Die "Kunga", eine besondere Züchtung von Eseln als Zugtiere gingen der Domestizierung des Pferdes voraus
Zusammenfassung: Die Domestizierung des Esels in Ägypten und Zuchtexperimente in Nordmesopotamien gingen der
Domestizierung des Pferdes in den Steppen nördlich des Kaukasus voraus
und werfen zugleich ein helles Licht auf jene Zusammenhänge, aus denen heraus auch das
Pferd vermutlich domestiziert worden ist. In Tell
Brak / "Kagar" in Nordsyrien wurden um 3.000 v. Ztr. "Kunga" gezüchtet, die vierrädrige
Streitwagen zogen (s. Abb. 1). Hierzu wurden Hausesel (die aus Ägypten stammten und zur Gruppe der "Afrikanischen Esel" gehörten) mit
Wildeseln gekreuzt (die zur heute ausgestorbenen Gruppe der
"Syrischen Wildesel" gehörten). Die entstandenen Tiere waren zwar unfruchtbar, hatten aber Eigenschaften, die sie zu teuren, "königlichen" Zugtieren machten, die als teure Gastgeschenke an Vasallen und befreundete Königshäuser verschenkt, sowie verkauft wurden. Da es von Nordmesopotamien aus viele kulturelle Einflüsse
in Richtung auf die reiche, indogermanisch beeinflußte Maikop-Kultur nördlich des Kaukasus gegeben hat, wird es
nicht unwahrscheinlich sein, daß die dortige Domestizierung unseres
heutigen Hauspferdes - zunächst zum Zugtier von zweirädrigen Streitwagen
(um 2.200 v. Ztr.) - ihre Anregung erhalten
hat durch diese nordmesopotamischen königlichen Streit-Esel-Gespanne. So wird auch die Domestizierung unserer Pferde - wie in Nordmesopotamien - den "königlichen" Prestige-Bedürfnissen entsprungen sein. Und Pferde sind ja auch bis heute - ihrer ganzen Art nach - königlich, edel, verleihen ihrem Besitzer "Ansehen".
Der Esel ist eines der ältesten Lasten- und Zugtiere der Menschheit (1-6). Während sich nördlich des Kaukasus anfangs der Adel der dortigen Königreiche des Mittelneolithikums von Rinder-Wagen ziehen ließ, die vermutlich als königlich und adlig angesehen wurden (7), kennt man schon seit langer Zeit "Streit-Esel" als Zugtiere von Streitwagen in Ur in Mesopotamien, die dem Pferd als Zugtier von Streitwagen voraus gegangen sind. In einer neuen Studie ist die genetische Herkunft dieser Streit-Esel soeben geklärt worden (1-6).
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Abb. 1: Vierrädrige Streitwagen mit urtümlichen, schwerfälligen Scheibenrädern werden von "Kungar" (Streiteseln) gezogen - Darstellung auf der "Standarte von Ur" (Wiki), einem Holzkasten aus einem Königsgrab in Ur, um 2.500 v. Ztr. - So war auch der Königswagen des Helden Gilgamesch beschaffen
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Aber zunächst die Frage: Woher stammt der domestizierte Esel? Er stammt aus Ägypten.
Wann und wo wurde der Esel domestiziert?
Schon
4000 v. Chr. hat man im Niltal Ägyptens den nubischen Wildesel zum
Haustier gemacht.
Man nimmt an, daß es den domestizierten Esel seit dem späten 4. Jahrtausend v. Ztr. in Mesopotamien gibt. In ähnlicher Zeit wurde - nach bisherigem Kenntnisstand in einem Raum zwischen Mesopotamien und Nordkaukasus das Rad und der Wagen erfunden (7, 8). Nördlich des Kaukasus spannte man vor den Wagen Rinder, bzw. Ochsen (7), südlich des Kaukasus (zumindest auch) Esel. Zu jener Zeit gab es überall schon blühende Stadtkulturen (protourbaner oder urbaner Art), Königreiche und staatliche Verwaltungsstrukturen, die in Königspalästen - angesiedelt auf einer Akropolis mit Tempelbezirk - zusammen liefen.
Wann und wo wurden Rad und Wagen erfunden?
Mit der Erfindung des Rades und dem Rinderwagen als erstem Fortbewegungsmittel des Menschen zu Land im frühen 4. Jahrtaseund v. Ztr. haben wir uns hier auf dem Blog schon früher beschäftigt (7): Wagenräder als Grabgut kennt die reiche, mancherlei protourbane Merkmale aufweisende "Majkop-Kultur" im Nordwestkaukasus schon zwischen 3.700 und 3.000 v. Ztr.. In einer Grabanlage in Norddeutschland finden sich Wagenspuren aus der Zeit um 3.500 v. Ztr.. Ebenso gibt es frühe bildliche Wagendarstellungen, zum Beispiel im Steinkammergrab von Züschen in Nordhessen. In dem gesamten Raum bis hinauf nach Irland und Dänemark finden sich inzwischen für diese Zeit Hinweise auf Königreiche mit einem Hochadel (der die großen, überlieferten Stein-Grabanlagen nutzte, Steinstelen aufstellte) und auf protourbane Siedlungen als Verwaltungszentren. Dieser Hochadel vor allem nutzte auch die Rinderwagen als Prestige-Objekte und für religiöse Zeremonien (7).
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| Abb. 2: Menschen mit Traggestellen, Säcken, Widdern, Ochsen und Kungar treten vor den
Herrscher - womöglich um ihr Ablieferungssoll darzubringen - alles zu Fuß. Wagen blieben einer kleinen Elite vorbehalten - Darstellung
auf der "Standarte von Ur" (Wiki), 2.500 v. Ztr. |
Aus gleicher Zeit ist das Rad aus Mesopotamien bezeugt (8). Von wo es sich nach wohin ausgebreitet hat, ist bislang ungeklärt. Wie so oft, wird aber womöglich auch in diesem Fall Mesopotamien der Ursprungsort gewesen sein, von wo aus sich eine solche Erfindungen dann - aufgrund der großen Aufnahmebereitschaft der Kulturen weiter im Norden (Maikop, Jamnaja, Cucuteni-Tripolje, Kugelamphoren-Kultur ...) sehr schnell über ganz Europa ausgebreitet haben wird, zumal gut bezeugt ist, daß die Maikop-Kultur im Kaukasus von Mesopotamien beeinflußt gewesen ist.
Existierten auch Wildesel?
So wie damals in vielen Teilen Europas in offenen und geschlossenen Habitaten (Wäldern) wilde Pferde lebten, die gejagt wurden, so lebten neben dem domestizierten Esel in Ägypten und in Mesopotamien bis zur ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts auch Wildesel weiter (1):
Seit der Periode der Frühen Dynastie (um 2800 v. Ztr.) ist eine anderes pferde-artiges Wesen bezeugt, der "anše-edin-na", wörtlich übersetzt der "Esel aus der Wüste". Dieses Tier wurde gejagt um seines Fleisches und seines Felles wegen aber es wurde nie als Zugtier genutzt.
Another equid attested since the Early Dynastic period I (ca. 2800 BCE) is the anše-edin-na, literally translated as “equid of the desert.” This animal was hunted for its meat and hide, but never used as a draught animal. The anše-edin-na is broadly considered to be a type of onager, although it is impossible to say whether it refers to the Persian onager (Equus hemionus onager) or to the Syrian wild ass, or hemippe (Equus hemionus hemippus) (8), sometimes also named “Syrian onager.”
Streit-Esel in königlichen Gräbern (3.000 bis 2.300 v. Ztr.)
Die Funde nun, die die neuen Erkenntnisse brachten, werden folgendermaßen beschrieben (1):
In dem Eliten-Gräber-Komplex von Tell Umm el-Marra (2600 bis 2200 v. Ztr.), die möglicherweise zu der antiken Stadt Tuba gehörte, 55 km östlich von Aleppo im heutigen Nordsyrien, wurden Männer und Frauen mit Keramik, Bronze und Silber-Gefäßen bestatten; Bronzewaffen und -werkzeugen; persönlichem Schmuck, gefertigt aus Bronze, Silber, Gold, Lapislazuli. Innerhalb dieses königlichen Gräber-Komplexes wurden 25 männliche Esel abseits von den Menschen bestattet (...) ähnlich den Esels-Gräbern in Abydos, Ägypten um 3.000 v. Ztr.. (...) Es ist schon vorgeschlagen worden, daß diese Skelette Hybride darstellen könnten. ....
In the elite burial complex of Tell Umm el-Marra (2600 to 2200 BCE), possibly belonging to the ancient city of Tuba, 55 km east of Aleppo in modern-day northern Syria, men and women were interred with ceramics, bronze, and silver vessels; bronze weapons and tools; and personal ornaments made of bronze, silver, gold, and lapis lazuli. Within this royal burial complex, complete skeletons of 25 male equids and bones from six additional animals were buried separately from humans, either in a sequence of pits or in their own mud-brick structures, akin to the 3000 BCE donkey burials at Abydos, Egypt.
Hier sind also Esel nahe königlicher Gräber bestattet worden ungefähr zu gleicher Zeit als in der Maikop-Kultur nördlich des Kaukasus das Pferd domestiziert wurde (9). Das Pferd sollte - als es wenige Jahrhunderte später nach Mesopotamien kam - im Gegensatz zum "Esel der Wüste/Steppe" als "Esel der Berge" benannt werden.
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Abb. 3: Für die Kultur in Nagar (Tell Brak) (Wiki) sind diese Figürchen kennzeichnend, sogenannte "Augenidole" aus Alabaster, um 3.500 v. Ztr. - Nach ihnen ist auch der "Augentempel" (Wiki) auf der Akropolis von Nagar benannt
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Zu welcher weiter verbreiteten kulturellen Erscheinung die Esels-Bestattungen neben könglichen Gräbern gehörten, darauf wird gleich einleitend in der Studie hingewiesen gemäß der unterschiedlichsten Quellen (Schriftquellen, Bildquellen) (1):
Große männliche Kunga (Streit-Esel) wurden benutzt, um Wagen "des Adels und der Götter" zu ziehen,
ihre Größe und Schnelligkeit machten sie begehrenswerter als Esel für
das Ziehen von vierrädrigen Streitwagen. (...) Kleinere männliche und
weibliche Kunga wurden im Ackerbau genutzt, wo sie, so wird regelmäßig
berichtet, Pflüge zogen. Kunga-Fohlen sind selten geboren worden
innerhalb der städtischen Zentren von Sumer und Syrien und Ebla kaufte
junge Kunga fast ausschließlich aus Nagar (Tell Brak) im nördlichen
Mesopotamien, das das Hauptzentrum der Zucht gewesen sein könnte und
dessen Herrscher sie als Geschenke für die Eliten verbündeter Territorien nutzten. (...)
Vermutlich sind es Kunga, die
über die gesamte Region hinweg auf königlichen Siegeln dargestellt
werden und Abbildungen dieser Hybriden finden sich vermutlich sowohl auf
der "Kriegs-" wie auf der "Friedenseite" der "Standarte von Ur". (...)
In einer der ältesten Abbildungen (2.600 v. Ztr.) eines Kriegszuges in
der Geschichte der Menschheit stehen die Krieger auf vierrädrigen
Streitwagen, von denen jeder von einer Reihe von pferdeähnlichen
Zugtieren gezogen wird.
Large-sized male kungas were used
to pull the vehicles of "nobility and gods", and their size and speed
made them more desirable than asses for the towing of four-wheeled war
wagons. (...) Smaller-sized male and female kungas were used in
agriculture, where they were frequently reported pulling ploughs. Kunga
foals were seldom born within the urban centers of Sumer and Syria, and
Ebla purchased young kungas almost exclusively from what may have been
the principal breeding center at Nagar (modern Tell Brak), in northern
Mesopotamia, whose rulers also provided them as gifts to the elites of
allied territories.
Presumed kungas featured prominently on
royal seals throughout the region, and images of these hybrids likely
appear on both the “war” and “peace” panels of the standard of Ur, a
Sumerian artifact excavated from the royal cemetery in the ancient city
of Ur (in modern-day Iraq). In one of the first depictions (2600 BCE) of
a military expedition in human history, warriors stand on four-wheeled
war wagons, each drawn by a team of unspecified equids. An example of
the rein ring featured in this image has been found in a royal grave at
Ur, decorated with a small statue of a noncaballine equid, either a
kunga or hemione.
Damit sind die berühmten Abbildungen auf der "Standarte von Ur" gemeint (hier: Abb. 1, 2). Dem
Domestizierungs-Prozeß des Pferdes als Zugtier im Norden des Kaukasus, in der Maikop-Kultur (9), ging also die Jahrhunderte lange Erfahrung und das Experimentieren im Umgang mit Eseln als Zugtieren in Mesopotamien voraus, sowie ihre
sehr ungewöhnliche Züchtung als teure königliche Tiere (2):
Das
domestizierte Hauspferd (kam) erst 500 Jahre später in die Region des
Fruchtbaren Halbmonds. Ältere Bilder und Texte zeigten jedoch, daß
bereits zuvor pferdeartige Tiere in Schlachten und auf Reisen zum
Einsatz kamen. Neben der "Standarte von Ur" gibt es Tontafeln, die in
Keilschrift auf wertvolle Tiere mit der Bezeichnung "Kunga" hinweisen.
Doch wer waren diese "Kunga"?
Dies beantwortete die genetische
Auswertung von Tierknochen, die in einem mehr als 4.300 Jahre alten
royalen Grabkomplex in Nordsyrien, in der ehemaligen Stadt Umm el-Marra,
entdeckt wurden. Die alte DNA wurde mit dem Erbmaterial von Pferden,
Hauseseln und Wildeseln verglichen, schreibt die Forschungsgruppe um
Eva-Maria Geigl und Thierry Grange im Fachmagazin "Science Advances". Sie
zog unter anderem Material des in den 1920er-Jahren ausgestorbenen
Syrischen Halbesels heran sowie noch ältere DNA von Tieren aus der
Pferdefamilie, auf die man bei der 11.000 Jahre alten Tempelanlage
Göbekli Tepe stieß.
Die Gruppe stellte fest: Bei den
prächtigen Wesen im nordsyrischen Grab handelte es sich sogar um die
älteste nachgewiesene Kreuzung verschiedener Tierarten. Die Hybridtiere
entstanden aus der Vereinigung von Wildeseln der Spezies Asiatischer
Esel mit Hauseseln, die vom Afrikanischen Esel abstammen. Auch
sprachliche Ähnlichkeiten lassen sich feststellen, "Kunga" erinnert an
die Begriffe "Kiang" (aus Tibet) und "Skiang" (aus Indien), mit denen
der Tibet-Wildesel bezeichnet wird, sowie entfernt an den turkmenischen
Kulan und den nur noch in Westindien vorkommenden "Khur" - weitere
Verwandte oder Varianten des asiatischen Wildesels.
Die
bestatteten "Kunga" hatten den Genomanalysen zufolge einen Hausesel zur
Mutter und einen Wildesel zum Vater. Sogar das Einfangen der Wildtiere
wurde dem Forschungsteam zufolge auf einem assyrischen Relief
festgehalten. Dies mußte immer wieder wiederholt werden, denn die
entstandenen Hybriden waren unfruchtbar - wie viele Artkreuzungen, auch
beispielsweise das Maultier, eine Mischung aus Esel und Pferd.
Diese
beschwerliche Züchtung nahm man offenbar auf sich, um einerseits
besonders starke und schnelle Tiere zu erhalten, die andererseits aber
nicht so wild waren wie die ursprünglichen Asiatischen Esel -
Eigenschaften, die auch von militärischer Relevanz sind. Gegen die
Einführung domestizierter Pferde konnte sich diese Methode allerdings
nicht durchsetzen.
(Wenn man diese sprachlichen Ähnlichkeiten anspricht, geht damit womöglich auch der Verdacht einher, daß sich alle diese Kulturen sprachlich gegenseitig beeinflußt haben oder auf eine Sprachfamilie zurück gehen. Aber dieser Gedanke soll an dieser Stelle nicht weiter verfolgt werden.) Beim Göbekli Tepe sind die
Knochen eines Syrischen Wildesels gefunden worden, die in dieser Studie hatten sequenziert werden können (1). Und (3):
Archäologische Aufzeichnungen zeigen,
daß ein Zuchtzentrum in Nagar (heute Tell Brak, Syrien) die jungen
Kungas in andere Städte verschiffte. Sie waren kostbare Tiere,
Statussymbole und wurden in Kriegs- und Militärzeremonien verwendet.
Das
älteste Maultier hingegen - eine unfruchtbare Kreuzung zwischen Esel und Pferd -
wurde bislang um 1000 v. Ztr. in der heutigen Türkei entdeckt (3). Man wird zu der Annahme verleitet: So wie man für die Züchtung des "Kunga" spätestens ab 3.000 v. Ztr. in jeder Generation wilde Esel-Hengste
der Steppe in Syrien einfing, so mag man nördlich des Kaukasus
versucht haben, Hausesel, die durch den Fernhandel mit
Nordmesopotamien herein gekommen sein mögen, mit eingefangenen Hengsten
der Wildpferde der Steppe vor Ort zu paaren. Womöglich auf Anweisung eines dortigen Herrschers, Königs. Die dabei entstehenden
Maulesel sind zwar erst ab 1.000 v. Ztr. für den Bereich der Türkei
nachgewiesen. Aber womöglich kam es in der Steppe nördlich des
Kaukasus über solche Versuche hinweg auch zur Domestizierung des Wildpferdes. Zu diesem Szenario wird man verleitet, wenn man sich mit dem Kunga beschäftigt. Aber natürlich ist nur eine von mehreren Möglichkeiten, wie es zur Domestizierung des Pferdes in der Maikop-Kultur gekommen ist. Die
Kunga waren jedenfalls sechsmal teurer als die ansonsten eingesetzten Hausesel (4).
Das Zentrum der Streit-Esel-Züchtung: Nagar/Tell Brak
Schon seit vielen Jahrzehnten machte sich die Forschung Gedanken über die nicht leicht einzuordnende Art jener Zugtiere, die in Bildquellen und Keilschrift-Tontafeln jener Zeit dokumentiert sind. So hatte etwa auch vor
zwanzig Jahren der Münchner Assyrologe Walther Sallaberger (geb. 1963) (Wiki, Wiki), Assy) vor dem
Hintergrund des damaligen Forschungsstandes (den wir hier durchstreichen, da das inzwischen genauer geklärt ist) geschrieben (5):
Die
Wirtschaft des Ortes Nagar beruhte offensichtlich zu einem guten Teil
auf der Zucht von hochwertigen als BAR.AN (=kunga) bezeichneten
Equiden, worunter man Kreuzungen von Halbesel (Onager) und Esel
verstehen möchte. Eblaiter nahmen nämlich den langen Weg von beinahe
400 km Luftlinie einfacher Strecke auf sich, um die Tiere zu kaufen, -
und das zu Preisen, die dem Mehrfachen des gewöhnlichen für diese
ohnehin schon teuerste Tierart entsprechen: für ein Tier könnte man in
Ebla bis zu 300 Schafe kaufen. Der Handel für diese kostbaren Equiden
kann auch über große Distanzen gehen, und im Land Naga dürften die Bedingungen für ihre Zucht ideal gewesen sein.
Sallaberger versucht in dieser Abhandlung, die Tontafel-Texte der königlichen Karwanserei von Tell Beydar, die zuvor ausgegraben worden waren, dem bisherigen Forschungsstand zuzuordnen. Und wir merken, indem wir solche Ausführungen zur Kenntnis nehmen, daß es Sinn machen kann, sie auch mit Blick auf zeitgleiche staatliche Strukturen in Europa bis hinauf nach Irland und Dänemark zu lesen. Und es mag ebenso Sinn machen, solche Ausführungen im Zusammenhang der Erörterung der Strukturierung der Gesellschaften Nordmesopotamiens insgesamt zu lesen, zu denen wir vor dreizehn Jahren schon einmal einen Artikel veröffentlicht haben (10). Wir lesen (5):
Zeugnisse für den Ort Nagar in frühdynastischer Zeit stammen bisher vor allem aus den Palastarchiven von Ebla.
Vor zwanig Jahren waren nun neue Tontafel-Dokumente aus dem zeitgleichen Beydar hinzu gekommen, die Sallaberger in der hier zitierten Studie auswertete. In diesen werden außer dem Ort Nagar noch zahlreiche andere Orts- und Personennamen erwähnt. Nach Sallaberger bleibt für sie nur die Schlußfolgerung (5):
Es handelt sich daher um Dörfer im Umland von Beydar, deren Personal und Ackerbau von Beydar aus verwaltet wird.
In anderen Aufzeichnungen von Beydar (5) ...
... werden monatliche Rationen von Personen und Futter für die Esel Durchreisender dokumentiert.
Zum Beispiel findet sich der Eintrag (5):
Herrscher: 11 Gespanne (von Eseln = 44 Tiere); (aus) Nagar, in 4 Tagen: 3 gur 4 bariga (= 2040 sila).
Hier handelt es sich um Angaben der Menge des Futters. Oder (5):
Der Herrscher kam (ba-gen), blieb (al-tus) für einige Tage; das Futter für soundsoviel Esel: Getreidemenge.
An solche entdeckten Tontafel-Aufzeichnungen schloß Sallaberger vor zwanzig Jahren folgende Überlegungen (5, S. 401f):
Die Zugtiere werden immer mit dem neutralen Begriff "anse" bezeichnet, der wohl kunga-Maultiere? (in Beydar anse-BAR.AN geschrieben) und dusu-Esel (anse-IGI) umfaßt. Hier können wir uns einmal ein recht klares Bild vom Aussehen der Tiere machen, wurden doch in Tell Brak in etwa gleichzeitigen Schichten Eselskelette gefunden, bezeichnenderweise in und bei einem Gebäude, das die Ausgräber als Karawanserai deuten wollen. Die kleinen aber offensichtlich wohlgepflegten Tiere von nur etwa 110 cm Widerristhöhe waren gewohnt, schwere Lasten zu tragen, wie Veränderungen der Wirbelsäule zeigen. Sie waren mit Bronze- oder Kupfertrensen angeschirrt, um geführt oder an Wagen gespannt zu werden. Natürlich wüßten wir nur zu gern, ob es sich bei diesen Tieren zumindest teilweise um die kunga-Maultiere? handelt, die einst in Ebla so hoch geschätzt wurden, wobei es von untergeordneter Bedeutung ist, ob die Texte von Ebla und die Esel von Tell Brak in die gleiche Zeit gehören oder um ein Jahrhundert getrennt sind. (...) "Esel 3" der Skelette von Tell Brak weist Proportionen auf, die nach den Daten der Bearbeiterinnen eher denen eines Halbesels zu entsprechen scheinen. Könnte somit hier die vermutete Kreuzung von Halbesel und Esel vorliegen? Oder handelt es sich um einen gezähmten Halbesel, dessen Wildheit sich noch an den abgewetzten Zähnen ablesen läßt? Hier kann nun letztendlich auch das Zeugnis einiger Texte aus Beydar angeführt werden: Ausgaben von Getreide erfolgen dort zweimal für anse edin, "Esel der Steppe", also wohl doch wilde Halbesel, einmal ist ein su anse edin, "der (Beauftragte) für Esel der Steppe" genannt. Getreideausgaben müssen dabei m.E. nicht für Domestizierung sprechen, die ja beim Halbesel unmöglich sein soll, sondern sie mögen für die gefangenen? Tiere gedacht sein. (...)
Mit der Versorgung der Tiere in Beydar war ein enormer Aufwand verbunden, bedenkt man, daß insgesamt meist 40-60 Tiere, im Einzelfall sogar mehr, gefüttert werden mußten. Der höchste bezeugte Wert beträgt 2700 sila Eselfutter für einen drei- oder viertägigen Aufenthalt des Herrschers; das entspricht den Monatsrationen von 45 Männern oder 90 Frauen.
Sicherlich waren die Esel nicht nur Last- sondern auch Zugtiere, da im Haushalt von Beydar eine auffällig hohe Zahl von Wagnern, wörtlich "Wagen-Tischlern" (nagar g;Sgigir), tätig war. Der Haushalt, dessen Archiv uns überliefert ist, erfüllte also zudem die Funktion einer Reisestation. Die Entfernung von 45 km Luftlinie von Tell Brak dürfte wohl zwei, vielleicht drei Tagesreisen entsprechen.
Wie gesagt, dokumentiert das Archiv aus "Chantier B" von Beydar nur das Futter für die Esel des Herrschers. Dieser selbst und sein Gefolge wurden von einer anderen Stelle versorgt, und es ist gut möglich, daß dies in dem ausgedehnten offiziellen Gebäude auf der Hügelkuppe geschah und dort auch die entsprechenden Urkunden aufbewahrt sind.
Mit "Esel der Steppe" werden also wohl - nach heutigem Kenntnisstand (?) - eingefangene wilde Tiere gemeint sein. Für diese gibt es also auch in "Beydar" einen eigenen "Beauftragten".
In diesem Zusammenhang stellt sich die Frage, ob nicht auch sonst in Europa in dieser Zeit - etwa bei den Urindogermanen der Chwalynsk-Kultur oder bei den Schnurkeramikern in Oberfranken - wilde Pferde eingefangen worden sind und als Fleischreserve gehalten worden sind, auch wenn sie nicht als wirklich domestiziert gelten konnten. Denn in diesen Kulturen findet sich ja doch eine Rolle von Pferden, die denen von domestizierten Tieren wie Rindern und Schafen nahekommt (9). - Schon zuvor war ausgeführt worden (5, S. 397):
Weitaus die meisten Tafeln von Beydar stammen aus einem bescheidenen dreiräumigen Haus im Wohngebiet unterhalb des großen öffentlichen Gebäudes auf der Hügelkuppe (Chantier B). Es handelt sich fast ausschließlich um Verwaltungsurkunden über die eng zusammengehörenden Bereiche Ackerbau, Verwaltung von Getreide, Personal, sowie einzelne Aspekte der Viehwirtschaft. Nicht nur Inhalt und Formular, sondern auch das wiederholte Auftreten derselben Personen verbinden die Texte, weshalb uns offensichtlich Reste eines Archives eines öffentlichen Haushaltes vorliegen.
Und (5):
Die Reisen des Herrschers nach Beydar werden nur in wenigen Fällen begründet. (...) So unterbricht er vielleicht einmal eine Expedition für einen Halt in Beydar, ein anderes Mal ruft ihn eine "Versammlung" (unken) hierher, meist erfordern aber kultische Pflichten seine Anwesenheit.
Womöglich werden also Götterbildnisse - vielleicht nach der Art der "Augenidole" (Abb. 3) - auf Streitwagen in Zeremonialzügen rund um die Stadt geführt worden sein. Und (5):
Nach dem Zeugnis der Urkunden gehören Nagar=Tell Brak und Tell Beydar auf jeden Fall zu einem Staatswesen. (...) Der höhere Rang des mächtigen Tell Brak, also des antiken Nagar, gegenüber Beydar ist hier nicht zu bezweifeln.
Dies würde auf eine zentralere Steuerung und Verwaltung der ländlichen Entwicklung rund um eine Stadt wie Ebla oder Nagar hinweisen und wäre eine sehr wesentliche Ergänzung zu jenem Blogartikel, den wir zu Tell Brak schon vor dreizehn Jahren hier auf dem Blog veröffentlicht hatten (10).
Nagar/Tell Brak
war offenbar von Uruk aus gegründet worden und gehörte zur Kultur
der Akkader (in viel späteren Jahrtausenden dann zu den Kulturen der Hurri und Mitanni) (Wiki):
Tell
Brak ist eine der weltweit ältesten Siedlungen mit städtischen
Strukturen, die ab dem frühen 4. Jahrtausend v. Chr. bestanden.
Und (Wiki):
Tell
Brak ist mit 40 Meter Höhe der größte Siedlungshügel in
Nordmesopotamien und Syrien (...). Nur Uruk in Südmesopotamien war
größer. (...) Im 3. Jahrtausend war Tell Brak eine der wichtigsten
Städte in Nordmesopotamien und kontrollierte den Handelsweg vom Tigris
nach Anatolien. Zu dieser Zeit herrschte vermutlich eine Dynastie, die
mit dem 400 Kilometer westlich gelegenen Ebla in dynastischer Heirat
verbunden war. Texte von Ebla geben Auskunft über Tagri-Damu, eine
Prinzessin aus Ebla, deren Heirat mit dem Kronprinzen von Nagar,
Ultum-huhu, von Ijar-Damu, dem letzten König von Ebla arrangiert wurde.
So sind etwa 42 Gefäße mit Wein erwähnt, die zur Hochzeit von Ebla nach Nagar geschickt wurden (Wiki):
Um
2200 oder um 2000 v. Chr. kam es zu einer Siedlungsunterbrechung, deren
Ursache noch strittig ist. Die akkadische Periode endete,
möglicherweise verursacht durch die Ankunft der anfangs nomadischen
Amoriter.
Mit diesen Amoritern oder nachfolgenden Völkern (Hurritern, Mitanni), deren Herkunft - nach neuesten archäogenetischen Studien (siehe künftiger Blogbeitrag) - auf den Kaukasus zurück geführt werden kann, kamen zu dieser Zeit oder wenig später domestizierte Pferde ins Land, sowie Völker, die zwar nicht genetisch von Indogermanen beeinflußt waren, aber in manchen Namen und Begriffen an eine Berührung mit indogermanische Sprachen erinnerten.
Jener berühmte Holzkasten, genannt "Standarte von Ur" (Wiki), aus der Zeit um 2.500 v. Ztr., bezeugt, daß noch über lange Jahrhunderte hinweg der Besitz von Zugtieren
und Wagen auf eine kleine Schicht wohlhabenderer Menschen beschränkt
gewesen ist. Denn er besitzt eine Seite, auf der die Taten des
Herrschers im Krieg dargestellt sind und eine andere Seite, auf der die Taten
des Herrschers im Frieden dargestellt sind. Auf der ersten Seite finden
sich Streitesel-Wagen mit Rädern (Abb. 1), auf der anderen Seite zwar Widder, Ochsen und Streit-Esel (die offenbar abgeliefert werden). Hier aber gehen alle Menschen zu Fuß (Abb. 2).
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| Abb. 4: Mann mit Rückentrage - Darstellung auf der "Standarte von Ur" (Wiki), 2.500 v. Ztr. |
Die insgesamt sehr langen, inhaltsreichen drei Jahrtausende der Menschheitsgeschichte zwischen 4.900 v. Ztr. und 2.000 v. Ztr. füllen sich allmählich und formen sich zu einem "Bild". Wir wollen es im Hinterkopf behalten: Dies sind Jahrtausende, in denen die große Mehrheit der Menschen immer noch zu Fuß unterwegs waren. Nur hoch gestellte Persönlichkeiten, Angehörige der Königsfamilie, Adlige, hohe Verwaltungsbeamten werden sich auf Wagen fortbewegt haben, die von Eseln, Rindern oder Pferden gezogen worden sind.
Ergänzung 26.6.2021: Der prächtige, geschmückte Königs-Wagen,
der im berühmten, eindrucksvollen, etwa um 800 v. Ztr. nieder geschriebenen -
aber nach der Forschung viele Jahrhunderte älteren - babylonischen
Gilgamesch-Epos (Wiki) erwähnt wird, ist ein Wagen, der von "Mauleseln" gezogen wird (Text)!
Und doch ist er bestimmt für den "Held der Helden", für Gilgamesch.
Erst mit der Entdeckung der Kunga kann dieser "Widerspruch" geklärt werden. Schon in diesem Epos zeigte sich, daß die bronzezeitliche babylonische Kultur des
Zweistromlandes ursprünglich eine ganz andere Kriegstechnik kannte. Auch an diesem Umstand ist ablesbar, wie alt das Epos sein
muß und wie zuverlässig sein Inhalt -
schriftlich - überliefert worden ist. Zugleich ist zu erfahren (Wiki):
Daran ist erkennbar, um wie viel älter das Gilgamesch-Epos zum Beispiel gegenüber der Ilias ist. Es stammt - wohlgemerkt: in präziser schriftlicher
Überlieferung - aus dem 3. Jahrtausend v. Ztr..
Der von Pferden gezogene Streitwagen kam ja erst ab 1700 v. Ztr. mit den
Hyksos nach Ägypten und mit den Mittanni nach Sumer (Wiki).
/ Ergänzung 9.9.2022: Die ersten Esel sind in Ostafrika, vielleicht am Horn von Afrika, um 5.000 v. Ztr. domestiziert worden (ScNews). Alle domestizierten Esel weltweit stammen von ihnen ab. Die Forscher schreiben außerdem (11):
Das würde zusätzlich aufmerksam machen auf den kulturellen Austausch zum Beispiel zwischen Alexandria und Indien in der Zeit ab 200 v. Ztr., über den - so wird von manchen vermutet - auch viele Inhalte des Neuen Testaments in den östlichen Mittelmeerraum kamen. Leider ist die Studie aktuell nicht frei zugänglich. /