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Samstag, 9. Mai 2026

Eleonore von Bulgarien

Krankenschwester und Königin

"Helden des Willens" heißt ein Buch, auf das man in einer Bücher-Telefonzelle stoßen kann und das man ja einmal mitnehmen kann (1). Erschienen in erster Auflage 1928, in zweiter Auflage 1933. Vorsatz-Bild der zweiten Auflage: "Reichskanzler Adolf Hitler". Eine recht willkürlich anmutende Zusammenstellung von Lebensbildern. Das erste Kapitel über den deutschen Philosophen Johann Gottlieb Fichte liest sich gar nicht so ungut. Also kann man ja mal ein bisschen weiter stöbern in diesem Buch.

Abb. 1: Eleonore von Bulgarien (1860-1917)

Und man könnte sich festlesen in einer Lebensbeschreibung der Königin Eleonore von Bulgarien (1860-1917) (Wiki), einer geborenen Prinzessin von Reuß aus Niederösterreich. Diese Prinzessin war doch in Weltgegenden unterwegs, auf die wir hier auf dem Blog eigentlich erst seit der Beschäftigung mit der Archäogenetik aufmerksam geworden sind, nämlich einmal in der Mandschurei zwischen Sibirien, Korea und China und zum anderen am Rhodopen-Gebirge zwischen Bulgarien im Norden und Nordmazedonien im Süden.

Viele Details aus dieser Lebensbeschreibung finden sich so auch noch gar nicht auf Wikipedia. Die Lebensinhalte der Eleonore von Reuß ergaben sich vor allem durch ihre verwandtschaftliche Nähe zur Zarenfamilie in Rußland. 

1908 heiratete Eleonore mit 47 Jahren (!) den Fürsten Ferdinand I., den nachmaligen König von Bulgarien (1861-1948) (Wiki). Auf dem bulgarischen Wikipedia ist darüber verzeichnet (Wiki):

1907 wandte sich Ferdinand I. an Großfürstin Maria Pawlowna mit der Bitte, ihm eine neue Gemahlin vorzuschlagen, die wenig Aufmerksamkeit erwarte und sich wohltätigen Zwecken widme. Die Großfürstin schlug ihre Cousine ersten Grades, Eleonora Reuß-Köstritz, vor. (...) Die Ehe zwischen Eleonore und Ferdinand war rein formaler Natur und Ferdinand hegte keinerlei Gefühle für seine neue Gemahlin. Bezeichnenderweise bestand Ferdinand selbst darauf, daß die beiden während ihres Besuchs bei König Carol I. von Rumänien, der während ihrer Flitterwochen stattfand, getrennte Schlafzimmer erhielten.

Wie Eleonore selbst über eine so wundervolle Ehe dachte, ist vorderhand nicht bekannt. Wenn wir unserem Buch folgen, hat sich Eleonore womöglich bemüht, den positiven Seiten ihres neuen Ehegatten Beachtung zu schenken. 

Abb. 2: Eleonore von Bulgarien (1860-1917)

Diese werden sogar ein wenig übertrieben dargestellt (1, S. 167):

König Ferdinand, den man den bedeutendsten Geist unter den europäischen Herrschern seiner Zeit genannt hat, zeichnet sich durch eine außergewöhnliche wissenschaftliche Bildung und einen geläuterten ästhetischen Geschmack aus.

Wenn dieser König schon der bedeutendste Geist gewesen wäre, dann würde das womöglich doch mehr über die anderen europäischen Herrscher aussagen als über ihn. Wie auch immer. Die Frauenzeitschrift "Die Bunte" wußte 2016 folgendes über diese Ehe (Bunte2016):

Wenn man Ferdinand und Eleonora einmal zusammen sehen könnte, seien Spannungen zwischen ihnen nicht zu ignorieren gewesen. Während er sich seiner Frau abweisend gegenüber zeigte, habe sie es mit stoischer Ruhe ertragen.

Insgesamt hat man den Eindruck, daß diese Ehe auch für Eleonore eher eine "Zweckehe" gewesen sein könnte, bekam sie doch durch diese einen Wirkungskreis, wie sie ihn sich zuvor immer ersehnt hatte.

Man sieht Eleonore ja schon auf dem Verlobungsbild nicht lächeln (Abb. 13). Womöglich hat das damals von einer 47-Jährigen auch niemand mehr erwartet. Damalige Frauen des Hochadels haben in Bezug auf Ehen manches mitmachen müssen. 

Abb. 3: Eleonore von Bulgarien (1860-1917)

Immerhin (Wiki) ...

... gewann Eleonore schnell die Zuneigung von Ferdinands Stiefkindern und des gesamten bulgarischen Volkes.

Unsere Buchautorin Clara Ebert-Stockinger schreibt über die drei Stiefkinder von Eleonore (1):

Diese hingen denn auch bald mit schwärmerischer Liebe an ihrer zweiten Mutter.

In unserem Buch heißt es über Eleonore (1):

Sie nahm die Werbung an und sprach mit großer Freude von den ernsten Aufgaben, die sie den verwaisten Kindern des Fürsten gegenüber und als Mutter eines ganzen Volkes zu erfüllen haben würde. 

Auch aus diesen Worten geht keine große Erwartung gegenüber der geschlossenen Ehe hervor. Eleonore reizte offenbar insbesondere der große Wirkungskreis in Bulgarien, der sich ihr durch diese Heirat eröffnete.

Leitung des russischen Lazarett-Wesens in der Mandschurei (1904)

Denn sie war - wie womöglich unsere Buchautorin - gelernte Krankenschwester. Sie hatte 1904 im Russisch-japanischen Krieg die Leitung des Lazarett-Wesens auf dem asiatischen Kriegsschauplatz inne gehabt und hatte in der Zeit danach an ihre Freundin geschrieben (zit. n. 1):

Ich sehne mich nach meiner Arbeit zurück. Ich vermag es nicht mehr, hier in der Stille meine Tage zu verbringen. Ich muß in großem Stile arbeiten und schaffen können und helfen, das Elend zu lindern. Hier kommt mir alles so klein und eng vor nach der unbegrenzten Größe Sibiriens und nach den Mitteln, mit welchen ich meine Ziele erreichen konnte.

Was uns an dem Leben von Eleonore von Reuß interessiert, ist, wie schon gesagt, daß sie sich in abgelegenen Gegenden bewegte, auf die wir schon verschiedentlich hier auf dem Blog zu sprechen gekommen waren. So heißt es über den von ihr geleitete Lazarettzug im Jahr 1904 (1, S. 165):

Sie führte den Zug wiederholt vom Baikalsee durch die Mandschurei nach Charbin.

Siehe dazu die Karte in Abbildung 4. Harbin (Wiki) (Charbin) ist eine der größten Städte der Mandschurei. Von den sechs Millionen Einwohnern sind heute 93 Prozent Chinesen und 4,6 Prozent Mandschu. Die genannte Strecke gehört zum östlichen Teil der Transsibirischen Eisenbahn (Wiki), bzw. zu einer Nebenstrecke derselben. 

Abb. 4: Die Bahnstrecke vom Baikalsee nach Charbin / Harbin in der Mandschurei (Wiki)

Kurz einiges zu diesem Krieg: Rußland hatte Port Arthur 1897 für 25 Jahre gepachtet als Hafen. Gleichzeitig verstärkte es seinen Einfluß in Korea, das sich diesem Einfluß auch öffnete, und zwar als Gegengewicht gegen Japan (Wiki):

Am 13. Januar 1904 forderte der japanische Botschafter in St. Petersburg die Anerkennung der japanischen Vorherrschaft in Korea im Gegenzug für die Erklärung Japans, daß die Mandschurei außerhalb ihres Einflußbereichs liege. Die russische Regierung rechnete nicht mit einem Krieg und ordnete das Verhalten der japanischen Diplomatie als Bluff ein.

Am 9. Februar 1904 griff Japan Port Arthur mit Kriegsschiffen an. Anhand der folgenden Karte kann der Ablauf des Krieges in groben Zügen nachvollzogen werden.

Abb.: 5 Der japanisch-russische Krieg im Jahr 1904

Der Hauptteil der Russischen Pazifikflotte war in Port Arthur versammelt. In mehreren japanischen Angriffen konnte diese Pazifikflotte ausgeschaltet werden, zuletzt als die Reste dieser Flotte nach Wladiwostok ausbrechen wollten.

Die Russen hatten nun viel zu wenige Landstreitkräfte in Ostasien stationiert. Ein Nachziehen von Truppen über die Transsibirische Eisenbahn in nachhaltiger Stärke würde sechs Monate dauern. Diesen Umstand nutzten die japanischen Landstreitkräfte aus, die bei Inchon im heutigen Korea (heutiger Flughafen) gelandet wurden und dann über Seoul nach Norden vorstießen.

Abb. 6: Japanische Batterie auf den Höhen von Chusanp, 1904

Der Fluß Yalu war von russischen Truppen nur unzureichend mit Streitkräften besetzt. In einer Durchbruchschlacht wurden die Russen besiegt und die Japaner stießen von dort einerseits nach Süden, nach Port Arthur durch, um diesen Hafen zu belagern und drangen andererseits nach Norden vor bis Wladiwostok, das von den Japanern von der Seeseite her belagert wurde.

Schließlich kam es zum Friedensschluß. Korea blieb Japan als Einflußsphäre zugesprochen. Japan erhielt außerdem die Südhälfte der Halbinsel Sacchalin.

Abb. 7: Blick über ein Feldlager japanischer Truppen in der Mandschurei, 1904

Aufgrund der Niederlage Rußlands bracht 1905 in Moskau und entlang der Transsibirischen Eisenbahn die Revolution aus. Vermutlich eine "Probemobilmachung" der Arbeiterklasse für die vorgesehene künftige Revolution, in der dann endgültig die Macht übernommen werden sollte.

Im Frühjahr 1906 kehrte Eleonore von Reuß aus diesen Revolutionswirren in ihre Heimat nach Niederösterreich zurück. Sie schrieb am 9. April 1906 an ihren vormaligen Mitarbeiter Dr. Colmers (1, S. 165):

Jetzt habe ich Heimweh da hinaus, denn wenn es auch wohtuend für mich ist, zu Hause zu sein, so sehne ich mich doch nach meiner Arbeit, meinen Kranken, dem Lärm, dem Sturm, dem Sonnenschein der Mandschurei. Mit dem Friedensschluß fing übrigens unsere Mühsal erst recht an, mit den Bahn- und Poststreiks usw. Sieben Wochen währte unsere letzte Reise von Bangupocinokre, und erst in den letzten Tagen des Januar kamen wir mit unseren Kranken in Petersburg an. Fast in ganz Sibirien der Aufstand, in Kpnenopekr, Ruma, Irkutsk, überall Brand, Mord und Totschlag, das damals im Sommer so berühmte Bjogubemokr ein rauchender Trümmerhaufen.

Das sind alles Lebensinhalte dieser Eleonore, die in den nachmaligen Stürmen des Ersten Weltkrieges völlig in Vergessenheit gerieten.

Abb. 8: Russische Artilleriestellung am Dolinskypas, 1904

Aufgrund dieser doch nicht uninteressant zu lesenden Darstellung fragen wir nach der Autorin, nach Clara Ebert-Stockinger (1863-1949) (Wiki). Sie hat in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts Bücher über Kinderpflege, Kindererziehung, Hauswirtschaft und fleischlose Ernährung veröffentlicht. Aber sie strebte über diesen Lebenskreis hinaus. 1928 veröffentlichte sie dann als 65-Jährige unser Buch, das gewiß eine ungewöhnliche Zusammenstellung von Biographien darstellt, an deren Ende dann auch noch ausgerechnet diejenige Adolf Hitlers gestellt ist. 

Ihre Schrift "Die Mutterschaft" erschien in erster Auflage vor 1917. Denn das Vorwort zu ihr war von Anna Fischer-Dückelmann (1856-1917) (Wiki) verfaßt worden (Eb), die schon 1890 bis 1896 als eine der ersten Frauen in der Schweiz Medizin studiert hatte, und die 1901 ihr Buch heraus gegeben hatte "Das Geschlechtsleben des Weibes", das 1902 in siebter und 1910 in zehnter Auflage erschienen ist. Wir erfahren über Fischer-Dückelmann (Wiki):

1900 und 1901 veröffentlichte sie ihre Bestseller "Das Geschlechtsleben des Weibes" und "Die Frau als Hausärztin", für die Fischer-Dückelmann auch kritisiert wurde - vor allem wegen ihrer liberalen Einstellung zu Sexualität und Verhütung. Sie schrieb zum Beispiel: „Die Frau ist keine willenslose Geburtenmaschine mehr.“ Und auch: „Ebenbürtigkeit des Weibes ist der Schlüssel zu einem neuen Liebeshimmel!“ 

In der Tradition dieser Fischer-Dückelmann stand dann etwa auch eine Mathilde Ludendorff, vorherige von Kemnitz, als sie vor dem Ersten Weltkrieg Medizin studierte und als sie 1919 ihr Buch heraus brachte "Das Weib und seine Bestimmung".

Abb. 9: Lazarettzug Anfang des 20. Jahrhunderts (Geo2026)

Und in der Tradition dieser Fischer-Dünckelmann scheint nun auch Clara Ebert-Stockinger gestanden zu sein. Ihre Schrift "Die Mutterschaft" ist 1929 in siebter Auflage erschienen und war dann "ärztlich bearbeitet" worden von ihrer Tochter Dr. med. Anna Ebert, einer Fachärztin für Kinderheilkunde. Und 1928 folgte dann das Buch "Helden des Willens".

Abb. 10: Der Beginn der Russischen Revolution im Jahr 1905 - Die Schüsse auf dem Palastplatz am 22. Januar - Gemälde von Ivan Alexeyevich Vladimirov (Kd)

Zurück zu Eleonore, inzwischen Königin von Bulgarien. Bulgarien war dann Teilnehmer an den Balkankriegen 1912/13, erst Bündnispartner gegen das Osmanische Reich, dann Kriegsgegner seiner vorherigen Bündnispartner.

Der beiden Balkankriege 1912/13

Diese Balkankriege haben viel von jenen Massakern an der Zivilbevölkerung vorweg genommen, die dann bei Kriegsende 1945 vor allem die deutsche Zivilbevölkerung in ganz Ost- und Ostmitteleuropa erleiden mußte. Vor dem Hintergrund der Kriegsgreuel der Balkankriege nehmen sich die Greuel an den Deutschen im Jahr 1945 nicht mehr als ganz so "außergewöhnlich" aus (5).

Sind solche Kriegsgreuel hervor gerufen durch "slawische Mentalität", so fragt man sich unwillkürlich. Oder handelt es sich um ein allgemein menschliches, bzw. unmenschliches Phänomen?

Abb. 11: Die Barrikaden von Presnya, einem Stadtteil von Moskau im Dezember 1905 - Gemälde von Ivan Vladimirov (Wiki)

Clara Ebert-Stockinger gibt eine eindrucksvolle Darstellung der Ereignisse (1, S. 170f):

Der zweite Balkankrieg wurde gegen Bulgarien entschieden und ihre Stammesgenossen in Mazedonien und Thrazien bekamen die furchtbare Hand der erbarmungslosen Sieger zu fühlen. Was nicht massakriert wurde und nur irgenwie konnte, ließ Hof und Heimat im Stich und flüchtete nach Bulgarien. Sofia war das Ziel und die Hoffnung all dieser unglücklichen Flüchtlinge, deren Zahl mehr als 130.000 betrug. Auf drei Wegen strömten sie der Hauptstadt zu, über Palanka-Küstendiel und über Dumaja und Dunica. Der dritte Strom kam aus Thrazien. Besonders dieser Zug der Flüchtlinge war ein wahrer Zug des Grauens. Hinter sich hatten sie die Feinde, vor sich die Mauer des Rhodope-Gebirges, durch das nur ein einziges Tor, das Kresnadefilee, nach Bulgarien führte. (...) Im Kresnatal stand die bulgarische Armee, um dieses Einbruchstor gegen die anstürmenden Griechen zu verteidigen. (...) Das Kresnatal ist ein großes Kindergrab.

Clara Ebert-Stockinger schreibt fast so, als wäre sie selbst dabei gewesen (1, S. 172):

Wenn möglich noch schlimmer war die Not der Flüchtlinge aus der Türkei und aus Gallipoli, wo die dort ansässigen Bulgaren nach Abzug der bulgarischen Armee der Rachsucht der Baschi-Boschuks ausgeliefert waren. Halb nackt kamen sie in Varna an, mit blutenden Füßen, die Cholera und die schwarzen Blattern im Gefolge. Über siebentausend kranke, halb verhungerte Menschen mußte das kleine Varna aufnehmen. Auf den Straßen lagen die Kinder und starben zu Dutzenden.

Königin Eleonore hatte erneut das Lazarett-Wesen unter sich, war überall vor Ort und kümmerte sich um alles.

Abb. 12: Die Riviera von Genua - Es wird vermutet, daß dieses Gemälde von Eleonore von Reuß stammt, denn auf der Rückseite des Rahmens heißt es: "Peint par S. A. La Princesse Reuß Koostritz" (Kastern2025)

In ihrer Jugend könnte sie auch gemalt haben. Jedenfalls wird ihr ein Gemälde im Kunsthandel zugesprochen (Abb. 12).

Abb. 13: Eleonore von Bulgarien (1860-1917) als Verlobte im Jahr 1908

Königin Eleonore starb 1918, ihr Ehemann mußte wenig später abdanken und verbrachte seine letzten drei Lebensjahrzehnte in Coburg. Dort starb er 1948.

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  1. Clara Ebert-Stockinger: Königin Eleonore. In: Helden des Willens. Lebenswerke aus neuerer Zeit. Verlag von Strecker und Schröder, Stuttgart, 2. Auflage 1933 (EA 1928), S. 162-177
  2. Fischer-Dückelmann, Anna: Das Geschlechtsleben des Weibes – Eine physiologisch-soziale Studie mit ärztlichen Ratschlägen. Berlin 1900. (19. Auflage. 1919) (Archiv)
  3. Fischer-Dückelmann, Anna: Der Geburtenrückgang - Ursachen und Bekämpfung vom Standpunkt des Weibes. Stuttgart 1914
  4. Manuel Opitz: Hospital auf Schienen - Wie ein Medizinerehepaar mit Lazarettzügen an die Front fuhr. 14. April 2026 (Geo2026)
  5. Katrin Boeckh: Die Balkankriege 1912/13 - Kriegsführung, Kriegsgräuel, Kriegsopfer (Osmikon)

Samstag, 21. März 2026

Die Hinkelstein-Kultur breitete sich in entvölkerte Gebiete aus

Zu den europäischen Ethnogenesen am Ende der Bandkeramik nach 5.000 v. Ztr.

In zentralen Siedlungsbereichen der Bandkeramik am Rhein werden am Ende der Bandkeramik Siedlungslücken und damit völlige Entvölkerung für mehrere Jahrzehnte, wenn nicht sogar für zwei bis drei Jahrhunderte festgestellt.

Abb. 1: Das Portal der nordirischen Dorfkirche von Clonfert, über dem 16 in Stein gemeißelte abgeschnittene menschliche Köpfe "präsentiert" werden (Wiki) (aus: Stg2021) - Ein Nachhall vorchristlicher Geisteshaltungen

Dazu lesen wir (3):

Die wohl einschneidendste Entwicklung findet im zentralen Rheingebiet statt, wo ein deutlicher Bevölkerungsrückgang zur nahezu vollständigen Entvölkerung des ehemals dicht besiedelten Aldenhoven-Plateaus führt. Der Rückgang beginnt um 5000 v. Ztr., und erst im späten Mittelneolithikum (ab ca. 4750 v. Ztr. mit Beginn des frühen Rössen) wird die Region wieder besiedelt (Zimmermann et al. 2020, 88–89; Gehlen/Schön 2009, 589). Ähnliche Siedlungsveränderungen lassen sich auch in Limburg und Hesbaye feststellen (van de Velde/Amkreutz 2017, 26). Zudem ist im Elsaß eine Siedlungslücke zwischen der späten Linearbandkeramik (LBK) und der frühen Hinkelsteinzeit belegt (Denaire et al. 2017, insbesondere 1130–1137 v. Chr.): Die letzten LBK-Spuren lassen sich auf 5145–5020 v. Ztr. datieren, die frühesten Hinkelstein-Überreste auf 4910–4725 v. Ztr., was eine Lücke von 145–385 Jahren ergibt. Einige Forscher bringen diesen Rückgang mit dem Verfall sozialer Strukturen und dem Zerfall von Kommunikationsnetzen in Verbindung (van de Velde/Amkreutz 2017, 24; Zimmermann et al. 2020, 92–93).
Probably the most drastic development occurs in the central Rhine area, where  a  marked  population  decline  leads  to  an  almost  complete  abandonment  of  the  Aldenhoven  Plateau,  a  previously  densely  settled  region. The decline starts around 5000 cal BC, and it is only in the later Middle Neolithic (from ca. 4750 cal BC onwards with the start of early Rössen) that  the  region  is  repopulated  (Zimmermann  et  al.  2020,  88–89;  Gehlen/Schön 2009, 589). Likewise, an abandonment can be discerned in the Limburg and Hesbaye areas (van de Velde/Amkreutz 2017, 26). In addition, a hiatus between late LBK and early Hinkelstein settlements is also attested to in Alsace (Denaire et al. 2017, esp. 1130–1137): the last LBK traces can be dated  to  5145–5020  cal  BC  and  the  earliest  Hinkelstein  remains  to  4910–4725  cal  BC,  leaving  a  gap  of  145–385  years.  Some  researchers  have  asso-ciated  this  decline  with  failing  social  structures  and  disintegrating  com-munication  networks  (van  de  Velde/Amkreutz  2017,  24;  Zimmermann  et  al. 2020, 92–93).

Die ursprüngliche Vermutung des vorliegenden Blogartikels, daß sich die Hinkelstein-Kultur durch Massaker ausgebreitet hätte, ist damit schon eine Woche nach seiner Veröffentlichung wieder hinfällig. Dennoch haben am Ende der Bandkeramik - ab 5.100 v. Ztr. -  gewaltsame Auseinandersetzungen eine Rolle gespielt, mit diesen hatten wir uns auch schon in einem früheren Blogbeitrag auseinander gesetzt (Stg20), und diese können ja dennoch zumindest auf kleinräumiger Ebene zur Ethnogenese neuer Völker beigetragen haben, deren Bevölkerungswachstum dann dazu beitrug, daß Jahrzehnte oder Jahrhunderte später große, inzwischen entvölkerten Gebiete wieder von ihnen besiedelt wurden. 

Wenn man verschiedene, inzwischen durch die Archäogenetik besser verstandene Ethnogenese-Prozesse miteinander vergleicht - im Wiener Becken und in Südfrankreich um 5.700 v. Ztr., an der Seine und in der Bretagne um 5.100/4.700 v. Ztr., an der Mittleren Wolga um 4.500 v. Ztr., die Entstehung der heutigen europäischen Völker um 500 n. Ztr. in Böhmen, Süddeutschland, Frankreich und Norditalien - dann wird es vermutlich immer so gewesen sein, daß anfangs zwei sehr unterschiedliche Völker miteinander im Krieg standen. Für den Ausgang des jeweiligen Krieges wird dabei nicht entscheidend sein, wer die ursprünglich imperialistische Kriegspartei gewesen ist. Es muß das jedenfalls nicht zwangsläufig die nachmals siegreichen Partei gewesen sein.

Entscheidend aber wird sein, daß sich die Männer der jeweils langfristig siegreichen Kriegspartei mit den Frauen der unterlegenen Kriegspartei vermischt haben und daß dieser Vermischungsprozeß dann die Ethnogenese ist, die es zu verstehen gilt. Die vorherrschenden Y-Chromosomen nach der Ethnogenese sind dann ein Verweis auf die Sieger des jeweiligen Krieges - mehr im Grunde nicht.

Abb. 2: Sitzende Figur, die neben einem Stapel abgeschlagener Köpfe eine Axt schärft - Auf dem Silberbecher von Karashamb in Armenien 2.100 v. Ztr., der stolz das Geschehen um das dortige "Kommen der Indogermanen" festhält (mehr dazu hier: Stg23)

Für die Endzeit der Bandkeramik deutet sich zum Beispiel an: Kriege mit den Völkern am Rande des bandkeramischen Siedlungsraumes könnten anfangs siegreich gewesen sein für die Bandkeramiker (wie in Herxheim [Wiki] in der Pfalz bezeugt) - über mehrere Generationen hinweg aber könnten die umliegenden Jäger-Sammler-Völker "dazu gelernt" haben, die Bandkeramiker könnten sich auch in Krieg und Gewaltausbrüchen untereinander gegenseitig geschwächt haben, so daß nach ein, zwei oder mehr Generationen die umliegenden Jäger-Sammler-Völker gegenüber einzelnen Gruppen der Bandkeramiker siegreich gewesen sein konnten und durch Vermischung mit diesen dann neue Völker begründen konnten, die sich dann demographisch ausgebreitet haben - wie in der Wetterau und am Rhein etwa die Hinkelstein-Kultur (5.000-4.800 v. Ztr.) (Wiki) und ihre Nachfolgekulturen. Diese standen zumindest zeitweise im kulturell-religiösen Austausch mit dem Pariser Becken, wo die mittelneolithischen Ethnogenese-Prozesse offenbar am frühesten begonnen haben.

Jedenfalls hat es Massaker gegeben, unter anderem bei Kilianstädten (Wiki) fünfzehn Kilometer nordöstlich von Frankfurt am Main, ebenso bei Talheim (Wiki) bei Heilbronn am Neckar, ebenso in Niederösterreich in Schletz (Wiki) bei Asparn an der Zaya, 50 Kilometer nördlich von Wien und ebenso in Vráble (5.100-4950 v. Ztr.) (Wiki) mit 120 kopflos begrabenen Menschen (1). Vráble liegt 180 Kilometer östlich von Wien, 150 Kilometer nördlich von Budapest und 20 Kilometer östlich der slowakischen Stadt Nitra (s.a. Stg10).

Die beiden erstgenannten Orte liegen im Gebiet der nachfolgenden Hinkelstein-Kultur, auf die die Großgartach-Kultur, die Friedberg-Alzey-Kultur und die Rössener-Kultur folgten. Zumindest einige dieser Kulturen wiesen in ihren kulturellen Merkmalen (z.B. nichtmegalithische Langgräber vom Passy-Typ) auf Verbindungen mit dem Pariser Becken hin, wo es in dieser Zeit die womöglich einschneidendsten kulturellen Entwicklungen gegeben hat. Kilianstätten liegt 15 Kilometer nordöstlich von Frankfurt am Main, 10 Kilometer nördlich des Mains, 12 Kilometer südlich von Altenstadt in der Wetterau und 20 Kilometer südlich von Friedberg in der Wetterau. Über die in der Nähe des Massakers bei Kilianstädten gelegenen Siedlung erfahren wir nun den hochinteressanten Hinweis (Wiki),

... daß die Siedlung nach dem Massaker noch etwa zwei Generationen lang bestehen blieb. Dann jedoch endete die linienbandkeramische Kultur auch in der Wetterau und wurde von den nachfolgenden mittelneolithischen Kulturen wie der Hinkelstein-Gruppe abgelöst.

Das ist für uns jener Hinweis, der die eingangs dieses Blogartikels getätigten Überlegungen ausgelöst hat. Welches kriegerische Geschehen hier auch immer stattgefunden haben mag - ob innerhalb der Bandkeramik oder Auseinandersetzung mit in abgelegenen Mittelgebirgsregionen lebenden Jäger-Sammler-Völkern (also z.B. aus der Rhön): die Auseinandersetzung ist nicht innerhalb einer Generation entschieden worden. Wir haben hier ein komplexeres Geschehen vorauszusetzen.

Schließlich gibt es noch das Massaker von Halberstadt (Wiki), bei dem die Opfergruppe ähnlich aus weit entfernteren Regionen zu stammen scheint wie die Opfergruppen von Herxheim (Wiki):

Im Unterschied zu den Opfern des Massakers von Kilianstädten, des Massakers von Talheim und des Massakers von Schletz, die an ihrem Wohnort getötet wurden, sind die Opfer von Halberstadt nicht am Ort ihres Todes aufgewachsen. Dies konnte durch eine Strontiumisotopenanalyse des Zahnschmelzes sowie durch zwei weitere Isotopenuntersuchungen (13C / 12C und 15N / 14N) von Knochen-Kollagenen belegt werden; die Strontiumisotopenanalyse ermöglicht Aussagen über die mineralogische Beschaffenheit des Bodens während der Zahnbildung, die beiden anderen über die Zusammensetzung der Nahrung. Auch das Fehlen von Kindern und das Überwiegen junger Männer wurde im 2018 publizierten Fachartikel als Besonderheit des Geschehens von Halberstadt bewertet. Aus diesen Fakten leiteten die Ausgräber ab, daß es sich bei den Toten eher um gefangengenommene Angreifer eines mißlungenen Überfalls als um attackierte Bewohner der linearbandkeramischen Siedlung handelte. Auch wurden die Toten von Halberstadt durch wenige, gleichartige und gezielte Schläge gegen den Hinterkopf getötet, was auf eine Hinrichtung hinweist. 

Auch das Massaker von Schletz  (Wiki) und das Massaker von Talheim  (Wiki) weisen auf überregionale kriegerische Zusammenhänge auf, da jeweils viele (nicht alle) Getöteten nicht aus der Gegend vor Ort stammten.

Abb. 3: Die befestigten bandkeramischen Siedlungen von Vráble, 180 Kilometer östlich von Wien, 150 Kilometer nördlich von Budapest und 20 Kilometer östlich der slowakischen Stadt Nitra  

Wir hatten ja auch schon in der Bretagne Hinweise auf gewaltsame Auseinandersetzungen einheimischer Walfänger mit - ggfs. Nachkommen zugewanderter Bauern - gesehen, die stattfanden als die dortige mittelneolithische hierarchische Carnac-Kultur mit Jadebeil-Herrschern entstand. 

Man halte sich auch vor Augen: Am Ende dieser kriegerischen Auseinandersetzungen standen in den meisten Fällen nicht mehr vorwiegend egalitäre Gesellschaften wie wir es bei der Bandkeramik voraussetzen können, sondern sozial und hierarchisch geschichtete Gesellschaften mit einem "Reichsadel", mit freien Bauern und mit Hörigen (Sklaven).

Deshalb seien auch noch einmal die Ausführungen des folgenden Zitats von Svend Hansen über das westeuropäische, mittelneolithische Herrschafts-Insignium der Jade-Beile gebracht, dem im östlichen Europa das Kupferbeil an die Seite gestellt werden kann (2):

Zu den faszinierendsten Objekten des 5. und 4. Jahrtausends v. Ztr. gehören die Jadebeile. Sie sind mit großer Präzision gefertigt, perfekt poliert und meistens nahezu makellos erhalten. Man findet sie in weiten Teilen West- und Mitteleuropas. Vor allem in der Bretagne spielten sie als Grabbeigabe eine wichtige Rolle. Auf den Tragsteinen der Megalithgräber sind sie in großer Zahl im Relief abgebildet.
Lange Zeit rätselte man über die Herkunft der Jade und dachte im 19. Jh. sogar an Verbindungen nach China. Erst vor wenigen Jahren wurden die prähistorischen Steinbrüche in den Westalpen wiederentdeckt. Mittels naturwissenschaftlicher Messverfahren ist es nun sogar möglich, die Herkunft von Jadebeilen aus ganz bestimmten Steinblöcken zu ermitteln. Für die Rekonstruktion der Austauschsysteme im steinzeitlichen Europa wird dies völlig neue Dimensionen eröffnen.
Die ersten Jadebeile traten etwa zur selben Zeit auf, als in Südosteuropa erstmals Beile aus Kupfer hergestellt wurden und an einigen Jadebeilen läßt sich erkennen, daß anscheinend versucht wurde, die kupfernen Beile zu imitieren.
Die ausgezipfelte Schneide des Beils aus dem südwestfranzösischen Pauilhac ist bei einem Steinbeil widersinnig. Bei einem Kupferbeil entsteht sie durch das Aushämmern und Schärfen der Schneide.
Die fünf Beile wurden bereits 1850 auf einer Anhöhe, dem Kästrich bei Gonsenheim, gefunden und steckten nach Angaben der Finder in einem Lederfutteral. Sie besitzen einen spitzen Nacken und nur mäßig scharfe oder stumpfe Schneiden. Die Beile sind sehr flach, nämlich nur zwischen 1,1 und 2,3 cm dick. Die Oberfläche ist überaus sorgfältig geschliffen und poliert. (...)
Natürlich handelt es sich nicht um Arbeitsbeile, mit denen man Bäume fällte, sondern um Prunkbeile, welche man sorgfältig aufbewahrte. Das erwähnte Lederfutteral war schon notwendig, um die Schneiden vor Bestoßungen zu schützen. (...) Obwohl sie keinen unmittelbaren praktischen Wert als Werkzeug hatten, waren die Jadebeile alles andere als nutzlos. Soweit sich aus ethnographischen Quellen erschließen läßt, wurden große Prunkbeile vor allem für Zahlungen und Leistungen unterschiedlichster Art verwendet. Auf Neu-Guinea waren sie ein wichtiger Bestandteil der Brautpreiszahlungen. Das bedeutet vereinfacht gesagt, daß man nur heiraten konnte, wenn man solche Prunkbeile besaß. Dieser simple Mechanismus setzte eine Vielzahl von sozialen Aktivitäten in Gang, durch die man sich in den Besitz solcher Prunkbeile brachte.

Jedenfalls macht es Sinn, solche vielfältigen Massaker und kriegerischen Auseinandersetzungen im Auge zu behalten, wenn man die Ethnogenese der mittelneolithischen Kulturen verstehen will, bei denen es offenbar sehr häufig zu genetischen Austauschvorgängen gekommen ist.

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  1. Andrew Curry: A headless mystery. Archaeologists find evidence that a wave of mass brutality accompanied the collapse of the first pan-European culture 20 Nov 20252 (ScMag2025)
  2. Archäologische Funde aus Deutschland ausgewählt und kommentiert von Svend Hansen. Begleitheft zur Fotoausstellung. Berlin 2010, S. 28f (pdf)
  3. Becker et al. 2024: V. Becker/C. Fiutak/R. Bristow/R. Iversen, Everything Was Better in the Good Old Days: On the End of the LBK and the Emergence of Lengyel Culture Figurines. JNA 26, 2024, 115–145. DOI: https://doi.org/10.12766/jna.2024.5 (UniKiel)

Samstag, 28. Oktober 2023

Die Eroberung Griechenlands durch die Indogermanen, 2.200 v. Ztr.

Der Silberbecher von Karashamb aus Armenien aus dem 22. Jahrhundert v. Ztr. erzählt ...

Der 13 Zentimeter hohe "Silberbecher von Karashamb" (22./21. Jhdt. v. Ztr., Armenien) (Wiki) (Fb) erzählt von Kriegern und Waffen, von Kampf und Sieg, von einer Dankesfeier vor den Göttern, ihnen werden die Häupter und Waffen der getöteten Feinde dargebracht. Die getöteten und enthaupteten Feinde werden von einem Wesen der Unterwelt (eher orientalischer Herkunft) in Empfang genommen. Der Silberbecher wurde 1987 bei einer Ausgrabung in Armenien entdeckt.

Der Becher gewährt einen tiefen Blick in die Zeit der Ankunft der Indogermanen in Griechenland und Armenien, etwas weiter gefaßt sogar in die Zeit der Ankunft der Indogermanen auch sonst in Europa (um 3000 v. Ztr.) und - zusammen mit dem berühmten Bogenschützen-Fürsten von Stonehenge - auch in England (2.300 v. Ztr.). In manchem erinnern die Darstellungen auf dem Becher auch Darstellungen auf einem erhaltenen Teppich der Pasyryk-Kultur der Altai-Skythen um 500 v. Ztr. (Stgen2020).

Abb. 1: Der Silberbecher von Karashamb, Armenien, 2.200 v. Ztr. (ChinaArmArt2022)

Die Darstellungen auf dem Silberbecher können auch klar machen, warum es in vielen Teilen Europas - nicht in Anatolien und nicht in Griechenland - zu einem sehr weitgehenden Bevölkerungsaustausch gekommen ist.

Der Becher ergänzt das Bild, das man sich mit den ältesten Eigendarstellungen der Indogermanen in Form ihrer Grabstelen von ihnen machen kann (Stgen2019). Über ihn und seine wirklichkeitsnahen, detaillierten Darstellungen kommen wir aber - selbstredend - der historischen Wirklichkeit selbst schon beträchtlich näher als über die meisten anderen Geschichtsquellen. Der Becher erläutert die Erkenntnisse der Archäogenetik der letzten Jahre - wie wir meinen - beträchtlich.

Die auf dem Silberbecher dargestellten Männer, bzw. Krieger tragen spitze, Mokassin-artige Lederschuhe. Sie sind wohl typisch für indogermanische Kurgan-Völker der damaligen Zeit. Sie waren dann ja auch noch typisch für  die eisenzeitlichen Skythen. Die Männer tragen knielange Mäntel. Sie heben die Gläser hoch - zu den Göttern vermutlich. Sie tragen Dolche, sie tragen Speere, sie tragen geriffelte (geflochtene?) Schilde. Sie tragen Halsringe ähnlich den keltischen Torques (Wiki). Sie dringen im Kampf auf die Feinde ein und töten sie und enthaupten sie (ebenso wie das zum Beispiel bei den Kelten üblich war).

Die auf ihm dargestellten Figuren werden der indogermanischen Mythologie zugeordnet.

2.300 v. Ztr. - 28 40 % Steppengenetik kommen (erneut) in den Südkaukasus und sinken bis in die Eisenzeit auf 28 % ab  

Der Becher wird der Trialeti-Kirovakan-Kultur (2.200 bis 1500 v. Ztr.) (Wiki, eng) des Südkaukausus zugeordnet, der Nachfolge-Kultur der Kura-Araxes-Kultur. Mit dieser kam - nach der archäogenetischen "Southern Arc"-Studie des letzten  Jahres - (erneut) ein Anteil von etwa 28 % Steppengenetik in den Süden des Kaukasus, nachdem die Menschen der Kura-Araxes-Kultur diese so gut wie gar nicht aufgewiesen hatten. Hier auf dem Blog hatten wir schon letztes Jahr festgehalten (zit. n. Stgen2022):

Das auffälligste Merkmal der Geschichte Armeniens im Vergleich zu allen anderen asiatischen Regionen des "südlichen Bogens" ist das jeweils vorübergehende Auftreten osteuropäischer Jäger-Sammler-Genetik im Chalkolithikum in der Areni-1-Höhle (10) vor etwa 6000 Jahren (Abb. 5B). gefolgt von seinem Verschwinden vor etwa 5000 Jahren mit der Kura-Araxes-Kultur der frühen Bronzezeit und seinem Wiederauftreten in der mittleren Bronzezeit, als ein Wert von etwa 14 % in der späten Bronze- und Eisenzeit abgelöst wurde von einem Wert von etwa 10 % und dieser sich dann verdünnt hat bis zur urartäischen Periode in der ersten Hälfte des 1. Jahrtausends v. Ztr. auf etwa 7 % und seit der zweiten Hälfte dieses Jahrtausends an Orten wie Aghitu und im Mittelalter (in Agarak) auf etwa 1 bis 3 % bei den heutigen Armeniern.
The most noticeable feature of the history of Armenia compared with all other Asian regions of the Southern Arc is the tentative appearance of Eastern hunter-gatherer ancestry in the Chalcolithic at Areni-1 Cave (10) ~6000 years ago (Fig. 5B), followed by its disappearance ~5000 years ago with the Early Bronze Age Kura-Araxes culture and its reappearance at the Middle Bronze Age, when a level of ~14% was followed by ~10% in the Late Bronze Age and Iron Age and then diluted to ~7% by the Urartian period of the first half of the 1st millennium BCE and to the ~1 to 3% levels observed since the second half of that millnium at sites such as Aghitu and through the medieval period (at Agarak) down to present-day Armenians.

/ Einschub 19.6.2026 - Der Herkunftsanteil der osteuropäischen Jäger und Sammler machte beim frühen Urvolk der Indogermanen um 4.500 v. Ztr., also bei der Chwalynsk-Kultur, etwa 50% aus. Um dieses geht es hier aber nicht. Bei dem späten Urvolk der Indogermanen ab 3.300 v. Ztr., bei der Jamnaja-Kultur, macht dieser osteuropäische Jäger-Sammler-Anteil nur noch etwa 35 % aus - wie erst seit 2024 bekannt ist (s. Stg2024). Wenn man also in irgendeiner Region und Zeitepoche der Weltgeschichte den Anteil an Jamnaja-Herkunft innerhalb von Individuen und Völkern hochrechnen will ausgehend von ihrem osteuropäischen Jäger-Sammler-Anteil, dann darf der osteuropäische Jäger-Sammler-Anteil keineswegs mit 2 multipliziert werden (wie bei den Nachkommen der Chwalynsk-Kultur) (und wie das bisher fälschlicherweise auch hier im Blogartikel geschehen war), sondern er muß mit 2,857 multipliziert werden. Das heißt, die im Zitat genannten 14 % müssen nicht verdoppelt werden, sondern sie müssen mal 2,857 genommen werden. Und dann muß die Zwischenüberschrift lauten:

2.300 v. Ztr. - 40 % Steppengenetik kommt (erneut) in den Südkaukasus und sinkt bis in die Eisenzeit auf 28 % ab.

In Mesopotamien kommt aber - zumindest in einem Individuum - um 2000 v. Ztr. sogar 18 % osteuropäische Jäger-Sammler-Genetik an. Die 18 % x 2,857 ergibt 51,4 %. In Mesopotamien (Bakr Awa) kam in zumindest einem Individuum sogar grob 50 % Steppenherkunft an. Der nachfolgende Satz war deshalb ebenfalls zu korrigieren. /

Da der osteuropäische Jäger-Sammler-Anteil nur 35 % der (Jamnaja-)Steppengenetik ausmacht*), betrug diese Steppengenetik insgesamt ab 2.300 in Armenien 40 %, sank dann auf einen Wert von 28 % und in die urartäische Periode auf einen Wert von 20 % herab. Das entspricht im übrigen - darauf werden wir erst jetzt aufmerksam - vollkommen den parallelen Vorgängen in Griechenland in denselben Zeitepochen. Um 2.300 v. Zt. tritt der Steppengenetik-Anteil in Nordgriechenland mit 50 % auf und verdünnt sich bis in die klassische Zeit um 500 v. Ztr. auf acht Prozent. Aus dem Anhang der genannten Studie sei noch das das folgende zitiert (zit. n.Stgen2022):

Schon publizierte Individuen aus Nerkin Getashen (4) und Katnaghbiur (10) sowie ein neues Individuum aus Tavshut, das zur Trialeti-Vandazor-Kultur gehört, haben alle deutlich mehr Abstammung von osteuropäischen Jägern und Sammlern (EHG) (also Hinweis auf Steppengenetik) als die frühbronzezeitlichen Individuen der Kura-Araxes-Kultur. Auf das Verschwinden der EHG-Abstammung während der frühen Bronzezeit nach ihrem ersten Auftreten im Chalkolithikum folgt ihr mittelbronzezeitliches Wiederauftauchen irgendwann im 3. Jahrtausend v. Ztr. Wie früh kam es zu diesem Wiederauftauchen? Zukünftige (archäogenenetische) Studien zu dem frühen und mittleren 3. Jahrtausend v. Ztr., einer Zeit, in der bereits Steppen-Einwanderungen im übrigen Eurasien stattfanden, könnten dabei helfen festzustellen, ob Armenien bereits in dieser Zeit Verbindungen zur Steppe hatte (wie aus den hier analysierten Kura-Araxes-Individuen der frühen Bronzezeit hervorgeht) oder ob es in Armenien bereits Steppen-Einwanderer gab, wie eine interessante Entdeckung eines kürzlich ausgegrabenen großen Hügels im Syunik-Hochland bei Gorayak nahelegt. 

Soweit sei noch einmal der derzeitige Kenntnisstand von Seiten der Archäogenetik referiert. Zurück zur Archäologie.

2.300 v. Ztr. - Viele Siedlungen werden aufgegeben südlich des Kaukasus 

Die  Trialeti-Kirovakan-Kultur hat anfangs auch viele Elemente der Vorgängerkultur übernommen, zugleich war ihr Auftreten aber mit einer beträchtlichen Siedlungsaufgabe einher gegangen ist. Beides ähnlich wie zeitgleich in Griechenland. 

Es ist  nicht unwahrscheinlich, daß es sich bei dieser Kultur um die Vorfahren der späteren Hethiter und/oder andere indogermanischer Völker Anatoliens handelte (Hurriter, Lyder, Lyker usw.). Von Seiten der Archäogenetik ist bislang keinerlei Hinweis auf Steppengenetik bei den Hethitern und anderen anatolisch-indogermanischen Völkern gefunden worden. Vielleicht hat sich dieser genetische Anteil bei der nachherigen Ausbreitung dieser Völker verloren. Über die Endzeit der Kura-Araxes-Kultur in dieser Region südlich des Kaukasus lesen wir (1):

Kura-Araxes-Siedlungen im südlichen Kaukasus waren im Allgemeinen kleine Dörfer mit einer Subsistenzwirtschaft, die auf Pflug- und Bewässerungslandwirtschaft und saisonal wandernder Viehhaltung basierte (Kushnareva, 1997: 181). In den letzten Jahrhunderten des dritten Jahrtausends v. Ztr. führten weitreichende Veränderungen in Wirtschaft, Kultur und Gesellschaft zur Auflösung der Kura-Araxes-Gemeinschaften und zu einer weitreichenden Veränderung der archäologischen Befunde in der nachfolgende mittleren Bronzezeit. Das auffälligste archäologische Merkmal des Übergangs von der frühen in die mittlere Bronzezeit ist die weitreichende Veränderung der Siedlungsmuster. Diese führte zur Aufgabe einer großen Anzahl der späten Kura-Araxes-Gemeinschaften. Obwohl die Stratigraphie von Standorten wie Metsamor (Khanzadian et al., 1973), Garni (Kushnareva, 1997: 141) und Uzerlik -Tepe (Kushnareva, 1985) Hinweise auf eine gewisse Kontinuität zwischen Kura-Araxes und der Mittelbronzezeit liefert, scheint die große Mehrheit der Siedlungen der späten Frühbronzezeit gegen Ende des dritten Jahrtausends v. Ztr. aufgegeben worden zu sein. Daher stammen die meisten unserer archäologischen Erkenntnisse für das frühe zweite Jahrtausend eher aus Grabstätten als aus Siedlungskontexten. Auch die Bestattungsbräuche veränderten sich während der mittleren Bronzezeit, da Kurgane zur vorherrschenden Form der Bestattungsarchitektur wurden. Beispiele finden sich in Trialeti (Kuftin, 1941), Vanadzor (Kirovakan; Piotrovskii, 1949: 46) und Karashamb (Oganesian, 1992a).
Kura-Araxes settlements in southern Caucasia in general were small villages with a sub-sistence economy based upon plough and irrigation agriculture and sea-sonally migratory stock herding (Kushnareva, 1997: 181). In the last centuries of the third millennium BC, extensive transformations in economy, culture and society provoked the dissolution of Kura-Araxes communities and a broad alteration in the archaeological record for the succeeding Middle Bronze Age. The most conspicuous archaeological feature of the Early to Middle Bronze transition is the extensive shift in settlement pattern that led to the abandonment of a large number of late Kura-Araxes communities. Although the stratigraphy of sites such as Metsamor (Khanzadian et al.,1973), Garni (Kushnareva, 1997: 141) and Uzerlik-Tepe (Kushnareva,1985) indicate some continuity between Kura-Araxes and Middle BronzeAge levels, the large majority of late Early Bronze Age sites appear to have been abandoned near the end of the third millennium BC. As a result, most of our evidence for the early second millennium comes from cemetery rather than settlement contexts. Mortuary customs also changed during the Middle Bronze Age as kurgans – such as those documented at Trialeti (Kuftin, 1941), Vanadzor (Kirovakan; Piotrovskii, 1949: 46), and Karashamb (Oganesian, 1992a) – became the dominant form of burial architecture.

Ohne Frage gleicht also hier südlich des Kaukasus die Ankunft der indogermanischen Kultur um 2.300 v. Ztr. sehr stark derjenigen im zeitgleichen Griechenland, wo sich ebenfalls ein Zerstörungshorizont findet. Die Trialeti-Kirovakan-Kultur war dementsprechend auch sehr stark der mykenischen Kultur in Griechenland verwandt (Wiki):

Ein in Trialeti gefundener Kessel ist nahezu identisch mit einem solchen aus Schachtgrab 4 von Mykene in Griechenland.

Wir lesen (1):

Die Tatsache, daß diese Elite mit den Gegenständen (Waffen, Schilde, Streitwagen) und der Ikonographie rund um Kriegsführung sehr stark in Verbindung steht, deutet stark darauf hin, daß die soziale Schichtung in der mittleren Bronzezeit auf einer Kriegerkultur beruhte, in der die Werte sozialer Gewalt zu legitimierenden Werten geworden waren einer neu formulierten sozialen Hierarchie (Badalyan et al., erscheint demnächst).
The association of this elite with the trappings (weapons, shields, chariots) and the iconography of warfare (discussed below) strongly suggests that social stratification in the Middle Bronze Age hinged upon a martial culture where the values of social violence had become the legitimating values of a newly formulated social hierarchy (Badalyan et al., forthcoming).

Wir hören von großer sozialer Ungleichheit in dieser Kultur (Wiki):

Die Elite wurde in großen, sehr reichhaltigen Gräbern unter Erd- und Steinhügeln beigesetzt, in denen sich manchmal vierrädrige Wagen befanden. Außerdem wurden in den Gräbern viele Goldgegenstände gefunden. Diese Goldobjekte ähnelten denen, die im Iran und im Irak gefunden wurden. Sie verarbeiteten auch Zinn und Arsen. Diese Form der Bestattung in einem Tumulus oder „Kurgan“ zusammen mit Wagen ist die gleiche wie die der Kurgan-Kultur, die mit den Sprechern des Proto-Indogermanischen in Verbindung gebracht wurde.
The elite were interred in large, very rich burials under earth and stone mounds, which sometimes contained four-wheeled carts. Also there were many gold objects found in the graves.[13] These gold objects were similar to those found in Iran and Iraq.[9] They also worked tin and arsenic.[17] This form of burial in a tumulus or "kurgan", along with wheeled vehicles, is the same as that of the Kurgan culture which has been associated with the speakers of Proto-Indo-European.

Soweit allgemeiner zum Kenntnisstand der Archäologie. Nun zurück zu dem eingangs genannten Silberbecher.

2.200 v. Ztr. - Der Silberbecher von Karaschamb

Der eingangs erwähnte Silberbecher selbst nun ist mit sechs umlaufenden Bändern und dazugehörigen Reliefszenen verziert. Die zur Deutung wichtigsten Reliefbänder sind das zweite und dritte von oben gezählt (1):

Im zweiten umlaufenden Reliefband findet sich eine Schlacht dargestellt, eine Parade mit Gefangenen und ein Bankett und gibt damit höchstwahrscheinlich eine Erzählreihenfolge vor, in der die Szenen zu lesen sind. Die Kampfszene besteht aus zwei Gruppen von Fußsoldaten, die mit Speeren und Dolchen kämpfen. In der angrenzenden Prozession folgen drei Soldaten einem einzelnen unbewaffneten Gefangenen, der von einem Speer im Rücken nach vorne gedrückt wird. Die Bankettszene wird auf der einen Seite von einem großen Hirsch (besser wohl: Elch?) und auf der anderen von einer sitzenden Figur mit etwas, das wie ein Musikinstrument aussieht, umrahmt. In der Mitte der Szene fächeln zwei Diener einer sitzenden Figur (allgemein als „König“ interpretiert) Luft zu, die aus einer Tasse nippt, während Diener sich um die Opfergaben kümmern, die auf zwei großen Tischen stehen (Oganesian, 1992b: 86).
The second register depicts a battle, a parade of a captive and a banquet, most likely providing a narrative order in which the scenes are to be read. The battle scene is composed of two sets of two foot soldiers fighting with spears and daggers. In the adjacent procession, three soldiers trail behind a single unarmed captive pressed forward by a spear in its back. The banquet scene is bracketed by a large stag on oneside and a seated figure with what appears to be a musical instrument on the other. At the center of the scene, two attendants fan a seated figure (generally interpreted as a ‘king’) who sips from a cup as servants attend to offerings set atop two large tables (Oganesian, 1992b: 86).

Es scheint uns hier ein Leier-Spieler dargestellt zu sein. Die Leier ist zwar auch noch in den nachfolgenden Jahrhunderten und Jahrtausenden ein typisches indogermanisches und germanisches Instrument. Sie fand sich aber in der Bronzezeit auch schon bei den Sumerern und Ägyptern (Wiki).

Abb. 2: Krieg und Waffen, Kampf und Sieg über die Feinde - Friese auf dem Silberbecher von Karashamb in Armenien, um 2.200 v. Ztr. (aus 1)

Die hier als "Fächer" gedeuteten Gegenstände könnten gut und gerne auch Trompeten- oder Luren-artige Musikinstrumente sein. Über die zweite Reihe lesen wir anderorts zusätzlich noch (ChinaArmArt2022):

Die Hauptfigur der ersten Szene ist ein König auf einem Thron (Gott). Vor ihm stehen Altäre mit Ritualgefäßen und amtierende Priester. Die Priester bringen einen männlichen Hirsch (besser wohl: Elch) zum Altar, unter dessen Bauch das Bild einer Mondsichel als Opfersymbol hervorgehoben ist. (...) Der Zweck der Zeremonie bestand darin, den Sieg über den Feind zu feiern, der durch Bilder von Männern mit Speeren und gezogenen Dolchen dargestellt wurde.

Über die dritte Reihe lesen wir (1):

Das dritte Register präsentiert eine Gruppe von Szenen im Zusammenhang mit den Folgen der Eroberung. Im Zentrum der Komposition steht ein geflügeltes Wesen mit Löwenkopf. Rechts davon sehen wir einen besiegten Feind, der mit einem Speer getötet wird, und eine sitzende Figur, die neben einem Stapel abgeschlagener Köpfe eine Axt schärft. Anschließend finden wir einen Haufen Waffen, die vermutlich auf dem Schlachtfeld verstreut liegen, und einen weiteren Gefangenen, der getötet wird. Links neben dem geflügelten Löwen stehen drei kopflose Figuren neben einem Löwen und einem Widder, die hintereinander dargestellt werden. Interessanterweise wurden alle im Register dargestellten „Feinde“ mit buschigen Schwänzen versehen.
The third register presents a group of scenes related to the aftermath of conquest. At the center of the composition stands a winged creature with alion’s head. To its right we find a defeated foe being killed with a spear and a seated figure sharpening an axe next to a pile of decapitated heads. Following that we find a pile of weapons, presumably left strewn upon thebattlefield, and another captive being killed. To the left of the winged lion, three headless figures stand adjacent to a superimposed lion and ram. Interestingly, all of the ‘enemy’ portrayed in the register have been given bushytails. 

Die Darstellungsart mutet insgesamt eher sumerisch als indogermanisch an, die dargestellten Inhalte muten aber indogermanisch an. Und tatsächlich scheint von der ganzen Stimmung der Darstellung her die Eroberung eines Landes dargestellt zu werden. Es finden sich die erbeuteten Köpfe und Waffen dargestellt. Sie werden offenbar der Sonnen-Gottheit geopfert (siehe Sonnenrad). Auch die geköpften Feinde tragen Mokassins. Aber sie tragen zusätzlich eine Art Pelzschwanz am Hintern. Womöglich deutet diese Darstellung auch auf mythologische Erzählelemente. Oder soll damit die Andersartigkeit der Feinde symbolisiert werden? 

In der obersten Reihe nun findet sich eine Wildschwein-Jagd dargestellt. Der Pfeil des Jägers steckt in der Schulter des Ebers (Wiki):

Der Jäger kniet auf seinem rechten Bein und hat seinen Bogen schußbereit auf seinem Schoß. Vor dem verwundeten Eber steht ein Löwe (Jagdhund?) und dahinter ein Leopard (ebenfalls ein Jagdhund?). Ihnen folgt eine unterbrochene Reihe von Löwen und Leoparden (oder Jagdhunde?). Hinter dem Jäger steht ein Hund mit Halsband.

Jedes hier als "Leopard" gedeutete Tier ist sehr individuell gekennzeichnet mit einem bestimmten Fellmuster oder gar Rasiermuster dargestellt. Ob dieser Umstand nicht eher auf Jagdhunde deuten sollte? Handelt es sich nicht bei den meisten auf diesem Becher als "Leoparden" gedeuteten Tieren um Jagdhunde? 

Falls es sich doch um Tiere wie Löwen und Leoparden handeln sollte, wäre es sicherlich richtig, sie als Zeichen der Würde und Macht des Königs zu deuten. Bei dem Becher handelt es sich schließlich um einen Königsbecher. Er erzählt von den Taten des Königs. In vielem erinnert er übrigens an eine vergleichbare berühmte Darstellungen aus dem grob zeitgleichen Sumer, nämlich an die Darstellungen der Standarte von Ur (Wiki). 

Mit diesem Becher wird jedenfalls deutlich, daß auch die mykenische Kultur in Griechenland, die ja ebenfalls eine ausgeprägte Kriegerkultur war, ähnlich geartete Vorläufer über Jahrhunderte hinweg besessen hat. 

Der Hortfund von Ureki in Georgien (2.200 v. Ztr.)

- Ergänzung 25.5.2026 - Neuerdings wird auch der Hortfund von Ureki (Wiki) von der Schwarzmeerküste Georgiens auf die Zeit um 2.200 v. Ztr. datiert (2). Er enthält zahlreiche bronzene Schaftlochäxte, deren Verbreitungsgebiet von Rumänien bis nach Georgien, zum Teil bis nach Mesopotamien und auch bis in die Ägäis reichte, den wir lesen (2):

Einen wichtigen Beitrag zur Datierung der Äxte hat Joseph Maran mit seinen ebenso konzisen wie eleganten Ausführungen über eine Axt des Typus Patulele aus einem kleinen Hortfund von Theben geliefert. Mit der Axt  fanden sich ein Meißel und ein Meißelfragment, zwei Flachbeile und eine Doppelaxt in einem für die Stufe Frühhelladisch III typischen Tongefäß.

Und (2):

Die Axt aus dem kleinen Hort, der in der Siedlung Daskalio in der Nähe der Kykladeninsel Keros gefunden wurde, kann in das 24. Jahrhundert v. Chr. datiert werden.

Mit solchen Bronzeäxten bewaffnet darf man sich also die Eroberung Griechenlands, Armeniens und Georgiens vorstellen. 

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*) /19.6.2026 / Dieser Satz ist inzwischen entsprechend der vorausgehenden Einfügung korrigiert. Ursprünglich hatte dieser Satz mit den Worten angefangen: "Da der osteuropäische Jäger-Sammler-Anteil nur die Hälfte der Steppengenetik ausmacht ..."

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  1. Adam T Smith: The Limitations of Doxa: Agency and Subjectivity from an Archaeological Point of View, October 2001, Journal of Social Archaeology 1(2):155-171 (Res2001)
  2. Joni Apakidze und Svend Hansen: Ein Hort vom Anfang der Mittelbronzezeit aus Ureki in Westgeorgien. In: Das Altertum, 2025, Band 70, Seiten 241-290 (Acad)

Dienstag, 30. Mai 2023

Marsyas - oder: Der feurige Ehrgeiz der antiken Griechen

Eine Deutung der antiken Griechen durch Friedrich Nietzsche
- Ein Blick in die antik-griechische Volksseele
- Die größte Stärke des antik-griechischen Volkes war womöglich zugleich seine größte Schwäche - an der es schließlich untergegangen ist: Der Ehrgeiz im Wettkampf, der Neid und die Vermessenheit im Erfolg
- Die größte Stärke und größte Schwäche von uns Abendländern könnten andere sein

Die antik-griechische Volksseele ist in weiten Teilen noch völlig unerforscht. Das heißt, die Gesetzmäßigkeiten und die Grundkräfte, aus denen heraus die antik-griechische Kultur gelebt hat, aus der heraus ihre kulturschöpferische Begabung zu verstehen ist. Wenn man erst einmal einen Einblick in diese Thematik genommen hat, wird einem das erst bewußt - nämlich als Fragesstellung, als Problem. Und zwar von unermeßlichen Dimensionen. Wir hatten schon - mit Hölderlin - danach gefragt: Was unterscheidet den "südlichen Menschen" des antiken Griechenland von dem "hesperischen Menschen", dem "Abendländer" des Nordens (Stgen2023)? Und zwar auf einer grundlegenden Ebene, auf einer Ebene, aus der heraus künstlerisches, kulturelles Schaffen möglich wird.

Bei Hölderlin fanden wir eine erste Antwort. Bei Friedrich Nietsche finden wir nun noch eine weitere Antwort, die weit über Hölderlin hinaus geht, ihn vielleicht aber auch zusätzlich deutet und ergänzt (1).

Marsyas

Zunächst waren wir bei einer Zusammenstellung von antik-griechischen Porträts (WikiC, WikiCo) (für einen noch unveröffentlichten Beitrag) auf eine Skulptur des Marsyas (Wiki) (Abb. 1) gestoßen. Auf eine nicht genau zu bestimmende Weise kann sie einen irgendwie ansprechen. Es gibt ja viele, sehr eindrucksvolle Porträts der damaligen Zeit. Aber das, was dieses Porträt sagt, findet man so nicht so leicht in anderen wieder. Aber was es einem eigentlich sagt, will einem auf den ersten Blick gar nicht aufgehen. Nur daß es etwas zu sagen hat.

Abb. 1: Kopf des Flußgottes Marsyas - Nach einem Original aus der Zeit zwischen 150 und 100 v. Ztr. - Gefunden 1867 in den Bädern des Caracalla, Altes Museum Berlin (Wiki) (Fotografiert von Ophelia2)

Erst wenn man sich mit dem Mythos rund um Marsyas (Wiki) beschäftigt, bekommt man eine Ahnung davon, was dieses Porträt aussagen könnte, so wie es aus unbewußten, unterbewußten oder bewußten Triebkräften des (unbekannten) Künstlers heraus geschaffen worden sein mag: Ein Satyr und Flußgott, der es gewagt hat, in einen musischen Wettstreit mit Apollon zu treten und der von diesem dafür grausam bestraft worden ist, der von ihm bei lebendigem Leibe gehäutet worden ist. Eine Idylle, die sich in Entsetzen wandelt. Man ist schlichtweg nur entsetzt. 

Läßt man diesen Mythos eine Weile in sich nachwirken, bekommt man womöglich auf den zweiten Blick eine Ahnung, daß dieser einen tiefen Blick werfen lassen könnte in die antik-griechische Volksseele überhaupt.

Denn schon in der Antike gab es vielfältige, eindrucksvolle Darstellungen von diesem Flußgott und Satyr, der die von der Göttin Athena weggeworfene Flöte fand und sich vermessen hat, mit Hilfe derselben in einen musikalischen Wettstreit mit dem Gott Apollon zu treten und mit der von diesem gespielten Kithara, und der dafür, nachdem Apollon nur mühsam hatte siegen können, nämlich unter Zuhilfenahme seines Gesanges, bei lebendigem Leibe gehäutet worden ist. Was für eine Rache. Warum? Es ging doch nur um Musik. Der Neid der Götter eben ....? Der sehr menschlich anmutende?

Die Vielfalt der künstlerischen Auseinandersetzung mit dieser Thematik und mit dieser mythologischen Figur über die Jahrhunderte hinweg macht deutlich, daß diese Figur die antik-griechische Volksseele "umgetrieben" hat. Dasselbe möchte man aus jenem Kopf des Marsyas ablesen, der uns zuerst aufgefallen war (Abb. 1). Man liest so viel Zustimmung zu diesem Marsyas in diesem Porträt, so viel Sympathie für ihn, so viel Ergriffenheit. Man ahnt die vollumfängliche Zustimmung des Künstlers zum Gesamtgeschehen rund um Marsyas. Er sieht die Notwendigkeit seines Schicksals ein. Er ist ergriffen von diesem Marsyas, der es ein wenig unüberlegt gewagt hat, einen Gott herauszufordern. Und zwar nicht irgendeinen Gott. Sondern ausgerechnet Apollon.

Wie gewöhnlich ist es bei den antiken Griechen bei ihrer lebhaften und lebendigen Auseinandersetzung mit ihren religiösen und mythologischen Überlieferungen auch zu unterschiedlichen Deutungen und Interpretationen gekommen. Die Deutungen konnten einmal gemessener, mehr "im Rahmen" bleiben, fast schlicht bleiben, einmal exzentrischer sein. Wobei der Mythos selbst und an sich wohl durchaus als exzentrisch aufgefaßt werden kann. Und wobei der Späthellenismus womöglich eher dazu neigte, wieder ein Verständnis für diese Exzentrizität zu gewinnen als das in der klassischen Zeit der Fall gewesen sein mag. Hier eine kleine Auswahl von Auseinandersetzungen:

  • 450 v. Ztr. schuf der Athener Bildhauer Myron die Athena-Marsyas-Gruppe (Wiki) (WikiCom1, 2), die auf der Akropolis aufgestellt wurde, und deren Bekanntheit bis heute kaum hinter seinem freilich noch bekannteren Diskus-Werfer zurück steht (Abb. 2, 3).
  • 340 v. Ztr. entstand in Athen ein Relief zu dieser Thematik (Wiki).
  • Im frühen 3. Jahrhundert v. Ztr. entstand eine weitere Skulptur des Marsyas (WikiCom).
  • Am Ende des 2. Jhrdts. v. Ztr. ebenfalls (WikiCom).

Und so gibt es noch viele weitere Darstellungen von ihm.

Abb. 2: Athena und Marsyas von Myron - Marsias entdeckt die von Athena fortgeworfene Flöte - Nachbildung im Pushkin-Museum in Moskau (Wiki) (Fotografiert von: user:shakko)

In der berühmten, wohlkomponierten Schrift "Symposion" von Platon, einem der Höhepunkte der Philosophiegeschichte der Menschheit, vergleicht Alkibiades, der vergeblich versucht hatte, den Sokrates homoerotisch zu verführen (Wiki),

"die Wortgewalt des Sokrates mit der Wirkung der Aulosmusik und Sokrates direkt mit Marsyas".

Schon an dieser Stelle wird deutlich, auf welch schmalem Grad zwischen Zustimmung und Ablehnung sich die antiken Griechen gegenüber dem Flußgott und Satyr Marsyas und der ganzen Wesensart bewegten, die er verkörperte. Man war geneigt, auch den Sokrates in einer Tradition mit diesem Marsyas zu sehen - und das wurde nicht zwangsläufig als eine Beleidigung oder Herabsetzung erachtet. Im Gegenteil. Immerhin weisen ja auch antike Porträts des Sokrates (WikiCom) mancherlei Ähnlichkeit auf mit dem hier gebrachten Porträt des Marsyas (Abb. 1). Dieser schmale Grad in Zustimmung und Ablehnung scheint uns auch aus vielen anderen künstlerischen Auseinandersetzungen mit Marsyas zu sprechen (z.B. Abb. 2 und 3). 

War es nicht womöglich einfach so: In diesem Marsyas sahen die antiken Griechen sich selbst? In ihrer ursprünglicheren, "unverfälschteren" Form?

Den Griechen war es bewußt, daß naturhafte Musik und Triebhaftigkeit, wie sie von Satyren verkörpert werden konnte, gerne einmal von einem ihrer Hochgötter Apollon grausam bestraft werden konnten. Das hielt sie nicht davon ab, dieser naturhaften Musik und Triebhaftigkei Hochachtung entgegen zu bringen. So viel Menschlichkeit und Unmenschlichkeit in einem mythologischen Bild zugleich! Und zwar auf den Seiten beider, auf der Seite des "tierhaften" Marsyas ebenso wie auf Seiten des "hochkultivierten" Apollon. Eine Dialektik zwischen beiden in doppeltem Sinne!

Spiegelt sich nicht genau darin ein Grundzug der antik-griechischen Kultur?

Anhand dieses Marsyas kann man sich klar machen, daß die antiken Griechen die zügellose, ungehemmte Lust und wilde Leidenschaft, die die Satyren verkörperten, nicht nur anhand der Dionysos-Figur thematisiert haben, sondern daß das Thematisieren wilder Leidenschaft, Triebhaftigkeit und Gesetzlosigkeit überhaupt in der griechischen Kunst und Philosophie eingebettet war, und zwar zugleich in dem Wissen darum, daß solche - gegebenenfalls -  von dem Gott Apollon bei Gelegenheit würde "gehäutet" werden können, und daß sich die Göttin Athene - wie von Myron dargestellt - in Schamhaftigkeit von ihr würde abwenden können (Abb. 2, 3). Und zugleich in Zustimmung zu all diesem Geschehen. Obwohl es sie, die Griechen, selbst betraf, dieses "Häuten" bei lebendigem Leibe.

Für die antiken Griechen war eben diese Dialektik zwischen naturhafter, wohltönender Triebhaftigkeit einerseits und gemessenem Maß und Selbstbeherrschung andererseits etwas durchgängig Mitgedachtes in allem mythischen Denken, sowie künsterlischen und philosophischen Schaffen, und zwar offenbar von Anfang an in sehr nuancierten Mischungen. Und zwar wiederum zugleich auch in Mischungen von Ernst und Heiterkeit zugleich.

Wie viel zutiefst Menschliches an sich läßt sich in Auseinandersetzung mit solchem künstlerischen Schaffen thematisieren!

Man wird wohl nicht fehlgehen, in dieser Dialektik einen tieferen Wesenszug der antik-griechischen Kultur überhaupt zu suchen.

Nietzsche

Im weiteren Nachdenken stellt sich die Frage, was eigentlich Friedrich Nietzsche über Marsyas gesagt haben könnte, er, der über den Gegensatz zwischen dem Dionysischen und Apollinischen so viel Bedeutsames zu sagen gehabt hat (Wiki)*).

Und indem wir dieser Frage nachgehen, stoßen wir auf einen uns bislang unbekannten Nietzsche-Aufsatz, in dem wir mit Erstaunen feststellen, daß selbst Nietzsche sich noch entsetzt zeigte von der Grausamkeit der antiken Griechen (1) (Zeno). Entsetzter noch als wir es heute zu sein gewohnt sind, wenn wir - ebenfalls immer einmal erneut erstaunt - auf diesen Umstand aufmerksam werden (z.B.: Stgen2013). 

Abb. 3: Athena und Marsyas von Myron - Marsias entdeckt die von Athena fortgeworfene Flöte - Nachbildung im (Wiki) (Fotografiert von Zserghei)

Aber gerade durch die Archäogenetik - zusammen mit den zahlenmäßig anwachsenden archäologischen Befunden zu Massenmorden an Frauen und Kindern seit dem Neolithikum - haben wir in den letzten Jahren erst eine umfassendere Ahnung bekommen davon, daß jenes "genetic replacement", das in der Völkergeschichte immer einmal wieder beobachtet werden kann, viel mit einer solchen Grausamkeit, mit der physischen Ausrottung und Versklavung ganzer Völker und Stämme zu tun haben könnte, mit Verelendung und Streßzeiten in der Völkergeschichte. Davon handeln viele Blogbeiträge der letzten vier Jahre hier auf dem Blog (hier nur als Beispiel: Stgen2021a, b).

So daß wir es hier mit einem Charakterzug zu tun haben, der nicht nur auf die antiken Griechen zutrifft, sondern mit der Welt seßhafter, Ackerbau treibender Völker insgesamt. Daß in der Völkerwelt der Menschheitsgeschichte sich das Recht des Stärkeren und das Prinzip des Wettkampfs der Völker miteinander viel unverblümter geltend machte, als wir uns das lange Zeit hatten eingestehen wollen.**)

Es handelt sich aber um einen Charakterzug, der auch in Jäger-Sammler-Völkern anzutreffen ist, zum Beispiel bei den Kopfjägern in Tibet (Stgen2007). Es handelt sich zugleich auch um ein Bündel von Verhaltenstendenzen, von dem Peter Sloterdijk schon 2006 in seinem Buch "Zorn und Zeit" und in einem damaligen Cicero-Interview forderte, daß es in der Psychologie unserer Zeit mehr Berücksichtigung finden sollte, von ihm zusammen gefaßt unter dem sehr umfassenden Begriff der "thymotischen Energien" (Stgen2007).

Es handelt sich um einen Charakterzug und um ein Verhaltensbündel, die durch monotheistischen Eifer - oder später durch atheistisch-ideologischen Eifer - nur noch einmal erneut entflammt und angefacht worden sind und werden, die aber schon zuvor als ein Eifer noch etwas anderer Art in der Welt waren, als ein Eifer zum Beispiel, der Beste zu sein - worauf uns Nietzsche hier aufmerksam macht (siehe gleich).

Zunächst ist man - aus heutiger Sicht - fast verwundert, daß ausgerechnet Nietzsche ein solches Entsetzen aufweist gegenüber den oft außerordentlich schrecklichen Phantasien und Taten, die sich in den antik-griechischen Mythen (Orpheus-Mythos, Dionysos-Mythos u.a.) ebenso wiederspiegeln wie in vielfältigen Taten der antik-griechischen Geschichte.

Nietzsche macht dann aber im weiteren Verlauf seiner Überlegungen Beobachtungen, die noch heute tiefer in die Volksseele der antiken Griechen blicken lassen könnten (1):

Das gesamte griechische Altertum denkt anders über Groll und Neid als wir und urteilt wie Hesiod, der einmal eine Eris als böse bezeichnet, diejenige nämlich, welche die Menschen zum feindseligen Vernichtungskampfe gegeneinander führt, und dann wieder eine andre Eris als gute preist, die als Eifersucht, Groll, Neid die Menschen zur Tat reizt, aber nicht zur Tat des Vernichtungskampfes, sondern zur Tat des Wettkampfes. Der Grieche ist neidisch und empfindet diese Eigenschaft nicht als Makel, sondern als Wirkung einer wohltätigen Gottheit.

Was für ein schöner Gedanke in diesem letzten zitierten Satz enthalten ist. Er zaubert uns ein Lächeln auf die Lippen. Vielleicht ist der Grieche ja auch nur ehrlicher als wir, geht einem dabei durch den Kopf. Eine Eigenschaft, die man ehrlich auslebt, läßt sich auch ehrlich überwinden. Eine Eigenschaft, deren Vorhandensein man neigt hinwegzuleugnen, weil man sie gar zu sehr verdammt, wird man viel schwerer überwinden können. Denn sie wird dann nur doppelt so stark wirken in unserer heutigen, so durch und durch von ätzendem Ressentiment durchtränkten Kultur. 

Wie viel Neid mag in der heutigen Welt sein. Und wie viel Neid mag das Leben der Menschen angefressen, verbittert und verzerrt sein lassen. Womöglich waren die antiken Griechen davor durch ihren sehr ehrlichen und offenen Umgang viel besser geschützt. Sie thematisierten diesen Neid ganz ehrlich. Und sprachen ihm gute Kräfte zu. 

"Willkommen Gewinn!"

Lesen wir nicht an der Eingangstür eines Geschäftes in Pompeji den so wunderschönen Spruch "Willkommen Gewinn!" - ? Welcher so ganz und gar andere Geist spricht aus diesen beiden Worten als der Geist des christlichen Abendlandes mit all seinem verkniffenen Ressentiment, der es einerseits wegleugnet, daß wir uns über Gewinn freuen, sich andererseits dann aber klammheimlich um so mehr darüber freut und ihn dem anderen neidet. Oder der in offener Frivolität und egoistischem Materialismus keine anderen Lebensziele kennt als diesen rein materiellen Gewinn. Oh, was für ein verfluchtes, unehrliches, orientierungsloses, gottloses Jahrhundert, Jahrtausend. 

Wann sie wohl wieder kommen werden, die Zeiten von Pompeji?

Ehrlich und offen freut sich hier ein Geschäftsmann über seinen Gewinn. Amazon, du Steuerhinterzieher in allergrößtem Umfang, wie wäre das, wenn du offen und ehrlich als Titelzeile über deine Seiten setzt: "Willkommen Gewinn!" Denn um nichts anderes geht es. 

Auch dir. Sei ehrlich. Wenigstens das. Wenn dich die Regierungen weltweit schon so auffällig schonen und dir keine Steuerbeamten auf den Hals hetzen. Dir und unzähligen anderen, weltweit agierenden Konzernen.

In dem hier herangezogenen Text von 1872 ist Friedrich Nietzsche denkbar weit entfernt von seinem Gedanken vom "Willen zur Macht", der doch zwangsläufig einher gehen muß mit "Streit", "Abwehr", "Kampf", "Antagonismus". Die Götter fordern doch für sich Macht ein. Deshalb ist es doch ganz selbstverständlich, daß sie diese gegenüber den Menschen, Halbgöttern und Satyren auch durchsetzen - auf welche Weise auch immer. Aber wir lesen aus diesem Text immerhin heraus, wie sich dieser sein späterer Gedanke vom "Willen zur Macht" zu formen begann. 

Der Wettstreit - Er hatte eine so ganz andere Bedeutung in der antik-griechischen Kultur

Sein Text erhält im weiteren Verlauf unglaubliches Gewicht, wenn er darauf aufmerksam macht, daß es der Wettkampf ist, der zu den tieferen Grundkräften des antik-griechischen kulturellen Schaffens gehört (1):

Je größer und erhabener aber ein griechischer Mensch ist, um so heller bricht aus ihm die ehrgeizige Flamme heraus, jeden verzehrend, der mit ihm auf gleicher Bahn läuft. Aristoteles hat einmal eine Liste von solchen feindseligen Wettkämpfen im großen Stile gemacht: darunter ist das auffallendste Beispiel, daß selbst ein Toter einen Lebenden noch zu verzehrender Eifersucht reizen kann. So nämlich bezeichnet Aristoteles das Verhältnis des Kolophoniers Xenophanes zu Homer. Wir verstehen diesen Angriff auf den nationalen Heros der Dichtkunst nicht in seiner Stärke, wenn wir nicht, wie später auch bei Plato, die ungeheure Begierde als Wurzel dieses Angriffs uns denken, selbst an die Stelle des gestürzten Dichters zu treten und dessen Ruhm zu erben. Jeder große Hellene gibt die Fackel des Wettkampfes weiter; an jeder großen Tugend entzündet sich eine neue Größe. Wenn der junge Themistokles im Gedanken an die Lorbeeren des Miltiades nicht schlafen konnte, so entfesselte sich sein frühgeweckter Trieb erst im langen Wetteifer mit Aristides zu jener einzig merkwürdigen, rein instinktiven Genialität seines politischen Handelns, die uns Thukydides beschreibt.

Es handelt sich also um den Eifer, der Beste sein zu wollen. Diesen Geist des Wettkampfes, der so viel Herrliches in der Kultur und Geschichte der antiken Griechen hervorgebracht haben mag, ist nicht genügend gebändigt worden durch "das Vaterländische", so hatten wir uns schon durch Hölderlin belehren lassen. Aber da er zugleich eine so starke Triebkraft war zu kulturellem Schaffen - wie möchte man ihn da noch verdammen? War da die antik-griechische Kultur nicht geradezu zwangsläufig zum Untergang verdammt? Da ihr der Wettkampf untereinander, nicht zuletzt der leidenschaftliche Wettkampf - auf vielen Ebenen - zu einer so wichtigen kulturellen Antriebskraft nötig war?

Wir verdammen diesen Ehrgeiz heute. Und das zu vielen Teilen auch zurecht. Wir verdammen ihn auch deshalb, weil wir spüren, daß es seiner nicht bedarf, um höchste kulturelle Leistungen hervor zu bringen. Wollte Beethoven "besser" sein als alle anderen und wurde er insbesondere deshalb dieses "Genie"? Nein, wir empfinden hier stark den Unterschied zwischen der antik-griechischen und der abendländischen Kultur. Wir spüren geradezu, daß die abendländischen Antriebskräfte zum kulturellen Schaffen, der Natur desselben näher stehen als die antik-griechischen Antriebskräfte. Freilich stehen die abendländischen Antriebskräfte zugleich auch in größerer Gefahr, "einzuschlafen", weil sie sich durch Wettstreit untereinander womöglich nicht genügend anspornen lassen.

Wie kam es uns schon beim ersten Studium der griechischen Geschichte***) so sonderbar vor, daß die antiken Griechen gar zu sehr herausragende Größe einzelner Persönlichkeiten im politischen Leben nicht ertragen konnten und gegen sie immer und immer wieder das Mittel der Verbannung, des Ostrakismos anwendeten. Wie unweise, ja töricht kam uns das wieder und wieder vor. Ja, deshalb sogar abstoßend. Wie uns überhaupt die rein politische Geschichte der antiken Griechen allezeit abstoßend erschienen ist. Und jetzt erkennen wir, warum sie - einem Abendländer - abstoßend erscheinen muß. Allein um der politischen Geschichte und Kultur der antiken Griechen willen würden wir ihnen jedenfalls längst nicht jene große Hochachtung entgegen bringen können, wenn wir nicht zugleich davon wüßten, daß sie von der Sonne des Homer beschienen war und daß sie zugleich so herrliche Kunst, Philosophie und Wissenschaft hervor gebracht haben. Hier bei Nietzsche aber finden wir nun eine gute Erklärung für dieses elendige Verbannen der besten Politiker, Staatsmänner und Feldherren (1):

Der ursprüngliche Sinn dieser sonderbaren Einrichtung ist aber nicht der eines Ventils, sondern der eines Stimulanzmittels: man beseitigt den überragenden einzelnen, damit nun wieder das Wettspiel der Kräfte erwache: ein Gedanke, der der "Exklusivität" des Genius im modernen Sinne feindlich ist, aber voraussetzt, daß in einer natürlichen Ordnung der Dinge es immer mehrere Genies gibt, die sich gegenseitig zur Tat reizen, wie sie sich auch gegenseitig in der Grenze des Maßes halten. Das ist der Kern der hellenischen Wettkampf-Vorstellung: sie verabscheut die Alleinherrschaft und fürchtet ihre Gefahren, sie begehrt, als Schutzmittel gegen das Genie - ein zweites Genie.

Nietzsche ist hier ebenso genial wie die antiken Griechen. Beide zaubern uns an dieser Stelle ein Lächeln auf die Lippen. Wie heiter und voller Sonnenschein wird Weltgeschichte und Kulturgeschichte, wenn wir sie aus ihren tieferen Antriebskräften heraus verstehen. Wie lösen sich dann alle Widersprüche auf - oder erscheinen doch wenigstens in einem milderen, nicht mehr so grell-widersprüchlichen Licht. Nietzsche sagt so richtig (1):

Dort, wo der moderne Mensch die Schwäche des Kunstwerks wittert (nämlich im persönlichen Ehrgeiz des Künstlers), sucht der Hellene die Quelle seiner höchsten Kraft! 

Wir spüren deutlich: In diesem Umstand können uns die Hellenen nicht Vorbild sein. Wir sind in diesem Punkt - eigentlich - weiter. Und waren es immer schon. Vielleicht schon - sozusagen - "von Natur aus". Soll Tilman Riemenschneider in Wettstreit getreten sein mit den anderen Bildhauern seiner Zeit und nur um dieses Wettstreites willen ein so ergreifender Künstler geworden sein? Nein. Wie sehr würden wir hier das Wesen seiner Kunst verkennen. Kunst ist uns vielmehr die Abwesenheit von Wettstreit und Ehrgeiz. Und doch: Mit diesem Gedanken darf man sich den Künstlern der griechischen Antike durchaus nähern, ohne an sie Unangemessenes heran zu tragen.

Und daran wird deutlich erkennbar, daß die griechische Antike aus anderen Grundkräften lebte als das Abendland (1):

Nehmen wir dagegen den Wettkampf aus dem griechischen Leben hinweg, so sehen wir sofort in jenen vorhomerischen Abgrund einer grauenhaften Wildheit des Hasses und der Vernichtungslust. Dies Phänomen zeigt sich leider so häufig, wenn eine große Persönlichkeit durch eine ungeheure glänzende Tat plötzlich dem Wettkampfe entrückt wurde und hors de concours (außer Konkurrenz), nach seinem und seiner Mitbürger Urteil war. Die Wirkung ist, fast ohne Ausnahme, eine entsetzliche.

Ob man an dieser Stelle nicht richtig liegt, wenn man in diesem Wesenszug die "orientalischen", "mediterranen" Charakterzüge zu finden glaubt, die die vorgriechische Kultur der Pelasger geprägt haben werden - so wie den ganzen übrigen Orient? Und ob die indogermanisierten Griechen mit ihren 92 % mediterraner Herkunft nur auf diese Weise diese Verhaltenstendenz in Schach halten konnten, kultivieren konnten, bändigen konnten, daß sie den Wettstreit zuließen als Mittel der Kultivierung und der Einhaltung des Maßes? 

Ist dies - in den Worten Hölderlins (s. Stgen2023) - "die Regel, womit sie den übermütigen Genius vor des Elements Gewalt behüteten", bzw.: zugleich behüteten wie entfachten?

Abb. 4: Porträtbüste des Miltiades d. J. (554 bis 459 v. Ztr.), Nationalmuseum von Ravenna (Wiki)

Auf eine Art, die zugleich in sich die Gefahr des Untergangs barg, weil sie über dem Wettstreit untereinander die Gemeinsamkeit vergessen konnten? 

Miltiades

Nietzsche erläutert seine Erkenntnis anhand des Lebensschicksals des Feldherrn Militades (554-489 v. Ztr.), das genau zu jenem Verstörendsten gehört, auf das man beim Studium der antik-griechischen, politischen Geschichte überhaupt stoßen kann (1):

Es gibt kein deutlicheres Beispiel als die letzten Schicksale des Miltiades. Durch den unvergleichlichen Erfolg bei Marathon auf einen einsamen Gipfel gestellt und weit hinaus über jeden Mitkämpfenden gehoben, fühlt er in sich ein niedriges rachsüchtiges Gelüst erwachen gegen einen parischen Bürger, mit dem er vor alters eine Feindschaft hatte. Dies Gelüst zu befriedigen, mißbraucht er Ruf, Staatsvermögen, Bürgerehre und entehrt sich selbst. Im Gefühl des Mißlingens verfällt er auf unwürdige Machinationen. Er tritt mit der Demeterpriesterin Timo in eine heimliche und gottlose Verbindung und betritt nachts den heiligen Tempel, aus dem jeder Mann ausgeschlossen war. Als er die Mauer übersprungen hat und dem Heiligtum der Göttin immer näher kommt, überfällt ihn plötzlich das furchtbare Grauen eines panischen Schreckens: fast zusammenbrechend und ohne Besinnung fühlt er sich zurückgetrieben, und über die Mauer zurückspringend stürzt er gelähmt und schwer verletzt nieder. Die Belagerung muß aufgehoben werden, das Volksgericht erwartet ihn, und ein schmählicher Tod drückt sein Siegel auf eine glänzende Heldenlaufbahn, um sie für alle Nachwelt zu verdunkeln. Nach der Schlacht bei Marathon hat ihn der Neid der Himmlischen ergriffen. Und dieser göttliche Neid entzündet sich, wenn er den Menschen ohne jeden Wettkämpfer gegnerlos auf einsamer Ruhmeshöhe erblickt. Nur die Götter hat er jetzt neben sich - und deshalb hat er sie gegen sich. Diese aber verleiten ihn zu einer Tat der Hybris, und unter ihr bricht er zusammen.

Genial gedeutet. Wir für uns müssen sagen, daß wir damit - mehr als dreißig Jahre nach Beginn unseres Studiums der Alten Geschichte im Nebenfach und dabei der politischen Zerrissenheit der griechischen Poliswelt endlich eine Deutung für diese finden, der wir Befriedigung entgegen bringen können. Wir saßen damals in Seminaren über die politische Geschichte des antiken Griechenland und konnten wieder und wieder nur den Kopf schütteln darüber, warum ein solches Wirrwarr und eine Geschichte voller Widersprüche nun als etwas "Besonderes" sollte angesehen werden. Erst als wir die erste große Liebe in unserem Leben erfuhren und uns - damit in Verbindung stehend - auf die Lektüre des Homer eingelassen haben, war uns die antik-griechische Kultur innerlich näher gekommen. Im politischen Leben der antiken Griechen findet man ihre Seele am wenigsten. Da ist sie überschattet von den widersprüchlichen Lebensschicksalen solcher bedeutender Persönlichkeiten wie der des Miltiades. Und Nietzsche geht noch weiter (1):

Bemerken wir wohl, daß so, wie Miltiades untergeht, auch die edelsten griechischen Staaten untergehen, als sie durch Verdienst und Glück aus der Rennbahn zum Tempel der Nike gelangt waren. Athen, das die Selbständigkeit seiner Verbündeten vernichtet hatte und mit Strenge die Aufstände der Unterworfenen ahndete, Sparta, welches nach der Schlacht von Ägospotamoi in noch viel härterer und grausamerer Weise sein Übergewicht über Hellas geltend machte, haben auch, nach dem Beispiele des Miltiades, durch Taten der Hybris ihren Untergang herbeigeführt zum Beweise dafür, daß ohne Neid, Eifersucht und wettkämpfenden Ehrgeiz der hellenische Staat wie der hellenische Mensch entartet. Er wird böse und grausam, er wird rachsüchtig und gottlos, kurz, er wird "vorhomerisch" - und dann bedarf es nur eines panischen Schreckens, um ihn zum Fall zu bringen und zu zerschmettern. Sparta und Athen liefern sich an Persien aus, wie es Themistokles und Alkibiades getan haben; sie verraten das Hellenische, nachdem sie den edelsten hellenischen Grundgedanken, den Wettkampf, aufgegeben haben: und Alexander, die vergröbernde Kopie und Abbreviatur der griechischen Geschichte, erfindet nun den Allerwelts-Hellenen und den sogenannten "Hellenismus". –

Das von dem "Allerwelts-Hellenen" möchten wir so nicht unterstreichen. Auch noch der Hellenismus hat als kulturelle Erscheinung eine so viel größere, überragende Herrlichkeit im Vergleich zu einem großen Teil all dessen, was sich christliches Abendland schimpft, daß wir in der Bewertung hier sehr behutsam sein sollten. Aber ansonsten: Wie genial gedeutet. Ob die Bedeutung dieses Textes von Nietzsche wohl jemals genügend gewürdigt worden ist? Oder gibt es noch bessere Deutungen zu den tieferliegenden Lebensgesetzen der antik-griechischen Kultur?

Wir verstehen auch gleich, warum Griechenland gegen das Perserreich bestehen konnte. Weil es einen edlen Wettstreit gab zwischen allen Poleis, im Kampf gegen die Perser zu bestehen und sich hervorzutun. Wir verstehen, warum es diesen Wettstreit gab zwischen Athen und Sparta. Wir verstehen, warum das antike Griechenland nicht in einen ähnlichen Wettstreit treten konnte mit dem persischen Großreich: Es lebte aus ganz anderen Triebkräften heraus als die antiken Griechen. Wie oft sind die Spartaner aufgefordert worden, Krieg gegen das persische Großreich zu führen, das militärisch leicht zu besiegen wäre. Sie ahnten vermutlich nur zu gut, daß diese Hybris ihnen nicht gut tun würde.

Und der "panische Schrecken", den wir bei den antiken Griechen wieder und wieder finden, auch bei den größten Helden, und der schon so manchem Kulturpsychologen als so sonderbar fremd und nicht-germanisch erschienen ist - auch er wird nicht nur Ausfluß des damaligen Aberglaubens sein, nein, er wird Ausfluß der fortbestehenden angeborenen Verhaltenstendenzen der 92 % mediterraner Herkunft sein. Wenn wir solche Dinge verstehen, verstehen wir gleich so viel anderes außerdem.

2.200 v. Ztr. - Als die "Häutung" der Pelasger durch Apollon begann

Aber kommen wir auch noch einmal auf die Häutung des Marsyas bei lebendigem Leibe zurück durch den erhabenen griechischen Gott Apollon: Man möchte fast sagen, daß so die griechische Kultur entstand während der zerstörerischen Zuwanderung der Indogermanen um 2.200 v. Ztr., die grob 50 % Steppengenetik in sich trugen (so wie heute noch die Skandinavier): sie häuteten die Vorgängerbevölkerung, die der Pelasger, sie wandelten sie dabei um in ein Volk von Apollon-Verehrern und -Anhängern. Aber das war nur möglich durch "Häutung". Ob eine solche Deutung richtig ist, angemessen ist? Ob die Ahnung von einer solchen Vergangenheit in diesem Mythos mitschwingt? 

Ob den antiken Griechen unterschwellig bewußt war, daß sie vom Typ her eigentlich mehrheitlich "Marsyas" sind, und daß sie erst grausam gehäutet werden mußten, bevor sie "Apollon" werden konnten, apollinisch, homerisch? Wir möchten diesen Gedanken als Hypothese in den Raum stellen.

Völkergeschichte ist - mitunter - so grausam. Und - mitunter - entspringt solcher Grausamkeit, solcher grausamen Mißhandlung höchste Kultur. Eigentlich sprechen alle mythologischen Vorstellungen der antiken Griechen über ihre dunkle Vorzeit von solcher Grausamkeit, von solcher Mißhandlung, insbesondere der Mythos rund um Orpheus und Dionysos.

Ergänzung 10.6.23: Darf man es womöglich so sagen: Wollten die mediterranen Menschen von heute in den kulturschaffenden Sog von einst kommen, wollten sie in den kulturschaffenden Sog ihrer antik-griechischen Vorfahren zurück kehren: Womöglich müßten sie dafür in sich jenen feurigen Ehrgeiz entfachen und jene Wettkämpfe wiederbeleben, die den antiken Griechen für ihr kulturelles Schaffen und politisches Wirken so nötig und unabdingbar waren.

Trauma und Trauma-Heilung bei den antiken Griechen

(1.7.23) Wir möchten noch weitere Gedanken anfügen, die sich inzwischen bei uns ergeben haben. Wenn wir im Folgebeitrag (Stgen2023) hören, wie Sokrates im "Phaidros" die Worte zitiert

"Von dem, was etwa altem Götterzorn entsprang
In einzelnen Geschlechtern,"

werden wir ganz überraschend aufmerksam auf den Umstand, daß Traumata auch schon in vorgeschichtlichen und antiken Zeiten von Generation zu Generation weiter gegeben worden sein können, nein, weitergegeben worden sind - so wie heute (siehe z.B. Thema "Kriegsenkel" [Wiki], zu dem wir mehrere Artikel in Vorbereitung haben). Aber wie viel "schöner", angemessener erscheint es, diese Traumata als einen "Götterfluch" zu interpretieren, an dem der einzelne gar keine "Schuld" hat, an dem er schuldlos leidet - so wie heute. 

Wie viel schöner ist es überhaupt, Traumata in Beziehung zu setzen zu dem Verhältnis des Menschen zu den Göttern, als Traumata - so wie heute - allein aus einem atheistischen Weltbild heraus "heilen" zu wollen. Oh, ihr unseligen Menschen von heute! Ihr wollt Traumata nicht mehr als einen "alten Götterfluch" erachten? Ihr wollt so viel klüger sein als die antiken Griechen? Nie und nimmermehr. Die Griechen waren viel dichter am Kern der eigentlichen Thematik dran. In allem geht es immer um das Verhältnis des einzelnen Menschen zu Gott, um die Erschütterung dieses Verhältnisses, um die Entwurzelung aus Gottvertrautheit, aus Gottgeborgenheit. Wie soll Traumaheilung möglich werden, wenn wir orientierungslos im wabernden Raum der Beliebigkeit weltanschaulicher Möglichkeiten mehr taumeln als gehen? Während allein eine klare und entschiedene Ausrichtung auf das Göttliche selbst heilsam sein könnte?  In entschiedener Abwendung, Abstoßung von allem Gottlosen, Kulturlosen - ?

Jedenfalls werden wir damit zugleich aufmerksam darauf, wie die antiken Griechen Traumata - unter anderem - "heilten". Nämlich - unter anderem - durch das Theater, das sie - womöglich vor allem zu diesem Zwecke - erst "erfunden" haben. In der Tragödie wird ein erschütterndes Geschehen auf eine Bühne gestellt, wird auf dieser "nachgespielt". (Und zwar in "Dionysien". Dionysos also, der Gott des Spiels und der Verwandlung, sowie der Ekstase ist zugleich der Gott der Heilung.) Die gesamte Stadt, die gesamte Gemeinschaft nimmt erschüttert Anteil an dem Geschehen auf der Bühne. Gerade jene, die besonders traumatisiert worden sind durch irgendein Geschehen oder die ein Trauma in der Familie über Generationen hinweg ererbt erhalten haben, können - inmitten der Gemeinschaft sitzend - Heilung, "Katharsis" erfahren während der Aufführung. Und in ihrer Ausrichtung auf das Göttliche eine innere Erneuerung und Verlebendigung finden.

Und zwar - letztlich - ganz ähnlich wie Trauma-Heilung auch bei den heutigen Turkana-Kriegern in Ostafrika - traditionellerweise - geschieht (2). Nämlich indem die Traumatisierten in die Mitte der Gemeinschaft genommen werden, und indem man ihnen zuhört, an ihrem Schicksal Anteil nimmt. Und zwar die gesamte Gemeinschaft (auch dazu haben wir seit 2020 einen Artikel in Vorbereitung).

Welche ganz neue Bedeutung würden Theater heute erhalten, wenn man sie bewußt als Mittel der Trauma-Heilung nutzen würde. (Und nicht für all die erbärmlichen, völlig sinnlosen, nutzlosen oder seichten Spielereien und Schreieren, für die sie heute - viel zu oft - genutzt werden.)

Google Scholar-Suche zu dem Thema "psychological trauma ancient greece" liefert tatsächlich überraschend viele und konkrete weiterführende Ergebnisse, die zu vielen neue Gedanken Anlaß geben können und die Perspektive bedeutend erweitern. So allein der Gedanke in dem Aufsatz "Phäaken-Therapie in der Odyssee des Homer", in dessen Zusammenfassung es so schön prägnant formuliert wird (3, S. 47):

Stellen Sie sich einen von der normalen Gesellschaft isolierten Ort vor, dessen Bewohner einen erschöpften, mittellosen Veteranen aufnehmen, ihm Kleidung geben, ihm zu Essen geben und baden, ihre ganze Aufmerksamkeit seiner Anwesenheit widmen, für Geschenke, Unterhaltung und sportliche Erholung sorgen und zusehen, wie er in Tränen ausbricht, wenn er an seine Vergangenheit erinnert wird, die sich seine persönliche Geschichte aufmerksam anhören, die ihn sogar nach weiteren Einzelheiten fragen und die ihn weiter reisen lassen mit einem Vorrat an Reichtümern versehen, die er bei seiner Rückkehr nach Hause verwenden kann. Wie könnte man einen solchen Ort nennen? Ein Sanatorium? Eine Reha-Einrichtung?

Was für ein herrlicher Gedanke. Man möchte es erst gar nicht glauben. Man blickt sofort in das entsprechende Kapitel von Homer's Odyssee bei den Phäaken hinein. Und findet alles bestätigt! Und findet in diesem einen Kapitel eine Beschreibung, wie Traumaheilung stattfinden sollte, wie eine Reha-Einrichtung eingerichtet sein sollte. Und wir merken allein durch dieses eine Buchkapitel, wie viele neue Erkenntnisquellen uns aufgetan sind, wenn wir uns mit dem Thema "Trauma und Traumaheilung bei den antiken Griechen" beschäftigen. 

Uns kommt aus den Zusammenhängen des bisherigen Nachdenkens über die antiken Griechen auch der folgende Gedanke: Während mit nicht geringer Wahrscheinlichkeit in geheimen, elitären satanistischen und okkulten Psychosekten, die hinter den Geheimdiensten weltweit stehen, aufgrund Jahrhunderte langer "Erprobung" bei der "traumabasierten Bewußtseinsontrolle" durch zahllose Folterungen von Geburt an gezielt und methodisch die multiple Persönlichkeitsstörung hervorgerufen wird, um "willige Vollstrecker" der Befehle geheimer Schattenregierungen in den weltweiten "gelenkten Demokratien" von heute heranzuziehen, könnten in früheren Jahrtausenden schwere Traumatisierungen auch dazu  geführt haben, ganze Völker hinauf zu reißen zu Edelsinn und Schönheits-Trunkenheit - so wie die antiken Griechen, und zwar durch "Häutung bei lebendigem Leibe". Wobei sie dann später - dennoch - gelegentlich mit einer leichten Trauer auf ihr früheres Dasein als "Marsyas" zurück schauen konnten.

_________

*) Eine Schrift, die - nebenbei gesagt - auch Thema der mündlichen Abschlußprüfung im Nebenfach Philosophie des Verfassers dieser Zeilen bei Professor Rudolf Malter in Mainz im Jahr 1993 war.
**) Unter anderem auch in Zurückweisung des materialistischen Sozialdarwinismus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, der so viele üble Folgen mit sich gebracht hatte. Darunter unter anderem den Gedanken vom "Volk ohne Raum" auf deutscher Seite und umgekehrt die Umvolkungen aufgrund des Deutschenhasses in den freimaurerischen, sowjetischen und nach-sowjetischen Eliten weltweit zwischen 1914 und 1945, sowie weiterwirkend bis heute.
***) Am Seminar für Alte Geschichte der Universität Mainz bei Professor Bellen (1927-2002) (Wiki) und anderen in den Jahren zwischen 1989 und 1993.

_________

  1. Nietzsche, Friedrich: Homers Wettkampf (1872). In: Fünf Vorreden zu ungeschriebenen Büchern. Für Frau Cosima Wagner in herzlicher Verehrung und als Antwort auf mündliche und briefliche Fragen, vergnügten Sinnes niedergeschrieben in den Weihnachtstagen 1872. In: ders.: Werke in drei Bänden. München 1954, Band 3, S. 263-267 (Zeno)
  2. Matthew R. Zefferman, Sarah Mathew: An evolutionary theory of moral injury with insight from Turkana warriors. In: Evolution and Human Behavior, Available online 16 July 2020, https://doi.org/10.1016/j.evolhumbehav.2020.07.003, https://www.sciencedirect.com/science/article/abs/pii/S1090513820300829
  3. Meineck, P., Konstan, D. (eds) Combat Trauma and the Ancient Greeks. The New Antiquity. Palgrave Macmillan, New York 2014, https://link.springer.com/book/10.1057/9781137398864
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