Freitag, 19. Juni 2020

"Eine dynastische Elite in der Megalithkultur" Europas (3.500 v. Ztr.)

Waren die Megalith-Gräber Grablegen von Großkönigen? - Königsdynastien und ihre Städte im europäischen Mittelneolithikum (4200 bis 3100 v. Ztr.)

Schon vor zehn Jahren beschäftigten wir uns hier auf dem Blog mit archäologischen Hinweisen auf Rinderwagen-Prozessionen entlang der Gräber von angesehenen Vorfahren in Norddänemark aus der Zeit um 3.100 v. Ztr. (25), also kurz vor dem Untergang der dortigen Trichterbecherkultur (oder während desselben), bzw. während des dortigen Einmarsches der osteuropäischen Kugelamphoren-Kultur, gemeinsam mit oder zeitlich kurz darauf gefolgt von der Schnurkeramik-Kultur (26). Diese Erkenntnisse drängten uns schon vor zehn Jahren das Bild auf, daß das erste Auftreten von Rinderwagen in der europäischen Geschichte und Hinweise auf das früheste Bestehen von staatlichen Strukturen, von Zentralverwaltungen, Herrschersitzen parallel miteinander gingen (Abb. 1). Und genau dieser Umstand wird neuerdings durch eine schon auf der Titelseite von "Nature" mit "Familienbande" angekündigten archäogenetischen Studie zum mittelneolithischen Hochadel Irlands deutlich untermauert (21-23).

Abb. 1: Frauen ziehen auf Ochsenwagen aus einer eingenommenen Stadt ab - Eindrucksvolles Wandrelief im Palast des neu-assyrischen Königs Tiglathpileser III (etwa 745-725 v. Ztr.) (Wiki) - Das erste Auftreten von Rinderwagen und die früheste Staatenbildung im europäischen Mittelneolithikum scheinen parallel gegangen zu sein (25).

"Eine dynastische Elite in der Megalithkultur" ("A dynastic elite in monumental Neolithic society"), so lautet der eigentliche Titel dieser Studie, die vor zwei Tagen erschienen ist (21-23). Sie weist auf die mögliche Existenz einer stark hierarchisch gegliederten Gesellschaftsstruktur im europäischen Mittelneolithikum hin für die Zeit um 3.500 v. Ztr.. Im Mittelpunkt steht insbesondere die berühmte irische Grabanlage Newgrange (Wiki) (Abb. 2). Die Archäogenetik liefert hier Hinweise auf eine komplexe und hierarchisch gegliederte Gesellschaftsstruktur, an deren Spitze Groß-Könige ("Gott-Könige") standen, die zudem aus einem reichsweiten Hochadel ("Elite") hervorgegangen sind, der untereinander heiratete, und in der auch kulturell sehr seltene Geschwisterehen praktiziert wurden.

Bis 3.800 v. Ztr. hatten in Irland über lange Jahrtausende endogam lebende mesolithische westeuropäische Fischer, Jäger und Sammler gelebt, deren Herkunft ursprünglich auf Norditalien zurück geführt werden kann (das westeuropäische "Villanova-Cluster"), von wo aus sich diese Völkergruppe nach der Eiszeit bis nach Irland und Skandinavien ausbreitete. Die irische Untergruppe dieser Völkergruppe wies über Jahrtausende hinweg nur wenig genetischen Austausch mit Kontinentaleuropa oder England auf.

Abb. 2: Newgrange (Fotograf: Ingo Winkler) (Wiki)

3.800 v. Ztr. brachten dann seßhafte Bauernvölker - vorwiegend anatolisch-neolithischer Herkunft und vermutlich aus Spanien (21, 24) - die bäuerliche Lebensweise nach Irland. Das vorherige Volk der westeuropäischen Fischer, Jäger und Sammler starb in den folgenden Jahrhunderten auf Irland genetisch fast vollständig aus. Die Zuwanderer errichteten ab 3.500 v. Ztr. die sogenannten "Passage Tombs". Diese monumentalen Grabanlagen scheinen getragen gewesen zu sein von einer Reichselite, einem Hochadel, aus dem - wie schon gesagt - Groß-Könige hervorgingen (21-23). Familien, in denen Inzest nicht Tabu war, waren - kulturgeschichtlich bezeugt - weltweit oft führende Königsfamilien. Ein solcher Fall scheint nun auch für Irland für die Zeit um 3.100 v. Ztr. nachgewiesen zu sein (21-23). Die abschließenden Worte der Studie lauten (21):
Zusammen mit Abschätzungen der Inzucht und der genetischen Verwandtschaft erweitern unsere Methoden das Repertoire, mit Hilfe dessen die Entwicklung von bäuerlichen Gesellschaften von kleinen Häuptlingschaften zu (großen) Zivilisationen erforscht werden kann. Insbesondere untermauern unsere Ergebnisse eine Neubewertung der sozialen Schichtung und der politischen Integration in den Megalithkulturen an der Atlantikküste. Sie legen nahe, daß diese Passage-Tomb-Gesellschaften in Irland mehrere Kennzeichen besaßen, die innerhalb von frühen Staaten und ihren Vorläufern gefunden werden können.
Original: Together with estimations of inbreeding and kinship, these methods broaden the scope within which we can study the development of agricultural societies from small chiefdoms to civilizations. Specifically, our findings support a reevaluation of social stratification and political integration in the megalithic cultures of the Atlantic seaboard, and suggest that the passage-tomb-building societies of Ireland possessed several attributes found within early states and their precursors.
Das sind überraschend weitreichende Einsichten. Dabei spricht auch der Archäologe Detlef Gronenborn seit mehreren Jahren mit Bezug auf die zeitgleiche Michelsberger Kultur im Raum von Frankfurt am Main - aufgrund der Erforschung von solchen mittelneolithischen Höhenburgen wie der auf dem Kapellenberg bei Frankfurt oder auf dem Glauberg in Mittelhessen in ähnlicher Weise von "Anfängen der Urbanisierung", und zwar zwischen 4200 und 3500 v. Ztr. (18).

Abb. 3: Umschlagbild zu Newgrange: "Familienbande"
Auf dem Kapellenberg hat er den Grabhügel einer prestigeträchtigen Person ergraben, die kulturelle und Handelskontakte über das Pariser Becken bis in die Bretagne, sowie bis in den Raum von Halle im heutigen Sachsen-Anhalt und bis in den Raum von Stuttgart aufrecht erhielt (18, 19).

Solche Sichtweisen gehen ja nun schon weit über die These von der mitteleuropäischen bronzezeitlichen Stadtgeschichte hinaus, die wir seit etwa zehn Jahren hier auf dem Blog vertreten haben, und bei der wir glaubten, uns recht weit im Vorfeld der Mehrheitsmeinung in der Universitäts-Archäologie zu bewegen. Mit diesen Studien schließt diese nun schnell und zügig auf.

Gut kann man sich solche prestigeträchtigen "Königsgräber" übrigens verbunden denken mit den steinernen Eigendarstellungen eben dieser mittelneolithischen europäischen Kulturen, die wir hier auf dem Blog schon behandelt haben, und die durch diese neue Sichtweisen ebenfalls eine ganz neue  Einordnung erhalten (20). Es wird sich um die Darstellungen von Angehörigen der gesellschaftlichen Eliten handeln. All das würde heißen, daß die von Osten her ab 2.800 v. Ztr. erobernd sich über Europa ausbreitenden Königreiche der Schnurkeramik- und Glockenbecher-Kultur schon auf ebenso hierarchisch gegliederte einheimische Königreiche und Fürstentümer gestoßen sind. Das ändert völlig die Sichtweise auf das europäische Mittelneolithikum.

Insgesamt machen diese neuen Forschungen auf Umstände aufmerksam, deren Bedeutung man sich in der Forschung erst allmählich, nach und nach deutlicher bewußt werden wird und die man sich erst nach und nach wird vergegenwärtigen können. Zum Beispiel: Jene Prozesse des "genetic replacement", die ab 2.800 v. Ztr. die heutige genetische Verfaßtheit Europas hervorbrachten, fanden innerhalb staatlicher Strukturen statt, innerhalb staatlicher Strukturen in Form von Fürstentümern, vielleicht von Großreichen. Und damit dürften dann noch zahlreiche andere Schlußfolgerungen verbunden sein, die von den meisten Forschern heute vermutlich noch gar nicht zu Ende gedacht sind. So wird früher oder später geschlußfolgert werden können oder müssen, daß schon die proto-indeuropäischen Gottvorstellungen (Wiki) sozusagen "Reichsgottheiten" darstellten, Gottheiten also, die im Rahmen von größeren staatlichen Strukturen verehrt und angebetet worden sind - so wie das dann auch schon von den vorindogermanischen, mittelneolithischen Gottheiten wird angenommen werden können. Solche Großreiche deuten sich ja für Mittel- und Nordeuropa in den letzten Jahren auch immer mehr für die Bronzezeit an.

Vielleicht ist deshalb auch die staatliche Verfaßtheit der keltischen und germanischen Stämme wie sie in der Klassischen Antike von den Griechen und Römern des Mittelmeerraumes überliefert worden ist, noch gar nicht voll verstanden worden. Zum einen könnte sie einen kulturellen und zivilisatorischen Zustand festgehalten haben, wie er sich erst nach der Umbruchzeit um 1200 v. Ztr. in Mittel- und Nordeuropa ergeben haben könnte, wo es vorher - seit dem Mittelneolithikum - schon deutlich weiter fortgeschrittene staatliche Strukturen gegeben haben könnte. Zum anderen könnte es aber auch sein, daß man die schriftlichen Quellen der Griechen und Römer unter solchen Aspekten einfach noch einmal neu lesen muß.

Anhang: Breitete sich die Hausmaus mit dem Rinderwagen in Europa aus?


Eine weitere, neue archäogenetische Studie
- Sie kann - mit viel Aufwand - erneut nicht besonders viel klären
Wann also kommt sie endlich in Schwung, die deutsche, archäologische Hausmaus-Forschung?

Aber auch im Bereich der Hausmaus-Forschung ist soeben eine neue Studie erschienen (1). Dr. David Orton (Universität York) konnte ein wichtiges Puzzelteil zu dieser Studie beitragen, nämlich weitere Belege für das Vorhandensein der osteuropäischen Hausmaus (!) in Serbien um 4.500 v. Ztr. (2, 3).




Ob aber mit dieser Studie nun das Bild der frühesten Ausbreitung der Hausmäuse nach Europa insgesamt mehr Sicherheit erlangt als bisher? Diese Studie geht davon aus, daß die Hausmäuse sich erst in der Eisenzeit in Europa ausgebreitet haben. Uns war die Datenlage für diese These bislang zu dünn (4). Zumal ja schon im Jahr 2008 eine Studie von frühbronzezeitlichen Hausmäusen in Südengland berichtete (5). Die Studie zur Geschichte der Hausmaus auf den britischen Inseln von 2008 wird aber in dieser neuen Studie aus dem Jahr 2020 noch nicht einmal erwähnt. Dieser Umstand verstört uns. Wird diese britische Studie aus dem Jahr 2008 nicht als gute Forschung angesehen?

Daß es so auffallenderweise - nach einer Studie aus dem Jahr 2018 - die Syrische Wildkatze in der Nähe Rinderwagen besitzender bäuerlicher Siedlungen in Mitteleuropa gegeben hat (6, 7), wird in dieser neuen Studie als wichtiger Umstand benannt (1):
Paläogenetische Studien liefern eine klaren Hinweis darauf, daß die erste von Menschen vermittelte Verbreitung der Syrischen Wildkatze nach Europa von Anatoloien ausging und sich über das heutige Bulgarien um 4.400 v. Ztr., Rumänien um 3.200 v. Ztr. und Polen um 3.000 v. Ztr. vollzog.
Paleogenetic studies provide clear evidence that the first human mediated dispersal of F. s. lybica towards Europe stemmed from Anatolia, spreading towards current Bulgaria by 6,400 cal BP, Romania by 5,200 cal BP and up to Poland by 5,000 cal BP.
Tatsächlich weisen derzeit alle sichereren Forschungsergebnisse darauf hin, daß sich die (osteuropäische) Hausmaus und damit einhergehend die Syrische Wildkatze erst mit dem Rinderwagen erstmals in Europa ausgebreitet hat.

Von über 800 Funden von Mausüberresten in archäologischen Kontexten konnten nur 85 aufgrund äußerer anatomischer Merkmale Unterarten zugeordnet werden (1). Chemische und genetische Untersuchungsmethoden liefern inzwischen weitaus sicherere Daten. Die Studie konnte die westeuropäische Hausmaus (M. m. domesticus) in Höhlen des Zagros-Gebirges des Iran schon ab 40.000 v. h. feststellen (also während der Eiszeit), allerdings noch nicht im Zusammenhang mit Hinweisen auf menschliche Aktivitäten. Ähnliches gilt für die osteuropäische Hausmaus (M. m. musculus) am Südufer des Kaspischen Meeres.

Wie wir schon wissen, findet sich die westeuropäische Hausmaus dann schon in den Siedlungen des Natufium und des vorkeramischen Neolithikums im Fruchtbaren Halbmond an den Oberläufen von Euphrat und Tigris, in der Ursprungsregion der Seßhaftigkeit und des Ackerbaus (1, 9). Über die weitere Ausbreitung heißt es dann (1):
Nördlich des Kernbereiches des akeramischen Neolithikums fanden wir Hinweise für spätneolithische und kupferzeitliche Ausbreitung der westeuropäischen Hausmaus Richtung Kaukasus (....) zwischen 3.000 und 2.000 v. Ztr., was die Rolle des Nahen Osten bei dem neolithischen Verbreitungsmuster (der Hausmaus) unterstreicht. Östlich davon finden wie die Anwesenheit der westeuropäischen Hausmaus im südlichen Zagros und auf dem iranischen Plateau zwischen 5.000 und 4.000 v. Ztr..
Northward from the PPN core area, we found evidence for the Late Neolithic and Chalcolithic dispersal of M. m. domesticus towards Transcaucasia in Norsun Tepe and Ovçular Tepesi, between 5,000 and 4,000 cal BP (...), supporting the role of the Near East in the Neolithic makeup of Transcaucasia. Eastward, we found the presence of M. m. domesticus in the southern Zagros (Tol-e Nourabad) and Iranian Plateau (Tepe Zagheh) between 7,000 and 6,000 cal BP.
Dann folgt das vermutlich wichtigste Ergebnis dieser Studie: Um 6.000 und 5.000 v. Ztr. findet sich die Hausmaus auf dem griechischen Festland in Siedlungskontexten ausdrücklich noch nicht (1):
Alle zehn Mausüberreste aus früh-, mittel- und spätneolithischen Kontexten im kontinentalen Griechenland konnten als autochthoner "Wild-"Phänotyp (Mus macedonicus) sowohl aufgrund anatomischer Merkmale wie Cytochrom b-Untersuchungen  identifiziert werden, wobei diese direkt datiert werden konnten auf 6.000 v. Ztr. und 5.000 v. Ztr..
All of the ten samples from Early, Middle and Late Neolithic contexts from continental Greece have been identified as the autochthonous “wild” phenotype (Mus macedonicus) with GMM and Cytochrome b (...) and directly dated at Mavropigi (8,455 - 7,329 cal BP) and Avgi (7,424 - 7,175 cal BP). (...) In Aegean contexts, the occurrence of M. m. domesticus is only documented from the Bronze Age (...), where it occurs in all the Early, Middle and Late Bronze Age contexts of urban sites in Crete (GSE, Chania, Mochlos, and Malia) and Santorini (Akrotiri), strongly supporting the absence of house mouse in Neolithic contexts. Its occurrence in Akrotiri is confirmed by the Cytochrome b identification dated between 4521 and 3,864 cal BP.
Das ist ein sehr wichtiger Hinweis. In der Ägäis können Hausmäuse erst in der Bronzezeit nachgewiesen werden. Stattdessen finden die Forscher, daß nicht die westeuropäische, sondern die osteuropäische Hausmaus die erste Hausmaus-Unterart ist, die - für sie sicher - auf dem europäischen Kontinent nachgewiesen ist (1):
Ihr Auftreten ist dokumentiert in spätneolithischen / kupferzeitlichen Haushalts-Funden (4.500 v. Ztr.) in Tell-Siedlungen in Südost-Rumänien und Serbien.
Its occurrence is documented from Late Neolithic / Chalcolithic household deposits (mid 7th millennium BP) from tell sites in Southeastern Romania (Bucșani) and Serbia (Vinča-Belo Brdo). Its identification has been confirmed in Bucșani by ancient Cytochrome b sequences, secured for six specimens and a direct radiocarbon dating between 6,627 and 6,413 cal BP (...). The M. m. musculus remains in Vinča-Belo Brdo have not been directly dated but they have been sampled from a deposit that derives from a fire event confidently dated to 6510–6460 cal BP. The occurrence of commensal musculus has also been documented in Turkmenistan by 3,000 cal BP, with the remains of musculus being found in a storage jar from the proto-urban tell site of Ulug Depe.
An diesem Forschungsergebnis hatte, wie schon angedeutet, David Orton Anteil. Sein Anteil (2, 3) macht aber klar, wie kursorisch und zufällig und wenig systematisch die Hausmaus-Forschung für Kontinental-Europa immer noch ist. Wenn in dieser neuen Studie über 800 Hausmaus-Funde aus ganz Südwest-Asien gesammelt worden sind, das Ergebnis unser Wissen aber dennoch nur in der eben umrissenen Weise erweitert, dann sieht man daran, wie schwer hier Erkenntnisfortschritte zu erlangen sind. Würden die deutschen Zooarchäologen sich - endlich - intensiver in diese Forschungen einschalten, müßten doch recht zügig gültigere Forschungsergebnisse zu erlangen sein. Forschungsergebnisse jedenfalls, auf die wir hier auf dem Blog seit 12 Jahren warten.

Ein wichtiges Puzzelstück konnte aufgrund guter Überlegungen beigetragen werden


Denn dieses Thema ist uns hier auf dem Blog seit 2008 wichtig. Das neue Forschungsergebnis, daß sich die osteuropäische Hausmaus um 4.500 v. Ztr. auch schon in Serbien findet, ändert insgesamt das hier auf dem Blog vermittelte Bild noch wenig. Auch dies fällt in den Zeitraum, in dem sich die ersten Indogermanen gerne auch schon - wie bis Rumänien - bis Serbien ausgebreitet haben und dabei die osteuropäische Hausmaus von den Ufern des kaspischen Meeres oder vom Kaukasus aus mitgebracht haben (oder von noch weiter östlich ..., nämlich: China) (9).
Die bisherigen spärlichen Hinweise in der archäologischen Literatur auf Überreste von Hausmäusen aus der Bandkeramik (insbesondere in Bylany), die wir hier auf dem Blog zusammen getragen hatten (10-14), wären also damit noch einmal erneut daraufhin zu überprüfen, ob es sich bei ihnen um die west- oder die osteuropäische Hausmaus handelt. Uns gefällt übrigens sehr der Ausgangspunkt der Überlegungen von David Orton (zit. n. 2):
"Die Leute sagten, daß Mäuse sich während des Neolithikums nicht nördlich des Mittelmeeres ausgebreitet haben, weil europäische Siedlungen nicht groß und dicht genug gewesen wären, um ihnen den ihnen angemessenen Lebensraum zu liefern. Aber nachdem ich diese großen Siedlungen an den serbischen Ausgrabungsorten kennen gelernt hatte, wußte ich, daß das so generell nicht wahr sein kann."
"People have said that mice didn't spread north of the Mediterranean in the Neolithic because the European settlements just weren't big or dense enough to support them, but having worked on these big Serbian sites I knew that wasn't universally true."
Das waren kluge Überlegungen, die unseren eigenen entsprechen, und die ja auch durch die Natufium-Studie sehr erhärtet worden sind (8). Wir möchten an dieser Stelle noch einmal auf unsere eigenen Überlegungen hinweisen, nach denen es vor der Eisenzeit niemals eine höhere Siedlungsdichte gegeben hat als zur Zeit der Bandkeramik (15). Diese unsere Überlegungen aus der Zeit zwischen 1995 und 2008 hatten allerdings noch nicht die Existenz der bronzezeitlichen mitteleuropäischen Höhenburgen und protourbanen Siedlungen mit einbeziehen können. Mit diesen ist ja - vermutlich - die Hausmaus in der Frühbronzezeit nach Südengland gekommen.

Natürlich stellen die Megasites der Cucuteni-Tripolye-Kultur, die es um 4.500 v. Ztr. auch in Serbien gegeben habt, und die der Ausgangspunkt der Überlegungen von David Orton waren, noch einmal eine ganz eigene Kategorie dar. Diese stehen aber zugleich auch in kultureller - und auch humangenetischer - Kontinuität zu den bandkeramischen Siedlungen, die sich bis an den Westrand der Ukraine ausgebreitet hatten. Aber der neue Gedanke, der auch uns durch diese neue Studie (1) aufgedrängt wird, könnte sein: Vielleicht fehlte im europäischen Frühneolithikum (Bandkeramik) Getreidetransport über weite Strecken hinweg, um der Hausmaus eine Ausbreitung in Kontinentaleuropa zu ermöglichen.

Es schält sich also derzeit heraus, daß sich die Hausmäuse in Europa mit den Rinderwagen-besitzenden Bauernkulturen ausgebreitet haben. Was in Osteuropa mit den osteuropäischen Hausmäusen möglich war, muß ja in Westeuropa auch mit den westeuropäischen Hausmäusen möglich gewesen sein (- ?). Zumal es eine so dezidierte Artgrenze gibt.

Aber solange eine Klärung solcher Fragen für den mitteleuropäischen Raum nur auf so vereinzelte Bemühungen von Archäologen wie David Orton zurückgehen, werden wir wohl noch länger auf eine abschließendere Klärung der hier erörterten offenen Fragen warten müssen. Der noch junge Archäologe David Orton ist auch auf Youtube auch mit einem Vortrag über die Archäologie der Hausratte vertreten (16). Mit dieser hatten wir uns hier auf dem Blog auch schon beschäftigt (17). Immerhin ermutigend, daß im aktuellen DGUF-Newsletter auf diese Forschungen hingewiesen worden ist (3). Dann sollte doch endlich auch einmal der eine oder andere maßgeblichere deutsche Archäologe wacher werden können bezüglich der hier behandelten Fragestellungen in der Forschung.

Siehe auch den Artikel von Michael Gross in "Current Biology" (27).

/ zuerst veröffentlicht 29. Mai 2020
(zu den Hausmäusen);
später erweitert um den ersten Teil /
_________________
  1. Tracking the Near Eastern origins and European dispersal of the western house mouse. Thomas Cucchi, Katerina Papayia (...) David Orton (...) François Bonhomme, Jean-Christophe Auffray & Jean-Denis Vigne. Open Access Published: 19 May 2020, Scientific Reports volume 10, Article number: 8276 (2020), https://www.nature.com/articles/s41598-020-64939-9
  2. A game of cat and mouse: new study reveals Europe’s earliest house mouse…. followed swiftly by the house cat.  21 May 2020, https://www.york.ac.uk/archaeology/news-and-events/news/external/news-2020/agameofcatandmousenewstudyrevealseuropesearliesthousemouse/
  3. https://dguf.de/newsletter/index.php/component/acymailing/mailid-99
  4. https://studgendeutsch.blogspot.com/2008/05/keine-hausmaus-in-europa-vor-der.html 
  5. https://studgendeutsch.blogspot.com/2008/10/die-hausmaus-als-eine-erkenntnisquelle.html
  6. https://www.nature.com/articles/s41437-018-0071-4
  7. https://studgendeutsch.blogspot.com/2018/02/bandkeramik-wildkatzen-und-hausmause.html
  8. https://studgendeutsch.blogspot.com/2017/07/die-hausmaus-gab-es-schon-im-natufium.html
  9. https://studgendeutsch.blogspot.com/2014/09/die-stadte-der-indogermanen-und-ihre.html
  10. https://studgendeutsch.blogspot.com/2008/05/die-hausmaus-in-der-weltgeschichte.html
  11. AT Clason: The animal bones of the Bandceramic and Middle Age settlements near Bylany in Bohemia. Published 1970-12-15 in: Palaeohistoria 14, 1968 (1970), https://ugp.rug.nl/Palaeohistoria/article/view/25009, https://rjh.ub.rug.nl/Palaeohistoria/article/viewFile/25009/22469
  12. A. M. Kreuz: ... in Analecta praehistorica Leidensia, Bände 23-24, Seite 52 
  13. Miloš Macholán, Stuart J. E. Baird, Pavel Munclinger, Jaroslav Piálek (eds.): Evolution of the House Mouse, 2012 (Google Books, p. 80)
  14. Kriegs, Jan Ole; Vierhaus, Henning (2016): Kleinsäugernachweise in Sedimenten der prähistorischen undhistorischen Emscher. In: Bodenaltertümer Westfalens (Researchgate
  15. https://studgendeutsch.blogspot.com/2009/01/die-weltgeschichtliche-bedeutung-der.html
  16. Dr David Orton: Archeology of Black Rat in Roman to Medieval Europe. (FULL Lecture) (180 Aufrufe, Stand 29.5.2020), 15.06.2018, Videokanal von Dr Victor Fursov - Entomologist Beekeeper (15.800 Abonnenten), https://youtu.be/1QEErcKVmrA.
  17. https://studgendeutsch.blogspot.com/2010/02/von-ratten-gottern-menschen-und.html
  18. Gronenborn, Detlef: Anfänge der Urbanisierung im Rhein-Main-Gebiet – der Kapellenberg bei Hofheim am Taunus vor 6000 Jahren, https://web.rgzm.de/forschung/forschungsfelder/a/article/anfaenge-der-urbanisierung-im-rhein-main-gebiet-der-kapellenberg-bei-hofheim-am-taunus-vor-6000-jah/
  19. Gronenborn, D., Thiemeyer, H., Cramer, A., Antunes, N., Neubauer, D., & Pétrequin, P. (2020). A later fifth-millennium cal BC tumulus at Hofheim-Kapellenberg, Germany. Antiquity, 1-8. doi:10.15184/aqy.2020.79 (Cambridge
  20. https://studgendeutsch.blogspot.com/2019/12/die-altesten-eigendarstellungen-der.html
  21. A dynastic elite in monumental Neolithic society. Lara M. Cassidy, Ros Ó Maoldúin, Thomas Kador, Ann Lynch, Carleton Jones, Peter C. Woodman, Eileen Murphy, Greer Ramsey, Marion Dowd, Alice Noonan, Ciarán Campbell, Eppie R. Jones, Valeria Mattiangeli & Daniel G. Bradley. Nature volume 582, pages 384–388 (2020), Published: 17 June 2020, https://www.nature.com/articles/s41586-020-2378-6.
  22. https://www.nature.com/articles/d41586-020-01655-4
  23. https://www.wissenschaft.de/geschichte-archaeologie/inzucht-in-der-steinzeitlichen-elite-irlands/
  24. https://studgendeutsch.blogspot.com/2011/08/4100-v-ztr-tertiare-neolithisierung-im.html
  25. https://studgendeutsch.blogspot.com/2010/10/3100-v-ztr-der-rinderwagen-in-der.html 
  26. Brozio, Jan Piet et al. The Dark Ages in the North? A transformative phase at 3000–2750 BCE in the western Baltic: Brodersby-Schönhagen and the Store Valby phenomenon. Journal of Neolithic Archaeology, [S.l.], v. 21, p. 103–146, dec. 2019. ISSN 2197-649X. Available at: <http://www.jna.uni-kiel.de/index.php/jna/article/view/181>. Date accessed: 19 dec. 2019. doi: https://doi.org/10.12766/jna.2019.6. 
  27. Gross, Michael: Of mice, men, cats and grains. In: Current Biology, Juli 2020, https://www.sciencedirect.com/science/article/abs/pii/S0960982220309908, http://proseandpassion.blogspot.com/2020/07/playing-cat-and-mouse.html

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