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Samstag, 29. April 2023

"On the Origin of Time" von Thomas Hertog

Nachdem Stephen Hawking (1942-2018) (WikienglFb) (Abb. 3) die Multiversum-Theorie, die um das Jahr 2000 herum vorherrschend geworden ist in der Kosmologie, als äußerst unbefriedigend empfand, machte er sich zusammen mit seinen Mitarbeitern Thomas Hertog (geb. 1975) (Wiki) (Abb. 1) und James Hartle (geb. 1939) (Wiki) (Abb. 5) auf den Weg, eine befriedigendere Lösung zu finden. Thomas Hertog hat über diesen Weg der letzten 20 Jahre Forschung von Stephen Hawking nun ein neues Buch heraus gebracht (1). In dem vorliegenden Beitrag unternehmen wir den einigermaßen unangemessenen Versuch, als Nichtphysiker den Inhalten dieses Buches und vielen mündlichen Äußerungen von Hertog dazu Sinn abzugewinnen.*)

Indem man über eine komplizierte und auch unanschauliche Sache spricht oder schreibt, versteht man sie vielleicht leichter, als wenn man das nicht tut. Dies ist die einzige Rechtfertigung für uns dafür, daß wir hier auf dem Blog uns schreibender Weise mit dem Buch "On the Origin of Time" von Thomas Hertog beschäftigen. Es ist soeben auf Deutsch erschienen (1). Und der Autor gibt gegenwärtig viele Interviews und hält Vorträge zu seinem Inhalt (2-10). Diese erachten wir als sehr hilfreich, um den Buchinhalt selbst zu verstehen, zumal sie zumeist an Laien gerichtet sind.

Zunächst einmal: Schwarze Löcher sind für das Verständnis der Entstehung des Universums aus dem Nichts heraus unentbehrlich. Die Begrenzung Schwarzer Löcher, der "Schwarzschild-Radius", ist dadurch charakterisiert, daß an ihr die Welt zweidimensional wird. Das heißt, die Welt wird ein Hologramm (7, 8). Dabei verschwindet nicht nur die dritte Dimension des Raumes, sondern auch die Dimension der Zeit.

Abb. 1: Thomas Hertog, 2018 (Wiki)

Deshalb kann umgekehrt als einer der ursprünglichsten Schritte bei der Entstehung des Universums angenommen werden, daß sich - sozusagen - zweidimensionaler "Raum" in einen dreidimensionalen Raum aufgefaltet hat, wobei sich zugleich die Zeitdimension herauskristallisierte.

Da dies alles sich im Nichts, bzw. genauer im Quantenvakuum vollzog, sprich auf Quantenebene und im Bereich von Quantendimensionen, was an der Grenze Schwarzer Löcher unter anderem als "Hawking-Strahlung" beschrieben werden kann, kann dieser frühe Schritt bei der Entstehung des Universums als ein Ereignis der Quantenwelt beschrieben werden, wobei sich als erstes die Gravitationskraft "herauskristallisiert" hat.

Physiker haben nun festgestellt, daß die "klassische" "Kopenhagener Deutung" der Quantentheorie ungeeignet ist, um bei diesem frühen Schritt, bei diesem frühen Phasenübergang Quantentheorie und Relativitätstheorie (mit ihrer Gravitationskraft) miteinander in Einklang zu bringen (16). Viel besser eignet sich dazu - nach Meinung vieler Physiker - eine Deutung der Quantentheorie, die der Physiker Hugh Everett III (1930-1982) (Wiki) 1959 vorgeschlagen hat, und mit der er damals bei Niels Bohr auf völliges Unverständnis und auf Ablehnung gestoßen war. Es handelt sich dabei um die Vielwelten-Deutung zur Quantentheorie (1, S. 249ff). Darüber lesen wir auf Wikipedia (Wiki): Seine ...

"Fragestellung war insbesondere für die Entwicklung einer konsistenten Theorie der Quantengravitation von großem Interesse. Ein oft zitiertes Beispiel für eine solche interne Anwendung ist die Formulierung einer Wellenfunktion des Universums, also die Beschreibung eines rein quantenmechanischen Universums ohne außenstehenden Beobachter."

Das ist der Grundgedanke des neuen Buches von Hertog. Um genau eine solche Beschreibung geht es in dem "Top-down-Ansatz" von Stephen Hawking und Thomas Hertog, der in dem neuen Buch des letzteren beschrieben wird (1), und den beide seit etwa 2002 begonnen haben auszuarbeiten. 

Abb. 2: Multiversum (links) versus Universum (rechts) - Blick von außen versus Blick von innen - Grafik aus einem Vortag von Thomas Hertog aus dem Jahr 2021 (Yt, 38'30) - Unendlicher (links) oder begrenzter Raum (rechts)? Eine Geschichte (links) oder viele Geschichten (rechts)? "Das Denkmodell rechts steht in Übereinstimmung mit 'konservativer' Holographie, in der die Grenzbedingungen die Theorie definieren" (sagt Hertog)

Den Physikern wird nämlich außerdem immer deutlicher, daß es keine gute Möglichkeit gibt, unser Universum von dem Standpunkt eines "außenstehenden Beobachters" zu beschreiben - wie das alle Forscher seit der Antike und seit Kopernikus getan haben, und wie das auch Stephen Hawking selbst noch in seinen jüngeren Jahren versucht hat. Kosmologie vom Standpunkt des "außenstehenden Beobachters" zu betreiben, brachte als das vorläufig letzte Ergebnis die Multiversen-Theorie hervor, so Hertog. Und es gibt viele innerwissenschaftliche Gründe, diese Multiversen-Theorie für mehr als unbefriedigend und unzureichend zu erachten. Zu der neuen vorgeschlagenen quantenmechanischen Beschreibung des Universums ohne außenstehenden Beobachter lesen wir schon auf Wikipedia weiter (Wiki):

Wobei die vielen Welten allerdings keine räumlich getrennten Welten, sondern getrennte Zustände im jeweiligen Zustandsraum sind. (...) Auch im Bereich der Quantenkosmologie und Quantengravitation erfreute sich der Everett'sche Ansatz wachsender Beliebtheit, da er bisher die einzige Interpretation war, in der es überhaupt sinnvoll war, von einem Quantenuniversum zu sprechen. Die Idee der universellen Wellenfunktion wurde ebenfalls von einer Reihe von Physikern aufgenommen und weiterentwickelt, unter anderen Wheeler und DeWitt bei der Entwicklung der Wheeler-DeWitt-Gleichung der Quantengravitation sowie James Hartle und Stephen W. Hawking (Hartle-Hawking-Randbedingung für eine universelle Wellenfunktion). Die Viele-Welten-Interpretation entwickelte sich aus einem Nischendasein zu einer populären Interpretation, zu deren grundlegendem Ansatz sich viele der führenden Physiker des späten 20. Jahrhunderts bekannten (u. a. Murray Gell-Mann, Stephen W. Hawking, Steven Weinberg). 

Thomas Hertog sagt gleich zu Beginn eines rein fachwissenschaftlichen Vortrages an der Universität Princeton in den USA im Dezember 2021 (IAS), daß viele innerhalb des Faches die Theorie des Multiversums wie sie in Abb. 2 links veranschaulicht wird, begrüßt hatten. Andere hatten sie abgelehnt und ...

"... viele von uns reden lieber nicht davon."
"... many of us rather not talk about it."  

Er ändert das nun durch seine Veröffentlichungen und Vorträge. Der deutsche Theoretische Physiker Dieter Zeh (1932-2018) (Wiki) ist im gleichen Jahr gestorben wie Stephen Hawking. Und er war - wie Stephen Hawking - ein namhafter Befürworter der Viele-Welten-Interpretation. Deshalb kann man sich auch über seine Veröffentlichungen an diese Thematik heran tasten (s. u.a. M. Springer in: Spektr d Wiss 2013). In Bezug auf diese hören wir 2012 von Seiten des Wissenschaftsjournalisten Ulf von Rauchhaupt etwa (9):

Lieber viele Welten als ein würfelnder Gott. (...) Es ist die Vorstellung einer sich in jedem Moment myriadenfach in völlig separate Welten aufspaltenden Realität, die zum ersten Mal 1956 von dem Amerikaner Hugh Everett III vorgeschlagen wurde. (...) (Der) "Kollaps der Wellenfunktion" (...) bestimmt die Wellenfunktion als einen Katalog von Möglichkeiten, von denen dann nur eine erscheint - welche, das bestimmt kein Naturgesetz.

Demnach wäre unser Universum - grob gesprochen - das, was es ist, aufgrund einer Quantenfluktuation, die auf keinerlei weitere Naturgesetze zurückgeführt werden kann. Wir können nur sagen, daß wir, unser Universum und alles, was es darin gibt, ohne genau diese Quantenfluktuation nicht wären. Der "Katalog" an möglichen Universen, die bei einer solchen Quantenfluktuation hätte entstehen können, ist zwar unbegrenzt (Abb. 2 rechts die roten und blauen Linien), jedoch können nur bei einer sehr kleinen Teilmenge dieser möglichen Universen in denselben Komplexität und Bewußtsein entstehen (wenn überhaupt in einem anderen denkbaren Universum außer unserem eigenen).

Abb. 3: Stephen Hawking (Umschlag eines Buches über ihn)

Welchen künftigen Weg die Fluktuation nimmt, entscheidet - wie immer in der Quantenwelt - erst die "Beobachtung". Wobei es aber das Mißverständnis zu vermeiden gilt (in das man beim Lesen des Buches allerdings zu leicht gerät), daß der menschliche Beobachter 12 Milliarden Jahre später diesen Weg festlegen würde. Allerdings ist schon jede Wechselwirkung, in die Quanten mit anderen Quanten, Photonen, Elektronen usw. treten, im Sinne der Quantentheorie ein Akt der "Beobachtung". Der Weg, den das spätere Universum nimmt, wird also am Anfang durch eine solche erste Wechselwirkung innerhalb der Quantenwelt "festgelegt", sozusagen durch diesen ersten "Akt der Beobachtung".

Daraus hinwiederum folgt, daß das Fine-Tuning der Naturgesetze, bzw. die Frage danach, wie diese Feinabstimmung der Naturkonstanten zustande gekommen ist, sich zunächst einmal im Nichts der Quantenfluktuationen verliert, von denen wir eben nur sagen können, daß sie so heraus gekommen sind. Es macht nicht Sinn, nach einem "darüber stehenden", quasi "außerhalb" des Universums stehenden Naturgesetz zu fahnden, das nun festlegen würde, warum diese ersten Quantenfluktuationen so heraus gekommen sind wie sie heraus gekommen sind. 

Das ist eines der grundlegenden Postulate des Buches von Hertog. Wir spüren heraus, daß dadurch das "Wunder", daß es diese Feinabstimmung gibt, nicht geringer wird. Die Unerklärbarkeit bleibt einstweilen. Sie geht nur mit dem Verzicht auf den Theorie-Bombast eines Multiversums einher, der vom Standpunkt des "außenstehenden Beobachters" formuliert wurde, um diese Feinabstimmung zu "erklären", der aber trotz allen Theorieaufwandes bislang keinerlei physikalisch überprüfbare Aussagen ableiten kann dazu, warum wir innerhalb dieses Bombastes von Multiversum gerade in unserem Universum leben.

Demgegenüber merken immer mehr Physiker, daß es sinnvoller ist, den übergeordneten Standpunkt eines "außenstehenden Beobachters" aufzugeben und das Universum von innen her zu erforschen - so wie es auch Charles Darwin machte, als er die Entstehung der Lebenswelt erklären wollte.  

Einstweilen ist also nur dazu der Umstand zu benennen, daß wir dabei heraus gekommen sind und uns darüber Gedanken machen können. Daraus leitet sich das Motto des Buches von Hertog ab, das er dem belgischen Dichter Francois Jacqmin (1929-1992) (Wiki) entliehen hat, und das da lautet (1):

"La question de l'origine cache l'origine de la question."
"Die Frage nach dem Ursprung verbirgt, bzw. enthält den Ursprung der Frage."

Das heißt also: Wir können nach dem Ursprung fragen und erforschen, weil, "wir" - und unsere Frage - in diesem Ursprung enthalten sind, in ihm "verborgen" sind. Das ist zunächst einmal eine sehr zurückhaltende und behutsame Deutung der Feinabstimmung der Naturgesetze. Hertog schreibt in seinem Buch mit Bezug zur Vielwelten-Deutung der Quantentheorie (1, S. 269):

Die Fragen, die wir an die Natur stellen - verwandeln das, was hätte geschehen können, in das, was geschehen ist und beeinflussen so, was wir über bereits Geschehenes sagen können.

Sprich, es hätte viel geschehen können bei der Entstehung des Universums. Aber da wir es sind, die fragen, sind wir auch diejenigen, die das Mögliche des Geschehenen auf das Verwirklichte hin einschränken. Es könnte sehr weise sein, die Dinge so behutsam zu deuten. An anderer Stelle zitiert Hertog Stephen Hawking mit dem Satz (1, S. 333):

"Die holographische Kosmologie schneidet das Multiversum wie Ockhams Rasiermesser heraus." In seinen letzten Lebensjahren betonte er stets, daß der Multiversum-Rummel ein Artefakt des "klassischen Bottom-up-Denkens gewesen ist, das sich selbst verknotet hat."

"Bottom-up" ist das Denken, das den Weg des Universum's von "unten herauf" rekonstruieren will, indem es sich außerhalb des Universums stellt, die Position des außenstehenden Beobachters einnimmt. Während der "Top-down"-Ansatz die Entstehung des Universums rekonstruieren will von dem ausgehend, was es geworden ist und von dort aus hinunter fragt bis in jene erste Quantenfluktuation hinein und zurück, aus der heraus es geworden ist. Es geht also um ein Denken, das nicht von außerhalb des Universums auf dieses Universum schaut und nach zeitlosen, ewig gültigen, "Platonischen" Naturgesetzen sucht, sondern um ein Denken, das die Naturgesetze erst mit dem Universum selbst entstehen läßt so wie die Gesetze der Biologie auch erst mit dem Leben selbst entstanden sind und vorher gar nicht vorhanden waren. Hertog sagt dazu auch (1, S. 273):

Die Eignung des Universums für menschliches Leben beruht letztlich auf der Tatsache, daß tief unten auf der Quantenebene ein greifbares Universum und Beobachter gemeinsam aus dem Nebel der Ungewißheit auftauchen.

Wobei - wie gesagt - der hier sogenannte "Beobachter" schlichtweg nur jene Wechselwirkung auf Quantenebene darstellt, die die dort vorliegenden Quantenfluktuationen zu dem Universum machte, das wir kennen. Und er sagt (1, S. 275):

Das Top-Down-Triptychon (...) stellt sich das Spektrum der möglichen kosmologischen Geschichten vor, wobei unsere Beobachtungen diejenigen Geschichten real werden lassen, die mit dem Standardmodell in Einklang stehen.

Das ist wiederum so formuliert, daß es das oben erwähnte Mißverständnis nicht ganz ausschließt. Aber in einem seiner Vorträge (an der "Royal Institution") (10) hat Hertog klar gemacht, daß es ein Mißverständnis wäre, diese Worte gar zu wörtlich zu nehmen. "Unsere Beobachtungen" heißt hier wiederum: Jene Quantenwechselwirkungen, die das Universum real werden ließen.

Hertog gibt als Zeitpunkt für die Änderung der Sichtweise bei Stephen Hawking das Jahr 2002 an. Er zitiert dazu folgenden damaligen Wortwechsel mit Hawking (1, S. 284):

"Mit Top-down haben wir die Menschheit wieder ins Zentrum der kosmologischen Theorie gestellt ... Interessanterweise gibt uns genau das Kontrolle." - "In einem Quantenuniversum knipsen wir das Licht an," fügte ich hinzu.

Mit "Kontrolle" und "Lichtanknipsen" ist gemeint: Die Tatsache, daß unser Universum biophil ist, grenzt die unbegrenzten Möglichkeiten ein, nach denen es geworden sein könnte. Das war übrigens schon der Grundgedanke des "Anthropischen Prinzips". Aber diese Möglichkeit der "Kontrolle", des "Lichtanknipsens" war, als es als Thema Anthropisches Prinzip zum ersten mal aufkam, noch zu ungewohnt, wurde als noch zu kraß empfunden, als daß sich die Physiker nicht erst einmal in einen "Multiversum-Rummel" "flüchteten", um der starken Wirkung dieser ungewöhnlichen und unwahrscheinlich anmutenden anthropischen, bzw. biophilen Beschaffenheit unseres Universums zunächst einmal auszuweichen. Hertog weiter (1, S. 344):

Top-down-Kosmologie (...) besagt, daß das Universum tief unten auf der Quantenebene seine Lebensfreundlichkeit selbst erschafft. Laut der Theorie sind Leben und Universum gewissermaßen ein perfektes Paar, weil sie in einem tieferen Sinne gemeinsam entstehen.

Soweit in einem ersten Zugang uns wichtig erscheinende und nachvollziehbare Inhalte dieses neuen Buches. - - - Bis Ende der 1980er Jahre stand also die Relativitätstheorie im Vordergrund, wenn es um ein - vergleichsweise "gröberes" - Verständnis des Werdens und der Geschichte des Universums ging. Ergebnis der Arbeit mit der Relativitätstheorie war unter anderem das Buch von Steven Weinberg "Die ersten drei Minuten" (1977) (Wiki). Seit Anfang der 1990er Jahre ist nun zunehmend stärker wieder die Quantentheorie in den Vordergrund gerückt - und zwar auf der Linie von Hugh Everett. Und zum Schluß kam noch die Betrachtung des Universums als Hologramm hinzu.

"Brief History" - "Nutshell" - "Grand Design" - "Origin"

Stephen Hawking hat zur Erläuterung der jeweils aktuellsten Entwicklungen im Bereich der Kosmologie drei viel gelesene populärwissenschaftliche Bücher geschrieben: "A Brief History of Time" (1988) (Wiki, engl), "The Universe in a Nutshell" (2001) (Wiki, engl) und "The Grand Design" (2010) (Wiki, engl).  

Gegen Ende seines Lebens hielt er es für an der Zeit, daß ein weiteres Buch auf dieser Linie zu schreiben wäre. Denn inzwischen hatten sich wieder viele neue Entwicklungen ergeben, insbesondere in Reaktion auf den "Multiversum-Rummel" um das Jahr 2000 herum und dabei insbesondere das von ihm und Hertog entwickelte Top-down-Denken. Soweit waren sie aber erst kurz vor seinem Tod im Jahr 2018 gekommen und so war Hawking nicht mehr in der Lage, das Buch selbst zu schreiben. 

Fünf Jahre nach seinem Tod ist es nun erschienen - verfaßt von seinem engsten Mitarbeiter in den letzten zwanzig Lebensjahren, nämlich von Seiten des belgischen Kosmologen und Theoretischen Physikers Professor Thomas Hertog. Das Buch trägt den Titel: "On the Origin of Time - Stephen Hawking's final theory" (2022) (Wiki) (1-10). 

Abb. 4: Stephen Hawking (links) und Thomas Hertog (rechts) zu Beginn ihrer gemeinsamen Arbeit im Jahr 2001 in der Brüsseler Bar La Mort Subit (1, S. 67) (hier aus "LaLibre"2023)

Erst in einem Interview von Anfang April 2023 erfährt man, daß der Titel "On the Origin of Time" gewählt wurde in Anlehnung an Charles Darwin's "On the Origin of Species", und daß mit ihm ein Bezug hergestellt wird zwischen der Artwerdung der Lebenswesen auf dieser Erde und dem Werden des Kosmos als Ganzem und seiner Naturgesetze (wie sie im Standardmodell der Teilchenphysik enthalten sind). In Anlehnung an den Titel der deutschen Übersetzung des Buches von Charles Darwin (Wiki) - "Über die Entstehung der Arten" - hätte also die deutsche Übersetzung des Buches von Hertog genauer heißen müssen "Über die Entstehung der Zeit".

In seinem Buch erfährt man auch viel darüber, wie die wissenschaftliche Zusammenarbeit mit einem Physiker wie Stephen Hawking erlebt werden konnte. Und gerade auch aufgrund dieses neuen Buches weiß man die beiden Vorgänger-Bücher von Hawking noch mehr zu schätzen als zuvor. Denn auch erst mit diesem neuen Buch versteht man, welche umfangreichen Forschungen hinter solchen Büchern steht, welche Art von Jahre langem Fragen, Diskutieren und inspirierendem menschlichen Umfeld damit in Zusammenhang steht. Mit dem neuen Buch ordnen sich auch die beiden früheren Bücher leichter zu. Es wird erkennbar, in welche grundlegenderen Denkprozesse und Entwicklungen sie sich innerhalb der Kosmologie der letzten dreißig Jahre einordnen, da nun schon weitere Jahrzehnte, die diesen Büchern folgten, überblickt werden können.

So ist es ja immer: Um so mehr eine Gegenwart Geschichte geworden ist, um so besser ist diese vormalige Gegenwart zu verstehen und einzuordnen.

Als Thomas Hertog mit 23 Jahren im Jahr 1998 von Stephen Hawking zur Mitarbeit aufgefordert wurde und dazu in sein Büro gebeten wurde, glaubte Hertog, Hawking wolle mit ihm über Schwarze Löcher sprechen. Denn um dieses Themas willen war er bekannt geworden. Hawking war aber 1998 schon, so berichtet Hertog, mit einer ganz anderen Frage beschäftigt, nämlich mit der Frage (2): 

"Warum paßt das Universum so gut zu der Tatsache, daß in ihm Leben entstehen konnte?"
("Why is the universe just right for life to arise?")

Nachdem man vor Ostern 2023 durch den "New Scientist" auf die Buch-Neuerscheinung aufmerksam gemacht worden war (2), in der davon berichtet wird, konnte man sich mit Hilfe eines Interviews mit Thomas Hertog aus dem Jahr 2018 einen ersten weiteren Eindruck von dem Buchinhalt verschaffen (3). Ebenso durch eine Leseprobe, die von diesem Buch kostenfrei zugänglich ist (1). Durch solche ersten Eindrücke kommt man dann nicht umhin, sich das Buch selbst baldmöglichst im örtlichen Buchhandel zu erwerben.

Aber zugegeben: Wenn man das Buch von Hertog - zum Beispiel über die Osterfeiertage 2023 mit Blick auf die Ostsee - zu Ende gelesen hat, dann kann man sich immer noch ein bisschen so fühlen wie: "Ich bin so klug als wie zuvor". Man hat zwar mitbekommen, mit welcher Fülle an Themen die Kosmologen - und hier insbesondere Hawking und Hertog - beschäftigt waren. Aber es sind lauter Themen, denen man selbst bisher noch so gut wie keine Aufmerksamkeit zugewandt hatte. Deshalb kann beim ersten Durchgang des Lesens dieses Buches noch das meiste unverständlich bleiben.

Themen sind: Anthropisches Prinzip, String-Theorie, Multiversum. Dann insbesondere der genannte Ansatz von Hugh Everett III  zur Quantentheorie (1, S. 249ff), die Vielweten-Deutung zur Quantentheorie. Und dann damit in Verbindung gebracht: "Top-down-Ansatz" in Verbindung mit Brane-Theorie, in Verbindung mit der Theorie vom Universum als Hologramm, in Verbindung gebracht mit den Forschungen zur Quantenverschränkung und zu Wurmlöchern ... Welche Fülle an Themen!

Und all diese Themen haben insbesondere mit Quantentheorie zu tun. Es geht also um ein tieferes Verständnis der Eigenschaften des Quantenvakuums, jener Erscheinung, die viele Eigenschaften aufweist, die dem Äther zugeschrieben worden waren (1, S. 95). Man taucht in eine faszinierende Welt ein. Denn deuten sich in der - theoretisch angenommenen - Möglichkeit der Existenz von Quantenverschränkungen und Wurmlöchern nicht auch Charakteristika an, die mit einer Vereinheitlichung des Universums zu tun haben könnten über - womöglich - Milliarden von Lichtjahren im Raum und in der Zeit hinweg? Werden hier Raum und Zeit nicht quasi zu "Nichts" und wird erkennbar, das hinter ihnen "spukhafte" Gesetzmäßigkeiten liegen (das Wort "spukhaft" geht auf Einstein zurück), die eben ein Charakteristikum dieser zugrundliegenden Einheit im "Äther", im Quantenvakuum sind, und die zwischen uns heutigen Menschen und dem Urknall - womöglich - eine vergleichsweise besondere Beziehung herstellen?

Das sind so Gedanken, die einem als Ahnung kommen. Aber es bedarf dazu künftig noch weiterer Lektüre, um bezüglich all dessen gültigere Aussagen treffen zu können.  

Interview mit Michael Shermer - April 2023

Wie gesagt, so richtig schlau wurden wir aus einem ersten Lesen des Buches selbst noch nicht. Zum Verständnis desselben erweist es sich dann als sehr hilfreich, mündliche Äußerungen von Thomas Hertog zu verfolgen, von denen gerade alle paar Tage neue zugänglich werden auf Youtube und ggfs. anderwärts (3-10). In jedem Interview, in jedem Vortrag lernt man Neues und kommt dichter an ein Gesamtverständnis heran.

Alle Äußerungen sind wohltuend. Denn Thomas Hertog ist ein Mensch, dem man gerne zuhört. Er ist in keiner Weise "abgehoben". Gar nicht. Er kommt herüber als ein Mensch "wie du und ich".  

Da ist zunächst ein Interview, das Michael Shermer Anfang April 2023 mit Thomas Hertog geführt hat (6). Viele Inhalte des Buches werden einem besser verständlich und einordbar, insbesondere auch, weil man sie im Buch selbst so deutlich dargestellt oft gar nicht gefunden hatte. Was auch erneut deutlich macht, wie sehr dieses Buch nur eine "Spitze des Eisberges" darstellt von einer Fülle von Fragen und Deutungen, mit denen die Kosmologen derzeit beschäftigt sind.

Ein Argument im Interview (um Minute 27 herum) finden wir jedenfalls besonders gut nachvollziehbar: Die biologische Evolution ist bestimmt von Naturgesetzen, Gestaltungs- und Funktionsprinzipien, etwa der Mendel'schen Regeln, der Art wie die DNA arbeitet, der Art wie Zellmembranen aufgebaut sind, Prinzipien, nach denen die Baupläne von Lebewesen gestaltet sind, dem Gesetz "Zellen können nur aus Zellen entstehen" und viele weitere mehr. Wenn man nun in der Zeit zurück geht, dann wird man eine Zeit finden, so sagt Hertog, in der es all diese Naturgesetze und Prinzipien noch gar nicht gegeben hat. Denn ohne das Leben selbst kann es auch diese biologischen Gesetze und Prinzipien gar nicht geben und gegeben haben.**)

Hertog geht dann aber weiter und sagt: Auch die Gesetze der Physik hat es irgendwann nicht gegeben. Sie sind irgendwann erst entstanden - so wie die Gesetze der Biologie. Bei diesem Gedanken geht es darum, von dem Denken wegzukommen, nach dem man die Gesetze der Physik als etwas "Ewiges", "Unabänderbares" ansieht, als "ewigen Wahrheiten" ansieht, die quasi außerhalb und "über" der Natur und für sich selbst stehen quasi als "platonische Wahrheiten". Vielmehr sind auch sie mit dem, was sie "regeln", also mit der Natur selbst erst, mit der Materie selbst erst entstanden. Sprich: die Regeln, Gesetze der Physik entstehen erst mit der Physik selbst, mit der Entstehung von all dem, was zur Erzeugung von Materie notwendig ist. Es gab sie "vorher" nicht, ebensowenig wie es die Prinzipien und Gesetze der Biologie gab vor Entstehung des Lebens.

Hertog kommt dabei auch auf die "Theorie der Transitionen", sprich der Phasenübergänge zu sprechen, die in den frühesten Phasen des Universums - so wie auch in vielen späteren Entwicklungsstadien -  eine Rolle gespielt haben. Er spricht von einer Art "Koevolution" des Universums gemeinsam mit seinen grundlegenden Gesetzen. Er stellt das "Gewordensein" physikalischer Gesetze in den Vordergrund.

Die letzte (ursprünglichste) Transition, wenn man in der Zeit - innerhalb des Urknall's - zurück geht, ist die Transition, in der sich Zeit in Raum umwandelt (siehe oben). Und "davor" verschwinden die Gesetze der Physik ebenso wie die Gesetze der Biologie, sobald man in die Zeit vor die Entstehung des Lebens zurück geht.

Es bleibt Raum für das Geheimnisvolle

Aber auch Michael Shermer scheint uns in diesem Interview - ebenso wie man selbst - ein wenig konsterniert zu sein, auf welcher Seite der späte Stephen Hawking - gemeinsam mit Hertog - denn nun eigentlich stehen: Auf Seiten der Theisten, die ein "gottgegebenes Design" des Universums annehmen oder auf Seiten der Atheisten? Oder auf Seiten einer Deutung, die "irgendwie" dazwischen liegt? 

In vorderen Teilen des Interviews weicht Hertog solchen Fragen noch eher aus. Aber am Ende desselben gibt er dann doch dem bedachtsam hartnäckigen Fragen nach dieser Richtung hin nach. Er wird gefragt, ob er an so etwas wie an eine göttlicher Kraft, an ein Mysterium oder etwas ähnliches glauben würde. Und darauf gibt er eine uns brilliant oder doch zumindest anregend erscheinende Antwort, die wir hier deshalb auch wörtlich wiedergeben wollen (6):

Das Bild, das sich für uns inzwischen ergeben hat, in dem wir die Physik in gewissem Sinne im Urknall verschwinden lassen, schafft (neuen) Raum für unterschiedliche Bereiche des Denkens. Es ist ein Bild, in dem die Wissenschaft nicht beansprucht, uns die absoluten Antworten zu geben, sondern eher ein Bild, in der die Wissenschaft immer tiefer und tiefer die tieferen Zusammenhänge zwischen allen Facetten der Natur sucht. Ins Unreine gesprochen (...) läßt es Raum für das Geheimnisvolle und deshalb für alle Sphären des Denkens und für religiöse Sphären. Ich glaube, was wichtig ist, ist, daß diese beiden Bereiche nicht miteinander vermischt werden. Es gibt keine universelle Sprache oder universelle Antwort. Ich denke, die Wissenschaft verfolgt ihre Fragen und die Religion verfolgt ihre eigenen, davon unterschiedenen Fragen. Es gibt keine Notwendigkeit, daß diese beiden sich gegenseitig gar zu sehr in die Quere kommen.
I [unverständlich: grow up?] religious personally, but it didn't escape me, that the picture, that we arrived at, in which you let physics in a sence dissapear into the Big Bang - it creates room or space for different spheres of thought. It's a picture, in which science does not claim giving us the absolute answers, but more a picture, in which science seeks deeper and deeper the interconection between all facets of nature. Loosly speaking (...) it leaves some space for mystery and therefore for all spheres of thought (and) religious spheres. I think what is important is not to mix these two. There is not one universal language or one universal anwer. It seems to me that science serves its purpose and that religion serves different purposes. And there is no need the two of theme to interfere all that much.

Diese Antwort ist deutlich geleitet von der Haltung seines Landsmannes Georges Lemaître (1894-1966) (Wiki), dessen wissenschaftsgeschichtliches Schattendasein Hertog wie kaum ein zweiter vor ihm beendet hat. Hertog macht verschiedentlich darauf aufmerksam wie klug und intelligent Lemaître seinen katholischen Bibelglauben von seinen wissenschaftlichen Arbeiten getrennt hat. Und von dieser Art, mit den Dingen umzugehen, scheint uns auch die Antwort von Hertog geleitet zu sein. Immerhin ist sie wohltuend behutsam und drängt einem nicht diese oder jene Deutung auf, wodurch ja gar nichts gewonnen wäre (wie übrigens auch die letzten zwanzig bis dreißig Jahre Wissenschaftsgeschichte in diesen Fragen gezeigt haben).

Stephen Hawking fand die Theorie des Multiversums wie sie von Linde und Susskind vorgetragen worden waren, "unerhört". Und Hertog deutet an, daß er von Hawking auch noch absprechendere Beurteilungen von Hawking gehört habe zu dieser Theorie. - Dies mag auch daran gelegen haben, daß sie mit dieser Theorie allzu entschiedene - und vermutlich auch zu einseitige - weltanschauliche Deutungen und Interpretationen des Universums verbunden hatten. 

Beim Lesen des Buches von Hertog kam uns übrigens derselbe Gedanke, den Michael Shermer vorbringt: Hertog nimmt in seinem Buch zwar auf Stephen Jay Gould's evolutionäres Zufalls-Prinzip Bezug, nicht aber auf das Herausstellen der Fülle evolutionärer Konvergenzen durch den Evolutionsbiologen Simon Conway Morris.**) Wir möchten dazu ergänzen: Auch ein Buch wie "Das Spiel" von Manfred Eigen könnte doch manches Einsichtsvollere zum Verständnis dieses offenbar äußerst kreativen Zusammenspiels von Naturgesetzen und Zufall beitragen, das am Ursprung des Universums gestanden zu haben scheint.

Abb. 5: Jim Hartle, Stephen Hawking und Thomas Hertog im Jahr 2007 (Standbild aus dem Vortrag von Stephen Hawking "My Life in Physics" aus dem Jahr 2017) (Yt)

Shermer macht während des Interviews auch darauf aufmerksam, wie jung die Wissenschaft der Kosmologie ist (im Vergleich etwa zur Biologie und anderer Disziplinen). Sie ist nämlich erst knapp hundert Jahre alt und hat im Grunde erst seit dem Jahr 1964, seit Entdeckung der kosmischen Hintergrundstrahlung wirklich Fahrt aufgenommen und an Zugkraft gewonnen.

Vorher hatte es nur einen für Außenstehende eher "esoterischen" Austausch gegeben zwischen Leuten wie Albert Einstein, Alexander Friedmann, Georges Lemaître und Edwin Hubble zu diesen Fragen. Er zieht wissenschaftsgeschichtlich heute größtes Interesse auf sich, blieb aber zu seiner Zeit noch gänzlich ohne Auswirkungen auf die Mehrheitsmeinungen der Wissenschaftler. Als Zwischenschritt hatte es dann außerdem noch die Steady-State-Theorie von Fred Hoyle gegeben (Wiki), gegen die Georges Lemaître noch kurz vor Ende seines Lebens in einem Interview aus dem Jahr 1964 - wie wir finden überzeugend - anargumentierte (18). 

Auch aus diesem Interview geht deutlich genug hervor, daß seine Sichtweise damals noch eine Minderheitenmeinung innerhalb der Wissenschaft darstellte. Herrlich, Wissenschaftsgeschichte ist so herrlich. Wie überzeugend argumentiert - aus heutiger Sicht - Lemaître (18). Und doch hat er zu Lebzeiten nur vergleichsweise wenig Anerkennung gefunden für seine bahnbrechenden Sichtweisen. Und erst Thomas Hertog hat viele gute Kenntnisse rund um das Leben und Denken von Georges Lemaître einer allgemeineren Öffentlichkeit zugänglich gemacht (20).

Interview mit Mitch Jeserich April 2023

Hertog sagt über den Stephen Hawking Ende der 1990er Jahre (Jeserich; um 6:40):

Hawking war, glaube ich, einer der ersten Kosmologen, der sich bewußt machte, daß es sehr ernste Probleme gäbe mit der Idee, daß es mehr als ein Universum geben sollte. Was sollten wir darüber denken? Uns fehlte etwas. Und das war das erste Gespräch ...,

sprich der Inhalt des ersten Gespräches, das Hertog mit Hawking 1998 führte. Und auf die Frage, wie man in der Wissenschaft über diese Frage heute, zwanzig Jahre später denkt (Int. m. Jeserich):

Ich glaube, es ist bewußt geworden, daß hier ein ernstes Problem besteht, daß die Theorie des Multiversums nicht überprüfbar ist, weil es zunächst einmal keine ehrgeizigen Voraussagen macht.

Und er sagt, daß er glaubt, daß sein Buch einer der ersten Versuche ist, dieses Problem zu lösen:

Es ist auch eine sehr überraschende Lösung. Niemand hat das erwartet. Es ist ein bisschen eine Detektivgeschichte. Wir haben nicht gewußt, wo uns all das hinführen würde.

Ja, genau so will es einem erscheinen. Die kosmologische Theorie-Geschichte gibt einem ein Gespür dafür, daß es hier nicht willkürliche Paradigmenwechsel gibt, sondern die Wissenschaftler Stück für Stück, Schritt für Schritt näher - sozusagen - an den Busen der Natur geführt werden und ein Verständnis für die Natur entwickeln. Die Natur drängelt nicht. Aber durch ihr - quasi anziehendes, Interesse weckendes - Vorhandensein gibt sie der Lebendigkeit des Forschens ständig neue Nahrung. 

Royal Institution-Vortrag, veröffentlicht April 2023

In der Oper "Parsifal" von Richard Wagner aus dem Jahr 1882 spielt die 1. Szene des 1. Aktes in einem Wald in der Nähe der Gralsburg. Am Ende dieser Anfangsszene nähert Parsifal sich der Gralsburg:

(Parsifal:)
Ich schreite kaum,
doch wähn' ich mich schon weit.
(Gurnemanz:)
Du siehst, mein Sohn,
zum Raum wird hier die Zeit.  

Dieses Zitat benutzt Hertog in seinem Vortrag bei der Royal Society, um das Verschwinden der Zeitdimension zu erläutern, das die Physiker feststellen, wenn sie an den Anfang des Urknalls zurück gehen. (Man kann das Zitat einfach so stehen lassen und muß Richard Wagner nicht gleich zum Superphilosophen erklären, nur weil hier ein Wort einmal zu modernen Forschungen passen könnte.)

Im Fragen- und Antwort-Teil seines Vortrages bei der Royal-Society macht Hertog ab Minute 15:00 noch einmal etwas klar, was einem beim Lesen des Buches selbst am meisten verwirrt hatte: Wenn Stephen Hawking am Ende seines Lebens die Menschheit wieder zurück ins Zentrum der Betrachtung rücken wollte, war damit nicht gemeint, daß unsere Beobachtung des Universums das Universum erst zu dem macht, was es ist. Es bedarf auf der Quantenebene keines menschlichen Beobachters, damit durch "Beobachtung" der nicht festgelegte Ort oder Weg eines Quantums oder Elektrons nun doch festgelegt ist. Es reicht für einen solchen Akt der "Beobachtung" auch schon ein Photon, es reicht dafür also eine Interaktion der Quanten-Teilchen untereinander, die die Festlegung vornimmt. 

Mit der Aussage, daß die Menschheit wieder ins Zentrum der Betrachtung gerückt wird, ist vielmehr der Perspektivwechsel bei der Erforschung des Urknalls gemeint. Es ist damit gemeint, daß nicht mehr eine Position außerhalb des Universums eingenommen wird, die unabänderliche ewige Gesetze erkennen oder entdecken will, die das Universum entstehen ließen und die es zu dem machten, was es ist, und die quasi den "Multiversum-Rummel" mit sich brachten. Sondern es ist damit gemeint, daß wir - wie Darwin - aus einer Position innerhalb des Universums versuchen, das Gewordensein der physikalischen Gesetze des Universums zu verstehen, zu rekonstruieren, und zwar ebenfalls als eine Art darwinischen, also evolutionären Prozeß. Und immer mehr Physiker sehen, daß es physikalisch (nicht weltanschaulich und philosophisch) Sinn macht, so an die Dinge heranzugehen.

Die Vielwelten-Deutung der Quantenphysik

Und somit bliebe also das Mysterium. Es war diese eine Quantenfluktuation, die uns hervorgebracht hat. Und das Aufregende des Geschehens wird bei dieser neuen Deutung durch Hertog nicht vermindert, sondern vielleicht sogar erhöht. 

Daß diese Quantenfluktuation von vornherein "sinnlos" wäre - wie uns Steven Weinberg vor Jahrzehnten in einem berühmten Diktum hatte weismachen wollen, ist demgegenüber eigentlich eher vermessen. Wer bestimmt, was sinnlos ist und was nicht? Ein Physiker hat gar kein Recht, als solcher dazu eine Aussage zu treffen. Jedenfalls kann er sie überhaupt nicht aus der Physik ableiten. Im Rahmen der Physik selbst bleibt nur allein übrig - dieses Staunen, daß aus einem augenscheinlichen Zufallsereignis eine solche Fülle an Komplexität hervor gehen konnte.

Abb. 6: Der US-amerikanische Hugh Everett III. (Tw) um 1960 - Er betreute eine von Milliarden möglichen Menschenwelten, die verwirklicht wurde (seine Tochter) und dachte dabei über die Milliarden von möglichen Universen nach im Angesicht des einen, uns bekannten, verwirklichten

Und wenn wir nun an der Grenze zur Philosophie weiter nachdenken, so erkennen wir: In der Theorie komplexer Systeme, die etwa Manfred Eigen erläutert ("Das Spiel"), sind die Naturgesetze jeweils als Rahmenbedingungen schon vorgegeben, innerhalb denen der Zufall "irgendwann", das heißt spontan - aber aufgrund der vorgegebenen Naturgesetze - und damit irgendwie zugleich auch zwangsläufig neue Komplexität hervorbringt.

Wie ist die Situation aber zu denken in einem Bereich zwischen Nichts und Sein, in der sich die Naturgesetze erst - mit dem Sein zusammen - formen und herausbilden? Hat hier wirklich nur der Zufall das letzte Wort? Während an allen anderen Phasenübergängen schon vorgegebene Naturgesetze festlegen, was am Ende heraus kommt (nur nicht genau Zeit und Ort des Ursprungs der Herauskristallisation der neuen Komplexität)?

Nun gut, trotz der Milliarden von Möglichkeiten innerhalb unseres Universums, daß lebensfreundliche Umwelten auf Planeten grundsätzlich entstehen könnten und dann auch noch Leben entstehen könnte, könnte die Verwirklichung dennoch nur vergleichsweise selten zustande gekommen sein. So daß auch dieser Phasenübergang nahe an ein völliges Zufallsereignis heran reichen könnte. 

Aber um so größer der Bereich der nicht verwirklichten Möglichkeiten ist, innerhalb dessen dann - dennoch - Komplexität geradezu nur als "Zufall" verwirklicht ist (z.B. hier auf unserer Erde), als um so mehr "feinabgestimmt" (fine-tuned) muß dann ja dennoch hinwiederum auch unser Universum verstanden werden.

Einheit in der Zeit - Über Milliarden von Jahren hinweg?

Was uns künftig am meisten interessiert: Wie steht die Quantenfluktuation, die vor 12 Milliarden Jahren das Universum entstehen ließ, in Verbindung mit jenem Ereignis, das auf unserer Erde vor etwa 4 Milliarden Jahren Leben entstehen ließ und jenem Ereignis, das vor etwa 300.000 Jahren in Ostafrika bewußtes Leben entstehen ließ und jenem Ereignis, das vor 12.000 Jahren komplexe menschliche Gesellschaften entstehen ließ und vor 2500 Jahren Wissenschaft und Philosophie im heutigen Sinne entstehen ließ?

"Erhaben" über Raum und Zeit

Schon daß in den ersten Bruchteilen einer Sekunde der Geschichte unseres Universum so viel Entscheidendes für das ganze spätere Universum geschah, daß sich in ihnen die Gesetze der Physik entwickelten, entfalteten (was im Hertog-Interview mit Jeserich noch einmal gut bewußt gemacht wird), macht klar, daß der Zeitraum, den ein Ereignis für sich beansprucht, nichts über die Bedeutung dieses Ereignisses aussagt. Dasselbe dürfte übrigens für den Raum gelten. Auch der Ort, an dem sich ein Ereignis abspielt und die Ausdehnung des Raumes, innerhalb dessen sich ein Ereignis abspielt, müssen nichts aussagen über die Bedeutung des jeweiligen Ereignisses. 

Auf kleinstem Raum kann Bedeutendstes geschehen. Und in Räumen größtmöglicher Ausdehnung, in Zeiträumen größtmöglicher Dauer braucht sich umgekehrt gegebenenfalls nur vergleichsweise Unbedeutendes ereignen. Viele Millionen von Jahre lang mögen die großen Ozeane der Erde an ihre jeweiligen Küsten gespült sein, ohne daß in diesen Jahrmillionen von Jahren besonders Bedeutendes geschehen zu sein brauchte. 

Und andererseits hinwiederum: Orte, die über Milliarden von Lichtjahren voneinander entfernt sind, und Zeitpunkte, die über Milliarden von Jahren voneinander entfernt liegen, können in einem engeren Zusammenhang miteinander stehen als einem das auf den ersten Blick naheliegend erscheinen muß.

Abb. 7: Ostern 2023 in Rewahl in Pommern an der Ostsee

Von Seiten naturwissenschaftsnaher Philosophie, die zugleich eine nichtrationale Seite der Wirklichkeit als dem Menschen erlebbar deutet (14), wird dazu gesagt: Das Göttliche ist erhaben über Raum und Zeit (14). Es gibt einem Ereignis nicht deshalb Bedeutung, weil dieses etwa große Ausdehnung oder lange zeitliche Dauer aufweisen würde. Das mag sich auch der einzelne Mensch selbst bewußt machen, der nur eine winzige Minute Lebenszeit sein eigen nennen kann gemessen an den Zeitdimensionen des Kosmos oder auch nur der Existenz unseres Planeten innerhalb desselben. Und dennoch muß diese "winzig kurze" Lebenszeit nicht das entscheidende Kriterium sein, anhand deren man die etwaige Bedeutung oder eine etwaige Bedeutungslosigkeit dieser Lebenszeit würde festmachen können.

Das gilt auch für unsere Zeitepoche. Erst seit hundert Jahren lernen wir die Geschichte des Universums kennen. Wie außerordentlich besonders sind also diese letzten hundert Jahre im Angesicht der Jahrtausende, in der die Menschheit von dieser Geschichte des Universums nichts wußte. Und in denen sie höchstens mit dem Mythos vom Urei dieser Geschichte schon intuitiv am nächsten gekommen war (unter allen Schöpfungsmythen, die wir kennen) (Studgen2022).

Mehr noch stellt sich uns die Frage: Stellt womöglich doch das Quantenvakuum - traditionellerweise "Äther" genannt (1, S. 195) - diese Einheit in allem Geschehen in Raum und Zeit wieder her so wie das von Seiten der Philosophie schon in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts angenommen worden war (14)? Uns scheinen die Theoretischen Physiker von dieser Erkenntnis nicht mehr gar zu weit entfernt zu sein, wenn wir sie bei ihren Gedankengängen beobachten und wenn wir diese nachzuvollziehen versuchen (1-10).

Everett und Niels Bohr

Wenn von der "Kopenhagener Deutung der Quantenphsik" die Rede ist, wird übrigens meisten vor allem von Niels Bohr gesprochen. Bei diesem stieß das ganze Konzept von Everett auf völliges Unverständnis. Einer seiner Mitarbeiter berichtete darüber einmal (Wiki):

"Als er uns vor mehr als 12 Jahren in Kopenhagen besuchte, um die hoffnungslos falschen Ideen zu verkaufen, die zu entwickeln er in höchst unweiser  Art von Wheeler ermutigt worden war, konnten weder ich noch sogar Niels Bohr irgend eine Geduld ihm gegenüber aufbringen. Er war unbeschreiblich dumm und konnte nicht die einfachsten Dinge in der Quantenmechanik verstehen."
Léon Rosenfeld, a close collaborator of Bohr, said "With regard to Everett neither I nor even Niels Bohr could have any patience with him, when he visited us in Copenhagen more than 12 years ago in order to sell the hopelessly wrong ideas he had been encouraged, most unwisely, by Wheeler to develop. He was undescribably stupid and could not understand the simplest things in quantum mechanics."

Umgekehrt war für den jungen Everett diese Begegnung "die Hölle, von Anfang an dem Untergang geweiht". Diese mangelnde Anerkennung scheint auch der Hauptgrund dafür gewesen zu sein, daß sich Everett in der Folgezeit aus der physikalischen Grundlagenforschung ganz zurück zog.

Angesichts dieses Unverständnisses von Seiten von Niels Bohr fragt man sich, was eigentlich Werner Heisenberg dazu gesagt hat oder gesagt hätte? War er nicht doch deutlich offener als Niels Bohr bei der physikalischen und philosophischen Deutung der Quantentheorie? Über seinen wichtigsten Schüler und Mitarbeiter Carl Friedrich von Weizsäcker erfahren wir (Wiki):

Weizsäcker erkennt an, daß der Everett'sche Ansatz der einzige unter den üblichen Alternativen sei, der "nicht hinter das schon von der Quantentheorie erreichte Verständnis zurück-, sondern vorwärts über sie hinausstrebt".

Aus heutiger Sicht sicherlich ein schöner Satz. Stephen Hawking hat noch kurz vor seinem Tod im November 2017 auf seiner Facebook-Seite geschrieben (Fb):

In meiner Doktorarbeit zeigte ich, daß das Universum nach Einsteins Relativitätstheorie einen Ursprung gehabt haben muß. Aber die Relativitätstheorie sagte nichts darüber, wie das Universum entstanden ist. Seit dieser Zeit war meine Forschung im Kern darauf gerichtet, ein besseres Verständnis der Entstehung des Universums zu erlangen. Ich freue mich, auf einen neuen Film hinweisen zu können, der das Modell, das ich über die Jahre entwickelt habe, anfangs mit James Hartle und später mit Thomas Hertog und anderen erklärt. In "Before the Big Bang 5: The No Boundary Proposal" führen Jim, Thomas und ich Sie durch unseren "Ohne-Grenzen-Vorschlag" für den Quanten-Ursprung des Universums und zeigen, wie es einige der tiefsten Mysterien des Universums erklären kann. Der Film ist frei zugänglich und Teil einer Serie, die von dem Youtuber skydivephil entwickelt wurde, um Modelle zu erkunden, die miteinander im Wettbewerb stehen bei der Erforschung des frühen Universums. Wir hoffen, daß Sie es teilen und Freude daran haben. 
In my doctoral thesis I showed that, according to Einstein’s theory of relativity, the universe must have had a beginning. But the theory of relativity did not say how the universe had begun. Since then, a key focus of my research has been to better understand the origin of the universe. I am pleased to present a new film which explains the model I developed over the years, initially with James Hartle and then later with Thomas Hertog and others. In "Before the Big Bang 5: The No Boundary Proposal", Jim, Thomas and I guide you through our No Boundary Proposal for the quantum origin of the universe and reveal how it can explain some of the universe's deepest mysteries. The film is free to view and part of a series developed by Youtuber skydivephil to explore competing models of the early universe. We hope you share and enjoy. 

Allerdings muß der Autor dieser Zeilen gestehen, daß ihm dieser Film (15) bei einem ersten Anschauen unverständlich geblieben war. Aber immerhin kann man alle drei genannten Wissenschaftler in diesem Film über ihre Theorie reden hören. 

Die menschliche Seite

Hertog beschreibt auch wie er den ersten Vortrag von Stephen Hawking im Januar 1998 in Cambridge erlebte. Er schreibt über Stephen Hawking (1, S. 289):

Seine bloße Anwesenheit hier in mitten seiner Kollegen in seinem wissenschaftlichen Hauptquartier enthüllte eine ganz neue Dimension seiner Persönlichkeit. Obwohl sich Stephen kaum bewegen konnte, sprühte er vor Leben. Er war eindeutig beliebt und das Epizentrum seiner Gravitationsgruppe; er lächelte und kommunizierte mit den Menschen rund um ihn herum auf vielfältige subtile Weisen, die ich nicht entschlüsseln konnte. Die ganze Szene strahlte freundschaftliche Verbundenheit und Freude aus. Ich kam mir vor, als würde ich in den Kreis einer erweiterten Familienparty eindringen. Das Motto der Party lautete: das Ende der Raumzeit wie wir sie kennen.

Und man kann auch noch James (Jim) Hartle zuhören, was er über seine Zusammenarbeit mit Stephen Hawking 2017 festgehalten hat (16):

Die Arbeit mit Stephen (...) führte zu unzähligen genaueren Berechnungen, viele davon unternommen zusammen mit Thomas Hertog und Stephen, und zwar dessen, was die Beobachtungen des Universums auf den größten Skalen von Raum und Zeit voraussagen könnte. Aber sie motivierte auch eine neue Sichtweise darüber, wie die bisherige Lehrbuch-Quantenmechanik so generalisiert werden könnte, daß sie zur Kosmologie paßte - dekohärente Geschichten der Quantentheorie im Besonderen. (...) Mit Stephen zusammen zu arbeiten, holt das Beste aus dir heraus. (...) Ich glaube, daß ich das Beste geleistet habe, was ich mit meinen Begabungen unter den Umständen, die mir gegeben waren, zu leisten fähig war. Aber ich glaube nicht, daß ich noch nicht einmal das geschafft hätte, wenn ich nicht mit Stephen zusammen gearbeitet hätte.
The work with Stephen on the no-boundary wave function of the universe led to numerous specific calculations, many with Thomas Hertog and Stephen, of what it predicts for our observations of the universe on the largest scales of space and time. But it also motivated a new vision formulated with Murray Gell-Mann of how how usual text-book quantum mechanics can be generalized to apply to cosmology - decoherent histories quantum theory in particular. (...) Working with Stephen brings out the best in you. (...)  I think that I did the best that I could have done with the talents and circumstances that I had. But I don’t think I could have done even that without working with Stephen.

Wahrlich ein hinreißendes Kompliment an einen anderen Wissenschaftler, fast eine Liebeserklärung an den Wissenschaftler Stephen Hawking - von Seiten eines seiner engsten Mitarbeiter seit 1972. Damit sei die Auseinandersetzung mit diesem Buch zunächst einmal abgeschlossen.***) ****)

Ergänzung 30.4.23: Hertog zitiert in einem neu zugänglich gewordenen Vortrag, den er in Amsterdam gehalten hat, zunächst Hawking mit den Worten (19; Minute 39'50): "Ich war niemals ein Fan des Multiversums". Und Hertog setzt dann fort:

So wie Darwin nicht Millionen anderer Planeten brauchte, um heraus zu bekommen, wie er Biologie auf der Erde betreiben sollte, so brauchen auch wir - mit dieser Quanten-Sichtweise der Kosmologie - nicht Millionen anderer Universen, um herauszubekommen, wie Kosmologie in diesem Universum betrieben werden sollte. 


____________

*) Es ist ein einigermaßen mühsames Geschäft, über das Thema des vorliegenden Beitrages zu schreiben. Warum nicht einmal unseren neuen Mitarbeiter ChatGPT zu diesem Thema befragen? Frage: "Erläutere die finale Theorie von Stephen Hawking, die er gemeinsam mit Thomas Hertog ausgearbeitet hat." Antwort:

"Stephen Hawking und Thomas Hertog haben in den letzten Jahren an einer finalen Theorie gearbeitet, die die Unvereinbarkeit der allgemeinen Relativitätstheorie und der Quantenmechanik lösen soll. Die finalen Theorie, auch als Top-Down-Kosmologie bezeichnet, basiert auf dem Konzept der holographischen Prinzipien und besagt, dass unser Universum ein holographisches Bild einer höherdimensionalen Realität ist. Das holographische Prinzip besagt, dass alle Informationen, die in einem Raum enthalten sind, auf seiner Oberfläche oder Grenze codiert sind."

Zum Glück haben wir uns ja mit dem Thema schon intensiv beschäftigt. Und uns fehlt an dieser Stelle die Bezugnahme dazu, daß das holographische Prinzip vor allem zur Erforschung der Grenze Schwarzer Löcher angewendet wird und daß es - dementsprechend und davon abgeleitet - auch angewendet wird zur Forschung jener "Grenze" des Raumes unseres Universums, die in der Singulairtät im Nichts, wenn wir die Geschichte des Raumes dieses Universums zurück verfolgen. Daß das für das Volumen jeden Raumes gelten soll, ist uns neu. Und es wird auch von Thomas Hertog ausdrücklich bestritten (Yt) (19, Minute 42:59ff) ("Thinking about the universe in terms of a hologram becomes completly irrelevant in ordinary circumstances ....") Schon interessant, daß ChatGPT auch Irrtümer ziemlich selbstbewußt zu vertreten scheint! - Aber gut, hören wir ihm weiter zu: 

"Mit anderen Worten, das Volumen eines Raums ist nicht so wichtig wie die Informationen auf seiner Grenze. Diese Idee führt zu der Vorstellung, dass das Universum, wie wir es kennen, tatsächlich nur eine Darstellung einer höherdimensionalen Wirklichkeit ist.
Hawking und Hertog argumentierten, dass die Anwendung des holographischen Prinzips auf die Kosmologie es möglich macht, die Unvereinbarkeit der allgemeinen Relativitätstheorie und der Quantenmechanik zu lösen. Sie stellten fest, dass unser Universum im Laufe der Zeit in eine höherdimensionale Phase übergehen wird und dass diese höherdimensionale Phase das holographische Bild der niedrigeren Dimensionen beinhaltet."

Von dem Inhalt des letzten Satzes habe ich bei Hertog wiederum noch nie etwas gelesen oder gehört. Mag mein Fehler sein. Aber - wie gesagt - ChatGPT äußert manchmal sehr selbstbewußt Irrtümer. Nun gut, weiter: 

"Die finale Theorie besagt, dass das Universum keine einzigartige Anfangsbedingung hatte, sondern dass es sich aus einer Vielzahl von möglichen Anfangszuständen entwickelt hat. Das bedeutet, dass unser Universum nur eines von vielen möglichen Universen ist, die aus demselben Ursprungszustand hervorgehen. Diese Idee wird als Multiversum-Theorie bezeichnet.
Die Arbeit von Hawking und Hertog ist noch nicht vollständig abgeschlossen, aber sie bietet eine vielversprechende Möglichkeit, die fundamentalen Fragen der Kosmologie und der Physik zu beantworten. Es bleibt abzuwarten, wie sich ihre finale Theorie in Zukunft weiterentwickeln wird und welche Auswirkungen sie auf unser Verständnis des Universums haben wird."
Hier wird nicht darauf hingewiesen, daß Hawking und Hertog ihre finale Theorie erarbeitet haben ja gerade auch aus Kritik an der Multiversum-Theorie heraus und in Zurückweisung derselben (19). ChatGPT drückt sich hier - unseres Erachtens nach - zumindest mißverständlich aus. Eines ist klar: ChatGPT ist ein "schlaues Bürschchen", in diesem Fall viel schlauer und aktueller als das gegenwärtige Wikipedia. 
**) Dazu seien gleich noch zwei Gedanken von uns selbst ergänzt: 1. Man kann vermutlich - mit Simon Conway Morris - zusätzlich noch sagen, daß diese Gesetze und Prinzipien dem Universum schon irgendwie als Möglichkeit "inhärent" gewesen sein müssen (Stgen2017). Aber das sei hier nur am Rande als zusätzlicher Gedanke erwähnt. Der natürlich auch für die Theorien und Gedanken von Hertog Folgen haben könnte! - Und 2. noch ein Gedanke: Als Watson und Crick die chemische Struktur der DNA entschlüsselt hatten, die Doppel-Helix, war der von Niels Bohr kommende Biophysiker Max Delbrück sehr enttäuscht. Er war von der Physik in die Biologie gewechselt, um in der Biologie ähnlich geheimnisvolle grundlegende Prinzipien wie in der Quantenwelt zu entdecken. Vielleicht macht insbesondere auch ein solcher Umstand aufmerksam darauf, daß biologische Strukturprinzipien etwas "Gewordenes" sind, und zwar auch etwas, das seinem Wesen nach gar nicht besonders leicht zuzuordnen war, bevor es der Mensch nicht auf der grundlegenden chemischen Ebene verstanden hatte. 
***) Die unermüdliche Sabine Hossenfelder, die über die Hawking-Strahlung promoviert hatte, hatte übrigens schon 2018 einen Vortrag von Hertog gehört und mit ihm danach über diesen auch gesprochen und danach geschrieben: "Stephen Hawking's 'Letzte Theorie' ist nicht bahnbrechend" (BackReaktion2018, s.a. Tw). Da sie eine große Reichweite hat, kann es sinnvoll sein, diesen Umstand zu erwähnen. Man darf gespannt sein, ob sie zu dem neuen Buch von Hertog demnächst auch noch einmal ausführlicher Stellung nehmen wird und wie sie das dann tun wird. Vorläufig möchten wir als unseren Eindruck insgesamt zu ihr festhalten, daß sie uns der Typ von Mensch zu sein scheint, der dann, wenn alle begeistert ausrufen: Wow, das Glas ist ja halb voll, enttäuscht ausruft: Nein, das Glas ja nur halb voll. Aber das sei hier nur in aller Vorläufigkeit als Eindruck festgehalten.
****) Hertog widmet in seinem Buch fast ein ganzes Kapitel der Philosophin Hanna Arendt. Die Frage, ob ausgerechnet sie geeignet ist, Philosophie mit moderner kosmologischer Forschung zu konfrontieren (und umgekehrt), wird unseres Erachtens zurecht gestellt (z.B. von Robert P. Crease in Nature, 10.4.23). Allerdings werden wir erneut durch einen Vortrag von Hertog davon zum ersten mal überzeugt, daß Hannah Arendt tatsächlich etwas gesagt hat, was in diesem Zusammenhang relevant ist (siehe 19; Minute 51:30).

______________

  1. Hertog, Thomas: On the Origin of Time - Stephen Hawking's final theory. 2022; Deutsch: Der Ursprung der Zeit - Mein Weg mit Stephen Hawking zu einer neuen Theorie des Universums Stephen Hawkings finale Theorie, 2023, Leseprobe: https://www.book2look.com/book/9783103900163 
  2. Hertog, Thomas: Stephen Hawking's final theorem. In: New Scientist, 20.3.2023, https://www.newscientist.com/article/mg25734310-200-stephen-hawkings-final-theorem-turns-time-and-causality-inside-out/ 
  3. Thomas Hertog explains his research about the origine of the Universe, 2018, https://youtu.be/vrOb9h6W02E.
  4. Hertog, Thomas: A Page-like Transition in Quantum Cosmology. Vortrag am Institute for Advanced Study, Princeton, 8.12.2021https://youtu.be/YsaDGMjVAdQ
  5. Thomas Hertog: On the Origin of Time. Votrag auf dem Cambridge Festival, 31.3.2023https://www.youtube.com/live/oyyOYjssJ6Y?feature=share.
  6. Thomas Hertog - Im Interview mit Michael Shermer, 1.4.2023, https://youtu.be/MGzt0Mnvb0k.
  7. Thomas Hertog - Im Interview mit Mitch Jeserich. Videokanal "Letters and Politics", 11.4.2023, https://youtu.be/YoPl2fefnk0.
  8. Thomas Hertog - Im Interview mit Robert Lawrence Kuhn (geb. 1944) (Wiki), Videokanal "Closer to Truth", 15.4.2023, https://youtu.be/XXxcjJHqDOg.   
  9. Hertog, Thomas: Universe or Multiverse? Videokanal von Nenad Šešo, 18.4.2023, Part I, https://youtu.be/psIUCXvfW9Y,  Part II, https://youtu.be/Y55Di6tVRlw.
  10. Thomas Hertog - On the Origin of Time. Vortrag. "The Royal Institution", 20.4.2023, https://youtu.be/fY3MbKNNG8o; Q&A: On the origin of time - Thomas Hertog. The Royal Institution, 14.4.2023, https://youtu.be/dGIw2Dup3sg
  11. Freistätter, Florian: Das holografische Universum. Podcast, 20.4.23, https://www.spektrum.de/podcast/das-holografische-universum/2121042
  12. Ulf von Rauchhaupt: Lieber viele Welten als ein würfelnder Gott, FAZ 2012
  13. H. D. Zeh: Wozu braucht man "Viele Welten" in der Quantentheorie? Versuch einer Darstellung auch für interessierte Nicht-Physiker. Sep 2007, zuletzt revidiert Okt 2009, https://www.oebv.at/digitales-zusatzmaterial/wozu-braucht-man-viele-welten-in-der-quantentheorie
  14. Ludendorff, Mathilde: Schöpfungsgeschichte. 1923
  15. Before the Big Bang 5: The No Boundary Proposal, 7.11.2017https://youtu.be/Ry_pILPr7B8.
  16. Hartle, James: Working with Stephen. 2017 (pdf
  17. Hartle, James: Stephen Hawking (1942-2018) - Towards a Complete Understanding of the Universe.
  18. Georges Lemaître zur Urknall-Theorie im Jahr 1964, https://youtu.be/O4toGaR1CuI.
  19. Thomas Hertog - On the Origin of Time. Vortrag in Amsterdam "Science & Cocktails", 26.4.2023https://youtu.be/gWIsDU8Fcpg
  20. Thomas Hertog in "Birth of the Big Bang Theory - Georges Lemaitre, pioneer researcher of KU Leuven", KU Leuven, 13.10.2021https://youtu.be/2E-h2kOnGLY.

Sonntag, 10. Juli 2016

Ist die biologische Evolution zu Ende?

Ausgangsbedingungen, Ablauf und Ende der biologischen Evolution
- Sind sie "bedingt" durch ein Ziel?

Abb. 1: Brauner Mausmaki (Microcebus rufus), Madagaskar
(Fotograf: Alex Dunkel)

Der britische Paläontologe Simon Conway Morris (geb. 1951) hat 2013 einen Aufsatz herausgebracht (1), in dem sehr grundlegende, neue Gedankengänge über die biologische Evolution der Arten auf unserer Erde enthalten sind. In diesem Aufsatz arbeitet er auf so etwas hinaus wie eine Erweiterung des "Anthropischen Prinzips" der Astrophysik und Kosmologie (Wiki) auf die Biologie.

Dabei werden viele neue Gedanken erörtert, etwa der Gedanke der Inhärenz, insbesondere aber der Gedanke, wonach die biologische Evolution die Grenzen der erreichbaren Komplexität im Wesentlichen auch schon erreicht habe. Und diese Gedanken werden aus der breiten Auseinandersetzung mit der neuesten Forschungsliteratur abgeleitet.

Zu dem Gedanken, daß die biologische Evolution auf der Erde zu Ende sein könnte, kündigte Simon Conway Morris schon im September 2013 eine wissenschaftliche Konferenz in Cambridge an für das Folgejahr unter dem Titel "Gibt es Grenzen für die Evolution?" ("Are there limits to evolution?") (MoL 9/2013). Sie hat im September 2014 stattgefunden (MoL 10/2014). Viele Tagungsbeiträge erschienen im Dezember 2015 in einem Themenheft der Zeitschrift "Interface Focus" (2). Zwischenzeitlich war das Thema im August 2015 im "Journal of Theoretical Biology" (3) aufgegriffen worden.

Das heißt also, die Anfangsbedingungen des Universums, die Feinabstimmung seiner Naturkonstanten, sowie die physikalischen, chemischen und biochemischen Beschaffenheiten, die sich später und eher zufällig und sehr speziell hier bei uns auf der Erde ergeben haben, schränken laut dieses Gedankens sehr stark ein,

  1. was evolvieren kann in diesem Universum,
  2. wie es evolvieren kann und
  3. wie weit es evolvieren kann.

Conway Morris arbeitet darauf hinaus, daß diese Dinge schon sehr früh in der Evolution festgelegt sind in sehr einfachen Organismen (er nennt das "Inhärenz", die er an einer Stelle auch als "Homunculus-artig" bezeichnet). Er arbeitet darauf hinaus aufzuzeigen, daß der Ablauf der Evolution mit diesen frühen Anfangsbedingungen ziemlich stark vorgegeben ist und gar nicht so viel anders ablaufen könnte, wenn sie noch einmal ablaufen würde irgendwo anders im Universum. Am Wesentlichsten aber ist - und am Neuesten von allem, was er sagt -, daß die Evolution vermutlich auch nicht mehr weiter gehen kann als sie bis heute fortgegangen ist, daß sie alles das an Komplexität, was sie erreichen kann - vor allem das Großhirn des Menschen, aber auch aufzeigbar an vielen anderen Bereichen - auch schon erreicht hat. Auf diesen letzteren zentralen Gedanken werden wir uns im folgenden fokussieren, wenn wir auch zugleich beschreiben wollen, wie Conway Morris ihn in seine übrigen gedanklichen Auseinandersetzungen einfügt.

Denn auch das Prinzip der Inhärenz sagt ja - so wie das schon zuvor von Conway Morris in das grundlegende biologische Denken eingeführte Prinzip der Konvergenz -, daß es so etwas wie "Voraussicht" gibt in der Evolution, so etwas wie Zielgerichtetheit, daß schon sehr früh festgelegt ist, was sich erst später mit Hilfe des früh Festgelegten entfaltet und entfalten kann.

Aussagen von Seiten der Philosophie ...

Sowohl die astrophysikalischen Forschungen zum Anthropischen Prinzip wie nun Simon Conway Morris können mit solchen Entwicklungen schon fast in der Wortwahl, bzw. in der Formulierung parallelen Entwicklungen in der Philosophie des 20. Jahrhunderts gegenüber gestellt werden und auf inhaltliche Überschneidungen mit ihnen hin überprüft werden (6-8). Ohne daß die Forscher mit hoher Wahrscheinlichkeit sich mit diesen parallelen Entwicklungen in der Philosophie des 20. Jahrhunderts beschäftigt haben werden. "Wie von selbst" also würden sich gegenwärtig in der wissenschaftlichen Forschungsliteratur Überschneidungen mit parallelen, bzw. vorausgehenden grundlegenderen Erkenntnissen und Aussagen in der Philosophie ergeben. So war von Seiten der Philosophie als grundlegender metaphysischer Gedanke zu Entstehung des Weltalls formuliert worden (7, S. 68f):

Im Anfang war der Wille Gottes zur Bewußtheit. Bewußtheit aber bedingt Erscheinung und so war der Wille Gottes, in Erscheinung zu treten.

Und auch die weiteren Stufen der Kosmologie und Evolution sind von Seiten der Philosophie jeweils mit solchen Worten formuliert worden, daß das Schöpfungsziel dieses oder jenes "bedingt". Und da dieses oder jenes "bedingt" wird, um das Schöpfungsziel zu erreichen, tritt es dann in Erscheinung. Aber es tritt immer nur insoweit in Erscheinung, als es vom Schöpfungsziel "bedingt" ist. Es wird also - nach dem hier ausgewerteten philosophischen Entwurf - nichts Überflüssiges geschaffen. Der Zufall, die Freiheit haben ihren Platz in der Evolution. Aber nicht, insoweit die Gesamtrichtung der Entwicklung davon betroffen ist. Hier gibt es keine Willkür. Und selbst in seinen Formulierungen kommt Simon Conway Morris der philosophischen Aussage und der darin enthaltenen Deutung der Kosmologie und Evolution nun nahe, wie wir sehen werden. Es findet sich auf Seiten der Philosophie auch folgende Aussage (7, S. 141):

Die göttliche Erscheinung, welche noch nicht erreichtes Willensziel Gottes ist, aber erfüllt ist vom Schöpfungziele, vermeidet vorzeitige Höchstentfaltung einzelner Anlagen und verbirgt unter der Hülle der Einfachheit die Werkstatt göttlichen Schaffens.

Es wird im folgenden noch zu zeigen sein, wie sehr diese Aussage der Philosophie paßt zu der These von Simon Conway Morris zum Thema "Inhärenz". Auch dieses Prinzip nämlich besagt, daß "unter der Hülle der Einfachheit" - so kann man durchaus sagen: "die Werkstatt göttlichen Schaffens" verborgen ist. Nämlich dahingehend, daß schon den einfachsten Lebewesen Strukturen "inhärent" sind, so Conway Morris, die später die der Evolution mögliche "Höchstentfaltung einzelner Anlagen" erlauben. Höchstentfaltung bis zum Menschen - mehr nicht. Zu der eben zitierten philosophischen Erkenntnis war mit folgendem Gedankengang hingeleitet worden (7):

Schauen wir zurück auf die unübersehbare Fülle von Tieren und Pflanzen, die geworden! Viele Arten scheinen sehr bedeutsam und hochentwickelt und erreichten dennoch nicht Bewußtheit, weil nur ein mattes Nachzittern der schöpferischen Erleuchtung
- gemeint: während der Artwerdung -
in ihnen lebte und ihnen die Wege wies. Und nun suchen wir unter ihnen die wenigen, welche die Träger der großen Schöpfungstufen zur Bewußtheit waren: Die Zellkugel Pandorina, das Zellbläschen Volvox und die schlichte wurmähnliche Spindel: der Amphioxus. Wie einfach und unauffällig, wie unbeachtet und eher verachtet scheinen sie uns unter der Menge der vielgestaltigen Tiere und Pflanzen. Unterscheiden sie sich nicht ganz in dem gleichen Sinne wie jene kindlichsten unter den Kindern, die erwachenden Genialen, sich von all den frühreifen, frühtoten Wunderkindern unterscheiden. (...) Dieser Unterschied ist kein Zufall, sondern er wiederholt sich mit Gesetzmäßigkeit. Es will auch dieser Schöpfungsabschnitt uns noch eine Weisheit künden. (...) Die Schöpfung des vergänglichen Wesens gibt uns ein geheimes Erkennungsmerkmal der Erscheinungen, welche auserwählt sind, Träger der hellsten göttlichen Offenbarung zu werden, denn sie sagt uns: ...
Und nun folgen jene Worte, die zuvor schon zitiert worden waren, nämlich:
Die göttliche Erscheinung, welche noch nicht erreichtes Willensziel Gottes ist, aber erfüllt ist vom Schöpfungziele, vermeidet vorzeitige Höchstentfaltung einzelner Anlagen und verbirgt unter der Hülle der Einfachheit die Werkstatt göttlichen Schaffens.

Und das ist genau der Grundgedanke des von Conway Morris in den Vordergrund gerückten Prinzips Inhärenz.

Aussagen von Seiten der Naturwissenschaft

Im folgenden soll nun der Aufsatz von Conway Morris aus dem Jahr 2013 (1) mehr oder weniger gründlich inhaltlich durchgegangen und referiert werden. Der Aufsatz ist im englischen Originaltext im Internet frei verfügbar (1). Da er aber auch für einen Leser, der englischsprachige wissenschaftliche Texte ansonsten recht flüssig lesen kann, sehr anspruchsvoll zu lesen ist, bzw. mehrmals sehr gründlich durchgegangen werden muß, bis man seinen Grundgedanken und alle seine Verzweigungen voll verstanden und nachvollzogen hat, sollen im folgenden in einem ersten Schritt wichtige Passagen desselben zur leichteren Nachvollziehbarkeit einfach ins Deutsche übersetzt werden. Dabei werden einige biologische Details von unserer Seite noch einmal (zumeist mit Verweis auf Wikipedia-Artikel) erläutert, allerdings nicht alle. Wenn noch Begriffe und Verständnisfragen beim deutschsprachigen Leser offen bleiben, kann auch von unserer Seite nur auf Wikipedia oder ähnliche Wissensquellen verwiesen werden als Auskunftsort, wo man sich weitere Auskünfte verschaffen kann. - In seinem Aufsatz will Conway Morris vier sehr allgemeine Punkte über die Evolution der Arten herausarbeiten.

Als ersten Punkt will Conway Morris in seinem Aufsatz darlegen (1, S. 135), daß 

sich die nachgewiesenermaßen jeweils ursprünglichsten (primitivsten) Repräsentanten einer Organismen-Gruppe in Untersuchungen wiederholt als "unerwartet" komplex heraus stellen. Viele solcher Beispiele sind inzwischen verfügbar, aber am eindrucksvollsten sind unter diesen immer noch die Eukaryoten. 

Eukaryoten sind alle Organismen, deren Zellen einen Zellkern aufweisen, im Gegensatz zu den ursprünglicheren Prokaryoten, die keinen Zellkern aufweisen (siehe: Wikipedia). (Zu den Eukaryoten zählen auch die drei Arten, die auf Seiten der hier herangezogenen philosophischen Entwurfs genannt worden waren: Pandorina, Volvox und Amphioxus, also das Lanzettfischchen.) Damit zusammenhängend will Conway Morris als zweiten Punkt das Thema Inhärenz ("inherency") herausarbeiten. Er schreibt hierüber (1, S. 135):

Zum zweiten gibt es das Phänomen der evolutionären Inhärenz, die Beobachtung, daß vieles von dem, was erforderlich ist für das Entstehen einer komplexen Form schon in einem wesentlich früheren Stadium evolviert ist. Ein gutes Beispiel hierfür ist das Protein Kollagen, lebenswichtig als ein Strukturmolekül in allen Vielzellern. Aber seine Ursprünge liegen nicht nur tiefer in der eukaryotischen Geschichte, sondern in dieser waren seine Funktionen nachgewiesenermaßen auch noch ganz andere. Inhärenz weist darauf hin, daß viel von der späteren Komplexität im Entstehen begriffen ist - geradezu Homunculus-ähnlich - viel tiefer im Artenstammbaum als es allgemein erwartet worden ist.

Das Thema Inhärenz hat er schon zehn Jahre zuvor, 2003, in der Einleitung seines damals erschienenen, bahnbrechenden Buches über die evolutionären Konvergenzen angesprochen (4, S. 5-8). Der hier behandelte Aufsatz von 2013 ist sowieso eigentlich vor allem eine gedankliche Fortsetzung seines Buches von 2003. Das Thema Inhärenz hat Conway Morris dann auch in einem neuen Buch im Jahr 2015 "The Runes of Evolution" (5) behandelt. Als dritten Punkt will Conway Morris im Jahr 2013 herausarbeiten, daß wachsende biologische Komplexität oft auch dann vorliegt, wenn Organismen im Spiel sind, die hierbei in der Regel als "Vereinfachungen" oder "Regressionen" unbeachtet bleiben. Er nennt als Beispiel unter anderem die parasitischen, wurmartigen Rhombozoen (Rautentiere) und Wimperntierchen (Ciliaten), die im Nierentrakt von Kopffüsslern (Cephalopoden) leben.

Da man von diesen als Nichtbiologe in der Regel noch nie etwas gehört haben wird, auch nicht unbedingt als Biologe, sei über diese hier zunächst Wikipedia zitiert (Wiki):

Die Tiere leben in den Exkretionsorganen von Kopffüßern. Sie werden meist als deren Parasiten betrachtet. Da sie durch Ansäuerung ihres Milieus die Ammoniak-Exkretion ihres Wirtes fördern, kann man sie auch als Endosymbionten auffassen. Die Infektionsrate von Cephalopoden mit Rhombozoen ist generell sehr hoch, in vielen Populationen sind beinahe alle Kopffüßer betroffen. In Jungtieren überwiegen dabei in der Regel Nematogene, in älteren Tieren Rhombogene, ohne dass genau bekannt wäre, warum. Die Rhombozoa treten meist nur in einer oder in wenigen nahe verwandten Cephalopoden-Arten auf, sie sind also wirtsspezifisch. Eine einzelne Kopffüßer-Art kann dabei allerdings von mehreren Rhombozoen-Arten infiziert werden. So sind z.B. an der kalifornischen Küste 18 Arten von Rhombozoa bekannt, die acht Kopffüßer-Arten befallen.

Dies hier nur als kurze eingefügte Erläuterung.

Conway Morris nennt diese nun eigentlich nur im Vorübergehen in den folgenden Ausführungen (1, S. 136):

Viele solcher Beispiele wie die Rhombozoen (Rautentiere)/Wimperntierchen-Verbindung mit den Nierenorganen der Kopffüssler (Cephalopoden) oder - als ein alternatives Beispiel - die Bewohner eines Insekten-Mikrobioms - sind in intimer Weise symbiotisch und es kann argumentiert werden, daß sie ebenso komplex sind wie manche bekannteren Systeme.

Es muß später noch einmal genauer hingeschaut werden, warum Conway Morris dieser Gedanke so wichtig ist. Jedenfalls als vierten und letzten Punkt geht es ihm um folgendes (1, S. 136):

Schließlich präsentiere ich Belege dafür, daß biologische Systeme den Grenzen von Komplexität nahe gekommen sind oder sie in einigen Fällen schon erreicht haben. Dies ist belegbar durch Beispiele so unterschiedlich wie die Extremophilen, das Nerven- und Sinnessystem, Enzyme wie Rubisco, komplexe Symbiosen und funktionale Komplexe wie Zähne oder die Tagmatisierung der Gliederfüßler (Arthropoden). 

All diese Beispiele werden im folgenden noch genauer erläutert. Hier sei zum Verständnis des Begriffes Tagmatisierung zunächst nur auf Wikipedia verwiesen (s. Tagmata). Conway Morris schreibt dann weiter:

Das Paradoxon ist, daß obwohl der Evolution die Dinge ausgegangen sind, die sie tun kann, im Falle des Wissens und der Weisheit das genaue Gegenteil der Fall zu sein scheint. Hier haben hinsichtlich der letzteren das Ende der Komplexität noch nicht erreicht.

Conway Morris möchte seinen Aufsatz zunächst lediglich als eine "Tour d'horizon" verstanden wissen hinsichtlich der gegebenen Thematik, also als einen ersten, sichtenden Überblick, aber als einen solchen (1, S. 136),

dessen zentraler Tenor es paradoxerweise ist, nach den Grenzen dessen zu suchen, was möglich ist.

Einige Seiten später benennt Conway Morris seine vier Themen noch einmal kürzer formuliert folgendermaßen (1, S. 141):

a) Wie einfach sind die Ausgangspunkte?, b) Was liegt dem Prozeß inhärent zugrunde?, c) Ist Komplexität irreversibel? und d) Sind äußerste Grenzen für biologische Komplexität vorhanden? In all diesen Fällen schlage ich vor, daß die Antworten nicht jene sind, an die die heutigen Neodarwinisten denken. (...) Ich will eine Reihe empirischer Beobachtungen vortragen, die nahelegen, daß die Möglichkeiten von Komplexität begrenzt sind mit einer paradoxen Ausnahme: uns selbst.

Ist der Hyperraum des biologisch Möglichen ausgeschöpft?

Conway Morris führt dann in Auseinandersetzung mit dem Komplexitätsforscher Chris Lucas aus, daß die Komplexität evolvierender Systeme keineswegs - wie Chris Lucas meint - Vorhersagbarkeit vermissen lasse. Conway Morris bezieht sich dafür natürlich auf die Grundaussage seines Buches aus dem Jahr 2003 und schreibt in Übereinstimmung mit dieser (1, S. 137):

An dieser Stelle ist es wertvoll festzustellen, daß ein gewisser Führer in Richtung Vorhersagbarkeit vorliegt in der Allgegenwärtigkeit evolutionärer Konvergenz. Dies ist ein wichtiger Umstand angesichts der Luca'schen Beobachtung, daß "in jedem komplexen System viele Kombinationen der Teile möglich sind, so viele, daß wir zeigen können, daß die meisten Kombinationen während der gesamten Geschichte des Universums noch kein einziges mal aufgetreten sind". Dieser Gedanke legt nahe, daß zwar im Prinzip der kombinatorische Raum aller biologischen Möglichkeiten immens ist, die Wirklichkeit, die durch evolutionäre Konvergenz aufgedeckt wird, aber jene ist, daß einige, wenn nicht die meisten Kombinationen schon ausprobiert worden sind und sich als solche herausgestellt haben, die nicht geglückt sind (Original: "not found wanting").

Für die Formulierung "not found wanting" kann man auch zahlreiche andere Übersetzungen ins Deutsche wählen, auch solche, die dem Grundgedanken der philosophischen Deutung näher kommen, auf die schon oben Bezug genommen worden war, etwa: "... und sich als solche herausgestellt haben, die nicht vermißt werden". Dieser Umstand mag aufzeigen, daß wir es - typisch für die Texte von Conway Morris - einerseits mit einer durchgehend naturwissenschaftlichen Argumentation zu tun haben, seine Texte aber gleichzeitig als philosophische gelesen werden können. (Auf diesen Umstand wiesen wir schon in unserer Amazon-Rezension zu seinem Buch von 2003 hin, die damals manche Zustimmung gefunden hat.) Conway Morris nimmt also den argumentativen Faden seines Buches aus dem Jahr 2003 wieder auf, der gegen das neodarwinische Paradigma gerichtet war, repräsentiert einstmals durch ebenfalls ans Philosophische streifende Bücher wie Jaques Monod's "Zufall und Notwendigkeit" (1970), später durch Steven Jay Gould's "Zufall Mensch" (1989) (10), und zuletzt auch, wie Conway Morris ausführt, durch "Elsasser's unendliche Zahlen" (1, S. 138),

die voraussetzen, daß jede mögliche Kombination mit gleicher Wahrscheinlichkeit ins Dasein tritt, überleben und sich vermehren kann.

Conway Morris schreibt zu diesen letzteren:

Aber dies ist natürlich extrem unwahrscheinlich. Sei es mit Bezug auf lebensfreundliche Aminosäuren (sowie ihrer Chiralität), sei es mit Bezug auf den genetischen Code oder  in Hinsicht auf Konvergenzen auf dem Gebiet der Enzyme - und das ist erst der Anfang der Geschichte - kann argumentiert werden, daß das Substrat der Möglichkeiten, die vorherbestimmt sind durch die physikochemischen Bedingungen des Universums, sicherstellen, daß praktisch die Gesamtheit des biologischen Möglichkeitenraumes ("biological hyperspace") unbesucht bleiben wird, nicht weil es dafür bisher zu wenig Zeitraum gegeben hat, sondern weil die hypothetischen Alternativen niemals wirklich funktionieren werden.

Mit diesen Fragen hatte sich Conway Morris schon in den ersten grundlegenden Kapiteln seines Buches von 2003 beschäftigt (4). Diese wurden leider in der vorliegenden deutschen Übersetzung seines Buches nicht mit aufgenommen, worauf wir ebenfalls schon in unserer Amazon-Rezension hinwiesen, und was zeigte, daß der Verlag und (oder) der Übersetzer nicht ausrechend Sensibilität hatten für die sehr grundlegende Bedeutung dieser Kapitel für das Gesamtargument des damaligen Buches von Conway Morris.

Exkurs: ... Und warum ist es gerade dieser Feierabend-Blog, der das Thema im deutschsprachigen Raum als erster behandelt?

Bei dieser Gelegenheit fragt man sich übrigens auch, warum wir mit diesem Blogbeitrag die ersten sind, die den hier behandelten Aufsatz und Grundgedanken von Conway Morris aus den Jahren 2013 und 2015 erörtern und ihn dazu zunächst einmal nur in weiten Teilen ins Deutsche übersetzen müssen. Nämlich um den anspruchsvoll zu lesenden englischen Originaltext zu verstehen, und um damit seine Gedanken überhaupt bekannt zu machen und um schließlich in einem letzten Schritt auch eine erste Bewertung und Einordnung derselben vorzunehmen. Was letzteres sowohl naturwissenschaftlich wie natürlich auch philosophisch geschehen kann, bzw. in Bezugnahme zu schon vorliegenden Aussagen der Philosophie.

Sucht man im deutschsprachigen Internet der letzten drei Jahre nach dem Namen Simon Conway Morris, findet man wirklich den einen oder anderen sehr anregenden Aufsatz allgemeinerer Art. Aber in keinem werden die in dem vorliegenden Blogbeitrag enthaltenen Gedanken erörtert. Ist dieser Umstand nicht schade? Spannendste und anspruchsvollste, herausfordernde Erörterungen über Grundfragen der Gesamtdeutung unseres Wissens von der Welt werden - in diesem Fall seit drei Jahren - gar nicht aufgenommen, gar nicht geführt. (Dabei kann sich doch schon einmal die Frage stellen: Sind Erörterungen über Inhalte solcher Aufsätze nicht würdiger der Kultur unseres Abendlandes als Erörterungen sagen wir ... über die Kriminalitätsrate unter Flüchtlingen ....?) - Aber es ist ja nicht das erste mal, daß dieser Feierabend-Blog im deutschsprachigen Raum früher als andere Wissenschaftsautoren Themen aufgreift, die später dann auch noch viele andere Autoren im deutschsprachigen Raum häufiger behandeln werden. So ging es uns ja auch schon - zum Beispiel - mit dem Conway Morris-Buch von 2003.

Unter Berücksichtigung evolutionärer philosophischer Entwürfe des frühen 20. Jahrhunderts, auf die wir schon Bezug genommen hatten, bekommt man vermutlich mitunter noch einen schärferen, präzisionsgenaueren Blick  auf neuere Entwicklungen in der Naturwissenschaft als würde man die Aussagen solcher philosophischer Entwürfe nicht mit in Rechnung stellen bei der Beurteilung der geistigen Entwicklungen unserer Zeit. So jedenfalls möchten wir meinen (- Exkurs-Ende).

Simon Conway Morris jedenfalls schreibt weiter (1, S. 138):

Wenn diese Annahme - daß hypothetische biologische Alternativen nicht funktionieren - sich bestätigen sollte, dann ist das Leben nicht nur extrem fein austariert ("finely poised") zwischen nicht zu verwirklichenden Möglichkeiten, die entweder quasi-kristallin oder chaotisch sind (siehe Macklem, 2008), sondern die Evolution ist gezwungen, entlang der Silberminen der Lebensfähigkeit zu navigieren, welche eine Handvoll Routen definieren über eine ansonsten wüste und tote Landschaft.

Gemeint ist die Landschaft des Hyperraumes der zumindest prinzipiell denkbaren Möglichkeiten, biologische Strukturen zu schaffen:

Wenn, wie ich vermute, das Leben ebenso fein abgestimmt ist ("fine-tuned"), wie der Rest des Universums, dann können die Grenzen für Komplexität besser eingeschätzt werden.

Hier deutet sich an, worauf schon anfangs hingewiesen worden ist. Conway Morris arbeitet hin auf eine Erweiterung des astrophysikalischen Anthropischen Prinzips auf die biologische Evolution.  In früheren Jahren hat Conway Morris in internationalen Projektgruppen sich sehr intensiv mit der Frage beschäftigt, ob es im Universum Alternativen zu der Form komplexen Lebens auf unserer Erde gegen kann und wenn ja, in welcher Form. Siehe zu dieser Fragestellung allgemein Wikipedia (Ausserirdisches Leben, Astrobiologie). Auch aus diesem Blickwinkel heraus wurden seine Gedanken für die vorliegende Thematik geschärft.

Inhärenz - Den "einfachen" evolutionären Anfangsbedingungen und Ausgangspunkten wohnt überraschenderweise die Möglichkeit zu großer Komplexität "inne"

Folgen wir weiter den Ausführungen von Conway Morris. Schwämme bestehen, so führt er aus, aus 15 unterschiedlichen Zelltypen, Menschen aus ungefähr 215 unterschiedlichen Zelltypen (1, S. 139). Conway Morris fragt sich jedoch, ob dieser offensichtliche Unterschied tatsächlich - wie von anderen vorgeschlagen - als ein guter Maßstab für wachsende biologische Komplexität erachtet werden sollte. Er tut dies mithilfe des folgenden Gedankenganges (1, S. 139/140):

Zunächst müssen wir vorsichtigt darin sein, die Komplexität von einigen "primitiven" Organismen zu unterschätzen. In dieser Hinsicht gibt uns der Keulenpolyp (Clava multicornis) eine nützliche Lehre. Denn er zeigt ein "überraschend" komplexes Verhalten. Dieser Umstand wird untermauert durch eine auffallende Polarisation seines Nervensystems und eine Anordnung seiner Sinneszellen und ebenso durch ein "unerwartetes" Ausmaß seiner neuralen Organisation und zellulären Vielfalt. (...) Wenn es um morphologisch so "einfache" Gruppen wie die Schwämme und die Nesseltiere (Cnidaria) geht, dann steht die relativ geringe Anzahl von Zelltypen in einem krassen Gegensatz zu dem Ausmaß ihrer genomischen Komplexität. (...) In Hinsicht auf die Nesseltiere oder zumindest ihrem Modellorganismus, nämlich der Seeanemone Nematostealla, gilt: "viel der genomischen Komplexität hinsichtlich des Geninhalts - und der Genstruktur ist schon in den gemeinsamen Vorfahren aller Eumetazoa vorhanden". Dies schließt das Nervensystem ein, wichtige Komponenten, die nicht nur bei den Schwämmen evolviert sind, sondern sogar weit früher unter den Prä-Metazoen. (...) Das heißt, der molekularen Beschaffenheit der Schwämme und ähnlicher Gruppen von Organismen sind die Potentiale, bzw. Möglichkeiten für komplexere Lebenssysteme innewohnend (inhärent). Aus dieser Sicht ist das Auftreten jener komplexen Nervensysteme, das sich schon in den Planula (einer Larvenform der Nesseltiere) angekündigt hat, sehr wahrscheinlich, wenn nicht sogar unvermeidlich.

Sprich, frühe Ausgangsbedingungen in der Evolution des Organischen bedeuten schon für sich eine große Wahrscheinlichkeit, bzw. Unvermeidlichkeit dahingehend, daß aus ihnen, wenn genügend Zeit zur Verfügung steht, bestimmte andere, komplexere Strukturen evolvieren können. Conway Morris schreibt dann weiter im Hinblick darauf, daß das menschliche Gehirn die bislang komplexeste, bekannte Struktur im Weltall ist (1, S. 140, Hervorhebung nicht im Original):

Es ist immer noch wertvoll daran zu erinnern, daß der spezifische Weg zu Komplexität vor nicht weniger als 1,5 Milliarden Jahren begann. Warum schon damals? Weil damals der Zeitpunkt war, an dem das Sichtbarwerden jener genetischen Komponenten der Pilze und Pflanzen, die wir später im Nervensystem von Tieren finden (Mineta et. al., 2003), als erster Zeitpunkt gewählt werden kann, an dem ein zukünftiges Nervensystem wahrscheinlich wird, wenn nicht sogar sehr wahrscheinlich. Man bemerke ebenfalls, daß Mineta et. al. nicht einfach identifizieren einen sehr allgemeinen Satz von Proteinen in Pilzen und Pflanzen, sondern einen, der in der Folge eine spezifische Verwendung findet in verschiedenen nervlichen Kategorien (wie als Neurotransmitter, Nervendifferenzierung etc.). Es ist unwahrscheinlich, daß Nervensysteme selbst sehr viel älter als 580 Millionen Jahre sind (Pecoits et. al., 2012), Gehirne (oder etwas ihnen nahe Kommendes) folgten nur wenig später (und sicher um 530 Millionen Jahre vor heute). Nachfolgend erfolgte bei den Wirbeltieren ein zumindest vielfaches Anwachsen der Gehirngröße. Aber diese stürmische Encephalisation (anteilige evolutionäre Gewichtzunahme des Gehirns abgeglichen mit dem Körpergewicht) wurde, wie es scheint, erst in effektiver Weise initiiert ungefähr in den letzten 20 Millionen Jahren (derzeitige Daten weisen auf etwa 18 Millionen Jahre für Delphine, etwa 7 Millionen Jahre für Hominiden und vielleicht eine ähnliche Zeit für die Neukaledonienkrähen. (...) Diese Zeiträume erinnern uns daran, daß von einer Perspektive - jener von Nervensystemen - Komplexität lange auf sich hat warten lassen. Aber als das Wachstum an Komplexität Geschwindigkeit aufnahm, geschah dies vielleicht exponentiell und noch eindrucksvoller: mit einer gewissen Synchronizität.
Man kann natürlich unzählige andere Beispiele aus der Biologie wählen und es wäre ein Fehler anzunehmen, daß die Dinge voranschreiten entsprechend eines irgendwie ausgemachten Zeitplanes. Die Photosynthese zum Beispiel datiert zurück ziemlich sicher auf mindestens 3,5 Milliarden Jahre und es ist (...) offensichtlich nicht so, daß der Mechanismus der Photosynthese seit dem Archaikum besonders verbessert worden wäre.

Der Gedanke, daß es - ganz offensichtlich - eine Synchronizität in der Evolution verschiedener Organismengruppen gibt, fehlte uns noch in dem Buch aus dem Jahr 2003. Dabei ist es doch zum Beispiel offensichtlich, daß die Bedecktsamer (Angiospermen) etwa synchron evolvierten mit den Säugetieren und daß beide male - wie schon der Name sagt - eine Intensivierung der Nachkommenfürsorge einen Kernbereich des Evolutionsgeschehens überhaupt darstellte (Schutz des Samens durch "Bedeckung", Fürsorge für die Nachkommen durch Schwangerschaften und "Säugen"). (Wie ja Conway Morris scheinbar bis heute noch nicht den Gedanken geäußert hat, daß Zuwachs an Komplexität in der Evolution nur allzu oft zentral etwas mit dem Bereich Nachkommen-Fürsorge zu tun hat. Aber das nur am Rande.)

Bis hier hin haben wir die einleitenden Gedanken von Conway Morris referiert (1, S. 135-142). Ab Seite 142 geht er seine vier genannten Punkte nacheinander durch unter folgenden Zwischenüberschriften: 1. Wie einfach sind die Ausgangspunkte?, 2. Evolutionäre Inhärenz, 3. Komplexitätszunahme in Umkehr ("reversing complexity"), 4. Gibt es für biologische Komplexität Grenzen? - - - Schauen wir uns diese Abschnitte nun genauer an.

Zu 1.: Wie einfach sind die Ausgangspunkte?

.... / das ist künftig hier noch zu ergänzen! /

Zu 2.: Evolutionäre Inhärenz

Conway Morris schreibt (1, S. 145):

Es ist ein Gemeinplatz, daß die Evolution keine Voraussicht besitzt. Das stimmt, übersieht aber die Tatsache, daß wenn eine Struktur einmal entstanden ist, in vielen Fällen dann auch dahingehend argumentiert werden kann, daß dann eine bestimmte Stufe von Komplexität sehr wahrscheinlich, wenn nicht unvermeidlich geworden ist. Derelle et. al. (2007) schreiben über die Homeodomain-Proteine und sie argumentieren, daß ihr frühes Auftreten indiziert, "daß die Eukaryoten schon als Ganzes" 

also als gesamte Gruppe

"an Vielzelligkeit angepaßt sind" (S. 217). Und ähnliches kann geschlussfolgert werden für die SNARE's. In gewisser Hinsicht ist diese molekulare Inhärenz keineswegs die Ausnahme, nämlich soweit diese als mehr oder weniger synonym erachtet werden kann zu dem evolutionären Prinzip der Kooption. Hierbei wird eine Komponente, die in einem Kontext evolviert ist, in einem gänzlich nichtverwandten Kontext verwendet (oder - wenn einem ein anderes Wort lieber ist: gehijackt). Die Kristalle der Augen sind das vielleicht bekannteste Beispiel nicht nur um ihrer konvergenten Verwendung, sondern weil die Reihe der Proteine, die in unzähligen unterschiedlichen Tieraugen kooptiert wurden, in Mikroben ursprünglich völlig andere Funktionen hatten, wobei sie oft mit Streßkontrolle zu tun hatten. Aber Kooption und Inhärenz sind nicht bloß unterschiedliche Seiten derselben Medaille. Man erwähne das Wort "Kooption" und die meisten evolutionären Biologen werden klug mit ihren Köpfen nicken. Doch seine Allgegenwärtigkeit wird unterschätzt. 
Man nehme doch zum Beispiel den kuriosen Fall des Kollagens, ohne den Tiere angesichts seiner zentralen Rolle als Strukturprotein nicht existieren können. Wenn auch im Vorübergehen die eindrucksvollen Beispiele seiner konvergenten Evolution in Viren (Li et al., 2004), Bakterien (Waller et al., 2005) und Pilzen (Wang & St. Leger, 2006), erwähnt seien, möchte man doch erwarten, daß Kollagen bei der Entstehung der Tiere evolviert ist. Für einige Proteine wie jene der Hox-Familie gilt dies auch offensichtlich. Nicht aber für das Kollagen. Denn es kommt in Choanoflagellaten vor und diese sind eine Schwesterruppe der Tiere. Der spezifische Choanoflagellat allerdings, das Taxon Monosiga, ist einzellig und sein Kollagen spielt ganz klar keine strukturelle Rolle (King et al., 2008). Was also macht es? Es gibt einen Hinweis, daß es ursprünglich benutzt wurde im Signalaustausch von Zellen (Heino, 2007). Aber Kooption für ein eine solche strukturelle Rolle heißt, daß es keineswegs lächerlich ist zu sagen, daß den Choanoflagellaten unsere Achillessehne inhärent war. Und hier liegt der Unterschied zwischen Kooption und Inhärenz. Und zwar weil das letztere das erstere subsumiert aber ebenso die Implikation von hoher Wahrscheinlichkeit oder Unvermeidlichkeit hat. In anderen Worten, komplexe Formen können nicht anders als entstehen nicht nur weil es eine "Landschaft" gibt, über die die Evolution gezwungen ist zu navigieren, sondern weil viele der Teilkomponenten schon evolviert sind.

Mit dem Begriff "Inhärenz" will Conway Morris jedoch ausdrücklich nicht auf die sogenannten Hox-Gene hinaus, also auf sehr grundlegende Entwicklungs-Gene, die heute in der Forschung sehr in Mode sind, und die mit sogenannten "tiefen Homologien" in Verbindung gebracht werden, wobei ihnen eine sehr grundlegende Bedeutung zugesprochen wird (etwa durch den Forscher Gehring). Was Conway Morris hierzu als Einwand formuliert, schwante auch dem Schreiber dieser Zeilen schon sehr dunkel, als er einstens mit diesem Thema im Biologiestudium konfrontiert war (1, S. 147):

Es gibt selten (oder gar nicht) eine Eins-zu-Eins-Beziehung zwischen einem Entwicklungsgen und einer Struktur.

Das belegt er auch mit entsprechenden Beispielen. Für ihn ist dagegen (1, S. 148):

Inhärenz viel ehrgeiziger darin zu untersuchen, ob Evolution nicht von bestimmten Organisationsprinzipien abhängt,

also solchen, die grundlegender sind, als die Verschaltung eines bestimmten Entwicklungsgens für angeblich nur eine einzige Funktion (etwa Augen) über weite Bereiche des Artenstammbaums hinweg. Conway Morris führt hingegen Beispiele an, nach denen diese Annahme noch nicht einmal für das oft genannte Hox-Gen für Augen gilt, das gerne auch einmal ganz andere Funktionen in der Entwicklung steuern kann. - Ergänzung November 2017: Nachdem der Autor dieser Zeilen diesen Gedanken der Inhärenz länger auf sich hat wirken lassen, glaubt er ihn auch an einem noch grundlegenderen Beispiel der Evolution erläutern zu können, nämlich an der Entstehung des Lebens selbst (19).

Zu 3.: Komplexitätszunahme in Umkehr ("reversing complexity")

/ .... ist künftig hier noch zu ergänzen /

Zu 4.: Gibt es Grenzen für biologische Komplexität?

Conway Morris fragt (1, S. 150):

Können wir die Meinung vertreten, daß das Leben die Grenzen des biologischen Universums - wie auch immer definiert - schon erreicht hat? Die Schlußfolgerung wäre, daß dann der Raum zur weiteren Erforschung von Komplexität recht deutlich eingeschränkt wäre. Weil uns eine Beschreibung des biologischen Hyperraumes fehlt, ist es sehr schwierig, mehr als einige Hinweise zu geben, die auf sehr unterschiedliche Beispiele Bezug nehmen. Da aber zumindest einige dieser Beispiele - wie die Einschränkungen des Nervensystems - von sehr allgemeinen Faktoren abhängen - wie der Allometrie und des Energieverbrauchs, haben wir Vertrauen, daß unsere Schlußfolgerungen nicht völlig flügellahm daher kommen aufgrund von Umständen, die nur wenig Allgemeinheit für sich beanspruchen können.

Schon die Tatsache, daß viele Lösungen für ein bestimmtes Problem des Lebens (etwa in extremen Temperaturen in heißen Quellen zu leben) mehrmals konvergent erreicht worden sind, ist für Conway Morris dann ein erster Hinweis darauf, daß es für solche Probleme gar nicht so viele andere Lösungen gibt, daß also hierfür die Grenzen des biologisch Möglichen - wahrscheinlich - schon ausgereizt sind (1, S. 151f):

Diese Kombination aus Konvergenz und molekularer Feinabstimmung (fine-tuning) legt nahe, daß Extremophile ein brauchbares Gebiet sind, um Komplexität zu untersuchen. (...) Bakterien werden niemals in 150 Grad leben oder in einer Umgebung mit einer Wasseraktivität weniger als 0,6.

Zur Thematik Wasseraktivität siehe einmal erneut Wikipedia (s. "Aw-Wert"). Auf dem englischsprachigen Wikipedia-Artikel "Water activity" gibt es auch eine entsprechende Liste, unter welchen Bedingungen Mikroorganismen diesbezüglich leben können. Conway Morris weiter:

Vielleicht können sie es "draußen" (im Universum) oder in einigen noch nicht erforschten Regionen unseres Planeten aber wenn es sich nach und nach bestätigen sollte, dass die umschriebenen Rahmenbedingungen ("envelope") nicht zu durchbrechen sind, dann sagt uns diese Grenze etwas über die allgemeinen Begrenzungen dessen, was Leben kann und was es - noch wichtiger - nicht kann.

Weiter sagt er (1, S. 152):

Die Tatsachen legen nahe, daß - mit einer wesentlichen Ausnahme - es nicht nur eine Grenze für biologische Komplexität gibt, sondern daß die Evolution diese - analog zu den Extremophilen - auch schon so gut wie erreicht hat. (...) Meine Absicht ist es hier, ein Forschungsprogramm vorzuschlagen, daß diesbezüglich über den gegenwärtigen neodarwinischen Rahmen hinausschaut.

Als ein wesentliches Beispiel bringt er dann das Protein RuBisCO. Über dieses kann man sich wieder leicht auf Wikipedia kundig machen (Wiki). Auf dem englischsprachigen heißt es (engl.):

The inability of the enzyme to prevent the reaction with oxygen greatly reduces the photosynthetic capacity of many plants.

In der Wissenschaft ist man sich einig, daß das am häufigsten vorkommende Protein auf unserer Erde (weil es sich in allen Blättern findet für die Photosynthese) zugleich eines der am ineffektivsten arbeitenden Proteine ist. Und dennoch konnte bislang die Natur - trotz aller Bemühungen seit 3,5 Milliarden Jahren - auf diesem Gebiet nicht "verbessert" werden. Ein wesentliches Argument für Conway Morris. Schließlich kommt er zu seinem abschließenden Argument (1, S. 155):

Von allen Grenzen der Komplexität ist aber die vielleicht interessanteste jene, die die Evolution des Nervensystems betrifft. Es ist gut bekannt, daß Nervensysteme in Hinsicht auf den Energieumsatz lähmend teuer sind: die Retina der  Schmeißfliege nimmt für sich allein außergewöhnliche 8 Prozent des totalen Energieumsatzes des Insekts in Anspruch (Laughlin et. al., 1998). Ebenso gibt es eine eindrucksvolle Literatur über die vielfältigen Wege, auf denen Nervensysteme mit größter Effektivität genutzt werden können bei geringstem Verbrauch von Energie. Auf ihren unterschiedlichen Wegen macht diese deutlich, daß wie komplex Nervensysteme auch immer werden sollten, es abschließende Grenzen dessen gibt, was schlussendlich möglich ist. Das heißt nicht, daß es eine einzige Lösung gibt. Und in diesem Kontext mag man feststellen, daß obwohl Enzephalisation normalerweise verbunden ist mit Gewebe-Wärmebildung, dies offensichtlich für den Oktopus (die Krake) nicht gilt. Wenn wir jedoch die Evolution des Säugetier-Gehirns betrachten, dann scheint es - wie Hofmann (2001) gezeigt hat - endgültige Grenzen zu geben für alle weitere Größenzunahme und damit implizit auch für seine Komplexität. Zum Teil drehen sich diese Grenzen rund um die Fähigkeit eines Gehirns in Bezug darauf, daß es sich, wenn es seine Größe ständig erweitert, sich weiterhin um effektive Integration bemühen muß (...). Von gleicher Bedeutung ist, daß die unterschiedlichen Allometrien der grauen und weißen Substanz eine absolute Grenze für die Gehirngröße mit sich zu bringen scheinen, so daß es nicht mehr als um das Dreifache in seiner Größe zunehmen kann (Hofmann, 2001).
Das heißt, hier erreichen wir eine höchste Stufe der Komplexität, zumindest auf biologischer Ebene. Wir können nicht mit 65 Kilometer pro Stunde laufen (obwohl ein Spurt mit zirka 44 Kilometer pro Stunde keinesfalls vernachlässigbar ist)

(siehe dazu Wikipedia),

noch fliegen (aber ein Gin Tonic in 11,5 Kilometer Höhe hat seine Vorzüge), noch den Pazifik schwimmend durchqueren (aber der Freitauch-Rekord über eine Strecke von 243 Meter verdient gewiß eine Ehrenbezeugung). Aber wir können jeden anderen Organismus, der jemals evolviert ist, im Denken übertrumpfen. Doch haben wir ebenfalls die Grenzen neuraler Komplexität erreicht und die Fähigkeit zu fragen - ganz abgesehen davon zu verstehen - die nächste Reihe von Fragen? Ich glaube das nicht, aber das ist, wie man so sagt, eine völlig andere Geschichte.

So die raunenden letzten Worte von Conway Morris in diesem Aufsatz. Es wird deutlich, daß es einige Hinweise gibt, daß die Evolution zu Ende ist. Aber zugleich wird deutlich, daß vom naturwissenschaftlichen Standpunkt aus noch keineswegs mit letzter Sicherheit gesagt werden kann, daß es tatsächlich so ist.

Ein erstes Zwischenresümee

Der von diesem Blog hoch verehrte britische Paläontologe Simon Conway Morris, der in seinem Buch von 2003 die These vertrat "Unvermeidlich Menschen in einem einsamen Universum", hat 2013 nachgelegt und einen neuen Gedanken veröffentlicht, nach dem der Mensch und andere Produkte der Evolution nicht nur unvermeidlich aus der Evolution hervorgehen, wenn sie hier auf der Erde oder anderwärts einmal angefangen hat, sondern nach dem das Leben auch gar keine größere Komplexität erreichen kann, als es hier auf der Erde schon erreicht hat. Dieser Gedanke wird 2015 im "Journal of Theoretical Biology" folgendermaßen zusammen gefaßt (3):

Er argumentiert, daß es Grenzen für die Komplexität des Lebens gibt und daß diese Grenzen schon erreicht worden sind. Er nimmt an, daß die Vorherrschaft von konvergenter Evolution indiziert, daß es ein endliches Set von Strategien gibt, die Organismen nutzen können. Wenn das Tonband des Lebens erneut abgespielt würde, würden dieselben Ergebnisse erreicht, weil die Selbstorganisation und die sich gegenseitig ausschließenden Begrenzungen in der Entwicklung es für Organismen erforderlich machen, jenen begrenzten Raum des Möglichkeiten-Raumes zu besuchen, der ihnen erreichbar ist. In seinem zweiten Argument fragt sich Conway Morris, warum einige Strukturen, die offensichtlich schlecht funktionieren, über Millionen von Jahren unverändert geblieben sind. Warum wurde Rubisco nicht über die Jahre effizienter, ein Prozeß, der seine Komplexität erhöht haben würde? In Conway Morris Sichtweise ist Evolution nicht fähig, diesen Schritt zu tun, weil das System auf seinem Höhepunkt von Komplexität angekommen ist. Diese herausfordernde Annahme ist bis heute noch nicht ausreichend überprüft worden.  
Original: He argues that there are limits to the complexity of life and that these limits have already been touched. He asserts that the prevalence of convergent evolution indicates that there is a finite set of strategies that organisms can use. If the tape of life was played again, the same results would ensue, because self-organization and the conflicting constraints in development bind organisms to visit a limited area of the possibility space otherwise available. In his second argument, Morris wonders why some structures which clearly perform poorly have remained almost unchanged for millions of years. Why has not Rubisco become more efficient over the years, a process that would likely increase its complexity? In Morris׳s view, evolution is unable to take that step, because the system has arrived at its peak complexity. This daring suggestion has not yet been properly tackled.

Auf Seiten der Philosophie kommt eine Deutung der Entwicklungsgeschichte des Lebens auf der Erde zu der intuitiv gewonnenen und durch eine einheitliche philosophische Argumentation abgestützten Erkenntnis, daß mit der Entstehung bewußten Lebens auf der Erde, also mit der Entstehung des Menschen die Kosmologie und die Evolution hier auf der Erde ihr Ziel erreicht haben und darum seither aufgehört haben, grundlegend Neues zu schaffen (6, 7). Das Weltall entstand und im Weltall entstand nach und nach größere Komplexität, weil das Ziel der Kosmologie und Evolution die Hervorbringung bewußten Lebens war. Da nur dieses Ziel erreicht werden sollte, konnte nach Erreichen dieses Zieles die Evolution zum Stillstand kommen, so die Aussage der Philosophie (6, 7).

Das war zu den Zeiten als diese intuitive, in ein philosophisches Gedankengebäude eingefügte Erkenntnis niederschrieben worden ist und noch bis vor wenigen Jahren eine - aus naturwissenschaftlicher Sicht - unglaublich kühne, waghalsige, wenn nicht ganz und gar "unseriöse" Aussage. Eine typisch "vitalistische" oder "kreationistische". Welche naturwissenschaftlichen Hinweise sollte man bis dato einer solchen philosophischen Aussage gegenüber stellen wie (7):

"Da stunden stille die Wege des Werdens auf Erden
      (...)
Nicht wurde mehr Art und Gestaltung," 
bzw. der philosophischen Aussage:
"…denn sieh', es steht still das Werden der Arten!"

nämlich mit dem Erreichen bewußten Lebens auf dieser Erde? Welche naturwissenschaftlichen Hinweise sollte man einer solchen philosophischen Aussage gegenüber stellen wie (7):

Und wir begreifen es wohl, wie unmöglich sich eine Aufwärtsentwicklung der Tiere und Pflanzen auf Erden nach der Menschwerdung mit Gottes Erhabenheit über Raum, Zeit und Kausalität vereinen läßt! (...) Nein, es bedeutet nichts anderes als ein ohnmächtiges Haftenbleiben in dem Vernunfterkennen und ein Fernsein vom Wesen Gottes, wenn wir nicht selbstverständlich erwarten, daß nach der Menschwerdung (...) aus all der nichtbewußten Tierheit, auch nicht aus den höchstentwickelten unterbewußten Tieren, eine höhere Art wurde.
Oder (20, S. 71):
In dem unermeßlichen Kosmos still kreisender Urwelten ist nach dem erreichten Schöpfungziele: dem Werden des Menschen, kein Wille zum Wandel der geschaffenen Formen der Lebewesen am Werke. Nach unerbittlichen Gesetzen verweilt die gewordene Erscheinung in der einmal geschaffenen Gestaltung. Ein Aufflammen neuen göttlichen Wollens, wie es die Schöpfungstufen boten, zeigt das vollendete Weltall nicht mehr.

Konkretere naturwissenschaftliche Hinweise, die man solchen philosophischen Aussagen hätte gegenüber stellen können, hat es bis zum Jahr 2013 - nach Kenntnis des Verfasers dieser Zeilen - nicht gegeben. Und genau 90 Jahre nach der ersten Formulierung von Seiten der Philosophie (7) legt der namhafte Paläontologe Simon Conway Morris genau für eine solche These rein naturwissenschaftliche Argumente vor. Aber man schaue genau hin. Im Leben des Simon Conway Morris war ebenso erstaunlich "früh" alles da, wie in den Organismen, die er untersucht. Denn schon in seinem 2003 veröffentlichten grundlegenden Buch "Life's Solution - Inevitable Humans in a Lonely Universe" finden sich die Worte (4, S. 301):

Die Wirklichkeit der Konvergenz bringt vier Implikationen für die Evolution mit sich, insbesondere die unausweichliche Notwendigkeit, die Themen zu überdenken der Anpassung, von Trends, des Fortschritts und (ein Gegenstand, der überraschenderweise vernachlässigt wurde): ob die Evolution zumindest lokal ihre Potentiale erschöpfen kann.

Soweit übersehbar spricht er in seinem Buch von 2003 diese letztere Implikation ansonsten gar nicht weiter an. Auf diese Implikation ist er also erst zehn Jahre später erstmals umfangreicher zu sprechen gekommen in einem Aufsatz aus dem Jahr 2013. Und dabei scheint er die Annahme längst aufgegeben zu haben, daß die Evolution nur "lokal" ihre Potentiale erschöpfen kann. (Oder meinte er mit "lokal" die Erde und die Region des Universums, in der sie angesiedelt ist?)

"Das Leben ist ebenso fein abgestimmt wie der Rest des Universums"

Simon Conway Morris hat - wie wir gerade entdecken - auch einen eigenen Internetblog "Map of Life", sowie eine Internetseite ("Map of Life"). In seinem Buch "The Runes of Evolution", das letztes Jahr erschien, schreibt er (5, S. 6):

What also emerges is the astonishing sensitivity of these (and many other) evolutionary systems. Repeatedly we find a breathtaking precision of operation, be it the operation of the Johnston’s organ (a sort of ear) of the mosquito or the infrared detector of the buprestid fire-beetle. One can make a general argument that in their different ways these sensory systems have effectively reached the limits of the physical universe, at least as far as biology is concerned.

Also auch die "atemberaubende Präzision" komplizierter Sinnesorgane von Tieren ist für ihn ein Hinweis darauf, daß diese die Grenzen des physikalischen Universums erreicht haben, zumindest soweit das etwas mit Biologie zu tun hat.

Wie deutlich geworden ist, ist der vorliegenden Blogartikel nur eine erste Sichtung dieser neuen Gedankenwelt. Sie ist in den künftigen Wochen nach und nach noch zu ergänzen und zu vervollständigen. Da aber schon mehrere Wochenenden dazu benutzt wurden, diesen Blogartikel soweit zu schreiben, soll er erst einmal in dieser Unvollständigkeit veröffentlicht werden. 

________________________________________
  1. Conway Morris, Simon: Life - The final frontier for complexity? In: C. H. Lineweaver, P. C. W. Davies, M. Ruse (eds.): Complexity and the Arrow of Time. Cambridge University Press, 2013, S. 135-162; freies pdf.: http://uberty.org/wp-content/uploads/2016/01/Charles_H._Lineweaver_Complexity.pdf
  2. Zeitschrift "Interface Focus", Theme issue ‘Are there limits to evolution?’ organized by Simon Conway Morris, Jennifer F. Hoyal Cuthill and Sylvain Gerber, 06 December 2015; volume 5, issue 6, http://rsfs.royalsocietypublishing.org/content/5/6; Einleitung hier: https://www.researchgate.net/publication/283332901_Hunting_Darwin's_Snark_Which_maps_shall_we_use
  3. Gustavo V. Barrosoa, David R. Luzb: On the limits of complexity in living forms.  In: Journal of Theoretical Biology, Volume 379, 21 August 2015, Pages 89–90, http://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0022519315002143
  4. Conway Morris, Simon: Life's Solution. Inevitable Humans in a Lonely Universe. Cambridge University Press, Cambridge 2003, 2005; dt.: Jenseits der Zufalls. Wir Menschen im einsamen Universum. Berlin University Press 2008
  5. Conway Morris, Simon: The Runes of Evolution. 2015, https://www.templetonpress.org/sites/default/files/Runes_Evolution.pdf
  6. Ludendorff, Mathilde: Triumph des Unsterblichkeitwillens. Verlag Hohe Warte, Pähl 1959 (Erstauflage 1921)
  7. Ludendorff, Mathilde: Schöpfungsgeschichte. Verlag Hohe Warte, Pähl 1954 (Erstauflage 1923)
  8. Ludendorff, Mathilde: Wunder der Biologie im Lichte der Gotterkenntnis meiner Werke. - 1. Band. Stuttgart: Hohe Warte, Pähl 1950
  9. Grampp, Karl: "…denn sieh', es steht still das Werden der Arten!" - Können auch nach der Menschwerdung noch Tier- und Pflanzenarten entstehen? 9/2000, Auf: Ludendorff.info, pdf., http://ludendorff.info/Abhandlungen/Artenentstehung.pdf
  10. Gould, Stephen Jay: Zufall Mensch. Das Wunder des Lebens als Spiel der Natur. Deutscher Taschenbuch-Verlag (engl: Wonderful Life: The Burgess Shale and the Nature of History, 1989)
  11. Dawkins, Richard: The Ancestor's Tale. A Pilgrimage to the Dawn of Life. Phoenix Paperback, London 2005 [Erstauflage 2004]; dt: Geschichten vom Ursprung des Lebens. Eine Zeitreise auf Darwins Spuren. Ullstein, 2008
  12. Conway Morris, Simon (ed.): The Deep Structure of Biology. Is Convergence Sufficiently Ubiquitous to Give a Directional Signal? Tempelton Press 2008
  13. Meinecke, Erich: Paradigmenwechsel in der Biologie? In: Mensch & Maß, Folge 5, 9.3.2006
  14. Bading, Ingo: Ist die Evolution zielgerichtet? Auf: Wissen bloggt, 24.11.2011, http://www.wissenbloggt.de/?p=7742
  15. Conway Morris, Simon: If the Evolution of Intelligence is Inevitable, then What are the Metaphysical Consequences? In: The Science and Religion Dialogue - Past and Future.  Ed. by Michael Welker, Peter Lang, Frankfurt u.a. 2014, http://www.uni-heidelberg.de/fiit/aktuelle_projekte/AusgewaehltePublikationen.html
  16. Raagard, Ingrid: „Aliens sehen uns ähnlich“ - Gibt es im Weltall doch kleine, grüne Männchen? In: Bild-Zeitung, 21.7.2015, http://www.bild.de/news/mystery-themen/ausserirdische/cambridge-professor-aliens-sehen-uns-aehnlich-41719546.bild.html
  17. Leupold, Hermin: Warum ist das Weltall so wie es ist? Das Anthropische Prinzip der Kosmologie und seine philosophische Bedeutung. 3. Aufsatz der Aufsatzreihe "Die Evolution aus der Sicht der Naturwissenschaft und der Philosophie". In: Die Deutsche Volkshochschule, 1989, Folge 62 
  18. Leupold, Hermin: Evolution - „Schöpfung“ oder Ablauf eines „Uhrwerkes“. Grenzen der Kausalität bei der Kristallbildung. 6. Aufsatz der Aufsatzreihe "Die Evolution aus der Sicht der Naturwissenschaft und der Philosophie". In: Die Deutsche Volkshochschule, 1991, Folge 74
  19. Bading, Ingo: Inhärenz schlägt Selektion - Als zugrunde liegendes Prinzip der Evolution - Ist das Prinzip Inhärenz für die Evolution bedeutender als das Prinzip Selektion? Auf: Studium generale, 17. November 2017, http://studgendeutsch.blogspot.de/2017/11/inharenz-schlagt-selektion-als-zugrunde.html 
  20. Ludendorff, Mathilde: Selbstschöpfung. Ludendorffs Verlag, München 1941 [Der Seele Ursprung und Wesen, III. Teil] (Erstauflage 1927)
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