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Sonntag, 7. Februar 2016

Die Sehnsucht nach der Einsamkeit Alaskas

Arved Fuchs - "South Nahanni" (1984)

Wildnis. Weite. Felsen. Spärlicher Bewuchs und Fichtenwälder. So weit das Auge reicht. Die Lektüre eines auf dem Grabbeltisch (bzw. im "Medienpoint") gefundenen Buches des Abenteurers Arved Fuchs (1) gab Anlaß zu dem folgenden Blogbeitrag. Arved Fuchs schildert darin eine Kanufahrt den Fluß Süd-Nahanni hinab, im Sommer 1984 im Nordwesten Kanadas. Und dieser Reisebericht packt einen. Er liest sich mehr als spannend, zumal er begleitet ist durch viele eindrucksvolle Bilder von dieser wegelosen Weite und grenzenlosen Einsamkeit der dortigen Natur und Wildnis.


Abb. 1: Die Schönheit Nordwest-Kanadas. Der Virginia-Wasserfall des Südlichen Nahanni-Flusses ist 90 Meter hoch und damit der höchste Kanadas, höher auch als die Niagara-Fälle, aber viel schwerer zu erreichen als der letztere
(Fotograf: Paul Gierszewski)

Beim Lesen fühlt man sich ziemlich bald in seine Kindheit zurück versetzt. Man lag krank im Bett, fühlte sich nicht gut und las Geschichten und Romane von Jack London. Und tauchte ein in eine fremde, unheimliche Welt. "An der weißen Grenze", "Ruf der Wildnis", "Der Seewolf", "Wolfsblut", "Lockruf des Goldes". Jack London selbst war 1897 dem Goldrausch nach dem Klondike und dem Yukon in Kanada gefolgt. Er hatte hier 60 Grad Minus erlebt und das Leiden und Sterben rauhester, stärkster Männer. Und seine Geschichten und Romane lebten von diesen sehr persönlichen Erfahrungen. Eine düstere, unheimliche, rauhe und kalte Männerwelt. Eine Welt an Roulette-Tischen und hinter Hundegespannen, erleuchtet von Liebe, Treue, Kameradschaft und Aufopferungs-Bereitschaft zwischen Menschen und Tieren, erleuchtet von Bewährung unter härtesten Lebensbedingungen. Eine Welt aber auch umdüstert und verdüstert von Habsucht und Mord, Heimtücke und Verrat, von Trunksucht und unerbittlichem Leiden, von Sterben in Kälte und Hunger und an der abgrundtiefen Bosheit der Mitmenschen.



Abb. 2: Ankunft von Dene-Indianern mit Birkenholz-Kanus an der Südostküste des "Großen Sklaven-Sees" bei Fort Resolution (circa 1900)

Und nun noch weiter östlich im Landesinneren der von Jack London in seinen Romanen geschilderten Region des Klondike und des Yukon war Arved Fuchs achtzig Jahre später den wilden Bergfluß Nahanni abwärts gefahren, der in 1600 Meter Höhe im Hochgebirge beginnt und der immer weiter nach Süden hinab fließt zwischen steilen Felswänden, Bergen und Hochebenen.

Das Indianervolk der Dene 

Diese Region war - wie der Klondike und der Yukon - ursprünglich nur spärlich besiedelt von dem großen Indianervolk der Dene (Wiki). Und da Arved Fuchs in seinem Buch von diesen Ureinwohner überhaupt nicht spricht, fühlt man sich veranlaßt, einige Kenntnisse über die Ureinwohner dieses Landes im vorliegenden Beitrag noch einmal für sich und andere zusammen zu tragen. Die Dene kamen mit der zweiten Einwanderungswelle nach Nordamerika (Wiki). Sie sind den nordasiatischen Völkern sehr nahe verwandt und gehören mit den südlicheren Apachen und Navajos zur Athabaskischen Sprachgruppe (Wiki). Als dritte Einwanderungswelle folgten ihnen später noch die Eskimos/Inuit, die die Länder nordöstlich der von ihnen bewohnten Regionen - also noch näher dem Polarkreis - besiedelten. 

Aber auch die Lebenswelt der Dene in der Nahanni-Region war - zumal im Winter - unglaublich rauh und lebensfeindlich. Das mag sicherlich ein Grund sein dafür, daß sich die ansässigen Indianer bei Ankunft der Weißen ziemlich bald in der Nähe ihrer Forts sammelten. Denn hier gab es bessere Lebensbedingungen, importierte Nahrung, die gegen Pelze und Fleisch getauscht werden konnte. In der Nahanni-Region lebte der Dene-Stamm der Slavey (Wiki), die von den benachbarten Cree-Indianern als "Sklaven" angesehen und bezeichnet wurden, wovon ihr Name abgeleitet ist und ebenso auch der Name ihres größten Sees, des "Großen Sklaven-Sees". Sie selbst bezeichnen sich als "Dene Tha". Und die lokale Untergruppe am Nahanni bezeichnet sich als "Nahanni Butte". Sie lebt heute am Zusammenfluß des Flusses Süd-Nahanni mit dem Fluss Liard und besteht nur noch aus etwa 100 Personen (Wiki). Von ihnen soll aber auch der große Indianerstamm der Navajo viel weiter im Süden abstammen. Über den Fluß Nahanni wird berichtet (Wiki):
In early 1823, Alexander MacLeod of the Hudson Bay Company explored the lower river. The Company quickly lost interest when they realized that the river did not support a large native population and was not a viable route to the west. The nearest Hudson Bay fort was established at Fort Liard, and later many natives from the Nahanni settled nearby.
Abb. 3: Velma Wallis - Zwei alte Frauen
Heute wird in der Nahanni-Region gejagt - aber offenbar nicht mehr unter Einbeziehung der Ureinwohner (s. Huntnahanni). Gejagt werden Karibus, Elche, Bergschafe und Ziegen. Die Dene-Indianer lebten Jahrtausende lang vor allem von den Karibus. Die Karibus waren die Quelle für ihre Nahrung, für ihre Werkzeuge und für ihre Zelte. Über die rauhe Lebenswirklichkeit in Bergen bis 2000 Meter Höhe wird berichtet (CanadaHistory):
Food was not as plentiful as it was in the south and starvation and death from the cold were constant threats. (...) For most of the Dene, life was very nomadic and dwellings had to be easy to transport. Travel during winter was on foot with snowshoes and toboggans.
Toboggans sind zu Deutsch Schlitten.
In summer, light bark-covered canoes were carried on trips to be used when they came to navigable lakes and rivers. (...) Religious beliefs centred on the all-important relationship between hunters and animals. Hunters were given "medicine bundles" at childhood and they slept with these for supernatural aid. Because of the mobility of the society, the aged and infirm were left behind to die and bodies were often left unburied with a few possessions to take with them on their journey to the afterlife.
Dieser Bericht erinnert an das bekannte Buch "Zwei alten Frauen" von Velma Wallis (geb. 1960) (Wiki)(Amazon), erstmals erschienen 1993. Es schildert ein reales Schicksal zweier Indianerinnen in der Yukon-Region. Die Autorin selbst ist Angehörige eines dortigen Stammes und lebt in Fort Yukon in der Arktisregion.


Abb. 4: Lage des Nahanni-Flusses (rot) zwischen dem Großen Sklaven-See und der Westküste Kanadas

Weiterführende Auskünfte über die Kultur der Dene am Nahanni-Fluss sind zunächst nicht leicht zu finden (u.a. hier). Es gibt auch eine Seite eines Angehörigen des Volkes der Dene mit Universitätsabschluss, der die Sprache seiner Familie vor dem Aussterben bewahren will (DiDenekeh). Der Autor Dick Turner hat sich offenbar mit dem Stamm der Nahanni Butte befasst:
Dick Turner wrote three books, "Nahanni" and "Wings of the North" being the most successful.
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  1. Fuchs, Arved: South Nahanni. Kanu-Abenteuer im Norden Kanadas. Delius Klasing Verlag, Bielefeld 2008 (EA: 1984)

Samstag, 20. August 2011

Die Aphrodite von Knidos und ein tanzender Satyr

- Ein Ausflug in die Kunstgeschichte der Antike

1998 wurde in der Straße von Sizilien zwischen Sizilien und Tunesien im Schleppnetz eines Fischerbootes in 500 Meter Tiefe die Bronzeskulptur des "Tanzenden Satyr" (genannt "von Mazara del Vallo") (Wiki) gefunden (Abb. 1- 12).

Der "tanzende Satyr" (genannt "von Mazara del Vallo")

Sehr bald schon nach ihrer Auffindung wurde sie dem griechischen Bildhauer Praxiteles (390-320 v. Ztr.) (Wiki) aus Athen zugeschrieben.

Abb. 1: Der tanzende Satyr von Mazara del Vallo (Kopf) (Ancwlds)

Auf Wikipedia heißt es jedoch sehr kritisch zu dieser These (Wiki):

Obwohl sie von einigen in das 4. Jahrhundert v. Ztr. datiert worden ist und sie als die Originalarbeit von Praxiteles angesprochen haben oder als eine authentische Kopie, ist sie mit größerer Wahrscheinlichkeit entweder in die hellenistische Epoche des 3. und 2. Jahrhunderts v. Ztr. zu datieren oder womöglich in die "athenisierende" Phase des römischen Geschmacks im frühen 2. Jahrhundert v. Ztr.. Ein hoher Anteil von Blei in der Bronze legt nahe, daß sie in Rom selbst hergestellt worden ist.
Though some have dated it to the 4th century BCE and said it was an original work by Praxiteles or a faithful copy, it is more securely dated either to the Hellenistic period of the 3rd and 2nd centuries BCE, or possibly to the "Atticising" phase of Roman taste in the early 2nd century CE. A high percentage of lead in the bronze alloy suggests its being made in Rome itself.
Abb. 2: Der tanzende Satyr von Mazara del Vallo (Kopf) (Anciwlds

Demgegenüber trägt nun (2)

Bernard Andreae, langjähriger Direktor des Deutschen Archäologischen Instituts in Rom bis 1995, acht neue Argumente für die These vor, daß es sich um das hochberühmte Meisterwerk des spätklassischen Bildhauers Praxiteles handelt.

So heißt es im Verlagstext zu seiner kleinen Schrift. 

Abb. 3: Der tanzende Satyr von Mazara del Vallo (Ancwlds) 

In der FAZ sagt er dazu unter anderem (1):

Aus zahlreichen Wiedergaben in stadtrömischen Reliefs weiß man, daß die Figur sich bis zur Spätantike in Rom befand. Daß sie von dort stammen muß, geht auch daraus hervor, daß mit ihr zusammen ein lebensgroßes Elefantenbein aus Bronze geborgen wurde. Dieses muß von einem Elefantenviergespann stammen, welche es nachweislich nur auf Triumphbögen in Rom gab. Bekannt ist, daß der Vandalenkönig Geiserich bei seiner den Begriff des Vandalismus prägenden Plünderung Roms im Jahre 455 Raubgut auf dreißig Schiffen in die Hauptstadt seines Reiches in Tunesien verfrachten ließ. Wörtlich heißt es im „Vandalenkrieg“ des Historikers Prokop 1,5: „Eines der Schiffe von Geiserich, und zwar dasjenige, welches die Statuen transportierte, ging verloren, während die Vandalen mit allen anderen den Hafen von Karthago erreichten.“
Abb. 4: Der tanzende Satyr von Mazara del Vallo

Andrae hält abschließend fest:

Bleibt die Frage nach dem Schöpfer, die allein aufgrund der Beurteilung des Stiles beantwortet werden kann. Nicht nur ich halte den Satyr für rein praxitelisch. Hier wird es immer verschiedene Meinungen geben. Aber gerade ein Detail, nämlich die Formung des männlichen Gliedes, die bei diesem Meister besonders charakteristisch ist, spricht dafür, daß wir es wirklich mit dem hochberühmten Satyr des Praxiteles zu tun haben.
Abb. 5: Der tanzende Satyr von Mazara del Vallo 

Ob Andreae damit das letzte Wort behalten wird? Die Satyr-Skulptur zeigt doch ein vergleichsweise wenig vergeistigtes Gesicht, das man zumindest auf den ersten Blick nicht unbedingt einem Praxiteles zusprechen möchte, der zugleich die Aphrodite von Knidos geschaffen hat.

Abb. 6: Der tanzende Satyr von Mazara del Vallo

Es ist dennoch faszinierend, daß der byzantinische Geschichtsschreiber Prokop vor 1500 Jahren von dem Verlust eines wandalischen Schiffes, beladen mit römischen Kunstwerken, berichten konnte, und daß 1500 Jahre später sizilianische Fischer Kunstwerke dieses Schiffes aus dem Meer ziehen. Während einen zeitgleich erschienenen Blogartikel über den "Wandalenkrieg" des Prokop schreiben (Stgen2011), sind wir auf die Thematik dieses tanzenden Satyrs gestoßen.

Abb. 7:  Satyr

Die Entdeckung dieses neuen antiken Kunstwerkes hat den vormaligen Direktor des Deutschen Archäologischen Instituts in Rom Bernard Andreae jedoch auch sonst zu sehr begeisterten Ausführungen über den bedeutendsten Bildhauer der Antike und über die Darstellung männlicher und weiblicher Körper in der Antike hingerissen (1):

Über Praxiteles, der sowohl in Bronze als auch in Marmor arbeitete, gibt es mehr Nachrichten aus der Antike als von anderen Künstlern. Er ist auch der einzige, von dem ein Original erhalten ist: die marmorne nackte Hermesstatue in Olympia. Wenn die Nacktheit der Frau weiser ist als die Lehre der Philosophen, wie Max Ernst gesagt haben soll, wie ist es dann mit der Nacktheit des Mannes? Männliche Nacktheit wird heutzutage seltener ins Bild gesetzt als die der Frau. In der griechischen Kunst war es umgekehrt. Seit archaischer Zeit gab es unbekleidete Jünglingsstatuen, die sogenannten Kuroi. Apollo sowie andere männliche Götter und auf jeden Fall die halbgöttlichen Satyrn wurden nackt dargestellt, nicht aber die Mänaden; unter den weiblichen Göttinnen nur die Liebesgöttin, und auch diese erst seit der Zeit des zwischen 370 und 320 tätigen Praxiteles.
Hier kommt Phryne, seine Geliebte ins Spiel, die das Vorbild der ersten unbekleideten Aphroditestatue, der „Venus von Knidos“, gewesen sein soll. Von ihr sprechen antike Quellen auch im Zusammenhang mit einem Satyr: Phryne wollte wissen, welches seiner Werke Praxiteles das liebste sei, und schickte einen Sklaven zu ihm mit der Botschaft, die Werkstatt sei verbrannt. Praxiteles rief verzweifelt aus: „Auch der Satyr? Dann bin ich verloren!“ Da trat Phryne vor und beruhigte ihn; sie wisse jetzt wenigstens, welche seiner Skulpturen er am  höchsten schätzte.
Praxiteles hat noch zwei andere durch römische Marmorkopien bekannte Satyrn geschaffen: den Einschenkenden und den Angelehnten. Man kann also nicht sagen, welcher der in der Phryne-Anekdote erwähnte ist. Doch wenn der Satyr von Mazara del Vallo ein Werk des Praxiteles wäre, wüsste man, warum er einen seiner drei Satyrn so über alles stellte. Denn in dieser frei stehenden Plastik hat der Schöpfer eine Grenze überschritten – die wirbelnde Bewegung auf der Spitze eines Fußes übertrifft noch die des berühmten Diskuswerfers von Myron.

Die berühmte Aphrodite von Knidos (Wiki), geschaffen von Praxiteles aber nur in Kopien überliefert zieht da noch einmal erneut die Aufmerksamkeit auf sich (Abb. 8-11). 

Abb. 8: Aphrodite von Knidos im Palazzo Altemps in Rom / Fotografiert von José Luiz Bernardes Ribeiro (Wiki)

Auf Wikipedia heißt es (Wiki):

Die Statue war für ihre außerordentliche Schönheit berühmt, die von allen Seiten bewundert werden konnte (Rundansichtigkeit), sowie dafür, die erste lebensgroße Darstellung des nackten weiblichen Körpers in klassischer Zeit zu sein. Dargestellt war die Göttin Aphrodite, wie sie sich auf das rituelle Bad zur Wiederherstellung ihrer Jungfräulichkeit vorbereitet; in ihrer linken Hand hält sie ihr Gewand, während sie mit der Rechten die Scham verbirgt.

Abb. 9: Kopf der Aphrodite von Knidos im Louvre, Paris / Fotografiert von Marie-Lan Nguyen (2010) (Wiki)

Weiter heißt es auf Wikipedia über sie (Wiki):

Auf Grund der revolutionären Darstellung der Göttin in völliger und selbstbewußter Nacktheit wurde sie schnell zu einem der berühmtesten Werke des Praxiteles. Plinius berichtete: "Die Venus des Praxiteles übertrifft alle Kunstwerke der ganzen Welt. Viele haben die Seefahrt nach Knidos unternommen, bloß um diese Statue zu sehen."

Die Schönheitsbegeisterung der antiken Griechen.

Abb 10: Aphrodite von Knidos

Und weiter (Wiki):

Die Statue wurde so bekannt und vielfach kopiert, daß einer Legende zufolge die Göttin Aphrodite schließlich selbst nach Knidos kam und anschließend fragte: „Wo hat mich Praxiteles denn nackt gesehen?“
Abb 11: Aphrodite von Knidos

 Siehe auch (Welt, 30.3.07; s.a. hier).

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  1. Andreae, Bernard: Tanz auf der Nadelspitze. Der „Tanzende Satyr“ von Mazara del Vallo. FAZ, 16.12.2008
  2.  Andreae, Bernard: Der tanzende Satyr von Mazara del Vallo und Praxiteles. Franz Steiner 2009
  3. Bading, Ingo: Von der Schönheit des menschlichen Körpers, Studium generale, 13.3.2007
  4.  Bading, Ingo: "Die Höllenangst Gottes vor dem Nacktturnen", Studium generale, 19.7.2008
  5. Bading, Ingo: Berlin praßt und wuchert ... (Teil 1) (November 2009)
  6. Bading, Ingo: Berlin praßt und wuchert ... (Teil 2) (November 2009)
  7. Dancing Satyr Of Mazara Del Vallo. Video auf: Wn.com; auch hier.

Samstag, 19. Juli 2008

"Die Höllenangst Gottes vor dem Nacktturnen"

Basty hat einen längeren Disput angeregt über den gebrachten Text von Nietzsche zur "Höllenangst Gottes vor der Wissenschaft" (St. gen. 07/2008). Ein Text, der zunächst dahingehend interpretiert worden war, daß er etwas dazu aussagen könne, wie die mosaische Unterscheidung zwischen Wahr und Falsch formuliert worden sein könnte mehr oder weniger bewußt als Gegenbild zur wissenschaftlichen Unterscheidung zwischen Wahr und Falsch, die sich etwa gleichzeitig in der antiken Welt ausbildete. Das ist ja die These des Kultur- und Religionshistorikers Jan Assmann.

Im Verlauf der Diskussion mit Basty wurde aber klar, daß die Dinge doch noch ein bischen verwickelter sein werden, als es auf den ersten Blick aussieht. Die mosaische Unterscheidung, also der jüdische Monotheismus, ist entstanden in Auseinandersetzung mit den assyrischen Welteroberungsplänen und dabei vor allem auch während der Belagerung Jerusalems irgendwann um 500 v. Ztr. (so vermutet es Archäologe Israel Finkelstein). Aber seine erste große Bewährungsprobe (oder eine seiner ersten großen) wird vor allem auch seine Auseinandersetzung mit dem Hellenismus gewesen sein, mit dem Begeisterungsrausch für Kunst, Schönheit und auch Wissenschaft, den damals die Welt im Vorderen Orient ergriff.

Antik-griechische versus mosaische Unterscheidung zwischen Schön und Häßlich

Wenn man es noch recht von seinem althistorischen Hauptseminar und damit in Zusammenhang gelesenen Quellen zur Geschichte des antiken Judentums in Erinnerung hat, wollten damals auch viele Juden in die Gymnasien gehen, wurden dort aber beim Nacktturnen als Beschnittene erkannt und wollten sich deshalb dann auch nicht mehr beschneiden lassen. In jener Zeit wird man also sehr eifrig mosaisch gewesen sein müssen, wenn man sich durch den um sich greifenden "Hellenismus-Wahn" nicht ganz und gar religiös wollte umpolen lassen.

Insofern könnte die geschichtliche Ausbildung der "eifrigen", "fanatischen" mosaischen Unterscheidung zwischen Wahr und Falsch sehr stark mitbeeinflußt worden sein - in den Worten Nietzsches - durch "die Höllenangst Gottes vor dem Nacktturnen". (!)*)

Was hier also zunächst eher als ein Scherz formuliert worden war, könnte doch allerhand Körnchen Wahrheit in sich bergen. Was einem aber damit in Zusammenhang vor allem bewußt wird: Für die Griechen war jene Wissenschaft, die bemerkenswerter Weise ebenfalls vor allem in den Gymnasien gelehrt und verbreitet wurde, nur ein Teilaspekt dessen, was ihnen im Leben wichtig war. Schönheit, auch die Schönheit des menschlichen Körpers und sein Training - in der Natur und in der Kunst - war da für sie mindestens ein ebenso wichtiger Aspekt. Das wird ja auch in vielen philosophischen Gesprächen des Sokrates, überliefert von Platon deutlich. Insofern könnte klar werden, daß der Nietzsche-Text ein Text der Zeit von Nietzsche war. und auf Probleme der Zeit von Nietzsche - vor allem - reagierte. Damals wurde das Unfehlbarkeitsdogma des Papstes diskutiert und so vieles andere mehr.

Und es wird vor allem deutlich, daß auch die These von Jan Assmann eine auf unsere Zeit gemünzte These darstellt, die manche wesentlicheren Aspekte wohl noch ausblendet. Und woran das liegt? Weil wir heute noch fast die gleichen Probleme mit der Nacktheit im Sport haben (siehe Abbildung), wie sie schon der liebe Gott, bzw. der Hohepriester im Paradies (oder in Israel) gehabt haben müssen, als sie sahen, daß Adam und Eva mit dem nackten Frühturnen anfingen. Welche Tyrannen das wohl heute - außer "Gott" - fürchten?

Wir sind heute medial so sehr mit Nacktheit überflutet, daß über diese so recht Freude nicht aufkommen will. Zumindest nicht jene leichte, beschwingte, griechische Heiterkeit. Aber vielleicht ist auch diese - eher Mißmut als Freude verbreitende - mediale Überflutung nur eine Rache des monotheistischen Gottes an all jenen, die ihm untreu geworden sind? ... **)

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*) Ergänzung vom 7.9.08: Nicht nur "Gott" Jehova scheint vor dem Nacktturnen und der Verherrlichung körperlicher Schönheit Angst gehabt zu haben, offenbar auch "andere" antike Tyrannen. Auf dem englischen Wikipedia-Eintrag steht: "Athletes competed in the nude, a practice said to encourage aesthetic appreciation of the male body and a tribute to the Gods." Hier geht es gewiß um andere Götter (Konkurrenz-Götter gegenüber dem Gott der Bibel). Und weiter: "Some early tyrants feared gymnasia facilitated politically subversive erotic attachments between competitors." (1)] 
**) Ergänzung (6.1.2023): Der tändelnde, unernste Tonfall dieses Beitrages entstammt einer Zeit vor dem Bekanntwerden der umfangreichen Pädokriminalität innerhalb der katholischen Kirche und innerhalb vieler katholischer Orden, insbesondere auch innerhalb des Jesuitenordens weltweit im Jahr 2010. Seit dieser Zeit ist uns ein solcher tändelnder Tonfall auf unseren Blogs gegenüber dem Monotheismus, der allzu leicht dazu neigt, pädokriminelle Psychosekten auszubilden, abhanden gekommen.
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  1. Ein deutscher Tagungsband zum Thema aus dem Jahr 2004 wird übrigens bei HSozKult besprochen: Dorit Engster: Rezension zu: Kah, Daniel; Scholz, Peter (Hrsg.): Das hellenistische Gymnasion. Berlin 2004. In: H-Soz-u-Kult, 14.03.2005, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2005-1-189>.

Donnerstag, 7. Februar 2008

Der "Rheinische Merkur" und die "Neoromantik"

Der "Rheinische Merkur" bringt einen neuen Artikel zur Debatte rund um die neueren Stellungnahmen der katholischen Kirche zu Evolutionstheorie und Intelligent Design, insbesondere zu den Stellungnahmen des Menschen Christian Schönborn, der beruflich zuletzt die Stelle eines Erzbischofes in Wien eingenommen hat. (Rheinischer Merkur)

Als Illustration findet sich zu diesem Artikel folgende Abbildung:

Und dazu heißt es:
NEOROMANTIK: Ein Sonnenaufgang aus dem Film „Unsere Erde“. Die Schönheit solcher Anblicke, sagen Christen, kann auf einen Schöpfer hindeuten.
Schluck! Was ist denn das für ein Kitsch? "Auf einen Schöpfer"? Kann man noch nicht einmal beim Blick hinauf ins grenzenlose Universum diese merkwürdig überholte Metapher vom Schöpfer sein lassen? Wann, wo und wie soll denn "der" angesiedelt sein? Zwischen welchen Sternbildern, in welcher Galaxie sitzt er wohl? In welchem "Schwarzen Loch"?

Und dann sagen Christen: Nein, nein, das ist ja nur ein BILD! Du sollst Dir ja kein Bild machen. Ja gut, schon gut: Bild. Warum redet Ihr dann von einem "Schöpfer", wenn wir uns sowieso kein Bild machen sollen? Dann laßt ihn doch gleich weg und redet vom Universum selbst. Flößt Euch denn das nicht auch ohne "Schöpfer" schon genug Ehrfurcht ein? Vielleicht sogar mehr?

Wenn es der Absicht nach unterstellt wird - wie hier in dieser Bildunterschrift -, daß es der Schöpfer erst ist, der vor dem Universum Ehrfurcht einflößen kann, nicht das Universum an sich, dann wird doch aus einem solchen Blick hinauf in den Sternenhimmel allzu leicht Kitsch. Dann sieht die Welt plötzlich aus wie eine bunt bemalte Madonnen-Postkarte (aus Tschenstochau oder sonstwoher). Oder ich kann mir stattdessen auch buntgemalte Bibel-Comics anschauen. Die sind dann auch nicht viel besser: Das Paradies, der Löwe neben dem spielenden Baby und all die farbenfroh-leuchtenden Früchte sehen da doch auch immer so "schöööööön" aus ... - - - ... (- "Oh Gott!")

Donnerstag, 31. Januar 2008

Die Natur als Künstlerin

"Making things special", also das "Herausstellen von Dingen als etwas Besonderes" ist eine unter Soziobiologen und Kunstwissenschaftlern weit verbreitete Bestimmung von menschlicher künstlerischer Tätigkeit, wozu auch alle Tätigkeit auf religiösem Gebiet gerechnet werden könnte. Dieser Gedanke stammt (wenn mich nicht alles täuscht) von Ellen Dissanayake (s. auch St. gen.).

Aber die Natur selbst stellt manchmal auch schon allerhand Dinge als sehr "besonders" heraus. Oder ist es wirklich nur unser menschliches Auge (- wieder etwas von der Natur Geschaffenes), das bestimmte Dinge in der Natur als "besonders", als bemerkenswerter erscheinen läßt als sie vielleicht tatsächlich sind?

Warum empfinden wir Sonnenaufgänge und -untergänge als schön? Etwa weil dort, wo es schöne Sonnenauf- und -untergänge gibt, die Überlebensbedingungen besonders gut sind (- die "Savannen-Hypothese")? - Wenig plausibel! Denn den schönsten Sonnenaufgang meines Lebens habe ich einmal im Winter auf 1800 Meter Höhe in den Bayerischen Alpen erlebt. Ein einziges Farbenmeer, eine Farbensymphonie, wie ich sie vorher und nachher nie wieder erlebt habe.

Auch die Schönheit, die die Unterwasser-Fotographie uns nahe bringen kann, wäre damit wohl noch in keiner Weise erklärt.










Sonnenaufgang in Kassel - Januar 2008






Warum man Sonnenaufgänge als schön empfindet, muß also wohl einstweilen offen bleiben.

Sonntag, 24. Juni 2007

Las Vegas im Dschungel ...

Ich liebe den "Spiegel" einmal wieder aufs Neue für seine wunderschönen naturwissenschaftlichen Reportagen. Schon vor einigen Monaten über die Raben (siehe St. gen.), heute über die Paradiesvögel auf Neu-Guinea. (Spiegel) Ein herrlich geschriebener Bericht einer Forscherin, Auszüge:

(...) Hier im feuchten Rankendickicht des Dschungels von Neuguinea läuft ein verblüffendes Schauspiel der Natur: der Balztanz der Paradiesvögel. Nirgendwo sonst auf der Welt werben Männchen so aufwendig um die Weibchen. Sie stolzieren in Kostümen umher, die gut auf eine Bühne in Las Vegas oder Paris passen würden; Umhänge aus kurzen Federn, schillernde Brustschilde, Kopfbänder, Hauben, Bärte, Kehllappen und Federn wie gezwirbelte Schnauzbärte. Knallige Rot-, Blau- und Gelbtöne heben sich leuchtend vom Grün des Waldes ab. Was die Weibchen an dieser Mischung aus Kostüm und Choreografie am meisten erregt? Je ausgefallener, desto besser, so scheint's. (...)

Noch mehr staunten die ersten Reisenden beim Anblick der Vögel in der Wildnis: "Ich hielt das Gewehr nur schlaff in der Hand; ich war zu verwundert, um zu schießen", gestand der Naturforscher René Lesson, der Neuguinea 1824 besuchte und von dem der erste Augenzeugenbericht stammt. "Der Vogel war wie ein Meteor. Während sein Körper vorbeiflog, schien er eine Spur aus Licht hinter sich herzuziehen."

Prachtparadiesvogel, Königsparadiesvogel, Kaiserparadiesvogel, Göttervogel: Die westlichen Entdecker überboten sich bei der Benennung der wundersamen Arten. (...) "Wir lieben diese Vögel", sagt ein Einheimischer zu mir. "Die Menschen in meiner Familie sind Paradiesvögel." (...) "Auf Neuguinea zeigt sich die Natur nicht mit Zähnen und Klauen, sondern in bunten Kostümen ", sagt der Biologe Ed Scholes vom Museum für Naturgeschichte in New York. (...)

Die Menschen auf Neuguinea beobachten diese Tänze seit Jahrhunderten. "Die Einheimischen erzählen, dass sie ihre Rituale den Vögeln abgeschaut haben", sagt Gillison. Auf Stammesfesten im Hochland kopieren die Männer mit ihren Bewegungen und prachtvollen Kostümen die Vögel. (...) Mancher Kopfschmuck ist so ausladend und schwer, dass man um das Genick des Trägers fürchtet. Ganze Federwälder sind daran befestigt und vollständige, präparierte Vögel. Lange, schwarze Schwanzfedern der Paradieselster ragen zwischen den Federn kleinerer Vögel heraus. Der schillernde Brustschild des Blauparadiesvogels leuchtet zwischen Papageienbälgen. Eine junge Frau hat sich die lange, schwarz-weiße Kopfschmuckfeder des Wimpelträgers durch die Nasenscheidewand gezogen. Sie wippt beim Tanzen auf und ab, ganz wie beim lebenden Vogel, der damit eine Partnerin anlocken will.

Sonntag, 17. Juni 2007

Martin Walser - "Ich vertraue"

Der vorige Beitrag regt mich an, einige Kernsätze aus Martin Walser's Essay "Ich vertraue" von 1999 mal hier einzustellen (zuerst veröffentlicht in "Neue Züricher Zeitung", dann auch als eigene, kleine Buchveröffentlichung):

"... Fast nur noch unsere Flußnamen erinnern an unsere vorchristlichen Vorgänger. Da war in jedem Baum, in jeder Quelle und in jedem Bach ein anderer Gott. Unvorstellbar, daß unterm Schirm einer über Wiesen und Wälder hingestreuten Göttervielfalt dem Planeten hätte Gefahr drohen können. Was zuerst universalistisch daherkam und im Marxismus internationalistisch hieß, heißt jetzt global. Ist da nicht immer noch der alte Eifer am Werk?

Ich vertraue auf ältere Erbschaften. Natürliche. Unzerstörte. Deren Universalität oder Globalität nur darin besteht, daß der Planet aus lauter lokalen Bemessenheiten besteht und daß die überall anders ausfallende Natur überall eine anrufbare, immer noch erlebbare Größe ist. Warum finden wir Natürliches schön? Warum sind wir, was Naturerlebnis angeht, nicht zu sättigen? Warum können wir von allem anderen zu viel kriegen, von Natur nicht. Und Natur ist der Inbegriff des Lokalen. ..."

Montag, 4. Juni 2007

Der Bau unseres Weltalls


Dieser eindrucksvolle Film wurde auf Sinhue's Blog entdeckt. In größerem Format wäre er wohl noch eindrucksvoller. Es gibt von ihm auch noch andere Versionen. Diese mag man bislang als die beste empfinden. Man möchte das aber zum Anlass nehmen, auf ein Buch des Astronomen Peter von der Osten-Sacken aus dem Jahr 1981 hinzuweisen (bzw. 1986) (1). (Derzeit zum Spottpreis von 1,29 € bei Amazon zu bekommen - zzgl. Versandkosten.) Das vielleicht wichtigste an diesem Buch ist ein Abbildungsteil in der Mitte, der aus 19 Tafeln besteht. Zu diesem schreibt von der Osten-Sacken (1, S. 85):
... Um die Zusammenhänge besser verstehen zu können, ist es zweckmäßig, sich einen Überblick über den Bau des Weltalls zu verschaffen. Hierzu eignet sich eine Darstellung in Form einer Bildfolge, in der, ausgehend vom Planet Erde, die einzelnen Zeichnungen sich jeweils in ihren Maßstäben im Verhältnis 1 : 10 ändern. Da in ihnen die wichtigsten Objekte in ihren richtigen Lagen eingetragen worden sind, kann man leicht die Größenverhältnisse und die gegenseitigen Entfernungen erkennen. Es sind naturgetreue Karten des Weltalls.
Man macht also mit der Abfolge dieser Tafeln eine Reise weg von der Erde "bis ans Ende der Welt" und schaut mit jeder neuen Tafel bei einer jeweiligen Maßstab-Vergrößerung um den Faktor 10 zurück auf die Erde, beziehungsweise auf jene Region, in der sie sich befindet.

Es ist eine begeisternde Idee (auf die jemand im Freundeskreis dieses Blogs kam), diese Tafeln auf Overhead-Folie zu kopieren und als Lehrmaterial zu benutzen. Auf ein besseres, um den Ort, an dem wir leben, kennen zu erlernen, ist man bisher noch nicht gestoßen. Diese Overhead-Folien sind schon oft bei Vorträgen und im Unterricht benutzt worden und können allerwärmstens empfohlen werden.

Es will auch scheinen, als ob ein persönlicher Vortrag mit solchen Tafeln, wobei man sich im Tempo abstimmen kann auf das "Fassungsvermögen" der Zuhörer, noch beeindruckender sein könnte, als der obige Film.
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  1. von der Osten-Sacken, Peter: Schöpfung aus dem Nichts. Das Geheimnis vom Ursprung des Universums. Econ Verlag, Düsseldorf 1981

Sonntag, 3. Juni 2007

Neue Forschungen zur Evolution der Religiosität

"Lauter dritte Wege" möchte man den folgenden Beitrag nennen. Oder auch: "Naturpsychologen". Diesen letzteren Begriff kannte ich nämlich noch gar nicht. (Frankfurter Rundschau) Aber ein wunderschöner Artikel über sie fängt folgendermaßen an:

"Das ist die schönste Bank in der ganzen Eifel", sagt die Wanderin, die nach der feuchten Kühle des Waldes nun die warme Frühlingssonne genießt. Aus dünnen, ungeschälten Fichtenstämmchen hat jemand die Bank ziemlich krumm zusammengezimmert und auf die Höhe zwischen Ahrtal und dem Kesselinger-Bachtal gestellt. Weit kann der Blick über die Eifelhöhen schweifen.

Wiesen, dunkle Nadelwälder und Mischwald in allen Grüntönen wechseln sich ab. Meist hat man den stillen Ort abseits der markierten Wanderwege für sich alleine. Der Erbauer der Bank fand wahrscheinlich einfach die Stelle und die Aussicht schön.

Egal wird es ihm wohl sein, dass die Szenerie hier exakt die allgemein gültigen Kriterien erfüllt, die laut Naturpsychologen weltweit Menschen eine Landschaft als schön empfinden lassen: federnder Boden, geschwungene Linien von Weg, Waldrändern oder Gewässern, naturnahe, abwechslungsreiche Landschaft, sanft bergiges Gelände, natürliche Stille, jede Menge Aussicht und ein spannungsreicher Wechsel im Raumeindruck. "Deutsche Mittelgebirge gehören zu den objektiv schönsten Landschaften der Welt", erklärt Rainer Brämer, Natur-Soziologe an der Uni Marburg. ...

Hier ist sicher von einem "dritten Weg" die Rede jenseits von Kirchen- und Schulmauern ... ;-) Aber - im Grunde mal ernsthaft: Wird hier nicht auch Religiosität, die Evolution von Religiosität erforscht? Also mal gleich weiterlesen:

Ob zu Fuß an einem gurgelnden Bach der Schwäbischen Alp, Paddeln auf der kurvenreichen Lahn, Wandern mit faszinierenden Fernsichten im Hoch- oder Mittelgebirge - jeder, der sich mit seinen Sinnen einlässt auf die Naturerlebnisse, kennt wahrscheinlich das Gefühl, dass einem vor Freude plötzlich "das Herz aufgeht", sich im Körper Ruhe und Entspannung ausbreiten.

"Nach Erkenntnissen der Naturpsychologie übt bereits eine Naturlandschaft als solche, insbesondere aber eine ästhetisch schöne Landschaft einen Effekt auf die Stimmung und geistige Frische von stressgeschädigten Personen aus", sagt Brämer.

Silvia Schäffer von der Universität Bonn bestätigt das: "Es ist wissenschaftlich erwiesen, dass der Blick über eine weiche, hügelige Landschaft Herzschlag und Blutdruck messbar senkt und damit zum Wohlbefinden beiträgt." Krankenhaus-Studien zeigten, dass "schon der Blick auf einen Baum vor dem Zimmer der Patienten ihren Bedarf an Schmerzmitteln senkt und ihre Verweildauer verkürzt", sagt Schäffer.

Bewegt man sich durch die Natur aus eigener Körperkraft und mit niedriger Intensität, aber regelmäßig und ausdauernd, stellen sich zahlreiche positive physische und psychische Effekte ein. Eine in Österreich durchgeführte Studie an Personen mit metabolischem Syndrom - also Übergewicht, Diabetes, erhöhten Blutfetten und Bluthochdruck - belegte beispielsweise nach einem dreiwöchigen Wanderurlaub sowohl im Berg- als auch im Flachland, dass Gewicht, Blutdruck und Puls sanken, die "schlechten" LDL-Blutfette zurückgingen und die "guten" HDL-Werte anstiegen, sich der Blutzucker-Stoffwechsel und die Sauerstoff-Abgabe an das Gewebe verbesserte, der oxidative Stress sank und Schlafqualität und Stimmung stiegen.

Wenn man seinen Blick baumeln lässt bei der Bewegung durch eine Naturlandschaft bis einem das Herz weit wird, hat das ganz handfeste hirnchemische Gründe. Laut dem US-Psychologen Mihaly Csikszentmihalyi liegt der "Flow", das Wesen des Glücks, im Einswerden mit seiner Umwelt und dem Versinken in sein konzentriertes Tun. Was, wenn nicht das harmonische Bewegen in der Natur zu Lande oder zu Wasser, kommt diesem Gefühl des Fließens näher.

Denn bei Ausdauerbelastung ab rund 30 Minuten sinkt der Stresshormon- und steigt der Serotoninspiegel im Gehirn. Der Gute-Laune-Botenstoff sorgt für innere Ausgeglichenheit, Optimismus und Ruhe. "Ausdauernde körperliche Bewegung stimuliert die Neubildung von Nervenzellen und fördert die für Lernvorgänge wichtige Bildung von Synapsen", erklärt Sabine Kubesch vom Transferzentrum für Neurowissenschaften und Lernen der Universität Ulm.

Laut Brämer zeigen jüngste medizinische Daten, dass allein der Anblick einer schönen Naturszenerie stimmungsaufhellend unsere Hirnströme, Hormone und Botenstoffe beeinflusst. Unter dem Begriff "Therapeutische Landschaften" werden diese gesundheitsfördernden und heilenden Effekte, die das Erleben der Natur mit allen Sinnen auslöst, verstärkt bei begleitender Behandlung, Prävention oder Rehabilitation der unterschiedlichsten Erkrankungen eingesetzt - sei es Nordic Walking im traditionellen Kurpark, die Arbeit im "Heilenden Garten" oder "Therapeutisches Wandern".

"Indikationen sind unter anderem Stoffwechselstörungen wie Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Krebs, rheumatische Beschwerden, Venenerkrankungen, Fettleibigkeit, orthopädische Beschwerden, Neurodermitis, Tinnitus, Depressionen, Suchterkrankungen, Angststörungen sowie weitere psychosomatische Erkrankungen", erklärt Brämer.

"Natur wirkt auf die Psyche wie eine Bremse", sagt der Psychoanalytiker Professor Rolf Haubl vom Sigmund-Freud-Institut. "Wenn sich der Mensch in der Natur aufhält, erdet er sich, die Wirklichkeit wird wieder fassbar." Der Mensch vergewissere sich seiner selbst und könne in einer Welt ohne feste Werte neue Sicherheit finden. "In der Natur schrumpfen unsere Allmachtsgefühle", meint Haubl. "Man erkennt, dass natürliche Ordnung größer ist als die kulturelle. Auch das kann eine tiefe Sehnsucht befriedigen, mit einem übergeordneten Ganzen eins zu werden. Das kann Trost und Geborgenheit spenden."

Vielen Dank, Margit Mertens, für diesen schönen Artikel! Einmal mehr läßt er einen über die Tatsache nachdenken, daß Religiosität eine Ganzkörper-Erfahrung ist, nein vielleicht sogar eine ganzheitlichere Lebenserfahrung.

Sonntag, 27. Mai 2007

Die Natur und die Depression

Ein amüsantes Forschungsergebnis (Berliner Morgenpost): Ein Spaziergang im Grünen hilft deutlich besser gegen Depressionen als ein Spaziergang in einem Einkaufszentrum. ;-)

- - Und es hebt das Selbstwertgefühl!

Wie sagte Schiller so schön?

"Die Welt ist vollkommen überall,
wo der Mensch nicht hinkommt mit seiner Qual."

Sonntag, 13. Mai 2007

Formennachahmung im Artenstammbaum der Evolution

In der FAZ wird über den französischen Naturforscher Roger Caillois (1913 bis 1978) berichtet. (FAZ ), vor allem über seine Forschungen zu den verblüffenden Nachahmungen von Bauplänen und Gestaltungsformen in der Natur durch Organismen in jeweils ganz unterschiedlichen Bereichen des Artenstammbaumes (Hervorhebungen durch mich, I.B.):

... Anders liegt der Fall bei Caillois' Versuchen über mimetische Formen in der belebten Natur, insbesondere über mimetische Insekten und die Zeichnungen von Schmetterlingsflügeln. Hier lag die Profilierung gegenüber einschlägigen Erklärungsansätzen der Naturkundler und Biologen nahe. Bei Caillois wurde daraus ein Vorbehalt gegen die Ableitung der in Frage stehenden Phänomene allein aus den Mechanismen der natürlichen Selektion. Es lohnt, sich diese Einrede näher anzusehen, und die in dem Band "Méduse et Cie" (1960) versammelten Texte von Caillois eignen sich dafür ausgezeichnet. Zudem stellt die vorzügliche deutsche Übersetzung zusätzlich zwei seiner Texte aus der Mitte der dreißiger Jahre voran, die zeigen, wie früh und vor welchem Hintergrund er auf diese Fragen stieß.

Caillois hielt sich an einige Schwierigkeiten, überzeugende Modelle für die oft verblüffend genauen Nachahmungsleistungen (der äußeren Gestalt von Gegenständen, Pflanzen, anderen Arten) und auffällige Flügelzeichnungen bei Insekten zu entwickeln. Tatsächlich scheint es ein fast aussichtsloses Unterfangen, diesem Naturtheater der faszinierenden Nachahmungen und phantastischen Formerfindungen mit der Aufschlüsselung von Selektionsdrücken beizukommen. Schlägt man, um Caillois Einschätzung beurteilen zu können, in neueren Überblicksdarstellungen über die evolutionäre Ökologie von Tarnung, Warnsignalen und Mimikry nach, so sieht man: Es gibt zwar mittlerweile für manche Ausprägungen Modelle, die bei geeigneter Parameterwahl gute Ergebnisse liefern. Aber angesichts der Vieldimensionalität der Wechselwirkungen in realen Ökosystemen sind solche empirisch belastbaren Modelle die Ausnahme. Das "Austesten" von Evolutionsvorteilen in einem ökologischen System ist nun einmal eine denkbar schwierige Angelegenheit.

Vor diesem Hintergrund darf man Caillois mit etwas Vorsicht als Zeitgenossen behandeln. Sein Vorbehalt richtet sich gegen die Selbstverständlichkeit, mit der das Grundmodell differentiell wirkender Selektionsdrücke und damit das Kriterium des Überlebensnutzens von "Anpassungen" in Anschlag gebracht wird. In dieser Verabsolutierung des Nutzens, so Caillois, zeige sich eine tiefwurzelnde Voreingenommenheit. Gegen ein solches "Vorurteil" tritt er mit seiner These an, dass die Formen und Verhaltensweisen der Insekten genauso wie bestimmte ästhetische Vorlieben und Faszinierbarkeiten der Menschen sich auf eine gemeinsame Basis zurückführen lassen: auf den Formenvorrat einer bildnerischen Natur, deren spielerisch zweckfreies Wirken sich im Naturreich ebenso niederschlägt wie in der vom Naturzwang freigesetzten Sphäre menschlicher Imagination.

Kann Caillois' Darlegung nun als triftige Einrede gegen eine zu enge Betrachtungsweise gelten, die davon ausgeht, dass jede Erklärung auf diesem Feld zuletzt Nutzeffeke gegeneinander verrechnen muss? Haltlos wäre sein Einwand jedenfalls dann, wenn er seine These als gleichrangige Alternative zum biologischen Erklärungsansatz erachten würde. Diese Versuchung mag ihn zwar manchmal streifen, aber er erliegt ihr nicht. Wobei ihm entscheidend zu Hilfe kommt, dass er viele der verhandelten Phänomene als selektionsneutral ansieht, womit sie ja auch nach orthodox darwinistischen Kriterien als nutzlose Nutznießer von Evolutionspfaden gelten würden. Diese Form der Einbettung in die evolutionäre Standardtheorie ist freilich eine heikle Angelegenheit, denn eine kleine Änderung in den Erklärungsmodellen genügt oft, und aus vermeintlich neutralen Ausprägungen werden Mitspieler - und potentiell sind alle Mitspieler.

Weshalb Caillois' Vorbehalt eher tief zielt - und doch weder als überstürzte Wissenschaftskritik noch als idiosynkratische Spekulation einfach beiseitegesetzt zu werden verdient. Diese Balance ist nicht leicht zu halten, und gerade deshalb ist es von Bedeutung, an sie zu erinnern. Und an Caillois selbst, diesen Grenzgänger und poetischen Naturalisten auf den Spuren der einen Natur.

HELMUT MAYER

Roger Caillois: "Méduse & Cie". Mit den Texten "Die Gottesanbeterin" und "Mimese und legendäre Psychasthenie". Aus dem Französischen von Peter Geble. Brinkmann & Bose Verlag, Berlin 2007. 156 S., Abb., br., 23,- [Euro].

Sicherlich gibt es die eine oder andere Denkmöglichkeit, solche Gedanken mit den Gedanken von Simon Conway Morris und Richard Dawkins zu den Erscheinungen konvergenter Evolution in Beziehung zu setzen. Roger Caillois könnte sich diesbezüglich als ein ähnlich lesenswerter Autor herausstellen wie Adolf Portmann.

Dienstag, 8. Mai 2007

Kraniche - Fotoserie

Eine wunderbare Fotoserie zu Kranichen bei Geo.
Bild von: Klaus Nigge
© Klaus Nigge
Dicht gedrängt stehen die Kraniche auf einem Stoppelfeld bei Groß Mohrdorf in Vorpommern.

Dienstag, 24. April 2007

Sind Lebewesen nur Maschinen? - Zur Evolution des Psychischen seit der Lebensentstehung

Hab ich grad in der Buchhandlung entdeckt. (Amazon) - Ist da nicht schon das Umschlagbild "Programm"? Zeichnungen des deutschen Evolutionsbiologen und Philosophen Ernst Haeckel. Wenn ich es recht verstanden habe, strebt das Buch nach einem Ausgleich zwischen Vertretern des Intelligent Design und der Ansicht, Organismen, Zellen würden wie kleine Maschinen funktionieren. Es vertritt das Prinzip der Subjektivität - vielleicht so ähnlich, wie das Adolf Portmann gemacht hat. Nach eingehender Lektüre mehr.

Dienstag, 3. April 2007

Delphine - nicht mehr die Freunde des Menschen des 21. Jahrhunderts ...

Auf dem Netztagebuch "Denkraum - Ideen für das 21. Jahrhundert" findet sich ein kurzes Video über das Abschlachten von Delphinen in Japan. Ich hab mir selbst nur den Anfang angesehen (bis das Wasser rot wurde). Grad jüngst las ich irgendwo einen längeren Bericht über die Situation der Delphin-Arten in der Welt, der erschütternd war. Sie sind bald sogar im riesigen Atlantik vom Aussterben bedroht, da der Atlantik "überfischt" ist und sie selbst dort nicht mehr genug Nahrung finden. - Ein elender Wahnsinn. Viele Fluß-Delphin-Arten - beispielsweise in Südamerika - sind gerade erst in den letzten Jahren ausgestorben oder stehen kurz davor. Im chinesischen Jangtse gab es Jahrtausende lang eine seltene Flußdelphin-Art. Eine Expedition suchte ihn dieses Jahr gründlich - und fand ihn nicht mehr.

Der Bericht betonte auch, daß solche Dinge in der Antike nicht passieren konnten. Die Griechen sahen in den Delphinen besonders heilige Tiere. Wer, der sich auch nur ein bisschen mit dem Leben von Delphinen beschäftigt hat, der davon weiß, daß sie ertrinkenden Menschen immer wieder das Leben gerettet haben und so viele andere Dinge, wer kann jemals anders denken?

Nun, Menschen des 21. Jahrhunderts können es.

Die - allgemeinere - Frage des genannten Netztagebuches empfinde ich aufgrund solcher Umstände als durch und durch berechtigt: "Ist unsere Welt überhaupt noch zu retten, oder ist es aussichtslos?"

Oder - noch etwas zum Thema. Bei "Geo TV" gibt es einen schönen Bericht über die Belgierin Claudine André, "Die Mutter der Bonobos", unseren genetisch nächsten Verwandten im Tierreich. (pdf.) Die Bonobos leben nur im kongolesischen Urwald und werden dort - natürlich - gejagt. Und es heißt inzwischen über diese noch vor wenigen Jahren "riesigen", "unermeßlichen", "unzugänglichen" Wälder: "... Selbst die abgelegensten Winkel des Urwaldes werden von Menschen durchstreift oder besiedelt - es gibt kaum mehr unberührte Natur." - Wir regen uns vielleicht auf. Aber der Wahnsinn geht weiter.

Dienstag, 27. März 2007

Dienstag, 13. März 2007

Von der Schönheit des menschlichen Körpers

Natürlich spielt Nacktheit eine "unübersehbare" Rolle in der menschlichen Kultur, im menschlichen Zusammenleben und in der menschlichen Kunst. - "Natürlich"? - Parallel zum Niedergang des Christentums haben sich während des 20. Jahrhunderts viele Menschen über einen neuen gesellschaftlichen Umgang mit Nacktheit Gedanken gemacht. Am intensivsten geschah dies wohl während der 1920er Jahre. Aber auch vorher und später.

Wahlloses, schrankenloses, grenzenloses - zumeist allein mediales - Zurschau-Stellen von Nacktheit, wie man es heute vielerorts für opportun und richtig hält, muß ja nicht der einzige und der sinnvollste Weg einer Kultur im Umgang mit Nacktheit sein. In der Kulturgeschichte des 20. Jahrhunderts findet man dazu mancherlei Alternativen.

Im Netz findet sich ein erster, recht brauchbarer Überblick zur Vielfalt der Freikörperkultur-Magazine in Deutschland während des 20. Jahrhunderts. Diese Vielfalt ist erstaunlich und überraschend. Etwa 40 Magazine allein für Deutschland und Österreich. Sie nennen sich "Blätter freier Menschen", "Lichtfreunde", "Die Schönheit". Oder auch: "Lebensfreude", "Sonnenfreude". "Geist und Schönheit". Oder: "Die Freude". "Humana - Monatsschrift für freies und menschenwürdiges Leben".

Wie eine Kultur mit der berauschenden Schönheit menschlicher Körper umgeht, ist wohl sehr entscheidend für viele weitere Aspekte einer solchen Kultur. Während sich die wissenschaftliche Unterscheidung zwischen Wahr und Falsch inzwischen weitgehend gegenüber der früheren mosaischen Unterscheidung zwischen Wahr und Falsch durchgesetzt hat (s. Jan Assmann), wäre noch zu klären, ob eine etwaige mosaische (oder christliche) Unterscheidung zwischen Schön und Häßlich von der weit verbreiteten Wahllosigkeit in diesen Dingen heute als wirklich überwunden angesehen werden kann. Oder ob der heutige Umgang damit nicht einfach nur das seitenverkehrte Spiegelbild vergangener, wahllosler christlicher Unterscheidungen zwischen Schön und Häßlich ist.












































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