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Freitag, 19. Juni 2026

50 % Jamnaja-Herkunft in Mesopotamien

Um 2.000 v. Ztr. 
Die anatolischen indogermanischen Sprachen haben sich ab 4.300 v. Ztr. als Kura-Araxes-Kultur vom südlichen Kaukasus aus über Anatolien ausgebreitet
- Die indogermanischen Vorfahren der späteren Armenier kamen ab 2.400 v. Ztr. über den Kaukasus, die indogermanischen Vorfahren der späteren Perser kamen zeitgleich nach Persien
- Um 2.000 v. Ztr. findet sich ein Mensch mit 50 % Jamnaja-Herkunft im südlichen Kurdistan, bzw. in Mesopotamien (Bakr Awa) 

Wenn man den Indogermanen auf ihren Ausbreitungen folgt bis nach Mesopotamien, taucht man in eine einem Europäer völlig fremde Welt ein, in die Welt des gnadenlosen orientalischen Despotismus, etwa eines akkadischen Königs vom Schlage Sargon von Akkad.

Abb. 1: Gefangener, gefesselt an einen Nasenring, vielleicht Angehöriger eines Nomadenstammes im Zagros-Gebirge (Gutäer oder Lulubi) - Aus der Zeit des Akkadischen Reiches - Die Gutäer sollten das von Sargon von Akkad begründete Reich ab 2.150 v. Ztr. vernichten und für 75 Jahre fortsetzen - Fragment einer Vase, möglicherweise aus Uruk (2350–2000 v. Ztr.), heute Louvre, Paris (Wiki)

Aber jene Indogermanen der Jamnaja- und Trialeti-Kultur, die ab 2.400 v. Ztr. Armenien eroberten, ebenso wie sie zeitgleich Griechenland oder Persien eroberten, waren selbst sehr gnadenlos im Umgang mit ihren Feinden. Zeitgleich eroberten die Glockenbecher-Leute England, was zu einem Aussterben der dortigen einheimischen Bevölkerung führte. Vielleicht ist der in Abbildung 1 dargestellte Gefangene eines akkadischen Königs schon ein Angehöriger jener indogermanischen Stämme, die etwa um 2.000 v. Ztr. im Zagros-Gebirge und im heutigen südlichen Kurdistan festgestellt werden. 

Denn eine neue archäogenetische Studie weist auf die erste Ankunft von Indogermanen in Mesopotamien ab etwa 2.000 v. Ztr. hin (1) (s.a. Eupedia).

Um die folgenden Ausführungen zu verstehen, macht es Sinn, noch einmal nachzuvollziehen, was über die Ankunft der Jamnaja, über die zweite Welle der indogermanischen Ausbreitung südlich des Kaukasus und in Armenien seit 2022 (Stg2022) und 2023 bekannt ist. Im Jahr 2023 hatten wir dazu ursprünglich zusammenfassend festgehalten (Stg2023):

2.300 v. Ztr. - 28 % Steppengenetik kommt (erneut) in den Südkaukasus und sinkt bis in die Eisenzeit auf die Hälfte ab.

Auch damals schon war die Steppengenetik anhand des Anteils der osteuropäischen Jäger-Sammler-Herkunft festgestellt worden - so wie auch in der vorliegenden neuen Studie (siehe unten) (1). 

Abb. 2: Die umrandeten Individuen sind die neu sequenzierten aus Bakr Awa (Mesopotamien) - Der linke hellblaue Herkunftsanteil ist der osteuropäische Jäger-Sammler-Anteil - Dieser beträgt beim obersten Individuum offenbar etwa 18 %, hoch gerechnet ergäbe das - wenn wir es recht verstehen - grob 50 % Jamnaja-Genetik in diesem Individuum (aus 1) (Hellbraun=Levante-, grau=Anatolische, orange=Zagros-, grün=Kaukasus-Herkunft)

Allerdings sind inzwischen wesentliche Neuerkenntnisse hinzu gekommen: Der Herkunftsanteil der osteuropäischen Jäger und Sammler macht zwar beim frühen Urvolk der Indogermanen um 4.500 v. Ztr., bei der Chwalynsk-Kultur, etwa 50% aus, bei dem späten Urvolk der Indogermanen ab 3.300 v. Ztr., bei der Jamnaja-Kultur, macht er allerdings nur noch etwa 35 % aus (Stg2024). Wenn man also in irgendeiner Region und Zeitepoche der Weltgeschichte den Anteil an Jamnaja-Herkunft innerhalb eines Individuums hochrechnen will ausgehend von dem osteuropäischen Jäger-Sammler-Anteil, dann muß man den osteuropäischen Jäger-Sammler-Anteil nicht mit 2 multiplizieren (wie bei den Nachkommen der Chwalynsk-Kultur), sondern mit 2,857 (100% geteilt durch 35%). Den oben aus unserem Beitrag von 2023 entnommenen Satz haben wir im Zuge der Erarbeitung des vorliegenden Beitrages inzwischen korrigiert, denn 14 % muß nicht mal 2, sondern mal 2,857 genommen werden. Und dann lautet das Ergebnis:

2.300 v. Ztr. - 40 % Steppengenetik kommen (erneut) in den Südkaukasus und sinken bis in die Eisenzeit auf 20 % ab.

In Mesopotamien werden aber in der neuen Studie in einem Individuum aus der Zeit um 2000 v. Ztr. sogar 18 % osteuropäische Jäger-Sammler-Genetik festgestellt (s. Abb. 2) (1). Wenn diese 18% x 2,857 genommen werden, erhalten wir 51,4 %, also grob um die 50 % Jamnaja-Herkunft. Und daraus leiten wir den Titel des vorliegenden Beitrages ab!

Nebenbemerkung: Wir werden aufgrund dieser Neueinschätzung des osteuropäischen Jäger-Sammler-Anteils als Teil der Jamnaja-Herkunft viele Beiträge hier auf dem Blog umschreiben müssen, in vielen wird sich dadurch der Steppengenetik-Anteil erhöhen, etwa auch der der antiken Griechen von acht auf etwa zwölf Prozent.  

Abb. 3: 900 Kilometer von Jerewan in Armenien nach Bakr Awa (GMaps),

Die genannte 50 % Jamnaja-Herkunft in Mesopotamien kommt also dadurch zustande, daß zu den 18 % hellblaue osteuropäische Jäger-Sammler-Herkunft in Abbildung 2 noch so viel Kaukasus- (grüne) und anatolische (graue) Herkunfts-Anteile hinzu gerechnet werden müssen, daß man mit ihnen auf etwa 50 % kommt.

Die anderen 50 % bestehen aus denselben Kaukasus- (grün) und anatolischen (grau) Herkunftsanteilen, allerdings findet sich in dieser zweiten Hälfte auch noch Levante- und Zagros-Herkunft (orange und hellbraun). Diese zweite Hälfte ist grob die Herkunftszusammensetzung der Menschen, die vor der Ankunft der Indogermanen südlich des Kaukasus gelebt haben.

Damit ist das wichtigste Ergebnis der neuen Studie (1) schon bennannt. Nun noch weitere Erläuterungen und Hintergründe zu dieser Studie.

Tell-Hügel Bakr Awa

Es sind 17 Menschenfunde aus dem Tell-Hügel Bakr Awa (Wiki) im südlichen Kurdistan untersucht worden.

Bakr Awa liegt im mittleren Mesopotamien, im heutigen östlichsten Irak, 327 Kilometer nördlich von Bagdad (GMaps) und 900 Kilometer südlich von Jerewan (GMaps), der heutigen Hauptstadt von Armenien, jener Region, aus der die Indogermanen gekommen sein können. (Sie können aber auch aus dem Zagros-Gebirge gekommen sein, siehe unten.) Bakr Awa liegt außerdem 1400 Kilometer südlich von Wladikawkas am nördlichen Fuß des Kaukasus (GMaps) (Abb. 4), wo ungefähr der Ausgangspunkt der Ausbreitungsbewegung der Indogermanen mit ihren neuartigen Streitwagen und domestizierten Pferde vermutet werden kann.

Der Tell-Hügel Bakr Awa wird schon seit vielen Jahrzehnten erforscht. Zuletzt hatten viele unwissenschaftliche Plünderungen stattgefunden. 2010 wurde deshalb von Archäologen der Universität Heidelberg eine weitere Grabung vorgenommen. Die dabei gemachten Menschenfunde sind nun in einem australischen archäogenetischen Labor ausgewertet worden. Wir lesen in der Studie (1):

Osteuropäische Jäger und Sammler (EEHG) - eine mesolithische Jäger-und-Sammler-Metapopulation aus dem heutigen Westrußland, die als genetischer Referenzpunkt für spätere, mit der pontisch-kaspischen Steppe assoziierte Abstammungskomponenten dient [38, 49, 50] (siehe Zusatzdatei 2: Daten S6 für die einbezogenen Individuen) – sowie Abstammungskomponenten, die mit Jägern und Sammlern der südlichen Levante (sLevant_HG) in Verbindung stehen, erwiesen sich als wesentliche Faktoren für die genetische Struktur der Individuen von Bakr Awa. Die höchsten EEHG-Anteile finden sich bei den Individuen A22037 und A22039 aus der frühen bis mittleren Bronzezeit (EMBA); in der Hauptkomponentenanalyse (PCA) bilden sie ein Cluster mit Populationen aus dem Südkaukasus. Demgegenüber weisen A22038 (EMBA) und A22040 (mittlere Bronzezeit, archäologisch uneindeutige Datierung) einen etwas geringeren EEHG-Anteil auf und gruppieren sich mit Individuen aus der nordwestlichen Zagros-Region. Das Individuum A22052 aus der mittleren Bronzezeit, das in der PCA mit Populationen der südlichen Levante gruppiert, weist einen der höchsten geschätzten Anteile an sLevant_HG-assoziierter Abstammung auf - selbst im Vergleich zu bronzezeitlichen Individuen aus der südlichen Levante.
Eastern European Hunter-Gatherer (EEHG) – a Mesolithic hunter-gatherer meta-population from present-day western Russia who serve as an ancestral proxy for later Pontic-Caspian Steppe￾related ancestry [38,49,50] (see Additional file 2: Data S6 for included individuals) – and southern Levantine  Hunter-Gatherer (sLevant_HG)-related ancestries emerged as primary drivers of genetic structure among Bakr  Awa individuals. The highest EEHG proportions occur in Early to Middle Bronze Age (EMBA) individuals  A22037 and A22039, who cluster with southern Caucasus populations in PCA, while A22038 (EMBA) and  A22040 (Middle Bronze Age, archaeologically ambiguous dating) show slightly lower EEHG ancestry and  cluster with individuals from the northwestern Zagros mountains region. The Middle Bronze Age individual  A22052, clustering with southern Levantine populations in PCA, possesses one of the largest estimates of  sLevant_HG-related ancestry, even among southern Levantine Bronze Age individuals.

Die Akkader und andere semitischen Stämme bringen also Levante-Herkunft nach Bakr Awa. Das könnten - unter anderem - die semitischen Akkader gewesen sein. Zuvor aber lebten hier schon Nachkommen der Jamnaja-Leute.

Abb. 4: 1400 Kilometer von Wladikawkas bis nach Bakr Awa in Kurdistan (GMaps)

Aus den weiteren Ausführungen im Text und im Anhang wird deutlich, daß die Zeitangabe "Früh- und Mittebronzezeit" sich auf die Zeit nach 2.000 v. Ztr. bezieht, also auf die Zeit, in der Armenien und der südlichen Kaukasus von den Jamanja-Leuten in Form der Trialeti-Kultur grausam erobert worden ist ebenso wie das zeitgleiche Griechenland und das zeitgleiche Persien. In der Studie wird in folgendem Zitat ein noch etwas weiterer Bogen gespannt (1):

Während die mit EEHG assoziierte Komponente der kaukasischen Abstammung erstmals Mitte bis Ende des 5. Jahrtausends v. Ztr. (6.450–5.951 ka BP) in Areni-1 auftrat [47], verschwand sie in der frühen südkaukasischen Kura-Araxes-Kultur, um Mitte des 3. Jahrtausends v. Ztr. mit der Ausbreitung von Jamnaja-Individuen aus den eurasischen Steppen erneut aufzutreten [20,38,53]. Zudem wurde die Y-Chromosomen-Haplogruppe R-Z2103 (R1b) als genetischer Marker identifiziert, der Populationen mit Bezug zu Jamnaja in Armenien mit solchen im nordwestlichen Zagros-Gebirge - einschließlich Hasanlu - verbindet [20,38,52]. Im Einklang mit diesem Muster zeigte unsere qpAdm-Analyse, daß der Anteil der Jamnaja-Cluster-Abstammung bei Individuen aus der Zeit nach der Kura-Araxes-Kultur (Bronzezeit im Südkaukasus sowie Bronze- und Eisenzeit im nordwestlichen Zagros) am höchsten war (Zusatzdatei 1: Abb. S5). Bemerkenswert ist, daß von den beiden Ausreißern in der Kaukasus-PCA-Analyse aus Bakr Awa das Individuum A22037 einen Jamnaja-Cluster-Abstammungsanteil am oberen Ende des für den Südkaukasus typischen Bereichs aufweist, während A22039 im mittleren Bereich liegt. Darüber hinaus trägt A22037 - der einzige männliche Vertreter unter diesen Ausreißern aus der frühen bis mittleren Bronzezeit (EMBA), datiert auf ca. 2112–1800 v. Ztr. - ebenfalls die Y-Chromosomen-Haplogruppe R-Z2103 (R1b) (Zusatzdatei 2: Daten S1), was einen weiteren Beleg für seine Verbindung zur kaukasischen Abstammung mit Jamnaja-Bezug liefert.
Initially appearing in Areni1 in the mid-late 5th millennium BCE (6.450–5.951 ka BP) [47], the EEHG-related component of Caucasus ancestry disappeared in the early southern Caucasian Kura-Araxes culture, only to reappear in the mid-third millennium BCE with the expansion of Yamnaya-related individuals from the Eurasian steppes [20,38,53]. In addition, the Y-chromosome R-Z2103 (R1b) haplogroup has been identified as a genetic marker linking Yamnaya-related populations in Armenia to those in the northwestern Zagros, including Hasanlu [20,38,52]. Consistent with this pattern, our qpAdm analysis showed YamnayaCluster ancestry was highest among post-Kura-Araxes southern Caucasus Bronze Age and northwestern Zagros Bronze and Iron Age individuals (Additional file 1: Fig. S5). Notably, of the two Bakr Awa Caucasus-PCA outliers, A22037 possesses YamnayaCluster ancestry at the upper end of the southern Caucasus range, while A22039 falls in the middle. Moreover, A22037 – the only male among the EMBA outliers, dating to c. 2112-1800 BCE – also carries the R-Z2103 (R1b) Y-chromosome haplogroup (Additional file 2: Data S1), providing additional evidence for his connection to Yamnaya-related Caucasus ancestry.

Aus dem hohen Jamnaja-Herkunftsanteil bei A22037 könnte geschlußfolgert werden, daß sich die Indogermanen, die sich vom Südkaukasus aus nach Süden bis Bakr Awa ausgebreitet haben, sozusagen "ohne Zwischenstationen" bis dorthin ausgebreitet haben. Ab jener Zeit treten in Nordmesopotamien und im Zagros-Gebirge viele Stammes- und Völkernamen auf, denen gegenüber zumindest zum Teil indogermanische Herkunftsbezüge erörtert werden. Am klarsten sind diese Bezüge bei den Hethitern (wohl hervor gegangen aus der Kura-Araxes-Kultur), sowie bei den Mittanni und bei den Kassiten. Bei den letzteren beiden könnte es sich - grundsätzlich - auch um Nachkommen der Trialeti-Kultur handeln so wie - offenbar - das früheste indogermanische Individuum in Bakr Awa.   

Die Vorfahren der nachmaligen Meder und Perser im Zagros-Gebirge scheinen ebenfalls etwa ab 2.400 v. Ztr. nach Persien vorgedrungen zu sein - so wie die Vorfahren der Armenier (als Trialeti-Kultur) nach Armenien. Und auch vom Zagros-Gebirge aus hat es offenbar eine indogermanische Ausbreitung nach Nordwesten bis nach Bakr Awa gegeben. 

Die Stontium-Isotopen-Analyse des Zahnschmelzes des Individuums A22037 ergab, daß dieses - entgegen der archäogenetischen Analyse - im Zagros-Gebirge aufgewachsen ist. Es ist also auch denkbar, daß sich die indogermanischen Vorfahren der heutigen Armenier bis in das Zagros-Gebirge ausgebreitet haben und von dort dann nach Bakr Awa gekommen sind. Im Diskussionsteil heißt es (1):

Das Auftreten von mit der Jamnaja-Kultur assoziierten Abstammungskomponenten aus dem Südkaukasus bei zwei Individuen (A22037, A22039) aus der Zeit um 2000 v. Ztr. - sowie in geringerem Maße bei A22038 und A22040 - fällt zeitlich mit dem wachsenden Einfluß der Hurriter nach dem Sturz des Akkadischen Reiches durch die Gutäer (ca. 2150 v. Ztr.) zusammen. Eines dieser Individuen - der männliche Jugendliche A22037 - weist zudem die mit der Jamnaja-Kultur assoziierte Y-Chromosomen-Haplogruppe R-Z2103 (R1b) auf (A22039 ist weiblich); diese Haplogruppe tritt mit hoher Frequenz bei Männern der eisenzeitlichen Fundstätte Hasanlu im nordwestlichen Zagros-Gebirge auf [52, 62] (10 der 14 Männer, denen eine Y-Chromosomen-Haplogruppe zugeordnet werden konnte, gehören zur Gruppe R1b).
Frühere Untersuchungen haben Mobilitätsverbindungen zwischen Hasanlu und dem Südkaukasus aufgezeigt, belegt durch gemeinsame Abstammungsanteile von europäischen Jägern und Sammlern (EHG) sowie eine hohe Frequenz der Y-Chromosomen-Haplogruppe R1b [52]. 
The appearance of Yamnaya-related southern Caucasus ancestry in two individuals (A22037, A22039) dating to approximately 2000 BCE - and to a lesser degree A22038 and A22040 - coincides with expanding Hurrian influence after the Gutian overthrow of the Akkadian empire (ca. 2150 BCE). One of those individuals - the adolescent male A22037 - also carries the Yamnaya associated R-Z2103 (R1b) Y-chromosome haplogroup (A22039 is female), which is at high frequency in males from the northwestern Zagros Iron Age site of Hasanlu [52,62] (10 of the 14 males for which a Y chromosome haplogroup can be assigned are R1b).
Previous research has identified mobility connections between Hasanlu and the southern Caucasus, evidenced by shared European hunter-gatherer (EHG) ancestry and a high frequency of the R1b Y-chromosome haplogroup [52].

Das bezieht sich auf jene Studie, die wir hier auf dem Blog ebenfalls schon ausgewertet hatten (Stg2022). Auch der hier erwähnte Fundort Hasanlu im Nordwest-Iran war von uns erwähnt worden und die dazu gehörige Einordnung der damaligen Forscher, die die Ansicht vertraten, daß die Perser und Meder erst im ersten Jahrtausend v. Ztr. in den Iran zugewandert wären. Weiter lesen wir (1):

Mittels eines konservativen Ansatzes, der auf zwei stabilen Isotopensystemen basiert, konnten wir als wahrscheinlichsten Herkunftsort für A22037 ein Gebiet östlich von Bakr Awa im Zagros-Gebirge identifizieren. Allerdings ist diese Zuordnung aufgrund der relativ einheitlichen Verteilung bioverfügbarer Strontium-Isotopenverhältnisse in Südwestasien sowie des Einflusses des Trinkwassers auf die δ18O-Werte mit einer gewissen Unsicherheit behaftet. Da es sich zudem um eine Einzelbeobachtung handelt, deutet sie nicht auf eine großflächige Migration zwischen dem Zagros-Gebirge und dem Gebiet jenseits des Tigris (Transtigris) hin; sie liefert jedoch Hinweise auf eine bislang unbekannte Verbindung zwischen diesen Regionen, was möglicherweise die genetischen Gemeinsamkeiten zwischen dem Südkaukasus und Bakr Awa erklären könnte.
Trotz der begrenzten Datenlage deuten frühere Studien darauf hin, daß eisenzeitlichen Individuen aus den Kerngebieten des Urartäer-Reiches nahe dem Vansee Abstammungsanteile von osteuropäischen Jägern und Sammlern (EHG) fehlten [52]; allerdings weicht ein bemerkenswertes weibliches Individuum aus Çavuştepe (761-479 cal v. Ztr.) von diesem Muster ab, da es einen hohen Anteil an mit der Jamnaja-Kultur assoziierter Abstammung aufweist (siehe auch Zusatzdatei 1: Abb. S5). Vielmehr legen die Autoren nahe, daß Individuen innerhalb der hurro-urartäischen Sprachfamilie tatsächlich mit einem stärkeren Anteil an Abstammung aus der Levante in Verbindung gebracht werden könnten [52]. Während unsere multidisziplinären Ergebnisse (genetische, isotopische, archäologische und textliche Daten) zusätzliche Erkenntnisse zur Frage der Art und Weise der hurritischen Expansion nach Ostmesopotamien liefern, ist das zugrundeliegende demografische Modell, das den Südkaukasus, Ostanatolien und das Zagros-Gebirge mit Mesopotamien verknüpft, zweifellos komplex. Um dieses Modell vollständig zu klären und in den breiteren archäologischen und historischen Kontext einzuordnen, sind für künftige Forschungsarbeiten umfangreiche Probenahmen an Populationen der Bronze- und Eisenzeit in Mesopotamien, Ostanatolien und dem Zagros-Gebirge erforderlich.
Notably, when utilizing a conservative dual-stable-isotope approach, we identified the most parsimonious recent origin of A22037 as east of Bakr Awa in the Zagros mountains. However, the relatively uniform distribution of bioavailable strontium isotope ratios across Southwest Asia and the influence of drinking water on δ18O values assign some degree of uncertainty to this assignment. Moreover, as this is a single observation, it does not indicate large-scale migration between the Zagros and Transtigirs; however, it offers some evidence of an unknown degree of Zagros-Transtigris connectivity, potentially explaining the ancestry links between the southern Caucasus and Bakr Awa.
Despite limited data, previous research indicates that Iron Age individuals from the Urartian Kingdom's core regions near Lake Van lacked Eastern European hunter-gatherer (EHG) ancestry [52]; though, a notable female outlier from Çavuştepe (761–479 calBCE) deviates from this pattern by possessing a large fraction of Yamnaya-related ancestry (also see Additional file 1: Fig. S5). Rather, the authors propose that individuals within the Hurro-Urartian language family may actually be associated with greater Levantine-related ancestry [52]. While our multidisciplinary results (genetic, isotopic, archaeological, and textual) provide additional data surrounding the question of the nature of the Hurrian expansion into eastern Mesopotamia, the underlying demographic model connecting the southern Caucasus, eastern Anatolia, and the Zagros with Mesopotamia is undoubtedly complex. To fully elucidate this model and integrate it within the broader archaeological and historical context, future research will require extensive sampling across Bronze and Iron Age populations in Mesopotamia, eastern Anatolia, and the Zagros mountains.

Ein komplexes Geschehen, wobei unter anderem nicht klar ist, welcher Sprach- und Herkunftsgruppe die Gutäer, die die Akkader für 75 Jahre unterworfen haben, eigentlich zuzuordnen sein sollen (Wiki). Da werden weitere Forschungen abgewartet werden müssen.

Wie wir finden, wird auf der Plattform X zur Einordnung dieser Studie ganz richtig ausgeführt (Kvali,14.6.26):

Neue DNA-Analysen aus Bakr Awa deuten darauf hin, daß die indogermanische Präsenz in der Bronzezeit weiter südlich reichte als bisher angenommen. Die jüngsten Proben aus Bakr Awa belegen eine starke genetische Verbindung zur Trialeti-Kultur im südöstlichen Kaukasus. Die Trialeti-Bevölkerung sprach zumindest teilweise Indogermanisch – vermutlich auch frühe proto-armenische Gruppen. Besonders interessant ist, daß alte DNA bereits gezeigt hat, daß diese Bevölkerungsgruppen eine größere genetische und möglicherweise auch sprachliche Reichweite hatten, als ihre archäologischen Funde vermuten ließen. Eine Probe aus dem späten 3. Jahrtausend v. Ztr. in der Nähe des Urmia-Sees wies dasselbe genetische Profil auf wie die Bewohner des Kerngebiets der Trialeti-Kultur. Die neuen Daten aus Bakr Awa legen nun nahe, daß diese Gruppen noch weiter nach Süden zogen. Das Zagrosgebirge könnte für sie attraktiv gewesen sein und ihnen geeignete Bedingungen für eine nomadische Lebensweise geboten haben. Dies trägt zu dem wachsenden Bild bei, daß indogermanisch verwandte Bevölkerungsgruppen im bronzezeitlichen Nahen Osten mobiler waren und ein größeres Verbreitungsgebiet erreichten, als bisher angenommen.

Und wir fragen abschließend noch einmal die KI "Welches war das erste indogermanische Volk in Mesopotamien?" und erhalten die folgende Antwort:

Das erste historisch faßbare indogermanische (indoeuropäische) Volk mit direktem Einfluß in Mesopotamien waren die Hethiter. Die indoarische Oberschicht des Mitanni-Reiches in Nordmesopotamien und die mutmaßlich indogermanisch beeinflußte Führungsschicht der Kassiten in Babylonien folgten kurz darauf.
Die Besiedlung und der Einfluß im Detail:
Die Hethiter (ab ca. 1650 v. Chr.): Ihr Kerngebiet lag im heutigen Anatolien, doch unter König Muršili I. unternahmen sie spektakuläre Feldzüge nach Mesopotamien und zerstörten um 1595 v. Chr. die Stadt Babylon. Ihre Sprache (das Hethitische) ist der älteste belegte Zweig der indogermanischen Sprachfamilie.
Das Volk der Mitanni (ca. 1500-1300 v. Chr.): Im Norden Mesopotamiens und in Syrien etablierte sich dieses Reich. Die breite Bevölkerung sprach Hurritisch, aber die herrschende Oberschicht (die Maryannu) war indogermanischer/indoarischer Herkunft. Sie führten die Streitwagen-Kriegskunst ein und verehrten Götter wie Mitra und Indra (bekannt aus dem indischen Sanskrit).
Die Kassiten (ca. 1531-1155 v. Chr.): Sie eroberten nach dem hethitischen Überfall Babylon und herrschten dort über 300 Jahre. Ihre eigentliche Sprache war zwar nicht indogermanisch, jedoch trugen viele ihrer Könige und der Adel nachweislich indogermanische/indoarische Namen.
Wichtiger historischer Kontext:
Die allerersten Hochkulturen Mesopotamiens wie die Sumerer oder Akkader waren keine Indogermanen. Erstere sprachen eine isolierte Sprache, letztere gehörten zu den semitischen Völkern. Die Indogermanen wanderten erst später als Eroberer, Eliten und Einwanderer aus den eurasischen Steppen in den Nahen Osten ein.

Viele Fragen müssen einstweilen noch offen bleiben. 

Anhang: Was steht im Supplement der Studie?

Im Anhang wird noch über die Geschichte von Bakr Awa ausgeführt (1, Suppl.):

Der östliche Teil der Unterstadt wurde erst in der Frühbronzezeit besiedelt; dort stieß man in mehreren tiefen Sondagen unmittelbar unter Schichten aus dem frühen 3. Jahrtausend v. Ztr. auf den gewachsenen Boden. Die Keramik aus diesen Schichten umfaßte Fragmente der sogenannten „Scarlet Ware“, einer für die Frühdynastische Zeit in der Diyala-Region und dem benachbarten Luristan charakteristischen Ware (1).
Die Schichten des späten 3. Jahrtausends sind durch Architektur mit Steinfundamenten gekennzeichnet. Die Keramik weist Ähnlichkeiten hinsichtlich Form und Verzierung zur akkadischen Zeit auf, doch wurden auch Fragmente der lokalen „Bakr Awa Painted Ware“ (BAPW) in Kontexten des 22. bis 19. Jahrhunderts v. Ztr. gefunden.
Während der späten Früh- und der Mittelbronzezeit entwickelte sich der Ort zu einer wohlhabenden Stadt, die fest in die überregionalen Austauschnetzwerke der Ur-III-, Isin-Larsa- und frühen altbabylonischen Zeit eingebunden war.
The eastern part of the lower town had not been settled until the Early Bronze Age, where in several deep soundings, virgin soil was reached directly below layers of the early 3rd millennium BC. The pottery from these layers included fragments of Scarlet Ware, a characteristic of the Early Dynastic period in the Diyala Region and neighboring Luristan (1).
Layers of the late 3rd millennium are characterized by architecture with stone foundations. Pottery has analogies to shapes and decorations of the Akkadian period, but fragments of the local Bakr Awa Painted Ware (BAPW) were found in contexts of the 22nd to 19th century BC as well. During the late Early and Middle Bronze Age, the site became a prosperous city, well embedded within trans-regional exchange networks of the Ur III, Isin-Larsa, and early Old Babylonian periods. 

Die beiden frühesten Menschenfunde mit indogermanischer Genetik werden auf 2.000 v. Ztr. datiert (1, Suppl):

Übergangsphase von der späten Frühbronzezeit zur frühen Mittelbronzezeit (EMBA) [um 2000 v. Ztr.]
Bestattung BA1314
Erdgrab
• A22037 (BA1314/001):
Das Grab enthielt die Überreste eines Jugendlichen (14-15 Jahre alt). Der Erhaltungszustand war gut; vorhanden waren der Schädel, der Brustkorb sowie die oberen und unteren Extremitäten. Lineare Schmelzhypoplasien deuten auf Streßphasen während der Kindheit hin. Gleiches gilt für die Arthrose am zweiten Halswirbel.
Bestattung BA1348/1387
Sekundärbestattung, Entsorgung?
• A22038 (BA1348/001A):
• A22039 (BA1348/001B):
Die Grube enthielt eine vermischte Ansammlung menschlicher Überreste. Das Fundensemble umfaßte Elemente des Schädel- und des postkranialen Skeletts, darunter Knochen des Brustkorbs sowie der oberen und unteren Extremitäten. Ausgewählte Schädel stammen von zwei erwachsenen Individuen, deren Überreste in der Ansammlung nachgewiesen wurden. Aufgrund der Vermischung der Funde lassen sich die pathologischen Veränderungen am postkranialen Skelett nicht eindeutig einem der beiden Individuen zuordnen. Bei beiden Individuen wurde Karies an den Prämolaren festgestellt. Zu den postkranialen Befunden zählen arthrotische Veränderungen an der rechten Hüftpfanne (Acetabulum).
Transitional late Early Bronze Age - early Middle Bronze Age (EMBA) [around 2000 BC] (...)
Burial BA1314
Earth grave
• A22037 (BA1314/001):
The grave contained the remains of an adolescent (14–15 years old). The preservation was good, with the skull, thorax, and both upper and lower limbs present. Linear enamel hypoplasia indicates stress episodes during childhood. Similarly, the osteoarthritis of the second cervical vertebra.
Burial BA1348/1387
Secondary burial, disposal?
• A22038 (BA1348/001A):
• A22039 (BA1348/001B):
The pit contained a commingled assemblage of human remains. The assemblage contained elements of cranial and post-cranial skeleton, with bones of the thorax, upper and lower limbs present. Selected skulls represent two adult individuals whose remains were found in the assemblage. Due to the commingled nature of the assemblage, the pathological changes of the post-cranial skeleton cannot be ascribed to one or other individual. Evidence of caries was found on the premolars of both individuals. Post-cranial lesions include osteoarthritic changes of the right acetabulum.

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  1. Williams, M.P., Fetner, R., Souilmi, Y. et al. Mesopotamian ancient DNA reveals Iron Age integration of heterogeneous Bronze Age genetic ancestries following resettlement. Genome Biol (2026). https://doi.org/10.1186/s13059-026-04145-4, Published 12 June 2026 (GenomeBio2026)

Samstag, 28. Februar 2026

Das Volk der Himmelsscheibe von Nebra - Es bewahrte über 1300 v. Ztr. hinweg Kontinuität

Genetisch und kulturell bis mindestens 750 v. Ztr.
- Und zwar als "Unstrut-Gruppe"- trotz der Ausbreitung der süddeutschen Urnenfelder-Kultur
- Nahe Nebra an der Unstrut, dreißig bis fünfzig Kilometer westlich von Halle

Wer sich ein Bild von vorgeschichtlichen Kulturen machen möchte, tut gut daran, sich immer wieder vor Augen zu führen, daß der Rinderwagen ab 4.000 v. Ztr. Verbreitung gefunden hat zwischen Vorderem Orient, sowie Nord- und Ostsee, ja, daß der Rinderwagen noch um 1200 v. Ztr. in Ägypten als Streitwagen benutzt worden ist (s. Abb. 1) (Stg2010). 

Abb. 1: Verteidigung Ägyptens durch von Rindern gezogene Streitwagen - Wandrelief von Medinet Habu, 1176 v. Ztr.

Er tut außerdem gut daran, sich klar zu machen, daß ab 2.200 v. Ztr. in Europa, im Vorderen Orient und in Asien die große Ära der von Pferden gezogenen Streitwagen (Wiki) begonnen hat (Abb. 2). Das wurde durch die Domestizierung des Pferdes ermöglicht (Stg2021).

Die Indogermanen, die sich ab 4.500 v. Ztr. von der Mittleren Wolga und ab 3.300 v. Ztr. vom Mittleren Dnjepr aus ausbreiteten, verehrten zwar das Wildpferd, das Przewalski-Pferd und nutzten es womöglich auch als bevorzugte Opfertiere, daß diese aber geritten worden sind oder als Zugpferde benutzt worden sind, scheint uns beim derzeitigen Stand der Forschung höchst zweifelhaft. Sie gingen bis 4.000 v. Ztr. zu Fuß und nutzten ab dieser Zeit auch den Rinderwagen  (Stg2024).

Abb. 2: Streitwagen der Eisen-, bzw. Bronzezeit - Bronzemodell aus Göchebi (Dedoplistsqaro), Georgien, erste Hälfte des 1. Jahrtausends v. Ztr., Sighnaghi-Museum, Georgien (Wiki)

Für die Zeit ab 2.200 v. Ztr. ist die Domestizierung des Pferdes sicher (Stg2021). Und jeder Gedanke auch an die europäische Bronzezeit wird sofort viel anschaulicher, wenn man sich klar macht, daß zu dieser Zeit sowohl Rinderwagen - für den Krieg wie den Transport - als auch Streitwagen - für die Kriegsführung - benutzt worden sind. Und daß die Geschwindigkeit dieser Fortbewegungsmittel den Alltag ebenso wie die Kriegsführung bestimmten.

Im Grunde macht es Sinn, an den Anfang jeden Blogartikels über die europäische Bronzezeit das Bild solcher Rinder- und Streitwagen zu stellen (Abb. 1 und 2). Denn sofort taucht ein ganz anderes Bild der bronzezeitlichen Gesellschaften vor dem inneren Auge auf als wenn man sich diesen Umstand nicht klar macht.

Die Verwendung der Streitwagen für den Krieg endete im Mittelmeer-Raum etwa um 750 v. Ztr. (zuletzt wohl genutzt von den Assyrern und Persern). Auf den britischen Inseln waren sie noch zur Zeit der Eroberung durch Cäsar in Gebrauch. Von nun ab wurden Pferde im Krieg vorwiegend geritten.

Diese Hinweise eigentlich nur vorweg. Denn im folgenden geht es einmal erneut um die mitteleuropäische Bronzezeit. Und es ist immer wieder der Eindruck vorhanden, daß es an "Anschaulichkeit" fehlt, wenn davon die Rede ist. 

***

In unserem Blogartikel "Bollwerk Germanien" (Stg2025) war von dem sagenhaften Eroberungszug der keltischen Urnenfelderkultur, bzw. besser der keltischen Goldhut-Kultur ab etwa 1300 v. Ztr. vom heutigen Serbien aus nach Süddeutschland, nach Böhmen und Frankreich - und von dort weiter bis Schlesien und Mecklenburg - die Rede gewesen (Abb 4).

Abb. 3: Pferdegeschirr der Lausitzer Kultur (Wiki) aus dem 8. Jhdt. v. Ztr. aus Mittelpommern, entdeckt 2020 durch Raubgräber - Aus einem Hort bei Schönberg (poln. Kaliska) (Wiki) (s.a. Hölkew) (GMaps) gelegen im Landkreis Schlochau in der einstigen Grenzmark Posen-Westpreußen (Wiki), drei Kilometer nördlich von Baldenburg (Wiki), 60 Kilometer südwestlich von Köslin (3)

Dort in Mecklenburg kam es an der Tollense zur sagenhaften, siegreichen Abwehrschlacht der Nordischen Bronzekultur gegen die Urnenfelder-Leute (Stg2025). Skandinavien konnte in der Folge nicht von der Urnenfelderkultur erobert werden (ein Zeichen dafür, daß die Schlacht für die Urnenfelder-Leute höchstwahrscheinlich nicht siegreich verlaufen sein wird). Sehr wohl aber konnten die Urnenfelder-Leute in der Folge die britischen Inseln erobern. Und sehr wohl sollten sie - vermutlich - als "Seevölker" bis vor die Tore Ägyptens gelangen (Stg2025). 

Durch diesen Eroberungszug breitete sich südeuropäische Glockenbecher-Genetik nach Norden aus (Stg2025). Die südeuropäische ("italo-keltische") Glockenbecher-Genetik ist durch höhere Herkunftsanteile anatolisch-neolitscher Bauerngenetik gekennzeichnet und durch geringere Anteile an (indogermanischer) Steppgenetik. In der nordeuropäischen Schnurkeramik-Genetik ist es umgekehrt.

Um einige Anhaltspunkte zu gewinnen, nenne ich einmal die unterschiedlichen Herkunftsanteile an Steppengenetik in Prozent innerhalb meiner eigenen Familie (lt. MyHeritage) (s. Stg2025):

  • 47,6 % mein Vater (Brandenburger) (geschlußfolgert unter der Annahme, daß ich auf der Mitte zwischen meinem Vater und meiner Mutter liegen werde)
  • 45,4 % ein angeheiratetes blondes Friesen-, Pommern- und Schlesierkind
  • 43,6 % ich
  • 39,6 % meine Mutter (Österreicherin)
  • 39,4 % mein Kind
  • 36,8 % die Mutter meines Kindes (Herkunft aus dem Rheinland und aus der Pfalz)

Diese Herkunftsanteile korrelieren schon in meiner eigenen Familie klar mit hellerer oder dunklerer Pigmentierung der Haare und der Augen.

Abb. 4: Bollwerk Germanien in Norddeutschland an der Tollense und die Eroberung des übrigen Europas durch die Urnenfelder-Kultur ausgehend von Serbien, 1300 bis 800 v. Ztr. (Wiki) - Der zeitgleiche Seevölker-Sturm im Mittelmeerraum, ebenfalls von Serbien ausgehend

Die Herkunftsanteile an Steppengenetik in Prozent betrugen nun nach einer neuen archäogenetischen Studie zu Mitteldeutschland (1) ... 

  • 52 % bei Menschen in der Frühbronzezeit 30 Kilometer westlich von Halle ("Aunjetitzer Kultur")
  • 49 % bei Menschen in der Spätbronzezeit 30 Kilometer westlich von Halle ("Unstrut-Gruppe")
  • 48 % bei Menschen in der Spätbronzezeit in Oberschlesien
  • 41 % bei Menschen in der Spätbronzezeit in Böhmen
  • 33 % bei Menschen in der Spätbronzezeit in Süddeutschland (Neckarsulm)

Diese Zahlen sind von mir selbst abgeleitet aus dem folgenden Zitat - und zwar unter der Voraussetzung, daß sich der dritte wesentliche Herkunftsanteil der Europäer seit dem Spätneolithikum, nämlich der Anteil der westeuropäischen Jäger-Sammler, von 10 bis 20 % im Durchschnitt bei den Menschen nicht mehr geändert hat. Er wird deshalb von mir im Mittel mit 15 % angenommen und einberechnet. Von dem folgenden Zitat können dann die oben genannten Prozent-Angaben abgeleitet werden (1):

Wir beobachten, daß spätbronzezeitliche Individuen aus Mitteldeutschland einen etwas höheren Anteil an anatolisch-neolithischer Abstammung (36,6 ± 2,9 %) aufweisen als jene aus der frühen Bronzezeit in Mitteldeutschland (33,2 ± 2,7 %). Darauf folgen spätbronzezeitliche Individuen aus Böhmen (43,7 ± 4,5 %) und spätbronzezeitliche Individuen aus Süddeutschland, die den höchsten Anteil an anatolisch-neolithischer Abstammung aufweisen (53,5 ± 5,3 %) (Abb. 2b, Ergänzende Daten  4a ). Von allen analysierten Individuen weist der genetische Ausreißer Neckarsulm021 (NES021) mit 67,2 ± 1,7 % den höchsten Anteil an EEF-verwandter Abstammung auf. Die vier spätbronzezeitlichen Individuen aus Oberschlesien/Zentralpolen zeigen ebenfalls einen geringeren Anteil an EEF-verwandter Abstammung (37,4 ± 2,9 %), ähnlich wie jene aus Mitteldeutschland. Angesichts der geringen Stichprobengröße bleibt jedoch offen, ob diese Individuen repräsentativ für die polnisch-schlesischen spätbronzezeitlichen Gruppen sind.

Dieselben Umstände sind in der Abbildung 3 grafisch dargestellt.

Abb. 5: Herkunftsanteile anatolisch-neolithischer Bauerngenetik in Süddeutschland (gelbe Linie oben), Böhmen (hellgrüne Linie), Mitteldeutschland (orange-braune Line) und Oberschlesien/Polen (blaue Linie)

Die anatolisch-neolithische Genetik lag in Süddeutschland schon in der Frühbronzezeit höher als in den anderen dargestellten Regionen (und dementsprechend die Steppengenetik niedriger), sie nahm aber ab 1800 v. Ztr. noch einmal sehr deutlich zu (vielleicht durch Zuwanderungen aus Serbien). In Böhmen nahm dieser Anteil etwas später und nicht ganz so abrupt zu. In Mitteldeutschland nahm er noch weniger abrupt zu. Auch in Oberschlesien/Polen nimmt er ab 1800 v. Ztr. recht deutlich zu, nimmt aber ab 1600 v. Ztr. wieder deutlich ab, um dann allmählich wieder erneut anzusteigen. Der Anstieg der anatolisch-neolithischen Herkunftsanteile in Mitteldeutschland wird in der Studie folgendermaßen erklärt (1):

Individuen der frühen Späten Bronzezeit in Mitteldeutschland können mit der frühbronzezeitlichen Aunjetitzer-Herkunft in Deutschland als einziger Quelle modelliert werden, was auf eine regionale Kontinuität seit der frühen Bronzezeit als sparsamste Erklärung hindeutet (...). Im Gegensatz dazu läßt sich die Abstammung der meisten spätbronzezeitlichen Individuen in Mitteldeutschland nicht allein durch die früheren frühbronzezeitlichen Populationen dieser Region modellieren. Sie wird am besten durch zwei Abstammungsquellen beschrieben: Deutschland frühbronzezeitliche Aunjetitzer Kultur als lokale Quelle und Deutschland_Lech_Mittlere_Bronzezeit, Tschechien_Mittlere_Bronzezeit_Tumulus oder Deutschland_Süddeutschland_Singen_Frühe_Bronzezeit als zweite, geografisch und chronologisch nächstgelegene, nicht-lokale Herkunft (Ergänzende Daten  4c sowie Abb.  4a und 4b ). Dieses Muster deutet auf eine Mischung aus lokaler Kontinuität und Genfluß aus südlichen und/oder östlichen Regionen hin, was mit einer zunehmenden Vernetzung innerhalb der geografischen Verbreitung/Ausdehnung der Urnenfelderkultur übereinstimmt (...), aber ohne daß das genauer eingegrenzt werden kann.

Aufgrund welcher Funde gelangte man zu diesen neuen Erkenntnissen?

Dreißig Kilometer westlich von Halle liegen die Dörfer Kuckenburg und Esperstedt (GMaps). Hier wurde bis 2009 die A38 gebaut und im Zuge der vorhergehenden archäologischen Grabungen wurde unter und östlich der heutigen Autobahnabfahrt ein Gräberfeld und eine zugehörige befestigte Siedlung ergraben, ebenso wurde eine befestigte bei dem gegenüber liegenden Kuckenburg ergraben. Aus den hierbei gefundenen Menschenresten konnte nach einer neuen archäogenetischen Studie die DNA von 36 Personen der Urnenfelder-Zeit, genauer der örtlichen Unstrut-Gruppe (1300-750 v. Ztr.) (Wiki) gewonnen werden.

Wennungen - Proto-urbane Siedlung der Unstrut-Gruppe

Eine noch weitaus größere proto-urbane Siedlung der "Unstrut-Gruppe" wurde nur zwanzig Kilometer weiter südlich der Kuckenburg über dem Unstrut-Tal gefunden (GMaps). Diese liegt nur sechs Kilometer östlich von Nebra an der Unstrut, dem Fundort der Himmelsscheibe (1850 v. Ztr.) und wurde vierhundert Jahre nach der Niederlegung der Himmelsscheibe angelegt. Über Wennungen lesen wir (Wiki):

In der späten Bronze- und der frühen Eisenzeit (12. bis frühes 5. Jh. v. Ztr.) trug die Hochfläche westlich des Dorfes (bis zum Dissaubach) eine etwa 300 Hektar umfassende „Proto-Stadt“ der Unstrut-Kultur, die mit Gräben und Wällen geschützt war und an einem Fernhandelsweg vom Thüringer Becken in die Leipziger Tieflandsbucht lag.

Also grob ein Kilometer breit und drei Kilometer lang. Und weiter (Wiki): 

Gegenüber den zeitgenössischen Siedlungen mit meist nur 1 bis 2 Hektar Größe nahm diese Großsiedlung eine deutlich herausgehobene, überregionale Bedeutung ein. Sole und Metallerze wurden hier in großen Mengen verarbeitet. In tausenden Vorratsgruben wurde Getreide gespeichert. Ihre Einwohnerzahl wird für ihren Höhepunkt auf mehrere tausend Menschen geschätzt. Einzigartig für jene Zeit sind die Reste einer ornamental bemalten Hauswand, etwa 1.500 Lehmputzsplitter - die größte vorgeschichtliche Wandmalerei nördlich der Alpen. Teile der Siedlung wurden von 2007 bis 2010 im Zuge von Bauarbeiten an der ICE-Schnellfahrstrecke Erfurt - Leipzig ergraben.

Es finden sich online Artikel zu den gefundenen Wandornamenten (s. ArchOnl). In Wennungen wurde innerhalb der Siedlung auch eine - sehr abstoßende - Siedlungsbestattung gefunden, die im Museum in Halle ausgestellt wird: ein junges behindertes Geschwisterpaar, das getötet und achtlos in eine Grube geworfen worden ist (Yt2021). Über die Unstrut-Gruppe heißt es bezeichnenderweise auch (Wiki):

Anfänglich dominierte die Körperbestattung in Baumsärgen und Holzkästen. Sie wurde jedoch nie ganz gegenüber der Brandbestattung aufgegeben, deren Nutzung ab dem 1. Jahrtausend v. Ztr. zunehmend einsetzte.

Die Brandbestattung wurde durch die Urnenfelder-Kultur ausgebreitet. Der offenbar durch sie bewirkte Anstieg der anatolisch-neolithischen Genetik erfolgte in der Unstrut-Gruppe offenbar nur ebenso allmählich an wie die zeitgleiche Übernahme der die Sitte der Bandbestattung. Also Hinweise sowohl auf genetische wie kulturelle Kontinuität im Angesicht einer Umbruchszeit. Dementsprechend heißt es auch in der Studie (1):

Insgesamt legen unsere Ergebnisse nahe, daß die unterschiedlichen Bestattungspraktiken in Kuckenburg und Esperstedt kulturell motiviert waren und lokale Traditionen sowie die bestehende regionale Vernetzung widerspiegelten und nicht den Zuzug neuer genetischer Gruppen oder nicht-lokaler Individuen.

Und (1):

Die Unstrut-Gruppe (ca. 1325–750 v. Ztr.), die zwischen dem Thüringer Wald und der Saale in Mitteldeutschland lebte und im Mittelpunkt dieser Studie steht, bestattete ihre Toten beispielsweise fast 500 Jahre lang, während benachbarte Gruppen wie die Saalemündungs-Gruppe zur Feuerbestattung übergingen.

In der Studie vereinzelte ausgewertete Funde stammen auch aus drei Dörfern in Oberschlesien.

Abb. 6: Die Fundorte der ausgewerteten Menschenfunde (1) - 1 Esperstedt, 2 Kuckenburg, 3 Leubingen, 4 Neckarsulm, 5 Türmitz (Sudetenland, tsch. Trmice), 6 Holubitz (tsch. Holubice), 7 Libschitz an der Moldau (tsch. Libčice nad Vltavou), 8 Kněževes (Dorf nahe Prag), 9 Praha-Ruzyně, 10 Schlan (tsch. Slaný), 11 Laband-Pschyschowka (Oberschlesien, poln. Łabędy Przyszówka), 12 Deutsch Neukirch (Oberschlesien, poln. Nowa Cerekwia), 13 Kornitz (Oberschlesien, poln. Kornice)

Sie gehören der Lausitzer Kultur an (GMaps). Da wir uns auch für die schlesische Landesgeschichte sehr interessieren, gehen wir im folgenden noch auf einige Einzelheiten dieser Fundorte ein.

Die bronzezeitlichen Menschenfunde aus Oberschlesien

Deutsch Neukirch

Die Menschenfunde stammen erstens aus dem Dorf Deutsch Neukirch (poln. Nowa Cerekwia) (Wiki), 16 Kilometer südlich von Leobschütz und 22 Kilometer entfernt von jenem Dorf Dobersdorf (GMaps), das auf unserem Parallelblog schon eine Rolle gespielt hat (Prbl2023). Die ausgewerteten Menschenfunde stammen aus Grabungen des Archäologischen Museums Breslau der Jahre 1973 und 1986 (1, Anhang, S. 50).

Kornitz

Die Menschenfunde stammen außerdem aus dem Dorf Kornitz (poln. Kornice) (Wiki), gelegen fünfzehn Kilometer östlich von Deutsch Neukirch (Wiki), sowie acht Kilometer westlich von Ratibor. Hier fanden 2008 bis 2013 Rettungsgrabungen des Archäologischen Museums Kattowitz statt im Vorfeld einer großflächigen Erweiterung der dortigen Fensterfabrik Eko-Okna (WikiFb) (Abb. 7). Sie ist der europaweit größte Hersteller von Aluminium- und PVC-Fenstern und -Türen. Die Firma hat gegenwärtig 13.000 Mitarbeiter.

Abb. 7: Fensterfabrik auf Gräberfeldern der Lausitzer Kultur bei Kornitz in Oberschlesien (Fb)

Über die Ausgrabung lesen wir (1, Anhang, S. 46):

Die Fundstätte liegt am linken Ufer der Zinna (poln. Psina), etwa 8 km westlich von Ratibor (Racibórz), in einer Region im Vorfeld des Mährischen Tores. Sie spielte eine wichtige Rolle für den Austausch und die Weitergabe kultureller Muster zwischen Gebieten südlich der Karpaten und Sudeten und Nordeuropa. Die Ausgrabungen führten zur Entdeckung jungpaläolithischer Fundstätten, neolithischer Siedlungen, darunter eine ausgedehnte Siedlung der Kugelamphorenkultur mit trapezförmigen Langhäusern, eines kleinen Siedlungskomplexes der Glockenbecherkultur mit Friedhof, zweier kleiner frühbronzezeitlicher Friedhöfe, einer mehrphasigen offenen und geschlossenen bronzezeitlichen Siedlung mit Friedhof, einer kaiserzeitlichen Siedlung, eines frühmittelalterlichen Friedhofs und eines spätmittelalterlichen Dorfes.

Über den hier erwähnten Oder-Nebenfluß Zinna lesen wir (Wiki):

Entlang der Zinna verlief auch die sprachliche Grenze zwischen dem lachischen und polnisch-schlesischen Dialekt - in einer örtlichen Überlieferung nördlich von Zinna fliegt wróna (Krähe) und südlich vrana.

Wir lesen über die Geschichte des Dorfes Kornitz im 20. Jahrhundert unter anderem (Wiki):

Bei der Volksabstimmung in Oberschlesien am 20. März 1921 stimmten vor Ort 133 Wahlberechtigte für einen Verbleib Oberschlesiens bei Deutschland und 79 für eine Zugehörigkeit zu Polen. Auf dem Gut stimmten 62 für Deutschland und drei für Polen. Kornitz verblieb nach der Teilung Oberschlesiens beim Deutschen Reich.

Nebenbei erhalten wir hier einen eindrucksvollen Hinweis auf den polnischen Wirtschaftsaufschwung in den letzten Jahren. 

Abb. 8: Die Mährische Pforte entlang des Oberlaufs der Oder - An ihrem östlichen Ende stießen tschechischer und polnischer Siedlungsraum zusammen, über die Mährische Pforte breiteten sich die Deutschen ab 1250 von Schlesien nach Mähren hinein aus - Das Teschener Schlesien blieb im Westen mehrheitlich tschechisch und im Osten mehrheitlich polnisch besiedelt, die Mährische Pforte trennte die Sudeten im Westen von den Karpaten im Osten, sie trennte auch Böhmen (links der Oder) von Mähren (rechts der Oder) (Wiki)

Außerdem stammen ausgewertete Funde aus dem Dorf Pschyschowka (poln. Przyszówka, dt. auch Waldenau) (Wiki) (Abb. 10) bei dem Dorf Laband, elf Kilometer nördlich von Gleiwitz (GMaps).

Pschyschowka bei Laband

Im Anhang der Studie lesen wir zu letzteren (1, Anhang, S. 49):

Die Rettungsgrabung im Jahr 1938 wurde von T. Kubiczek unter der wissenschaftlichen Leitung von F. Pfützenreiter vom Oberschlesischen Regionalmuseum in Beuthen durchgeführt. (...) Die Ausgrabung legte 80 Gräber frei, darunter 58 Körpergräber, 17 Brandbestattungen (sowohl Gruben- als auch Urnengräber) und 4 nicht näher bestimmte Gräber. Die Gräber dieser Stätte werden den HaC- und HaD-Phasen der Hallstattzeit zugeordnet. Der Friedhof von Laband-Pschyschowka (Łabędy-Przyszówka) gehört zu einer besonderen Gruppe von Friedhöfen mit zwei Bestattungsriten, in denen Körpergräber im Allgemeinen die Brandgräber überwiegen (z. B. Świbie). Diese Ansammlung von Gemeinschaften, die mit der Lausitzer Kultur verbunden sind und sich durch ihre besonderen Bestattungsbräuche auszeichnen, befindet sich in einem begrenzten Gebiet im östlichen Oberschlesien und westlichen Kleinpolen, zwischen Tschenstochau (Częstochowa) und Gleiwitz (Gliwice).

Die anthropologische Sammlung des Museums Beuthen hat sich offenbar über das Jahr 1945 hinweg erhalten.

Abb. 8: Antennenschwert vom Typ Weltenburg aus dem Kaliska-II-Schatzfund aus Mittelpommern, 7. Jhdt. v. Ztr. (3)

Aber von den 58 Körpergräbern konnte offenbar nur aus einem auswertbares Genmaterial gewonnen werden. Es stammte aus der Zeit grob um 700 v. Ztr.. Der hier genannte Archäologe und Botaniker Franz Pfützenreiter wurde 1888 in Bernterode bei Heiligenstadt in Thüringen geboren, starb 1968 in Stuttgart (LeoBW), wirkte aber bis 1945 in Schlesien. Er promovierte 1932 in Breslau und wurde 1934 Direktor des Oberschlesischen Landesmuseums in Beuthen. Später war er tätig als Leiter des Heimatmuseums Fraustadt (Wiki), das nahe der schlesischen Grenze zur Provinz Posen lag, die 1919 an Polen abgetreten worden war. Fraustadt gehörte ursprünglich zur Provinz Posen und war ab 1919 Teil der "Grenzmark Posen-Westpreußen" (Wiki). Nach 1945 wurde Pfützenreiter nordwürttembergischer Landesbeauftragter für Naturschutz und Landschaftspflege. Über die Ergebnisse der Volksabstimmung am 20. März 1921 im Dorf Laband heißt es (Wiki):

In Laband stimmten 1332 Wahlberechtigte (44,1 % der abgegebenen Stimmen) für einen Verbleib Oberschlesiens bei Deutschland, 1683 für eine Zugehörigkeit zu Polen (55,6 %), 8 Stimmen (0,3 %) waren ungültig. Die Wahlbeteiligung betrug 97,7 %. Laband verblieb nach der Teilung Oberschlesiens beim Deutschen Reich.

Das Schloß von Laband befand sich im Besitz der Adelsfamilie von Welczeck (Wiki), deren Angehörige über die Jahrhunderte als Offiziere und Diplomaten in preußischen Diensten standen. Noch 2011 wurde vor dem Verwaltungsgericht Köln über die deutsche Staatsangehörigkeit eines aus Pschyschowka stammenden Mannes entschieden (LegalData). 

Abb. 10: Postkarte aus Pschyschowka

Es wird spannend sein zu erfahren, wie es nach 750 v. Ztr. weiter ging. Sicher ist, daß es irgendwann im 1. Jahrhundert v. Ztr. zur Zuwanderung von Germanen aus Skandinavien kam. Diese lebten zuletzt als Thüringer in der Region der vormaligen Unstrut-Gruppe. Sie sind dann aber genetisch fast vollständig verschwunden. An ihrer Stelle breiteten sich ja dann die Slawen aus (Stg2025). Bis die Deutsche Ostsiedlung begann. 

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  1. Reconstruction of the lifeways of Central European Late Bronze Age communities using ancient DNA, isotope and osteoarchaeological analyses. E Orfanou, A Ghalichi, AB Rohrlach, E Paust, … Johannes Krause .... Harald Meller ... Philipp W. Stockhammer, Joachim Wahl, ... Wolfgang Haak.  Nature Communications, 24.2.2026 (Nature2026)
  2. Matthias Becker, Madeleine Fröhlich, Andreas Hüser, Helge Jarecki, Jan F. Kegler und Franziska Knoll: »Wenige hundert Schritte oberhalb des Dorfes Wennungen ...«, Archäologie in Deutschland 2011, 6-11 (Acad)
  3. The Kaliska II hoard: Interconnections and metal trade between Pomerania and the Nordic zone during the North European Bronze Age. By Grzegorz Szczurek, Łukasz Kowalski, Zofia Anna Stos-Gale, Maciej Kaczmarek, Roland Maas, Jon Woodhead. Journal of Archaeological Science: Reports. Volume 61, February 2025, 104877 (JAS2025)

Sonntag, 15. Juni 2025

Großkönige der Aunjetitzer Kultur (2.300 bis 1.600 v. Ztr.)

In Sachsen, Polen, Schlesien und Böhmen
- Von der Oder über die Elbe bis an die Donau, bis zur Weichsel und bis zur Weser

Um 2.200 v. Ztr. begann in Europa, im Vorderen Orient und in Asien die große Ära der Streitwagen (Stg2021) (Wiki).

Abb. 1a: Streitwagen der Eisen-, bzw. Bronzezeit - Bronzemodell aus Göchebi (Dedoplistsqaro), Georgien, erste Hälfte des 1. Jahrtausends v. Ztr., Sighnaghi-Museum, Georgien (Wiki)

Jeder Gedanke auch an die europäische Bronzezeit wird sofort viel anschaulicher, wenn man sich klar macht, daß zu dieser Zeit sowohl Rinderwagen - für den Transport - wie Streitwagen - für die Kriegsführung - verwendet worden sind. Und daß die Geschwindigkeit dieser Fortbewegungsmittel den Alltag ebenso wie die Kriegsführung bestimmte. Im Grunde macht es Sinn, an den Anfang jeden Blogartikels über die europäische Bronzezeit das Bild eines solchen Streitwagens zu stellen (Abb. 1). Denn sofort taucht ein ganz anderes Bild der bronzezeitlichen Gesellschaften vor dem inneren Auge auf.

Die Verwendung der Streitwagen für den Krieg endete im Mittelmeer-Raum um 750 v. Ztr., auf den britischen Inseln waren sie noch zur Zeit der Ankunft Cäsars im Gebrauch. Soviel also vorweg.

"Deutschlands erste Fürsten starben wie Pharaonen" titelte die deutsche Presse 2016 über den größten Grabhügel der Bronzezeit in Europa, der aus der Aunjetitzer Kultur (2.300 bis 1.600 v. Ztr.) (Wiki) hervorgegangen war (s. Stg19). Der dort bestattete Herrscher wurde auch als "Herr der Himmelsscheibe von Nebra" tituliert (Abb. 1).

Abb. 1: Insignien im Großreich der Aunjetitzer Kultur (1800 v. Ztr.) - Sie stehen für Himmelskunde und Selbstbehauptung - Dargebracht den Göttern im Angesicht des Sonnenuntergangs (Wiki), vielleicht bevor bedeutendere Teile des Volkes ihre Heimat verließen und erobernd gen Süden zogen, wobei die Götter zuvor um Glück gebeten worden sein mögen

Es handelt sich um den größten Grabhügel dieser Kultur, nämlich um den Bornhöck (Wiki), gelegen zwischen Halle und Leipzig zehn Kilometer westlich des Schkeuditzer Kreuzes, zehn Kilometer westlich der Autobahn A9 von Berlin nach München. Dieser Bornhöck ist um 1800 v. Ztr. errichtet worden, also zur Zeit des Hethiter-Reiches in Kleinasien, zur Zeit des Großreiches von Ägypten am Nil. 

Der Bornhöck wäre als Abstecher während einer Reise von Berlin nach München leicht zu besuchen (GMaps). Bedauerlicherweise ist der Hügel aber schon bis 1900 völlig abgetragen worden. Es ist heute nichts mehr von ihm zu sehen. Seine Anlage konnte immerhin unterhalb der Erdoberfläche 2014 bis 2017 archäologisch untersucht werden, wobei alle in Archiven verfügbaren Dokumente aus früheren Jahrhunderten zu der Geschichte und Erforschung dieses Hügels herangezogen wurden. Diese Forschungen führten zu der eingangs genannten Neubewertung.

Abb. 2: Dolchzepter der Aunjetitzer Kultur - Insignie und Waffe - Machtsymbol gefunden in den bedeutenden Grabhügeln von Łęki Małe, gelegen zwischen Breslau und Lodz - Standbild aus einem Dokumentarfilm über die Aunjetitzer Kultur aus dem Jahr 2022 (Yt2022)

2022 wurde in ähnlicher Weise ein bronzenes "Dreiecks-Zepter" der Aunjetitzer Kultur, das in einem Grabhügel nahe des Dorfes  Łęki Małe, gelegen auf halbem Weg zwischen Breslau und Lodz, gefunden worden war, zum leitenden Symbol einer einstündigen Dokumentation gwählt (Vodtv):

Ausgangspunkt des Films sind die mit Bronze- und Goldprodukten gefüllten Grabhügel, die sogenannten Fürstengräber aus der Ortschaft Łęki Małe bei Kościan in Großpolen. Es handelt sich um die größten erforschten Grabhügel in Polen. Sie wurden von Mitgliedern einer Gemeinschaft errichtet, die Archäologen heute als Aunjetitzer Kultur bezeichnen. In reich ausgestatteten Gräbern fanden Archäologen das titelgebende, sehr eindrucksvolle und für die Aunjetitzer Kultur charakteristische „Dolchzepter“.

In der deutschsprachigen Wissenschaft wurden diese "Dreiecks-" oder "Dolch-Zepter" zu einer Zeit, als noch zahlenmäßig viel weniger von ihnen bekannt waren, recht unprosaisch "Stabdolche" genannt (Wiki). Entsprechend werden sie im Englischen als "Staff daggers" (WikiCom) bezeichnet. In Zusammenhang mit dem genannten Dokumentarfilm (s.a.: GrodziskFb) sind jedenfalls eindrucksvolle Bilder entstanden, von denen in diesen Blogbeitrag einige eingebunden sind, weil sie die Welt der Aunjetitzer Kultur ein wenig anschaulicher machen (Abb. 2-6).

Die erstgenannte Titelzeile in der deutschen Presse und dieser Dokumentarfilm machen jedenfalls sehr gut auf die Bedeutung der genannten Grabhügel und der Aunjetitzer Kultur aufmerksam, aus denen diese hervorgegangen sind. 

Abb. 3: Machtübernahme im Großreich der Aunjetitzer Kultur -  Standbild aus einem Dokumentarfilm zur Aunjetitzer Kultur aus dem Jahr 2022 (Yt2022)

Die Erforschung des Bornhöck hatte insgesamt zu einer Neubewertung seiner vormaligen Bedeutung geführt (Stg19):

Hier lag das Zentrum eines hierarchisch gegliederten Reiches,

ist der Tenor - ähnlich wie im Dokumentarfilm von 2022. Der Hallenser Archäologe Harald Meller (Stg19) ...

... vergleicht die Anlage mit den Pyramiden des pharaonischen Ägypten. Nicht nur, daß die Goldbeigaben ihn als gottgleichen Herrscher ausweisen. Sondern auch Organisation und Ressourcen, die für den Bau eingesetzt wurden, belegen bereits eine soziale Differenzierung und Arbeitsteilung, die Herrschaft ermöglichte und dabei weit über das hinausgeht, was etwa die Römer 2000 Jahre später in Germanien vorfanden.

Solche Aussagen sind gewöhnungsbedürftig. Aber um so mehr man sich mit dem Mittelneolithikum Europas auf heutigem Forschungsstand beschäftigt (s.a. Stg25), um so angemessener erscheinen sie einem. Auch wenn ihr Inhalt noch lange nicht in das Geschichtsbild der Gegenwart eingegangen ist. Diese Aussage macht deutlich, auf eine welch lange Geschichte "Staat" in Europa zurück blicken kann. Staatsbildung hat es nicht erst seit dem Frühmittelalter oder seit den Kelten in Europa gegeben, Staaten gibt es in Europa seit 4.700 v. Ztr., Großreiche, staatliche Strukturen und proto-urbane Siedlungen sind damit in Europa ebenso alt wie in Ägypten und im Vorderen Orient. Über die genannten Stabdolche lesen wir außerdem (Hansen2010):

Zu den bemerkenswertesten Waffen der Frühbronzezeit gehören die sogenannten Stabdolche. (...) Man konnte sie einerseits wie eine Axt handhaben. Andererseits verlängerte man durch den Stiel die Reichweite des Dolchs mit seinen rasiermesserscharfen Klingen, die tiefe, folgenschwere und vermutlich häufig tödliche Wunden zufügten. Die Stabdolche sind zum Töten von Menschen erdacht. (...)
Die frühsten bekannten Stabdolche sind bereits in die erste Hälfte des 3. Jahrtausends v. Chr. zu datieren, ein Beginn bereits im 4. Jahrtausend v. Chr. ist für einige Exemplare aus Oberitalien nicht auszuschließen. Stabdolche wurden also etwa tausend Jahre hergestellt, bis sie schließlich durch das Schwert verdrängt wurden. (...)
Die hohe Bedeutung dieser Waffen wird auch durch die Darstellung von Stabdolchen auf der 4,5 m hohen Stele von Tübingen-Weilheim (Abb. 14) dokumentiert. Sie wurde vor wenigen Jahren gefunden und stellt das erste derartige Bildwerk nördlich der Alpen dar.

So schrieb 2010 der deutsche Archäologe Svend Hansen über die Stabdolche.

Abb. 4: Herr über Leben und Tod (Yt2022) - Standbild aus einem Dokumentarfilm zur Aunjetitzer Kultur von 2022 (Yt2022)

Über die Ethnogenese, Herkunft und über den Ausbreitungsmodus der Aunjetitzer Kultur hatten wir hier auf dem Blog schon verstreut Hinweise zusammen getragen (Stg21). Aber sie waren bislang noch nicht zu einem Gesamtbild zusammengeschmolzen. Dazu soll im folgenden ein erster Versuch gemacht werden, nachdem die Veröffentlichung eines neuen Hortfundes der Aunjetizter Kultur in Ostbrandenburg östlich von Küstrin und südlich des Warthebruches unsere Aufmerksamkeit auf sich gezogen hatte (siehe unten) und wir uns erneut veranlaßt sahen, nach einer historischen Einordnung zu suchen.

Ethnogenese der Aunjetitzer Kultur in Pommern? - Ethnozidaler Ausbreitungsmodus

Die aus Nordfrankreich und vom Rhein stammende Glockenbecherkultur hat ab 2.500 v. Ztr. in Böhmen ein sehr umfangreiches, vermutlich genozidales "genetic replacement" zustande gebracht (Stg25). Solche genozidalen "replacement"-Vorgänge sind für die italo-keltischen Kulturen über die Jahrtausende hin sehr oft in vielen Teilen Europas festgestellt worden (britische Inseln, iberische Halbinsel etc.). Sie deuten sich auch in derselben Zeit an für die Ankunft der indogermanischen Griechen und der Armenier in Griechenland und Armenien.

Zweihundert Jahre nach Ankunft der ersten Glockenbecherleute hat es dann aber offenbar in Böhmen ein erneutes genozidales "genetic replacement" gegeben, und zwar diesmal durch die Menschen der Aunjetitzer Kultur, deren Angehörige möglicherweise Nachfahren von Glockenbecher-Leuten waren, die sich bis in den Ostseeraum ausgebreitet hatten, die sich bis Pommern ausgebreitet hatten, und die von dort aus eine etwas "veröstlichte" Genetik mit nach Böhmen gebracht haben, wobei sie wiederum genozidal gegenüber kulturell und genetisch verwandten Nachfahren von Glockenbecher-Leuten scheinen vorgegangen zu sein.  

Abb. 5: Bestattet mit Waffe und Zepter - Standbild aus einem Dokumentarfilm zur Aunjetitzer Kultur (2022) (Yt2022)

Auf Verbreitungkarten zur Glockenbecherkultur sieht man - und aus sonstigen Zusammenhängen wissen wir - daß sich die Glockenbecherkultur zeitweise bis nach Dänemark (und Norwegen), bis an die Odermündung und bis ins Kulmer Land an der Weichsel (Kujawien) ausgebreitet hatte (s. Abb. 6).

Wir hatten hier auf dem Blog 2021 anhand einer damals erschienenen archäogenetischen Studie zu Böhmen referiert (Stg21):

Für die frühe Aunjetitzer Kultur (2.300 bis 1.600 v. Ztr.) vermuten die Forscher den zusätzlichen genetischen Beitrag von Glockenbecher-Populationen aus der späten Glockenbecher-Zeit (2.400 bis 2.200 v. Ztr.), die noch nicht sequenziert worden sind, um eine auftretende Verschiebung des genetischen Spektrums Richtung osteuropäischer und westsibirischer Jäger-Sammler-Genetik zu erklären. 
Eine solche genetische Umwälzung zeigt sich an dem Wechsel der Y-chromosomalen Linien noch deutlicher: 80 % der Y-chromosomalen Linien in der frühen Aunjetitzer Kultur sind neu, gehören aber zum Y-chromosomalen Glockenbecher-Spektrum.
All das würde nahelegen, daß es mit Aufkommen der Aunjetitzer Kultur noch einmal einen erneuten genetischen Umbruch in Böhmen gegeben hat, daß also eine Glockenbecher-Untergruppe unter dem Dach der Aunjetizer Kultur andere Glockenbecher-Untergruppen kriegerisch und/oder demographisch "verdrängt" hat. Der genetische Umbruch könnte 50 % der Genetik insgesamt betroffen haben, so die Forscher. Die Forscher sehen Hinweise darauf, daß die Indogermanen der Aunjetitzer Kultur aus dem Ostseeraum stammen. Wenn man sich Verbreitungskarten der Aunjetitzer Kultur ansieht (Wiki), könnte sie diesbezüglich am ehesten aus Pommern stammen.  

Die groben Umrisse der Kultur und Gesellschaft der bedeutenden frühbronzezeitlichen Aunjetitzer Kultur werden damit also eigentlich immer deutlicher sichtbar, ohne daß wir uns das hier auf dem Blog bislang ausreichend deutlich gemacht hatten - bei der Fülle der archäogenetischen Neuerkenntnisse, die sonst zu behandeln waren.

Abb. 6: Das Glockenbecherphänomen und beeinflußte benachbarte Territorien (Resg2019)

Auch der vorliegenden Artikel wird dazu nur Ungenügendes leisten. Aber der englischsprachige Wikipedia-Artikel zu dieser Kultur gibt im Grunde schon einen guten Überblick (Wiki). Obwohl es im einzelnen viele Unterschiede geben wird gegenüber der späteren Urnenfelderkultur (1300 bis 750 v. Ztr.) (Wiki), so scheint es doch, als ob - gerade auch mit dem zeitlichen Abstand von heute - sehr viele Gemeinsamkeiten zwischen der Aunjetitzer Kultur einerseits und der Urnenfelder-Kultur andererseits wahrnehmbar sind, zwischen der "Kultur der Himmelsscheibe von Nebra" und der "Goldhut-Kultur" (Stg25). 

Großreiche, stadtähnliche Siedlungen und "Reichsadel" seit dem Mittelneolithikum

Großreiche, Königreiche, Fürstentümer mit einer überregional heiratenden "Beamten-Elite", einem "Adel" hatte es in Europa schon im Mittelneolithikum ab 4.500 v. Ztr. gegeben (Stg25). In Großsteingräbern und in Statuenmenhiren (Stg19) hat dieser Beamten-Adel Selbstdarstellung betrieben. Solche Statuenmenhire sind auch schon von dem sekundären Urvolk der Indogermanen am Mittleren Dnjepr ab 3.300 v. Ztr. aufgestellt worden. Auch dichter besiedelte Herrschaftszentren, umwallte Anlagen lassen sich schon für die Zeit des Mittelneolilthikums feststellen, nicht nur westlich des Volkes der Späten Urindogermanen am Mittleren Dnjepr (Cucuteni-Tripolje), sondern überall in Europa.

Ab 2.800 v. Ztr. breiten sich dann die halbnomadischen Indogermanen vom heutigen Südpolen, also Wolhynien aus nach und nach über ganz Europa aus. Sie benutzen die Großsteingräber der Vorgängerkulturen weiter, auch religiöse Anlagen benutzen sie weiter (s. Stonehenge). Die zuvor schon bestehenden großstaatlichen Strukturen, Großreiche (etwa der Kugelamphoren-Kultur) scheinen sie ebenfalls einfach weiter geführt zu haben - insbesondere nachdem die Schnurkeramiker und die Glockenbecherleute, die ursprünglich Herdenhalter waren, seßhaft geworden waren und Ackerbau betrieben. 

Abb. 7: Waffen und Herrschaftszeichen der Aunjetitzer Kultur (Antiquity) - Gefunden 2021 nahe des Dorfes Mauskow südlich des Warthebruches in Ostbrandenburg

Sowohl in der Aunjetitzer Kultur wie auch in der Urnenfelder Kultur gab es dann die ersten proto-urbanen Siedlungen, also stadtähnliche Anlagen, deren Existenz vor 15 Jahren hier auf dem Blog noch eine Sensation war (Stg10).

In Böhmen, Mähren und in der Slowakei hat sich die Aunjetitzer Kultur wirtschaftlich und demographisch ebenso erfolgreich entwickelt wie in Sachsen und östlich der Oder. In der Nähe von Prag gab es bedeutende "Fürstengräber", ebenso aber weiter nördlich zwischen Elbe und Weichsel, unter anderem eben auch nahe des Dorfes Łęki Małe zwischen Breslau und Lodz (siehe oben, bzw. siehe unten). In Böhmen, Mähren und der Slowakei gibt es etwa 1.400 dokumentierte Fundstätten der Aunjetitzer Kultur. Im Land östlich der Oder und der Neiße, also im heutigen Polen gibt es 550, im heutigen Deutschland 500 Fundstätten. Außerdem ist die Aunjetitzer Kultur auch in Nordostösterreich sowie in der Westukraine bekannt (Wiki). 

Insgesamt sind Aunjetitzer Bronze- und Keramikfunde jedoch sogar von Irland und Skandinavien bis hinab in die italienische Halbinsel und bis hinab in den Balkan gemacht worden. Diese Kultur hatte also eine große Strahlkraft, sie bezog auch ihre Rohstoffe und verschiedene Herstellungstechniken aus fast ganz Europa - etwa an der Himmelsscheibe von Nebra ablesbar, die auch als ein Abbild dieser Europa überspannenden Verbindungen angesehen werden kann (Abb. 1).

Die beiden großen Völkergruppen, die germanische und die kelto-italische, die einerseits von der Schnurkeramik-Kultur, andererseits von der Glockenbecher-Kultur abstammen (Stg24), mögen sich in jener Zeit sprachlich auch noch gar nicht so weit voneinander getrennt haben, als es dann für die Eisenzeit bezeugt, bzw. anzunehmen ist.

Abb. 8: Die Landschaft südlich des Warthebruchs - Hier das Dorf Mauskow (Feldpost-Karte, 1941)

Die Aunjetitzer Kultur könnte außerdem sogar ein sprachlich heute ausgestorbenes "Zwischenglied" zwischen beiden gebildet haben, in ihr könnte eine "vor-germanische" und "vor-keltische" Sprache gesprochen worden sein. Die Menschen der Aunjetitzer Kultur scheinen ja ab 1800 v. Ztr. den Weichselraum ganz verlassen zu haben und sich bis nach Nordwestitalien ausgebreitet zu haben. Von ihr scheinen die dortigen Ligurer abzustammen (Stg25), ja, vielleicht stammen ja sogar die in Ugarit im Levanteraum gefundenen Ösenhalsringe und Vollgriffdolche von ihnen (Stg10) - ähnlich wie ja vereinzelt zu jener Zeit auch schon Skandinavier auf Zypern bestattet wurden (Stg24). Sie könnten sogar die lusitanische Sprache auf die iberische Halbinsel gebracht haben (Stg25).

Aunjetitz international - Wanderungsbewegungen bis in die Levante, bis nach Italien, bis nach Spanien, bis an die Seidenstraße?

Die eingangs erwähnten "Stabdolche", dreieckigen Bronzezepter (Wiki) (WikiCom) waren verbreitet von Spanien über Irland, sowie über die Tarimwüste bis nach China. Vielleicht ist das ein Hinweis darauf, daß die Tocharer von der Aunjetitzer Kultur abstammen. Aus sprachgeschichtlicher Sicht sollen sie sich ja vergleichsweise früh von den anderen Indogermanen getrennt haben.

Die Gräberfelder der Aunjetitzer Kultur waren in der Regel weniger als ein Kilometer von der zugehörigen Siedlung entfernt. Die Gräber waren astronomisch ausgerichtet, was zusätzlich zur Himmelsscheibe auf fortgeschrittene astronomische Beobachtungen hinweist.

Abb. 9: Ein Landkreis südlich des Warthebruchs - Der Landkreis Oststernberg in der Neumark in Ostbrandenburg - Das Dorf Mauskow liegt ziemlich in der Mitte des Kreises

Während in der nachherigen Urnenfelder-Kultur Bronzeschwerter vorherrschten, herrschten in der Aunjetitzer Kultur die dreieckigen "Bronzezepter", "Stabdolche" vor (Wiki) (WikiCom) zusammen mit dreieckigen Vollgriffdolchen (s. Abb. 2, 7). Es ist nicht endgültig geklärt, ob die dreieckigen Bronzezepter vornehmlich zeremonielle Funktion hatten und lediglich als Herrschaftszeichen genutzt wurden oder auch als Waffe. Inzwischen scheint es wenigstens einige Anhaltspunkte dafür zu geben, daß sie auch als Hiebwaffen genutzt wurden (siehe gleich) so wie das Svend Hansen auch schon 2010 angenommen hatte (s.o.).

Religiöse Vorstellungen und Zeremonien haben offensichtlich in beiden Kulturen eine ähnlich große Rolle gespielt wie etwa in der Ilias dargestellt, bzw. wie in der mykenischen und in der antiken Mittelmeer-Kultur. Es kann also vor allem auch Wahrsagerei angenommen werden

Südlich des Warthebruches in Ostbrandenburg - Dreiecks-Zepter als Weihgaben an die Götter (um 1700 v. Ztr.)

Mit den in der Bronzezeit weit verbreiteten, inmitten der Landschaft abgelegten Weihgaben an die Götter haben wir uns hier auf dem Blog schon beschäftigt. Sie wurden oft an landschaftlich besonderen, an landschaftlich schönen Orten niedergelegt (Stg21).

2021 hat ein Bauer auf einem Feld auf einer Anhöhe nahe des Dorfes Mauskow (poln. Muszkowo) (Wiki) (GMaps) - vier Kilometer südlich des Warthebruches (Wiki) in der Neumark in Ostbrandenburg, dreißig Kilometer östlich von Küstrin - einen mit Steinen abgedeckten Hortfund der Aunjetitzer Kultur entdeckt (Baron2025). Die Anhöhe befindet sich am Nordwestrand des Dorfes, sie war vom sogenannten "Mauskower Fließ" umflossen, der nach Norden in den Warthebruch abfließt (Abb. 7-16).

Abb. 10: Die Landschaft südlich des Warthebruchs - Hier das Städtchen Zielenzig - Die Landschaft erinnert ein wenig an die wellige Landschaft Hinterpommerns (Fb)

Mit der Region des Fundortes dieser Aunjetitzer Weihgabe an die Götter nahe dem Dorf Mauskow muß man sich erst ein wenig beschäftigen, da diese Region seit 1945 - geradezu wie "gewaltsam" - aus dem Blickfeld jener Deutschen geraten ist, die dort bis 1945 mehr als achthundert Jahre gelebt hatten und die noch heute nur dreißig Kilometer weiter westlich leben.

Schon an diesem Vergessen der deutschen Heimat östlich der Oder wird deutlich, daß die Deutschen schon seit 1945 als Volk gar nicht weiter leben wollen. In christlicher Demut sehen sie den Landverlust als "berechtigt" an angesichts der großen geschichtlichen Schuld, die sie auf sich geladen haben. Aber nicht nur den Landverlust 1945, sondern inzwischen auch den Identitätsverlust, der mit der großen Geburtenarmut und der durch sie ermöglichten weiteren Einwanderung einher geht. 

Hier auf dem Blog wollen wir uns dieser stromlinienförmig im Zeitgeist verorteten Geschichtsvergessenheit keinesfalls schuldig machen. Deshalb machen wir uns in diesem Beitrag zunächst vor allem auch anhand von Karten und Fotografien mit der Region vertraut, aus der die genannten, neuen bronzezeitlichen Funde stammen (s. Abb. 8-16).

Abb. 11: Südlich des Warthebruches - Die Örtlichkeit des Hortfundes in Mauskow (Antiquity)

Bis 1945 gehörte das Dorf Mauskow zum Kreis Oststernberg in der Neumark in Ostbrandenburg (Wiki) (Ostst). Die Hauptstadt des Landkreises Oststernberg war Zielenzig. Von Zielenzig fährt man nach Nordwesten hinaus über die Dörfer Langenfeld und Trebow nach Mauskow (s. Abb. 13). Alle drei genannten Dörfer sind offenbar - anhand der Karte ablesbar - Rodungsinseln inmitten von ausgedehnten Forsten. Von Mauskow geht die Landstraße weiter nach Limmritz, das am Südrand des Warthebruches liegt, der sich nach Westen bis nach Küstrin an der Oder hinzieht. Eine deutsche Karte von diesen Gegenden mit noch höherer Auflösung als den hier in den Blogbeitrag eingebundenen findet sich übrigens auch noch anderwärts (s. Archive).

Im Sommer 1985 fuhr der Verfasser dieser Zeilen von der Oder aus (Frankfurt an der Oder oder Küstrin?) Richtung Osten und kam dann zwei Wochen später von Ostpreußen und von der Marienburg aus, wenn er sich recht erinnert, auch über Küstrin an die Oder zurück. Und er war damals erstaunt, daß man da an weiten Regionen vorbei kam, die unter Wasser standen. Es wird sich um den Warthebruch gehandelt haben.

Über die 2021 bei dem Dorf Mauskow gefundene Aunjetitzer Weihgabe an die Götter (Abb. 7) lesen wir nun in einer neuen Veröffentlichung (Baron2025):

Der Hort umfaßt 15 Objekte: fünf Stabdolche, einen Dolchfragment, einen Meißel, eine Axt, eine Streitaxt, einen Röhrenschaft und fünf Nieten. Die Radiokarbondatierung einer Holzprobe aus der Fassung von Objekt Nr. 2 weist auf eine Datierung in die spätere Phase der Frühbronzezeit hin (Poz-164203: 1886–1694 v. Chr.). (...) Obwohl Stabdolche früher vorwiegend als zeremonielle Objekte galten, weisen die Stabdolche aus Mauskow deutliche Gebrauchsspuren wie Beschädigungen an Klingen und Tüllen auf, was darauf hindeutet, daß sie sowohl für zeremonielle als auch für Kampfzwecke gefertigt wurden.

In der Veröffentlichung werden die Stabdolche "halberds" genannt, also zu Deutsch Hellebarden. Letzteres sind aber mittelalterliche Waffen, die nur wenig Bezüge aufweisen zu den bronzezeitlichen Dreiecks-Zeptern, bzw. Stabdolchen.

Abb. 12: Die Landschaft südlich des Warthebruchs - Ein Findling auf einer Anhöhe bei Zielenzig (Fb) (Früher stand an dieser Stelle auch ein hölzerner Aussichtsturm)

Man wird jedenfalls annehmen können, daß es in dieser Gegend auch zumindest eine dörfliche Siedlung der Aunjetitzer Kultur gegeben hat, ja daß hier sogar eine Familie des Hochadels der Aunjetitzer Kultur angesiedelt war. Bandkeramische Funde gibt es zum Beispiel bei Angermünde (Brdbg). Ob sie bis in die Neumark östlich der Oder verbreitet war, scheint aktuell nicht sicher feststellbar zu sein. Denn: Die Neumark ist zwar von den Berliner Archäologen bis 1945 sehr intensiv erforscht worden, seither aber wissenschaftlich in sehr weitgehendem Umfang vernachlässigt worden (Acad2007). Vielleicht sind also die drei Rodungsinseln schon von der Bandkeramik angelegt worden, vielleicht aber auch erst von mittelneolithischen Nachfolgekulturen.

Mauskow hat im Jahr 2005 die 600-Jahr-Feier seines Bestehens gefeiert (s. Mauskow2005). Mit diesem frühbronzezeitlichen Weihgaben-Fund von 2021 kann nun eine 3.700-Jahr-Feier anvisiert werden.

Abb. 13: Südlich des Warthebruches - Das Dorf Mauskow liegt - umgeben von Wäldern - nördlich der Kreishauptstadt Zielenzig

Und noch weiteres zur geographischen Einordnung: Mauskow liegt dreißig Kilometer südwestlich von Landsberg an der Warthe (Wiki). Es ist umgeben von den Landstädten Limmritz und Sonnenburg im Nordwesten, von dem Landstädtchen Königswalde im Osten, der Kreishauptstadt Zielenzig (Wiki) 15 Kilometer südöstlich (GMaps). Und noch weiter südlich liegt das Städtchen Sternberg (s. Abb. 9), nach dem der Landkreis selbst benannt ist. Mauskow ist außerdem umgeben von großen Wäldern ("Forsten"), die auch Namen haben: dem Raudener Forst, dem Forst Limmritz, dem Königswalder Forst. Insofern könnten auch die Kiefern im Hintergrund von Aufnahmen des Dokumentarfilmes von 2022 Sinn ergeben (Abb. 3 bis 5).

1939 hatte Mauskow 540 deutsche Einwohner (GenWiki), heute hat es 270 Einwohner polnischer Muttersprache. Das Dorf wird durch den "Mauskower Fließ" durchflossen (GB1921), der auch der Bezugspunkt des Hortfundes zu sein scheint. Dieses Mauskower Fließ kommt weiter nordwestlich des Dorfes - den Karten nach - auch an einem - vermutlich idyllisch gelegenen - See vorbei.

Abb. 14: Ein farbenfroher Sommertag auf dem Marktplatz von Zielenzig in der Neumark in den 1970er Jahren (Fb)

In Mauskow hat sich unter anderem eine Sage aus dem Dreißigjährigen Krieg erhalten, nach der einem Müller die Mühle über dem Kopf von schwedischen Soldaten angezündet worden ist, und der mit seiner Frau in der Mühle verbrannt ist.

Grund für das Anzünden war, daß er das Wasser rund um seine Mühle so weit aufgestaut hatte, daß die Soldaten nicht an die Mühle und ihre Kornschätze heran kamen. Aus Zorn darüber oder aus Strafe zündeten sie die Mühle mit brennenden Pfeilen an. 

Abb. 15: Mauskow - Landkarte von 1936 (Landkarten) - - - (für Karte mit höherer Auflösung siehe hier: Archive)

Die anderen Dorfbewohner aber, die in die Wälder geflohen waren, behielten das Müller-Ehepaar in ehrendem Andenken. Denn als sie in das Dorf zurück kamen, fanden sie die Mühle zwar verbrannt und die Müllersleute tot unter den Trümmern - aber das dort gelagerte Korn war in weiten Teilen erhalten geblieben. Und mit ihm konnten sie den nächsten Winter überstehen. Und zwar in einer Zeit, in der es viel Hungersnot gab in Deutschland. Das erhaltene Korn wurde gerecht unter allen Dorfbewohnern aufgeteilt (Mauskow2005).

Man fragt sich: Warum ist das Müller-Ehepaar nicht ebenfalls in die Wälder geflohen? Vielleicht fanden sie nicht die Zeit dazu, vielleicht wollten sie die Staudämme bewachen?

Abb. 16: Das Dorf Mauskow im Jahr 1905 - Der Hortfund dürfte auf der Anhöhe oben links gefunden worden sein - Nördlich der Anhöhe findet sich ein See (nicht auf der Karte)

Wie auch immer. Von dem Dorf Mauskow aus 300 Kilometer nach Südosten nahe dem Dorf Łęki Małe (Wiki), 100 Kilometer südwestlich von Lodz, 110 Kilometer nordöstlich von Breslau, gab es nun die schon erwähnte bedeutende Grabhügel-Gruppe der Aunjetitzer Kultur. 

Zwischen Breslau und Lodz - Die Fürstengräber von Łęki Małe 

Das Dorf Łęki Małe liegt zwei Kilometer von dem Städtchen Lututow (Wiki) entfernt, dessen Name abgeleitet war von dem mittelalterlichen deutschen Personennamen Ludolf. Beide Ortschaften lagen bis 1918 25 Kilometer von der Grenze zum Deutschen Reich bei Wieruszow, bzw. Wilhelmsbrück (Wiki) (GMaps) entfernt. Außerdem liegen beide 112 Kilometer von Breslau an der Oder entfernt (GMaps).

Nahe dieses Dorfes gab es bis in das 19. Jahrhundert hinein 14 Grabhügel der Aunjetitzer Kultur. Von diesen 14 haben sich bis heute vier erhalten und sind erforscht worden. 

Abb. 17: Chronologische Abfolge der Fürstengräber von Łęki Małe (aus: 3) - Grab 3 enthält 19 Angehörige der Fürstenfamilie

Diese erwiesen sich nun als sehr reich ausgestattet. In ihnen fanden sich wiederum Dreiecks-Bronzezepter, bzw. Stabdolche, die wie "Zepter" wirken, aber offenbar auch als Waffen benutzt wurden (s.o.). In einem derselben fand sich sogar ein Vollgriffdolch aus Gold (Wiki). 2022 wurde am größten erhaltenen Grabhügel ein Gedenkstein aufgestellt mitsamt eines Dreiecks-Bronzezepters.

In Grabhügel 3 sind die meisten Menschen bestattet, nämlich insgesamt 19. Es dürfte sich bei ihnen um die Angehörigen derselben Fürsten-, bzw. Königsfamilie gehandelt haben.

Über die Fürstengräber der Aunjetitzer Kultur lesen wir (3):

In Mitteleuropa wurden ungefähr 55 Grabhügel der Aunjetitzer Kultur gefunden. Die große Mehrheit der Grabhügel ist in der archäologischen Literatur behandelt aber nur etwa 60 % davon sind gemäß modernen wissenschaftlichen Maßstäben ausgegraben worden. Grabhügel sind auch aus Großpolen (Łęki Małe; Kowiańska-Piaszykowa 2008; Knapowska-Mikołajczykowa 1957) und Deutschland (Leubingen, Helmsdorf, Baalberge, Dieskau II, Nienstedt, Kleinkornbetha, Hohenbergen, Sömmerda I–II, Königsaue und Österkörner; Steffen 2010, 19; Kadrow 2001, 123; Gimbutas 1965, 262–268) bekannt. Die höchste Konzentration früher bronzezeitlicher Grabhügel findet sich jedoch in Nord- und Mittelböhmen (z.B. Brandýs, Březno, Mladá Boleslav-Čejetičky-Choboty, Horní Přím, Chotěšov, Kojetice, Konobrže, litovice,Odolena voda, Prag 5 – Řeporyje, Prag 6 – Bubeneč, Selibice, Stračovská lhota, Toužetín, Tursko, Zlončice und Želeč;Danielisová 2013, 81; Kruťová und Turek 2020).
Approximately 55 Uneticean barrows has been found in Central Europe; the majority of monuments was published in archaeological literature, but only approximately 60% of that number has been excavated according to modern standards. Barrows are also known from Greater Poland (Łęki Małe;Kowiańska-Piaszykowa 2008; Knapowska-Mikołajczykowa1957), and Germany (Leubingen, Helmsdorf, Baalberge, Dieskau II, Nienstedt, Kleinkornbetha, Hohenbergen, Sömmerda I–II, Königsaue and Österkörner; Steffen 2010, 19; Kadrow 2001,123; Gimbutas 1965, 262–268). However the highest concen-tration of the EBA barrows can be found in northern and cen-tral Bohemia (e.g. Brandýs, Březno, Mladá Boleslav-Čejetičky-Choboty, Horní Přím, Chotěšov, Kojetice, Konobrže, litovice,Odolena voda, Prague 5 – Řeporyje, Prague 6 – Bubeneč, Sel-ibice, Stračovská lhota, Toužetín, Tursko, Zlončice and Želeč;Danielisová 2013, 81; Kruťová and Turek 2004; Ernee 2020).
Abb. 18: Grabhügel von Łęki Małe im Vergleich mit anderen Fürstengräbern der Aunjetitzer Kultur (aus: 3)

Dieser Grabhügel mit 19 Bestatteten ist eine außergewöhnliche Erscheinung, wenn die bekannten Grabhügel der Aunjetitzer Kultur miteinander verglichen werden (Abb. 18). Es können inzwischen sogar Chronologien von Grabhügeln erstellt werden (Abb. 17-19).

Die Archäogenetik hat sich auch mit der Frühen Bronzezeit in Niederösterreich (Stg2010) beschäftigt (4).

Die Donau als genetische Grenze in der Frühbronzezeit

Sie stellt fest, daß die Donau dort auch eine genetische Grenze darstellte, daß also die oben genannten "genetic replacements" offenbar jeweils an der Donau endeten.

Die Menschen der Aunjetitzer Kultur nördlich der Donau in Niederösterreich haben zwischen 2.300 und 1.600 v. Ztr. mehr Steppengenetik als anatolisch-neolithische Genetik in sich getragen. 

Abb. 19: Entwicklung der Fürstengräber der Aunjetitzer Kultur in Schlesien (aus 3)

Die Menschen der zeitgleichen Unterwölbing-Kultur südlich der Donau haben mehr anatolisch-neolithische Genetik als Steppengenetik in sich getragen. Und zwar grob (4):

  • Aunjetitzer: 50 bis 55 % Steppengenetik, 35 % anatolisch-neolithische Genetik und 12 % westeuropäische Jäger-Sammler-Herkunft
  • Unterwölbing: 35 bis 45 % Steppengenetik, 40 bis 55 % anatolisch-neolithische Genetik und ebenfalls 12 % westeuropäische Jäger-Sammler-Genetik.  

In beiden Völkern konnten nur 18 % der Menschen als Erwachsene rohe Milch verdauen (4).

Das sind einige Schlaglichter auf die Geschichte der Aunjetitzer Kultur, deren Bestehen im Weichselraum offenbar durch Abwanderungen unter anderem nach Norditalien ab 1800 v. Ztr. zu einem Ende kam.

Man darf noch auf viele weitere Details zur Erforschung dieser Kultur gespannt sein. 

_________

  1. Baron J, Nowak K, Grześkowiak M, Horváth A, Sinkowski S, Sych D.: Halberds of power: an Early Bronze Age hoard from Muszkowo in Poland. Antiquity. Published online 2025:1-8. doi:10.15184/aqy.2025.67 (Antiquity)
  2. 600 Jahre Mauskow. Oststernberger Heimatbrief 2/2005 (pdf)
  3. Dalia Anna Pokutta, Evgeny Vdovchenkov: The Unetice Culture Group in palaeosociological perspective. 2020 (Resg2020)
  4. Tracing social mechanisms and interregional connections in Early Bronze Age Societies in Lower Austria. Anja Furtwaengler, Katharina Rebay-Salisbury, Gunnar U Neumann, Fabian Kanz, Harald Ringbauer, (...) Ron Pinhasi, David Emil Reich, Johannes Krause, Philipp Stockhammer and Alissa Mittnik. bioRxiv. posted 10 February 2025 (bioRxiv2025)
  5. Archäologische Funde aus Deutschland ausgewählt und kommentiert von Svend Hansen. Begleitheft zur Fotoausstellung. Berlin 2010, S. 44f (pdf)

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