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Samstag, 15. Januar 2022

Welche Tiere sterben am häufigsten an Krebs?

Todesursache Krebs im evolutionären Vergleich 
Krebsvermeidung: Iß kein Säugetier-Fleisch 
- Verhalte dich besser wie ein pflanzenfressendes Weidetier

191 Arten von Zootieren sind in einer Studie daraufhin untersucht worden, wie viel Prozent der jeweils gestorbenen Tiere an Krebs gestorben sind (1).

In 47 Arten sind überhaupt keine Individuen an Krebs gestorben. Sie verteilen sich über den gesamten Säugetierstammbaum - aber ungleichmäßig (weiße offene Kreise in Abb. 1).

Abb. 1: Die Häufigkeit von Krebs als Todesursache über den Säugerstammbaum hinweg (aus 1)

Die Art, in der die meisten Tiere an Krebs gestorben sind, ist die Doppelkamm-Beutelmaus (Kowari), einer Beutelsäugerart aus der Gruppe der Raubsäuger. In ihr sind fast 60 % der Tiere an Krebs gestorben (längster roter Balken in Abb. 1).

Alle anderen untersuchten Arten liegen auf der Mitte zwischen diesen beiden Extremen. In 41 Arten sind mehr als 10 % aller Tiere an Krebs gestorben. Auch diese sind ungleichmäßig auf den Säugetier-Stammbaum verteilt: Die meisten dieser Arten sind nämlich Säuger-fressende Raubtiere ("Carnivora") (s. Abb. 1).

Die Todesursache Krebs ist also bei den fleischfressenden Raubtieren am höchsten, es folgen die Fledermäuse, auch einige Primatenarten sterben häufig an Krebs, am niedrigsten ist die Krebshäufigkeit bei den Paarhufern ("Artiodactyla"), also bei pflanzenfressenden Weidetieren (s. Abb. 1).

Petos Paradox

In diesem Ergebnis spiegelt sich - wie schon in Jahrzehnte langer Forschung geschehen - "Petos Paradox" (Wiki) wieder, das 1975 formuliert worden ist. In Petos Paradox ist die Überlegung formuliert, daß doch Tiere um so häufiger an Krebs sterben sollten, um so größer sie sind und um so länger sie leben. Denn in diesen Tieren sollten mehr Zellen mehr Zeit haben, zu Krebszellen zu entarten. Diese Erwartung bestätigt sich aber in den empirischen Untersuchungen schon seit der Formulierung dieses Paradoxes im Jahr 1975 nicht. Deshalb eben "Paradox". Und deshalb müssen Theorien zur Krebsentstehung komplexere Annahmen unterstellen als einfach eine statistische Häufung der Entartung von Körperzellen.

Die Ursache für Krebshäufigkeit ist also klar anders verteilt als nach Größe und Lebensdauer. In der neuen Studie können die Forscher ihr Ergebnis sogar noch genauer eingrenzen (1):

Der Verzehr von Wirbeltieren steht in Verbindung mit erhöhter Krebswahrscheinlichkeit, nicht der Verzehr von wirbellosen Tieren. Genauer gesagt, Säugetiere, die regelmäßig Säugetiere als Beute fressen, haben eine signifikant höhere Wahrscheinlichkeit an Krebs zu sterben, verglichen mit Säugetieren, die selten oder niemals andere Säugetiere fressen. Ähnliche Unterschiede konnten weder für Fische, Reptilien oder Vögel als Beutetiere festgestellt werden.
Consumption of vertebrate but not invertebrate prey was associated with increased cancer mortality risk. Specifically, mammals frequently consuming mammalian prey had significantly higher cancer mortality risk compared to mammals that rarely or never consume other mammals. Similar differences could not be detected in the case of fish, reptile or bird prey frequencies.

Der Verzehr von Säugetier-Fleisch ist es also vor allem, der die Krebshäufigkeit nach oben treibt. Weg also mit dem Rindersteak, weg mit dem Schweinefilet, her mit den Fischen, Muscheln, gerösteten Heuschrecken oder auch einmal einem Hähnchen. (Das Thema Massentierhaltung wollen wir an dieser Stelle nicht - eigentlich - nicht berücksichtigen. Aber wenn wir schon in seine Nähe kommen, sei betont: Die bewußte Vernichtung des bäuerlichen Familienbetriebes durch die die kommunistische Agrarpolitik seit 1918 und seit 1945 und durch die EU-Agrarpolitik seit spätestens den 1960er Jahren hat diese ekelhafte Entartung hin zur "Industrieproduktion" des Fleisches von Mitgeschöpfen bewirkt. Wir haben sie schon immer als ekelhaft und abartig und auch der menschlichen Kultur widersprechend gekennzeichnet und werden das auch weiter tun. Wann hört diese Abartigkeit auf? Warum kam und kommt es - trotz "grüner" Minister - nicht zu einer grundlegenden Gesellschaftsreform bezüglich dieser Dinge in Richtung auf eine naturverbundenere Lebensweise unserer Gesellschaft? Warum sind die Völker der Nordhalbkugel so durch und durch schläfrig? Was sollen "Fridays for Future", die durch die Gazetten auf und ab gejagt werden, wenn so grundlegende Dinge nicht angesprochen werden durch sie? Welche Abartigkeiten der Manipulation und der elitären "Themensetzungen" finden hier statt?)

Zurück zum Thema: Untersuchte Tierarten, die vornehmlich andere Tiere fressen statt Säugetieren, sind in dieser Studie noch nicht in ausreichender Zahl untersucht worden, um bezüglich ihrer Ernährungsegwohnheiten Unterschiede in ihren Auswirkungen in Richtung Todesursache Krebs noch genauer eingrenzen zu können. Es wird das Aufgabe künftiger Studien sein.

Seitenblick: Ryke Geerd Hamer

Wir selbst hatten die Frage, ob und in welchem Umfang eigentlich auch Tiere an Krebs sterben können, gestellt seit wir uns kritischerweise mit Ryke Geerd Hamer's (1935-2017) (Wiki) Theorie zur Krebsentstehung und -heilung (1981) auseinandergesetzt haben. Diese Theorie ist nämlich völlig Menschen-zentriert und scheint überhaupt keine evolutive Herkunft von Krebs als Todesursache in Rechnung zu stellen (unseres Wissens nach). Deshalb setzt sie auch bezüglich der Krebsheilung eine menschliche Willensfreiheit voraus, die ja für die hier untersuchten Tiere gar nicht gegeben ist. 

Mit dieser Studie schält sich nun heraus, daß Krebs etwas Natürliches ist und nicht etwa "nur" Folge von zivilisatorischen Fehlentwicklungen und damit einhergehenden Schockerlebnissen und Traumatisierungen, die durch freie Willensentscheidungen des Menschen dann auch wieder "geheilt" werden könnten. 

Wobei Hamer einen ziemlich schlichten Heilungsprozeß unterstellte, während wir heute noch viel besser als vor Jahrzehnten wissen, wie schwer Traumatisierungen geheilt werden können - wenn es denn eben nur um eine solche seelische Heilung ginge, um mit ihr zugleich auch noch jede Art von Krebs heilen zu können. Mit solchen Studien wie der vorliegenden sehen wir, daß Krebs im Allgemeinen in der Natur etwas sehr selbstverständlich Vorkommendes ist. Wobei sich eben Ernährungsgewohnheiten herausschälen als eine Hauptrolle für die Häufigkeit der Todesursache Krebs.

Auch sonst wird ja in den Ernährungswissenschaften vor allem dem "roten Fleisch", also dem Säugetier-Fleisch eine Wirkung zugesprochen, die die Häufigkeit von Krebserkrankungen beim Menschen erhöht (Wiki). 

Aber es macht doch - wie auch sonst - immer einmal wieder Sinn, Erkenntnisse, die bislang nur in Bezug auf den Menschen gewonnen worden sind, mit dem Hintergrund der großen evolutionären Wissenschaften abzugleichen, sie durch sie zu ergänzen, zu korrigieren oder sie zu bekräftigen oder zu entkräften. Hier wie auch in anderen Wissenschaftsbereichen gilt: 191 Arten können uns - im Vergleich miteinander - mehr sagen als eine einzige. So ist es eben: Evolutionäre Ernährungswissenschaft und Evolutionäre Medizin sind die Zukunft.

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  1. Vincze, O., Colchero, F., Lemaître, JF. et al. Cancer risk across mammals. Nature 601, 263–267, 22.12.2022, https://www.nature.com/articles/s41586-021-04224-5

Sonntag, 28. Oktober 2018

Rasseunterschiede im weiblichen Geburtskanal

Sie sind größer als bei anderen Körperteilen

Zu einer neuen Studie über Rasseunterschiede im weiblichen Geburtskanal wird berichtet (1):

Etwa 300.000 Frauen sterben jährlich weltweit durch Geburtskomplikationen. Ein großes Problem sei der menschliche Kopf, wie Betti erklärte: "Aufgrund der Enge muß das Kind eine Reihe von Rotationen vollführen, um den Geburtskanal zu passieren".

In Lehrbüchern ist aber nur die europäische Form der Rotationen beschrieben, nicht die Form der Rotationen, die bei den Frauen in Afrika, Asien oder Amerika vollführt werden.

Abb. 1 Artunterschiede im weiblichen Geburtskanal - Schimpansen, Australopithecus, Mensch (Grafik von ArchaeoMouse [Wiki])

Diese Nichtbeachtung der Rasseunterschiede durch die Geburtshilfe könnte viele zusätzliche Geburtskomplikationen weltweit mit sich gebracht haben, wie vermutet wird. Weiterhin ist zu erfahren (2):

Frauen aus der Subsahara in Afrika und einige asiatische Bevölkerungsgruppen haben sehr schmale, aber relativ tiefe (von vorne nach hinten gemessen) Geburtskanäle, so Betti und Manica. Die Ureinwohner Amerikas dagegen verfügen über sehr breite Kanäle. Außerdem sind die oberen Kanäle von Europäerinnen oval geformt, was man bei den anderen Populationen nicht findet. Ein weiteres Ergebnis der Studie (...) lautet: Je weiter man sich von Afrika entfernt, desto geringer ist die Variabilität der Geburtskanalform. Soll heißen, daß man in Afrika sehr viele sehr unterschiedliche Formen findet, während sich die Becken der Frauen in Europa, Asien und bei den amerikanischen Ureinwohnerinnen sehr ähnlich sind.

Gemeint ist: Vergleichsweise sehr ähnlich jeweils untereinander auf dem jeweiligen Kontinent. Dieser Befund scheint einesteils auf die Wirkung von Gründer- und Flaschenhalspopulationen bei der Entstehung der jeweils neuen Menschentypen in Nordafrika, Europa, Asien und Amerika zurückgeführt werden zu können. Andererseits könnte die größere innerkontinentale Vielfalt in Afrika auch darauf hinweisen, daß der Selektionsdruck auf irgendeine Art von Geburtskanal gar nicht so groß gewesen zu sein braucht. Das hatte man weithin in der Forschung bislang ganz anders angesehen. Die Forscherinnen finden - zum Beispiel - auch keinen Zusammenhang der Form des Geburtskanals beispielsweise mit der vorherrschenden Temperatur.

Ob hier tatsächlich Anpassungen an irgendetwas vorliegt oder es sich um eine eher "natürliche", selektionsneutrale Vielfalt der Formen handelt, scheint noch nicht klar zu sein. Sicher ist aber (3):

Die Unterschiede in der Beckenform sind deutlich größer als jene der Kopfgröße oder der Extremitäten.

Ich könnte mir ja denken, daß die Form des Geburtskanals einfach auch von der übrigen Körperstatur des jeweiligen Menschentyps abhängt. Sicherlich ist das in der traditionellen Physischen Anthropologie so auch schon vermutet worden. Das heißt, die Form des Geburtskanals ist davon abhängig, daß Buschleute insgesamt grazil gebaut sind, ebenso Ostasiaten, während Europäer und Bantu-Afrikaner insgesamt größer und robuster gebaut sind. Es sei noch einmal die wesentlichste Erkenntnis im Wortlaut der Originalstudie zitiert (4):

Sub-saharische afrikanische Populationen sind insgesamt charakterisiert durch einen tieferen Geburtskanal in Blickachse des Körpers, während Populationen amerikanischer Ureinwohner das andere Extrem aufweisen mit einem eher seitlich-ovalen Geburtskanal (quer zur Blickachse des Gesichts). Asiatische und europäisch-nordafrikanische Populationen zeigen demgegenüber eher eine Morphologie, die zwischen diesen beiden Extremen angesiedelt ist.
Original: Sub-Saharan African populations are overall characterized by a deeper birth canal in the anterior-posterior direction, throughout the three planes (inlet, midplane, and outlet), while Native American populations fall at the other extreme of variation with a more transversally wide canal. Asian and European/North African populations show an intermediate morphology.

Allerhand neue Befunde, die zu weiterer Ursachenforschung aufrufen. Wir alle - außer den Kaiserschnitt-Babies - sind einmal diesen Weg gegangen.

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  1. Weltweit verschiedene Geburtskanäle bergen Gefahren für das Kind, 26.10.2018, https://www.bluewin.ch/de/news/wissen-technik/geburtskanaele-von-frauen-je-nach-herkunft-sehr-unterschiedlich-164436.html
  2. Neue Studie rüttelt an der alten Theorie vom Geburtsdilemma. Oktober 2018, http://antropus.de/Becken-und-Geburtskanal-sind-keine-Anpassung-an-den-aufrechten-Gang.artikel
  3. Stallmach, Lena: Die Evolution lässt einem gebärenden Becken womöglich doch mehr Spielraum. Oktober 2018, https://www.nzz.ch/wissenschaft/wirkt-die-evolution-einem-gebaerfreudigen-becken-doch-nicht-entgegen-ld.1430676
  4. Lia Betti, Andrea Manica: Human variation in the shape of the birth canal is significant and geographically structured. Published 24 October 2018.DOI: 10.1098/rspb.2018.1807, http://rspb.royalsocietypublishing.org/content/285/1889/20181807

Freitag, 8. August 2008

Der „infizierte Volkskörper“, die „kranke Kirche“

2. Beitrag zum Thema „Beeinflussen Krankheitsgefahren die Religions- und Gruppenpsychologie?“ 

Mit dem Beitrag „Religions- und Gruppenpsychologie vom Parasitenbefall beeinflußt?“ wurde ein Themenbereich angerissen, der – wie man erst bei näherer Beschäftigung merkt - unwahrscheinlich spannend und vielschichtig ist, und der zu vielen weiteren Gedankengängen Anlaß gibt. Schon die in den drei angeführten Originalartikeln zitierte Forschungs-Literatur der letzten Jahre, von denen die drei Artikel ihren intellektuellen Absprung nahmen, bietet eine ganze Fülle von Einblicken und Sichtweisen, die für viele Menschen heute noch ganz neuartig sein werden. Man sollte meinen, daß man als Wissenschafts-Journalist über diese Dinge doch gar nicht besonders gut berichten kann, wenn man nicht zuvor auch Einblick genommen hat in wenigstens einige der dort zitierten voraufgegangenen Studien und gedanklichen Ansätze. Denn sonst kommt man doch gar nicht zu einer einigermaßen gültigen Abschätzung dahingehend, was hier eigentlich insgesamt überhaupt „los“ ist. Sonst berichtet man doch nur „floskelhaft“ und mit ein paar witzigen Bemerkungen, die oft gar nicht zum Thema gehören, über ansonsten „isoliert“ dastehende Forschungsergebnisse, deren wirkliche Bedeutung erst aus dem größeren Zusammenhang der derzeitigen Forschungsliteratur heraus versteh- und nachvollziehbar wird. Es soll im folgenden versucht werden, diese Zusammenhänge etwas detaillierter herauszuarbeiten.

„Einwanderer“, „Fremde“, „Fremdkörper“, „Immigranten“

Wenn wir uns mit den Immunsystemen, den Krankheits-Abwehr-Systemen bei Tieren und Pflanzen beschäftigen, dann drängt sich uns ganz von selbst das Bild auf von Gemeinschaften von Zellen, die einander genetisch und „kulturell“ (also aufgrund äußerer Lebensumstände) sehr „nahe stehen“ (um das mindeste zu sagen), und die sich gegenseitig verteidigen gegen „Einwanderer“, „Fremde“, „Fremdkörper“, „Immigranten“. Und zwar die sich verteidigen gegen solche „Fremdkörper“, die dazu angetan sind, den „eigenen“ Gesamtorganismus, den Zellverband zu schädigen oder ganz zu zerstören. Dabei ist uns ja heute aus der Medizin sehr genau bekannt, daß das Immunsystem nicht „wahllos“ alles „Fremde“ bekämpft, sondern dem Organismus nützliche oder ihm zumindest nicht schädliche „Fremdkörper“ toleriert. So haben der menschliche Körper insgesamt und auch einzelne Organe in ihm vor allem "Kontaktbereiche", „Eingangsbereiche“, „Empfangsbereiche“, „Vorhöfe“, „Durchgangsschleusen“, in denen sich je eigene „Floren“ von tolerierten „Einwanderern“ angesiedelt haben, in denen aber das Immunsystem zugleich – wie bei sehr scharfen „Grenzkontrollen“ – unablässig tätig ist, um schädliche „Einwanderer“ herauszufiltern und zu eliminieren. Sehr oft, wenn das Immunsystem hier Fehler macht, sterben wir oder müssen unerträgliche Schmerzen erleiden. Wir sind dann schlicht - „krank“. Die Vielfalt und Häufigkeit der Vertreter einzelner Arten unter diesen „tolerierten Einwanderern“ sind nun jeweils ganz spezifisch für eine Pflanzen- und Tierart, sie gehören also zur spezifischen „Identität“, Eigenart der jeweiligen Pflanzen- und Tierart dazu. Ja, sogar jeder Mensch, sogar jede menschliche Familie, jede lokale Menschengruppe (Stamm, Volk) sind an diesen jeweils tolerierten „Mikrofloren“ auf und in ihren eigenen Körpern wie an einem „Fingerabdruck“ individuell erkenn- und unterscheidbar. (1) Allerdings konnte dieser Fingerabdruck über viele Jahrtausende hin höchstens grob (und oft nur halbbewußt) „gerochen“, „geschmeckt“, "getastet" oder gar - in manchen Auswirkungen zumindest – „gesehen“ werden. Die modernen Techniken der effektiven Gensequenzierung erlauben aber seit einigen Jahren eine Erforschung dieser Mikrofloren in einem Ausmaß und in einer Differenziertheit wie das noch nie zuvor in der Menschheitsgeschichte möglich gewesen ist (1).

Nützliche oder nicht schädliche „Immigranten“ werden toleriert

Und dadurch wird auch bekannt, wie wenig eigentlich bislang über diese Mikrofloren bekannt gewesen ist, wie oberflächlich unser Wissen über diese bislang noch gewesen ist, obwohl wir doch glaubten, durch die medizinische Forschung darüber schon so viel zu wissen. (1) Jeder einzelne Mensch, jedes Tier, seine Haut, sein Mundbereich, sein Magen- und Darmbereich, sein Ausscheidungsbereich stellen jeweils ganz einzigartige „Biotope“ dar, Lebensräume für eine Fülle von nützlichen oder zumindest nicht schädlichen Organismen-Arten (1): Bakterien, Viren, Pilze und andere (Arthropoden, Mikroparasiten, Makroparasiten). (2) Wenn wir zu Leichen geworden sind und begraben worden sind, werden wir von Insekten und Würmern zerfressen. Aber schon seit unserer Geburt leben viele Lebewesen auf und in unseren Körpern und sie zerfressen uns nur deshalb nicht, weil unser Immunsystem so tatkräftig und rund um die Uhr Abwehr leistet. Ein Mensch ohne Immunsystem ist ein toter Mensch oder muß in einer völlig sterilen Umgebung leben. All diese Dinge machen wir uns viel zu selten klar. Die den menschlichen Körper besiedelnden Bakterienarten werden beispielsweise dominiert von Bakterien aus vier von den mehr als 50 auf der Erde existierenden Bakterien-Stämmen, während die Artenvielfalt der Bakterien anderer Tierarten eine andere Zusammensetzung aufweist. (2) Diese Artenvielfalt der jeweiligen, vom eigenen Körper tolerierten Organismen-„Kolonien“, der „Biofilme“ ist also wie ein persönlicher Fingerabdruck. (1)

Antibiotika 

Bekanntlich werden diese Mikrofloren sehr stark zerstört, wenn wir ein „Antibiotikum“ nehmen. Sie müssen nach dem Ende der Einnahme jeweils wieder neu aufgebaut werden. Antibiotikum verschreibt uns der Arzt dann, wenn er den Eindruck erhält, daß das Immunsystem aus eigener Kraft es nicht mehr schafft - oder nicht mehr schnell genug schafft -, schädliche „Eindringlinge“ von nicht schädlichen zu unterscheiden und zu eliminieren. Auch verschiedene Pflanzen und scharfe Gewürze wirken „antibiotisch“ und schon Schimpansen fressen bestimmte antibiotisch wirkende Pflanzen, wenn sie krank sind. Und in südlicheren Ländern oder auch in Nordasien, in denen entweder die Vielfalt der Infektionskrankheiten höher ist und/oder die Immunsysteme der Menschen anders ausgestattet sind, essen die Menschen in der Regel schärfere Gerichte als die Menschen in den nördlicheren Ländern, was neuerdings auch von der Wissenschaft mit ihrer antibiotischen Wirkung in Zusammenhang gebracht wird. (Da liegen wohl noch viele spannende Zusammenhänge im Dunkeln, die gegenwärtig nach und nach erforscht werden.)

Der Mensch als Überträger und Verbreiter

Nun ist natürlich seit etwa zweihundert Jahren, seit den immer intensiver werdenden Forschungen mit Mikroskopen, ebenso klar, daß Menschen selbst (wie andere Tier- und Pflanzenarten) nicht nur Träger, sondern auch Über-Träger, Verbreiter von nicht schädlichen oder nicht nützlichen, sowie schädlichen und nützlichen Arten-Vertretern in Mikrofloren sind. Und im Zusammenhang dieser Tatsache wird plötzlich die menschliche Gruppenpsychologie relevant und bedeutsam, die auf diese Tatsache nämlich – scheinbar – reagiert, bzw. wahrscheinlich sogar evoluiert ist in unbewußter oder halbbewußter Wechselwirkung mit den Selektions-Vorgängen in den menschlichen Mikrofloren auf der rein physiologischen Ebene. Man kann das als ungeheuer spannend empfinden. So ist zunächst bekannt – auch erst seit zweihundert Jahren – daß frühe, leichte „Infektionen“ mit schädlichen Fremdkörpern (z.B. durch Impfen oder andere Übertragungen, etwa von der Mutter auf das Kind oder auch durch Kontakte mit dem „Schmutz“ der Umgebung, die deshalb gar nicht einmal so ganz unwichtig sind), daß durch solche der Organismus, der Körper ein dauerhaftes, lebenslanges „immunbiologisches Gedächtnis“ aufbaut, ein Gedächtnis zur schnellen, effektiven Erkennung schädlicher oder sehr schädlicher Fremdkörper.

Der „infizierte Volkskörper“, die „kranke Kirche“

Wenn man nur all diese Dinge und Tatsachen nennt, so ist ja schon geradezu unverkennbar, unübersehbar, wie sehr man sich schon von der Rhetorik, von den „Bildern“ her, von den sich unwillkürlich aufdrängenden „Metaphern“ her ehemaligem, vergangenem „völkischen“, „nationalen“, „rassistischen“, „konfessionellen“, politisch-ideologischem, „ethnischem“, religiösem Denken annähert. In diesem ehemaligen, „traditionellen“ Denken begriff man „den Volkskörper“, „die Nation“, „die Rasse“, „die Kirche“, „das Vaterland aller Werktätigen“, „gods own country“, die Abendmahls-Gemeinschaft, die „heilige Gemeinde“ als jenen schützenswerten Organismus, der gegen „Verunreinigung“, gegen „Infizierung“, gegen „Fremdes“, „Ketzerisches“, „Krankes“, „Krankheits-Übertragendes“ geschützt werden müßte. Gegen „Unterwanderung“. Und so vieles mehr. (Ich könnte mir übrigens vorstellen, daß Edward O. Wilson darüber in seinem neu angekündigten Buch "Superorganisms" manches schreiben könnte. Es paßt jedenfalls hervorragend zu dieser Thematik.)

Und wenn man weiterdenkt, dann kann man sich ja auch tatsächlich die heute vorherrschende Ideologie des „Es gibt keine Unterschiede“, die Ideologie des „Alles muß toleriert werden“ als eine Ideologie verdeutlichen, die dem bewußten Abbau vormals in Kraft gewesener „Immunisierungs-Strategien“, Abwehr-Strategien, Überlebens-Strategien von Kulturen und menschlichen Gemeinschaften diente. Und abgebaut wurden diese deshalb, weil die menschlichen Gemeinschaften im 20. Jahrhundert aufgrund der hoffnungslosen, materialistischen, atheistischen Übertreibung dieser Strategien sich gegenseitig bis zur Existenzvernichtung, bis zum Genozid selbst schädigten und vernichteten.

Wenn man aber noch einen Schritt weiter denkt, so wird einem vielleicht bald deutlich, daß man auch in diesem „neuen“ gesellschaftlich-psychologischen Klima von heute beobachten kann, wie die alten Mechanismen – wenn auch vielleicht oft auf etwas verborgenere Weise – in Kraft bleiben, wie sie fortwirken, wie Gruppen ihre Abwehrstrategien heute vielleicht nur nicht mehr in ganz so unverhohlen „medizinischer“ Sprache formulieren und vor sich selbst und anderen rechtfertigen, sondern vielleicht oft nur die Sprache – politisch korrekt – ändern. Aber auch ein Jürgen Habermas weiß ja diese Sprache zu benutzen, wenn er von „gesellschaftlichen Pathologien“ spricht. Und diese Sprache ist wohl auch gar nicht sinnvoll zu umgehen.

Menschliche Gruppen unterscheiden sich immunbiologisch, verdauungsenzymatisch

Denn nun kommt die Wissenschaft daher und sagt: Diese alte menschliche Rhetorik, die Metaphern waren gar nicht nur „Rhetorik“, waren gar nicht nur Metaphern, sie drückten etwas aus, das real vorhanden war und immer noch vorhanden ist: Menschliche Gruppen unterscheiden sich immunbiologisch und verdauungsenzymatisch sowohl auf strikt genetischer Ebene (etwa schon in den Genen, die das Immunsystem steuern, den MHC-Genen, den Milchzucker-Verdauungsgenen, Alkohol-Verarbeitungs-Genen etc. pp.), wie auch auf der Ebene der Übertragung von „immunbiologischen Gedächtnissen“ (die ja so eine Art „Prägevorgang“ ist). Und unsere Gruppenpsychologie ist von diesen Tatsachen offenbar auch sehr stark mitbestimmt und mitbeeinflußt – und zwar weniger auf rein bewußter Ebene, sondern eher halb- und unbewußt. Besonders drastisch werden diese Zusammenhänge ja auch heute noch immer wieder dann vorgeführt, wenn Menschen aus sehr weit fortgeschrittenen, komplex-arbeitsteiligen Gesellschaften mit hoher Bevölkerungsdichte und hohen innergesellschaftlichen Begegnungsraten auf kleine Menschengruppen oder auf Gesellschaften treffen, die Jahrtausende lang isoliert von der Begegnung mit „fremden“ Menschen und Gesellschaften gelebt haben. Der Beispiele dürfte es hier unzählige geben und es wäre noch die Frage, ob sie von der Wissenschaft schon einmal umfangreicher gesichtet und aufgearbeitet worden sind. Darüber müßte man spannende Geschichte schreiben können.

Genozidale Gruppenbegegnungen aufgrund immunbiologischer Unterschiede

Nur ein paar besonders deutliche und drastische: Als die christlichen, spanischen und portugiesischen Eroberer in Mittel- und Südamerika die dortigen Großreiche stürzten am Anfang des 16. Jahrhunderts, da waren es ja gar nicht allein ihre Waffen, ihre paar Vorderlader, ihre wenigen Kanonen, ihre Pferde und ihre Eisenrüstungen, die das zustande brachten, sondern das, was sie auf und unter ihrer Haut mit sich herumtrugen: ihr immunbiologisches Gedächtnis und jene Krankheitskeime, an die sich ihr immunbiologisches Gedächtnis schon längst seit vielen Generationen in der europäisch(-asiatisch)en Geschichte angepaßt hatte. Aber die Körper der Ureinwohner Mittel- und Südamerikas besaßen zu jenem Zeitpunkt dieses immunbiologische Gedächtnis nicht. Und sie starben - - - „wie die Fliegen“, zu Millionen von Menschen an ansteckenden Krankheiten, an Krankheiten, die Europäer schon damals zu den „Kinderkrankheiten“ zählten, die schon damals für Menschen in Europa kein Problem mehr darstellten. Der Grund war einfach, daß ihre Körper erst ein immunbiologisches Gedächtnis zur Abwehr dieser Krankheiten aufbauen mußte, und daß diese Körper dazu zunächst einmal mit diesen neuen Krankheitsgefahren „konfrontiert“, „infiziert“, „kontaminiert“ werden mußten. Der Erstkontakt mit diesen Krankheiten wirkte sich deshalb so verheerend aus auf die Großreiche und Völker Mittel- und Südamerikas aus, weil die Immunabwehr der Menschen nicht schnell und effektiv genug das neue Schädliche von dem neuen Nützlichen zu unterscheiden wußte. Und es kam zu einem weltgeschichtlich einzigartig schnellen Bevölkerungsrückgang, Bevölkerungszusammenbruch in den genannten Jahrzehnten in Mittel- und Südamerika. Erst nach einigen Generationen hatten die Überlebenden dann einen immunbiologischen Schutz gegen die neuen, von den Europäern eingeführten Infektionskrankheiten erworben und aufgebaut, der ihnen bis heute das Überleben garantiert hat. Die anderen waren aufgrund ihres unzureichend arbeitenden Immunsystems (zumindest in einer Umwelt, die von Europäern "infiziert" war) schon zu Lebzeiten zu - bildlich gesprochen - abwehrlosen „Leichen“ geworden. Aber dieser fehlende immunbiologische Schutz ist einer der größten Gefahren bis heute geblieben für Völker, die bislang isoliert und „unberührt“ (Nomen est omen!) zurückgezogen in Urwäldern oder abgelegenen Kontinenten oder Inseln lebten und leben. So hat die indische Regierung etwa schon seit vielen Jahren das Betreten der berühmten Andamanen-Inseln im pazifischen Ozean schlichtweg jedem Menschen verboten, auch Regierungsbeamten, da jeder Mensch allein durch seine menschliche Nähe, etwa durch ein Niesen oder Husten zur „tödlichen Waffe“ werden kann für einen Bewohner der Andamanen-Inseln. Er kann ihn durch ein einfaches Händeschütteln - bildlich gesprochen - zur „Leiche“ verwandeln. Christliche Missionare der letzten Jahrhunderte haben also Völker oftmals viel weniger mit dem „Virus des Glaubens“ „infiziert“, „kontaminiert“ oder „geimpft“, sondern vor allem erst einmal mit den Viren, die sie auf und unter ihrer Haut mit sich herumtrugen. Und das ist ja auch einer der Hauptgründe, weshalb Impfprogramme in den Ländern der Dritten Welt und insbesondere inzwischen bei "erstkontaktierten" Stämmen als so notwendig erkannt worden sind.

Gruppen dürfen - auch immunbiologisch - nicht „den Anschluß verpassen“ 

Und aus diesen wenigen Tatsachen und Überlegungen kann man schon allerhand Schlußfolgerungen ziehen. Es könnte für menschliche Gruppierungen, die langfristig in der Evolution überleben „wollen“, vorteilhaft sein, sich nicht in gänzliche Isolation von anderen Gruppen zurückzuziehen, weil sie sich dadurch allein schon auf immunbiologischer Ebene gefährden könnten, den Anschluß an „die neueren Entwicklungen auf diesem Gebiet“ verpassen könnten. Und hier etwa setzen nun die neueren Überlegungen auf dem Gebiet der Erforschung der Koevolution von menschlichem Immunsystem und menschlicher Gruppenpsychologie ein. (etwa: 3, 4, sowie voriger Beitrag) Diese Forschungen gehen von der Tatsache aus, daß es nicht nur eine graduelle Verteilung von Gruppenintelligenz-Unterschieden von Süd nach Nord auf der Erde gibt, nicht nur eine graduelle Verteilung von Artenvielfalt von Süd nach Nord, sondern auch eine ebensolche Verteilung in der Vielfalt von Infektionskrankheiten und der sie hervorrufenden Mikroorganismen-Arten, der Erreger. Am Äquator herrschen viel mehr Infektionskrankheiten vor als in den nördlicheren Breiten. Und dies wird derzeit vor allem auf die dortige höhere Niederschlagsmenge zurückgeführt. (2) Und deshalb glauben die Forscher, davon ausgehen zu dürfen, daß die Gruppenpsychologie der Menschen am Äquator konformistischer ist, während die Gruppenpsychologie der Menschen in den nördlicheren Breiten individualistischer ist. Konformistisch heißt: weniger tolerant gegenüber Fremden. In sich abgeschlossenere Gruppen. Stärkere (unbewußte) Furcht vor "Kontamination" durch Gruppenfremde.

Was ist Ursache, was ist Wirkung?

Und doch wollen einem diese Erklärungen und viele weitere Hypothesen und Schlußfolgerungen so isoliert für sich genommen noch als zu einfach und schlicht anmuten. Warum gibt es dann zum Beispiel auch in Nordasien so deutlich konformistische Gesellschaften? Oftmals weiß man noch nicht, was eigentlich Ursache und was Auswirkung ist und ob nicht Auswirkungen eigentlich die Ursachen und die Ursachen die Auswirkungen sind. Kann nicht auch eine andere vorherrschende gesellschaftliche Psychologie zu Auswirkungen auf das Immunsystem führen über psychosomale Zusammenhänge? Hier wird es in den nächsten Jahren sicherlich noch viele Überraschungen geben. Aber daß hier Zusammenhänge vorliegen, scheint inzwischen doch überaus plausibel, wenn man alles in allem nimmt, wenn man sieht daß Gruppenvielfalt und Krankheitsvielfalt über einen Süd-Nord-Gradienten miteinander korreliert. Und sie sind es sicherlich wert, auf vielen verschiedenen Funktions-Ebenen (etwa physiologisch, individualpsychologisch, gruppenpsychologisch) und nach vielen verschiedenen Richtungen hin weiter verfolgt zu werden. Klar geworden sein sollte jedenfalls, daß dieses Thema eine Fülle von Implikationen bereit hält, die durch oberflächliche Wissenschafts-Berichterstattung auch nicht im Leisesten angedeutet oder gar ausgeschöpft werden. Gründlichere Beschäftigung kostet Zeit, Fleiß und Geld. - Welche „Bakterien“ und "pathologischen" Verhältnisse mögen dafür verantwortlich sein, daß man all das selten ausreichend beeinander hat?!! ;-) … .................................

Ergänzung (10.8.): Lars Fischer hat auch grad zwei lesenswerte Artikel über Parasiten, allerdings in etwas anderem Zusammenhang geschrieben. (1, 2)

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Benutzte Literatur (außer der schon im vorigen Beitrag genannten Literatur): 

  1. Dethlefsen, Les u.a.: An ecological and evolutionary perspective on human-microbe mutualism and disease. In: Nature, Vol. 449, 18.10.2007 
  2. Guernier, Vanina u.a.: Ecology Drives the Worldwide Distribution of Human Diseases. In: PLoS Biology, Vol. 2, June 2004 
  3. Navarrete, Carlos David; Daniel M.T. Fessler: Disease avoidance and ethnocentrism: the effects of disease vulnerability and disgust sensitivity on intergroup attitudes. In: Evolution and Human Behavior 2006 
  4. Schaller, Mark; Damian R. Murray: Pathogens, Personality, and Culture: Disease Prevalence Predicts Worldwide Variability in Sociosexuality, Extraversion, and Openness to Experience. In: Journal of Personality and Social Psychology. Vol. 95, 2008

Mittwoch, 13. Februar 2008

Zu welchen Anteilen stammen die aschkenasischen Juden von deutschen Frauen ab?


Zu Jon Entine - "Abraham's Children" (2007)


Das Buch von Jon Entine "Abraham's Children - Race, Identity, and the DNA of the Chosen People" (2007) ist eine etwas zeitaufwendigere Lektüre (400 Seiten). (siehe auch Stud. gen. 1, 2, 3) *) Ich habe alle Kapitel gründlicher durchgesehen und hoffe, nichts Wesentlicheres übersehen zu haben. Schon von Entine's Buch "Taboo" aus dem Jahr 2000 kann einem bekannt sein, daß bei Entine an den unauffälligsten Stellen die interessantesten Dinge stehen können, während er andererseits wohl als ein Autor bezeichnet werden darf, der sehr redselig schreiben kann, wobei dann nicht immer alles auf dem gleichen Niveau intellektueller Reflektiertheit stehen muß, was er schreibt.

Aber auch wenn dieses neue Buch wieder viele Anekdoten und Anekdötchen enthält, so möchte ich doch meinen, daß es kaum eine wesentliche "take away"-Botschaft vermittelt, die man nicht schon aus anderen Büchern und Veröffentlichungen hätte mitnehmen können. Freilich hat Entine erfreulicherweise einen schönen neuen Überblick gegeben, in dem fast jeder wesentliche Aspekt des Themas und fast jeder bedeutendere beteiligte Wissenschaftler bei der Erforschung des Themas wenigstens einmal irgendwo erwähnt worden ist. Auch die dazu gehörige wissenschaftliche Literatur ist dann jeweils genannt.


Eine gehörige Portion Stolz

Ganz ohne Zweifel spielt eine gehörige Portion Stolz mit, wenn Jon Entine - selbst kaum noch gläubiger Jude - die Geschichte seines Volkes vom genetischen Standpunkt aus "rekapituliert". So finden sich beispielsweise über das ganze Buch verteilt gleich drei Fallbeispiele von Menschen, die bis vor kurzem gedacht hätten, sie wären Nichtjuden, und die aufgrund von DNA-Tests herausbekommen haben, daß sie genetisch (auch) von Juden abstammen.

Badische Weinkönigin 2007/2008 - Andrea Köninger (Bildmitte)

Sicherlich war das im Dritten Reich und anderswo ziemlich nachteilig, derartiges herauszubekommen. Aber warum Jon Entine so geneigt ist, solche Einzelfälle so besonders herauszustellen, kann ich mir nur mit einem gewissen Stolz auf sein eigenes Volk und dessen "besondere" Genetik erklären.

Da ist der mexikanische, im wesentlichen spanisch-stämmige katholische Priester William Sanchez in Santa Fe (S. 13 - 25), der, nachdem er den jüdischen "Priester-Haplotyp" ("Cohanim-Haplotypen") auf seinem Y-Chromosom festgestellt hat (mithilfe der Firma "Family Tree DNA"), laut Entine so einigermaßen stolz äußert: "Being a priest runs in my family." Und dazu weiß dann Entine noch allerhand anderes zu zitieren und zu formulieren. Es scheint, als stamme Sanchez zusammen mit vielen weiteren spanisch-stämmigen Mexikanern in seiner Verwandtschaft von "Krypto-Juden" ab, die wegen der katholischen Inquistition gegen die spanischen Juden in früheren Jahrhunderte ihr Judentum verleugneten, bzw. nach Nordmexiko geflüchtet sind und dort ihre jüdische religiös-kulturelle Identität schrittweise - aber bis heute nie vollständig - verloren hatten. Aber auffällig häufen sich auch in diesen Familien die typisch jüdischen Erbkrankheiten wie Brustkrebs und andere.


Da ist der katholische, polnisch-stämmige Rechtsanwalt Cezary Fudali aus Ottawa in Kanada, der mit Hilfe der Firma "Family Tree DNA" herausbekommt, daß er nicht (nur) von Polen abstammt, sondern daß seine Großmutter als Kind einer jüdischen Mutter von Polen adoptiert worden war. (S. 267 - 269) - Ein streng gehütetes Familiengeheimnis bis vor wenigen Jahren. Und nun fragt sich dieser Rechtsanwalt laut Entine: "Is there a god for me?" Als wäre es selbstverständlich, daß wenn man jüdische Gene hätte, man auch eine besonderen Bezug zum jüdischen Gott hätte oder haben müsse. Die Selbstverständlichkeit, mit der Entine solche Überlegungen wiedergibt, leuchtet mir nicht so ganz ein, zumal doch Entine selbst sich gar nicht mehr als gläubig ansieht. Aber den überkommenen jüdischen Gott scheint er mit viel Liebe zu betrachten und er scheint ihn doch auch heute noch - "irgendwie" - für wichtig zu halten und stolz auf ihn zu sein. (Manchmal genügt für die Wahl einer Religion vielleicht wirklich nur "Nationalstolz" und Patriotismus? ...) (Das ist ungefähr so, als wäre man als Deutscher stolz darauf, wenn man feststellt, daß man - wohlgemerkt: in männlicher Linie - von irgendeiner germanischen Wotans- oder Odins-Priesterschaft abstammen würde und von daher plötzlich einen "neuen Gott" für sich entdecken würde ...)

Da ist die berühmte Gen-Pionierin Marie-Claire King, die im Jahr 1990 das erste Brustkrebs-Gen entdeckte, ausgerechnet jenes, das so viel Unheil gerade im jüdischen Volk anrichtet. Die genetischen Forschungen an ihrer eigenen Person bringen zu ihrer Überraschung auch jüdische Gene zum Vorschein, wiederum ein streng gehütetes Familiengeheimnis. In den bei solchen Dingen oft etwas schwülstig erscheinenden Worten von Jon Entine hätte sie entdeckt die "Jewish American Princess" in sich ... (S. 282 - 289).

Erbkrankheiten aufgrund von Intelligenz-Evolution?

Diese "besondere" "jüdische Genetik" - das verschweigt Entine keineswegs, sondern diskutiert es breit - bringt also auch eine nicht selten sehr heftige familiäre Häufung von schweren Erbkrankheiten mit sich. In der eigenen Familie von Jon Entine beispielsweise sind gleich mehrere nahestehende Verwandte an Brustkrebs und ähnlichen Krankheiten oft schon in frühem Lebensalter gestorben, wie er berichtet.


Da muß es einen Wissenschafts-Interessierte wie Jon Entine natürlich besonders interessieren, wenn im Jahr 2005 diese besondere Häufung von bestimmten Erbkrankheiten im jüdischen Volk erklärt wurde durch eine parallele Anhäufung von Intelligenz-Genen in demselben. Denn auch bezüglich vieler anderer Erbkrankheiten nimmt man inzwischen "stabilisierende Selektion" für diese an, wenn sie in einer größeren Häufigkeit in einer Population vorkommen, das heißt, sie können nicht nur nachteilig für diese Population gewesen sein, sondern müssen mit irgendwelchen Vorteilen verbunden, an Vorteile gekoppelt gewesen sein, sonst wären sie nicht so weit verbreitet. Die diesbezügliche Theorie von Cochran und Harpending, die auch schon mehrmals hier auf dem Blog diskutiert wurde, war sicherlich der Hauptauslöser zum Schreiben und Veröffentlichen dieses neuen Buches von Jon Entine.

Die neue "Rasseforschung" in der Humangenetik

Dieses Buch ist also eine große Sammlung von "Geschichten, die das Leben schrieb", die die Wissenschaft schrieb, und die die Weltgeschichte (bzw. Humanevolution) selbst schrieben. Der Autor hat "Dutzende" von Humangenetikern weltweit zur Thematik gesprochen und interviewt. So wird zum Beispiel viel Raum gegeben den persönlichen Geschichten der Humangenetiker, die den jüdischen "Priester-Haplotypen" entdeckten. Diese Geschichten werden geradezu "zelebriert", wie mir scheint, und was mir wiederum sehr auffällig vorkommt. "Blut" scheint für Jon Entine immer noch "ein ganz besonderer Saft" zu sein, insbesondere wenn es sich um jüdisch-orthodoxe Priester handelt.

Aber erst aus einer ganz anderen als aus der bloß auf alles "Jüdische" fokussierten Lese-Perspektive heraus könnte man, wie ich meine, die wirkliche Bedeutung dieses Buches erkennen. Meiner Meinung sollte es gar nicht in erster Linie als eine populärwissenschaftliche Berichterstattung über die derzeitige humangenetische Erforschung des jüdischen Volkes gelesen werden, sondern viel grundlegender als ein Buch über die modernen humangenetischen Forschungen überhaupt, wobei das jüdische Volk nur als ein gutes Anschauungsbeispiel dient und es deshalb durchaus sinnvoll ist, daß es im Mittelpunkt der Darstellung steht.

Aber ebenso wie schon in seinem Buch "Taboo" ist Jon Entine keineswegs nur an der Humangenetik des jüdischen Volkes interessiert. Sie dient ihm im Grunde nur als Aufhänger, um überhaupt grundlegende Fortschritte auf dem Gebiet der Humangenetik zur Darstellung zu bringen. Und darin liegt meiner Meinung nach die unbestreitbare Stärke seines neuen Buches. Denn zu dieser Thematik gibt es noch wenig populärwissenschaftliche Darstellungen. Am ehesten könnte noch Nicholas Wade's "Before the Dawn" genannt werden.


Im Kapitel 11 ab Seite 250 wird es zum Beispiel besonders interessant, wenn die Frage gestellt wird, ob es eine Zukunft der naturwissenschaftlichen Erforschung menschlicher Rassen und Völker geben wird. Und die Darstellung kommt - natürlich - zu dem Ergebnis, daß dem so sein wird, da alle derzeitigen humangenetischen Forschungen mehr oder weniger zwangsläufig darauf hinauslaufen. Hier bringt Jon Entine viele neue und nützliche Erläuterungen und Erklärungen.

Alle wichtigen Meilensteine zur Thematik werden behandelt: Die Forschungen des amerikanisch-jüdischen Anthropologen Franz Boas und seiner Schule, dann die Forschungen des italienischen Humangenetikers Luigi Lucca Cavalli-Sforza ("Human Genome Diversity Project") und schließlich von Humangenetiker Spencer Wells ("Genographic Project"). Sodann die Verkündung von führenden Humangenetikern (Francis Collins und Craig Venter) im Jahr 2000, daß man "Rasse" im menschichen Genom nicht finden würde. Und gleich darauf die Nennung und Zusammenstellung der Tatsachen und Argumente, die genau diese Behauptung als so wertlos und ganz und gar mißverständlich erkennen lassen.

Sodann wird das "Haplotype Map Project" erläutert. Und die aktuelle Einsicht der Verantwortlichen dieses Projektes, die Einsicht, die sich unter Humangenetikern weltweit ausbreitet:
"Each 'race and even ethnic groups within the races' have their own collection of diseases and specific reactions to drugs. They believe that environmental triggers for many common disorders, from cancer to asthma, that have no effect on one population group could devastate another. That's the explanation for many 'Jewish diseases'. ..." (S. 264f)
Die Entdeckung des ersten Brustkrebs-Gens durch die Humangenetikerin Mary-Claire King im Jahr 1990 wird breit geschildert, wie schon erwähnt, da dieses Brustkrebs-Gen besonders unter aschkenasischen Juden weit verbreitet ist. Die Erforschung der Tay-Sachs-Erbkrankheit, die ebenfalls überdurchschnittlich unter aschkenasischen Juden verbreitet ist, wird erläutert.

Angeborene Volks- und Rasseeigenschaften psychischer Art?

Und dann wird die Frage gestellt:
"There is grudging acceptance that the founder effect and genetic bottlenecks that result in 'ethnic' diseases may also contribute to group behavioral patterns. But which traits have a strong genetic component? Although most talk about inborn psychological or behavioral traits among Jews and other groups is plain rubbish or loose speculation, maybe not all of it is."
Sodann wird natürlich die schon erwähnte Cochran/Harpending-These zur "Naturgeschichte der aschkenasisch-jüdischen Intelligenz" aus dem Jahr 2005 erläutert. Und sodann werden die Forschungen des kalifornischen Psychologen Kevin MacDonald - allerdings eher in der Form einer herabsetzenden Karrikatur (siehe St. gen.) - nachgezeichnet.

Ruth, die hilfsbereite Nichtjüdin

Aber die entscheidende Neuerkenntnis für mich aus diesem Buch liegt gar nicht einmal in humangenetischen Erkenntnissen selbst, die referiert und diskutiert werden, sondern in der ganz erstaunlich anmutenden Möglichkeit einer orthox-religiös-jüdischen Interpretion derselben. Nämlich die sich abzeichnende Möglichkeit, daß etwa grob 40 % der Vorfahren der heutigen aschkenasischen Juden weltweit weibliche Mitteleuropäerinnen, sprich höchstwahrscheinlich deutsche Frauen vom Rhein (vielleicht aus der Zeit Karls des Großen - davor oder danach) waren, diese Tatsache also wird biblisch mit der Erzählung über "Ruth" religiös eingeordnet.


Ruth war laut Bibel eine Nichtjüdin, die ihrer jüdischen Schwiegermutter auch dann noch half, als die eigenen Töchter ihre eigene Mutter (sprich Ruth's Schwiegermutter) in der Gefahr schmählich im Stich ließen und das Weite suchten. Ruth hingegen half ihr sogar dann noch, als ihre Schwiegermutter sie bat, zu ihrem eigenen Volk zurückzukehren, da ihr Mann (also der Sohn der Schwiegermutter) gestorben war. Ja, Ruth ließ sich dann sogar willig an einen weiteren jüdischen Verwandten ihres ersten Mannes weiterverheiraten.

Auf dieses Tun blickte Jehova, wie es scheint, mit großem Wohlgefallen. Und alle Nachkommen von "Ruth" (immerhin 80 % der heutigen Juden) werden "deshalb" auch heute nach den neuesten humangenetischen Erkenntnissen noch als "Juden" gelten gelassen, selbst wenn sie in weiblicher Abstammungslinie nichtjüdische Gene in sich tragen und nach dem strengen orthodox-jüdischen Gesetz eigentlich als Nichtjuden gelten müßten. - Wie man sich diese nichtjüdischen Frauen vorstellen könnte, die die Gründerpopulation der aschkenasischen Juden am Rhein mitgebildet haben könnten, soll mit der Bebilderung dieses Beitrages angedeutet sein.

Jehova hat halt den Seinen doch allerhand Verstand mitgegeben, so daß sie sich auch noch durch die unglaublichsten wissenschaftlichen Neuerkenntnisse biblisch-religiös "hindurchwinden" können. - Oder war es doch der gesunde "Hausfrauenverstand" der deutschen Frauen vom Rhein gewesen, nicht der von Jehova mitgegebene? Nun, das wollen wir alles künftig noch genauer herausbekommen! ;-)

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*) Der Grund für die Auswahl der Bebilderung findet sich in den beiden letzten Absätzen dieses Beitrages genannt.

Mittwoch, 23. Januar 2008

Es wird spannend ... Die Gen-Revolution landet in unseren Wohnzimmern

Was weißt Du über Dich? -
Für 1.000 Euro kannst Du mehr wissen!


Die Gen-Revolution geht zügig voran. Für 1.000 Euro kann man sich umfangreiche Informationen über seine eigene genetische Ausstattung zusenden lassen, sowohl zu erblich bedingten Krankheits-Neigungen als auch - offenbar - zur anteilmäßigen ethnischen Zusammensetzung der eigenen Vorfahren. (Spiegel, Welt, Süddeutsche)
Das Biotech-Startup 23andMe aus den USA akzeptiert ab sofort auch Kunden aus Deutschland, sagten die Gründerinnen Anne Wojcicki und Linda Avey dem „Handelsblatt“.
Und hier geht's ab ---> 23andMe.
Ein fast identisches Angebot gibt es bei der schon vorher auch in der Wissenschaft bedeutenden isländischen Firma decodeMe.

Ich nehme an, solche Tests werden schon bald von den Krankenkassen bezahlt werden. Denn wenn ich weiß, daß ich ein erhöhtes Brustkrebs-Risiko habe oder andere Risiken, kann ich mich entsprechend vorbereitend verhalten. Ich kann sogar darauf hinwirken, daß die Forschung beschleunigt wird, wenn es noch keine oder ungenügende Behandlungs-Methoden gibt.

Ob wohl ADHS-Neigung auch getestet wird? Das würde mich zunächst am meisten interessieren ... - Auf diese Weise könnte man übrigens auch viel über den prospektiven Ehepartner erfahren ...

Sonntag, 13. Januar 2008

Einsamkeit hat medizinische Folgen

Es ist seit längerem bekannt, daß der Verlust von menschlichen Beziehungen oder ihr Nichtvorhandensein zum Teil drastische medizinische Folgen hat oder haben kann. Auch Folgen, die mit der Finanzierung des Gesundheits-Systems in Zusammenhang stehen. Das heißt: Wer den sozialen Kontakt zwischen Menschen fördert, engere, festere soziale Beziehungen tut zugleich etwas für die Gesundheit der Menschen. Vielleicht mehr als so mancher rein technische Fortschritt in der Medizin. Darauf macht neuerlich ein kurzer Beitrag in der "Frankfurter Rundschau" aufmerksam:
Diagnose Einsamkeit
Von Dr. med. Bernd Hontschik

Krankheiten tragen oft Namen, die an Ärzte erinnern, die wichtige Entdeckungen gemacht haben. Oft sind es Nobelpreisträger. So kennt jeder Arzt den Morbus Crohn, die Virchow'sche Trias oder die Einteilung von Art und Schweregrad der Herzrhythmusstörungen nach Lown. Sie sind nach dem Nobelpreisträger Bernard Lown benannt, einem der berühmtesten Kardiologen der Welt.

Sein größter Beitrag zur Heilkunde ist der Defibrillator, ohne den kaum eine Herzoperation, keine Wiederbelebung gelingen könnte. Jeder kennt dieses Gerät: Keine Arztserie ohne den dramatischen Elektroschock. Der Defibrillator hängt heute an jedem größeren Bahnhof oder Flughafen so selbstverständlich an der Wand wie Telefonapparate oder Feuerlöscher. Erstaunlicherweise hat Bernard Lown aber nicht den Nobelpreis für Medizin erhalten, sondern den Friedensnobelpreis. Die Ehrung galt der von ihm mit Evgenij Chazov gegründeten IPPNW, einer Ärzteorganisation gegen den Wahnsinn der atomaren Aufrüstung.

Vor kurzem hatte ich das Glück, den 86-Jährigen in Boston besuchen zu können, zu Hause und in seiner Klinik, in der er bis heute einmal in der Woche tätig ist. Eine seiner kurzen, nachdenklichen Bemerkungen, nebenbei gefallen in einem Gespräch über die Aufgaben des Arztes und der Medizin, fällt mir oft ein: "Ich habe mich mein ganzes Leben als Arzt mit den Krankheiten von Herz und Kreislauf beschäftigt, mit den Menschen, die herzkrank werden. Risikofaktoren, über die ständig geforscht und gesprochen wird, Cholesterin, Bluthochdruck usw., sind nebensächlich. Für das Entstehen so vieler Herz-Kreislauf-Krankheiten sind traurige, tragische Lebensumstände verantwortlich: Einsamkeit, Verzweiflung und Aussichtslosigkeit."

Warum werden solche Weisheiten so wenig beachtet? Einsamkeit kann man nicht operieren. Verzweiflung kann man nicht mit Medikamenten oder Apparaten behandeln. Und in einem Disease Management Programm, dem sich der Herzkranke und sein Arzt heute zu unterwerfen haben, hat Aussichtslosigkeit auch keinen Platz. Und wie erst sollen diese Hochrisikofaktoren auf einer elektronischen "Gesundheitskarte" abgespeichert werden?

Die Medizin konzentriert sich immer mehr und bald nur noch auf Messbares, auf Abbilder, auf Daten, auf den Menschen als technische Maschine. Der Unterschied zwischen einem kranken Menschen beim Arzt und einer defekten Maschine in der Werkstatt ist aber fundamental. Wenn die Medizin das vergisst, ist sie keine mehr.

Freitag, 14. Dezember 2007

Gruppenrechte und Genetik

Die genetischen Forschungen der letzten Jahre legen immer mehr die Möglichkeit nahe, daß ethnische und rassische Minderheiten weltweit medizinisch benachteiligt werden, wenn bei der Medikamenten-Entwicklung und der Weiterentwicklung der Behandlungs-Methoden - wie bisher - nur weiße Europäer (oder auch Japaner) berücksichtigt werden oder Versuchsgruppen, in denen wohlstandsmäßig arme Minoritäten weiterhin Minoritäten bleiben. Es stellt sich immer mehr heraus, daß gleicher medizinischer Versorgungs-Standard weltweit möglicherweise nur dadurch erreicht werden kann, daß man die besondere Genetik der jeweiligen ethnischen und rassischen Gruppen mitberücksichtigt, da ihre Genetik eben oft in bedeutsamer Weise anders ist als die anderer Gruppen. (Zum Beispiel werden selbst heute noch nach Jahrzehnte langem medizinischen Austausch in Japan 60 % andere Arznei-Mittelwirkstoffe verwendet als in Deutschland.)

Aus der Erkenntnis dieser Zusammenhänge ergeben sich natürlich eine Fülle weiterer ethischer und juristischer Fragen.

Auf den ersten Blick glaubt man, daß die Herbst-Ausgabe des "Journal of Law, Medicine and Ethics" diese Themen angehen würde, da ihr Titel lautet "Genome Justice: Genetics and Group Rights". In der Ankündigung heißt es dann weiter:
We are closer than ever before to discovering valuable knowledge about genetic disorders, their possible cures, and the origin and migration patterns of distinctive groups; however, there is much to debate as we consider the implications this research may have on studied populations. In the current symposium issue of "The Journal of Law, Medicine & Ethics", researchers reflect on the many ethical and legal issues that have arisen as a result of genomic research on populations and distinctive groups.
Angeblich soll diese Ausgabe online freigeschalten sein, ich erkenne aber nur, daß die Folge davor freigeschalten ist. Die Themen jedenfalls klingen schon spannend:
- Population Genomics and Research Ethics with Socially Identifiable Groups
Joan L. McGregor
- Genes and Spleens: Property, Contract, or Privacy Rights in the Human Body?
Radhika Rao
- Human Genetics Studies: The Case for Group Rights
Laura S. Underkuffler
- Cultural Challenges to Biotechnology: Native American Genetic Resources and the Concept of Cultural Harm
Rebecca Tsosie
- Narratives of Race and Indigeneity in the Genographic Project
Kim TallBear
- The Human Genome as Common Heritage: Common Sense or Legal Nonsense?
Pilar N. Ossorio
- Partnership in U.K. Biobank: A Third Way for Genomic Property?
David E. Winickoff
Wenn man in die "Abstracts" hineinschaut, erkennt man, daß sich die Forscher offenbar doch immer noch allzu zögerlich den eigentlichen Problemen, die eingangs angerissen wurden, stellen. Ich kann nicht erkennen, daß ein "Gruppenrecht" auf gleichwertige medizinische Versorgung weltweit vehement und robust gefordert werden würde. Aber Genaueres könnte man wohl nur sagen, wenn man tatsächlich rein schauen könnte ... (Vielleicht kann mir ja ein Leser, der an die Dinger herankommt, ein paar pdf.s schicken? ... Ähm, das Editorial und der erste Aufsatz würden mich zunächst am meisten interessieren ...)

Montag, 22. Oktober 2007

300 Krankheitsgene im Genom von Craig Venter

Wir leben in der Zeit einzigartiger humangenetischer Fortschritte.

James Watson, Entdecker der molekularen Struktur unseres Erbgutes, Schüler von Max Delbrück

Als vor fünf Wochen die vollständige Erbsequenz des Genoms des Humangenetikers Craig Venter veröffentlicht wurde, wurden viele interessante Details zum derzeitigen Wissensstand mitgeteilt (Berliner Morgenpost, 5.9.07):
Der 60-jährige Wissenschaftler gab zu, seit der Sequenzierung seines Erbguts cholesterinsenkende Mittel zu nehmen. Venters Vater war 59-jährig an einem Infarkt gestorben. Er selbst trägt, dem Erbgut nach zu urteilen, auch die Anlage für schwere Herzprobleme ohne vorherige Ankündigung in seinen Genen. Bei der Analyse des Venterschen Genoms stießen die Forscher auf über 300 Krankheitsgene und auf 4000 bislang unerforschte Varianten der 25 000 bekannten Gene des Menschen.


Die genetische Karte von Craig Venter war zuvor schon im Internet in wissenschaftlichen Foren veröffentlicht worden. Auch die Genkarte von James Watson, einem der beiden Entdecker der molekularen Struktur der Erbsubstanz, ist seit einem Vierteljahr im Internet zugänglich. Was Watson und Venter für Hunderte von Millionen Dollar schafften, nämlich ihre Erbsubstanz Aminosäure für Aminosäure entschlüsseln zu lassen, wird in den nächsten fünf bis zehn Jahren für fast jedermann möglich sein, sagen Mediziner. (...) Insgesamt, so heißt es in einem gestern vorgestellten Bericht zum Stand der Gendiagnostik in Deutschland, können derzeit etwa 3500 Krankheiten, die durch das Vorhandensein einer Genvariante im Menschen ausgelöst werden, molekulargenetisch diagnostiziert werden.

Dank moderner Forschung wird die Zahl dieser Krankheiten in Zukunft zunehmen. Die diagnostischen Mittel werden immer besser, und gleichzeitig sinken die Kosten für eine Sequenzierung des Erbgutes. Für 750 Euro könne in zehn Jahren jeder herausfinden, ob er ein auf einem oder wenigen Genen beruhendes Risiko für Krankheiten in sich trägt. "Bei bestimmten familiären Hintergründen kann das heute schon jeder", sagt Professor Jörg Schmidtke von der Medizinischen Hochschule Hannover, der am Gentechnologiebericht mitgearbeitet hat. "Von den 3500 bekannten Krankheiten werden 500 bis 1000 mit Tests diagnostiziert."
Schon hier wird deutlich, daß alle jene, die es sich nicht leisten können, ihr Genom zu sequenzieren und auswerten zu lassen, gesundheitlich benachteiligt sind gegenüber jenen, die dies jetzt schon können und machen lassen.

Sonntag, 21. Oktober 2007

Die Völker spucken (und verdauen) genetisch unterschiedlich - Zur jüngsten lokalen Humanevolution der Spucke

In unserem Speichel befindet sich das Enzym Amylase für die Verdauung von Stärke, die sich in Kartoffeln, viele Früchten und diversen Pflanzen-Wurzeln befindet. Nun haben andere Primaten in ihrem Erbgut nur zwei verschiedene Varianten für die Amylase-Herstellung, während man in einer neuen Studie bei 150 Studenten 15 unterschiedliche Gen-Varianten gefunden hat. Das heißt, die Stärke-Verdauung - und nicht unbedingt die Fleischverdauung - war für die Evolution des Menschen offenbar besonders wichtig. Aber noch mehr: Die Völker unterscheiden sich - offenbar auch genetisch - in der Art der Stärke-Verdauung (Berliner Morgenpost, Nature Genetics):

Den Zusammenhang zwischen unserer Spucke und der Ernährungsweise konnten die Forscher auch bei verschiedenen heute noch lebenden Völkern nachweisen: So besitzen die Jakuten, ein Volk, das von Jagd und Fischfang lebt, weniger Amylase als die Japaner, die sich auch von stärkehaltigem Reis ernähren. Ähnliche Ergebnisse lieferte ein Vergleich zwischen afrikanischen Stämmen, von denen der eine von der Viehzucht und damit von Fleisch, der andere vom Ackerbau lebt.

Unterdrückter Ärger fördert die Migräne

Ein Kommentar ist nicht nötig zu folgender Meldung - zumindest für alle die, die selbst unter Migräne leiden ... (Berliner Morgenpost).
Unterdrückter Ärger fördert die Migräne

Stuttgart - Wer seinen Ärger meistens runterschluckt, leidet besonders häufig unter Migräne. Das ergab eine Studie, die jetzt in der Zeitschrift "Psychotherapie, Psychosomatik, Medizinische Psychologie" veröffentlicht wurde. Zwar kann man nach Angaben der Experten ganz allgemein davon ausgehen, dass ein Wechselspiel biologischer und psychologischer Aspekte bei der Entstehung der Migräne eine Rolle spielt. Doch von allen untersuchten psychologischen Faktoren stellten die Forscher nur für die Neigung, Ärger zu unterdrücken, einen klaren Zusammenhang zur Migränehäufigkeit fest. Diese Erkenntnis habe natürlich Konsequenzen für die Therapie, betonten die Wissenschaftler: Da für Patienten mit hoher Ärgerunterdrückung die Themen Affektwahrnehmung und adäquater Affektausdruck sehr relevant seien, solle eine Psychotherapie darauf gerichtet sein, geeignete Strategien im Ausdruck und Umgang mit ärgerlichen Gefühlen zu vermitteln.

Allein in Deutschland haben rund acht Millionen Menschen Migräne. Dabei handelt es sich um sogenannte primäre Kopfschmerzen, die nicht Symptom einer anderen Krankheit sind. Im Durchschnitt haben die Betroffenen sieben Attacken pro Monat.

Mittwoch, 29. August 2007

Eine unechte Haarlocke Beethovens - Sie führte zu falschen Schlußfolgerungen

"Signor Abate! io sono, io sono, io sono ammalato!
Santo Padre! vieni e datemi la benedizione!
- Hol' Sie der Teufel, wenn Sie nicht kommen!,
hol' Sie der Teufel, wenn Sie nicht kommen,
hol' Sie der Teufel!!!"

Diesen deftigen, von manchen Menschen gern gesungenen Kanon, komponierte Ludwig van Beethoven (1770-1827), als er einmal wieder krank und einsam zu Hause darnieder lag. Das Lebensschicksal Beethovens war ein schweres. 

Die Ursachen seiner Taubheit und seines frühen Todes mit 57 Jahren konnten bis heute nicht schlüssig aufgeklärt werden.

Abb. 1: Die Totenmaske Beethovens

Dieser Kanon war - nach dem Musikhistoriker Nottebohm - an den Abt Maximilian Stadtler (1748-1833) gerichtet. Zu Deutsch lauten die italienischen Phrasen in ihm (Klassika.Info):

"Herr Abate! Ich bin erkrankt! Heiliger Vater! Kommt und gebt mir den Segen! Hol' Sie der Teufel, wenn Sie nicht kommen ..."

Deftige Worte gegenüber einem Abt! Hier eine passable Aufnahme desselben (Yt):

"Heavy Metal" hat sich an diesem Kanon auch schon ausprobiert (Yt). Und auch das hält der Kanon aus. Genug Aggressivität ist schließlich in ihm drin dafür.

Anmerkung 27.3.23: Die folgenden Ausführungen haben ihre Gültigkeit verloren, seit mit einer neuen genetischen Studie über Beethovens Haar-Reste (1) bekannt geworden ist, daß ausgerechnet jene Haarreste, von deren Untersuchung in den weiteren Ausführungen die Rede ist, nämlich die sogenannte "Hiller"-Locke, gar nicht von Beethoven stammt, sondern von einer Frau, die wie Ferdinand von Hiller und dessen Sohn Paul Hiller aschkenasisch-jüdischer Abstammung war. Entweder hat es in der Familie von Hiller also eine Verwechslung von Haarlocken gegeben. Oder jemand in der Familie von Hiller brauchte Geld und gab deshalb Haare als Beethoven-Locke aus. Zum Beispiel im Zusammenhang mit der Emigration nach Dänemark und in die USA während des Dritten Reiches.

*** 

Beethoven hatte bei seinem Tod 1827 80 mal mehr Blei im Körper als gesunde Menschen

Wie betroffen wird man aber künftig diesen Kanon singen, wenn man sich klar macht, daß Beethoven mit 57 Jahren an wiederholten schweren Überdosierungen von Blei während seines letzten Lebensjahres gestorben ist. Die zeitliche Abfolge dieser Überdosierungen hat man neuerdings anhand von drei ganz unterschiedlich auf die Jetztzeit überkommenen Beethoven-Locken genau bestimmen können. Zugleich wird dieses Muster von Blei-Überdosierungen, wie es sich in den Locken Beethovens findet, künftig zur Identifizierung weiterer Beethoven-Locken dienen können (Spiegel):

... Nun hat der Gerichtsmediziner Christian Reiter von der Universität Wien die Blei-Theorie um eine neue Wendung ergänzt. Der Musiker sei vor seinem Tod wiederholt extremen Bleibelastungen ausgesetzt gewesen, schreibt der Forscher im Mitteilungsblatt der Wiener Beethoven-Gesellschaft. Schuld daran war wohl sein Arzt Andreas Wawruch: Er behandelte den schwer erkrankten Komponisten in den letzten Monaten vor seinem Tod mit einer Art bleihaltiger Seife. Anstatt Beethoven zu helfen, beschleunigte er auf diese Weise dessen Tod.

Allerdings bleibt die Frage zurück, ob nicht die Behandlung mit bleihaltiger Seife auch bei anderen Patienten in der damaligen Zeit zu ähnlichen Folgen hätte führen müssen, und ob das dann die behandelnden Ärzte nicht irgendwann hätten merken müssen. Auch sollte eine Hypothese, die der "Zusatzhypothesen" bedarf, eher als unplausibel eingeschätzt werden. So werden die festgestellten hohen Bleikonzentrationen kurz vor dem Tod Beethovens mit der angeblichen Behandlung mit bleihaltigen Seifen erklärt, die Bleikonzentrationen, die aber schon in den Haarabschnitten festgestellt werden können, die ein Jahr vor seinem Tod wuchsen, werden mit dem angeblichen Trinken von bleihaltigem Wein erklärt. Da drängt sich der Eindruck auf, daß man hier noch nicht die endgültige Erklärung gefunden hat.

Der Forscher verdampfte Beethovens Haare mit einem Laserstrahl scheibchenweise und maß mit einem Massenspektrografen die Bleikonzentration in dem dabei entstehenden Rauch. Dabei fand er keine gleichmäßige Verteilung von Blei im gesamten Haar, sondern phasenweise extreme Anstiege der Bleikonzentration. Reiter standen für seine Untersuchungen zwei Haare zur Verfügung: eines war 4,0 und das andere 9,3 Zentimeter lang. Die Haare dokumentierten etwa die letzten 120 beziehungsweise 267 Tage im Leben Beethovens, so der Forscher. (...)
Um die These Reiters zu untermauern, müsse man noch mehr Haare Beethovens zum Vergleich heranziehen, auch aus jüngeren Jahren.

Zumindest mit einem Haar hat dies Reiter bereits getan. Die Beethoven-Gedenkstätte in Wien-Jedlesee bewahrt eine Locke auf, die angeblich ebenfalls von dem Komponisten stammen soll. Davon untersuchte der Gerichtsmediziner ein 15 Zentimeter langes Haar, was die Möglichkeit bot, sogar die letzten vierzehn Monate im Leben Beethovens zu analysieren.

Die Ergebnisse stimmten mit den Daten der beiden zuerst untersuchten Haare überein, schreibt Reiter. In den letzten 111 Tagen vor dem Tod stellte er auch hier exzessive Bleibelastungen fest, in den rund 90 Tagen davor gab es hingegen keine Kontamination. Die Echtheit dieser Beethoven-Locke sei damit bestätigt worden.

Durch die "außergewöhnliche Länge" dieses Haares konnte Reiter auch den Zeitraum zwischen dem 200. und dem 360. Tag vor Beethovens Tod untersuchen. "In diesem Abschnitt gab es immer wieder einzelne bemerkenswerte Blei-Peaks", schreibt Reiter. Für die Zeit davor bis 425 Tagen vor seinem Tod war dagegen keinerlei Bleibelastung festzustellen.

Und diese ältere Kontaminierung erklärt er dann eben mit dem Weintrinken, da er damals noch nicht mit (angeblich!, vermutlich!) bleihaltigen Seifen behandelt worden ist. Im Original-Artikel (Mitteilungsblatt der Wiener Beethoven-Gesellschaft) heißt es:

Im Jahr 1802, also fünfundzwanzig Jahre vor seinem Tod, äußerte der wegen seiner sich ankündigenden völligen Ertaubung verzweifelte Beethoven im sogenannten "Heiligensätdter Testament" den Wunsch, dass die Nachwelt die Ursache seiner Taubheit erforschen möge. (...)

In Beethovens Haar konnte zwar keine auffällige Quecksilberkonzentration festgestellt werden, aber im Mittel etwa achtzig Mal mehr Blei, als bei rezenten Menschen. (...)
Durch die aussergewöhnliche Länge dieses Haares (- aus einer dritten Locke, I.B.) konnte auch der Zeitraum zwischen dem 200. und dem 360. Tag vor Beethovens Tod untersucht werden. In diesem Abschnitt gab es immer wieder einzelne bemerkenswerte Blei-Peaks. Für die Zeit davor (bis 425 Tagen vor seinem Tod) war dagegen keinerlei Bleibelastung festzustellen.

Ob also die durch Professor Reiter angebotene Erklärung durch die Behandlung mit bleihaltiger Seife und das Trinken bleihaltigen Weines schon die letzte Erklärung bleiben wird? Sollte bei einer 80-fach erhöhte Dosis nicht auch anderen Hypothesen nachgegangen werden? Ist es wirklich plausibel, dieselbe durch solche eher "zufälligen" Ereignisse schlüssig erklären zu können? Ist es nicht viel nahe liegender, zunächst auch der Hypothese nachzugehen, Beethoven wären diese Blei-Dosen bewusst zugefügt worden? Wo es doch auch so viele ungeklärte Fragen rund um den Tod von Wolfgang Amadeus Mozart gibt, der kurz vor seinem frühen Tod gesagt hat:

"Gewiß, man hat mir Gift gegeben." - ?

Ergänzung 27.3.23: Vielmehr stellt sich jetzt die Frage, wie so viel Blei in die Haarlocke jener Frau gekommen ist, die sich - offenbar - im Umfeld der aschkenasisch-jüdischen Familie von Hiller bewegt hat während des 19. oder womöglich auch erst während der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

/ Überarbeitet und 
mit neuer Überschrift versehen: 
27.3.23 /

_______

  1. TJA Begg et al, ‘Genomic analyses of hair from Ludwig van Beethoven’, 22 March 2023, DOI: 10.1016/j.cub.2023.02.041 (pdf)  

Montag, 23. Juli 2007

Kinderleukämie und Atomkraftwerke

Daß in der Umgebung von Atomkraftwerken häufiger als sonst Kinderleukämie auftritt, wird in Deutschland schon seit vielen Jahrzehnten vermutet. Nun ist in den USA eine neue "Metaanalyse" veröffentlicht worden, in der diese Vermutung sehr deutliche Bestätigung erhält (Berliner Morgenpost):
Die Mediziner der Universität von South Carolina werteten in der Metaanalyse insgesamt 17 Studien aus, die zwischen 1984 und 1999 erstellt wurden und 136 Atomkraftanlagen in Nordamerika, Japan, Frankreich, Spanien und Deutschland einschlossen. In der Altersgruppe bis neun Jahre ist demnach das Erkrankungsrisiko je nach Entfernung um 14 bis 21 Prozent erhöht. Das Risiko, an der Krankheit zu sterben, liegt in dieser Gruppe um bis zu 24 Prozent höher als bei Gleichaltrigen, die nicht in der Nähe von Kernkraftwerken leben. Bei allen untersuchten Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen - also im Alter von null bis 25 Jahren - war die Erkrankungswahrscheinlichkeit um sieben bis zehn Prozent gesteigert, die Sterberate war um zwei bis 18 Prozent erhöht.

Dienstag, 17. Juli 2007

Frohe Kindheit in Norwegen


"Bading the Movie" heißt dieses Video. Offenbar heißt "Bading" auf Norwegisch "Baden".

So jedenfalls müssen Kinder aufwachsen!
Hilft auch gegen Asthma. (Berliner Morgenpost)
Eine Studie mit rund 40 000 Kindern hat bestätigt, dass Kinder von Landwirten weniger anfällig für Asthma und Allergien sind als Stadtkinder. Nur acht Prozent der Bauernkinder in Baden-Württemberg leiden an Asthmasymptomen. Bei Kindern ohne Kontakt zu einem Bauernhof sind es zwölf Prozent. Von den Kindern, die manchmal auf Höfen spielen, leiden zehn Prozent an Asthma.

Ähnliche Unterschiede stellten die Forscher offenbar bei Heuschnupfen und Neurodermitis fest.

Samstag, 16. Juni 2007

Warum sind Schimpansen gesünder als Menschen?

Die letzten Forschungen haben ja zunächst einmal das Ergebnis gehabt, daß Schimpansen mehr jünstselektierte Gene haben als Menschen. Vielleicht ist das nur ein vorläufiges Ergebnis. Aber es läßt die Forscher doch schon darüber nachdenken, was eigentlich in der "letzten Zeit" alles unterschiedlich gelaufen ist in der Evolution von Schimpanse und Mensch (Berliner Zeitung):

Affen bekommen viel weniger Krankheiten als Menschen. Nur zwei bis vier Prozent der Menschenaffen bekommen Geschwüre, aber fast keiner stirbt an Krebs - beim Menschen ist es jeder Fünfte. Außerdem erkranken Schimpansen nicht an Aids, obwohl sie sich mit HIV infizieren können, sie bekommen kein Rheuma, genauso wenig wie etwa Malaria oder Alzheimer.

Das sind schon auffällige Sachverhalte.

Traditionelle Küche und Humanevolution: Kleine Ursachen, große Wirkungen?

Warum haben Frankfurter Würstchen die Geburtenraten von (früheren) Frankfurtern erhöht (- zumindest: möglicherweise)? Was hat es auf sich mit der engen Beziehung zwischen den Deutschen und ihrem Sauerkraut? Wo gibt es die meisten "Milchreis-Bubi's"? Und warum? Warum wird in Osteuropa schon traditionellerweise so viel Alkohol getrunken? Und warum in Asien überhaupt nicht? Und warum in Europa (normalerweise) gemäßigt(er)? Auf diese und ähnliche Fragen wird es - scheinbar - künftig noch ganz andere und neue Antworten geben, als wir sie bislang gewohnt waren. All das könnte auch etwas mit der genetischen Ausstattung der jeweiligen Völker zu tun haben.

Jared Diamond hatte in seinem berühmten Buch "Arm und Reich" schon Belege dafür vorgelegt, daß es ökologisch-geographische "Determinanten" geben könnte, die dazu führten, daß Völker in unterschiedlichen Erdregionen früher oder später Pflanzen und Tiere domestizierten und (damit dann) später Ackerbau und Industrie-Gesellschaften entwickeln konnten. Aber vielleicht lagen auch genetische "Determinanten" vor? So ähnlich wie es neuerdings mit den tonalen und nicht-tonalen Sprachen weltweit vermutet wird? (siehe früherer St.g.-Beitrag)

Beziehungsweise: Es könnte sein, daß die genetische Ausstattung der jeweiligen Völker mit dem gleichzeitigen Essen evoluiert ist und evoluiert (!), das auf ihren Herdfeuern, dem Elektroherd oder in der Mikrowelle zubereitet wurde und wird.

"Krauts" und Milchreis-Bubi's

Der Autor des im folgenden zu nennenden Buches bringt auch noch einen weiteren Gedankengang ins Spiel: Kochen und Essen spielt in Paar-Werbung und -Beziehungen eine nicht geringe Rolle. Möglicherweise hat also auch die "geschlechtliche Zuchtwahl" auf diesem Gebiet mitgespielt.

Für die Erwachsenen-Milchverdauung der Nordeuropäer ist das ja schon seit längerem bekannt. Ebenso für die Alkohol-Unverträglichkeit der Ostasiaten. Inzwischen häufen sich aber die Hinweise für zahlreiche andere Nahrungsmittel und ihre Bekömmlichkeit, bzw. Unbekömmlichkeit für Menschen. Diesen Fragen geht nun ein 2004 in den USA erschienenes Buch nach (2006 als TB erschienen) (Hinweis wieder mal über Razbi Khan auf "Gene Expression" bekommen) mit dem Titel (übersetzt): "Warum es einige schärfer mögen als andere - Essen, Gene und kulturelle Vielfalt". (Amazon) Der Autor ist der Ethnobiologe Gary Paul Nabhan von der Universität des Nördlichen Arziona.

Hier ein paar aussagekräftigere Ausschnitte aus den Werbetexten bei Amazon:

From The Washington Post's Book World:

An ethnobiologist who heads the Center for Sustainable Environments at Northern Arizona University, Nabhan addresses fascinating issues: why half the world's population can tolerate lactose while the other half can't, why it's beneficial that teenage boys in Sardinia develop an anemia-like malaise every spring, why some ethnic groups have a predisposition to alcoholism, how genes can mutate due to changes in diet.

To explain how a culture's choice of food affects -- and is affected by -- its genetic characteristics, the author went to the highlands of Crete to sample the supposedly super-healthful Mediterranean diet. There Nabhan, winner of a MacArthur "genius" award in 1990, learned firsthand that many modern people just aren't equipped to digest so much olive oil.

Nabhan writes compassionately about indigenous groups -- like Native Americans and ethnic Hawaiians -- that are threatened by globalization. Our Fast Food Nation is overwhelming these cultures; just as important, it is jeopardizing their health.

From Publishers Weekly:

(...) this exploration of the coevolution of communities and their native foods (...) to show that even though 99.9% of the genetic makeup of all humans is identical, "each traditional cuisine has evolved to fit the inhabitants of a particular landscape or seascape over the last several millennia." Sardinians are genetically sensitive to fava beans, which can give them anemia but can also protect them from the malaria once epidemic in the region. (- Wahnsinn! Wußte ich noch gar nicht.) Navajos are similarly sensitive to sage (= Salbei). In both cases, traditional knowledge allows safe interactions with these powerful medicine/poisons through cooking methods or food combinations. (...) Most inspiring in this bioethnic detective story are Cretans, maintaining their health for centuries through traditional living, and Native Americans and Hawaiians, whose communities, devastated by diabetes, find an antidote by returning to their traditional foods, customs and agriculture.

"Was der Bauer nicht kennt, das ißt er nicht."

Daß finde ich spannend, daß offenbar die Rückkehr von Indianern und Hawaianern zu ihrer traditionellen Küche die Diabetes-Raten senken sollte in diesen Gemeinschaften. Auch wenn dieses Buch nicht nur so von harten wissenschaftlichen Fakten "strotzen" sollte, scheint es einem viele Anregungen geben zu können für weitere Forschungen und weiteres Nachdenken.

In Deutschland gibt es ein Sprichwort: "Was der Bauern nicht kennt, das ißt er nicht." Als ich Kind war, wurde mir das oft gesagt. Noch heute muß ich mir das oft selbst vorwerfen oder von anderen vorwerfen lassen. Zum Beispiel habe ich es bei Aufenthalten in Asien in der ersten Zeit als sehr schwierig empfunden, mich dort auch nur mit "irgend etwas" zu ernähren, satt zu essen. Es ist reiner Wahnsinn, wenn man in einem Supermarkt, prall gefüllt mit Nahrungsmitteln aller Arten steht, und kein einziges findet, von dem man auch nur "irgendwie" das Gefühl hat, daß es einem schmecken könnte. (Nun, auch damit kann sicherlich jeder anders umgehen.) - - Und weiterhin zeigen ja auch die Speisevorschriften in den Religionen, daß Essen eine nicht geringe Rolle in der Humanevolution spielte und spielt. Haben diese nicht auch die sephardischen von den aschkenaischen Juden voneinander getrennt, was dann die Evolution des höchsten Intelligenz-Quotienten einer Bevölkerungsgruppe weltweit innerhalb von tausend Jahren bewirkte? Also möglicherweise manchmal: Kleine Ursachen - große Wirkungen!

Nabhan hätte einer seiner frühen Freundinnen wohl lieber Blumen schenken sollen, so die Vermutung auf Amazon, als ihr ein selbstgekochtes Essen anzubieten, wenn er heute mit ihr hätte Kinder haben wollen ...

Freitag, 15. Juni 2007

Hat Rasse etwas mit Genen zu tun oder nicht?

Humangenetiker Razib Khan hat einen schönen Beitrag zum Thema "Why genes don't determine race?" über einen gleichlautenden Artikel in The New Republic, einem amerikanischen Mitte-Links-Journal. (Gene Expression, TNR) Khan sagt das, was mir inzwischen auch immer mehr klar geworden ist in privaten Diskussionen und hier auf dem Blog - zum Beispiel über ADHS.

Nämlich, daß Gene nicht "determinieren", daß das Schlagwort vom "genetischen Determinismus" ein Strohmann ist. Er sagt zum Beispiel, daß es der TNR-Artikel gut klar macht, daß die epidemische Fettleibigkeit unter amerikanischen Schwarzen nicht durch resignierende "Deklarationen" dahingehend gelöst werden könne, daß Fettleibigkeit halt "in ihren Genen" läge. Sondern das Verständnis des genetischen Hintergrunds fügt den Maßnahmen der Gesundheitspolitik ein nicht-triviales Werkzeug hinzu, so sagt er, um geeignete Antworten zu formulieren. Denn es würde so etwas wie eine "Reaktionsnorm" im Hintergrund stehen - also so etwas ähnliches wie bei den Herzkrankheiten in der schwarzen Minderheit in den USA.

Montag, 28. Mai 2007

Psychosen bei Männern mit afrikanischer Herkunft neun mal häufiger

In Großbritannien werden schwarze Männer bis zu 18 mal häufiger als "psychotisch" diagnostiziert als weiße Männer (BBC [über gnxp-forum]). Und sie werden vier mal häufiger in geschlossene Anstalten eingewiesen. Dies hat zu massiven Vorwürfen von Seiten einer offziellen Untersuchungskommission geführt dahingehend, das britische Gesundheitssystem wäre durchtränkt von "institutionellem Rassismus". "Aber in den letzten Monaten hat das Institut für Psychiatrie in London das Argument auf den Kopf gestellt" bzw. richtiger wohl: vom Kopf auf die Füße. In einer Untersuchungen wurden Psychiatern Diagnose-Aufzeichnungen vorgelegt ohne ethnische Kennzeichnung und hierbei stellte sich heraus, daß schwarze Männer immer noch neun mal häufiger als psychotisch diagnostiziert wurden als weiße Männer. Nach Aussage eines Professors Robin Murray legen die Ergebnisse dieser Untersuchungen das Gegenteil des Erwarteten nahe: "Psychiater in Großbritannien neigen bei gleichen Symptomen weniger dazu, einen Menschen mit schwarzer Hautfarbe als psychotisch zu diagnostizieren als einen Menschen mit weißer Hautfarbe."

Es würde sich also tatsächlich um "institutionelle Diskriminierung" (Benachteilung) handeln, aber im umgekehrten Sinne als der Vorwurf lautete. Nämlich durch die zögerliche Diagnose gegenüber schwarzen Menschen werden deren Probleme eher vertuscht. Genau diese Zurückhaltung in der Diagnose wird jetzt als falsch beurteilt, denn sie würde dazu führen, daß man nicht genug auf die Beseitigung der Ursachen drängen würde. So sehen das auch Psychiater, die selbst karibischer oder afrikanischer Herkunft sind.

Im weiteren werden genetische (Mit-)Ursachen für Psychosen (noch) nicht diskutiert oder in Erwägung gezogen, sondern es wird davon ausgegangen, daß die Ursachen sozialer Art seien: "Geringer Familienzusammenhalt, mangelnde Integration, geringe Schulbildung, Arbeitslosigkeit und Cannabis-Konsum".

Aber angesichts so vieler inzwischen schon entdeckter ethnischer Unterschiede in der medizinischen Genetik, in der Verhaltensgenetik und in der IQ-Genetik sollte es eigentlich auch nicht gar so fernliegend sein, genetische Populations-Unterschiede bei Psychosen anzunehmen.

Wie in jedem anderen Fall auch würde die Feststellung einer besonderen genetischen Veranlagung nicht heißen, daß damit die Gesellschaft von ihrer Verantwortung für das Auftreten solcher Krankheiten entlastet wäre. Dies ist mir in Diskussionen hier auf dem Blog und privat inzwischen zum Beispiel bezüglich von ADHS klar geworden: Mit solchen Veranlagungen haben Menschen über Jahrhunderte leben und sich fortpflanzen können, warum sollte es dann heute nicht möglich sein, damit ein normales Leben zu führen? Das heißt, die gesellschaftlichen und sozialen Ursachen müssen auch, wenn genetische (Mit-)Verursachungen bekannt sind, genauso ernsthaft in Rechnung gestellt und abgestellt werden wie wenn keine genetischen (Mit-)Verursachungen bekannt sind. Das Wissen um eine genetische Veranlagung entlastet niemanden. Im Gegenteil, ich würde meinen, für ADHS gilt: Wenn man die genetischen Zusammenhänge genauer kennt, würde man die Details der Ursachen der Krankheit und ihre vielen Spielarten genauer kennen und noch viel "spezifischer" und an den Einzelfall angepaßter reagieren können.

Sonntag, 27. Mai 2007

Die Natur und die Depression

Ein amüsantes Forschungsergebnis (Berliner Morgenpost): Ein Spaziergang im Grünen hilft deutlich besser gegen Depressionen als ein Spaziergang in einem Einkaufszentrum. ;-)

- - Und es hebt das Selbstwertgefühl!

Wie sagte Schiller so schön?

"Die Welt ist vollkommen überall,
wo der Mensch nicht hinkommt mit seiner Qual."

Donnerstag, 24. Mai 2007

Milch vom Bauernhof ...

Baldrian hilft beim Schlafen, wissenschaftlich nachgewiesen - aber mehr noch: Milch vom Bauernhof (also nicht pasteurisierte) schützt vor allergischen Krankheiten wie Heuschnupfen und Asthma. (Berliner Morgenpost 1, 2) - Allerdings nicht immer (wie Studien in der eigenen Familie ergeben haben ...).
.... Kinder, die regelmäßig Milch vom Bauernhof trinken, leiden seltener an Heuschnupfen und Asthma. Das gilt auch für alle Milchprodukte, die direkt auf einem landwirtschaftlichen Betrieb produziert werden. Auch der Verzehr von Freilandeiern kann demnach Heuschnupfen vorbeugen. Bemerkenswert finden die Experten, dass die Schutzwirkung nicht davon abhängt, ob die Kinder auf einem Bauernhof leben. Dies sei insofern eine wichtige Erkenntnis, als sie andere mögliche Schutzfaktoren des Landlebens ausschließe. ...
Und, nicht vergessen: Mutter hat immer recht, wenn sie mal nicht recht hat, tritt Paragraph 1 in Kraft (Berliner Morgenpost 3). - Und: Ihr steht mehr als 150 Euro Betreuungsgeld zu.

Anmerkung (2009): Die hier referierten Erkenntnisse sind inzwischen noch deutlich erweitert worden: siehe --> St. gen.. Es wird wohl so sein, daß Kinder, deren Mütter während der Schwangerschaft auf dem Bauernhof lebten, auch häufiger nicht pasteurisierte Milch vom Bauernhof trinken. Die Milch selbst wird da also nicht die Hauptrolle spielen, sondern die ---> "Schmutzimpfung" während der Schwangerschaft.
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