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Samstag, 8. März 2025

Bollwerk Germanien

Der Abwehrsieg der Germanen im Jahr 1250 v. Ztr. - Laßt uns ein neues Hermanns-Denkmal errichten - An der Tollense - Es ist so weit

Die großartige Goldhut-Kultur der Kelten - Sie eroberte Festland-Europa, England und die Levante (1300 bis 800 v. Ztr.) - Aber sie scheiterte an Germanien und Ägypten

Die Archäogenetik - Auch 2025 hageln aus ihr heraus wieder "Jahrhundert-Erkenntnisse":

  1. Die Eroberung Europas durch die Glockenbecher-Kultur ab 2360 v. Ztr.  - Ursprung: Nordfrankreich
  2. Die Eroberung Europas durch die Urnenfelder-Kultur ab 1300 v. Ztr. - Ursprung: Serbien

Die großartige Goldhut-Kultur, bzw. Urnenfelder-Kultur (Wiki) der Kelten entstand um 1900 v. Ztr. in Serbien und breitete sich ab 1300 v. Ztr. über ganz Europa aus (Abb. 1). 

Abb. 1: Bollwerk Germanien in Norddeutschland an der Tollense und die Eroberung des übrigen Europas durch die Urnenfelder-Kultur ausgehend von Serbien, 1300 bis 800 v. Ztr. (Wiki) - Der zeitgleiche Seevölker-Sturm im Mittelmeerraum, ebenfalls von Serbien ausgehend

Wir hatten diese Urnenfelder-Kultur hier auf dem Blog bislang noch nie wirklich als bedeutende, einflußreiche, geschichtsmächtige, archäologische Einheit, Kultur, Ethnie wahrgenommen. Wir hatten sie fast gar nicht "auf dem Schirm". Der Name selbst klingt ja auch schon nur nach Friedhof. Wie soll man bei einem solchen Namen auf Glanz, Herrlichkeit, Macht und Reichtum schließen? Wir nennen diese Kultur im folgenden nach den strahlendsten Gold-Kunstwerken, die sie hervorgebracht hat, wir nennen sie: die "Goldhut-Kultur" (Abb. 2).   

Wir müssen also mit diesem Blogartikel sehr viele Veränderungen der Wahrnehmung im Blick auf die europäische und mediterrane Geschichte mitteilen. Denn es sind wieder einmal reihenweise neue Erkenntnisse zusammen zu tragen, die sich nun alle - fast wie selbstverständlich - aus dem Fortschritt des Erkenntnisstandes der Archäogenetik ergeben (1). 

Die Urnenfelder-Kultur entfaltete sich zunächst zeitgleich zur großartigen Kultur von Mykene in Serbien. Sie griff aber dann räumlich noch viel weiter aus als das die Griechen der mykenischen Zeit innerhalb des Mittelmeerraumes getan haben. Man kann womöglich so sagen: 

  • 2.300 v. Ztr.: "Das Kommen der Griechen". Als die Jamnaja-Leute sich nach Griechenland hinein ausbreiteten, kam es zeitlich parallel zur Entstehung und Ausbreitung der keltischen Glockenbecher-Kultur über ganz Europa hinweg - von Nordfrankreich ausgehend (1). Die Ethnogenese der Italiker-Kelten, der Griechen und der Armenier erfolgte also in etwa zeitgleich.
  • 1.250 v. Ztr.: Blütezeit und Untergang von Mykene, Seevölkersturm. Sie können zeitlich parallel gesetzt werden zur Ausbreitung der keltischen Urnenfelder-Kultur über ganz Europa hinweg von Serbien ausgehend. Und vieles weist inzwischen darauf hin, daß der Untergang von Mykene und des Hethiter-Reiches auch mit der Ausbreitung der Urnenfelder-Kultur in Zusammenhang steht. 

Damit kann vielleicht verdeutlicht werden, daß die 3000-jährige Dynamik der keltischen Völkergeschichte in Europa um 1200 v. Ztr. ihren Höhepunkt erreicht und auch im Seevölkersturm im Mittelmeer-Raum ihren Ausdruck findet. 

Abb. 2: Die Goldhut-Kultur der Kelten um 1200 v. ztr. (Neues Museum, Berlin) (Fotograf: Sailko) (Wiki)

Die keltische Hallstatt-Kultur, die keltischen Wanderungen danach (Wiki), die Gallier zur Zeit Caesars, ja, die Blüte der antik-griechischen und hellenistischen Kultur könnten - aus dieser Sicht - auch "nur" als "Ausebben" einer noch viel gewaltigeren Dynamik eintausend Jahre zuvor angesehen werden.

Der englischsprachige Wikipedia-Artikel über die Goldhut-, bzw. Urnenfelderkultur (Wiki) gibt auch schon - allein über seine Bebilderung - ein viel differenzierteres Bild von dieser Kultur als dies der aktuell noch "langweiligere" deutschsprachige Artikel tut.

Wir selbst waren wir hier auf dem Blog in vielen Beiträgen schon oft genug mit dieser Urnenfelder-Kultur befaßt, ohne daß uns das bewußt war und ohne daß wir das Thema unter diesem Namen zusammen gefaßt hatten. So etwa in der Blogartikel-Serie zur "Bronzezeitlichen Stadtgeschichte" Mitteleuropas. (Ein Faux pas unsererseits? Oder einfach dem damaligen mangelhaften Kenntnisstand der Archäologie geschuldet? Wir sind verunsichert! Neue Erkenntnisse werfen ja nicht selten die Frage auf, warum man diese Erkenntnis nicht schon früher hatte, sondern sich so vergleichsweise "dumm" anstellte!)

Wann errichten wir ein Hermanns-Denkmal an der Tollense?

Es war offensichtlich diese großartige Goldhut- und Urnenfelder-Kultur, die um 1250 v. Ztr. in der Schlacht an der Tollense (Wiki) bei Altentreptow in Mecklenburg versucht hat, die Königreiche der Nordischen Bronzezeit in einem gigantischen Eroberungszug aufzurollen (s. Stg2019). Dort mußte das Großreich der Urnenfelder-Kultur eine erste und weltgeschichtlich offenbar zugleich auch noch sehr entscheidende Niederlage hinnehmen (s. Abb. 1). Die Königreiche der Nordischen Bronzezeit bewahrten sich durch diese Schlacht ihre germanische Sprache, Kultur und Genetik bis heute (1). Und damit bekommt die Schlacht an der Tollense um 1250 v. Ztr. eine ähnliche geschichtliche Bedeutung wie die Schlacht von Kalkriese im Jahre 9 n. Ztr. im Teutoburger Wald im Wiehengebirge. (Denn die Geographen und Historiker früherer Jahrhunderte hätten den Teutoburger Wald ja als Wiehengebirge bei Kalkriese identifizieren müssen, wenn sie schon so schlau gewesen wären wie wir heute.)  

Abb. 3: Kriegsausrüstung der Goldhut-/Urnenfelder Kultur (Wiki) - Kammhelme und Brustpanzer (aus einer Veröffentlichung von Gabriel de Mortillet [1821-1898])

Das Wiehengebirge ist der Teutoburger Wald, die Landkarten und der Sprachgebrauch müssen endlich der wissenschaftlichen Erkenntnis angepaßt werden so wie sie seit 25 Jahren festgestellt ist. Das Hermanns-Denkmal muß umgesetzt werden ins Wiehengebirge (!). Und an der Tollense muß ein weiteres Hermanns-Denkmal errichtet werden und dieses muß gemeinsam mit den Königen von Dänemark, Schweden und Norwegen eingeweiht werden (!). 

Es wird allmählich klar: So wie der Pharao Ramses III. (1221-1156 v. Ztr.) seinen Sieg über die Seevölker, über die Urnenfelder-Kultur (!?!) im Jahr 1180 v. Ztr. in großartigen Darstellungen verewigt hat (Wiki), so müssen auch wir Germanen unseren Sieg über die Urnenfelder-/Goldhut-Kultur siebzig Jahre zuvor feiern und seiner gedenken. Wann, wenn nicht jetzt?! Wir hatten damals einen starken Gegner. Genauso wie der Pharao Ramses III. von Ägypten. Und wir schlugen diesen Gegner. Genauso wie der Pharao von Ägypten 1180 v. Ztr., als er als Bericht einmeißeln ließ (Wiki):

Die Fremdländer verließen alle gemeinsam ihre Inseln. Es zogen fort und im Kampfgewühl sind die Länder verstreut auf einen Schlag. Kein Land hielt ihren Armen stand; von Ḫatti, Qadi, Qarqemiš, Arzawa, und Alasia an waren (nun) (alle) entwurzelt auf [einen Schlag].
Es wurde ein Lager aufgeschlagen an einem Ort im Inneren von Amurru. Sie vernichteten seine Leute und sein Land, als sei es nie gewesen. Sie kamen nun, indem die Flamme vor ihnen bereitet war, vorwärts gegen Ägypten, ihre Zwingburg (?). Die plst, ṯkr, šklš, dnjn und wšš, verbündete Länder, legten ihre Hände auf alle Länder bis ans Ende der Welt; ihre Herzen waren zuversichtlich und vertrauensvoll: Unsere Pläne gelingen.

Ein furchtbarer Kriegszug durch fast alle dem Pharao bekannten Länder - aus Gegenden heraus, die dem Pharao ganz unbekannt waren. 

Schon 2019 hatten wir grundlegende Zusammenhänge anhand einer neuen Studie des dänischen Archäologen Kristian Kristiansen verstanden. Wir veröffentlichten hier auf dem Blog unseren Artikel "Der große europäische Krieg, der zum Seevölkersturm führte".  Wir schrieben damals (Stg2019):

Ein junger "Makedonen"-König aus der Slowakei rollte ab 1340 v. Ztr. die süddeutsche Ökumene (Höhenburg-Kultur / Palast-Kultur) auf und führte dann - mit den Unterworfenen und neuen Verbündeten einen Kriegszug bis Mecklenburg, bis in das Tal der Tollense.

Wir kamen uns damals noch sehr kühn vor mit dieser "Hypothese". Der hier in phantastischer Weise mit dem jungen Makedonen-König Alexander dem Großen verglichene König aus der Slowakei wäre also jetzt zunächst einmal als ein König der Goldhut- und Urnenfeld-Kultur zu identifizieren.

Abb. 4: Das Portal der nordirischen Dorfkirche von Clonfert, über dem 16 in Stein gemeißelte abgeschnittene menschliche Köpfe "präsentiert" werden (Wiki) (aus: Stg2021)

Ein ähnlicher, herrlicher Abwehrsieg wie es den germanischen Königreichen der Nordischen Bronzezeit an der Tollense gelang und dem Pharao Ramses III. am Nil gelang offenbar den keltischen Königreichen auf den britischen Inseln nicht (wie wir noch sehen werden). Und anhand der Ausbreitungskarte der Urnenfelderkultur in Abb. 1 und der folgenden Ausführungen müssen wir nun auch die Lausitzer Kultur, die sich von der Gegend um Breslau aus nach Norden ausgebreitet hat, und deren Verhältnis zur keltischen Urnenfelderkultur wir schon vor drei Jahren umsonnen hatten (Stg2021), nun offenbar im Rahmen dieses Eroberungszuges der Urnenfelder-Kultur betrachten.

Schon 2021 hatten wir anhand von (2) über die Ausbreitungsbewegung der Urnenfelderkultur geschrieben (Stg2021):

Eine Besiedlungswelle ging insbesondere von der Urnenfelder-Kultur (Wiki) aus, die sich - ab 2000 v. Ztr. - vom zentralen Ungarn her ausbreitete. Die Forschung nimmt mehrheitlich an, daß sich mit ihr die nachmaligen Italiker, Iberer, Ligurer und Kelten ausbreiteten. (...) Ab 1900 v. Ztr. sei die Urnenfelder-Kultur im nordöstlichen Serbien südlich des Eisernen Tores anzutreffen. Während des darauffolgenden Zusammenbruchs des Tell-Systems um 1500 v. Ztr. breitete sich das Urnenfelder-Modell in einige weitere Regionen aus, in die südliche Poebene, auch in die Sava/Drava- und Untere Tisza-Ebene. In vielen dazwischenliegenden Regionen (etwa im Alpenraum) hat es lange keinerlei Urnenfelder-Kultur gegeben oder aber hybride Kulturen mit weniger radikaler Übernahme der Urnenfelder-Kultur-Elemente (etwa in der nördlichen Po-Ebene).

Aber es war uns noch nicht wirklich deutlich genug, daß dieses Unruhezentrum in Europa noch viel weitere Kreise gezogen hat. Durch die Archäogenetik wird dieser Umstand jetzt geklärt (1). 2011 hatten wir etwa schon - der Sache nach - von der süddeutsch-französischen "Kultur der Goldhüte" geschrieben (Stg2011), die sich bei dieser Gelegenheit ausbildete oder ausbreitete. Es haben sich also mit dieser Urnenfelder-Kultur auch erste Stadtanlagen nach Mitteleuropa hin ausgebreitet, die hier auf dem Blog vor vielen Jahren Thema waren. Die Urnenfelder-Kultur war vermutlich auch deshalb so erfolgreich, weil sie mit einer deutlich höheren Siedlungsdichte in den bronzezeitlichen Stadtanlagen samt der sie umgebenden Terrassierungen einher ging, die man ja zur gleichen Zeit von Mykene bis zu den britischen Inseln feststellt. Kein Wunder, daß sich das damit verbundene Bevölkerungswachstum zu einem "Seevölkersturm" auswachsen konnte.

Die Seevölker - Sie trugen die Waffen der Goldhut-/Urnenfelder-Kultur (!)

Wir lesen jetzt auch auf Wikipedia zu unserer Überraschung über die Herkunft der Seevölker (Wiki):

Nach neueren Forschungen der Archäologen Jung und Mehofer standen Gruppen in der Ägäis auch mit dem Apennin in engem Kontakt. Darauf weisen Ergebnisse archäometallurgischer Untersuchungen an spätbronzezeitlichen Schwertern und Fibeln hin. Die charakteristischen Hiebschwerter vom Typ Naue II wurden demnach in Italien hergestellt und verbreiteten sich von dort über die Ägäis in den östlichen Mittelmeerraum. Die typisch italischen Violinbogenfibeln wurden dagegen lokal in der Ägäis und der Levante hergestellt und wurden wohl von Auswanderern getragen, die zu Seevölkergruppen gehörten. Verschiedene Auswanderungswellen bildeten dann in einem Dominoeffekt den Seevölkersturm.
Mehofer und Jung (2013) sehen in ihren Untersuchungen eine Allianz zwischen italischen Ethnien und den zerfallenden mykenischen Stadtstaaten. Um 1200 v. Ztr. kollabierte die mykenische Palastkultur. Sie zerfiel in Stadtstaaten. Diese orientierten sich unter anderem an italischen Ethnien, die eine fortschrittliche Kriegstechnik entwickelt hatten. Mehofer und Jungs Neuwertung der bronzezeitlichen Funde aus Griechenland, Zypern, der Levante und Ägypten zeigen, daß etwa die Waffen nicht aus den jeweiligen Regionen stammen, sondern der Urnenfelderkultur Mitteleuropas (etwa 1300-800 v. Ztr.) zuzurechnen seien. So zeige sich seit dem 13. Jahrhundert v. Ztr. ein nachweisbarer Funktionswandel von den reinen Stich- zu den Hiebschwertern. So waren die in Mitteleuropa und Italien produzierten Griffzungenschwerter des Typs Naue II effektivere Waffen. Derartige Waffen verwendeten auch die Seevölker. Im östlichen Mittelmeer wurde bis ins 13. Jahrhundert v. Ztr. hauptsächlich mit Stichschwertern gekämpft, die funktionell dem neuzeitlichen Rapier oder Degen ähnelten. Die Kriegswerkzeuge des Typs Naue II hingegen konnten sowohl als Hieb- wie auch als Stichwaffen verwendet werden. Solche Waffensysteme waren den griechischen, levantinischen und ägyptischen Waffen überlegen, was zum militärischen Erfolg der Seevölker beitrug.

Hier auf dem Blog behandelten wir schon Hinweise darauf, daß das Volk der Phryger im Zusammenhang mit dem Seevölkersturm von der Lausitz aus über Thrakien nach Mittelanatolien eingewandert sein könnte (Stg20). Nun lesen wir in einer neuen archäogenetischen Studie, entstanden einmal erneut rund um die dänische Forschungsgruppe von Eske Willerslev und in Zusammenarbeit mit dem dänischen Archäologen Kristian Kristiansen, daß dieser Eroberungszug von der Slowakei und von Böhmen ausgehend auch archäogenetisch charakterisiert werden kann und - wie ebenfalls schon 2021 festgehalten - bis auf die britischen Inseln hin weiter verfolgt werden kann (1). 

Abb. 5: Eine mit Mauerwerk befestigte Siedlung der Daker in Siebenbürgen, dahinter aufgespießte Schädel, womöglich getötete Römer aus dem vorhergehenden Kriegszug des Domitian gegen die Daker, im Vordergrund geschlagene Daker, vermutlich Nachkommen der Urnenfelder-Kultur (aus: Stg2019)

Die neue Studie setzt aber thematisch zunächst tausend Jahre früher ein.

Die Glockenbecher-Kultur entstand um 2460 v. Ztr. in Nordfrankreich

Und zwar beim Zeitpunkt der Ethnogenese der Glockenbecher-Kultur und damit vermutlich der Ur-Italo-Kelten tausend Jahre zuvor, um 2460 v. Ztr., und zwar - offenbar - in Nordfrankreich (!) (1):

Wir verglichen zunächst die räumlich-zeitlichen Wahrscheinlichkeits-(bzw. "Kriging"-)Ergebnisse um 2300 v. Ztr., als die mit der Glockenbecher-Population verbundene Abstammung ihren ersten Höhepunkt erreichte, mit 500 v. Ztr., als die schriftlichen Aufzeichnungen die geografische Verbreitung der Kelten in ganz Europa dokumentieren. Während dieser Zeit blieb das Ausbreitungsgebiet der mit der Schnurkeramik verbundenen Abstammung unverändert (Abb. 2A, D), während sich die mit der Glockenbecher-Kultur verbundene Abstammung ausbreitete (Abb. 2B, E) und die mit den europäischen (mittelneolithischen) Bauern verbundene Abstammung ihr vormaliges Übergewicht verlor (Abb. 2C, F).
We first compared the spatio-temporal kriging results at around ~4300 BP, when ancestry associated with Bell Beaker population first peaks, to ~2500 BP, where the written record documents the geographical distribution of Celtic across Europe. During this period, the range of Corded Ware-related ancestry remains stable (Fig. 2A, D), but Bell Beaker-related ancestry expands (Fig. 2B, E) and European Farmer-related ancestry contracts, correspondingly (Fig. 2C, F).

Dieser Umstand war uns ja schon vor genau einem Jahr hier auf dem Blog so bedeutsam, ebenfalls erarbeitet anhand einer da,aöogem Archäogenetik-Studie aus der Gruppe um Eske Willerslev. Denn er gewährt einen völlig neuen Blick auf die wenig "dynamische" "germanische" Geschichte bis in die Römische Kaiserzeit hinein (Stg2024). Wir lesen nun weiter (1):

Basierend auf direkter Probenentnahme finden wir frühe Belege für Glockenbecher-Vorfahren in Frankreich ab 2463 v. Ztr., in den Niederlanden ab 2384 v. Ztr., auf den Britisch-Irischen Inseln ab ca. 2300 v. Ztr. (England: 2333 v. Ztr., Schottland: 2312 v. Ztr., Irland: 1906 v. Ztr.) und in Südeuropa ab ca. 2300 v. Ztr. (Spanien 2367 v. Ztr., Portugal 2158 v. Ztr., Italien 2212 v. Ztr.). Obwohl sie zu einer ähnlichen Zeit auftraten, ist der Anteil der Glockenbecher-Vorfahren in Frankreich, Spanien und Italien geringer als in Großbritannien und den Niederlanden (Ergänzende Abbildung S1.5).
Based on direct sampling, we find early evidence of Bell Beaker-related ancestry being present in France by 4463 BP, the Netherlands by 4384 BP, on the British-Irish Isles by ~4300 BP (England: 4333 BP, Scotland: 4312 BP, Ireland: 3906), and reaching southern Europe by ~4300 BP (Spain 4367 BP, Portugal 4158 BP, Italy 4212 BP). Despite occurring at a similar time, the proportion of Bell Beaker-related ancestry in France, Spain and Italy is less than that of Britain and the Netherlands (Supplementary Fig. S1.5).

Man kann damit vielleicht folgendes sagen: Die germanischen Völker in Skandinavien und Norddeutschland entstanden um 3.000 v. Ztr. mit der Zuwanderung der Schnurkeramiker. Diese germanischen Völker lebten dann für viele Jahrtausende einfach in Skandinavien, ohne daß sich ihre Genetik in größerem Umfang ausbreitete oder sich ihr Verbreitungsraum verringerte. Auch dank zweier welthistorisch bedeutsamer Schlachten, nämlich der an der Tollense um 1250 v. Ztr. und dank der Schlacht bei Kalkriese im Jahre 9 n. Ztr.. 

Abb. 6: Das Köpfen und Ermorden der Kriegsgefangenen bei der Eroberung Armeniens durch die Jamnaja - Silberbecher von Karashamb in Armenien, um 2.200 v. Ztr (s. Stg2023)

Die italo-keltische Völkergruppe entstand also an der Südgrenze des germanischen Verbreitungsraumes zeitgleich zur Entstehung der antiken Griechen. Und mit dieser italo-keltischen Völkergruppe kam offenbar für die nächsten drei Jahrtausende eine weitere Steigerung der Dynamik in die Völkergeschichte Europas. Über dreitausend Jahre hinweg wird die europäische Geschichte von den Kelten dominiert - nicht von Germanen. 

Es wäre übrigens mehr als naheliegend, für die Zeit um 2.300 v. Ztr. ebenfalls Abwehrschlachten der germanischen Völker gegen die italo-keltischen Glockenbecher-Leute anzunehmen. Diese werden einmal siegreicher, einmal weniger siegreich gewesen sein. Wir hörten hier auf dem Blog ja schon davon, daß die Glockenbecher-Leute als erste den Skagerrak direkt durchpaddelt haben. Das war für die damalige Zeit eine große seemännische Leistung. Und sie kamen damit zeitweise bis Norwegen (Stg2022). Aber sie haben dort dann aber offenbar doch keine Genetik hinterlassen. Vielleicht haben die Schnurkeramik-Nachfahren in Norwegen und Dänemark schließlich doch erbarmungsloser gegen sie zugeschlagen, als das bis heute bekannt geworden ist. Zeitgleich scheinen die Schnurkeramik-Nachfahren aber im Böhmischen Becken erbarmungslos ausgerottet worden zu sein (zumindest die Männer).

In Südeuropa tritt die (italo-keltische) Glockenbecher-Herkunft vermutlich insbesondere deshalb in geringerem Umfang auf, weil Südeuropa schon damals dichter besiedelt war und sich hier diese genetische Herkunft nicht ganz so leicht und stark durchsetzen konnte - in einer Art Replacement-Vorgang - wie auf den britischen Inseln oder auch in Teilen Mitteleuropas (z. B. in Böhmen).

In Nordfrankreich - Die gnadenlosen Ur-Italo-Kelten entstehen

Daß sich die Ethnogenese der frühen italo-keltischen Glockenbecher-Kultur in Nordfrankreich vollzogen hat. hören wir übrigens in dieser Studie zum ersten mal in der Literatur überhaupt. Offenbar ist dieser Entstehungsraum bislang noch nicht für die Glockenbecher-Kultur angenommen worden. Wir lesen weiter (1):

Weiter östlich ist die Schnurkeramik-Kultur der Glockenbecher-Kultur zeitlich voraus gegangen. Der Übergang (von ersterer zu letzterer) spiegelt sich genetisch wider, wobei die mit der Glockenbecher-Kultur verbundenen Individuen der Verbreitungsgrenze der mit der Schnurkeramik verbundenen Individuen folgen oder sich mit deren Ausbreitungsgrenze überschneiden. Dies ist in Deutschland (CWC-verwandt 2703-2358 v. Ztr., BB-verwandt bis 2439 v. Ztr.), Ungarn (BB-verwandt bis 2299 v. Ztr., andere CWC-verwandte aus derselben Zeit), der Tschechischen Republik (CWC-verwandt 2739-2477 v. Ztr., BB-verwandt bis 2333) und Polen (CWC-verwandt 2705-2239 v. Ztr., BB-verwandt bis 2250 v. Ztr.) zu beobachten. Darüber hinaus fanden wir in allen Regionen eine starke zeitliche Korrelation zwischen der Ankunft der mit den Glockenbecher-Leuten verwandten Herkunft und der Y-chromosomalen Haplogruppe R-P312, was die Verbindung zwischen beiden bestätigt (Supplementary Note S3).
Further east, the Bell Beaker period was preceded by the Corded Ware Culture. This transition is mirrored genetically in which the Bell Beaker-related individuals follow, or overlap with the end of, the temporal distribution of Corded Ware-related individuals. This is seen in Germany (CWC-related 4703–4358 BP, BB-related by 4439), Hungary (BB-related by 4299 BP, other CWC-related from the same time), Czech Republic (CWC-related 4739–4477 BP, BB-related by 4333), and Poland (CWC-related 4705–4239 BP, BB-related by 4250 BP). Additionally, in all regions, we found a strong temporal correlation between the arrival of Beaker-related ancestry and Y-chromosome haplogroup R-P312, confirming their association (Supplementary Note S3). 

Die Glockenbecher-Kultur ("Bell Beaker", deshalb "BB") ist also offenbar in Nordfrankreich entstanden und hat sich schon zehn Jahre später über Wallonien und Flandern bis an den Rhein ausgebreitet. Im Böhmischen Becken tritt sie einhundert Jahre später auf, in Ungarn noch einmal dreißig Jahre später, in Schlesien noch einmal 50 Jahre später. Eine solche schnelle demographische Ausbreitung muß zugleich aber auch daran liegen, daß die Menschen dieser Kultur sehr kinderreich gewesen sind.

Mit dieser Herkunft tritt ein neuer Y-chromosomaler Haplotyp auf, was darauf schließen läßt, daß die vorher in diesen eroberten Regionen lebenden Männer in größerem Umfang erschlagen worden sind. Dabei scheint es keine Rolle gespielt zu haben, ob die Feinde in ähnlichen Anteilen Steppengenetik in sich trugen (wie die Schnurkeramiker) oder nicht. Dieser Umstand ist schon 2021 in einer archäogenetischen Studie für Böhmen charakterisiert worden. Schon in dieser Studie war festgestellt worden (zit. n. Stg2021):

Sowohl die Schnurkeramiker wie die Glockenbecher-Leute durchliefen zwischen 2600 und 2400 v. Ztr. Veränderungen, die mit einschlossen einschneidende Rückgänge und vollständigen Austausch in der Vielfalt ihrer Y-Chromosomen.

Die Ur-Kelten scheinen also nicht gerade "zimperlich", sondern vielmehr ziemlich gnadenlos mit ihren Feinden umgegangen zu sein. Vielleicht waren sie auch schon "Kopfjäger" wie noch ihre Nachfahren in der Eisenzeit (Wiki) (s.a. Wiki) (Abb 1 und 2). Übrigens sind zur gleichen Zeit - 2.300/2.200 v. Ztr. - Armenien und Griechenland von den Jamnaja-Leuten erobert worden. Und vieles deutet darauf hin, daß diese Eroberungen ähnlich grausam vonstatten gingen wie die Eroberung Böhmens durch die Glockenbecher-Leute (Abb. 3) (s. Stg2023). 

Abb. 7: Ausrüstungsteile erschlagener Feinde - Präsentiert in einem Relief vom Osttor von Side an der Südküste der Türkei, 650 v. Ztr., ausgegraben aus den Dünen in den 1980er Jahren, heute im Museum von Side (eig. Aufn.) (aus: Stg2016)

Das Zurschaustellen von Ausrüstungsteilen erschlagener Feinde findet sich um 650 v Ztr. auch im anatolisch-indogermanischen Side an der Südküste der Türkei (Abb. 4).

Von wo stammten die Kelten, die um 1100 v. Ztr. die britischen Inseln eroberten?

Es werden dann die unterschiedlichen Herkunftsregionen der keltischen Zuwanderungen auf die britischen Inseln in verschiedenen Jahrhunderten charakterisiert anhand der jeweils vorherrschenden, bzw. hinzukommenden, regionalen mittelneolithischen Bauernkomponente. Das haben wir hier auf dem Blog in den Grundzügen auch schon anhand einer Studie von 2021 behandelt (Stg2021). Es heißt dazu (1):

Die Veränderungen in der (mittelneolithisch-)bäuerlichen Abstammung deuten auf Migrationen aus bestimmten Regionen Europas hin, in denen die jeweilige lokale (mittelneolithisch-)bäuerliche Abstammung vorherrschend war.
The changes in Farming ancestry present are suggestive of migrations from distinct regions of Europe in which local farming ancestry was incorporated.

Sprich, der Steppengenetik-Anteil unterscheidet sich nicht so stark wie der mittelneolithische bäuerliche Herkunftsanteil regional und deshalb kann man an letzteren die Zusammenhänge besser erkennen. Es gab auf den britischen Inseln Zuwanderungen aus Nordspanien ebenso wie aus Nordfrankreich. Und am Ende sogar aus Norditalien - laut dieser Studie. Auch in Nordfrankreich wird in der Eisenzeit ein Anstieg von italienischer mittelneolithischer Bauerngenetik festgestellt. Im Böhmischen Becken wird ein Anstieg dieser italienischen mittelneolithischen Bauerngenetik für die Zeit 1200 bis 800 v. Ztr. festgestellt. Es wird ausgeführt (1):

Durch eine weitere Aufschlüsselung der kulturellen Phasen der Region stellen wir fest, daß dieses Abstammungsprofil im Böhmischen Becken bereits ab 1300 v. Ztr. bei Personen auftrat, die mit der Tumulus-Kultur in Verbindung stehen, und sich bis in die Knovíz- und Hallstattzeit fortsetzte (Extended Data Fig. 1).
By splitting further into the cultural phases for the region, we find that this ancestry profile in the Czech Republic occurred by 1300 v. Ztr., in individuals associated with the Tumulus Culture and continuing into the Knovíz and Hallstatt Periods (Extended Data Fig. 1). 

Im Englischen bezeichnet "Tumulus-Kultur" (Wiki) die Nachfolge-Kultur der Aunjetitzer Kultur in Mitteleuropa. Im Deutschen wird diese als "Süddeutsche Bronzezeit" oder auch als "Hügelgräberzeit" (Wiki) bezeichnet. 

In diesen Regionen breiteten sich also Menschen mit Genetik der Urnenfelder-Kultur vom Balkan her aus. Und in Zusammenhang mit dieser Urnenfelder-Kultur stehen dann auch die sogenannten "Goldhüte" (Wiki). Vielleicht wäre es deshalb anschaulicher, die Urnenfelder-Kultur die "Goldhut-Kultur" zu nennen (Stg2011).

Die hier erwähnte Knovízer Kultur (1300-800 v. Ztr.) (Wikiengl) ist eine Untergruppe der Urnenfelder-Kultur und ist nach dem Dorf Knoviz in der Nähe von Prag an der Elbe benannt, gelegen im Böhmischen Becken. Von der zeitgleichen Lausitzer Kultur in Schlesien und im Oder- und Weichselraum war die Knovizer Kultur in Böhmen durch einen Streifen unbesiedelten Landes getrennt (s. Wiki).

Um besser zu verstehen, wie sich diese mit (mittel-)neolithischen Bauern in Zusammenhang stehenden Abstammungen während der Bronze- und Eisenzeit weiter verbreiteten, führten wir eine räumlich-zeitliche Wahrscheinlichkeits-(Kriging-)Analyse der IBD-Mixture-Modelling-Ergebnisse für diese Abstammungen durch (Extended Data Fig. 2). Für alle drei unterscheidbaren (mittelneolithischen) europäischen Bauern-Herkünfte sehen wir, daß ihr Herkunftsanteil im Laufe der Zeit abnimmt. Während wir eine allgemeine Verringerung der Reichweite der britischen und französisch-iberischen mittelneolithischen Herkünfte beobachten, stellen wir fest, daß sich die mittelneolithisch-italienische und die bronzezeitlich-anatolische Herkunft in diesen Zeiträumen ausbreitet.
To understand how these Neolithic Farmer-related ancestries spread during the Bronze and Iron Age more broadly, we performed spatio-temporal kriging on the IBD Mixture Modelling results for these ancestries (Extended Data Fig. 2). For the three European Farmer related ancestries, we see the proportion of ancestry modelled decreasing through time. However, while we see a general range reduction of the British and French/Iberian Neolithic-related ancestries, we find an increase in the geographical range of the Italian Neolithic-related and Bronze Age Anatolian-related ancestries throughout these periods.

Und weiter (1):

Wir stellen fest, daß bronzezeitliche französisch-iberische Herkunft in England während der mittleren Bronzezeit auftaucht und daß die ungarisch-serbische bronzezeitliche Herkunft während der Eisenzeit weit verbreitet war (Abb. 4). In der Tschechischen Republik stellen wir fest, daß fast alle Individuen aus der Spätbronzezeit mit einem großen Anteil ungarischer/serbischer Abstammung modelliert werden können.
We find the appearance of Bronze Age French/Iberian ancestry appearing in England during the Middle Bronze Age, and the Hungarian/Serbian Bronze Age reaching widespread distributions during the Iron Age (Fig. 4). In the Czech Republic, we find almost all individuals being modelled with a large proportion of Hungarian/Serbian ancestry during the Late Bronze Age.

Und (1):

Der Einfluß der Knovíz-bezogenen Abstammung ist besonders hoch in Frankreich, Deutschland und der Tschechischen Republik. In Österreich stellen wir an der gleichnamigen Ausgrabungsstätte von Hallstatt eine beträchtliche genetische Vielfalt fest, wobei Individuen mit besonders hohen Anteilen von entweder Knovíz- oder ungarisch/serbischer Abstammung aus der Bronzezeit modelliert wurden, also ähnlicher zu Herkunft aus Ungarn, Slowenien und der Slowakei, wo die ungarisch/serbische Abstammung aus der Bronzezeit als in hohen Anteilen vorliegend modelliert werden kann. (...) In England werden Individuen von der Spätbronzezeit bis zur Völkerwanderungszeit hauptsächlich von britisch-irischen Vorfahren aus der Bronzezeit modelliert, mit einigen Knovíz- oder französisch/iberischen Vorfahren aus der Bronzezeit (Supplementary Fig. S1.9).
The impact of Knovíz-related ancestry is particularly high in France, Germany and the Czech Republic. In Austria, we note considerable diversity at the eponymous Hallstatt site, with individuals modelled with particularly high proportions of either Knovíz or Hungarian/Serbia Bronze Age-related ancestry, more similar to Hungary, Slovenia and Slovakia, where the Hungarian/Serbian Bronze Age-related ancestry is modelled in high proportions. (...) In England from the Late Bronze Age until the Migration Period, individuals tend to be modelled primarily by the British-Irish Bronze Age ancestry, with some Knovíz or French/Iberian Bronze Age-related ancestry (Supplementary Fig. S1.9).

Soweit zur damit also vermutlich noch weiter zu differenzierenden "inneren" Geschichte der Urnenfelder-Kultur und der auf sie folgenden keltischen Kulturen. Es wird deutlich, daß mit dieser neuen archäogenetischen Studie da noch manche Details tiefenschärfer ausgeleuchtet werden können, was wir an dieser Stelle aber erst einmal übergehen wollen.

/ Ergänzung 1.3.26 / Um 2.200 v. Ztr. begann in Europa, im Vorderen Orient und in Asien die große Ära der Streitwagen (Stg2021) (Wiki).

Abb. 8: Streitwagen der Eisen-, bzw. Bronzezeit - Bronzemodell aus Göchebi (Dedoplistsqaro), Georgien, erste Hälfte des 1. Jahrtausends v. Ztr., Sighnaghi-Museum, Georgien (Wiki)

Jeder Gedanke auch an die europäische Bronzezeit wird sofort viel anschaulicher, wenn man sich klar macht, daß zu dieser Zeit sowohl Rinderwagen - für den Transport - wie Streitwagen - für die Kriegsführung - verwendet worden sind. Und daß die Geschwindigkeit dieser Fortbewegungsmittel den Alltag ebenso wie die Kriegsführung bestimmte. Im Grunde macht es Sinn, an den Anfang jeden Blogartikels über die europäische Bronzezeit das Bild eines solchen Streitwagens zu stellen (Abb. 8). Denn sofort taucht ein ganz anderes Bild der bronzezeitlichen Gesellschaften vor dem inneren Auge auf.

Die Verwendung der Streitwagen für den Krieg endete im Mittelmeer-Raum um 750 v. Ztr., auf den britischen Inseln waren sie noch zur Zeit der Ankunft Cäsars im Gebrauch.

Urnenfelder-Genetik in Nordostspanien

/ Ergänzung 5.9.2025 / 2.300 v. Ztr. hatte sich die Glockenbecher-Kultur von Nordfrankreich bis nach Spanien ausgebreitet (Stg2021Stg2024), vielleicht gelangte auch die Aunjetitzer Kultur aus dem Raum zwischen Elbe und Weichsel bis nach Spanien (Stg2025). Und ab 1.100 v. Ztr. hat sich die Urnenfelder-Kultur vom heutigen Serbien aus auch bis nach Nordostspanien, bis nach Katalonien ausgebreitet. Dortige Menschenfunde weisen zu 18 bis 30 % dieselbe genetische Herkunft auf wie Menschen der Urnenfelderkultur im heutigen Deutschland und im heutigen Böhmen (3). Die Y-chromosomalen Haplotypen ändern sich aber in Nordost-Spanien durch die neue Genetik gar nicht. Die Genetiker gehen deshalb davon aus, daß die zuwandernden Urnenfelder-Leute in Nordostspanien zum Beispiel aus dem südlichen Frankreich kamen und nicht direkt aus Böhmen.

Mitteleuropäische Genetik in Dänemark und Schweden nach 375 n. Ztr.

In der Völkerwanderungs- und Wikingerzeit nach 375 n. Ztr. kamen interessanterweise Menschen aus Mitteleuropa nach Dänemark und Südschweden, die geringe Teile von Urnenfelder-Genetik in sich trugen (1):

Der Zustrom kleiner Anteile kontinentaler Abstammung wird als Abstammung aus der Bronzezeit in Knovíz und Ungarn/Serbien modelliert, wobei die britisch-irische Bronzezeit und die französische/iberische Bronzezeit im Allgemeinen fehlen. Daher können wir die Niederlande, Frankreich, Großbritannien und Irland als Quelle dieser kontinentalen Abstammung ausschließen und auf eine weiter östlich gelegene Ursprungsregion schließen. Dies steht im direkten Gegensatz zu Norwegen, wo hohe Anteile der britisch-irischen Abstammung aus der Bronzezeit bei den meisten Personen mit nicht-lokaler Abstammung festgestellt werden, was mit früheren Studien übereinstimmt.
The influx of small proportions of continental ancestry is modelled as Knovíz and Hungary/Serbia Bronze Age-related ancestry, generally lacking British-Irish Bronze Age and French/Iberian Bronze Age. As such, we can exclude the Netherlands, France, Britain and Ireland as a source of this continental ancestry, and infer a source region further east. This stands in direct contrast to Norway, where high proportions of the British-Irish Bronze Age-related ancestry are detected in most individuals with non-local ancestry, consistent with previous studies.

Es gibt einerseits Hinweise auf eisenzeitliche Eroberungsversuche germanischer Stämme aus Norddeutschland, die Richtung Dänemark vorgestoßen sind. Aber vielleicht kamen Menschen dieser Herkunft eher noch im Rahmen des Sklavenhandels der Wikinger über Osteuropa hinweg nach Skandinavien? Solche Herkunft sollte es ja auch in Norddeutschland damals - vermutlich - nicht gegeben haben. Übrigens dürfte es viel Sinn machen, auch für die Urnenfelder-Kultur umfangreichen Sklavenhandel anzunehmen, ein Aspekt, der vermutlich auch leicht vergessen wird.

Im Diskussions-Teil der Studie werden unsere eigenen obigen Annahmen, Deutungen und Schlußfolgerungen bezüglich der Eroberungszüge der Urnenfelder-Kultur dann noch einmal ausdrücklich voll bestätigt. Und das dürfte unter anderem auf Kristian Kristiansen zurück gehen (1):

Die nordwärts gerichtete Expansion von Mitteleuropa nach Norddeutschland und Südskandinavien endete offenbar in einer bedeutenden Niederlage. Dies legt die Schlacht an der Tollense um 1.200 v. Ztr. nahe und wird auch durch das Fehlen von Knovíz-Herkunft in Skandinavien vor der Völkerwanderungszeit deutlich.
The northward expansion from Central Europe into northern Germany and southern Scandinavia appears to have culminated in a significant defeat, as suggested by the Tollense battle around 3200 BP and evident also from the lack of Knovíz related ancestry in Scandinavia prior to the Migration Period.

Wir dürfen also sagen: Bollwerk Germanien gegenüber der italo-keltischen Völkergruppe um 2.300 v. Ztr., um 1250 v. Ztr. und 9 n. Ztr.. Allerdings wollen wir bei Gelegenheit auch noch einmal den keltischen Kultureinflüssen auf die nordische Bronzezeit nachgehen, auf die wir etwa letztes Jahr im Museum in Kopenhagen gestoßen waren. Man wird sagen dürfen: Als Heiratspartner waren die Angehörigen der italo-keltischen Völkergruppe bis 375 n. Ztr. in "Germanien" nicht gern gesehen. Aber als Händler vermutlich doch. Vielleicht haben auch germanische Fürsten, die sich in den Dienst keltischer Könige gestellt haben, "Beute" und Kulturgüter mit nach Germanien gebracht.

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  1. Tracing the Spread of Celtic Languages using Ancient Genomics. Hugh McColl, Guus Kroonen, Thomaz Pinotti, John Koch, Johan Ling, Jean-Paul Demoule, Kristian Kristiansen, Martin Sikora and Eske Willerslev (bioRxiv. posted 1 March 2025) 10.1101/2025.02.28.640770
  2. Cavazzuti, C., Arena, A., Cardarelli, A., Fritzl, M., Gavranović, M., Hajdu, T., ... & Szeverényi, V. (2022). The First ‘Urnfields’ in the Plains of the Danube and the Po. Journal of World Prehistory, 1-42 (Springer)
  3. Bretos Ezcurra, M., Rohrlach, A.B., Papac, L. et al. (Roberto Risch, Johannes Krause, Wolfgang Haak) Genomic insights from a final Bronze Age community buried in a collective tumulus in an Urnfield settlement in Northeastern Iberia. Commun Biol 8, 1299 (2025). https://doi.org/10.1038/s42003-025-08668-7, Published 28 August 2025 (Nature)

Sonntag, 25. Oktober 2020

Die Phryger (1100-500 v. Ztr.) - Stammten sie aus der Lausitz?

Der Balkan und die Lausitz als Heimat eines der Seevölker ....

Eine neue steinerne Inschrift des späthethitischen Königs Hartapu (Wiki, engl) aus dem 8. Jahrhundert v. d. Ztr. ist 2019 von einem türkischen Bauern gefunden worden (1, 2). 

Abb. 1: Phrygische Krieger - Detail aus einer Rekonstruktion eines phrygischen Gebäudes in Pararli, Türkei, 7.  bis 6. Jhdt. v. Ztr. (Wiki)

Sie stammt also aus derselben Zeit, in der die "Ilias" des Homer entstand. Der König Hartapu eroberte das Land Muska (Wiki). Mit Muska ist Phrygien gemeint. Phrygien lag im Zentrum Kleinasiens, 80 Kilometer westlich des heutigen Ankara.

Interessant ist, was schon alles auf Wikipedia über die Phryger verzeichnet ist. Danach stammen sie vielleicht sogar aus der Lausitz und sind im Zuge des Seevölkersturms um 1200 v. Ztr. über den Balkan nach Anatolien gewandert. In der Ilias des Homer sind die Phryger als Verbündete der Trojaner angeführt. Teile der Phryger seien - nach der Ilias - nach dem Fall Trojas nach Italien ausgewandert und hätten dort die Stadt Padua gegründet. Als Hauptstadt der Phryger in Anatolien gilt Gordion, eine zuvor von Hethitern bewohnte Stadt. Seit einigen Jahren sind die Phryger auch archäologisch besser faßbar und verstanden als das Jahrhunderte zuvor der Fall gewesen war. Wir erfahren (Wiki):

Die Muški/Muschki werden in den Annalen von Tiglat-Pileser I. (ca. 1114–1076 v. Chr.) genannt. Im ersten Jahr seiner Herrschaft kämpfte er gegen Muški, die unter dem Befehl von fünf Königen standen, am oberen Euphrat-Bogen. Seinen Berichten nach hatten sich die Muški bereits fünf Jahrzehnte zuvor in Ostanatolien niedergelassen. (...) Mindestens zwei antike Quellen berichten, daß die Phryger vor ihrer Auswanderung aus dem Balkan noch den Namen Bryger gehabt hätten. (...) Fakt ist, daß es intensive ionisch-thrakische Wechselwirkungen gab, in deren Folge europäische Stämme nach Anatolien eingewandert, aber auch umgekehrt anatolische Stämme nach Europa eingewandert sind. (...) Gordion ist wahrscheinlich bereits im 12. Jahrhundert v. Chr. - nur kurz nach der Aufgabe der hethitisch geprägten Stadt - wieder besiedelt worden. Die Keramik der neuen Bewohner weist teilweise starke Ähnlichkeiten zur ungefähr gleichzeitigen Buckelkeramik aus Troja, Schicht VIIb2 (12./11. Jahrhundert v. Chr.) auf. Vergleichbare Keramik findet sich häufig im Gebiet von Thrakien, Dakien, der mittleren Donau und sogar bis nach Mitteleuropa (z. B. Lausitz). Da die Hethiter bereits Keramik mit der Töpferscheibe herstellten, ist der Ursprung dieser Handgemachten Keramik vermutlich in Europa zu suchen.

Hier haben wir also erneut den Hinweis auf ein Volk, das im Zusammenhang mit dem Seevölkersturm um 1200 v. Ztr. von Mitteleuropa aus nach Kleinasien gelangt ist. Wir erfahren weiter (Wiki):

Nach griechischen und assyrischen Quellen muß das Phrygerreich in der zweiten Hälfte des 8. Jahrhunderts v. Chr. von großer Bedeutung gewesen sein. Legendär sind mehrere Könige mit den Namen Gordios und Midas in griechischen Schriften. Der historische Midas von Phrygien ist aus griechischen Quellen gut bekannt. Er heiratete eine Griechin und spendete in Delphi einen kostbaren Thron. In assyrischen Annalen taucht erstmals 738 v. Chr. ein gewisser Mita von Muschki auf. (...) In den Annalen Sargons (ca. 722–705) ist Mita an verschiedenen Stellen erwähnt. Zwar wurde er letztlich tributpflichtig, bemerkenswert ist jedoch die Tatsache, daß das Phrygerreich sowohl geographisch (Ostanatolien) in den Blickpunkt der Assyrer geriet, als auch, daß Mita als bedeutender Herrscher und Taktierer galt. Man kann daher berechtigterweise von einem phrygischen Großreich sprechen.

Nun weist die schon genannte, 2019 entdeckte, späthethitische Inschrift aus dem 8. Jahrhundert auch eine Weltauffassung auf, wie sie in der "Ilias" zu finden ist, nämlich daß die Götter eng mit den Menschen, bzw. Königen und Heerführern "zusammen arbeiten". Die Inschrift lautet, hier übersetzt nach der englischsprachigen Ausdeutung (1):

Als Großkönig Kartapu, Held und Sohn des Mursili, das Land Muška eroberte, kam der Feind in das Land herunter. Aber der Sturmgott des Himmels und alle die Götter gaben seine 13 Könige in die Hände seiner Majestät, des Großkönigs Hartapu. In einem einzigen Jahr unterwarf er die 13 Könige und alle ihre Waffenträger der Autorität von zehn stark befestigten Burgen. Und dort sind sie die Statthalter seiner Majestät ...
Englisch: When Great King Kartapu, Hero, son of Mursili, conquered the country of Muška, the enemy descended upon (his) territory (lit. came down into the land), but the Storm God of Heaven (and) all the gods delivered (its) 13 kings (to) His Majesty, Great King Hartapu. In a single year he placed the 13 kings, the(ir) weapons (= troops?), and wild beasts?? under (the authority of) ten strong-walled fortresses. And th[ey (?)] are there (as) His Maje[sty’s] Chiefs(?)-of-the ...

"Der Sturmgott des Himmels und alle die Götter gaben seine 13 Könige" also "in die Hände seiner Majestät", so wie Adolf Hitler glaubte, von der Vorsehung geführt worden zu sein. Damals, vor 2.800 Jahren, stand eine solche Leitung durch die Vorsehung der Götter noch nicht so stark im Widerspruch mit einem wissenschaftlichen Weltbild wie das spätestens für die Zeit seit dem 18. Jahrhundert gelten muß ....

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  1. Goedegebuure, P., Van den Hout, T., Osborne, J., Massa, M., Bachhuber, C., & Şahin, F. (2020). TÜRKMEN-KARAHÖYÜK 1: A new Hieroglyphic Luwian inscription from Great King Hartapu, son of Mursili, conqueror of Phrygia. Anatolian Studies, 70, 29-43. doi:10.1017/S0066154620000022
  2. https://twitter.com/Sasseville20/status/1313841615837032448

Freitag, 18. Oktober 2019

Der große europäische Krieg, der zum Seevölkersturm führte

Zusammenfassung: Der angesehene dänische Archäologe Kristian Kristiansen gab 2015 (6) folgendes zusammenfassendes Bild zur europäischen Spätbronzezeit: Ein Großreich des Karpatenbeckens griff den süddeutschen Raum an und unterwarf das dortige Großreich. Gemeinsam mit den dort neu gewonnenen Unterworfenen und Verbündeten griff dieses Großreich das Reich der Atlanter im Nordseeraum an. In der Schlacht an der Tollense um 1280 v. d. Ztr. konnte sich das Nordseereich erfolgreich verteidigen. Das Großreich des Karpatenbeckens hat sich in der Folgezeit expansiv nach Süden gewandt. Zur gleichen Zeit geriet das Reich der Atlanter mit seinen starken Kriegsschiffen in Bewegung. Der Seevölkersturm auf den Mittelmeerraum - zu Lande und zu Wasser - begann.

Themen dieses Beitrages in Kurzform:
  • Großreiche Europas 1300 bis 1200 v. Ztr. aus Sicht der heutigen Forschung
  • "Eine Variante der mykenischen Hochkultur" im Nordseeraum (Zitat Kristiansen)
  • Ein Bild der politischen Geschichte Europas der Bronzezeit, das es so konkret noch nie gegeben hat
  • Denkbare, plausible Schlußfolgerung desselben: Mittel- und Nordeuropa als Ausgangspunkte des Seevölker-Sturmes

Um 1200 v. Ztr. führte der sogenannte "Seevölker-Sturm" (Wiki) zu einem Epochenwechsel im Mittelmeerraum. Mehrere Großreiche gingen unter, Großstädte und Paläste wurden in Schutt und Asche gelegt, neue Kulturräume entstanden. Schon seit vielen Jahrzehnten macht man sich in der Forschung Gedanken darüber, wo das sagenumwobene "Atlantis" (Wiki), das vermutlich die Heimat der Seevölker bildete, gelegen hat. In den 1950er Jahren war es ein evangelischer Pfarrer aus Schleswig-Holstein, Jürgen Spanuth (1907-1998) (Wiki), der vorschlug, die Heimat der Seevölker könnte im Nordsee-Raum gelegen haben. Aber ihm schlug damals die gebündelte Macht der deutschen Facharchäologen entgegen, die damals auf größtmögliche Distanz gehen wollten auf ihre eigene biographische Verwurzelung im Dritten Reich und Prägung dadurch. Das "durfte" also nicht sein. Denn zu viel an dieser These erinnerte an Ideologie-Elemente aus der Zeit des Dritten Reiches. Seither ist die These von Jürgen Spanuth mehr oder weniger vermintes Gelände. Von Seiten der Fachwissenschaft findet sein Name, soweit übersehbar, in ernsthaften Erörterungen bis heute keine Erwähnung mehr.

Abb. 1: Chronologie und räumliche Verbreitung des Griffzungenschwertes Typ "Naue II" (aus: 6)

Jahrzehnte lang gab es bezüglich solcher Fragen in der Sache selbst auch kaum nennenswerte Erkenntnisfortschritte. Zwar äußerte sich in der Fachliteratur immer einmal wieder jemand überrascht über Hinweise auf wirtschaftliche und kulturelle Zusammenhänge zwischen dem bronzezeitlichen Mittelmeerraum und dem mittleren und nördlichen Europa. Aber diese Hinweise traten jeweils noch zu vereinzelt auf und die Daten war noch nicht überzeugend genug. Dieser Umstand scheint sich gerade zu ändern.

Auch in der Archäologie akkumuliert sich über die Jahre und Jahrzehnte mehr und mehr Wissen. Und um so mehr sich ansammelt, um so eher werden ausgesprägte geographische Verteilungs-"Muster" erkennbar. Und diese fordern zu Interpretationen heraus. Ein wichtiger Fortschritt war, daß im letzten Jahrzehnt die "Bronzezeitliche Stadtgeschichte Mitteleuropas" in den Fokus der Forschung gelangt ist. Darauf haben wir in einer eigenen Blogartikel-Serie hier auf dem Blog schon vor einigen Jahren hingewiesen (u.a.: 9). Damit war jedoch noch keineswegs irgend etwas Konkretes über die Urheimat der Seevölker gesagt. Immerhin wurde dadurch erkennbar, daß Mitteleuropa in der Spätbronzezeit vermutlich viel bevölkerungsreicher besiedelt gewesen ist als sich das die Forschung Jahrzehnte lang hat vorstellen können und eingestehen wollen und als das auch aus den Bodenfunden ablesbar war.

Zuletzt war es unter anderem die Entdeckung des bronzezeitlichen Schlachtfeldes an der Tollense in Mecklenburg-Vorpommern 2007, eines Schlachtfeldes aus der Zeit nach 1300 v. Ztr. (Wiki), die neue Bewegung in die Wahrnehmungen des Gesamtbildes gebracht hat. Indem wir uns mit der neuesten Studie hierzu beschäftigen, die gerade in "Antiquity" erschienen ist (1-5), erhalten wir Anstößte dazu, nach einem größeren, umfassenderen Erkenntnisrahmen für die hier neu gewonnen Einsichten (Abb. 5) zu suchen. Schon die mitgelieferte Verbreitungskarte (Abb. 5) läßt doch allzu deutlich großräumige Muster erkennen. Und indem wir nach einem solchen Rahmen suchen, stoßen wir auf die Arbeit eines angesehenen dänischen Archäologen namens Kristian Kristiansen aus dem Jahr 2015 (6). In ihr wird ein sowohl umfassendes wie zugleich auch überraschend konkretes Bild von der - geradezu - politischen Geschichte der Spätbronzezeit Europas gezeichnet. Ein Bild war so konkret zuvor niemals möglich gewesen. Wesentliche Inhalte dieser Studie aus dem Jahr 2015 sollen in diesem Blogartikel referiert werden. Zum Schluß werden wir sehen, daß sich die neuen Erkenntnisse vom Schlachtfeld an der Tollense aus diesem Jahr geradezu harmonisch und nahtlos in diesen größeren Interpretationsrahmen eingeordnen, der da schon 2015 gegeben worden war. Eine geradezu glänzende Bestätigung.

Sehr viele Erkenntnisse werden auch heute noch auf diesem Gebiet gewonnen durch die Auswertung der Verbreitung von Typen von Bronzeschwertern über ganz Europa hinweg. Dies ist zunächst die Fundgattung, die - zusammen mit anderen Hinweisen - die weitreichensten Schlußfolgerungen zuläßt.

Abb. 2: Regionen in Skandinavien mit Felszeichnungen, die Darstellungen von bronzezeitlichen Kriegsschiffen (Kriegspaddelbooten) enthalten (aus Ling 2018) ***)

Und indem wir uns damit beschäftigen, stellen wir fest, daß seit einigen Jahren der Wikipedia-Artikel zu Jürgen Spanuth immer umfangreicher geworden ist. Nachdem Spanuth Jahrzehnte lang wenig beachtet im Abseits stand, scheint es jetzt doch immer wieder Leute zu geben, die merken, daß es Grund gibt, seine Atlantis-Theorie zumindest so ernst zu nehmen, daß man sie detailliert mit dem aktuellen Stand der Forschung in Abgleich bringen sollte. Und das fällt in der einen Detailfrage einmal zu ungunsten von Spanuth aus, in der anderen Detailfrage hinwiederum zu seinen  gunsten - so wie das zwangsläufig sein muß, wenn die Forschung einige Jahrzehnte weiter gegangen ist. Keineswegs aber kann gesagt werden, daß seine These heute - sozusagen - in "Bausch und Bogen" verworfen würde oder werden könnte (Wiki). Ganz im Gegenteil. In der Arbeit von Kristiansen aus dem Jahr 2015 fällt der Name Spanuth zwar kein einziges mal (wohlweislich, vermutlich). Aber als großer Elephant steht der Name Spanuth natürlich unausgesprochen in der Mitte der Debatte und kann überall mitgelesen werden. Auf Wikipedia wird schon gleich als erster Einwand "gegen" die Spanuth-These derzeit angeführt (allerdings mit Verweis auf eine Arbeit aus dem Jahr 1993!) (Wiki):

Die Griffzungenschwerter vom Typus Naue II (= Sprockhoff II) werden von Spanuth auf Grund veralteter Quellen als "gemeingermanisch" bezeichnet und ihr Ursprung in der nordischen Bronzezeit verortet. Tatsächlich stammen die ältesten Nachweise dieser Bronzeschwerter jedoch aus Norditalien (ca. 1450 v. Chr.) und verbreiteten sich danach zunächst nach Mittel-, West- und Nordeuropa, später (um 1200 v. Chr.) über Südost-Europa nach Griechenland, die Ägäis, Kleinasien, den Nahen Osten und Ägypten. Spanuth allerdings wies nachdrücklich daraufhin, daß es nicht entscheidend sei, wo die Griffzungenschwerter ursprünglich aufkamen, sondern nur, daß sie um 1200 v. Chr. auch bei den Nord-Seevölkern und den anderen Gegnern Athens, Mykenes und Ägyptens allgemein verbreitet waren.

Und tatsächlich gehört die Häufigkeit und geographische Verbreitung von Schwerttypen in der Spätbronzezeit, sowie die Intensität ihrer Nutzung zum Kernstück der Argumentation von Kristiansen im Jahr 2015 (6).

Im Vorübergehen sei zunächst noch bemerkt, was natürlich viel breiter zu behandeln wäre, daß neueste Forschungen (dieses Jahres und früherer Jahre) tatsächlich heraus gearbeitet haben, daß die Nordische Bronzezeit das notwendige Kupfer zur Herstellung seiner reichen Bronze-Gegenstände aus dem Mittelmeerraum bezogen hat und nicht - wie noch von Spanuth vermutet - von Helgoland. Aber sogar dieser Umstand spricht insgesamt ja eher "für" als "gegen" die These von Spanuth. Denn immerhin etabliert sich auch damit derzeit immer stärker in der Forschung das Wissen, daß es engen kulturellen, wirtschaftlichen, militärischen und politischen Austausch zwischen dem Mittelmeer-Raum und dem skandinavischen Raum gegeben hat. Und genau das Wissen darum formuliert die Arbeit von Kristiansen ja nun sehr behutsam und detailliert. Und um so mehr es einen solchen gegeben hat, um so eher sollte man meinen, daß der Nordseeraum auch der Ausgangspunkt für einen Zug von "Seevölkern" dargestellt haben könnte. Vielmehr: Es fällt einem fast schwer anzunehmen, daß dieser es nicht gewesen ist.

Die "große Linie" - Politische Geschichte Europas 1400 bis 1150 v. Ztr.

Wenn man die faktenreiche Studie von Kristiansen liest (6), taucht vor dem inneren Auge ein Bild auf. Kristiansen selbst zeichnet es so konkret noch nicht. Aber er ist offenbar von ihm auch nicht gar so weit entfernt. Und vielleicht hat er es ja sogar schon im Hinterkopf. So spricht er spricht noch sehr zurückhaltend und vage von "Konföderationen" (von Stammesstaaten oder Fürstentümern), die es in Europa gegeben haben könnte. Werden wir etwas konketer: Die politische Geschichte des östlichen Mittelmeerraumes und des Vorderen Orients in der Spätbronzezeit ist von sogenannten "Großreichen" geprägt gewesen. Das Großreich der Hethiter (Wiki) führte Krieg gegen Ägypten oder gegen das Großreich der Assyrer - oder schloß Frieden und Bündnissen mit ihnen gegen den jeweiligen übrig bleibenden. Auf der anderen Seite steht in Griechenland die mykenische Palastkultur, die - wie wir spätestens aus der "Ilias" wissen - zumindest für Kriegszüge auch unter einem Großkönig vereinigt sein konnte ("Agamemnon"). Das von Kristiansen gezeichnete Bild von Mittel- und Nordeuropa scheint uns nun am meisten Sinn zu machen und wird auch nur am widerspruchslosesten neben das Bild des Mittelmeerraumes zu stellen sein, wenn wir auch hier "Großreiche" unterstellen. Gerne solche der mykenischen Art, also wo Fürstentümer und Stammesstaaten nur lose miteinander zu einem Großreich vereinigt sind.

In diesem Sinne könnte von einem Großreich der Aunjetitzer Kultur gesprochen werden. Sein Zentrum könnte in der Nähe der berühmten Fürstengräber bei Halle an der Saale gelegen haben, wo der Salzhandel einträchtige Gewinne abwarf, und wo ja auch die Himmelsscheibe von Nebra entstanden ist, bzw. als Weihgabe niedergelegt worden ist. Offensichtlich hat die Aunjetitzer Kultur in einem engen politischen und Heirats-Austausch mit der süddeutschen Bronzezeit ("Hügelgräberkultur", "Hügelgräberbronzezeit") gestanden, die damit diesem Großreich grob noch hinzugeordnet werden kann. Außerdem könnte ein Großreich der Nordischen Bronzezeit benannt werden, das man - aufgrund der vielen kulturellen Ähnlichkeiten - als "die Mykener Dänemarks" (oder Jütlands) bezeichnen könnte, Kristiansen spricht - wörtlich - von einer "nordischen Variante der mykenischen Hochkultur". Wir werden weiter unten auch noch von der großen Bedeutung des Karpatenbeckens hören, für das ebenfalls ein Großreich angenommen werden kann, ebenso wie für die etruskische Terramare-Kultur in Norditalien.

Entsprechend dem Geschehen im östlichen Mittelmeerraum dürfen auch für die politischen Verhandlungen zwischen den mitteleuropäischen Großreichen politische, militärische und Handels-Delegationen angenommen werden. Insbesondere die jungen Männer reisten an die Königshöfe ihres eigenen Großreiches oder die der benachbarten Großreiche, um Kriegsdienste zu leisten, politische Bündnisse neu zu schließen oder zu bekräftigen, Handelswaren auszutauschen, Ehefrauen mitzubringen.

In das Ahnen oder Wissen um das Bestehen solcher Großreiche  würden sich dann übrigens auch nahtlos die skandinavischen Felszeichnungen von großen Kriegsschiffen einfügen. Diese Kriegsschiffe konnten es doch - offenbar - mit den Kriegsschiffen Mykenes oder Ägyptens gleicher Zeit aufnehmen (Abb. 2).***)

Wenn sich herausstellen sollte, daß der Nordseeraum den Atlantern richtig zugeordnet wurde, könnte natürlich auch von dem Reich der Atlanter die Rede sein. Und - wie wir noch erfahren werden (6): Ein junger "Makedonen"-König aus der Slowakei rollte ab 1340 v. Ztr. die süddeutsche Ökumene (Höhenburg-Kultur / Palast-Kultur) auf und führt dann - mit den Unterworfenen und neuen Verbündeten einen Kriegszug bis Mecklenburg durch, bis in das Tal der Tollense. Dieser Angriff wird vom Reich der Atlanter zwar abgewehrt, aber auch die Menschen dieses Reiches kommen durch ihn - und womöglich andere Ursachen - in Bewegung. Und große Zahlen von Menschen wandern ab, nun mit den auf skandinavischen Felsbildern abgebildeten Schiffen entlang der Atlantikküste bis in die Mündungsarme des Nil. Der junge slowakische Fürst - oder sein Sohn oder sein Enkel - hingegen machen sich auf den Weg zur Eroberung des Mittelmeerraumes über den Landweg, über den Balkanraum hinweg. Somit könnte als Auslöser für den Seevölkersturm zunächst ein früher "Alexanderzug" vermutet werden. - Und so kommt man zu einer einigermaßen schlüssigen Erklärung dafür, wie es zu einer Art Zangenoperation von Westen und Osten auf die Großreiche des Mittelmeerraumes kommen konnte - zum: Seevölkersturm.

Welch ein Bild! Indem wir diese Gedanken notierten, haben wir das bei Kristiansen Gelesene noch "extrapoliert" und etwas konkreter ausformuliert als es Kristiansen selbst formuliert hat. Mit dem von Kristiansen gegebenen Bild dürfte diese "Erzählung" aber zumidest nicht in Widerspruch stehen. Vielmehr finden sich viele bestätigende Hinweise - wie in diesem Blogartikel nun zusammen getragen werden soll. Erst wenn eine Forschungsthese forsch ausformuliert worden ist, kann die Detailforschung dazu motiviert werden, nach Veri- oder Falsifzierungen derselben zu suchen.

Thema "Zentrum und Peripherie" - Notwendige Vorüberlegungen

Aber all das fordert uns auch dazu auf, das Thema "Zentrum und Peripherie" neu zu durchdenken. Was können die mykenischen Griechen von den Völkern der Nordsee gewußt haben? Oder sollen wir anders fragen: Was wußten die mittelalterlichen Italiener von China und den Mongolen? Als Marco Polo von seiner Reise zurückkehrte, wurde er verlacht, als er von Millionen-Städten in China erzählte. Und so kann auch in der Bronzezeit eine vage Ahnung vorhanden gewesen sein von Völkern "weit, weit weg" und großen, blühenden Reichen. Aber konkretes Wissen muß es von denen auch dann nicht unbedingt gegeben haben, selbst wenn wir den Austausch von Handelsgütern sehr konkret feststellen können und wenn sich diese entfernten Völker in ihrem kulturellen Habitus sehr anlehnen an den eigenen - mykenischen - Kulturraum. Denn dieser Austausch wird nicht zuletzt auch oft über "Zwischestationen" erfolgt sein, vergleichbar der Seidenstraße zwischen China und dem Westen. Allerdings drängt sich bei genauerem Durchdenken auf, was Kristiansen noch gar nicht berücksichtigt: Der naheliegende Handelsweg des Nordseereiches entlang der Atlantikküste (s. Abb. 2).

Wie auch immer: Vieles über die Peripherie des eigenen - mykenischen - Kulturraumes dringt deshalb nur gerüchteweise in diesen, selbst wenn vereinzelt Kriegs- oder Handelsschiffe von dort kommen und Krieger von dort Kriegsdienste leisten. Der (mykenische) Kulturraum ist viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt und mit dem näheren geographischen Umkreis, als daß in sowieso eher spärlich überlieferten Schriftzeugnissen zunächst detaillierte Auskünfte über weit entfernte Völker und Länder zu finden sein könnten. Noch die Wandalen des Frühmittelalters hatten nur noch vage Verbindungen mit ihrer einstigen Heimat an der Elbe wie die byzantinischen Geschichtsschreiber festhielten. Immerhin: Sie hatten sie.

Andererseits regt auch das einheitliche Auftreten "Homerischer Heroengräber" noch um 800 v. Ztr. von Jütland über Seddin und Posen bis nach Griechenland zu großer Verwunderung an (7). Kann ein solcher Grabbrauch so einheitlich über so weite Entfernungen gestaltet sein ohne direkteren Gedankenaustausch? Das ist schwer vorstellbar. Oder kann sich ein solcher Grabbrauch über Jahrhunderte (in diesem Fall: 400 Jahre) in so weit entfernten Regionen als Tradition halten, auch wenn der vielleicht vormals direktere Gedankenaustausch längst verloren gegangen ist? Letzteres ist durchaus denkbar. Aber auffällig scheint auch hier wieder, daß es "direkte" Verbindungen zwischen Griechenland und Nordeuropa zu geben scheint, wobei der mitteleuropäische Raum von dieser Tradition - nach derzeitigem Kenntnisstand - ausgenommen ist. Diesem "Muster" begegnen wir in diesen Zeiträumen so häufig, daß auch dieses zum Nachdenken auffordert.

In der Odysee des Homer gelangt Odyseus ganz zum Schluß seiner Reise in das am weitesten entfernte Land, in das Land der Phäaken, "Scheria" (Wiki). Manche vermuten, daß sich in dieser Erzählung die vage Erinnerung an ein fernes Volk im Nordmeer widerspiegelt. Die reichen archäologischen Daten (6) drängen einem aber oft den Gedanken auf, daß der Zusammenhang zwischen Jütland und Mykene ein engerer gewesen sein muß als bloß ein solcher gerüchteweiser wie er sich in solchen Erzählungen gehalten haben könnte. Nun, hier werden zunächst noch manche Fragen offen bleiben müssen.

Was schreibt Kristian Kristiansen 2015 im Einzelnen?

Aber schauen wir nun genauer in die Studie von Kristiansen (6). Er erwähnt das Wort des Caesar über die britischen Inseln: "Niemand ohne gute Gründe besucht diese außer die Händler." Ähnliches vermutet Kristiansen auch für die Bronzezeit. Und dennoch (6, S. 366):

Seit dem 15. Jahrhundert wurden Krieger während der Späten Bronzezeit im östlichen Mittelmeerraum weithin als Söldner gesucht. Das ist gut bezeugt durch Texte und auf Stelen, nicht zuletzt in Ägypten. Und dies erklärt, wie neue Schwerttypen sich innerhalb von wenigen Jahren vom Mittelmeerraum bis nach Skandinavien ausbreiten konnten. Die Kombination aus Handel mit Metall und möglicherweise Waffen ebenso wie die Fahrten von Kriegergruppen und von ihnen zugehöriger Spezialisten, führten zu einer vernetzten "globalisierten" Welt ohne historisches Vorbild.
Wahrlich große Worte. Was für ein Horizont tut sich hier auf. Er schreibt über die im Kampf sehr effektiven Griffzungenschwerter (6, S. 369):
Von diesen hochmobilen Kriegern kann angenommen werden, daß sie eine treibende Kraft gewesen sind hinter der Ausbreitung von Waffentechnologie und es kann keinen Zweifel daran geben, daß die internationale Verbreitung von Nordeuropa bis in die Ägäis wahrlich bemerkenswert ist. (...) Von ihren Kriegsfahrten brachten sie neue Eindrücke mit, Erfindungen und materiellen Wohlstand. Diese Vermutungen werden bekräftigt durch die vielen Funde von griechischer Bewaffnung wie Beinenschienen, Brustharnisch und Helme ebenso wie mykenische Schwerter und Degen, wie sie auf dem Balkan und in Mitteleuropa in der Späten Bronzezeit gefunden wurden. (...) Am vielleicht eindrucksvollsten ist dieses Krieger-Erbe erhalten in den zahlreichen Gräbern Dänemarks und Norddeutschlands, die viele Griffzungenschwerter mit Benutzungsspuren enthalten, die deutlich aufzeigen, daß sie in wirklichen Kämpfen benutzt worden sind.
Siehe dazu auch: (8, 9). Kristiansen zeigt sich beeindruckt von dem "unglaublichen Reichtum an Bronze und Gold im südlichen Skandinavien nach 1500 v. Ztr.". Er vermutet seinen Ursprung im Handel mit der bevölkerungsreichen Höhenburg- (sprich "Palast"-!?!) -Kultur Mitteleuropas, die hinwiederum in Handelskontakt mit dem Mittelmeerraum stand (über Monkodonja und andere Handelszentren) (6, S. 369):
Hierdurch wird der Beginn eines höchst bemerkenswerten Aufblühens der Kultur der Nordischen Bronzezeit markiert, die plötzlich sehr reich wurde an Kupfer, Zinn und sogar Gold. Während der nächsten Jahrhunderte wurden in Südskandinavien mehr kunstvolle Bronzegegenstände produziert und in Gräbern und als Weihgaben ("Depotfunden") niedergelegt als in jeder anderen Region Europas. Baltischer Bernstein gelangte in reiche Gräber des südlichen Mitteleuropa, Italien und in mykenische Gräber, ebenso wie in die Levante und nach Syrien.
Im Mittelmeerraum, so Kristiansen, war ein Kilogramm Bernstein vermutlich ebenso viel wert wie ein Kilogramm Gold (6, S. 369). Und ein Kilogramm kann ein Mensch noch heute gut an einem Tag nach einem Sturm am Strand aufsammeln. Aber natürlich kann sich Reichtum auch durch Kriegsdienste oder durch Sklavenhandel ansammeln - ebenso wie noch viel später in der Wikingerzeit (9). Kristiansen (6, S. 371):
Somit ist es nicht überraschend, daß Europa und die Ägäis während des 15. und 14. Jahrhunderts v. Ztr. die Benutzung ähnlicher Kriegerschwerter vom Griffzungentypus miteinander teilten ebenso wie ausgewählte Elemente eines ähnlichen Lebenstils wie den hölzernen Klappstuhl. Verbunden damit sind ebenso Gegenstände der Körperpflege wie Rasiermesser und Pinzetten. Dieses ganze mykenische "Kulturpaket", einschließlich Spiraldekoration wurde in Südskandinavien nach 1500 v. Ztr. sehr direkt angenommen, wordurch eine spezifische und ausgewählte nordische Variante der mykenischen Hochkultur geschaffen wurde, die in der dazwischen liegenden Region nicht angenommen wurde.
Kristiansen weist auch auf kulturellen und wirtschaftlichen Austausch zwischen Jütland und Süddeutschland hin. Die berühmte 18-jährige Frau von Egtved (um 1370 v. Ztr.) (Wiki, engl) ist in ihrem letzten Lebensjahr nach neuesten Forschungen, an denen Kristiansen beteiligt war, zwei mal zwischen Süddeutschland und Jütland hin- und hergereist (6, S. 372):
Krieger und Händler bewegten sich regelmäßig zwischen dem südlichen Skandinavien und Süddeutschland und wahrscheinlich sogar noch über weitere Entfernungen.

Expansion aus dem Karpatenbecken heraus (1340 v. Ztr.)?

Kristiansen weiter (6, S. 373):

Das gut geschmierte Netzwerk kollabierte dann während des Übergangs zum 13. Jahrhundert v. Ztr. und wurde ersetzt durch ein ost-mitteleuropäisches Netzwerk des Sprockhoff Typ II/Naue II-Griffzungenschwerts (Verweis auf Karte, hier in Abb. 1). (...) Neue Strontium-Isotop-Analysen zum Beispiel für Neckarsulm in Süddeutschland um 1300 v. Ztr. geben Hinweise darauf, daß Krieger von ausländischen Fürstentümern angeworben worden sein könnten. Es handelt sich um ein Männergrab mit 51 Individuen, von denen ein Drittel nicht einheimisch waren. Dennoch teilten sie vor ihrem Tod dieselbe gesunde Ernährung und sie waren überdurchschnittlich groß. (...) Die Skelette zeigen Zeichen von Reiten, was durch die Urnenfeld-Kultur eingeführt worden sein könnte.

Zuvor wurden also Pferde, wenn wir es hier recht verstehen, nur im Zusammenhang mit Streitwagen benutzt.

Abb. 3: Verbreitung des Riegsee-Schwerttyps (schwarze Punkte), Verbreitung von Hortfunden (schrafierte Fläche) - Deutung: Aus dem Karpatenbecken heraus beginnt zunächst eine Expansion Richtung Süddeutschland (aus: 6, S. 377)

Und (6, S. 376):

Das alte Netzwerk mit Süddeutschland, das einen stetigen Austausch von Metall für Bernstein während des größten Teiles des 15. und 14. Jahrhunderts v. Ztr. sicherstellte und das Möglichkeiten für Krieger und Händler bot, in beiderlei Richtungen zu reisen, wurde zerschnitten aufgrund von Kriegen verbunden mit sozialer und religiöser Reformation im ganzen östlichen Zentraleuropa. Die archäologischen Hinweise hierauf sind zweifach: das Ersetzen des Schwerttyps mit oktogonalen Griffen durch das Riegsee-Vollgriffschwert, das niemals Dänemark erreichte. Aber wir finden plötzlich eine Gruppe von Riegsee-Schwertern in der Slowakei, dem neuen Zentrum für Kontakte mit dem Norden. Wir dürfen dies als den Versuch interpretieren, neue politische Allianzen zu schmieden. Aber vielleicht ist es auch das Ergebnis von Ost-West-Feindschaften regionalerer Art. Zur selben Zeit sehen wir eine geographische Ausbreitung von Hortfunden ("hording", vermutl. Depotfunde, Weihgaben), die eine alte rituelle Tradition der Karparten darstellen, die aber nun auch in Mitteldeutschland und im früheren Jugoslawien auftreten. Das legt entweder ein Eindringen von neuen Völkern vom Karpatenbecken aus nahe und/oder neue kriegerische Verwicklungen. (...) Im südlichen Deutschland wurde eines der Zentren des Handels, Bernstorff, um 1340 v. Ztr. schwer befestigt und kurz danach niedergebrannt und verwüstet. Bernstorff ist mit einer Größe von 14 Hektar die größte befestigte Siedlung im südlichen Deutschland und westlichen Mitteleuropa. Seine umfangreichen Befestigungsanlagen wurden in der Mittleren Bronzezeit angelegt (Mitte des 14. Jhdts. v. Ztr.), als sich das Machtgleichgewicht zwischen dem östlichen und westlichen Mitteleuropa wandelte und kurz danach wurden sie über eine Länge von 1,6 Kilometer zerstört und heruntergebrannt.
Die heutige rumänische Stadt Temeswar (Wiki) im rumänischen Banat, bzw. in der Großen Ungarischen Tiefebene im Karpatenbogen, ist nach ihrer Zerstörung durch die Tartaren 1241 von Siedlern aus Deutschland wieder aufgebaut worden, die insgesamt zu den "Banater Schwaben", bzw. "Donauschwaben" zählten. Ihre Nachfahren lebten hier bis in die 1990er Jahre und stellten bis Anfang des Zweiten Weltkrieges innerhalb der Stadt die Mehrheit. 21 Kilometer nördlich der Stadt Temeswar liegt das Dorf Schadan (rumänisch Cornesti), wo ebenfalls unter anderem auch deutsche Bauern angesiedelt worden und 2 Kilometer von diesem Dorf entfernt ist schon seit dem 18. Jahrhundert eine riesige Festungsanalge Cornesti Iarcuri (Wiki) bekannt, die seit 2007 intensiv archäologisch erforscht wird, und deren vierfache Befestigungsringe einstmals 1.700 ha umfaßten. Kristiansen schreibt über diese (6, S. 383):
Archäologisches Material und wenige Radiocarbon-Daten legen nahe, daß die Errichtung  während der frühen Urnenfeld-Kultur stattgefunden hat. (...) Die bisherigen archäologischen Arbeiten legen nahe, daß hier etwas völlig Neues stattgefunden hat hinsichtlich des Organisationsgrades großer Populationen. (...) Ein solcher Bevölkerungsüberschuß wäre ein natürlich gegebener Haupt-Unruhefaktor für spätere Wanderungen, insbesondere wenn die Siedlung während des 12. Jahrhunderts v. Ztr. ganz oder teilweise aufgegeben worden ist.

Die Urnenfelder-Kultur (Wiki) begann um 1300 v. Ztr.. - Nach einer neueren Studie sogar schon ab 2000 v. Ztr. im zentralen Ungarn.****) - Kristiansen weist dann daraufhin, daß die Expansion aus dem Karpatenraum heraus ab 1300 v. Ztr. zusammen fällt mit der Schlacht an der Tollense in Mecklenburg und dem Zusammenbruch regelmäßiger Austausch-Beziehungen zwischen dem Nordseeraum und Süddeutschland. Es könnte sich um Expansionsbewegungen gehandelt haben "erst nach Norden, später nach Süden" (6, S. 383). Und damit hätte man dann in Umrissen schon die Geschichte, die oben mit noch etwas konkreteren Metaphern ("junger Makedonen-König") gezeichnet worden ist. Aus dieser Zeit weisen die Schwerter Süddeutschlands viel häufiger Abnutzungsspuren auf als zuvor. 50 % von ihnen sind nun stark abgenutzt. Entweder wurden sie wirklich mehr gebraucht als zuvor oder sie blieben länger in Benutzung, weil der bisherige, stetige, kostengünstige Zufluß von Kupfer (für neue Schwerter) auf den bisherigen Handelswegen ins Stocken geraten war.*) In dieses Szenario ordnet Kristiansen dann auch noch die Terramare-Kultur in Norditalien ein (6, S. 383):

Hier erreichte eine große Bevölkerungs-Konzentration ihren Höhepunkt um 1200 v. Ztr. und mehr als 100.000 Menschen haben ihre Heimstätten auf. Einige von ihnen siedelten sich anderwärts in Italien an. Andere wurden augenscheinlich Teil der "Seevölker".
Kristiansen spricht dann die Gruppe der sogenannten Krieger-Gräber ("warrior graves") in Achaea in Griechenland aus der Zeit des 12. Jahrhunderts v. Ztr. an, aus der Zeit unmittelbar nach dem Zusammenbruch der mykenischen Palastkultur, und daß diese Gräber Schwerter vom Naue II-Typ enthielten zusammen mit mykenischen Schwertern (6, S. 384):
Es könnte vermutet werden, daß diese neuen "Krieger-Prinzen" in der Tat Söldner nördlichen Ursprungs waren, die in Griechenland blieben und einheimische Regenten wurden. Diese Sichtweise wird unterstützt durch die Tatsache, daß die meisten der Waffen in diesen Gräbern europäischen Ursprungs waren.

Damit in Zusammenhang stellt Kristiansen auch, daß in berühmten, entdeckten Schiffswracks sich Hinweise finden darauf, daß auf diesen schwer beladenen Handelsschiffen im Mittelmeer Söldner aus Skandinavien als bewaffnete Wachen mitgefahren sind, etwa auf dem Schiffswrack von Uluburum (Wiki) aus der Zeit um 1350 v. Ztr.. Soweit hier zunächst das Bild, das Kristiansen - aufgrund der Forschungslage bislang noch sehr skizzenhaft - zeichnet.

Es sei aber an dieser Stelle auch festgehalten, daß nach der Karte in Abbildung 1 die Mehrheit der dort abgebildeten jütländischen Griffzungen-Schwerter (Typ Naue II) erst aus der Zeit 1150 bis 1050 v. Ztr. stammen. Fast zwingt dieser Umstand ja zu der Schlußfolgerung, daß eine große Zahl der Krieger der Seevölker, der Atlanter - wenn sie dann an Kriegszügen im Zusammenhang mit dem Seevölkersturm teilgenommen haben sollten - wieder nach Jütland zurück gekehrt sind. Ob ein solches Szenario denkbar ist oder ob diese räumliche und zeitliche Fundhäufung auch noch anders erklärt werden kann?

Schutzwaffen der europäischen Bronzezeit

Aber lassen wir dieses "große Szenario", das Kristiansen da skizzenhaft entworfen hat, einmal so stehen und versuchen wir, neuere Forschungen in dieses einzuordnen. Im Mittelpunkt der weiteren Betrachtung stehen wieder zwei Verbreitungskarten von Metallfunden aus der Bronzezeit (Abb. 4 und 5). In Abbildung 4 findet sich die Verbreitung der ältesten metallenen europäischen Schutzwaffen abgebildet. Sie stammt aus dem Jahr 2016 (11). In Abbildung 5 findet sich dann die Verbreitung von zwei noch spezielleren Arten von Metallfunden abgebildet, nämlich solcher wie sie 2016 auf dem Schlachtfeld an der Tollense in Mecklenburg gefunden worden sind und wie sie soeben - vor einigen Tagen - veröffentlicht worden sind. (Wie fast alle hier zitierten Arbeiten liegen auch diese dankenswerter Weise im Open Access vor.)

Abb. 4: Fundorte metallener Schutzwaffen der europäischen Bronzezeit, 1400 bis 1000 v. Ztr. (aus: 11)
Zu Abbildung 4 (11):
"Wir  kennen  heute  aus  der  gesamten  europäischen  Bronzezeit  rund  90  Schilde,  120 Helme,  30  Panzer  und  75  Beinschienen."

An Metallhelmen dieser Zeit finden sich in Westeuropa Kammhelme (Abb. 4 rot) und Kappenhelme ohne Knauf (Abb. 4 orange), in Osteuropa Kappenhelme mit Knauf (Abb. 4 grün). Interessanterweise die Grenze der Verbreitungsgebiete eine Linie grob entlang der Elbe, des Bayerischen Waldes und verlängert bis hinunter zur Adria. In Nordeuropa finden sich fast nur Schilde und nur sehr wenige (osteuropäische) Kappenhelme. Deutlich wird auch, daß sich metallene Schutzwaffen in der europäischen Mittelgebirgszone viel häufiger finden als nördlich derselben. Diese Verbreitungsmuster lassen sich der "Erzählung", die Kristiansen gegeben hat, zuordnen.

Es darf wohl davon ausgegangen werden (was Kristiansen nicht durchgängig hervorhebt), daß sich im gesamten Bereich der Mittelgebirge protourbane Zentren fanden ("Höhenburgen") in etwa 30 Kilometer Abstand, mit denen eine deutlich höhere Siedlungsdichte einhergegangen sein wird als nördlich der Mittelgebirge. Die hohen Populationszahlen, die Kristiansen also für das Karpatenbecken und Norditalien zwischen 1300 und 1200 v. Ztr. feststellt, wird man wohl für weite Teile des Mittelgebirgsraumes annehmen müssen.

Abb. 5: Verbreitungskarte von kleinen Bronzeblech-Rollen (vermutl. Scharnieren) (rote Sterne) und Schwertern des Riegsee-Typs (grüne Sterne) in Europa (aus: 1)

Und auch in der zweiten Karte (Abb. 5) finden wir eine grobe Ost-West-Teilung, wobei die isolierten Funde im Tollense-Tal darauf hinweisen, daß diese wohl eher durch ein einmaliges Ereignis so weit abgelegen in den Norden geraten sein können. Und wir verstehen jetzt vielleicht noch besser die Berechtigung der Überlegungen von Kristiansen aus dem Jahr 2015. Wodurch wohl sonst sollen diese Funde so weit in den Norden geraten sein als durch einen - gemeinsamen? - Kriegszug von Kriegern aus Süddeutschland, bzw. dem Karpatenraum Richtung Ostsee?

Haben wir doch auch gerade erst erfahren, daß die jungen Männer der Herrenhöfe des Lechtales in Bayern gerne auf Brautschau und auf Abenteuer ausgingen und außer Landes weilten, nicht zuletzt auch im Bereich der Aunjetitzer Kultur, von wo viele ihrer Frauen herstammten. Warum sollte sich ein König der Aunjetitzer Kultur, bzw. der Hügelgräberkultur durch so viele prächtige junge Männer aus Süddeutschland nicht dazu veranlaßt gefühlt haben, einen großen Eroberungszug gen Norden zu führen? Zumal ein König es als sinnvoll ansehen mag, einer große Zahl ausländischer junger Männer innerhalb seines Reiches besser an den Grenzen desselben zu tun zu geben - damit sie nicht auf andere, dumme Gedanken kommen. Man kommt - wie damit sichtbar wird - sehr bald ins "Romanschreiben", wenn man sich mit diesen aktuellen Forschungen beschäftigt und findet nicht wenig später, daß Kristian Kristiansen diesen "Roman-Entwurf" schon im Jahr 2015 deutlich umfassender ausgearbeitet hatte.

Denkbar ist auch, daß die Völker und Stämme des Ostseeraumes wiederholte Kriegs- und Plündungszüge gen Süden geführt haben (siehe größer Abnutzungsspuren ihrer Schwerter) und daß deshalb der König der Hügelgräberkultur (oder aus dem Karpatenraum) einen Rachefeldzug geführt hat.

Es könnte aber auffällig erscheinen, daß es in der Frühbronzezeit um 2.000 v. Ztr. in der Verteilung der Metallfunde in Europa noch nicht eine so deutliche Unterteilung in Mittelgebirgszone und nördlich davon gegeben hat. Womöglich hat sich dieses Gefälle erst im Laufe des 2. Jahrtausends v. Ztr. herausgebildet durch deutlich stärkeres Bevölkerungswachstum in der Mittelgebirgszone denn im Ostseeraum. Ähnliches ist ja für diesen Zeitraum auch in England zu beobachten. Nur in Südenglnad war in der Bronzezeit die Hausmaus verbreitet. Und ähnlich wird sich die Hausmaus auch mit der protourbanen Kultur der Höhenburgen in der Bronzezeit nur bis zum Nordrand der Mittelgebirge ausgebreitet haben. (Die kontinentale Verbreitungsgeschichte der Hausmaus in der Bronzezeit zu erforschen, dazu fordern wir hier auf dem Blog schon seit mehr als zehn Jahren auf.)

Neue aufschlußreiche Bronzefunde vom Schlachtfeld an der Tollense (1300 v. Ztr.)

In einer inzwischen verrotteten Stofftasche oder einem Holbehälter führte nun ein an der Tollensse vermutlich erschlagener Elitekrieger, Adelskrieger - vom Schlage eines Achill oder eines Hektor - 31 kleine Bronzeteile mit sich, darunter viel "Metallschrott", wie ihn mancher handwerklich begabte Krieger damals mit sich geführt hat (1-5)**).

Und unter den Bronzeteilen fanden sich Stücke von (vormaligen) Messern, Meißeln (chisle) und Ahlen (awl). Solche Werkzeuge fand man auch sonst im Tollense-Tal, sowie in Norddeutschland oder in Südskandinavien. Als besonders aufschlußreich könnte sich aber erweisen, daß sich unter diesen Metallstücken auch Bronzebleche ("sheet bronze") fanden, und zwar darunter drei 1 Millimeter dünne Bronzebleche, die zu Rollen mit einem Durchmesser von 2,4 bis 3 Zentimeter gedreht waren und am Ende mit Löchern, bzw. Perforationen versehen waren. Solche kleinen Bronzeblech-Rollen ("bronze cylinder") sind in Nordeuropa dieser Zeitstellung bislang noch nie gefunden worden, aber schon sehr häufig in Gräbern dieser Zeitstellung in Ostfrankreich und Süddeutschland (rote Sterne in Abb. 5). Die dortige Forschung vermutet, daß es sich bei diesen Bronze-Rollen um Halterungen, bzw. Scharniere ("fittings") für Holzschachteln oder Stofftaschen handelt. In solchen könnten offenbar Werkzeuge, Metallschrott und Gewichte für Waagen transportiert worden sein, die sich oft gemeinsam mit diesen Bronzeblech-Rollen finden - und so ja auch jetzt im Tollense-Tal bei Welzin.

Auch viele bronzene Gewandnadeln fanden sich auf dem Schlachtfeld an der Tollense so wie man sie sonst vor allem aus Kriegergräbern in Süddeutschland kennt. Die Funde implizieren jedenfalls, daß Könige in Vorpommern Krieger aus viel weiter südlich gelegenen Teilen rekrutieren konnten oder daß Heere aus Süddeutschland und aus der Hügelgräberkultur (Vorläufer der Kelten) oder der Richtung Ostsee unterwegs waren.

Wenn man übrigens die Körper der gefallenen Krieger in der Tollense (Wiki) hat verwesen lassen so lange, bis der Fluß die Knochen durch seine Strömung an ihre heutigen Fundorte verteilen konnte, ist dieser Umstand ein Hinweis darauf, daß diese Gegend wohl für längere Zeit von Menschen gemieden worden ist, bzw. nicht besonders dicht besiedelt gewesen ist, ja, daß auch die Furt über die Tollense, um die es in der Schlacht gegangen sein mag, höchstens noch selten genutzt wurde. Der Fluß fließt Richtung Norden, hat also die Skelette und Knochen Richtung Norden hin in seinem Flußbett verteilt. Bevor man die Toten den Geiern überließ, hat man das Schlachtfeld natürlich gründlich nach Waffen abgesucht. Deshalb finden sich solche höchstens noch als Zufalsfunde. Einen hölzernen Weg von Osten her bis zur Furt an der Tollense gab es schon seit etwa 1900 v. Ztr..

Die Verbreitungskarte in Abbildung 5 regte uns an, umfassender zu recherchieren und daraus ist der vorliegende Blogartikel entstanden. Und somit schließt sich der Kreis. Aufregende Entwicklungen in der Forschung!


__________________
*) Kristiansen und Koautorin hatten Benutzungsspuren und das Nachschleifen der rasiermesserscharfen Schwerter Mittel- und Nordeuropas der Bronzezeit zunächst zwischen 1500 und 1150 v. Ztr. untersucht. Sie fanden, daß in Mitteleuropa (in diesem Fall wurden Schwerter aus Ungarn untersucht) 45 % der Schwerter geringe Benutzungsspuren aufweisen, 40 % mittelmäßige und 15 % starke. In Jütland wiesen 20 % geringe, 52 % mittelmäßige und 28 % starke Benutzungsspuren auf. In Jütland scheinen die Schwerter in diesem Zeitraum also deutlich häufiger in Benutzung gewesen zu sein als in Mitteleuropa. Allerdings war es womöglich in Mitteleuropa leichter oder günstiger, ein neues Schwert zu erwerben als in Jütland, weshalb die Schwerter in Jütland auch länger in Benutzung gewesen sein können.
**) Original (2): "The new find, unearthed in 2016, includes cylindrical fragments of bronze, along with a bronze knife, awl, and small chisel. The jumble of tools and scrap metal resemble someone’s personal effects, rather than a ritual deposit or hoard. Archaeologists say the tools were likely in a bag or box that decayed. But the contents were held in place by the thick mud of the riverbed—until divers found them some 3000 years later. Dozens of similar collections of scrap bronze, along with small tools for cutting it, have turned up in the graves of high-status warriors from much farther south, along the northern foothills of the Alps from eastern France all the way to the modern-day Czech Republic. (At the time, bronze was the height of metallurgical—and military—technology.) But this densely packed cluster of bronze objects is the first of its kind found this far north."
***) So viel bislang bekannt, handelte es sich um Schiffe vom Typ des sogenannten Hjortspringbootes (350 v. Ztr.) (Wiki) (15, S. 84). Dieses war ein hochseetüchtiges offenes Kanu von 12 Metern Länge, dessen Insassen gepaddelt haben. Angesichts der Felszeichnungen darf vermutet werden, daß es in der Bronzezeit noch längere Boote solchen Typs gegeben hat, in denen vielleicht bis zu 200 Personen mitfahren konnten, ähnlich den antiken Dreiruderern (Wiki).

****) Ergänzung 16.4.2022: Eine neue Studie macht auf die lange Frühgeschichte der Urnenfelder-Kultur - sprich, der nachmaligen Italiker, Iberer, Ligurer und Kelten - ab 2000 v. Ztr. aus dem Raum der ungarischen Tiefebene heraus aufmerksam (16). Ab 1900 v. Ztr. sei sie im nordöstlichen Serbien südlich des Eisernen Tores anzutreffen. Während des darauffolgenden Zusammenbruchs des Tell-Systems um 1500 v. Ztr. breitete sich das Urnenfelder-Modell in einige benachbarte Regionen aus, in die südliche Poebene, in die Sava/Drava/Untere Tisza-Ebene, während es in vielen dazwischenliegenden Regionen hybride Kulturen mit weniger radikaler Übernahme der Urnenfelder-Kultur-Elemente gegeben habe (16).

Abb. 6: Frühe Urnenfelderkulturen 1900 bis 1400 v. Ztr. - Innovazionszentrum, sowie Regionen mit radikaler Annahme des Gesellschaftsmodells, mit radikaler Zurückweistung desselben, sowie mit allmählicher Annahme desselben (aus: 16)

("The earliest ‘urnfields’ can be identified in central Hungary, among the tell communities of the late Nagyrév/Vatya Culture, around 2000 BC. From the nineteenth century BC onwards, the urnfield model is documented among communities in northeastern Serbia, south of the Iron Gates. During the subsequent collapse of the tell system, around 1500 BC, the urnfield model spread into some of the neighbouring regions. The adoption, however, appears more radical in the southern Po plain, as well as in the Sava/Drava/Lower Tisza plains, while in Lower Austria, Transdanubia and in the northern Po plain it seems more gradual and appears to have been subject to processes of syncretism/hybridization with traditional rites. Other areas seem to reject the novelty, at least until the latest phases of the Bronze Age. We argue that a possible explanation for these varied responses relates to the degree of interconnectedness and homophily among communities in the previous phases.")

Ergänzung 18.11.23: Eine Vielzahl großer Einfriedungen aus der Zeit zwischen 1500 und 1200 v. Ztr. entlang des Flusses Tisza in der Pannonischen Tiefebene ist über Satellitenbilder identifiziert worden (17) (ScMag2023). Auch in ihnen könnte sich das Bevölkerungswachstum widerspiegeln, das Auslöser für die Völkerbewegungen aus dem Karpatenraum heraus gewesen sein könnte. 

_______________
  1. Uhlig, T., Krüger, J., Lidke, G., Jantzen, D., Lorenz, S., Ialongo, N., & Terberger, T. (2019). Lost in combat? A scrap metal find from the Bronze Age battlefield site at Tollense. Antiquity, 93(371), 1211–1230. doi:10.15184/aqy.2019.137
  2. Curry, Andrew: 3000-year-old toolkit suggests skilled warriors crossed Europe to fight an epic battle. Science Mag., 15. Oct. 2019, https://www.sciencemag.org/news/2019/10/3000-year-old-toolkit-suggests-skilled-warriors-crossed-europe-fight-epic-battle 
  3. Pressemitteilung Universität Göttingen, Oktober 2019, https://www.uni-goettingen.de/de/3240.html?id=5647 
  4. Oktober 2019, https://www.goettinger-tageblatt.de/Campus/Goettingen/Forscherteam-der-Universitaet-Goettingen-entdeckt-31-ungewoehnliche-Objekte-im-Tollensetal 
  5. Homepage des Hauptautors Tobias Uhlig: http://www.uni-goettingen.de/de/606555.html 
  6. Kristiansen, Kristian; Suchowska-Ducke, Paulina: Connected Histories: the Dynamics of Bronze AgeInteraction and Trade 1500–1100 BC, Proceedings of the Prehistoric Society 81, 2015, pp. 361–392, doi:10.1017/ppr.2015.17 (Cambridge)
  7. Bading, Ingo: Hektor, Patroklos und Achill - Sie lebten auch in Deutschland, 29.07.2019, https://youtu.be/13WSEl5tkx0 (Blogartikel dazu in Vorbereitung)
  8. Bading, Ingo: Der "helmumflatterte Hektor" - Spätbronzezeitliche Krieger-Kulturen im Mittelmeer-Raum, in Nebra und an der Nordsee. Juli 2007, https://studgendeutsch.blogspot.com/2007/07/der-helmumflatterte-hektor.html
  9. Bading, Ingo: 2.200 - 1.600 v. Ztr. - Zu einigen Charakteristika der mitteleuropäischen, frühbronzezeitlichen Stadtkultur - Salzhandel und Geldwährung - Ösenhalsringe und Vollgriffdolche in der Bronzezeit. Mai 2010, https://studgendeutsch.blogspot.com/2010/05/2200-1600-v-ztr-zu-einigen.html
  10. Bading, Ingo: Die Wikinger, ihre Gene und ihr Sklavenhandel in Ostdeutschland und Osteuropa, 7.9.2019, https://studgendeutsch.blogspot.com/2019/09/wikinger-gene-in-elite-grabern-gropolens.html
  11. Mödlinger, Marianne: Bronzezeitliche Schutzwaffen. In: Krieg - eine archäologische Spurensuche. Begleitband zur Sonderausstellung im Landesmuseum für Vorgeschichte Halle (Saale) 6. November 2015 bis 22. Mai 2016 (Hrsg. Harald Meller und Michael Schefzik), Landesamt für archäologische Denkmalpflege Sachsen-Anhalt - Landesmuseum für Vorgeschichte Halle (Saale) 2015. (Konrad Theiss Verlag) (Academia.edu)
  12. Tomedi, Gerhard; Eggzur, Markus: Chronologie Bronze- und Früheisenzeitlicher Kammhelme. Archäologisches Korrespondenzblatt 44, 2014 (Academia.edu)
  13. Melheim, Anne Lene; Sabatini, Serena: Nordic-Mediterranean relations in the second millennium BC - New Pespectives on the Bronze Age. Proceedings of the 13th Nordic Bronze Age Symposium held in Gothenburg 9th to 13th June 2015. 2017, 355-362, https://www.duo.uio.no/handle/10852/65102
  14. Ling, J., Chacon, R., & Chacon, Y. (2018). Rock Art, Secret Societies, Long-Distance Exchange, and Warfare in Bronze Age Scandinavia. Quantitative Methods in the Humanities and Social Sciences, 149–174. doi:10.1007/978-3-319-78828-9_8
  15. Evers, Dietrich: Felsbilder - Botschaften der Vorzeit. Urania-Verlag, Leipzig 1991
  16. Cavazzuti, C., Arena, A., Cardarelli, A., Fritzl, M., Gavranović, M., Hajdu, T., ... & Szeverényi, V. (2022). The First ‘Urnfields’ in the Plains of the Danube and the Po. Journal of World Prehistory, 1-42, https://link.springer.com/article/10.1007/s10963-022-09164-0.
  17. Resilience, innovation and collapse of settlement networks in later Bronze Age Europe: New survey data from the southern Carpathian Basin. By Barry Molloy et al (PlosOne2023)
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