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Sonntag, 3. Februar 2008

Jon Entine über Kevin MacDonald

An früherer Stelle hatten wir mit mancher Begeisterung auf das neue Buch des amerikanischen Journalisten Jon Entine "Abraham's Children" verwiesen (St. gen., 25.10.07) so wie wir auch schon sein früheres Buch "Taboo" aus dem Jahr 2000 gelegentlich positiv erwähnt hatten (Stud. gen.). Sein jetziges neues Buch ebenso wie noch sein Buch aus dem Jahr 2000 machen die Runde in den diversen Rezensionen, die inzwischen im Netz erschienen sind (Nature Genetics, Marathon-Blog, Jon Entine-Seite).

Wir arbeiten uns nun peu a peu durch dieses Buch hindurch und es enthält sicherlich viele lesenswerte Passagen, insbesondere auch eine sehr wertvolle Zusammenstellung wissenschaftlicher Literatur.

Doch von einem der in diesem Buch behandelten Wissenschaftler, von dem kalifornischen Psychologen Kevin MacDonald (Stud. gen. 1, 2), haben wir nun entdeckt, daß er ebenfalls einen Wissenschafts-Blog gegründet hat (Kevin MacDonald). Und dort werden in einem Beitrag nicht nur rühmliche Dinge berichtet über die Art, wie Jon Entine in seinem Buch ein persönliches Interview mit Kevin MacDonald ausgewertet und beschrieben hat.

Kevin MacDonald war wohl so ziemlich der erste Wissenschaftler weltweit, der konkrete Vorschläge dahingehend gemacht hat, wie "jüngste" und "lokale" Humanevolution auf der Ebene von ethnischen Gruppen eigentlich ganz konkret vor sich gehen kann, nämlich über sogenannte "gruppenevolutionäre Strategien". Das ist letztlich das Hauptthema auch des Buches von Jon Entine. Uns ist bislang auch keine bessere Theorie unter die Augen gekommen. David Sloan Wilson, der Freund von Kevin MacDonald, verfolgt zwar grundsätzlich den gleichen Ansatz, hat ihn aber längst nicht so konkret und umfassend an historischem Tatsachenmaterial entlang erläutert und illustriert wie Kevin MacDonald.

Welche Gründe nun Jon Entine, der doch eigentlich selbst sonst vor keinem "Tabu" zurückschreckt, haben könnte, ausgerechnet Kevin MacDonald und ausgerechnet so offensichtlich durchsichtig in ein "schreckliches", "obskures" Licht zu stellen - darüber kann man nur spekulieren. Wirklich merkwürdig.

Nachtrag: Nachdem wir das Kapitel von Jon Entine über Kevin MacDonald selbst gelesen haben, glauben wir noch nicht einmal, daß Jon Entine das selbst glaubt, was er da über Kevin MacDonald schreibt. Dazu ist er viel zu intelligent.

Uns kommt da der jüdische (bibelgläubige?) Journalist Joey Kurtzman, den wir hier auf dem Blog schon thematisiert hatten (Stud. gen. 1, 2), wesentlich ehrlicher vor als der jüdische (atheistische) Journalist Jon Entine. Beide pflegen, wie man überall im Netz sehen kann, intensive Kontakte zu Menschen ihres eigenen Volkes, interessieren sich für die ethnische Einzigartigkeit ihres Volkes. Also genau das, was auch Kevin MacDonald erforscht. Will nun aber Jon Entine sein eigenes Verhalten in dieser Direktheit nicht erforscht sehen? Es ist interessant, das Jon Entine schreibt:
"There is little written criticism of his work, however, in part because it's apparently largely gone unread." ("Es gibt wenig niedergeschriebene Kritik seines Werkes, das kommt aber zum Teil daher, daß es offensichtlich bisher weitgehend ungelesen blieb."
- Hier könnte er sich wohl auf eine öffentliche Reaktion von Steven Pinker zu Kevin MacDonalds Arbeit beziehen, in der er sich dazu äußerte - aber betonte, sie nicht gelesen zu haben. Richard Dawkins behandelt zwar nicht die Arbeit Kevin MacDonald's in seinem neuen Buch "Gotteswahn", jedoch die Arbeit des Freundes von Kevin MacDonald, John Hartung, der ähnliche Dinge erforscht.

Doch als informierter Journalist - zumal auf diesem Gebiet - wird Jon Entine sehr wohl wissen, was schon im Jahr 2000 ein Journalist berichtete (1; siehe auch die Homepage von Kevin MacDonald), daß die einflußreiche amerikanisch-jüdische Anti-Defamation-League gleich eine ganze Reihe von Leuten, auch Wissenschaftler, mehrhundertseitige "Expertisen" zu dem dreibändigen Werk von Kevin MacDonald hat erstellen lassen. Die Anti-Defamation-League wird ihre Gründe dafür haben, daß sie diese Expertisen bislang nicht hat veröffentlichen lassen und offenbar auch sonst mit ihr sypmathisierenden Wissenschaftlern rät, über Kevin MacDonald "nicht so viel Lärm" zu machen. Jedenfalls scheint einem dieses Kapitel von Jon Entine sehr im Sinne der ADL geschrieben zu sein ...
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1. Ortega, Tony: Witness for the Persecution. In New Times Los Angeles (www.newtimesla.com), 26. April 2000.

Donnerstag, 22. November 2007

"Das Judentum ist zur gänzlichen Vernichtung des Heidentums bestimmt."

Durchgeknallte neokonservative amerikanische Intellektuelle

Letztes Jahr starb in den USA ein führender neokonservativer Intellektueller, Milton Himmelfarb. Und seine Schwester Gertrude Himmelfarb hat schon dieses Jahr posthum eine Essay-Sammlung von ihm herausgebracht unter dem Titel "Jews and Gentiles". Es umfaßt vor allem Essay's, die seit vielen Jahrzehnten in der renommierten Zeitschrift "Commentary" unter der Herausgeberschaft von Norman Podhoretz erschienen sind. Dieses Buch wurde schon im April von David Gelernter, der beim konservativen "American Enterprise Institute" arbeitet, rezensiert. Die Rezension birgt allerhand Überraschungen. (AEI) Sein Urteil über dieses Buch gleich zu Beginn:
Should you happen to be a Jew or a Gentile, you will find it indispensable.
Also übersetzt:
Sollten Sie zufällig Jude oder Nichtjude sein, so werden Sie dieses Buch unentbehrlich finden.
Als gäbe es keine wichtigere Unterscheidung in der Welt als die zwischen Juden und Nichtjuden. Nun, für - manche - Juden offenbar auf jeden Fall. - Aber wer spricht denn hier eigentlich? Der nächste Satz stellt dann als geradezu selbstverständliche Tatsache hin, was in dem Buch "Israel-Lobby" von Mearsheimer und Walt gerade als heftig öffentlich umstritten - und kritikwürdig - erörtert wird (neuerdings sogar von Richard Dawkins in die öffentliche Diskussion eingebracht [siehe Michael Blume]):
Of the imposing, mostly Jewish, intellectuals who changed America forever by inventing neoconservatism (i.e., "new conservatism," progressive conservatism), Milton Himmelfarb was the one who cared first and most about religion--in particular, Judaism. Repeatedly, he described the mood of the moment with absorbing precision, but kept his eye fixed on politics and historical and religious truth.
Also übersetzt:
Von den eindrucksvollen, zumeist jüdischen Intellektuellen, die Amerika für immer umwandelten dadurch, daß sie den Neokonservatismus einführten (bzw. den "neuen Konservatismus", den fortschrittlichen Konservatismus), war Milton Himmelfarb derjenige, der zu allererst und am intensivsten Religion mitberücksichtigte - besonders die jüdische. Wiederholt beschrieb er das Tagesgeschehen mit erschöpfender Präzision. Aber er hielt sein Auge auf Politik und auf historische und religiöse Wahrheiten gerichtet.
"Die eindrucksvollen, zumeist jüdischen Intellektuellen ..."

Man höre genau hin, hier wird - wiederum ganz selbstverständlich - von "religiösen Wahrheiten" in Bezug auf das Judentum gesprochen. Weiter heißt es:
The essays here span nearly half a century, from 1949 through 1996--the time during which intellectuals took over America's universities, the universities took over American culture, and the left replaced the right as America's "Establishment" (a word that was far more popular in olden times when the Establishment was right-leaning and fun for professors to attack).
Offensichtlich ist doch der Autor der Rezension selbst Jude. Will er denn absichtlich provozieren, indem er die Thesen über die "Israel-Lobby" so schnodderig als selbstverständliches Schuljungen-Wissen voraussetzt?
Die Essay-Sammlung "Jews and Gentiles", so werden wir weiter von ihm belehrt, hat "ein Thema":

The rise of paganism in our times, and the fundamental, irreconcilable antagonism between paganism and Judaism. We must carefully distinguish (the author writes) between paganism and mere atheism. Paganism is a positive system of beliefs. Atheism dominated the "modern" age, but modernism collapsed in the turmoil of the late 1960s.

Das Thema ist also:
Der Aufstieg des Heidentums in unserer Zeit und die fundamentale, unversöhnliche Gegnerschaft zwischen dem Heidentum und dem Judentum. Wir müssen sorgfältig unterscheiden (so schreibt der Autor) zwischen Heidentum und bloßem Atheismus. Heidentum ist ein positives Glaubenssystem. Atheismus dominierte zwar das "moderne" Zeitalter. Aber diese Modernisierungsbewegung brach in den Unruhen der späten 1960er Jahre zusammen.
"Heidentum steht für Promiskuität, Not und Tod."

Der Atheismus brach schon in den späten 1960er Jahren zusammen? Merkwürdige These. Gerade damals kam er doch erst so richtig in Fahrt!? Weiter heißt es:

For Himmelfarb, paganism is the characteristic religion of today's elite--and it stands for promiscuity, misery, and death. He traces the taste for paganism to Enlightenment philosophes such as Diderot, to their 20th-century academic admirers, and to the psychotic sixties, when nature-worship and sexual promiscuity began to seem positively good and Christianity (and Judaism even more, to the extent anyone ever thought about it) began to seem evil.

Also:
Für Himmelfarb ist Heidentum die charakteristische Religion der heutigen Elite - und sie steht für Promiskuität, Not und Tod. Er führt die Vorliebe für das Heidentum auf die Philosophen der Aufklärung zurück wie Diderot und auf ihre Bewunderer im 20. Jahrhundert und auf die psychotischen 68er, als man begann, Natur-Anbetung und sexuelle Promiskuität als positiv anzusehen und das Christentum (und das Judentum noch mehr - in einem Ausmaß wie es niemand zuvor geglaubt hatte) als schlecht.
Zwischenfrage: Von welcher Elite ist denn jetzt die Rede? Doch nicht etwa jene, die mit Himmelfarb Amerika veränderte? Weiter heißt es:
Himmelfarb rottet beiläufig aber gründlich den letzten Splitter des Glaubens aus, daß Heidentum bewundernswürdig wäre.
Und das weitere ist einem viel zu dumm und geradezu absurd, als daß man es hier alles übersetzen möchte:

Himmelfarb casually but thoroughly annihilates to the last splinter the idea that paganism is admirable. Diderot admired pagan Tahiti, for example, which still (in the 21st century) strikes many people as romantic, exotic, and generally lovable. But a little research discloses that, in pagan Tahiti, an organized priesthood handled the worship of the "greater gods," who sometimes required human sacrifice; cannibalism was also on the menu, occasionally. Himmelfarb notes the bloodthirsty, "sick-making" entertainments staged in the amphitheaters of pagan Rome, a civilization much praised by Diderot and his Enlightenment colleagues. As for the Eastern spirituality sometimes admired by "soft-boiled modern pagans," as recently as 1968, India's prime minister saw fit to denounce the ritual murder of a 12-year-old boy to appease the gods at the outset of a large construction project. Bloodshed, says Himmelfarb, is "the piety of paganism."

Das absurde Allgemeinurteil lautet also:

(...) Blutvergießen, sagt Himmelfarb, ist "die Frömmigkeit des Heidentums".
"Das Judentum ist zur gänzlichen Vernichtung des Heidentums bestimmt."

Weiter heißt es in der Rezension:
Das Judentum ist der andere Teil seines Hauptthemas. Das Judentum ist zur gänzlichen Zerstörung des Heidentums bestimmt.
Im Originaltext wird dieser archaische, ganz und gar alttestamentarisch anmutende Satz im weiteren irgendwie eingeschränkt:
Judaism is the other part of his main topic. Judaism is dedicated to paganism's utter destruction. (Even though--Himmelfarb never neglects a nuance--the prophet Micah said, "For let the peoples walk each in the name of its god, but we will walk in the name of the Lord our God for ever and ever." "Sometimes I like to think," Himmelfarb writes, "that maybe [the rabbis] had a quiet weakness for pluralism.")
Also:
(Obwohl - Himmelfarb verneint niemals diese Nuance - der Prophet Micha sagte: "Laßt die Völker jedes im Namen seines Gottes leben wir werden stattdessen im Namen des Herrn, unseres Gottes für immer und ewig leben." "Manchmal möchte ich glauben," so schreibt Himmelfarb, "daß die Rabbiner eine stille Schwäche für Pluralismus hatten.")
Hört man denn hier ganz richtig ein ... zynisches Lächeln über ... "Pluralismus", religiösen Pluralismus ... heraus? Die "stille Schwäche für Pluralismus" wird nur in Klammer gesetzt aber als Hauptaufgabe des Judentums hier in der Welt wird - ganz und gar im wortwörtlichen Sinne des Alten Testamentes bestimmt: die gänzliche Zerstörung des Heidentums. Man sollte das doch festhalten. Was führende amerikanische Konservative zu äußern fähig sind am Beginn des 21. Jahrhunderts. Sollen hier nur in zynischer Weise einige Klischees bedient werden? Oder gleich alle auf einmal?

(Religiöser) Pluralismus - ja oder nein, das ist hier die Frage ...

Sodann wird - das soll hier nur kurz erwähnt werden - die Unterscheidung von Judentum und Christentum behandelt. Das Judentum würde kaum eine Hölle kennen und sei darum weniger "rachsüchtig" als das Christentum. Liest man genau, so erfährt man: Das Judentum kennt nur für Juden selbst keine Rache von Gottes Seite. Aber diese Absätze seien hier übergangen. Es ist 'eh alles schon absurd und archaisch genug. Angesehene, neokonservative Intellektuelle in den USA schreiben so etwas? - Weiter heißt es dann:

Yet Himmelfarb is careful to note that only paganism, and never Christianity, could have sponsored the Holocaust: "If one sentence could summarize Church law and practice over many centuries, it is this: the Jews are allowed to live, but not too well." This sentence is worth a couple of academic monographs and a journal paper all by itself.

Also, das Christentum kann am Holocaust nicht schuld sein, da ein Grundsatz des kirchlichen Rechtes und der kirchlichen Praxis über viele Jahrhunderte hin gelautet hätte: es ist den Juden erlaubt zu leben - aber nicht zu gut. Dieser Satz wäre eine ganze Reihe von akademischen Monographien und Zeitschriftenartikeln für sich selbst wert, so Gelernter.

Bleibt also nur das Heidentum, das am Holocaust schuld ist. Von anderen Menschheitsverbrechen muß bei dem Thema "Jews and Gentiles" ja sowieso nicht die Rede sein. (... Oder wäre nicht auch Juri Slezkine zu behandeln?) Von dem Essay über Hitler als die Ursache des Holocaust ist Gelernter dann auch nicht so recht befriedigt:

We don't hear enough about General Erich Ludendorff's anti-Christian views and Teutonic paganism. We do learn that Hitler "scorned Judaism and Christianity not like Ludendorff the Teutonizer but like Voltaire the Enlightener." But no explanation follows. There are Hitler pronouncements that support this claim (although Himmelfarb doesn't cite them); there are also pronouncements that suggest other wise--and there is the Wagner cult Hitler belonged to, the pseudo-Teutonic rites and ceremonies he loved. Himmelfarb emphasizes that the Holocaust was a pagan and not Christian phenomenon, but doesn't tell us nearly enough about Germany's paganism or Hitler's.

Übersetzt:

Wir hören nicht genug über Erich Ludendorffs antichristliche Ansichten und teutonisches Heidentum. Wie lernen, daß Hitler "das Judentum und das Christentum verachtete nicht wie Ludendorff, der Teutonisierer, sondern wie Voltaire, der Aufklärer." Aber keine Erklärung folgt. Es gibt Äußerungen von Hitler, die diese Behauptung stützen (obwohl Himmelfarb sie nicht zitiert), aber es gibt auch Äußerungen, die anderes nahelegen - und da gibt es den Wagner-Kult, dem Hitler anhing, die pseudo-teutonischen Riten und Zeremonien, die er liebte. Himmelfarb betont, daß der Holocaust ein heidnisches und nicht ein christliches Phänomen war aber er sagt uns nahezu nichts über Deutschlands Heidentum oder über das Hitlers.

Eben war noch geradezu selbstverständlich das Judentum "zur gänzlichen Vernichtung des Heidentums bestimmt" angesprochen worden (wobei offen geblieben war, mit welchen Mitteln diese Vernichtung vorangetrieben werden sollte - doch nicht etwa mit Auslands-Einsätzen amerikanischer Soldaten?), und dann macht man sich Gedanken darüber, aus welchen Gründen Antisemiten im Deutschland der 1930er Jahre "Vernichtungs-Absichten" gehegt hätten.

Keine sehr schöne gedankliche Welt jedenfalls, in der da führende amerikanische Konservative zu leben scheinen.

Sonntag, 4. November 2007

Warum sollte es Juden / Deutsche / Christen etc. geben?

Man ärgert sich so oft über die Beiträge im amerikanisch-jüdischen Online-Kultur-Magazin "Jewcy", daß man sich fortlaufend vornimmt, den Newsletter-Bezug einzustellen. Schon allein deshalb, weil man viele hier geführte inner-(amerikanisch-)jüdische Debatten nicht von vornherein in ihren Anlässen und Zielrichtungen versteht, und weil man sich denkt: Was will der Autor hier eigentlich schon wieder? Warum die Emphase? Auch reden einem hier oft (zumindest scheinbar) zu viele Söhne und Töchter von Rabbinern mit, die damit spielen, intellektuell "trotzdem" "super-cool" zu sein ... Ach, solche Dingen können einem schon ganz schön auf die Nerven gehen.

Aber dann - zwischendurch - kommen immer mal wieder Beiträge, da denkt man sich: Hu! Darauf wäre man jetzt - so ohne weiteres - nicht gekommen. So zumindest nicht. Das ist irgendwie genial.

So gibt es derzeit eine innerjüdische Debatte darüber, ob "jüdische Werte" es eigentlich wirklich wert sind, erhalten zu werden in der Welt. Als Deutscher stellt man sich natürlich gleich die parallele Frage, aha, ähm ...: 1. Gibt es "deutsche Werte"? (Hm ... sicherlich ... Distinkter wären dann wohl noch "preußische", "bayerische" - aber gewiß: auch deutsche). 2. Sind es deutsche Werte eigentlich wert, in der Welt erhalten zu werden? (- ??)

Merkwürdigerweise stellen sich wenige Deutsche solche Fragen. Noch am ehesten wurde (zumindest in früheren Jahrzehnten) oft über die "deutsche Identität" diskutiert, was das eigentlich wäre etc., also über die Frage, ob das eigentlich irgendeine Bedeutung hat, wenn man "Deutscher/Deutsche" ist oder ob das absolut irrelevant für das Menschsein an sich ist. Und nun gibt es da einen Noam Feldman, von dem folgendes berichtet wird (Jewcy):
(...) He put forth a third opinion: There’s no point in preserving Jewish values if they’re not worth saving. Rather than argue about how best to sell them to the 12 million unaffiliated Jews of the world, we should be examining them critically, to see what good they do. “We are not in the business of preservation for its own sake,” he said, “at least we ought not to be.” (...)
Das kann man als einen tollen Ansatz empfinden! Man solle ethnische Werte nicht einfach "um ihrer selbst willen" bewahren wollen, sondern sollte nach dem Sinn eines solchen Bewahrens fragen.

Übrigens könnte man sich eine solche Frage doch auch als Christ stellen und bezüglich christlicher Werte. Aber warum kommt einem letzteres nun wieder ziemlich schrill vor? Weil es einem in religiösen Fragen ja nicht darum geht, ob Werte "gut" oder "schlecht" sind, sondern aus welchem Gesamtzusammenhang heraus sie gerechtfertigt werden. - Gut, eine solche Frage scheinen sich die Juden in der "Noam Feldman-Debatte" gar nicht zu stellen. Es geht gar nicht um die Frage, ob "jüdische Werte" aus einem religiösen Gesamtzusammenhang abgeleitet sind, der schon per se geschichtlich und intellektuell seit langem überholt ist. Hm! Wieder einmal ein ganz anderer Ansatz, als man ihn aus seiner eigenen Kultur kennt.

Bei so etwas fällt einem immer der dänisch-jüdische Atomphysiker Nils Bohr ein, der auf die Frage, warum er abergläubisch ein Hufeisen über der Tür hängen habe, antwortete: "Mir wurde gesagt, daß es Glück bringt auch dann, wenn man nicht dran glaubt." Das ist wohl eine sehr "rabbinische" Antwort ... Und so denken wohl heute viele Juden, die nicht bereit sind, ihre jüdische Identität (völlig) aufzugeben.

Das Spannende am Judentum ist ja, daß bei ihm Ethnizität und Religosität zusammenfallen, das ist ein Umstand, der nur noch für wenige Völker in der Welt gilt, denn ein Großteil der Völker glaubt ja, wenn, dann ebenfalls an den jüdischen Gott und nicht an irgend einen eigenen Gott. Wäre letzteres der Fall, könnte man wohl eher sagen: "Gut, die ganze germanische Edda-Götterwelt ist ein wenig schizophren in unserer Zeit. Aber daß da noch Menschen dran glauben, könnte 'gut für unser Volk sein'". (Ich glaube, so ähnlich denken auch viele atheistische Juden in Bezug auf ihr Volk.)

... Man sieht an letzterem Beispiel schon ein wenig deutlicher das Schillernde und Schrille eines solchen Ansatzes ...

Daß heute übrigens so viele nichtjüdische Völker an einen jüdischen Gott glauben, ist auf die Bemühungen in Bezug auf Proselyten-Machen von Seiten der Juden in der Antike zu rückzuführen, als die römischen Kaiser immer wieder Gesetze dagegen erließen, daß Juden ihre nichtjüdischen Sklaven beschnitten und auch andere Nichtjuden religiös zu Juden machten. Aus diesen jüdischen Bemühungen gingen Christentum und Islam hervor, vielleicht die erfolgreichste Missions-Bewegung der Weltgeschichte.

Interessant aber nun auch die "jüdischen Werte", von denen man glaubt, sie seien es wert, in der Welt heute bewahrt zu werden:
"(...) education, tzedakah, belief in the here and now, a beneficial sense of outsiderness, a strong sense of group responsibility, and an ability to succeed any society based on individualism and meritocracy. These six values make Jews special. (...)"
Puh, da kommen wir aber mit "unseren" germanischen Göttern nicht mit! "Ein starker Sinn für Gruppenverantwortung." "Die Fähigkeit, die Nachfolge jeder Gesellschaft anzutreten, die auf Individualismus und dem Leistungsprinzip aufgebaut ist." (- Richtig übersetzt?!?)

Außerdem übrigens diskutiert der konservative amerikanische Journalist John Derbyshire in der neuesten Ausgabe mit Gideon Aronoff über die Frage, warum, ob und wie amerikanische Juden Einfluß nehmen ("sollten") auf die amerikanische Einwanderungspolitik. (Jewcy) Ausgangspunkt sind einmal aufs Neue die Thesen des amerikanischen Soziobiologen Kevin MacDonald über das Verfolgen von gruppenevolutionären Strategien durch das amerikanische Judentum ("A Culture of Critique").

John Derbyshire sagt an einer Stelle:
"Are Jews at large driven by the calculating ethnocentrism described by Kevin MacDonald? Or by the universalist humanism you profess? Something of both, would be my best guess, the mix being different under different circumstances and at different degrees of religious intensity."
Die Antwort lautet:

"A Jewish Perspective Can Be Both Fully Universalist and Fully Particularist."

Freitag, 2. November 2007

Hayek, Wilson und Wilson (Edward O. und David Sloan) über Gruppenselektion und Altruismus

Die neueste Ausgabe des "New Scientist" bringt einen Artikel von einem sehr prominenten Autoren-Paar: David Sloan Wilson und Edward O. Wilson, Titel: "Evolution - Survival of the selfless". (New Scientist) - Leider kostenpflichtig! Auf der Suche nach seinem etwaigen Inhalt stieß ich auf einen weiteren - oder den gleichen? - Artikel desselben Autoren-Paares "Rethinking the Theoretical Foundation of Sociobiology" (pdf.). In der Zusammenfassung heißt es:
Multilevel selection needs to become the theoretical foundation of sociobiology, despite the widespread rejection of group selection since the 1960s.
Oder:
Group selection has become both theoretically plausible and empirically well supported.
Edward O. Wilson hatte schon vor einigen Jahren (zusammen mit Bert Hölldobler) daraufhingewiesen, daß man den Altruismus in Insektenstaaten nach den neuesten empirischen Ergebnissen nicht mehr durchgängig widerspruchsfrei mit Verwandten-Altruismus erklären kann, und daß höchstwahrscheinlich das Konzept der Gruppen-Selektion hinzugezogen werden muß. Hier scheint er sich nun mit dem langjährigen prominentesten Vertreter der Gruppen-Selektion zusammen getan zu haben, um das Konzept neu zu diskutieren.

Zufälligerweise finde ich dabei auch eine Rezension aus dem Jahr 2000 zum Buch "Unto others" von David Sloan Wilson mit dem Titel: “Was Hayek Right About Group Selection After All?” Review Essay of Unto Others. (pdf.) Da Religionswissenschaftler Michael Blume ein so großer Fan von Friedrich von Hayek ist, denke ich, wird es ihn freuen zu erfahren, daß auch schon andere Evolutionspsychologen auf Hayek aufmerksam geworden sind.

Um es zu wiederholen: Für mich - ebenso wie für David Sloan Wilson und seinen Freund Kevin MacDonald - zählen die Geschichte des aschkenasischen Judentums in den letzten tausend Jahren ebenso wie die Geschichte anderer religiöser und ethnischer Gruppierungen weltweit zu den besten Beispielen für Gruppenselektion und dabei auch für die (Weiter-)Evolution von Religiosität.

Wahrscheinlich ordnet sich überhaupt jede Form von neu entdeckter "lokaler Humanevolution" in dieses Konzept von Gruppenselektion ein. Sicherlich ist auch in jeder Menschengruppe die Neigung zu Altruismus in etwas anderer Weise evoluiert. So sind Menschen, die von ihrer Veranlagung her eher zu "Kollektivismus" neigen, in anderer Weise altruistisch, als Menschen, die eher zu "Individualismus" neigen. So kann auch zum Beispiel schon schlicht gesagt werden, daß intelligentere Menschen in bestimmten Umwelten auf andere Weise (oft effizientere Weise) altruistisch sein können, als weniger intelligente Menschen. Das erhöht aber nicht den "Wert" ihres Altruismus, macht sie also nicht irgendwie "auserwählt" oder zur "Herrenrasse", sondern erhöht nur ihre Verantwortung ...

Es muß völlig neu über die ethische Beurteilung menschlichen Handelns nachgedacht werden, dabei insbesondere darüber, ob jemand, der weniger effizient altruistisch handeln kann, deshalb per se weniger altruistisch ist. Ich glaube nicht, daß man zu einem solchen Ergebnis kommen wird. Das marxistische Paradigma des "Jedem nach seinen Bedürfnissen und jeder nach seinen Fähigkeiten" muß völlig neu durchdacht werden.

Verkehrte Welt ...

Während James Watson in der Öffentlichkeit, auch in "Slate", für den Vorschlag niedergemacht wurde, daß man Afrika anders fördern müsse als bisher - nämlich an seine distinkte Verhaltens- und IQ-Genetik angepaßt, wird weiter in der Öffentlichkeit, auch in "Slate" fröhlich über den besonderen Zusammenhang zwischen Genen und Kultur bei den Juden diskutiert:
(...) A culture that trains its young people to procreate only with one another becomes, over time, a genetically distinct population. And if that culture glorifies intelligence to such a degree that it drives less intelligent people out of the community—or prevents them from attracting mates—it becomes an IQ machine. Cultural selection replaces natural selection. For example, Jews have long emphasized male literacy. For this reason, Murray argued, anyone who was Jewish and stupid 2,000 years ago found "it was a lot easier to be a Christian." Entine called this kind of process a "bio-cultural feedback loop." (...)
Sehr fröhlich (Zitat: "your goyishe kop") auch in der Washington Post. Niemand wird entlassen oder bekommt Termine abgesagt. Die Geschichte macht fröhlich die Runde. (AEI, Gene Expr., Ph. Weiss, Steve Sailer) Ach so: Noch nicht mal die Entlassung von Charles Murray wird gefordert, noch nicht mal die von Jon Entine ... - Verkehrte Welt, oder was? Oder neue Bestätigung so mancher Thesen von Kevin MacDonald?

Sonntag, 21. Oktober 2007

Die Westgoten, die sephardischen und die aschkenasischen Juden

Die Geschichte des antiken Judentums ist gut erforscht, ebenso die Geschichte des mittelalterlichen Judentums. Aber wie gut ist eigentlich die Geschichte des Judentums in der Übergangszeit zwischen Antike und Mittelalter erforscht? Da sich in dieser Zeit die genetische und kulturelle Neubildung des aschkenasischen (traditionell deutsch-/jiddisch-sprachigen) Judentums vollzog (also eine klassische Ethnogenese), das eine für die Wissenschaft heute so interessante Genetik aufweist, stellen sich neue Fragen an die Geschichtswissenschaft. Mit dem Thema kenne ich mich noch gar nicht so richtig aus, bin aber gerade auf die Rezension ("Early Medieval Europe", frei zugänglich) einer deutschen Doktorarbeit von 2001 gestoßen , die inzwischen ins Englische übersetzt worden ist von Wolfram Drews zum Thema "Juden und Judentum bei Isidor von Sevilla". (Amazon 1, 2)

Es ist erstaunlich zu erfahren, daß sich die Westgoten in Spanien, als sie zum Katholizismus übertraten, als Volk neu definierten und zwar insbesondere als unterschiedlich gegenüber den Juden, die also im weströmischen Reich keine besonders unbekannte Komponente gebildet haben können. Könnte man nicht ähnliche Vorgänge vermuten bei der Ethnogenese des deutschen Volkes und des aschkenasischen Judentums in den Jahrhunderten danach?

Aus der englischen Version wird Wolfram Drews folgendermaßen zitiert:
"In the 6th century the self-perception of the Goths had been subjected to constant change and even erosion, which provided the basis for the creation of a new paradigm in 589, the invention of a new ‘origin of the Goths’ . . . When they converted to Catholicism, a new form of religious and ‘ethnic’ demarcation suggested itself: the opposition to Judaism, which became a new and constant feature in the 7th century, but which in fact continued the anti-Roman strategy of earlier centuries. Traditional Roman and Catholic anti-Judaism was taken over at the time of conversion and adapted to the political agenda of the Catholic Gothic monarchy."
In diesem Prozeß spielte Isidor, Bischof von Sevilla, eine entscheidende Rolle.

All das handelt ja wahrscheinlich vom sephardischen Judentum. Für mich ist die ganze Thematik nur deshalb interessant, weil dies genau jener Zeitraum ist, in dem sich zu gleicher Zeit in Deutschland am Rhein die Abspaltung der aschkenasischen von den sephardischen Juden vollzogen haben muß.

Vielleicht erfährt man über all das noch Genaueres in dem neuen Buch von Jon Entine über die aschkenasischen Juden und ihre "genetische Geschichte" (siehe früehrer St. gen.-Beitrag).

Dienstag, 16. Oktober 2007

Eugenik: Das Beispiel Israel heute

Abb. 1: Israelische Fahne
Fotograf: Zachi Evenor (Wiki)
In einem Zeitungsbericht (Zeit) erfährt man viel Neues über die Hochwertung von Kinderreichtum und über den Umgang mit Pränatal-Diagnostik und Unfruchtbarkeit in Israel. Viele Gedanken, die durch das Denken und Handeln während des Dritten Reiches in Deutschland diskreditiert sind, werden in Israel ausdrücklich und betont praktiziert. Es wird mit diesem Beispiel vielleicht sehr prägnant aufgezeigt, dass jeder Staat, jede Kultur, jedes Volk durch die in ihm vorherrschenden Normen und Werte sich sein eigenes eugenisches oder dysgenisches "Programm" gestaltet. Und zwar mal mehr, mal weniger bewusst. Und wahrscheinlich war das auf die eine oder andere Weise immer schon in der Menschheits-Geschichte so. Aber hier nun einige Auszüge:
Die hohe Zahl der Geburten soll das Überleben einer Nation garantieren. (...) Orthodoxe Familien bekommen im Schnitt acht bis neun Kinder, nicht selten auch mehr. (...) "Seid fruchtbar und mehret euch" (...). Für orthodoxe Gläubige ist er die erste Mitzwa: das höchste Gebot. (...)

Israel hält den Weltrekord an Gentests vor oder während der Schwangerschaft - 14 sind bei nichtorthodoxen Frauen üblich. Selbst kleinere Abweichungen von der Norm führen häufig zur Abtreibung, mitunter genügt eine Lippen-Kiefer-Gaumenspalte, die im Ultraschall auffällt. (...)

Nach einer vergleichenden Untersuchung aus den neunziger Jahren fanden es zwei Drittel der israelischen Humangenetiker unverantwortlich, wissentlich ein Kind mit schweren Erbschäden zur Welt zu bringen. Nur acht Prozent der deutschen Kollegen teilten diese Ansicht. (...) In der Bundesrepublik ist der Begriff "Eugenik" hoch belastet. In Israel ist er es nicht. (...)

Die PID, in anderen Ländern verboten oder nur bei schweren Erbkrankheiten erlaubt, setzt Dor auch ein, um taube oder blinde Embryonen zu erkennen. Demnächst will er die vorgeburtliche Diagnostik auf das BRCA-Gen ausdehnen – die Trägerinnen werden vielleicht als Erwachsene an Brustkrebs erkranken. (...)

Freiwillige Kinderlosigkeit existiert in Israel so gut wie nicht. "Single zu sein ist schon schwierig in Israel (...) aber keine Kinder zu haben, das ist, als wäre man ein spinnerter Sonderling." (...)

Beispielsweise praktiziert Israel ein Bevölkerungsscreening, das so ausgefeilt ist wie nirgendwo auf der Welt: Eine Frau im fortpflanzungsfähigen Alter wird auf versteckte Erbkrankheiten untersucht, bei positivem Befund auch ihr Mann, und falls beide Träger eines bestimmten Gens sind, wird später auch der Embryo oder Fötus gescreent, weil er ein Risiko hätte zu erkranken. Die israelische Vereinigung der Humangenetiker empfiehlt für bestimmte Gruppen der Bevölkerung 14 verschiedene Tests. Gefahndet wird etwa nach dem Tay-Sachs-Syndrom, einer unter osteuropäischen Juden vermehrt auftretenden genetischen Störung, die im Kleinkindalter zum Tod führt; aber auch nach der Stoffwechselkrankheit Mukoviszidose, bei der Neugeborene heute eine Lebenserwartung von bis zu 50 Jahren haben. Rund ein Dutzend weiterer Tests werden zwar nicht empfohlen, aber praktiziert. In Deutschland gibt es noch kein Bevölkerungsscreening auf genetisch bedingte Erkrankungen. (...)

Im Zentralcomputer von Dor Yeshorim sind genetische Daten von mehr als 200000 orthodoxen Juden aus Israel, den USA und Europa gespeichert. Die Organisation wurde in den achtziger Jahren von dem New Yorker Rabbiner Joseph Ekstein gegründet, der vier seiner zehn Kinder durch das Tay-Sachs-Syndrom verloren hatte. Bereits mit 17 Jahren liefern junge Orthodoxe der Einrichtung ihre Blutproben und lassen sie auf versteckte genetische Krankheiten testen; sie zahlen dafür einen durch private Spenden subventionierten Preis von bis zu 200 Dollar. Zehn Tests sind derzeit üblich, etwa auf Tay-Sachs oder das Gaucher-Syndrom.

Jeder Teilnehmer bekommt eine mehrstellige Codenummer mitgeteilt. Wenn zwei Kandidaten von den Eltern für die arrangierte Hochzeit ausgesucht wurden, wählen sie die Brooklyner Nummer, geben ihre Codes durch und erfahren, ob sie vom Erbgut her zueinanderpassen. Lautet die Antwort "genetisch kompatibel", können sie sich näher kennenlernen und sehen, ob sie sich auch sympathisch sind. Falls aber ihrem Nachwuchs genetische Probleme drohen, verzichten die Aspiranten auf weitere Kontakte.

"Niemand würde auf die Idee kommen, keine Kinder haben zu wollen oder schwerstkranke Kinder in Kauf zu nehmen", sagt die Politikwissenschaftlerin Barbara Prainsack, die am Londoner King’s College lehrt. Dabei erfahren weder die Betroffenen noch ihre Angehörigen zu irgendeinem Zeitpunkt das individuelle Genprofil. "Dadurch wird Stigmatisierung verhindert, wie es die jüdische Religion gebietet", so Prainsack.

Dor Yeshorim erfasst nach eigenen Angaben 90 Prozent der streng orthodoxen Juden. (...)

Anders als in Deutschland ging Eugenik in Israel allerdings nie mit staatlichem Zwang einher. (...)

Behindertes Leben werde in Deutschland glorifiziert, sagt Hashiloni-Dolev, hingegen gelte es in der säkularen Tel Aviver Gesellschaft als verrückt, ein behindertes Kind zur Welt zu bringen.
Viel sehr Extremes auf diesem Gebiet in Israel stößt einen ab. Anderes wiederum erscheint nachdenkenswert. Auf einer Tagung in Berlin im November will die "Evangelische Akademie" wie im Artikel berichtet wird, ebenfalls Neues zu der Thematik lernen.

Dienstag, 12. Juni 2007

"Rasse, Religion und Vererbung" - Diskussionen an der Universität Durham

Im letzten Beitrag wurde ein Artikel über das "Institute of Advanced Study" an der Universität Durham gebracht, das ein Gespräch am Runden Tisch zum Thema "Rasse, Religion and Vererbung" offenbar auf dem neuesten Stand der Forschung und der Forschungs-Diskussion organisiert hat. Da auch der von mir sehr geschätzte Soziobiologe Robin Dunbar an ihm beteiligt war, kann man sich nur das Allerbeste von dieser Diskussion erwarten. Hier ist nun der offizielle Kurzbericht auf ihrer Netzseite (dur.ac.uk):

Am 26. April 2007 eröffnete die Universität Durham ihr Institut für Höhere Studien mit einer Podiumsdiskussion zum Thema „Rasse, Religion und Vererbung“ auf Schloß Durham.
Ein zentrales Thema des Instituts, das sich aus dem Gründungsthema „Das Vermächtnis von Charles Darwin“ ergab, betrifft das Verhältnis zwischen Klassifizierung und verantwortungsvollem Wissen. Ist es möglich, Klassifizierungsmethoden zu entwickeln, die nicht spaltend, schädlich oder ausgrenzend sind, insbesondere im Hinblick auf die verschiedenen menschlichen Rassen und Glaubenssysteme?
In der Podiumsdiskussion am 26. April richtete sich das Interesse des Instituts an der Klassifizierung auf die Frage, ob Klassen vorgegeben sind, ob die menschliche Taxonomie angeboren ist. Dies war eine Frage von grundlegendem öffentlichen Interesse im Kontext aktueller Kontroversen um die Ursprünge rassischer und religiöser Überzeugungen. Wir erleben ein Wiederaufleben biologischer Interpretationen von Rasse und Rassenunterschieden, den Aufstieg des religiösen Fundamentalismus und ein wachsendes öffentliches Interesse an der Abschaffung des transatlantischen Sklavenhandels im Gedenken an die Zweihundertjahrfeier. Diese Kontroversen – und mögliche Lösungsansätze im Hinblick auf religiöse und rassische Toleranz und Verständigung – kreisen um die ungelöste Frage, ob Unterschiede in Verhalten, Veranlagung und Affekt vererbt werden und, falls ja, durch welchen evolutionären Mechanismus.
Zu den hochkarätig besetzten Rednern gehörten:
John Hedley Brooke (IAS Fellow, Professor für Wissenschaftsgeschichte am Ian Ramsey Centre der Universität Oxford und Autor des preisgekrönten Buches „Science and Religion: Some Historical Perspectives“);
Madeleine Bunting (Autorin, Kolumnistin des Guardian und Trägerin des „Race in Media“-Preises der Kommission für Rassengleichheit im Jahr 2005);
Robin Dunbar (Professor für Evolutionspsychologie an der Universität Liverpool, Mitglied der British Academy und Autor von „The Human Story“);
John Dupré (IAS Fellow, Wissenschaftsphilosoph an der Universität Exeter, Direktor des ESRC Centre for Genomics in Society und Autor des vielbeachteten Buches „The Disorder of Things“);
Anthony P. Monaco (Professor für Humangenetik und Direktor des Wellcome Trust Centre for Human Genetics, Universität Oxford)
Die Debatte wurde vom neuen Vizekanzler der Universität Durham, Professor Christopher Higgins, geleitet.
Ein vollständiges Transkript und eine Videoaufzeichnung dieser Veranstaltung werden in Kürze verfügbar sein.
Letzte Änderung: 17. Mai 2007
On 26th April 2007 Durham University publically launched its Institute of Advanced Study by hosting a debate on Race, Religion and Inheritance at Durham Castle.
One topic that has emerged from the Institute's inaugural theme, 'The Legacy of Charles Darwin' concerns the relationship between classification and responsible knowing. Is it possible to develop means of classifying that are not divisive, harmful, or exclusionary, and especially among the human races and faith systems?
In the April 26 round-table debate, the Institute's interest in classification turned to the question of whether classes are pre-given, whether human taxonomy is hard-wired. This was a question of fundamental public interest, in the context of current controversies relating to the origins of racial and religious beliefs. We are seeing the resurgence of biological readings of race and racial difference, the rise and rise of religious fundamentalism, and growing bi-centennial public interest in the abolition of the transatlantic slave trade. These controversies – and possible solutions relating to religious and racial tolerance and understanding – hinge around the unresolved problem of whether differences of behaviour, disposition, and affect are inherited, and if they are, through what kind of evolutionary mechanism.
The panel of distinguished speakers included:
John Hedley Brooke (IAS Fellow, Professor of History of Science at the Ian Ramsey Centre, Oxford University, and author of the prize-winning book Science and Religion: Some Historical Perspectives);
Madeleine Bunting (Author, Guardian columnist, and recipient of the Race in Media award by the Commission for Racial Equality in 2005);
Robin Dunbar (Professor of Evolutionary Psychology at the University of Liverpool, Fellow of the British Academy and author of The Human Story);
John Dupré (IAS Fellow, Philosopher of Science at Exeter University, Director of the ESRC Centre for Genomics in Society, and author of the celebrated book The Disorder of Things);
Anthony P Monaco (Professor of Human Genetics and Director of the Wellcome Trust Centre for Human Genetics, Oxford University)
The debate was chaired by Durham University's new Vice-Chancellor, Professor Christopher Higgins.
A full transcript and video recording of this event will be available in due course.
Last modified: 17th May 2007

Es wäre von großem Interesse, über die Inhalte dieser Diskussionen mehr zu erfahren.

Lokale Humanevolution bezüglich religiöser Veranlagung?

Eine hochspannende Frage, die zentral auch für die Arbeit von "Studium generale" ist, wurde Ende April auf einer Konferenz an der Universität Durham erörtert, nämlich die Frage: "Was macht einen Rassisten zu einem Rassisten?" Ausgangspunkt ist unter anderem (das folgende Übersetzungen aus dem unten stehenden Artikel): "Wir sehen die Wiederauferstehung biologischer Deutungen der Rasse und rassischer Unterschiede." "Wir sehen einen wachsenden Skeptizismus gegenüber säkular und gesellschaftlich ausgehandelten Prinzipien beim Leben mit Unterschieden."

Die Themen kreisen um das "ungelöste Problem, ob Unterschiede im Verhalten, in den Dispositionen" (also Anlagen) "und in den Affekten" (also emotionalen Reaktionen) "vererbt werden und wenn ja, aufgrund welcher evolutionärer Mechanismen". Es geht um "das Denken in der Genetik und der Evolutionären Psychologie über Anlagenträger" (carrier) "und über die Natur vererbter Eigenschaften und um die Geschwindigkeit" (!!!), "mit der der GLAUBE" (!!!) "Teil der angeborenen menschlichen Natur werden kann" - gemeint ist im Verlauf der menschlichen Evolution. Das sind so hochgradig spannende Fragestellungen, die ja nach den Entwicklungen in den letzten Jahren in der Genetik früher oder später kommen mußten, daß ich hochgradig daran interessiert bin, was auf dieser Konferenz in den Einzelheiten alles besprochen oder erörtert worden ist.

Im folgenden der Artikel (Medicalnewstoday) vollständig, da er viel zu spannende Dinge enthält, als daß man da irgend etwas überlesen dürfte. Diese Tagung ist ja schon drei Wochen her und "Gene Expression" hat gar nicht über sie berichtet!? Oder hatte ich es übersehen? Ich glaube nicht. Aber ich werde noch weitere Netz-Recherchen anstellen müssen.

What Makes A Racist? And Other Provocative Questions
At The Institute Of Advanced Study Debate, Durham University, April 26, 2007

Some of the world's finest scientists, writers and evolutionary thinkers are converging on Durham for a major event which will examine provocative questions relating to fundamental human beliefs and spirituality.

The debate, to be hosted by the University's pioneering think tank, the Institute of Advanced Study, will debate two key issues: 'Are we born racist or do we become racist?', and 'Is religion inherited or acquired?'.

The event will be chaired by Durham University's new Vice Chancellor, world-renowned scientist and evolutionary geneticist, Professor Chris Higgins, and discussions will be stimulated by a round table of leading experts in their field.

Professor Ash Amin, Director of the Institute of Advanced Study, outlined the inspiration for the event:

"9/11, the wider war on terror, and the intensifying clash of world civilizations are reinforcing essentialist understandings of human difference and recognition. We are seeing the resurgence of biological readings of race and racial difference, the rise and rise of religious fundamentalism, and growing skepticism towards secularist and socially negotiated principles of living with difference.

"These shifts, as well as possible solutions relating to religious and racial tolerance and understanding, hinge around the unresolved problem of whether differences of behaviour, disposition, and affect are inherited, and, if they are, through what evolutionary mechanism?"

Prof Amin added: "The panel aims to confront thinking in genetics and evolutionary psychology on the carriers and nature of inherited traits and on the speed with which beliefs become part of the inherited human hardwiring."

The April 26 event is part of a programme organised by the Institute of Advanced Study, whose theme for 2007 is the Legacy of Charles Darwin. On the same day, the eminent Darwin scholar Professor Michael Ruse from Florida State University will give a public lecture that will take on the various critics of evolutionary theory and will argue that 'Darwinism' remains the jewel in the crown of science.

The IAS, which opened last October, is becoming one of the major global centres of interdisciplinary study. It gathers together world-class scholars, intellectuals and public figures from around the globe and across all disciplines, to address topics of major intellectual, scientific or public and policy interest. Future annual topics will include Modelling, and Being Human.

One of the panel members at the April 26 event, Professor John Brooke, a science historian at Oxford University and an IAS fellow, will be contending the notion that our religious beliefs are 'hard-wired'. He said: "We should not seek to isolate some peculiar religious susceptibility and try to account for it in terms of the latest voguish science.

"Rather I would see the capacity for a religious response to the world as simply an extension of the perfectly normal capacities that make us human. I am thinking of our capacity for fellowship with others, of our ability to express a sense of gratitude for the fact that we exist at all, and a capacity to empathise with those who suffer."

Other panellists are the Guardian columnist, Madeline Bunting; Professor Robin Dunbar, an evolutionary psychologist at Liverpool University; John Dupre, Professor of the Philosophy of Science at Exeter University; Professor Anthony Monaco, Director of the Wellcome Trust Centre for Human Genetics at Oxford University.

Montag, 7. Mai 2007

Amerikanische Konservative befürworten Evolutionstheorie

In den USA scheinen die Konservativen, einige von ihnen zumindest, ernsthafter über Evolutionstheorie und Evolutionäre Psychologie nachzudenken (New York Times, [ganze Seite]). Einer der Vordenker ist Larry Arnhart (Bild siehe links). Sein Buch heißt "Darwinian Conservatism". (Amazon)
... Some of these thinkers have gone one step further, arguing that Darwin’s scientific theories about the evolution of species can be applied to today’s patterns of human behavior, and that natural selection can provide support for many bedrock conservative ideas, like traditional social roles for men and women, free-market capitalism and governmental checks and balances.

“I do indeed believe conservatives need Charles Darwin,” said Larry Arnhart, a professor of political science at Northern Illinois University in DeKalb, who has spearheaded the cause. “The intellectual vitality of conservatism in the 21st century will depend on the success of conservatives in appealing to advances in the biology of human nature as confirming conservative thought.” (...)

The fledgling field of evolutionary psychology also spurred some conservatives to invoke Darwinism in the 1990s. In “The Moral Sense” (1993), followed by “The Marriage Problem: How Our Culture Has Weakened Families” (2002), James Q. Wilson used evolution to explain the genesis of morality and to support traditional family and sex roles. Conservative thinkers from Francis Fukuyama to Richard Pipes have drawn on evolutionary psychology to support ideas like a natural human desire for private property and a biological basis for morality. (...)

Mr. Arnhart, in his 2005 book, “Darwinian Conservatism,” tackled the issue of conservatism’s compatibility with evolutionary theory head on, saying Darwinists and conservatives share a similar view of human beings: they are imperfect; they have organized in male-dominated hierarchies; they have a natural instinct for accumulation and power; and their moral thought has evolved over time.

The institutions that successfully evolved to deal with this natural order were conservative ones, founded in sentiment, tradition and judgment, like limited government and a system of balances to curb unchecked power, he explains. Unlike leftists, who assume “a utopian vision of human nature” liberated from the constraints of biology, Mr. Arnhart says, conservatives assume that evolved social traditions have more wisdom than rationally planned reforms.

While Darwinism does not resolve specific policy debates, Mr. Arnhart said in an interview on Thursday, it can provide overarching guidelines. Policies that are in tune with human nature, for example, like a male military or traditional social and sex roles, he said, are more likely to succeed. He added that “moral sympathy for the suffering of fellow human beings” allows for aid to the poor, weak and ill. (...)

As for Mr. Derbyshire, he would not say whether he thought evolutionary theory was good or bad for conservatism; the only thing that mattered was whether it was true. And, he said, if that turns out to be “bad for conservatives, then so much the worse for conservatism.”
Als wären Autoren und Wissenschaftler wie Charles Murray, Sally Satel und Jon Entine keine Konservativen, ja, als hätte der Leiter der Wissenschafts-Redaktion der "New York Times", der größten ("liberalen") Tageszeitung der Welt, als hätten Steven Pinker, Richard Dawkins, Richard Lynn, Philippe Rushton und so viele andere nichts über ein konservatives Weltbild zu sagen, wenn sie darüber berichten, daß, wie und mit welchen Folgen und Implikationen angeborene Begabungen unterschiedlich auf Völker und Gesellschaften verteilt sind.

Den im Artikel erwähnten konservativen Publizist John Derbyshire kennt "Studium generale" schon aus einem anderen Diskussion-Zusammenhang. Dessen Diskussion über die wissenschaftlichen, politischen und lobby-kritischen Thesen des amerikanischen Konservativen Kevin MacDonald in der Zeitschrift "Jewcy" hatten wir schon an früherer Stelle ausführlicher referiert.

Montag, 26. März 2007

Die Humanevolution und die Deutschen

Ich möchte hier einen Gedanke weiterführen, der in einem früheren Beitrag angeklungen war (siehe "Hat Kevin MacDonald recht?"). Die aschkenasischen Juden haben in den letzten tausend Jahren aufgrund bestimmter bewußter oder weniger bewußter Selektionsmechanismen den höchsten durchschnittlichen angeborenen Intelligenz-Quotienten "evoluiert", den heute eine Bevölkerung in der Welt besitzt (siehe bspw. hier und hier oder hier). Das spiegelt sich auch wieder beispielsweise in einem hohen Prozentsatz von Nobelpreisträgern, die dem aschkenasischen Judentum entstammen und in vielen anderen Erscheinungen des politischen, wirtschaftlichen, kulturellen und wissenschaftlichen Lebens der westlichen Welt der letzten mindestens hundert Jahre, die hier genannt werden könnten.

Das Beispiel der aschkenasischen Juden macht deutlich, daß tatsächlich innerhalb von tausend Jahren Humanevolution stattfinden kann mit Ergebnissen, die deutlichen Einfluß auf die kulturelle Gestaltung des menschlichen Gemeinschaftslebens haben.

Der Soziobiologe Kevin MacDonald hat nun vorgeschlagen, daß eine solche Art von Humanevolution wie beim aschkenasisch-jüdischen Volk auf einer mehr oder weniger bewußten "gruppenevolutionären Strategie" beruht. Und der junge amerikanisch-jüdische Journalist Joey Kurztman ist - ohne Zweifel zusammen mit anderen modernen Juden - der Meinung, daß Kevin MacDonald die gegenwärtige Situation und historische Entwicklung des aschkenasischen Judentums in vielen Zügen richtig beschreibt.

Ich halte es auch für sehr bemerkenswert, daß die "Anti-Defamation-League" in den USA gleich nach Erscheinen der Bücher von Kevin MacDonald mehrere umfangreiche kritische Untersuchungen zu seinen Büchern in Auftrag gab, davon aber niemals etwas veröffentlichte, anstellen dessen aber - sozusagen - "grünes Licht" gab (d.h. freundliche Worte fand) für die parallele Studievon Gregory Cochran und Henry Harpending über die Evolution des aschkenasischen Intelligenz-Quotienten.

Im aschkenasischen Judentum ist also eine große Bereitschaft vorhanden, sich mit diesen Gedanken auseinander zu setzen und hier könnten viele bekannte Namen genannt werden (etwa Steven Pinker, Deborah Lipstadt, Abraham Foxman usw. usf.). So wird Joey Kurtzman nur etwas aussprechen, was auch viele andere denken werden, wenn er das Lesen der Bücher Kevin MacDonalds empfiehlt und dazu erläuternd sagt (in Übersetzung):

"... Juden benutzen natürlich nicht den Begriff 'gruppenevolutionäre Strategien'. Aber ich vermute, Kevin MacDonald würde sagen, daß in dem Ausmaß, in dem wir versuchen, auf Wegen zu handeln, die 'gut für die Juden' sind, oder auf denen wir arbeiten, um 'jüdische Kontinuität' sicherzustellen usw., daß wir dabei jene 'gruppenevolutionäre Strategie' (GES) verfolgen, die er behauptet. Für Juden, die diese Dinge sehr bewußt machen - und das sind sehr viele von uns, eingeschlossen meiner selbst - ist die Absicht eine ehrliche. Wie diese Strategie nun aufrecht erhalten wird? Nun, Kevin MacDonald weiß, daß es keine 'Weisen von Zion'-artigen Versammlungen gibt in einem Keller irgendwo in Brüssel oder in Borough Park (Broklyn, New York), in denen Juden ihre gruppenevolutionären Strategien organzisieren. Aber er sieht bestimmt eine wichtige Rolle für die jüdische Führung in all dem. Von den etwa 15 Millionen Juden in der Welt arbeitet nur ein sehr kleiner Anteil in jüdischen Organisationen. MacDonald behauptet, daß diese kleine Gruppe der organisierten Juden versucht, gemeinschaftliche Ziele unter der restlichen jüdischen Population zu verbreiten. Und natürlich stimmt all das - in offensichtlichster Weise. Jeder, der große jüdische Organisationen kennt, weiß, daß sie unglaublich hart arbeiten, um unter jungen Juden ein Gefühl für das jüdische Volk zu verbreiten und eine Verbundenheit mit gemeinschaftlichen Zielen."

Richard Dawkins weist ja ebenfalls in seinem neuen Buch "God Delusion" darauf hin, daß die aschkenasischen Juden noch heute herausstechen aus anderen Völkern in ihrer vergleichsweise geringen Geneigtheit, "gemischt-konfessionelle" Ehen einzugehen. Dies wäre sicherlich ein Hinweis darauf, daß die Arbeit der großen jüdischen Organisationen nicht ganz erfolglos ist.

Und Joey Kurtzman ist keineswegs der einzige Jude heute, der sich sagt: Warum sollen "gruppenevolutionäre Strategien", die über tausend Jahre lang humangenetisch erfolgreich gewesen sind, nicht auch weiterhin evolutionär gut und erfolgreich sein?

Die aschkenasischen Juden gelten derzeit als eine "Modellpopulation" für die genetische Forschung. Sollte es nicht naheliegend sein, sie auch ganz allgemein als ein denkbares Modell für künftige Humanevolution zu betrachten?

Das würde dann auch für andere Völker heißen, daß sie "gruppenevolutionäre Strategien" verfolgen würden, daß sie in ihrem eigenen Handeln danach fragen würden, was "gut ist für" - in unserem Fall - "die Deutschen" (und entsprechend: "die Finnen", "die Briten", "die Inuit" etc. pp.). Daß man also danach fragt: Was stellt die (genetische) Kontinuität eines (vor allem auch: meines) Volkes sicher? Wer die kulturelle und genetische Kontinuität eines Volkes bewußt untergräbt oder zerstört, begeht nach unseren modernen Rechtsgrundsätzen Völkermord. Da ist es naheliegend zu sagen, daß das gegenteilige Verhalten das nur allerbeste im Sinne von Humanevolution erachtet werden kann.

Und dementsprechend sind ja auch Eide und Gelöbnisse von Politikern und Soldaten traditionellerweise vor allem auf das Wohlergehen des eigenen Volkes bezogen. Wir haben von einem solchen Standpunkt aus viel Verständnis für die Überlebensinteressen kleiner oder größerer Völker oder Stämme in der Welt. Die kulturelle Vielfalt der Völker, ihrer Sprachen und Kulturen wird selbstverständlich als ein Wert angesehen. Wenn man nun noch einige moderne Erkenntnisse der Humangenetik dazu nimmt, die aufzeigen, daß (Human-)Evolution in wesentlichen Merkmalen Gruppen-Evolution ist, könnte auch das Berücksichtigen dessen, was "gut ist" für uns, "für die Deutschen", für ihre kulturelle und genetische Identität, ein wichtiges Handeln im Sinne künftiger Humanevolution darstellen.

Es geht mir in diesem Beitrag nur darum, diesen Gedanken überhaupt einmal zu formulieren, zur Diskussion zu stellen. Denn ich halte es schon fast für krass merkwürdig, daß im deutschen Sprachraum derartige Implikationen moderner Humangenom-Forschung mit tiefstem Stillschweigen bedeckt werden, gar nicht diskutiert werden. Dabei gibt es ja wohl kaum Naheliegenderes als sich mit solchen brisanten Gedanken zu befassen. Steven Pinker nannte sie die "gefährlichsten" der nächsten zehn Jahre.

Hat Kevin MacDonald recht?

Der Soziobiologe Kevin MacDonald (geb. 1944) hat in drei Büchern zwischen 1994 und 1998 eine umstrittene evolutionsbiologische Theorie des Judentums aufgestellt.

Seit er im Jahr 2000 als Gutachter zu Gunsten des Historikers David Irving in dem Prozeß Irvings gegen Deborah Lipstadt in London auftrat, wird ihm von verschiedenen Seiten Antisemitismus vorgeworfen und seine Arbeiten werden seither in der Wissenschaft und in der Öffentlichkeit nur noch wenig diskutiert.

Richard Dawkins beispielsweise hat sich gehütet, ihn in seinem neuen Buch "God Delusion" zu zitieren, behandelte aber anstelle dessen einen Freund Kevin MacDonalds ausführlicher, nämlich John Hartung und dessen evolutionsbiologische Interpretationen des jüdischen Monotheismus. 

Abb.: James Watson

Nachdem im Jahr 2005 die (jüdischen) Humangenetiker Henry Harpending und Gregory Cochran eine Theorie zur Evolution des hohen angeborenen Intelligenz-Quotienten des aschkenasischen (traditionell deutschsprachigen) Judentums aufgestellt haben, die viele Parallelen zu der Theorie Kevin MacDonald's aufweist, und nachdem diese beispielsweise auch von dem bekannten Evolutionären Psychologen Steven Pinker zustimmend behandelt worden ist, taucht immer wieder einmal die Frage auf, wie man in der Öffentlichkeit eigentlich mit den Arbeiten Kevin MacDonald umgehen soll. 

Dazu wurde nun eine Diskussion in einem neuen amerikanisch-jüdischen Online-Kultur-Magazin, genannt "Jewcy", geführt unter dem Titel "Is Kevin MacDonald right?" Im Zusammenhang dieser Diskussion wiederholte der konservative amerikanische Journalist John Derbyshire ("National Review") das von ihm aufgestellte "Gesetz":

"ALLES, was ein Nichtjude AUCH IMMER über Juden sagt - es wird von irgendjemandem irgendwo geben, der das als antisemitisch wahrnimmt."
“ANYTHING WHATSOEVER said by a Gentile about Jews will be perceived as antisemitic by someone, somewhere.”

 Bislang scheint ihm darin niemand so recht vehement widersprochen zu haben. Vielmehr scheint es bisher eine schweigende Übereinkunft darüber gegeben zu haben, daß es gut ist, wenn Nichtjuden so denken. Doch genau dies scheint sich durch die Fortschritte in der Human- und IQ-Genetik der letzten Jahre, die auch die genannte Arbeit von 2005 hervorgerufen haben, stark geändert zu haben oder es wird sich daran auch künftig noch vieles ändern. Und so war es denn auch James Watson (geb. 1928), der legendäre Entdecker der Doppelhelix, der vor einigen Wochen im Zusammenhang mit dem Antisemitismus-Vorwurf erstmals öffentlich darauf hinwies, daß es gefährlich ist, wenn es eine bestimmte Gruppe im öffentlichen Leben gibt, die eigentlich überhaupt nicht mehr öffentlich kritisiert werden kann (gnxp2007). Und das gleiche betont nun neuerdings auch der jüdische Journalist Joey Kurtzman (Stg2007) in "Jewcy": 

„Ich glaube auch, daß eine offenere Diskussion über Juden und das Judentum „gut für die Juden“ sein wird. Der schützende Schleier, mit dem die amerikanische Kultur Minderheiten umgibt, ist für uns ein zweischneidiges Schwert. Fundierte Kritik von außen ist für jede Gemeinschaft, die sich verbessern will, von Vorteil.“
"I also think more open discussion of Jews and Jewishness will be “good for the Jews.” The protective veil in which American culture shrouds minority groups is a mixed blessing for us. Informed external criticism is a good thing for any community trying to improve itself."

Und deshalb fordert er den nichtjüdischen Journalisten John Derbyshire offen auf, in öffentlichen Debatten über das Judentum mutiger zu sein:

„Hättest du Kevin MacDonalds Ideen mehr Gehör geschenkt, hättest du wahrscheinlich viel Kritik einstecken müssen, klar. Aber so ist das Leben als Intellektueller in der Öffentlichkeit. Willkommen im Irrenhaus. Kritik ist erlaubt, und durch die Demokratisierung von Ideen und Argumenten im Internet haben immer mehr Menschen die Möglichkeit dazu. Manche greifen dabei zu üblen persönlichen Angriffen. So ist das Leben. Argumentative Integrität ist in öffentlichen Debatten leider selten geworden. Damit mußt du leben.“
"If you’d given Kevin MacDonald’s ideas a more positive hearing, you’d have likely gotten a ton of criticism, sure. But that’s life as a public intellectual. Welcome to the monkeyhouse. People are allowed to criticize you, and with the democratization of ideas and arguments through the Web, more and more people now have the platform to do just that. Some will resort to nasty ad hominems. Such is life. Argumentative integrity is too rare a bird in public debate. Deal with it."

Und im Anschluß daran fragt er: 

„Ist es wirklich so, daß man sich beruflich selbst vernichten oder gar seine Karrierechancen ruinieren würde, wenn man sich mit jüdischer Kultur auseinandersetzt und Kevin MacDonalds Werk positiv rezensiert? Ich vermute, daß die Angst vor harscher, emotionaler Kritik die Menschen von solchen Themen abhält, weniger die realistische Wahrscheinlichkeit einer Schädigung ihrer Karriere. Erlauben Sie mir meine Neugier: Was würde passieren, wenn Sie morgen einen Artikel an die National Review schicken würden, in dem Sie schreiben: „Kevin MacDonald hat da wirklich etwas Wichtiges entdeckt. Er leistet großartige Arbeit, und ich finde, jeder sollte ihn lesen.“ Was für ein Chaos würde dann ausbrechen? Wie konkret würde Ihre Karriere darunter leiden?“
"Is it really true that you would be committing professional sepuku, or even just damaging your career prospects, by digging into Jewish culture and giving a positive review to Kevin MacDonald’s work? I suspect that what drives people away from these topics is a fear of harsh, emotional criticism, rather than a realistic likelihood of damage to their career. Indulge my curiousity: what would happen if tomorrow you submitted a piece to National Review saying, “Kevin MacDonald is really onto something. He’s doing great work and I think everyone should read him.” What sort of craziness would ensue? How would your career be damaged in concrete terms?"

Über diese Frage wird in dem Email-Austausch nicht so richtig Einigkeit hergestellt. Am Ende werden dann aber doch auch inhaltliche Fragen zu Kevin MacDonald behandelt. Ich bringe hier nur Zitate zu der vielleicht wesentlichste Frage. John Derbyshire fragt bezüglich des letzten Buches von Kevin MacDonald "A Culture of Critique":  

"... And then there is the issue of intention, which he" (Kevin MacDonald) "is slippery about. To what degree is this “group evolutionary strategy” conscious? He clearly doesn’t think there is a “Jew Central” organizing it all, so I guess it is self-organizing, but what’s the mechanism of transmission? Why would it consciously be kept up by self-de-Judaized Jews, which is what most of the Jewish intellectuals in Critique are? If any of it is conscious, does MacDonald think there is a component of malice against Gentiles? (I think he does think so, but don’t recall him saying it explicitly.) If none of it is conscious, what does he think drives it? Genetics? Or what?" 

Und Joey Kurzman klärt ihn auf, was Kevin MacDonald meint - und bringt seine Meinung zum Ausdruck, daß MacDonald damit sogar richtig liegt: 

"You raise a good point about intentionality. Jews, of course, don’t use the term “group evolutionary strategy,” but I assume MacDonald would say that to the extent that we attempt to act in ways that are “good for the Jews,” or work to ensure “Jewish continuity,” and so on, we are advancing the group evolutionary strategy (GES) he posits. For Jews who do these things consciously—and that’s a great many of us, including myself—intentionality is straightforward.As for how the strategy is perpetuated, well, MacDonald knows there is no Elders of Zion–style conclave in a basement somewhere in Brussels or Borough Park where Jews organize their group evolutionary strategy. But he certainly does see an important role for Jewish leadership in all this. Of the 15 million-or-so Jews in the world, only a very small percentage work for Jewish organizations. MacDonald argues that this small group of organizational Jews attempts to inculcate communal goals among the rest of the Jewish population.And of course that’s all true, and blindingly obvious. Anyone who is at all familiar with major Jewish organizations knows that they work incredibly hard to disseminate among young Jews a sense of Jewish peoplehood and a commitment to communal goals." 

Und abschließend sagt er:  

"... But what seems to me undeniable is that MacDonald has presented us with a fascinating and genuinely novel examination of the history and internal workings of the Jewish world. His trilogy is a hell of a read. To any Jewcy readers tired of pious, “hooray-for-us!” Jewish historiography, or just interested in seeing traditional Jewish history through a kaleidoscope, I happily recommend it." 

Abb.: Joey Kurtzman
Abb.: John Derbyshire

Solche Worte hat man bisher aus dem Mund jüdischer Intellektueller in einem jüdischen Kulturmagazin noch nicht gehört. Dadurch ermutigt, sage auch ich, daß ich Kevin MacDonald sehr lesenswert finde, und daß man aus seinen Büchern - ebenso wie aus dem Buch von Yuri Slezkine - viel über die intellektuelle Geschichte des 20. Jahrhunderts (und im Rückschluß wohl auch über frühere Jahrhunderte) lernen kann.


Mittwoch, 21. März 2007

Amish-People - nur noch 5 Prozent "Abtrünnige"

Zu den bigottesten, christlich-konservativen Gruppierungen in Nordamerika gehören die Amish-People (in den USA) und die Hutterer (in Kanada). Es ist aber nicht ihre stock-konservative chistliche Bigotterie, die diese religiösen Gruppierungen schon seit vielen Jahrzehnten zu intensiv untersuchten Forschungsgegenständen von Soziologen, Wirtschaftswissenschaftlern, Religionssoziologen, Demographen, Humangenetikern, Religionswissenschaftlern, Volkskundlern, Germanisten, Dialektforschern, Anthropologen und so vielen anderen mehr gemacht haben.

Diese Gruppierungen können als einzigartig betrachtet werden, was den evolutionsbiologischen Erfolg ihrer gruppenevolutionären Strategien (GES) in der modernen Welt betrifft. OBWOHL (oder auch: weil?) sie die letzten Minderheiten in Nordamerika darstellen, die Deutsch als Muttersprache sprechen, sind sie jene Bevölkerungsgruppen in der Welt mit der höchsten Geburtenrate (Hutterer knapp 11 bis 12 Kinder pro Frau, Amische 7 bis 8 Kinder pro Frau). Ihre Populationen verdoppeln sich gegenwärtig etwa alle 15 bis 25 Jahre. Es ist sinnlos, an dieser Stelle auch nur den Versuch eines kurzen Überblicks über all die vielen lehrreichen Aspekte ihres Gemeinschafts-Lebens zu geben, aus denen sich ihren gruppenevolutionären Strategien zusammensetzen. (Wie immer ist für so etwas Wikipedia der erste Anlaufpunkt: hier und hier.)

Als deutscher Leser kann man die Hutterer und ihre gruppenevolutionären Strategien kennenlernen durch das Buch von Michael Holzach "Das vergessene Volk". Michael Holzach, ein später durch Unfall ums Leben gekommener Journalist der "Zeit", lebte in Jahr lang bei den Hutterern und liefert in seinem Buch den - sozusagen - "intimsten" Einblick in das Leben einer solchen Gemeischaft und bringt dabei auch einigermaßen gleichmäßig alle wesentlicheren Aspekte ihres ("kommunistischen") Gemeinschafts-Lebens zur Sprache.

Für die ("privat-wirtschaftlichen") Amischen konnte man bislang ein vergleichbar umfassend beschreibendes Buch ihres Gemeinschaftslebens in deutscher Sprache nicht nennen. Hier mußte derjenige, der wirklich einen guten Überblick gewinnen wollte, zu Standard-Werken in englischer Sprache zurückgreifen. Die Autoren dieser Werke heißen insbesondere John A. Hostetler ("Amish Society") (er ist selbst Nachkomme von Amischen) und neuerdings David B. Kraybill ("The Riddle of Amish Culture" und "Amish Enterprise"). Der letztere Buchtitel handelt von den zunehmend nicht-agrarischen Kleinunternehmen der Amischen, zu denen sie infolge von Landnot gezwungen sind.

Eine der wenigen umfangreicheren deutschsprachigen Darstellungen stammt von Bernd C. Längin ("Die Amischen - Vom Geheimnis des einfachen Lebens"), ein Buch, das zwar sehr verdienstvoll viele wesentliche Aspekte der Amish-Kultur darstellt, insbesondere auch ihre geschichtliche Entstehung und ihren geschichtlichen Werdegang von der Schweiz, dem Elsaß und den Niederlanden ausgehend, das aber vielleicht doch nicht genügend die vielen einzelwissenschaftlichen Anknüpfungspunkte aufzuzeigen in der Lage ist wie die bisher schon genannte Literatur.

Im deutschen Sprachraum hat sich dieser Umstand nun geändert durch die ins Deutsche übersetzte Veröffentlichung des niederländischen Kultursoziologen Peter Ester "Die Amish-People - Überlebenskünstler in der modernen Gesellschaft" (2005). Auch Religionswissenschaftler Michael Blume zeigte sich in seiner Amazon-Rezension (siehe dort) hochgradig angetan von diesem Buch. Da es aufgrund umfassender Kenntnis der modernsten Forschungsliteratur und zugleich aufgrund von zahlreichen Interviews in Pennsylvannia vor Ort erarbeitet ist, kann es als eine hervorragende Ausgangsbasis dienen, um sich mit dem Gemeinschaftsleben der Amish-People vertraut zu machen.

Als neue Tatsachen (für jemanden, der die ältere Literatur schon kennt) nennt er zum Beispiel den Umstand, daß heute nicht mehr 20 Prozent der nachwachsenden Jugendlichen der Amischen von ihrer Gemeinschaft "abfallen", sondern nur noch fünf, höchstens 10 Prozent! (S. 62 - 63) Das hat natürlich auch Folgen für ihre Demographie. Bislang hatte immer gegolten, daß die Hutterer kaum Mitglieder kennen, die "abtrünnig" werden, daß aber die neuesten Entwicklungen bei den Amischen zu einer ähnlichen Situation führen, kann als überraschend bezeichnet werden. Sollte man nicht in einer zunehmend säkularisierten Gesellschaft genau das Gegenteil erwarten?

Die für das Gemeinschafts-Leben als bedrohlich empfundenen Kontakte zur andersartigen Außenwelt und die Überlebensprobleme der Amischen als Gruppe sind ja nicht geringer geworden, wie Ester auch gut herausarbeitet. Aber der Laienprediger und Gemeindevorsteher "Levi Miller erklärt mir diese sinkende Tendenz" (zum Abfällig-Werden) "mit dem Hinweis auf die flexiblere Politik der" (amischen) "Kirche im Vergleich zu früher, auf die Tatsache, daß zahlreiche technische Neuerungen inzwischen erlaubt sind und daß sich die Amish einen positiven Platz in der öffentlichen Meinung erobert haben." (S. 62)

Offenbar trägt der Umstand, daß die Amischen inzwischen zu einer bevorzugten Touristen-Attraktion in den USA avanciert sind - und ihre Bigotterie von der Öffentlichkeit demgegenüber inzwischen viel weniger beachtet und bewertet wird - auch zu einem zum Teil entspannteren Verhältnis der Amischen zu sich selbst bei. Dieser Umstand ist sicherlich bedeutsam.

Ester zitiert eine Studie von 1988, in der auch der Intelligenz-Quotient der Amish-Kinder gemessen worden ist. (S. 95) "Smucker stellte in seiner Studie fest, daß (ältere) Amish-Kinder (...) im Durchschnitt einen niedrigeren Intelligenzquotienten haben". In der Anmerkung fügt Ester hinzu: "Die IQ-Werte von Amish-Kindern lagen jedoch nur leicht unter dem nationalen Durchschnitt." - Sollte es bei den gruppenevolutionären Selektionsprozessen, die zu der heutigen Old-Order-Amish-Population geführt haben, Mechanismen gegeben haben, die leicht gegen überdurchschnittlichen IQ selektierten?

Man könnte sich vorstellen, daß zu den früheren 20 Prozent "Abgefallenen" häufig auch überdurchschnittlich Intelligente zählten. - Aber das ist natürlich nur eine Hypothese. Natürlich könnten die Mechanismen auch schon vor 400 Jahren in der Schweiz wirksam gewesen sein.

Noch eine hübsche Stelle (S. 149), in der von einer Amish-Familie folgendes berichtet wird: "... Benjamin Hostetler (...): 'Ich habe meinen drei Söhnen geraten, Lancaster County zu verlassen und an einem anderen Ort als Bauer anzufangen. In Kentucky sind die Bodenpreise fünfmal niedriger als hier. Es ist für junge Amish-Familien fast unmöglich geworden, in Lancaster einen bezahlbaren Bauernhof zu finden.' Seine Frau, Barbara, sagt halb im Scherz: 'Vielleicht sollen die Amish zurück nach Deutschland emigrieren.' " - Ob der Eindruck hier richtig wiedergegeben worden ist? War hier wirklich nur halb im Scherz von solchen Erwägungen die Rede? Dann hätte Deutschland künftig (zumindest) mit einer neuen Touristen-Attraktion aufzuwarten ... Aber die Amischen werden schon ihre Gründe gehabt haben, als sie vor 300 Jahren Mitteleuropa verließen. Ob sich an denen so viel verändert hat?

Der Unterschied zu der englischen Muttersprache der umgebenden Bevölkerung scheint doch wichtig gewesen zu sein für die gruppenevolutionären Strategien und ihre Aufrecht-Erhaltung. Alle deutschsprachigen Amisch-Gemeinden, die nicht nach Nordamerika ausgewandert sind, sind jedenfalls in Mitteleuropa längst in der übrigen Umgebung aufgegangen.
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