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Dienstag, 5. Dezember 2023

Waldweide im Böhmischen Paradies - Schafe im Neolithikum, Schweine in der Bronzezeit

Waldweide in der Vorgeschichte
- Sediment-DNA - Neue Erkenntnismöglichkeiten in der Archäogenetik
- Hatten die Indogermanen eine besondere Vorliebe für Schweinefleisch?
- Im "Böhmischen Paradies" südlich des Sudentenlandes 

Innerhalb von Dörfern, Weilern oder Siedlungsstellen, sowie deren unmittelbarer Umgebung können - über die Jahrtausende hinweg - mehrheitlich andere Tiere gehalten worden sein als in weiter entfernt gelegenen Triften (DWB) und Wäldern. Letztere sind über die Jahrtausende hinweg oft vor allem auch als "Waldweide" (Wiki) genutzt worden. So zum Beispiel noch bis ins späte 19. Jahrhundert hinein zur "Eichelmast" (Wiki). 

Abb. 1: Der Felsüberhang im Böhmischen Paradies, genannt "Großes Mammut" ("Velký Mamuťák" [VM]) im Jahr 2017 - Seit Jahrtausenden gern aufgesucht von Tier und Mensch (aus: Resg2021)

Ein eindrucksvolles Beispiel von Überresten solcher Eichelmast stellen beispielsweise die "Schwanheimer Eichen" (Wiki) im Südwesten von Frankfurt am Main dar. Naturdenkmäler wie die "Schwanheimer Eichen" gibt es in vielen Teilen Deutschlands und Europas. Dem Autor dieser Zeilen sind sie erstmals in Schwanheim bewußter begegnet.

Sediment-DNA

Mit welchen Tieren die Wälder in früheren Jahrtausenden "beweidet" wurden, kann gegebenenfalls mit der Erforschung von Sediment-DNA (Wiki) geklärt werden. Sie ist eines der neuesten Forschungsfelder im Bereich der Archäogenetik. Sie weist Überschneidungen auf mit der ebenfalls sehr neuen Erforschung von "Umwelt-DNA" (Wiki). Diese Forschungsrichtungen sind alle ermöglicht worden durch die enorme Beschleunigung und kostengünstige Vereinfachung der Sequenzierung von DNA-Material in den letzten 25 Jahren. 

Die Erforschung vieler Bodenschichten unter einem Felsüberhang in Nordböhmen, im abgelegenen sogenannten "Böhmischen Paradies" (Wiki) inmitten der "Pschichraser Felsen" (Wiki) verdeutlicht die Erkenntnismöglichkeiten dieses neuen Forschungsbereiches (1).*) Es handelt sich um einen Felsüberhang namens "Velký Mamuťák" (VM) zu Deutsch "Großes Mammut" (s.a. Fb2023) (s. Abb. 1) (1):

VM sticht hervor aufgrund seiner günstigen Erhaltungsbedingungen für organische Materialien und aufgrund seiner tiefreichenden archäologischen Schichtenfolge, die alle bedeutenden Epochen umfassen vom Mesolithikum bis zur Gegenwart.
VM is remarkable for its exceptional organic preservation, and deep occupation layers spanning all significant periods from the Mesolithic to the present.

Der Felsübergang liegt im dichten Wald und Naturschutzpark eineinhalb Kilometer nördlich des Dorfes Branžež (Wiki) (GMaps), wie gesagt inmitten der "Pschichraser Felsen" (s.a. Yt2023), 16 Kilometer südlich der Burg Waldstein (Wiki), 60 Kilometer südlich von Zittau im Landkreis Görlitz in Sachsen (Abb. 2).

Abb. 2: Von Zittau über Reichenberg und Liebenau nach Turnau und südlich davon ins "Böhmische Paradies" mit seinem vielen Wald und seinen Felsformationen - Im Osten liegt Schlesien (Grafschaf Glatz) und Österreichisch-Schlesien, im Westen liegt das Egerland

In derselben Region gibt es viele sehenswerte Burgruinen und Felsen, deshalb der Name "Böhmisches Paradies". 

Waldweide mit Ziegen in der Bandkeramik

Es ist wichtig, sich bewußt zu machen, daß Böhmen zur Kernregion der frühneolithischen Bandkeramik-Kultur gehörte (Abb. 3) (2). Die Kultur der Bandkeramik scheint nun eine solche Waldweide - zumindest in so vergleichsweise abgelegenen Gebieten wie im Böhmischen Paradies - anders genutzt zu haben als die späteren Gesellschaften und Kulturen der Bronzezeit. Wir lesen als Forschungsergebnis (1):

Unsere Ergebnisse bei Velký Mamuťák (VM) unterstreichen, daß die vollständige Verbreitung der ganzen Artenbandbreite von Viehhaltung in Wäldern erst im späten Neolithikum statthatte, während man sich bei den anfänglichen Management-Praktiken auf Schafe (Ovis) konzentrierten. Vor allem stellen wir bezüglich der vorherrschenden Arten (mit denen die Waldweide genutzt wurde), einen allmählichen Übergang fest von Schafen zu Schweinen bis zur Späten Bronzezeit. Dies korreliert mit der mittelholozänen Transformation der Waldstruktur und kann möglicherweise die Folge dieser Verschiebung der Waldsukzessionsmuster sein, des Nährstoffmangels und der Habitatkonnektivität.
Our results at VM support the understanding that the full expansion of herding to forested ecoregions did not take place until the Late Neolithic, with initial management practices focused on sheep (Ovis). Importantly, we identify a gradual change in dominant species from sheep to pigs (Sus) by the Late Bronze Age. This correlates with the mid-Holocene transformation of forest structure and can potentially be the consequence of this shift in forest succession patterns, nutrient depletion, and habitat connectivity.

Mit dem letzteren Satz könnte auf Überweidung verwiesen sein. 

Der beigegebenen Grafik (Abb. 4) ist zu entnehmen, daß die Forscher Hinweise auf Ziegenhaltung an dem Felsüberhang schon ab 5.000 v. Ztr., also in der Hochzeit der Bandkeramik, finden:

Ziege oder möglicherweise Steinbock (Capra sp.) erscheinen als einziges Taxon in der frühneolithischen Schicht um 5.000 v. Ztr..
Goat or possibly ibex (Capra sp.) appears as the only taxon in the Early Neolithic layer (∼7.0 kyr BP).

Die Bandkeramiker also, die den Urwald in Mitteleuropa rodeten, zogen offenbar vor allem mit Ziegen in die Wälder.

Abb. 3: Dichte frühneolithische, bandkeramische Besiedlung Nordböhmens und des mittleren Sudetenlandes (aus: "The Neolithic Site of Hrdlovka", 2019) (Resg)

Die Forscher stellen für die Waldweide folgende vorherrschende Tierarten in Nordböhmen je nach Zeitepoche fest (siehe Abbildung 4):

  1. Bandkeramik (Frühneolithikum): Ziegen
  2. Mittelneolithikum: Unterbrechung der Waldweide (haben wieder mehr Jäger und Sammler in der Region gelebt???)
  3. frühes Spätneolithikum: Schafe, Rinder, Ziegen, Schweine - Bewuchs: Ahorn (Acer) und Ulme (Ulmus)
  4. spätes Späthneolithikum: Schafe, Schweine, Rinder - Bewuchs: Taubnessel (Lamium) 

Eine Verringerung der Siedlungsdichte im Mittelneolithikum ist für die Region Nordböhmens auch anderweitig festgestellt worden (2). 

Hat es im übrigen während der Endphase des Spätneolithikums eine Überweidung und Übernutzung der Wälder vor allem durch Schafe gegeben, so daß an dem genannten Felsüberhang schließlich vorwiegend Taubnesseln gewachsen sind (die für Schafe sogar giftig sind, wie es im Text heißt)? 

Waldweide mit Schweinen in der Bronzezeit

Wir folgen weiter den Angaben der Abbildung 4:

  1. Frühbronzezeit: Schweine, Schafe, Rinder, sowie auch Ziegen und Menschen - Bewuchs: Weizen (Triticum) (!), Fichten (Picea), Ulmen, Eichen und anderes
  2. Mittelbronzezeit: Schweine, Schafe, Rinder - Bewuchs: Buche (Fagus), Ahorn (Acer)
  3. Spätbronzezeit: nur Schweine

Womöglich ist erkennbar, daß solche Felsen vor allem im Frühneolithikum besonders vielfältig genutzt wurden. Schnurkeramiker haben auch in Oberfranken beispielsweise den abgelegeneren "Hohlen Fels" genutzt, in seiner Nähe gesiedelt und am Felsen auch wilde Pferde bestattet. 

Der Umbruch vom Spätneolithikum zur Bronzezeit geht - wie in vielen Beiträgen hier auf dem Blog behandelt - einher mit dem genetischen und kulturellen Umbruch der Ausbreitung der Indogermanen über ganz Europa hinweg, also mit den genannten Schnurkeramikern und Glockenbecherleuten. 

Von nun an tritt das Schwein bis zur Bronzezeit immer mehr in den Vordergrund was Waldweide betrifft. So daß sich die Frage anschließt: Haben die Indogermanen etwa eine besondere Vorliebe für Schweinefleisch gehabt? Für "Borstenvieh und Schweinespeck"?

Abb. 4: Tier-DNA im Sediment unter dem Felsüberhang über die Jahrtausende hinweg (aus 1)

Daß in der Bronzezeit Schweine in der Waldweide eine viel größere Rolle spielen als im Neolithikum, könnte ja womöglich ein grundlegenderes Kennzeichen der Epoche der europäischen Bronzezeit sein.

Die Bedeutung der Schweinehaltung tritt ja auch noch - zumindest für die Region um Hallstatt in Oberösterreich - während der Eisenzeit hervor, als über das Dachstein-Gebirge hinweg Schweinefleisch samt Salz in größeren Mengen Richtung Süden gehandelt wurde (s. Fb2023). Womöglich war Schweinehaltung die kostengünstigere Variante der Tierhaltung bei den steigenden Bevölkerungszahlen in ganz Europa in der Spätbronzezeit.

Abb. 5: Der Felsübergang liegt inmitten der "Pschichraser Felsen" (Wiki), im Wald eineinhalb Kilometer nördlich des Dorfes Branžež (Wiki) (GMaps)

Man darf gespannt sein, ob sich diese ersten Ergebnisse einer ganz neuen Forschungsrichtung künftig bestätigen werden, und ob solche Forschungsergebnisse insgesamt künftig zu einem deutlich detaillierten Bild der Wirtschaftsweise der jeweiligen Gesellschaft beitragen werden.

Wo liegt das "Böhmische Paradies"?

Abschließend noch einiges zur räumlichen und zeitgeschichtlichen Einordnung der Region des "Böhmischen Paradieses": Von Zittau in Sachsen nach Turnau in Böhmen sind es 55 Kilometer. Auf dem Weg fährt man durch den einstigen deutsch-österreichischen Gerichtsbezirk Reichenberg (Wiki). Dessen Bevölkerung bestand bis 1945 zu 91 % aus Deutschen. 

Hauptort des Bezirkes war Reichenberg (Wiki). Auf dem genannten Weg liegt auch die bis 1945 deutsche Stadt Liebenau (Wiki). Sie gehörte ebenfalls zum Bezirk Reichenberg. Südlich von Liebenau verlief ab 1938 - nach dem Godesberger Abkommen - die Grenze zwischen dem Deutschen Reich und Resttschechien, bzw. ein halbes Jahr später die Grenze zum "Protektorat Böhmen und Mähren". Südlich dieser Grenze lebten zwar seit dem Mittelalter auch Deutsche. Auch die dortigen mittelalterlichen Städte, Dörfer und Burgen sind oft von Deutschen gegründet und bewohnt worden. Zumindest in der Neuzeit (insbesondere seit den Hussitenkriegen) bildeten sie aber in diesen Regionen nicht mehr die Bevölkerungsmehrheit. 

Jedenfalls wenige Kilometer südlich dieser Grenze liegt - grob auf dem Weg Richtung Prag - das "Böhmische Paradies" (Wiki), und zwar südlich eines Hauptortes dieser Region, nämlich Turnau in Böhmen. Über die deutsche Besiedlung des Bezirkes Reichenau als mittlerer Teil des Sudentenlandes lesen wir (Wiki):

Die Gegend um Reichenberg gewann im 13. Jahrhundert an Bedeutung, als deutsche Siedler das bislang kaum bewohnte Gebiet erschlossen und die Wälder im Bereich des alten Handelsweges vom Zentrum Böhmens zur Ostsee rodeten. Die älteste belegte Siedlung der Gegend neben der Johanniterkommende von Böhmisch Aicha ist Friedland, von wo aus die Fürsten, denen unter anderem auch Reichenberg unterstand, jahrhundertelang herrschten.

Friedland liegt 25 Kilometer nördlich von Reichenberg, Böhmisch Aicha liegt acht Kilometer westlich von Liebenau. Friedland ist durch den Feldherrn Wallenstein bekannt geworden, der zum "Herzog von Friedland" ernannt worden war, weil sich die Jesuiten so sehr freuten über seine militärischen Erfolge bei der Rekatholisierung Deutschlands.

Durch diese Gegend zogen im Jahr 1866 auch die preußischen Truppen in die Schlacht von Königgrätz 70 Kilometer weiter südlich. 

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*) Schon im Mai dieses Jahres hatten wir uns mit einer Studie aus dieser neuen Forschungsrichtung beschäftigt (2). Wir hatten im Entwurf einen Blogartikel verfaßt, der den Titel tragen sollte "Auferstanden aus dem Dreck". Aber ob die Erkenntnisse der von uns behandelten Studie schon ausreichend tragfähig waren, wagten wir nicht zu beurteilen. Deshalb ist dieser Blogartikel bis heute unveröffentlicht geblieben.

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  1. Early Pastoralism in Central European Forests: Insights from Ancient Environmental Genomics. Giulia Zampirolo, Luke Earl Holman, Rikai Sawafuji, Michaela Ptáková, Lenka Kovaiková, Petrída, Petr Pokorný, Mikkel Winther Pedersen and Matthew Walls. bioRxiv. posted 3 December 2023, http://biorxiv.org/content/early/2023/12/03/2023.12.01.569562?ct=ct.
  2. Pere Gelabert, Susanna Sawyer, Anders Bergström, Ashot Margaryan, Thomas C. Collin, Tengiz Meshveliani, Anna Belfer-Cohen, David Lordkipanidze, Nino Jakeli, Zinovi Matskevich, Guy Bar-Oz, Daniel M. Fernandes, Olivia Cheronet, Kadir T. Özdoğan, Victoria Oberreiter, Robin N.M. Feeney, Mareike C. Stahlschmidt, Pontus Skoglund, Ron Pinhasi, Genome-scale sequencing and analysis of human, wolf, and bison DNA from 25,000-year-old sediment, Current Biology, Volume 31, Issue 16, 2021, Pages 3564-3574.e9, https://doi.org/10.1016/j.cub.2021.06.023. (https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0960982221008186)
  3. Rolandstouren: Felsenstadt Příhrazy im Böhmischen Paradies in Tschechien / Příhrazské skály / Český ráj ( Yt2023)

Sonntag, 16. Januar 2022

Streit-Esel zogen die Wagen des Adels und der Götter (3.000-2.200 v. Ztr.)

Die "Kunga", eine besondere Züchtung von Eseln als Zugtiere gingen der Domestizierung des Pferdes voraus

Zusammenfassung: Die Domestizierung des Esels in Ägypten und Zuchtexperimente in Nordmesopotamien gingen der Domestizierung des Pferdes in den Steppen nördlich des Kaukasus voraus und werfen zugleich ein helles Licht auf jene Zusammenhänge, aus denen heraus auch das Pferd vermutlich domestiziert worden ist. In Tell Brak / "Kagar" in Nordsyrien wurden um 3.000 v. Ztr. "Kunga" gezüchtet, die vierrädrige Streitwagen zogen (s. Abb. 1). Hierzu wurden Hausesel (die aus Ägypten stammten und zur Gruppe der "Afrikanischen Esel" gehörten) mit Wildeseln gekreuzt (die zur heute ausgestorbenen Gruppe der "Syrischen Wildesel" gehörten). Die entstandenen Tiere waren zwar unfruchtbar, hatten aber Eigenschaften, die sie zu teuren, "königlichen" Zugtieren machten, die als teure Gastgeschenke an Vasallen und befreundete Königshäuser verschenkt, sowie verkauft wurden. Da es von Nordmesopotamien aus viele kulturelle Einflüsse in Richtung auf die reiche, indogermanisch beeinflußte Maikop-Kultur nördlich des Kaukasus gegeben hat, wird es nicht unwahrscheinlich sein, daß die dortige Domestizierung unseres heutigen Hauspferdes - zunächst zum Zugtier von zweirädrigen Streitwagen (um 2.200 v. Ztr.) - ihre Anregung erhalten hat durch diese nordmesopotamischen königlichen Streit-Esel-Gespanne. So wird auch die Domestizierung unserer Pferde - wie in Nordmesopotamien - den "königlichen" Prestige-Bedürfnissen entsprungen sein. Und Pferde sind ja auch bis heute - ihrer ganzen Art nach - königlich, edel, verleihen ihrem Besitzer "Ansehen".
Der Esel ist eines der ältesten Lasten- und Zugtiere der Menschheit (1-6). Während sich nördlich des Kaukasus anfangs der Adel der dortigen Königreiche des Mittelneolithikums von Rinder-Wagen ziehen ließ, die vermutlich als königlich und adlig angesehen wurden (7), kennt man schon seit langer Zeit "Streit-Esel" als Zugtiere von Streitwagen in Ur in Mesopotamien, die dem Pferd als Zugtier von Streitwagen voraus gegangen sind. In einer neuen Studie ist die genetische Herkunft dieser Streit-Esel soeben geklärt worden (1-6). 

Abb. 1: Vierrädrige Streitwagen mit urtümlichen, schwerfälligen Scheibenrädern werden von "Kungar" (Streiteseln) gezogen - Darstellung auf der "Standarte von Ur" (Wiki), einem Holzkasten aus einem Königsgrab in Ur, um 2.500 v. Ztr. - So war auch der Königswagen des Helden Gilgamesch beschaffen

Aber zunächst die Frage: Woher stammt der domestizierte Esel? Er stammt aus Ägypten.

Wann und wo wurde der Esel domestiziert?

 Wir lesen (Wiki):

Schon 4000 v. Chr. hat man im Niltal Ägyptens den nubischen Wildesel zum Haustier gemacht.

Man nimmt an, daß es den domestizierten Esel seit dem späten 4. Jahrtausend v. Ztr. in Mesopotamien gibt. In ähnlicher Zeit wurde - nach bisherigem Kenntnisstand in einem Raum zwischen Mesopotamien und Nordkaukasus das Rad und der Wagen erfunden (7, 8). Nördlich des Kaukasus spannte man vor den Wagen Rinder, bzw. Ochsen (7), südlich des Kaukasus (zumindest auch) Esel. Zu jener Zeit gab es überall schon blühende Stadtkulturen (protourbaner oder urbaner Art), Königreiche und staatliche Verwaltungsstrukturen, die in Königspalästen - angesiedelt auf einer Akropolis mit Tempelbezirk - zusammen liefen.

Wann und wo wurden Rad und Wagen erfunden?

Mit der Erfindung des Rades und dem Rinderwagen als erstem Fortbewegungsmittel des Menschen zu Land im frühen 4. Jahrtaseund v. Ztr. haben wir uns hier auf dem Blog schon früher beschäftigt (7): Wagenräder als Grabgut kennt die reiche, mancherlei protourbane Merkmale aufweisende "Majkop-Kultur" im Nordwestkaukasus schon zwischen 3.700 und 3.000 v. Ztr.. In einer Grabanlage in Norddeutschland finden sich Wagenspuren aus der Zeit um 3.500 v. Ztr.. Ebenso gibt es frühe bildliche Wagendarstellungen, zum Beispiel im Steinkammergrab von Züschen in Nordhessen. In dem gesamten Raum bis hinauf nach Irland und Dänemark finden sich inzwischen für diese Zeit Hinweise auf Königreiche mit einem Hochadel (der die großen, überlieferten Stein-Grabanlagen nutzte, Steinstelen aufstellte) und auf protourbane Siedlungen als Verwaltungszentren. Dieser Hochadel vor allem nutzte auch die Rinderwagen als Prestige-Objekte und für religiöse Zeremonien (7).

Abb. 2: Menschen mit Traggestellen, Säcken, Widdern, Ochsen und Kungar treten vor den Herrscher - womöglich um ihr Ablieferungssoll darzubringen - alles zu Fuß. Wagen blieben einer kleinen Elite vorbehalten - Darstellung auf der "Standarte von Ur" (Wiki), 2.500 v. Ztr.

Aus gleicher Zeit ist das Rad aus Mesopotamien bezeugt (8). Von wo es sich nach wohin ausgebreitet hat, ist bislang ungeklärt. Wie so oft, wird aber womöglich auch in diesem Fall Mesopotamien der Ursprungsort gewesen sein, von wo aus sich eine solche Erfindungen dann - aufgrund der großen Aufnahmebereitschaft der Kulturen weiter im Norden (Maikop, Jamnaja, Cucuteni-Tripolje, Kugelamphoren-Kultur ...) sehr schnell über ganz Europa ausgebreitet haben wird, zumal gut bezeugt ist, daß die Maikop-Kultur im Kaukasus von Mesopotamien beeinflußt gewesen ist.

Existierten auch Wildesel?

So wie damals in vielen Teilen Europas in offenen und geschlossenen Habitaten (Wäldern) wilde Pferde lebten, die gejagt wurden, so lebten neben dem domestizierten Esel in Ägypten und in Mesopotamien bis zur ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts auch Wildesel weiter (1):

Seit der Periode der Frühen Dynastie (um 2800 v. Ztr.) ist eine anderes pferde-artiges Wesen bezeugt, der "anše-edin-na", wörtlich übersetzt der "Esel aus der Wüste". Dieses Tier wurde gejagt um seines Fleisches und seines Felles wegen aber es wurde nie als Zugtier genutzt.
Another equid attested since the Early Dynastic period I (ca. 2800 BCE) is the anše-edin-na, literally translated as “equid of the desert.” This animal was hunted for its meat and hide, but never used as a draught animal. The anše-edin-na is broadly considered to be a type of onager, although it is impossible to say whether it refers to the Persian onager (Equus hemionus onager) or to the Syrian wild ass, or hemippe (Equus hemionus hemippus) (8), sometimes also named “Syrian onager.”

Streit-Esel in königlichen Gräbern (3.000 bis 2.300 v. Ztr.)

Die Funde nun, die die neuen Erkenntnisse brachten, werden folgendermaßen beschrieben (1):

In dem Eliten-Gräber-Komplex von Tell Umm el-Marra (2600 bis 2200 v. Ztr.), die möglicherweise zu der antiken Stadt Tuba gehörte, 55 km östlich von Aleppo im heutigen Nordsyrien, wurden Männer und Frauen mit Keramik, Bronze und Silber-Gefäßen bestatten; Bronzewaffen und -werkzeugen; persönlichem Schmuck, gefertigt aus Bronze, Silber, Gold, Lapislazuli. Innerhalb dieses königlichen Gräber-Komplexes wurden 25 männliche Esel abseits von den Menschen bestattet (...) ähnlich den Esels-Gräbern in Abydos, Ägypten um 3.000 v. Ztr.. (...) Es ist schon vorgeschlagen worden, daß diese Skelette Hybride darstellen könnten. ....
In the elite burial complex of Tell Umm el-Marra (2600 to 2200 BCE), possibly belonging to the ancient city of Tuba, 55 km east of Aleppo in modern-day northern Syria, men and women were interred with ceramics, bronze, and silver vessels; bronze weapons and tools; and personal ornaments made of bronze, silver, gold, and lapis lazuli. Within this royal burial complex, complete skeletons of 25 male equids and bones from six additional animals were buried separately from humans, either in a sequence of pits or in their own mud-brick structures, akin to the 3000 BCE donkey burials at Abydos, Egypt.

Hier sind also Esel nahe königlicher Gräber bestattet worden ungefähr zu gleicher Zeit als in der Maikop-Kultur nördlich des Kaukasus das Pferd domestiziert wurde (9). Das Pferd sollte - als es wenige Jahrhunderte später nach Mesopotamien kam - im Gegensatz zum "Esel der Wüste/Steppe" als "Esel der Berge" benannt werden. 

Abb. 3: Für die Kultur in Nagar (Tell Brak) (Wiki) sind diese Figürchen kennzeichnend, sogenannte "Augenidole" aus Alabaster, um 3.500 v. Ztr. - Nach ihnen ist auch der "Augentempel" (Wiki) auf der Akropolis von Nagar benannt

Zu welcher weiter verbreiteten kulturellen Erscheinung die Esels-Bestattungen neben könglichen Gräbern gehörten, darauf wird gleich einleitend in der Studie hingewiesen gemäß der unterschiedlichsten Quellen (Schriftquellen, Bildquellen) (1):

Große männliche Kunga (Streit-Esel) wurden benutzt, um Wagen "des Adels und der Götter" zu ziehen, ihre Größe und Schnelligkeit machten sie begehrenswerter als Esel für das Ziehen von vierrädrigen Streitwagen. (...) Kleinere männliche und weibliche Kunga wurden im Ackerbau genutzt, wo sie, so wird regelmäßig berichtet, Pflüge zogen. Kunga-Fohlen sind selten geboren worden innerhalb der städtischen Zentren von Sumer und Syrien und Ebla kaufte junge Kunga fast ausschließlich aus Nagar (Tell Brak) im nördlichen Mesopotamien, das das Hauptzentrum der Zucht gewesen sein könnte und dessen Herrscher sie als Geschenke für die Eliten verbündeter Territorien nutzten. (...)
Vermutlich sind es Kunga, die über die gesamte Region hinweg auf königlichen Siegeln dargestellt werden und Abbildungen dieser Hybriden finden sich vermutlich sowohl auf der "Kriegs-" wie auf der "Friedenseite" der "Standarte von Ur". (...) In einer der ältesten Abbildungen (2.600 v. Ztr.) eines Kriegszuges in der Geschichte der Menschheit stehen die Krieger auf vierrädrigen Streitwagen, von denen jeder von einer Reihe von pferdeähnlichen Zugtieren gezogen wird.
Large-sized male kungas were used to pull the vehicles of "nobility and gods", and their size and speed made them more desirable than asses for the towing of four-wheeled war wagons. (...) Smaller-sized male and female kungas were used in agriculture, where they were frequently reported pulling ploughs. Kunga foals were seldom born within the urban centers of Sumer and Syria, and Ebla purchased young kungas almost exclusively from what may have been the principal breeding center at Nagar (modern Tell Brak), in northern Mesopotamia, whose rulers also provided them as gifts to the elites of allied territories. 
Presumed kungas featured prominently on royal seals throughout the region, and images of these hybrids likely appear on both the “war” and “peace” panels of the standard of Ur, a Sumerian artifact excavated from the royal cemetery in the ancient city of Ur (in modern-day Iraq). In one of the first depictions (2600 BCE) of a military expedition in human history, warriors stand on four-wheeled war wagons, each drawn by a team of unspecified equids. An example of the rein ring featured in this image has been found in a royal grave at Ur, decorated with a small statue of a noncaballine equid, either a kunga or hemione. 

Damit sind die berühmten Abbildungen auf der "Standarte von Ur" gemeint (hier: Abb. 1, 2). Dem Domestizierungs-Prozeß des Pferdes als Zugtier im Norden des Kaukasus, in der Maikop-Kultur (9), ging also die Jahrhunderte lange Erfahrung und das Experimentieren im Umgang mit Eseln als Zugtieren in Mesopotamien voraus, sowie ihre sehr ungewöhnliche Züchtung als teure königliche Tiere (2):

Das domestizierte Hauspferd (kam) erst 500 Jahre später in die Region des Fruchtbaren Halbmonds. Ältere Bilder und Texte zeigten jedoch, daß bereits zuvor pferdeartige Tiere in Schlachten und auf Reisen zum Einsatz kamen. Neben der "Standarte von Ur" gibt es Tontafeln, die in Keilschrift auf wertvolle Tiere mit der Bezeichnung "Kunga" hinweisen. Doch wer waren diese "Kunga"?
Dies beantwortete die genetische Auswertung von Tierknochen, die in einem mehr als 4.300 Jahre alten royalen Grabkomplex in Nordsyrien, in der ehemaligen Stadt Umm el-Marra, entdeckt wurden. Die alte DNA wurde mit dem Erbmaterial von Pferden, Hauseseln und Wildeseln verglichen, schreibt die Forschungsgruppe um Eva-Maria Geigl und Thierry Grange im Fachmagazin "Science Advances". Sie zog unter anderem Material des in den 1920er-Jahren ausgestorbenen Syrischen Halbesels heran sowie noch ältere DNA von Tieren aus der Pferdefamilie, auf die man bei der 11.000 Jahre alten Tempelanlage Göbekli Tepe stieß. 
Die Gruppe stellte fest: Bei den prächtigen Wesen im nordsyrischen Grab handelte es sich sogar um die älteste nachgewiesene Kreuzung verschiedener Tierarten. Die Hybridtiere entstanden aus der Vereinigung von Wildeseln der Spezies Asiatischer Esel mit Hauseseln, die vom Afrikanischen Esel abstammen. Auch sprachliche Ähnlichkeiten lassen sich feststellen, "Kunga" erinnert an die Begriffe "Kiang" (aus Tibet) und "Skiang" (aus Indien), mit denen der Tibet-Wildesel bezeichnet wird, sowie entfernt an den turkmenischen Kulan und den nur noch in Westindien vorkommenden "Khur" - weitere Verwandte oder Varianten des asiatischen Wildesels.
Die bestatteten "Kunga" hatten den Genomanalysen zufolge einen Hausesel zur Mutter und einen Wildesel zum Vater. Sogar das Einfangen der Wildtiere wurde dem Forschungsteam zufolge auf einem assyrischen Relief festgehalten. Dies mußte immer wieder wiederholt werden, denn die entstandenen Hybriden waren unfruchtbar - wie viele Artkreuzungen, auch beispielsweise das Maultier, eine Mischung aus Esel und Pferd.
Diese beschwerliche Züchtung nahm man offenbar auf sich, um einerseits besonders starke und schnelle Tiere zu erhalten, die andererseits aber nicht so wild waren wie die ursprünglichen Asiatischen Esel - Eigenschaften, die auch von militärischer Relevanz sind. Gegen die Einführung domestizierter Pferde konnte sich diese Methode allerdings nicht durchsetzen.

(Wenn man diese sprachlichen Ähnlichkeiten anspricht, geht damit womöglich auch der Verdacht einher, daß sich alle diese Kulturen sprachlich gegenseitig beeinflußt haben oder auf eine Sprachfamilie zurück gehen. Aber dieser Gedanke soll an dieser Stelle nicht weiter verfolgt werden.) Beim Göbekli Tepe sind die Knochen eines Syrischen Wildesels gefunden worden, die in dieser Studie hatten sequenziert werden können (1). Und (3):

Archäologische Aufzeichnungen zeigen, daß ein Zuchtzentrum in Nagar (heute Tell Brak, Syrien) die jungen Kungas in andere Städte verschiffte. Sie waren kostbare Tiere, Statussymbole und wurden in Kriegs- und Militärzeremonien verwendet.

Das älteste Maultier hingegen - eine unfruchtbare Kreuzung zwischen Esel und Pferd - wurde bislang um 1000 v. Ztr. in der heutigen Türkei entdeckt (3). Man wird zu der Annahme verleitet: So wie man für die Züchtung des "Kunga" spätestens ab 3.000 v. Ztr. in jeder Generation wilde Esel-Hengste der Steppe in Syrien einfing, so mag man nördlich des Kaukasus versucht haben, Hausesel, die durch den Fernhandel mit Nordmesopotamien herein gekommen sein mögen, mit eingefangenen Hengsten der Wildpferde der Steppe vor Ort zu paaren. Womöglich auf Anweisung eines dortigen Herrschers, Königs. Die dabei entstehenden Maulesel sind zwar erst ab 1.000 v. Ztr. für den Bereich der Türkei nachgewiesen. Aber womöglich kam es in der Steppe nördlich des Kaukasus über solche Versuche hinweg auch zur Domestizierung des Wildpferdes. Zu diesem Szenario wird man verleitet, wenn man sich mit dem Kunga beschäftigt. Aber natürlich ist nur eine von mehreren Möglichkeiten, wie es zur Domestizierung des Pferdes in der Maikop-Kultur gekommen ist. Die Kunga waren jedenfalls sechsmal teurer als die ansonsten eingesetzten Hausesel (4). 

Das Zentrum der Streit-Esel-Züchtung: Nagar/Tell Brak

Schon seit vielen Jahrzehnten machte sich die Forschung Gedanken über die nicht leicht einzuordnende Art jener Zugtiere, die in Bildquellen und Keilschrift-Tontafeln jener Zeit dokumentiert sind. So hatte etwa auch vor zwanzig Jahren der Münchner Assyrologe Walther Sallaberger (geb. 1963) (Wiki, Wiki), Assy) vor dem Hintergrund des damaligen Forschungsstandes (den wir hier durchstreichen, da das inzwischen genauer geklärt ist) geschrieben (5):

Die Wirtschaft des Ortes Nagar beruhte offensichtlich zu einem guten Teil auf der Zucht von hochwertigen als BAR.AN (=kunga) bezeichneten Equiden, worunter man Kreuzungen von Halbesel (Onager) und Esel verstehen möchte. Eblaiter nahmen nämlich den langen Weg von beinahe 400 km Luftlinie einfacher Strecke auf sich, um die Tiere zu kaufen, - und das zu Preisen, die dem Mehrfachen des gewöhnlichen für diese ohnehin schon teuerste Tierart entsprechen: für ein Tier könnte man in Ebla bis zu 300 Schafe kaufen. Der Handel für diese kostbaren Equiden kann auch über große Distanzen gehen, und im Land Naga dürften die Bedingungen für ihre Zucht ideal gewesen sein.

Sallaberger versucht in dieser Abhandlung, die Tontafel-Texte der königlichen Karwanserei von Tell Beydar, die zuvor ausgegraben worden waren, dem bisherigen Forschungsstand zuzuordnen. Und wir merken, indem wir solche Ausführungen zur Kenntnis nehmen, daß es Sinn machen kann, sie auch mit Blick auf zeitgleiche staatliche Strukturen in Europa bis hinauf nach Irland und Dänemark zu lesen. Und es mag ebenso Sinn machen, solche Ausführungen im Zusammenhang der Erörterung der Strukturierung der Gesellschaften Nordmesopotamiens insgesamt zu lesen, zu denen wir vor dreizehn Jahren schon einmal einen Artikel veröffentlicht haben (10). Wir lesen (5):

Zeugnisse für den Ort Nagar in frühdynastischer Zeit stammen bisher vor allem aus den Palastarchiven von Ebla.

Vor zwanig Jahren waren nun neue Tontafel-Dokumente aus dem zeitgleichen Beydar hinzu gekommen, die Sallaberger in der hier zitierten Studie auswertete. In diesen werden außer dem Ort Nagar noch zahlreiche andere Orts- und Personennamen erwähnt. Nach Sallaberger bleibt für sie nur die Schlußfolgerung (5):

Es handelt sich daher um Dörfer im Umland von Beydar, deren Personal und Ackerbau von Beydar aus verwaltet wird.

In anderen Aufzeichnungen von Beydar (5) ...

... werden monatliche Rationen von Personen und Futter für die Esel Durchreisender dokumentiert.

Zum Beispiel findet sich der Eintrag (5):

Herrscher: 11 Gespanne (von Eseln = 44 Tiere); (aus) Nagar, in 4 Tagen: 3 gur 4 bariga (= 2040 sila).

Hier handelt es sich um Angaben der Menge des Futters. Oder (5):

Der Herrscher kam (ba-gen), blieb (al-tus) für einige Tage; das Futter für soundsoviel Esel: Getreidemenge.

An solche entdeckten Tontafel-Aufzeichnungen schloß Sallaberger vor zwanzig Jahren folgende Überlegungen (5, S. 401f):

Die Zugtiere werden immer mit dem neutralen Begriff "anse" bezeichnet, der wohl kunga-Maultiere? (in Beydar anse-BAR.AN geschrieben) und dusu-Esel (anse-IGI) umfaßt. Hier können wir uns einmal ein recht klares Bild vom Aussehen der Tiere machen, wurden doch in Tell Brak in etwa gleichzeitigen Schichten Eselskelette gefunden, bezeichnenderweise in und bei einem Gebäude, das die Ausgräber als Karawanserai deuten wollen. Die kleinen aber offensichtlich wohlgepflegten Tiere von nur etwa 110 cm Widerristhöhe waren gewohnt, schwere Lasten zu tragen, wie Veränderungen der Wirbelsäule zeigen. Sie waren mit Bronze- oder Kupfertrensen angeschirrt, um geführt oder an Wagen gespannt zu werden. Natürlich wüßten wir nur zu gern, ob es sich bei diesen Tieren zumindest teilweise um die kunga-Maultiere? handelt, die einst in Ebla so hoch geschätzt wurden, wobei es von untergeordneter Bedeutung ist, ob die Texte von Ebla und die Esel von Tell Brak in die gleiche Zeit gehören oder um ein Jahrhundert getrennt sind. (...) "Esel 3" der Skelette von Tell Brak weist Proportionen auf, die nach den Daten der Bearbeiterinnen eher denen eines Halbesels zu entsprechen scheinen. Könnte somit hier die vermutete Kreuzung von Halbesel und Esel vorliegen? Oder handelt es sich um einen gezähmten Halbesel, dessen Wildheit sich noch an den abgewetzten Zähnen ablesen läßt? Hier kann nun letztendlich auch das Zeugnis einiger Texte aus Beydar angeführt werden: Ausgaben von Getreide erfolgen dort zweimal für anse edin, "Esel der Steppe", also wohl doch wilde Halbesel, einmal ist ein su anse edin, "der (Beauftragte) für Esel der Steppe" genannt. Getreideausgaben müssen dabei m.E. nicht für Domestizierung sprechen, die ja beim Halbesel unmöglich sein soll, sondern sie mögen für die gefangenen? Tiere gedacht sein. (...)
Mit der Versorgung der Tiere in Beydar war ein enormer Aufwand verbunden, bedenkt man, daß insgesamt meist 40-60 Tiere, im Einzelfall sogar mehr, gefüttert werden mußten. Der höchste bezeugte Wert beträgt 2700 sila Eselfutter für einen drei- oder viertägigen Aufenthalt des Herrschers; das entspricht den Monatsrationen von 45 Männern oder 90 Frauen.
Sicherlich waren die Esel nicht nur Last- sondern auch Zugtiere, da im Haushalt von Beydar eine auffällig hohe Zahl von Wagnern, wörtlich "Wagen-Tischlern" (nagar g;Sgigir), tätig war. Der Haushalt, dessen Archiv uns überliefert ist, erfüllte also zudem die Funktion einer Reisestation. Die Entfernung von 45 km Luftlinie von Tell Brak dürfte wohl zwei, vielleicht drei Tagesreisen entsprechen.
Wie gesagt, dokumentiert das Archiv aus "Chantier B" von Beydar nur das Futter für die Esel des Herrschers. Dieser selbst und sein Gefolge wurden von einer anderen Stelle versorgt, und es ist gut möglich, daß dies in dem ausgedehnten offiziellen Gebäude auf der Hügelkuppe geschah und dort auch die entsprechenden Urkunden aufbewahrt sind.

Mit "Esel der Steppe" werden also wohl - nach heutigem Kenntnisstand (?) - eingefangene wilde Tiere gemeint sein. Für diese gibt es also auch in "Beydar" einen eigenen "Beauftragten".

In diesem Zusammenhang stellt sich die Frage, ob nicht auch sonst in Europa in dieser Zeit - etwa bei den Urindogermanen der Chwalynsk-Kultur oder bei den Schnurkeramikern in Oberfranken - wilde Pferde eingefangen worden sind und als Fleischreserve gehalten worden sind, auch wenn sie nicht als wirklich domestiziert gelten konnten. Denn in diesen Kulturen findet sich ja doch eine Rolle von Pferden, die denen von domestizierten Tieren wie Rindern und Schafen nahekommt (9). - Schon zuvor war ausgeführt worden (5, S. 397):

Weitaus die meisten Tafeln von Beydar stammen aus einem bescheidenen dreiräumigen Haus im Wohngebiet unterhalb des großen öffentlichen Gebäudes auf der Hügelkuppe (Chantier B). Es handelt sich fast ausschließlich um Verwaltungsurkunden über die eng zusammengehörenden Bereiche Ackerbau, Verwaltung von Getreide, Personal, sowie einzelne Aspekte der Viehwirtschaft. Nicht nur Inhalt und Formular, sondern auch das wiederholte Auftreten derselben Personen verbinden die Texte, weshalb uns offensichtlich Reste eines Archives eines öffentlichen Haushaltes vorliegen.

Und (5):

Die Reisen des Herrschers nach Beydar werden nur in wenigen Fällen begründet. (...) So unterbricht er vielleicht einmal eine Expedition für einen Halt in Beydar, ein anderes Mal ruft ihn eine "Versammlung" (unken) hierher, meist erfordern aber kultische Pflichten seine Anwesenheit.

Womöglich werden also Götterbildnisse - vielleicht nach der Art der "Augenidole" (Abb. 3) - auf Streitwagen in Zeremonialzügen rund um die Stadt geführt worden sein. Und (5):

Nach dem Zeugnis der Urkunden gehören Nagar=Tell Brak und Tell Beydar auf jeden Fall zu einem Staatswesen. (...) Der höhere Rang des mächtigen Tell Brak, also des antiken Nagar, gegenüber Beydar ist hier nicht zu bezweifeln.

Dies würde auf eine zentralere Steuerung und Verwaltung der ländlichen Entwicklung rund um eine Stadt wie Ebla oder Nagar hinweisen und wäre eine sehr wesentliche Ergänzung zu jenem Blogartikel, den wir zu Tell Brak schon vor dreizehn Jahren hier auf dem Blog veröffentlicht hatten (10).

Nagar/Tell Brak war offenbar von Uruk aus gegründet worden und gehörte zur Kultur der Akkader (in viel späteren Jahrtausenden dann zu den Kulturen der Hurri und Mitanni) (Wiki):

Tell Brak ist eine der weltweit ältesten Siedlungen mit städtischen Strukturen, die ab dem frühen 4. Jahrtausend v. Chr. bestanden.

Und (Wiki):

Tell Brak ist mit 40 Meter Höhe der größte Siedlungshügel in Nordmesopotamien und Syrien (...). Nur Uruk in Südmesopotamien war größer. (...) Im 3. Jahrtausend war Tell Brak eine der wichtigsten Städte in Nordmesopotamien und kontrollierte den Handelsweg vom Tigris nach Anatolien. Zu dieser Zeit herrschte vermutlich eine Dynastie, die mit dem 400 Kilometer westlich gelegenen Ebla in dynastischer Heirat verbunden war. Texte von Ebla geben Auskunft über Tagri-Damu, eine Prinzessin aus Ebla, deren Heirat mit dem Kronprinzen von Nagar, Ultum-huhu, von Ijar-Damu, dem letzten König von Ebla arrangiert wurde

So sind etwa 42 Gefäße mit Wein erwähnt, die zur Hochzeit von Ebla nach Nagar geschickt wurden (Wiki):

Um 2200 oder um 2000 v. Chr. kam es zu einer Siedlungsunterbrechung, deren Ursache noch strittig ist. Die akkadische Periode endete, möglicherweise verursacht durch die Ankunft der anfangs nomadischen Amoriter.

Mit diesen Amoritern oder nachfolgenden Völkern (Hurritern, Mitanni), deren Herkunft - nach neuesten archäogenetischen Studien (siehe künftiger Blogbeitrag) - auf den Kaukasus zurück geführt werden kann, kamen zu dieser Zeit oder wenig später domestizierte Pferde ins Land, sowie Völker, die zwar nicht genetisch von Indogermanen beeinflußt waren, aber in manchen Namen und Begriffen an eine Berührung mit indogermanische Sprachen erinnerten.

Jener berühmte Holzkasten, genannt "Standarte von Ur" (Wiki), aus der Zeit um 2.500 v. Ztr., bezeugt, daß noch über lange Jahrhunderte hinweg der Besitz von Zugtieren und Wagen auf eine kleine Schicht wohlhabenderer Menschen beschränkt gewesen ist. Denn er besitzt eine Seite, auf der die Taten des Herrschers im Krieg dargestellt sind und eine andere Seite, auf der die Taten des Herrschers im Frieden dargestellt sind. Auf der ersten Seite finden sich Streitesel-Wagen mit Rädern (Abb. 1), auf der anderen Seite zwar Widder, Ochsen und Streit-Esel (die offenbar abgeliefert werden). Hier aber gehen alle Menschen zu Fuß (Abb. 2).

Abb. 4: Mann mit Rückentrage - Darstellung auf der "Standarte von Ur" (Wiki), 2.500 v. Ztr.

Insbesondere die Menschen mit Traggestellen geben einen Eindruck von der vorherrschenden Fortbewegungsweise und der vorherrschenden Art des Transportes der Menschen vor Erfindung des Rades und noch über viele weitere Jahrhunderte und Jahrtausende hinweg danach (Abb. 4). Man sollte nicht aus dem Auge verlieren, daß von diesem Gehen und Tragen das Leben der großen Mehrheit der Menschen weltweit über viele Jahrtausende hinweg bestimmt gewesen ist, auch noch in Zeiten als es schon Rad und Wagen, Trag- und Zugtiere gegeben hat.

Lauter Innovationszentren: Varna - Cucuteni - Maikop - Ur

Mit all dem wird erkennbar, daß die Züchtung des Streit-Esels zum Zugtier von vierrädrigen Streit- und Zeremonial-Wagen an die Entwicklung der Stadtkultur in Mesopotamien gebunden war. Diese Stadtentwicklung ging in Nordmesopotamien zeitlich parallel zur Entwicklung der Maikop-Kultur (4.000-3.200 v. Ztr.) (Wiki) im nördlichen Teil des Kaukasus, an die dort die einige Jahrhunderte später erfolgte Domestizierung des Pferdes gebunden war. Die Maikop-Kultur war kulturell von Nordmesopotamien beeinflußt und wird von dort auch diesbezüglich mancherlei Anregungen erhalten haben in Richtung auf die Nutzung von wild gefangenen Tieren als Zugtiere.

Das alles ging aber außerdem noch zeitlich parallel zur Cucuteni-Tripolje-Kultur (Wiki) in der Ukraine, deren Megasiedlungen um 3.800 v. Ztr. mit 340 Hektar schon größer waren als alle zeitgleichen Siedlungen in Nord- (Kagar/Tell Brak) oder Südmesopotamien (Uruk). Wir haben es also hier mit lauter Innovationszentren zu tun. Der Handel quer über das Schwarze Meer brachte jenen immensen Reichtum zusammen, der schon in den Königsgräbern von Varna (4.300 v. Ztr.) im heutigen Bulgarien zu besichtige war.

Der Hausesel hat noch eine weitere Geschichte, auf die hier erst einmal nicht mehr im einzelenen eigengangen werden soll. In Mesopotamien gab es offenbar in der Bronzezeit auch noch große, weiße Reitesel, für die Damaskus berühmt war, während Züchter in Syrien mindestens drei weitere Eselrassen züchteten, einschließlich einer, die von Frauen bevorzugt wurden wegen ihrer leichteren Gangart (Wiki). Auch in Ägypten ist der Esel noch lange nach dem vierten und dritten Jahrtausend v. Ztr. vor allem als Last- und Arbeitstier genutzt worden (Wiki):

Reste von domestizierten Eseln, die auf das vierte Jahrtausend v. Ztr. datieren, sind in Ma'adi im Unteren Ägypten gefunden worden. ... Es wird vermutet, daß sie zunächst in Nubien als Lastentier domestiziert wurden, um die Mobilität der dortigen Herdenhalter-Kulturen zu erhöhen ... Zwischen 2.675 und 2.565 v. Ztr. konnten wohlhabende Angehörige der Gesellschaft in Ägypten über tausend Esel besitzen, die für den Ackerbau, zur Milch- und Fleischgewinnung, sowie als Lastentiere genutzt wurden. 2003 wurden in einem Pharao-Grab zehn Esel-Skelette ausgegraben, die in einer Weise bestattet worden waren wie sie nur hochgestellten Persönlichkeiten zukam. Diese Gräber zeigen die Bedeutung von Eseln im frühen ägyptischen Staat und für seine Herrscher.
Remains of domestic donkeys dating to the fourth millennium BC have been found in Ma'adi in Lower Egypt, and it is believed that the domestication of the donkey was accomplished long after the domestication of cattle, sheep and goats in the seventh and eighth millennia BC. Donkeys were probably first domesticated by pastoral people in Nubia, and they supplanted the ox as the chief pack animal of that culture. The domestication of donkeys served to increase the mobility of pastoral cultures, having the advantage over ruminants of not needing time to chew their cud, and were vital in the development of long-distance trade across Egypt. In the Dynasty IV era of Egypt, between 2675 and 2565 BC, wealthy members of society were known to own over 1,000 donkeys, employed in agriculture, as dairy and meat animals and as pack animals. In 2003, the tomb of either King Narmer or King Hor-Aha (two of the first Egyptian pharaohs) was excavated and the skeletons of ten donkeys were found buried in a manner usually used with high ranking humans. These burials show the importance of donkeys to the early Egyptian state and its ruler. By the end of the fourth millennium BC, the donkey had spread to Southwest Asia, and the main breeding centre had shifted to Mesopotamia by 1800 BC.

Die insgesamt sehr langen, inhaltsreichen drei Jahrtausende der Menschheitsgeschichte zwischen 4.900 v. Ztr. und 2.000 v. Ztr. füllen sich allmählich und formen sich zu einem "Bild". Wir wollen es im Hinterkopf behalten: Dies sind Jahrtausende, in denen die große Mehrheit der Menschen immer noch zu Fuß unterwegs waren. Nur hoch gestellte Persönlichkeiten, Angehörige der Königsfamilie, Adlige, hohe Verwaltungsbeamten werden sich auf Wagen fortbewegt haben, die von Eseln, Rindern oder Pferden gezogen worden sind.

Der Streitesel-Wagen des Helden Gilgamesch

Ergänzung 26.6.2021: Der prächtige, geschmückte Königs-Wagen, der im berühmten, eindrucksvollen, etwa um 800 v. Ztr. nieder geschriebenen - aber nach der Forschung viele Jahrhunderte älteren - babylonischen Gilgamesch-Epos (Wiki) erwähnt wird, ist ein Wagen, der von "Mauleseln" gezogen wird (Text)! Und doch ist er bestimmt für den "Held der Helden", für Gilgamesch. Erst mit der Entdeckung der Kunga kann dieser "Widerspruch" geklärt werden. Schon in diesem Epos zeigte sich, daß die bronzezeitliche babylonische Kultur des Zweistromlandes ursprünglich eine ganz andere Kriegstechnik kannte. Auch an diesem Umstand ist ablesbar, wie alt das Epos sein muß und wie zuverlässig sein Inhalt - schriftlich - überliefert worden ist. Zugleich ist zu erfahren (Wiki):

Wurden von den Sumerern im 3. Jahrtausend v. Chr. noch schwere zwei- oder vierrädrige Wagen mit Scheibenrädern eingesetzt, so wurden ab dem 2. Jahrtausend v. Chr. zweirädrige Streitwagen mit Speichenrädern genutzt. Sie waren bis etwa zum 5. Jahrhundert v. Chr. allgemein verbreitet.

Daran ist erkennbar, um wie viel älter das Gilgamesch-Epos zum Beispiel gegenüber der Ilias ist. Es stammt - wohlgemerkt: in präziser schriftlicher Überlieferung - aus dem 3. Jahrtausend v. Ztr.. Der von Pferden gezogene Streitwagen kam ja erst ab 1700 v. Ztr. mit den Hyksos nach Ägypten und mit den Mittanni nach Sumer (Wiki).

/ Ergänzung 9.9.2022: Die ersten Esel sind in Ostafrika, vielleicht am Horn von Afrika, um 5.000 v. Ztr. domestiziert worden (ScNews). Alle domestizierten Esel weltweit stammen von ihnen ab. Die Forscher schreiben außerdem (11):

Wir decken eine bislang unbekannte genetiche Linie innerhalb der Levante um 200 v. Ztr. auf, die ihre Genetik in zunehmendem Maße nach Asien ausbreitete.
We uncover a previously unknown genetic lineage in the Levant ~200 BCE, which contributed increasing ancestry toward Asia.

Das würde zusätzlich aufmerksam machen auf den kulturellen Austausch zum Beispiel zwischen Alexandria und Indien in der Zeit ab 200 v. Ztr., über den - so wird von manchen vermutet - auch viele Inhalte des Neuen Testaments in den östlichen Mittelmeerraum kamen. Leider ist die Studie aktuell nicht frei zugänglich. /

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  1. The genetic identity of the earliest human-made hybrid animals, the kungas of Syro-Mesopotamia. E. Andrew Bennett (...) Eva-Maria Geigl. Science Advances, 14 Jan 2022, Vol 8, Issue 2, https://www.science.org/doi/10.1126/sciadv.abm0218
  2. Sica, Julia: Standard, 15.1.2022, https://www.derstandard.de/story/2000132517554/die-schlachtroesser-die-gar-keine-waren
  3. Der Kunga war lange vor dem Vollblut ein Statussymbol, 14.1.2022, https://germanic.news/der-kunga-war-lange-vor-dem-vollblut-ein-statussymbol/
  4. Esel-Hybrid schon vor 4.500 Jahren gezüchtet, 14.1.2022, https://www.wissenschaft.de/geschichte-archaeologie/esel-hybrid-schon-vor-4-500-jahren-gezuechtet/ 
  5. Walther Sallaberger: „Nagar in den frühdynastischen Texten aus Beydar“, in: K. Van Lerberghe/G. Voet (Hg.), Languages and Cultures in Contact. At the Crossroads of Civilizations in the Syro-Mesopotamian Realm. Proceedings of the 42th RAI. Orientalia Lovaniensia Analecta 96 (Leuven: Peeters) 393-407 (pdf)
  6. Joosse, Tess:  Donkeylike creatures may be first known hybrid animal made by humans - Ancient find provides biological evidence for complex Bronze Age breeding programs, 14.1.2022, https://www.science.org/content/article/donkeylike-creatures-may-be-first-known-hybrid-animal-made-humans
  7. Bading, Ingo: 3.100 v. Ztr.: Der Rinderwagen in der Weltgeschichte, 2010, https://studgendeutsch.blogspot.com/2010/10/3100-v-ztr-der-rinderwagen-in-der.html
  8. Rad von Ur in Mesoptomien, 4. Jahrtausend v. Ztr., https://www.citeco.fr/10000-years-history-economics/the-origins/invention-of-the-wheel
  9. Bading, Ingo: Unsere Pferde - Sie stammen von Don und Wolga, Oktober 2021, https://studgendeutsch.blogspot.com/2021/10/unsere-pferde-sie-stammen-von-don-und.html
  10. Bading, Ingo: Wie entstehen und entwickeln sich arbeitsteilige Gesellschaften? Stadtentwicklung in Nordmesopotamien (4.200 bis 3.400 v. Ztr.) - Das Beispiel Tell Brak, 31. August 2008, https://studgendeutsch.blogspot.com/2008/08/wie-entstehen-und-entwickeln-sich.html 
  11. E.T. Todd et al. The genomic history and global expansion of domestic donkeys. Science. Vol. 377, September 9, 2022, p. 1172. doi: 10.1126/science.abo3503, https://www.science.org/doi/abs/10.1126/science.abo3503

Samstag, 31. Oktober 2020

Der Hund - Sein Weg durch die Geschichte der Völker

Neueste Erkenntnisse aus der Archäogenetik

Eine neue archäogenetische Studie zur Geschichte der domestizierten Hunde geht davon aus, daß am Ende der Eiszeit auf der Erde fünf genetisch unterscheidbare Hunde-Herkunftsgruppen existierten, repräsentiert durch Hunde-Funde in der neolithischen Levante, im mesolithischen Karelien, am mesolithischen Baikalsee, im vorkolumbianischen Amerika und repräsentiert durch die "singenden Hunde" Neuguineas, den Neuguinea-Dingo (Wiki, engl), der auch sonst in Asien verbreitet war (s. a. Abb. 1) (1):

.... Five ancestry lineages (Neolithic Levant, Mesolithic Karelia, Mesolithic Baikal, ancient America, and New Guinea singing dog) must have existed by 10.9 ka ago (the radiocarbon date of the Karelian dog) and thus most likely existed prior to the transition from the Pleistocene to the Holocene epoch ~11.6 ka ago.

Weiterhin wird davon ausgegangen, daß sich zwar Wölfe bis heute immer wieder einmal mit domestizierten Hunden vermischt haben, daß es aber so gut wie keine Hinweise darauf gibt, daß sich die Hunde nach der genetischen Trennung von den Wölfen noch einmal später mit Wölfen vermischt haben (1). Daraus wäre zu schließen, daß Hund-Wolf-Mischlinge zwar immer einmal wieder gerne als Paarungspartner von Wölfen akzeptiert worden sind und vielleicht werden, nicht aber umgekehrt von Hunden. Und wenn sie als solche von Hunden akzeptiert worden sein sollten, dann hätten sie - aufgrund welcher Umstände auch immer - keinen Fortpflanzungserfolg gehabt. Dieser Umstand ist vielleicht ein interessanter Aspekt, auch was die heutige Problematik der Wiederansiedlung von Wölfen in Mitteleuropa betrifft.

 

Abb. 1: Verwandtschaftsverhältnisse der archäogenetisch sequenzierten Hunde (graue Punkte) mit modernen Hunde-Populationen (aus: 1)

Das heißt also, die jeweils ursprünglicheren Hunde-Herkunftsgruppen haben sich vor Ort in die dortigen Wolfs-Populationen eingemischt, in Amerika in die dortigen Kojoten-Populationen, in Afrika in die dortigen Populationen des Afrikanischen Goldwolfes, aber nicht umgekehrt. Nur bei den tibetischen Hunden findet man genetische Anpassungen an größere Höhenlagen im Genom, die von den dortigen Wolfspopulationen übernommen worden sein können (1).

Weiterhin wird davon ausgegangen, daß alle domestizierten Hunde weltweit von einer einzigen, heute aber ausgestorbenen Wolfs-Population abstammen. Das könnte implizieren, daß es domestizierte Hunde schon vor der Besiedlung Neuguineas vor 60.000 Jahren gab. Es könnte das ein "Out-of-Africa"-, besser vielleicht "Out of Levante"-Szenario für die domestizierten Hunde nahelegen.

Insgesamt und grob gesehen, überlappte jede menschliche, archäogenetisch feststellbare mesolithische (also nacheiszeitliche) Herkunftsgruppe (Völkergruppe) (die hier auf dem Blog schon intensiv behandelt worden sind) nach Zeit und Raum mit einer genetisch eigenen Hunde-Herkunftsgruppe - wie sich das schon im einleitenden Zitat andeutete, und was wir auch schon - bezüglich der Dingo's - für das vorgeschichtliche China hier auf dem Blog behandelt hatten (2). Deshalb sind vor allem die Ausnahmen von dieser "Gesetzlichkeit" von besonderem Interesse. Zu ihnen gehört der Umstand, daß bei den iranisch-neolithischen Bauern - nach dieser Studie - genetisch gesehen dieselbe domestizierte Hunde-Vorfahrengruppe gelebt hat wie bei den anatolisch-neolithischen Bauern (1).

Die Hunde im europäischen Neolithikum

Eine weitere Ausnahme sind die Bandkeramiker in Mitteleuropa, deren menschliche Genetik fast ausschließlich anatolisch-neolithischer Herkunft ist, deren neolithisch-levantinische Hunde sich aber genetisch in unterschiedlichen Anteilen mit den Hunden der vormaligen nordeuropäischen Jäger und Sammler vermischt haben (1). Man sehe sich Abbildung 1 an: "Sweden 4k" (also ein Hund, der in Schweden 2.000 v. Ztr. gelebt hat) steht den levantinischen Hunden genetisch nahe, andere archäogenetisch untersuchte Hunde unterschiedlicher Zeitstellung in Schweden und Deutschland stehen der einheimischen europäischen Vorfahrengruppe der Hunde genetisch näher.

In der Formierungsphase der Bandkeramik im Wiener Becken und darüber hinaus kam also nicht nur 7 % einheimische osteuropäische, menschliche Jäger- und Sammler-Genetik in das neu entstehende Volk - vornehmlich über die männliche Linie - hinein, sondern auch in die mitgebrachten Haushunde mischte sich in unterschiedlichen Anteilen Genetik der einheimischen Jäger-Sammler-Hunde hinein.

Dieselben Umstände waren ja auch schon für die in der Bandkeramik sehr beliebten Hausschweine (3) und Hausrinder festgestellt worden. Schon auf dem Balkan hatten die sich dorthin ausbreitenden anatolisch-neolithischen Bauern die in Europa einheimischen Auerochsen domestiziert (4).

Aber so wie sich die einheimische menschliche Jäger-Sammler-Genetik im Ostsee-Raum noch bis zur Zuwanderung der Indogermanen um 2.900 v. Ztr. hielt, so hielt sich auch die Genetik ihrer Hunde dort gerne auch unvermischt (siehe Abb. 1 graue Punkte "Sweden" in verschiedenen Datierungen, also aus neolithischen und mesolithischen Kontexten). 

Die Hunde der Indogermanen

Soweit das der Grafik 5 der Studie zu entnehmen ist (1), gehört die heutige Tibetdogge (Wiki) zu den heutigen Hunderassen, die noch am meisten indogermanische Hunde-Herkunftsanteile aufweisen. Auch während der indogermanischen Zuwanderung im Spätneolithikum ab 2.900 v. Ztr. konnten sich die von den Indogermanen mitgebrachten Hunde insgesamt gesehen nicht gegenüber den einheimischen europäischen Hunden durchsetzen (1). Über die von den Indogermanen mitgebrachten Hunde heißt es (1):

Wir haben einen Hund sequenziert, der 1.800 v. Ztr. in der osteuropäischen Steppe lebte in der bronzezeitlichen Srubnaya-Kultur. Obwohl seine Herkunft der westeuropäischer Hunde ähnelt, fällt er aus der sonstigen Verteilung heraus. Ein Hund der Schnurkeramiker aus der Zeit 2.700 v. Ztr. in Deutschland, von dem angenommen worden war, daß er Steppen-Genetik in sich trug, kann in seinen Herkunftsanteilen modelliert werden als ein Hund, der 51 % seiner Herkunft auf eine Herkunftsgruppe zurückführen kann, die dem Srubnaya-Hund nahe stand und den Rest von einer europäisch-neolithischen Herkunft. Ähnliche Ergebnisse bekommen wir für einen bronzezeitlichen schwedischen Hund, der 1.100 v. Ztr. gelebt hat.

We analyzed a 3.8-ka-old dog from the eastern European steppe associated with the Bronze Age Srubnaya culture. Although its ancestry resembles that of western European dogs (Fig. 1C and fig. S10), it is an outlier in the center of PC1–PC2 space (Fig. 1B). A Corded Ware-associated dog (4.7 ka ago) from Germany, hypothesized to have steppe ancestry (14), can be modeled as deriving 51% of its ancestry from a source related to the Srubnaya steppe dog and the rest from a Neolithic European source (data file S1) (30). We obtain similar results for a Bronze Age Swedish dog (45%; 3.1 ka ago).

Das hieße nun wiederum, daß sich die Hunde der Indogermanen mit den einheimischen europäischen Hunden zunächst etwa zu 50/50 gemischt haben, um die nordeuorpäischen Hunde der Bronzezeit hervorzubringen. Die meisten späteren europäischen Hunde zeigen aber keine genetische Nähe mehr zu dem Srubnaya-Hund, der "indogermanische" Herkunftsanteil der Hunde ist also nach der Bronzezeit in Europa - aufgrund ungeklärter Umstände - wieder verloren gegangen.

Die Hunde der Indogermanen in China

Ganz anders in China und Asien. Die ursprünglichen chinesischen Hunde standen den Dingo's Neuguineas nahe (1, 2). Über die bronzezeitlichen chinesischen Hunde heißt es nun in dieser Studie (1):

Das am besten zu den genetischen Daten passende Modell beinhaltet nicht nur Herkunft von modernen europäischen Hunderassen, sondern ebenso beträchtliche Beisteuerungen des Srubnaya-Hundetyps wie er aus der Zeit 1.800 v. Ztr. in der Steppe bislang bekannt ist. (...) Unsere Ergebnisse legen somit die Möglichkeit nahe, daß die Ostwanderungen der (indogermanischen) Steppenhirten einen größeren Einfluß auf die Herkunft der (heutigen) chinesischen Hunde hatte als der damals Richtung China zugewanderten Menschen im heutigen Ostasien.

The best-fitting models involve not only ancestry from modern European breeds but also substantial contributions from the 3.8-ka-old Srubnaya steppe dog. (...) Our results thus raise the possibility that the eastward migrations of steppe pastoralists had a more substantial impact on the ancestry of dogs than humans in East Asia.

Es muß zugeben werden, daß es einem noch schwer fällt, diese in Worte gefaßten Ergebnisse alle so in den Grafiken wieder zu finden. Aber lassen wir das alles einmal so stehen. Vielleicht wird das alles künftig noch einmal von kundigeren Leuten irgendwo erläutert. 

Europäische Hunde ohne "Indogermanen-Anteil" werden zu allen heutigen modernen europäischen Hunderassen

Von den mesolithischen Hunderassen Europas hätten sich bis heute kaum noch unvermischt Herkunftsanteile in den heutigen Hunden Europas gehalten, sondern (1):

Wir machen die Feststellung, daß ein einzelner Hund aus einem neolithischen Megalith-Kontext aus der Zeit 3.000 v. Ztr. in Frälsegården im südwestlichen Schweden als alleinige Quelle der Herkunft von 90 bis 100 % der meisten europäischen Hunderassen modelliert werden kann unter Ausschluß aller anderen vorgeschichtlichen Hunde-Herkunftsgruppen.

We found that a single dog from a Neolithic megalithic context dated to 5 ka ago at the Frälsegården site in southwestern Sweden can be modeled as a single-source proxy for 90 to 100% of the ancestry of most modern European dogs, to the exclusion of all other ancient dogs.

Und weiter (1):

Und das legt nahe, daß eine Population mit einer Herkunft ähnlich wie dieses Individuum, die aber nicht notwendigerweise in Skandinavien ihren Ursprung hatte, alle anderen Hunde-Populationen ersetzt hat und den bis dahin existierenden Kontinent-weiten genetischen Gradienten "ausradiert" hätte. Die heutigen europäischen Hunde wären dann zu modellieren als solche, die zu gleichen Anteilen von der karelischen und der levantinischen Herkunftsgruppe abstammten (54 und 46 % jeweils für den Deutschen Schäferhund). Der Frälsegården-Hund kann ebenso favorisiert werden als Repräsentant der Teil-Herkunftsgruppe eines bronzezeitlichen Hundes in Italien (2.000 v. Ztr.) und eines Hundes aus der byzantinischen und mittelalterlichen Türkei (500 n. Ztr.), was aber nicht für frühere Hunde in der Levante gilt, womit der Zeitrahmen eingegrenzt werden kann für die Ausbreitung dieser (modernen europäischen) Hunde-Herkunft. Allerdings bleiben die Umstände unbekannt, die die Homogenisierung dieser Hunde-Herkunft in Europa initiierten und erleichterten, ausgehend von einer kleinen Untergruppe aller im europäischen Neolithikum in Europa verbreiteten Hunde, einschließlich der Entstehung ihrer phänomenalen phänotypischen Vielfalt und genetischen Differenzierung in moderene Rassen.

This implies that a population with ancestry similar to this individual, but not necessarily originating in Scandinavia, replaced other populations and erased the continent-wide genetic cline (Fig. 5B). This ancestry was in the middle of the cline (Fig. 1C), and so present-day European dogs can be modeled as having about-equal proportions of Karelian- and Levantine-related ancestries [54 and 46%, respectively, for German shepherd on the basis of the admixture graph (Fig. 1E)].  The Frälsegården dog is also favored as a partial ancestry source for a 4-ka-old Bronze Age dog from Italy, a 1.5-ka-old dog from Turkey and Byzantine and Medieval, but not earlier dogs in the Levant (data file S1), providing some constraints on the timing of this ancestry expansion. However, the circumstances that initiated or facilitated the homogenization of dog ancestry in Europe from a narrow subset of that present in the European Neolithic, including the phenomenal phenotypic diversity and genetic differentiation of modern breeds (12, 19, 20) (Fig. 1C), remain unknown.

Man fühlt sich an die Verbreitung der heutigen europäischen Pferderassen ausgehend von den Araber-Pferden der Eisenzeit und des Frühmittelalters erinnert, die schon in einer früheren Studie angeommen worden war (5). Jedenfalls hieße das, daß sich der indogermanische Hunde-Herkunftsanteil in China und Asien bis heute gehalten hat, in Europa aber nicht. Immerhin interessant.

Überhaupt weisen die heutigen Hunde Asiens noch eine viel größere Vielfalt an Herkunftsanteilen auf als die heutigen Hunde Europas und jener Hunde, die von Europa aus in den letzten 500 Jahren in alle Teile der Welt exportiert worden sind (s. 1, Abb. 5).

Jedenfalls haben sich diese europäischen, nachbronzezeitlichen Hundrassen inzwischen weltweit verbreitet und nur noch geringe Herkunftsanteile ursprünglicherer Hunde-Herkunftsgruppen haben sich - zum Beispiel - in Amerika gehalten (1). In der Studie heißt es abschließend, daß man ältere archäogenetische Daten von Hunden bräuchte, um den Ort der - angeommenerweise singulären - Domestikation des Hundes insgesamt noch näher eingrenzen zu können. Da die domestizierten Hunde südlich der Sahara aus dem Levanteraum zu stammen scheinen, könnte man mutmaßen, daß der Hund am ehsten vor mehr als 60.000 Jahren eben in diesem Levante-Raum domestiziert worden ist und von dort nach Neuguinea und Asien und Europa "mitgenommen" worden ist und sich dann jeweils vor Ort genetisch isoliert von den anderen weiter evoluiert hat.

Auch findet die Studie, daß alle Hunde-Vorfahrengruppen auf der Nordhalbkugel in Amerika, Asien und Europa sich untereinander einander genetisch ähnlicher sind im Vergleich zu den Hunden auf Neuguinea. Auch dies würde gut zu einem "Out-of-Levante"-Szenario vor 65.000 Jahren für die domestizierten Hunde passen. Über die heutigen domestizierten Hunde in Afrika heißt es nämlich (1):

Unsere Ergebnisse legen einen singulären Ursprung aller afrikanischen Hunde südlich der Sahara von einem levantinischen Ausgangspunkt aus nahe mit nur wenig genetischen Zufluß von außerhalb des Koninents bis vor wenige hundert Jahre.

Our results suggest a single origin of sub-Saharan African dogs from a Levant-related source (Fig. 5B), with limited gene flow from outside the continent until the past few hundred years.

Im Levanteraum sind allerdings die ursprünglich dort einheimischen levantinischen Hunde heute so gut wie ausgestorben und durch iranische und europäische Hunde-Genetik ersetzt worden. So die Studie, die - insgesamt gesehen - wohl noch mehr Fragen offen läßt und aufwirft als sie abschließend klären kann.

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  1. Origins and genetic legacy of prehistoric dogs  By Anders Bergström, Laurent Frantz, Ryan Schmidt (....) Pontus Skoglund. Science30 Oct 2020 : 557-564, https://science.sciencemag.org/content/370/6516/557
  2. Bading, Ingo: Dingos in China, März 2020, https://studgendeutsch.blogspot.com/2020/03/die-ethnogenese-des-chinesischen-volkes.html 
  3. Bading, Ingo: Hausschweine, 2019, https://studgendeutsch.blogspot.com/2019/08/unsere-hausschweine-stammen-nicht-aus.html
  4. Bading, Ingo: Unsere Kühe - Sie waren schon immer bei uns einheimisch - Sie stammen NICHT (!) aus dem Vorderen Orient, 18. Juli 2019, https://studgendeutsch.blogspot.com/2019/07/unsere-kuhe-schon-immer-waren-sie-bei.html  
  5. Bading, Ingo: Unsere Pferde - Sie stammen aus dem Vorderen Orient Unsere modernen Pferderassen stammen von den Araber-Pferden ab - sogar die Islandpony's, 30. August 2019 , https://studgendeutsch.blogspot.com/2019/08/unsere-pferde-sie-stammen-aus-dem.html
  6. https://idw-online.de/de/news756839

Donnerstag, 17. September 2020

Die Pferde der Hethiter

Erst um 2000 v. Ztr. treten domestizierte Pferde in Anatolien auf

Bis um 2000 vor unserer Zeitrechnung lebten in Anatolien nur wilde Pferde. Sie hatten gleichmäßig eine einzige braune Fellfarbe. Um 2000 v. Ztr. kommen plötzlich domestizierte Pferde nach Anatolien herein (1) (Abb. 1).

Abb. 1: Genetik und Fellfarben der Pferde in Anatolien vor und nach 2.000 v. Ztr. (aus: 1)

Die ab 2000 in Anatolien auftretenden domestizierten Pferde hatten nun ein großes Spektrum an Fellfarben (Abb. 1). Die ersten domestizierten Pferde traten in Nordmesopotamien offenbar vereinzelt schon ab der Mitte des dritten Jahrtausends auf und wurden dort "Esel aus dem Gebirge" genannt. Vieles deutet darauf hin, daß die domestizierten Pferde aus dem südlichen Kaukasus heraus nach Anatolien eingeführt wurden und nicht über den Bosporus hinweg. Es wird hier insbesondere auf die Maikop-Kultur (4000 bis 3000 v. Ztr.) (Wiki, engl) verwiesen, für die es Hinweise auf Reiten gibt (1):

The abundance of horse bones and images of horses in Maikop culture settlements and burials of c. 3300 BCE in the northern Caucasus led to the suggestion that horseback riding began in the Maikop period. In addition, recent studies of ancient human genomes showed continuous gene flow between Copper Age steppes and Caucasus peoples, and later, during the Bronze Age, between Mesopotamia, Anatolia, the southern and northern Caucasus, and the steppes.

Die Menschen der Maikop-Kultur waren zumindest mehrheitlich nicht-indogermanischer (bzw. Nicht-"Steppen"-)Abstammung. Sie wiesen aber kulturell auch ausgeprägte indogermanische Elemente auf (Wiki) (Kurgane zum Beispiel). Die Maikop-Kultur gilt zugleich als aussichtsreicher Kandidat für den Ursprungsort der Ausbreitung der Nordwestkaukasischen Sprachen.

Es wird sicherlich zunächst vermutet werden dürfen, daß ähnliche domestizierte Pferde im 3. Jahrtausend auch nach Mittel- und Nordeuropa eingeführt wurden. Nachdem die Botai-Kultur in Zentralasien inzwischen von Seiten der Archäogenetik als Ursprungsort der Pferde-Domestikation ausgeschlossen ist, tritt immer mehr die Region der Urheimat der Indogermanen (Nordschwarzmeer-Raum) in den Mittelpunkt des Interesses hinsichtlich der Frage nach diesem Ursprungsort . Insbesondere nachdem nun - nach zwei neuen Studien zweier Forschungsgruppen von Eske Willerslev und Eva-Maria Geigl (1) - auch Spanien und Anatolien als Ursprungsregionen der Pferde-Domestikation ausscheiden.

Übrigens sind die ältesten Streitwagen der Weltgeschichte bislang in der Sintaschta-Kultur (2.100 - 1.800 v. Ztr.) (Wiki) in der Ukraine gefunden worden. Womöglich war der Streitwagen auch erst die Voraussetzung für die Ausbreitung domestizierter Pferde in größerer Zahl nach Anatolien hinein.

/ Ergänzung 3.1.2022: Unsere hier erörterte Vermutung hat sich glänzend und voll und ganz bestätigt durch eine neue Forschungsstudie aus dem Herbst 2021: Alle heutigen domestizierten Pferde stammen von jenen Pferden ab, die im 3. Jahrtausend v. Ztr. in der Maikop-Kultur domestiziert worden sind (2). /

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  1. Ancient DNA shows domestic horses were introduced in the southern Caucasus and Anatolia during the Bronze Age. By Silvia Guimaraes, Benjamin S. Arbuckle, Joris Peters, Sarah E. Adcock, Hijlke Buitenhuis, Hannah Chazin, Ninna Manaseryan, Hans-Peter Uerpmann, Thierry Grange, Eva-Maria Geigl  Science Advances16 Sep 2020 : eabb0030 , https://advances.sciencemag.org/content/6/38/eabb0030.
  2. Bading, I.: Unsere Pferde - Sie stammen von Don und Wolga, 2021, https://studgendeutsch.blogspot.com/2021/10/unsere-pferde-sie-stammen-von-don-und.html

Freitag, 19. Juni 2020

"Eine dynastische Elite in der Megalithkultur" Europas (3.500 v. Ztr.)

Waren die Megalith-Gräber Grablegen von Großkönigen? - Königsdynastien und ihre Städte im europäischen Mittelneolithikum (4200 bis 3100 v. Ztr.)

Schon vor zehn Jahren beschäftigten wir uns hier auf dem Blog mit archäologischen Hinweisen auf Rinderwagen-Prozessionen entlang der Gräber von angesehenen Vorfahren in Norddänemark aus der Zeit um 3.100 v. Ztr. (25), also kurz vor dem Untergang der dortigen Trichterbecherkultur (oder während desselben), bzw. während des dortigen Einmarsches der osteuropäischen Kugelamphoren-Kultur, gemeinsam mit oder zeitlich kurz darauf gefolgt von der Schnurkeramik-Kultur (26). Diese Erkenntnisse drängten uns schon vor zehn Jahren das Bild auf, daß das erste Auftreten von Rinderwagen in der europäischen Geschichte und Hinweise auf das früheste Bestehen von staatlichen Strukturen, von Zentralverwaltungen, Herrschersitzen parallel miteinander gingen (Abb. 1). Und genau dieser Umstand wird neuerdings durch eine schon auf der Titelseite von "Nature" mit "Familienbande" angekündigten archäogenetischen Studie zum mittelneolithischen Hochadel Irlands deutlich untermauert (21-23).

Abb. 1: Frauen ziehen auf Ochsenwagen aus einer eingenommenen Stadt ab - Eindrucksvolles Wandrelief im Palast des neu-assyrischen Königs Tiglathpileser III (etwa 745-725 v. Ztr.), heute Britisches Museum London (Wiki) - Das erste Auftreten von Rinderwagen und die früheste Staatenbildung im europäischen Mittelneolithikum scheinen parallel gegangen zu sein (25). (Fotograf: Osama Shukir Muhammed Amin FRCP (Glasg))

"Eine dynastische Elite in der Megalithkultur" ("A dynastic elite in monumental Neolithic society"), so lautet der eigentliche Titel dieser Studie, die vor zwei Tagen erschienen ist (21-23). Sie weist auf die mögliche Existenz einer stark hierarchisch gegliederten Gesellschaftsstruktur im europäischen Mittelneolithikum hin für die Zeit um 3.500 v. Ztr.. Im Mittelpunkt steht insbesondere die berühmte irische Grabanlage Newgrange (Wiki) (Abb. 2). Die Archäogenetik liefert hier Hinweise auf eine komplexe und hierarchisch gegliederte Gesellschaftsstruktur, an deren Spitze Groß-Könige ("Gott-Könige") standen, die zudem aus einem reichsweiten Hochadel ("Elite") hervorgegangen sind, der untereinander heiratete, und in der auch - kulturell sehr seltene - Geschwisterehen praktiziert wurden.

Bis 3.800 v. Ztr. hatten in Irland über lange Jahrtausende endogam lebende mesolithische westeuropäische Fischer, Jäger und Sammler gelebt, deren Herkunft ursprünglich auf Norditalien zurück geführt werden kann (das westeuropäische "Villanova-Cluster"), von wo aus sich diese Völkergruppe nach der Eiszeit bis nach Irland und Skandinavien ausbreitete. Die irische Untergruppe dieser Völkergruppe wies über Jahrtausende hinweg nur wenig genetischen Austausch mit Kontinentaleuropa oder England auf.

Abb. 2: Newgrange (Fotograf: Ingo Winkler) (Wiki)

3.800 v. Ztr. brachten dann seßhafte Bauernvölker - vorwiegend anatolisch-neolithischer Herkunft und vermutlich aus Spanien (21, 24) - die bäuerliche Lebensweise nach Irland. Das vorherige Volk der westeuropäischen Fischer, Jäger und Sammler starb in den folgenden Jahrhunderten auf Irland genetisch fast vollständig aus. Die Zuwanderer errichteten ab 3.500 v. Ztr. die sogenannten "Passage Tombs". Diese monumentalen Grabanlagen scheinen getragen gewesen zu sein von einer Reichselite, einem Hochadel, aus dem - wie schon gesagt - Groß-Könige hervorgingen (21-23). Familien, in denen Inzest nicht Tabu war, waren - kulturgeschichtlich bezeugt - weltweit oft führende Königsfamilien. Ein solcher Fall scheint nun auch für Irland für die Zeit um 3.100 v. Ztr. nachgewiesen zu sein (21-23). Die abschließenden Worte der Studie lauten (21):

Zusammen mit Abschätzungen der Inzucht und der genetischen Verwandtschaft erweitern unsere Methoden das Repertoire, mit Hilfe dessen die Entwicklung von bäuerlichen Gesellschaften von kleinen Häuptlingschaften zu (großen) Zivilisationen erforscht werden kann. Insbesondere untermauern unsere Ergebnisse eine Neubewertung der sozialen Schichtung und der politischen Integration in den Megalithkulturen an der Atlantikküste. Sie legen nahe, daß diese Passage-Tomb-Gesellschaften in Irland mehrere Kennzeichen besaßen, die innerhalb von frühen Staaten und ihren Vorläufern gefunden werden können.
Original: Together with estimations of inbreeding and kinship, these methods broaden the scope within which we can study the development of agricultural societies from small chiefdoms to civilizations. Specifically, our findings support a reevaluation of social stratification and political integration in the megalithic cultures of the Atlantic seaboard, and suggest that the passage-tomb-building societies of Ireland possessed several attributes found within early states and their precursors.

Das sind überraschend weitreichende Einsichten. Dabei spricht auch der Archäologe Detlef Gronenborn seit mehreren Jahren mit Bezug auf die zeitgleiche Michelsberger Kultur im Raum von Frankfurt am Main - aufgrund der Erforschung von solchen mittelneolithischen Höhenburgen wie der auf dem Kapellenberg bei Frankfurt (Wiki) oder auf dem Glauberg in Mittelhessen in ähnlicher Weise von "Anfängen der Urbanisierung", und zwar zwischen 4200 und 3500 v. Ztr. (18).

Abb. 3: "Nature": "Familienbande"

Auf dem Kapellenberg hat er den Grabhügel einer prestigeträchtigen Person ergraben, die kulturelle und Handelskontakte über das Pariser Becken bis in die Bretagne, sowie bis in den Raum von Halle im heutigen Sachsen-Anhalt und bis in den Raum von Stuttgart aufrecht erhielt (18, 19).

Solche Sichtweisen gehen ja nun schon weit über die These von der mitteleuropäischen bronzezeitlichen Stadtgeschichte hinaus, die wir seit etwa zehn Jahren hier auf dem Blog vertreten haben, und bei der wir glaubten, uns recht weit im Vorfeld der Mehrheitsmeinung in der Universitäts-Archäologie zu bewegen. Mit diesen Studien schließt diese nun schnell und zügig auf.

Gut kann man sich solche prestigeträchtigen "Königsgräber" übrigens verbunden denken mit den steinernen Eigendarstellungen eben dieser mittelneolithischen europäischen Kulturen, die wir hier auf dem Blog schon behandelt haben, und die durch diese neue Sichtweisen ebenfalls eine ganz neue  Einordnung erhalten (20). Es wird sich um die Darstellungen von Angehörigen der gesellschaftlichen Eliten handeln. All das würde heißen, daß die von Osten her ab 2.800 v. Ztr. erobernd sich über Europa ausbreitenden Königreiche der Schnurkeramik- und Glockenbecher-Kultur schon auf ebenso hierarchisch gegliederte einheimische Königreiche und Fürstentümer gestoßen sind. Das ändert völlig die Sichtweise auf das europäische Mittelneolithikum.

Insgesamt machen diese neuen Forschungen auf Umstände aufmerksam, deren Bedeutung man sich in der Forschung erst allmählich, nach und nach deutlicher bewußt werden wird und die man sich erst nach und nach wird vergegenwärtigen können. Zum Beispiel: Jene Prozesse des "genetic replacement", die ab 2.800 v. Ztr. die heutige genetische Verfaßtheit Europas hervorbrachten, fanden innerhalb staatlicher Strukturen statt, innerhalb staatlicher Strukturen in Form von Fürstentümern, vielleicht von Großreichen. Und damit dürften dann noch zahlreiche andere Schlußfolgerungen verbunden sein, die von den meisten Forschern heute vermutlich noch gar nicht zu Ende gedacht sind. So wird früher oder später geschlußfolgert werden können oder müssen, daß schon die proto-indeuropäischen Gottvorstellungen (Wiki) sozusagen "Reichsgottheiten" darstellten, Gottheiten also, die im Rahmen von größeren staatlichen Strukturen verehrt und angebetet worden sind - so wie das dann auch schon von den vorindogermanischen, mittelneolithischen Gottheiten wird angenommen werden können. Solche Großreiche deuten sich ja für Mittel- und Nordeuropa in den letzten Jahren auch immer mehr für die Bronzezeit an.

Vielleicht ist deshalb auch die staatliche Verfaßtheit der keltischen und germanischen Stämme wie sie in der Klassischen Antike von den Griechen und Römern des Mittelmeerraumes überliefert worden ist, noch gar nicht voll verstanden worden. Zum einen könnte sie einen kulturellen und zivilisatorischen Zustand festgehalten haben, wie er sich erst nach der Umbruchzeit um 1200 v. Ztr. in Mittel- und Nordeuropa ergeben haben könnte, wo es vorher - seit dem Mittelneolithikum - schon deutlich weiter fortgeschrittene staatliche Strukturen gegeben haben könnte. Zum anderen könnte es aber auch sein, daß man die schriftlichen Quellen der Griechen und Römer unter solchen Aspekten einfach noch einmal neu lesen muß.

Anhang: Breitete sich die Hausmaus mit dem Rinderwagen in Europa aus?

Eine weitere, neue archäogenetische Studie
- Sie kann - mit viel Aufwand - erneut nicht besonders viel klären
Wann also kommt sie endlich in Schwung, die deutsche, archäologische Hausmaus-Forschung?

Aber auch im Bereich der Hausmaus-Forschung ist soeben eine neue Studie erschienen (1). Dr. David Orton (Universität York) konnte ein wichtiges Puzzelteil zu dieser Studie beitragen, nämlich weitere Belege für das Vorhandensein der osteuropäischen Hausmaus (!) in Serbien um 4.500 v. Ztr. (2, 3).

Ob aber mit dieser Studie nun das Bild der frühesten Ausbreitung der Hausmäuse nach Europa insgesamt mehr Sicherheit erlangt als bisher? Diese Studie geht davon aus, daß die Hausmäuse sich erst in der Eisenzeit in Europa ausgebreitet haben. Uns war die Datenlage für diese These bislang zu dünn (4). Zumal ja schon im Jahr 2008 eine Studie von frühbronzezeitlichen Hausmäusen in Südengland berichtete (5). Die Studie zur Geschichte der Hausmaus auf den britischen Inseln von 2008 wird aber in dieser neuen Studie aus dem Jahr 2020 noch nicht einmal erwähnt. Dieser Umstand verstört uns. Wird diese britische Studie aus dem Jahr 2008 nicht als gute Forschung angesehen?

Daß es so auffallenderweise - nach einer Studie aus dem Jahr 2018 - die Syrische Wildkatze in der Nähe Rinderwagen besitzender bäuerlicher Siedlungen in Mitteleuropa gegeben hat (6, 7), wird in dieser neuen Studie als wichtiger Umstand benannt (1):

Paläogenetische Studien liefern eine klaren Hinweis darauf, daß die erste von Menschen vermittelte Verbreitung der Syrischen Wildkatze nach Europa von Anatoloien ausging und sich über das heutige Bulgarien um 4.400 v. Ztr., Rumänien um 3.200 v. Ztr. und Polen um 3.000 v. Ztr. vollzog.
Paleogenetic studies provide clear evidence that the first human mediated dispersal of F. s. lybica towards Europe stemmed from Anatolia, spreading towards current Bulgaria by 6,400 cal BP, Romania by 5,200 cal BP and up to Poland by 5,000 cal BP.

Tatsächlich weisen derzeit alle sichereren Forschungsergebnisse darauf hin, daß sich die (osteuropäische) Hausmaus und damit einhergehend die Syrische Wildkatze erst mit dem Rinderwagen erstmals in Europa ausgebreitet hat.

Von über 800 Funden von Mausüberresten in archäologischen Kontexten konnten nur 85 aufgrund äußerer anatomischer Merkmale Unterarten zugeordnet werden (1). Chemische und genetische Untersuchungsmethoden liefern inzwischen weitaus sicherere Daten. Die Studie konnte die westeuropäische Hausmaus (M. m. domesticus) in Höhlen des Zagros-Gebirges des Iran schon ab 40.000 v. h. feststellen (also während der Eiszeit), allerdings noch nicht im Zusammenhang mit Hinweisen auf menschliche Aktivitäten. Ähnliches gilt für die osteuropäische Hausmaus (M. m. musculus) am Südufer des Kaspischen Meeres.

Wie wir schon wissen, findet sich die westeuropäische Hausmaus dann schon in den Siedlungen des Natufium und des vorkeramischen Neolithikums im Fruchtbaren Halbmond an den Oberläufen von Euphrat und Tigris, in der Ursprungsregion der Seßhaftigkeit und des Ackerbaus (1, 9). Über die weitere Ausbreitung heißt es dann (1):

Nördlich des Kernbereiches des akeramischen Neolithikums fanden wir Hinweise für spätneolithische und kupferzeitliche Ausbreitung der westeuropäischen Hausmaus Richtung Kaukasus (....) zwischen 3.000 und 2.000 v. Ztr., was die Rolle des Nahen Osten bei dem neolithischen Verbreitungsmuster (der Hausmaus) unterstreicht. Östlich davon finden wie die Anwesenheit der westeuropäischen Hausmaus im südlichen Zagros und auf dem iranischen Plateau zwischen 5.000 und 4.000 v. Ztr..
Northward from the PPN core area, we found evidence for the Late Neolithic and Chalcolithic dispersal of M. m. domesticus towards Transcaucasia in Norsun Tepe and Ovçular Tepesi, between 5,000 and 4,000 cal BP (...), supporting the role of the Near East in the Neolithic makeup of Transcaucasia. Eastward, we found the presence of M. m. domesticus in the southern Zagros (Tol-e Nourabad) and Iranian Plateau (Tepe Zagheh) between 7,000 and 6,000 cal BP.

Dann folgt das vermutlich wichtigste Ergebnis dieser Studie: Um 6.000 und 5.000 v. Ztr. findet sich die Hausmaus auf dem griechischen Festland in Siedlungskontexten ausdrücklich noch nicht (1):

Alle zehn Mausüberreste aus früh-, mittel- und spätneolithischen Kontexten im kontinentalen Griechenland konnten als autochthoner "Wild-"Phänotyp (Mus macedonicus) sowohl aufgrund anatomischer Merkmale wie Cytochrom b-Untersuchungen  identifiziert werden, wobei diese direkt datiert werden konnten auf 6.000 v. Ztr. und 5.000 v. Ztr..
All of the ten samples from Early, Middle and Late Neolithic contexts from continental Greece have been identified as the autochthonous “wild” phenotype (Mus macedonicus) with GMM and Cytochrome b (...) and directly dated at Mavropigi (8,455 - 7,329 cal BP) and Avgi (7,424 - 7,175 cal BP). (...) In Aegean contexts, the occurrence of M. m. domesticus is only documented from the Bronze Age (...), where it occurs in all the Early, Middle and Late Bronze Age contexts of urban sites in Crete (GSE, Chania, Mochlos, and Malia) and Santorini (Akrotiri), strongly supporting the absence of house mouse in Neolithic contexts. Its occurrence in Akrotiri is confirmed by the Cytochrome b identification dated between 4521 and 3,864 cal BP.

Das ist ein sehr wichtiger Hinweis. In der Ägäis können Hausmäuse erst in der Bronzezeit nachgewiesen werden. Stattdessen finden die Forscher, daß nicht die westeuropäische, sondern die osteuropäische Hausmaus die erste Hausmaus-Unterart ist, die - für sie sicher - auf dem europäischen Kontinent nachgewiesen ist (1):

Ihr Auftreten ist dokumentiert in spätneolithischen / kupferzeitlichen Haushalts-Funden (4.500 v. Ztr.) in Tell-Siedlungen in Südost-Rumänien und Serbien.
Its occurrence is documented from Late Neolithic / Chalcolithic household deposits (mid 7th millennium BP) from tell sites in Southeastern Romania (Bucșani) and Serbia (Vinča-Belo Brdo). Its identification has been confirmed in Bucșani by ancient Cytochrome b sequences, secured for six specimens and a direct radiocarbon dating between 6,627 and 6,413 cal BP (...). The M. m. musculus remains in Vinča-Belo Brdo have not been directly dated but they have been sampled from a deposit that derives from a fire event confidently dated to 6510–6460 cal BP. The occurrence of commensal musculus has also been documented in Turkmenistan by 3,000 cal BP, with the remains of musculus being found in a storage jar from the proto-urban tell site of Ulug Depe.

An diesem Forschungsergebnis hatte, wie schon angedeutet, David Orton Anteil. Sein Anteil (2, 3) macht aber klar, wie kursorisch und zufällig und wenig systematisch die Hausmaus-Forschung für Kontinental-Europa immer noch ist. Wenn in dieser neuen Studie über 800 Hausmaus-Funde aus ganz Südwest-Asien gesammelt worden sind, das Ergebnis unser Wissen aber dennoch nur in der eben umrissenen Weise erweitert, dann sieht man daran, wie schwer hier Erkenntnisfortschritte zu erlangen sind. Würden die deutschen Zooarchäologen sich - endlich - intensiver in diese Forschungen einschalten, müßten doch recht zügig gültigere Forschungsergebnisse zu erlangen sein. Forschungsergebnisse jedenfalls, auf die wir hier auf dem Blog seit 12 Jahren warten.

Ein wichtiges Puzzelstück konnte aufgrund guter Überlegungen beigetragen werden

Denn dieses Thema ist uns hier auf dem Blog seit 2008 wichtig. Das neue Forschungsergebnis, daß sich die osteuropäische Hausmaus um 4.500 v. Ztr. auch schon in Serbien findet, ändert insgesamt das hier auf dem Blog vermittelte Bild noch wenig. Auch dies fällt in den Zeitraum, in dem sich die ersten Indogermanen gerne auch schon - wie bis Rumänien - bis Serbien ausgebreitet haben und dabei die osteuropäische Hausmaus von den Ufern des kaspischen Meeres oder vom Kaukasus aus mitgebracht haben (oder von noch weiter östlich ..., nämlich: China) (9). 

Die bisherigen spärlichen Hinweise in der archäologischen Literatur auf Überreste von Hausmäusen aus der Bandkeramik (insbesondere in Bylany), die wir hier auf dem Blog zusammen getragen hatten (10-14), wären also damit noch einmal erneut daraufhin zu überprüfen, ob es sich bei ihnen um die west- oder die osteuropäische Hausmaus handelt. Uns gefällt übrigens sehr der Ausgangspunkt der Überlegungen von David Orton (zit. n. 2):

"Die Leute sagten, daß Mäuse sich während des Neolithikums nicht nördlich des Mittelmeeres ausgebreitet haben, weil europäische Siedlungen nicht groß und dicht genug gewesen wären, um ihnen den ihnen angemessenen Lebensraum zu liefern. Aber nachdem ich diese großen Siedlungen an den serbischen Ausgrabungsorten kennen gelernt hatte, wußte ich, daß das so generell nicht wahr sein kann."
"People have said that mice didn't spread north of the Mediterranean in the Neolithic because the European settlements just weren't big or dense enough to support them, but having worked on these big Serbian sites I knew that wasn't universally true."

Das waren kluge Überlegungen, die unseren eigenen entsprechen, und die ja auch durch die Natufium-Studie sehr erhärtet worden sind (8). Wir möchten an dieser Stelle noch einmal auf unsere eigenen Überlegungen hinweisen, nach denen es vor der Eisenzeit niemals eine höhere Siedlungsdichte gegeben hat als zur Zeit der Bandkeramik (15). Diese unsere Überlegungen aus der Zeit zwischen 1995 und 2008 hatten allerdings noch nicht die Existenz der bronzezeitlichen mitteleuropäischen Höhenburgen und protourbanen Siedlungen mit einbeziehen können. Mit diesen ist ja - vermutlich - die Hausmaus in der Frühbronzezeit nach Südengland gekommen.

Natürlich stellen die Megasites der Cucuteni-Tripolye-Kultur, die es um 4.500 v. Ztr. auch in Serbien gegeben habt, und die der Ausgangspunkt der Überlegungen von David Orton waren, noch einmal eine ganz eigene Kategorie dar. Diese stehen aber zugleich auch in kultureller - und auch humangenetischer - Kontinuität zu den bandkeramischen Siedlungen, die sich bis an den Westrand der Ukraine ausgebreitet hatten. Aber der neue Gedanke, der auch uns durch diese neue Studie (1) aufgedrängt wird, könnte sein: Vielleicht fehlte im europäischen Frühneolithikum (Bandkeramik) Getreidetransport über weite Strecken hinweg, um der Hausmaus eine Ausbreitung in Kontinentaleuropa zu ermöglichen.

Es schält sich also derzeit heraus, daß sich die Hausmäuse in Europa mit den Rinderwagen-besitzenden Bauernkulturen ausgebreitet haben. Was in Osteuropa mit den osteuropäischen Hausmäusen möglich war, muß ja in Westeuropa auch mit den westeuropäischen Hausmäusen möglich gewesen sein (- ?). Zumal es eine so dezidierte Artgrenze gibt.

Aber solange eine Klärung solcher Fragen für den mitteleuropäischen Raum nur auf so vereinzelte Bemühungen von Archäologen wie David Orton zurückgehen, werden wir wohl noch länger auf eine abschließendere Klärung der hier erörterten offenen Fragen warten müssen. Der noch junge Archäologe David Orton ist auch auf Youtube auch mit einem Vortrag über die Archäologie der Hausratte vertreten (16). Mit dieser hatten wir uns hier auf dem Blog auch schon beschäftigt (17). Immerhin ermutigend, daß im aktuellen DGUF-Newsletter auf diese Forschungen hingewiesen worden ist (3). Dann sollte doch endlich auch einmal der eine oder andere maßgeblichere deutsche Archäologe wacher werden können bezüglich der hier behandelten Fragestellungen in der Forschung.

Siehe auch den Artikel von Michael Gross in "Current Biology" (27).

Ergänzung 15.5.2025: Eine neue archäogenetische Studie zeigt Eliten-Verwandtschaft rund um Großsteingräber auch für die Region Nordhessen/Südniedersachsen über mehr als 200 Kilometer hinweg für die dortige Wartberg-Kultur (3.500-2.800 v. Ztr.) (Wiki) und die Westliche Trichterbecher-Kultur (4.300-2.800 v. Ztr.) (Wiki) auf (28). Dies wird aufgezeigt anhand der Analyse von 129 Genomen, die aus Skeletten gewonnen werden konnten von den Fundorten in Altendorf, Niedertiefenbach, Rimbeck, Warburg und Züschen (alle Wartberg-Kultur), sowie dem Fundort Sorsum (Westliche Trichterbecher-Kultur). Die Genome dieser Menschen wiesen einen hohen Anteil westeuropäischer Jäger-Sammler-Genetik auf, nämlich zwischen 25 und 50 %, im Durchschnitt 35 %.


/ zuerst veröffentlicht 29. Mai 2020
(zu den Hausmäusen);
später erweitert um den ersten Teil /
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  1. Tracking the Near Eastern origins and European dispersal of the western house mouse. Thomas Cucchi, Katerina Papayia (...) David Orton (...) François Bonhomme, Jean-Christophe Auffray & Jean-Denis Vigne. Open Access Published: 19 May 2020, Scientific Reports volume 10, Article number: 8276 (2020), https://www.nature.com/articles/s41598-020-64939-9
  2. A game of cat and mouse: new study reveals Europe’s earliest house mouse…. followed swiftly by the house cat.  21 May 2020, https://www.york.ac.uk/archaeology/news-and-events/news/external/news-2020/agameofcatandmousenewstudyrevealseuropesearliesthousemouse/
  3. https://dguf.de/newsletter/index.php/component/acymailing/mailid-99
  4. https://studgendeutsch.blogspot.com/2008/05/keine-hausmaus-in-europa-vor-der.html 
  5. https://studgendeutsch.blogspot.com/2008/10/die-hausmaus-als-eine-erkenntnisquelle.html
  6. https://www.nature.com/articles/s41437-018-0071-4
  7. https://studgendeutsch.blogspot.com/2018/02/bandkeramik-wildkatzen-und-hausmause.html
  8. https://studgendeutsch.blogspot.com/2017/07/die-hausmaus-gab-es-schon-im-natufium.html
  9. https://studgendeutsch.blogspot.com/2014/09/die-stadte-der-indogermanen-und-ihre.html
  10. https://studgendeutsch.blogspot.com/2008/05/die-hausmaus-in-der-weltgeschichte.html
  11. AT Clason: The animal bones of the Bandceramic and Middle Age settlements near Bylany in Bohemia. Published 1970-12-15 in: Palaeohistoria 14, 1968 (1970), https://ugp.rug.nl/Palaeohistoria/article/view/25009, https://rjh.ub.rug.nl/Palaeohistoria/article/viewFile/25009/22469
  12. A. M. Kreuz: ... in Analecta praehistorica Leidensia, Bände 23-24, Seite 52 
  13. Miloš Macholán, Stuart J. E. Baird, Pavel Munclinger, Jaroslav Piálek (eds.): Evolution of the House Mouse, 2012 (Google Books, p. 80)
  14. Kriegs, Jan Ole; Vierhaus, Henning (2016): Kleinsäugernachweise in Sedimenten der prähistorischen undhistorischen Emscher. In: Bodenaltertümer Westfalens (Researchgate
  15. https://studgendeutsch.blogspot.com/2009/01/die-weltgeschichtliche-bedeutung-der.html
  16. Dr David Orton: Archeology of Black Rat in Roman to Medieval Europe. (FULL Lecture) (180 Aufrufe, Stand 29.5.2020), 15.06.2018, Videokanal von Dr Victor Fursov - Entomologist Beekeeper (15.800 Abonnenten), https://youtu.be/1QEErcKVmrA.
  17. https://studgendeutsch.blogspot.com/2010/02/von-ratten-gottern-menschen-und.html
  18. Gronenborn, Detlef: Anfänge der Urbanisierung im Rhein-Main-Gebiet – der Kapellenberg bei Hofheim am Taunus vor 6000 Jahren, https://web.rgzm.de/forschung/forschungsfelder/a/article/anfaenge-der-urbanisierung-im-rhein-main-gebiet-der-kapellenberg-bei-hofheim-am-taunus-vor-6000-jah/
  19. Gronenborn, D., Thiemeyer, H., Cramer, A., Antunes, N., Neubauer, D., & Pétrequin, P. (2020). A later fifth-millennium cal BC tumulus at Hofheim-Kapellenberg, Germany. Antiquity, 1-8. doi:10.15184/aqy.2020.79 (Cambridge
  20. https://studgendeutsch.blogspot.com/2019/12/die-altesten-eigendarstellungen-der.html
  21. A dynastic elite in monumental Neolithic society. Lara M. Cassidy, Ros Ó Maoldúin, Thomas Kador, Ann Lynch, Carleton Jones, Peter C. Woodman, Eileen Murphy, Greer Ramsey, Marion Dowd, Alice Noonan, Ciarán Campbell, Eppie R. Jones, Valeria Mattiangeli & Daniel G. Bradley. Nature volume 582, pages 384–388 (2020), Published: 17 June 2020, https://www.nature.com/articles/s41586-020-2378-6.
  22. https://www.nature.com/articles/d41586-020-01655-4
  23. https://www.wissenschaft.de/geschichte-archaeologie/inzucht-in-der-steinzeitlichen-elite-irlands/
  24. https://studgendeutsch.blogspot.com/2011/08/4100-v-ztr-tertiare-neolithisierung-im.html
  25. https://studgendeutsch.blogspot.com/2010/10/3100-v-ztr-der-rinderwagen-in-der.html 
  26. Brozio, Jan Piet et al. The Dark Ages in the North? A transformative phase at 3000–2750 BCE in the western Baltic: Brodersby-Schönhagen and the Store Valby phenomenon. Journal of Neolithic Archaeology, [S.l.], v. 21, p. 103–146, dec. 2019. ISSN 2197-649X. Available at: <http://www.jna.uni-kiel.de/index.php/jna/article/view/181>. Date accessed: 19 dec. 2019. doi: https://doi.org/10.12766/jna.2019.6. 
  27. Gross, Michael: Of mice, men, cats and grains. In: Current Biology, Juli 2020, https://www.sciencedirect.com/science/article/abs/pii/S0960982220309908, http://proseandpassion.blogspot.com/2020/07/playing-cat-and-mouse.html
  28. Ben Krause-Kyora, Nicolas Antonio da Silva, Almut Nebel et al. Long-distance kinship in megalithic Europe, 06 May 2025, Preprint (Version 1) (Research Square) [https://doi.org/10.21203/rs.3.rs-6464608/v1]
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