Samstag, 10. Januar 2026

Pompeji - Völkergemisch in Italien, 79 n. Ztr.

Sklaven wurden offenbar aus dem gesamten Mittelmeer-Raum eingeführt

In Pompeji 79 n. Ztr. (Wiki) findet sich fast jede denkbare Herkunfts-Zusammensetzung unter den Bewohnern, so eine archäogenetische Studie aus dem Jahr 2024 (1) (Abb. 2). Es finden sich (bislang) keine zwei Individuen, die sich in der Herkunfts-Zusammensetzung gleichen. 

Abb. 1: Theatermasken als Wandmalerei in der Casa del bracciale doro in Pompeji

Pompeji gibt einerseits Zeugnis von der Pracht, dem Reichtum, dem Schönheitssinn, der Hochherzeigkeit der Menschen in den Städten des Mittelmeerraumes während der Antike. Ein schönes Zeichen für diese Hochherzigkeit und Freigesinntheit ist allein ein solches Willkommensschild eines Geschäftes in Pompeji, auf dem freimütig steht "Willkommen Gewinn!" Nichts abendländisch Verkniffenes finden wir in Pompeji.

Aber die Archäogenetik seiner Bewohner um 79 n. Ztr. ist mehr als überraschend. Offenbar waren Sklaven aus allen Teilen des Mittelmeerraumes, auch aus heute noch weniger archäogenetisch erforschten Regionen bis Pompeji gehandelt worden.

Denn zwei Individuen weisen nordafrikanische Jäger-Sammler-Herkunft auf, sie könnten also von Puniern aus dem vormaligen Reich von Karthago abstammen. Drei Individuen weisen natufisch-levantinische Herkunft auf. Sie könnten aus dem antiken Levante-Raum stammen. Vier weisen Herkunft von Balkan-Jäger-Sammlern auf. Sie werden dementsprechend aus der Balkan-Region stammen. Wir lesen (1):

Die pompejanischen Individuen unterscheiden sich von den etwa zeitgleichen Individuen, die mit der etruskischen Kultur in Verbindung gebracht werden, in Bezug auf ihre Herkunfts-Anteile, die von den europäischen Jägern und Sammlern des Mesolithikums stammen (niedriger bei den pompejanischen) und in Bezug auf den Anteil der Jäger und Sammler aus dem Kaukasus (höher bei den pompejanischen). Dadurch gleicht ihre Herkunfts-Zusammensetzung der der mittelitalienischen, kaiserzeitlichen Römer sowie der zeitgenössischen Individuen aus der Ägäis und Anatolien. Individuum 52 zeigt eine Herkunfts-Zusammensetzung, die mit Individuen der Eisen- und Römerzeit der Levante vergleichbar sind, gekennzeichnet durch einen geringen Herkunftsanteil, der bei modernen Populationen in Afrika südlich der Sahara maximiert ist, und durch ein Fehlen des Herkunftsanteils, der bei europäischen Jägern und Sammlern maximiert ist. Dieses Individuum ist am engsten mit levantinischen Populationen verbunden.
The Pompeiian individuals differ from the roughly contemporaneous individuals associated with the Etruscan culture in their proportions of the ancestry components maximized in Mesolithic European hunter-gatherers (lower in the Pompeiians) as well as hunter-gatherers from the Caucasus (higher in the Pompeiians), making their ancestry composition more similar to the Central Italian Imperial Romans as well as contemporaneous individuals from the Aegean and Anatolia. Individual 52 shows an ancestry composition comparable to IA and Roman-period Levantine individuals, characterized by a minor component maximized in modern-day Sub-Saharan African populations and an absence of the component maximized in European hunter-gatherers. This individual most closely clusters with Levantine populations.

Und es findet sich (1) ...

... Individuum 25, dessen Abstammung zu 65,3 % ± 4,5 % von Levant_PPN-Bauern und zu 34,7 % ± 4,5 % von Steppenhirten aus der Bronzezeit (Steppe_EMBA) abstammt, eine Abstammungsquelle, die für keines der anderen Individuen erforderlich ist. Dieses Modell weist trotz der geringen Abdeckung des Genoms des Individuums auf eine andere Abstammungsgeschichte hin, die europäische Quellen einbezieht, die nicht zu den anderen Individuen beitrugen.
Individual 25, who can be modeled as deriving 65.3% ± 4.5% of his ancestry from Levant_PPN farmers and 34.7% ± 4.5% from Bronze Age steppe pastoralists (Steppe_EMBA), an ancestry source required by none of the other individuals. This model indicates, despite the low coverage of the individual’s genome, a different ancestry history involving European sources that did not contribute to the other individuals.

Wenn es sich hier einmal nicht um eine ganz ungewöhnliche Herkunfts-Zusammensetzung handelt.

Abb. 2: Herkunfts-Zusammensetzung der sequenzierten Menschenfunde in Pompeji

Wo hatte sich bis in das erste Jahrhundert v. Ztr. noch levantinisch-natufische Genetik einerseits und Jamnaja-Genetik andererseits jeweils unvermischt erhalten? Und wo konnten sich beide dann miteinander vermischen? Was die natufische Genetik betrifft, so könnte man am ehesten an den arabischen Raum denken. Aber wie kamen dorthin - - - 35 % Steppen-Genetik? Und dieses Individuum stammt auch noch aus der Mysterien-Villa (1):

Die Körper zweier Erwachsener, vermutlich Frauen, und eines Kindes wurden in der Lapilli-Bimssteinablagerung gefunden, was darauf hindeutet, daß sie in der frühen Phase des Ausbruchs im oberen Stockwerk der Villa eingeklemmt wurden und in das untere Stockwerk fielen. In den darüber liegenden Asche-Ablagerungen wurden sechs Leichen gefunden, was darauf hindeutet, daß sie die erste Phase des Ausbruchs überlebt hatten. Unter ihnen wurde Individuum 25 allein in einem Raum gefunden, auf einer Ascheschicht liegend, mit einem Eisenring mit einem eingravierten Karneol einer weiblichen Figur am kleinen Finger der linken Hand, fünf Bronzemünzen und einer Peitsche als persönliche Gegenstände.
The bodies of two adults, interpreted as women, and a child were found in the pumice lapilli deposit, indicating that they were caught in the early stages of the eruption on the upper floor of the farm section and fell to the lower floor. Six bodies were found in the overlaying ash deposits, indicating that they had survived the first phase of the eruption. Among them, individual 25 was found alone in a room, lying atop a layer of ash, with an iron ring with an engraved carnelian of a female figurine on the little finger of the left hand, five bronze coins, and a whip as personal effects.

Ausgerechnet mit einer Peitsche, die doch auch auf den Darstellungen der Wände eine Rolle spielt! Und weiter (1):

Der Abguß dieses Opfers zeigt einige der am besten erhaltenen anatomischen und textilen Details. Der Mann war etwa 1,85 m groß, dünn und hatte einen konvexen (nach außen gewölbten) Nasenrücken. Den Spuren seiner Kleidung und des Schmucks zufolge gehörte er vermutlich einem niedrigen sozialen Status an und wurde als Wächter der Villa interpretiert, der treu an seinem Posten geblieben war. Unsere genetische Analyse bestätigt eine männliche Geschlechtseinschätzung und eine gemischte genetische Abstammung, die möglicherweise sowohl auf ostmediterrane als auch auf europäische Quellen zurückgeführt werden könnte.
The cast of this victim shows some of the most well-preserved anatomical and textile details. The man was about 1.85 m tall, thin, with a convex nasal bridge. According to the traces of his clothes and the ornaments, he was supposed to belong to a low social status and was interpreted as the custodian of the villa who had faithfully remained at his post.21 Our genetic analysis confirms a male sex estimation and mixed genetic ancestry that could possibly be traced to both Eastern Mediterranean and European sources.

Wo in Europa sollte sich bis dahin Jamnaja-Genetik unvermischt erhalten haben? Das erscheint uns ganz unplausibel. Wahrscheinlicher ist es doch, daß sich eine solche Genetik in der Steppe oder in abgelegenen Tälern des Kaukasus erhalten haben kann. 

Abb. 3: Wandmalerei in Pompeji


/ Entwurf 12.11.2024 /

_________

  1. Ancient DNA challenges prevailing interpretations of the Pompeii plaster casts. By E Pilli, S Vai, VC Moses, S Morelli, M Lari, A Modi… ∙ David Reich, Alissa Mittnik. In: Current Biology, 7.11.2024 (Cell) (pdf)

Freitag, 9. Januar 2026

Zur Entstehung der Trichterbecherkultur

Haben Bandkeramiker in Ostholstein bis 4.300 v. Ztr. unvermischt überlebt und dann mit Angehörigen der Ertebolle-Kultur ein neues Volk gebildet?

Die hohen Wildtierknochenanteile an Fundplätzen der frühen Trichterbecherkultur sind 2005 von dem Kieler Archäologen Jan Steffens in einer Studie untersucht worden (1) (s. Abb. 1). 

Abb. 1: Jagdwildanteil in der Trichterbecherkultur (nach 2, bearbeitet von L. Ammer)*)

Diese Wildtierknochen-Anteile sind sehr eindrucksvoll. Denn sie waren nach dieser Studie vor allem in der Frühen Trichterbecherkultur in Ostholstein und Mecklenburg noch auffallend hoch (s. Abb. 1). Als eine Deutung dieses Umstandes wird deshalb in der Studie unter anderem vorgeschlagen (1):

.... J. Hoika (1993, 13 ff.) (...) Nach seiner Ansicht könnte es sich bei den wildtierreichen Fundstellen aus dem frühen Stadium der Trichterbecherkultur, wie z. B. Bebensee in Schleswig-Holstein, noch um die eigentlichen  Hauptsiedlungen  gehandelt  haben.  Dieser Vorstellung liegt die Annahme zugrunde, daß während der Stufe FN I erst ein geringer Teil des Nahrungsbedarfs durch Viehzucht und Ackerbau gedeckt wurde und Jagd und Sammeltätigkeit noch die eigentliche Lebensgrundlage bildeten. Eine überwiegend neolithische Wirtschaftsweise habe sich laut Hoika erst im weiteren Verlauf des Frühneolithikums durchgesetzt.  

Eine entsprechende grobe zeitliche Gliederung ist in Abbildung 1 nachträglich noch markiert worden (bearbeitet von Linus Ammer).

Woher stammt der Jäger-Sammler-Anteil der Trichterbecherkultur?

Nun gut, wir wissen seit Jahren: Die Menschen der Trichterbecherkultur trugen 20 bis 30 % einheimische, mesolithische, westeuropäische Jäger-Sammler-Genetik in sich. Mit der aktuellsten Willerslev-Studie von 2024 zu diesem Thema (2) hatten wir uns hier auf dem Blog noch gar nicht beschäftigt. Das Spannende aber ist, daß in dieser auch der Frage nachgegangen wird, woher der Jäger-Sammler-Herkunftsanteil der Trichterbecherkultur stammt, und daß dieser - so wie wir das verstehen - einheimische Genetik direkt aus Ostholstein und Dänemark darstellen könnte, das heißt: nicht aus anderen Regionen nach Ostholstein und Dänemark eingeführt worden ist (2):

Unter Verwendung einer genaueren Abstammungsmodellierung stellen wir fest, daß neolithische Trichterbecher-Kultur-assoziierte Individuen in Dänemark, Schweden und Polen ihre Jäger-Sammler-Abstammungskomponente überwiegend aus einer Quelle bezogen, die mit WHG (EuropeW_13500BP_8000BP) verwandt ist.
Using more proximate ancestry modelling, we find that Neolithic FBC-associated individuals across Denmark, Sweden and Poland derived their hunter-gatherer ancestry component predominantly from a source related to WHG (EuropeW_13500BP_8000BP).

Und diese Gruppierung lebte direkt vor Ort in Ostholstein und Dänemark (s. Abb. 2). 

Abb. 2: Welche Jäger-Sammler-Herkunft stammt mit derjenigen der TRB-Kultur am besten überein? ("Spatial distribution of estimated ancestry proportions of three different HG sources for Neolithic farmer individuals from Scandinavia and Poland") (aus 2)

Die Forscher schreiben aber weiter (2):

Unsere Ergebnisse belegen einen Bevölkerungswechsel in Dänemark zu Beginn der Neolithisierung durch Zuwanderer, die eine Mischung aus anatolischer neolithischer Bauernabstammung und nicht-lokaler Jäger- und Sammlerabstammung aufwiesen.
Our results demonstrate a population turnover in Denmark at the onset of the neolithisation by incomers who displayed a mix of Anatolian Neolithic farmer ancestry and non-local hunter-gatherer ancestry.

Warum hier so sicher von "nicht-lokaler Jäger-Sammler-Abstammung" die Rede ist, wird uns nicht klar. Vielleicht handelt es sich - nach Abb. 2 - ja bei der Jäger-Sammler-Herkunft auch um eine Reliktbevölkerung, die sich regional in Dänemark bis 4.000 v. Ztr. gehalten haben mag, obwohl es rundum zwischenzeitlich auch andere (osteuropäische) Jäger-Sammler-Herkünfte gab? 

Wir schließen jedenfalls - zumindest auf den ersten, laienhaften Blick, daß sich um 4.300 v. Ztr. Männer einer regionalen Untergruppe der Ertebolle-Kultur, die für ihre Zeit vergleichsweise archaische Genetik aufwiesen, in Ostholstein sich mit Frauen von Bevölkerungsresten der schon lange untergegangenen Bandkeramik-Kultur vermischt haben.

Ein ähnliches Szenario hat es ja zur gleichen Zeit auch in den nördlichen Karpaten zwischen Bevölkerungsresten der Bandkeramiker und den dortigen "Körös"-Jäger-Sammlern gegeben (Stg2021).

Woher stammt der Bauern-Herkunfts-Anteil der Trichterbecherkultur?

Hat es sich um ein solches Szenario gehandelt? Immerhin: Der nördlichste Fundort der Linearbandkeramik (LBK) liegt nach heutigem Forschungsstand - laut ChatGPT und zu unserer eigenen großen Überraschung - ausgerechnet bei Wangels-Blekendorf in Ostholstein (Schleswig-Holstein). Und ChatGPT gibt uns dazu auch die entsprechenden Literaturangaben - erschienen ab 1997/98 (3, 4): Der bandkeramische Fundplatz Wangels-Blekendorf liegt im Kreis Ostholstein etwa 5 km von der Ostsee entfernt und wird auf etwa 5300 - 5200 v. Ztr. datiert. Es wurden typische bandkeramische Keramik, Hausgrundrisse und Silexgeräte gefunden. ChatGPT sagt dazu:

Der Fundplatz markiert: die ökologische und kulturelle Grenze zwischen neolithischen Bauern der Bandkeramik und mesolithischen Ertebølle-Jägern im Ostseeraum, einen frühen Kontakt- und Austauschraum zwischen beiden Lebensweisen.

Es gibt nun nur noch ein Problem: Die Ethnogenese der Trichterbecherkultur vollzog sich erst knapp tausend Jahre später - und zwar höchstwahrscheinlich in derselben Region Ostholstein. Haben die Bandkeramiker in Ostholstein unvermischt noch weitere tausend Jahre fortbestanden, um dann - gemeinsam mit Ertebolle-Leuten - ab 4.300 v. Ztr. ein neues Volk, die Trichterbecherkultur zu bilden - so wie in Böhmen zur gleichen Zeit die Jordansmühler Kultur entstanden ist (Stg2021)?

Alle diese mittelneolithischen Ethnogenesen in Europa sind ja insgesamt noch nicht gut verstanden. Viele Archäologen weisen ja bezüglich der Ethnogenese der Trichterbecherkultur auch auf kulturelle Einflüsse der Michelsberger Kultur hin. (Aber die Michelsberger Kultur hatte ja schon ihren "eigenen" einheimischen mesolithischen Herkunftsanteil. Wenn sie nach Dänemark zugewandert wäre, hätte nach der Vermischung der westeuropäische Jäger-Sammler-Anteil ja noch höher sein müssen - das kann es also eigentlich nicht sein.)

Das starke Bevölkerungswachstum der Trichterbecherkultur

Um aber nun zum hoher Wildtier-Verzehr der frühen Trichterbecherkultur zurück zu kehren: Er würde in das genannte Szenario wunderbar hinein passen. Dieser war halt möglich noch so lange, so lange der Wildtier-Bestand hoch war. Nachdem sich die Siedlungsdichte die Trichterbecherkultur beträchtlich erhöht hat, wird das dann nicht mehr so einfach möglich gewesen sein. Zur Erhöhung der Siedlungsdichte in der Trichterbecherkultur teilt uns ChatGPT mit:

"Während der Trichterbecherkultur vervielfachte sich die Siedlungsdichte in Nord- und Mitteleuropa von unter 0,05 auf rund 1 Einwohner pro km² - ein Anstieg um etwa das 20- bis 30-Fache. Damit markiert die Trichterbecherkultur den ersten wirklich nachhaltigen demographischen Durchbruch nördlich der Lößgebiete."

Das macht es natürlich nachvollziehbar, daß es da mit umfangreicher Jagd dann bald zu Ende war. Fischfang und Wildtierfleisch waren zuvor gut bei Vitamin D-Mangel und der dunklen Haut der Ertebolle-Leute. Als diese Vitamin D-Versorgung zunehmend wegfiel, war es natürlich sinnvoll, daß sich die Haut der Menschen aufhellte. 

Wir haben ja hier auf dem Blog schon darauf hingewiesen, daß auch die ersten nichtmegalithischen Langgräber im Pariser Becken ab 4.500 v. Ztr. oder früher nur Jagd-Symbolik aufweisen und keinerlei Ackerbauern-Symbolik (Stg2025).

Abschließend noch einmal die Zusammenfassung der Willerslev-Studie von 2024 (2):

Wir stellen fest, daß dänische mesolithische Individuen der Maglemose-, Kongemose- und Ertebølle-Kulturen ein scharf umrissenes genetisches Cluster bilden, das in Beziehung steht zu anderen westeuropäischen Jägern und Sammlern (HGs). Trotz der Umbrüche in der materiellen Kultur zeigten sie genetische Kontinuität von 8.500 bis 3.900 v. Ztr., als sich neolithische Bauern mit anatolischer Herkunft  ausbreiteten.
Obwohl sich dieser Umbruch im Vergleich zu Mitteleuropa um mehr als ein Jahrtausend später vollzog, verlief er sehr abrupt und führte zu einem Bevölkerungswechsel mit nur wenig genetischem Anteil einheimischer Jäger-Sammler-Herkunft. Die nachfolgende neolithische Bevölkerung, die mit der Trichterbecherkultur in Verbindung gebracht wird, existierte nur etwa 1000 Jahre, bevor sich Menschen mit Vorfahren aus der östlichen Steppe ansiedelten.
Dieser zweite, ebenso schnelle Bevölkerungsaustausch führte zur Entstehung der Einzelgrab-Kultur mit einem Abstammungsprofil, das dem der heutigen Dänen schon sehr gut ähnelte. In unserem Multiproxy-Datensatz manifestieren sich diese großen demografischen Ereignisse als parallele Verschiebungen im Genotyp, Phänotyp, der Ernährung und der Landnutzung.
Abb. 3: Herkunftsanteile je Epoche (aus 2) - Hellgrün: westeuropäische Jäger und Sammler, Hellbraun: anatolisch-neolithische Herkunft, Dunkelgrün, dunkelrot und lila: Steppenherkunft

Ergänzung 17.1.26: Sehr merkwürdig ist, daß in einer neuen Studie in "Antiquity" Eilsleben, gelegen 40 Kilometer westlich von Magdeburg in der Magdeburger Börde (GMaps), als der nördlichster Bandkeramik-Standort überhaupt angesprochen wird. "Wangels" wird in der ganzen Studie nicht erwähnt. Von Eilsleben bis Wangels sind es noch einmal 270 Kilometer. Aber die Forschung hatte auch schon vorgeschlagen, daß die Entfernung vom Wiener Becken bis Unterfranken von den Bandkeramikern innerhalb einer Generation überwunden worden wäre (Stg2022). Insofern muß auch die Überbrückung der Entfernung von Eilsleben bis Wangels für die Bandkeramiker keine Unmöglichkeit gewesen sein.

________

*) Korrektur: Die Bezeichnung "TBK Frühneolithikum" taucht zwar in der Literatur auf, ist aber mißverständlich oder sogar falsch. Denn das Frühneolithikum hat ja sogar in Ostholstein schon um 5.300 v. Ztr. mit der Bandkeramik begonnen. Und außerdem haben wir es bei der TBK - aus europaweiter Sicht - insgesamt natürlich mit dem Mittelneolithikum zu tun.

_______

  1. Steffens, Jan: Die Bedeutung der Jagd in der Trichterbecherkultur. In: Journal of Neolithic Archaeology, 15.12.2005. DOI: https://doi.org/10.12766/jna.2005.14 (UniKiel)
  2. Allentoft, M.E., Sikora, M., Fischer, A. et al. ... (Willerslev): 100 ancient genomes show repeated population turnovers in Neolithic Denmark. Nature 625, 329–337 (2024) (Nature2024), veröffentlicht 10.1.2024
  3. Hartz, S. „Frühbäuerliche Küstensiedlung im westlichen Teil der Oldenburger Grabenniederung (Wangels LA 505). Ein Vorbericht.“ Offa 54/55 (1997/98), S. 19-41 - zentrale Grabungs- und Auswertungsberichte zum Fundplatz Wangels LA 505 (inkl. Keramik, Stratigraphie).
  4. Hartz, S. / Lübke, H. / Heinrich, D. „Frühe Bauern an der Küste. Neue 14C-Daten und Aspekte zum Neolithisierungsprozeß im norddeutschen Ostseeküstengebiet.“ Prähistorische Zeitschrift 75 (2000), S. 129-152 - Diskussion zur Neolithisierung im Ostseeraum inkl. Wangels-Funde
  5. Dietrich L, Knoll F, Piezonka H, et al. LBK outpost of Eilsleben: hunter-farmer encounters in the borderlands of Early Neolithic Central Europe. Antiquity. Published online 2026:1-7. doi:10.15184/aqy.2025.10270 (Antiquity2026)

Montag, 5. Januar 2026

Unterschiede - Iranisch- und anatolisch-neolithische Völkergruppe

Gerade stelle ich fest, daß ich eine Frage, die ich mir lange nicht sicher beantworten konnte, über ChatGPT ganz gut klären kann. Noch mal zur Vorerinnerung: Die anatolisch-neolithische Herkunftsgruppe hat Ackerbau, Viehzucht und Seßhaftigkeit von Westanatolien aus über ganz Europa verbreitet zwischen 6.500 und 3.500 v. Ztr.. Die iranisch-neolithische Herkunftsgruppe hat Ackerbau, Viehzucht und Seßhaftigkeit vom iranischen Zagros-Gebirge bis nach Indien (Indus-Kultur) und bis an die Seidenstraße (Oasen-Kultur) ausgebreitet, ebenso bis an die Mittlere Wolga. Und all das etwa im gleichen Zeitraum zwischen 6.500 und 3.500 v. Ztr..   

Abb. 1: Vertreterin der iranisch-neolithischen Völkergruppe - Die pakistanische Politikerin Bilquis Nasrum Minallah (1936-2012) (Wiki)

Sie legten damit die Grundlage für alle weitere Zivilisation. Und auch noch die heutigen Menschen zwischen Europa und Mittelasien tragen diese Herkünfte in sich in unterschiedlichen Anteilen. Und sie breiteten sich auf unterschiedlichen Wegen aus (siehe viele andere Beiträge hier auf dem Blog). Die größten Herkunftsanteile der ersteren tragen heute noch in sich die Menschen auf Sardinien, die größten Herkunftsanteile der letzteren tragen heute noch in sich vor allem Menschen in Pakistan. 

Meine Frage lautet nun:

Was unterscheidet die anatolisch-neolithischen Bauern um 6000 v. Ztr. von den iranisch-neolithischen Bauern hinsichtlich ihrer Körpermerkmale?

Die Antwort von ChatGPT kann ich weitgehend ungekürzt einstellen:

Kurz gesagt: anatolisch-neolithische Bauern (ANF) und iranisch-neolithische Bauern (INF) waren genetisch klar voneinander getrennte Populationen – und das sieht man auch an rekonstruierten Körper- und Gesichtsmerkmalen.

Hier die wichtigsten Unterschiede, wie sie aus alter DNA (aDNA) und Skelettfunden abgeleitet werden:

1. Haut-, Haar- und Augenfarbe

Merkmal       Anatolisch-neolithisch (ANF)               Iranisch-neolithisch (INF)

Hautfarbe:     überwiegend hell bis mittel                   eher mittel bis dunkler

Haarfarbe:   meist dunkelbraun, teils hellbraun     fast immer sehr dunkel / schwarz

Augenfarbe:  häufiger hell (grau, blau, grün)             überwiegend dunkelbraun

Grund:

ANF trugen bereits relativ häufig die europäischen „Aufhellungs-Allele“ (SLC24A5, SLC45A2). Diese waren bei INF fast vollständig abwesend.

Irgendwie sehr spannend. Weiter in der Antwort:

2. Gesichtsform und Schädelproportionen

Merkmal   ANF                                                                INF                                 

Schädel:   eher kurz- bis mittelköpfig, runder         eher langköpfig (dolichocephal)

Gesicht:   breiter, kürzer                                               schmaler, länglicher

Nase:       eher schmal / hoch                                       breiter Nasenansatz, längere Nase

Jochbeine: moderat ausgeprägt                                  häufig stärker ausgeprägt

Damit wäre also klar, woher die "Langköpfigkeit" der Indogermanen stammt: Von der iranisch-neolithische Herkunftsgruppe, die sich an der Mittleren Wolga hälftig mit osteuropäischen Jägern und Sammlern gemischt hat und dabei das Frühe Urvolk der Indogermanen, die Chwalynsk-Kultur gebildet hat. Für die osteuropäischen Jäger und Sammler gibt ChatGPT - neben hellen Körperpigmentierungen - als Schädelform an: "sehr robust, lang bis mittellang". Damit hätten die Frühen Indogermanen ihre Langköpfigkeit von beiden Vorfahrengruppen her geerbt. Weiter erfahren wir:  

3. Körperbau

Merkmal        ANF                                                           INF                                          

Statur            eher kompakt, kürzere Gliedmaßen    schlanker, längere Gliedmaßen

Körpergröße  ca. 1,65–1,70 m (♂)                               teils etwas größer, 1,68–1,73 m

Proportionen  an kühleres Klima angepaßt              an wärmeres, trockeneres Klima angepaßt

Für die osteuropäischen Jäger und Sammler wird zur Statur angeführt: "sehr kräftig, breite Schultern", Größe "1,70 bis 1,80 m, teils größer"

4. Genetische Abstammung & heutige Entsprechungen

Population | Hauptverwandtschaft                                                                                          

ANF: Vorfahren der frühen Europäer (LBK, Cardial), genetisch näher an heutigen Südeuropäern / Balkanbewohnern

INF: Vorfahren der kaukasisch-iranischen Gruppen, näher an heutigen Iranern, Kurden, Kaukasiern, Belutschen. 

Sie trennten sich vermutlich schon vor ~45.000–50.000 Jahren – lange vor der Landwirtschaft.

5. Gesamtbild

Ein typischer Vergleich in moderner Sprache:

Ein anatolischer Bauer um 6000 v. Ztr.

→ hellere Haut, teils helle Augen, runderes Gesicht, kompakter Körper.

Ein iranischer Bauer derselben Zeit

→ dunklere Haut, dunkle Augen, längliches Gesicht, schlanke, hochgewachsene Statur.

Fazit:

Obwohl beide Gruppen „neolithische Bauern“ waren, sahen sie sich biologisch deutlich verschieden – sie waren keine regionale Variante, sondern zwei tief getrennte Menschengruppen, die erst viel später im eurasischen Raum wieder massiv miteinander verschmolzen.

Soweit ChatGPT. Bei dieser Antwort bleibt kein Auge trocken. Sie ist umfassender und erschöpfender als erwartet.

Die Frage ist ja - unter anderem - deshalb so bedeutsam, weil - wie oben schon erwähnt - die iranisch-neolithische Herkunftsgruppe die Hälfte der Herkunft des Frühen Urvolks der Indogermanen, nämlich der Chwalynsk-Kultur an der Mittleren Wolga ab 4.500 v. Ztr., beigetragen hat. 

Freitag, 2. Januar 2026

Die Archäogenetik der Rus

Im Norden weisen die Russen finno-ugrische Beimischungen auf

Eine neue archäogenetische Studie zur frühmittelalterlichen Geschichte der Russen ist erschienen (1). Federführend scheint ein Archäogenetik-Labor der Universität Sotschi zu sein (früheres Tscherkessien im Kaukasus). Sie wartet aber - soweit wir das überblicken - mit nicht gar zu vielen, grundlegenden Neuerkenntnissen auf.

Abb. 1: Die Leibgarde (Drushina) des Prinzen Boris (gest. 1015) (Wiki) (Meisdr)

Jene Russen, die im Nordosten des Verbreitungsgebietes der mittelalterlichen Rus lebten, wiesen nach dieser Studie deutlich höhere finno-ugrische Nganasanen-Herkunft auf als die übrigen Russen (1). Sonst überlappt sich die Genetik der mittelalterlichen Rus - nach dieser Studie - sehr weitgehend mit der der übrigen osteuropäischen Slawen.

Der genetische Anteil der Wikinger im frühmittelalterlichen Rußland war schon in einer Eske Willerslev-Studie von 2019 Thema (Stg2019). Über die Erkenntnisse von 2019 führt der neue Artikel nicht weit hinaus. In ihm heißt es (1):  

Im PCA-Diagramm sind einige MA- und IA-Proben aus der skandinavischen Region sowie aus den MA-Bestattungen, die Sachsen, Wikingern und Slawen aus dem Gebiet des heutigen Deutschlands, Polens und Kroatiens zugeschrieben werden, und einige Individuen aus Bestattungen skandinavischen Typs aus dem Gebiet der alten Rus (19,26,28,29) ebenfalls neben Individuen des Subclusters Rus_SWest positioniert (Supplementary Fig. 30).
On the  PCA plot, some MA and IA samples originating from the Scandinavian region, as well as from the MA burials attributed to Saxons, Vikings, and Slavs from the territory of present day Germany, Poland, Croatia, and some individuals from Scandinavian-type burials from the ancient Rus' area (19,26,28,29) are also positioned alongside subjects of the Rus_SWest subcluster (Supplementary Fig. 30). 

Und (1):

Unsere Analyse ergab, daß nur wenige Individuen aus verschiedenen Regionen der alten Rus mögliche genetische Spuren skandinavischer Wikinger-Abstammung aufweisen. Insbesondere konnten keine genetischen Ähnlichkeiten zwischen den Genprofilen von Individuen aus den Grabhügeln der militärischen Elite (Druzhina-Krieger) in Gnezdilowo und Nikolskoe und denen skandinavischer Wikinger festgestellt werden (Fig. S34b, Fig. S35, siehe Supplementary Informations S2.2.1). Dieser Befund stützt nicht die Hypothese einer wahrscheinlichen skandinavischen Abstammung der in den beiden untersuchten Gräberstätten (Gnezdilowo und Nikolskoe) bestatteten Druzhina-Krieger.
Our analysis revealed that only a limited number of individuals from various regions of ancient Rus' exhibit possible genetic traces of Scandinavian Viking ancestry. Notably, no genetic similarities were identified between the genetic profiles of individuals from the barrows of the military elite (Druzhina warriors) in the Gnezdilovo and Nikolskoe mounds and those of Scandinavian Vikings (Supplementary Fig. 34b, Supplementary Fig. 35, see Supplementary Informations S2.2.1). This finding does not support the hypothesis of a likely Scandinavian ancestry for the Druzhina warriors buried in at least these two studied burial sites (Gnezdilovo and Nikolskoe). 

Merkwürdig ist, daß die neueste, im September 2025 veröffentlichte, recht grundlegende Studie zu den Slawen aus dem Archäogenetik-Labor von Johannes Krause in Leipzig in dieser Studie noch gar nicht berücksichtigt ist. Vermutlich hätte die Krause-Studie umgekehrt von dieser neuen Studie profiziert - aber umgekehrt scheint das nicht der Fall zu sein. Angesichts der differenzierten Überlegungen in der Krause-Studie zur Urheimat der Slawen mutet irgendwie verwirrend oder sogar irreführend die folgende Angabe in der neuen Studie an (1):

Trotz der geografischen Nähe der bronzezeitlichen Fatyanovo-Gruppe zum Gebiet der Rus wies sie keine signifikant höhere Anzahl gemeinsamer Allele mit irgendeinem der genetischen Subcluster der Alten Großrus auf (Supplementary Fig. 39, Supplementary Table 13).
Despite the geographic proximity of the BA Fatyanovo group to Rus' area, it did not exhibit a significantly higher number of shared alleles with any of  the Ancient Major Rus' genetic subclusters (Supplementary Fig. 39, Supplementary Table 13). 

Wäre das denn - nach der Krause-Studie - überhaupt zu erwarten? Die Fatjanowo-Kultur wird auf 2.500 v. Ztr. datiert. Aus ihr gingen die Sintashta-Kultur im Ural und die Andronowo-Kultur Sibiriens hervor, ebenso wie - vermutlich - die Kultur der "Arier" in Nordindien und wohl auch der Perser im Iran und schließlich der Skythen in der Steppe (Stg2020). Die Urslawen sind archäologisch und archäogenetisch nach der Krause-Studie östlich der Pripjetsümpfe erst in der Eisenzeit zu fassen, also zweitausend Jahre später.

Es handelt sich um ein Preprint. Vielleicht verlangen die Gutachter sinnvollerweise doch, daß die Erkenntnisse der Studie in Bezug gesetzt werden zu dem aktuellen Forschungsstand und nicht einem veralteten. 

___________

  1. Genetic history of Rus'. By Tatiana V. Andreeva, Svetlana S. Kunizheva, Malyarchuk B. Alexandra, Fedor E. Gusev, Tatiana V. Ustkachkintseva, Irina Yu. Adrianova, Gleb, S. Dotsenko, Anna Soshkina, Irina L. Kuznetsova, Natalia A. Dudko, Maria Yu Plotnikova, Elizaveta V. Rozhdestvenskikh, Andrey D. Manakhov, Asya V. Engovatova, Vladimir V. Sedov, Natalia A. Birkina, Olga V. Zelentsova, Ekaterina O. Chelogaeva, Anna M. Krasnikova, Igor Y Strikalov, Anna V. Rasskazova, Alexander S. Syrovatko, Pavel D. Manakhov, Maria V. Dobrovolskaya, Alexandra P. Buzhilova, Nikolay A. Makarov and Evgeny I. Rogaev. bioRxiv. posted 30 December 2025, 10.64898/2025.12.30.695215 (bioRxiv2025)

Related Posts Plugin for WordPress, Blogger...

Beliebte Posts (*darunter finden sich leider selten neuere Beiträge*)

Registriert unter Wissenschafts-Blogs

bloggerei.de - deutsches Blogverzeichnis

Haftungsausschluß

Urheber- und Kennzeichenrecht

1. Der Autor ist bestrebt, in allen Publikationen die Urheberrechte der verwendeten Bilder, Grafiken, Tondokumente, Videosequenzen und Texte zu beachten, von ihm selbst erstellte Bilder, Grafiken, Tondokumente, Videosequenzen und Texte zu nutzen oder auf lizenzfreie Grafiken, Tondokumente, Videosequenzen und Texte zurückzugreifen.

2. Keine Abmahnung ohne sich vorher mit mir in Verbindung zu setzen.

Wenn der Inhalt oder die Aufmachung meiner Seiten gegen fremde Rechte Dritter oder gesetzliche Bestimmungen verstößt, so wünschen wir eine entsprechende Nachricht ohne Kostennote. Wir werden die entsprechenden Grafiken, Tondokumente, Videosequenzen und Texte sofort löschen, falls zu Recht beanstandet.