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Dienstag, 20. Juni 2017

Amotz Zahavi - Am 12. Mai 2017 ist der bedeutende israelische Vogelkundler gestorben

Meine Behandlung seiner Handicap-Theorie aus dem Jahr 2001

Abb.: Amotz Zahavi, 2005
Fotograf: NaamaZE (Wiki)
Am 12. Mai 2017 ist der bedeutende israelische Ornithologe Amotz Zahavi (1928-2017) (Wiki) gestorben (1-5). Er hat das unglaublich faszinierende Gruppenleben der Arabischen Graudroßlinge erforscht, die darum wetteifern, Artgenossen helfen zu können, füttern zu können. Dieses merkwürdige Verhalten brachte Zahavi dazu, seine berühmte Handicap-Theorie zu entwickeln, die Theorie teurer Signale (2-5) (Wiki).

Eckard Voland schrieb darüber 2002 ein unterhaltsames Buch mit dem treffenden Titel "Angeber haben mehr vom Leben" (5). Für seinen Privatgebrauch kann man diese Theorie von Zahavi auch die "Halbstarken-Theorie" der Evolution nennen oder das "Übermut-Prinzip" der Evolution.

Aus reinem Übermut macht die Gazelle, bevor sie vor dem Löwen davon läuft, noch ein paar kunstvolle Sprünge. Traditionell hätte man gesagt: Völlig nutzloser Verbrauch von Energie, die ihr später beim Weglaufen fehlen könnte. Aus Sicht von Zahavi's Übermut-Theorie der Evolution gibt die Gazelle dem Löwen aber ein "teures Signal", das für sie wie für den Löwen vorteilhaft ist. Denn dieses Signal sagt dem Löwen: Laß' es sein, ich bin stark, mich kriegst du sowieso nicht.

Dieses Prinzip findet sich weit verbreitet in der Natur. Deshalb liest sich Zahavi's Buch zu diesem Thema (2) auch so spannend. Richard Dawkins war schockiert, daß diese Theorie, die er erst für Unsinn hielt, von den Theoretischen Biologen Unterstützung erhielt. Heute ist er auch Anhänger derselben (4). Man könnte sogar zu der Ansicht gelangen, daß sie eine tiefe philosophische Bedeutung hat. Man könnte mit ihr auch fragen: Warum ist Etwas und nicht viel mehr Nichts? Antwort: Aus Übermut. Damit wäre das "Übermut-Prinzip" das grundlegendste Prinzip dieses Weltalls und von Leben in diesem Weltall überhaupt.

Der Tod von Amotz Zahavi sei zum Anlaß genommen, einen Aufsatz, der schon im Jahr 2000 in einem ersten Entwurf fertig gestellt worden ist und seither nicht mehr weiter bearbeitet oder veröffentlicht worden war, hier auf dem Blog einzustellen - auch auf Wunsch eines einzelnen Lesers aus Österreich.

Einleitend: Kurze Übersicht zu naturwissenschaftlichen Theorien über die Ursachen der Evolution von Körpermerkmalen und Verhaltensweisen bei Pflanzen, Tieren und Menschen (1859-2001)

  1. Individual-Selektion (Das Überleben (die Auslese) des „Besseren“) - - - Charles Darwin 1859
  2. Geschlechtliche Selektion (Bsp.: Pfauenschwanz) - - - Charles Darwin 1859, R. A. Fisher 1930
  3. Kritik an dem Anspruch der darwinischen Selektionstheorie, schon für alle in der Evolution entstandenen Erscheinungsformen die Ursachen nennen zu können - - - Mathilde Ludendorff 1921, Adolf Portmann 1958 
  4. „Artwohl“-/Gruppenwohl-Konzepte (in der Verhaltensforschung) - - - Konrad Lorenz 1930er Jahre
  5. Verwandten-Selektion - - - William D. Hamilton 1964
  6. Gegenseitigkeits-Selektion - - - Robert Trivers 1971
  7. Gruppen-Selektion - - - William D. Hamilton/George Price 1975, David Sloan Wilson 1994/98
  8. Handicap-Prinzip - - Amotz Zahavi 1975/1997

Anmerkung (20.6.17): Diese Übersicht wäre für den Zeitraum seit 2001 natürlich zu ergänzen, etwa durch die Superorganismus-Theorie von E.O. Wilson, bzw. Mehrere-Ebenen-Selektionstheorie oder durch die Theorie konvergenter Evolution von Simon Conway Morris.

Familienformen bei Vögeln: Wie ziehen Vögel ihre Jungen auf?

Wenn wir daran denken, wie Vögel ihre Jungen aufziehen, so kommt uns als erstes in den Sinn, daß dies ein Elternpaar in einem (Vogel-)Nest tut. Dies kommt sehr häufig bei mitteleuropäischen Singvogel-Arten vor. Es ist diese Aufzuchtform aber bei weitem nicht die einzige, die überhaupt bei Vögeln vorkommt. Es gibt noch zahlreiche andere Formen und Varianten.

Es besteht die Möglichkeit, daß ein „alleinerziehendes“ Elternteil seine Jungen in einem Nest aufzieht. Weiterhin besteht die Möglichkeit, daß ein Elternpaar seine Jungen in einem Nest zusammen mit Helfern aufzieht, die sich dabei selbst nicht fortpflanzen. Dies sind die in der Soziobiologie so genannten - und häufig vorkommenden - „helpers at the nest“. Es handelt sich bei ihnen oft um herangewachsene Söhne oder Töchter, sowie Tanten oder Onkel des Elternpaares, die selber keinen Nistplatz oder Paarungspartner gefunden haben. Diese Helfer können auch bei allen folgenden Aufzucht-Formen beteiligt sein.

Es besteht weiterhin die Möglichkeit, daß ein Männchen seine Jungen mit mehreren Weibchen, die sich alle fortpflanzen, in einem gemeinschaftlichen Nest aufzieht. Dies kommt zum Beispiel bei den Straußen vor. Es besteht die Möglichkeit, daß ein Weibchen zusammen mit mehreren Männchen, die alle an der Fortpflanzung beteiligt sind, seine Jungen in einem gemeinschaftlichen Nest aufzieht. Als Beispiel können Galapagos-Bussarde oder Schottische Weihen genannt werden.

Schließlich besteht aber auch die Möglichkeit, daß mehrere Vogelpaare mit jeweils eigenen Nestern als Gruppe gemeinsam ein Revier gegen andere Gruppen verteidigen. Und schließlich besteht die Möglichkeit, daß mehrere Vogelpaare ein gemeinschaftliches Nest haben und gemeinsam als Gruppe ihr Revier gegen andere Gruppen verteidigen. Diese Vogelpaare können zusätzlich noch Helfer dabei haben oder nicht. Als Beispiele hierfür werden genannt der Mittelamerikanische Riefenschnabel-Ani und der Graudroßling auf der Sinai-Halbinsel (2, S. 259f).

Diese zuletzt genannten Graudroßlinge haben ein außerordentlich intensives und enges Gruppenleben. „Graudroßlinge sind Singvögel der artenreichen Gruppe Timaliidae. Die Graudroßlinge in Israel gehören zu einem Zweig dieser Familie, der sich von Indien aus nach Nordwesten über Wüstengebiete bis nach Marokko erstreckt.“ (2, S. 222)

Aber interessanterweise scheint sich das enge und intensive Gruppenleben der Graudroßlinge nicht allein aufgrund der Lebenszwänge des vorgefundenen Lebensraum herausgebildet zu haben, wie man zunächst annehmen könnte und wie dies auch naheliegend ist. Denn viele indische Graudroßlingarten leben in Gruppen, „obwohl ihre Lebensräume sehr unterschiedlich sind und auch erfolgreich von solitären Singvögeln bewohnt werden.“ (2, S. 258) Innerhalb dieser Gruppe treten nun die einzelnen Graudroßlinge in einen Wettbewerb darüber, wer den meisten Edelsinn, den meisten Altruismus, wer die meiste Nettigkeit gegenüber den anderen Gruppenmitgliedern, den Jungen und für die Gruppe allgemein aufbringt. Dieses Verhalten ist so ungewöhnlich, daß es die Forscher, die dieses Verhalten nun schon seit Jahrzehnten studieren, dazu veranlaßt hat, eine völlig neue Evolutionstheorie aufzustellen, eine Evolutionstheorie, die nicht nur für die Graudroßlinge selbst oder für Vögel, sondern grundsätzlich für alle in der Evolution hervorgebrachten Organismen gelten sollte und könnte!

,Darf ich Ihnen helfen?‘ ‚Danke, es geht schon.‘ ‚Ich bestehe darauf.‘ ‚Oh, vielen Dank, nicht nötig.‘ ‚Aber es wäre mir ein Vergnügen ...‘“ Mit diesem aus einem typischen menschlichen Verhaltensbereich herausgenommenen Worten ist ein Aufsatz über die Forschungen an den Graudroßlingen und über die Theorie, die sich aus diesen Forschungen ergeben hat, eingeleitet (3). Und tatsächlich könnte sich die Frage stellen: Woher könnte eigentlich eine solch weitgehende Nettigkeit, Hilfsbereitschaft unter Menschen stammen - vor allem auch unter Menschen, die gar nicht einmal verwandt miteinander sind?

Denn genetische Verwandtschaft, das ist heute eines der stärksten Fundamente biologischer Verhaltensforschung, ist eine der stärksten - auch rational begründbaren - Wurzeln für Hilfsbereitschaft unter Lebewesen aller Art auf dieser Erde.

Sind hierfür allein die stammesgeschichtlichen Wurzeln des Altruismus zu nennen in der Art, wie sie bisher von der Biologie und der Soziobiologie beschrieben wurden (also solche Prinzipien wie Verwandten-Altruismus, Gegenseitigkeit, Gruppenselektion und Artwohl)? Könnten nicht auch noch ganz andere Mechanismen am Werk sein? Die Natur stellt uns immer wieder vor die allerunmöglichsten, unerwartetsten Fragen und Möglichkeiten zur Lösung von Rätseln, auf die man nicht im entferntesten von selbst hätte kommen können.

Die in bis zu 20-köpfigen sozialen Gruppen lebenden und ihre Jungen gemeinsam aufziehenden Graudroßlinge legen ein Verhalten an den Tag, das auf den ersten Blick bei jedermann nur Kopf schütteln hervorrufen muß. Eine Gruppe von israelischen Wissenschaftlern hat dieses Kopfschütteln länger auf sich wirken lassen, als das zumeist geschieht. Sie hat diese Vogelart nun schon mehr als 30 Jahre lang gründlich beobachtet und erforscht und ist dabei letztendlich auf sehr allgemeine Gedanken und Prinzipien der Evolution geraten, die auf den ersten Blick außerordentlich ungewöhnlich erscheinen, die sich aber dann letztlich doch irgendwie in ein Gesamtbild einordnen lassen.

Warum hat der Hirsch so ein prächtiges Geweih?

Immer einmal wieder wird an die Arbeiten des genialen Schweizer Biologen Adolf Portmann (1897-1982) (Wiki) erinnert, um aufzuzeigen, daß es in der modernen Evolutionsforschung noch vielerlei Lücken gibt, die zumindest das gegenwärtige biologische Wissen nicht in Widerspruch stehen lassen zu den Thesen der Philosophie Mathilde Ludendorffs über die Evolution. Ein in diesem Zusammenhang behandeltes Beispiel ist etwa das Geweih des Hirsches (6).

Adolf Portmann hat auch immer darauf hingewiesen, daß die sonderbar ungeschützte Anordnung des männlichen Hodens beim Hirsch und beim Menschen in völligem Widerspruch zu allem gängigen darwinischen Gedankengut steht. Wenn denn der Hoden die für die Selbst- und Arterhaltung allein gebrauchbaren Samen enthält und ein Tier ebenso wie ein Mensch für die klassische darwinistische Selektion „unbrauchbar“ wird, wenn er keinen Hoden mehr besitzt, so muß es mehr als sonderbar anmuten, daß die Natur dieses Körperteil gerade an so exponierter Stelle außerhalb des Körpers angebracht hat.

Wie soll das durch die klassische darwinische Selektion erklärt werden? Müßten nicht jene Tiere viel bessere Fortpflanzungschancen haben, deren Hoden innerhalb der übrigen Außenhaut des Körpers liegt? Im Rahmen der seit zwei Jahrzehnten aufgekommenen Verwandten-Selektions-Theorie könnte man eine derartige Leichtigkeit der Kastration in dem Sinne deuten, daß Kastraten ja die geborenen „Helfer am Nest“ sind - ebenso wie ja auch die Arbeitstiere in den Insektenstaaten ebenfalls fortpflanzungsunfähig sind.

Doch Adolf Portmann hatte schon auf einen Umstand hingewiesen, der aus dem Schönheitsempfinden des Menschen (und vielleicht auch der Tiere?) abgeleitet war. Der exponierte und deutlich sichtbare Hoden des Hirsches stand für ihn in einem geradezu ästhetisch sinnvollen Verhältnis zum Geweih. Ebenso wie das mächtige Geweih konnte der Hoden, wenn sich der Hirsch längsseitig „präsentiert“ Männlichkeit, Fortpflanzungsfähigkeit demonstrieren. Also stellt dies ein Signal innerhalb der sozialen Hierarchie und der Rivalenkämpfe um Paarungspartner dar?

Der Graudroßling, der Gentleman

Im Lichte einer neu aufgekommenen verhaltensbiologischen Theorie, nämlich der „Handicap-Theorie“ scheinen die Portmannschen Vermutungen eine ganz unerwartete Bestätigung und Erweiterung gefunden zu haben. Diese Theorie nahm ihren Ausgangspunkt von dem Verhalten einer ganz merkwürdigen, gesellig lebenden Graudroßlingart im heutigen Palästina. Man höre hierüber den erstaunlichen, ausführlicheren Bericht (2, S. 235):
Graudroßlinge tun vieles, was wir als uneigennützig bezeichnen würden. Wenn sie fressen, hält ein Gruppenmitglied Wache. Dieser Wächter ist offensichtlich selbst hungrig - wenn menschliche Beobachter“ 
- Graudroßlinge gewöhnen sich sehr leicht an diese! -  
„ihm Nahrung anbieten, nimmt er sie oft begierig -, trotzdem wacht er, wenn er fressen könnte. Graudroßlinge geben Nahrung oft an andere Erwachsene ihrer Gruppe weiter, und zwar offensichtlich wiederum, bevor sie selbst gesättigt sind, denn wenn man ihnen einen Brotkrümel anbietet, nachdem sie eben ihre Gefährten mit einem ähnlichen Brösel gefüttert haben, verzehren sie ihn mit Genuß - das tun gesättigte Graudroßlinge nicht.“ 
Und in einem anderen Bericht ist zu erfahren (3):
Graudroßlinge legen die höchstgradige (ultimative) Art von Edelsinn (Nettigkeit) an den Tag. Diese unscheinbaren, kleinen, braunen Vögel, die auf der arabischen und der Sinai-Halbinsel leben, sind so edel (nett) zueinander, daß sie darüber miteinander in den Wettbewerb treten, wer von ihnen der Edelste (Netteste) ist.
Tatsächlich werden diese Wettbewerbe in der edelst (nettest) nur möglichen Weise ausgetragen durch Rivalen, die durch freundliche Gesten ihr Recht darauf verteidigen, edel (nett) zu sein. In einer Welt, in der nur der Stärkste überlebt, könnte einem diese Art von Verhalten als unangepaßt anmuten. Aber Amotz Zahavi und sein Wissenschaftler-Team an der Universität Tel Aviv, die die Graudroßlinge (Turdoides squamiceps) nun schon fast drei Jahrzehnte lang beobachtet haben, können es erklären: Dies ist die Geschichte von dem Edelsinn (der Liebenswürdigkeit) der Graudroßlinge.“
Sie leben in Gruppen von bis zu 20 Erwachsenen.“ 
Normalerweise bestehen sie zwischen drei und zwölf Tieren (3):
„Jede Gruppe hat ihr eigenes Territorium, das sie gegen Eindringlinge anderer Gruppen verteidigt. Alle Mitglieder einer Gruppe arbeiten zusammen, um die Jungen einiger weniger dominanter Vögel aufzuziehen. Aber ihr kooperatives Verhalten erstreckt sich weit über das Füttern der Jungen hinaus. Ausgewachsene Graudroßlinge füttern sich ebenfalls gegenseitig, putzen sich gegenseitig, wachen über einander und halten sich sogar gegenseitig in der Nacht warm.“
Auch erwachsene Graudroßlinge füttern einander.“ (2, S. 241) „Beispielsweise schluckt ein Graudroßling die gefundene Nahrung nicht sofort hinunter, sondern hält sie im Schnabel und sucht nach jemandem, den er füttern kann.“ (2, S. 223)

Und weiter  (3):

Was ist die Wurzel für all diesen Altruismus? Die offensichtlichste Erklärung ist, daß Vögel einander helfen, weil sie miteinander verwandt sind. Ein Individuum kann so etwas wie ein genetisches Erbe (Vermächtnis) antreten (erwerben), wenn es das Überleben anderer Vögel fördert, die gemeinsame Gene mit ihm selbst haben. Wenn eine große Wahrscheinlichkeit dafür besteht, daß diese Verwandten auch Gene für einander helfendes Verhalten haben, wird sich ein solches Verhalten ausbreiten. Aber Zahavi und sein Team haben die Familiengeschichte der Individuen in mehr als 20 Gruppen von Graudroßlinge verfolgt und wissen, daß nicht alle Mitglieder einer Gruppe miteinander verwandt sind.
Neben der Verwandten-Hilfe gibt es noch eine anderen möglichen indirekten Nutzen, der aus der Kooperation gezogen werden kann. Es ist möglich, daß es Vorteile für die ganze Gruppe gibt, die die Nachteile für das Individuum, seine Zeit für die Hilfe anderer aufzuopfern, aufwiegen. Gruppen von Graudroßlingen, die einander helfen, könnten besser daran tun, als Gruppen, die dies nicht tun, weil sie dann weniger anfällig für Angriffe sind oder weil es ihnen leichter fällt, ihre Jungen zu füttern.
Aber es gibt da einen ernsten Einwand gegen die Vorstellung, Graudroßlinge wären edelsinnig (nett), weil sie dadurch indirekten Vorteil aus ihren Verwandten oder ihrer Gruppe ziehen. In beiden Fällen würde ein Graudroßling den gleichen Vorteil mit weniger Kosten für sich selbst gewinnen, wenn es andere Individuen die Hilfeleistungen lassen machen würde. Aber weit davon entfernt, die altruistischen Tendenzen der befreundeten Graudroßlinge auszunutzen, verschwenden die Vögel Energie darauf, sie daran zu hindern, ihnen zu helfen.“

Zahavi schreibt (2, S. 240f):

Carlisle beobachtete Fälle, in denen eine Gruppe von zwölf Graudroßlingen nur einen überlebenden Nestling hatte, aber vier oder fünf Graudroßlinge gleichzeitig mit Futter im Schnabel zum Nest kamen. Jeder Vogel mußte - mit Futter im Schnabel - warten, bis alle Ranghöheren den einzigen Nestling gefüttert hatten. Manchmal trauten sich die rangtieferen Tiere nicht einmal, sich dem Nest zu nähern. Warum nur sollten Graudroßlinge andere Graudroßlinge daran hindern, Nestlinge zu füttern, wenn die einzige Funktion des Fütterns darin besteht, die Nestlinge mit Nahrung zu versorgen?“

Und Lynn Hunt schreibt dazu 1999 im "New Scientist" (3): 

Graudroßlinge haben eine differenzierte soziale Hierarchie. Das Rangsystem ist im wesentlichen auf Alter und Geschlecht begründet, Männchen haben Vorrang über Weibchen und ältere Vögel dominieren jüngere. Aber innerhalb dieses festen Rahmens gibt es ein anderes operierendes System. Zwischen Vögeln von gleichem Alter und Geschlecht ist der soziale Status“ (das Prestige, Ansehen) „variabel. Er wechselt im Verlauf der Zeit im Verhältnis dazu, wie weit es jedem einzelnen Vogel gelingt, nett zu sein. Weil das Inanspruch-Nehmen von guten Taten“ 
(eines anderen Individuums) 
„den Status mindern kann, ist das Geschäft, nett zu sein, mit Widersprüchen belastet. Ein untergeordneter Vogel kann sich zum Beispiel weigern, von einem anderen gefüttert zu werden, selbst wenn er hungrig ist, weil durch solches Tun sein Status wirksam vermindert würde. Untergeordnete verwenden so viel Zeit wie möglich darauf, die Jungen zu füttern, weil dies ihren sozialen Status (ihr Prestige) erhöht. Wenn aber ein dominanter Vogel am Nest ist, bewegt sich der weniger dominante weg. Wenn er dies nicht tut, wird der dominante Helfer ihn dadurch in die Schranken weisen, daß er ihn putzt - eine nichtaggressive Vorführung von sozialem Status. Die Vögel konkurrieren in der gleichen Weise um Wächter-Pflichten. Am häufigsten hält das Alpha-Männchen hoch oben auf einem Zweig sitzend Ausschau nach Raubtieren. Gelegentlich wird es durch einen weniger dominanten Vogel ersetzt. Wenn es aber zurückzukehren wünscht, wird es sich dem Wächter nähern und ihn dadurch von seinen Pflichten entbinden, daß es ihn füttert.“
Zahavi selbst (2, S. 238):
Genauere Beobachtungen zeigen, daß sich jeder Vogel die größte Mühe gibt, den Vogel zu ersetzen, der im Rang genau unter ihm und vermutlich auch etwa gleichaltrig ist; wesentlich jüngere Gruppenmitglieder werden mit viel geringerer Wahrscheinlichkeit ersetzt."“
Lynn Hunt (3):
Eine andere gebräuchliche Erklärung für großzügige Taten ist Gegenseitigkeit. Helfen alle Graudroßlinge einander, weil sie erwarten, daß ihre Begünstigungen ihnen in der Zukunft zurückgegeben werden, entweder in der gleichen oder einer anderen Form? Zahavi kann das nicht glauben. Innerhalb des sozialen Systems der Graudroßlinge gehen die Begünstigungen alle in eine Richtung. So kann ein dominanter Graudroßling, der einen untergeordneten Wächter ersetzt hat, zum Beispiel aggressiv reagieren, wenn eine untergeordneter später versucht, ihn zu ersetzen.
In jüngster Zeit wurde ein neuer Typ von Gegenseitigkeit vorgeschlagen, der selbst dann evolvieren kann, wenn die gleichen zwei Individuen sich niemals wieder begegnen. Das Konzept von der indirekten Gegenseitigkeit, vorgeschlagen von Martin Nowak und Karl Sigmund, benutzt Computermodulationen. Allen Tieren in dem Modell wird ein ‚Image-Score‘ zugesprochen, das allen anderen Spielern wahrnehmbar ist und das ‚Image-Score‘ eines Individuums ändert sich entsprechend wie es gesehen wird, wie es sich verhält. Dieses Modell zeigt auffallende Ähnlichkeit zu dem, was bei den Graudroßlingen geschieht.

Befriedigen aber kann es Zahavi nicht. ‚In dem Modell geben Tiere mehr, so daß sie mehr zurückerhalten, selbst wenn es durch ein anderes Individuum ist,‘ sagt er. ‚Aber Graudroßlinge verhalten sich feindlich gegenüber Vögeln, die etwas erwidern wollen. Sie scheinen von dem Schenken selbst zu profitieren.‘“
Zahavi selbst (2, S. 235f):
Nicht nur sind Graudroßlinge in jeder Hinsicht mindestens so altruistisch wie andere Vögel, die in Gruppen brüten, sondern genaue und detaillierte Beobachtungen haben gezeigt, daß sie um das ‚Recht‘, uneigennützig zu handeln, geradezu wetteifern. Sie warten offenbar nicht darauf, daß ihre Partner Gleiches mit Gleichem vergelten, sondern sie versuchen eher, andere daran zu hindern, ihren Anteil zu tun. Die Theorie des reziproken Altruismus kann nicht erklären, warum Individuen um die Gelegenheit wetteifern, anderen Mitgliedern der Gruppe zu helfen, und schon gar nicht, warum sie andere davon abhalten, ihnen ihrerseits zu helfen.“
Zahavi weiter (Z, S. 243):
Carlisle berichtet von einem Fall, bei dem ein acht Monate altes Weibchen versuchte, seine zwei Monate ältere Schwester zu füttern, die daraufhin aufstand, die Nahrung aus dem Schnabel der jüngeren Schwester schnappte, sie zwang, sich zu ducken wie jemand, der um Nahrung bettelt, und ihr die Nahrung in den Hals stopfte. Als die jüngere Schwester die Nahrung geschluckt hatte, pickte die ranghöhere Schwester so lange nach ihr, bis sie floh.
Die frustrierte jüngere Schwester nahm einen anderen Brotkrümel und fütterte damit ihren rangtieferen jüngeren Bruder, der in etwa zehn Meter Entfernung friedlich nach Nahrung suchte.
In einem anderen Fall - einem der beiden von Carlisle beobachteten Fälle, bei denen die Nahrung von einem Vogel angenommen wurde, dessen Rang höher war als der des Fütternden - nahm der dominante Jungvogel die Nahrung, griff den Fütternden dann aber an und stieß ihm ins Gesicht, als ob er sagen wollte: ‚Ich nehme die Nahrung, aber ich habe trotzdem einen höheren Rang als du.‘“ 
Und (2, S. 244):
In zwei untersuchten Gruppen lebte ein erwachsenes Männchen mit mehreren Weibchen und einjährigen Jungen zusammen. In diesen Gruppen beteiligte sich das dominante Männchen nicht sehr am Hassen. In Gruppen mit mehreren erwachsenen Männchen beteiligten sich alle Männchen viel stärker am Hassen, wobei das dominante Männchen immer länger haßte als die anderen Männchen. Es kam dem Beutegreifer zudem näher, stand öfter Wache, während die anderen haßten, und behinderte die anderen erwachsenen Männchen beim Hassen.“
Weiter erfahren wir (3):
Zahavi lehnt die Idee ab und bevorzugt eine wesentlich einfachere. Er meint, daß die Nettigkeit eines Graudroßlings ein Signal seiner Qualität oder seiner biologischen Fitneß sei. Solch ein Signalsystem kann nur arbeiten, wenn es nicht vorgetäuscht werden kann. So ist zum Beispiel der Pfauenschwanz ein solch außerordentlicher Nachteil für das Männchen, daß er ein ehrliches Signal für Gesundheit ist, weil ein kranker Vogel ihn nicht tragen könnte. Nett zu sein, ist genau solch ein Signal. ‚Graudroßlinge sind stolz, Zeit zu verschwenden oder ein Risiko auf sich zu nehmen und sie geben damit an,‘ sagt Zahavi.
Dieser Typ von Signal hat den zusätzlichen Vorteil, einem potentiellen Heiratspartner oder Kooperationspartner zu demonstrieren, was für ein toller Partner man sein würde. Und was noch mehr ist: Man vermeidet Kränkungen sich selbst und anderen gegenüber.Wenn der Graudroßling-Altruismus als ein solches Signal-System evolviert ist, ist es nicht länger schwierig, ihn im Rahmen der natürlichen Selektion zu erklären, weil das Verhalten direkte Vorteile für das Individuum bringt. Um so mehr man die Leiter aufsteigt, um so wahrscheinlicher ist es, daß man eine Möglichkeit zur Fortpflanzung bekommt. Es gibt keine Gefahr der Täuschung in diesem System, weil ein Vogel, der nicht kooperiert, ziemlich auf der untersten Sprosse der sozialen Leiter stehen würde und immer von Rivalen übergangen wird, wenn es um Fortpflanzungs-Möglichkeiten geht.“
Zahavi selbst (2, S. 228):
Das dominante Männchen kopuliert am häufigsten, deshalb sind seine Chancen, gerade dann zu kopulieren, wenn das Weibchen einen Eisprung hat, und damit Vater zu werden, besser als die der anderen Männchen. Aber auch die anderen können ihr Glück versuchen und sind gelegentlich erfolgreich.“
Und (3):
„‚Signale-Setzen ist möglicherweise die Motivation bei den meisten Fällen von tierischem Altruismus, wenn auch die Wissenschaftler bisher - infolge der Vorherrschaft der Theorien von der Verwandten-Selektion und der Gegenseitigkeit - dieser gegenüber blind gewesen sind,‘ meint Zahavi. Er behauptet, daß sich Kooperation oftmals ohne Verwandtschaft entwickelt und daß es viele Beispiele von Altruismus ohne Gegenseitigkeit gibt.
Derartige Feststellungen mögen noch längere Zeit kontrovers diskutiert werden. Zahllose Wohltätigkeits-Bälle geben immerhin Zeugnis von der Tatsache, daß zumindest bei Menschen Großzügigkeit und Nettsein eine Zurschaustellung von sozialem Status beinhalten könnte. ‚Altruismus ist wie jedes andere Merkmal,‘ sagt Zahavi. ‚Er ist ein einfaches egoistisches Verhalten.‘“

Das hier neu vorgelegte „Handicap-Prinzip“ ist ein so allumfassendes, allgemein gefaßtes Prinzip, daß es dazu angelegt erscheint, derartige, einstmals von Adolf Portmann aufgezeigte Lücken und nur angedeutete Vermutungen besser und klarer, eindeutiger verstehbar, erklärbar, einsichtiger zu machen und zudem auch noch viel tiefer gehende, weitergehende Blicke in die Geheimnisse der Evolution, ihre Grundprinzipien - ja letztlich vielleicht in den Sinns des Lebens - zu werfen.

Das lustige, foppende, spielerische Prinzip der Evolution?

Es mag sein, daß der von den israelischen Wissenschaftlern gewählte Begriff „Handicap“ ein mißverständlicher sein könnte oder doch zumindest nicht geeignet ist, die gesamte (auch philosophische) Tragweite, den gesamten Inhalt der von ihnen vorgelegten Theorie adäquat wiederzugeben. In einer Hinführung zu diesem Prinzip soll noch nach anderen Benennungen gesucht werden. Man könnte es auch das Überfluß-, das Überschwang-Prinzip der Evolution nennen. Man könnte es auch das humoristische, neckische, intelligente, provozierende, andere ärgernde, angeberische, lustige, foppende, spielerische Prinzip der Evolution nennen.

Denn wer gesund, „helle“, fröhlich, wach ist, läßt es gerne einmal darauf ankommen, spielt mit seinen Kräften und Möglichkeiten, wagt sich etwas kühner und wagemutiger hervor, als er dies unter den üblichen, „normalen“ Umständen und Lebensbedingungen tun würde, wo allzuoft vor allem ein sehr ausgeprägter „Sicherheitstrieb“ vorherrschend ist, der all solche Dinge sehr dämpfen kann. Oft ist aber eine größere, kühnere, spielerischere Risikobereitschaft die sicherere, gewissere Überlebensstrategie, als das allzu starke Dominieren eines allseitigen, nur allein vorherrschenden Sicherheitstriebes (vgl. 7).

Man könnte es auch das „Halbstarken“-Prinzip der Evolution nennen - oder gar das „Genie-Prinzip“ der Evolution? Das Innovations-Prinzip der Evolution? Alles ist Freude, Kraft, Überschwang - bei aller Unbeholfenheit, Lächerlichkeit, bei allem Pomp, aller falschen (lächerlichen) Würde.

Ja: Liegt denn auf dem Grund dieses Prinzips nicht letztlich auch die Antwort auf die Frage, warum Etwas ist und nicht vielmehr nicht Nichts? Etwa: Warum es Vielzeller gibt und nicht etwa nur Bakterien? Warum es Säugetiere gibt und nicht etwa nur Reptilien? Warum es überhaupt Jungenaufzucht, Brutpflege (durch Eltern) gibt und nicht vielmehr einfach nur ein Sichselbst-Überlassen von einmal gelegten und befruchteten Eiern?

Aber ist ein so allgemeines Prinzip dann nicht letztlich auch geeignet, unlebendige Erscheinungen zu erklären? Warum es überhaupt ein Weltall gibt und nicht vielmehr überhaupt keines - eine der Grundfragen aller Philosophie und Naturforschung.

Vielleicht hat ja das Spielerische, Neckische einen Wert in sich, der keiner weiteren Erklärung bedarf? Ist nicht das ganze Weltall ein „Handicap“? Stellt es denn nicht nur eine unnötige Belastung dar? Haben nicht fast alle unsere Eigenschaften neben dem Pompösen etwas Handicap-haftes an sich?

Handicap-Prinzip heißt: Ich mache es mir schwerer, als ich es müßte und als eigentlich auch von mir zu erwarten wäre, weil ich dadurch denen, mit denen ich kommuniziere (Artfeinde, Artgenossen, Rivalen, Geschlechts-Partner, Eltern, Kinder) zu einem Verhalten veranlassen kann, das zu meinem eigenen (genetischen) Vorteil ist.

Interessant ist, daß dieses Handicap sehr oft zugleich etwas Ästhetisches (oder auch in tieferem Sinne „Moralisches“) in sich birgt. Es hätte ja auch sein können, daß ein solches Prinzip überhaupt keine ästhetische Wertigkeit mit sich führt. Aber selbst die Frischlinge der Wildschweine muten uns mit ihrer „Handicap“-Färbung auf den ersten Blick nun nicht unbedingt gerade „gehandicapt“ an, sondern vor allem erst einmal hübsch, niedlich, „süß“. Sie spricht irgendwie doch irgendein Schönheitswollen im Menschen an.

Es scheint immer etwas zu sein, das „weiterführend“ ist, das über das bisher Erreichte hinausführt, über den eigentlichen biologischen Zweck. Es scheint, daß der biologische Zweck selbst nur eine Neben-Auswirkung des Handicaps darstellt, eines Handicaps, das ansonsten „um seiner selbst willen“ da ist und „zufälligerweise“ mit den Bedingungen der darwinischen Selektion übereinstimmt, beziehungsweise ihnen nicht widerspricht. Es scheint eine höhere Wertigkeit innerhalb des bisherigen Alltäglichen aufzuweisen und – „zufälligerweise“ - gerade sehr oft auch dem menschlichen Schönheitsempfinden entgegen zu kommen. Es hat das also immer mit Inhalten zu tun, die nach einer Philosophie wie derjenigen von Mathilde Ludendorff sehr eng an den zentralen Bereich des Sinnes des Lebens anschließen.

Theorien von fast unbegrenzter Verrücktheit“

Ein nüchterner Wissenschaftler spricht im Zusammenhang mit dem Handicap-Prinzip von „Theorien von fast unbegrenzter Verrücktheit“, wobei er aber betont, daß er sie für richtig hält. Es ist Richard Dawkins, der dies sagt, einer der weithin anerkannten „Päpste“ der Soziobiologie. Er schreibt über den theoretischen Biologen Grafen, der wichtige Argumente lieferte, die zur wissenschaftlichen Anerkennung der Handicap-Theorie betrugen: „Wenn Grafen recht hat - und ich glaube, das ist der Fall -, so ist dieses Resultat von erheblicher Bedeutung für das gesamte Studium der Tiersignale.“ Der dem Handicap-Prinzip lange Zeit ebenso kritisch gegenüberstehende Grafen hatte das Handicap-Prinzip mathematisch erfaßt, um auf diese Weise bewerten zu können, ob es sich tatsächlich in der Evolution bewähren könnte. Er war zu dem Ergebnis gekommen: Ja, tatsächlich, das kann es. Dawkins setzt fort (4, S. 498):

„Es könnte sogar eine radikale Veränderung unserer ganzen Betrachtungsweise der Evolution des Verhaltens erforderlich machen, eine radikale Veränderung auch unserer Haltung zu vielen der in diesem Buch erörterten Fragen. ... Ich halte diese Aussicht für ziemlich beunruhigend, denn sie bedeutet, daß Theorien von fast unbegrenzter Verrücktheit nicht mehr beiseite geschoben werden können, nur weil sie dem gesunden Menschenverstand widersprechen.“

Die göttliche Freude an der Leistung“

Der Wissenschaftler Zahavi spricht etwa von dem „Stolz“ der Graudroßlinge, er spricht davon, daß sie mit ihrem Altruismus, ihrer Risikofreude beim Einsatz für die Gruppe „angeben“. Ist es richtig, hierin ein erstes deutliches Aufleuchten, Ahnen des von der Philosophie mit dem Begriff „Gottesstolz“ benannten Phänomens (8) zu sehen?

Graudroßlinge sind stolz, Zeit zu verschwenden oder ein Risiko auf sich zu nehmen und sie geben damit an,“ sagte er in dem oben angeführten Bericht. Von dem heranwachsenden Kind oder Jugendlichen heißt es in der Philosophie (9, S. 449)

"Zuerst leuchten, geweckt vom Gottesstolze, in dem Ich der Wille, in Erscheinung zu treten, und der Wille, in Erscheinung zu verweilen, auf. Ihr Erwachen kündet uns die göttliche Freude an der Leistung an.“ 

Abschließende Bemerkung: Es handelt sich hier nur um einen Aufsatzentwurf. Und es wird deutlich, daß es das Thema wert wäre, noch einmal gründlich nach vielen Seiten hin überarbeitet und durchdacht zu werden.

Ergänzung 18.9.21: Die Wissenschaft weiß inzwischen von einem eindrucksvollen Beispiel von Signal-Evolution, Handicap-Prinzip und sexueller Evolution aus der Zeit vor 120 Millionen Jahren (10). 


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(dieses Manuskript entstand 2000/2001
[zuletzt abgespeichert am 16.5.2001];
drei Literaturangaben wurden ergänzt [1, 5 und 8])
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  1. Andreas Diekmann: Zum Tod des israelischen Biologen Amotz Zahavi - Nachruf. In: Neue Züricher Zeitung, 19.5.2017, https://www.nzz.ch/wissenschaft/nachruf-zum-tod-des-israelischen-biologen-amotz-zahavi-ld.1294995
  2. Zahavi, Amotz und Avishag: Signale der Verständigung. Das Handicap-Prinzip. Insel-Verlag, Frankfurt/M. 1998
  3. Hunt, Lynn: A rewarding tale. New Scientist supplement, 6.3.99, S. 8f, https://www.newscientist.com/article/mg16121768-200-a-rewarding-tale/ (eigene Übersetzung)
  4. Dawkins, Richard: Das egoistische Gen. Überarbeitete und erweiterte Neuausgabe, Rowohlt-Verlag, Reinbek bei Hamburg 2000 (1994, Erstauflage 1976)
  5. Voland, Eckart; Uhl, Matthias: Angeber haben mehr vom Leben. Spektrum Akademischer Verlag, Heidelberg 2002
  6. Preisinger, Werner: Die Evolution aus der Sicht von Naturwissenschaft und Philosophie. In: Die Deutsche Volkshochschule, Folge 4, 1979, S. 73
  7. von Cube, Felix: Gefährliche Sicherheit. Die Verhaltensbiologie des Risikos. Piper-Verlag, München 1990
  8. Bading, Ingo: Zur Evolution des menschlichen Verantwortungsbewußtseins - Eine Mitschrift von Vorträgen Gerold Adams aus dem Jahr 1993. In: Die Deutsche Volkshochschule - digitale Zeitschrift, 11. Mai 2017, http://fuerkultur.blogspot.de/2017/05/zur-evolution-des-menschlichen.html
  9. Ludendorff, Mathilde: Des Kindes Seele und der Eltern Amt. Eine Philosophie der Erziehung. Verlag Hohe Warte, Pähl 1954
  10. Vieweg, Martin: Früher Vogel mit teurem Sexappeal, 16.9.21, https://www.wissenschaft.de/erde-klima/frueher-vogel-mit-teurem-sexappeal/

Sonntag, 31. August 2008

Um so größer die Gesellschaft, um so geringer die Großzügigkeit ?

ResearchBlogging.org- Oder bestätigen auch Ausnahmen die Regel?

In diesem Beitrag sollen neue Forschungs-Ergebnisse zur Evolution des menschlichen Altruismus referiert werden (1, Proc. Royal Soc. B [frei zugänglich, pdf.], Spektr. d. Wiss. [s.u.]), wobei ein definitives Urteil über die Bedeutung dieser Forschungen und ihrer Ergebnisse vorbehalten bleiben soll. Vielleicht verschafft man sich auch selbst mehr Klarheit über diese Forschungen, wenn man sie zunächst einmal nur - kritisch hinterfragend - referiert.

Das Spannende an dem Forschungsansatz ist, daß relativ einfache "Kooperations-Spiele" und das Spielverhalten der Teilnehmer dabei weltweit kulturvergleichend untersucht werden. Das heißt, es werden in den verschiedensten Kulturen und Völkern weltweit die selben einfachen Spiele gespielt und die charakteristischen Unterschiede im Spielverhalten der Menschen verglichen. Und zwar sowohl von sehr einfachen Jäger-Sammler-Völkern über agrarisch lebende Völker bis hin zu modernen westlichen Industrie-Gesellschaften.

Zweifel am Versuchs-Ansatz

Nun ist gleich die erste große "Krux" eines solchen Vergleichs: Wenn die Spiele auch noch so einfach gehalten sind, so könnten sie in jedem kulturellen Kontext eine ganz andere Bedeutung haben. Wie man beispielsweise durch die Forschungen zur "Ethnomathematik" feststellt, können verschiedene Völker jeweils schon zum Teil ganz andere Zugänge zu mathematischen Zusammenhängen haben (s. neuerdings wieder in Spektr. d. Wiss.-Online).

Aber auch andere Dinge sind dabei bedeutsam. Der materielle Wert, um den gespielt wird, dreht sich entsprechend des Versuchs-Ansatzes in jeder Kultur um das durchschnittliche Tagesverdienst eines Arbeiters. Das ist natürlich notwendig, um wirtschaftliche und soziale Alltags-Situationen möglichst wirklichkeitsnah zu simulieren. Aber was bedeutet es in einer Kultur, wenn als Spieleinsatz von "ausländischen" Forschern zunächst ein Geldgeschenk in Form des Tagesverdienstes eines einzelnen Arbeiters zur Verfügung gestellt wird?

Wird man eine solche "gebratene Taube", die einem da so fröhlich durch einfache Versuchs-Teilnahme in den Mund geflogen kommt, nicht ganz anders bewerten, als materielle Güter, die man sich durch persönliche Arbeit erst schwer erarbeiten mußte? Und wird auch diese Umstand nicht jeweils wieder kulturspezifisch ganz anders bewertet werden?

"Third-party punishment game"

Im einzelnen nun sieht der Versuchs-Ansatz folgendermaßen aus:

Es gibt drei Spieler, wobei die Spieler einander anonym sind. (Wie das konkret vor Ort erreicht wird, ist im Artikel nicht dargestellt.) Spieler 1 wird der Tagesverdienst eines Arbeiters zur Verfügung gestellt, von dem er Spieler 2 beliebig viel abgeben kann. Also sagen wir einmal - um einen Anhaltspunkt zu haben: 100 Euro. Spieler 3 wird die Hälfte des Tagesverdienstes eines Arbeiters zur Verfügung gestellt - in unserem Beispiel: 50 Euro. Von diesen letzteren 50 Euro kann er entweder alles behalten oder 20 %, also 10 Euro, an den Spielleiter zurückgeben, wenn er bewirken will, daß Spieler 1 automatisch das Dreifache dessen verliert, was er selbst (Spieler 3) dabei verliert. Verliert also Spieler 3 10 Euro, verliert Spieler 1 automatisch 30 Euro. Dies soll dazu dienen, daß Spieler 3 Spieler 1 auf eigene Kosten bestrafen kann, wenn er glaubt, daß Spieler 1 nicht gerecht genug mit Spieler 2 geteilt hat.

Das ist alles schon relativ kompliziert und ich frage mich, wie und ob es die Forscher geschafft haben, diese Spielregeln in sehr verschiedenen Kulturen weltweit den Menschen in gleicher Weise verständlich zu machen. Schon das unterschiedliche Erklären oder Verstehen der Spielregeln könnte zu vielen "Fehlmessungen" geführt haben. Aber man kann vielleicht das Vertrauen haben, daß die Forscher, die ja alle untereinander in Kontakt miteinander stehen und auf Konferenzen ihre Forschungsergebnisse austauschen, es gemerkt haben, wenn in einer Kultur die Spielregeln in auffälliger Weise anders verstanden worden sind als in einer anderen Kultur.

Das ohne Bestrafung akzeptierte Mindestangebot

Der gemessene Wert, der nun zwischen den verschiedenen Kulturen verglichen wird, ist das in einer Kultur durchschnittliche (durch Spieler 3) ohne Bestrafung "akzeptierte Mindestangebot" ("minimum acceptable offer" = MAO). Hier nun die Tabelle mit den Ergebnissen (durch Draufklicken wird's größer):


Aus diesen geht - grob - hervor: Um so größer die Gesellschaft, in denen Menschen leben, um so höher muß das noch ohne Bestrafung akzeptierte Mindestangebot sein. Das heißt grob: in einer großen Gesellschaft muß Spieler 1 durchschnittlich (also in sehr vielen Spielen mit vielen Teilnehmern) sehr viel an Spieler 2 abgeben, wenn er nicht durch Spieler 3 bestraft werden will. In einer kleinen Jäger-Sammler-Gesellschaft braucht er nur 5 % (also in unserem Beispiel 5 Euro) an Spieler 2 abgeben, ohne daß er dabei dann bestraft wird. Erst wenn er weniger abgibt, wird er bestraft. Und wenn er mehr abgibt, wird er erst recht nicht bestraft.

Das heißt: "Gerechtigkeit" beim Teilen wird in kleinen Gesellschaften grob ganz anders empfunden als in großen. Und auch die Motivation, einen beliebigen (anonymen) "Volksgenossen" auf eigene Kosten zu bestrafen, wenn er nicht - im kulturellen Kontext - "gerecht" teilt, ist in kleinen Gesellschaften ganz anders vorhanden als in großen.

Ich frage mich - natürlich! - immer, wie ich mich selbst in solchen Spielen verhalten würde. Ich finde es ziemlich simpel und selbstverständlich, das Geld einfach Fifty-Fifty zu verteilen. Und warum sollte ich als Spieler 3 irgend etwas von den 50 Euro abgeben, nur weil Spieler 1 meiner Meinung nach nicht genügend an Spieler 2 abgegeben hat? Also so für sich verstehe ich, ehrlich gesagt, all diese Forschungen noch nicht.

Mir kommt immer vor: Man müßte erst selbst bei einem solchen von den Forschern geleiteten Spiel dabei gewesen sein, um zu verstehen, warum sie so sicher sind, daraus sehr allgemeingültige Schlüsse ziehen zu können. (Na, vielleicht kommt ja mal irgend wann einer bei mir vorbei und bietet mir 100 Euro an, damit ich bei seinen Spielen mitmache ...) (Ergänzung 28.1.08: Achtung, man beachte die ersten beiden Kommentare zu diesem Beitrag!)

Ich hätte all das nicht referiert, wenn nun nicht die Forscher zum ersten mal glauben, bei solchen kulturvergleichenden Spielchen auf eine gewisse Regel und Gesetzmäßigkeit gestoßen zu sein, die intuvitiv zunächst auch irgendwie einleuchtet: In großen Gesellschaften ist die Bereitschaft zum "empörten" altruistischen Bestrafen größer als in kleinen. - Ich frage mich: Wirklich? - Nun handelt es sich hier um statistische Werte und die flößen einem dann schon auch Vertrauen ein, auch wenn man viele Fehlerquellen im einzelnen meint ausmachen zu können.

Und: Ja, na klar, eines scheint mir einleuchtend: in großen Gesellschaften achtet man - zumal in anonymen Zusammenhängen einer typischen Dienstleistungsgesellschaft - viel mehr darauf, daß gerecht geteilt wird, daß es gerecht zugeht. Großzügigkeit, die Fähigkeit, dem anderen mehr zu gönnen als ich selbst bekomme, geht da sehr oft sehr schnell zum Teufel. Man braucht ja nur Politikern und Gewerkschafts-Bossen zuzuhören. - Und natürlich, soziale Gerechtigkeit ist ein sehr wichtiges Kriterium, an dem sich Gesellschaften messen lassen sollten. (Vor allem, wie ich meine, heute gegenüber Familien, die heute in westlichen Gesellschaften am stärksten unter sozialer Ungerechtigkeit leiden - und damit diese Gesellschaften mit ihnen - denn wir alle leben in familiären Zusammenhängen, gehen - günstigstenfalls - aus ihnen hervor.)

Ist die Evolution von Altruismus identisch mit der Evolution "altruistischen Bestrafens"?

Aber nein, ich kann das Problem herumwälzen wie ich will, ich kommen nicht auf den Trichter, ob ich diesen Forschungen irgend eine größere Bedeutung zum Verständnis der Evolution des menschlichen Altruismus zusprechen soll oder nicht. Ich weiß zum Beispiel schon gar nicht, ob ich "empörtes" "altruistisches Bestrafen" wirklich schon für Altruismus halten soll. Ich glaube, da müßten noch ganz andere Verhaltens-Komponenten und -Motive hinzutreten, bevor ich bereit wäre, das in allgemeinerem Sinne altruistisch zu nennen.

Ich wäre höchstens bereit, ein solches "altruistisches Bestrafen" eine sehr einfache, schlichte Form von menschlichem Sozialverhalten zu nennen. Allerdings bin ich mir ziemlich sicher, daß eine Gesellschaft wesentlich altruistischer ist, in der die Menschen großzügig sind oder sein können und nicht ständig nur mit mißtrauischen Argus-Augen darüber wachen, daß der andere nicht mehr bekommt als man selbst ...

Eine Gesellschaft wie die pompejianische vielleicht (79 n. Ztr. am Vesuv untergegangen), in der die Landenbesitzer so fröhlich an ihre Ladentür schrieben: "Willkommen, Gewinn!" Wer so herzlich und fröhlich und offen sich darüber freuen kann, wenn er viel verdient und das auch seinen Kunden sagt, der, so scheint mir, wird auch großzügig sein im "Abgeben" und nicht mit Argus-Augen darüber wachen, daß er zu wenig kriegt. Nun ist ein so zu beschreibendes "Ressentiment", das mit solchen "altruistischen Bestrafen" sehr eng zusammenhängen könnte, nicht nur nach Peter Sloterdijk und Friedrich Nietzsche ein Ausfluß monotheistischer gesellschaftlicher Mentalität, wie es ein solches in dieser Stärke und Allgemeinheit in vor-monotheistischen Gesellschaften gar nicht gegeben haben braucht ... Welcher Ladenbesitzer würde heute so fröhlich an seine Tür schreiben: "Willkommen, Gewinn!" - ??? - Also: Protestantische Ethik der Knauserigkeit?

Großzügigkeit - seine genetische Basis entdeckt

Übrigens ist jüngst von einem Gen, das bei Prärie-Wühlmäusen die Verhaltensbreite zwischen Monogamie und Polygamie beeinflußt, entdeckt worden, daß es bei Menschen angeborenermaßen Großzügigkeit fördert. (Genes, Brain and Behavior, AFP) Das Gen kodiert den "Arginin Vasopressin 1a-Rezeptor". Nur weiß ich noch nicht, da der Artikel schwer zu beschaffen ist: korrelieren Mono- oder Polygamie mehr mit Großzügigkeit? - Jedenfalls: auch das ist spannend, vielleicht noch spannender als die hier referierten Forschungen!

(ursprünglich veröffentlicht 2.1.2008)
___________

1. Marlowe, Frank W.; Berbesque, J. Colette: More 'altruistic' punishment in larger societies. In: Proc. R. Soc. B, Dezember 2007 (pdf.)

Frank W. Marlowe, J. Colette Berbesque, Abigail Barr, Clark Barrett, Alexander Bolyanatz, Juan Camilo Cardenas, Jean Ensminger, Michael Gurven, Edwins Gwako, Joseph Henrich, Natalie Henrich, Carolyn Lesorogol, Richard McElreath, David Tracer (2008). More ‘altruistic’ punishment in larger societies Proceedings of the Royal Society B: Biological Sciences, 275 (1634), 587-590 DOI: 10.1098/rspb.2007.1517

Als Anhang noch der Artikel von "Spektrum der Wissenschaft", weil dieser meistens nicht sehr lange kostenlos lesbar ist. Wer ihn lesen möchte, vergrößere sich ihn bitte selbst:
19.12.07
Verhalten

Die Basis von Justitia

Bestrafung durch Dritte erst bei größeren Gruppen

Gib du mir, dann geb ich dir, aber wehe: Legst du mich rein, bestraf ich dich dafür - gerechtes Teilen fällt manchmal schon bei zwei Personen schwer. Sanktionen sind keine Seltenheit und womöglich die Grundlage jeglichen sozialen Zusammenlebens. Dass ein Dritter als unabhängiger Richter eingreift, scheint aber erst in umfangreicheren Gruppen üblich. Im Juni 2006 erfuhren wir von Joseph Henrich, Anthropologe an der Emory-Universität in Missouri, dass Geben und Nehmen keiner Globalisierung unterliegt, sondern von Volk zu Volk sehr unterschiedlich aussehen kann - ebenso wie Bestrafen. Während die tansanischen Hadza-Nomaden beispielsweise sich in den üblichen Verteilungsspielchen als wenig spendabel erwiesen, waren die kolumbianischen Sanquianga-Fischer dagegen ausgesprochen freigebig.

Allerdings blieben die Nomaden relativ gelassen, wenn sie selbst beim Verteilen unfair benachteiligt wurden, was wiederum die Fischer überhaupt nicht hinnahmen und im nächsten Spielzug kräftig sanktionierten - und zwar sowohl bei zu niedrigen als auch zu hohen Gaben. Auch war es egal, ob sie selbst betroffen waren oder als unabhängige Dritte den Vorgang beurteilen sollten.

Letztendlich geht es bei diesen Experimenten immer darum, wie sich Kooperation entwickeln konnte - und wie sich eine Gesellschaft dagegen wehrt, von Einzelnen ausgenutzt zu werden. Schließlich scheint so etwas wie selbstloses Verhalten kaum erklärbar: Warum sollte jemand einem anderen helfen, ohne selbst Nutzen daraus zu ziehen? Dass es doch funktioniert, beruht offenbar zu einem wichtigen Teil auf der Möglichkeit, solche zu bestrafen, die nur nehmen, aber nicht geben.

Doch gibt es hier eben zwei Alternativen: Entweder tragen es die beiden Beteiligten nach dem altbekannten Motto "Wie du mir, so ich dir" untereinander aus, oder aber es gibt eine dritte, unabhängige Instanz, die den ungerechten Egoisten in die Schranken weist. Frank Marlowe und Colette Berbesque von der Florida State University suchten nun nach allgemeinen, zu Grunde liegenden Regeln, wie ein solcher Konflikt ausgetragen wird - unter sich oder mit "richterlicher" Beteiligung. Und nahmen sich unter diesem Gesichtspunkt die Daten von Henrich noch einmal vor.

Sie ermittelten sowohl die Größe der lokal zusammen lebenden Gruppen als auch der jeweiligen Ethnien insgesamt. Außerdem errechneten sie, welcher Mindestbetrag der eine Mitspieler spenden musste, um vom beobachtenden Dritter nicht bestraft zu werden - wie wenig also ein Volksangehöriger einem anderen geben konnte, ohne als unfair eingestuft und diszipliniert zu werden.

Dabei fanden sie einen statistischen Zusammenhang mit den geschilderten Reaktionen: Je kleiner die jeweilige Gemeinschaft, desto niedriger lag die Strafgrenze - der zweite Beteiligte konnte als mit einer sehr geringen Gabe abgespeist werden, ohne dass der geizige Geber Folgen fürchten musste. Die Angehörigen größerer Gruppen erwiesen sich hingegen als weniger nachgiebig: Sie griffen schon sehr viel früher zu Sanktionen, waren also weitaus mehr darauf bedacht, dass angemessen geteilt wurde.

Für die Forscher ist damit klar: Die Beurteilung und Bestrafung durch einen Dritten ist ein Merkmal größerer und komplexerer Gemeinschaften. Was sie für durchaus plausibel halten. In kleineren Gruppen kenne jeder jeden, und eine Vorteilnahme auf Kosten anderer führe schlicht zu einem schlechten Ruf. Der seinerseits allen anderen die "Bestrafung" vereinfacht: Sie gehen dem Schmarotzer aus dem Weg - er ist isoliert. Ein höherer Richter, der für Ordnung sorgt, ist unter diesen Umständen völlig überflüssig.

In umfangreicheren Gemeinschaften aber nehme die Anonymität zu - und damit der Einfluss der Reputation ab. Hier sind andere nicht durch den Leumund vorgewarnt und werden so leichter Opfer von Ausnutzung. Um solches Missverhalten einzudämmen, ist eine richterliche Instanz weitaus besser geeignet, die sich nicht auf Hörensagen verlässt und auch bei Fremden keine Zurückhaltung kennt. Ganz auf den Obersten verzichten trotzdem die wenigsten: Einen Chef der Gesellschaft findet man fast immer - mindestens als moralische Instanz.

Antje Findeklee
Quellen:
Proceedings of the Royal Society B 10.1098/rspb.2007.1517 (2007)

Montag, 4. Februar 2008

Kinderlose sorgen stärker für Neffen und Nichten als Eltern von eigenen Kindern

Tolles neues Forschungsergebnis (New Scientist, Eharmony.com):

"Tante Nina und ihre Neffen und Nichten"
Kinderlose Ehepaare hatten im Jahr 1910 in den USA statistisch gesehen drei mal so viel Neffen und Nichten, die bei ihnen lebten, als Ehepaare mit Kindern. Die Forscher (Thomas Pollet und - wieder einmal - Robin Dunbar) sehen dies als Bestätigung dafür, daß die Rolle des (kinderlosen) "Helfers am Nest" (nahe verwandter Artgenossen), für die es bei den verschiedensten Tierarten schon die reichste Bestätigung gibt (z.B. bei Vögeln), auch noch beim Menschen wirksam ist.

Zwar könnte man Liebe zu nahe Verwandten zunächst einmal als etwas empfinden, das sehr wenig mit Kosten- und Nutzen-Denken zu tun hat. Auf bewußter Ebene des einzelnen Menschen wird das auch durchaus so sein. Nur unsere Gene "denken" darüber offenbar anders. Sie "flüstern uns" offenbar sozusagen zu, so zu handeln im Interesse des Fortbestandes derselben.

Heute sind diese Verhältnisse nicht mehr so stark ausgeprägt, aber im Jahr 2004 befragte kinderlose, verheiratete, belgische Frauen hatten viel mehr Telefon- und Email-Kontakt mit ihren Nichten und Neffen als verheiratete Frauen mit Kindern.

Ich glaube, heute ist man nicht mehr so leicht bereit, seine Kinder bei Onkeln oder Tanten aufwachsen zu lassen. Dabei wäre das eine Möglichkeit, mit ungewollter Kinderlosigkeit umzugehen, die hier auf dem Blog schon thematisiert worden war (Stud. gen.).

Freitag, 25. Januar 2008

Schimpansen: Erst kommt das Fressen, dann die Moral

Eine Kritik an einem Artikel in der neuesten "Science"-Ausgabe

In der jüngsten "Science"-Ausgabe (Science) berichtet Journalist Michael Balter über die internationale "Primate Behavior and Human Universals"-Konferenz, die vom 11. bis 14. Dezember 2007 in Göttingen stattgefunden hat. Es wurden dort offenbar vor allem neue Versuchs-Anordnungen mit Nahrungsmitteln erörtert und wie sehr Schimpansen dazu befähigt sind, Nahrung mit anderen Artgenossen zu teilen oder anderen Artgenossen bei der Nahrungsbeschaffung zu helfen. Sie sind - wie erneut festgestellt wird - dazu sehr wenig befähigt oder geneigt. Daraus scheinen nun die Forscher, wie ich finde, recht willkürlich zu schließen, Schimpansen würden "den" "echten" Altruismus, den Menschen kennen, gar nicht kennen.

Es ist im folgenden von der "helfenden Hand" die Rede, die Schimpansen ihren Artgenossen nicht reichen würden bei der Nahrungsbeschaffung. Ich frage mich aber, ob die Verhaltensforscher das Koalitions-Verhalten von Schimpansen ganz vergessen haben, und die Tatsache, daß in sozialen Rangkämpfen sich die Individuen sehr wohl gegenseitig helfen und unterstützen. Daß Schimpansen auf bestimmten Gebieten wie "romantischer Sexualität" oder eben "Nahrungsteilung" nicht besonders menschlich agieren, sollte doch wohl nicht als besonders aufsehenerregendes Forschungsergebnis gelten? Das hat doch schon Jane Goodall festgestellt (1).

Schimpansen sind sehr wohl altruistisch - nur eben nicht beim Fressen

Zunächst wird geschildert, wie experimentell eine gewisse Fähigkeit zur Geduld an Schimpansen aufgezeigt wurde, zumindest wenn es darum ging, auf "Sofortbefriedigung" was das Fressen betrifft, zu verzichten, wenn man durch den Aufschub der Befriedigung später noch mehr erhalten kann. Dann heißt es weiter:
Although chimpanzees may be surprisingly patient, they fail miserably at another typically human behavior: lending a spontaneous helping hand to one's neighbor without expecting anything in return. Such altruism is very common among humans, some of whom even sacrifice their own lives to help others.
Und das würden Schimpansen in Rang- und Inter-Gruppen-Kämpfen für ihre Gruppenpartner, Koalitionspartner nicht tun? Verteidigen Schimpansen-Mütter ihre Kinder nicht? Weiter:
Yet recent work by anthropologist Joan Silk of the University of California, Los Angeles (UCLA) and Michael Tomasello of the Max Planck Institute for Evolutionary Anthropology in Leipzig, Germany, has shown that chimps, although remarkably cooperative in many ways, do not spontaneously help fellow apes.
Das ist doch - so - viel zu allgemein ausgedrückt! (Vielleicht haben das Silk und Tomasello so allgemein auch gar nicht gesagt?) Weiter:
Other work has found that most nonhuman primate cooperation involves self-interested reciprocal exchanges. Many scientists have concluded that true altruism requires higher cognition, including an ability to read others' mental states, called theory of mind (Science, 23 June 2006, p. 1734).
Zu "echtem Altruismus" wären also Insekten nicht fähig? Der Artikel stammt von Michael Balter, der über Archäologie mitunter recht gut berichtet. Hat er sich da vielleicht doch auf ein Gebiet gewagt, auf dem er sich erst noch ein bischen mehr umtun sollte, bevor er darüber Tagungsberichte schreibt? - Sicherlich wird man die Dinge noch einmal anders beurteilen, wenn man danach fragt, was das Individuum jeweils bei seiner altruistischen Tat "fühlt". "Fühlt" eine Biene etwas, wenn sie sich durch das Stechen eines "Bienenfeindes" für ihr Volk aufopfert? Höchstwahrscheinlich nicht etwas, was unseren Gefühlen besonders ähnlich sein wird. Und doch werden wir es wohl "echten Altruismus" nennen müssen.

Alpha-Männchen bei Schimpansen helfen doch anderen, Geschwister, Freunde stehen doch einander bei bei Schimpansen. Und sie versetzen sich dabei doch in den anderen, besitzen also Empathie. Sonst ginge das doch gar nicht.

Ist für die Evolution von "Moral beim Fressen" gemeinsame Jungenaufzucht günstig?

Im weiteren wird von "marmosets", also Krallenaffen berichtet:
Yet humans may not be the only altruistic primates. A team led by Judith Burkart of the University of Zurich, which included van Schaik, looked for helping behavior in marmosets, who lack advanced cognition but are highly cooperative. One monkey, the donor, was given a choice of pulling a tray with a bowl that contained a juicy cricket or pulling a tray with an empty bowl into an area where another monkey was sometimes present. Only the recipient could get the food, with no payoff for the donor. Nevertheless, the donor pulled the cricket tray an average of 20% more often when a recipient was present than when it was absent, Burkart said at the meeting. Moreover, the marmosets were about equally generous to genetically unrelated monkeys as they were to their kin.
Why do marmosets and humans engage in spontaneous altruism when other primates do not?
Wohlgemerkt, wir haben es hier lediglich mit "Altruismus" auf dem Gebiet der Nahrungsbeschaffung zu tun. Es gibt aber wie gesagt noch viele andere Verhaltensbereiche, in denen Schimpansen altruistisch sein können. Deshalb stehe ich diesem Artikel hochgradig mißtrauisch gegenüber.
The answer, Burkart proposed, is that both species, unique among primates, are cooperative breeders: Offspring are cared for not only by parents but also by other adults. Marmoset groups consist of a breeding pair plus an assortment of other helpers, whereas human parents often get help from grandparents, siblings, and friends. Burkart suggests that primate altruism sprang from cooperative breeding. In humans, these altruistic tendencies, combined with more advanced cognition, then nurtured the evolution of theory of mind.
"This is an excellent piece of work," says Silk, although she cautions against drawing sweeping conclusions about the evolution of human altruism from "just two data points," humans and marmosets. Nevertheless, Tomasello says, if the results are valid, they "demonstrate that generosity with food and complex cognitive skills are independent adaptations, which humans may have combined in unique ways."
Ja, offenbar rührt der Altruismus bei der Nahrungsbeschaffung zumindest bei Krallenaffen von der "kooperativen Jungenaufzucht" her, die ja in dieser Form die Schimpansen nicht kennen. Ich glaube insgesamt, die Natur ist sehr einfallsreich. Jede Tierart - und somit auch der Mensch - bildet, wenn, dann den Altruismus aus, der ihrer/seiner Wesensart gemäß ist und der mit den übrigen ausgebildeten Verhaltenseigenschaften und der natürlichen Lebensumwelt in Einklang steht.

Offenbar hatten es doch Schimpansen in der Evolution gar nicht nötig, auf dem Gebiet der Nahrungsverteilung unter Gruppenmitgliedern besonders altruistisch zu sein. Wozu Moral beim Fressen, wenn es auch ohne geht? ... ;-)

Jane Goodall mit Schimpansen, der Bananen erwartet

Die Schimpansen sind unwahrscheinlich schöne Tiere und man sucht deshalb gerne Fotos von ihnen heraus.
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Jane Goodall mit Schimpansen

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  1. Goodall, Jane: Ein Herz für Schimpansen. Meine 30 Jahre Forschung am Gombe. (Studium generale-Buchhandlung)
  2. Goodall, Jane: Wilde Schimpansen. (Studium generale-Buchhandlung)

Dienstag, 8. Januar 2008

Eckart Voland: Das Gegenseitigkeits-Prinzip erklärt einen großen Teil menschlicher Großzügigkeit nicht ....

In der "Süddeutschen Zeitung" von heute findet sich ein aufschlußreiches Interview mit dem Gießener Human-Soziobiologen Eckart Voland (Süddeutsche.de). Auszug:
sueddeutsche.de: Zu Weihnachten haben wir wieder unsere Kinder mit Geschenken beglückt. Doch auch entfernte Verwandte und sogar Bekannte bekommen häufig ein Präsent. Widerspricht diese Großzügigkeit nicht der soziobiologischen Vorstellung von den egoistischen Genen?

Eckart Voland: Es gibt dazu verschiedene Modelle. Die Investition in Verwandte ist ein Weg von mehreren. Entferntere Verwandte haben zwar weniger Gene mit uns gemeinsam als unsere Kinder. Aber sie besitzen davon immer noch mehr als nicht mit uns verwandte Menschen.

Investieren wir in sie, kann das unsere Gesamtfitness erhöhen - also den Anteil von Genen in der nächsten Generation, die mit unseren Genen identisch sind. Und das ist letztlich das, wonach wir streben - freilich ganz unbewusst. Unser Verhalten ist lediglich so organisiert, als ob es uns gezielt um evolutionären Erfolg ginge.

sueddeutsche.de: Man spricht dann von Verwandtenselektion.

Voland: Ja. Das ist der Weg, über den altruistisches, also selbstloses Verhalten in erster Linie in die Welt gekommen ist.

sueddeutsche.de: Für Bekannte gelten diese Voraussetzungen aber nicht.

Voland: Es gibt noch andere Strategien, mit denen sich die Fitness erhöhen lässt. Ich kann zum Beispiel im Sinne einer Win-Win-Situation in Freundschaften investieren. Wenn ich heute in eine Notsituation komme und jemand hilft mir, der mir vertraut, dann rechnet er damit, dass ich mich revanchiere. Beide Seiten haben zunächst Kosten. Aber es kann sich für beide auszahlen. Man spricht hier vom Prinzip der Gegenseitigkeit. Der Reziprozität.

sueddeutsche.de: Am Ende haben sich beide Seiten geholfen, Bedingungen zu schaffen, die den eigenen Fortpflanzungserfolg erhöhen. Aber das kann doch nur unter Leuten funktionieren, die sich immer wieder treffen.

Voland: Richtig. Das Denkmodell ist zwar plausibel. Aber Sozialwissenschaftler beobachten relativ wenig Szenarien, wo es greifen kann. Es müssen dafür zu viele Voraussetzungen erfüllt sein. Außerdem gibt es das Schwarzfahrer-Problem.

sueddeutsche.de: Was bedeutet das?

Voland: Jemand nimmt die Vorteile einer Freundschaft oder eines Sozialwesens in Anspruch, investiert selbst aber ungern. Bei der Steuererklärung zum Beispiel wird gern ein bisschen gemogelt. Die Vorteile eines Gemeinwesens nimmt man aber in Anspruch. In einem System der Gegenseitigkeit besteht diese Gefahr grundsätzlich.

sueddeutsche.de: Müssen wir uns also von der Idee der Reziprozität verabschieden?

Voland: Nicht ganz. Gelegentlich greift die Reziprozität bei Menschen schon. Aber man weiß ja, wie schnell selbst Freundschaften zerbrechen, wenn eine Seite zu wenig investiert. Wir sind da hochgradig selektiv und sensibel und legen eine sehr hohe Messlatte an.

sueddeutsche.de: Aber selbst im Tierreich findet man doch beeindruckende Beispiele für Gegenseitigkeit.

Voland: Darüber wird inzwischen gestritten. Die Paradefälle, die das belegen sollen, halten einer genauen Analyse nicht Stand. Nehmen Sie zum Beispiel die Beobachtung, dass eine Fledermaus einem hungrigen Artgenossen, der neben ihr an der Höhlendecke hängt, Futter abgibt und damit rechnen darf, dass sich der Nachbar revanchiert. Wenn man die Verwandtschaftsverhältnisse der Tiere überprüft, bricht die Annahme der Reziprozität zusammen. Hier helfen sich Familienmitglieder.

sueddeutsche.de: Wie erklären Sie dann unsere Bereitschaft, uns zu Gruppen nicht verwandter Menschen zusammenzuschließen, die sich gegenseitig unterstützen? Basiert das Wir-Gefühl im Fußballverein nicht auf dem Prinzip der Gegenseitigkeit?

Voland: Diesen Gruppenzusammenhalt würde ich eher in die Kategorie Mutualismus packen. Das heißt, die Kooperation verschafft dem individuellen Gruppenmitglied einen Vorteil. Dass die anderen Mitglieder ebenfalls davon profitieren, ist ein Nebeneffekt.

sueddeutsche.de: Können Sie das an einem Beispiel verdeutlichen?

Voland: Wenn ich mit anderen zusammen in einem Ruderboot um den Sieg kämpfe, hat das nichts mit Wechselseitigkeit zu tun. Es gibt Vorteile, die ich nur in Kooperation mit anderen erreiche. Auch ohne dass selbstlose Vorleistungen von mir gefordert würden.
Morgen soll noch ein zweiter Teil des Interviews kommen. - Spannend!

Dienstag, 18. Dezember 2007

Nachdenken über Altruismus (- 4. Teil)

- Die Geschichte vom "verlorenen Sohn"

Für manchen Leser wird nicht recht klar sein, worauf dieses "Nachdenken über Altruismus - Thema und Variationen" eigentlich hinauslaufen soll. Vielleicht faßt man dieses Nachdenken tatsächlich zunächst auf wie ein musikalisches "Improvisieren", wie ein "Material-Sammeln" (sozusagen von "musikalischen Ideen"), aus dem man dann später - günstigstenfalls - eine Oper oder Sinfonie schreiben kann (wie gesagt: günstigstenfalls!).

Fangen wir diesmal so an: Vielleicht ist echter Altruismus heute kaum noch lebbar im Alltag. Wenn das stimmen sollte, wäre es verständlich, daß die Forscher derzeit vornehmlich nur die "Trivialform" des Altruismus, die soziale Gegenseitigkeit (Gerechtigkeit) in allen möglichen und unmöglichen Varianten und Aspekten erforschen und immer wieder neu erforschen. Da gibt es das berühmte "Gefangenen-Dilemma", die These vom "altruistischen Bestrafen" und so vieles andere mehr auf diesem Gebiet. Aber - wie mir scheint - gleich ganze Marmor-Steinbrüche von Forschungsmöglichkeiten was Alltags-Altruismus in arbeitsteiligen Gesellschaften betrifft, verbleiben dabei im Schatten gänzlicher Nichtbeachtung.

Daß man in seiner Selbstaufopferung für einen anderen Menschen oder für Prinzipien bis zum eigenen Tod geht oder bis in Annäherungen an denselben - all solche Dinge gehören heute jedenfalls nicht mehr zu den bevorzugten, vorherrschenden kulturellen Idealen. Mit Hedonismus jedenfalls hätte das ja auch sehr wenig zu tun. Daß aber im sozialen Zusammenhang auch heute noch zumindest "Annäherungen" an den Tod gelebt werden, kann man etwa an der Tatsache ablesen, daß eine Scheidung nach einer tief erfüllenden Ehe die Sterbewahrscheinlichkeit sehr deutlich erhöht und zur Lebensverkürzung beiträgt. Für Männer gilt dies noch mehr als für Frauen. Auch bei vielen Krankheiten und Depressionen geht die Forschung ja heute von sozialen Ursachen oder Mitverursachungen aus. Das heißt: Bestimmte soziale Lebensumstände, in die man gerät oder denen man nicht aus dem Weg geht, können - letztlich - töten.

Es geschieht vielleicht heute nicht mehr sehr oft, daß solche Erhöhungen von Sterbewahrscheinlichkeiten mit bewußt gelebtem Altruismus in Verbindung gebracht werden - zumindest subjektiv. Aber es könnte sinnvoll sein, auch bezüglich solchen sozialen Geschehens nach jeweiligen Altruismus-Anteilen im sozialen Verhalten zu fragen, die über reine Gegenseitigkeits-Prinzipien hinausgehen. (Also extrem "asymetrische" soziale Beziehungen wie es ja doch auch - oder vor allem - die Geschlechterbeziehungen darstellen.)

Über Menschen gut denken, auch dann, wenn es schwer fällt ....

Was könnte altruistisch sein? Daß man versucht, über Menschen gut zu denken, edel zu denken auch dann, wenn es schwer fällt? Über andere Menschen nicht nur und ständig in ihren Schwächen, ihren Abarten herumwühlen? Gibt es nicht ein Sprichwort, daß da sinngemäß lautet: Wie man einen Menschen ansieht, so ist er auch? Wie man die Welt ansieht, so ist sie auch? Ich möchte meinen, daß dies besonders für soziale Alltags-Zusammenhänge zutrifft. Und ich möchte meinen, daß das ein gewaltiger Schritt wäre, in echterer Weise altruistisch zu sein: daß ich versuche, von allem Schlechten, von allen schlechten Eigenschaften eines Mitmenschen, die ich auch beachten könnte, die mir auch bekannt sein könnten, zunächst abzusehen und zunächst einmal nur das Gute in ihm zu sehen, in ihm zu werten.

Ein solches Vorgehen setzt schon eine gewisse "Selbstlosigkeit" voraus. Denn in vielen Lebenssituationen ist es doch einfacher, im anderen Menschen erst einmal das Schlechtere vorauszusetzen, das Schlechtere zu sehen. Wenn man zunächst das Schlechtere voraussetzt, von vornherein mißtrauisch ist, dann kann man gewiß auch nicht mehr enttäuscht oder verletzt werden, sondern höchstens überrascht.

Manche Menschen sind mehr geneigt zum Guten als andere ...

Nun wird es sicher so sein, daß "über andere Menschen gut denken" manchen Menschen leichter fällt als anderen. Den "von Natur aus" fröhlichen, optimistischen, lebensoffenen Gemütern wird es leichter fallen, auch im anderen Menschen das Positive zu sehen, überhaupt die Welt im positiveren Licht zu sehen, als Menschen, denen von Natur aus das "Schwarzsehen", das Sehen von Negativem näher liegt.

Man könnte also behaupten: Manche Menschen sind leichter geneigt, dem Guten nachzustreben als andere. Und zwar könnte dies entweder aufgrund genetischer Veranlagung und/oder aufgrund von kulturellen Prägungen, positiven oder negativen Erfahrungen vor allem in der Kindheit, Jugendzeit und jüngerem Erwachsenenalter der Fall sein. Fast möchte man meinen, daß das Ersterlebnis von Geschlechtlichkeit (also die Art des Verlustes der "Jungfräulichkeit", die sicherlich einen seelischen Prägungsvorgang darstellt), viel damit zu tun haben könnte, wie man auch später auf das Leben sieht, wie man - zumal in intimeren Beziehungen - den anderen Menschen sieht. Negative, seelenlosere, "ernüchternde" Erfahrungen auf diesem Gebiet werden sich anders auf das Leben auswirken als positive, seelisch aufrüttelnde, lebensfroher machende.

Genetische oder schicksalsmäßige "Determiniertheit"?

Aber wie ist es nun: Selbst wenn es Menschen aufgrund von Schicksal und Vererbung leichter fallen sollte, als anderen, dem inneren Trieb, der inneren Neigung zum Guten zu folgen - wenn sie nun dabei durch ein Meer von Leid gehen - wer wird das dann noch gleichsetzen wollen mit banalem "Determinismus", banaler "Determiniertheit"? Wer wird das vor allem gleichsetzen wollen mit einer gelebten Geneigtheit zum Guten, die ohne jedes Leid auch gelebt und verwirklicht werden kann (- z.B. aufgrund glücklicher[er] Lebensumstände)?

Und dann erlebt man es doch immer wieder, daß Menschen, die sogar besonders geneigt und in einer jeweiligen Epoche besonders befähigt sind, dem Guten, Edlen nachzustreben, daß gerade sie auch besonders "befähigt" sind, aus dieser "offenbaren" oder sogenannten persönlichen "Determiniertheit" auszubrechen. Sie begehen mehr oder weniger bewußt - früher oder später vielleicht auch aus ihrer eigenen Sicht - eine schlechte, eine böse, bösartige Handlung, um ihrer "Determiniertheit", einer gewissen unausweichlichen Neigung (einer Begabung?) zum Guten, zum Edlen zu entgehen. Und natürlich "beweisen" sie dadurch sich und anderen klar und eindeutig, daß es 100%-ige "Determiniertheit" zum Guten nicht gibt. Und ähnliches wird auch für das Schlechte und die Neigung zum Schlechten gelten.

Menschen, die vielleicht vor 50 oder 80 Jahren gelebt haben, wäre als Beispiel eines solchen eben genannten Lebensschicksales sicher der früher viel gelesene Lebensroman von Bachvogel über "Friedemann Bach", den erstgeborenen Sohn von Johann Sebastian Bach, eingefallen. In diesem Roman wird der musikalisch hochbegabte Friedemann Bach als ein gescheiterter Künstler dargestellt, der schließlich seine hohe Begabung und sein hohes musikalisches Können dazu verwendet, um mit einer Zigeuner-Gruppe durch die Lande zu ziehen und Zigeneuner-Weisen in Wirtshäusern zu spielen. Ein sehr erschütternder Roman, der "irgendwie" "lebensecht" wirkt, selbst wenn die musikhistorische Forschung in späterer Zeit glaubt, aufzeigen zu können, daß dieser viel gelesene Roman das Lebensschicksal von Friedemann Bach nicht historisch zutreffend darstellen würde.

Aber: Wie steht es mit der Parabel vom "verlorenen Sohn"?

Auf jeden Fall könnte einen ein solcher Roman zur Besinnung bringen bezüglich dessen, mit welchem unendlichen Leid, mit welchen kulturellen Verlusten "echte", gelebte oder nicht gelebte Altruismen eigentlich zu tun haben könnten. Maler und Schriftsteller haben ähnliche Schicksale immer wieder auch im Bild der Parabel des "verlorenen Sohnes" zur Darstellung gebracht. Etwa Rainer Maria Rilke im berühmten Schlußabschnitt seines Werkes "Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge". ("Man wird mich schwer davon überzeugen, daß die Geschichte des verlorenen Sohnes nicht die Legende dessen ist, der nicht geliebt werden wollte. ...") Oder viele niederländische Maler, die ja den "verlorenen Sohn" in zwielichtigen Schenken zur Darstellung bringen. Auch etwa Luis Trenker hat einen Film gedreht über einen "verlorenen Sohn", der nach Amerika auswandert und erst ganz zum Schluß durch seine Rückbesinnung auf seine Heimat und die Brauchtümer seiner Heimat (Tirol) eines Besseren belehrt wird. Für mich jedenfalls ein erschütternder Film.

Auf jeden Fall: Die Parabel vom "verlorenen Sohn" ist ein bekannter Topos in der Kunst und Kultur, über den sich moderne Altruismus-Forscher auch mal ein bischen mehr Gedanken machen könnten, um alle Altruismus-Arten, die gelebt werden (oder wurden), auch wirklich einer wissenschaftlichen Beschreibung näher zu bringen und sie in das schon bestehende wissenschaftliche Theorie-Gebäude einzuordnen. Denn was in der Wissenschaft nicht theoretisch erfaßt wird, das wird oft auch oft vom allgemeinen Denken gar nicht mehr berücksichtigt - und umgekehrt. Es besteht ja da eine Wechselbeziehung. Aber beides wäre doch ganz besonders schade. Um mich vorsichtig auszudrücken. (Wäre vielleicht ein paralleler Topos für das weibliche Geschlecht das Thema "Jesus und die Ehebrecherin", die "gefallene" Tocher? Vielleicht.)

Besteht denn nicht auch die Möglichkeit, daß wir heute in irgend einer Weise alle "verlorene Söhne" sind? Oder "gefallene" Töchter? Merkwürdig auch, wie gerade merke, daß man "gefallen" noch schlimmer findet, als "verloren" ... All das jedenfalls wird man je nach eigenem innerem Maßstab und Weltbild, bzw. philosophischen Grundanschauungen verschieden beurteilen. Das oft allzu platte Denken in den Kategorien wie denen der "verlorenen Schafe Israels" muß dabei jedenfalls nicht in jedem Fall im Vordergrund stehen. Es ist durchaus nicht notwendig, sich wie ein Sektenpriester zu fühlen, wenn man versucht, sich auf die metaphysische und moralische Heimatlosigkeit des modernen Menschen zu besinnen ...
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