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Sonntag, 24. Mai 2026

Die bronzezeitlichen Griechen und die eisenzeitlichen Römer - Sie hatten den höchsten IQ

Jäger und Sammler-Völker bis 5.500 v. Ztr. hatten einen IQ von 82

Über die Evolution der menschlichen Intelligenz (IQ) (Wiki) in Europa in den letzten zehntausend Jahren entsprechend der Genomdaten der Archäogenetik hatten wir schon 2022 eine Forschungsstudie referiert (Stgen2022). 2024 ist zu diesem Thema eine neue Studie erschienen (1).

Abb. 1: Der Streitwagen - Das "Markenzeichen" - der Bronze- und Eisenzeit - Bronzemodell aus Göchebi (Dedoplistsqaro), Georgien, erste Hälfte des 1. Jahrtausends v. Ztr., Sighnaghi-Museum, Georgien (Wiki)

Der vorliegende Blogartikel wurde schon Anfang April 2024 verfaßt. Im Zuge der Erarbeitung des demnächst erscheinenden Folgeartikels, angeregt von dem jüngst veröffentlichten Interview mit dem Archäogenetiker David Reich (Yt2026) und basierend auf den darin vorgetragenen Forschungsergebnissen, fühlen wir uns ermutigt, zunächst diesen Blogartikel zu veröffentlichen, der schon vieles von dem vorweg nimmt, was nun auch der Mainstream-Wissenschaftler David Reich heraus gebracht hat. Daß David Reich im Großen und Ganzen zu denselben Ergebnissen kommt, zeigt, daß auch schon in der Studie von 2024 ordentlich gearbeitet worden ist. Hauptergebnis der Studie von 2024 (1):

Der Anstieg des Polygenic Score (der polygenetisch ausgelesenen Höhe) (PGS= "polygenic score") der Intelligenz betrug etwa 0,12 Standardabweichungen (SD) pro 1000 Jahre. Das bedeutet, daß der PGS für kognitive Fähigkeiten vor 10.000 Jahren etwa 1,2 SD niedriger war als heute.
The increase in cognitive PGSs was about 0.12 SDs per 1000 years, implying that 10,000 years ago the PGSs for cognitive abilities were about 1.2 SDs lower than they are today. 

Eine Standardabweichung entspricht 15 IQ-Punkten. Wenn der durchschnittliche IQ in Mitteleuropa heute bei 100 liegt, dann lag er vor 10.000 Jahren bei den Fischern, Jägern und Sammlern in Europa etwa bei 82, also ungefähr bei dem IQ der heutigen Schwarzafrikaner in Nordamerika (gnxp2006).

Ergänzung 2026: Damit ist die Theorie widerlegt, daß es die Eiszeit gewesen wäre, die den heutigen, vergleichsweise hohen, angeborenen IQ auf der Nordhalbkugel hervor gebracht hätte. Diese These war - soweit wir das überblicken - bislang die am ehesten für plausibel gehaltene unter traditionellen IQ-Forschern gewesen. Sie war zum Beispiel von dem ansonsten sehr schätzenswerten IQ-Forscher Richard Lynn vertreten worden (Wiki). Aber auch von vielen anderen. Hat sie nicht auch J. P. Rushton vertreten? Wie auch immer. Wir hatten immer schon Zweifel daran, denn dann hätten die Ureinwohner Amerikas, deren Vorfahren Jahrzehntausende in Sibirien gelebt hatten, und die von dort aus Amerika besiedelt haben, auch einen höheren IQ haben müssen. Mit dieser neuen Studie ist es nun bestätigt: Gar nichts hat sie in dieser Hinsicht hervor gebracht, die Eiszeit. Gar nichts.

(Dieses Ergebnis wird übrigens auch jene kleine Gruppe von Laienforschern bekümmern, die immer noch glauben, anhand moderner archäogenetischer und archäologischer Daten aufzeigen zu können, daß die Indogermanen in Nordeuropa in der Eiszeit entstanden wären und sich von dort aus ausgebreitet hätten. Tja, manche auf dürre Stelzen errichtete Kartenhäuser krachen irgendwann einmal dann auch wirklich zusammen. Aber das soll hier nicht unsere Sache sein.)  

Die anatolischen Bauern bringen einen höheren IQ mit

Im weiteren ist in der Studie von 2024 die Rede nicht nur vom IQ, sondern auch vom "Educational Attainment" (EA), also vom erreichten, bzw. vom am wahrscheinlichsten zu erreichenden Bildungsgrad, einer anderen, leicht abweichenden Meßgröße für IQ (1):

Die Abstammung von Jägern und Sammlern (insbesondere V2 oder WHG) war in den Regressionsmodellen (Ergänzungstabellen S1-S3) negativ mit EA3, EA4 und IQ assoziiert (...), was darauf hindeutet, daß der Anstieg in den kognitiven Fähigkeiten nicht allein durch die neolithische Revolution vorangetrieben wurde, sondern daß dieser teilweise durch die Vermischung mit den damit einhergehenden Einwanderern vermittelt wurde. Anatolische neolithische Bauern, die sich mit einheimischen Jägern und Sammlern vermischten, trugen zwischen etwa 40 % und 98 % zur neolithischen europäischen Abstammung bei (Chintalapatiet al., 2022).
Hunter-gatherer ancestry (particularly V2 or WHG) was negatively associated with EA3, EA4 and IQ in the regression models (Supplementary Tables S1−S3) even after accounting for Years BP (β = -0.314, -0.4, -0.249), suggesting that the increase in cognitive capacity was not solely driven by the Neolithic revolution but was partly mediated by admixture with the immigrants that accompanied it. Anatolian Neolithic farmers who intermixed with native HGs contributed between approximately 40% and 98% of Neolithic European ancestry (Chintalapatiet al., 2022). 

Kurz gesagt: Die anatolisch-neolithischen Bauern brachten einen höheren IQ mit nach Europa. Auch das ist nichts weniger als naheliegend, denn sie hatten arbeitsteilige Gesellschaften ausgebildet, in denen sicherlich auf höheren IQ selektiert worden ist.

Nachtrag 2026: Das läßt sich jetzt im Nachhinein natürlich leicht hier hin schreiben. Aber solange man es nicht sicher weiß, wäre diese Behauptung reine Spekulation und man würde dennoch weiter im Dunkeln tappen. Wie schön, daß man jetzt auch hier sicheren Boden unter den Füßen hat.

Und weiter (1):

Ein deutlicher „Sprung“ der Polygenic Scores für EA und IQ konnte auch beobachtet werden für den Übergang zwischen der Bronzezeit und der Eisenzeit, was auf eine Zeit der Selektion hindeutet, die anspruchsvolle kognitive Fähigkeiten begünstigte.
A significant ‘leap’ in the PGSs for EAand IQ was also observed between the Bronze Age and the Iron Age, hinting at a period of selection favoring sophisticated cognitive abilities.

Dieses Forschungsergebnis spielt nun in diesem Jahr 2026 auch für David Reich die aller größte Rolle (Yt2026) (siehe Folgeartikel).

Höchster IQ bei bronzezeitlichen Griechen und eisenzeitlichen Römern

Die bronzezeitlichen Griechen und die eisenzeitlichen Römer hatten den höchsten IQ (1):

Die bronzezeitlichen Griechen zeigten zwar durchschnittliche EA-Werte, zeigten aber die höchsten Werte im polygenetischen Wert (PGS) für IQ. Dieses Ergebnis kann schon abgelesen werden mit Hinblick auf die kulturellen Errungenschaften, die sie hervorgebracht haben und stimmt auch überein mit den früheren Schätzungen von Galton (Galton, 1869). Die ausgeprägte Diskrepanz zwischen dem PGS für EA und IQ bei den antiken Griechen macht auf die Notwendigkeit weiterer Forschung aufmerksam, um hier zu einem tieferen Verständnis zu gelangen.
The Bronze Age Greeks, while displaying average scores on EA, manifested the highest scores in IQ PGS. This result was predicted based on their renowned cultural accomplishments and is in agreement with the historical estimates by Galton (Galton,1869). The marked disparity between the EA and IQ PGS among ancient Greeks merits additional research for a deeper understanding. 

Spannend, daß schon Galton diese Annahme gemacht hat. Spannend noch mehr, daß die antiken Griechen diesen höchsten IQ schon in der Bronzezeit, nicht erst in der klassischen Antike hevor gebracht haben. Und weiter (1):

Menschen im Italien der Eisenzeit und des Mittelalters zeigten die höchsten Werte. Dies untermauert die Schlußfolgerungen unserer früheren Studie (Piffer et al., 2023), die darauf hinwies, daß Europas PGSs während der republikanischen Ära in Mittelitalien ihren Höhepunkt erreichten. Indem wir darüber hinaus Menschenfunde aus dem Bereich der Etrusker (N = 48) in unseren italienischen Datensatz aus der Eisenzeit mit einbezogen, die laut Posth et al. (2021) mit den Römern der republikanischen Zeit genetisch verwandt waren, wurden diese Ergebnisse weiter untermauert.
Samples from Iron Age and Medieval Italy showed the highest scores. This reinforces the conclusions of our recent study (Piffer et al., 2023), which indicated that Europe’s PGSs reached their zenith in central Italy during the Republican era. Additionally, incorporating a new Etruscan sample (N = 48), genetically akin to the Republican Romans as per Posth et al. (2021), into our Iron Age Italian dataset, further corroborates these results.

Soweit hatten wir wichtige Ergebnisse dieser Studie aus dem Jahr 2024 ausgewertet. Dasselbe behandelt Davide Piffer immer wieder auf seinem Blog (siehe etwa 2). Ein Abonnement hat er sicherlich verdient, jetzt, nachdem er von der Mainstream-Wissenschaft so deutlich bestätigt wurde, um so mehr.

Aber der vorliegende Blogartikel dient wie gesagt nur zur Vorbereitung auf den Folgeartikel, der auf Forschungen und Erörterungen beruht, die in den letzten Wochen öffentlich wurden (3, 4).

Ergänzung, 29.5.26: Jetzt ist es so weit: Ein Jahresabonnement bei Davide Piffer ist abgeschlossen (DavidePiffer). Denn der Mann ist unwahrscheinlich fleißig und ständig testet er neue Theorien anhand archäogenetischer Daten. Da kommt man kaum hinterher.

/ Entwurf: 5.4.24 /

__________

  1. Davide Piffer, Emil O. W. Kirkegaard: Evolutionary Trends of Polygenic Scores in European Populations From the Paleolithic to Modern Times. In: Twin Research and Human Genetics, March 2024, DOI: 10.1017/thg.2024.8 (Resg)
  2. Piffer, Davide: Does Ancient DNA Track Human Progress, or Just Time? 14.4.2026 (DavidePiffer2026)
  3. Akbari A, Perry A, Barton AR, Kariminejad M, Gazal S, Li Z, Zeng Y, Mittnik A, Patterson N, Mah M, Zhou X, Price AL, Lander ES, Pinhasi R, Rohland N, Mallick S, Reich D (2026) Ancient DNA reveals pervasive directional selection across West Eurasia. Nature, 21.4.2026 (Nature2026)
  4. Dwarkesh Patel: David Reich - Bronze Age shock, the Neanderthal puzzle, & the sudden spread of farming. Dwarkesh Podcast, 08.05.2026 (Yt2026) (Transkript)

Donnerstag, 26. Februar 2026

Dinosaurier-Spuren in den Alpen!

Über mehrere Kilometer verteilt in steilen Höhenlagen von 2000 Meter im nördlichsten Zipfel der Lombardei - Plateosaurus-Herden aus der Zeit vor 210 Millionen Jahren

Erstmals ergreift auch uns hier auf dem Blog die Dinosaurier-Begeisterung: Im "Valle di Fraele" im nördlichsten Zipfel der Lombardei - im Veltin, gelegen zwischen der Schweiz und Südtirol - wurde auf mehr als 2000 Meter Höhe im Herbst 2025 eine schiere Unmenge von Dinosaurier-Spuren aus der Zeit vor 210 Millionen Jahren entdeckt. Der ausführlichste und detaillierteste Bericht darüber findet sich hier ---> FinestresullArteWir verweisen auf ihn insbesondere auch deshalb, weil wir die Bildrechte für die dort eingestellten Fotografien nicht besitzen, die erst die ganze Faszination für dieses Thema wecken können.

Abb. 1: Plateosaurus gracilis (jüngeres Synonym: Sellosaurus gracilis ), ein Prosauropode aus der späten Trias Europas, Bleistiftzeichnung, digitale Kolorierung, 12. Dezember 2006, geändert am 12. Oktober 2007; Zeichner: Nobu Tamura (http://spinops.blogspot.com) Arme und andere Bearbeitungen von Benutzer:FunkMonk (Wiki)

Aber um welche Gegend handelt es sich beim "nördlichsten Zipfel der Lombardei"? In den Alpen sagt uns "Südtirol" noch am meisten. Deshalb nähern wir uns der Gegend über Karten an (Abb. 2, 3 und 5) und gehen wir dabei von Südtirol aus (Abb. 2):

Im Südwesten Südtirols liegt der Vintschgau und an seiner südwestlichen Grenze liegen der Ortler, liegen die Ortler Alpen und das Stilfser Joch (Wiki). Letzteres bildet die Verbindung zwischen dem Vinschgau in Südtirol und dem Veltin - gleichbedeutend mit der Provinz Sondrio - in der italienischen Lombardei.

In 22 Fußkilometer Entfernung westlich vom Stilfser Joch befindet sich das "Valle di Fraele", zu Deutsch das Fraele-Tal, das wohl künftig "Dinosaurier-Tal" heißen wird. Es ist auf Abb. 2 nur als dünner blauer Strich nördlich von Bormio erkennbar.

Abb. 2: Die Grenzen von Südtirol - ganz links, bzw. westlich der Vintschgau und der Ortler, südwestlich davon Bormio in der Lombardei

Das Fraele-Tal liegt nämlich im nördlichsten Zipfel der Lombardei 20 Kilometer nördlich des Urlaubsortes Bormio (Wiki) und 15 Kilometer östlich des Skiortes Livigno (Wiki) (Abb. 3).

Schon Leonardo da Vinci hat Bormio um seiner heißen Thermalquellen willen aufgesucht. Sie wurden spätestens seit seiner Zeit von vielen Italienern und Schweizern aufgesucht. Er notierte (Wiki):

An der Spitze das Valtellina-Tal und der Berg von Bormio. Schrecklich, immer voller Schnee. Hier entsteht das Hermelin. In Bormio befinden sich die Bäder. Das Valtellina, wie gesagt, ist ein Tal, umgeben von hohen, schrecklichen Bergen. Es produziert sehr kräftige Weine und so viel Vieh, daß die Einheimischen sagen, dort entstünde mehr Milch als Wein. Dies ist das Tal, durch das die Adda fließt.

Also schon damals stand in den Alpen die Milchproduktion im Vordergrund. Aber das nur am Rande.

Abb. 3: Die Provinz Sondrio, bzw. "das Veltin", die nördlichste Provinz der Lombardei - Umgrenzt von der Schweiz im Norden und Westen und von Südtirol im Osten - oben rechts: Bormio und nördlich davon - mit den beiden Seen - das Fraele-Tal

Über die Entdeckungsgeschichte der Dinosaurier-Spuren wird berichtet (FinestresullArte):

Die ersten Spuren wurden von Elio Della Ferrera entdeckt, einem Naturfotografen, der im Tal unterwegs war, um die alpine Fauna zu dokumentieren. Bei der Beobachtung eines felsigen Abhangs mit fast senkrechten Dolomitschichten mit dem Fernglas bemerkte Della Ferrera eine dichte Folge von Vertiefungen, die über die Felsen verteilt waren. Einige waren von beträchtlicher Größe, mit Durchmessern von bis zu vierzig Zentimetern; andere waren in regelmäßigen Reihen angeordnet, was auf einen nicht zufälligen Ursprung schließen läßt. Als der Fotograf nach einem anstrengenden Aufstieg den Aufschluß erreichte, sah er sich mit Hunderten von fossilen Fußabdrücken konfrontiert, von denen einige eindeutig Spuren von Fingern und Krallen aufwiesen. Die Hypothese, daß es sich um Fußabdrücke großer prähistorischer Tiere handelte, wurde am nächsten Tag bestätigt, als Della Ferrera den Paläontologen Cristiano Dal Sasso vom Naturhistorischen Museum in Mailand kontaktierte, mit dem er bereits in der Vergangenheit zusammengearbeitet hatte. Die zugeschickten Bilder ermöglichten eine erste Erkennung: Es handelte sich um Dinosaurier-Fußabdrücke, von denen noch nie zuvor berichtet worden war.

Über die Entdeckung ist dann ab Dezember 2025 weltweit berichtet worden (s. SciAm2026; s. ein deutscher Bericht (Yt2025) (FrRdsch2025).

Abb. 4: Die Nordhänge des Cime di Plator

Es wurden auch Einblicke über Drohnen-Aufnahmen gegeben (Yt2025), es wurde auch eine Animation von einer der Dinosaurier-Herden veröffentlicht, die diese Spuren hinterlassen hat - mit männlichen und weiblichen Tieren, sowie mit Jungtieren (Yt2025).

Zu einer paläoartistischen Rekonstruktion heißt es (FinestresullArte):

Die Umgebung, wie sie vor etwa 210 Millionen Jahren ausgesehen haben könnte, heute erhalten in den Felsen des Fraele-Tals (Stilfserjoch-Park). Entlang der Küste des Tethys-Ozeans wandelt eine Herde prosauropoder Dinosaurier bei Ebbe auf einer ausgedehnten schlammigen Karbonatebene. In der Herde befinden sich auch junge Exemplare, wie einige kleine fossile Fußabdrücke zeigen. Die Männchen und Weibchen sind hier in verschiedenen Farben abgebildet. Illustration von Fabio Manucci 

Kurz nachdem diese Herden diese Watt-Region durchwandert hatten, muß sie ausgetrocknet sein. Und sie muß dann nach und nach versteinert sein. Und schließlich wurden diese steinernen Platten als Hochgebirgs-Platten in die Höhe gehoben, "aufgefaltet". Nämlich als der afrikanische Kontinent gegen den europäischen Kontinent drückte. - Es wurde auch die erste Aufnahme der Dinosaurier-Spuren von Elio Della Ferrara veröffentlicht (FinestresullArte):

Das erste Bild, das Elio Della Ferrera, der Entdecker der neuen paläontologischen Fundstelle, an die zuständige Oberaufsichtsbehörde geschickt hat. Es wurde am 14. September 2025 aufgenommen und zeigt die so genannte “Schicht 0”, die an den hohen Wänden der Cime di Plator zutage tritt. Allein hier gibt es etwa zweitausend fossile Fußabdrücke, von denen die meisten auf prosauropode Dinosaurier zurückgeführt werden können. Foto von Elio Della Ferrera 

Mangels Bildrechten könnten wir hier als Ersatz nur eine ansatzweise ähnliche Aufnahme aus Nordamerika einstellen (Abb. 5). Diese stellt aber nach jeder Richtung hin eine Verharmlosung dar.

Abb. 5: Als illustratives Beispiel: Östliche Seite des "Dinosaur Ridge", Dakota Hogback, westlich von Denver, nördliches, zentrales Colorado, USA (Fotograf: James St. John) (Flickr)

Weiter wird berichtet (FinestresullArte):

Die Merkmale der Fußabdrücke deuten darauf hin, daß sie von prosauropoden Dinosauriern stammen, großen Pflanzenfressern mit langen Hälsen und relativ kleinen Köpfen, die als Vorfahren der jurassischen Sauropoden gelten. Es handelte sich um robust gebaute Tiere mit scharfen Klauen an Händen und Füßen. Einige Arten, wie z. B. Plateosaurus engelhardti, konnten bis zu zehn Meter lang werden. In der Schweiz und in Deutschland sind zahlreiche Skelette von Plateosaurus gefunden worden, der am ehesten als Urheber der im Val di Fraele gefundenen Spuren in Frage kommt.

Und weiter wird berichtet, wobei nun auch die engere Region des Fundortes bekannt wird (die sonst in der Berichterstattung noch nicht genannt wird) (FinestresullArte):

Die betroffenen Gebiete erstrecken sich über mindestens sieben Bergrücken mit Dutzenden von sich überlagernden Schichten, die sich über eine Länge von fast fünf Kilometern entlang des Südufers der Cancano-Seen zwischen dem Plator- und dem Doscopa-Gipfel erstrecken. Derzeit sind etwa dreißig Aufschlußpunkte untersucht worden. Der Plator-Doscopa-Komplex ist damit eine der umfangreichsten und reichhaltigsten Dinosaurier-Fußabdruckfundstellen der Welt für die Triaszeit.

Es handelt sich um die Nordhänge des Cime di Plator. Sie befinden sich südlich des Lago di Cancano (s. Abb. 4), eines künstlichen Stausees. Es gibt Menschen, die im Winter Skitouren auf die Gipfel des Cime di Plator unternehmen (PaoloSonja, Fb2024). Aber auch sommerliche Touren in diese abgelegene Region werden beworben (s. Bormio).

Abb. 6: Die Bergkette zwischen dem östlichen, mittleren und westlichen Cima di Plator, sowie dem Cima Doscopa (VanityFair)

Auf geht's also! Der nächste Urlaub geht ins Veltin (Abb. 6)! Sonstige Fotografien des italienischen Naturfotografen Elio Della Ferrera finden sich im übrigen auf diversen Plattformen im Internet (z.B.: Pictures).

In zahlreichen Dinosaurier-Parks gibt es Rekonstruktionen von Plateosaurus - sie sind aber auf Wikipedia Commons in der Regel als fehlerhafte Rekonstruktionen charakterisiert (s. WikiCom). Deshalb hier nur wenige Abbildungen von ihm (Abb. 1 und 7).

Der Plateosaurus war also offenbar vor allem in Mitteleuropa verbreitet, wo er erstmals auch entdeckt worden ist (Wiki):

Der erste Fund eines Plateosaurus gelang 1834 Johann Friedrich Engelhardt in der Region Heroldsberg unweit von Nürnberg. Er übergab das Material dem Frankfurter Wirbeltier-Paläontologen Hermann von Meyer zur Bearbeitung. Dieser beschrieb es 1837 unter dem Namen Plateosaurus engelhardti. Damit war Plateosaurus der fünfte wissenschaftlich beschriebene Dinosaurier. (...) Heute ist Plateosaurus einer der am besten bekannten Dinosaurier, von dem weit über 100 teils vollständige Skelette in sehr guter Erhaltung gefunden wurden. (...) Wegen seiner Häufigkeit in Süddeutschland verlieh der Paläontologe Friedrich August Quenstedt Plateosaurus den Spitznamen „schwäbischer Lindwurm“.

Mit dieser Entdeckung und mit diesen Ausführungen ist erstmals auch das Interesse des Autors dieser Zeilen für die Dinosaurier-Forschung geweckt!

Abb. 7: Größenvergleich des obertriassischen europäischen (vorwiegend deutschen) Nicht-Sauropoden-Sauropodomorphen Plateosaurus (WikiC)

Zu dem eingestellten Größenvergleich (Abb. 7) heißt es (WikiC):

Plateosaurus gracilis (ehemals Sellosaurus ) wird hier durch den Holotypus SMNS 5175 (dunkelblau) mit einer geschätzten Länge von mindestens 4,5 m und das größere Exemplar GPIT „Aixheim“ repräsentiert, dessen Länge auf bis zu 6 m geschätzt wird. Die Silhouetten und Größenangaben basieren auf den Diagrammen in Yates (2003), die nach den Exemplaren GPIT 18318a, SMNS 5175 und GPIT 18392 gezeichnet wurden. Die unvollständige Hand wurde nach P. trossingensis rekonstruiert (Mallison, 2010). Plateosaurus trossigensis (zu dem ein Großteil des ehemals als P. engelhardti bezeichneten Materials gehört ) wies ein extrem variables Wachstum auf, und beide hier abgebildeten Exemplare sind tatsächlich ausgewachsen. Die kleinere Silhouette wurde anhand einer Oberschenkellänge von 48 cm (1,57 Fuß) skaliert, was einer Gesamtlänge von 4,8 m (16 Fuß) entspricht. Diese Länge wurde für ein nicht katalogisiertes Exemplar im MSFM, das von Klein & Sander (2007) als „Schulterblatt 1“ bezeichnet wurde, extrapoliert. Die größere Silhouette wurde anhand des 99 cm (39 Zoll) langen Oberschenkelknochens eines nicht katalogisierten Exemplars im IFG (von Klein & Sander (2007) als „Oberschenkelknochen 13“ bezeichnet) skaliert, woraus sich eine Gesamtlänge von fast 10 m (33 Fuß) ergibt. Die postkranialen Strukturen der Silhouetten basieren auf dem digitalen Modell des Plateosaurus- Skeletts von Mallison (2010), das aus Scans von GPIT-PV-30784 (ehemals GPIT 1) und GPIT-PV-30785 (ehemals GPIT 2) erstellt wurde, während die Schädel hauptsächlich auf MSF 11.4 und NAAG_00011238 (Lallensack et al., 2021) basieren.

Die Floskel "When Giants walked the Earth" kommt einem dabei in den Sinn.

"When Giants walked the Earth"

Wir lasen sie 2004 in "Nature" (Nature2004), als der britische Genetiker Steve Jones (geb. 1944) (Wiki) mit diesen Worten seine Besprechung des damals gerade erschienen Buches von Marek Kohn beitelte, das selbst unter dem Titel "A Reason for Everything" erschienen war und den Untertitel trug "Natural Selection and the British Imagination". Klappentext:

Das Buch beginnt mit Alfred Russel Wallace, der 1858 (...) die Idee der natürlichen Selektion entdeckte - und endet mit einem Porträt von Richard Dawkins, dem prominentesten lebenden Verfechter der natürlichen Selektion in Großbritannien. „A Reason for Everything“ zeichnet die Lebenswege einiger der wichtigsten Denker der Jahre dazwischen nach, darunter Ronald Aylmer Fisher, J. B. S. Haldane, John Maynard Smith und Bill Hamilton, und ist eine elegante und differenzierte Darstellung der Entwicklung des Darwinismus vom 19. Jahrhundert bis in die Gegenwart.

Das waren also die "Giganten", die einstmals auf der Erde die Wissenschaftswelt beherrschten und unser Weltbild formten. Es waren - erstaunlicherweise - zu einem großen Teil Engländer (abgesehen von dem "Giganten" in Freiburg im Breisgau, dem Deutschen August Weißmann). Seit diesem Jahr 2004 fand diese Floskel auch in anderen Bereichen Eingang. Aber ChatGPT belehrt uns, daß diese Floskel wörtlich erstmals so 2004 in "Nature" benutzt worden ist.

Ja, sie erschien auch uns seit 2004 so passend, daß sie uns bis heute als stehende Floskel in Erinnerung geblieben ist. Der in dem Buch und in der Rezension behandelte William D. Hamilton (1936-2000) (Wiki), der Begründer der Soziobiologie und der Evolutionären Anthropologie, hat auch uns zeitlebens als jener "Gigant" fasziniert, der er war. - - - Ob sich auch seine Spuren in den Alpen finden? Versteinert? ... Gewiß ...

Samstag, 15. Januar 2022

Welche Tiere sterben am häufigsten an Krebs?

Todesursache Krebs im evolutionären Vergleich 
Krebsvermeidung: Iß kein Säugetier-Fleisch 
- Verhalte dich besser wie ein pflanzenfressendes Weidetier

191 Arten von Zootieren sind in einer Studie daraufhin untersucht worden, wie viel Prozent der jeweils gestorbenen Tiere an Krebs gestorben sind (1).

In 47 Arten sind überhaupt keine Individuen an Krebs gestorben. Sie verteilen sich über den gesamten Säugetierstammbaum - aber ungleichmäßig (weiße offene Kreise in Abb. 1).

Abb. 1: Die Häufigkeit von Krebs als Todesursache über den Säugerstammbaum hinweg (aus 1)

Die Art, in der die meisten Tiere an Krebs gestorben sind, ist die Doppelkamm-Beutelmaus (Kowari), einer Beutelsäugerart aus der Gruppe der Raubsäuger. In ihr sind fast 60 % der Tiere an Krebs gestorben (längster roter Balken in Abb. 1).

Alle anderen untersuchten Arten liegen auf der Mitte zwischen diesen beiden Extremen. In 41 Arten sind mehr als 10 % aller Tiere an Krebs gestorben. Auch diese sind ungleichmäßig auf den Säugetier-Stammbaum verteilt: Die meisten dieser Arten sind nämlich Säuger-fressende Raubtiere ("Carnivora") (s. Abb. 1).

Die Todesursache Krebs ist also bei den fleischfressenden Raubtieren am höchsten, es folgen die Fledermäuse, auch einige Primatenarten sterben häufig an Krebs, am niedrigsten ist die Krebshäufigkeit bei den Paarhufern ("Artiodactyla"), also bei pflanzenfressenden Weidetieren (s. Abb. 1).

Petos Paradox

In diesem Ergebnis spiegelt sich - wie schon in Jahrzehnte langer Forschung geschehen - "Petos Paradox" (Wiki) wieder, das 1975 formuliert worden ist. In Petos Paradox ist die Überlegung formuliert, daß doch Tiere um so häufiger an Krebs sterben sollten, um so größer sie sind und um so länger sie leben. Denn in diesen Tieren sollten mehr Zellen mehr Zeit haben, zu Krebszellen zu entarten. Diese Erwartung bestätigt sich aber in den empirischen Untersuchungen schon seit der Formulierung dieses Paradoxes im Jahr 1975 nicht. Deshalb eben "Paradox". Und deshalb müssen Theorien zur Krebsentstehung komplexere Annahmen unterstellen als einfach eine statistische Häufung der Entartung von Körperzellen.

Die Ursache für Krebshäufigkeit ist also klar anders verteilt als nach Größe und Lebensdauer. In der neuen Studie können die Forscher ihr Ergebnis sogar noch genauer eingrenzen (1):

Der Verzehr von Wirbeltieren steht in Verbindung mit erhöhter Krebswahrscheinlichkeit, nicht der Verzehr von wirbellosen Tieren. Genauer gesagt, Säugetiere, die regelmäßig Säugetiere als Beute fressen, haben eine signifikant höhere Wahrscheinlichkeit an Krebs zu sterben, verglichen mit Säugetieren, die selten oder niemals andere Säugetiere fressen. Ähnliche Unterschiede konnten weder für Fische, Reptilien oder Vögel als Beutetiere festgestellt werden.
Consumption of vertebrate but not invertebrate prey was associated with increased cancer mortality risk. Specifically, mammals frequently consuming mammalian prey had significantly higher cancer mortality risk compared to mammals that rarely or never consume other mammals. Similar differences could not be detected in the case of fish, reptile or bird prey frequencies.

Der Verzehr von Säugetier-Fleisch ist es also vor allem, der die Krebshäufigkeit nach oben treibt. Weg also mit dem Rindersteak, weg mit dem Schweinefilet, her mit den Fischen, Muscheln, gerösteten Heuschrecken oder auch einmal einem Hähnchen. (Das Thema Massentierhaltung wollen wir an dieser Stelle nicht - eigentlich - nicht berücksichtigen. Aber wenn wir schon in seine Nähe kommen, sei betont: Die bewußte Vernichtung des bäuerlichen Familienbetriebes durch die die kommunistische Agrarpolitik seit 1918 und seit 1945 und durch die EU-Agrarpolitik seit spätestens den 1960er Jahren hat diese ekelhafte Entartung hin zur "Industrieproduktion" des Fleisches von Mitgeschöpfen bewirkt. Wir haben sie schon immer als ekelhaft und abartig und auch der menschlichen Kultur widersprechend gekennzeichnet und werden das auch weiter tun. Wann hört diese Abartigkeit auf? Warum kam und kommt es - trotz "grüner" Minister - nicht zu einer grundlegenden Gesellschaftsreform bezüglich dieser Dinge in Richtung auf eine naturverbundenere Lebensweise unserer Gesellschaft? Warum sind die Völker der Nordhalbkugel so durch und durch schläfrig? Was sollen "Fridays for Future", die durch die Gazetten auf und ab gejagt werden, wenn so grundlegende Dinge nicht angesprochen werden durch sie? Welche Abartigkeiten der Manipulation und der elitären "Themensetzungen" finden hier statt?)

Zurück zum Thema: Untersuchte Tierarten, die vornehmlich andere Tiere fressen statt Säugetieren, sind in dieser Studie noch nicht in ausreichender Zahl untersucht worden, um bezüglich ihrer Ernährungsegwohnheiten Unterschiede in ihren Auswirkungen in Richtung Todesursache Krebs noch genauer eingrenzen zu können. Es wird das Aufgabe künftiger Studien sein.

Seitenblick: Ryke Geerd Hamer

Wir selbst hatten die Frage, ob und in welchem Umfang eigentlich auch Tiere an Krebs sterben können, gestellt seit wir uns kritischerweise mit Ryke Geerd Hamer's (1935-2017) (Wiki) Theorie zur Krebsentstehung und -heilung (1981) auseinandergesetzt haben. Diese Theorie ist nämlich völlig Menschen-zentriert und scheint überhaupt keine evolutive Herkunft von Krebs als Todesursache in Rechnung zu stellen (unseres Wissens nach). Deshalb setzt sie auch bezüglich der Krebsheilung eine menschliche Willensfreiheit voraus, die ja für die hier untersuchten Tiere gar nicht gegeben ist. 

Mit dieser Studie schält sich nun heraus, daß Krebs etwas Natürliches ist und nicht etwa "nur" Folge von zivilisatorischen Fehlentwicklungen und damit einhergehenden Schockerlebnissen und Traumatisierungen, die durch freie Willensentscheidungen des Menschen dann auch wieder "geheilt" werden könnten. 

Wobei Hamer einen ziemlich schlichten Heilungsprozeß unterstellte, während wir heute noch viel besser als vor Jahrzehnten wissen, wie schwer Traumatisierungen geheilt werden können - wenn es denn eben nur um eine solche seelische Heilung ginge, um mit ihr zugleich auch noch jede Art von Krebs heilen zu können. Mit solchen Studien wie der vorliegenden sehen wir, daß Krebs im Allgemeinen in der Natur etwas sehr selbstverständlich Vorkommendes ist. Wobei sich eben Ernährungsgewohnheiten herausschälen als eine Hauptrolle für die Häufigkeit der Todesursache Krebs.

Auch sonst wird ja in den Ernährungswissenschaften vor allem dem "roten Fleisch", also dem Säugetier-Fleisch eine Wirkung zugesprochen, die die Häufigkeit von Krebserkrankungen beim Menschen erhöht (Wiki). 

Aber es macht doch - wie auch sonst - immer einmal wieder Sinn, Erkenntnisse, die bislang nur in Bezug auf den Menschen gewonnen worden sind, mit dem Hintergrund der großen evolutionären Wissenschaften abzugleichen, sie durch sie zu ergänzen, zu korrigieren oder sie zu bekräftigen oder zu entkräften. Hier wie auch in anderen Wissenschaftsbereichen gilt: 191 Arten können uns - im Vergleich miteinander - mehr sagen als eine einzige. So ist es eben: Evolutionäre Ernährungswissenschaft und Evolutionäre Medizin sind die Zukunft.

___________

  1. Vincze, O., Colchero, F., Lemaître, JF. et al. Cancer risk across mammals. Nature 601, 263–267, 22.12.2022, https://www.nature.com/articles/s41586-021-04224-5

Donnerstag, 23. September 2021

Seeanemonen - In ihrem Genom schlummern mehr Fähigkeiten als sie zeigen

Schlummern in unseren Genomen unbekannte, nicht ausgeprägte Funktionen?
- Stellen nicht abgelesene Genom-Abschnitte eine Art "Spielwiese der Evolution" dar?

Der Konstanzer Biophysiker und Zellbiologe Gerold Adam (1933-1996) hat schon Anfang der 1990er Jahre die Regulation der Genablesung in lebenden Organismen über Methylierung und Demyethylierung erforscht. Ihm erschien es schon damals bedeutsam, daß ein großer Teil des Genoms eines einzelnen Organismus während seiner Lebensspanne gar nicht abgelesen wird, sondern "unabgelesen" im Organismus "ruht", "schlummert". Er vermutete schon damals gesprächsweise, daß in diesen nicht abgelesenen Genom-Abschnitten eine Art "Spielwiese der Evolution" vorliegen würde, so drückte er sich aus.

Abb. 1: "Vergangen aber nicht vergessen - Genom-Editierung läßt vergessenen Zelltyp wieder auferstehen" - In der Seeanemone Nematostella vectensis - Vortragsankündigung auf Facebook (Fb)

Und er mutmaßte, daß man hier künftig auch frühere Stadien der Evolution "wieder finden" würde können, also Gen-Funktionen, die von dem jeweiligen heutigen Organismen gar nicht mehr benötigt werden, die aber in früheren Stadien der Evolution von seinen Vorfahren gebraucht und benutzt worden waren (1). Er stellte sich das so vor wie etwa beim Axolotl, wo ja in der Larven-Phase auch zum Teil ganz andere Genomabschnitte in anderen Aktivitätsmustern abgelesen werden müssen als in der adulten Phase.

So viel es dem Autor dieser Zeilen aber bekannt ist, war in den 1990er Jahren noch kein guter Beispielorganismus bekannt, an dem aufgezeigt worden wäre, daß in ihm Gen-Funktionen tatsächlich schlummern, die im Leben des jeweiligen Organismus gar nicht abgerufen werden.

Nun berichtet aber der Biologe Reinhard Junker in dem auch sonst sehr lesenswerten Genesis-Newsletter (dessen christliche Orientierung man freilich in Rechnung stellen muß) über folgenden neuen Forschungen (2):

Lebewesen besitzen schlummernde Bauplanmodule, die im Normalfall nicht genutzt werden, aber unter bestimmten Bedingungen abrufbar sind. Wer hätte beispielsweise gedacht, daß manche krautige Pflanzen eine Art „Holzmodul“ besitzen, das sie unter bestimmen Bedingungen ausprägen können und dadurch verholzen? (Losos, JB, Glücksfall Mensch - Ist die Evolution vorhersehbar? 2018, S. 93). (...) Ein Bauelement, das durch einen Umweltreiz oder eine geringfügige genetische Änderungen fix und fertig abgerufen werden kann, war offenbar schon vorher da. (...) Über ein erstaunliches Beispiel eines latent (im Verborgenen) vorhandenen Organs bei Quallen berichtete kürzlich Leslie Babonis von der Cornell University auf der virtuellen Jahrestagung der Society for Integrative and Comparative Biology (Pennisi 2021).
Quallen sind berüchtigt wegen ihrer Nesselzellen, deren Stich Hautreaktionen und heftige Schmerzen verursachen. Babonis hat herausgefunden, daß ein einziger genetischer Schalter stechende Nesselzellen in Zellen umwandeln kann, die an einer Unterlage kleben können. Dies ermöglicht dem Tier, im Verlauf der Entwicklung von der frei beweglichen Larve zum festsitzenden (sessilen) Organismus neue Oberflächen zu besiedeln. Die Nesselzellen der Quallen haben mehrere Erscheinungsformen. Die Stachelzellen (Nematozyten) schießen winzige, giftbeladene Harpunen ab, während einige Nesselzellen in Seeanemonen und Korallen Fäden aus klebrigem Material absondern, mit denen sich die Tiere in Substraten wie Schlamm verankern können.
Babonis untersuchte mit ihrem Team die 5 cm lange, durchsichtige Seeanemone Nematostella vectensis. Die Forscher schalteten das Sox2-Gen aus, das bei vielen anderen Tieren für die neurale Entwicklung wichtig ist. Es zeigt sich, daß als Folge davon Nematozyten in den Tentakelspitzen krumme Harpunen ausbildeten, Nematozyten aber an der Körperwand fehlten; an ihrer Stelle wurden fette Nesselzellen, sogenannte robuste Spirozyten, ausgebildet, die (bei anderen Arten) für ihre Klebrigkeit bekannt sind.
Diese Zellen waren bei dieser Art bislang noch nie beobachtet worden. Offenbar hat das Sox2-Gen die Funktion eines Schalters. Wenn es aktiv ist, bilden sich Stachelzellen, andernfalls bilden sich Spirozyten, aber nur in der Körperwand. Ob Sox2 auch bei anderen Nesseltieren für die Spirozytenbildung wichtig ist, ist bisher nicht bekannt.
Solche Regulationsgene, die wie Schalter wirken, sind an sich keine neue Entdeckung; man kennt sie als homöotische Mutationen. Zum Beispiel können durch solche Mutationen die Antennen eines Insektes in Beine umgewandelt werden. Ein neuer Befund ist jedoch, daß solche Änderungen auch bei als einfach geltenden und stammesgeschichtlich an der Basis stehenden Formen vorkommen. „Man erwartet normalerweise nicht, daß Organismen in der Lage sind, Organe zu produzieren, die sie normalerweise nicht entwickeln“, kommentiert Nicole Webster, Evolutionsbiologin an der Clark University (Pennisi 2021). (...) Das plötzliche Auftreten der Klebzellen (Spirozyten) ist ein eindrucksvolles Beispiel dafür, daß Lebewesen Bauplanmodule gleichsam in petto haben, die bereits fertig ausgebildet sind und auf Abruf bereit stehen. Dabei spielt es nur eine untergeordnete Bedeutung, ob es sich bei den experimentell umgewandelten Nesselzellen um echte Spirozyten handelt. Die Information zur Ausbildung dieser spezialisierten Zellen war in jedem Fall bereits vorhanden. (...)
Es stellen sich neue Fragen: Wie sind die spezialisierten Typen der Nesselzellen ursprünglich entstanden? Wie konnte die Fähigkeit, Klebzellen zu bilden, in einem latenten Zustand erhalten bleiben?

Junker bezieht sich also auf einen Bericht im "Science-Magazin" (3). Und die von ihm aufgeworfenen Fragen dürften durchaus berechtigte Fragen sein. 

Aber natürlich wirft die Möglichkeit, daß die Natur so arbeitet, auch eine Frage dahingehend auf, inwiefern Erscheinungen konvergenter Evolution im Organismen-Reich jeweils tatsächlich als "konvergent" anzusehen sind oder ob da nicht Arten an unterschiedlichen Zweigen im Artenstammbaum einfach "nur" - unabhängig voneinander - ähnliche, archaisch entstandene und abgespeicherte Funktionen einfach nur "erneut" ab- und aufgerufen haben. In diesem Falle hätte die Evolution ja nichts "Neues" erfinden zu brauchen, sondern nur auf Altbewährtes, Abgespeichertes zurückgreifen brauchen.

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  1. Adam, Gerold: Persönliche Mitteilungen, Anfang der 1990er Jahre
  2. Junker, Reinhard: Seeanemonen: Evolution oder Abruf eines Programms? In: Genesis-Newsletter, 22.1.2021, http://www.genesisnet.info/index.php?News=285
  3. Pennisi E (2021) Anemone shows mechanism of rapid evolution. Science 371, 221, https://www.science.org/doi/10.1126/science.371.6526.221

Samstag, 3. Juli 2021

Schlangen und Echsen - Bei der Evolution des Lebendgebärens hinken sie hinterher

Erst vor 15 Millionen Jahren - Die Säugetiere waren viel früher 
- "Vorpreschen" und "Hinterherhinken" in der Evolution

"Lebendgebärende Landschnecken" betitelten wir vor drei Wochen einen Artikel (St.gen. 6/21). Immer noch sind wir berückt von seinem Inhalt. Daß einige Landschnecken-Arten lebendgebärend sind, wer hätte das gedacht, wer gewußt? Neue Erkenntnisse durch die Bernstein-Forschung haben auf diesen Umstand aufmerksam gemacht (1, 2). Und nun stoßen wir auf eine neue Studie zur Evolution der Eigenschaft Lebendgebärend (5), so daß der damalige Artikel hier in erweiterter Form neu eingestellt wird.

Die Eigenschaft "Lebendgebärend" (Viviparie) (Wiki) stellt ja eine außerordentlich wichtige Errungenschaft der Evolution dar. Sie bestimmt ja noch heute unser gesamtes Leben und Überleben essentiell mit - als Menschen auf diesem Planeten. Es mag ja sei, daß ein paar Bio-Technokraten die Menschheit zurück bringen wollen zur Lebensform "Eierlegend", so daß sich Eltern nur noch möglichst wenig um ihre Nachkommenschaft kümmern brauchen und daß sie diese in außerfamiliärer Umgebung zu jenem "Neuen Menschen" heranwachsen lassen wollen, den solche Bio-Technokraten bevorzugen mögen.

Abb. 1: Im Bernstein entdeckt: Eine lebendgebärende Landschnecke (aus 2)

Aber es scheint doch sehr offensichtlich zu sein, daß innerhalb der Evolution selbst eine solche Lebensform wie: "eierlegend und die Nachkommenschaft zu großen Teilen sich selbst überlassend" eine sehr archaische - man kann wohl gerne auch sagen "primitive " - Lebensform darstellt. 

Und der faszinierende Vorgang nun, der zur Überwindung solcher Primitivität führte, hat sich konvergent (Wiki) abgespielt, er ist in vielen Zweigen des Artenstammbaums zu unterschiedliche Zeiten vollzogen worden. Das heißt, zu der lang gewordenen Liste von Fällen konvergenter Evolution, die sich die Wissenschaft seit etwa 2003 bewußt macht und die man auch angefangen hat, philosophisch zu deuten (3), gehört ganz zentral auch die Eigenschaft "lebendgebärend" dazu. (Bisherige Blogbeiträge zum Thema: konvergente Evolution.) [20.5.22] Wir lesen dazu (14):

Die Lebensform Lebendgebärend ist etwa 142 mal unter den Wirbeltieren von der Lebensform Eierlegend aus evoluiert.
Viviparity has evolved from oviparity approximately 142 times among vertebrates. 

Lebendgebärenden Landschnecken gab es schon in der Kreidezeit vor 80 Millionen Jahren, also in jener Zeit, in der auch die ersten - lebendgebärenden - Säugetierarten auf der Erde lebten. In der Unteren Kreidezeit vor 160 Millionen Jahren sind Kloaken- und Beuteltiere entstanden, am Ende der Kreidezeit vor 69 Millionen Jahren Plazentatiere (siehe unten). Und spätestens mitten in dieser Zeit sind also nun sogar wirbellose Tiere wie Landschnecken zu dieser Lebensform übergegangen.

Unsere Vermutung: Die Tendenz der Natur, auf etwas hinaus zu wollen, das sehr deutlich zu umschreiben und zu charakterisieren ist (und das Simon Conway Morris erstmals auch so charakterisiert hat) (s. konvergente Evolution), ist immer schwerer zu übersehen für die Wissenschaft.

Die Natur wollte nicht nur eierlegende Reptilien auf dieser Erde, sie wollte Lebewesen, die sich als Eltern einige Zeit - später viele Jahre - um ihren Nachwuchs kümmern, sie wollte also auf eines der Grundcharakteristika alles Humanen hinaus. Unbewußt natürlich. (Denn welches Bewußtsein hätte das wollen sollen?)

Aber die Forscher denken als erstes an Nützlichkeits-Erwägungen, sie überlegen, warum die Lebensform lebendgebärend bei den Landschnecken nicht ausgestorben ist oder wo sie einen Überlebensvorteil bietet gegenüber anderen Lebensformen. Das mutet im ersten Augenblick ein wenig willkürlich und auch "nüchtern" an angesichts des Herrlichen, das mit der Lebensform "lebensgebärend" alles sonst noch so verbunden ist. Es mutet das so an, als ob Wissenschaftler von ihrem eigenen Leben und Familienleben völlig absehen würden und könnten, wenn sie an Natur und Evolution denken.

Als wenn die Lebensform lebendgebärend auch in ihrem eigenen Leben allein Nützlichkeits- und Überlebensaspekte hätte, individuelle, evolutionäre, die zu beachten wären. Und keinerlei weitere.

Und als wäre das eine Gesamterklärung. Seit Charles Darwin glauben Biologen, daß Lebensformen nur deshalb entstehen, weil sie nützlich sind. Das ist freilich ein wenig absurd. Aber irgendwann werden das ja vielleicht - sogar! - einmal Biologen verstehen. Daß das reichlich absurd ist. Nämlich die Annahme, daß Leben und die Vielfalt der Lebensformen auf dieser Erde nur deshalb entstehen würden, "damit" sie nicht aussterben.

In der Studie heißt es (2):

Man weiß, daß die Lebensform "lebendgebärend" über 160 mal im Tierreich evoluiert ist, bei Knochenfischen ...., Amphibien, Säugetieren, Schlangen und Lurchen (Squamatae) ebenso wie in zahllosen Gruppen von Wirbellosen. Eine Voraussetzung für sie ist die Befruchtung innerhalb des Körpers.
Viviparity is known to have evolved over 160 times in the animal kingdom, including boney fishes, cartilaginous fishes, amphibians, mammals and squamate reptiles as well as in numerous invertebrate groups for which internal fertilization is a precondition (Blackburn, 1999).

Und mit diesen Worten werden wir gleich noch auf einen weiteren Umstand aufmerksam gemacht: Daß innere Befruchtung Voraussetzung ist für die Lebensform "lebendgebärend", daß also eine innigere Vereinigung beider Eltern-Lebewesen notwendig ist. Eine innigere als daß bei der bloß "äußeren Befruchtung" notwendig ist. Ob auch hier die Tendenz der Natur auf etwas hinaus wollte? Oder ob es auch diese Lebensform nur deshalb gibt, damit sie nicht ausstirbt? Weil sie zugleich "nützlich" ist? 

Oder wollte die Natur womöglich auf hier noch auf wesentlich andere Dinge mehr hinaus? Immerhin könnten ja auch in diesem Fall die Forscher einmal - so nebenbei - ihr eigenes Leben betrachten ....

... Genom-Vergleiche ...

Eine weitere Frage: Sicherlich kann über Genom-Vergleiche verschiedener Schneckenarten der Ursprung der Eigenschaft "lebendgebärend" in der Stammesgeschichte auch in die Kreide-Zeit verortet werden. Aber womöglich auch noch weiter unten im Stammbaum, in einer früheren Erdepoche. Das wäre sehr spannend zu erfahren. In der Studie findet sich dazu - soweit wir sehen - vorerst nichts angedeutet. 

Da aber schon Blütenpflanzen (Angiospermen) und Säugetiere so merkwürdig zeitlich parallel zueinander evolutiert sind - was beides mit einer intensivierten Sorge um die Nachkommenschaft einher geht (10) - ob solche Gleichzeitigkeiten dann nicht auch auf Wirbellose erweitert werden können? Man möchte meinen, daß in diesem Bereich ein nächster Schritt der Erkenntnisgewinnung in der Forschung liegt. Nämlich: Wie zeitverschoben oder gleichzeitig die konvergente Evolution von Merkmalen in verschiedenen Bereichen des Artenstammbaumes stattfindet. 

Anders gefragt: Eilen Organismen-Gruppen anderen voraus in der Evolution von bestimmten Merkmalen? Vor drei Jahren war uns auffällig geworden, daß auch der Übergang von der solitären Lebensweise bei Insekten zu der Lebensform "Helfer am Nest", wodurch es dann im weiteren Verlauf zur Staatenbildung kam, sich in der Kreidezeit vollzogen hat (4). Die Staatenbildung der Termiten könnte dem aber schon im Jura voraus geeilt sein, zur Zeit erster eierlegender Säugetiere (4). Damals hatten wir auch festgehalten (4):

Man möchte das Sozialleben der Termiten übrigens aus menschlicher und männlicher Sicht - bei aller weiter fortbestehenden Fremdheit - das "sympathischste" aller staatenbildenden Insekten nennen. Denn Königin und König leben nach ihrem Hochzeitsflug lebenslang zusammen, das heißt, die Königin ersetzt nicht ein lebendes Männchen durch eine Samenbank wie das bei den anderen staatenbildenden Insekten der Fall ist. Und auch in den Arbeiterkasten kommen Tiere beider Geschlechter zum Zuge. Da wird also nicht gegen männliche Tiere "diskriminiert" wie das sonst unter den staatenbildenden Insekten der Fall ist.

Vielleicht deutet sich in diesem Umstand auch ein Grundgesetz der Evolution an: In Frühstufen der Evolution einer bestimmten Eigenschaft zeigt sich diese bestimmte Eigenschaft "vollkommener" als über viele nachfolgende Stufen dieser Eigenschaft hinweg. 

... Die Schuppenkriechtiere ....

Wissenschaft erstaunt immer wieder. Wie schnell die oben von uns noch schnöde beiseite getanen "Nützlichkeits-Erwägungen" vielmehr dennoch zum Erkenntnisfortschritt beitragen können. Und zwar bei der Erforschung der Evolution der Schlangen und Echsen - zusammen gefaßt als "Schuppenkriechtiere! (Wiki) ("Squamata"). Zu ihnen gehört beispielsweise auch das Chamäleon. Wir lesen (5):

Lebend auf die Welt kommende Junge (Viviparie) sind eine wesentliche evolutionäre Errungenschaft und sind in vielen Wirbeltier-Stammbaum-Zweigen unabhängig voneinander aus eierlegenden Wirbeltier-Stammbaum-Zweigen (Oviparie) evoluiert, am häufigsten in der Gruppe der Eidechsen und Schlangen. Obwohl die heutigen lebendgebärenden Arten unter den Schuppenkriechtieren ("squamatae") weltweit im Allgemeinen in kälteren Klimazonen leben, ist es nicht bekannt, ob die Lebensform Lebendgebärend in erster Linie als Reaktion auf kaltes Klima evoluiert ist. (...) Wir zeigen, daß stabile, langanhaltende, kühle klimatische Bedingungen korrelieren mit Übergängen zur Lebensform Lebendgebärend über alle Schuppenkriechtier-Staumbaum-Zweige hinweg. ....
Live-bearing young (viviparity) is a major evolutionary change and has evolved from egg-laying (oviparity) independently in many vertebrate lineages and most abundantly in lizards and snakes. Although contemporary viviparous squamate species generally occupy cold climatic regions across the globe, it is not known whether viviparity evolved as a response to cold climate in the first place. Here, we used available published time-calibrated squamate phylogenies and parity data on 3,498 taxa. We compared the accumulation of transitions from oviparity to viviparity relative to background diversification and a simulated binary trait. Extracting the date of each transition in the phylogenies and informed by 65 my of global palaeoclimatic data, we tested the nonexclusive hypotheses that viviparity evolved under the following: (a) cold, (b) long-term stable climatic conditions and (c) with background diversification rate. We show that stable and long-lasting cold climatic conditions are correlated with transitions to viviparity across squamates. This correlation of parity mode and palaeoclimate is mirrored by background diversification in squamates, and simulations of a binary trait also showed a similar association with palaeoclimate, meaning that trait evolution cannot be separated from squamate lineage diversification. We suggest that parity mode transitions depend on environmental and intrinsic effects and that background diversification rate may be a factor in trait diversification more generally.

In vielen früheren Blogartikeln haben wir uns mit der Evolution von Plazenta-Tieren bei den Säugetieren beschäftigt (6-11). Aus diesen geht hervor, daß Kloakentiere und Beuteltiere schon in der Unteren Kreidezeit evoluiert sind und "echte Säugetiere", also Plazentatiere - nach dem Forschungsstand von 2016 - erst in den fünf Millionen Jahren vor dem endgültigen Aussterben der Dinosaurier (9). Wie nun verhält sich dies für die Evolution der Viviparie bei Schlangen und Eidechsen? Wir lesen (5):

Bei den Schlange und Echsen (also Squamatae/Schuppenkriechtieren) haben sich die meisten Übergänge von der Oviparie zur Viviparie innerhalb der letzten 66 Millionen Jahre ergeben, maximal höchstens drei Übergänge haben sich schon vorher vollzogen. (...) Die meisten dieser Übergänge vollzogen sich innerhalb der letzten 25 Millionen Jahre (mehr als 73 % aller Übergänge). (...) Der Höhepunkt in der Häufigkeit der Übergänge liegt in der Zeit von 16 bis 11 Millionen Jahren. 25 bis 29 % aller Übergänge vollzogen sich in dieser Zeitspanne. Im größeren erdgeschichtlichen Überblick kann gesagt werden, daß die Übergänge zur Lebensform Lebendgebärend vom Späten Oligozän an (vor ungefähr 25 Millionen Jahren) deutlich häufiger wurden und daß ihre Häufigkeit im Spätem Miozän (vor 5 Millionen Jahren) wieder zurück ging.
Most transitions from oviparity to viviparity in squamate reptiles occurred within the last 66 million years (Table 1), with only up to maximally three transitions occurring earlier than that. (...) Transitions tended to occur most frequently within the last 25 million years (>73% of all transitions, irrespective of cut-off). (...) The peak of transitions was between 11 and 16 mya, with 25.0%–28.8% of all transitions occurring in this time period. On geological scales, origins of viviparity increased markedly in frequency from the late-Oligocene (around 25 mya) and decreased in the late-Miocene (around 5 mya).

Daraus wäre zu schlußfolgern, daß Schlagen und Echsen deutlich länger brauchten, um auf die Lebensform Lebendgebärend zu kommen als die "schnelleren" Kloakentiere, Beuteltiere und Echten Säugetiere. Interessanterweise gibt es für all diese Angaben auch keinerlei Unterschiede zwischen Schlangen einerseits und Echsen andererseits. Dies zeigt sehr deutlich auf, wie ähnlich sich diese beiden Gruppen in den grundlegenderen Organisationsvoraussetzungen und -strukturen, in ihrer Lebensweise sind, in dem genetisch festgelegten Rahmen der Art ihres Lebens, und zwar auch hinsichtlich der Wahrscheinlichkeit, einen Übergang zu lebendgebärend zu vollziehen.

All diese "Gleichzeitigkeiten", bzw. das "Vorpreschen" und Hinterherhinken" in dem Erwerben von Eigenschaften innerhalb der Evolution - ob diese nicht doch noch mancherlei tiefere Geheimnisse bergen? Deuten sie nicht auf grundlegendere Gesetzmäßigkeiten, die es erst noch zu finden gilt? Liegen hier nicht Antworten auf die Frage, warum Tiere überhaupt so sind wie sie sind? Der von uns so geschätzte britische Evolutionsforscher Simon Conway Morris schüttete die vielen Beispiele von konvergenter Evolution in seinem wegleitenden Buch von 2003 nur "wild durcheinander" vor dem Leser aus. Nur wenig gedanklich sortiert und geordnet. Nach weiteren Gesetzmäßigkeiten, die für konvergente Evolution gelten könnten, außer daß etwas konvergent evolutiert ist, fragte er damals noch nicht. Sein Buch war ja auch nur der erste Schritt in ein neues Forschungsfeld. Aber die Klärung solcher Fragen wird die Forschung sicherlich in vielerlei Hinsicht nach und nach deutlich weiter bringen. Nämlich im Verständnis sowohl der Spielräume wie auch der Zwänge, innerhalb denen Evolution insgseamt stattgefunden hat und auch Evolution einzelner Zweige im Artenstammbaum.

Man könnte ja - beispielsweise, auch - angesichts der späten Übergänge bei Schlagen und Echsen - die These aufstellen, nämlich für alle Zweige des Artenstammbaumes, in denen sich keine Übergänge zur Lebensform Lebendgebärend finden: Womöglich hatten diese anderen Zweige nur noch nicht genügend "Zeit", um schließlich doch auch noch auf diesen Trichter mit der Lebensform Lebendgebärend zu kommen. Also quasi noch spätere "Spätzünder" als die Schlangen und Echsen. Aber das soll nur eine von vielen möglichen Vermutungen und Hypothesen andeuten, denen jetzt nachgegangen werden kann.

Ergänzung 8.7.2021: Über die Anliegen auf dem Gebiet grundlegender evolutionstheoretischer Erwägungen des soeben verstorbenen US-amerikanischen Evolutionsbiologen David Wake (1936-2021) (Wiki) wird berichtet:

Die Arbeit von Dave hob die Notwendigkeit hervor, auch intrinsische Faktoren zu berücksichtigen wie etwa Entwicklungsmerkmale, die für einen Zweig des Artenstammbaums spezifisch sind oder konservierte anatomische Muster, die eine Auffächerung der Artenvielfalt in einem Zweig des Artenstaumbaums in bedeutsamer Weise sowohl erleichtern wie beschränken können, oft im Gegensatz zu dem, was die natürliche Selektion bewirkt.
Dave’s work highlighted the need to also consider intrinsic factors, such as lineage-specific developmental traits or conserved anatomical features, which may both facilitate and constrain diversification in significant ways, often in opposition to natural selection.

David Wake stammt übrigens von einer Familie norwegischer Auswanderer ab (13).

Abb. 2: Genomische Prägung bei lebendgebärenden Tieren: Beuteltiere, Säugetiere und Fische (aus 14) 

Ergänzung 20.5.22: In einem soeben erschienenen Übersichts-Artikel gibt es neue Überlegungen zu den Nützlichkeitserwägungen bei der Evolution der Lebensform "Lebendgebärdend". 

Die Rolle der genomischen Prägung im Zusammenhang mit der Lebensform Lebendgebärend

Es wird einleitend zunächst ausgeführt (14):

Unterschiedliche Theorien sind vorgeschlagen worden, um die Evolution jedes der Merkmale (der Lebensform Lebendgebärend) in den unterschiedlichen Artengruppen zu erklären. Keine jedoch kann auf alle lebendgebärenden Wirbeltier-Arten angewandt werden, weil die vorausgesetzten ökologischen Vorteile wie Kontrolle der Bruttemperatur oder Schutz der Eier gegen Freßfeinde sich zwischen den Artengruppen sehr stark unterscheiden.
Different theories have been proposed to explain the evolution of each of its traits in the different taxa. None, however, is applicable to all the viviparous vertebrates, since the derived ecological advantages such as controlling incubating temperature or protecting eggs against predation differ amongst clades.

Ob der Artikel nun insgesamt bessere Vorschläge zur Theoriebildung macht, sei an dieser Stelle dahingestellt. Es sei aber angeführt, daß dieser Artikel seinen Ausgang zu nehmen scheint von der interessanten Entdeckung, daß das Phänomen der genomischen Prägung einen besonderen Zusammenhang aufweisen könnte mit der Eigenschaft Lebendgebärend (14) (s. Abb. 2):

Genomische Prägung ist nachgewiesen für die Theria (Beuteltiere und Säugetiere). Außerdem ist bekannt, daß sie bei Kloakentieren oder Vögeln nicht vorkommt. Weiterhin gibt es Hinweise darauf, daß sie in mindestens einer der Arten der Fischfamilie Goodeidae (Saldivar Lemus et al. 2017) vorkommt. Die Möglichkeit der Evolution von Genablesung, die von Eltern geprägt wird, bei Reptilien, Amphibien und Fischen ist bislang wenig erforscht worden (O’Neill et al. 2000; Griffith et al. 2016; Schwartz and Bronikowski 2016). Sie bedarf größerer Aufmerksamkeit in der Zukunft.
Genomic imprinting has been documented in therian mammals, and it is known to be absent (N) in monotremes or birds. There is evidence that suggest that it is also present in at least one species of the fish family Goodeidae (Saldivar Lemus et al. 2017). The possibility of the evolution of a parent-of-origin gene expression in reptiles, amphibians and fish has been poorly investigated (O’Neill et al. 2000; Griffith et al. 2016; Schwartz and Bronikowski 2016) and deserves further attention.

Der innige Zusammenhang zwischen Muttertier und den Nachkommen während der Schwangerschaft scheint es also erst zu sein, der das Phänomen der genomischen Prägung ermöglicht. Im Forschungsbereich der Epigenetik, in den das Thema genomische Prägung gehört, gibt es ja inzwischen sehr differenzierte Überlegungen und Forschungen (siehe z.B. Stgen2017, Stgen2020). Es wäre sicherlich interessant, diese Forschungen unter dem Aspekt der her sich andeutenden Erkenntnis neu zu bewerten.  

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  1. Kreidezeitliche Schnecken-Lebendgeburt 9. Juni 2021, https://www.wissenschaft.de/erde-klima/kreidezeitliche-schnecken-lebendgeburt/
  2. Adrienne Jochum, Tingting Yu, Thomas A. Neubauer, Mother snail labors for posterity in bed of mid-Cretaceous amber, Gondwana Research, Volume 97, 2021, Pages 68-72, https://doi.org/10.1016/j.gr.2021.05.006. (https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S1342937X21001453
  3. Conway Morris, Simon: Jenseits des Zufalls. Wir Menschen im einsamen Universum. Berlin University Press, 2008, (um wichtige Eingangs-Kapitel gekürzte deutsche Fassung von: "Life’s Solution: Inevitable humans in a Lonely Universe". Cambridge University Press, 2003)
  4. Bading, Ingo: Altruismus und Tierstaaten - In welchen Erdepochen evoluierten sie in der jeweiligen Tiergruppe? Datierungen anhand der Fossilgeschichte und der Genomvergleiche, 15. Februar 2018, https://studgendeutsch.blogspot.com/2018/02/altruismus-und-tierstaaten-in-welchen.html
  5. Recknagel, H., Kamenos, N. A., & Elmer, K. R. (2021). Evolutionary origins of viviparity consistent with palaeoclimate and lineage diversification. Journal of Evolutionary Biology, 00, 1– 10. https://doi.org/10.1111/jeb.13886  
  6. Bading, Ingo: Säugetier-Evolution - Berichterstattung erweckt falschen Eindruck, 2007, https://studgendeutsch.blogspot.com/2007/04/sugetier-evolution-berichterstattung.html
  7. Bininda-Emonds, O., Cardillo, M., Jones, K. et al. The delayed rise of present-day mammals. Nature 446, 507–512 (2007). 29.3.2007, https://doi.org/10.1038/nature05634 
  8. Bading, Ingo: Die lange Evolution der frühen Säugetiere, 2008, https://studgendeutsch.blogspot.com/2008/01/die-lange-evolution-der-frhen-sugetiere.html
  9. Bading, Ingo: Plazentatiere - Sie entstanden erst unmittelbar vor Aussterben der Dinosaurier, 2016, https://studgendeutsch.blogspot.com/2016/08/plazentatiere-sie-entstanden-erst.html
  10. Bading, Ingo: Parallele Evolution gesteigerter Nachkommenfürsorge bei Pflanzen und Tieren, 2017, https://studgendeutsch.blogspot.com/2017/08/parallele-evolution-gesteigerter.html
  11. Bading, Ingo:  Ein Blick in das innere Getriebe der Evolution - Das Wiederaufblühen des Lebens nach Massenaussterben auf der Erde kann zeitlich immer genauer nachvollzogen werden, 2020, https://studgendeutsch.blogspot.com/2020/01/ein-blick-in-das-innere-getriebe-der.html
  12. David Wake: Why are there so many kinds of organisms (but especially salamanders)? James Hanken Proceedings of the National Academy of Sciences Jul 2021, 118 (27) e2110321118; DOI: 10.1073/pnas.2110321118 
  13. David Wake, 20.02.2020, UC Berkeley Retirement Center, https://youtu.be/oHKA4k7uff8.
  14. Saldívar-Lemus, Yolitzi, and Constantino Macías Garcia. "Conflict and the evolution of viviparity in vertebrates." Behavioral Ecology and Sociobiology 76.5 (2022): 1-21, https://link.springer.com/article/10.1007/s00265-022-03171-z. (Resg)

Donnerstag, 10. Juni 2021

Lebendgebärende Landschnecken!

Gibt es uns und unsere Lebendigkeit nur, weil sie "nützlich" ist?

Daß einige Landschnecken-Arten lebendgebärend sind, wer wußte das wohl bisher? Außer einigen Eingeweihten? Die Wissenschaft hat sich verschworen, um uns diese wesentliche Erkenntnis vorzuenthalten. Aber die Bernstein-Forschung bringt es an den Tag (1, 2). 

Und damit kann zur Allgemeinbildung ein weiteres Beispiel für Konvergenz (Wiki) - nämlich ein solches im Rahmen der für die Evolution so wichtige Eigenschaft "lebendgebärend" (Wiki) - hinzugefügt werden. Das heißt, die lang gewordene Liste von Fällen konvergenter Evolution, die sich die Wissenschaft seit etwa 2003 bewußt macht und die sich auch angefangen hat, philosophisch zu deuten (3), ihr wäre hiermit ein weiterer Fall hinzuzufügen. (Bisherige Blogbeiträge zum Thema: konvergente Evolution.)

Abb.: Im Bernstein entdeckt: Eine lebendgebärende Landschnecke (aus 2)

Solche lebendgebärenden Landschnecken gab es schon in der Kreidezeit vor 80 Millionen Jahren, also in jener Zeit, in der auch die ersten - lebendgebärenden - Säugetierarten auf der Erde lebten.

Unsere Vermutung: Die Tendenz der Natur, auf etwas hinaus zu wollen, das sehr deutlich zu umschreiben und zu charakterisieren ist (und das Simon Conway Morris erstmals auch so charakterisiert hat) (s. konvergente Evolution), ist immer schwerer zu übersehen für die Wissenschaft.

Die Natur wollte nicht nur eierlegende Reptilien auf dieser Erde, sie wollte Lebewesen, die sich als Eltern einige Zeit - später viele Jahre - um ihren Nachwuchs kümmern, sie wollte also auf eines der Grundcharakteristika alles Humanen hinaus. Unbewußt natürlich. (Denn welches Bewußtsein hätte das wollen sollen?)

Aber die Forscher haben auch gleich Nützlichkeits-Erwägungen parat, warum die Lebensform lebendgebärend bei den Landschnecken nicht ausgestorben ist. Das mutet ein wenig willkürlich an angesichts des Herrlichen, das mit der Lebensform "lebensgebärend" alles sonst noch so verbunden ist. Das mutet so an, als ob Wissenschaftler von ihrem eigenen Leben und Familienleben völlig absehen würden und könnten, wenn sie an Natur und Evolution denken.

Und als wäre das eine Gesamterklärung. Seit Charles Darwin glauben Biologen, daß Lebensformen nur deshalb entstehen, weil sie nützlich sind. Das ist freilich ein wenig absurd. Aber irgendwann werden das ja vielleicht - sogar! - einmal Biologen verstehen. Daß das reichlich absurd ist. Nämlich die Annahme, daß Leben und die Vielfalt der Lebensformen auf dieser Erde nur deshalb entstehen würden, "damit" sie nicht aussterben.

In der Studie heißt es (2):

Man weiß, daß die Lebensform "lebendgebärend" über 160 mal im Tierreich evoluiert ist, einschließlich bei Knochenfischen .... Amphibien, Säugetieren und ... Reptilien ebenso wie in zahllosen Gruppen von Wirbellosen. Eine Voraussetzung für sie ist die Befruchtung innerhalb des Körpers.
Viviparity is known to have evolved over 160 times in the animal kingdom, including boney fishes, cartilaginous fishes, amphibians, mammals and squamate reptiles as well as in numerous invertebrate groups for which internal fertilization is a precondition (Blackburn, 1999).

Wir werden hier gleich noch auf einen weiteren bedeutsamen Umstand aufmerksam gemacht: Daß innere Befruchtung Voraussetzung für die Lebensform "lebendgebärend" ist, daß also eine innigere Vereinigung beider Eltern-Lebewesen notwendig ist. Eine innigere als daß sonst so bei der bloß "äußeren Befruchtung" notwendig ist. Ob auch hier die Tendenz der Natur auf etwas hinaus wollte? Oder ob es auch diese Lebensform nur deshalb gibt, damit sie nicht ausstirbt? Weil sie zugleich "nützlich" ist? 

Oder wollte die Natur womöglich auf hier noch auf wesentlich andere Dinge mehr hinaus? Immerhin könnten ja auch in diesem Fall die Forscher einmal - so nebenbei - ihr eigenes Leben betrachten ....

... Und Genom-Vergleiche ... ?

Und weitere Frage: Ob nicht über Genom-Vergleiche verschiedener Schneckenarten der Ursprung der Eigenschaft "lebendgebärend" in der Stammesgeschichte auch in die Kreide-Zeit zu verorten ist? Oder womöglich noch weiter unten im Stammbaum? In einer früheren Erdepoche? Das wäre doch sehr spannend zu erfahren. Darüber aber findet sich in der Studie - soweit wir sehen - vorerst nichts. 

Da aber schon Blütenpflanzen (Angiospermen) und Säugetiere so merkwürdig zeitlich parallel zueinander evolutiert sind - was beides mit einer intensivierten Sorge um die Nachkommenschaft einher geht - ob solche Gleichzeitigkeiten dann nicht auch auf Wirbellose erweitert werden können? Man möchte meinen, daß in diesem Bereich ein nächster Schritt der Erkenntnisgewinnung in der Forschung liegt. Nämlich: Wie zeitverschoben oder gleichzeitig die konvergente Evolution von Merkmalen stattfindet. 

Anders gefragt: Eilen Organismen-Gruppen anderen voraus in der Evolution von bestimmten Merkmalen? Vor drei Jahren war uns auffällig geworden, daß auch der Übergang von der solitären Lebensweise bei Insekten zu der Lebensform "Helfer am Nest", wodurch es dann zur Staatenbildung kam, sich in der Kreidezeit vollzogen hat (4). Die Staatenbildung der Termiten könnte dem aber schon im Jura voraus geeilt sein, zur Zeit erster eierlegender Säugetiere (4). Damals hatten wir auch festgehalten (4):

Man möchte das Sozialleben der Termiten übrigens aus menschlicher und männlicher Sicht - bei aller weiter fortbestehenden Fremdheit - das "sympathischste" aller staatenbildenden Insekten nennen. Denn Königin und König leben nach ihrem Hochzeitsflug lebenslang zusammen, das heißt, die Königin ersetzt nicht ein lebendes Männchen durch eine Samenbank wie das bei den anderen staatenbildenden Insekten der Fall ist. Und auch in den Arbeiterkasten kommen Tiere beider Geschlechter zum Zuge. Da wird also nicht gegen männliche Tiere "diskriminiert" wie das sonst unter den staatenbildenden Insekten der Fall ist.

Vielleicht deutet sich in diesem Umstand auch ein Grundgesetz der Evolution an: In Frühstufen der Evolution einer bestimmten Eigenschaft zeigt sich diese bestimmte Eigenschaft "vollkommener" als über viele nachfolgende Stufen dieser Eigenschaft hinweg. 

... Und die Schuppenkriechtiere ....

Ergänzung, 2.7.2021. Wissenschaft erstaunt immer wieder. Wie schnell die oben von uns noch schnöde beiseite getanenen "Nützlichkeits-Erwägungen" vielmehr dennoch zum Erkenntnisfortschritt beitragen können. Und zwar hier bei der Erforschung der Evolution der Schuppenkriechtiere (Wiki) ("Squamata"), zu denen alle Schlangen und Echsen - und beispielsweise auch das Chamäleon - gehören (5):

... Am häufigsten ist die Lebensform Lebendgebärend bei Eidechsen und Schlagen evoluiert. Obwohl die heutigen lebendgebärenden Arten unter den Schuppenkriechtieren ("squamatae") weltweit im Allgemeinen in kälteren Klimazonen leben, ist es nicht bekannt, ob die Lebensform Lebendgebärend in erster Linie als Reaktion auf kaltes Klima evoluiert ist. (...) Wir zeigen, daß stabile, langanhaltende, kühle klimatische Bedingungen korreliert sind mit Übergängen zur Lebensform Lebendgebärend über alle Schuppenkriechtier-Arten hinweg. ....
Live-bearing young (viviparity) is a major evolutionary change and has evolved from egg-laying (oviparity) independently in many vertebrate lineages and most abundantly in lizards and snakes. Although contemporary viviparous squamate species generally occupy cold climatic regions across the globe, it is not known whether viviparity evolved as a response to cold climate in the first place. Here, we used available published time-calibrated squamate phylogenies and parity data on 3,498 taxa. We compared the accumulation of transitions from oviparity to viviparity relative to background diversification and a simulated binary trait. Extracting the date of each transition in the phylogenies and informed by 65 my of global palaeoclimatic data, we tested the nonexclusive hypotheses that viviparity evolved under the following: (a) cold, (b) long-term stable climatic conditions and (c) with background diversification rate. We show that stable and long-lasting cold climatic conditions are correlated with transitions to viviparity across squamates. This correlation of parity mode and palaeoclimate is mirrored by background diversification in squamates, and simulations of a binary trait also showed a similar association with palaeoclimate, meaning that trait evolution cannot be separated from squamate lineage diversification. We suggest that parity mode transitions depend on environmental and intrinsic effects and that background diversification rate may be a factor in trait diversification more generally.

______________

  1. Kreidezeitliche Schnecken-Lebendgeburt 9. Juni 2021, https://www.wissenschaft.de/erde-klima/kreidezeitliche-schnecken-lebendgeburt/
  2. Adrienne Jochum, Tingting Yu, Thomas A. Neubauer, Mother snail labors for posterity in bed of mid-Cretaceous amber, Gondwana Research, Volume 97, 2021, Pages 68-72, https://doi.org/10.1016/j.gr.2021.05.006. (https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S1342937X21001453
  3. Conway Morris, Simon: Jenseits des Zufalls. Wir Menschen im einsamen Universum. Berlin University Press, 2008, (um wichtige Eingangs-Kapitel gekürzte deutsche Fassung von: "Life’s Solution: Inevitable humans in a Lonely Universe". Cambridge University Press, 2003)
  4. Bading, Ingo: Altruismus und Tierstaaten - In welchen Erdepochen evoluierten sie in der jeweiligen Tiergruppe? Datierungen anhand der Fossilgeschichte und der Genomvergleiche, 15. Februar 2018, https://studgendeutsch.blogspot.com/2018/02/altruismus-und-tierstaaten-in-welchen.html
  5. Recknagel, H., Kamenos, N. A., & Elmer, K. R. (2021). Evolutionary origins of viviparity consistent with palaeoclimate and lineage diversification. Journal of Evolutionary Biology, 00, 1– 10. https://doi.org/10.1111/jeb.13886  
  6. Bininda-Emonds, O., Cardillo, M., Jones, K. et al. The delayed rise of present-day mammals. Nature 446, 507–512 (2007). 29.3.2007, https://doi.org/10.1038/nature05634
  7. Bading, Ingo: Säugetier-Evolution - Berichterstattung erweckt falschen Eindruck, 2007, https://studgendeutsch.blogspot.com/2007/04/sugetier-evolution-berichterstattung.html
  8. Bading, Ingo: Die lange Evolution der frühen Säugetiere, 2008, https://studgendeutsch.blogspot.com/2008/01/die-lange-evolution-der-frhen-sugetiere.html
  9. Bading, Ingo: 2016, Plazentatiere - Sie entstanden erst unmittelbar vor Aussterben der Dinosaurier, https://studgendeutsch.blogspot.com/2016/08/plazentatiere-sie-entstanden-erst.html
  10. Bading, Ingo:  Ein Blick in das innere Getriebe der Evolution - Das Wiederaufblühen des Lebens nach Massenaussterben auf der Erde kann zeitlich immer genauer nachvollzogen werden, 2020, https://studgendeutsch.blogspot.com/2020/01/ein-blick-in-das-innere-getriebe-der.html

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