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Freitag, 12. Juni 2026

Rückzugsorte später Jäger und Sammler - An der Moldau und im Böhmerwald

Das südliche Böhmen um 5.000 und um 3.000 v. Ztr.
- Späte Jäger und Sammler bis 2.700 v. Ztr. - Řivnáč-Höhensiedlungen ab 2.700 v. Ztr. 

Nach und nach mehren sich archäologische Studien, durch die die späten Jäger und Sammler Mitteleuropas, die zur Ethnogenese zahlreicher mittel- und spätneolithischer Völker und Kulturen maßgeblich beigetragen haben, nach und nach besser faßbar werden. Die Archäologen tasten sich langsam - weiterhin noch vergleichsweise langsam - Schritt für Schritt an die Thematik dieser in Randregionen fortlebenden Jäger-Sammler-Populationen heran. 

Abb. 1: Blick in das Wittingauer Becken im südlichen Böhmen (Wiki) (Fotograf: Pavel Rychtecký)

Eine solche Region ist das Einzugsgebiet der Oberen Moldau in Böhmen, bzw. Tschechien. "Auf'd Wulda, auf'd Wulda, scheint Sunna so gulda" - so heißen die ersten Worte eines deutschen Volksliedes auf diese Moldau, auf die "Wulda", die im Böhmerwald entspringt. Sie fließt von dort nach Prag, um hinter Prag in die Elbe zu münden (Abb. 3) (Rbg).

Die Moldau trägt einen Namen germanischen Ursprungs. Nach der Besiedlung Böhmens durch die Tschechen erhielt die Moldau von den Slawen aber ebenfalls einen eigenen Namen, nämlich den Namen Vltava. Vom Böhmerwald nach Norden fließend kommt die Moldau unter anderem auch durch die Stadt Budweis. Zwanzig Kilometer östlich der Stadt Budweis  befindet sich dann das Wittingauer Becken, das über den Fluß Fluß Lainsitz (tschechisch: Lužnice) (Wiki) in die Moldau entwässert (Abb. 1-3).

Dieses Wittingauer Becken wird im vorliegenden Beitrag eine Rolle spielen. Deshalb wird eine flüchtige geographische Einordnung desselben voran gestellt.

Das Wittingauer Becken liegt rund um die Stadt Wittingau und es liegt im Bezirk Wittingau (Wiki). Die Stadt Wittingau liegt nur zwanzig Kilometer von der im Südosten gelegenen, heutigen österreichischen Grenze entfernt (GMaps). Der Bezirk Wittingau war dennoch immer schon tschechisch besiedelt. Er gehörte nicht zu dem bis 1945 von Deutschen besiedelten "Sudetenland". Um sich diesen Umstand klar zu machen, ist ein Blick auf die Abbildung 2 hilfreich. Dort sehen wir, daß es im südlichen Teil des Sudentenlandes einen ("weißen") Bezirk gibt, der immer schon tschechisch und nicht deutsch besiedelt war: der Bezirk Wittingau. Vielleicht waren es die weiter unten noch weiter erörterten landschaftlichen Charakteristika des Wittingauer Beckens, die es den deutschen Bauern weniger attraktiv erscheinen ließen für eine Besiedlung. Die Laisnitz, von der das Becken durchquert wird, mündet 45 Kilometer weiter nördlich in die Moldau (Abb. 3).

Zwei neue tschechische archäologische Studien

In zwei neuen tschechischen archäologischen Studien, in der auch dieses Wittingauer Becken eine Rolle spielt, werden jene durch die Archäogenetik aufgeworfenen Fragen erneut behandelt, die uns auch hier auf dem Blog schon seit einigen Jahren beschäftigen (1, 2).

Abb. 2: Der Anteil der deutschen Bevölkerung bis 1945 in den Gerichtsbezirken des Sudentenlandes

Es wird etwa das folgende ausgeführt (1): 

Fortschritte in der aDNA-Forschung zeigen auf, daß vormals vorherrschende Abstammungslinien (Völker) fortbestehen oder wiederaufleben, lange nachdem sie durch ihnen nachfolgende Ausbreitungsbewegungen (von Völkern) vermeintlich verdrängt worden waren. Aber diese Ergebnisse geben selten Aufschluß darüber, von woher diese wiederauflebenden Abstammungslinien eigentlich stammen. Einige Autoren vertreten die Ansicht, daß solche Herkunftsanteile durch demische Ausbreitung aus den Randgebieten der von großen Ausbreitungsbewegungen betroffenen Regionen wieder eingeführt wurden - also aus Gebieten, in denen sich ältere Herkunftsanteile innerhalb lokaler Gruppen erhalten hatten (Beau et al. 2017; Da Silva et al. 2025; Immel et al. 2021; Papac et al. 2021). Während dieses Szenario in bestimmten, mittels Admixture-Analysen untersuchten Fällen zutreffen mag (z. B. die von Papac et al. 2021 in verschiedenen neolithischen Populationen nachgewiesenen vielfältigen Quellen mesolithischer Abstammung; vgl. dazu Brami 2023, der auf die Grenzen dieser Tests hinweist), bleibt es in den meisten anderen Fällen weitgehend deduktiv begründet.
Although advances in aDNA sampling reveal substantial persistence or reappearance of earlier ancestries long after they were thought to have been erased by subsequent migrations, these results rarely indicate where the source populations may have come from. Some authors argue that such ancestries were reintroduced through demic expansions from the outskirts of areas affected by major migrations, where archaic ancestries remained available within local groups (Beau et al. 2017; Da Silva et al. 2025; Immel et al. 2021; Papac et al. 2021). While this scenario may hold in certain cases tested through admixture analyses (e.g. multiple sources of Mesolithic ancestry identified in various Neolithic populations by Papac et al. 2021,cf. Brami 2023, who highlights the limitations of these tests), it remains largely deductive in most other instances. More importantly, it implicitly reproduces the assumption that ‘otherness’ can be situated only at the outer frontiers, rather than within the interior landscapes of central Europe.

Insgesamt wecken die beiden Studien solchen Fragen gegenüber unseres Erachtens nun aber mehr Erwartungen als sie dann einlösen können. Immerhin präzisieren sie allmählich Schritt für Schritt zumindest die archäologischen Fragestellungen und Fragehorizonte.

Abb. 3: Reliefkarte von Böhmen und Mähren - In der Vergrößerung sind Wittingau und der Fluß Laisnitz zu sehen

Es werden zunächst die zeitlich versetzten Abläufe während des Frühneolithikums in fünf verschiedenen Regionen in und um Böhmen miteinander verglichen (1) (Abb. 4 und 5). Die Bandkeramik breitete sich bekanntlich von ihrer "Urheimat", dem Wiener Becken, ausgehend Donau-aufwärts aus.

Saatgerste und den Timopheev-Weizen im Südlichen Böhmen ab 5.200 v. Ztr.

Ab 5.400 v. Ztr. kam die Bandkeramik nach Bayern - "innerhalb einer Generation" von Wien bis Schweinfurt wie wir andernorts schau ausführten (Stg2022). Ab 5.350 v. Ztr. kam sie nach Mähren, kurze Zeit später an die Obere Elbe und erst ab 5.230 v. Ztr. in die Region an der Oberen Moldau ("Upper Vlatava") (Abb. 5). Über die zeitlich versetzte, bäuerliche Besiedlung der Region der Oberen Moldau wird ausgeführt (2):

Die durchschnittlichen Zeitunterschiede (der Besiedlung) der Region der Oberen Moldau und der Tiefländer (Böhmens) betragen zwischen 136 und 172 Jahren, was etwa 5 bis 7 Generationen entspricht. (...) Das im Allgemeinen einheitliche und nicht sehr breite Spektrum der von den frühen Bauern in Mitteleuropa angebauten Nutzpflanzen (Kreuz und Marinova 2017) wurde in der Region der Oberen Moldau durch die Saatgerste und den Timopheev-Weizen erweitert. Beide Arten gelten als geeignet für rauere Bedingungen; wenngleich sie im Gesamtspektrum der Nutzpflanzen nur einen geringen Anteil einnehmen läßt sich ihr Anbau als Anpassung an die lokale Umwelt deuten (Ptáková et al. 2024).
The median time difference between the Upper Vltavaand lowland regions ranges between 136 and 172 years, which equals approximately 5–7 generations. (...) The generally uniform and narrow spectrum of crops cultivated by early farmersin central Europe (Kreuz and Marinova 2017) was diversified in the Upper Vltava region by common barley and Timopheev’s wheat. Both species are considered suit-able for harsher conditions, and their cultivation, although still low in the total spec-trum of crops, can be interpreted as an adaptation to the local environment (Ptákováet al. 2024).

Von dem hier erwähnten Tricum timopheevii (Wiki) hören wir an dieser Stelle zum ersten mal. Auf Wikipedia heißt es, daß die Wildform dieses Weizens zwar in der Südosttürkei vorkommen würde, daß die domestizierte Form aber (heute?) allein in Georgien, also im Südkaukasus angebaut würde.

Und dennoch wäre sie von den anatolisch-neolithischen Bauern bis an die Obere Moldau mitgebracht worden!?! Obwohl sie selbst in ungünstigen Regionen nur in geringen Anteilen angebaut wurde? Reimt sich das zusammen? Es sei erst einmal nur so hier festgehalten.

Abb. 4: Geographische Regionen in und um Böhmen (aus 2) - Obere Moldau=Upper Vlatava, Egerland=Upper Beounuka

/ Ergänzung 25.7.26: Eine neue Studie geht dem Phänomen des Timopheev-Weizens weiter nach (3):

Populationsgenomische Analysen zeigen eine mosaikartige Haplotypzusammensetzung des domestizierten tetraploiden Timopheev-Weizens, was darauf hindeutet, daß er einst in einem größeren geografischen Gebiet angebaut wurde. Dies wird durch die Entdeckung „fossiler“ Haplotypsegmente in Brotweizen-Landsorten weiter untermauert, die wahrscheinlich von heute ausgestorbenen Populationen des domestizierten Timopheev-Weizens abstammen.

Da deutet sich also an, daß es zu dem Thema künftig noch weitere Erkenntnisse geben könnte. / Dennoch, so die Autoren weiter (2), ...

... war die Besiedlung der Region der Oberen Moldau sehr begrenzt. Bislang wurden lediglich 17 frühneolithische Siedlungen nachgewiesen, die sich größtenteils auf wenige kleine Cluster verteilen; diese orientieren sich an den ökologisch günstigsten Nischen der Region. Paradoxerweise läßt sich eine solche geringe Anzahl durchaus als Siedlungsboom werten, da die nachfolgenden Epochen durch eine noch spärlichere Fundlage gekennzeichnet waren. (...) Ein noch deutlicherer Rückgang der Siedlungsdichte ist in den Regionen der Oberen Moldau für den Zeitraum von ca. 4600 bis 3200 v. Ztr. zu verzeichnen; aus dieser Zeit liegen nur wenige Belege für eine Besiedlung vor. (...) Eine ähnliche Situation ergab sich nach 4600 v. Ztr. im Egerland (in der Region der Oberen Beraun, tschech. Berounka). Obwohl die Anzahl der Fundstellen hier etwas höher ist, erreicht sie dennoch nicht die Dichte, die im Tiefland verzeichnet wurde (Metlička 2015; Neustupný 2013).
The occupation of the Upper Vltava area was very limited. To date, only 17 Early Neolithic settlements have been identified being distributed mostly within afew small clusters that follow the environmentally most convenient niches of theregion. Paradoxically, such low numbers can be considered a settlement boom, asthe following periods were marked by even scantier records. (...) An even more pronounced decrease in settlement den-sity took place in the Upper Vltava regions in c. 4600–3200 BC during which verylittle evidence of occupation is available. (...) A similar situation occurred in the Upper Berounka region after 4600 BC. Although the num-ber of sites is slightly higher here, it still does not reach the density recorded in thelowlands (Metlička 2015; Neustupný 2013).

Daß das Egerland zuvor schon in bandkeramischer Zeit besiedelt worden wäre, dafür scheint es bislang noch weniger Belege zu geben.

Das Wittingauer Becken - Ein Rückzugsort der späten Jäger und Sammler

Nun aber hören wir doch von einigen etwas grundlegenderen neuen Erkenntnissen (2):

Die erst zeitlich versetzt einsetzende Besiedlung der Region der Oberen Moldau durch frühbäuerlicher Gemeinschaften könnte den dortigen Jägern und Sammlern die Möglichkeit geboten haben, ihre Subsistenzweise länger beizubehalten als andernorts. Insbesondere das im östlichen Teil der Region gelegene Wittingauer Becken (Třeboň-Becken), das von zahlreichen Seen früh-postglazialen Ursprungs durchsetzt ist, könnte eine attraktive ökologische Nische für Menschen geboten haben, die an der Lebensweise von Jägern und Sammlern festhielten (Hošek et al. 2019; Ptáková et al. 2023). Besonders gut belegt ist diese späte Präsenz am Schwarzenberg-See: Dort wurden am Ufer bereits elf Lagerplätze identifiziert, und die geschichteten paläoökologischen Befunde aus der Litoralzone sowie aus den Seesedimenten zeugen von einem erheblichen menschlichen Einfluß. Dieser äußert sich unter anderem in periodischen Brandereignissen, die vermutlich darauf abzielten, die Ufervegetation zu beseitigen und so die Bedingungen für Jagd und Sammeltätigkeit zu verbessern. Zudem wurden Makroreste eßbarer Wildpflanzen – von denen einige nicht zur typischen Flora von Seeumgebungen gehören – sowie weitere Pflanzenarten nachgewiesen, die indirekt auf menschliche Aktivitäten hinweisen (Pokorný et al. 2010; Šída und Pokorný 2021).
The delayed arrival of early farming communities in the Upper Vltava region could open a window of opportunity for local hunter-gatherers to retain their subsist-ence practices longer than elsewhere. In particular, the Třeboň Basin, located in theeastern part of the region and scattered with numerous lakes of early post-glacialorigin, might offer an attractive ecological niche for people retaining hunter-gath-erer practices (Hošek et  al. 2019; Ptáková et  al. 2023). Their late presence is best evidenced by Švarcenberk Lake, where eleven campsites have already been identified along the shore, and the stratified palaeoenvironmental records in the littoralzone, as well as in lake sediments, revealed considerable human impact. It involvesperiodic burning events, likely aimed at clearing lake shore vegetation to improvehunting and gathering opportunities. The presence of macroremains from consum-able wild plant species has also been identified, some of which are not indigenous tolake environments, along with other plant species indirectly indicating human activities (Pokorný et al. 2010; Šída and Pokorný 2021). 

Dem wasserreichen Wittingauer Becken (Wiki) sieht man es auf den ersten Blick an (s. Abb. 1), daß sich eine zahlenmäßig größere Fischer-, Jäger- und Sammler-Population in vergleichsweise höherer Siedlungsdichte hier für Jahrtausende ganz gut müßte gehalten haben können. Die Region erinnert vielleicht an die wasserreiche Region der Oberen Theiß und des Körös, wo Genetik der Karpaten-Jäger-Sammler festgestellt worden ist.

Abb. 5: Ankunft der Bandkeramik (aus 2)

Und weiter (2):

Bemerkenswert ist die räumliche Nähe zwischen den Fundplätzen des späten Mesolithikums und jenen der bäuerlichen Bevölkerung im Gebiet der Oberen Moldau. Jäger und Sammler nutzten den Schwarzenberg-See sowie weitere Seen, die unmittelbar an das Siedlungsgebiet der Bauern angrenzten (Einzelheiten siehe Ptáková et al. 2023). Da die beiden Fundplatztypen oft nur wenige Kilometer voneinander entfernt lagen, ist es kaum vorstellbar, daß die jeweiligen Bewohner nichts voneinander wußten. Überraschenderweise liefern die derzeit vorliegenden Daten keine Hinweise auf gegenseitige Beeinflussung; beide Gemeinschaften hielten an ihren jeweiligen Subsistenzstrategien fest. Nicht nur griffen die Bauern kaum auf wildlebende Nahrungsressourcen zurück, auch bei der Herstellung von Steinwerkzeugen und der Rohmaterialbeschaffung zeigten sich Unterschiede. Bereits seit dem frühen Mesolithikum nutzten die Jäger und Sammler der Oberen Moldau überwiegend lokale Materialien zur Herstellung vorwiegend mikrolithischer Werkzeuge (Vencl 2006). Opal, Quarz und andere Materialien, deren Vorkommen bis zu 50 km von den Fundplätzen entfernt lagen, machten 75 bis 90 % des Rohmaterialspektrums an den Lagerplätzen am Švarcenberk-See aus (z. B. Šída 2017; 2021; Šída et al. 2019). Die Bauern hingegen setzten auf nicht-lokale Materialien, die sie zu größeren Klingen verarbeiteten. Diese Materialien wurden vermutlich in Form von Kernen oder Halbfertigprodukten über größere Entfernungen aus benachbarten Regionen herangeführt. Trotz Anzeichen für Rohstoffknappheit - etwa häufige Wiederverwendung und vollständige Ausnutzung der Kerne in den Fundkomplexen der oberen Moldau - gaben die dortigen frühen Bauern dieses Beschaffungssystem nicht auf. Die deutlichen Unterschiede bei den Rohmaterialspektren und der Technologie widerlegen zudem die Hypothese, daß die anthropogenen Aktivitäten im Gebiet des Schwarzenberg-Sees im späten 6. und im 5. Jahrtausend v. Ztr. auf neolithische Gemeinschaften zurückzuführen sein könnten, die saisonal zwischen Ackerbau und Wildbeutertum wechselten.
Archäologische Forschungen haben belegt, daß die Interaktionsformen zwischen Jägern und Sammlern einerseits und Bauern andererseits je nach Region stark variieren konnten (z. B. Allentoft et al. 2024a; Bánffy 2019; Bollongino et al. 2013; Hofmanová et al. 2016; Jones et al. 2017; Shennan 2018; Simões et al. 2024). Insbesondere in Seegebieten konnten Jagd, Sammeln und Fischerei ein langfristig tragfähiges Wirtschaftssystem darstellen, das entweder eigenständig betrieben oder lediglich durch Ackerbau ergänzt wurde (Wieckowska-Lüth et al. 2021). In den Tiefländern, die von der frühen Ausbreitung der Bauern erfaßt wurden, sind Belege für einen engen Kontakt hingegen spärlich (Shennan 2018, S. 82–85); dies steht im Kontrast zur Region der Oberen Moldau. Hier deuten die vorliegenden Daten auf ein getrenntes Nebeneinander von spätmesolithischen Jägern und Sammlern sowie Bauern hin, wobei zu beachten ist, daß viele Anzeichen einer Vermischung aufgrund der lückenhaften archäologischen Überlieferung verborgen geblieben sein könnten. Da beide Gruppen jedoch unterschiedliche ökologische Nischen und Ressourcen der Region nutzten, stand ihre Beziehung wahrscheinlich nicht in Konkurrenz zueinander; vielmehr dürften sie einen dauerhaften *Modus vivendi* gefunden haben, insbesondere als die bäuerliche Bevölkerung in diesem Gebiet nach 5000 v. Ztr. zurückging. Auch wenn der Anteil nicht-lokaler Steinmaterialien bei den Jägern und Sammlern gering war, gelangten diese Objekte auch nach 5200 v. Ztr. in ihren Besitz - zu einer Zeit, als der Transport über Zwischenstationen von weit entfernten Rohstoffvorkommen bis zur Oberen Moldau von den neuen, in ganz Mitteleuropa ansässigen Bauerngesellschaften abhing.
The spatial proximity between the Late Mesolithic and farming-based sites inthe Upper Vltava region is notable. Hunter-gatherers utilized Švarcenberk andother lakes that immediately neighbor the zone occupied by farming-based settle-ments (see Ptáková et al. 2023 for details). The two types of sites were often onlya few kilometers apart, so it is difficult to imagine that their inhabitants would beunaware of each other. Surprisingly, there is no evidence in the currently availabledata for mutual influences; both communities adhered to their subsistence strategies.Not only did farmers make minimal use of wild food resources, but differences canalso be observed in the techniques and procurement of raw materials for stone tools. Since the Early Mesolithic, hunter-gatherers of the Upper Vltava region utilized alarge portion of local materials to produce mostly microlithic tools (Vencl 2006).Opal, quartz, and other materials, which outcrop up to 50 km from the site, cre-ate between 75 and 90% of the spectra at Švarcenberk campsites (e.g., Šída 2017;2021; Šída et al. 2019). Farmers, on the other hand, relied on non-local materials,which they chipped into larger blades. These materials should have been imported inthe form of cores or semi-products over larger distances from neighboring regions.Despite signs of material shortages, such as frequent reutilization and total extrac-tion of cores identified in Upper Vltava assemblages, local early farmers did notabandon this procurement system. The sharp difference in raw material spectra and technology also refutes the hypothesis that the late sixth and fifth millenniumanthropic activities around Švarcenberk Lake could refer to Neolithic communities,which might have altered between farming and foraging on a seasonal basis.Archaeological research has documented that the ways in which hunter-gather-ers and farmers interact might considerably differ region by region (e.g., Allentoftet  al. 2024a; Bánffy 2019; Bollongino et  al. 2013; Hofmanová et  al. 2016; Joneset al. 2017; Shennan 2018; Simões et al. 2024). Especially in lake zones, hunting,gathering, and fishing could prove a long-term sustainable economic system prac-ticed independently or just supplemented by agriculture (Wieckowska-Lüth et  al.2021). Nevertheless, in the lowlands reached by the early expansion of farmers, evi-dence for close contact is sparse (Shennan 2018, pp. 82–85), which contrasts withthe Upper Vltava region. Here, the available data point to the separate co-existenceof Late Mesolithic hunter-gatherers and farmers, but it should be noted that manyattributes of mingling may remain hidden due to the scarcity of the archaeologicalrecord. Still, as both groups utilized the different ecological niches and resources ofthe region, their relationship was likely not competitive, and they might have estab-lished a sustainable modus vivendi, especially when the farming population in thearea declined after 5000 BC. Although  the proportion of non-local stone materi-als among hunter-gatherers was minor, these objects had to find their way into theirhands even after 5200 BC, when the down-the-line transport from distant outcropsto the Upper Vltava relied on the new farmer societies settled throughout central Europe. 

Mit solchen Studien werden also die späten Jäger und Sammler Mitteleuropas, die zur Ethnogenese zahlreicher mittel- und spätneolithischer Völker und Kulturen maßgeblich beigetragen haben, nach und nach besser faßbar. Man erkennt: Die Archäologen tasten sich langsam - weiterhin noch sehr langsam - Schritt für Schritt an die Thematik dieser in Randregionen fortlebenden Jäger-Sammler-Populationen heran.

Wir möchten allerdings meinen, daß die neuen mittel- und spätneolithischen Kulturen des böhmischen Raumes, die aus der Vermischung zwischen Bandkeramikern und Jägern und Sammlern entstanden, eher im Karpatenraum entstanden sind, wo es womöglich noch volkreichere Jäger-Sammler-Stämme gegeben haben könnte als an der Oberen Moldau und im Böhmerwald. Aber diesbezüglich gibt es noch viele weiße Flecken auf unserer Wissenslandkarte.

Böhmen ab 3.000 v. Ztr.

Zur Zeit der Ankunft der Indogermanen in Mitteleuropa ab 2.900 v. Ztr. gab es dort neben der ostmitteleuropäischen Kugelamphorenkultur und der nordeuropäischen Trichterbecherkultur noch zahlreiche weitere spätneolithische "Regional-Kulturen", in Böhmen insbesondere die Řivnáč-Kultur (2.900 bis 2.400 v. Ztr.) (Wiki), in Ostbayern und im heutigen deutschsprachigen Alpenraum bis nach Nordtirol hinein gab es die Chamer Kultur (3.500-2.400 v. Ztr.) (Wiki). 

Abb. 6: Die Ankunft der Indogermanen in Böhmen und Mitteleuropa - "SGR burials" = Schnurkeramiker/Glockenbecherleute (aus 2)

Hier auf dem Blog hatten wir darüber schon anhand der aufregenden archäogenetischen Böhmen-Studie aus dem Jahr 2021, auf die auch im ersten hier gebrachten Zitat insbesondere Bezug genommen war, festgehalten (Stg2021):

Die Forscher vermuten, daß Böhmen zur Zeit der Ankunft der Schnurkeramiker zeitgleich besiedelt wurde einerseits von Gruppen der Kugelamphoren-Kultur und anderseits von Menschen der Řivnáč-Kultur. Beide Gruppen unterschieden sich nicht nur kulturell, sondern auch genetisch voneinander. Als Ausnahme fand sich ein sequenziertes Individuum bestattet im Kontext von Řivnáč-Kultur, trug aber in sich die Genetik der Kugelamphoren-Kultur.

Über die Řivnáč-Kultur hatten wir aus der 2021-Böhmen-Studie unter anderem die Worte zitiert (Stg2021):

Sie trat hauptsächlich in Mittelböhmen auf, aber auch in Nordwestböhmen und vereinzelt auch in Ostböhmen. In West- und Südböhmen gab es eine mit Řivnáč zeitgenössische Chamer Kultur.

Die Indogermanen treten nun als Schnurkeramiker auf ab 2.880 v. Ztr. an der Oberen Elbe, ab 2.700 v. Ztr. an der Oberen Donau und ab 2.500 v. Ztr. in Mähren (Abb. 6). Darüber wird ausgeführt (1):

Die Regionen Süd- und Westböhmens liefern nur wenige Hinweise auf eine Besiedlung während des Großteils des 4. Jahrtausends v. Ztr., doch gegen dessen Ende nimmt die Zahl der Fundplätze deutlich zu (John 2021; Metlička 2015). Sie werden den Kulturen von Řivnáč und Cham zugeordnet.

Das hieße also: Die Řivnáč-Kultur hätte sich von Mittelböhmen aus nach Westen ausgebreitet und die Chamer Kultur hätte sich von Ostbayern aus nach Böhmen ausgebreitet. Und weiter (1):

Sie waren Teil eines umfassenderen mitteleuropäischen Horizonts des Spätneolithikums, der durch gemeinsame Keramikmerkmale - wie etwa aufgerauhte Oberflächen oder plastische Leisten - sowie durch Siedlungen mit Grubenhäusern ("semi-sunken houses") gekennzeichnet war; diese Siedlungen waren häufig befestigt und lagen an exponierten Stellen, meist auf felsigen Kuppen oder Geländespornen über Flüssen (z. B. Bogner 2017; Engelhardt 2002; Gohlisch & Reisch 2001; Medunová 1977; Zápotocký & Zápotocká 2008; Zuber 2019). Aus Westböhmen sind fast 80 solcher Fundplätze bekannt, aus Südböhmen etwa zehn (John 2010; 2021). Im Einklang mit dem allgemeinen zeitlichen Rahmen der Řivnáč- und Cham-Kulturen in Böhmen wurden sie zunächst in den Zeitraum 3200–2800/2700 v. Ztr. datiert (Zápotocký 2013). Erst durch Radiokarbondatierungen - bei denen häufig Makroreste von Kulturpflanzen untersucht wurden - konnte nachgewiesen werden, daß die Gemeinschaften in Süd- und Westböhmen diese Siedlungsplätze weiterhin bewohnten und die Keramiktradition bis mindestens 2400 v. Ztr. fortführten. Dies ist ein um etwa drei Jahrhunderte längerer Zeitraum als in den benachbarten Regionen Mittelböhmen, Ostbayern und Mähren (Vondrovský et al., im Druck). Das Fortbestehen der Traditionen von Höhensiedlungen ging mit einer nur geringfügigen Integration neuer materieller Elemente einher - vor allem Schaftlochäxte und schnurverzierte Becher -, die im frühen 3. Jahrtausend v. Ztr. vorwiegend in Einzelgrabfeldern in ganz Mitteleuropa aufkamen.

Und zwar eben von Seiten des indogermanischen „Schnurkeramik-Volkes“. 

Die Frankenalp ab 3000 v. Ztr.

Wir lesen weiter (1):

Manche Gruppen nahmen diese Neuerungen nur zögerlich an oder lehnten sie weitgehend ab. In Süd- und Westböhmen fehlen nennenswerte Belege für dieses materielle Repertoire und für Einzelgräber, obwohl entsprechende Gräberfelder in den nordwestlichen und zentralen Gebieten Böhmens bereits ab 2900 v. Ztr. nachweisbar sind (Dobeš et al. 2021). Aus kulturhistorischer Sicht galten Süd- und Westböhmen während der Zeit der Schnurkeramik somit als weitgehend unbesiedelt (Menšík 2017). Die materiellen Hinterlassenschaften der Schnurkeramik sowie der späteren Glockenbecherkultur beschränken sich in diesen Regionen auf wenige isolierte Keramikfragmente und Streufunde von Streitäxten (John 2021; Metlička et al. 2007). (...) Ein Fall ist aufschlußreich: Ein typischer Streitaxtkopf von der Höhensiedlung Stupno-Břasy deutet darauf hin, daß den westböhmischen Höhensiedlungsgemeinschaften die neuen materiellen Ausdrucksformen, wie sie auf Gräberfeldern der Nachbarregionen auftraten, durchaus bekannt waren.
Vom späten 4. bis zum frühen 3. Jahrtausend v. Ztr. nahm auch im Gebiet der nördlichen Frankenalb (Bayern) die Intensität der Besiedlung und Landnutzung zu (Fuchs et al. 2011; Kothieringer et al. 2023; Pechtl 2024). Spätneolithische Kulturgruppen (Bernburg - Burgerroth - Cham - Goldberg III - Wartberg) bestanden hier bis weit in das 3. Jahrtausend hinein fort (Übersicht bei Nadler 2023, 912-25). So erbrachten beispielsweise Ausgrabungen in Voitmannsdorf-Stroholz eine Höhensiedlung mit einem charakteristischen Keramik- und Steinartefaktinventar, das keine eindeutigen Elemente der Schnurkeramik aufwies - und dies, obwohl eine Radiokarbondatierung an einem Tierknochen eine Besiedlung bis mindestens 2600-2300 v. Ztr. belegte (Dürr et al. 2004). Zu diesem Zeitpunkt waren die Erscheinungsformen der Schnurkeramik (insbesondere durch charakteristische Bestattungen) im benachbarten Flachland bereits fest etabliert (Seregély 2008; Ullrich 2008; Vondrovský et al. i. Vorb.), und im Nordwesten Bayerns traten um 2550 v. Ztr. erste Inventare der Glockenbecherkultur auf (Ullrich 2008). In dieser Zeit setzten die Gemeinschaften im Norden der Fränkischen Alb zudem die lokale Tradition der Höhlenbestattungen fort, die bis in das Mesolithikum und das frühe Neolithikum zurückreicht (Richter 2023, 669–72; Seregély 2012). In der Kirschbaumhöhle wurden im Zeitraum von 2900 bis 2600 v. Ztr. menschliche Körper niedergelegt (Seregély et al. 2015).
Andere Fundplätze zeugen jedoch von einer gewissen Integration von Objekten und materiellen Ausdrucksformen der Schnurkeramik-Kultur. Diese wurden in der Fränkischen Alb vereinzelt in eher ungewöhnlichen Kontexten dokumentiert, etwa an Felsüberhängen und an markanten Felsformationen (Falkenstein 2012). Eine faszinierende Mischung kultureller Elemente zeigt sich in Wattendorf-Motzenstein, einer zwischen 2630 und 2470 v. Ztr. besiedelten Fundstelle. Obwohl der Platz als Beispiel für eine Siedlung der Schnurkeramik-Kultur angeführt wird (Müller & Seregély 2008; Seregély 2008), weist er wesentliche Merkmale des späten Neolithikums auf: eine Höhenlage sowie Grubenhäuser. Elemente der Schnurkeramik manifestierten sich dennoch in der Keramik, sowohl in Hinsicht auf ihren Stil als auch in Hinsicht auf ihre Herstellungstechnik. In dieser Hinsicht weist die Fränkische Alb Parallelen zu einigen Fundorten entlang der Westgrenze der Verbreitung der Schnurkeramik im Alpenvorland auf, wo schnurverzierte Keramik in die Traditionen der dortigen Seeufersiedler integriert wurde (Suter 2017). Es ist jedoch darauf hinzuweisen, daß eine chronologische Überschneidung von Fundkomplexen des Spätneolithikums und der Schnurkeramik für Süddeutschland allgemein anerkannt ist (Dunne et al. 2023; Furholt 2003) und eine vergleichbare Vermischung gut belegt ist für Burgerroth, etwa 80 km südwestlich der Fränkischen Alb - eine befestigte Höhensiedlung, die bis ins 26. Jahrhundert besiedelt war (zuletzt Link 2025). Die Fränkische Alb ist somit am besten als räumlich spezifisches Beispiel für Prozesse zu verstehen, die sich im 3. Jahrtausend in einem größeren Gebiet der deutschen Mittelgebirge abspielten (Drummer 2025).

Am Hohlen Stein bei Bad Staffelstein wurden ja auch Schnurkeramiker zusammen mit Wildpferden bestattet, und zwar auch eher in einer abgelegenen Höhenlage (s. Stg2021).

Insgesamt wird ein vergleichsweise vielfältiges kulturelles Nebeneinander deutlich sowohl im Frühneolithikum wie auch im Spätneolithikum in Mitteleuropa. Menschen und Kulturen sehr unterschiedlicher genetischer und kultureller Herkunft trafen aufeinander und lebten Jahrzehnte und Jahrhunderte nebeneinander her.

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  1. Václav Vondrovský: Not just a Single Story: Conceptualising the Diversity of Neolithic Lifeways in Central Europe. Proceedings of the Prehistoric Society (2026), Juni 2026, 1–15 (Resg26
  2. Rethinking Key Transformations in the Neolithic and Bronze Age Central Europe: A Radiocarbon Modeling Approach. Václav Vondrovský, Václav Hrnčíř, Daniel Hlásek ... Michaela Ptáková. Journal of Archaeological Research 34(2):1-58, December 2025 (Resg25)
  3. Evolutionary dynamics of the Timopheevii wheat lineage. Laxman Adhikari, Emile Cavalet-Giorsa, Michael Abrouk, Dal-Hoe Koo, Samara Correia de Lemos, Thomas Lux, Georg Haberer, Vitaly Portnoy, Adil Salhi, Xin Gao, Péter Mikó, István Molnár, Nathalie Rodde, John Raupp, Hakan Özkan, Manuel Spannagl, Nadia Kamal, Assaf Distelfeld, Jesse Poland, Simon Krattinger. bioRxiv 2026.07.20.739399; doi: https://doi.org/10.64898/2026.07.20.739399 (bioRxiv2026)

Sonntag, 24. Mai 2026

Die ersten Ackerbauern - Sie brachten den heutigen hohen IQ nach Europa

Die "allgegenwärtige" gerichtete Selektion in den Völkern Westeurasiens hinsichtlich ihrer angeborenen Eigenschaften und Begabungen  

Der Archäogenetiker David Reich nennt die neueste Studie, die er zusammen mit Mitarbeitern heraus gebracht hat (1) die bedeutendste, an der er im letzten Jahrzehnt beteiligt gewesen ist (ScienceMag). 

Abb. 1: Die Veränderungen des "polygenic Score" für Intelligenz in den letzten 10.000 Jahren in Westeurasien - grün = Jäger und Sammler, orange = anatolisch-neolithische Bauern, lila = indogermanische Steppengenetik (nach 1, aus 2)  

Seine Studie handelt von denselben Themen und bringt ähnliche Ergebnisse wie sie akademische "Abweichler" wie der Italiener Davide Piffer und der Däne Emil Kirkegaard schon 2024 publiziert hatten (Stg26). Wir selbst hatten damals einen Blogartikel über die Ergebnisse ihrer Studie verfaßt, zögerten aber bis heute mit seiner Veröffentlichung. Erst nachdem nun dieselben Erkenntnisse auch von einem so angesehenen "Mainstream-Wissenschaftler" wie David Reich veröffentlicht werden, glauben wir die Sicherheit zu besitzen, daß Piffer und Kirkegaard ebenfalls schon solide gearbeitet hatten. Die Erkenntnisse der beiden waren uns aber vor zwei Jahren ein wenig zu kraß erschienen, als daß wir allein auf der Grundlage ihrer Studie schon unser Weltbild ändern wollten (Stg26). Jetzt aber sind wir dazu bereit, bzw. müssen wir dazu bereit sein.

David Reich tut allerdings jetzt so, als wären er und seine Mitarbeiter die ersten, die auf diese Ergebnisse gekommen wären. Ganz offensichtlich unterschlägt er bewußt die Veröffentlichungen von Piffer und Kirkegaard, die er in seiner Studie nicht zitiert (1). Piffer hat darüber bei "Nature" Beschwerde eingelegt, der Reich-Mitarbeiter Iosif Lazaridis hat ihm gegenüber auf Twitter versucht, vermittelnde Worte zu finden, konnte aber nicht wirklich überzeugen damit.*)

Polygenic Score und Archäogenetik

In beiden Studien geht es darum, die Methoden und Erkenntnisse rund um die Erforschung der "polygenic scores" an heutigen Menschen auf die archäogenetisch gewonnenen Genome anzuwenden. Die Thematik der "polygenic scores" wurde durch ein Buch von Robert Plomin im Jahr 2018 öffentlich bekannt (Stg2018): Die meisten angeborenen Eigenschaften und Begabungen des Menschen werden "polygenetisch" vererbt, daß heißt, sie sind an vielen hunderten, tausenden oder zehntausenden, für sich genommen "Small-Effect-Genen" im Genom verschaltet und man kann deshalb angeborene Eigenschaften und Begabungen des Menschen erst dann aus dem Genom auslesen, wenn dieser Umstand berücksichtigt wird und dafür riesengroße Datensätze analysiert werden. Die Analyse so großer Datensätze ist erst durch die gesteigerten Computer-Leistungen möglich geworden, die inzwischen erreicht worden sind.

Die US-amerikanische Psychologin Kathryn Paige Harden hat dann noch einen drauf gesetzt und 2021 in ihrem Buch versucht, die Bedeutung der neuen Erkenntnisse für Schule und Erziehung einzuordnen (Wiki). Denn mit dem polygenic score ist jetzt grundsätzlich schon ab Geburt eines Kindes voraussagbar, welchen Schulabschluß es erwerben wird und in welcher Einkommensklasse es beruflich höchstwahrscheinlich unterwegs sein wird. Unter diesem Aspekt stellt sich die Frage, welche Aufgabe dann eigentlich die Schule noch hat. 

Aber nun zurück zu David Reich. Wenn man ohne gar zu viel Vorbereitung hinein schaut in die neue Studie von David Reich oder wenn man Berichterstattung über sie liest, kommt einem das alles ein bisschen zu abstrakt vor und es wird einem nicht so leicht augenfällig, eingängig und klar, warum gerade diese Studie so bedeutend sein soll und wo überhaupt ihre wesentlichsten Erkenntnisse liegen. Man hat den Eindruck, hier würde über eine wissenschaftliche Fachsprache insgesamt mehr vernebelt als geklärt, zumindest für Leute, die nicht unmittelbar "vom Fach" sind.

Aber in dem in den vorliegenden Blogartikel eingebundenen, ausführlichen Interview, das vor zwei Wochen veröffentlicht wurde (2), erläutert David Reich seine Studie sehr gut nachvollziehbar. Die Studie ist betitelt (1):

"Die Archäogenetik deckt für das gesamte westliche Eurasien allgegenwärtige, gerichtete Selektion auf"
("Ancient DNA reveals pervasive directional selection across West Eurasia")

Westliches Eurasien deshalb, weil bislang nur für diesen Erdteil ausreichende archäogenetische Daten verfügbar sind (10.000 bis 16.000 Genome aus der Nacheiszeit, dem Neolithikum, der Bronzezeit und der Eisenzeit). "Gerichtet" heißt hier: "nicht zufällig", kein zufälliges "Driften" von angeborenen Eigenschaften. Damit ist gemeint: Bestimmte angeborene Eigenschaften weisen im zeitlichen Verlauf in ihrer Häufigkeit und Verbreitung eine "Richtung" auf, sozusagen eine "zielgerichtete" Entwicklung: Am Anfang sind im westlichen Eurasien die meisten Menschen dunkelhäutig, am Ende hellhäutig(er) (Abb. 2). Am Anfang haben sie eine niedrigere angeborene Intelligenz, am Ende eine höhere (Abb. 1). Hier hat sich also eine "gerichtete" Entwicklung vollzogen dadurch, daß hellhäutige und intelligente Menschen mehr Nachkommen hatten als dunkelhäutige ("Selektion"). Und genau so sind wir heutigen Europäer entstanden. Und nun ist im Titel außerdem noch von "allgegenwärtig" die Rede. Damit ist gemeint: Signale von solcher gerichteten Selektion sind "allgegenwärtig" in den menschlichen Genomen in dem untersuchten Erdteil und in allen darin untersuchten Zeiträumen (Nacheiszeit, Neolithikum, Bronzezeit, Eisenzeit und heute). Damit ist gemeint: Hautfarbe und Intelligenz sind bei weitem nicht die einzigen angeborenen Eigenschaften, die in diesem Erdteil und in diesen Zeiträumen "gerichtete Selektion" erfahren haben.

Abb. 2: Die Veränderungen des "polygenic Score" für Hautfarbe in den letzten 10.000 Jahren in Westeurasien - grün = Jäger und Sammler, orange = anatolisch-neolithische Bauern, lila = indogermanische Steppengenetik (nach 1, aus 2)

Dieser Blog hat einen großen Teil der archäogenetischen Erkenntnisse, die auf diesem Blog seit etwa 2018 referiert werden, dadurch verstanden, daß wir uns einfach Vorträge oder Interview's von David Reich gründlich angeschaut haben, ggfs. auch zu wiederholten Malen. (Ebenso vergleichbare Beiträge von Johannes Krause und vereinzelt auch von anderen.) Wir finden, insbesondere David Reich spricht ein klares, gut verständliches Englisch und er kann hinreißend gut, klar und verständlich erklären. Außerdem ist er durchweg begeistert. Womit er zusätzlich sehr viel Anteilnahme weckt. So auch in diesem Video.

David Reich - Die Nützlichkeit von Vorträgen und Interviews seinerseits

Das Thema erfordert allerdings schon allerhand Konzentration, um alles zu verstehen. Und da so schnell gesprochen wird in diesem Video, ist es hilfreich, die englischsprachigen (oder deutschsprachigen) Untertitel anzustellen, um mitlesen zu können. Für uns stellt sich aber als noch hilfreicher heraus, sich nach ersten Eindrücken dem Video über das Transkript anzunähern, das verfügbar ist, und das man automatisch auf Deutsch übersetzen lassen kann. Mit diesem arbeiten wir im folgenden zumeist (Transkript).

Es wird beim Zusehen in diesem Video und beim Lesen des Transkripts aber schnell klar, daß das, was David Reich hier als "wissenschaftliche Revolution" des Jahres 2026 hinstellt, auch von Seiten des Verfassers dieser Zeilen schon seit 2005 behandelt wird, etwa unter Stichworten wie "jüngste Humanevolution" oder "jüngstselektierte Gene" oder "lokale Humanevolution" (3). Schon 2003 etwa war das Wort aufgekommen von "Lewontin's Fallacy", nämlich von dem Fehlschluß (andere nennen es einen bewußten, wissenschaftlichen Betrug), zu sagen daß die genetischen Unterschiede zwischen Völkern gering wären im Vergleich zu den genetischen Unterschieden zwischen einzelnen Menschen.

Neu ist das ganze Thema also nicht.

Als Zeugnis dafür, daß das Thema nicht neu ist, mag auch unser Buchprojekt "10.000 Jahre Humanevolution" gelten, das wir 2007 im Entwurf und mit ausführlichem Literaturverzeichnis veröffentlicht haben (3). Liest man insbesondere englischsprachige Kommentare auf Twitter oder anderwärts zu der neuen Studie von David Reich, ist das auch viele anderen wissenschaftsnahen Menschen bewußt. Dieser Umstand hat sich längst herum gesprochen. In unserem Buchmanuskript konnten wir zahllose namhafte Autoren benennen, die seit dem Jahr 2000 über diesen Paradigmenwechsel sprachen.

Um den Grundgedanken unseres damaligen Buchprojektes noch einmal heraus zu stellen: Ausgangspunkt war, daß zum Beispiel Konrad Lorenz immer davon gesprochen hatte, wir seien "Steinzeit-Menschen, die Düsenjäger fliegen" (oder "Mammutjäger in der Metro" - oder ähnliche Metaphern). Dabei war die Wissenschaftler-Generation von Konrad Lorenz noch davon ausgegangen, daß es kaum oder wenig Evolution seit der Steinzeit gegeben hätte. Man wußte es damals eben auch gar nicht besser.

David Reich tut in seinem Interview so, als wäre davon auch noch seine Wissenschaftlergeneration ausgegangen. Da gibt er sich gewiß ahnungsloser als er war und ist. Die Erkenntnisse, von denen ich in meinem Buchprojekt 2007 spreche, und die bis dahin breit in der Wissenschaft und Öffentlichkeit behandelt worden waren (siehe dortiges Literaturverzeichnis) (3), wurden nur immer und immer wieder "klein geredet", da man den Menschen aus ideologischen Gründen möglichst als "unbeschriebenes Blatt" charakterisieren wollte, und da man von unterschiedlicher "gerichteter Evolution" von angeborenen Eigenschaften in unterschiedlichen Erdteilen und Völkern schon einmal gar nichts wissen wollte. Warum sonst auch gelten so sauber arbeitende Wissenschaftler wie Piffer und Kirkegaard als "Abweichler"? Jetzt erfahren wir aber durch David Reich: Die Mainstream-Wissenschaft kommt auf keine anderen Ergebnisse als sie in diesem Sinne seit etwa dem Jahr 2000 und dem Jahr 2018 immer schon behandelt worden waren.

Über diesen Umstand geht David Reich also "husch husch" hinweg und gibt sich völlig naiv. Diese Naivität nehmen wir ihm nicht wirklich ab. Aber wir sind ihm deshalb nicht gar zu böse. Wir lernen grade wieder so viel Neues, daß wir dieser angeblichen "Naivität" gar keine so große Beachtung schenken wollen. Gott ja, es gibt Schlimmeres!, möchte man ausrufen. Wir sind ja wirklich schon allerhand gewohnt. Johannes Krause zum Beispiel hat bezüglich solcher Dinge über viele Jahre hinweg eine solche Naivität an den Tag gelegt, daß man sie ihm sogar abnehmen mußte als wirklich ehrlich gemeinte. Deshalb kleiner Tipp am Rande: Gib dich naiv, junger Akademiker, dann machst du am ehesten Karriere.

Seit der vollständige Sequenzierung des menschlichen Genoms im Jahr 2000 fand man also schon zunehmend mehr Hinweise dafür,

  1. daß die menschliche Intelligenz evoluierte und deshalb unterschiedlich auf Völker verteilt ist,
  2. daß die menschliche Verhaltensgenetik evoluierte und deshalb unterschiedlich auf Völker verteilt ist,
  3. daß die menschliche Verdauungsgenetik evoluierte und deshalb unterschiedlich auf Völker verteilt ist,
  4. daß die menschliche Immunabwehr evoluierte und unterschiedlich auf Völkerr verteilt ist ....

... und so weiter, und daß sich deshalb Völker weltweit in ihrem Spektrum angeborener Eigenschaften und Begabungen sehr deutlich unterscheiden. Der herzensgute Bestseller-Autor Steven Pinker, der sich so gut mit Jeffrey Epstein verstand im Rahmen von "The Edge" und anderwärts, nannte genau diese "Idee" ja im Jahr 2005 schon die "gefährlichste Idee der nächsten zehn Jahre", nämlich daß sich Völker hinsichtlich ihrer angeborenen Eigenschaften und Begabungen unterscheiden könnten (Edge). - Für wen eigentlich "gefährlich"?, möchte man im Nachhinein fragen. Für Bestrebungen eines Jeffrey Epstein und seiner Leute? Ach Gott, was fragen wir wieder naiv. .... Boah. Schnell weiter im Text ...

David Reich erzählt nun, daß die ersten archäogenetischen Studien, die diese genannte westeurasische Evolution zwischen Nacheiszeit und heute zu erfassen suchten auf der Ebene der Archäogenome, nur erstaunlich wenig Signale gefunden haben, die darauf hindeuteten, daß hinsichtlich bestimmter "polygenetischer Scores" (Eigenschaften, Begabungen) Evolution stattgefunden hätte. Der Grund dafür war, daß es noch nicht genügend sequenzierte Genome aus dem Neolithikum, der Bronze- und Eisenzeit gegeben hatte. Er nennt diesbezüglich eine Studie aus der Forschungsgruppe um Eske Willerslev (Stg19) und bezieht sich dabei auch auf andere Studien (Stg22).

Seither ist die Datengrundlage aber aufgrund der exponentiell steigenden Zahl sequenzierter, archäologisch gewonnener Genome viel umfangreicher geworden.

Die Bronzezeit - Ist sie wichtiger für die gerichtete Selektion als das Neolithikum?

Die meiste gerichtete Selektion in Westeurasien hat nach David Reich nun vermutlich nicht bei der Einführung des Ackerbaus stattgefunden, sondern in der Bronzezeit (so wird er gleich im Eingangssatz zum Interview angeführt). Die Bronzezeit (2) ...

"... war die Zeit, in der die Genfrequenzen für alles - von der Immunfunktion über das Körperfett bis hin zur Intelligenz - am stärksten schwankten,"

faßt der Interviewer zusammen. Und weiter (2):

"Im Laufe der letzten 10.000 Jahre hat die Selektion den genetischen Prädiktor für die kognitive Leistungsfähigkeit um etwa eine volle Standardabweichung erhöht - der größte Teil davon vor 4.000 bis 2.000 Jahren."

Hier ist von einer Standardabweichung die Rede. Das ist also eine Erhöhung der angeborenen Intelligenz von etwa 80 oder 85 (wie man sie in Afrika und bei schwarzafrikanischen US-Amerikanern findet) auf 95 oder 100 (wie man sie bei heutigen Europäern findet).

David Reich stellt es noch einmal heraus, daß die Archäogenetik zwar mit wenigen sequenzierten Menschenfunden schon unglaublich viel über den Ablauf der Völkergeschichte heraus bekommen konnte, daß diese wenigen Genome aber nicht ausreichten dafür festzustellen, in welchen Bereichen des Genoms angeborene Eigenschaften und Fähigkeiten sich im Verlauf der Geschichte in bestimmte Richtungen hin selektiert, bzw. entwickelt hatten.

Das liegt daran, daß man mit den Genen eines einzigen Menschen zwar zugleich die Gene eines ganzen Volkes vor Augen hat. Jeder Mensch trägt die Gene seines Volkes in sich. Wenn man also ein einzelnes Genom aus der Vergangenheit sequenziert, sequenziert man damit zugleich das Genom eines ganzen Volkes. David Reich drückt das - etwas zurückhaltender, verschleiernder - folgendermaßen aus (2):

Die DNA einer einzelnen Person liefert eine enorme Menge an Informationen über die Geschichte. Denn die DNA einer Person repräsentiert nicht nur eine einzelne Person, sondern viele. Sie enthält die DNA der Eltern, der vier Großeltern, der acht Urgroßeltern, der sechzehn Ururgroßeltern und so weiter. Geht man in der Zeit zurück, so tragen Tausende, Zehntausende, ja Hunderttausende von Vorfahren zu den heutigen Menschen bei.

Ja, er hätte es auch kürzer ausdrücken können: Wenn ich ein einzelnes Individuum an der Mittleren Wolga um 4.500 v. Ztr. sequenziere, sehe ich in seinem Genom zugleich sein ganzes Volk, das sich als solches von allen anderen Völkern derselben Zeit auf kennzeichnende Weise unterscheidet. Man kann deshalb schon mit vergleichbar wenigen Genomen aus verschiedenen Regionen und Zeit-Epochen vergleichsweise umfangreich und zugleich detailliert und in den meisten Fällen völlig überraschend die gesamte Völkergeschichte Eurasiens nachvollziehen. Und zwar in den meisten Fällen in einer Weise, wie sie niemand zuvor erwartet hatte oder niemand zuvor zumindest mit dieser abschließenden Sicherheit hätte behaupten können.

Wenn man aber nun schauen will, wie sich angeborene Eigenschaften und Fähigkeiten im Verlauf der Geschichte in bestimmte Richtungen hin selektierten, entwickelten (auf der Ebene von Individuen und Völkern), reichen solche vereinzelte, "repräsentative" "Stichproben" nicht mehr aus. Man braucht einen viel größeren Datensatz (2):

Um ein hochauflösendes Bild der Frequenzveränderungen im Zeitverlauf zu erhalten, benötigt man sehr große Stichproben, wirklich sehr viele Personen. Das stand uns bis vor wenigen Jahren nicht zur Verfügung. Die Motivation für die Studie, über die wir heute sprechen, und die Arbeit, die hoffentlich in den kommenden Jahren von mehreren Forschungsgruppen durchgeführt wird, liegt darin, daß wir nun endlich über diese Zahlen verfügen. Wir können die Daten analysieren, um die Frequenzveränderungen im Zeitverlauf zu untersuchen.

Gibt es keine genetischen Unterschiede zwischen Ostasien und Europa? 

Dann sagt David Reich wieder etwas so vergleichsweise Komisches (2):

Es gibt jedoch fast keine genetischen Veränderungen, deren Häufigkeit sich zwischen Europäern und Ostasiaten zu 100 % unterscheidet.

Diese Aussage ist ein sogenannter Non-Starter. Sie mag ja formal durchaus richtig sein, aber sie verwischt, bzw. macht dabei zugleich geradezu unsichtbar die wesentlichsten Tatbestände.*) Mit 100 % ist die Latte sehr hoch gelegt. Sehr große angeborene Häufigkeitsunterschiede zwischen Ostasiaten und Europäern gibt es aber trotzdem. Man frage doch nur ChatGPT. Es zählt für uns die folgenden Beispiele auf:

Merkmal / GenvarianteOstasienEuropaBemerkung
ALDH2-Defizienzca. 25–45 %<1 %Ursache des häufigen „Asian Flush“
Schnelles ADH1B-Allel (Alkoholabbau)ca. 60–90 %ca. 5–20 %Beschleunigt Bildung von Acetaldehyd
Laktasepersistenzca. 5–20 %ca. 70–95 %Besonders hoch in Nordeuropa
EDAR-Variante V370Aca. 80–95 %<5 %Assoziiert mit dickem, glattem Haar
ABCC11-Polymorphismus (trockener Ohrenschmalz)ca. 80–95 %ca. 1–5 %Sehr klarer Populationsunterschied
Epikanthische Lidfaltehäufig, grob 50–90 %selten, meist <10 %Kein einzelnes „Gen“, sondern polygen
Sehr dichter Bartwuchs bei Männerneher seltendeutlich häufigerSchwer exakt zu quantifizieren
Helle Hautvarianten SLC24A5niedrig bis moderatoft >90 %Sehr stark in Europa verbreitet
Schaufelzähne („shovel incisors“)ca. 80–95 %ca. 10–20 %Häufig verwendetes anthropologisches Merkmal

So schnell kann man Aussagen von David Reich mit ChatGPT bloßstellen. Da wird also sehr schnell deutlich, daß die Aussage von David Reich die tatsächlichen Verhältnisse zum Teil kraß verwischt, und daß diese Aussage damit fast schon wieder eine Täuschung ist. Nein, nicht 100 % Unterschiede - aber 95 % Unterschiede gibt es in einigen angeborenen Eigenschaften, Genvarianten zwischen Europa und Asien durchaus!!!

Und das ist - wie gesagt - nicht erst seit heute bekannt, sondern Wissen darüber sammelt sich spätestens seit dem Jahr 2000 immer mehr an. Der geneigte Leser kann mit Hilfe der hier genannten Stichworte schnell die Dinge weiter verfolgen (zum Beispiel auf ChatGPT). ChatGPT benennt hier nur Körpermerkmale, aber bezüglich von psychischen Merkmalen könnten ebenfalls Beispiele angeführt werden. Eine für ADHS mitverantwortliche Variante, die in siebenfacher Wiederholung im Genom vorkommt, gibt es in China fast gar nicht, während sie in anderen Völkern eine sehr deutliche Häufigkeit hat. Ebenso hatten wir für das COMT-Sensibilitäts-Gen hier auf dem Blog schon vergleichsweise hohe Häufigkeitsunterschiede zwischen Völkern erörtert (Stg2019). Und damit kann sehr schnell abgeleitet werden, daß wesentliche kulturelle Merkmale und Begabungsprofile von Völkern in Europa und Ostasien sich auch aufgrund solcher Häufigkeitsunterschiede so markant voneinander unterscheiden. Deshalb stimmt es auch nicht, wenn David Reich sagt (2): 

Die seit 40.000 oder 50.000 Jahren vergangene Zeit ist auf einer evolutionären Zeitskala so kurz, daß es im Durchschnitt nur geringe genetische Unterschiede zwischen diesen beiden Gruppen gibt.

Aber im nächsten Satz widerspricht er der eben getätigten Äußerung sowieso gleich wieder (2):

Wenn jedoch natürliche Selektion stattgefunden hat, beispielsweise um Menschen an einem bestimmten Ort zu helfen, Alkohol oder Milch besser zu verdauen, könnte man erwarten, daß eine Mutation extrem häufig auftritt.

Es ist nicht nur zu erwarten, sondern längst bekannt, lieber Herr Reich.

Beispiele: Tuberkulose, Hämochromatose, pflanzlich dominierte Ernährung ...

Es werden dann Beispiele durchgegangen. Immun-Gene weisen die höchsten Selektions-Hinweise auf. Eine Genvariante, die im Zusammenhang mit Tuberkulose steht, wird behandelt. Diese Gen-Variante war 1000 v. Ztr. am häufigsten in Europa verbreitet und ist danach in ihrer Häufigkeit bis heute wieder sehr deutlich zurück gegangen. Die genauen Gründe dafür sind bislang noch nicht bekannt. Vielleicht war es eine andere Krankheit, so meint der Interviewer, der gegenüber diese Genvariante einen Überlebensvorteil bot. Reich will das nicht ausschließen als Möglichkeit. Reich:

Die TYK2-Variante, die mit einem erhöhten Tuberkulose-Risiko und einem erhöhten Risiko für Multiple Sklerose einhergeht, nahm vor der Bronzezeit deutlich zu und kehrte sich dann vor 2.000 bis 3.000 Jahren um. In Nordeuropa ist dieser Prozeß extrem stark ausgeprägt, mit sehr starker positiver und negativer Selektion. In Südeuropa hingegen ist er nur geringfügig und die negative Selektion nicht sehr stark. Auch die Hämochromatose, eine pathogene Eisenablagerung, die in Europa Probleme verursacht, hat sich um diesen Zeitraum herum umgekehrt.

Beiden typisch nordeuropäischen Erbkrankheiten habe ich schon in meinem Buch-Entwurf von 2007 Kapitel gewidmet (3). Durch diese neuen Ergebnisse kann man sich nun neue Gedanken machen, warum diese Erbkrankheiten in Nordeuropa noch heute so auffallend häufig sind. Es werden auch Hinweise gefunden für einen vermehrten Verzehr von pflanzlichen Nahrungsmitteln gegenüber fleischbasierter Nahrung. Der Interviewer fragt (2):

FADS1, das dabei hilft, pflanzliche Fettsäuren in langkettige Fettsäuren umzuwandeln, die der Körper benötigt: Das ist natürlich wichtig, wenn man von einer fleischbasierten Ernährung als Jäger und Sammler zu einer getreidebasierten Ernährung übergeht. Das ist auch ein Aspekt, den Sie, glaube ich, vor 5.000 bis 3.000 Jahren als besonders selektionsbedürftig identifiziert haben. Was ist also der Grund dafür? Warum ist die Bronzezeit in Bezug auf all diese verschiedenen Merkmale, die Sie beobachten, so besonders?

Reich antwortet (2):

Diese FADS1/2-Variante ist also eine Anpassung an Vegetarier bzw. Fleischesser. Bereits in früheren Arbeiten hatte Ian Mathieson, mit dem ich 2015 zusammengearbeitet habe, diese Variante als stark selektiert identifiziert. Sie ist tatsächlich uralt. Man findet Kopien davon auch bei archaischen Menschen.

Die Völker weltweit unterscheiden sich schon seit vielen Jahrzehntausenden darin, ob sie vorwiegend pflanzliche oder tierliche Nahrung zu sich nehmen. Für beide Möglichkeiten müssen im Genom Anpassungsmöglichkeiten vorliegen. David Reich sagt allgemein über die genetischen Veränderungen während der Bronzezeit in Europa im Vergleich zu denen während des Übergangs zum Ackerbau (2):

Diese Beobachtung, daß es sich um einen Wendepunkt handelt, verrät uns etwas darüber, wann die Menschen, zumindest in diesem Teil der Welt, gezwungen waren, eine Lebensweise einzuschlagen, die sich so stark von der ihrer Vorfahren als Jäger und Sammler unterschied, daß sich der Organismus enorm anpassen mußte. Möglicherweise war der Grad dieser Umstellung beim Übergang in die Bronzezeit qualitativ größer als derjenige, der beim anfänglichen Übergang zum Ackerbau stattfand. Das ist überraschend, denn unser vereinfachtes Bild läßt uns annehmen, daß der große Wandel im Ackerbau liegt. Doch die biologischen Daten zeigen, daß unser Genom viel stärker auf diese Ereignisse reagiert, die vor 5.000 Jahren stattfanden.

So völlig durchgängig kann ich ihm diese Aussage nicht abnehmen. Schließlich zeigen seine Daten, daß schon die Bandkeramiker einen IQ hatten wie wir heute. Da ist also das Wichtigste durchaus schon beim Übergang zum Ackerbau passiert, nicht erst in der Bronzezeit. Freilich, durch die mittelneolithische Vermischung mit den Restbevölkerungen von Jägern und Sammlern in Europa und durch die spätneolithische Vermischung mit indogermanischer Steppengenetik war der IQ offenbar zunächst noch einmal wieder bis etwa 2000 v. Ztr. gesunken, um dann in der Spätbronzezeit fast wieder heutige Werte zu erreichen, um danach aber wieder abzusinken (s. Abb. 1). Nun gut.

Beispiel Pigmentierung

Reich weiter (2):

Nehmen wir zum Beispiel die Pigmentierung, die in unseren Daten das stärkste Indiz für Selektion eines komplexen Merkmals ist. Man betrachtet genetische Mutationen, die bekanntermaßen die Pigmentierung beeinflussen. Addiert man ihre Wirkung über die gesamte DNA - es sind Dutzende oder Hunderte -, so findet man heraus, wann die natürliche Selektion am stärksten war. Dieser Zeitraum liegt tatsächlich vor 2.000 bis 4.000 Jahren. 

Ja, die Evolution der hellen Hautfarbe verlief offenbar stetiger als die Evolution des IQ in der europäischen Völkergeschichte (Abb. 2).

Beispiel Intelligenz

Reich weiter (2):

Die Daten zeigen deutlich, daß die Auswirkungen der Migration enorm sind. Betrachtet man beispielsweise die Entwicklung kognitiver Leistungsfähigkeit – die Ergebnisse von Intelligenztests bei weißen Briten heute – und vergleicht sie mit den entsprechenden Prädiktoren bei Menschen in der Antike, so liegt der Schätzwert für die Jäger und Sammler Europas drei Standardabweichungen unter dem heutigen Durchschnitt. Das ist ein gewaltiger Unterschied.

Oben war noch von einer Standardabweichung die Rede, jetzt wird sogar von drei Standardabweichungen gesprochen. Wenn es also heute bei Europäern einen IQ von 100 gibt ebenso wie bei den ersten Ackerbauern Europas, den Bandkeramikern, dann hätte es bei den europäischen Jägern und Sammlern vor dem Neolithikum einen IQ von 55 gegeben. Das entspricht dem IQ der Buschleute in Südafrika von heute und ist noch niedriger als der IQ der Bantu-Völker in Afrika. Das können wir auf den ersten Blick so nicht für glaubhaft halten. Hat sich Reich hier versprochen? Auch Piffer und Kirkegaard hatten 2024 nur eine Stanardabweichung Unterschied festgestellt, nicht drei. Reich weiter über die europäische IQ-Evolution (2):

Dann sieht man einen gewaltigen Sprung zu den Bauern, deren Werte im Mittel bei null liegen. Das ist Migration. Man sieht, daß diese beiden Gruppen unterschiedliche Ausgangswerte für diese Merkmale hatten. Die Steppenhirten haben einen niedrigeren Ausgangswert.

Also die Bandkeramiker hatten schon einen IQ von 100 so wie wir heute. Wie kraß. Und die Jamnaja, die Indogermanen der zweiten Ausbreitungswelle ab 3.300 v. Ztr. hatten einen IQ von 85. Also so hoch wie die heutigen Afroamerikaner in den USA. Das kommt uns ebenfalls sehr kraß unterschiedlich vor. Reich weiter (2):

Man beobachtet im Laufe der Zeit enorme Schwankungen im Prädiktor dieses Merkmals. Das beweist keine Selektion, sondern lediglich Migration. Unser Test zeigt aber Folgendes: Gibt es neben diesen migrationsbedingten Schwankungen einen konsistenten Effekt der natürlichen Selektion, der das Merkmal über alle Orte und Zeiten hinweg in dieselbe Richtung beeinflußt? Genau das untersuchen wir.

So ganz wie nebenbei tritt hier zu Tage, welche krassen angeborenen Intelligenz-Unterschiede es zwischen Völkern schon im Neolithikum und in der Bronzezeit gegeben hat. Solche angeborenen Intelligenz-Unterschiede zwischen Völkern gibt es heute immer noch und sie waren unter anderem Gegenstand der Sarrazin-Debatte des Jahres 2010. 

Der Interviewer stellt dann sehr uninformierte Vermutungen über die Evolution des IQ in den Raum. Diese übergehen wir hier. Beide geben sich in ihren "Vorannahmen" zu all diesen Themen rührend naiv. So als hätte es - zum Beispiel - die "Bell Curve"-Debatte des Jahres 1994 (Wiki) nie gegeben, in der es ebenfalls um die angeborenen Intelligenzunterschiede zwischen heutigen Völkern und Abstammungsgruppen ging. Der Interviewer ist völlig fachfremd. Dem nehme ich diese Naivität ab. Bei David Reich scheint sie mir ein wenig gar zu deutlich durchgestylt zu sein, nämlich: um nicht gleich die volle Breitseite des akademischen Gegenwindes auf sich zu ziehen. Offenbar denkt er sich, die neuen Erkenntnisse könnten sich in die Wissenschaft geradezu unbemerkt einschleichen. Aber all das soll aktuell für uns nicht im Vordergrund stehen, wir wollen ihm das hier nicht gar zu sehr anrechnen, denn aktuell ist so viel anderes so viel wichtiger. Es gilt, erst einmal den neuen Forschungsstand nachzuvollziehen und dem bisherigen Wissen zuzuordnen.

Auch wie David Reich die IQ-, bzw. Educational Attainment- (EA-)Voraussage sonst einordnet, scheint uns keineswegs dem Stand der heutigen Intelligenz-Forschung zu entsprechen. Da der IQ mit so vielen anderen Merkmalen des Lebensverlaufs korreliert, meint er, ihm könnte auch ein anderer Faktor als der IQ selbst zugrunde liegen, etwa die Fähigkeit zum Belohnungsaufschub. Es sei das hier nur erwähnt. Wir glauben viel eher, daß höherer IQ auch Belohungsaufschub erleichtert. Aber all das ist für uns hier gar nicht das Thema.

Sehr spannend ist der Hinweis, daß die IQ-Evolution in China und Europa auf denselben polygenetic Score's zu beruhen scheint, so sagt Reich. Das darf man sicherlich als bemerkenswert empfinden. Denn es hätte ja auch sein können, daß die ostasiatische Intelligenz noch eine sozusagen "ganz andere" ist als die europäische. Aber nein, sie folgt offenbar denselben genetischen Verschaltungen. Das, was sich zwischen Europa und Ostasien unterscheidet, sind eher angeborene und muttersprachlich geprägte Neigungen hinsichtlich Individualismus versus Kollektivisimus oder hinsichtlich Veränderungsfreude oder Beharrungsfreude (hinsichtlich: erfinden oder kopieren) und so weiter. Und natürlich weisen die Ostasiaten einen um 5 IQ-Punkte höheren IQ auf als die Europäer. Womöglich wird man dennoch sagen können und müssen, daß es sich bei der IQ-Evolution in Ostasien und Europa um konvergente Evolution handelt.***)

War Intelligenz ein gesellschaftlicher Wert? Im Neolithikum? In der Bronzezeit?

Reich meint, in der "Ilias" oder im "Alten Testament", die in Zeiten entstanden, als der IQ am höchsten war, hätte Intelligenz als Wert keine Rolle gespielt, viel eher hätten Schönheit eine Rolle gespielt oder andere Werte. Wir sehen hier eine Inkonsistenz in der Argumentation. Schon die Bandkeramiker hatten einen vergleichbar hohen IQ. Wie soll der denn dann zustande gekommen sein? Ist nicht schlicht der Grad der gesellschaftlichen Arbeitsteilung, der schon bei den Bandkeramikern sehr hoch gewesen sein wird, ein ausschlaggebender Faktor? Den Befund, daß die (Spät-)Bronzezeit so wesentlich für die europäische IQ-Evolution gewesen sei, hatten wir zuvor für uns selbst während der Lektüre schon folgendermaßen eingeordnet: 

In der Bronzezeit gab es erste "Währungen" (Ösenhalsringe und anderes), es mußte also gezählt und gerechnet werden. Es gab spezialisiertes Handwerk. Bronze-Schmiede stellten Bronze-Waffen her, sie stellten Bronze-Schmuck her, bronzene Musikinstrumente. Überhaupt gab es einen Musikinstrumenten-Bau. Es gab ein Töpferhandwerk. Es gab Nah- und Fernhandel mit Rindern, Schweinen, Getreide, Gemüse, Obst, Fischen. Es gab Fischer, es gab Jäger. Die Kochkunst verfeinerte sich. Importwaren wurden über hunderte von Kilometern transportiert. Es gab spezialisierte Handwerker in der Textilherstellung. Es gab spezialisierte Handwerker in der Herstellung von Streitwagen und anderen Transportmitteln. Es gab Goldschmiede, die die steilen, hohen Goldhüte herstellten. Der Ackerbau wurde verbessert. Der höchste Gott der Kelten war noch in römischer Zeit der Gott Merkur, der Gott des Handels, des Handwerks und der Kunstfertigkeit. Das berichtet noch Cäsar von ihnen (Stg26). Von Sängern wurden lange Dichtungen vorgetragen, vergleichbar der Ilias des Homer - die längsten Zeiträume ganz ohne Verschriftlichung. Zuhören war heilig bei den Kelten und in vielen anderen vorgeschichtlichen Völkern (Stg24). Aufmerksames Zuhören und Merken (Kurz- und Langzeitgedächtnis) fällt ja vermutlich um so leichter, um so intelligenter man ist. Wir sehen insbesondere in der Spätbronzezeit ein intensives Bevölkerungswachstum nicht nur in Griechenland, sondern wir sehen "Terrassierungen" in ganz Mitteleuropa bis hinauf nach England. All solche Vorgänge werden bezüglich der IQ-Evolution zu berücksichtigen sein.

Die ganze Thematik, die der Interviewer mit Reich diskutiert, wird schon seit Jahrzehnten diskutiert. Vor diesem Hintergrund wirken die Erörterungen im Interview erneut eher naiv. Lange hatte man ja vermutet, daß die IQ-Evolution in China durch die konfuzianische Beamten-Elite voran getrieben worden sei. Sie erfolgte aber in allen Bevölkerungsschichten, insbesondere auf dem Land bei den Bauern, auch ganz ohne konfuzianische Gelehrsamkeit. Ebenso auch in Europa. Es müssen also deutlich allgemeinere Faktoren in Betracht gezogen werden. Für Europa in der Frühen Neuzeit gilt jedenfalls: Die reichsten Bauern haben immer die meisten Kinder gehabt. Das hat Eckart Voland in seiner Krummhörn-Studie festgestellt und das ist für viele andere Regionen Deutschlands und Europas ebenfalls festgestellt worden. Und genau über solche Mechanismen wird IQ-Evolution womöglich auch sonst zustande gekommen sein.

Und es ist zusätzlich zu sagen: Wohlstands-Unterschiede aufgrund höherer Intelligenz waren erst in solchen arbeitsteiligen Gesellschaften möglich, die solche Wohlstands-Unterschiede eben ermöglichten aufgrund ihrer arbeitsteiligen Differenzierung. 

Viele weitere Teile des Interviews erscheinen uns zu spekulativ, als daß sie hier von uns weiter behandelt werden müßten. Es wird etwa erörtert, daß sich vergleichbare gerichtete Selektion bei den Menschen, die vor 100.000 oder vor 50.000 Jahren in Afrika gelebt haben, nicht gegeben hätte. Aber sind denn die aktuell vorliegenden archäogenetischen Daten überhaupt ausreichend, um eine solche Behauptung aufstellen zu können? Wir glauben nicht. Und schließlich hat der Autor dieser Zeilen schon in seinem Buchentwurf von 2007 Gene genannt, die heute alle Menschen tragen, und die in dem genannten Zeitraum in Afrika erst entstanden sind. Also diese Erörterungen sind uns alle zu spekulativ und auch zu widersprüchlich und außerdem auch ein wenig zu naiv.

Stattdessen wird zum Beispiel gar nicht die so wesentliche Frage erörtert, wo denn der hohe IQ der europäischen Ackerbauern überhaupt herkommt und wie dieser evoluiert ist oder evolutiert sein könnte. Das wäre doch eine viel spannendere Frage. Aber dazu fehlen David Reich und ebenfalls dem Interviewer ausreichende wissenschaftliche Hintergrundinformationen aus fünfzig Jahren IQ-Forschung ebenso wie - etwa - aus fünfzig Jahren Forschung zum Präkeramikum und Keramikum im Fruchtbaren Halbmond und sodann zum Neolithikum in Anatolien, im Mittelmeerraum und in Mitteleuropa. Man könnte mutmaßen, daß schon die ersten Ackerbauern Anatoliens denselben IQ hatten wie die Bandkeramiker und daß dieser IQ während des vorhergehende Präkeramikums und Keramikums im Fruchtbaren Halbmond evoluiert ist. Ich könnte mir vorstellen, daß er schon im PPNB ("vorkeramische Neolithikum B") erreicht worden ist um etwa 7000 v. Ztr.. Diese Gesellschaft war damals jedenfalls durchaus schon ausreichend arbeitsteilig ausdifferenziert.

Mit diesem Blogartikel soll ein erster Einstieg in diese neue, spannende Thematik gegeben sein. Vielleicht müssen wir uns künftig den Forschungsartikel selbst (1) auch noch einmal gründlicher anschauen.

Ansonsten: Ergänzung, 29.5.26 - Jetzt ist es endlich so weit: Ein Jahresabonnement bei Davide Piffer ist von Seiten des Bloginhabers abgeschlossen (DavidePiffer). Denn der Mann ist unwahrscheinlich fleißig und testet ständig neue Theorien anhand archäogenetischer Daten. Da kommt man zwar kaum hinterher - aber man sollte es vermutlich!

Anhang

*) Piffer schrieb am 16. April, ein Tag nach der Veröffentlichung der Reich-Studie einen Beitrag, warum er die Vorgehensweise des Nichtzitierens seiner thematisch sehr weitgehend deckungsgleichen Vorstudie für wissenschaftlich unredlich hält (Piffer). Einen Tag später, am 17. April, zwei Tage nach der Veröffentlichung der Reich-Studie schrieb er auf Twitter (Tw):

Reichs Team tut jetzt so, als ob seine Veröffentlichung ein Paradigmenwechsel wäre, und als ob niemand zuvor solche Ergebnisse veröffentlicht habe (falsch). Reich hat sich auch meine Idee angeeignet, daß diese Ergebnisse der Standardansicht widersprechen würden, nach der es über die letzten 100.000 Jahre keine Selektion gegeben habe, die ich hier kritisiert habe ...
Reich's team is now framing their publication as a paradigm shift, nobody had published such results before (wrong). Reich also appropriated my idea that these results challenge the standard view of no selection over 100K years, which I criticized here ...

... und er gibt dann den Hinweis auf einen Blogartikel vom Dezember 2025 (Piffer2025). Er spricht von Plagiat:

Die Ergebnisse, die sie in ihrem Plagiat darstellen, stammen allerdings größtenteils aus Fachzeitschriften, die mit Peer Review veröffentlichen.
The findings they plagiarized are mostly in peer reviewed journals though.

Piffer erhält für seine Aussage viel Zustimmung auf Twitter. Was ein Kommentator dort schreibt, ging uns genauso (Tw): 

Ich bin mir ziemlich sicher, daß ich bereits durch die Lektüre von Piffer wußte - lange bevor diese Studie erschien -, daß die anatolisch-neolithischen Bauern den höchsten Polygenic Score für Intelligenz aufwiesen. Die Griechen der ägäischen Bronzezeit wiesen einen hohen Anteil an anatolisch-neolithischer Bauernherkunft auf.
I’m pretty sure I knew the EEF had highest PGs for intelligence from reading Piffer way before this paper came out. Bronze Age Aegean Greeks have a lot of EEF.

Diese Bemerkung hat inzwischen 3.500 Likes, mehr als der Ausgangs-Beitrag von Piffer selbst. Diese 3.500 sind jene, die die Arbeit von Piffer ebenso verfolgen wie der vorliegende Blog.

Der griechische Archäogenetiker Iosif Lazaridis versuchte schließlich, sozusagen zwischen Piffer und David Reich zu vermitteln und argumentiert, daß jeder Autor selbst würde entscheiden können, welche vorherigen Arbeiten er zitiert und welche nicht (Tw). Nun gut, zumindest von Großmut zeugt die Haltung von David Reich in dieser Frage nicht. Am 18. April schreibt Piffer (Tw):

Würde ein Maler eine Kopie Ihres Werkes anfertigen, dann aber so tun, als hätte er ein eigenständiges Werk geschaffen, weil Ihr Pinselstrich „mangelhaft“ gewesen sei, dann können wir das getrost Betrug nennen. Wenn ich in der Wissenschaft „methodische Mängel“ vorschiebe, um dasselbe Modell und dieselben Ergebnisse zu ignorieren, die ich selbst nutze und gewinne, dann liegt nichts anderes vor als ein Plagiat mit Doktortitel.
If a painter copies your composition but denies credit because your brushwork was "inadequate," we call it a scam. In science, using "methodological inadequacy" to ignore the same model and results is just plagiarism with a PhD.

Am 28. und 30. April bringt er Kritiken an der David Reich-Studie heraus (Pfiffer2) (die wir noch nicht verstehen). Und er schreibt am 30. April auf Twitter (Tw):

Vor zwei Wochen habe ich mich wegen der Problematik des Nichtzitierens durch Akbari et al. an Nature gewandt. Die Herausgeber haben nun geantwortet: Sie prüfen den Fall. Wollen wir sehen, was dabei herauskommt.
Two weeks ago I escalated the Akbari et al. citation issue to Nature. Editors have now responded: they’re reviewing it. Let’s see where this goes. 
**) In der Studie selbst heißt es: "Frühere Arbeiten haben gezeigt, daß klassische „Hard Sweeps“ - durch die vorteilhafte Mutationen bis zur Fixierung getrieben werden – über den weiten Zeitraum der menschlichen Evolution hinweg selten waren." ("Previous work has shown that classic hard sweeps driving advantageous mutations to fixation have been rare over the broad span of human evolution.") Vielleicht bezieht sich darauf diese 100%-Angabe. Aber auch diese Aussage ist insgesamt irreführend.
***) Tatsächlich heißt es auch in der Folgestudie zur Evolution derselben Eigenschaften und Begabungen in Europa und Ostasien ausgehend von vorhergehenden Jäger-Sammler-Populationen (bioRxiv2026): 
"Unsere Ergebnisse legen nahe, daß die von dieser Vorfahren-Population ererbten Varianten - sobald sie der Landwirtschaft, der Weidewirtschaft, modernen Pathogenen sowie den Lebensweisen ausgesetzt waren, die mit dem Leben in größeren staatlichen Gesellschaften einhergehen - sowohl in West- als auch in Ost-Eurasien weiterhin dieselbe Entwicklungstendenz zeigten; dies spiegelt wahrscheinlich eine konvergente Evolution wider, die der Anpassung an die neuen Anforderungen nahrungsproduzierender Lebensweisen und des Lebens in hoher Bevölkerungsdichte diente."
"Our results suggest that once exposed to agriculture, pastoralism, modern pathogens, and the lifestyles that come with living in larger state societies, the variants inherited from this ancestral population continued moving in the same direction in both West and East Eurasia, likely reflecting convergent evolution to adapt to the new requirements of food producing lifestyles and living at high-density."

____________

  1. Akbari A, Perry A, Barton AR, Kariminejad M, Gazal S, Li Z, Zeng Y, Mittnik A, Patterson N, Mah M, Zhou X, Price AL, Lander ES, Pinhasi R, Rohland N, Mallick S, Reich D (2026) Ancient DNA reveals pervasive directional selection across West Eurasia. Nature, 15.4.2026 (Nature2026)
  2. Dwarkesh Patel: David Reich - Bronze Age shock, the Neanderthal puzzle, & the sudden spread of farming. Dwarkesh Podcast, 08.05.2026 (Yt2026) (Transkript)
  3. Bading, Ingo: 200.000 Jahre Humanevolution. Manuskript 2007 (Resg2007)

Mittwoch, 6. Juli 2022

Lepenski Vir - Ein Fischerdorf, von ersten europäischen Bauern errichtet

Frühneolithische Bauern treffen am Donaudurchbruch des Eisernen Tores auf einheimische Fischer, Jäger und Sammler (6.200 v. Ztr.)

Wir wollen hier festhalten, daß vor einer Woche, am 28. Juni, eine neue archäogenetische Studie zur berühmten "mesolithischen" Siedlung von Lepenski Vir (6.200 bis 5.900 v. Ztr) (Wiki, engl, Com.) nahe des Donaudurchbruchs in Serbien erschienen ist (1). Fünf Tage später erschien zu demselben Fundort eine zweite Studie von einer Untergruppe der Autoren der ersten Studie (2). In dieser zweiten Studie wird schon im Titel konkreter und präziser auf Schlußfolgerungen aufmerksam gemacht, die vermutlich aus beiden Studien gezogen werden können: "Ist das Fischerdorf von Lepenski Vir von den ersten europäischen Bauern errichtet worden?" (2)

Abb. 1: Die Häuser von Lepenski Vir weisen trapezoiden Grundriß auf und sind zum Fluß hin geöffnet, in der Mitte eine Feuerstelle, in den Wänden wurden - so wie in der Ägäis - Tote bestattet (Wiki)

Der Donaudurchbruch am Eisernen Tor in Serbien, der sich über zig Kilometer durchs Gebirge hinzieht, war bis ins 20. Jahrhundert hinein wegen der schnellen Strömung für die Schiffer gefährlich zu befahren. Es scheint, als wäre die Siedlung Lepenski Vir in vorgeschichtlicher Zeit nur entweder über den Fluß hinweg zu erreichen gewesen oder entlang eines schmalen Pfades durch die Berge. Lepenski Vir ist nach einer Siedlungsunterbrechung von 3000 Jahren um 6.200 v. Ztr. wieder besiedelt worden, und zwar mit ersten Häusern mit trapezoidem Grundriß und einem besonders ausgelegten Fußboden (Abb. 1). Erst ab 5.900 v. Ztr. finden sich domestizierte Tiere am Fundort. Eine gewöhnliche Landwirtschaft konnte an diesem Fundort nicht stattfinden, da dafür das Hinterland mit Lößböden fehlt.

Man kann also davon ausgehen, daß es sich um eine Art "Außenstation" der Starcevö-Körös-Kultur gehandelt hat, die sich in dieser Zeit über den ganzen Balkan ausgebreitet hat. Als "Außenstation" mag sie provisorischeren Charakter aufgewiesen haben als die Siedlungen dieser Kultur sonst. Und es mag in den ersten Generationen mehr Vermischungen mit einheimischen Jägern und Sammlern gegeben haben als das sonst für die Starcevö-Körös-Kultur beobachtet werden kann.

Die Häuser mit trapezoidem Grundriß waren zum Fluß hin ausgerichtet und wiesen in der Mitte eine Feuerstelle auf. Mitunter war an den Rand der Häuser oder der Feuerstelle ein Stein mit einem menschenähnlichen Gesicht aufgestellt, der einen fischartigen Mund aufwies. Womöglich war damit eine Flußgottheit dargestellt ("ancestor statues"). Diese Steine stellen das "Leitmotiv" der Kultur von Lepenski Vir dar. Sie muten sehr urtümlich an. In den Wänden der Häuser wurden - so wie damals auch in der Ägäis und in Anatolien - die Toten bestattet.

Wir haben ja schon bei den bis ins 20. Jahrhundert "mesolithisch" lebenden Mansen und Chanten in Westsibirien hier auf dem Blog gesehen, wie es bei ihnen geradezu für jede gejagte Tierart eine eigene Gottheit gab, die in Schreinen oder eigenen Häusern in Festen als "Besucher" verehrt wurden (z. B. im "Bärenfest"). Es ging darum, sich die jeweilige Gottheit dieser Tierart, der man sich selbst nah verwandt fühlte, die man als "Bruder" empfand, als "Verwandten" empfand, gewogen zu halten. Ähnliches könnte in Lepenski Vir vorgelegen haben.

Es wird in der Zusammenfassung der zweiten neuen Studie im Gegensatz zum bisherigen Forschungsstand ausgeführt (2):

Auch hier stehen Hausbau, frühe Dorfgesellschaft und Ackerbau vornehmlich in Verbindung mit den ersten europäischen Bauern, womit eine lange angenommene Deutung von Lepenski Vir als einer mesolithischen Gemeinschaft, die neolithische Praktiken übernommen hätte, widerlegt wird. Eine genaue Beachtung der Zeitabfolge der Bevölkerungsveränderungen am Fundort legt nahe, daß die ägäischen Ankömmlinge nicht einfach in eine bestehende mesolithische Gesellschaft integriert wurden, sondern daß sie viel eher neue Linien und Haushalte begründeten. Die Mesolithiker am Eisernen Tor und ihre vermischten Nachkömmlinge scheinen vornehmlich abgetrennt an den Rändern der Siedlung bestattet worden zu sein, ihre Ernährung zeigt keine wesentliche Verschiebung von Fischverzehr hin zu häufigerem Pflanzen- und sonstigem Tierverzehr.
Here too, house construction, early village society and agriculture were primarily associated with Europe's first farmers, thus challenging the long-held interpretation of Lepenski Vir as a Mesolithic community that adopted Neolithic practices. A detailed timeline of population changes at the site suggests that Aegean incomers did not simply integrate into an established Mesolithic society, rather founded new lineages and households. Iron Gates foragers and their admixed descendants appear to have been buried largely separately, on the fringes of the settlement, their diet showing no major shift from aquatic to terrestrial food resources.

Mesolithiker am Eisernen Tor - Eine eigene Untergruppe der westeuropäischen Jäger und Sammler

Über die ursprüngliche Genetik der Mesolithiker vor Ort wird ausgeführt (2):

Eine Studie von Marchi et al. zeigte jüngst, daß sich die südosteuropäischen Jäger und Sammler von den mittel- und westeuropäischen Jägern und Sammlern vor 23.000 Jahren getrennt hatten. (...) Unsere Analysen bestätigen, daß die Populationen am Eisernen Tor vor der Ankunft des Ackerbaus im Zentralen Balkan nicht zu denselben Heiratsnetzwerken gehörten wie die ägäischen und anatolischen Populationen.
A recent study by Marchi et al. has shown that southeastern European hunter-gatherers were separated from the central and western European hunter-gatherers since ~23 thousand years ago (Marchi et al., 2022; Mathieson et al., 2018). (...) Our analyses confirm that Iron Gates populations were not part of the same mating networks as Aegean and Anatolian populations before the advent of agriculture in the Central Balkans (Mathieson et al., 2018).

Aus den genannten Gründen werden die Jäger und Sammler am Eisernen Tor, die in dieser Studie behandelt werden, als jene vom Eisernen Tor bezeichnet, nicht als "westeuropäische Jäger und Sammler" - obwohl sie insgesamt gesehen zu dieser großen Völkergruppe der westeuropäischen Jäger und Sammler hinzuzuzählen sind.

Menschen mit vermischer Herkunft (mesolithischer vom Eisernen Tor und neolithischer von der Ägäis) gibt es in Lepenski Vir nur etwa 300 Jahre lang, also zwischen 6.200 v. Ztr. und 5.900 v. Ztr.. Danach findet sich vor Ort mesolithische Herkunft höchstens noch in wenigen Prozentsätzen (2). 

Abb. 2: Siedlungsgrenzen ("frontiers") bei der Ausbreitung des Ackerbaus in der Ägäis zwischen 9.500 und 5.500 v. Ztr. (aus 2)

In der Studie findet sich außerdem noch eine interessante Grafik, auf der Siedlungsgrenzen ("frontiers") bei der Ausbreitung des Ackerbaus zwischen 9.500 und 5.500 v. Ztr. dargestellt sind (Abb. 2). Für die Zeit ab 5.700 v. Ztr. wäre auf dieser eine weitere Siedlungsgrenze in der Region nördlich von Wien einzutragen (Bandkeramiker).

Immer mehr wird der Forschung bewußt, daß es sich bei der Ausbreitung des Ackerbaus um demographische Ausbreitung entlang von Siedlungsgrenzen ("Frontiers") handelt, das heißt, mehrheitlich nicht um weiträumige "Wanderungsbewegungen".

Das äußere Erscheinungsbild der Neuankömmlinge am Eisernen Tor glich dem der Neuankömmlinge auch sonst in Europa. Zu ihm wird ausgeführt (1):

Die neolithischen Individuen am Eisernen Tor waren von ihrer Körpergröße her kleiner und neigten dazu, hellere Pigmentierungen aufzuweisen als die einheimischen Mesolithiker.
Neolithic individuals (in the Danube Gorges) were smaller and tended to have lighter pigmentation than indigenous foragers.

Das betrifft Haut-, Augen- und Haarfarbe (1):

Hellere Hautfarbe, blauere Augen, lichtere Haarfarbe und dünnere Haare.
Lighter skin pigmentation, bluer eyes, lighter hair pigmentation and lighter hair shade.

So die kennzeichnenden Körpermerkmale für die Nachkommen der Bauern aus der Ägäis.

__________

  1. Between fishing and farming: palaeogenomic analyses reveal cross-cultural interactions triggered by the arrival of the Neolithic in the Danube Gorges. Zuzana Hofmanová, Carlos S. Reyna-Blanco, Camille de Becdelièvre, Ilektra Schulz, Jens Blöcher, Jelena Jovanović, Laura Winkelbach, Sylwia M. Figarska, Anna Schulz, Marko Porčić, Petr Květina, Alexandros Tsoupas, Mathias Currat, Alexandra Buzhilova, Fokke Gerritsen, Necmi Karul, George McGlynn, Jörg Orschiedt, Rana Özbal, Joris Peters, Bogdan Ridush, Thomas Terberger, Maria Teschler-Nicola, Gunita Zariņa, Andrea Zeeb-Lanz, Sofija Stefanović, Joachim Burger, Daniel Wegmann - 28.6.2022 (pdf), https://www.biorxiv.org/content/10.1101/2022.06.24.497512v1
  2. Was fishing village of Lepenski Vir built by Europe's first farmers? Maxime Nicolas Brami, Laura Winkelbach, Ilektra Schulz, Mona Schreiber, Jens Bloecher, Yoan Diekmann, Joachim Burger bioRxiv 2022.06.28.498048; doi: https://doi.org/10.1101/2022.06.28.498048, https://www.biorxiv.org/content/10.1101/2022.06.28.498048v1
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