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Samstag, 8. Dezember 2007

Nachdenken über Altruismus - (3. Teil)

Ich lese gerade Rolf Degen "Das Ende des Bösen - Die Naturwissenschaft entdeckt das Gute im Menschen" (Piper, München 2007). Es läßt einen erneut über Altruismus nachdenken, da es in bunter Folge neueste Forschungen in der Soziobiologie referiert. (Rolf Degen gehört ja auch zu den wenigen, die in Zeitungs-Artikeln differenzierter zur IQ-Forschung Stellung nehmen, als das zumeist geschieht.) Ich habe jetzt etwa die Hälfte des Buches durch und stelle fest, daß bislang so gut wie nur das Gegenseitigkeits-Prinzip behandelt worden ist (um von vielen sonstigen, sehr typischen Mißverständnissen in Büchern dieser Art hier ganz abzusehen). Das entspricht auch dem, was derzeit überwiegend in der Soziobiologie erforscht wird, was zumindest in "Science", "Nature" oder "Journal of Theoretical Biology" derzeit bevorzugt veröffentlicht wird.

Friedrich Schiller zum Gegenseitigkeits-Prinzip in zwischenmenschlichen Beziehungen

Nun fiel mir beim Lesen folgendes ein, nämlich - natürlich! - wieder einmal Friedrich Schiller, bzw. grundlegendere Gedanken von ihm. Zwei "Sprüche" von ihm, die er zusammen mit Goethe im sogenannten - oft sehr lustigen aber oft auch sehr ernsten - "Xenien-Krieg" veröffentlicht hat:
Unterschied der Stände

Auch in der sittlichen Welt ist ein Adel; gemeine Naturen
Zahlen mit dem, was sie tun, schöne mit dem, was sie sind.
Und der zweite Spruch, der zumindest in meiner Reclam-Ausgabe "Gedichte" von Schiller gleich auf den vorigen folgt:
Das Werte und Würdige

Hast du etwas, so gib es her und ich zahle, was recht ist,
Bist du etwas, o dann tauschen die Seelen wir aus.
Auf den letzteren Spruch wollte ich vor allem hinaus. Wie ist das nun? Wie könnte man solche Gedanken nun in das moderne Denken über altruistisches, soziales Verhalten einordnen? Offensichtlich ist in beiden Sprüchen das Gegenseitigkeits-Prinzip angesprochen. Aber Schiller unterscheidet "adlige", "schöne" und "gemeine" Naturen, er unterscheidet Menschen, die etwas haben und Menschen, die etwas sind - herrlich! Wie wohl eine solche Unterscheidung in modernes soziobiologisches Denken eingegliedert werden kann? Wir verstehen doch nur allzu gut, was Schiller hier sagen will.

Menschen, die einem etwas bedeuten

Mir jedenfalls geht es so - und ich weiß, daß zugleich nicht mehr viele Menschen heute so denken: Hat jemand etwas, so zahle ich ihm tatsächlich gerne, was recht ist (so ich denn selbst genug habe ...), ist aber jemand etwas - oh, eine solche Erfahrung macht man heute nicht allzu häufig, als daß man darauf nicht mit sehr großer Dankbarkeit reagieren würde. Wenn ich einmal von persönlicheren Beziehungen in Freundschaft und Liebe absehe, so könnte einem dazu vielleicht Begegnungen im Studium einfallen, Begegnungen mit Menschen begegnet, die tatsächlich etwas sind - etwa bedeutendere Professoren. Zum Beispiel ein Vortrag von Manfred Eigen oder einen von Carl Friedrich von Weizsäcker. Oder die Vorlesungen des inzwischen schon verstorbenen Philosophie-Professors Malter in Mainz, damaliger Vorsitzender der Schopenhauer-Gesellschaft. Und man möchte meinen, daß es gerade solche Begegnungen in Freundschaft oder gar Liebe selbst sind - oder doch zumindest in Freundschaft und Liebe zur Wissenschaft (oder zur Kunst, zur Philosophie), die das Leben ganz besonders vertiefen können - im Sinne etwa des Dichters Gorch Fock:
"Du kannst dein Leben nicht verlängern noch verbreitern - nur vertiefen."
Ja, aber wo findet man sich mit all solchen Gedanken in modernem soziobiologischem Denken wieder? Wie verknüpft man beide Gedankenwelten miteinander? Auch Schiller - und all die bedeutenderen Menschen - sind doch biologische Wesen, auch ihr Altruismus muß doch erklärt werden. Natürlich begegnet man solchen "bedeutenderen" Menschen noch viel öfter in Büchern oder in Kunstwerken, zuweilen auch in bedeutenderen Filmen. Das Schaffen von Kultur ist wahrscheinlich sowieso schon jenes "Kommunikations-Mittel", mit denen Menschen, die etwas "sind", sich am besten verständigen können. Oder durch die Vermittlung von Kultur an andere Menschen als "Interpreten".

Die Mehrheit der heutigen Menschen "hat" etwas ...

Man könnte folgendermaßen mutmaßen: Wir leben heute in einer Gesellschaft, in der vornehmlich Menschen etwas "haben". Darauf legen sie vor allem Wert, etwas zu "haben". Ob sie zugleich auch - nebenbei - etwas "sind" - wer fragt danach? So mancher mag sich beispielsweise eine Zeit lang für den Video-Blog von Matthias Mattusek begeistert haben, seines Zeichens Leiter der Kulturredaktion des "Spiegel". Aber davon kann irgendwann auch gänzlich abkommen. Ist denn das tatsächlich ein Mensch, der etwas "ist"? Er tut jedenfalls so, schmückt sich mit vielen bedeutenden Gesprächspartnern (- und diese mit ihm?). Vielleicht ist er es in manchen ernsteren Stunden seines Lebens ja wirklich, meistens jedenfalls, so möchte man nach vielen Video-Blog-Beiträgen inzwischen vermuten, ist er es jedenfalls nicht. Größtenteils treibt er da kindlichen, bzw. kindischen Klamauk. Zur Abwechslung ganz gut - aber wenn's fast zur Regel wird? (Das was der Mattusek betreibt, ist katholischer "Sacro pop", wie das dieser Blog erst zwei Jahre später, Ende Februar 2010, durchschaut.)

Für einen typischen "Hedonisten" scheinen übrigens solche Fragestellungen nicht gerade die bevorzugten zu sein, oder? Denn sonst würde man ja sagen, daß es für einen noch Wichtigeres gibt, als sich gegenseitig mit Mitteln zu bezahlen, die "Lust" vergrößern können. Ja, natürlich, man kann ein solches "hedonistisches" Denken erweitern auf geistige "Besitztümer" - aber Schiller spricht darüber anders als ein typischer Hedonist. Er weiß, daß die Götter vor das Erringen geistiger Besitztümer den Schweiß gesetzt haben, nicht die Lust. Eher würde man ein Gegenseitigkeits-Austausch zwischen Hedonisten empfinden, als wenn sich möglichst stark einander ähnelnde "Lemminge" ohne jede eigene kräftige Individualität am ehesten geeignet wären für einen solchen Austausch, bei dem eben vor allem (wie in der derzeitigen Forschung) darauf geachtet wird, daß der jeweils andere etwas "hat", nicht daß er auch etwas "ist".

Eine Minderheit versucht, etwas zu "sein" ...

Aber wie steht es nun mit der Minderheit jener, versuchen, etwas zu "sein"? Mit wem können sie sich denn überhaupt noch austauschen? Hölderlin sagt, sie wohnen auf "getrenntesten Bergen", nur selten einmal kommt einer zum anderen hinüber. Ich habe einmal ein Interview des österreichischen Sängers Hubert von Goisern mit der Verhaltensforscherin Jane Goodall gesehen. Jane Goodall war eines Tages plötzlich einmal vor seiner Haustür gestanden, weil sie - offenbar - seine Musik schätzte und hoffte, in ihm auch einem Menschen begegnen zu können, der - möglicherweise - etwas "ist". Bei dem Interview (in Gombe, wo Hubert von Goisern sie zusammen mit Kamerateam besuchte) hatte ich das Gefühl: Jane Goodall sucht - vielleicht besonders nach dem Tod ihres zweiten Mannes, der in einer Krebsklinik in Österreich starb - nach Menschen, die - so wie sie - etwas "sind". Sie fand aber für diese Sehnsucht und Suche auch bei diesem Sänger Hubert von Goisern irgendwie nicht das Verständnis, das sie sich - wie mir in diesem Gespräch erschien: ganz offensichtlich - ersehnte.

Gibt es nicht viele solche "einsame" Menschen, die danach streben, etwas zu "sein"? Zumal wenn sie noch jung sind? Wieviele wohl geben dieses Streben bald auf, da sie in ihrer Mitwelt wenig Verständnis finden und geben sich zufrieden damit - etwas zu "haben"?

Was sagt die Soziobiologie dazu?

Aber was würde es denn nun heißen, weiter danach zu streben, etwas zu "sein", statt nur etwas zu "haben"? Was würde es heißen, "die Ideale seiner Jugend zu achten", auch dann noch, wenn man - wie Schiller in "Don Carlos" sagt - "Mann" geworden ist (bzw. erwachsene Frau)? Es könnte sein, daß einen das Unverständnis der Mitwelt, die Einsamkeit viele Entbehrungen bei diesem Streben auferlegt, die "Ideale seiner Jugend zu achten". Und es könnte sein, daß man das Aushalten dieses Umstandes (der Einsamkeit, des Mißverständnisses) erst jene Form von "echterem" Altruismus nennen könnte, die einem tatsächlich erforschenswert erscheinen könnte.

- Denn was muß es einen großartig interessieren, wenn Menschen genau darauf achten, daß der andere das zahlt, "was recht ist", weil er (bzw. wenn er) (nur) etwas "hat"? Um diese Fragestellung jedenfalls scheinen sich - zumindest - die ersten 136 Seiten des Buches von Rolf Degen zu drehen. Interessant - aber (für mich) ganz und gar unbefriedigend.

Wenn nun Menschen zahlen mit dem was sie sind, ist es eigentlich erlaubt, das trivial "Gegenseitigkeit" zu nennen? Ich möchte meinen, daß es dabei darauf ankommt, in welcher Gesellschaft sie leben. Begegnen sie vielen Menschen, die etwas sind, wird es ihnen nicht schwer fallen, selbst etwas zu sein. Die Tatsache, daß sie selbst etwas "sind", dürfte sie in einer solchen Gesellschaft nicht sehr viel psychischen Aufwand gekostet haben. Denn es würde sich dann um eine echt humane Gesellschaft handeln. Aber in Gesellschaften, in denen sie nur noch sehr selten auf Menschen treffen, die (gerade in diesem Augenblick) selbst etwas "sind", in solchen Gesellschaften dürfte es eines hohen Grades von Selbstlosigkeit bedeuten, dennoch selbst etwas sein oder bleiben zu wollen.

Ich fände es spannend, genau für solche Arten von Altruismus eine evolutionsbiologische Erklärung zu finden. Vielleicht hat man dann auch die eigentliche evolutionsbiologische Erklärung für das Schaffen von Kultur überhaupt.

Aber zum Schluß in diesem Zusammenhang noch einen Rat an Autor und Leser dieser Zeilen - von dem schlesischen Dichter Angelus Silesius aus dem 17. Jahrhundert. Ein wohl unsterblicher Rat:
Freund, so du etwas bist, so bleib doch ja nicht stehn.
Man muß von einem Licht fort in das andre gehen.
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Erst während des Schreibens fiel mir ein, daß es ja ein berühmtes Buch gibt, das im Titel heißt "Haben oder Sein". Google-Suche belehrte mich: Es ist von Erich Fromm. Also wieder einer, der sich von der Philosophie G. F. W. Hegels (und damit indirekt von der Philosophie Friedrich Hölderlins) in seinem Denken hat befruchten lassen. Diesen Erich Fromm könnte man sich ja auf solche hier behandelten Fragestellungen hin auch noch einmal anschauen ...

Samstag, 6. Oktober 2007

Gysi, die BRD und der "große Respekt vor den Kirchen"

Neue ideologische Grundlagen für die Bundesrepublik Deutschland?

Gregor Gysi hat es quasi beworben, das Buch. Da muß man doch mal hineinschauen, was ein Gregor Gysi für diskussionswürdig, für bewerbenswürdig hält. Manfred Lütz "Gott - Kleine Geschichte vom Größten". (Amaz.) Vorgestellt wurde das Buch in einer "Bundespressekonferenz" von "Spiegel"-Redakteur Matthias Mattusek. Diskutiert haben darüber mit dem Autor Gregor Gysi und Friedrich Merz. (Tagessp., Märk. Allg.) Alle waren sich irgendwie merkwürdig einig ...

Also eine Buchvorstellung, so darf man sagen, auf höchster (zumindest: national-) politischer Ebene. Sollen hier die neuen ideologischen Grundlagen für die Bundesrepublik Deutschland gelegt werden, nachdem die Frankfurter Schule ausgedient hat und sogar Jürgen Habermas ..., nun ja, sagen wir: zumindest kein ausgesprochener Papstkritiker mehr ist? Denn wir wissen ja: Jeder Staat braucht seine Staatsphilosophie. Preußen hatte seinen Hegel, die DDR hatte ihren Marx und die BRD hatte eben ihren Habermas. (Buchtitel wie "Die intellektuelle Gründung der Bundesrepublik Deutschland - Eine Wirkungsgeschichte der Frankfurter Schule" [Amaz. 1, 2] sagen dazu eigentlich schon alles.) Und das neue Deutschland hat nun also seinen - - - ... ähm, ... Manfred Lütz? - Jedenfalls: So möchte man auch einmal in die Öffentlichkeit eingeführt werden als Autor.

"Großer Respekt vor den Kirchen"
... Friedrich Merz nennt das Buch einen „schlichten, zwischen zwei Buchdeckel passenden Gottesbeweis“. ...
Man kann das Buch ja mal durchblättern. Aber einige Leseproben genügen. Und so mancher wird sich gestatten zu lächeln bei dem Satz:
... Gysi referiert über Kant und Nietzsche, und über seinen Vater, der DDR-Staatssekretär für Kirchenfragen war. Er habe ihm großen Respekt vor den Kirchen mitgegeben, schließlich seien die Ideale des Sozialismus auf dem Boden der christlich-jüdischen Moral gewachsen. ...
Schade. Da scheint die Giordano Bruno-Stiftung auf die ausgesprochenere Unterstützung durch einen Gregor Gysi verzichten zu müssen. Schade. Da wird von einer totalitaristischen Tendenz hinüber zu einer anderen gekrochen. Wenn doch bloß die DDR-Vergangenheit nicht so nachwirken würde ... Aber lassen wir nun einmal die großen "Staatsinteressen" (! - ?) beiseite, und gehen zum Buch selbst.

Hier redet ein Theologe über - - - Gott.

Öha. Hier redet also jemand genau über das, über das ausgerechnet er am wenigsten Ahnung hat. Haben kann. Schon aus beruflichen Gründen ...

Hilfe, ein Theologe ...

Manfred Lütz hat zehn Semester katholische Theologie studiert und auch eine theologische Examensarbeit verfaßt. Damit sollte er eigentlich schon disqualifiziert sein. - Ja. So muß man sprechen nach all den Erfahrungen, die man immer wieder mit diesem merkwürdigsten aller Berufsstände macht, genannt "Theologen".

Es genügen wahrhaftig nur wenige Leseproben, um sich davon zu überzeugen, daß nur ein einziger Satz dieses Buches so einigermaßen wahrhaftig überhaupt gemeint sein kann, der da nämlich noch einmal so läppisch wie der ganze Rest des Buches lautet:
Ganz am Schluß beschleicht mich dann noch einmal die Sorge, daß man die unbestreitbaren Defizite dieses Buches zum Anlaß nehmen könnte, nun endgültig die Suche nach Gott aufzugeben.
Dieses Buch kann einen von vorne bis hinten ekeln. Genauso gut hätte man Harald Schmidt eine "Kleine Geschichte vom Größten" schreiben lassen können. Viel anzüglicher hätte er es auch nicht hinkriegen können.

Spaemann telefoniert mit Gott

Der Papstberater und katholische Philosoph Robert Spaemann wird beispielsweise damit zitiert, daß er an Wunder glaubt. Er habe in einer französischen Telefonzelle nur aus Versehen eine "Eins" gewählt und habe damit "wie durch ein Wunder" in Stuttgart jenen Priester erreicht, den er hatte erreichen wollen, um diesen zu fragen, ob er seiner Frau die Sterbesakramente reichen könne. Nun wird man einen Kritiker einer solchen Anekdote leicht der Ehrfurchtsloigkeit zeihen können, da ja immerhin Spaemann's Frau im Sterben lag und da er es selbst erlebt haben will. Na klar. Aber ist es nicht umgekehrt? Ist die Anekdoten selbst nicht ehrfurchtslos? - - -

So manchem jedenfalls reicht diese Anekdote (und natürlich der argumentative Zusammenhang, in der sie gebracht wird) völlig aus, um an der intellektuellen Seriösität dieses katholischen "Philosophen", dieses Robert Spaemann zu zweifeln - und zwar heftig. Und natürlich an dem Popularisierer dieser Anekdote, dem lieben Herrn Lütz. Von den Herren Gysi, Merz und Mattusek sowieso ganz zu schweigen. Monotheismus als Staatsreligion dient männlichem Machtwahn, das wird auch daran erkennbar, daß so wenig Frauen an der Diskussion beteiligt sind. Freilich, eines der letzten Kapitel, das über "Schönheit", ist der Jungfrau Maria gewidmet. Tizian und so, Venedig ...

Die durchgehend flappsige Schreibweise dieses Buches soll wohl ein Versuch sein, die Menschen, die man mit ernsthafterer theologischer Redeweise nicht mehr erreichen kann - "Des Herrn Zorn komme über Euch!" - mit flappsigem Geplapper zu erreichen. Nun, einige Herren hat Manfred Lütz ja schon erreicht und ihren "Respekt vor den Kirchen" - offenbar - aufs Neue bekräftigt. Da kann man ja Herrn Lütz nur gratulieren! Mit einer so einflußreichen Organisation im Rücken möchte einem das wohl allerdings auch gelingen.

Glaube24.de bewirbt das Buch mit folgendem Text: "Ihr Freund ist Atheist und keineswegs humorverstopft? Dann haben wir das richtige Buch für Ihn. ..." (Glaube24.de) Ulk, igs, igs, igs - selten so gelacht.

Montag, 9. Juli 2007

"Wir Deutschen ..." - "Wir werden die Mütter mit Kindergeld überschütten ..." - Matussek's Traum

Fast regelmäßig rufen Beiträge zu "Deutschland", zu "Patriotismus", zu Vaterlands- und Heimatliebe oder ähnliche Themen hier auf dem Blog lebhaftere Diskussionen hervor. Zumindest lebhaftere als "sonst so" im allgemeinen. Vielleicht hilft einem bei diesem Thema auch Matthias Matussek's Buch vom letzten Jahr weiter. Und deshalb hab ich mal rein geschaut:
Wir Deutschen. Warum uns die anderen gern haben können.
S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2006
Ich glaube, es lohnt sich, dieses Buch zu kennen.

Freilich: Der fröhliche Nationalismus des Herrn Matussek wirkt über weite Strecken leicht überdreht. Matussek kann fast zu gut schreiben, als daß man diesen prickelnden Champagner über 350 Seiten hinweg durchhält. Aber schon der Anfang ist toll. Wie er da mit einer britischen Aristokratin zusammen sitzt und diese arrogant auf ihn als Deutschen herabschaut. Und wie er sich im Nachhinein denkt: "... Hatte die Dame Recht? Sind wir wirklich erst gestern aus dem Eichenwald gekrochen?" etc. pp.. (S. 12)

Fröhlicher Nationalismus

Es ist wohl wirklich so: Matussek hat tatsächlich ein - offenbar - gar nicht so unwichtiges Thema entdeckt: den Patriotismus. Den Nationalismus. Den Nationalstolz. Nicht von irgend einer anderen Nation. Sondern den von uns Deutschen. Das ist schon ein etwas ungewöhnliches Thema. Ähm, ich meine: Für einen leitenden Spiegel-Redakteur ...

Aber wird dadurch, daß man Altbekanntes (zumindest für mich Altbekanntes) zur deutschen Geschichte und zur deutschen Lage zum 375. mal durchkaut, irgend etwas anders?

- Hm! Ein bischen vielleicht schon. Es ist gut, es tut gut, von Matthias Mattusek zu wissen. Und von seinem Buch. Es tut gut, mit ihm in einem Land zu leben, mit jemandem, der nicht ständig in ätzender Häme, nicht ständig in ätzendem Spott und mit ätzender Gehässigkeit auf seinem eigenen Land herumreitet, mit gerunzelten Stirnfalten auf sein Land blickt, sondern der mal sagt: Bleibt fröhlich, Leute. Wenn wir anfangen, uns alles mießmachen zu lassen, schaffen wir die geradezu ungeheuerlichen Aufgaben, die vor uns liegen, als Kultur, als Nation ganz gewiß nicht.

Das Schöne ist: Mattusek spielt mit der "Unpopularität". I wo. Er würde es gar nicht aushalten, wirklich unpopulär zu sein. Und deshalb ist damit abgesteckt, inwieweit sein Buch überzeugt und inwieweit nicht. Alles nur Spielerei. Aber er läßt sich zumindest die Hintertür offen für Unpopularität. Er sieht, daß Ehrlichkeit (auch in Fragen des Nationalismus) - heute - eigentlich immer nur unpopulär enden kann. Und das ist schön, daß er das wenigstens weiß, erkennt. Daß er das wenigstens anerkennt.

"Uns ist die Familie heilig"

Da redet einer von Kriemhild und Gunther und Siegfried und Arminius und Heinrich Heine und Beethoven und Mozart und Schiller, als wären die gestern erst gestorben. Das ist erholsam. Das tut gut. Bitte mehr "Matussek's" in unserer Gesellschaft und unter unseren Gebildeten.

Zum Thema Unpopularität z.B.: Da stellt er sich in einer Art Traum vor, wie einer wie er selbst oder wie sein Vater als Politiker eine (unpopuläre) "Rede ans Vaterland" hält. Und in dieser Rede heißt es dann unter anderem:
"... Nein, meine Damen und Herren, uns ist die Familie heilig, und wir werden als Erstes die Frauenrolle aufwerten. Ja, wir werden jene Frauen aufwerten, die von Feministinnen verachtet werden: die Mütter und die Hausfrauen. Sie sind die Heldinnen inmitten unserer demographischen und pädagogischen Katastrophe.

Sie sind unendlich viel wichtiger als unser egoistischer kinderloser Lifestyle-Betrieb, weil sie Mitgefühl, Aufopferung, Hingabe verkörpern in einer zunehmend verrohenden Welt. Und weil sie erziehen und damit unsere Zukunft gestalten."
(Meiner Meinung nach hätte Matussek an dieser Stelle ruhig von "Eltern", statt nur von Müttern sprechen können - schon gar als Autor eines sehr bitteren Buches über die "vaterlose Gesellschaft" - aber sei's drum - es geht ihm hier wohl mehr um die "Rhetorik". Um den "Effekt". Um den Pathos, die Gefühle. Also weiter.)

"Wir werden die Mütter in diesen Land mit Kindergeld überschütten ..."
"Und der Kandidat ruft, hingerissen von sich selbst, in den Tumult hinein: 'Wir werden die Mütter in diesem Land mit Kindergeld überschütten, und wir werden ihnen Denkmäler setzen. Wir werden aber auch die Vaterrolle wieder stärken, und wir werden Eltern ermuntern zusammenzubleiben. Wir werden ihnen Hymnen dichten, wir werden ihnen Lieder singen. Wir Deutschen sind ein aussterbendes Volk. Unser Schicksal liegt in Ihren Händen.' " (S. 143f)
Diese Sätze kann man auswendig lernen. Sie tragen "Zukunft" in sich. Oder doch nicht? Matussek's Traum geht noch weiter:
"... Und dann endet der junge Konservative, erschöpft, zitternd am ganzen Leibe, und Beifall rauscht auf, Hüte fliegen in die Luft, und wie nach der Mannheimer Uraufführung der 'Räuber' werden sich die Zuhörer tränenüberströmt um den Hals fallen, und unser romantischer Jüngling wird schweißnaß vom Podium getragen und im Triumphzug durchs Städtchen geführt ..." (S. 146)
Irgend so etwas muß ja wohl doch geschehen. Aber Matthias Matussek gräbt was all diese Dinge betrifft, noch lange nicht tief genug. Aber er gibt Anregung, tiefer zu graben.
___________
Ergänzung:

Übrigens gibt es beim "Spiegel" eine Video-Sammlung "Matussek's Kulturtipp", die sehenswert ist, und durch die man einen persönlicheren Eindruck von diesem Mann bekommt. Im letzten Video ist Sloterdijk's 60. Geburtstag Thema - - - und der 13. Geburtstag von Matussek's Sohn, um dessentwillen der Vater nicht zu Sloterdijk's Geburtstag fahren konnte wie er wollte. (... Seine Frau setzte sich durch ...) ;-)
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