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Mittwoch, 1. August 2007

Gründe für unerfüllte Kinderwünsche

Tabuthemen: a) Unfruchtbarkeit in der Ehe, b) keine echte Liebe, c) Geld ...
- Eine wichtige Studie des "Berlin-Instituts"

Die Hauptgründe dafür, daß heute in Deutschland nicht mehr Kinder geboren werden, sind erst ansatzweise in das Bewußtsein derer, die derzeit Familienpolitik betreiben oder in das Bewußtsein der öffentlichen Meinung überhaupt eingegangen. Die Medien thematisieren sie so gut wie gar nicht.

Abb. 1: Gründe für unerfüllte Kinderwünsche

Laut neuester Studie des "Berlin-Instituts" und der von ihm in Auftrag gegebenen Allensbach-Studie (Berlin Institut, St. gen.), deren Bedeutung man von Tag zu Tag klarer erkennt, wünschen sich derzeit 4,6 Millionen Kinderlose und 3,3 Millionen Eltern (weitere) Kinder, also insgesamt grob 8 Millionen Menschen. Gründe dafür, daß sich diese Kinderwünsche derzeit nicht erfüllen, sind in einer Umfrage nun abgefragt worden. Es handelt sich im Grunde um lauter Themen, die letztlich noch heute selbst im Gespräch unter Freunden Tabuthemen sind. Das sind noch am wenigsten Geldfragen. Und deshalb haben "Studium generale" und andere diese Geldfragen zunächst in den Vordergrund der Diskussion gestellt (Thema Erziehungsgehalt). Aber es gibt noch stärker mit Tabus behaftete Themen, die hier wichtig sind. Themen, zu denen leicht gesagt wird: "Darüber spricht man nicht."

Gründe für nicht erfüllten Kinderwunsch werden von den 4,6 Millionen Kinderlosen in der folgenden Reihenfolge der Häufigkeit genannt (Mehrfachnennungen waren möglich) *):

1. der subjektiv als geeignet empfundene Lebenspartner fehlt (46 % !!!)
2. berufliche Gründe (26 %)
3. finanzielle Gründe (25 %)
4. man fühlt sich zu jung (18 %) (nur Menschen ab dem 25. Lebensjahr waren überhaupt befragt worden!)
5. der objektiv richtige Lebenspartner zum Kinderkriegen fehlt ("es hat mit dem Schwangerwerden nicht geklappt") (13 %) (Bei den "früheren", heute nicht mehr vorhandenen unerfüllten Kinderwünschen [man hat also schon resigniert] rangiert dieser Grund bei den Kinderlosen sogar auf Platz 2 mit 34 %.)

Gründe dafür, daß sich Kinderwünsche derzeit nicht erfüllen, werden von den genannten 3,3 Millionen Eltern in der folgenden Reihenfolge der Häufigkeit genannt:

1. finanzielle Gründe (35 % !!!) (- ob Ministerin von der Leyen den hier sprechenden Eltern wirklich ausreichend zuhört?)
2. der Partner möchte kein weiteres Kind (19 %) (- erstaunlich!)
3. berufliche Gründe (18 %)
4. der fehlende objektiv richtige Lebenspartner zum Kinderkriegen ("es hat mit dem Schwangerwerden nicht geklappt") (15 %)

Siehe die entsprechende Grafik in Abb. 1 (durch Draufklicken wird's größer) *).

Gehen wir im folgenden die einzelnen Gründe noch einmal durch.

a) Kinderwunsch zurückgestellt: Die "große Liebe" fehlt

Der Hauptgrund ist also ganz eindeutig der fehlende subjektiv als richtig/geeignet angesehene Lebenspartner. Diese Thematik wurde hier auf dem Blog schon mehrmals erörtert. Aber deshalb sicherlich noch keineswegs genug. Warum verstehen sich die Menschen heute so schlecht miteinander, dass sie nicht zusammen kommen können? Reichen Partner-Vermittlungs-Institute wie "Parship" oder "Elitepartner" aus, um diese Frage zu lösen? Ganz klar heute immer noch mehr oder weniger ein Tabuthema, das noch immer sehr selten offen und gerade heraus in größerer Runde besprochen wird. Oder wer möchte über seine Parship-Erfahrungen gleich ganz unbefangen und gerade heraus reden? - Ganz offensichtlich ist aber in diese Rubrik auch einzuordnen der zweite Hinderungsgrund bei den sich weitere Kinder wünschenden Eltern: der Partner möchte nicht! Was für eine verrückte Welt! Nur einer von beiden Partner möchte noch ein weiteres Kind. In zentralen Fragen einer Partnerschaft herrscht keine Einigkeit.

b) Kinderwunsch zurück gestellt: zu wenig Geld

Dann aber - etwas, was einem erst nach und nach auffällt an der Studie und hochgradig bedeutsam ist: Der Hauptgrund von Eltern, einen weiteren Kinderwunsch zurückzustellen, ist der finanzielle. Wer hat eigentlich diesen Sachverhalt schon wirklich ausreichend auf sich wirken lassen? Das ist ein entscheidendes Argument für mehr Geld für Eltern. Betreuungsgeld, Erziehungsgehalt, bedingungsloses Grundeinkommen, Bürgergeld - ganz egal, wie: mehr, mehr, mehr ist notwendig, wenn man Zukunft sichern will. Dieses Thema wurde ja schon vielfach behandelt hier unter der Rubrik "Familienpolitik". Die Tatsache, dass es die Eltern sind, nicht die Kinderlosen, die diesen Grund als Hauptgrund nennen, zeigt klar auf, dass das nur aus klarstem Realismus heraus genannt worden sein kann. Denn Eltern wissen, was Kinder kosten! Sollten derartige Dinge nicht jeder Bundesregierung in den Ohren gellen?

c) Kinderwunsch zurückgestellt: Keine familienfreundliche Arbeitswelt

Dabei hatte sich "Studium generale" eigentlich vorgenommen, über das Tabuthema Nummer eins in diesem Zusammenhang zu schreiben, nämlich Unfruchtbarkeit in der Beziehung. Sie nimmt einen bedeutsamen vierten und fünften Platz ein und wurde vom Berlin-Institut bei der Auswertung zunächst in den Vordergrund gestellt. Wahrscheinlich auch mit einiger Berechtigung. Aber finanzielle Gründe rangieren auch bei den Kinderlosen auf Platz drei gleich hinter den beruflichen Gründen, die wiederum bei den Eltern auf Platz drei liegen. Die Forderung muss also klar lauten: 1. mehr Geld, 2. ganz umfassend familienfreundlichere Arbeitswelt (Wiedereinstiegs-Chancen etc. pp.). Und diese familienfreundlichere Arbeitswelt wird schlicht dadurch geschaffen, dass die Familien selbst mehr Geld bekommen und darum nicht mehr so sehr auf die Arbeitswelt angewiesen sind. Diese wird sich dann überlegen müssen, wie sie die Eltern wieder zurück lockt. So funktionieren gesunde volkswirtschaftliche Zusammenhänge - auch auf diesen Gebieten.

d) Kinderwunsch zurückgestellt: Man fühlt sich zu jung

Dann ist aber auch Grund vier der Kinderlosen hoch bedeutsam: Man fühle sich zu jung, obwohl man schon 25 Jahre alt ist. Das Berlin-Institut hat in anderem Zusammenhang klar darauf hingewiesen, dass die Wahrscheinlichkeit rein medizinisch a) schwanger zu werden, b) eine leichte Schwangerschaft zu haben, c) eine leichte Geburt zu haben, mit jedem späteren Jahr, in der Erstgeburt stattfindet, deutlich sinkt. Sich mit 25 Jahren noch "zu jung" zu fühlen, ist eine weitere Absurdität unserer infantilen Gesellschaft. Viele Fachleute haben deshalb schon gefordert - auch "Studium generale": Ausbildungs- und Berufswege müssen so gestaltet werden, dass die Menschen erst Kinder bekommen können und dann ihre Ausbildung, ihren beruflichen Weg fortsetzen können. Auch dies wird am ehesten dadurch geschaffen werden, dass man die Eltern finanziell vom Produktionsbereich in den Reproduktionsbereich "lockt", und dass sich dann der Produktionsbereich endlich mal wieder etwas einfallen lassen muss, wie er sie zurücklockt und nicht umgekehrt. So wird ein Schuh daraus.

Jeder andere Weg wäre doch "Murks". Jeder andere Weg wäre so ähnlich wie die früheren DDR-Kampagnen zur Leistungssteigerung, die, da sie den Gesetzen des freien Marktes nicht gehorchten, eben immer wieder nur fruchtlos verhallten, bis das ganze Gebäude in einem riesigen großen Krach zusammen stürzte.

Natürlich wird dann auch schnell deutlich, dass schulische und mediale Beeinflussung in Richtung auf die höhere oder geringere Befähigung zur Übernahme familiärer Verantwortung schon in früherem Lebensalter von Bedeutung ist. So ist es zum Beispiel absurd, wie in der Wochenzeitung "Zeit" jüngst berichtet, dass sich die Alkohol-Werbe-Industrie neuerdings ausgerechnet die jungen Frauen als neue Zielgruppe ausgesucht hat. (siehe St. gen.) Mit der Zigaretten-Werbung verhält es sich ganz identisch. Man könnte aber auch weiter fragen, ob "Werbung" in Richtung auf ständigen Sexual-Partnerwechsel sich nicht ebenfalls massiv kontraproduktiv auswirkt auf die Fähigkeit zur Übernahme und zum Leben familiärer Verantwortung in frühen Lebensjahren. Das würde auf eine Kritik an Jugendzeitschriften wie "Bravo" und ähnliche "Institutionen" hinauslaufen.

e) Kinderwunsch unerfüllbar: Unfruchtbarkeit

Und nun zu dem eigentlichen Thema, das ursprünglich in diesem Beitrag hatte behandelt werden sollen: Unfruchtbarkeit in Partnerbeziehungen. Auch hier hat das "Berlin-Institut" (siehe frühere Beiträge) schon wichtige Erkenntnisse verbreitet, als es nämlich darauf hinwies, dass die Pille schon allein ein Klima seelischer Unfruchtbarkeit schafft dadurch, dass die hormonell falsche "Einstellung" der Frauen sie den potentiell falschen Lebenspartner für Kinderkriegen wählen läßt.

"Studium generale" hat den diesbezüglich abgefragten Grund - "es hat mit dem Schwangerwerden nicht geklappt" - umformuliert in: "der objektiv richtige Lebenspartner zum Kinderkriegen fehlt". Und das soll nun begründet werden: Unzählige Kinder werden gezeugt und geboren unbeabsichtigt, da werden Frauen oft viel zu "schnell" schwanger. Wir sind also biologisch im Grunde darauf ausgerichtet (ohne Verhütung), dass Kinder nur so in die Wiegen purzeln, zumal in jungen Jahren, und wenn nicht lange gestillt wird, was ja - mitunter zumindest - eine natürliche Empfängnisverhütung darstellt.

Warum erhofft man sich eigentlich heutzutage so viel von "reproduktiver Medizin"? Sie ist zum einen Teil sehr teuer. Und zum anderen hat sie viel geringere Erfolgswahrscheinlichkeiten, als das allgemein bewusst ist. Darauf wies ebenfalls schon das "Berlin-Institut" hin. (Das "Berlin-Institut" leistet auf all diesen Gebieten derzeit ganz hervorragende Arbeit.) Aber ist nicht auch das ein Absurdum hoch Zehn? Sagt denn hier "die Natur", "die Biologie" nicht ganz klar: nein, sie will nicht. So geht es nicht.

Das muss doch etwas zu bedeuten haben. Wollen wir überall auf die Natur hören, wollen uns gesund ernähren, gesund leben, Sport treiben, Birkenstock-Sandalen tragen, "Jutetaschen statt Plastik" - aber bei einem so wesentlichen Lebensbereich wie dem Kinderkriegen plötzlich das Unnatürlichste vom Unnatürlichen unternehmen? Auch das muss einem doch absurd und haarsträubend erscheinen.

Kinderwunsch und Öko-Bewegung

Und merkwürdig genug, daß solche Dinge noch von keiner "Öko-Bewegung" breit aufgegriffen und thematisiert worden sind. Oder ging das an "Studium generale" vorbei? Jeder kennt aus dem eigenen Verwandten-, Freundes- und Bekanntenkreis solche genannten Fälle. Kaum jemals wird darüber offen gesprochen. Man ist da "betulich", läuft nur auf Zehenspitzen umher und tanzt Eiertänze kommunikativer Nichtkommunikation.

Sagt denn die Biologie einem hier nicht ganz klar und eindeutig das, was den anderen (siehe ganz oben) schon die subjektive Psychologie gesagt hat: der geeignete Lebenspartner zum Kinderkriegen ist nicht vorhanden? Selbst wenn man sich sonst noch so gut versteht? Und dies ist nun sogar eine objektive Tatsache. Nicht nur eine subjektiv empfundene. Wollen wir denn gar nicht mehr auf die Natur hören? Auf: "unsere"!?

Natürlicher Umgang mit menschlicher Unfruchtbarkeit

Wie sind denn frühere Generationen, in denen eheliche Fruchtbarkeit schlicht oft die Rentenversicherung darstellte, in denen die Weitergabe des Bauernhofes als Lebensgrundlage als wegleitend empfunden wurde, mit solchen Dingen umgegangen? "Studium generale" fallen dazu die folgenden Zusammenhänge ein. Sicherlich gibt es da noch weitere:

Zunächst herrschte vielerorts in Europa und in Deutschland vor allem bei den Bauern die Sitte, dass eine halbjährige Verlobung erst dann nicht wieder aufgekündigt wurde, wenn die Frau schwanger geworden war. Man lebte also nicht Jahre lang zusammen und "entschied" sich "dann" für Kinder (das wäre in vorindustriellen Gesellschaften schlichtweg als absurd empfunden worden). Sondern man ging frühzeitig Verbindungen ein, die auch wieder gelöst werden konnten, wenn sich zeigte, dass sie sich für die "Alterssicherung" als nicht geeignet erwiesen. Das war früher sicherlich eine der ersten Grundsicherungen gegen Unfruchtbarkeit in der Ehe. (Dies war in vielen Gegenden in Deutschland Sitte. Auch das frühere bayerische, alemannische und heutige amische "Fensterln" fanden und finden aus solchen Gründen heraus Tolerierung bei bäuerlichen Menschen. Bei den Amischen in Nordamerika, einer Bevölkerungsgruppe mit einer der höchsten Geburtenraten weltweit, heute immer noch.)

Zweitens wurde oft und durchaus auch recht pragmatisch eine Ehe wieder aufgelöst, wenn aus ihr keine Kinder hervorgingen. Die Alterssicherung ging vor. Die Verabsolutierung der romantischen Liebesheirat gab es nicht in so ausgeprägtem Maß wie heute.

Die "Fromme Helene"

Drittens gab es bei vielen vormittelalterlichen Kulturen die noch unkompliziertere Institution des "Zeugungshelfers". Also die Frau besuchte einen anderen Mann. Etwas einfacheres kann es ja auch nicht geben. Bei Abwägung aller Umstände werden das viele Menschen als besser empfinden als die Adoption eines Kindes, mit dem man biologisch dann gar nicht verwandt ist. Wenn der deutsche Zeichner und Humorist Wilhelm Busch mit seiner "Frommen Helene" recht haben sollte, dann herrschten solche Sitten noch bis ins späte 19. Jahrhundert sehr selbstverständlich vor: Die Frau machte eine Wallfahrt. Zufälligerweise kam auch noch ihr alter Vetter Franz mit. Aber ansonsten war sie - "sozusagen" - "ganz alleine" (Fromme Helene):

... Aber dort im Sonnenscheine
Geht Helene traurig-heiter,
Sozusagen, ganz alleine,

Denn ihr einziger Begleiter,
Still verklärt im Sonnenglanz,
Ist der gute Vetter Franz ...

Welche Frau von heute traut sich solche Dinge schon zu, wenn sie über eine von einer Ehe unabhängige finanzielle Absicherung für sich und ihre Kinder, die über das Existenzminimum auch dann hinaus geht, wenn sie nicht parallel einer Berufsarbeit nachgeht, nichts weiß. Nicht jede Frau mit gutem Bildungsabschluss und guten Karriereaussichten lebt gerne am Existenz-Minimum. Sogar die meisten nicht. Und wenn Gefahr besteht, dass ein "Vetter Franz" die Ehe zerstören kann, lassen es natürlich alle Beteiligten gleich ganz sein.

Unsere Gesellschaft kennt heute in der medialen Welt einen unglaublichen geschlechtlichen Laisser-faire auf fast allen Gebieten. Und auf der anderen Seite - oder gerade deshalb? - herrscht im privaten Bereich oft eine Prüdität vor, die zu all den schon vorhandenen Absurditäten noch so manche weitere mit sich bringt.

- Es ist die Seele, an der unsere heutige Gesellschaft krankt. Mit allen sich daraus ergebenden Folgen. Bis auf die fundamentalsten Gebiete. Und jeder - jeder - ist betroffen.

__________________

*) Achtung, in dem Berlin-Institut-Artikel scheinen die Überschrift der beiden Grafiken zu Kinderwünschen heute und früher vertauscht zu sein. Aber man kann sich ja an den Formulierungen "ich habe"/"ich hatte" orientieren.

Mittwoch, 27. Juni 2007

Fehlende Ehepartner, nicht fehlende Kinderkrippen sind das Problem

Wer es wissen wollte, wußte es schon länger. Und für alle anderen hat das Institut Allensbach jetzt eine Umfrage gemacht. Ergebnis: Nicht fehlende Kinderkrippen, sondern fehlende Ehepartner sind der Hauptgrund dafür, daß in den letzten Jahrzehnten etwa 12 Millionen gewünschte Kinder nicht geboren worden sind. So im neuesten Rundbrief des Berlin-Instituts. (Zusammenfassende Grafik: Draufklicken für größere Ansicht.) (Auch die Süddeutsche berichtet.)


Wir lesen: 

Rund 70 Prozent der 25- bis 59-jährigen Bevölkerung in Deutschland haben Kinder, 30 Prozent sind kinderlos. Nur acht Prozent in dieser Altersgruppe bleiben jedoch freiwillig ohne Nachwuchs. Fast ein Viertel der befragten Altersgruppe wünscht sich aktuell ein Kind, genau 22 Prozent. Darunter fallen 13 Prozent bisher Kinderlose und neun Prozent, die bereits Eltern sind und ihre Familie vergrößern möchten. Hinzu kommen weitere 14 Prozent, die früher einmal ein erstes oder ein zusätzliches Kind wollten. Zusammengenommen sind das 36 Prozent. Das heißt, bei 12,8 Millionen Frauen und Männer zwischen 25 und 59 Jahren blieb der Wunsch nach einem Kind (bis jetzt) unerfüllt.
Das sind die Ergebnisse mehrerer repräsentativer Umfragen, die das Institut für Demoskopie Allensbach für die neue Studie "Ungewollt kinderlos" des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung durchgeführt hat.

Man bedenke: 13 Millionen Kinder, die geboren werden könnten - und nicht geboren werden.

Die Gründe für ungewollte Kinderlosigkeit

Und weiter heißt es:

Bei den bisher Kinderlosen mit aktuellem unerfülltem Kinderwunsch wird das Fehlen des richtigen Partners als Hauptgrund genannt. (...)
Die Ursachen für unerfüllte Kinderwünsche sind vielfältig und haben bei Kinderlosen und Eltern, die mehr Nachwuchs wollen oder früher gewollt hätten, unterschiedliches Gewicht. Bei den Kinderlosen gibt fast die Hälfte an, es habe (bisher oder damals) am richtigen Partner gefehlt. Erst danach kommen finanzielle Erwägungen oder Befürchtungen, Kinder seien mit den beruflichen Ambitionen nicht vereinbar. Eltern, die sich zusätzliche Kinder wünschen, nennen hingegen finanzielle Gründe und den mangelnden Willen des Partners am häufigsten.

Also auch für die Menschen, die schon Eltern sind, sind fehlende Kinderkrippen keineswegs der Hauptgrund dafür, daß sie gewollte weitere Kinder nicht bekommen.

Aber auch medizinische Ursachen spielen eine beträchtliche Rolle: "Es hat mit dem Schwangerwerden nicht geklappt", das sagen 34 Prozent der Kinderlosen mit früherem unerfülltem Kinderwunsch und 13 Prozent jener, die zurzeit vergeblich ein Baby zu bekommen versuchen. Bei denen, die bereits Eltern sind und sich früher weitere Kinder wünschten, sind es zwölf Prozent, und bei den Eltern mit aktuellem Wunsch nach weiteren Sprösslingen 15 Prozent. Das bedeutet, dass insgesamt 1,4 Millionen Frauen und Männer in Deutschland gerne Kinder oder mehr Kinder hätten, aber aus medizinischen Gründen keine (mehr) bekommen können. (...)
Wie die Allensbach-Befragung zeigt, unterschätzen die 25- bis 59-Jährigen die Abnahme der Fruchtbarkeit der Frauen mit zunehmendem Lebensalter massiv: 40 Prozent nehmen an, dass die natürliche Fruchtbarkeit erst ab 40 zurückgehe, weitere 14 Prozent sind sogar der Meinung, dies sei erst ab etwa 45 Jahren der Fall. Tatsächlich geht die natürliche Fruchtbarkeit bereits vom 30. Geburtstag an allmählich zurück, und auch bei reproduktionsmedizinischen Behandlungen wird bei über 30-Jährigen die Wahrscheinlichkeit geringer, dass es zu einer Schwangerschaft kommt.

Das Berlin-Institut leistet - nach Einschätzung von "Studium generale" - zum Teil ganz hervorragende Arbeit. 

Reizüberflutet und ohne Seele?

Es hat ja auch schon Anfang des Jahres darauf hingewiesen, daß die Pille ein "Klima seelischer Verhütung" schafft. Dieser Hinweis, daß späte erste Schwangerschaften biologisch ungünstig sind, ist von der Politik noch nicht aufgegriffen worden. Daraus folgt jedoch, daß insbesondere frühes Heiraten erleichtert werden muß und den Frauen für eine spätere berufliche Ausbildung und den beruflichen Wiedereinstieg praktisch rote Teppiche ausgelegt werden müssen. Auch müssen Partnerschafts-Kompetenzen und Verantwortungsbewußtsein im frühen Lebensalter (also mit Eintritt der Volljährigkeit) schon gestärkt werden und dürfen nicht durch schlechte mediale Beeinflussung ständig in die gegenteilige Richtung abgeschwächt werden.

Die Kinderlosigkeit hat also ganz offensichtlich im wesentlichen etwas mit Problemen in den Paarbeziehungen in Deutschland zu tun. - Ein Land ohne Liebe?

Neue abschließende Gedanken hierzu (hinzugefügt am 8.7.): Wahrscheinlich ist - wie schon von Frank Schirrmacher und Matthias Matussek im "Spiegel" letztes Jahr vermutet - auch Patriotismus eine seelische Kraft, die eine größere (seelische) Übereinstimmung zwischen Männern und Frauen in einem Land herbeiführen könnte, so daß Ehen leichter geschlossen werden und stabiler bleiben. Denn die Menschen gewinnen auf diese Weise mehr Vertrauen in die größere, sie umgebende Gemeinschaft und bekommen überhaupt von allen Seiten mehr Zustimmung zu einem Handeln, das dem langfristigen Überleben der eigenen Kultur, des eigenen Volkes dient. Und eben nicht nur zur persönlichen Glücksbefriedigung.

Mittwoch, 31. Januar 2007

Schafft die Pille ein "Klima seelischer Verhütung"?

Das "Berlin Institut für Bevölkerung und Entwicklung" hat sich eines brisanten Themas angenommen (Berl-Inst):

"Leben in Deutschland - dessen Frauen wie in kaum einer zweiten Nation zur Kontrazeption die Pille favorisieren - Millionen von Paare zusammen, die auf einer elementaren biologischen Ebene nicht optimal aufeinander eingestellt sind?" 

Diese Frage ergibt sich daraus, daß Frauen, die die Pille nehmen, sich hormonell und psychisch im Zustand einer (Schein-)Schwangerschaft befinden, und daß alle Säugetiere in der Schwangerschaft andere Menschen bevorzugen als in empfängnisbereiten Lebensphasen.

Abb. 1: Großfamilie in der Steiermark um 1913 (Wiki) (Symbolbild)

Im folgenden nur die zweite Hälfte des Artikels:

 ... „Für wen wir dahinschmelzen, wird von einer ganzen Reihe Faktoren bestimmt, von denen uns einige bewußt sind, andere nicht“, sagt Haselton. Aber all diese Faktoren - das vergessen wir heute oft - stehen im Dienste eines evolutionären Zieles: Kinder zu kriegen. Was Menschen als Attraktivität erleben, ist in vieler Hinsicht, so zeigen Haseltons Untersuchungen, ein maskierter Kinderwunsch. Hier liegt der springende Punkt: Genau diese archaischen, aber sensiblen psychologischen Mechanismen setzt unsere Zivilisation häufig außer Kraft. Dazu trägt besonders die Pille bei, die über 80 Prozent der deutschen Frauen zur Verhütung bevorzugen.
Die Pille polt nachweislich die Geruchssignale möglicher Partner um - und bringt in einem verhängnisvollen coup de foudre immunologisch gesehen genau die Falschen zusammen, die sich ohne Hormontabletten kaum finden würden. „Frauen, die mit der Pille verhüten, riskieren es, einen Mann zu wählen, der genetisch nicht mit ihnen harmoniert“, sagt Haselton. Probleme tauchen möglicherweise dann auf, wenn sie das Verhütungsmittel absetzen und Nachkommen planen: Plötzlich fehlen die unbewußten Impulse zur Familienplanung. Wenn der Partner immunologisch nicht paßt, bleibt der Kinderwunsch möglicherweise aus - trotz Ganztagsbetreuungsangebot und Elterngeld. 
Leben in Deutschland - dessen Frauen wie in kaum einer zweiten Nation zur Kontrazeption die Pille favorisieren - Millionen von Paaren zusammen, die auf einer elementaren biologischen Ebene nicht optimal aufeinander eingestellt sind?
Es ist jedenfalls denkbar - wenn auch experimentell und statistisch nicht belegt - daß die Konsequenzen der Anti-Baby-Pille über die reine Empfängnisverhütung hinausgehen. Sie könnten nicht nur die Biologie, sondern auch die Psychologie der Fruchtbarkeit verändern und so ein Klima der seelischen Verhütung schaffen, in dem viele Paare Kinder intuitiv nicht wollen - auch wenn sie sich selbst nicht erklären können, warum.  
Haseltons Forschungen unterstreichen, wie komplex die Psychologie der menschlichen Fortpflanzung ist. Ihre Erkenntnisse machen deutlich, warum es so schwer sein kann, Unterschiede in der Fruchtbarkeitsrate einzelner Länder wie Deutschland und Frankreich zu erklären, die zwar alle einen ähnlichen Lebensstandard haben, aber doch alle auch unterschiedliche kulturelle Gepflogenheiten, Traditionen und Rollenbilder. Die Brisanz von Haseltons Ergebnissen und denen anderer Forscher zeigt: Unsere emotionale Seite wird von Sozialwissenschaftlern bis heute zu wenig in Rechnung gestellt. Gerade hier schlummern aber möglicherweise Lösungen für hartnäckige Probleme.
So ließe sich vermuten, daß die schwankende Präferenz für bestimmte Rollenbilder während des weiblichen Zyklus mit wichtigen Bedürfnissen und Selbstbildern einer modernen Frau kollidiert - und daß auch ein solches Dilemma den Kinderwunsch unbewußt einschränken könnte. Ungeahnte - und politisch nicht korrekte Zusammenhänge eröffnen sich: Selbst die in der deutschen Gesellschaft noch in Teilen übliche Abwertung von Frauen, die sich attraktiv kleiden, könnte Konsequenzen für die nationale Fertilität haben. „Einen Partner zu wählen ist die folgenreichste Entscheidung unseres Lebens“, sagt Martie Haselton. „Und doch sind wir mit ihr oft unzufrieden“. Für die modernen westlichen Gesellschaften könnte sich nicht nur ein emotionales Dilemma dahinter verbergen - sondern auch ein demografisches.
Quellen: 
Buss et al. (1998): Adaptations, Exaptations, and Spandrels. American Psychologist 53 (5): 533-548.
Haselton, M. G. (2006): Sexual attraction: the magic formula. Times Online, 28. Mai. Haselton, M. G.; Miller, G. M. (2004): Fertility favors Creative intelligence. In preparation (online unter http://www.sscnet.ucla.edu/comm/haselton/webdocs/haseltonmiller.pdf). 
Haselton, M.G.; Gangestad, S. W. (2006): Conditional expression of womens’s desires and men’s mate guarding across the ovulatory cycle. Hormones and Behavior 49: 509-518. 
Haselton, M.G. et al. (2007): Ovulatory shifts in human female ornamentation: Near ovulation, women dress to impress. Hormones and Behavior 51(1): 40-45. 
Pillsworth, E. G.; Haselton, M. G.; Buss, D. M. (2004): Ovulatory shifts in female sexual desire. J Sex Res 41(1): 55-65.  
Für Nachfragen und Interviews steht Dr. Andreas Weber unter 0170-8118492 zur Verfügung.

     

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