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Samstag, 8. März 2025

Bollwerk Germanien

Der Abwehrsieg der Germanen im Jahr 1250 v. Ztr. - Laßt uns ein neues Hermanns-Denkmal errichten - An der Tollense - Es ist so weit

Die großartige Goldhut-Kultur der Kelten - Sie eroberte Festland-Europa, England und die Levante (1300 bis 800 v. Ztr.) - Aber sie scheiterte an Germanien und Ägypten

Die Archäogenetik - Auch 2025 hageln aus ihr heraus wieder "Jahrhundert-Erkenntnisse":

  1. Die Eroberung Europas durch die Glockenbecher-Kultur ab 2360 v. Ztr.  - Ursprung: Nordfrankreich
  2. Die Eroberung Europas durch die Urnenfelder-Kultur ab 1300 v. Ztr. - Ursprung: Serbien

Die großartige Goldhut-Kultur, bzw. Urnenfelder-Kultur (Wiki) der Kelten entstand um 1900 v. Ztr. in Serbien und breitete sich ab 1300 v. Ztr. über ganz Europa aus (Abb. 1). 

Abb. 1: Bollwerk Germanien in Norddeutschland an der Tollense und die Eroberung des übrigen Europas durch die Urnenfelder-Kultur ausgehend von Serbien, 1300 bis 800 v. Ztr. (Wiki) - Der zeitgleiche Seevölker-Sturm im Mittelmeerraum, ebenfalls von Serbien ausgehend

Wir hatten diese Urnenfelder-Kultur hier auf dem Blog bislang noch nie wirklich als bedeutende, einflußreiche, geschichtsmächtige, archäologische Einheit, Kultur, Ethnie wahrgenommen. Wir hatten sie fast gar nicht "auf dem Schirm". Der Name selbst klingt ja auch schon nur nach Friedhof. Wie soll man bei einem solchen Namen auf Glanz, Herrlichkeit, Macht und Reichtum schließen? Wir nennen diese Kultur im folgenden nach den strahlendsten Gold-Kunstwerken, die sie hervorgebracht hat, wir nennen sie: die "Goldhut-Kultur" (Abb. 2).   

Wir müssen also mit diesem Blogartikel sehr viele Veränderungen der Wahrnehmung im Blick auf die europäische und mediterrane Geschichte mitteilen. Denn es sind wieder einmal reihenweise neue Erkenntnisse zusammen zu tragen, die sich nun alle - fast wie selbstverständlich - aus dem Fortschritt des Erkenntnisstandes der Archäogenetik ergeben (1). 

Die Urnenfelder-Kultur entfaltete sich zunächst zeitgleich zur großartigen Kultur von Mykene in Serbien. Sie griff aber dann räumlich noch viel weiter aus als das die Griechen der mykenischen Zeit innerhalb des Mittelmeerraumes getan haben. Man kann womöglich so sagen: 

  • 2.300 v. Ztr.: "Das Kommen der Griechen". Als die Jamnaja-Leute sich nach Griechenland hinein ausbreiteten, kam es zeitlich parallel zur Entstehung und Ausbreitung der keltischen Glockenbecher-Kultur über ganz Europa hinweg - von Nordfrankreich ausgehend (1). Die Ethnogenese der Italiker-Kelten, der Griechen und der Armenier erfolgte also in etwa zeitgleich.
  • 1.250 v. Ztr.: Blütezeit und Untergang von Mykene, Seevölkersturm. Sie können zeitlich parallel gesetzt werden zur Ausbreitung der keltischen Urnenfelder-Kultur über ganz Europa hinweg von Serbien ausgehend. Und vieles weist inzwischen darauf hin, daß der Untergang von Mykene und des Hethiter-Reiches auch mit der Ausbreitung der Urnenfelder-Kultur in Zusammenhang steht. 

Damit kann vielleicht verdeutlicht werden, daß die 3000-jährige Dynamik der keltischen Völkergeschichte in Europa um 1200 v. Ztr. ihren Höhepunkt erreicht und auch im Seevölkersturm im Mittelmeer-Raum ihren Ausdruck findet. 

Abb. 2: Die Goldhut-Kultur der Kelten um 1200 v. ztr. (Neues Museum, Berlin) (Fotograf: Sailko) (Wiki)

Die keltische Hallstatt-Kultur, die keltischen Wanderungen danach (Wiki), die Gallier zur Zeit Caesars, ja, die Blüte der antik-griechischen und hellenistischen Kultur könnten - aus dieser Sicht - auch "nur" als "Ausebben" einer noch viel gewaltigeren Dynamik eintausend Jahre zuvor angesehen werden.

Der englischsprachige Wikipedia-Artikel über die Goldhut-, bzw. Urnenfelderkultur (Wiki) gibt auch schon - allein über seine Bebilderung - ein viel differenzierteres Bild von dieser Kultur als dies der aktuell noch "langweiligere" deutschsprachige Artikel tut.

Wir selbst waren wir hier auf dem Blog in vielen Beiträgen schon oft genug mit dieser Urnenfelder-Kultur befaßt, ohne daß uns das bewußt war und ohne daß wir das Thema unter diesem Namen zusammen gefaßt hatten. So etwa in der Blogartikel-Serie zur "Bronzezeitlichen Stadtgeschichte" Mitteleuropas. (Ein Faux pas unsererseits? Oder einfach dem damaligen mangelhaften Kenntnisstand der Archäologie geschuldet? Wir sind verunsichert! Neue Erkenntnisse werfen ja nicht selten die Frage auf, warum man diese Erkenntnis nicht schon früher hatte, sondern sich so vergleichsweise "dumm" anstellte!)

Wann errichten wir ein Hermanns-Denkmal an der Tollense?

Es war offensichtlich diese großartige Goldhut- und Urnenfelder-Kultur, die um 1250 v. Ztr. in der Schlacht an der Tollense (Wiki) bei Altentreptow in Mecklenburg versucht hat, die Königreiche der Nordischen Bronzezeit in einem gigantischen Eroberungszug aufzurollen (s. Stg2019). Dort mußte das Großreich der Urnenfelder-Kultur eine erste und weltgeschichtlich offenbar zugleich auch noch sehr entscheidende Niederlage hinnehmen (s. Abb. 1). Die Königreiche der Nordischen Bronzezeit bewahrten sich durch diese Schlacht ihre germanische Sprache, Kultur und Genetik bis heute (1). Und damit bekommt die Schlacht an der Tollense um 1250 v. Ztr. eine ähnliche geschichtliche Bedeutung wie die Schlacht von Kalkriese im Jahre 9 n. Ztr. im Teutoburger Wald im Wiehengebirge. (Denn die Geographen und Historiker früherer Jahrhunderte hätten den Teutoburger Wald ja als Wiehengebirge bei Kalkriese identifizieren müssen, wenn sie schon so schlau gewesen wären wie wir heute.)  

Abb. 3: Kriegsausrüstung der Goldhut-/Urnenfelder Kultur (Wiki) - Kammhelme und Brustpanzer (aus einer Veröffentlichung von Gabriel de Mortillet [1821-1898])

Das Wiehengebirge ist der Teutoburger Wald, die Landkarten und der Sprachgebrauch müssen endlich der wissenschaftlichen Erkenntnis angepaßt werden so wie sie seit 25 Jahren festgestellt ist. Das Hermanns-Denkmal muß umgesetzt werden ins Wiehengebirge (!). Und an der Tollense muß ein weiteres Hermanns-Denkmal errichtet werden und dieses muß gemeinsam mit den Königen von Dänemark, Schweden und Norwegen eingeweiht werden (!). 

Es wird allmählich klar: So wie der Pharao Ramses III. (1221-1156 v. Ztr.) seinen Sieg über die Seevölker, über die Urnenfelder-Kultur (!?!) im Jahr 1180 v. Ztr. in großartigen Darstellungen verewigt hat (Wiki), so müssen auch wir Germanen unseren Sieg über die Urnenfelder-/Goldhut-Kultur siebzig Jahre zuvor feiern und seiner gedenken. Wann, wenn nicht jetzt?! Wir hatten damals einen starken Gegner. Genauso wie der Pharao Ramses III. von Ägypten. Und wir schlugen diesen Gegner. Genauso wie der Pharao von Ägypten 1180 v. Ztr., als er als Bericht einmeißeln ließ (Wiki):

Die Fremdländer verließen alle gemeinsam ihre Inseln. Es zogen fort und im Kampfgewühl sind die Länder verstreut auf einen Schlag. Kein Land hielt ihren Armen stand; von Ḫatti, Qadi, Qarqemiš, Arzawa, und Alasia an waren (nun) (alle) entwurzelt auf [einen Schlag].
Es wurde ein Lager aufgeschlagen an einem Ort im Inneren von Amurru. Sie vernichteten seine Leute und sein Land, als sei es nie gewesen. Sie kamen nun, indem die Flamme vor ihnen bereitet war, vorwärts gegen Ägypten, ihre Zwingburg (?). Die plst, ṯkr, šklš, dnjn und wšš, verbündete Länder, legten ihre Hände auf alle Länder bis ans Ende der Welt; ihre Herzen waren zuversichtlich und vertrauensvoll: Unsere Pläne gelingen.

Ein furchtbarer Kriegszug durch fast alle dem Pharao bekannten Länder - aus Gegenden heraus, die dem Pharao ganz unbekannt waren. 

Schon 2019 hatten wir grundlegende Zusammenhänge anhand einer neuen Studie des dänischen Archäologen Kristian Kristiansen verstanden. Wir veröffentlichten hier auf dem Blog unseren Artikel "Der große europäische Krieg, der zum Seevölkersturm führte".  Wir schrieben damals (Stg2019):

Ein junger "Makedonen"-König aus der Slowakei rollte ab 1340 v. Ztr. die süddeutsche Ökumene (Höhenburg-Kultur / Palast-Kultur) auf und führte dann - mit den Unterworfenen und neuen Verbündeten einen Kriegszug bis Mecklenburg, bis in das Tal der Tollense.

Wir kamen uns damals noch sehr kühn vor mit dieser "Hypothese". Der hier in phantastischer Weise mit dem jungen Makedonen-König Alexander dem Großen verglichene König aus der Slowakei wäre also jetzt zunächst einmal als ein König der Goldhut- und Urnenfeld-Kultur zu identifizieren.

Abb. 4: Das Portal der nordirischen Dorfkirche von Clonfert, über dem 16 in Stein gemeißelte abgeschnittene menschliche Köpfe "präsentiert" werden (Wiki) (aus: Stg2021)

Ein ähnlicher, herrlicher Abwehrsieg wie es den germanischen Königreichen der Nordischen Bronzezeit an der Tollense gelang und dem Pharao Ramses III. am Nil gelang offenbar den keltischen Königreichen auf den britischen Inseln nicht (wie wir noch sehen werden). Und anhand der Ausbreitungskarte der Urnenfelderkultur in Abb. 1 und der folgenden Ausführungen müssen wir nun auch die Lausitzer Kultur, die sich von der Gegend um Breslau aus nach Norden ausgebreitet hat, und deren Verhältnis zur keltischen Urnenfelderkultur wir schon vor drei Jahren umsonnen hatten (Stg2021), nun offenbar im Rahmen dieses Eroberungszuges der Urnenfelder-Kultur betrachten.

Schon 2021 hatten wir anhand von (2) über die Ausbreitungsbewegung der Urnenfelderkultur geschrieben (Stg2021):

Eine Besiedlungswelle ging insbesondere von der Urnenfelder-Kultur (Wiki) aus, die sich - ab 2000 v. Ztr. - vom zentralen Ungarn her ausbreitete. Die Forschung nimmt mehrheitlich an, daß sich mit ihr die nachmaligen Italiker, Iberer, Ligurer und Kelten ausbreiteten. (...) Ab 1900 v. Ztr. sei die Urnenfelder-Kultur im nordöstlichen Serbien südlich des Eisernen Tores anzutreffen. Während des darauffolgenden Zusammenbruchs des Tell-Systems um 1500 v. Ztr. breitete sich das Urnenfelder-Modell in einige weitere Regionen aus, in die südliche Poebene, auch in die Sava/Drava- und Untere Tisza-Ebene. In vielen dazwischenliegenden Regionen (etwa im Alpenraum) hat es lange keinerlei Urnenfelder-Kultur gegeben oder aber hybride Kulturen mit weniger radikaler Übernahme der Urnenfelder-Kultur-Elemente (etwa in der nördlichen Po-Ebene).

Aber es war uns noch nicht wirklich deutlich genug, daß dieses Unruhezentrum in Europa noch viel weitere Kreise gezogen hat. Durch die Archäogenetik wird dieser Umstand jetzt geklärt (1). 2011 hatten wir etwa schon - der Sache nach - von der süddeutsch-französischen "Kultur der Goldhüte" geschrieben (Stg2011), die sich bei dieser Gelegenheit ausbildete oder ausbreitete. Es haben sich also mit dieser Urnenfelder-Kultur auch erste Stadtanlagen nach Mitteleuropa hin ausgebreitet, die hier auf dem Blog vor vielen Jahren Thema waren. Die Urnenfelder-Kultur war vermutlich auch deshalb so erfolgreich, weil sie mit einer deutlich höheren Siedlungsdichte in den bronzezeitlichen Stadtanlagen samt der sie umgebenden Terrassierungen einher ging, die man ja zur gleichen Zeit von Mykene bis zu den britischen Inseln feststellt. Kein Wunder, daß sich das damit verbundene Bevölkerungswachstum zu einem "Seevölkersturm" auswachsen konnte.

Die Seevölker - Sie trugen die Waffen der Goldhut-/Urnenfelder-Kultur (!)

Wir lesen jetzt auch auf Wikipedia zu unserer Überraschung über die Herkunft der Seevölker (Wiki):

Nach neueren Forschungen der Archäologen Jung und Mehofer standen Gruppen in der Ägäis auch mit dem Apennin in engem Kontakt. Darauf weisen Ergebnisse archäometallurgischer Untersuchungen an spätbronzezeitlichen Schwertern und Fibeln hin. Die charakteristischen Hiebschwerter vom Typ Naue II wurden demnach in Italien hergestellt und verbreiteten sich von dort über die Ägäis in den östlichen Mittelmeerraum. Die typisch italischen Violinbogenfibeln wurden dagegen lokal in der Ägäis und der Levante hergestellt und wurden wohl von Auswanderern getragen, die zu Seevölkergruppen gehörten. Verschiedene Auswanderungswellen bildeten dann in einem Dominoeffekt den Seevölkersturm.
Mehofer und Jung (2013) sehen in ihren Untersuchungen eine Allianz zwischen italischen Ethnien und den zerfallenden mykenischen Stadtstaaten. Um 1200 v. Ztr. kollabierte die mykenische Palastkultur. Sie zerfiel in Stadtstaaten. Diese orientierten sich unter anderem an italischen Ethnien, die eine fortschrittliche Kriegstechnik entwickelt hatten. Mehofer und Jungs Neuwertung der bronzezeitlichen Funde aus Griechenland, Zypern, der Levante und Ägypten zeigen, daß etwa die Waffen nicht aus den jeweiligen Regionen stammen, sondern der Urnenfelderkultur Mitteleuropas (etwa 1300-800 v. Ztr.) zuzurechnen seien. So zeige sich seit dem 13. Jahrhundert v. Ztr. ein nachweisbarer Funktionswandel von den reinen Stich- zu den Hiebschwertern. So waren die in Mitteleuropa und Italien produzierten Griffzungenschwerter des Typs Naue II effektivere Waffen. Derartige Waffen verwendeten auch die Seevölker. Im östlichen Mittelmeer wurde bis ins 13. Jahrhundert v. Ztr. hauptsächlich mit Stichschwertern gekämpft, die funktionell dem neuzeitlichen Rapier oder Degen ähnelten. Die Kriegswerkzeuge des Typs Naue II hingegen konnten sowohl als Hieb- wie auch als Stichwaffen verwendet werden. Solche Waffensysteme waren den griechischen, levantinischen und ägyptischen Waffen überlegen, was zum militärischen Erfolg der Seevölker beitrug.

Hier auf dem Blog behandelten wir schon Hinweise darauf, daß das Volk der Phryger im Zusammenhang mit dem Seevölkersturm von der Lausitz aus über Thrakien nach Mittelanatolien eingewandert sein könnte (Stg20). Nun lesen wir in einer neuen archäogenetischen Studie, entstanden einmal erneut rund um die dänische Forschungsgruppe von Eske Willerslev und in Zusammenarbeit mit dem dänischen Archäologen Kristian Kristiansen, daß dieser Eroberungszug von der Slowakei und von Böhmen ausgehend auch archäogenetisch charakterisiert werden kann und - wie ebenfalls schon 2021 festgehalten - bis auf die britischen Inseln hin weiter verfolgt werden kann (1). 

Abb. 5: Eine mit Mauerwerk befestigte Siedlung der Daker in Siebenbürgen, dahinter aufgespießte Schädel, womöglich getötete Römer aus dem vorhergehenden Kriegszug des Domitian gegen die Daker, im Vordergrund geschlagene Daker, vermutlich Nachkommen der Urnenfelder-Kultur (aus: Stg2019)

Die neue Studie setzt aber thematisch zunächst tausend Jahre früher ein.

Die Glockenbecher-Kultur entstand um 2460 v. Ztr. in Nordfrankreich

Und zwar beim Zeitpunkt der Ethnogenese der Glockenbecher-Kultur und damit vermutlich der Ur-Italo-Kelten tausend Jahre zuvor, um 2460 v. Ztr., und zwar - offenbar - in Nordfrankreich (!) (1):

Wir verglichen zunächst die räumlich-zeitlichen Wahrscheinlichkeits-(bzw. "Kriging"-)Ergebnisse um 2300 v. Ztr., als die mit der Glockenbecher-Population verbundene Abstammung ihren ersten Höhepunkt erreichte, mit 500 v. Ztr., als die schriftlichen Aufzeichnungen die geografische Verbreitung der Kelten in ganz Europa dokumentieren. Während dieser Zeit blieb das Ausbreitungsgebiet der mit der Schnurkeramik verbundenen Abstammung unverändert (Abb. 2A, D), während sich die mit der Glockenbecher-Kultur verbundene Abstammung ausbreitete (Abb. 2B, E) und die mit den europäischen (mittelneolithischen) Bauern verbundene Abstammung ihr vormaliges Übergewicht verlor (Abb. 2C, F).
We first compared the spatio-temporal kriging results at around ~4300 BP, when ancestry associated with Bell Beaker population first peaks, to ~2500 BP, where the written record documents the geographical distribution of Celtic across Europe. During this period, the range of Corded Ware-related ancestry remains stable (Fig. 2A, D), but Bell Beaker-related ancestry expands (Fig. 2B, E) and European Farmer-related ancestry contracts, correspondingly (Fig. 2C, F).

Dieser Umstand war uns ja schon vor genau einem Jahr hier auf dem Blog so bedeutsam, ebenfalls erarbeitet anhand einer da,aöogem Archäogenetik-Studie aus der Gruppe um Eske Willerslev. Denn er gewährt einen völlig neuen Blick auf die wenig "dynamische" "germanische" Geschichte bis in die Römische Kaiserzeit hinein (Stg2024). Wir lesen nun weiter (1):

Basierend auf direkter Probenentnahme finden wir frühe Belege für Glockenbecher-Vorfahren in Frankreich ab 2463 v. Ztr., in den Niederlanden ab 2384 v. Ztr., auf den Britisch-Irischen Inseln ab ca. 2300 v. Ztr. (England: 2333 v. Ztr., Schottland: 2312 v. Ztr., Irland: 1906 v. Ztr.) und in Südeuropa ab ca. 2300 v. Ztr. (Spanien 2367 v. Ztr., Portugal 2158 v. Ztr., Italien 2212 v. Ztr.). Obwohl sie zu einer ähnlichen Zeit auftraten, ist der Anteil der Glockenbecher-Vorfahren in Frankreich, Spanien und Italien geringer als in Großbritannien und den Niederlanden (Ergänzende Abbildung S1.5).
Based on direct sampling, we find early evidence of Bell Beaker-related ancestry being present in France by 4463 BP, the Netherlands by 4384 BP, on the British-Irish Isles by ~4300 BP (England: 4333 BP, Scotland: 4312 BP, Ireland: 3906), and reaching southern Europe by ~4300 BP (Spain 4367 BP, Portugal 4158 BP, Italy 4212 BP). Despite occurring at a similar time, the proportion of Bell Beaker-related ancestry in France, Spain and Italy is less than that of Britain and the Netherlands (Supplementary Fig. S1.5).

Man kann damit vielleicht folgendes sagen: Die germanischen Völker in Skandinavien und Norddeutschland entstanden um 3.000 v. Ztr. mit der Zuwanderung der Schnurkeramiker. Diese germanischen Völker lebten dann für viele Jahrtausende einfach in Skandinavien, ohne daß sich ihre Genetik in größerem Umfang ausbreitete oder sich ihr Verbreitungsraum verringerte. Auch dank zweier welthistorisch bedeutsamer Schlachten, nämlich der an der Tollense um 1250 v. Ztr. und dank der Schlacht bei Kalkriese im Jahre 9 n. Ztr.. 

Abb. 6: Das Köpfen und Ermorden der Kriegsgefangenen bei der Eroberung Armeniens durch die Jamnaja - Silberbecher von Karashamb in Armenien, um 2.200 v. Ztr (s. Stg2023)

Die italo-keltische Völkergruppe entstand also an der Südgrenze des germanischen Verbreitungsraumes zeitgleich zur Entstehung der antiken Griechen. Und mit dieser italo-keltischen Völkergruppe kam offenbar für die nächsten drei Jahrtausende eine weitere Steigerung der Dynamik in die Völkergeschichte Europas. Über dreitausend Jahre hinweg wird die europäische Geschichte von den Kelten dominiert - nicht von Germanen. 

Es wäre übrigens mehr als naheliegend, für die Zeit um 2.300 v. Ztr. ebenfalls Abwehrschlachten der germanischen Völker gegen die italo-keltischen Glockenbecher-Leute anzunehmen. Diese werden einmal siegreicher, einmal weniger siegreich gewesen sein. Wir hörten hier auf dem Blog ja schon davon, daß die Glockenbecher-Leute als erste den Skagerrak direkt durchpaddelt haben. Das war für die damalige Zeit eine große seemännische Leistung. Und sie kamen damit zeitweise bis Norwegen (Stg2022). Aber sie haben dort dann aber offenbar doch keine Genetik hinterlassen. Vielleicht haben die Schnurkeramik-Nachfahren in Norwegen und Dänemark schließlich doch erbarmungsloser gegen sie zugeschlagen, als das bis heute bekannt geworden ist. Zeitgleich scheinen die Schnurkeramik-Nachfahren aber im Böhmischen Becken erbarmungslos ausgerottet worden zu sein (zumindest die Männer).

In Südeuropa tritt die (italo-keltische) Glockenbecher-Herkunft vermutlich insbesondere deshalb in geringerem Umfang auf, weil Südeuropa schon damals dichter besiedelt war und sich hier diese genetische Herkunft nicht ganz so leicht und stark durchsetzen konnte - in einer Art Replacement-Vorgang - wie auf den britischen Inseln oder auch in Teilen Mitteleuropas (z. B. in Böhmen).

In Nordfrankreich - Die gnadenlosen Ur-Italo-Kelten entstehen

Daß sich die Ethnogenese der frühen italo-keltischen Glockenbecher-Kultur in Nordfrankreich vollzogen hat. hören wir übrigens in dieser Studie zum ersten mal in der Literatur überhaupt. Offenbar ist dieser Entstehungsraum bislang noch nicht für die Glockenbecher-Kultur angenommen worden. Wir lesen weiter (1):

Weiter östlich ist die Schnurkeramik-Kultur der Glockenbecher-Kultur zeitlich voraus gegangen. Der Übergang (von ersterer zu letzterer) spiegelt sich genetisch wider, wobei die mit der Glockenbecher-Kultur verbundenen Individuen der Verbreitungsgrenze der mit der Schnurkeramik verbundenen Individuen folgen oder sich mit deren Ausbreitungsgrenze überschneiden. Dies ist in Deutschland (CWC-verwandt 2703-2358 v. Ztr., BB-verwandt bis 2439 v. Ztr.), Ungarn (BB-verwandt bis 2299 v. Ztr., andere CWC-verwandte aus derselben Zeit), der Tschechischen Republik (CWC-verwandt 2739-2477 v. Ztr., BB-verwandt bis 2333) und Polen (CWC-verwandt 2705-2239 v. Ztr., BB-verwandt bis 2250 v. Ztr.) zu beobachten. Darüber hinaus fanden wir in allen Regionen eine starke zeitliche Korrelation zwischen der Ankunft der mit den Glockenbecher-Leuten verwandten Herkunft und der Y-chromosomalen Haplogruppe R-P312, was die Verbindung zwischen beiden bestätigt (Supplementary Note S3).
Further east, the Bell Beaker period was preceded by the Corded Ware Culture. This transition is mirrored genetically in which the Bell Beaker-related individuals follow, or overlap with the end of, the temporal distribution of Corded Ware-related individuals. This is seen in Germany (CWC-related 4703–4358 BP, BB-related by 4439), Hungary (BB-related by 4299 BP, other CWC-related from the same time), Czech Republic (CWC-related 4739–4477 BP, BB-related by 4333), and Poland (CWC-related 4705–4239 BP, BB-related by 4250 BP). Additionally, in all regions, we found a strong temporal correlation between the arrival of Beaker-related ancestry and Y-chromosome haplogroup R-P312, confirming their association (Supplementary Note S3). 

Die Glockenbecher-Kultur ("Bell Beaker", deshalb "BB") ist also offenbar in Nordfrankreich entstanden und hat sich schon zehn Jahre später über Wallonien und Flandern bis an den Rhein ausgebreitet. Im Böhmischen Becken tritt sie einhundert Jahre später auf, in Ungarn noch einmal dreißig Jahre später, in Schlesien noch einmal 50 Jahre später. Eine solche schnelle demographische Ausbreitung muß zugleich aber auch daran liegen, daß die Menschen dieser Kultur sehr kinderreich gewesen sind.

Mit dieser Herkunft tritt ein neuer Y-chromosomaler Haplotyp auf, was darauf schließen läßt, daß die vorher in diesen eroberten Regionen lebenden Männer in größerem Umfang erschlagen worden sind. Dabei scheint es keine Rolle gespielt zu haben, ob die Feinde in ähnlichen Anteilen Steppengenetik in sich trugen (wie die Schnurkeramiker) oder nicht. Dieser Umstand ist schon 2021 in einer archäogenetischen Studie für Böhmen charakterisiert worden. Schon in dieser Studie war festgestellt worden (zit. n. Stg2021):

Sowohl die Schnurkeramiker wie die Glockenbecher-Leute durchliefen zwischen 2600 und 2400 v. Ztr. Veränderungen, die mit einschlossen einschneidende Rückgänge und vollständigen Austausch in der Vielfalt ihrer Y-Chromosomen.

Die Ur-Kelten scheinen also nicht gerade "zimperlich", sondern vielmehr ziemlich gnadenlos mit ihren Feinden umgegangen zu sein. Vielleicht waren sie auch schon "Kopfjäger" wie noch ihre Nachfahren in der Eisenzeit (Wiki) (s.a. Wiki) (Abb 1 und 2). Übrigens sind zur gleichen Zeit - 2.300/2.200 v. Ztr. - Armenien und Griechenland von den Jamnaja-Leuten erobert worden. Und vieles deutet darauf hin, daß diese Eroberungen ähnlich grausam vonstatten gingen wie die Eroberung Böhmens durch die Glockenbecher-Leute (Abb. 3) (s. Stg2023). 

Abb. 7: Ausrüstungsteile erschlagener Feinde - Präsentiert in einem Relief vom Osttor von Side an der Südküste der Türkei, 650 v. Ztr., ausgegraben aus den Dünen in den 1980er Jahren, heute im Museum von Side (eig. Aufn.) (aus: Stg2016)

Das Zurschaustellen von Ausrüstungsteilen erschlagener Feinde findet sich um 650 v Ztr. auch im anatolisch-indogermanischen Side an der Südküste der Türkei (Abb. 4).

Von wo stammten die Kelten, die um 1100 v. Ztr. die britischen Inseln eroberten?

Es werden dann die unterschiedlichen Herkunftsregionen der keltischen Zuwanderungen auf die britischen Inseln in verschiedenen Jahrhunderten charakterisiert anhand der jeweils vorherrschenden, bzw. hinzukommenden, regionalen mittelneolithischen Bauernkomponente. Das haben wir hier auf dem Blog in den Grundzügen auch schon anhand einer Studie von 2021 behandelt (Stg2021). Es heißt dazu (1):

Die Veränderungen in der (mittelneolithisch-)bäuerlichen Abstammung deuten auf Migrationen aus bestimmten Regionen Europas hin, in denen die jeweilige lokale (mittelneolithisch-)bäuerliche Abstammung vorherrschend war.
The changes in Farming ancestry present are suggestive of migrations from distinct regions of Europe in which local farming ancestry was incorporated.

Sprich, der Steppengenetik-Anteil unterscheidet sich nicht so stark wie der mittelneolithische bäuerliche Herkunftsanteil regional und deshalb kann man an letzteren die Zusammenhänge besser erkennen. Es gab auf den britischen Inseln Zuwanderungen aus Nordspanien ebenso wie aus Nordfrankreich. Und am Ende sogar aus Norditalien - laut dieser Studie. Auch in Nordfrankreich wird in der Eisenzeit ein Anstieg von italienischer mittelneolithischer Bauerngenetik festgestellt. Im Böhmischen Becken wird ein Anstieg dieser italienischen mittelneolithischen Bauerngenetik für die Zeit 1200 bis 800 v. Ztr. festgestellt. Es wird ausgeführt (1):

Durch eine weitere Aufschlüsselung der kulturellen Phasen der Region stellen wir fest, daß dieses Abstammungsprofil im Böhmischen Becken bereits ab 1300 v. Ztr. bei Personen auftrat, die mit der Tumulus-Kultur in Verbindung stehen, und sich bis in die Knovíz- und Hallstattzeit fortsetzte (Extended Data Fig. 1).
By splitting further into the cultural phases for the region, we find that this ancestry profile in the Czech Republic occurred by 1300 v. Ztr., in individuals associated with the Tumulus Culture and continuing into the Knovíz and Hallstatt Periods (Extended Data Fig. 1). 

Im Englischen bezeichnet "Tumulus-Kultur" (Wiki) die Nachfolge-Kultur der Aunjetitzer Kultur in Mitteleuropa. Im Deutschen wird diese als "Süddeutsche Bronzezeit" oder auch als "Hügelgräberzeit" (Wiki) bezeichnet. 

In diesen Regionen breiteten sich also Menschen mit Genetik der Urnenfelder-Kultur vom Balkan her aus. Und in Zusammenhang mit dieser Urnenfelder-Kultur stehen dann auch die sogenannten "Goldhüte" (Wiki). Vielleicht wäre es deshalb anschaulicher, die Urnenfelder-Kultur die "Goldhut-Kultur" zu nennen (Stg2011).

Die hier erwähnte Knovízer Kultur (1300-800 v. Ztr.) (Wikiengl) ist eine Untergruppe der Urnenfelder-Kultur und ist nach dem Dorf Knoviz in der Nähe von Prag an der Elbe benannt, gelegen im Böhmischen Becken. Von der zeitgleichen Lausitzer Kultur in Schlesien und im Oder- und Weichselraum war die Knovizer Kultur in Böhmen durch einen Streifen unbesiedelten Landes getrennt (s. Wiki).

Um besser zu verstehen, wie sich diese mit (mittel-)neolithischen Bauern in Zusammenhang stehenden Abstammungen während der Bronze- und Eisenzeit weiter verbreiteten, führten wir eine räumlich-zeitliche Wahrscheinlichkeits-(Kriging-)Analyse der IBD-Mixture-Modelling-Ergebnisse für diese Abstammungen durch (Extended Data Fig. 2). Für alle drei unterscheidbaren (mittelneolithischen) europäischen Bauern-Herkünfte sehen wir, daß ihr Herkunftsanteil im Laufe der Zeit abnimmt. Während wir eine allgemeine Verringerung der Reichweite der britischen und französisch-iberischen mittelneolithischen Herkünfte beobachten, stellen wir fest, daß sich die mittelneolithisch-italienische und die bronzezeitlich-anatolische Herkunft in diesen Zeiträumen ausbreitet.
To understand how these Neolithic Farmer-related ancestries spread during the Bronze and Iron Age more broadly, we performed spatio-temporal kriging on the IBD Mixture Modelling results for these ancestries (Extended Data Fig. 2). For the three European Farmer related ancestries, we see the proportion of ancestry modelled decreasing through time. However, while we see a general range reduction of the British and French/Iberian Neolithic-related ancestries, we find an increase in the geographical range of the Italian Neolithic-related and Bronze Age Anatolian-related ancestries throughout these periods.

Und weiter (1):

Wir stellen fest, daß bronzezeitliche französisch-iberische Herkunft in England während der mittleren Bronzezeit auftaucht und daß die ungarisch-serbische bronzezeitliche Herkunft während der Eisenzeit weit verbreitet war (Abb. 4). In der Tschechischen Republik stellen wir fest, daß fast alle Individuen aus der Spätbronzezeit mit einem großen Anteil ungarischer/serbischer Abstammung modelliert werden können.
We find the appearance of Bronze Age French/Iberian ancestry appearing in England during the Middle Bronze Age, and the Hungarian/Serbian Bronze Age reaching widespread distributions during the Iron Age (Fig. 4). In the Czech Republic, we find almost all individuals being modelled with a large proportion of Hungarian/Serbian ancestry during the Late Bronze Age.

Und (1):

Der Einfluß der Knovíz-bezogenen Abstammung ist besonders hoch in Frankreich, Deutschland und der Tschechischen Republik. In Österreich stellen wir an der gleichnamigen Ausgrabungsstätte von Hallstatt eine beträchtliche genetische Vielfalt fest, wobei Individuen mit besonders hohen Anteilen von entweder Knovíz- oder ungarisch/serbischer Abstammung aus der Bronzezeit modelliert wurden, also ähnlicher zu Herkunft aus Ungarn, Slowenien und der Slowakei, wo die ungarisch/serbische Abstammung aus der Bronzezeit als in hohen Anteilen vorliegend modelliert werden kann. (...) In England werden Individuen von der Spätbronzezeit bis zur Völkerwanderungszeit hauptsächlich von britisch-irischen Vorfahren aus der Bronzezeit modelliert, mit einigen Knovíz- oder französisch/iberischen Vorfahren aus der Bronzezeit (Supplementary Fig. S1.9).
The impact of Knovíz-related ancestry is particularly high in France, Germany and the Czech Republic. In Austria, we note considerable diversity at the eponymous Hallstatt site, with individuals modelled with particularly high proportions of either Knovíz or Hungarian/Serbia Bronze Age-related ancestry, more similar to Hungary, Slovenia and Slovakia, where the Hungarian/Serbian Bronze Age-related ancestry is modelled in high proportions. (...) In England from the Late Bronze Age until the Migration Period, individuals tend to be modelled primarily by the British-Irish Bronze Age ancestry, with some Knovíz or French/Iberian Bronze Age-related ancestry (Supplementary Fig. S1.9).

Soweit zur damit also vermutlich noch weiter zu differenzierenden "inneren" Geschichte der Urnenfelder-Kultur und der auf sie folgenden keltischen Kulturen. Es wird deutlich, daß mit dieser neuen archäogenetischen Studie da noch manche Details tiefenschärfer ausgeleuchtet werden können, was wir an dieser Stelle aber erst einmal übergehen wollen.

/ Ergänzung 1.3.26 / Um 2.200 v. Ztr. begann in Europa, im Vorderen Orient und in Asien die große Ära der Streitwagen (Stg2021) (Wiki).

Abb. 8: Streitwagen der Eisen-, bzw. Bronzezeit - Bronzemodell aus Göchebi (Dedoplistsqaro), Georgien, erste Hälfte des 1. Jahrtausends v. Ztr., Sighnaghi-Museum, Georgien (Wiki)

Jeder Gedanke auch an die europäische Bronzezeit wird sofort viel anschaulicher, wenn man sich klar macht, daß zu dieser Zeit sowohl Rinderwagen - für den Transport - wie Streitwagen - für die Kriegsführung - verwendet worden sind. Und daß die Geschwindigkeit dieser Fortbewegungsmittel den Alltag ebenso wie die Kriegsführung bestimmte. Im Grunde macht es Sinn, an den Anfang jeden Blogartikels über die europäische Bronzezeit das Bild eines solchen Streitwagens zu stellen (Abb. 8). Denn sofort taucht ein ganz anderes Bild der bronzezeitlichen Gesellschaften vor dem inneren Auge auf.

Die Verwendung der Streitwagen für den Krieg endete im Mittelmeer-Raum um 750 v. Ztr., auf den britischen Inseln waren sie noch zur Zeit der Ankunft Cäsars im Gebrauch.

Urnenfelder-Genetik in Nordostspanien

/ Ergänzung 5.9.2025 / 2.300 v. Ztr. hatte sich die Glockenbecher-Kultur von Nordfrankreich bis nach Spanien ausgebreitet (Stg2021Stg2024), vielleicht gelangte auch die Aunjetitzer Kultur aus dem Raum zwischen Elbe und Weichsel bis nach Spanien (Stg2025). Und ab 1.100 v. Ztr. hat sich die Urnenfelder-Kultur vom heutigen Serbien aus auch bis nach Nordostspanien, bis nach Katalonien ausgebreitet. Dortige Menschenfunde weisen zu 18 bis 30 % dieselbe genetische Herkunft auf wie Menschen der Urnenfelderkultur im heutigen Deutschland und im heutigen Böhmen (3). Die Y-chromosomalen Haplotypen ändern sich aber in Nordost-Spanien durch die neue Genetik gar nicht. Die Genetiker gehen deshalb davon aus, daß die zuwandernden Urnenfelder-Leute in Nordostspanien zum Beispiel aus dem südlichen Frankreich kamen und nicht direkt aus Böhmen.

Mitteleuropäische Genetik in Dänemark und Schweden nach 375 n. Ztr.

In der Völkerwanderungs- und Wikingerzeit nach 375 n. Ztr. kamen interessanterweise Menschen aus Mitteleuropa nach Dänemark und Südschweden, die geringe Teile von Urnenfelder-Genetik in sich trugen (1):

Der Zustrom kleiner Anteile kontinentaler Abstammung wird als Abstammung aus der Bronzezeit in Knovíz und Ungarn/Serbien modelliert, wobei die britisch-irische Bronzezeit und die französische/iberische Bronzezeit im Allgemeinen fehlen. Daher können wir die Niederlande, Frankreich, Großbritannien und Irland als Quelle dieser kontinentalen Abstammung ausschließen und auf eine weiter östlich gelegene Ursprungsregion schließen. Dies steht im direkten Gegensatz zu Norwegen, wo hohe Anteile der britisch-irischen Abstammung aus der Bronzezeit bei den meisten Personen mit nicht-lokaler Abstammung festgestellt werden, was mit früheren Studien übereinstimmt.
The influx of small proportions of continental ancestry is modelled as Knovíz and Hungary/Serbia Bronze Age-related ancestry, generally lacking British-Irish Bronze Age and French/Iberian Bronze Age. As such, we can exclude the Netherlands, France, Britain and Ireland as a source of this continental ancestry, and infer a source region further east. This stands in direct contrast to Norway, where high proportions of the British-Irish Bronze Age-related ancestry are detected in most individuals with non-local ancestry, consistent with previous studies.

Es gibt einerseits Hinweise auf eisenzeitliche Eroberungsversuche germanischer Stämme aus Norddeutschland, die Richtung Dänemark vorgestoßen sind. Aber vielleicht kamen Menschen dieser Herkunft eher noch im Rahmen des Sklavenhandels der Wikinger über Osteuropa hinweg nach Skandinavien? Solche Herkunft sollte es ja auch in Norddeutschland damals - vermutlich - nicht gegeben haben. Übrigens dürfte es viel Sinn machen, auch für die Urnenfelder-Kultur umfangreichen Sklavenhandel anzunehmen, ein Aspekt, der vermutlich auch leicht vergessen wird.

Im Diskussions-Teil der Studie werden unsere eigenen obigen Annahmen, Deutungen und Schlußfolgerungen bezüglich der Eroberungszüge der Urnenfelder-Kultur dann noch einmal ausdrücklich voll bestätigt. Und das dürfte unter anderem auf Kristian Kristiansen zurück gehen (1):

Die nordwärts gerichtete Expansion von Mitteleuropa nach Norddeutschland und Südskandinavien endete offenbar in einer bedeutenden Niederlage. Dies legt die Schlacht an der Tollense um 1.200 v. Ztr. nahe und wird auch durch das Fehlen von Knovíz-Herkunft in Skandinavien vor der Völkerwanderungszeit deutlich.
The northward expansion from Central Europe into northern Germany and southern Scandinavia appears to have culminated in a significant defeat, as suggested by the Tollense battle around 3200 BP and evident also from the lack of Knovíz related ancestry in Scandinavia prior to the Migration Period.

Wir dürfen also sagen: Bollwerk Germanien gegenüber der italo-keltischen Völkergruppe um 2.300 v. Ztr., um 1250 v. Ztr. und 9 n. Ztr.. Allerdings wollen wir bei Gelegenheit auch noch einmal den keltischen Kultureinflüssen auf die nordische Bronzezeit nachgehen, auf die wir etwa letztes Jahr im Museum in Kopenhagen gestoßen waren. Man wird sagen dürfen: Als Heiratspartner waren die Angehörigen der italo-keltischen Völkergruppe bis 375 n. Ztr. in "Germanien" nicht gern gesehen. Aber als Händler vermutlich doch. Vielleicht haben auch germanische Fürsten, die sich in den Dienst keltischer Könige gestellt haben, "Beute" und Kulturgüter mit nach Germanien gebracht.

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  1. Tracing the Spread of Celtic Languages using Ancient Genomics. Hugh McColl, Guus Kroonen, Thomaz Pinotti, John Koch, Johan Ling, Jean-Paul Demoule, Kristian Kristiansen, Martin Sikora and Eske Willerslev (bioRxiv. posted 1 March 2025) 10.1101/2025.02.28.640770
  2. Cavazzuti, C., Arena, A., Cardarelli, A., Fritzl, M., Gavranović, M., Hajdu, T., ... & Szeverényi, V. (2022). The First ‘Urnfields’ in the Plains of the Danube and the Po. Journal of World Prehistory, 1-42 (Springer)
  3. Bretos Ezcurra, M., Rohrlach, A.B., Papac, L. et al. (Roberto Risch, Johannes Krause, Wolfgang Haak) Genomic insights from a final Bronze Age community buried in a collective tumulus in an Urnfield settlement in Northeastern Iberia. Commun Biol 8, 1299 (2025). https://doi.org/10.1038/s42003-025-08668-7, Published 28 August 2025 (Nature)

Sonntag, 24. März 2024

Germanen - Wer wir waren, bevor wir wurden, was wir sind

Die Schnurkeramiker breiteten sich entlang der West- und der Ostküste der Ostsee bis Schweden aus
- Die Germanen aus Sicht der Archäogenetik (3.000 bis 500 v. Ztr.)

Im Rijksmuseum in Amsterdam hängt das Wandgemälde "Willibrords Predigt an die Friesen" (Abb. 1) (Wiki). Es ist um 1885 herum entstanden. Dargestellt sind germanische Menschen inmitten einer Umbruchzeit

Abb. 1: Germanen reagieren auf das Christentum ("Willibrord predigt den Friesen das Christentum", 1885) - Ausschnitt eines Wandgemäldes im Rijksmuseum in Amsterdam von Georg Sturm (1855-1923) (Wiki)

Der Missionar Willibrord (658-739) (Wiki) war selbst Germane, Angelsachse. Ebenso wie Georg Sturm, der Maler. Im Gemälde kommt aber nun gar nicht zum Ausdruck, daß die politische und militärische Machterweiterung des Frankenreiches einerseits und die Annahme des Christentums auch in Friesland andererseits zu jeder Zeit miteinander Hand in Hand gegangen sind. Die Annahme des Christentums beruhte in der Regel nicht auf innerer Überzeugung. Im Gemälde spiegelt sich eher die Haltung, die sich 1250 Jahre später gegenüber dem Christentum heraus gebildet hatte: Auf den Gesichtern spiegelt sich, was diese 1250 Folgejahre mit sich bringen sollten: Abgelenktheit, Unaufmerksamkeit, gemischt mit Andacht, Unruhe, Aufbruch, Zweifel, Ärgernis, Mißfallen. Auf den Gesichtern spiegelt sich die Besinnung vor der Tat, es spielgelt sich das Erleben der vielen nachfolgenden Jahrhunderte. 

Dieses Gemälde ist auch sonst quasi "zeitlos", Neudeutsch: "unhistorisch": Schmuck, Kleidung und Haartracht der Männer stammen aus ganz unterschiedlichen Epochen, aus der Bronzezeit, aus der Eisenzeit. Vielleicht entsteht aber gerade durch eine Zusammenschau all der genannten langen Zeiträume eine Ahnung von dem, was "Germanen" insgesamt sind. Versuchen wir eine kurze Zusammenschau:

Vornehmlich Germanen waren schon die Träger der Aunjetitzer Kultur, die Volkssternwarten, Goldhüte und die Himmelscheibe von Nebra hervor brachte. Keltische geographische Benennungen haben sich nach Ausweis des Sprachforschers Udolph nie dorthin verirrt, wenn es nach Ausweis der Archäogenetik auch Vermischungen mit der (vor-"keltischen"?!) Glockenbecher-Kultur gegeben hat.

Eine glanzvolle "Nordische Bronzezeit" (Wiki, engl) sollte parallel dazu viele Jahrhunderte lang in Skandinavien bestehen. In dieser sollte es auffallende Verbindungen gerade mit den Königen der mykenischen Palastkultur in Griechenland geben, vornehmlich wohl durch germanische Söldner (Stgen2022). Jahrhunderte lange Griechenlandfahrten sollten aber zum Beispiel gar keine Auswirkungen haben auf den Schiffbau in Skandinavien, der dort bis zu Beginn der Wikingerzeit weder Ruder noch Segel kannte. Das Langsteven-Kriegspaddelboot der Skandinavier wurden vielmehr auf vielen Felszeichnungen verherrlicht. Es scheint auch religiös eine große Rolle gespielt zu haben. Prachtvolle Flottenparaden muß es damals auf der Meerenge zwischen Dänemark und Schweden gegeben haben, dort, wo es die meisten Felsbilder von ihnen gibt (Stgen2022).

Auch in der Wirtschaftsweise, in der Einfachheit des Ackerbaus, im Nichtvorhandensein von Gartenbau ließen sich die Germanen lange Zeit nicht besonders auffällig von "außen", von Süden her beeinflussen (s. Nachtrag 3). Unter anderem aber im Archäologischen Museum in Kopenhagen kann einem zugleich auch bewußt werden, daß in manchen Jahrhunderten viel keltisches Kulturgut in den germanischen Raum eingeführt worden ist.

In dieser Zeit relativer germanischer Abgeschiedenheit sollten die südlich benachbarten Kelten in viel dynamischerer Weise Weltgeschichte gestalten. Ihrer mehrmaligen Ankunft auf den britischen Inseln, in Spanien und in Italien sind wir schon andernorts nachgegangen (Stgen2021). Die Kelten unternahmen wiederholte Ausgriffe auch auf den Balkan und anzunehmender Weise nach Schlesien und bis nach Mecklenburg hinein (als "Lausitzer Kultur"). Sie sollten insbesondere auch - anzunehmender Weise - das tragende Element bilden des Seevölkersturmes von 1200 v. Ztr., nachdem die vereinigten Germanen die auch nach Norden ausgreifenden Kelten in der Schlacht an der Tollense in Mecklenburg um 1250 v. Ztr. (Wiki) zurück gewiesen hatten (Stgen2019).

Erst in der Eisenzeit begann das, was völkische Geschichtsschreibung vor hundert Jahren für Weltgeschichte an sich gehalten hatte, nämlich daß "Welle um Welle" germanische Völker aus dem skandinavischen Raum heraus nach Süden aufgebrochen seien. Erst jetzt begann der eigentliche Eintritt der Germanen in die Weltgeschichte, so schält sich mit der Archäogenetik inzwischen deutlich heraus. Insbesondere jetzt durch eine neue Studie aus dem Archäogenetik-Labor von Eske Willerslev in Dänemark, deren Inhalte im folgenden zu referieren sind (1).

Die Germanen stammen von den Schnurkeramikern ab - Die Kelten stammen von den Glockenbecher-Leuten ab

Da es um 2.350 v. Ztr. einen Ausgriff der Glockenbecher-Kultur nicht nur nach England, sondern auch bis nach Norwegen hinauf gab (Stgen2022), war sich die Forschung bis heute nicht klar darüber, ob die heutige germanische Sprache mit den zuvor schon in Skandinavien siedelnden Schnurkeramikern dorthin gekommen war oder erst mit dieser zweiten indogermanischen Zuwanderung. Aber das ist wohl eines der wichtigsten Ergebnisse der Studie: Glockenbecher-Gene finden sich in Skandinavien nicht vor der Wikingerzeit. Der Ausgriff nach Norwegen um 2.350 v. Ztr. hat populationsgenetisch keine Nachwirkungen hinterlassen (1). 

Abb. 2: Germanen - Der Dejbjerg-Wagen, Dänemark, 1. Jhdt. v. Ztr. (Wiki)

Vielmehr scheint sich mit dieser Studie zu bewahrheiten, was eigentlich schon lange offen vor den Augen der Forscher und geschichtlich Interessierten lag, was man sich aber so einfach bislang nicht hatte denken wollen: Die Germanen stammen von den Schnurkeramikern ab, die Kelten stammen von den Glockenbecher-Leuten ab. Punkt. Fertig. Und diese neue Studie macht auf diese lange Kontinuität der Herkunfts-, Sprach- und Kulturgrenze zwischen den Kelten im Süden (und Westen) und den Germanen im Norden (und Osten) Europas aufmerksam. Diese Grenze hatte sich schon im Spätneolithikum heraus gebildet (Abb. 2). Wie viel vorherige Unklarheit sich allein durch diese eine Erkenntnis klärt.

Wieder einmal gehen Kultur und Gene viel enger miteinander zusammen in der Ausbreitung als so lange, lange Jahrzehnte von der Forschung angenommen worden war. Schon wieder einmal hopst der alte, bärbeißige Germanen-Bewunderer Gustaf Kossinna vor Vergnügen im Dreieck dort droben im Himmel (s. Stgen2017).

Abb. 2: Kelten und Germanen - Glockenbecherleute und Schnurkeramiker (aus 1) - (Individuen mit weniger als 10% Steppenherkunft oder weniger als 66% von einer der Herkunftsgruppen werden durch ein 'x' gekennzeichnet)

Diese Grenze wurde nämlich schon mit der Ausbreitung der Schnurkeramiker einerseits und der Ausbreitung der Glockenbecherleute andererseits begründet. Das genetische Profil der Menschen der jeweiligen Kultur - sichtbar in der "Hauptkomponenten-Analyse" - weist zwar viele Überschneidungen mit dem der anderen Kultur auf, ist sich also recht ähnlich. Es waren ja beides indogermanische Kulturen, die von der Jamnaja-Kultur abstammten. Aber bei genauerem Hinschauen weisen beide außerdem auch noch markant andere Verteilungsmuster (Häufigkeitsmuster) auf. Weshalb beide Großvölker, Großkulturen sich inzwischen auch genetisch recht gut unterscheiden lassen (Abb. 2).

Diese Jahrtausende lange Grenze hat sich erst in der Völkerwanderung ab 375 v. Ztr. (!) stärker verwischt. Im Groben dauert sie aber sogar bis heute fort. Wenn sich auch die germanischen Sprachen seither auf Kosten der keltischen Sprachen durchgesetzt haben. Wir lesen darüber in der Studie (1):

Unabhängig von den Clustern läßt sich ab der späten Bronzezeit die Steppen-Abstammung fast aller Europäer gut modellieren anhand entweder der nördlichen Schnurkeramiker- oder der Glockenbecher-Herkunft (hier: Abb. 2). Fast alle Proben, die modelliert wurden vorwiegend mit Schnurkeramiker-, Glockenbecher- und Jamanaja-Verwandte-Vorfahren, fallen in die Regionen, die durch die jeweilige Kultur aus der archäologischen Literatur schon vorgegeben ist (Abb. 2).
Die Grenze zwischen diesen Schnurkeramiker- und Glockenbecher-Vorfahren blieb während der gesamten Eisenzeit bis zum Untergang des Römischen Reiches relativ stabil (Abb. 2). Ab der Völkerwanderungszeit beobachten wir eine Verschiebung dieser Grenzen nach Süden.
By the late Bronze Age onwards, irrespective of clusters, the Steppe ancestry in almost all Europeans can be well modelled by Northern Corded Ware or the Bell Beaker sources (Figure 4). Almost all samples modelled primarily as Corded Ware, Bell Beaker and Yamanaya-related ancestry fall within the regions prescribed to each culture in the archaeological literature (Figure 4).
The border between these Corded Ware and Bell Beaker Steppe ancestries remains relatively stable throughout the Iron Age, until the fall of the Roman Empire (Figure 4). Beginning in the Migration Period, we see a southward shift of these borders.

In diesen Worten spiegelt sich wieder, daß die Germanen in Skandinavien Jahrtausende lang keine Ausgriffe nach Süden oder Westen oder Osten unternommen haben, sondern daß sie einfach nur für sich gelebt haben und ihre Heimat behauptet haben. Es hat also seit der ersten Ausbreitung der Indogermanen bezüglich ihrer Grenze zu den Kelten keine besonders grundlegenden Völkerbewegungen und -veränderungen mehr gegeben - bis zur Völkerwanderung ab 375 n. Ztr.!

Was für eine erstaunliche Tatsache!

Die Aunjetizer Kultur war sprachlich nicht keltisch

Einschränkend und differenzierend muß aber bei genauerem Blick auf die obere Karte in Abb. 2 - und in Ergänzung zum Fließtext der Studie - gesagt werden: Innerhalb einer Region umgrenzt von den Eckpunkten Harz, Südpolen, Ungarn und der Bodenseeregion hat es von Anfang an Verzahnungen zwischen beiden Herkunftsgruppen gegeben, die den Archäologen auch schon seit Jahrzehnten Kopfzerbrechen bereiten. Man darf sagen: Die dort lebenden "Kelten" dürften schon von Anfang an viele "germanische" (schnurkeramische) Herkunftsanteile in sich getragen haben - und umgekehrt. Wir wissen ja auch schon von frühbronzezeitlichen Heiratsnetzwerken zwischen dem "keltisch-germanischen" Raum im heutigen Bayern und dem "keltisch-germanischen" Raum im heutigen Böhmen und dem "keltisch-germanischen" Raum rund um Halle an der Saale. 

Da über lange Jahrhunderte die keltische Kultur die dynamischere in Europa gewesen ist, könnte man vermuten, schlußfolgern, daß die Schnurkeramiker im eben umschriebenen Raum "keltisiert" worden waren, und daß auf diese Weise etwa die Aunjetitzer Kultur und evtl. auch die Lausitzer Kultur kulturell "keltisch" aufgestellt waren, daß in ihnen aber zumindest genetisch auch germanische Schnurkeramik-Traditionen fortlebten. Einzelheiten dazu können aber beim gegenwärtigen Wissensstand nicht gegeben werden. Denn erstaunlicherweise ist Deutschland was die Bronzezeit betrifft, archäogenetisch ein weißer Fleck auf der Landkarte.

Das ist ein Umstand, auf den jüngst der Humangenetiker Razib Khan hingewiesen hat (RKhan2024), und der auch in der neuen Studie (1) bedauernd benannt wird. Und das, obwohl in Jena und Leipzig in Deutschland mit Svaante Pääbo und Johannes Krause die Archäogenetik aus der Taufe gehoben worden ist! Razib Khan hat selbst zum Thema eigene Datensätze zusammen gestellt, da fast jedes Land Europas Veröffentlichungen zur eigenen genetischen Geschichte aufzuweisen hat - nur Deutschland aktuell noch nicht.

Einschub 2.4.24: In einer weiteren neuen Studie wird zu diesem Thema mit Bezug auf eine Studie aus dem Jahr 2021 geäußert (5):

Archäogenetische Studien der letzten Jahre zeigten, daß Schnurkeramik- und Glockenbecher-assoziierte Individuen einander nicht ersetzten, sondern sich langsam vermischten/verschmolzen, was zum genetischen Profil der frühbronzezeitlichen Aunjetzizer Kultur in Mitteleuropa führte.
Recent archaeogenetic studies showed that CW and BB-associated individuals did not replace each other, but slowly admixed/amalgamated, resulting in the genetic profile of the EBA Únětice in Central Europe.

So klar hatten wir das aus der hier zitierten Studie von 2021 gar nicht heraus gelesen in unserem Beitrag zur Auswertung derselben (Stgen2021)! Dort haben wir dieses Zitat jetzt auch nachträglich eingefügt. Diese Aussage paßt sehr gut zu den eben getätigten Ausführungen. Das Zitat wird fortgesetzt (5): 

Vergleichende Untersuchungen der Grabbeigaben der Fürstengräber Mitteldeutschlands zeigen ebenfalls, daß die Aunjetizer Kultur Einflüsse beider Vorgängergruppen in sich aufgenommen hat.
Comparative investigations of the grave goods of the princely burial mounds of central Germany also support that the Únětice material culture incorporated influences from both preceding groups.

Am Ende der Studie wird noch einmal präzisiert (5):

Schon in früheren Studien hat gezeigt werden können, daß die kulturelle Entstehung der Aunjetitzer Kultur in Mitteldeutschland in der Auflösung der Schnurkeramik- in die Glockenbecher-Kultur bestand. Unsere neuen Daten (Supplement-Informationen) zeigen, daß Personen, die mit der Aunjetitzer Kultur in Mitteldeutschland und Böhmen in Verbindung stehen, einen hohen Anteil an Schnurkeramik-bezogenen Vorfahren hatten und daher ein charakteristisches Cluster bilden, das sich im PCA-Raum kaum mit frühbronzezeitlichen Individuen aus Süddeutschland überschneidet. Dieses Ergebnis steht im Einklang mit früheren genetischen Studien und mit den archäologischen Beweisen, daß die Aunjetitzer Kultur Elemente der materiellen Kultur sowohl der Glockenbecher als auch der Schnurkeramik vereint.
It could be shown in the past that the cultural emergence of the Únětice culture in Central Germany was the result of the CW dissolving into the BB culture. Our new data (Supplementary Information) shows that individuals associated with the Únětice culture in Central Germany and Bohemia carried a high amount of CW-related ancestry, and therefore form a distinctive cluster with little overlap in PCA space with EBA individuals from southern Germany. This result is consistent with previous genetic studies and with the archaeological evidence that the Únětice culture combines elements of the material culture of both the BB and the CW.

Das heißt: Genetisch war die Aunjetizter Kultur eher "germanisch"-nordeuropäisch, kulturell aber womöglich eher keltisch. Und wenn es Heiratsnetzwerke zwischen Bayern und dem Elb-Saale-Gebiet gab, erklärt sich dadurch ganz gut die kleine, frühe genetisch "germanische" Einmischung im keltischen Kulturraum, der inzwischen festgestellt ist (s. Stgen2024). (Ende Einschub)

(Einschub 12.7.24) Aus Sicht der Ortsnamenforschung ist über die Sprache der Aunjetitzer Kultur zu lesen (EurAsisch)

Frage: Sie bezweifeln, daß die inzwischen berühmte Himmelsscheibe von Nebra wirklich keltischen Ursprungs ist, wie weithin angenommen wird. Worauf gründen sich Ihre Zweifel?
Jürgen Udolph: Sie gründen auf mehreren Argumenten: Erstens haben in Sachsen-Anhalt nie keltisch sprechende Siedler gelebt. Es gibt nicht einen einzigen Ortsnamen, der aus dem Keltischen erklärt werden könnte. Zweitens gehört das Gebiet um Nebra herum zu altgermanischem Siedlungsgebiet. In diesem lassen sich ohne Probleme Gewässer- und z.T. auch Ortsnamen finden, die aus indogermanischem Mund in germanischen gekommen sind, oder von germanisch werdenden Indogermanen gegeben und übernommen worden sind. Es gab aber zur Zeit der Entstehung der Himmelsscheibe auch noch kein Germanisch - jedenfalls sprachlich gesehen, d.h., die erste Lautverschiebung war noch nicht durchgeführt worden. Die Gewässernamen in diesem Gebiet entstammen einer Zeit, als es noch keine keltischen, germanischen, italischen oder baltischen Sprachen gab.

Damit wäre gesagt, daß die Menschen der Aunjetitzer Kultur eine proto-germanische Sprache gesprochen haben, vermutlich vergleichbar mit der Sprache anderer Nachkommen der Schnurkeramiker. (Ende Einschub)

Ein ganz anderer Gedanke kommt einem allerdings noch bei einem Blick auf die obigen Verteilungskarten (Abb. 2): nämlich daß die Jamnaja-Kultur ganz im Osten ja im Grunde der slawischen Sprachfamilie zugeordnet werden könnte. Denn uns stellt sich ja schon länger die Frage, warum die Slawen zu einem so ganz anderen Zeitpunkt entstanden sein sollen als die Kelten und die Germanen. Aber kann das plausibel sein, wenn von den Jamnaja zugleich - über Südwanderungen - auch die Armenier, die Hethiter und die Griechen abstammen?! Diese bohrende Frage bleibt also weiter offen und wir dürfen weiter gespannt sein auf die nächsten Jahre.

Die Angelsachsen - Mit ihnen kommt erstmals Schnurkeramik-Herkunft nach England

In Übereinstimmung mit den bisherigen Ausführungen wird dann gesagt (1):

Der Beginn der angelsächsischen Periode in Großbritannien ist mit einer demographischen Bewegung von Kontinentaleuropa her in Verbindung gebracht worden; dieser Übergang spiegelt sich hier in der Verschiebung der Individuen vom Glockenbecher- zu Schnurkeramik-Clustern wider. Darüber hinaus sehen wir ein ähnliches, aber etwas früheres Ergebnis für die Niederlande und Deutschland.
Das Vorhandensein von Glockenbecher-Vorfahren in der norwegischen Wikingerzeit bildet zuvor dokumentierte Migrationen aus keltischen Regionen in Großbritannien und Irland ab. Wir können diese Migrationen hier jedoch bereits in der Eisenzeit (708 n. Ztr.) nachweisen.
In Britain, the beginning of the Anglo-Saxon period has previously been linked to a demographic movement from continental Europe; this transition is reflected here in the shift among individuals from the Bell Beaker to Corded Ware clusters. In addition, we see a similar but slightly earlier result for the Netherlands and Germany.
The presence of Bell Beaker related ancestry in the Norwegian Viking Period represents previously documented migrations from Celtic regions within Britain and Ireland, however here we detect these migrations as early as the Iron Age (1242 BP). 

Wie kamen Menschen mit "keltischer" Glockenbecher-Genetik schon um 700 n. Ztr. nach Norwegen? Als Sklaven so wie in späteren Jahrhunderten? Man wird es zunächst annehmen müssen. Aber hier haben wir den - weltgeschichtlich vergleichsweise so späten - Beginn des germanischen Ausgriffs nach Südwesten und Westen. Die Elbe, die Oder und die Weichsel aufwärts haben sich die Germanen freilich schon früher ausgebreitet, dazu mehr weiter unten. 

Ostgermanen und Westgermanen

In der Studie werden viele Ausführungen gemacht zu innerskandinavischen genetischen Verschiebungen.

Abb. 3: Die früheste schnurkeramische Ausbreitung innerhalb Skandinaviens erfolgte im Wesentlichen über Land (Karte von Joachim Koch) (ADNS2021) - Die Schnurkeramiker kannten noch nicht 24-Stunden-Fahrten ohne Sicht auf Land über das offene Meer, letzteres begann offenbar erst mit Glockenbecher-Leuten, die aber dann in Norwegen keine genetischen Spuren hinterließen

Es wird zu wichtigen innerskandinavischen Vorgängen während des Spätneolithikums und der Frühbronzezeit ausgeführt (1):

Innerhalb Skandinaviens sind drei Cluster erkennbar (s. hier: Abb. 2):
  1. ein frühes skandinavisches Cluster, das die ältesten schwedischen (Streitaxt-Kultur) und dänischen Individuen sowie fast alle Norweger umfaßt,
  2. ein späteres „südskandinavisches“ Cluster, das auf Dänemark beschränkt ist und auf die Südspitze Schwedens, und 
  3. ein zweites späteres „ostskandinavisches“ Cluster, das sich über ganz Schweden erstreckt und sich mit dem des südlichen Skandinavien-Clusters überschneidet.
Within Scandinavia, three clusters are apparent (Extended Data Figure 4): 1) an early Scandinavian cluster, including the oldest Swedish (Battle Axe Culture) and Danish samples and almost all Norwegians, 2) a later ‘Southern Scandinavian’ cluster restricted to Denmark and the southern tip of Sweden, and 3) a second later ‘Eastern Scandinavian’ cluster, spread across Sweden and overlapping with that of the Southern Scandinavia cluster.

Die Ausführungen zu diesen drei Clustern sind nicht gleich sehr eingängig, da vieles sehr neu ist. Lesen wir deshalb, was zusammenfassend dazu im Diskussionsteil geschrieben wird (1):

Obwohl die frühbronzezeitlichen Populationen Skandinaviens alle ihre Abstammung aus der Steppe von Menschen der Schnurkeramik-Kultur ableiten, tragen die frühesten skandinavischen Individuen geringe Anteile lokaler westlicher Jäger-Sammler-Vorfahren, während die späteren östlichen Skandinavier mit litauisch/lettischer Jäger-Sammler-Herkunft modelliert werden können (...), was auf eine spätneolithische Ausbreitung über die Ostsee nach Skandinavien hinein hinweist. Eine solche Ausbreitung ist unseres Wissens nach bislang in der archäologischen Forschung nicht angenommen worden. Der Zeitpunkt fällt jedoch mit der Einführung einer neuen, spätneolithischen Schafrasse in Skandinavien zusammen. Es fällt auch zusammen mit der Ausbreitung eines neuen Bestattungsritus von Galeriegräbern in Südschweden, den dänischen Inseln und Norwegen, einem neuen Haustyp, den ersten dauerhaften Bronze-Netzwerken sowie mit dem Ende eines Ost-West-Gefälles in Skandinavien zwischen 2100 und 1700 v. Ztr..
Although all Early Bronze Age populations of Scandinavia derive their Steppe ancestry from people of Corded Ware culture, the earliest Scandinavian individuals carry small proportions of local Western Hunter-Gatherer ancestry, whereas the later Eastern Scandinavians are modelled with Lithuanian/Latvian Hunter-Gatherer ancestry (...), indicative of a Late Neolithic cross-Baltic migration into Scandinavia. No such migration has to our knowledge been identified in the archaeological record. However, the timing coincides with the introduction of a new, Late Neolithic sheep breed to Scandinavia. It also coincides with the spread of a new burial rite of gallery graves in south Sweden, the Danish islands and Norway, a new house type, the first durative bronze networks, as well as with the end of an eastwest divide in Scandinavia between 4050 and 3650 BP.

Damit ist gesagt: Die Zuwanderung von Glockenbecher-Leuten nach Norwegen hinterließ so gut wie keine genetischen Spuren. Viel wichtiger war aus genetischer Sicht die Ausbreitung "östlicher Skandinavier" nach Westen während dieser Zeit (s. Abb. 3). Diese neue Erkenntnis muß man wohl noch länger auf sich wirken und "sacken" lassen. (Siehe dazu auch "Nachtrag 1" am Ende dieses Beitrages.)

Die Erste germanische Lautverschiebung (500 v. Ztr.)

Aber bevor wir dazu kommen, werden wir gleich mit einem neuen spannenden Thema konfrontiert. In der Studie wird nämlich auch die Erste germanische Lautverschiebung (Wiki) angesprochen und die in der Forschung schon seit längerem bestehende Vermutung, daß diese durch demographische Völkerbewegungen ausgelöst worden sein könnten. Die Forscher sehen für die Zeit, auf die diese datiert wird (um 500 v. Ztr.) aber keine wesentlichen demographischen Veränderungen innerhalb Skandinavienes und damit des germanischen Bereichs.

Damit werden wir auf den Umstand gestoßen, daß sich die Germanen bis dahin sprachlich noch gar nicht so weit von den ihnen benachbarten Kelten und anderen indogermanischen Völkern fortentwickelt hatten wie seither durch eben diese Lautverschiebung. Ob die Ursachen für dieselbe nur allein auf der geographischen Abgeschiedenheit der Germanen beruhte? Ganz ohne äußere Einflüsse? 

Diese Frage setzt einige Klärungsbemühungen unsererseits in Gang. Wir fragen uns, ob der Anstoß dazu etwa von Osten, aus dem ostgermanischen Raum gekommen sein kann, aus jenem Raum, in dem es am frühesten Dynamik gegeben hat, und wo die Germanen - grob gesprochen - auf die Skythen gestoßen sind. Es gibt ältere Theorien, nach denen die Skythen die Ursache für das Ende der (keltischen?) Lausitzer Kultur gewesen sind. Nach diesen Theorien könnten die Skythen Träger der Billendorfer Kultur (7. und 6. Jhdt. v. Ztr.) (Wiki) gewesen sein, die benannt ist nach dem Dorf Billendorf bei Naumburg am Bober, einem linken Nebenfluß der Oder, 37 Kilometer südwestlich von Grünberg in Schlesien (Mapcarta). Die Billendorfer Kultur war im Weichsel- und Oderraum verbreitet und breitete sich bis an die Mittlere Elbe aus. Ihr wird insbesondere der skythisch anmutende "Goldschatz von Vettersfelde" (Wiki) zugesprochen. Vettersfelde liegt 37 Kilometer nordwestlich von Billendorf auf der rechten Seite der Lausitzer Neiße, 43 Kilometer nördlich von Bad Muskau (und dem Landschaftspark des Fürsten Pückler [Wiki]), sowie 45 Kilometer nordöstlich von Cottbus. Der dortige Landgraben Werdawa mündet in die Neiße, zehn Kilometer vor seiner Mündung liegt Vettersfelde (s. (MapcartaKomoot), wo man Siedlungsbefunde feststellen konnte. (Der Goldschatz soll nach neueren Annahmen im skythischen Auftrag von griechischen Goldschmieden geschaffen worden sein. Solche griechischen Goldschmiede haben ja später auch noch die Goten in Anspruch genommen.)

Der Odin-Glaube - Wann und von wo kam er nach Skandinavien? 

Die Billendorfer Kultur war nun der südöstliche Nachbar der nördlicher siedelnden Germanenstämme. Durch diese Kultur - so möchten wir hier als Spekulation in den Raum stellen - könnten die Germanen in Berührung gekommen sein mit dem östlichen Odin-Glauben, dessen Herkunft bislang nie abschließend hatte geklärt werden können. Bislang hatten wir vermutet, er könnte mit den Sarmaten (Wiki) in den germanischen Raum gekommen sein. Da die Germanen auch sonst viel von den Sarmaten übernommen haben (Tierstil, Spangenhelm zum Beispiel). Aber mit der Billendorfer Kultur wäre der Kontaktraum zwischen Skythen und Germanen viel breiter gewesen. Und von den damaligen Skythen könnte viel Strahlkraft ausgegangen sein. Die zweite hochdeutsche Lautverschiebung kam mit dem Christentum, warum also sollte die erste germanische Lautverschiebung nicht ähnlich mit der Einführung neuer religiöser Vorstellungen einher gegangen sein?

Die Billendorfer Kultur überschneidet sich geographisch mit der Pommerllischen Gesichtsurnen-Kultur (Wiki). Es wird ausgeführt, daß die Träger dieser letzteren Kultur die Bastarnen gewesen seien. Diese wiesen viel Ähnlichkeit mit den Germanen auf, wiesen aber auch Verbindungen zu den Sarmaten auf. Die Billendorfer Kultur wird in einer Darstellung zur Geschichte der Stadt Dahlen östlich von Leipzig als Nachfolgekultur der dortigen Lausitzer Kultur benannt (von Hartmut Finger). Dort fand sich (GB2017) ...

... eine der ganz wenigen Fundstellen im Gebiet der Lausitzer Kultur, in der außer Siedlungsgruben auch komplette Hausgrundrisse nachgewiesen wurden. Warum diese Siedlung letztlich wieder aufgegeben wurde, konnte nicht geklärt werden. (...) Nachgewiesen ist, daß die bronzezeitliche Bevölkerung aus der Dahlener Heide (...) am Ende der Bronzezeit abgewandert ist. (...) An den noch verbliebenen, bzw. den neuen Siedlungsplätzen der bronzezeitlichen Kultur zeigte sich ab etwa 750 v. Ztr., daß deren Bewohner eine neue Technologie übernommen hatten. Es handelt sich hierbei um die Herstellung und Verarbeitung von Eisen. Es ist die Kultur der "Frühen Eisenzeit", die sogenannte "Billendorfer Kultur". (...) Die Billendorfer Kultur steht in direkter Nachfolge der Lausitzer Kultur.    

Könnte es nicht so sein, daß insbesondere Schmiede neue religiöse Vorstellungen aus einem Kulturraum in einen anderen mitgebracht haben? Da sie ein besonderes Ansehen hatten? Ab dem 6. und 5. Jahrhundert v. Ztr. tritt in der Gegend von Leipzig, so heißt es weiter, die germanische Jasdorf-Kultur auf. Über die Ausbreitung von Eisen lesen wir (PrähArch2021):

Eisen wurde bereits in der zweiten Hälfte des zweiten Jahrtausends vor Christus im Vorderen Orient von den Hethitern verwendet. Von dort aus wanderte das Wissen über die Verarbeitung dieses Rohstoffes über Anatolien nach Südosteuropa und gelangte schließlich von dort nach Mitteleuropa.
Die Ausbreitung erfolgte in ihrer ersten Phase zwischen dem 13. und 8. Jahrhundert vor Christus von Griechenland über Mitteleuropa bis in den Norden Dänemarks. Vom 8. bis zum 5. Jahrhundert vor Christus wurden auch die westlichen Teile Europas (England, Frankreich und Spanien), des nördlichen (Schweden, Norwegen) und östlichen (Rußland) mit der Technologie der Eisenverarbeitung (Eisenverhüttung) vertraut. Archäologisch ließ sich bei der Verbreitung der Eisenverarbeitung häufig beobachten, daß zunächst Eisenobjekte importiert, anschließend nachgemacht und dann erfolgreich selbst hergestellt wurden. Es ist demnach festzustellen, daß spätestens um 600 v. Chr. die Eisenverhüttung in ganz Europa verbreitet ist. (...)
Zwei ganz andere Objekte verstreuen sich zur Eisenzeit in Europa. Die Drehscheibe zur Herstellung von Keramik wandert erstmals zu dieser Zeit aus dem mykenisch-griechischen Raum nach Mitteleuropa und läßt sich allerorts auffinden.

Daß sich die germanische Lautverschiebung sehr grob zeitlich überschneidet mit der Einführung dieser neuen Techniken, zugleich mit der Frühphase der Herausbildung der klassischen griechischen Kultur - vermittelt entweder über die Skythen oder die Kelten, könnte dem Geschichtsphilosophen allerlei zu denken geben. Wir werden all diesen Zusammenhängen sicherlich in künftigen Blogbeiträgen noch weiter nachgehen (siehe dazu auch den Nachtrag ganz unten). Zum Verständnis sei noch einmal erwähnt: Die Erste germanische Lautverschiebung brachte - grob gesprochen - die Verschiebung mit (laut Wiki):

  • von Lateinisch "pēs" (siehe "Piedestal" [Wiki]) nach Deutsch "Fuß" 
  • von Lateinisch "piscis" nach Deutsch "Fisch"
  • von Lateinisch "tertius" nach Althochdeutsch "thritto" ("dritte")
  • von Lateinisch "cor" nach Deutsch "Herz"
  • von Lateinisch "canis" nach Deutsch "Hund"
  • von Lateinisch "capiō" nach Deutsch "haben"
  • von Lateinisch "decem" nach Deutsch "zehn"
  • von Lateinisch "frater" nach Deutsch "Bruder"
  • von Lateinisch "hostis" nach Deutsch "Gast".

Wobei "Lateinisch" hier nur als bestes Beispiel für die Art des Sprechens auch in Skandinavien vor der Lautverschiebung angeführt ist. Wie dunkel und "nah"-"entfernt" verwandt auf einmal so viele "Fremdsprachen" innerhalb von Europa für einen erscheinen, wenn man diese Zusammenhänge auf sich wirken läßt. In der Bronzezeit waren unseren germanischen Vorfahren die anderen indogermanischen Sprachen in Europa noch nicht ganz so "fremd" wie uns heute. Denn sie haben eine ihnen noch ähnlichere Sprache gesprochen. Durch diese Erste germanische Lautverschiebung erst hat sich womöglich das eigentlich Besondere des "Germanischen" heraus gebildet.

Mit ihm einher gegangen mag sein eine dumpfe Ahnung, daß nun die weltgeschichtliche Stunde der Germanen geschlagen hatte. Wie unbeholfen auch immer sie dann ins helle Licht der Weltgeschichte eingetreten sein mögen ... 

Vollzog sich die erste Lautverschiebung unbewußt als eine Art "Gegenbewegung", Parallelbewegung, als eine Art "Reaktion" zur Herausbildung der Kultur des klassischen Griechenland?

Und: Gehen wir falsch in der Annahme, daß die germanischen Sprachen durch die erste Lautverschiebung im Charakter "weicher" wurden, "herzlicher" wurden, eine Entwicklung, die in anderen Sprachen - etwa dem Altgriechischen - auf andere Weise auch erreicht worden sein mag? Geschichtsphilosophisch jedenfalls haben wir es hier zu tun mit der sogenannten "Achsenzeit". Und uns wird bewußt, daß dieser Achsenzeit auch der Eintritt der Germanen in die Weltgeschichte zugeordnet werden kann - zwar noch ohne Schriftsprache, zwar mehr als "Barbaren" denn als kultivierte Leute (aus Sicht der Mittelmeerkulturen) - aber dafür auch um so frischer und "unverbrauchter".

Götterdämmerung

Immerhin waren sie zum Beispiel in den kommenden Jahrhunderten fähig, dem indogermanischen Welteneschen-Mythos, dem indogermanischen Mythos von der "Urschlange" eine neue, konkretere Wendung dadurch zu geben, daß sie die "Mitgartschlange" an den Wurzeln der Weltenesche nagen ließen, was zu Erschütterungen des ganzen Baumes führen sollte. Baldur, der Sonnengott, sollte ihnen getötet werden. Ihnen schwante immer mehr eine ungeheuerliche "Götterdämmerung" - aber am Ende derselben auch eine neue "Heilszeit". All das mag sich ohne Schriftkultur im germanischen Bereich im Laufe der nachfolgenden Jahrhunderte geistig weiter entwickelt haben - insbesondere in Reaktion auf die Ausbreitung des zutiefst unduldsamen Christentums, das alle Religionen weltweit zu satanischen erklärte. 

Vorbereitet worden mag dieses Bewußtsein auch durch das Miterleben des erschütternden Untergangs der Kelten-Götter, ja, der ganzen keltischen Kultur im Gefolge der Unterwerfung durch Cäsar und Rom (Stgen2021). 

Und es war und ist wahrlich nötig, daß die Germanen frisch und unverbraucht in die Weltgeschichte eingetreten sind, daß sie zuvor 3000 Jahre lang abgeschieden und ausgeglichen in ihrer Heimat gelebt hatten. Welcher Völkergruppe wären denn heftigere Aufgaben zugewachsen durch die Weltgeschichte - als dieser? Im furchtbaren seelischen Aufflammen ist diese Völkergruppe heute begriffen. Soweit sie überhaupt noch Restfunken Lebendigkeit in sich hat bewahren können. Diese Völkergruppe weiß heute: Es geht um das Letzte. Und sie weiß auch: "Wer auf sein Elend tritt, steht höher." So sagte es einer ihrer letzten großen Seher, der ebenfalls eine neue Heilszeit voraus sagte (Friedrich Hölderlin). Genug der Geschichtsphilosophie. - - -

Nachdem Süd- und Ostgermanen gut unterschieden werden können durch die genannte Studie, kann geschaut werden: Welche Völker hatten vorwiegend südskandinavische Herkunft (Angelsachsen, Langobarden) und welche Völker hatten vorwiegend ostskandinavische Herkunft (die ursprünglichen Goten im Weichselraum).

Die Goten - Schon in der Ukraine ging ihre ursprüngliche Genetik verloren

Es finden sich in der Studie auch Ausführungen über die Herkunft der westgermanischen Friesen. Diese wollen wir an dieser Stelle zunächst übergehen. (Die dortige Glockenbecher-Genetik scheint - wie in England - vornehmlich durch Schnurkeramik-Genetik ersetzt worden zu sein.) Über die Goten lesen wir (1):

Die frühesten Individuen der Wielbark-Kultur in Polen (ca. 100 n. Ztr.) sind hauptsächlich ostskandinavischer Abstammung, was auf eine Ausbreitung aus einer Region und Bevölkerung hindeutet, die sich von der der west- und nordgermanischen Bevölkerung unterscheidet, ein Szenario, das möglicherweise mit gotischer mündlicher Überlieferung vereinbar ist. Weiter südlich scheinen die späteren Ostgoten und Westgoten (400-900 n. Ztr.), die kulturell Nachkommen der früheren Goten waren, (genetisch) den einheimischen Südeuropäern ähnlich zu sein. Die beiden Ausreißer aus Spanien haben etwa 50 % nordeuropäische Vorfahren, liegen aber im Gegensatz zu den früheren Wielbark-Individuen entlang der nordöstlich-südöstlichen Ostseeküste. Der genetische Unterschied der Ostgoten- und Westgoten-Populationen von den ostskandinavischen Wielbark-Goten läßt auf eine Übernahme der Kultur und der ostgermanischen Sprache durch südlichere Gruppen schließen.
The earliest individuals from Wielbark, Poland (~1900 BP) are primarily of Eastern Scandinavian ancestry, supporting a population migration from a region and population distinct from that of the West and North Germanic populations, a scenario potentially consistent with Gothic oral history. Further south, the later Ostrogoth and Visigoth individuals (1600 - 1100 BP) who were cultural descendents of the earlier Goths, appear similar to local Southern Europeans. The two outliers from Spain have around 50% northern European ancestry, but unlike the earlier Wielbark individuals, they fall along the Northeast Southeast Baltic cline. The genetic distinction of the Ostrogoth and Visigoth populations from the Eastern Scandinavian Wielbark Goths suggests an adoption of the culture and East Germanic language by the more southern groups.

Es stellt sich also mit dieser Studie heraus, daß die "Goten" schon in der Ukraine - und um so mehr dann später in Dalmatien, Italien und Spanien - gar nicht mehr vorwiegend skandinavischer Herkunft gewesen sind. An anderer Stelle heißt es dazu (1):

Die späteren Personen, die mit den ursprünglich ostgermanischsprachigen Gruppen, den ukrainischen Ostgoten und den Westgoten von Iberien, in Verbindung gebracht wurden, scheinen (genetisch) meistens Einheimische zu sein.

Sie scheinen also genetisch aus der Region vor Ort (aus der Ukraine) zu stammen, nicht aus Skandinavien. Weiter (1): 

Zwei Ausnahmen bilden Goten aus Iberien, deren genetische Herkunft auf die nordöstlich-südöstliche Ostseeküste hindeutet (von denen einer eine nordeuropäische Y-Haplogruppe trägt), was auf einen Ursprung in Nordosteuropa, aber nicht speziell in Ostskandinavien schließen läßt. Diese Abstammung umfaßt Populationen, die mit der Ausbreitung der slawischen Bevölkerung in Polen, Ungarn und der Tschechischen Republik in Zusammenhang stehen und mit der aus Nordosteuropa stammenden baltischen Vorfahren aus der Bronzezeit in Zusammenhang stehen. Mit den aktuell zur Verfügung stehenden Daten ist eine genauere Bestimmung des Ausgangspunktes der slawischen Völkerwanderungen noch nicht möglich.
Most later individuals associated with the originally East Germanic-speaking groups, the Ukrainian Ostrogoths and the Visigoths of Iberia, appear to be locals (Supplementary Note 6.9.6). Two exceptions are from Goths from Iberia, who genetically fall on the Northeast-Southeast Baltic cline (one of which carries a Northern European Y haplogroups), suggesting an origin in North East Europe, but not Eastern Scandinavia specifically. This cline includes populations related to the spread of Slavic populations in Poland, Hungary and the Czech Republic and are to be related to the Baltic Bronze Age ancestry originating in North East Europe. With the current sampling, determining a more precise homeland of the Slavic migrations is not yet possible.

Diese Ausführungen werfen natürlich einen wichtigen Lichtschein auf die Geschichte und das genetische "Verschwinden" der Goten in Dalmatien, Italien und Spanien (s. Stgen2023). Vielleicht waren sie genetisch gar nicht mehr bis in die Balkan-Region gekommen und vielleicht können die späteren Slawen-Züge gegen Byzanz und Griechenland - wie sich hier andeutet - als die Fortsetzung der vormaligen Goten-Züge gegen Byzanz und Griechenland verstanden werden. Da schon Menschen mit "slawischer" Genetik als "Goten" diese Züge unternommen hatten. Die Archäogenetik bringt wahrlich immer einmal wieder neue große Überraschungen mit sich. 

Abschließend noch einmal die Zusammenfassung (der "Abstract") der Studie (1):

Wir finden Hinweise auf eine bisher unbekannte, groß angelegte bronzezeitliche Migration innerhalb Skandinaviens, die ihren Ursprung im Osten hat und sich im Westen und Süden ausbreitet, was einen neuen potenziellen Antriebsfaktor für die Ausbreitung der germanischen Sprachgemeinschaft darstellt. Dieser ostskandinavische genetische Cluster macht sich erstmals 800 Jahre nach der Ankunft der Schnurkeramik-Kultur bemerkbar, der ersten Steppenpopulation, die in Nordeuropa auftauchte, und eröffnet ein neues Szenario, das eher auf eine spätneolithischen anstatt auf eine mittelneolithische Ankunft der germanischen Sprachgruppe in Skandinavien schließen läßt. Darüber hinaus deutet die nicht-lokale Jäger-Sammler-Abstammung dieses ostskandinavischen Clusters eher auf einen baltischen maritimen als auf einen südskandinavischen Landeintritt hin.
We find evidence of a previously unknown, large-scale Bronze Age migration within Scandinavia, originating in the east and becoming widespread to the west and south, thus providing a new potential driving factor for the expansion of the Germanic speech community. This East Scandinavian genetic cluster is first seen 800 years after the arrival of the Corded Ware Culture, the first Steppe-related population to emerge in Northern Europe, opening a new scenario implying a Late rather than an Middle Neolithic arrival of the Germanic language group in Scandinavia. Moreover, the non-local Hunter-Gatherer ancestry of this East Scandinavian cluster is indicative of a cross Baltic maritime rather than a southern Scandinavian land-based entry.

Wir sehen, daß diese Zusammenfassung nur ein einziges Thema aus den vielen Themen der Studie heraus greift. Warum die germanischen Sprachen allerdings erst mit der Schnurkeramiker-Ausbreitung von Finnland her nach Skandinavien gekommen sein sollen, wird uns nicht so recht deutlich. Sollten die west- und die ostskandinavischen Schnurkeramiker-Populationen sich nach 800 bis tausend Jahren Trennung nicht immer noch gegenseitig verstanden haben können? Die Studie selbst spricht von einer kulturellen Homogenisierung innerhalb Skandinaviens in den nachfolgenden Jahrhunderten.

Manches in der Studie enthaltene wertvolle Detail mag uns bisher noch entgangen sein. Es wurde erkennbar, daß in der Studie Anstöße zu weiterer Forschung nach vielerlei Richtungen hin enthalten sind. Die Archäogenetik verändert weiterhin - und oftmals immer noch sehr grundlegend - altüberkommene Geschichtsbilder oder schafft Klarheit, wo es bisher nur "Raten und Meinen" gab.

Nachtrag 1 - Woher kam Odin? Warum kam er?

Indem wir den Themen "skytho-sarmatischer Tierstil" und "sibirische Tierstil" nachgehen, stoßen wir auf einen aktuellen Aufsatz (2), in dem sich zudem der Hinweis findet auf eine interessante Studie aus dem Jahr 2017, die auf der Grundlage unter anderem einer berühmten Studie des Religionspsychologen Mircea Eliade (1907-1986) (Wiki) aus dem Jahr 1951 (3) dargelegt, daß das achtbeinige Pferd Sleipnir des germanischen Gottes Odin viele Parallelen aufweist mit Vorstellungen im sibirischen Schamanismus. Es wird dann gefragt (4):

Wie gelangten diese Motive in die nordische Kultur? Eine Erklärung könnte sein, daß die protogermanischen Völker, Vorfahren der Nordmänner, das Konzept des schamanischen Pferdes durch das Interagieren mit den Skythen in Osteuropa übernommen haben. Es gibt sprachliche Hinweise darauf, daß diese beiden Gruppen in Verbindung miteinander standen. Zwei Wörter, *hanapiz „Hanf“ und *paidō „Umhang“, wurden vor der Ersten germanischen Lautverschiebung ins Protogermanische entlehnt und stammen höchstwahrscheinlich aus einer iranischen Sprache (Ringe, 296-297). Noch wichtiger ist, daß das Wort paþaz „Weg“ aus einer iranischen Sprache ins Urgermanische entlehnt worden sein muß, da der interdentale Frikativ in der Wortmitte nur in diesem Wort in den iranischen Sprachen vorkommt (Mayrhofer, 224-230; Ringe, persönliche Mitteilung). Im Gegensatz zu den ersten beiden wurde es jedoch nach der Ersten germanischen Lautverschiebung entlehnt. Ein weiteres Wort, wurstwą „Arbeit“, existiert nur im Gotischen und kann nicht vom protogermanischen Wort für „Arbeit“ abgeleitet werden, es könnte also auch eine Entlehnung aus einer iranischen Sprache sein.
How did these motifs enter Norse culture? One explanation might be that the Proto-Germanic peoples, ancestors of the Norse, adopted the concept of the shamanic steed through interaction with the Scythians in Eastern Europe. There is linguistic evidence indicating that these two groups were in contact. Two words, *hanapiz ‘hemp’ and *paidō ‘cloak,’ were borrowed into Proto-Germanic before the operation of Grimm’s Law and most likely from an Iranian language (Ringe, 296–297). Even more importantly, the word paþaz ‘path’ must have been borrowed into Proto-Germanic from an Iranian language, as the interdental fricative in the middle of the word is only present in this word in the Iranian languages (Mayrhofer, 224–230; Ringe, personal communication). In contrast to the first two, however, it was borrowed after the operation of Grimm’s Law. An additional word, wurstwą ‘work’ survives only in Gothic and cannot be derived from the Proto-Germanic word for ‘work,’ so it may also be a borrowing from an Iranian language.

Es wird außerdem darauf hingewiesen, daß sich die Darstellung eines achtbeinigen Hirsches auch bei den Thrakern findet. Dem möchten wir den Gedanken anfügen, daß der mythische Begründer der orphischen Bewegung im antiken Griechenland, Orpheus selbst, ja ein Thraker gewesen sein soll (nach der Behauptung vieler). Insbesondere der Weltentstehungsmythos der orphischen Bewegung - Urei und Urschlange - mag manche ähnlich ekstatisch-östlichen Elemente enthalten (Stgen2022), die Verwandtschaften aufzeigen könnten sowohl mit dem nordischen Mythos wie mit sibirischen mythischen Vorstellungen.

Wenn wir Odin mehr aus orphischem Geiste heraus auffassen würden, würden wir womöglich innerlich einen direkteren Bezug zu ihm aufbauen können. Wir könnten dann vielleicht verstehen, daß die Germanen von Odin ähnlich fasziniert gewesen sein konnten wie die Griechen von Orpheus. Odin würde dann - auf der Linie der andernorts behandelten Hesperien-Deutung Hölderlins - mitgeholfen haben, das heilige Pathos, das Feuer des Himmels in den ansonsten gar zu nüchterneren Germanenherzen zu entflammen. Freilich: diese Begeisterung brachte sie zunächst vor allem dazu, erobernd in fremde Länder zu ziehen mitsamt ihrem Völkerwanderungsgott Odin. Die Übernahme allein des Wortes "Arbeit" von Seiten der Skythen reichte nicht, um nun wirklich zugleich auch diszipliniert arbeiten zu lernen. Dafür bedurfte es doch noch anderer Mittel.

Ob sich der Missionar Willibrord dessen bewußt war oder nicht: Seine Religion brachte auch eine neue Arbeitsethik nach Germanien: die benediktinische. Und Luther formte sie später um zur protestantischen Arbeitsethik (Wiki). Und dreihundert Jahre später war Schiller in der Lage zu dichten (Zen):

Wie schön, o Mensch, mit deinem Palmenzweige
Stehst du an des Jahrhunderts Neige,
In edler stolzer Männlichkeit,
Mit aufgeschloßnem Sinn, mit Geistesfülle,
Voll milden Ernsts, in tatenreicher Stille,
Der reifste Sohn der Zeit.

Er, der Mensch, wurde - nach Schiller - zu einem so reifen Menschen durch Kunst. Die Kunst gab dem Menschen die Menschlichkeit und Reife. Es sind deshalb die Künstler, denen Schiller gegen Ende seines Gedichtes zuruft (Zen):

Der Menschheit Würde ist in eure Hand gegeben,
Bewahret sie!
Sie sinkt mit euch! Mit euch wird sie sich heben!

Wichtiger aber noch als die Kunst mag heute sein das Aufeinander-Hören. Denn "Zuhören ist heilig" - so wie auch den Griechen, Kelten und Germanen Zuhören heilig war (Stgen2024).

Nachtrag 2 - Razib Khan

8.5.2025: Der Humangenetiker Razib Khan titelt neuerdings aufgrund der in diesem Beitrag behandelten Studie "Germans are from Finland" (RKhan4/25, b). Seine Karten und Grafiken sind immer sehr übersichtlich gestaltet. Aber so schlicht hatten wir das in der Studie nicht wahrgenommen. Ohne daß wir uns ausführlich mit dem beschäftigen, was er vorträgt, glauben wir intuitiv sagen zu können, daß sich die Schnurkeramiker-Genetik am Anfang gemeinsam mit der Kugelamphoren-Kultur nach Skandinavien ausgebreitet hat. Das wird - soweit wir das bislang überblicken - gleichzeitig sowohl nach Dänemark hinein wie auch nach Finnland hinein geschehen sein. Falls wir uns in dieser Sichtweise noch korrigieren müssen, werden wir das natürlich tun.

Nachtrag 3 - Karl Banghard

28.2.2026: Durch ein neues Video werden wir auf den Archäologen Karl Banghard (geb. 1966) (Wiki) aufmerksam, der einen über die Germanen mancherlei Neues lernen läßt (Yt2026): Der einheitliche Bau der Langhäuser über den ganzen nordeuropäischen Raum hinweg, die hohe Bevölkerungsdichte (viele Häuser aufgereiht entlang der Bäche), die wenig arbeitsintensive Wirtschaftsweise, das Nichtvorhandensein von Obst- und Gemüsegärten (6) (Geo2025):

Der Hauptkalorienlieferant war wie in allen Agrargesellschaften das Getreide. Die Landwirtschaft der Germanen war aber nicht so sehr auf Überschuß ausgerichtet wie die der Römer. In germanischen Speiseresten finden sich erstaunlich hohe Anteile von Wildpflanzen. Sie haben zum Beispiel Eicheln gesammelt, geschält und geröstet. Sättigende Wildpflanzen kamen als Nahrungsergänzung mit ins Getreide. Auch gibt es Hinweise darauf, daß die Germanen auf einem abgeernteten Feld zunächst Wildpflanzen hochkommen ließen, die als zweite Ernte abgesammelt wurden, statt die Fläche sofort neu zu bestellen. Mit Ackerbau haben sich die Germanen also nicht gerade einen abgebrochen, sondern sie haben auf eine Mischung aus Effizienz und Nachhaltigkeit gesetzt.

Banghard war Mitarbeiter im Pfahlbaumuseum Unteruhldingen bei Gunter Schöbel und ist seit 2002 Leiter des Freilichtmuseums Oerlinghausen. Er bewegt sich damit - unausgesprochen - auf den Spuren der Kossinna-Schule in der deutschen Archäologie, aus der beide Museen hervor gegangen sind. Es werden auch die Fotografien von nachgestellten Germanen des Fotografen Jonas Radtke gerühmt, die für das neue Buch von Banghard benutzt wurden (JRadtke), und die in Ausstellungen wie "Past Identities" gezeigt worden sind.

__________________

  1. Steppe Ancestry in western Eurasia and the spread of the Germanic Languages. By Hugh McColl (...) Kristian Kristiansen, Martin Sikora and Eske Willerslev. bioRxiv. posted 14 March 2024 (Biorxiv)
  2. Çağıl Çayır: War Germanen-Gott Odin ein Türke? Januar 2024 (Nex24/2024)
  3. Eliade, Mircea: Schamanismus und archaische Ekstasetechnik. Rascher, Zürich 1957 (Neuausgabe Suhrkamp, Frankfurt am Main (EA Paris 1951)
  4. Kristen Pearson: Chasing the Shaman’s Steed. The Horse in Myth from Central Asia to Scandinavia. Sino-Platonic Papers, hrsg. von Victor H. Mair, Mai 2017 (pdf)
  5. Penske, S., Küßner, M., Rohrlach, A.B. et al. Kinship practices at the early bronze age site of Leubingen in Central Germany. Sci Rep 14, 3871 (2024), 16.2.2024 (Nature), https://doi.org/10.1038/s41598-024-54462-6
  6. Karl Banghard: Die wahre Geschichte der Germanen: Die faszinierende Lebenswelt der Germanen jenseits von Mythos und völkischer Ideologie, Propyläen Verlag, 2025

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