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Sonntag, 14. Juni 2026

In den Höllen der Eifersucht ...

... die Gaspara Stampa entdecken
... und sich selbst - ?

Der norwegische Zeichner Olaf Gulbransson (1873-1958) lebte mit seiner norwegischen Ehefrau Dagny sein Leben lang in Bayern. Seine Ehefrau berichtet, daß ihr Ehemann auf den bloßen, ganz unbegründeten Verdacht hin, seine Eheliebste würde sich für einen anderen mehr als für ihn selbst interessieren, wild in die Berge und Wälder rannte, Tage lang nicht wieder nach Hause zurück kehrte, eine tiefe, höllische, existentielle Krise erlebte (1, S. 342). Und das alles nur, um bei seiner Rückkehr zu erfahren: Nichts von seinem ganzen, riesen großen Verdacht hatte auch nur ansatzweise Anhaltspunkte in der Wirklichkeit.*) Schlußfolgerung: Ein Liebender kann sich gerne auch geradezu mit Heißhunger in die Eifersucht stürzen - unbewußt womöglich nur, um zu erfahren, was es heißt, zu leben und - noch - leidensfähig zu sein.    

Abb. 1: Eifersucht - Gemälde von Edvard Munch, 1898

Die Eifersucht, was für ein Thema. - - - Robert A. (Name wurde von der Redaktion geändert) war so aufgewühlt wie schon lange nicht mehr. Schließlich richtete er die Frage an die Göttin der Weltweisheit, genannt Google: "Kann es Eifersucht ohne Liebe geben?" (Denn er ging so manche seiner Themen gerne vom völligen Gegenteil dessen an, was ihn interessierte.)

Er fand so unzählige viele dumme Antworten. Gott!, das Internet, die gesammelte "Weltweisheit", war ein angesammelter Haufen von Dummheit. Aber sonderbar auch: Wie viele Menschen dieselbe "dumme" Frage stellten wie er selbst. Sonderbar, höchst sonderbar. Aber dumm, ach dumm auch all die vielen, vielen Antworten. Wie kann das sein?

All das Verwirrende, das er in sich erlebte, es kam durch die noch viel größere Verwirrung im Internet keineswegs zur Klärung.

Wo war Klarheit? Wo war Klärung? Nichts von dem, was er da fand, erreichte ihn.

Dann las er den Wikipedia-Artikel über Eifersucht. Nichts erreichte ihn, nichts. War denn Eifersucht einfach nur - - - "dumm", "egoistisch"? Oder war sie - - - groß? Merkwürdig, wie wenig Klarheit es in der Weltantwort-Zentrale, genannt Internet, gab. Zu diesem, womöglich entscheidenden Thema.

Erste Antworten - Edvard Munch 

Edvard Munch war erwähnt (Wiki). Natürlich, dieser große Kerl. Ja, von seinen Bildern geht Wahrheit aus. Wer wollte das infrage stellen? Dieser Maler, er hat so gräßliche Bilder gemalt. Und er hat die Wahrheit dabei gemalt. Ohne Frage (Abb. 1). "Denn das Schöne ist nichts als des Schrecklichen Anfang," hatte doch einer gedichtet, einer, der es aushalten wollte, aushalten konnte - - - das Schöne (gemeint ist R. M. Rilke). Oder der doch - zumindest - wie ein Wilder in Berge rennen konnte ... 

Und er? Er sehnte sich nach Wahrheit, nach wahrhaftiger Einsicht. Mochte er damit nun im Himmel oder in die Hölle landen.

Er beschäftigte sich ein wenig mit jener Dagny Juel, die den Anstoß für so viele Bilder von Edvard Munch gegeben hatte. Was für eine Frau. Was für ein Schicksal (Yt23) (2). Solche Frauen scheinen dazu zu gehören, zum Leben, eine solche "femme fatale". Wem hätte es nicht schon wohlige Schauer über den Rücken gejagt bei dem Gedanken, einer solchen zu begegnen? Und wer würde es, sollte er wirklich einer solchen begegnet sein, jemals wirklich bereuen, in die Höllen-Flammen ihrer Liebe getreten zu sein - ? Wer? Mag er nun zu Leben aufgeflammt sein in diesen Höllen-Flammen oder mag er an ihnen zugrunde gegangen sein - - -?

War es nicht die Größe allein, die zählte? Die Größe, das Feuer des Erlebten? Sei es nun Himmel oder Hölle gewesen? 

Ach, so war es wohl. So dachte man wohl, damals, im "Ferkel", im Künstlerkreis um Edvard Munch und Dagny Juel in Berlin-Mitte. Nur groß sein, nur groß lieben, groß handeln - niemals kleingeistig.

Ja, Teufel, geh weg mit deiner Kleingeistigkeit, geh weg. Kleingeistigkeit ist die Hölle - auch wenn diese nur noch von den wenigsten überhaupt wahrgenommen wird.

Weiter Antworten - Die Nibelungen

Und so fragte er Google einfach ganz willkürlich weiter: "Welche Rolle spielt die Eifersucht in der Nibelungensage?" Ja, natürlich: darin spielt sie eine große Rolle. Mensch, und Wikipedia hatte diese Rolle gar nicht erwähnt. Wie kann das sein? Verleugnet Wikipedia das Große?

Nun gut, sie ist wichtig: die Nibelungensage. 

Denn es ist nicht trivial, was passiert - möglicherweise - wenn Eifersucht im Spiel ist. Möglicherweise. Helden können daran zugrunde gehen. Mit dem Speer im Rücken. Helden können durch ein Flammenmeer schreiten und die Frau ihres Lebens erobern - wie Siegfried die Brünhildis auf dem Brünhildisfelsen.

Gut, wichtig.

Ein weiterer Schritt zur Einsicht in das Wesen der Eifersucht: die Nibelungensage. Eifersucht kann die Stelle sein, in der du allein noch verwundbar bist - in all deiner stumpfen oder auch veredelten Unverletzlichkeit.

Wikipedia meinte sogar - oh Gott, wie dumm! - Eifersucht wäre ein Wort und Konzept der Neuzeit. Wie so durch und durch ungebildet kann Wikipedia sein. Wie so enttäuschend. Und es hätte in der Antike keine Eifersucht gegeben? Glaubst du das wirklich, Wikipedia? (Auch der "Große Brockhaus" aus den 1880er Jahren gibt sich in seinem Artikel "Eifersucht" erstaunlich wortkarg.)

Aber dieser Gedanke an die Nibelungensage erhebt das Thema gleich hoch, sehr hoch. Ins Große. Dorthin, wo es - sicherlich - gehört. Denn wer möchte schon "im Kleinen" sein? Im Niedrigen, Seichten, Flachen, im nichtigen Nichts? Wollen wir denn nicht alle, daß die Dinge uns etwas - - - bedeuten? Und nicht nur im Sinne von "angenehm" oder "unangenehm"?

Beim weiteren Nachdenken gingen ihm irgendwann Worte durch den Sinn, von denen er zunächst nur die "Stimmung" wahrnahm, den "Rhythmus" derselben, den er in Erinnerung hatte. Dann erst dämmerte ihm, um welche Worte es sich handelte:

                             ... Hast du der Gaspara Stampa
denn genügend gedacht ...

Ja, nun war er angekommen.

Dort war die Antwort. Dort wollte er hin. Hier war sie, die Antwort in all der Verwirrung. Das waren Worte, die waren ihm schon früher ins Blut gegangen. Berühmt genug waren sie. Aber wer, dem sie schon einmal ins Blut gegangen sein mochten, wußte eigentlich jemals schon, warum sie ihm ins Blut gegangen waren? Einfach nur, weil einem wertvolle Dichtung überhaupt leicht ins Blut geht - - - ?

Angekommen - Rainer Maria Rilke

Die Worte stammen aus den Duineser Elegien, also natürlich von Rainer Maria Rilke. Und, ja, sie sind berühmt genug, und zwar mit Recht. Aber indem er nun "Rilke Gaspara Stampa" googelte, erhielt er eine Deutung dieser Dichtung, die ihm jetzt - zum ersten mal - auch rein gedanklich wirklich einging, die sich ihm jetzt zum ersten mal wirklich erschloß:

Rainer Maria Rilke verewigte die italienische Dichterin Gaspara Stampa (1523-1554) in der Ersten Elegie seiner Duineser Elegien. Er porträtiert sie als das Urbild der unerfüllt Liebenden, die ihren Schmerz in höchste künstlerische Hingabe und Energie verwandelte.
Die Bedeutung von Gaspara Stampa bei Rilke
Das Vorbild der Liebenden: Gleich zu Beginn der Ersten Elegie fragt Rilke, ob ein verlassenes Mädchen nicht an Gaspara Stampa denken und sich wünschen sollte: "daß ich würde wie sie?"
Liebe als Befreiung: Er stilisiert sie zum Sinnbild dafür, sich liebend vom Geliebten zu befreien, indem man die Spannung des Kummers aushält.
Gesammelt im Absprung: Rilke nutzt sie als Metapher für spirituelle und emotionale Transformation: Sie hält dem Liebeskummer stand, "wie der Pfeil die Sehne besteht, um gesammelt im Absprung mehr zu sein als er selbst."

Nun mit einem mal erschloß sich ihm eine ganze neue Welt in dieser Dichtung.**) Und er las noch einmal ein wenig in den Elegien (s. Kalliop). Und er wußte: Hier stand die Antwort. Und in diesen Elegien würde er künftig noch häufiger lesen. Denn darum ging es. Darum allein. 

Und er wußte auch: Rilke hatte Ähnliches erlebt. Rilke hatte Ähnliches durchgestanden. Für Rilke war dies nichts weniger als der Weg zu Gott.

Rilke über die Ehe

Rilke hat wertvolle, große Liebe zu Frauen erfahren, etwa zu Lou Andreas-Salomé, etwa zu Sidonie Nádherná oder zu Lou Albert-Lasard. Zum Schluß zu Baladine Klossowska. Und damit sind wohl auch nur einige der bedeutenderen Begegnungen genannt. Wobei ja für Rilkes Leben gilt, daß es in diesem eigentlich gar nichts "Unbedeutendes" gab. Am Ende seines Lebens stand die Liebe zu Baladine Klosswska. Er las (KulturC):

1920 begegnet die Malerin Baladine Klossowska dem Dichter Rainer Maira Rilke wieder. Sie, die geschiedene Mutter zweier halbwüchsiger Söhne - einer ist der Maler Balthus -, verliebt sich leidenschaftlich in ihn. Nach einer kurzen Amour fou geht Rilke immer mehr auf Abstand zu der Geliebten. Wo sie unbedingte Nähe und Gemeinschaft sucht und sich in der Liebe zu ihm verliert, braucht er Abstand und Ruhe, um schreiben zu können. Sie schreiben sich sehnsuchtsvolle Briefe, immer auf der Suche nach dem richtigen Maß von Nähe und Distanz. "Mouky" nennt Rilke seine Freundin darin zärtlich. Ein Brief an sie wird der letzte sein, den er kurz vor seinem Tod schreibt.

Diese "Suche nach dem richtigen Maß von Nähe und Distanz" hat im Leben von Rainer Maria Rilke schon früh begonnen. Von der KI kann man sich belehren lassen, was Rainer Maria Rilke schon im Jahr 1901 für sein Leben erkannt hatte:

In seinen "Briefen an einen jungen Dichter" beschreibt Rainer Maria Rilke eine tiefe, reife Form der Liebe, die nicht auf Besitz oder Klammern beruht, sondern darauf, einander den Raum zur Entfaltung zu lassen. Das entsprechende Originalzitat lautet: „Ich halte dies für die höchste Aufgabe einer Verbindung zwischen zwei Menschen: daß jeder die Einsamkeit des anderen behütet und bewacht.“ In einem anderen bekannten Brief aus derselben Sammlung formuliert er diesen Gedanken ganz ähnlich: „... der Liebe, die darin besteht, daß zwei Einsamkeiten einander schützen, grenzen und grüßen.“ Für Rilke war das Alleinsein keine schmerzhafte Leere, sondern ein fruchtbarer Zustand. Er sah die Einsamkeit als eine notwendige Voraussetzung für inneres Wachstum und die Entfaltung der eigenen Kreativität.

Und er fand, daß Rilke in diesen "Briefen an einen jungen Dichter" noch viel mehr geschrieben hatte. Er hatte im Jahr 1901 geschrieben (Rilke1901):

Es fällt niemandem ein, von einem einzelnen zu verlangen, daß er “glücklich” sein soll, - heiratet aber einer, so ist man sehr erstaunt, wenn er es nicht ist! (Und dabei ist es wirklich gar nicht wichtig, glücklich zu sein, weder als Einzelner noch als Verheirateter.)

Was für Worte. - Was für Worte. - - - Und Rilke schrieb auch (Rilke1904):

Es handelt sich in der Ehe für mein Gefühl nicht darum, durch Niederreißung und Umstürzung aller Grenzen eine rasche Gemeinsamkeit zu schaffen, vielmehr ist die gute Ehe die, in welcher jeder den anderen zum Wächter seiner Einsamkeit bestellt und ihm dieses größte Vertrauen beweist, das er zu verleihen hat.

Aber von einigen dieser Frauen hat sich Rilke schwer, nur sehr schwer wieder gelöst.

Aber er hat sich gelöst.

Und er ist früh gestorben.

Einsam.

Seine letzten Jahre waren einsam. Und es ist ja bekannt, daß Einsamkeit nicht gerade das Leben verlängert. Rilke aber hatte es bewußt so für sich entschieden. Und in den Elegien waren die Gründe dafür klar und deutlich verzeichnet. Von Seiten eines Mannes, der dem Leben alles abgerungen hatte, was ihm abzuringen war.

Schon in dieser ersten Elegie steht - fast - alles über sein Leben: Die Spannung aushalten. Sich der Liebe ergeben, sich ihr ausliefern - aber nicht vollständig. Achtung behalten, Distanz wahren. Vor ihrer großen Macht.

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*) Er schrieb ihr: "Ich tue es nicht weil ich irgend was gegen jemand habe. Ich bin ein Held - und gönne Dir alles Gute. Das Traurige ist aber, daß es nicht immer leicht ist, ein Held zu sein." (Das war wahrlich zurückhaltend ausgedrückt!)
**) Sie gehen noch weiter Aber das gehört nicht mehr so sehr hierher, kann bei anderer Gelegenheit weiter verfolgt werden:
Die historische Gaspara Stampa
Wer war sie? Eine der bedeutendsten italienischen Dichterinnen der Renaissance (geboren um 1523 in Padua, gestorben 1554 in Venedig).
Literarisches Schaffen: Sie war eine Kurtisane und führte einen literarischen Salon. Sie gilt als die größte italienische Lyrikerin des 16. Jahrhunderts.
Ihr Werk: Ihre berühmte Gedichtsammlung Rime kreist um die schmerzhafte, unglückliche Liebe zu dem Grafen Collaltino di Collalto.

_________

  1. Dagny Björnson Gulbransson: Das große Olaf Gulbransson Buch. Wilhelm Heyne Verlag, München 1979
  2. Nos, Karolina: Dagny, czyli Jutrzenka. O artystce i muzie – Dagny Juel (zu Deutsch: "Dagny oder Jutrzenka. Über die Künstlerin und Muse – Dagny Juel") 2016 (NiezlaSztuka2016)

Dienstag, 30. März 2021

Der Freudengott kommt im Triumph

... in die Völkerwelt
                              - Wann beginnt sein Triumphzug?

[ Leitwort ] 

An unsere großen Dichter

Des Ganges Ufer hörten des Freudengotts
   Triumph, als allerobernd vom Indus her
      Der junge Bacchus kam, mit heil'gem
         Weine vom Schlafe die Völker weckend.
 
O weckt, ihr Dichter! weckt sie vom Schlummer auch,
   Die jetzt noch schlafen, gebt die Gesetze, gebt
      Uns Leben, siegt, Heroën! ihr nur
         Habt der Eroberung Recht, wie Bacchus.

                                                                   Friedrich Hölderlin, 1798 

Ein Aufruf an die Dichter und kulturell Schaffenden seiner Zeit von Seiten des Dichters und Geschichtsphilosophen Friedrich Hölderlin (1770-1843).

Abb. 1: Dionysos - Geschaffen in Ergriffenheit vor unantastbarer, heiliger Jugend - Mamorbüste aus Knossos, 2. Jhdt. n. Ztr.

Ob diese nicht auch noch Aufruf für heute sein können. Haben wir nicht auch heute noch "der Eroberung Recht, wie Bacchus"? Ist es denn nicht tatsächlich so, daß nur noch auf diese Weise das Überleben des Göttlichen auf dieser Erde gesichert werden kann?

Ist ein solcher Aufruf nicht sinnvoll, um als Leitwort zu dienen für einen modernen, gesellschaftlichen Aufbruch?

In diesen - wenigen - dichterischen Zeilen ist - wie in einer großen Zahl von Dichtungen von Friedrich Hölderlin - die Rede von einem neuen Zeitalter, das herauf kommt gemeinsam mit einer neuen Lebensanschauung, einem neuen Zeitgeist, einer neuen philosophischen und dichterischen Gesamtdeutung der Welt. Einer Gesamtdeutung, die zu Freudentaumeln Anlaß gibt.

Es geht um eine erneute Wieder-Heraufkunft der untergegangene Antike, um eine Wieder-Heraufkunft in  einer neuen, modernern, womöglich noch lebendigerer Form.

Viele Künstler, Denker, Philosophen, Wissenschaftler haben dieser Wieder-Heraufkunft über viele Jahrhunderte hinweg vorgearbeitet.

Abb. 2: Silenus (Wiki) - Römische Skulptur, Rom

Sie arbeiten ihr gegenwärtig vor, gebannt, vereinnahmt von den Möglichkeiten menschlicher, gesellschaftlicher Entwicklung, gebannt von den Möglichkeiten philosophischer Gesamtdeutung unserer Welt im Angesicht der Moderne. 

Der hier genannte Bacchus (Wiki) ist ein Beiname des Dionysos, des Gottes des Weines, aber mehr noch, des Gottes der Freude, des Tanzes, des Taumels, der Trunkenheit. Jenes Gottes, der eine Verkörperung ist der Beseeligung durch das Erleben des Göttlichen.

Bacchus/Dionysos und ihre Begleiter, die Bacchanten und all die anderen Fabelwesen - immer und immer wieder aufs Neue haben sie Darstellungen in der bildenden Kunst gefunden.

Von der Antike (s. Abb. 1 bis 4) über die Niederländer der Frühen Neuzeit (siehe z.B. Peter Paul Rubens), über die Deutschen des 19. Jahrhunderts (siehe z.B. Lovis Corinth) - bis heute. 

Als wir nach einer angemessenen Bebilderung dieses Beitrages suchten, wurde uns das wieder klar.

"Die Stadt der Freude, das jugendliche Korinth"

Ebenso haben sie wieder und wieder Behandlung in der Philosophie gefunden, etwa in "Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik", jener Schrift, in der Friedrich Nietzsche anfing, zu taumeln, zu tanzen, sich zu freuen, exzentrisch zu sein, übermütig zu sein, um der Bigotterie seiner Zeit zu entkommen.

Abb. 3: Maske des Silenus, 1. Jahrhundert, Seidenstraße, Afghanistan (Begram)

Als Lehrer und Begleiter des Dionysos gilt auch der Silenus. Und auch er ist dementsprechend ein beliebter Gegenstand künstlerischer Darstellung seit mehr als zweitausend Jahren gewesen (Abb. 2 und 3). Seine Verehrung reichte - wie von Hölderlin ausgesagt - in der Antike von der Seidenstraße und von Indien im Osten (Abb. 3), vom Ganges und vom Indus im Osten bis an den Tiber, bis nach Rom im Westen (Abb. 2), bis an den Rhein und die Elbe und die Themse im Norden.

Und sie alle wurden auch in Pompeji in Skulpturen und in Wandmalereien gefeiert. Und verehrt. Als Gleichgesinnte. In jenem Pompeji, von dem dasselbe gesagt werden könnte wie das, was Friedrich Hölderlin über "die Stadt der Freude, das jugendliche Korinth" gesagt hat (Hyperion, 1. Buch, 1. Brief). 

Abb. 4: Cupido, Wandmalerei in Pompeji

Auch über Pompeji wäre zu sprechen als von der "Stadt der Freude", von dem "jugendlichen Pompeji" (Abb. 4).

So wie über alle Städte im Mittelmeerraum der damaligen Zeit (1, 2).

Es fragt sich, wann der Triumphzug des Freudengottes durch die Völkerwelt, dem durch so viele Generationen von Künstlern, Philosophen, Dichtern und Wissenschaftlern vorgearbeitet worden ist, seinen Anfang nimmt.

Zwei Menschen dürften für den Zeitpunkt eine besondere Rolle spielen: Du, Leser - und Du, Verfasser dieser Zeilen.

/ überarbeitet, 
mit Abb. 1 ergänzt: 
26.3.23 /

___________

  1. Bading, Ingo:  "... Iss, trink und scherze - das übrige ist nicht SO viel wert ..." Ein Ausflug in die Kultur- und Philosophiegeschichte der südtürkischen Küste, 3-2016, https://studgendeutsch.blogspot.com/2016/03/iss-trink-und-scherze-das-ubrige-ist.html
  2. Bading, Ingo:  "Damals war nichts heilig als das Schöne" Side - Die Hauptstadt Pamphyliens, 6-2016, https://studgendeutsch.blogspot.com/2016/06/damals-war-nichts-heilig-als-das-schone.html

Samstag, 18. Juni 2016

"Damals war nichts heilig als das Schöne"

Side - Die Hauptstadt Pamphyliens
Die Stadt des Granatapfels und der Fruchtbarkeit
Die Stadt des Mondgottes Men, der Göttin Athene, des Gottes Apollon

Die Stadt Side an der Südküste der Türkei ist heute eine Hochburg des Tourismus. Auf beiden Seiten eingerahmt von riesigen hässlichen Bettenburgen, Kilometerweit aufgereiht entlang der Küste in erster, zweiter und dritter Reihe, waren der ursprüngliche Anlass für diesen Tourismus in den 1970er Jahren die anziehenden und großes Interesse weckenden Ruinen einer im Grundriss und in wichtigen Ruinen fast vollständig erhaltenen antik-griechischen Stadt, der ehemaligen Hauptstadt einer ganzen Provinz an der Südküste Kleinasiens, nämlich Sides.

Abb. 1: Kopf einer Apollon-Statue aus Side, Pamphylien (2. Jahrhundert n. Ztr.)

Im vorletzten Beitrag ("... Iß, trink und scherze - das übrige ist nicht so viel wert ...") wiesen wir schon hin auf das reichhaltige kulturelle Leben in den antikgriechischen Städten an der Südküste Kleinasiens vor 2000 Jahren. Von Side war in diesem Beitrag dabei noch gar nicht so viel die Rede. Sie soll im folgenden beispielhaft als eine solche - vielleicht ganz willkürlich gewählte - Stadt behandelt werden. Denn selbst eine so unbekannte antik-griechische Stadt wie Side, eine Stadt wie es solche vor 2000 Jahren im östlichen und westlichen Mittelmeer-Raum zu hunderten oder tausenden gab, kann - zu einiger Überraschung - mit namhaften Vertretern der antik-griechischen Kultur als Söhne dieser Stadt aufwarten. Indem man diese Namen nennt, tritt man sogleich mitten hinein in die gelebte Kultur einer solchen Stadt vor 2000 Jahren, eine gelebte Kultur, wie man sie dort vor Ort heute über hunderte von Kilometern hinweg - siehe Bettenburgen*) - gänzlich umsonst sucht.

Side war die Geburtsstadt des Bischofs Eustathios von Antiochia (290-350 n. Ztr.) (Wiki). Dieser gehörte zu den namhaften katholischen Bischöfen des römischen Reiches, die in der Zeit des Konzils von Nicäa die Arianer mit großer Schärfe bekämpften. Er gehörte also zu jenen religiösen Eiferern, die der vormaligen heidnischen Antike das Grab schaufelten. Side war auch die Geburtsstadt des siebzig Jahre später lebenden sophistischen Philosophen Troilus von Konstantinopel (390-450 n. Ztr.) (Wiki), eines Vertreters des ursprünglichen, freien Geistes der griechischen Antike. Side war die Geburtsstadt des letzten großen Rechtsgelehrte der Antike, des Justizministers unter dem oströmischen Kaiser Justinian, nämlich Flavius Tribonianus (gest. 542) (Wiki). Dieser Mensch hat maßgeblich zur Fertigstellung des berühmten "Corpus Iuris" beigetragen. Andererseits beschreibt ihn der griechische Geschichtsschreiber Prokop als "geldgierig". Tribonianus war außerdem des Heidentums verdächtig. Aber das sind alles Namen der Spätantike. Über das ebenfalls vorhandene Geistesleben und kulturelle Leben Sides vor Beginn der Spätantike, also in klassischer Zeit, ist weniger bekannt. Es darf aber nach dem Zeugnis der Hinterlassenschaften, von denen im folgenden einige aufgeführt werden sollen, als ähnlich reichhaltig angenommen werden.

Abb. 2: Reliefs vom Osttor von Side (650 v. Ztr.), ausgegraben aus den Dünen in den 1980er Jahren, heute im Museum von Side (eig. Aufn.)

Side hatte in der Antike 40.000 Einwohner, das sind etwa halb so viel wie die Einwohner der damaligen größten griechischen Stadt, nämlich Korinth. Side hatte einen Hafen, vier Tempel, zwei Marktplätze (Agoren), zwei repräsentative, mit Säulen eingerahmte Kolonadenstrassen. Die Stadt hatte ein Theater und eine Bibliothek, sowie einen Gouverneurspalast. Ihre wehrhaften Mauern hatten 13 Türme. Das bis heute ebenfalls gut erhaltene Aquädukt, das Side mit Wasser aus dem Taurus-Gebirge versorgte, war 29 Kilometer lang. Side war hunderte von Jahren der Sitz des römischen Provinz-Gouverneurs von Pamphilien. In christlicher Zeit, zwischen 300 und 1400, war es Sitz des zuständigen katholischen Bischofs. Auch die Bischöfe haben in der Spätantike zunächst noch in der ungebrochenen Bautradition der Antike gebaut, obwohl sie zu dieser Zeit die heidnischen Tempel schon zerstört hatten.

Der Spätantike waren ja auch in Side wie in so vielen ihrer Nachbarstädte, glänzende Epochen der Kulturgeschichte vorangegangen. Side hatte den Aufstieg und Fall des Großreiches der Hethiter erlebt, jenes wenig bekannten, aber sehr Pferde-liebenden Volkes, das den ersten Friedensvertrag der Weltgeschichte, nämlich mit Ägypten schloß. 

So wie nach Homer im Kampf vor Toja "tapfere Helden" aus ganz Lykien beteiligt waren, werden auch solche aus Side dabei gewesen sein (oder hätten sein können). Also Helden wie Hektor, Achill und Odysseus. Aus dieser kriegerischen Heldenzeit haben sich in Side Reliefs erhalten, die bis zum Untergang der Stadt im Eingangsbereich des Osttores der Stadt hingen und die Feinde der Stadt schrecken sollten. In diesen waren nämlich die den besiegten Feinden der Stadt abgenommenen Rüstungen und Waffen dargestellt (Abb. 2).

Side erlebte den Aufstieg und Fall erst von Athen, dann von Rom. Side versank schließlich - mit dem Fall des Römischen Reiches - in das erinneungsreiche Land des "es war einmal und ist nicht mehr". Die Stadt war also mit bewegt worden von den hethitischen Schicksalen, den athenisch-hellenischen Schicksalen und schließlich erst denen des Römischen, dann des Oströmischen Reiches. Und auch noch die Frühzeit des byzantinischen Reiches erlebte die Stadt mit. Dann ging die blühende Kultur dieser Stadt unter und die letzten Einwohner von Side zogen nach Antalya.

Abb. 3: Frauenstatue aus den Ruinen des Theaters von Side (Museum Side) (eig. Aufn.)

Schon im Jahr 650 v. Ztr. war an der Stelle des bis heute berühmten Apollontempels von Side ein Vorgängerbau errichtet worden im hethitischen Stil, von dem sich wenige Reste erhalten haben. Aus jener Zeit stammen auch die Reliefs von den erbeuteten Waffen der Feinde Sides, die bis in byzantische Zeit zusammen mit sidetischer Inschrift das Osttor der Stadt schmückten und die Feinde abschrecken sollten. Dann war Side eine Zeit lang Mitglied des delisch-attischen Seebundes unter der Vorherrschaft von Athen.

Abb. 4: Frauenstatue aus den Ruinen des Theaters von Side (Museum Side) (eig. Aufn.)

Von den reichhaltigen Kunstwerken, die in den Ruinen der Stadt bis heute gefunden werden, kann in diesem Beitrag nur ein verschwindend kleiner Teil beispielhaft gezeigt werden. Sie finden sich im Museum von Side ausgestellt, das in den wiederhergestellten Räumen einer der erhaltenen antiken Thermen der Stadt eingerichtet wurde. 

Die Ruinen dieser Stadt sagen schlichtweg dasselbe über ihre Bewohner, was die Ruinen von Pompeji und Herculaneum über die Bewohner dieser Städte sagen: Es handelte sich um schönheitstrunkene Menschen, die in einer schönheitstrunkenen Kultur gelebt haben.

Abb. 5: Eine Ecke des wieder errichteten Apollontempels in Side (eigene Aufnahme)

333 v. Ztr. brachte Alexander der Große die griechische Kultur nach Side, nachdem sich Einflüsse derselben natürlich auch schon vorher in der Stadt sichtbar gemacht hatten.

Die noch heute sichtbaren, eindrucksvollen Stadtmauern von Side sind zwischen 188 und 102 v. Ztr. unter der Herrschaft der Seleukiden in Syrien errichtet. Die Stadtmauern dienten der Abwehr der Ptolomäer in Pergamon in den Diadochenkämpfen. 

Zwischen 78 und 25 v. Ztr. wurde Side römisch. Ein Feldherr im Auftrag Roms machte in dieser Zeit jenem Piratenwesen ein Ende, das sich in Side und Coracaesium (Alanya) breit gemacht hatte als Folge eines Machtvakuums, das die Diadochenkämpfe hinterlassen hatten. Side wurde dann Sitz des römischen Provinzgouverneurs von Pamphylien.

Abb. 6: Die von Säulen eingerahmte antike Hauptstraße, die hinter dem inneren Stadttor der Stadt hier
am Theater vorbei quer durch die Stadt hinunter zum Apollontempel führte (eig. Aufn.)

Im zweiten Jahrhundert nach der Zeitrechnung wurden schließlich jene Tempel, der kaiserliche Palast, die Bibliothek und die Staatsagora, das Theater und seine Agora, die eindrucksvollen beiden Stadttore, die innere Dekoration der Stadtmauer, das 29 Kilometer lange Aquädukt, das prachtvolle Nymphäum an seinem Ende vor dem Haupttor der Stadt, die Säulen-bestandene Hauptstraße quer durch die Stadt (Abb. 6) und durch einen mit einem Pferdegespann gekrönten Triumphbogen hindurch erbaut - samt dem damit verbundenen prächtigen Figurenschmuck.

Um der Reste dieser Bauten willen wird Side von Besuchern noch heute als so eindrucksvoll und sehenswert erachtet. 

Natürlich abgesehen von seiner naturschönen Lage auf einer Halbinsel am Mittelmeer im fruchtbarsten Küstenstrichs Kleinasiens.

Abb. 7: Ausblick von der Stadtmauer auf die Bucht westlich von Side (eig. Aufn.)

Die Verehrung des Schönen war alltäglich in den Städten der Antike. Das zeigt auch diese Stadt und der Inhalt seines Museums, der den Ruinen dieser Stadt entstammt. 

Anhand insbesondere von Pompeji läßt sich aufzeigen, daß sich diese Verehrung des Schönen bis in die kleinsten Wohneinheiten der ärmsten Schichten der Stadt hinein nachverfolgen läßt

Sie alle legten wohlproportionierte Gärten in ihren Häusern an, sozusagen auch noch "in der kleinste Hütte". Sie bemalten die Wände mit Malereien, von denen schon Goethe bei seinem Besuch von Pompeji sagte, daß man eine solche Dichte wertvoller Kunstwerke selbst in Holland in der Hochzeit der dortigen Malerei in den Bürgerhäusern nicht wird angetroffen haben.

Abb. 8: Kopf einer Apollon-Statue aus Side, Pamphylien (2. Jhdt. n. Ztr.) - wie Abb. 1 - aber hier in eigener Aufnahme

Auch der erste Thermenbau entstand im zweiten Jahrhundert - die Hafen-Therme. 

Um 250 n. Ztr. wurde ein weiterer großer Thermenbau errichtet, und zwar links an der Kolonadenstraße Richtung Men-Tempel. All dies zeigt, welcher wirtschaftliche Wohlstand hier über Jahrhunderte hinweg vorgeherrscht hat.

Um 350 n. Ztr. wurde eine Stadtmauer quer durch die Stadt errichtet an der schmalsten Stelle der Halbinsel. Die Mauer wurde aus dem Bauschutt aus vormaligen Gebäuden der Stadt erreichtet. Der Triumphbogen und das Theater wurden dabei Teil der Stadtbefestigung (Abb. 9).

Abb. 9: Die Säulen-umstandene Agora mit Fortuna-Tempel in der Mitte. Dahinter das Theater, daneben das innere Stadttor, ein Triumphbogen, auf dem früher ein Pferdegespann thronte, daneben die Therme (heute Museum), im Vordergrund verfallene Bürgerhäuser
- Die reichhaltigen Ruinen von Side erstrecken sich über seine gesamte frühere Ausdehnung, also über mehrere Kilometer (eigene Aufnahme)

Um 450 n. Ztr. wurde die Therme an der Agora (Abb. 9) erbaut. Sie hat sich so gut erhalten, daß in ihr das heutige reichhaltige Museum von Side eingerichtet werden konnte.

Um 490 n. Ztr. war der Baubeginn des Bischofspalastes zwischen dem West- und Osttor der Stadt, im Außenbereich der Stadt. Es handelte sich um einen Palast, an dem bis 950 weiter gebaut wurde. Hierfür wurde sogar noch einmal eine neue, repräsentative, mit Säulen eingerahmte Straße, eine sogenannte Kolonadenstraße erbaut. 

Nun aber machte sich zunehmend christlicher Eifer unter den Menschen der Zeit breit. In der gleichen Jahren wurden die Tempel für die Götter Men, Athene und Apollon, die Wahrzeichen der Stadt auf der Spitze der Halbinsel, abgerissen und zerstört. 

An ihrer Stelle wurde - unglaublich - eine dumpfe christliche Basilika errichtet. In was für eine geistige Umnachtung müsssen die Menschen der damaligen Zeit verfallen sein, daß sie helle, lichtumflutete Tempel ersetzten durch solche Basiliken!

Was für eine vielfältige, Jahrtausende alte Geschichte. 

Die um 490 n. Ztr. abgebrannten Atriumhäuser nördlich der Agora, bei denen es sich um reiche Bürgerhäuser handelte, wurden in jener Zeit nicht mehr wieder aufgebaut. Sie blieben - bis heute - in ihrem Brandschutt liegen (Abb. 9 im Vordergrund).

Abb. 10: Abendstimmung westlich von Side (eigene Aufnahme)

Eine antike Stadt. Mit so großer, weiter Geschichte. Und noch heute rauscht das Meer - wie eh und je - an seine Gestade. An Gestade, die so helle, frei gesinnte, schönheitstrunkene Menschen über Jahrhunderte, Jahrtausende hinweg gesehen haben. 

Die Palmen wehen im Wind. Und die üppige Natur - samt jener Granatäpfel, die Side einst ihren Namen gegeben haben - sie treiben im Frühjahr jedes Jahr aufs Neue aus.

Im Frühjahr. 

Das heißt in dieser Region: Februar.

Bedarf es eines solchen, von der Sonne verwöhnten Klimas, um götterfrohe Menschen hervor zu bringen? 

Wie noch einmal hatte es Friedrich Schiller aufgefaßt, dieses "Blütenalter der Natur", vor dem Einzug des dumpfen, geistig ohnmächtigen, christlichen Mittelalters, in dessen Schlacken wir uns auch heute noch allerorten bewegen? ...

Die Götter Griechenlands
Da ihr noch die schöne Welt regieret,
An der Freude leichtem Gängelband
Selige Geschlechter noch geführet,
Schöne Wesen aus dem Fabelland!
Ach, da euer Wonnedienst noch glänzte,
Wie ganz anders, anders war es da!
Da man deine Tempel noch bekränzte,
Venus Amathusia!
(...)
Finstrer Ernst und trauriges Entsagen
War aus eurem heitern Dienst verbannt;
Glücklich sollten alle Herzen schlagen,
Denn euch war der Glückliche verwandt.
Damals war nichts heilig, als das Schöne,
Keiner Freude schämte sich der Gott,
Wo die keusch errötende Kamöne,
Wo die Grazie gebot.
Eure Tempel lachten gleich Palästen,
Euch verherrlichte das Heldenspiel
An des Isthmus kronenreichen Festen,
Und die Wagen donnerten zum Ziel.
Schön geschlungne, seelenvolle Tänze
Kreisten um den prangenden Altar,
Eure Schläfe schmückten Siegeskränze,
Kronen euer duftend Haar.
(...)
Schöne Welt, wo bist du? - Kehre wieder,
Holdes Blütenalter der Natur!
Ach, nur in dem Feenland der Lieder
Lebt noch deine fabelhafte Spur.
Ausgestorben trauert das Gefilde,
Keine Gottheit zeigt sich meinem Blick,
Ach, von jenem lebenwarmen Bilde
Blieb der Schatten nur zurück.
Alle jene Blüten sind gefallen
Von des Nordes schauerlichem Wehn;
Einen zu bereichern unter Allen,
Mußte diese Götterwelt vergehn.
Traurig such' ich an dem Sternenbogen,
Dich, Selene, find' ich dort nicht mehr;
Durch die Wälder ruf' ich, durch die Wogen,
Ach! sie wiederhallen leer!
Unbewußt der Freuden, die sie schenket,
Nie entzückt von ihrer Herrlichkeit,
Nie gewahr des Geistes, der sie lenket,
Sel'ger nie durch meine Seligkeit,
Fühllos selbst für ihres Künstlers Ehre,
Gleich dem todten Schlag der Pendeluhr,
Dient sie knechtisch dem Gesetz der Schwere,
Die entgötterte Natur.
Ja, sie kehrten heim, und alles Schöne,
Alles Hohe nahmen sie mit fort,
Alle Farben, alle Lebenstöne,
Und uns blieb nur das entseelte Wort.
                                           Friedrich Schiller
 
 
/ Vom Sprachgebrauch her 
überarbeitet: 3.2.23 /
 
 
_____________________
*) Ja, diese greulichen, scheußlichen Bettenburgen, Schandmale der Kulturlosigkeit unserer Zeit. Im leeren Zustand sind sie übrigens im Winter, also bis Februar oder März weitaus besser zu ertragen und - soweit als möglich - zu ignorieren, als wenn die moderne Massenverblödung etwa April/Mai anfängt, überraschend schnell und kräftig in diesen Gegenden Einzug zu halten. Den Typus des modernen Massenmenschen in seiner (im übrigen: wohlverdienten) Urlaubs- und Freizeit zu erleben, ist womöglich noch erschreckender, als wenn man ihn im seelenlosen Hamsterrad seiner Arbeit in der modernen Dienstleistungsgesellschaft erlebt. Dort wo jeder so tut, als wäre er "Mensch". Erst im Urlaub offenbar der Massenmensch dann sein "wahres Gesicht". (Nietzsche sind demgegenüber schon lange die Worte ausgegangen zur Charakterisierung dieses Typus von "allerletzten Menschen" ....) 
_________________
  1. Huglstad, Allan: Alanya und Umgebung. Von Antalya bis Anamur. Alanya 2008 (220 S.)
  2. Atvur, Orhan: Side. A guide to the ancient city and the Museum. 7. Auflage 2010

Montag, 18. August 2008

"Geschichten erzählen" – Ein Ursprung der Religionen

Weibliche Figuren in der Weltliteratur

Die in der Weltliteratur dargestellten Personen spiegeln evolutionär entstandene Grundtendenzen im Verhalten wieder, etwa auf dem Bereich angeborener, psychischer Geschlechtsunterschiede. Dies ist das Ergebnis einer vor drei Jahren von dem amerikanischen Psychologen Jonathan Gottschall veröffentlichten Studie unter dem Titel (übersetzt) "Die Heldin mit den tausend Gesichtern - Universelle Tendenzen in der Charakterisierung von weiblichen Märchen-Figuren" (epjournal) (1).

Abb. 1: Großmutter und Enkelin am Kamin (um 1900) (WikiCom), gemalt von Paul Hoecker (1854-1910) (Wiki)

Auf den ersten Blick ein abseitiges Thema. Warum sollte sich der moderne Mensch noch mit Märchenfiguren beschäftigen? Geht man aber der Frage nach, ob in die Auswahl der weltweiten Volksmärchen dieser Studie auch biblische, buddhistische, konfuzianische oder sokratische "Geschichten" einbeschlossen worden sind - natürlich nicht! -, wird gleich noch ein weiterer Erkenntnishorizont sichtbar.

Was ist der Sinn von "Erzählen"?

Der evolutionäre Weg der innerartlichen Kommunikation um des sozialen Ausgleichs und der sozialen Befriedung willen ging von „sozialer Fellpflege“ bei den Schimpansen zum „Klatsch und Tratsch“ bei den ersten Menschengruppen (siehe Robin Dunbar). Und dieser Weg ging weiter über das Erzählen von strukturierteren, verallgemeinerten Geschichten, schließlich zur vielleicht höchsten Errungenschaft der Menschheit: zu den „Geschichten“, die Wissenschaft und Philosophie „erzählen“. Dabei wurde der Kreis jener, mit denen man „soziale Fellpflege“ schließlich auf höchstem intellektuellem Niveau betreibt, immer größer. Und entsprechend nahm die angeborene Intelligenz in der Evolution zu. (siehe Robin Dunbar)

Man kann sich also leicht klar machen, daß die weltweit von Völkern erfundenen Mythen und Märchen eine Vorstufe von menschlicher Religion und Philosophie darstellen, also einen Abschnitt hin auf dem Weg zu den heute ausgebildeten Formen menschlicher Religiosität und ihrer Weitergabe durch "Erzählen". Auch noch die Bibel etwa oder der Buddhismus „erzählen“ über weite Strecken einfach nur „Geschichten“.

(Nebenbemerkung: Ein gutes Kunstwerk ist daran erkennbar, daß die „Absicht“ des Künstlers nicht so leicht und unmittelbar erkennbar wird. Bei den Geschichten der Bibel wird die „Absicht“, die „Moral von der Geschicht’“ fast immer gleich mitgeliefert: „Ich aber sage euch …!“ Der moderne Mensch zumindest erkennt die Absicht und ist verstimmt. Das Schöne an den Märchen und Mythen der Völker ist oft, daß sie nicht dauernd nur mit hoch gehobenem Zeigefinger daher kommen. Daß sie der Phantasie und dem menschlichen Handeln viel größere Spielräume lassen, dennoch aber bestimmte Verhaltensmuster "nahelegen", als vorbildlich darstellen.)

Bevor das antik-griechische wissenschaftliche Denken und Erzählen ausgebildet wurde, erzählte man sich die traditionellen Götter- und Heldengeschichten, etwa dargestellt in der "Ilias" oder bei den heidnischen Völkern Mittel- und Nordeuropas in "Götter- und Heldensagen":

„Urzeiten war’s, als Adler schrie’n
und heilige Wasser von Himmelshöhen rannen …“

Jedenfalls: Nimmt man alle diese Dinge zusammen, würde sich die Evolutionäre Religionswissenschaft über weite Strecken nur als ein „Spezialfall“ der Evolutionären Literaturwissenschaft erweisen und diese wiederum über weite Strecken als ein „Spezialfall“ der historischen Volkskunde.

Religionswissenschaft ein "Spezialfall" der Literaturwissenschaft

Religionsgemeinschaften wären dann einfach Gemeinschaften von Menschen, in denen man sich dieselben Geschichten - vor allem auch mit philosophischer oder religiöser, schließlich wissenschaftlicher Bedeutung - erzählt. Und was machen Blogger anderes als Geschichten erzählen? - Willkommen im Club!

Geschichten erzählt man sich, um Identität zu formen, um sich in der Welt zu recht zu finden, um die Welt und das eigene Leben zu strukturieren. In Geschichten, "Szenarien" versetzen wir uns in andere Personen, probieren wir Handlungsalternativen aus, ohne uns selbst konkret für eine bestimmte Handlung entscheiden zu müssen. Diese Möglichkeit zur "inneren Bühne" besitzen außer dem Menschen nur die intelligentesten Tiere in Ansätzen, etwa die Schimpansen. Aber auch die Schimpansen können kaum differenzierter über ihre jeweiligen "inneren Bühnen" mit anderen Schimpansen kommunizieren. Das ist es ja, was einem beim Umgang mit Tieren oft so bedauerlich erscheint.

(Ein weiterer Differenzierungsschritt bezüglich „innerer Bühne“ ist die heute viel diskutierte „Theory of Mind“, also daß man sich in die „innere Bühne“ eines anderen versetzt und Hypothesen darüber aufstellt, was dort gegenwärtig „passiert“. Das kann auch in einem Rückkoppelungsprozeß stattfinden nach der Art: „Er denkt, daß ich denke, daß er denkt …“ entsprechend des fortgeschrittenen Schachspielers: „Wenn ich so ziehe, zieht er so, ziehe ich so, aber er wird auch sehen, daß ich so ziehen kann, also zieht er so …“)

Kommunikation über die "innere Bühne"

Hat nun auch die moderne Gesellschaft noch ihre "Narrationen", ihre "Erzählungen" zur Identitäts-Bestimmung und zur Übung und Steigerung intellektueller Kapazitäten? Gewiß. Aber was „erzählen“ moderne Gesellschaften ihrer Jugend, um sie in die heutige Welt hineinzuführen, um ihnen die Strukturierung des Lebens zu erleichtern? ... An dieser Stelle genug der Abschweifung!

Zurück zu Gottschall. Weibliche Protagonisten in der Weltliteratur untersucht er nicht mehr ausgehend von der Freudschen Psychoanalyse, sondern ausgehend von der modernen Evolutionstheorie:

This research seeks universal patterns in dimensions of female protagonist characterization where evolutionary theory and research suggests one should find them. The expectations of this study were as follows. On the basis of kin selection theory (Hamilton, 1964) it was expected that female protagonists would devote substantial effort to assisting their kin, especially their close kin, relative to non-kin and distant kin. On the basis of research into human mate preferences inspired by sexual selection theory, it was predicted that female characters, relative to their male counterparts, would place greater emphasis on a potential mate's wealth, status, and kindness (a potential signaller of commitment) than on his physical attractiveness (Buss, 1989).
On the flip side, given the heavy emphasis males place on the attractiveness of potential mates in world cultures, it was expected that there would be markedly greater emphasis on the physical attractiveness of female characters relative to male characters. On the basis of Darwin-Trivers sexual selection theory (Darwin, 1871; Trivers, 1972), it was predicted that female protagonists would be identified as less "active," less "courageous," and less likely to be defined as "physically heroic" than their male counterparts. This is because sexual selection theory predicts that, in most sexually reproducing animals, males will be more prone to risk taking behavior in the competition for mates; males' higher likelihood both of reproducing prolifically and dying without issue gives them positive and negative incentives to compete intensely and riskily for mates, and for the social status and resources required to attract and retain them (for reviews of sexual selection literature see Anderson, 1994; Miller, 1999).
Finally, it was expected that one side effect of the higher activity, courage, and heroism ratings of males characters would be an abundance of male main characters relative to female main characters. It was assumed that active characters (as well as the courageous and physically heroic) would be more compelling than passive characters, and thus more likely to play central roles in narratives. While some of these expectations may seem obvious on the basis of commonsense, they are at odds with the dominant humanities models, which predict strong inter-cultural variability given the basically arbitrary nature of human social and gender arrangements.

Zusammengefaßt: Aus Sicht der Evolutionstheorie "sollten" weibliche Protagonisten in der Weltliteratur besonders ihre Verwandten unterstützten, bei der Geschlechtspartnerwahl stärker auf Wohlstand, sozialen Status und Mitmenschlichkeit achten denn auf körperliche Attraktivität, während für die männlichen Protagonisten eine deutlich höhere Beachtung der weiblichen körperlichen Attraktivität eine Rolle spielen "sollte". Die weiblichen Protagonisten sollten weniger "aktiv", weniger "mutig" und weniger "physisch heroisch" sein, während das stärker Risiko-in-Kauf-nehmende Verhalten der männlichen Protagonisten mit ihrer evoluierten Partnerwahlstrategie zusammen passen sollte.

Paul Hoecker (1854 - 1910) - Großmutter und Enkelin (um 1900)

Vielleicht wenig erstaunlich, daß sich all diese Erwartungen aus der Sicht der Evolutionstheorie in der Studie bestätigten. Da aber auch konkurrierende Literaturtheorien vorliegen, die solche Universalien nicht annehmen, war der Beweis doch zunächst einmal zu erbringen, daß sich Evolutionstheorie erfolgreich auf Weltliteratur anwenden läßt.

Evolutionäre Literaturwissenschaft

Nachdem solche Nachweise auf dem Gebiet der Geschlechtsunterschiede erbracht worden sind, kann man weiterschreiten in der evolutionspsychologischen Erforschung der Weltliteratur und auch die engeren religiösen Bedeutungen von "Narrationen" in den Blick nehmen, die konsensbildenden, Kooperation und gemeinsames, kooperierendes Verhalten verstärkenden Funktionen derselben. Die „Einstimmung auf das Leben“, die durch diese geschieht.

Man wird dann auch schrittweise genauer typische Unterschiede zwischen den Volksmythologien, gesellschaftlichen Mythologien aus evolutionärer Sicht erklären können, sowohl aufgrund geographischer wie historischer wie biologischer Umstände und Gegebenheiten. Etwa könnten sie erklärt werden mit unterschiedlichem Pathogen-Befall von Gesellschaften (siehe frühere Beiträge) oder auch mit dem unterschiedlichen Vorwiegen von ADHS-Anlagen in einer Gesellschaft und anderem mehr.

Vielleicht können dann auf diese Weise auch Unterschiede etwa zwischen dem monotheistischen erzählenden "Winken mit dem moralischen Zaunpfahl" und den fabulierenden, polytheistischen Geschichten der antiken Griechen und sonstigen heidnischen Völker evolutionstheoretisch in den Blick genommen werden.
__________

  1. Gottschall, J. (2005). The heroine with a thousand faces: Universal trends in the characterization of female folk tale protagonists. Evolutionary Psychology, 319, 85-103
  2. Jonathan Gottschall: The Heroine with a Thousand Faces: Universal Trends in the Characterization of Female Folk Tale Protagonists. Evolutionary Psychology, human-nature.com/ep – 2005. 3: 85-103 (pdf.)

Dienstag, 18. Dezember 2007

Nachdenken über Altruismus (- 4. Teil)

- Die Geschichte vom "verlorenen Sohn"

Für manchen Leser wird nicht recht klar sein, worauf dieses "Nachdenken über Altruismus - Thema und Variationen" eigentlich hinauslaufen soll. Vielleicht faßt man dieses Nachdenken tatsächlich zunächst auf wie ein musikalisches "Improvisieren", wie ein "Material-Sammeln" (sozusagen von "musikalischen Ideen"), aus dem man dann später - günstigstenfalls - eine Oper oder Sinfonie schreiben kann (wie gesagt: günstigstenfalls!).

Fangen wir diesmal so an: Vielleicht ist echter Altruismus heute kaum noch lebbar im Alltag. Wenn das stimmen sollte, wäre es verständlich, daß die Forscher derzeit vornehmlich nur die "Trivialform" des Altruismus, die soziale Gegenseitigkeit (Gerechtigkeit) in allen möglichen und unmöglichen Varianten und Aspekten erforschen und immer wieder neu erforschen. Da gibt es das berühmte "Gefangenen-Dilemma", die These vom "altruistischen Bestrafen" und so vieles andere mehr auf diesem Gebiet. Aber - wie mir scheint - gleich ganze Marmor-Steinbrüche von Forschungsmöglichkeiten was Alltags-Altruismus in arbeitsteiligen Gesellschaften betrifft, verbleiben dabei im Schatten gänzlicher Nichtbeachtung.

Daß man in seiner Selbstaufopferung für einen anderen Menschen oder für Prinzipien bis zum eigenen Tod geht oder bis in Annäherungen an denselben - all solche Dinge gehören heute jedenfalls nicht mehr zu den bevorzugten, vorherrschenden kulturellen Idealen. Mit Hedonismus jedenfalls hätte das ja auch sehr wenig zu tun. Daß aber im sozialen Zusammenhang auch heute noch zumindest "Annäherungen" an den Tod gelebt werden, kann man etwa an der Tatsache ablesen, daß eine Scheidung nach einer tief erfüllenden Ehe die Sterbewahrscheinlichkeit sehr deutlich erhöht und zur Lebensverkürzung beiträgt. Für Männer gilt dies noch mehr als für Frauen. Auch bei vielen Krankheiten und Depressionen geht die Forschung ja heute von sozialen Ursachen oder Mitverursachungen aus. Das heißt: Bestimmte soziale Lebensumstände, in die man gerät oder denen man nicht aus dem Weg geht, können - letztlich - töten.

Es geschieht vielleicht heute nicht mehr sehr oft, daß solche Erhöhungen von Sterbewahrscheinlichkeiten mit bewußt gelebtem Altruismus in Verbindung gebracht werden - zumindest subjektiv. Aber es könnte sinnvoll sein, auch bezüglich solchen sozialen Geschehens nach jeweiligen Altruismus-Anteilen im sozialen Verhalten zu fragen, die über reine Gegenseitigkeits-Prinzipien hinausgehen. (Also extrem "asymetrische" soziale Beziehungen wie es ja doch auch - oder vor allem - die Geschlechterbeziehungen darstellen.)

Über Menschen gut denken, auch dann, wenn es schwer fällt ....

Was könnte altruistisch sein? Daß man versucht, über Menschen gut zu denken, edel zu denken auch dann, wenn es schwer fällt? Über andere Menschen nicht nur und ständig in ihren Schwächen, ihren Abarten herumwühlen? Gibt es nicht ein Sprichwort, daß da sinngemäß lautet: Wie man einen Menschen ansieht, so ist er auch? Wie man die Welt ansieht, so ist sie auch? Ich möchte meinen, daß dies besonders für soziale Alltags-Zusammenhänge zutrifft. Und ich möchte meinen, daß das ein gewaltiger Schritt wäre, in echterer Weise altruistisch zu sein: daß ich versuche, von allem Schlechten, von allen schlechten Eigenschaften eines Mitmenschen, die ich auch beachten könnte, die mir auch bekannt sein könnten, zunächst abzusehen und zunächst einmal nur das Gute in ihm zu sehen, in ihm zu werten.

Ein solches Vorgehen setzt schon eine gewisse "Selbstlosigkeit" voraus. Denn in vielen Lebenssituationen ist es doch einfacher, im anderen Menschen erst einmal das Schlechtere vorauszusetzen, das Schlechtere zu sehen. Wenn man zunächst das Schlechtere voraussetzt, von vornherein mißtrauisch ist, dann kann man gewiß auch nicht mehr enttäuscht oder verletzt werden, sondern höchstens überrascht.

Manche Menschen sind mehr geneigt zum Guten als andere ...

Nun wird es sicher so sein, daß "über andere Menschen gut denken" manchen Menschen leichter fällt als anderen. Den "von Natur aus" fröhlichen, optimistischen, lebensoffenen Gemütern wird es leichter fallen, auch im anderen Menschen das Positive zu sehen, überhaupt die Welt im positiveren Licht zu sehen, als Menschen, denen von Natur aus das "Schwarzsehen", das Sehen von Negativem näher liegt.

Man könnte also behaupten: Manche Menschen sind leichter geneigt, dem Guten nachzustreben als andere. Und zwar könnte dies entweder aufgrund genetischer Veranlagung und/oder aufgrund von kulturellen Prägungen, positiven oder negativen Erfahrungen vor allem in der Kindheit, Jugendzeit und jüngerem Erwachsenenalter der Fall sein. Fast möchte man meinen, daß das Ersterlebnis von Geschlechtlichkeit (also die Art des Verlustes der "Jungfräulichkeit", die sicherlich einen seelischen Prägungsvorgang darstellt), viel damit zu tun haben könnte, wie man auch später auf das Leben sieht, wie man - zumal in intimeren Beziehungen - den anderen Menschen sieht. Negative, seelenlosere, "ernüchternde" Erfahrungen auf diesem Gebiet werden sich anders auf das Leben auswirken als positive, seelisch aufrüttelnde, lebensfroher machende.

Genetische oder schicksalsmäßige "Determiniertheit"?

Aber wie ist es nun: Selbst wenn es Menschen aufgrund von Schicksal und Vererbung leichter fallen sollte, als anderen, dem inneren Trieb, der inneren Neigung zum Guten zu folgen - wenn sie nun dabei durch ein Meer von Leid gehen - wer wird das dann noch gleichsetzen wollen mit banalem "Determinismus", banaler "Determiniertheit"? Wer wird das vor allem gleichsetzen wollen mit einer gelebten Geneigtheit zum Guten, die ohne jedes Leid auch gelebt und verwirklicht werden kann (- z.B. aufgrund glücklicher[er] Lebensumstände)?

Und dann erlebt man es doch immer wieder, daß Menschen, die sogar besonders geneigt und in einer jeweiligen Epoche besonders befähigt sind, dem Guten, Edlen nachzustreben, daß gerade sie auch besonders "befähigt" sind, aus dieser "offenbaren" oder sogenannten persönlichen "Determiniertheit" auszubrechen. Sie begehen mehr oder weniger bewußt - früher oder später vielleicht auch aus ihrer eigenen Sicht - eine schlechte, eine böse, bösartige Handlung, um ihrer "Determiniertheit", einer gewissen unausweichlichen Neigung (einer Begabung?) zum Guten, zum Edlen zu entgehen. Und natürlich "beweisen" sie dadurch sich und anderen klar und eindeutig, daß es 100%-ige "Determiniertheit" zum Guten nicht gibt. Und ähnliches wird auch für das Schlechte und die Neigung zum Schlechten gelten.

Menschen, die vielleicht vor 50 oder 80 Jahren gelebt haben, wäre als Beispiel eines solchen eben genannten Lebensschicksales sicher der früher viel gelesene Lebensroman von Bachvogel über "Friedemann Bach", den erstgeborenen Sohn von Johann Sebastian Bach, eingefallen. In diesem Roman wird der musikalisch hochbegabte Friedemann Bach als ein gescheiterter Künstler dargestellt, der schließlich seine hohe Begabung und sein hohes musikalisches Können dazu verwendet, um mit einer Zigeuner-Gruppe durch die Lande zu ziehen und Zigeneuner-Weisen in Wirtshäusern zu spielen. Ein sehr erschütternder Roman, der "irgendwie" "lebensecht" wirkt, selbst wenn die musikhistorische Forschung in späterer Zeit glaubt, aufzeigen zu können, daß dieser viel gelesene Roman das Lebensschicksal von Friedemann Bach nicht historisch zutreffend darstellen würde.

Aber: Wie steht es mit der Parabel vom "verlorenen Sohn"?

Auf jeden Fall könnte einen ein solcher Roman zur Besinnung bringen bezüglich dessen, mit welchem unendlichen Leid, mit welchen kulturellen Verlusten "echte", gelebte oder nicht gelebte Altruismen eigentlich zu tun haben könnten. Maler und Schriftsteller haben ähnliche Schicksale immer wieder auch im Bild der Parabel des "verlorenen Sohnes" zur Darstellung gebracht. Etwa Rainer Maria Rilke im berühmten Schlußabschnitt seines Werkes "Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge". ("Man wird mich schwer davon überzeugen, daß die Geschichte des verlorenen Sohnes nicht die Legende dessen ist, der nicht geliebt werden wollte. ...") Oder viele niederländische Maler, die ja den "verlorenen Sohn" in zwielichtigen Schenken zur Darstellung bringen. Auch etwa Luis Trenker hat einen Film gedreht über einen "verlorenen Sohn", der nach Amerika auswandert und erst ganz zum Schluß durch seine Rückbesinnung auf seine Heimat und die Brauchtümer seiner Heimat (Tirol) eines Besseren belehrt wird. Für mich jedenfalls ein erschütternder Film.

Auf jeden Fall: Die Parabel vom "verlorenen Sohn" ist ein bekannter Topos in der Kunst und Kultur, über den sich moderne Altruismus-Forscher auch mal ein bischen mehr Gedanken machen könnten, um alle Altruismus-Arten, die gelebt werden (oder wurden), auch wirklich einer wissenschaftlichen Beschreibung näher zu bringen und sie in das schon bestehende wissenschaftliche Theorie-Gebäude einzuordnen. Denn was in der Wissenschaft nicht theoretisch erfaßt wird, das wird oft auch oft vom allgemeinen Denken gar nicht mehr berücksichtigt - und umgekehrt. Es besteht ja da eine Wechselbeziehung. Aber beides wäre doch ganz besonders schade. Um mich vorsichtig auszudrücken. (Wäre vielleicht ein paralleler Topos für das weibliche Geschlecht das Thema "Jesus und die Ehebrecherin", die "gefallene" Tocher? Vielleicht.)

Besteht denn nicht auch die Möglichkeit, daß wir heute in irgend einer Weise alle "verlorene Söhne" sind? Oder "gefallene" Töchter? Merkwürdig auch, wie gerade merke, daß man "gefallen" noch schlimmer findet, als "verloren" ... All das jedenfalls wird man je nach eigenem innerem Maßstab und Weltbild, bzw. philosophischen Grundanschauungen verschieden beurteilen. Das oft allzu platte Denken in den Kategorien wie denen der "verlorenen Schafe Israels" muß dabei jedenfalls nicht in jedem Fall im Vordergrund stehen. Es ist durchaus nicht notwendig, sich wie ein Sektenpriester zu fühlen, wenn man versucht, sich auf die metaphysische und moralische Heimatlosigkeit des modernen Menschen zu besinnen ...

Samstag, 8. Dezember 2007

Nachdenken über Altruismus - (3. Teil)

Ich lese gerade Rolf Degen "Das Ende des Bösen - Die Naturwissenschaft entdeckt das Gute im Menschen" (Piper, München 2007). Es läßt einen erneut über Altruismus nachdenken, da es in bunter Folge neueste Forschungen in der Soziobiologie referiert. (Rolf Degen gehört ja auch zu den wenigen, die in Zeitungs-Artikeln differenzierter zur IQ-Forschung Stellung nehmen, als das zumeist geschieht.) Ich habe jetzt etwa die Hälfte des Buches durch und stelle fest, daß bislang so gut wie nur das Gegenseitigkeits-Prinzip behandelt worden ist (um von vielen sonstigen, sehr typischen Mißverständnissen in Büchern dieser Art hier ganz abzusehen). Das entspricht auch dem, was derzeit überwiegend in der Soziobiologie erforscht wird, was zumindest in "Science", "Nature" oder "Journal of Theoretical Biology" derzeit bevorzugt veröffentlicht wird.

Friedrich Schiller zum Gegenseitigkeits-Prinzip in zwischenmenschlichen Beziehungen

Nun fiel mir beim Lesen folgendes ein, nämlich - natürlich! - wieder einmal Friedrich Schiller, bzw. grundlegendere Gedanken von ihm. Zwei "Sprüche" von ihm, die er zusammen mit Goethe im sogenannten - oft sehr lustigen aber oft auch sehr ernsten - "Xenien-Krieg" veröffentlicht hat:
Unterschied der Stände

Auch in der sittlichen Welt ist ein Adel; gemeine Naturen
Zahlen mit dem, was sie tun, schöne mit dem, was sie sind.
Und der zweite Spruch, der zumindest in meiner Reclam-Ausgabe "Gedichte" von Schiller gleich auf den vorigen folgt:
Das Werte und Würdige

Hast du etwas, so gib es her und ich zahle, was recht ist,
Bist du etwas, o dann tauschen die Seelen wir aus.
Auf den letzteren Spruch wollte ich vor allem hinaus. Wie ist das nun? Wie könnte man solche Gedanken nun in das moderne Denken über altruistisches, soziales Verhalten einordnen? Offensichtlich ist in beiden Sprüchen das Gegenseitigkeits-Prinzip angesprochen. Aber Schiller unterscheidet "adlige", "schöne" und "gemeine" Naturen, er unterscheidet Menschen, die etwas haben und Menschen, die etwas sind - herrlich! Wie wohl eine solche Unterscheidung in modernes soziobiologisches Denken eingegliedert werden kann? Wir verstehen doch nur allzu gut, was Schiller hier sagen will.

Menschen, die einem etwas bedeuten

Mir jedenfalls geht es so - und ich weiß, daß zugleich nicht mehr viele Menschen heute so denken: Hat jemand etwas, so zahle ich ihm tatsächlich gerne, was recht ist (so ich denn selbst genug habe ...), ist aber jemand etwas - oh, eine solche Erfahrung macht man heute nicht allzu häufig, als daß man darauf nicht mit sehr großer Dankbarkeit reagieren würde. Wenn ich einmal von persönlicheren Beziehungen in Freundschaft und Liebe absehe, so könnte einem dazu vielleicht Begegnungen im Studium einfallen, Begegnungen mit Menschen begegnet, die tatsächlich etwas sind - etwa bedeutendere Professoren. Zum Beispiel ein Vortrag von Manfred Eigen oder einen von Carl Friedrich von Weizsäcker. Oder die Vorlesungen des inzwischen schon verstorbenen Philosophie-Professors Malter in Mainz, damaliger Vorsitzender der Schopenhauer-Gesellschaft. Und man möchte meinen, daß es gerade solche Begegnungen in Freundschaft oder gar Liebe selbst sind - oder doch zumindest in Freundschaft und Liebe zur Wissenschaft (oder zur Kunst, zur Philosophie), die das Leben ganz besonders vertiefen können - im Sinne etwa des Dichters Gorch Fock:
"Du kannst dein Leben nicht verlängern noch verbreitern - nur vertiefen."
Ja, aber wo findet man sich mit all solchen Gedanken in modernem soziobiologischem Denken wieder? Wie verknüpft man beide Gedankenwelten miteinander? Auch Schiller - und all die bedeutenderen Menschen - sind doch biologische Wesen, auch ihr Altruismus muß doch erklärt werden. Natürlich begegnet man solchen "bedeutenderen" Menschen noch viel öfter in Büchern oder in Kunstwerken, zuweilen auch in bedeutenderen Filmen. Das Schaffen von Kultur ist wahrscheinlich sowieso schon jenes "Kommunikations-Mittel", mit denen Menschen, die etwas "sind", sich am besten verständigen können. Oder durch die Vermittlung von Kultur an andere Menschen als "Interpreten".

Die Mehrheit der heutigen Menschen "hat" etwas ...

Man könnte folgendermaßen mutmaßen: Wir leben heute in einer Gesellschaft, in der vornehmlich Menschen etwas "haben". Darauf legen sie vor allem Wert, etwas zu "haben". Ob sie zugleich auch - nebenbei - etwas "sind" - wer fragt danach? So mancher mag sich beispielsweise eine Zeit lang für den Video-Blog von Matthias Mattusek begeistert haben, seines Zeichens Leiter der Kulturredaktion des "Spiegel". Aber davon kann irgendwann auch gänzlich abkommen. Ist denn das tatsächlich ein Mensch, der etwas "ist"? Er tut jedenfalls so, schmückt sich mit vielen bedeutenden Gesprächspartnern (- und diese mit ihm?). Vielleicht ist er es in manchen ernsteren Stunden seines Lebens ja wirklich, meistens jedenfalls, so möchte man nach vielen Video-Blog-Beiträgen inzwischen vermuten, ist er es jedenfalls nicht. Größtenteils treibt er da kindlichen, bzw. kindischen Klamauk. Zur Abwechslung ganz gut - aber wenn's fast zur Regel wird? (Das was der Mattusek betreibt, ist katholischer "Sacro pop", wie das dieser Blog erst zwei Jahre später, Ende Februar 2010, durchschaut.)

Für einen typischen "Hedonisten" scheinen übrigens solche Fragestellungen nicht gerade die bevorzugten zu sein, oder? Denn sonst würde man ja sagen, daß es für einen noch Wichtigeres gibt, als sich gegenseitig mit Mitteln zu bezahlen, die "Lust" vergrößern können. Ja, natürlich, man kann ein solches "hedonistisches" Denken erweitern auf geistige "Besitztümer" - aber Schiller spricht darüber anders als ein typischer Hedonist. Er weiß, daß die Götter vor das Erringen geistiger Besitztümer den Schweiß gesetzt haben, nicht die Lust. Eher würde man ein Gegenseitigkeits-Austausch zwischen Hedonisten empfinden, als wenn sich möglichst stark einander ähnelnde "Lemminge" ohne jede eigene kräftige Individualität am ehesten geeignet wären für einen solchen Austausch, bei dem eben vor allem (wie in der derzeitigen Forschung) darauf geachtet wird, daß der jeweils andere etwas "hat", nicht daß er auch etwas "ist".

Eine Minderheit versucht, etwas zu "sein" ...

Aber wie steht es nun mit der Minderheit jener, versuchen, etwas zu "sein"? Mit wem können sie sich denn überhaupt noch austauschen? Hölderlin sagt, sie wohnen auf "getrenntesten Bergen", nur selten einmal kommt einer zum anderen hinüber. Ich habe einmal ein Interview des österreichischen Sängers Hubert von Goisern mit der Verhaltensforscherin Jane Goodall gesehen. Jane Goodall war eines Tages plötzlich einmal vor seiner Haustür gestanden, weil sie - offenbar - seine Musik schätzte und hoffte, in ihm auch einem Menschen begegnen zu können, der - möglicherweise - etwas "ist". Bei dem Interview (in Gombe, wo Hubert von Goisern sie zusammen mit Kamerateam besuchte) hatte ich das Gefühl: Jane Goodall sucht - vielleicht besonders nach dem Tod ihres zweiten Mannes, der in einer Krebsklinik in Österreich starb - nach Menschen, die - so wie sie - etwas "sind". Sie fand aber für diese Sehnsucht und Suche auch bei diesem Sänger Hubert von Goisern irgendwie nicht das Verständnis, das sie sich - wie mir in diesem Gespräch erschien: ganz offensichtlich - ersehnte.

Gibt es nicht viele solche "einsame" Menschen, die danach streben, etwas zu "sein"? Zumal wenn sie noch jung sind? Wieviele wohl geben dieses Streben bald auf, da sie in ihrer Mitwelt wenig Verständnis finden und geben sich zufrieden damit - etwas zu "haben"?

Was sagt die Soziobiologie dazu?

Aber was würde es denn nun heißen, weiter danach zu streben, etwas zu "sein", statt nur etwas zu "haben"? Was würde es heißen, "die Ideale seiner Jugend zu achten", auch dann noch, wenn man - wie Schiller in "Don Carlos" sagt - "Mann" geworden ist (bzw. erwachsene Frau)? Es könnte sein, daß einen das Unverständnis der Mitwelt, die Einsamkeit viele Entbehrungen bei diesem Streben auferlegt, die "Ideale seiner Jugend zu achten". Und es könnte sein, daß man das Aushalten dieses Umstandes (der Einsamkeit, des Mißverständnisses) erst jene Form von "echterem" Altruismus nennen könnte, die einem tatsächlich erforschenswert erscheinen könnte.

- Denn was muß es einen großartig interessieren, wenn Menschen genau darauf achten, daß der andere das zahlt, "was recht ist", weil er (bzw. wenn er) (nur) etwas "hat"? Um diese Fragestellung jedenfalls scheinen sich - zumindest - die ersten 136 Seiten des Buches von Rolf Degen zu drehen. Interessant - aber (für mich) ganz und gar unbefriedigend.

Wenn nun Menschen zahlen mit dem was sie sind, ist es eigentlich erlaubt, das trivial "Gegenseitigkeit" zu nennen? Ich möchte meinen, daß es dabei darauf ankommt, in welcher Gesellschaft sie leben. Begegnen sie vielen Menschen, die etwas sind, wird es ihnen nicht schwer fallen, selbst etwas zu sein. Die Tatsache, daß sie selbst etwas "sind", dürfte sie in einer solchen Gesellschaft nicht sehr viel psychischen Aufwand gekostet haben. Denn es würde sich dann um eine echt humane Gesellschaft handeln. Aber in Gesellschaften, in denen sie nur noch sehr selten auf Menschen treffen, die (gerade in diesem Augenblick) selbst etwas "sind", in solchen Gesellschaften dürfte es eines hohen Grades von Selbstlosigkeit bedeuten, dennoch selbst etwas sein oder bleiben zu wollen.

Ich fände es spannend, genau für solche Arten von Altruismus eine evolutionsbiologische Erklärung zu finden. Vielleicht hat man dann auch die eigentliche evolutionsbiologische Erklärung für das Schaffen von Kultur überhaupt.

Aber zum Schluß in diesem Zusammenhang noch einen Rat an Autor und Leser dieser Zeilen - von dem schlesischen Dichter Angelus Silesius aus dem 17. Jahrhundert. Ein wohl unsterblicher Rat:
Freund, so du etwas bist, so bleib doch ja nicht stehn.
Man muß von einem Licht fort in das andre gehen.
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Erst während des Schreibens fiel mir ein, daß es ja ein berühmtes Buch gibt, das im Titel heißt "Haben oder Sein". Google-Suche belehrte mich: Es ist von Erich Fromm. Also wieder einer, der sich von der Philosophie G. F. W. Hegels (und damit indirekt von der Philosophie Friedrich Hölderlins) in seinem Denken hat befruchten lassen. Diesen Erich Fromm könnte man sich ja auf solche hier behandelten Fragestellungen hin auch noch einmal anschauen ...

Mittwoch, 7. November 2007

Der Mensch - gefangen in der "hedonistischen Tretmühle"?

Dr. Michael Schmidt-Salomon (= MSS), prominenter Vertreter eines naturalistischen Weltbildes, redet in seinem außerordentlich lesenswerten Büchlein "Manifest des evolutionären Humanismus" (1. Aufl. 2005) einem "aufgeklärten Hedonismus" das Wort. Z.B. in dem Kapitel "Sinn und Sinnlichkeit - Warum uns der evolutionäre Humanismus nahe legt, aufgeklärte Hedonisten zu sein".

Abb. 1: Georg Emanuel Opitz (1775–1841) - "Der Völler", 1804
Wenn man solche Dinge liest, scheint einem das doch eine sehr schwache Stelle eines evolutionären Humanismus zu sein. Hedonismus? Und das soll dann alles gewesen sein? Wen lockt man denn damit hinter dem Ofen hervor? Hedonismus verleitet doch immer dazu, sich nicht ausreichend für jene zum Teil sehr anspruchsvollen Ziele einzusetzen, für die auch der evolutionäre Humanismus steht. War Giordano Bruno etwa hedonistisch, als er auf dem Scheiterhaufen auf dem Campo fiore in Rom stand?!! Und lautet nicht in den ebenfalls sehr lesenswerten, von MSS vorgeschlagenen neuen 10 Geboten das 10. Gebot:
Stelle dein Leben in den Dienst einer 'größeren Sache', werde Teil der Tradition derer, die die Welt zu einem besseren, lebenswerten Ort machen woll(t)en! (...)
Wird man einer solchen Aufgabe, einer solchen Tradition wirklich am ehesten gerecht als "Hedonist"? Ist die Notwendigkeit zur Einsatzbereitschaft, zur Opferbereitschaft heute geringer als zu den Zeiten von Giordano Bruno? Man möchte das nicht glauben. Viel eher möchte man meinen, dass das "Prinzip Verantwortung" eines Hans Jonas der heutigen Situation der Menschheit gerecht wird und der heutigen Gefährdetheit des "Projektes Mensch".

Die hedonistische Tretmühle

Nun macht in englischsprachigen Netz-Diskussionen ein Wort die Runde von Seiten des Mainzer Philosophen Thomas Metzinger, ebenfalls ein prominenter Vertreter eines naturalistischen Weltbildes. Das Wort von der "hedonistic tretmill", von der "hedonistischen Tretmühle". Obwohl der recht grundlegende Text in "Gehirn und Geist" im letzten Jahr, in dem dieses Wort fiel (1), schon lange auf meiner Liste empfehlenswerter Literatur ganz oben steht, war mir dieser Begriff gar nicht mehr erinnerlich. Thomas Metzinger sagt da:
Wir sind biologische Systeme, die dazu verdammt sind, ständig nach Glück zu streben, die versuchen müssen, sich so gut wie möglich zu fühlen – nur dummerweise erlauben das Belohnungssystem in unserem Gehirn und unsere Art von emotionalem Selbstmodell keine stabile Form des Wohlfühlens.

Zwar brachten gerade die bewussten Selbstmodelle das Erleben von Freude und Glück ins physikalische Universum – an einen Ort, wo so etwas vorher nicht existierte. Doch hat uns die psychologische Evolution nicht in die Richtung permanenter Glücksfähigkeit optimiert. Im Gegenteil: Sie hat uns auf die »hedonische Tretmühle« gesetzt. Diese wird angetrieben durch den dauernden Versuch, Glück und Freude zu erleben, Schmerzen und Depression zu vermeiden. Aber auch wir selbst werden auf diese Weise ständig in Bewegung gehalten: Die hedonische Tretmühle – in Form des Belohnungssystems in unserem Gehirn – ist der Motor, den Mutter Natur uns eingebaut hat. Wir können seine Struktur in uns selbst entdecken, aber es ist unklar, ob wir ihr jemals entfliehen können. In gewissem Sinn sind wir diese Struktur. Das Ego ist die hedonische Tretmühle. (...)
Und etwas später sagt Thomas Metzinger dann:
Religiosität ist eine der ältesten Versuche, der hedonischen Tretmühle zu entkommen, und auf der Ebene von einzelnen Menschen scheint es manchmal tatsächlich eine der erfolgreichsten Strategien zu sein, einen dauerhaft stabilen Zufriedenheitszustand zu erlangen – auf jeden Fall besser als alle Drogen, die wir bis jetzt entdeckt haben.
Lernt von den Kindern!

Zunächst möchte ich dazu meinen, daß Glück und Freude auch ohne bewußte Selbstmodelle möglich sind, dazu muß man nur die herumtobenden Hunde von spazierengehenden Hundehaltern beobachten, überhaupt das endlose Spiel von vielen Tierjungen. Dazu muß man auch nur ein neugeborenes Menschenbaby anschauen - wie überhaupt menschliche Kinder einem viel über menschliches Leben sagen können, was einem die Beobachtung und Untersuchung des Lebens erwachsener Menschen nicht mehr - zumindest so deutlich - wird sagen können. (Ich betrachte Kinder - bildlich gesprochen - als eine eigene Art Homo sapiens sapiens - vielleicht die bessere Art.) Und bei der Betrachtung von Kindern wird auch sehr schnell deutlich, daß die "hedonistische Tretmühle" bei ihnen nicht zu allen Zeiten des Tages in der gleichen Weise ausgeprägt ist. Sicherlich, wenn körperliche Bedürfnisse vorliegen nach Nähe, nach Essen, Trinken und anderem, dann auf jeden Fall. Aber es gibt doch auch Zeiten selbstvergessenen Spielens, die mit dem Begriff "hedonistische Tretmühle" nur sehr unzureichend, wenn nicht ganz falsch gekennzeichnet wären.

Überhaupt hat ja schon Konrad Lorenz darauf hingewiesen, daß das "prägungsähnliche Lernen" in Form der "Liebe auf den ersten Blick" ein anderes angeborenes "Lernsystem" darstellt, als das Lernen durch Belohnung und Bestrafung. (In "Die Rückseite des Spiegels".) Hier bietet also das naturalistische Weltbild allerhand Möglichkeiten an, jenseits eines überirdischen Glaubens an einen persönlichen Schöpfergott "Fluchtmöglichkeiten" aus der "hedonistischen Tretmühle" zu entdecken und zu nutzen. Wir sollten das vermehrt tun. Es gibt den Blick besser frei auf viele heutige gesellschaftliche Notwendigkeiten.

Und lernt von den großen Künstlern!

Friedrich Schiller sagt: "Der Mensch ist nur dort ganz Mensch, wo er spielt." (Manfred Eigen hat zu dem Thema ein ganzes Buch aus der Sicht der Theorie komplexer Systeme geschrieben: "Das Spiel".) Aber Kunst ist für Schiller nicht nur "eitel Spielerei", sagt er doch den Künstlern, was die Stirnseite des Schauspielhauses in Wiesbaden noch heute der Welt verkündet:
Der Menschheit Würde ist in eure Hand gegeben,
Bewahret sie!
Sie sinkt mit euch! Mit euch wird sie sich heben.
(Aus dem Gedicht "Die Künstler".) - Ein großes Wort. Sollten sich von einem solchen heute nicht auch Wissenschaftler und Philosophen angesprochen fühlen? Schaden muß es ihnen nicht.

Abb. 2: Jan Steen - Sie sollte Luxus meiden, 1660/63

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  1. Metzinger, Thomas: Neuroanthropologie - Der Preis der Selbsterkenntnis. In: Gehirn & Geist 7-8/2006, S. 42 - 49
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