsel Epochen, in denen es dort sehr viel weniger Wüste gegeben hat als heute.

Die Bedeutung des Wechsels von Durchlässigkeit und Undurchlässigkeit dieser Wüstenzone für die Evolution der Menschenaffen und Vormenschen in Europa und Asien einerseits und Afrika andererseits wird auch von der deutschen Paläoontologin Madelaine Böhme zum Thema gemacht (siehe frühere Blogbeiträge).

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*) "The 32 ancient Eurasian driver genes revealed a pattern of gene classes and biological functions strongly reminiscent of loci previously identified as being under population-specific selection in multiple present-day Arctic human populations (Supplementary Information 3). Both the ancient Eurasian driver genes and a set of 49 high-confidence selected (i.e. candidate) genes from modern Arctic human populations grouped with marked concordance around three functional categories: neurological (31% and 33%, respectively); developmental (both 31%); and metabolic (28% and 16%) (Tables 1, Extended Data 5). Furthermore, a similar level of functional concordance was also observed with a set of 54 adaptively-introgressed Neandertal and Denisovan candidate loci identified in modern OoA populations (neurological 35%, developmental 33% and metabolic 22%)."

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  1. Genetic and climatic factors in the dispersal of Anatomically Modern Humans Out of Africa. R Tobler, Y Souilmi, C Huber, N Bean, C Turney… - Preprint, 2021, https://doi.org/10.21203/rs.3.rs-800178/v1
  2. Michael Marshall: The other cradle of humanity: How Arabia shaped human evolution  New evidence reveals that Arabia was not a mere stopover for ancestral humans leaving Africa, but a lush homeland where they flourished and evolved Humans. New Scientist, 18 August 2021, https://www.newscientist.com/article/mg25133480-700-the-other-cradle-of-humanity-how-arabia-shaped-human-evolution
  3. Groucutt, H.S., White, T.S., Scerri, E.M.L. et al. Multiple hominin dispersals into Southwest Asia over the past 400,000 years. Nature (2021), 1.9.2021, https://doi.org/10.1038/s41586-021-03863-y
  4. Knauer, Roland: Arabien war ein Hotspot der Menschheitsgeschichte. In: Spektrum der Wissenschaft, 1.9.2021, https://www.spektrum.de/news/ausbreitung-des-menschen-schon-fruehmenschen-lebten-in-arabien/1917769

Montag, 16. August 2021

Evoluiert in Europa? Die Vorfahren der Australopithecinen? Unter anderem auf Kreta?

Frühe Zweibeinigkeit gab es schon vor 12 Millionen Jahren in den tropischen Wäldern des Allgäu
- Aufsehenerregende Funde, die im November 2019 publiziert worden sind

Die Humanevolution der letzten 5 Millionen Jahre wird für Afrika seit vielen Jahrzehnten immer lückenloser belegt: Australopithecus - Homo habilis - Homo erectus und immer zahlreicher werdende Zwischen- und Nebenformen. In Afrika sind die ältesten Funde allerdings nicht älter als 4,5 Millionen Jahre alt. Ältere Menschenaffen-Funde haben sich in Afrika trotz Jahrzehnte langer Forschung bislang nicht gefunden!

Abb. 1: Kreta vor 6 Millionen Jahren - Drei ausgewählte Fußabdrücke (aus: Gierliński 2017)

Seit 2010 werden auf Kreta versteinerte Fußspuren im Sand erforscht (Abb. 1). Sie sind von aufrecht gehenden Vormenschen vor 6 Millionen Jahren hinterlassen worden (Wiki) (Gierliński 2017). Die Ergebnisse sind 2017 an entlegener Stelle publiziert worden, nachdem die Publikation von anderen Zeitschriften - unter anderem von "Nature" - als zu unglaubhaft zurück gewiesen worden war (Scinexx 2017).

Welche Art genau die Spuren auf Kreta hinterlassen hat, ist bis heute ungeklärt. Aber mit solchen Funden treten immer mehr der Mittelmeerraum und Europa in den Brennpunkt der Forschung, was die evolutionäre Entwicklung seit 12 Millionen Jahren von den Vorfahren der heutigen Menschenaffen bis hin zu ihnen selbst und bis hin zum Australopithecus und Homo habilis betrifft. Diesbezüglich erfahren wir (Hopp 2019):

Unter Fachleuten ist es Konsens, daß im Zeitraum von ca. 15 Mio. bis 7 Mio. Jahren vor unserer Zeit die Menschenaffen überall in Afrika, Asien und Europa verbreitet und weitaus artenreicher als heute waren. Danach verschwanden sie (vor allem durch Klimaveränderungen bedingt) vollständig aus Europa und bis auf die Vorfahren der Orang-Utans auch aus Asien. Es blieben die Populationen in Afrika, von deren Nachkommenschaft letztendlich die Gorillas, die Schimpansen (inklusive Bonobos) und die Menschen bis heute fortbestehen. 

Der Artenreichtum der Menschenaffen des Miozän

Zeugnisse für den Artenreichtum dieser Menschenaffen des Miozän sammeln sich immer mehr an. Eine neue Art wurde seit 2016 in einer Tongrube im Allgäu entdeckt, veröffentlicht im November 2019: "Danuvius guggenmosi" (Wiki, engl). Er weist neben ebenso "primitiven" Merkmalen wie bei den Menschenaffen auch anatomische Merkmale auf, die ihn näher zu den modernen Menschen rücken als alle übrigen Menschenaffen, und die hinwiederum - womöglich - auch die 6 Millionen Jahre alten Fußspuren auf Kreta plausibler machen können. Daß die heutigen Menschenaffen nicht - sozusagen - die direkten Vorfahren von uns Menschen oder auch der Australopithecinen sein können, dafür sammeln sich in der Wissenschaft immer mehr Zeugnisse an (Hopp 2019):

Bereits vor rund zehn Jahren legten mehrere anatomische Studien nahe, daß Gorilla und Schimpanse den vierbeinigen Knöchelgang unabhängig voneinander entwickelt haben und eine Kombination aus Klettern und zweibeinigem Gang die ursprüngliche Fortbewegungsweise der Menschenaffen sein dürfte. Genau für diese Hypothese haben wir mit Danuvius jetzt einen Beleg.

Abb. 2: Bonobo
Schimpansen, Orang-Utans und Gorillas, sie alle können sich zwar auch zweibeinig fortbewegen. Aber sie können das nur sehr unbeholfen. Sie scheinen von Menschenaffen-Arten abzustammen, deren aufrechte Körperhaltung schon sehr viel deutlicher ausgeprägt gewesen ist als sie bei ihnen, und die sich weniger unbeholfen auf zwei Beinen fortbewegt haben - sowohl in Bäumen wie auf dem Boden. Ihr Gehirngewicht wird nicht über dem der Schimpansen und Australopithecinen gelegen haben. Aber damit wird die lange Ahnenreihe der Australopithecinen, bzw. ihre lange Vorgeschichte innerhalb der tropischen Wälder Europas im Miozän nach und nach immer anschaulicher und eindrucksvoller.

Die berühmte, oft wiedergegebene Grafik mit der Menschenreihe, in der sich die Menschenaffen über die Vormenschen der Australopithecinen "hinauf" zu den Menschen allmählich aufrichten, ist vermutlich zu simpel gestrickt, wie die Entdeckerin des "Danuvius", Professor Madelaine Böhme (geb. 1967) (Wiki) von der Universität Tübingen, im November 2019 bei der Pressekonferenz auch gleich sehr deutlich gemacht hat. Evoluierten womöglich die Vorfahren der Australopithecinen in Europa, unter anderem auf Kreta?

Die Beinproportionen von Danuvius ähneln am ehesten derjenigen der Bonobos (Abb. 2).  Aber in anderen Merkmalen steht er noch fortgeschritteneren Menschenformen näher. So erläuterte Frau Böhme in der Pressekonferenz im November 2019 sehr eindrucksvoll.

Menschenaffen bewegen sich auf zwei Beinen nur vergleichsweise unbeholfen und mit O-Beinen. Für sie ist die Fortbewegung auf dem Boden auf vier Beinen und mit Knöchelgang gewöhnlicher. Es scheint so zu sein, daß für ihre Vorfahren im Allgäu vor 12 Millionen Jahren das aufrechte Gehen auch auf dem Boden deutlich gewöhnlicher war, auch wenn das Klettern in Bäumen ebenfalls zu ihrer Lebensweise gehörte. Schon vor 12 Millionen Jahren sind also unsere Vorfahren viel aufrechter gegangen als das von ihren Nachfahren, den Bonbobos, Schimpansen, Gorillas und Orang-Utan für sich genommen abzuleiten wäre. Zur Evolution des aufrechten Ganges, der "Bipedie" lesen wir auch (Wiki):

Menschenkinder durchlaufen eine frühkindliche Entwicklungsphase, in der sie sich mit den Händen festhalten, um den aufrechten Gang zu üben. Entsprechend der biogenetischen Grundregel dürften daher die Menschenvorfahren ein entsprechendes stammesgeschichtliches Entwicklungsstadium durchlaufen haben.

Und es ist nicht unmöglich, daß dieses Entwicklungsstadium in den tropischen Wäldern des Allgäu und anderwärts in Europa durchlaufen wurde und schließlich vor 6 Millionen Jahren in die Fußspuren auf Kreta mündete, von wo sich aus die weitere Entwicklung dann nach Afrika verlagert haben könnte.

Waren also der Alpen- und Mittelmeer-Raum (zusammen mit Nordafrika) womöglichdas evolutionäre Innovations-Zentrum nicht nur in der Zeit vor 12.000 Jahren - bei der Entstehung des Ackerbaus - nicht nur wie vor 200 bis 300 tausend Jahren - bei der Entstehung des anatomisch modernen Menschen - sondern auch vor 12 Millionen Jahren bei der Entwicklung des aufrechten Ganges? (Allerdings noch ohne Wölbfuß, der erst vor 2 Millionen Jahren entstand.)

Abb. 3: Tongrube Hammerschmiede bei Pforzen im Allgäu (Wiki)

Dieser These geht die deutsche Paläoontologin Madelaine Böhme nach und unterstellt auch, daß die teilweise Austrocknung des Mittlemeeres und die wechselnde Durchlässigkeit und Undurchlässigkeit der Sahara zu räumlichen Isolationen geführt haben könnten, die solche evolutiven Weiterentwicklungen erleichtert haben könnten.

Erst durch ein Interview mit Jonas Hopf sind wir hier auf dem Blog auf diese beeindruckende Wissenschaftlerin und ihre Forschungen gestoßen (Hopf 2021). Eine Dokumentation gibt einen Überblick über den Weg der Forschung, der zu ihren Erkenntnissen führte (Wiege der Menschheit 2021). Und das von ihr veröffentlichte Buch ("Wie wir Menschen wurden", 2019) dürfte sicherlich spannend zu lesen sein. Einfach weil hier ein von unbändiger Neugier getriebener Mensch kennengelernt werden darf.

Wenn man es recht versteht, hat Madelaine Böhme schon viele Jahre zur Paläontologie und zu den Klimaveränderungen im Miozän geforscht, bevor sie begann, sich mit Primaten in Europa im Miozän zu beschäftigen. Zuvor hatte sie sich so gut wie gar nicht mit Primaten beschäftigt, sondern mit der großen sonstigen Vielfalt an Säugetieren und anderen Tieren im Miozän. Und das scheint zu großen Teilen ihre persönliche Leistung zu sein, daß all diese Primaten-Funde im Allgäu zutage kamen, bzw. auch ein älterer Fund aus Athen in Griechenland neu bewertet werden konnten. Einfach weil sie von einem bestimmten Zeitpunkt an genauer hingeguckt hat und auch weil sie sehr methodisch vorgegangen ist, weil sie zum Beispiel ausgräbt "wie Archäologen" (und nicht wie Paläoontologen - so erzählt sie). Da findet man dann auch viel mehr.

Ergänzung [5.12.2021]: Der Tonfall in der Fachwelt gegenüber Madeleine Böhme kann ganz schön herablassend und abfällig sein wie man einer neuen Besprechung ihres inzwischen auf Englisch erschienenen Buches entnehmen kann (19). Man fragt sich, ob dieser Tonfall wirklich für nötig empfunden werden muß.

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  1. Madelaine Böhme, Paläoklimatologin, ARD-alpha, alpha-Forum, 26.07.2017, 43 Min (BR Mediathek)  
  2. Gerard D. Gierliński, Grzegorz Niedźwiedzki, Martin Lockley, Athanassios Athanassiou, Charalampos Fassoulas, Zofia Dubicka, Andrzej Boczarowski, Matthew R. Bennett, Per Erik Ahlberg: Possible hominin footprints from the late Miocene (c. 5.7 Ma) of Crete? In: Proceedings of the Geologists’ Association. Volume 128, Issues 5–6, October 2017, Pages 697-710, Online: 31.8.2017, https://doi.org/10.1016/j.pgeola.2017.07.006
  3. Gab es schon Vormenschen auf Kreta? 5,7 Millionen Jahre alte Fußspuren könnten von einem Menschenvorfahren stammen, 4.9.2017, https://www.scinexx.de/news/geowissen/gab-es-schon-vormenschen-auf-kreta/
  4. Madelaine Böhme, Nikolai Spassov, Jochen Fuss, Adrian Tröscher, Andrew S. Deane, Jérôme Prieto, Uwe Kirscher, Thomas Lechner & David R. Begun: A new Miocene ape and locomotion in the ancestor of great apes and humans. In: Nature, 6. November 2019, doi:10.1038/s41586-019-1731-0
  5. Tracy L. Kivell: Fossil ape hints at how walking on two feet evolved. In: Nature. Online-Vorabveröffentlichung vom 6. November 2019, doi:10.1038/d41586-019-03347-0 (pdf)
  6. Pressekonferenz mit Madelaine Böhme, Tübingen, 7.11.2019, https://youtu.be/qlFqgBq23PQ
  7. Science Talk mit Prof. Dr. Madelaine Böhme, 6.11.2019, https://youtu.be/v9SDK0OM7OQ
  8. Madelaine Böhme, Rüdiger Braun, Florian Beier: Wie wir Menschen wurden: Eine kriminalistische Spurensuche nach den Ursprüngen der Menschheit - Spektakuläre Funde im Alpenraum. Heyne Verlag (11. November 2019) 
  9. Dominic Hopp: Der Fall Danuvius guggenmosi: Muß die Menschheitsgeschichte umgeschrieben werden? 2011, Auf: https://www.ag-evolutionsbiologie.net/html/2019/Danuvius-guggenmosi.html
  10. Thamm, Andreas: Ich tue, was ich tun muß - Madelaine Böhme, TAZ, 14.12.2019, https://taz.de/Palaeontologin-Madeleine-Boehme/!5646000/ 
  11. Madelaine Böhme bei SWR1 Leute, 27.12.2021, https://youtu.be/iHbJrkoi5cc
  12. Die Wiege der Menschheit - Stammt der Mensch aus Afrika oder aus Europa? Einstein - SRF Wissen, 3.5.2021, https://youtu.be/Vm6J7EAjNlY
  13. Jonas Hopf: Interview mit Madelaine Böhme, 5.8.2021, https://youtu.be/JZhWAOPWFwA
  14. Kritik - und Antwort von Madelaine Böhme, 2020, https://www.nature.com/articles/s41586-020-2736-4.epdf
  15. 2020, https://www.zeit.de/2020/41/menschenaffe-udo-aufrechter-gang-forschung-streit?
  16. Kelley, Jay: Besprechung von Madeleine Böhme's et. al. "Ancient Bones. Unearthing the astonishing new story of how we became human" (2020, Deutsch 2019). In: The Quarterly Review of Biology 2021 96:3, 223-223, https://www.journals.uchicago.edu/doi/abs/10.1086/716131

Mittwoch, 20. Mai 2020

An das Leben in einer - einheitlichen - Rasse angepaßt: Der Mensch

Gesichter anderer Rassen werden vom Gehirn nicht als individuelle Gesichter verarbeitet

Dieser Umstand wird aufgezeigt durch aktuelle Studien im Bereich der Hirnforschungen (1, 2): Das Gehirn strengt sich von sich aus an, Menschen (Gesichter) der eigenen Rasse individuell zu erkennen. Sieht es ein Gesicht aus der eigenen Rasse ein zweites mal, aktiviert es nur noch Hirnareale zur "Wiedererkennung", nicht mehr zur erstmaligen Neuerkennung eines individuellen Gesichtes.

Abb. 1: Menschliche Gesichter unterschiedlicher Rassen: Hausa man from Northern Nigeria ; man of Asian descent; Yali tribesman in the Baliem Valley; shaman in the Amazon rainforest; Icelander; San man (Wiki)

Anders ist es, wenn das Gehirn Menschen einer anderen Rasse sieht. Es ordnet die Gesichter derselben dann von vornherein unter "Wiedererkennung" ein - nämlich eben dieser Rasse. Und es bemüht sich - von sich aus - erst einmal nicht weiter um individuelle Unterscheidungen (nämlich ob es sich um das Gesicht dieses oder jenes Menschen innerhalb einer anderen Rasse handelt).

Ein wenig auffällig ist, daß in einem deutschsprachigen Artikel über diese Forschungen anstelle des Begriffes "Rasse" - wie in der Originalstudie - der Begriff "Ethnie" verwendet wird. Diese Begriffsverwendung ist aber ganz klar so unscharf, daß man sich wundert, daß das so gemacht wird. Denn in der Studie geht es ja eben nicht um Menschen unterschiedliche Ethnien, die einer einzigen Rasse angehören (zum Beispiel um Tschechen, Franzosen und Deutsche), sondern um Menschen unterschiedlicher Rassen.

Es dürfte sehr unwahrscheinlich sein, daß das Gehirn auf der Ebene sehr subtilen Gesichtsunterschiede zwischen Ethnien ebenso arbeitet wie auf der Ebene der Gesichtsunterscheidungen zwischen Rassen, die ja auf sehr grober Ebene stattfinden können.

Aber "Neusprech" ist offenbar der Redaktion von "Spektrum der Wissenschaft" so wichtig, daß dies offenbar auch gerne einmal auf Kosten der wissenschaftlichen Korrektheit geschehen kann.

Die Tatsache, daß Altruismus (Hilfsbereitschaft) und sozialer Zusammenhalt in multikulturellen Wohnumfeldern geringer ausgeprägt ist als in einheitlichen kulturellen Wohnumfeldern ist ja von Seiten der Soziologie schon gut erforscht worden (etwa von Seiten Robert Putnam, dargestellt in seinem Buch "Bowling alone"). Mit diesen neuen Studien gibt es einige - von vielen denkbaren - neue Daten zur evolutionären Erklärung dieser Sachverhalte.

Damit gibt es weitere Hinwiese dafür, daß Menschen und Gehirne im allgemeinen mit einem Zusammenleben unterschiedlicher Rassen innerhalb derselben Gesellschaft mehr gefordert sind als in Gesellschaften, in denen die Menschen alle derselben Rasse angehören. Und das Gehirn ist darauf ausgelegt, es sich möglichst "einfach" und "sparsam" zu machen im sozialen Zusammenleben.
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  1. Human face-selective cortex does not distinguish between members of a racial outgroup Niv Reggev, Kirstan Brodie, Mina Cikara, Jason P. Mitchell eNeuro 18 May 2020, ENEURO.0431-19.2020; DOI: 10.1523/ENEURO.0431-19.2020, https://www.eneuro.org/content/early/2020/05/18/ENEURO.0431-19.2020
  2. Janosch Deeg: Gesichter unterscheiden: Dem Gehirn erscheinen fremde Ethnien "bekannter", 19.05.2020, https://www.spektrum.de/news/dem-gehirn-erscheinen-fremde-ethnien-bekannter/1735892

Freitag, 3. April 2020

Menschwerdung vor 300.000 Jahren - Auf das nördliche Afrika eingegrenzt?

Im zentralen, südlichen Afrika - etwa im heutigen Sambia südlich des Tanganijka-Sees
- Dort "im Süden" lebten unsere Vettern, die wir nicht mehr heiraten durften, um Menschen werden zu können

Unser Wissen über die Zeit der Menschwerdung in Afrika vor 300.000 Jahren, also über den "Archaischen Homo sapiens" (Wiki) wird immer komplexer (1, 2). Schon länger wird vermutet, daß ein 1921 in Sambia gefundener Schädel (Abb. 1) (Wiki) viel jünger ist als ursprünglich angenommen, nämlich nur 300.000 Jahre alt. Diese Datierung wurde nun erneut bestätigt (1, 2).

Abb. 1: Rekonstruktion des Homo sapiens sapiens vom Fundort Jebel Irhoud in Marokko, 300.000 Jahre alt (Neanderthal-Museum, Erkrath, Mettmann) (Wiki)

Damit ergibt sich aber, daß vor 300.000 Jahren mindestens drei Menschenarten nebeneinander in Afrika lebten:

  • Urtümliche Homo sapiens (von denen wir abstammen, und die sich von den gleichzeitigen Vorformen des Neandertalers, also dem Homo heidelbergensis in Europa schon unterscheiden), sowie
  • dieser in der Datierung nun bestätigte Homo heidelbergensis/Homo rhodesiensis-Fund (der sich von den zeitgleichen Heidelbergensis-Funden in Europa nicht wesentlich unterscheidet) und
  • die grazilen Homo naledi (die zwar aufrecht gingen, deren Gehirngröße aber nur wenig über der von Schimpansen lag).*)

Eine ähnliche Situation von mehreren parallelen Menschenarten wird für das zeitgliche Eurasien angenommen.*) Oder noch genauer (nach heutigem Kenntnisstand) (3):

Homo sapiens in Regionen wie Marokko und Äthiopien, Homo heidelbergensis in Süd- und Zentral-Afrika und Homo naledi in Südafrika, bekannt für seine primitiven Merkmale, einschließlich Merkmalen, die ihn fähig machen, auf Bäume klettern zu können.
Homo sapiens in places like Morocco and Ethiopia, Homo heidelbergensis in south-central Africa, and Homo naledi in South Africa, known for primitive features including traits suitable for tree-climbing.

Oder noch etwas anders der die Studie leitende Anthropologe Stringer (4):

"Bislang ist der Broken Hill-Schädel angesehen worden als Teil einer in Afrika weitverbreiteten evolutionären Sequenz mit allmählichen Übergängen vom archaischen zu modernen Menschen. Nun aber sieht es so aus, als ob die primitive Art Homo naledi in Südafrika überlebte, Homo heidelbergensis in Zentralafrika lebte und frühe Formen unserer eigenen Art in Regionen wie Marokko und Äthiopien."  
"Previously, the Broken Hill skull was viewed as part of a gradual and widespread evolutionary sequence in Africa from archaic humans to modern humans. But now it looks like the primitive species Homo naledi survived in southern Africa, H. heidelbergensis was in Central Africa, and early forms of our species existed in regions like Morocco and Ethiopia."

Damit könnte sich andeuten, daß der anatomisch moderne Mensch zwischen Äthiopien und Marokko zum anatomisch modernen Menschen geworden ist. Bekanntlich war die Sahara damals eine fruchtbare Steppenlandschaft wie man nicht nur durch geologische Untersuchungen der letzten Jahrzehnte weiß, sondern auch noch an heutigen Felsbildern daselbst ablesen kann.

Abb. 2: Der datierte Broken Hill-Schädel, gefunden 1921, in einer Nachbildung (im Kelvingrove Art Gallery and Museum of Glasgow, Fotograf: Nachosan) (Wiki)

Damit würde deutlicher werden, daß die schon angenommene Mosaik-Evolution in Afrika vor 300.000 Jahren tatsächlich eine solche war, daß hier also nicht Afrika-weit einheitlich eine Population einen Artwandel durchgemacht hat hinüber in eine andere, anatomisch modernere Art, sondern daß zeitgleich in unterschiedlichen Regionen Afrikas parallel unterschiedliche Entwicklungen statthatten. Und die genetischen und archäogenetischen Daten in jüngsten Studien (u.a. auch von David Reich) gaben schon Hinweise darauf, daß es nicht nur außerhalb von Afrika Einkreuzungen von Neandertalern in unsere Linie gab, sondern auch noch in Afrika Einkreuzungen ursprünglicher Menschenarten in unsere Linie (5).

Einen Vertreter einer solchen zeitgleichen, ursprünglicheren Menschenart scheint man nun mit diesem Broken Hill-Schädel vor sich zu haben (Abb. 2).

Natürlich, irgendwann muß es ja zur Abspaltung der anatomisch moderneren Menschenformen von den anatomisch archaischeren gekommen sein. Diese fand also innerhalb Afrikas und auch dort noch einmal regional begrenzt statt. Und natürlich konnten die beiden Menschenarten, die sich da anfangs unterschiedlich entwickelten, phasenweise noch Genmaterial miteinander austauschen. Es muß aber natürlich auch Zeiten der genetischen Isolation voneinander gegeben haben.

Spannend wird nun sein, noch genauer einzugrenzen, in welchem Zeitraum genau es zu einer isolierten Weitentwicklung zum anatomisch modernen Menschen hin - vermutlich im nördlichen Afrika - gekommen ist. Und wann genauer es dann nach dieser isolierten Weiterentwicklung zu einer erneuten Einkreuzug gekommen ist, ohne daß dann aber die weiter entwickelten Merkmale dabei wieder verloren gegangen sind.

Auch wäre zu klären, warum eigentlich der Homo heidelbergensis so lange parallel zum Homo naledi leben konnte, warum der eine den anderen nicht "ausgerottet" hat oder zum Aussterben gebracht hat über viele hunderttausende von Jahren hinweg. Und es dürfte spannend sein zu erfahren, wie es dann zum Genetic Replacement nicht nur ab 40.000 Jahren vom nördlichen Afrika aus in Europa gekommen ist, sondern vor vielleicht 100.000 Jahren (?) zum Genetic Replacement gekommen ist vom nördlichen Afrika aus Richtung Südafrika.

... Und Übergänge zum Klassischen Neandertaler im Levanteraum

Ergänzung, 25.6.21: In Israel haben noch um 130.000 v. Ztr. Menschenformen gelebt, deren Schädelreste aufzeigen, daß sie eine Vorform des Klassischen Neandertalers darstellten (6-10). Auch dort also hatten sich um 130.000 v. Ztr. die eigentlichen Vorfahren von uns anatomisch modernen Menschen noch nicht etabliert. Dieser Raum gehört vielmehr zum Entstehungsraum der zeitgleichen Klassischen Neandertaler. Und bei dieser Entstehung scheint eine Einmischung von Genen von anatomisch modernen Menschen, die zeitgleich anderwärts in Nordafrika gelebt haben, eine Rolle gespielt zu haben (7).

Ergänzung, 23.9.21: Die Steinwerkzeug-Kultur, die der anatomisch moderne Mensch in Afrika seit der Zeit vor 300.000 Jahren nutzte ("Mittelpaläolithikum") wurde in Afrika erst vor 60.000 bis 30.000 Jahren von moderer Steinwerkzeug-Kultur ersetzt, in Teilen Westafrikas aber sogar erst vor 11.000 Jahren (11).

Ergänzung 15.10.21: In den Höhlen an der Südküste des Mittelmeeres, an der Küste Nordwestafrikas und Südafrikas wurden schon häufiger kleine, künstlich gelochte Meermuscheln aus dem Mittelpaläolithikum gefunden, die in dieser Form als Kettenanhänger gedient haben werden. Der älteste diesbezüglich gemachte Fund wurde erst jüngst gemacht, er ist 142.000 Jahre alt und stammt aus einer Höhle in Marokko, die 12 Kilometer von der Atlantikküste entfernt liegt (12).

Ergänzung 13.1.2021: Zwei frühe Menschenfunde von Omo-Kibish und Herto in Äthipien sind inzwischen neu datiert worden auf etwa 200.000 Jahre vor heute (13):

"Unsere neuen Alterseingrenzungen stimmen mit den meisten Modellen für die Evolution des modernen Menschen überein, nach denen der Ursprung des Homo sapiens und seine Trennung von archaischen Menschenformen auf die Zeit zwischen 350.000 und 200.000 Jahren vor heute eingegrenzt werden."
"Our new age constraints are congruent with most models for the evolution of modern humans, which estimate the origin of H. sapiens and its divergence from archaic humans at around 350-200 ka."

__________
*) (2): "The result suggests that later Middle Pleistocene Africa contained multiple contemporaneous hominin lineages (that is, Homo sapiens, H. heidelbergensis/H. rhodesiensis and Homo naledi), similar to Eurasia, where Homo neanderthalensis, the Denisovans, Homo floresiensis, Homo luzonensis and perhaps also Homo heidelbergensis and Homo erectus were found contemporaneously."
__________
  1. https://www.sciencenews.org/article/broken-hill-skull-fossil-may-be-from-african-ghost-population
  2. Rainer Grün et al. Dating the skull from Broken Hill, Zambia, and its position in human evolution, Nature (2020). DOI: 10.1038/s41586-020-2165-4, https://www.nature.com/articles/s41586-020-2165-4
  3. https://www.reuters.com/article/us-science-skull/landmark-skull-fossil-provides-surprising-human-evolution-clues-idUSKBN21J60V
  4. https://phys.org/news/2020-04-fossil-skull-modern-human-ancestry.html.
  5. https://www.sciencenews.org/article/some-west-africans-may-have-dna-genes-ancient-ghost-hominid
  6. https://nachrichten.idw-online.de/2021/06/24/der-neandertaler-hat-keine-rein-europaeische-entstehungsgeschichte/
  7. Dramatic discovery in Israeli excavation: A new type of Homo unknown to science. 23.06.2021, https://youtu.be/OGPKRuyd-5M.
  8. https://science.orf.at/stories/3207302/
  9. https://www.scinexx.de/news/biowissen/neue-fruehmenschen-form-entdeckt/ 
  10. A Middle Pleistocene Homo from Nesher Ramla, Israel  By Israel Hershkovitz, Hila May, Rachel Sarig, Ariel Pokhojaev, Dominique Grimaud-Hervé, Emiliano Bruner, Cinzia Fornai, Rolf Quam, Juan Luis Arsuaga, Viktoria A. Krenn, Maria Martinón-Torres, José María Bermúdez de Castro, Laura Martín-Francés, Viviane Slon, Lou Albessard-Ball, Amélie Vialet, Tim Schüler, Giorgio Manzi, Antonio Profico, Fabio Di Vincenzo, Gerhard W. Weber, Yossi Zaidner  Science25 Jun 2021 : 1424-1428, https://science.sciencemag.org/content/372/6549/1424
  11. Scerri, Eleanor: Erste menschliche Kultur überdauerte 20.000 Jahre länger als bislang bekannt  - Bevölkerungsgruppen im äußersten Westen Afrikas nutzten bis vor 11.000 Jahren die frühesten Steinwerkzeug-Technologien unserer Art, 11. Januar 2021, https://www.shh.mpg.de/1938291/scerri-young-middle-stone-age  
  12. Sehasseh, E. M. et al. (2021). Early Middle Stone Age personal ornaments from Bizmoune Cave, Essaouira, Morocco. Science Advances, 7: eabi8620 (22. Sept. 2021): https://www.science.org/doi/epdf/10.1126/sciadv.abi8620
  13. Vidal, C.M., Lane, C.S., Asrat, A. et al. Age of the oldest known Homo sapiens from eastern Africa. Nature (2022), 12.1.2022, https://doi.org/10.1038/s41586-021-04275-8, 

Samstag, 15. Februar 2020

"Wie evoluiert die Intelligenz?" (Ein Vortrag)

Ostasiaten - Indogermanen - Aschkenasische Juden - Gemeinsamkeiten in der Ethnogenese?

Das Kernargument dieses Vortrages erfolgt ab Minute 39:29. Ansonsten enthält diese Aufnahme (Livestream) einen bunten Blumenstrauß von Einzelthemen rund um das Gesamtthema "Humanevolution und Menschheitsgeschichte".



Der Livestream verfolgt ausdrücklich nicht stringent einen einzigen Gedankengang von vorne bis hinten. Sondern spontan werden zwischendurch auch ausgewählte Zuschauerfragen beantwortet, unter anderem solche von Seiten des Youtubers RuStAG Netzwerk 2.0 (Yt), der unter anderem Zweifel an der Out-of-Africa vorbrachte. Ganz grob gliedert sich der Vortrag in die folgenden drei Teile.

1. Teil


(1:07) - - - Eine Zuschrift weist mich hin auf das Buch "At Our Wits' End - Why We're Becoming Less Intelligent and What It Means for the Future"*) von Edward Dutton und Michael A. Woodley of Menie (2), und daß dieses sich auf Oswald Spengler's Kulturzyklen beziehen würde. Ich weise hin auf den Gedanken von der potentiellen Unsterblichkeit von Völkern und Kulturen. 

 (5:20) - - - Wiederholt behandele ich die Fragwürdigkeit, sich heute überhaupt in der Öffentlichkeit - sei es wie auch immer - zu positionieren. Einen Videokanal zu betreiben, kann leicht zu einem zweischneidigen Schwert werden in Zeiten, in denen nur noch emotionale Reflexe vorherrschen. 

(6:00) - - - Anläßlich einer Frage von RustAG behandele ich einige aktuellere Themen zur Evolution der Vormenschen und des Menschen in Afrika zwischen der Zeit vor 4,5 Millionen Jahren und vor 300.000 Jahren, sowie danach später.

2. Teil 


(17:40) - - - Rückkehr zum einleitenden Thema: Aktuelle Debatten über den Rückgang der Intelligenz in modernen Wissensgesellschaften, bzw. in früheren Hochkulturen: Volkmar Weiß, Edward Dutton, Michael A. Woodley of Menie, Eckart Knaul. Hinweis auch auf David Becker, sowie auf Facebook-Gruppe "DNA-Genealogie auf Deutsch". Francis Galton. 

(25:45) - - - Man kann mit Videos leicht provozieren. 

(32:29) - - - Kernthese: Hat der höhere IQ auf der Nordhalbkugel etwas damit zu tun, daß sowohl Ostasiaten wie Indogermanen wie aschkenasische Juden bei ihrer Ethnogenese im Neolithikum bzw. im Mittelalter hervorgegangen sind aus einer Fünfzig-zu-Fünfzig-Vermischung von zuvor über viele Jahrtausende hinweg getrennt evoluierten Herkunftsgruppen (3)? Ich erwähne hier die Tschuktschen, meine aber die Ultschen, ein kleines Fischervolk im Norden von Korea am Amur-Fluß (4).

3. Teil


(40:01) - - - Neuer Kommentar zu meinem Video über die Satanisten. Wie ist eigentlich die Verantwortlichkeit von Politikern für ihr Tun zu bewerten, die von Geburt in Folterkellern dressiert worden sind? Das Thema ritueller Mißbrauch ist übrigens auch schon in der Bundesregierung angekommen. 

(47:11) - - - Im abschließenden Teil Hinweise auf die Inhalte einiger neuer Artikel auf meinem Internetblog "Studium generale" ( studgendeutsch.blogspot.com ). 

 (54:23) - - - Zur Herkunftsgruppe der "Ancient North Eurasien" (5), die 23.000 v. Ztr. in Sibirien lebte und von denen Herkunftsanteile sowohl bei den amerikanischen Ureinwohnern, bei asiatischen Völkern und uns Europäern (über die osteuropäischen Jäger und Sammler) fortexistieren. Für die eiszeitlichen Völkergruppen ist das Bild noch nicht so übersichtlich und widerspruchslos wie für das Neolithikum und später.

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*) "At Our Wits' End" wäre auf Deutsch ungefähr zu übersetzen mit "Am Ende sind wir mit unserem Latein".  

Anhang


Im Chat war während des Livestreams nach den Slawen gefragt worden. Hier ein Beitrag zu ihnen, den ich im Oktober 2019 auf Facebook veröffentlicht habe:  In einem Artikel in der "Welt" von 2017 (6) wird der Inhalt eines damals neu erschienenen Buches über die Entstehung der Slawen referiert. Kompakt und klar: Die Suche nach der sogenannten "Urheimat" der Slawen ist - so wird ausgeführt - erfolglos geblieben - etwas, was ich schon immer erwartet hatte. Und so ziemlich dieselbe Sichtweise, die sich jetzt in der Forschung durchsetzt und die hier hervorragend zusammen gefaßt wird, konnte man immer schon haben, insbesondere seit man das 1996 erschienene Buch "Germanen - Slawen" von Professor Helmut Schröcke (1922-2018) (7) lesen hat können. Slawen sind also vermutlich einfach Nachkommen von Menschen, die östlich der Elbe schon seit der Bronzezeit gelebt haben, und deren Vorfahren neue Völker zu- und abwandern gesehen haben, während sie selbst - als Restteile von Völkern oder deren Unterschichten - in mitunter dünn besiedelten Räumen zurück geblieben sind.

Viel deutet darauf hin, daß Osteuropa die Quelle des europäischen Sklavenhandels (von Wikingern, Juden und anderen) mit dem arabischen Raum darstellte, und daß der Volksname "Slawe" in Zusammenhang mit dem Namen "Sklave" entstanden ist oder doch von den Zeitgenossen davon abgeleitet wurde.  Schon das ostgermanische Königtum der Antike beruhte - nach Tacitus - auf Sklavenbesitz, der in Westgermanien nicht so ausgeprägt vorhanden war. Diese Sklaven bewohnten - vermutlich - die archäologisch als "Grubenhäuser" erfaßten Gebäude, in denen sich oft Webstühle fanden, und die sich westlich der Elbe nicht fanden (7).

Aus diesen Unterschichten gingen nach der Zu- und Abwanderung großer Völker wie der Germanen oder Hunnen jene einheimischen Völkerschaften hervor, die dann im Früh- und Hochmittelalter von den Deutschen christianisiert und germanisiert wurden.   Somit könnte gemutmaßt werden, daß sich die slawischen Sprachen herausbildeten mit und nach der Ausbreitung der Schnurkeramiker aus dem Substrat der vorhergehenden Kugelamphorenkultur. Aber eine solche Vermutung ist noch hochgradig spekulativ.
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  1. Bading, Ingo: Wie evoluiert die Intelligenz? Live übertragen am 15.02.2020, https://youtu.be/WmKpAvLsp3I
  2. Edward Dutton und Michael A. Woodley: At Our Wits' End - Why We're Becoming Less Intelligent and What It Means for the Future. 2019 
  3. Bading, Ingo: Im Jangtse-Delta - Dort entstand ein großes, begabtes Volk, 23.9.2019, https://studgendeutsch.blogspot.com/2019/09/im-jangtse-delta-dort-entstand-ein.html
  4. https://studgendeutsch.blogspot.com/2017/02/8000-jahre-lange-genetische-kontinuitat.html
  5. https://en.wikipedia.org/wiki/Ancient_North_Eurasian 
  6. Seewald, Berthold: Urheimat Slawen, 12.11.2017, https://www.welt.de/geschichte/article170502875/Die-schwierige-Suche-nach-der-Urheimat-der-Slawen.html
  7. Schröcke, Helmut: Germanen - Slawen. Vor- und Frühgeschichte des ostgermanischen Raumes. 1996

Donnerstag, 9. Mai 2019

Die Intelligenz-Evolution der Völker weltweit - Mit und ohne "genetic replacement"

Im Vorderen Orient und in Ostasien gab es viel genetische Kontinuität seit 10.000 Jahren, in Europa nicht 
- Wie sind diese Umstände mit der jeweiligen Intelligenz-Evolution in Einklang zu bringen?

Sehr spannende Hinweise und Überlegungen hat soeben der indisch-US-amerikanische Humangenetiker Razib Khan veröffentlicht (1). Und zwar zu Fragen, die uns schon seit allerhand Jahren umtreiben, insbesondere seit 2015. Denn wir überblicken seitdem die genetische Geschichte der Völker Europas und des Vorderen Orients eigentlich recht gut. Wie sieht es diesbezüglich aber mit der Geschichte Ostasiens aus?

Abb. 1: Zur Ethnogenese des chinesischen Volkes

Razib Khan weist in diesem Zusammenhang auf einen Umstand hin, auf den wir selbst schon jüngst dumpf aufmerksam wurden, als wir uns mit den Vorfahren der Ultschen in Ostsibirien (den "Devil's Gate samples") beschäftigten (2, 3). Razib Khan sagt nämlich über diese (1):

Die modernen Chinesen weisen viel mehr genetische Ähnlichkeit mit den Menschen in Ostsibirien 5.700 v. Ztr. auf als heutige Westeuropäer genetische Ähnlichkeit aufweisen mit Menschen, die 5.700 v. Ztr. in Westeuropa lebten (oder als heutige Inder mit Menschen aufweisen, die in ähnlicher Zeitstellung in Indien lebten).
Original: Modern Chinese show much more affinity to the Devil’s Gates samples from the northeastern border with Russia dated to 7,700 years ago than modern Western Europeans do with people present 7,700 years ago (or modern Indians would with people of a similar date). 

Das würde heißen, daß es in Ostasien ähnliche genetische Kontinuität gibt zwischen den vorneolithischen und den heutigen Bevölkerungen wie sie seit 2015 auch für den Vorderen Orient festgestellt worden ist. Sowohl Ostasien wie der Vordere Orient haben früh komplexe, städtische Gesellschaften hervorgebracht, die - vermutlich - mit einem bestimmten jeweils angeborenen Intelligenz-Quotienten korreliert haben.

Dennoch weisen die Bevölkerungen im Vorderen Orient heute einen durchschnittlichen angeborenen Intelligenzquotienten zwischen 90 und 95 auf, in Ostasien aber einen solchen von 105. Und das ist ein sehr beträchtlicher Unterschied, der auch - wie ja zwischenzeitlich aufgezeigt wurde - mit dem Bruttosozialprodukt in den jeweiligen Regionen korreliert.

Wie ist der hohe ostasiatische Intelligenz-Quotient evolutiv entstanden?

Hier auf dem Blog waren wir bislang davon ausgegangen, daß der europäische IQ von etwa 100 erreicht worden sei über die durch die Ancient-DNA-Forschung seit 2015 festgestellte "Gruppenselektion", über den festgestellten genetischen Austausch ("genetic replacement"), über Volkstod, über den Abbruch genetischer und kultureller Kontinuität und neue Volkwerdungen (Ethnogenesen) im Verlauf der europäischen Geschichte der letzten 10.000 Jahre. Die Ancient-DNA-Forschung stellte nämlich seit 2015 fest: 1. den Volkstod der mesolithischen Völker Europas (der so für Ostasien nicht feststellbar ist), 2. den Volkstod der früh- und mittelneolithischen Völker Europas (auch dieser scheint in Ostasien nicht feststellbar zu sein). An die Stelle der vormaligen europäischen Völker traten schließlich ab dem Spätneolithikum, ab etwa 2.800 v. Ztr. über ganz Europa und zum Teil auch den Mittelmeer-Raum hinweg kulturell und genetisch die Indogermanen.

Vielleicht wird man bezüglich der Ostasiaten noch herausfinden daß - wie bei der Entstehung des Volkes der aschkenasischen Juden oder der Indogermanen - genetische Flaschenhals-Ereignisse eine Rolle gespielt haben, in denen viel Selektion stattfinden kann. Auf jeden Fall könnte das Beispiel Ostasien aufzeigen, daß eine Völkergruppe, eine Herkunftsgruppe (traditionell als "Rasse" bezeichnet) einen IQ von 105 evolvieren kann, auch ohne solche genannten beträchtlichen Gruppenselektions-Ereignisse, wie sie die europäische Geschichte aufweist.

Das dürfte man dann als ziemlich eindrucksvoll erachten. Und es wird deutlich, daß hier noch viele Fragen offen sind, die sich dadurch klären werden, daß man den "polygenic score" für angeborene Intelligenz in der Ancient-DNA-Forschung erheben wird für vorgeschichtliche Bevölkerungen. Vielleicht wird man auch feststellen, daß es diesbezüglich ein "Auf und Ab" im Vorderen Orient und in Europa gegeben hat? Es bleibt alles sehr spannend.

Frühe Erklärungsmodelle der Völkerpsychologie - Greifen sie?

Übrigens könnten die Unterschiede im Geschichtsverlauf Europas einerseits und Ostasiens und des Vorderen Orients andererseits auf Unterschiede hinweisen, die schon in den 1920er und 1930er Jahren von der Völkerpsychologie herausgearbeitet worden waren (4).

Dort war die Rede von zwei angeborenen Dichotomien in Bezug auf die Psychologie von Völkern und Kulturen. Es war einerseits die Rede von "wandelfrohen" Völkern und Rassen im Gegensatz zu "beharrlichen" Völkern und Rassen (4, S. 85f). Zu ersteren waren die indogermanischen Völker gezählt worden, zu letzteren die ostasiatischen Völker.

Abb. 2: Ostasiatisches Naturerleben wie es sich in traditioneller Landschaftsmalerei widerspiegelt - "Reisende zwischen Bergen und Flußläufen" des chinesischen Malers Fan Kuan (etw. 960-etw. 1030) (Wiki)

Außerdem war die Rede von einer zweiten, angeborenen Dichotomie, und zwar nun konkreter in Bezug auf das jeweilige Erleben des Religiösen, in Bezug auf das Erleben des Göttlichen, des Numinosen. Diesbezüglich gäbe es Völker einerseits mit einem ausgeprägteren, angeborenen thymotischen Erleben (wie es Peter Sloterdijk nennen würde), also einem Erleben des Stolzes und des Selbstvertrauens in Bezug auf das Göttliche. Daraus würden sich dann sogenannte "Licht-Lehren" auf dem Gebiet des Religiösen ergeben. Diese betonten das Vertrauen auf die eigenen Kraft in Vollbringung des Guten. Das Göttliche wird als "Freund" aufgefaßt, dem man sich als nahestehend und ebenbürtig empfindet (s.a. 5).

Auf der anderen Seite gäbe es Völker mit ausgeprägterem, angeborenem Erleben der Demut in Bezug auf das Göttliche. Der Gegensatz zwischen Gott oder dem Göttlichen einerseits und dem Menschen andererseits würde als sehr groß empfunden. Dies könne auch - insbesondere in Ostasien - gelten für den Gegensatz zwischen der großen, erhabenen Natur einerseits und dem winzig kleinen Menschen in dieser andererseits, wie dies etwa auch in der traditionellen chinesischen Landschaftsmalerei zum Ausdruck kommt (s. Abb. 2 und 3). Und aus solchen unterschiedlichen Haltungen gegenüber dem Göttlichen ergäben sich dann auf dem Gebiet des Religiösen sogenannte "Schacht-Lehren". Das Göttliche muß dann im Alltag gar keine Rolle spielen, erschließt sich die Seele aber einmal - spontan - dem Göttlichen, so öffnete man sich ihm gegenüber in gläubigem Staunen (Ostasien) oder aber auch als weit entfernt, womöglich sogar als tyrannisch, willkürlich und jähzornig (Orient). Daraus entspringende Lehren betonten dann die eigene Ohnmacht im Angesicht des Göttlichen. Sie betonten die Unterordnung gegenüber dem "unerforschlichen" Willen Gottes. Der Anbetende läge im Staub vor Gott, empfände sich als eine "Scherbe" im Angesicht des Göttlichen, als etwas Winziges oder gar Wertloses im Vergleich zum Großen, Erhabenen, Göttlichen (4, S. 86ff; 5).

Aus heutiger wissenschaftlicher Sicht darf gesagt sein, daß man diese Dichotomie grob in Entsprechung setzen könnte zu der von der Kulturvergleichenden Psychologie, bzw. Kulturpsychologie, bzw. Völkerpsychologie (Wiki) seither herausgearbeiteten Dichotomie der individualistischen Kulturen Europas (Wiki) im Gegensatz zu den kollektivistischen Konsens-Kulturen Ostasiens (Wiki; s.a. Wiki). Konkreter ergäbe sich aus den darin enthaltene Haltungen gegenüber der Gemeinschaft, gegenüber den Mitmenschen eine Dichotomie zwischen der "Schuld-Kultur" Europas und des Vorderen Orients einerseits im Gegensatz zu einer "Scham-Kultur" Ostasiens andererseits (Wiki).

Sind Völker mit einer "individualistischen Kultur" Völkern mit einer "kollektivisitschen Kultur" in Bezug auf Volkserhaltung schon seit Jahrtausenden überlegen?

Von Seiten der Völkerpsychologie war davon gesprochen worden und es war begründet worden, daß Kulturen und Völker mit "Stolz-Erbgut" in ihrem Überleben, sprich bezüglich ihrer kulturellen und genetischen Kontinuität, weitaus stärker gefährdet seien als Völker mit "Demut-Erbgut" (4, S. 343-349). Das ist ein Gedanke, der auch in neueren Buchtiteln zum Ausdruck kommt (6): "Das Ende des Individualismus - Die Kultur des Westens zerstört sich selbst".

Es deutet sich an, daß ein solches - wiederholtes - Geschehen innerhalb der europäischen Geschichte durch den aktuellen Wissensstand der Archäogenetik aufgedeckt wird wie niemals zuvor. In Europa scheint der aufbegehrende Stolz innerhalb der Völker dazu zu führen, daß Einzelmenschen und Völker viel mehr miteinander und gegeneinander ringen. Und das scheint zu großen genetischen Umbrüchen geführt zu haben. In fast allen anderen Teilen der Welt scheint demgegenüber in den letzten zehntausend Jahren viel eher ein Bild der genetischen Konstanz, der genetischen Kontinuität vorzuherrschen. Völker und Volksgruppen (vor allem solche, die seit vorneolithischer Zeit jeweils einheimisch waren) scheinen in allen anderen Weltteilen nicht in dem Ausmaß und in der Vollständigkeit vom Völkertod bedroht gewesen zu sein wie es diejenigen innerhalb Europas gewesen sind. Und wenn es auch in anderen Weltteilen dennoch einmal einschneidendere genetische Umbrüche gegeben hat, dann scheinen auch diese dort entweder von der Ausbreitung iranisch-neolithischer und anatolisch-neolithischer Bauernvölker oder - später - von der Zuwanderung indogermanischer Völker ausgelöst oder begleitet worden zu sein.

Abb. 3: Ostasiatisches Naturerleben - "Herbst im Flußtal", Detail einer Wandrolle des chinesischen Malers Guō Xī (1020-1090) (Wiki)

Welche Schlußfolgerungen sind in solchen Überlegungen und Erkenntnissen für die Zukunft enthalten? Sind indogermanische Völker während ihrer 6.000-jährigen Geschichte leichter, unüberlegter, geradezu "unbesorgter" in den Tod gegangen, weil sie aus der Fülle des religiösen Erlebens schöpften und dieses für "unversiegbar" hielten (z.B. in der Spätantike)? Erlagen iranisch-neolithische Völker (in Südasien/Indien) und anatolisch-neolithische Völker (in Europa) einfach nur dem kriegerischen Ansturm ungestümer indogermanischer Völker und später der ungestürmen hunnischen und Turkvölker

Und sind die heutigen Völker der Nordhalbkugel, die Völker des "Abendlandes" bezüglich ihres etwaigen Völkertodes - insbesondere seit 150 Jahren - nun doch weitaus pessimistischer, besorgter oder ätzend-zynischer, weil sie spüren, daß in der derzeitigen Phase der Weltgeschichte viel mehr auf dem Spiel steht als in vielen tausenden von Jahren zuvor? Weil sie spüren, daß die Weltgeschichte - insbesondere vor dem Hintergrund des immensen technischen und Wissenfortschritts der letzten hundert Jahre - an einen sehr grundlegenden Wendepunkt gekommen ist?

Insbesondere Überlegungen von früheren Generationen evolutionär denkender Völkerpsychologen (z.B. 4, S. 343-349) könnten in dieser Hinsicht viele sehr grundsätzliche Fragen aufwerfen. Es könnte sich um eine sehr bedeutende Frage der Weltgeschichte handeln, nämlich: welche Auffassung vom Göttlichen ein Volk besitzt und welche Auffassung vom Göttlichen innerhalb der Menschheit Zukunft haben wird. Werden sich Völker dabei - in den Worten von Jan Assmann - der Tendenz nach nach der sogenannten mosaischen Unterscheidung zwischen Wahr und Falsch ausrichten oder werden sie sich dabei der Tendenz nach nach der sogenannten aristotelischen, sprich wissenschaftlichen Unterscheidung zwischen Wahr und Falsch ausrichten (7)?

Aber daran schließt sich gleich die nächste Frage an: Herrscht nicht heute die Meinung vor, daß die wissenschaftliche Unterscheidung zwischen Wahr und Falsch zu einem areligiösen oder gar atheistischen Weltbild führen würde? Will die Weltgeschichte also womöglich, daß wir zu einer mosaischen Unterscheidung zwischen Wahr und Falsch zurück kehren? Oder gibt es - greifbare - Alternativen dazu? Unter anderem der bedeutende britische und US-amerikanische Psychologe Raymond B. Cattell (1905-1998) (Wiki, engl) (8), gegebenenfalls - in verkopfterer Weise - Ken Wilber (geb. 1949) (Wiki) (8) oder auch Mathilde Ludendorff bemühten sich um seelisch kraftvolle Alternativen dazu.

Indogermanische Kriege gegeneinander

Ergänzung 15.5.2019: Es kann vielleicht ergänzt werden, daß die folgende Grafik, die in Facebook-Gruppen verbreitet wird, die geschichtlichen Zusammenhänge nicht besonders treffend auf den Punkt bringt.


Abb. 4: Aus der Facebook-Gruppe "History and Heroes - White European Survival"

Die hier benannten "warriors" haben durch ihr Kriegführen keineswegs immer ihre Rasse erhalten, viel mehr haben indogermanische Völker auch viele Kriege untereinander und gegeneinander geführt. Vermutlich sogar die meisten. Und nicht gar zu selten auch genozidale Kriege gegen stammesverwandte Völker.

Die ersten indogermanischen Völker, die sich von der Ukraine bis nach Sibirien ausgebreitet hatten (genetisch "Yamnaja"), sind schon allerhand Jahrhunderte später von westlichen indogermanischen Völkern (genetische "Schnurkeramiker") offenbar völlig ersetzt worden. Man könnte fast sagen, Weltgeschichte sei im Wesentlichen - nachdem sich die indogermanischen Völker einmal ausgebreitet hatten - eine Geschichte von Kriegen indogermanischer Völker gegeneinander gewesen.

So haben etwa in der geschichtlich gut bekannten Mittelmeer-Antike ständig indogermanische Völker gegeneinander gekämpft: Griechen gegen Hethiter (Kampf um Troja), Griechen gegen Griechen, Perser gegen Griechen, Makedonen gegen Griechen, Makedonen und Griechen gegen Perser, Karthager gegen Römer, Römer gegen Griechen, Gallier gegen Griechen, Gallier gegen Germanen und Römer, Römer gegen Germanen. Und damit sind nur einige der bekanntesten Kriege benannt.

Auch auf dem bislang ältesten Schlachtfeld Europas - an der Tollense 1300 v. Ztr. - kämpften Indogermanen gegen Indogermanen, ebenso auf dem Schlachtfeld von Kalkriese 9 n. Ztr..

In den Islandsagas kämpfen ständig nur indogermanische Wikinger gegen indogermanische Wikinger (selten genug ist mal ein genetisch eher mediterraner Brite oder Ire darunter, die meist nur als Hörige in der Wikingerzeit in Island in Erscheinung treten).

Und wenn europäische Völker seit dem Frühmittelalter Kriege gegeneinander geführt haben, dann war auch das selten genug, um ihre eigene Rasse zu erhalten. Am ehesten noch die Schlachten gegen die Araber in Spanien oder gegen die Türken im Donauraum waren Schlachten zur Erhaltung "unserer Rasse". Aber das ist nur ein geringer Teil der Gesamtzahl jener Kriege, die von indogermanischen Völker geführt worden sind.

Und all das könnte in Ostasien - zumindest der Gesamtquantität nach - ein wenig anders gewesen sein. Wobei allerdings zu berücksichtigen wäre, daß es auch in der chinesischen Geschichte viele Kriege gegeben hat. Hier wäre ein quantitativer und qualitativer Vergleich sicherlich einmal sinnvoll. Im Grunde erstaunlich überhaupt, daß die Kulturentwicklung der Menschheit sich in Asien und Europa so stark weiter entwickeln konnte, obwohl es in beiden Weltteilen immer und immer wieder vernichtende Kriege gegeben hat.

Ergänzung 9.8.2019: Der kanadische Forscher Peter Frost hat noch einmal die These von Rushton und Jensen eindrucksvoll zusammen gefaßt, nach der die Evolution der höheren Intelligenz auf der Nordhalbkugel schon durch die Lebensbedingungen der Eiszeit in Gang gesetzt worden sei (9). Der Ansatz überzeugt allerdings deshalb nicht, weil ja ursprünglichere Ausgangspopulationen von Völkern, die Hochkulturen hervor gebracht haben, bis heute eine eher niedrigere Intelligenz beibehalten haben. So - vermutlich - die Ultschen ist Ostsibirieren ebenso wie die Ureinwohner Nordamerikas oder auch die Völker der Mittelmeerraumes, die genetische Kontinuität seit 10.000 Jahren aufweisen. Aber der Aufsatz (9) sollte vielleicht noch einmal gründlich studiert werden, auch im Hinblick auf solche Einwände wie die eben vorgetragenen.

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  1. Khan, Razib: The emergence of Han identity as autochthonous. 6. Mai 2019, https://www.gnxp.com/WordPress/2019/05/06/the-emergence-of-han-identity-as-autochthonous/ 
  2. Bading, Ingo: Ihr Völker Asiens, ihr Völker Europas - Euer Werden, Euer Überleben! Studium generale, 1. Mai 2019, https://studgendeutsch.blogspot.com/2019/05/ihr-volker-asiens-ihr-volker-europas.html 
  3. Bading, Ingo: 8.000 Jahre lange unverfälschte genetische Kontinuität eines Fischervolkes - In Ostsibirien. St.gen., 5. Februar 2017, https://studgendeutsch.blogspot.com/2017/02/8000-jahre-lange-genetische-kontinuitat.html 
  4. Ludendorff, Mathilde: Die Volksseele und ihre Machtgestalter. Eine Philosophie der Geschichte. Ludendorffs Verlag, München 1933; erneut: 1955, https://archive.org/details/MathildeLudendorffDieVolksseeleUndIhreMachtgestalter
  5. Hunke, Sigrid: Europas andere Religion. Die Überwindung der religiösen Krise. Düsseldorf 1969
  6. Miegel, Meinhard; Wahl, Stefanie: Das Ende des Individualismus. Die Kultur des Westens zerstört sich selbst. mvg-Verlag, München, 1993
  7. Assmann, Jan: Die Mosaische Unterscheidung oder Der Preis des Monotheismus. Hanser, München 2003
  8. Lotz, Magrietha Aletha Cornelia Magdalena: Beyondism - The thinking of Raymond Bernard Cattell (1905-1998) on Religion, and his religious thought. Masterarbeit, Universität von Südafrika, Pretoria 2009, http://uir.unisa.ac.za/handle/10500/2688, https://core.ac.uk/download/pdf/43166109.pdf
  9. Frost, Peter: The Original Industrial Revolution. Did Cold Winters Select for Cognitive Ability?      In: Psych - Open Access Journal, May 2019, https://www.mdpi.com/2624-8611/1/1/12/htm (Researchgate

Mittwoch, 19. Dezember 2018

"Er sitzt wieder im Sattel, der genetische Determinismus"

Eine wissenschaftliche Revolution ist im Gange - Rund um polygenetisch vererbte Merkmale

Nach so vielen anderen wissenschaftlichen Revolutionen auf dem Gebiet der Humangenetik in den letzten Jahrzehnten ist zur Zeit wiederum eine neue im Gange (1):
"Es konnte inzwischen gezeigt werden, daß polygenetische Auswertungen die Risiko-Voraussagen für Prostata-, Eierstock- und Brustkrebs verbessern können. Sie können auf Merkmale hinweisen, die auf lokale Anpassung zurück zu führen sind ..."
- bei denen also - im Klartext gesprochen - angeborene Volks- und Rasse-Unterschiede vorliegen -
"... und die den Weg des evolutionären Wandels nachverfolgen lassen."*)
Was hier mit wenigen Worten angedeutet ist! Ob es die deutschen (Rechts-)Intellektuellen verstehen, verstehen wollen, was hier an neuem Futter zur geistigen Auseinandersetzung bereit liegt? Ob sie zugreifen (2)? Oder ob sie weiter warten, daß jemals rechtskatholische oder rechtschristliche Intellektuelle besonders eifrig dabei voranschreiten werden? Das haben sie noch nie getan und werden sie niemals tun, mögen sie den Begriff "Neue Rechte" auch noch so sehr für sich gehijackt haben. Sie haben ihn vielmehr gehijackt, um genau eine solche Auseinandersetzung seit Jahrzehnten zu lähmen und abzutöten. In seiner ursprünglichen Bedeutung heißt "Neue Rechte" nämlich: Sich auf die Forschungen des Intelligenz-Forschers Arthur Jenssen beziehen. Und es heißt zugleich: wissenschaftsnah und nichtchristlich zu sein.

Abb.: "Blueprint" von Robert Plomin,
September 2018

"Er sitzt wieder im Sattel, der genetische Determinismus"


Er ist also wieder am Start - huh, huh, huh, der: "genetische Determinismus", der allen Gesellschaftsmanipulatoren und -ideologen ein so großer Dorn im Auge ist. Im englischen Original wird es verkündet: "Genetic determinism rides again" (1). Er sitzt wieder im Sattel und reitet. Denn er ist ja der Leibhaftige selbst. Menschheit, du arme, wer beschützt Dich vor ihm?

In Form solcher "düsteren" Unheils-Botschaften kann eigentlich nur die Besprechung eines neu erschienenen Buches (1) veröffentlicht werden, das dann doch wohl so seine eigenen Qualitäten haben wird. Der Autor, Robert Plomin, bürgt gewiß für eine solche Qualität. Bislang hat man ihn immer als denjenigen Erforscher der Erblichkeit menschlicher Intelligenz-Unterschiede wahrgenommen, der noch die harmloseste Variante dieser Erblichkeits-Annahmen zu vertreten schien. Und nun das!?

In seinem neuen Buch "Blueprint" (2) ist nun auch bei ihm alles ganz anders. Und das scheint in einem Umstand begründet zu liegen, der der Erwähnung mehr als wert sein sollte. Es geht darum, daß die modernen Methoden der Gen-Sequenzierung und ihrer statistischen Auswertung es inzwischen erlauben, polygenetisch vererbte Merkmale zu erforschen in einem Umfang und in einer Präzision, wie man das bislang nur mit monogenetisch vererbten Merkmalen hat tun können. Polygenetisch heißt, daß viele hundert, ja, viele tausend und zehntausend Stellen im Genom die Ausprägung eines bestimmten Merkmales mitbestimmen, aber jeweils nur zu ganz geringen Anteilen.

Die "politisch Korrekten" hatten lange gehofft, daß polygenetische Vererbung so schwer erforschbar bleiben würde, daß man letztlich nie würde "beweisen" können, welche Vererblichkeit bei Merkmalen wie Intelligenz tatsächlich vorliegt. Das war natürlich immer schon Unsinn, weil man das seit der Zwillingsforschung alles schon bestens weiß, und weil deshalb der "genetische Determinismus" nicht "wieder" reiten muß, sondern - seit Jahrzehnten - nie aufgehört hat, hübsch regelmäßig in Trab und Galopp zu reiten. Er ist ein guter Reiter, er wird so leicht nicht abgeworfen, seine Pferde machen so leicht nicht schlapp, sie heißen schlicht: alle Bereiche der Naturwissenschaft.

Es ist also nur Rhetorik, wenn man uns weismachen will, die Erblichkeit aller menschlichen Merkmale wäre zeitweise so etwas wie "widerlegt" gewesen und der böse Reiter hätte eine Weile lang "Ruhe" gegeben. Das hat er nie, nur rechtschristliche Intellektuelle haben alles, was darüber zu sagen ist, beschwiegen, und haben mit dümmlicher Rhetorik versucht, das Thema so klein wie nur möglich zu halten. Das scheint nun noch weniger möglich geworden zu sein als es bislang sowieso schon möglich war.

In der Tat scheint diese "polygenetische Revolution" etwas völlig Neues darzustellen. Und in dem neuen Buch "Blueprint" von Robert Plomin (2) kann man sich über diese Revolution offenbar gut kundig machen. Es wird dann auch gleich geunkt, daß die Abwesenheit jeder Erwähnung des Wortes "Rasse" in diesem Buch sehr verdächtig sei. Vermutlich ist der Gebrauch dieses Wortes unnötig, da das dahinter stehende Konzept offenbar überall mitgelesen werden kann.

In Interviews schlägt Robert Plomin ganz ausdrücklich und bewußt einen Bogen um "Gruppen-Unterschiede", er meint, er müsse nicht alles behandeln. Womit eigentlich alles gesagt ist.

Aber sei es drum: "Er sitzt wieder im Sattel, der genetische Determinismus", besser gesagt: das Wissen um die große Erblichkeit aller menschlichen Merkmale, aller menschlichen Eigenschaften.
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*) Original: "Polygenic scores have been shown to improve risk predictions for prostate, ovarian and breast cancers. They can point to traits that might have been influenced by local adaptation, and gauge the pace of evolutionary change."
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  1. Comfort, Nathaniel: Genetic determinism rides again Nathaniel Comfort questions a psychologist’s troubling claims about genes and behaviour. Nature, 25.9.2018, https://www.nature.com/articles/d41586-018-06784-5
  2. Plomin, Robert: Blueprint - How DNA Makes Us Who We Are. Allen Lane, September 2018, https://www.amazon.de/Blueprint-How-DNA-Makes-Who/dp/0241367697/
  3. Warren, Matthew: The approach to predictive medicine that is taking genomics research by storm. Nature, 10.10.2018, https://www.nature.com/articles/d41586-018-06956-3

Sonntag, 28. Oktober 2018

Rasseunterschiede im weiblichen Geburtskanal

Sie sind größer als bei anderen Körperteilen

Zu einer neuen Studie über Rasseunterschiede im weiblichen Geburtskanal wird berichtet (1):

Etwa 300.000 Frauen sterben jährlich weltweit durch Geburtskomplikationen. Ein großes Problem sei der menschliche Kopf, wie Betti erklärte: "Aufgrund der Enge muß das Kind eine Reihe von Rotationen vollführen, um den Geburtskanal zu passieren".

In Lehrbüchern ist aber nur die europäische Form der Rotationen beschrieben, nicht die Form der Rotationen, die bei den Frauen in Afrika, Asien oder Amerika vollführt werden.

Abb. 1 Artunterschiede im weiblichen Geburtskanal - Schimpansen, Australopithecus, Mensch (Grafik von ArchaeoMouse [Wiki])

Diese Nichtbeachtung der Rasseunterschiede durch die Geburtshilfe könnte viele zusätzliche Geburtskomplikationen weltweit mit sich gebracht haben, wie vermutet wird. Weiterhin ist zu erfahren (2):

Frauen aus der Subsahara in Afrika und einige asiatische Bevölkerungsgruppen haben sehr schmale, aber relativ tiefe (von vorne nach hinten gemessen) Geburtskanäle, so Betti und Manica. Die Ureinwohner Amerikas dagegen verfügen über sehr breite Kanäle. Außerdem sind die oberen Kanäle von Europäerinnen oval geformt, was man bei den anderen Populationen nicht findet. Ein weiteres Ergebnis der Studie (...) lautet: Je weiter man sich von Afrika entfernt, desto geringer ist die Variabilität der Geburtskanalform. Soll heißen, daß man in Afrika sehr viele sehr unterschiedliche Formen findet, während sich die Becken der Frauen in Europa, Asien und bei den amerikanischen Ureinwohnerinnen sehr ähnlich sind.

Gemeint ist: Vergleichsweise sehr ähnlich jeweils untereinander auf dem jeweiligen Kontinent. Dieser Befund scheint einesteils auf die Wirkung von Gründer- und Flaschenhalspopulationen bei der Entstehung der jeweils neuen Menschentypen in Nordafrika, Europa, Asien und Amerika zurückgeführt werden zu können. Andererseits könnte die größere innerkontinentale Vielfalt in Afrika auch darauf hinweisen, daß der Selektionsdruck auf irgendeine Art von Geburtskanal gar nicht so groß gewesen zu sein braucht. Das hatte man weithin in der Forschung bislang ganz anders angesehen. Die Forscherinnen finden - zum Beispiel - auch keinen Zusammenhang der Form des Geburtskanals beispielsweise mit der vorherrschenden Temperatur.

Ob hier tatsächlich Anpassungen an irgendetwas vorliegt oder es sich um eine eher "natürliche", selektionsneutrale Vielfalt der Formen handelt, scheint noch nicht klar zu sein. Sicher ist aber (3):

Die Unterschiede in der Beckenform sind deutlich größer als jene der Kopfgröße oder der Extremitäten.

Ich könnte mir ja denken, daß die Form des Geburtskanals einfach auch von der übrigen Körperstatur des jeweiligen Menschentyps abhängt. Sicherlich ist das in der traditionellen Physischen Anthropologie so auch schon vermutet worden. Das heißt, die Form des Geburtskanals ist davon abhängig, daß Buschleute insgesamt grazil gebaut sind, ebenso Ostasiaten, während Europäer und Bantu-Afrikaner insgesamt größer und robuster gebaut sind. Es sei noch einmal die wesentlichste Erkenntnis im Wortlaut der Originalstudie zitiert (4):

Sub-saharische afrikanische Populationen sind insgesamt charakterisiert durch einen tieferen Geburtskanal in Blickachse des Körpers, während Populationen amerikanischer Ureinwohner das andere Extrem aufweisen mit einem eher seitlich-ovalen Geburtskanal (quer zur Blickachse des Gesichts). Asiatische und europäisch-nordafrikanische Populationen zeigen demgegenüber eher eine Morphologie, die zwischen diesen beiden Extremen angesiedelt ist.
Original: Sub-Saharan African populations are overall characterized by a deeper birth canal in the anterior-posterior direction, throughout the three planes (inlet, midplane, and outlet), while Native American populations fall at the other extreme of variation with a more transversally wide canal. Asian and European/North African populations show an intermediate morphology.

Allerhand neue Befunde, die zu weiterer Ursachenforschung aufrufen. Wir alle - außer den Kaiserschnitt-Babies - sind einmal diesen Weg gegangen.

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  1. Weltweit verschiedene Geburtskanäle bergen Gefahren für das Kind, 26.10.2018, https://www.bluewin.ch/de/news/wissen-technik/geburtskanaele-von-frauen-je-nach-herkunft-sehr-unterschiedlich-164436.html
  2. Neue Studie rüttelt an der alten Theorie vom Geburtsdilemma. Oktober 2018, http://antropus.de/Becken-und-Geburtskanal-sind-keine-Anpassung-an-den-aufrechten-Gang.artikel
  3. Stallmach, Lena: Die Evolution lässt einem gebärenden Becken womöglich doch mehr Spielraum. Oktober 2018, https://www.nzz.ch/wissenschaft/wirkt-die-evolution-einem-gebaerfreudigen-becken-doch-nicht-entgegen-ld.1430676
  4. Lia Betti, Andrea Manica: Human variation in the shape of the birth canal is significant and geographically structured. Published 24 October 2018.DOI: 10.1098/rspb.2018.1807, http://rspb.royalsocietypublishing.org/content/285/1889/20181807
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