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Mittwoch, 26. März 2008

Stalins Angriffspläne für den Westen

Die Tageszeitung "Welt" hat in den letzten beiden Wochen zwei im Netz viel kommentierte zeitgeschichtliche Artikel gebracht:
1. "Stalins Angriffspläne für den Westen" und
2. "1939 - Churchill soll Hitler zum Krieg angestachelt haben".
Diese Themen beschäftigten mich auch in meiner Magisterarbeit. (Hier) - Obwohl also die zeitgeschichtliche Forschung in den letzten Jahrzehnten zu beiden Themen schon vielfältige Studien vorgelegt hat (siehe etwa die entsprechende Rubrik in unserem "Buchladen"), müssen solche geschichtsbild-verändernden Thesen natürlich immer noch Aufsehen erregen in der deutschen Öffentlichkeit.

Bogdan Musial - Kampfplatz Deutschland
Von These Nummer 2 wußte schon kein geringerer als George Orwell, wie - schon - im Jahr 1988 sehr gründlich und akribisch Orwell-Biograph Hans Christoph Schröder herausgearbeitet hatte. (siehe hier) Weiteres dazu hat etwa 1997 Rainer F. Schmidt vorgelegt (siehe hier). Auch Dietrich Aigner ist in diesem Zusammenhang ein wichtiger Autor (schon 1969) unter vielen weiteren.

Zu Thema Nr. 1 schreibt nun der Historiker Bogdan Musial in der "Welt":
... Die neuesten Aktenfunde in den Moskauer Archiven belegen nämlich, dass die Sowjetunion ab Ende der 1920er Jahre, besonders intensiv nach dem sogenannten Schwarzen Freitag (Beginn der Weltwirtschaftskrise, 25. Oktober 1929), zum ideologisch bedingten Vernichtungskrieg gegen den Westen massiv aufrüstete. Stalin und seine Genossen gingen davon aus, dass die Krise bald in einen „imperialistischen Krieg“ münden würde, der wiederum die Voraussetzungen für den revolutionären Angriffskrieg schaffen würde.

Im Januar 1930 entwarf der spätere Marschall Michail Tuchatschewski die Konzeption des „Vernichtungskriegs“ gegen den Westen, die einen massenhaften Einsatz von Panzern (50 000), Flugzeugen (40 000) sowie den „massiven Einsatz von chemischen Kampfmitteln“ vorsah. Das Ziel des Angriffskrieges war, die kommunistische Herrschaft in Europa und der Welt mit Waffengewalt zu verbreiten.

Im Laufe des Jahres 1930 gelang es Tuchatschewski, Stalin für seine Idee des Vernichtungskrieges zu gewinnen. Ab Herbst 1930 wurden die sowjetischen Streitkräfte nach dieser Konzeption tiefgreifend umstrukturiert und umgerüstet sowie massiv ausgebaut. Die Rote Armee wuchs von 631.000 Soldaten im Jahre 1930 auf 1.033.570 im Jahr 1934 an; die Zahl der Flugzeuge stieg von 1149 auf 4.354, die der Panzer von 92 im Jahr 1928 auf 7.574 im Jahr 1934. Nach 1934 setzte die UdSSR die massive Aufrüstung fort. 1939 bestand die Rote Armee aus 1.931.962 Soldaten, sie verfügte über 10.362 Flugzeuge und 21.110 Panzer.
Man konnte immer schon die dumpfe Vermutung haben, daß der Höhepunkt des "Hungerholocaustes" in der Ukraine im Jahr 1932 (mit zehn Millionen Todesopfern) irgend etwas zu tun gehabt haben mußte mit der Weltkriegs-Krise Anfang 1934, auf die sich nicht nur der polnische Staatschef Pilsudski vorbereitet hatte. Stalin schuf sich also mit dem Hungerholocaust ein geschwächtes Hinterland, von dem er keinen Widerstand mehr befürchten brauchte, wenn er mit seiner massiven Militärrüstung offensiv werden würde.

Ähnlich hat er sich 1939/40 in Ostpolen (Katyn) und in den baltischen Staaten verhalten.

"Kampfplatz Deutschland" heißt das Buch von Bogdan Musial, das zu diesem Thema soeben erschienen ist. Mit einer gewissen Spannung darf man neuerlich erwarten, ob und wie sich die deutsche Öffentlichkeit mit diesem Thema auseinandersetzen wird.

Sonntag, 21. Oktober 2007

Ein Dokument aus dem Foreign Office aus dem Jahr 1941

In diesem Beitrag soll auf ein Dokument aufmerksam gemacht werden, das sich in dem von dem deutschen Historiker Rainer A. Blasius herausgegebenen Band "Dokumente zur Deutschlandpolitik, Band I/1: 1939 - 1941. Britische Deutschlandpolitik", Frankfurt/M. 1984 befindet. Es gehört zu jenen damals neuen Dokument-Veröffentlichungen aus dem britischen Foreign Office, die den deutschen "Historikerstreit" von 1985 auslösten, ohne daß es während dieses Historikerstreites jemals ausführlich diskutiert worden wäre. Die Historiker Andreas Hillgruber und Dieter Hildebrandt hatten sich in ihren Ausführungen inhaltlich auf derartige Dokumente bezogen.

Ich selbst habe in meiner Magisterarbeit von 1993 (Lulu.com) dieses Dokument in den Mittelpunkt meiner Argumentation gestellt, es als eine Art Schlüsseldokument behandelt, um das herum eine Fülle anderer Dokumente gleicher Art gruppiert worden sind, aus denen insgesamt sich - meiner Meinung nach - eine völlig neue Sichtweise über den Verlauf und das Ende des Zweiten Weltkrieges ergibt.

Aber ansonsten soll nach diesen Vorbemerkungen hier einmal das Dokument hier für sich selbst stehen bleiben und sich jeder seine eigenen Gedanken darüber machen. Auch Rainer A. Blasius ist auf dieses Dokument meines Wissens nirgends selbst ausführlicher eingegangen. Nur dadurch, daß er im Stichwort-Verzeichnis den Begriff "Bolschewisierung Europas" aufnahm und dort auf dieses Dokument hinwies, zeigte er auf, daß ihm die etwaige Brisanz dieses Dokuments bewußt gewesen ist.

Freilich sind seit 1993 - zumal von britischer Seite - zahlreiche neue Studien über die britische Außenpolitik während des Zweiten Weltkrieges erschienen, die klar machen, daß dieses Dokument und die zugrunde liegenden Gedanken keinesfalls eine Einzelerscheinung war.

Das Wesentliche an diesem Dokument ist das Entstehungsdatum, der 19. November 1941, noch während des deutschen Vormarsches auf Moskau und noch vor dem Kriegseintritt der Vereinigten Staaten. Es protokolliert eine Gesprächsrunde von führenden Beamten des Foreign Office, die sicherlich weitgehend alle Anhänger des "Vansittartismus" waren.

Es folgt der Originaltext, danach die Übersetzung.

19. November 1941: Aufzeichnungen über die Besprechung im britischen Außenministerium: Schlüsselprobleme eines Plans für den Wiederaufbau nach dem Kriege
FO 371/29015/W 13829

A meeting was held in Mr. Law’s room on the afternoon of 19th November, attended by Sir O. Sargent, Sir W. Malkin, Mr. Strang, Mr. Harvey and Mr. Ronald.

Sir O. Sargent’s minute of 3rd November was taken as the basis of discussion. There was general agreement with the proposition in this minute that until we know the degree of continuing force which will be available to maintain a peace settlement, it is impossible to decide its nature or its plan. With a view to estimating the probable resources available for the maintenance and operation of a peace settlement, it was felt that a preliminary review would be necessary of the force available for the execution of the provisions of an armistice. The outline of an armistice could be forseen with tolerable certainty, and a fairly close estimate made of the forces required to give them effect. This review should give some indication of how ambigitious a long-term settlement it was worth while aiming at.

A. Armistice

The meeting was of opinion that the first step should be to obtain from the Service Departments the sort of information required to answer the tentative questionnaire attached to Mr. Ronald’s minute of the 23rd October, supplemented by an enquiry about the policy to be aimed at in this matter of Bases. Generally speaking it was assumed that the armistice would provide for the withdrawal of German forces to specified positions and that the administration of German territory outside these positions would be carried out by the Allies‘ armies of occupation. The responsibility of administering the evacuated and the other territories should, it was felt, be assigned to Germany’s neighbours on the basis of their 1919 boundaries. It would, however, be a waste of time to speculate in any detail on this aspect of the problem at present, seeing that it was only too likely that the armistice between the main belligerents would not be the signal for a general cessation of hostilities: apart from the possibility of civil war in France, etc., there would almost certainly be hostilities of varying degrees of importance between the Hungarians and the Romanians, the Greeks and the Bulgarians, and so on. This period of disorder would rule out the possibility of ordered administration in many parts of Central and South Eastern Europe.

B. Long-term settlement

The ideal settlement would obviously rest on Anglo-American-Russian co-operation. How far America and Russia were prepared to co-operate remained, however, a matter of doubt. Present indications from America did not point to the probability of America’s readiness to take an active part in any settlement of Europe. The extent to which Russia would take into account the views of England and America would almost certainly be conditioned by the measure of her exhaustion at the end of the war and the extant to which she felt dependent on America’s favours. She might, for instance, hesitate to antagonise the United States by sovietising East Germany, by imposing her own domination on Central and South-Eastern Europe, and other such measures on which, if she were confident of her own strength, she might embark. It was not at all improbable, however, that she would occupy the whole of East Germany including Berlin.

Early steps, it was thought, should be taken to lead the United States to a recognition of the need to treat Russia as an equal partner in any peace programme. The earlier, for instance Russia were brought into the international commodity regulation picture the better.

Assuming that the result of the review of our probable resources under (A) and the reaction of America to the prospect of long-term association with Russia were not too discouraging the long-term settlement at which we might aim should cover:

(1) The disarmament, but not the dismemberment of Germany, coupled with provision for the policing of Europe by some permanent international force under joint Anglo-American-Russian control, which would not only stamp at once upon any attempt by Germany to evade the provisions of the armistice or peace treaty, but would generally be sufficient for the restoration and maintenance of order in Europe.

(2) Establishment of bases in order to help maintain peace. By whom are these to be garrisoned?

(3) A North-South bloc, under the joint blessing, if not guarantee, of Great Britain, the United States and the U.S.S.R., between Russian and Germany, consisting of

(a) Poland, Czechoslovakia, Austria, Hungary;
(b) Yugoslavia, Albania, Greece, Bulgaria, Romania and possibly Turkey.
This group should be strategically self-sufficient and probably economically, more especially if they were united under one customs system. The group would be loosely federalised, but to what extent could not of course be accurately foreseen now.

(4) Exchange of populations on a considerable scale would be necessary, as practically all Germany’s neighbours would wish to extrude Germans from their territories, notably Sudentendeutsch from Czechoslovakia and recent immigrants from Poland. Whatever solution were found for the East Prussia problem, a large-scale exchange would almost certainly be necessary there. A Romanian-Hungarian exchange would also be needed in Transylvania.

(5) Future of colonial overseas possessions. Consideration of this should, it was felt, be deferred until the Colonial Office hat completed the study which they are making of this question.

(6) Economic relations. The meeting thought that little progress could be made in considering what our European economic policy should be until some progress had been made in discussing with America the co-ordination of Anglo-United States post-war economic policy. The point at which Russia was brought into the Anglo-American economic discussions would require much careful thought. Equally, in this connexion it was necessary to bear in mind the suggestion made by the Belgian Government and (/that) Belgium and the Congo should be brought into economic association with the British Empire, and the hints by the Dutch that some similar regime might be extended to the Netherlands overseas possessions, if not to Metropolitan Holland.
As stated in Mr. Ronald’s minute of the 23rd October, it was doubtful whether the Minister of Defence would approve of the Foreign Office addressing enquiries at this stage to the Chiefs of Staff. Mr. Law thought that it would be equally difficult to get his permission to submit anything to the Cabinet with a view to getting a ruling on policy from them. In the circumstances the meeting recommended that informal approaches should be made in the first instance to the Service Departments with a view to obtaining the sort of information asked for in Mr. Ronald’s questionnaire. It might be that when some progress had been made on these lines the Service Ministers might be induced to join with the Secretary of State in an approach to the War Cabinet.

Tentative Questionnaire.

A. Immediate post-Armistice Stage.

(1) What type and size of force would have to be immediately available in order to institute effective control after the signature of an Armistice: (a) for Germany; (b) for Italy?

(2) Whence would the necessary forces be drawn:
(a) if America has become a belligerent in the European war;
(b) if she has not;
(c) if the Allies have not at the material time any considerable land forces operating on the main-land of Europe?

(3) What effect on the magnitude and difficulty of control would be produced by widespread civil disturbances in enemy countries? Would armies of occupation be required? How far could advantage be taken of supremacy at sea and in the air to economise the use of land forces for purposes of control in these conditions?

(4) What parts would be allotted to
(a) Russians
(b) Poles
(c) Czechs
(d) Dutch
(e) Norwegians
(f) Belgians
(g) French
(h) Yugoslavs
(i) Greeks?

(5) What steps would have to be taken to ensure that, if these Allies participate on a large scale in the enforcement of the control, the general direction of the control remained in British and American hands?

(6) Is it possible now roughly to outline the section of the Armistice which will make provision for the immediate institution of control?

B. Later stages.

(1) On what general lines could a unilateral disarmament of Germany and Italy be effected?
(2) What armed forces would the Allies have to maintain in the two countries and for how long?
(3) Whence would they be drawn?
(4) Would industrial man-power considerations count for much in the United Kingdom Government’s ability to contribute for an indefinite period to the maintenance of the type of control contemplated?
(5) For what sort of help, if any, should we have to look from (a) America; (b) Dominions; and for how long?
(6) What industrial plant in enemy countries would have to be dismantled as an integral part of any process of unilateral disarmament? What provision would have to be made to ensure against the re-establishment of the suppressed plant by overt or covert methods?
(7) If for the purposes of operating a peace settlement facilities are granted by one Power for the maintenance in its territory of sea and air bases by another Power or Powers where will these international bases probably be and by whom would be garrisoned?

(Entnommen: Dokumente zur Deutschlandpolitik I/1 (1939 – 1941), S. 557 – 560)


Übersetzung

19. November 1941: Aufzeichnungen über die Besprechung im britischen Außenministerium: Schlüsselprobleme eines Plans für den Wiederaufbau nach dem Kriege
FO 371/29015/W 13829

Im Büro von Mr. Law wurde am Nachmittag des 19. November eine Besprechung abgehalten, an der Sir O. Sargent, Sir W. Malkin, Mr. Strang, Mr. Harvey und Mr. Ronald teilnahmen.

Grundlage der Diskussion bildete Sir O. Sargent’s Aufzeichnung vom 3. November. Es bestand eine generelle Übereinstimmung mit dem Vorschlag dieser Aufzeichnung, daß es bis zu dem Zeitpunkt, an dem uns der Umfang der fortdauernd stationierten Streitkräfte bekannt ist, die für die Aufrechterhaltung einer Friedensregelung verfügbar sein werden, unmöglich ist, seine Natur oder seinen Plan zu beurteilen. Um die wahrscheinlich verfügbaren Kräfte für die Aufrechterhaltung und das Funktionieren einer Friedensregelung einschätzen zu können, empfand man, daß ein vorläufiger Überblick über die Kräfte, die für die Ausführung der Vorkehrungen eines Waffenstillstandes verfügbar wären, notwendig sei. Die Umrisse eines Waffenstillstandes können mit angemessener Sicherheit vorausgesagt werden. Und es wurde eine recht gut angenäherte Einschätzung der Kräfte vorgenommen, die erforderlich sind, sie durchzusetzen. Diese Zusammenfassung soll einige Hindeutungen darauf geben, um welch eine ambitionierte langfristige Regelung es ging, der Mühe wert, sie anzustreben.

A. Waffenstillstand

Die Teilnehmer waren der Meinung, der erste Schritt sollte sein, von den Service Departements jene Art von Information zu erhalten, die notwendig ist, um die vorläufigen Fragen zu beantworten, die in Mr. Ronalds Aufzeichnung vom 23. Oktober angesprochen worden waren, ergänzt durch eine Untersuchung über die Politik, die in der Angelegenheit der Militärbasen angestrebt werden sollte. Allgemein gesprochen ist angenommen worden, daß der Waffenstillstand den Rückzug der deutschen Truppen auf festgelegte Positionen vorsehen wird und daß die Verwaltung des deutschen Territoriums außerhalb dieser Positionen von den alliierten Besatzungstruppen durchgeführt werden wird. Die Verantwortung für die Verwaltung der evakuierten und anderen Territorien sollte, so war die vorherrschende Meinung, Deutschlands Nachbarn auf der Basis ihrer Grenzen von 1919 zugesprochen werden. Es wäre jedoch vertane Zeit, gegenwärtig über diesen Aspekt des Problems detaillierter nachzusinnen, da vorauszusehen ist, daß nur allzu wahrscheinlich der Waffenstillstand zwischen den Hauptkriegführenden noch nicht das Signal für ein allgemeines Ende der Feindseligkeiten sein wird: abgesehen von der Möglichkeit eines Bürgerkrieges in Frankreich etc. wird es ziemlich sicher Feindseligkeiten unterschiedlichen Ausmaßes zwischen den Ungarn und den Rumänen, den Griechen und den Bulgaren und so weiter geben. Diese Periode der Unordnung wird in vielen Teilen Mittel- und Südosteuropas die Möglichkeit geordneter Verwaltung ausschließen.

B. Langfristige Regelung

Die ideale Regelung wird augenscheinlich auf anglo-amerikanisch-russischer Kooperation beruhen. Wie weit Amerika und Rußland darauf vorbereitet sein werden, miteinander zu kooperieren, bleibt natürlich eine zweifelhafte Sache. Gegenwärtige Anzeichen aus Amerika deuten nicht auf eine große Wahrscheinlichkeit der amerikanischen Bereitschaft hin, einen aktiven Anteil an irgendeiner Regelung in Europa zu nehmen. Das Ausmaß, in dem Rußland die Meinungen Englands und Amerikas in Rechnung stellen wird, wird sicherlich zu einem Großteil bestimmt sein durch das Ausmaß seiner Erschöpfung am Ende des Krieges und durch das Ausmaß, in der es sich von Amerikas Gunst abhängig fühlt. Es könnte zum Beispiel zögern, den Vereinigten Staaten durch eine Sowjetisierung Ostdeutschlands entgegenzustreben, durch die Einrichtung seiner eigenen Dominanz in Mittel- und Südosteuropa und andere derartige Maßnahmen, auf die es sich, wenn es Zutrauen in seine eigene Kraft besitzt, einlassen könnte. Es wäre ganz und gar nicht unwahrscheinlich, daß es ganz Ostdeutschland einschließlich Berlins besetzen würde.

Es bestand die Meinung, daß früh Schritte unternommen werden sollten, um die Vereinigten Staaten zu einer Anerkennung der Notwendigkeit zu bringen, Rußland in jedem Friedensprogramm als einen gleichwertigen Partner zu behandeln. Um so früher beispielsweise Rußland in das Bild der internationalen Handels-Regulierung gebracht werden würde, um so besser.

Angenommen, das Ergebnis unseres Überblicks über unsere wahrscheinlichen Ressourcen unter (A) und die Reaktion Amerikas auf die Aussicht einer langfristigen Verbindung mit Rußland wären nicht zu entmutigend, sollte die langfristige Regelung, die wir anstreben könnten, beinhalten:

(1) Die Entwaffnung aber nicht Teilung Deutschlands, verbunden mit Vorkehrungen für eine Polizei-Herrschaft in Europa mittels einiger fortdauernd stationierter internationaler Streitkräfte unter gemeinsamer anglo-amerikanisch-russischer Kontrolle, die nicht nur jeden Versuch Deutschlands sofort niedertrampeln, die Vorkehrungen des Waffenstillstandes oder Friedensvertrages zu umgehen, sondern auch ausreichend sein sollten für die Wiederherstellung und Aufrechterhaltung der Ordnung in Europa.

(2) Einrichtung von Militärbasen, um bei der Aufrechterhaltung des Friedens mitzuhelfen. Durch wen sind diese zu garnisonieren?

(3) Ein Nord-Süd-Block unter dem gemeinsamen Segen, wenn nicht der Garantie Großbritanniens, der Vereinigten Staaten und der UdSSR zwischen Rußland und Deutschland, bestehend aus

(a) Polen, Tschechoslowakei, Österreich, Ungarn;
(b) Jugoslawien, Albanien, Griechenland, Bulgarien, Rumänien und möglicherweise Türkei.
Diese Gruppe sollte strategisch unabhängig sein und möglicherweise wirtschaftlich - genauer, wenn sie unter einem Zollsystem vereinigt wäre. Die Gruppe wäre lose föderalistisch aber in welchem Ausmaß kann natürlich gegenwärtig noch nicht akkurat vorhergesagt werden.

(4) Der Austausch von Bevölkerungen in einem beträchtlichen Ausmaß wäre notwendig, weil praktisch alle Nachbarn Deutschlands wünschten, Deutsche aus ihren Territorien zu vertreiben, vor allem die Sudentendeutschen aus der Tschechoslowakei und jüngst in Polen Eingewanderte. Welche Lösung auch immer für das Ostpreußen-Problem gefunden werden würde, ein Austausch großen Ausmaßes würde ziemlich sicher notwendig sein. Ein rumänisch-ungarischer Austausch würde ebenso in Transsylvanien notwendig sein.

(5) Zukunft der kolonialen Übersee-Besitzungen. Erörterungen hierüber sollten, so bestand die Meinung, aufgeschoben werden bis das Colonial Office seine Studie abgeschlossen hat, welche sie (dort) über diese Frage anfertigen.

(6) Wirtschaftliche Beziehungen. Das Treffen war der Meinung, daß nur wenige Fortschritte in der Erörterung gemacht werden könnten, wie unsere europäische Wirtschaftspolitik aussehen sollte, solange nicht einiger Fortschritt in der Diskussion mit Amerika über die Koordination der anglo-amerikanischen Nachkriegs-Wirtschaftspolitik erzielt worden wäre. Der Punkt, an dem Rußland in die anglo-amerikanischen Wirtschafts-Diskussionen gebracht werden würde, erfordert viel sorgfältige Überlegungen. (...)

Wie in Mr. Ronald‘s Aufzeichnungen vom 23. Oktober festgestellt wurde, ist es zweifelhaft, ob der Verteidigungsminister in diesem Stadium akzeptieren würde, Fragen des Foreign Office an den Chief of Staff zu adressieren. Mr. Law nahm an, daß es ebenso schwierig sein würde, seine Erlaubnis zu erhalten, dem Kabinett irgend etwas vorzulegen, um Richtlinien über die Politik von ihnen zu bekommen. Unter diesen Umständen empfahl das Treffen, daß zunächst an die Service Departements informelle Anfragen gestellt werden sollten, um jene Art von Informationen zu erhalten, nach denen in Mr. Ronalds Fragenkatalog gefragt wird. Es könnte sein, daß wenn auf diesen Wegen einige Fortschritte erzielt worden sind, die Service-Minister veranlaßt werden könnten, sich mit dem Außenminister dazu zu verbinden, das Kriegskabinett anzugehen.

Vorläufiger Fragenkatalog.

A. Unmittelbare Phase nach dem Waffenstillstand.
(1) Welche Art und welcher Umfang von Streitkräften würde unmittelbar verfügbar sein müssen, um nach der Unterzeichnung eines Waffenstillstandes effektive Kontrolle auszuüben: (a) für Deutschland; (b) für Italien?

(2) Von woher würden die notwendigen Kräfte gezogen:
(a) wenn Amerika eine kriegführende Macht im europäischen Krieg geworden ist;
(b) wenn sie es dies nicht geworden ist;
(c) wenn die Alliierten zu dem bestimmten Zeitpunkt keine irgendwie ausschlaggebenden Landstreitkräfte haben, die auf dem europäischen Festland operieren?

(3) Welche Auswirkung auf die Größenordnung und die Schwierigkeit der Kontrolle würde hervorgerufen werden durch weitverbreitete bürgerkriegsähnliche Verwirrungen in den Feindstaaten? Würden Besatzungsarmeen erforderlich sein? Wie weit könnten Vorteile aus der Vorherrschaft zur See und in der Luft gezogen werden, um unter diesen Bedingungen sparsam mit dem Bedarf an Landstreitkräften zum Zwecke der Kontrolle umgehen zu können?

(4) Welche Teile würden zugeteilt den
(a) Russen
(b) Polen
(c) Tschechen
(d) Niederländern
(e) Norwegern
(f) Belgiern
(g) Franzosen
(h) Jugoslawen
(i) Griechen?

(5) Welche Schritte würden unternommen werden müssen, um sicherzustellen, daß, wenn diese Alliierten in einem großen Ausmaß an der Erzwingung der Kontrolle beteiligt wären, die generelle Richtung der Kontrolle in den Händen der Briten und Amerikaner bleiben würde?

(6) Ist es zur Zeit grob möglich, den Abschnitt des Waffenstillstandes zu umreißen, der Vorkehrungen für die unmittelbare Institutionalisierung der Kontrolle treffen wird?

B. Spätere Phasen.
(1) Unter welchen allgemeinen Bedingungen könnte eine einseitige Entwaffnung Deutschlands und Italiens durchgesetzt werden?
(2) Welche bewaffneten Kräfte müßten die Alliierten in den beiden Ländern stationiert halten und für wie lang?
(3) Von wo würden sie gezogen werden?
(4) Würden Erwägungen bezüglich des industriellen Arbeitskräfte-Bedarfs viel zählen hinsichtlich der Fähigkeit der Regierung des Vereinigten Königreichs, für einen undefinierten Zeitraum zu einer Aufrechterhaltung jenes Typs von Kontrolle beizutragen, über den nachgedacht wird?
(5) Um welche Art von Hilfe, wenn nötig, sollten wir uns zu erhalten bemühen von (a) Amerika; (b) den Dominions; und für wie lang?
(6) Welche industriellen Anlagen in den Feindstaaten müßten demontiert werden als ein integraler Bestandteil jedes Prozesses einseitiger Entwaffnung? Welche Vorkehrungen müßten getroffen werden, um sich gegen die Wiedererrichtung der demontierten Anlagen durch offene oder verdeckte Methoden zu versichern?
(7) Wenn seitens einer Macht zum Zweck der Durchführung einer Friedensregelung Erleichterungen garantiert werden für die Aufrechterhaltung in seinem Territorium durch See- und Luftbasen seitens einer anderen Macht oder anderer Mächte, wo werden diese internationalen Militärbasen wahrscheinlich liegen und durch wen werden sie belegt?

Dienstag, 14. August 2007

Mit "Schönwetterbewaffnung" gegen 35.000 Panzer

Hitler und Mannerheim, Juni 1942

Im Jahr 1993 wurde in den "Vierteljahresheften für Zeitgeschichte" des renommierten "Instituts für Zeitgeschichte" in München ein sensationelles Geschichtsdokument veröffentlicht (1). Und zwar die Äußerungen, die Adolf Hitler am 4. Juni 1942 in einer Privatunterredung mit dem finnischen General Mannerheim über den Kriegsverlauf machte und seine Gedanken dazu (IFZ). Diese Tondokumente sind im Jahr 2007 (als dieser Blogartikel entstand) in verschiedenen Versionen im Internet original zugänglich gewesen. (Wie es darum heute, im Jahr 2012, steht, müßte noch einmal eigens recherchiert werden.) Hitler sagt darin unter anderem, daß er niemals auch nur auf den Gedanken gekommen wäre, daß die Sowjetunion im Juni 1941 über 35.000 Panzer hätte verfügen können. Und viele andere wichtige Dinge mehr, die den Kriegsverlauf aus seiner Sicht besser verstehen lassen. Zum Beispiel auch, daß die Deutschen bloß über eine "Schönwetterbewaffnung" verfügt hätten und verfügen würden. All solche Dinge hatte er natürlich nie öffentlich sagen können.

Diskutiert wurden diese Dinge unter anderem auch hier.

Ob es schon wissenschaftliche Interpretationen und Deutungen dieses Geschichtsdokumentes gibt? Man könnte folgende - vorläufige - Gedanken dazu äußern: Es wird deutlich, wie blind und hilflos dieser "große" Diktator ("Gröfaz") "von der Vorsehung geleitet" (!!!) von einem unvorhergesehenen Ereignis in das nächste taumelte, tappte und stolperte. Nichts von wegen großartiger, überlegener politischer oder militärpolitischer "Strategie". Zumindest aus seiner eigenen, wie es scheint sehr ehrlich geäußerten subjektiven Sicht. Es wird - letztlich - die ganze Hilflosigkeit dieses Mannes deutlich, wie sie von ihm selbst im Juni 1942 empfunden wurde. Er hoffte ja noch bis zum April 1945, daß "die Vorsehung" irgendeine Wende ("Wunderwaffe", Auseinanderbrechen der gegnerischen Kriegskoalition etc. pp.) für ihn parat hätte. Reines Wunschdenken. Im Ganzen: riesen große Schnauze und nichts dahinter.

Bemerkenswert übrigens auch die Zwischenbemerkungen Mannerheims, die an einer etwas anderen Stimme und dem nicht ganz richtigen Deutsch erkennbar sind.

Natürlich geben Hitlers Ausführungen auch viele Ausblicke auf die Politik der anderen Mächte, insbesondere der Sowjetunion. In aller Stille unternahm diese eine Aufrüstung von gigantischen, weltgeschichtlich einzigartigen Ausmaßen, ohne daß das in Europa überhaupt bekannt war. Noch nicht einmal Finnland ahnte etwas davon, obwohl es der erste Kriegsgegner der Sowjetunion war. Und tatsächlich wurde dann auch der Molotow-Besuch in Berlin von deutscher wie sowjetischer Seite als politische Erpressung empfunden: Stalin forderte die politische Vorherrschaft in Europa.

Von "friedliebender Sowjetunion" kann also keine Rede sein, schon wenn man sich den Nichtangriffspakt von 1939 ansieht, der praktisch Hitler die Freifahrkarte zum Kriegsbeginn in die Hand drückte.

"Bolschewisierung Osteuropas und Ostdeutschlands" als westliches Kriegsziel seit 1941

Dokumente aus dem britischen Foreign Office können übrigens aufzeigen, wie ich selbst vor zehn Jahren in meiner Magisterarbeit herausgearbeitet habe (2), daß diese sowjetische Vorherrschaft in Europa, bzw. Osteuropa von führenden Staatsmännern Großbritanniens oder auch der Tschechoslowakei (Eduard Bensch) sehr frühzeitig als das Ergebnis dieses Krieges vorausgesehen worden war, wenn nicht sogar sehr frühzeitig als wünschenswert angesehen und deshalb angestrebt worden ist. Zum Beispiel von allen "Hardlinern" rund um den Deutschenhasser Lord Vansittart im Foreign Office (Anthony Eden und seine Mitarbeiter).

_______________________
  1. Wegner, Bernd: "Hitlers Besuch in Finnland. Das geheime Tonprotokoll seiner Unterredung mit Mannerheim am 4. Juni 1942". In: Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte (VfZ), 41. (1993), S. 117 - 137
  2. Bading, Ingo:  Wie kam Stalin in die Mitte Europas? Vorarbeiten zu einer Neubewertung der politischen Geschichte des Zweiten Weltkrieges. Als Manuskript 1993, 2007

Dienstag, 10. Juli 2007

Charles Lindbergh's berühmteste Rede in De Moines am 11. September 1941 - Originalaufnahme

Dies ist die Originalaufnahme der wohl berühmtesten Antikriegs-Rede von Charles Lindbergh, in der er - unter anderem - auch seine umstrittendsten Worte sagte:

"... Unter die drei Gruppen, die die Haupt-Agitatoren für den Kriegseintritt bilden, zähle ich nur die, die wesentlich sind für die Kriegspartei. Wenn eine von diesen Gruppen - die Briten, die amerikanischen Juden oder die Roosevelt-Regierung - damit aufhören würden, für den Kriegseintritt zu agitieren, so glaube ich, daß es wenig Gefahr gäbe, daß die Vereinigten Staaten in diesen Krieg hineingezogen würden."
Charles Lindbergh war der Meinung, daß die Briten und die amerikanischen Juden in der Frage des Kriegseintrittes der Vereinigten Staaten mehr an die Interessen ihrer eigenen Völker (in Europa) als an die Interessen der Vereinigten Staaten denken würden. Mehr dazu in früheren Beiträgen. (Studium generale - und Stichwortsuche "Lindbergh")

Montag, 11. Juni 2007

Charles Lindebergh - Hätten die USA 1941 seiner Politik folgen sollen?

Charles Lindbergh war der prominenteste Gegner des Eintritts der Vereinigten Staaten in den Zweiten Weltkrieg. Man macht es sich noch heute zu leicht, wenn man einfach darauf verweist, daß die Geschichte "bewiesen" hätte, daß die Position Charles Lindbergh's damals eine falsche gewesen wäre. Charles Lindbergh selbst ist auch zeitlebens der Meinung geblieben, daß es besser gewesen wäre, wenn die Vereinigten Staaten nicht in den Zweiten Weltkrieg eingetreten wären, auch nachdem er das Konzentrationslager Buchenwald kurz nach der Besetzung durch die Amerikaner besucht hatte.

Vergegenwärtigen wir uns die Situation, aus der heraus Charles Lindbergh damals argumentierte. Charles Lindbergh hatte vor dem Krieg die Sowjetunion bereist und man hat ihm "einiges" zur sowjetischen Flugzeug-Produktion gezeigt. Aufgrund dieser Reise hat Charles Lindbergh sicherlich ebenso wie die deutsche Führung unter Adolf Hitler und wie auch die westlichen Regierungen das Kriegspotential der Sowjetunion im Jahr 1941 bei weitem unterschätzt. Die Sowjetunion war 1941 die hochgerüstetste Militärmacht der ganzen Welt. Das hat Adolf Hitler nicht gewußt, bzw. nicht glauben wollen (obwohl es ihm der deutsche General Heinz Guderian, der selbst die Sowjetunion bereist hatte, gesagt hatte). Und das haben auch die westlichen Regierungen - so viel wir wissen - nicht gewußt. Im "Winterkrieg" gegen das kleine Finnland hatte sich die Sowjetunion - vorgeblich - vor der gesamten Weltöffentlichkeit militärisch maßlos blamiert. Wer weiß, ob diese "Blamage" nicht eine Kriegslist des "Fuchses" Josef Stalin war?

In jedem Fall sind sich alle Historiker heute darüber einig, daß die Sowjetunion trotz des ungeheuren Rüstungspotentials, über das sie 1941 verfügte, einen Krieg gegen Deutschland, der länger als zwei Jahre gedauert hätte, nicht hätte durchhalten können. Ohne die massiven Materiallieferungen der Vereinigten Staaten über die Murmansk-Linie wäre die Sowjetunion spätestens im Kriegsjahr 1942 zusammen gebrochen. (Siehe bspw. das Buch "Brute Force" und andere.)

Was aber hätte das bedeutet?

Der Zweite Weltkrieg kostete 55 Millionen Menschen das Leben. VOR dem Kriegseintritt der Vereinigten Staaten waren von diesen 55 Millionen Menschen erst wenige zehn- oder hunderttausend Menschen im Krieg gefallen oder - vor allem in Polen - ermordet worden. WAS aber im Jahr 1941 bekannt war, das war, daß die Geschichte der Sowjetunion seit 1917 in grausamsten Verbrechen schon mehrere ZEHN MILLIONEN Todesopfer gefordert hatte. Vor allem im ukrainischen Hungerholocaust der Jahre 1931 und 1932. Weiterhin in den Terrorjahren rund um 1938. (Siehe Robert Conquest und andere.) Also der größte Verbrecherstaat des 20. Jahrhunderts war im Jahr 1941 ganz klar und eindeutig die Sowjetunion. Und das war damals natürlich auch jedem bekannt, der sich nur einigermaßen den Sinn für Realitäten bewahrt hatte.

Und aus dem Nachhinein betrachtet ist es wahrhaftig merkwürdig, warum es den Vereinigten Staaten und Großbritannien so leicht fiel, mit diesem (bis dahin) größten Verbrecherstaat des 20. Jahrunderts im Herbst 1941 ein Bündnis einzugehen. Von Deutschland waren bis zum Jahr 1941 Massenverbrechen im Stile und Umfang Lenins oder Stalin auch nicht annähernd bekannt.

Wenn man sich all diese Tatsachen vergegenwärtig, wenn man sich weiterhin das große Mißtrauen Charles Lindbergh's gegenüber jeder Art von "Public Relation"-Industrie vergegenwärtig, dann hatte die damalige Position Charles Lindbergh's viel, sogar sehr viel Vernünftiges an sich. Und sie hat es noch heute. Denn:

Woher wissen wir denn eigentlich, wie der Krieg verlaufen wäre, wenn die USA nicht in ihn eingetreten wären? Eine Expansion nach Westen war von Adolf Hitler niemals beabsichtigt. Das war den westlichen Regierungen nur allzu gut bekannt. Ohne die Unterstützung der USA hätte der Bombenkrieg gegen die Zivilbevölkerung zwischen Deutschland und Großbritannien niemals diese Ausmaße angenommen. Und ohne die Gegnerschaft der USA hätte sich die deutsche Führung psychologisch Ende des Jahres 1941 niemals in einer so "bedrängten", "gefährdeten", "riskanten" Lage gesehen, wie sie sich damals sehen mußte.

Alle Deutschen wußten, daß der Kriegseintritt der USA den Ersten Weltkrieg entschieden hatte. Und warum sollte es jetzt so ganz anders sein? Aussprechen durfte das damals niemand - gedacht haben es viele, nein: alle.

Wir wissen nicht exakt, wann und wer die Befehle zum Mord an den europäischen Juden gegeben hat. Wir wissen nicht, ob nicht die deutsche Führung in weniger Tobsuchts-Anfälle was Grausamkeiten und Verbrechen im besetzten Polen und in der besetzten Sowjetunion geraten wäre, wenn es ihr schneller und quasi "souveräner" gelungen wäre, die Sowjetunion im Jahr 1941 oder spätestens im Jahr 1942 zu besiegen.

Wir wissen nicht, ob das Naziregime in Europa, vor allem in Osteuropa ähnliche Blutbäder angerichtet hätte, wie es die Sowjetunion in den Jahrzehnten davor vorexerziert hatte - in Jahren, in denen sie sich natürlich ebenfalls von äußeren und inneren Feinden bedroht fühlte wie das Deutschland der Jahre 1941 bis 1945. Wir wissen aber, daß der Zweite Weltkrieg ohne den Kriegseintritt der USA 1941, spätestens 1942 zu Ende hätte sein können. Daß zunächst einmal sicherlich 40 oder 50 Millionen Menschen nicht hätten sterben müssen.

- Eine schlechte argumentative Position von seiten Charles Lindbergh's? Das möchte man bei solchen Erwägungen nicht mehr so ohne weiteres behaupten. Daß Charles Lindbergh es jedenfalls weniger gut mit den Menschen dieseits und jenseits des Atlantiks und Pazifiks meinte als die damalige amerikanische Führung, dieser Gedanken jedenfalls wird der integren Persönlichkeit Charles Lindbergh's nicht gerecht. Die Geschichte kennt auch keine Einbahnstraßen. Der Wille der britischen und amerikanischen politischen Führung zur damaligen Zeit, die Sowjetunion bis an die Elbe vordringen zu lassen, diesen Willen kann man auch heute noch - und zwar mit Nachdruck - kritisieren. Das haben ja auch schon manche deutsche, britische und amerikanische Historiker getan (etwa Lothar Kettenacker und andere).

Mit Recht haben die deutschen Historiker Klaus Hildebrandt und Andreas Hillgruber schon vor zwei Jahrzehnten gefragt, ob die britische und amerikanische politische Führung in ihren Kriegszielen 1941 so viel "integrer" gewesen sind als die damaligen politischen Führungen der Sowjetunion und Deutschlands. Und mit Recht bezeichnet der amerikanische Sprachforscher Noam Chomsky das 20. Jahrhundert als ein Jahrhundert der Lügen.

Charles Lindbergh wollte im November 1938 mit seiner Familie nach Berlin ziehen, um das damalige Deutschland besser kennenlernen zu können. Als er von der Reichskristallnacht am 9. November 1938 erfuhr, nahm der davon Abstand. Für die Verbrechen des Nazi-Regimes hat er nie Verständnis gezeigt, er hat sie nie verharmlost, er hat sie nie entschuldigt. Die deutsche Widerstands-Bewegung gegen den Nationalsozialismus und Charles Lindbergh hätten sich hervorragend miteinander verstanden, wenn sie voneinander gewußt hätten. Die Regierung von Charles Lindbergh jedoch handelte anders. Sie ist mit dem Verbrecherstaat Sowjetunion ein Bündnis eingegangen und hat seine Verbrechen von 1941 bis 1989 ermöglicht.

Somit ragt Charles Lindbergh - soweit man sehen kann -, auch in diesen Fragen weit über das moralische Niveau seiner damaligen Regierung hinaus.

Freitag, 23. März 2007

Churchill wollte die Ausweitung des Krieges zu einem Weltkrieg (1941)


Die Tatsache, daß es nicht nur Diktatur durch Verängstigung und Terror, sondern auch Diktatur durch Verwöhnung gibt (siehe früherer Beitrag), wird bei der Beurteilung politischer Verhältnisse in Geschichte und Gegenwart naiverweise viel zu selten berücksichtigt. Der deutsche Historiker Klaus Hildebrand hat das 20. Jahrhundert "Das Zeitalter der Tyrannen" genannt. Dies geschah unter ausdrücklichem Einschluß solcher "demokratischer" Politiker wie Winston Churchill und Franklin D. Roosevelt, nachdem bekannt geworden war, daß auch die Westalliierten schon sehr früh während des Zweiten Weltkrieges (also zum Beispiel auch vor Bekanntwerden von all dem, was heute mit dem Namen Auschwitz in Verbindung gebracht wird) Kriegsziele verfolgt haben, die weder damals noch heute mit dem Völkerrecht oder auch nur irgendeinem Begriff von Humanität vereinbar waren. Sondern die schlicht Kriegsverbrechen darstellten.

Daß dies auch für die Methoden der Kriegsführung der Westalliierten gilt, darauf hat ja erst jüngst wieder das Buch "Der Brand" von Autor Jörg Friedrich aufmerksam gemacht. Zu welcher Art von Politik heutige Demokratien des Westens alles fähig sind, darauf braucht ja an dieser Stelle gar nicht ausführlicher eingegangen werden.

Auch ist schon vor vielen Jahren bekannt geworden, daß der sogenannte Friedens-Flug von Rudolf Heß nach England am 20. Mai 1941 der "Botengang eines Toren" gewesen ist (so der Buchtitel des Historikers Rainer F. Schmidt). Es handelte sich um eine wohlvorbereitete Täuschungsaktion des britischen Geheimdienstes unter voller Mitwisserschaft der gesamten britischen politischen Führung. Aber zu welchem Zweck wurde diese Aktion eigentlich eingeleitet? Zu diesem Thema ist inzwischen eine weitere Studie des britischen Historikers Martin Allen erschienen. Soweit man das nach etwas oberflächlicherem Lesen übersehen kann, bestätigt dieses neue Buch vollständig die Tatsachen, die schon von Rainer F. Schmidt genannt worden waren (allerdings merkwürdigerweise ohne dieses Buch auch nur an einer einzigen Stelle zu erwähnen).

Ein neu veröffentlichtes Dokument

Ein neu veröffentlichtes Dokument fällt in diesem Buch von Martin Allen besonders in die Augen. (S. 412, S. 204 - 206) Da der Autor dieser Zeilen selbst seine Magisterarbeit über die Thematik der britischen Kriegszielpolitik während des Zweiten Weltkrieges geschrieben hat und dazu viele "Dokumente zur Deutschlandpolitik" der britischen Regierung nach 1939 studiert hat (I. Reihe, Band 1 bis 4), und deshalb auch so ein bischen die "Stimmung" und Argumente in britischen Regierungskreisen der damaligen Zeit zu kennen glaubt, glaubt man auch die Bedeutung dieses neuen Dokumentes im Zusammenhang der übrigen einschätzen zu können.

Es handelt sich um einen Brief, datiert auf den 28. Februar 1941, von dem britischen Wirtschaftsminister Hugh Dalton, zugleich Leiter des britischen Geheimdiensts SOE (der Labour-Partei zugehörig) an den damaligen britischen Außenminister Anthony Eden, nachdem zuvor eine Besprechung mit Winston Churchill stattgefunden hatte. Die in dem Brief erwähnte "Mssrs HHHH Operation" ist jene britische Geheimdienst-Operation, die Rudolf Heß und seinen Beratern Karl und Albrecht Haushofer (Vater und Sohn) eine innerbritische Opposition gegen die Churchill-Regierung unter Führung eines Lords Hamilton vorspielte (nach den Worten Churchills: "Mummenschanz ist die Parole"), um Rudolf Heß nach England zu locken. Die vier H beziehen sich auf die vier Anfangsbuchstaben der Familiennamen der involvierten Personen. Hier nun der Text des Briefes von Dalton:

Dear Minister,

I have been in deep contemplation ever since the matter we discussed yesterday with the P.M., and feel I must put my concerns to you before we take any further action.

Leeper's assessment on Saturday was pretty close to the mark, and his conclusion that despite being unable, probably, to win in Europe, we could win world war has, of course, been bandied about for the last month or two. However, what Winston now proposes is a truly terrible thing, and I am not sure my conscience will allow me to participate.

I have always maintained that in this war body-line bowling of the Hun is justified, and the Mssrs HHHH Operation, once we took it over, was intended to fulfill that function, but I do not believe we can be morally justified to use it to cause the suggested end result.

I feel we must have another meeting to discuss where we are going to take this matter, and I would appreciate your opinion. Can I suggest a joint car again next Saturday?

Yours Ever,

H.D.
Dies ist ein überraschendes, bemerkenswertes Dokument, das auch eine heftige ablehnende Gegenreaktion von Winston Churchill hervorrief. Robert Vansittard, berühmt-berüchtigter Verfasser des Buches "Black Record" und einer der geistigen Mentoren der britischen Außenpolitik jener Zeit, schrieb an den im Brief ebenfalls erwähnten Rex Leeper betreffend der "Hugh Dalton Angelegenheit": "Ich habe Winston selten so außer Fassung gesehen wie gestern, als er den Brief von HD erhielt. ..." (S. 206)

Wie aus den beiden schon genannten Büchern hervorgeht, ist der größte Teil der britischen und amerikanischen Akten zu dem Flug von Rudolf Heß immer noch unter Verschluß und bislang nur weniges über deren Inhalt bekannt. Das wenige gibt Anlaß zu vielerlei Spekulation und Deutungsmöglichkeit. Aber folgendes scheint doch aus diesen beiden Briefen hervorzugehen:

Bis zu diesem Gespräch am 28. Februar 1941 hatte der britische geheimdienstliche "Mummenschanz" betreffend Rudolf Heß nach der Kenntnis von Hugh Dalton zu etwas anderem dienen sollen als danach. Aber wozu davor? Wozu danach?


Wer kennt sich mit Cricket aus?

Bei dem Begriff "body-line bowling" handelt es sich, wie man dem betreffenden Wikipedia-Eintrag entnehmen kann, um einen Begriff aus der Geschichte des Cricket-Spiels. (Wikipedia deutsch, englisch.) "Bodyline" ist eine bestimmte, von der britischen Nationalmanschaft entwickelte Cricket-Taktik, die in den Jahren 1932/33 angewandt wurde, um einen bestimmten hervorragend befähigten australischen Nationalspieler zu übervorteilen. Diese Taktik rief sogar eine politische Krise zwischen Großbritannien und Australien hervor, da die wiederholt verlierenden Australier der britischen National-Mannschaft, die diese Taktik anwandte, Unsportlichkeit vorwarfen: "Eine Mannschaft versucht, Cricket zu spielen, die andere nicht."

Wenn man sich nun mit Cricket genauer auskennen würde (was der Autor dieser Zeilen nicht von sich behaupten kann), würde man die Verwendung des Begriffes vielleicht leichter verstehen. Im Wikipedia-Eintrag liest man darüber folgendes: "Bodyline, also known as fast leg theory, was a cricekting tactic devised by the English cricket team for their 1932–33 Ashes tour of Australia, specifically to combat the extraordinary batting skill of Australia's Don Bradman. A Bodyline bowler deliberately aimed the cricket ball at the body of the opposing batsman, in the hope of creating legside deflections that could be caught by one of several fielders in the quadrant of the field behind square leg."

Gut, wer sich mit Cricket gut auskennt, mag den Implikationen der Verwendung dieses Begriffes in diesem Brief noch weiter nachgehen. Der deutsche Übersetzer des genannten Buches tut beides ganz offensichtlich nicht. Er übersetzt mit den Worten "Knochenkegeln [gemeint ist eine unfaire Kriegführung]" viel zu oberflächlich und unpräzise, was noch vorsichtig und zurückhaltend beurteilt sein mag. Denn es geht ja hier nicht um Kriegführung, sondern um Friedensanbahnungen, bzw. die Vortäuschung von solchen. Im Grunde ist es also ganz falsch übersetzt. Man wohl wenigstens so viel sagen: Dem gegnerischen Spieler wird ein Ball zugeworfen, den er aber nicht auffangen - können - soll, sondern der sich - indem er von seinem Körper abprallt - gegen seine eigene Mannschaft wenden soll. Das kann leicht auf Rudolf Heß übertragen werden und seine Hoffnungen auf Friedensanbahnung.

17.7.14: In diesem Video sieht man, dass der Ball mit voller Wucht auf den gegenüberstehenden Spieler geworfen wird, von dem er abprallt, da dieser ihn nicht mit dem Schläger spielen kann.

Dalton jedenfalls fand den bisherigen Zweck des "Mummenschanzes" gegenüber Rudolf Heß als "unsportliches" Body-Line. Wahrscheinlich meinte er damit das Vortäuschen eines Friedenswillens, um den Krieg zwischen England und Deutschland zu verlängern.

"Überlagernde Geheimdienst-Operationen" (ergänzt am 14.10.2009)

Von überlagernden Geheimdienst-Operationen weiß auch Alexander von Bülow in seinem Buch "Im Auftrag des Staates" manches Beispiel zu geben. Das heißt, vielen Beteiligten wird nur ein beschränktes Ziel der Operation genannt (das "need-to-know"-Prinzip). Und erst im Nachhinein - oder während der Operation - erfahren sie, daß ihre eigene Operation durch eine zweite überlagert ist, deren Ziele über die zuvor genannten Ziele hinausgehen. So wurden - offenbar - die Twintower schon vor dem Anschlag von 9/11 zur Sprengung vorbereitet von der Firma "Controlled Demolition" unter der "beschränkten" Vorgabe, daß im Fall eines Anschlages Nachbargebäude sollten geschützt werden können. Und diese Operation wurde dann durch eine zweite Operation - nämlich die Flugzeug-Entführungen - überlagert. Jeder der Beteiligten mußte nur das wissen, was zur Ausführung seiner Aufgabe wichtig war. Und so scheint es auch bei dem verheerenden Bombenanschlag von 1995 in Oklahoma City gewesen zu sein, der damals entscheidend zur Wiederwahl von Bill Clinton beitrug. Und so war es offenbar auch in vielen Fällen beim linksextremistischen Terrorismus in Deutschland und Italien der 1970er Jahre und dem dabei von Geheimdiensten bis heute geschickt ausgenutzten "Wissensgefälle" zwischen allen näher und ferner Beteiligten.

Das, was Churchill (Eden, Vansittart etc.) also ab einem bestimmten Zeitpunkt mit dem unter anderen Vorgaben vorbereiteten "Mummenschanz" bezweckten, ging weit über die zuvor Dalton bekannten Zwecke hinaus. Und daß Dalton auf die "Zielerweiterung" erschreckt, schockiert reagierte, machte Menschen vom Schlage eines Vansittart gar nichts aus, während Churchill offenbar doch noch "außer Fassung" geraten konnte darüber, daß jemand nicht so simpel schien mitspielen zu wollen wie er selbst.

Die überlagernde Operation hatte schlicht zum Ziel die Ausweitung des bisher bloß europäischen Krieges zu einem Weltkrieg, also den Kriegseintritt der Sowjetunion gegen Deutschland.


-------------

Hier noch eine vollständige deutsche Übersetzung des Briefes:

"Lieber Minister,
ich habe lange nachgedacht, nachdem wir gestern die Angelegenheit mit dem Premier-Minister erörtert haben, und ich fühle, daß ich Ihnen meine Bedenken mitteilen muß, bevor wir weitere Aktionen unternehmen.
Leepers Feststellung vom Samstag kam der Sache ziemlich nahe, und seine Schlußfolgerung, daß wir wahrscheinlich den Krieg in Europa nicht gewinnen können, wohl aber einen Weltkrieg, wurde wohl schon seit ein, zwei Monaten unter die Leute gebracht.
Doch was Winston jetzt vorschlägt, ist ein wirklich schreckliches Ding, und ich bin nicht sicher, ob mein Gewissen es mir erlauben wird, mich daran zu beteiligen.
Ich habe immer daran festgehalten, daß in diesem Krieg body-line bowling mit den Hunnen gerechtfertigt ist, und daß die Herren HHHH Operation, als wir sie übernommen haben, das Ziel hatte, diese Funktion zu erfüllen, aber ich glaube nicht, daß wir es moralisch rechtfertigen können, daß wir sie dazu benutzen, um das vorgeschlagene Ergebnis zu erzielen.
Ich spüre, daß wir uns erneut zu einer Unterredung treffen müssen, um zu diskutieren, wohin wir diese Sache bringen werden, und ich würde gerne Ihre Auffassung in Erfahrung bringen. Darf ich für nächsten Sonnabend wieder ein gemeinsames Auto vorschlagen?
Immer der Ihrige,
H.D."
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