Der norwegische Zeichner Olaf Gulbransson (1873-1958) lebte mit seiner norwegischen Ehefrau Dagny sein Leben lang in Bayern. Seine Ehefrau berichtet, daß ihr Ehemann auf den bloßen, ganz unbegründeten Verdacht hin, seine Eheliebste würde sich für einen anderen mehr als für ihn selbst interessieren, wild in die Berge und Wälder rannte, Tage lang nicht wieder nach Hause zurück kehrte, eine tiefe, höllische, existentielle Krise erlebte. Und das alles nur, um bei seiner Rückkehr zu erfahren: Nichts von seinem ganzen, riesen großen Verdacht hatte auch nur ansatzweise Anhaltspunkte in der Wirklichkeit. (So erzählt es, wenn wir das richtig wieder geben, Dagny Björnson-Gulbransson in ihren Erinnerungen, die wir vor vielen Jahren gelesen haben.) Schlußfolgerung: Ein Liebender kann sich gerne auch geradezu mit Heißhunger in die Eifersucht stürzen - unbewußt womöglich nur, um zu erfahren, was es heißt, zu leben und - noch - leidensfähig zu sein.
Abb. 1: Eifersucht - Gemälde von Edvard Munch, 1898
Die Eifersucht, was für ein Thema. - - - Robert A. (Name wurde von der Redaktion geändert) war so aufgewühlt wie schon lange nicht mehr. Schließlich richtete er die Frage an die Göttin der Weltweisheit, genannt Google: "Kann es Eifersucht ohne Liebe geben?" (Denn er ging so manche seiner Themen gerne vom völligen Gegenteil dessen an, was ihn interessierte.)
Er fand so unzählige viele dumme Antworten. Gott!, das Internet, die gesammelte "Weltweisheit", war ein angesammelter Haufen von Dummheit. Aber sonderbar auch: Wie viele Menschen dieselbe "dumme" Frage stellten wie er selbst. Sonderbar, höchst sonderbar. Aber dumm, ach dumm auch all die vielen, vielen Antworten. Wie kann das sein?
All das Verwirrende, das er in sich erlebte, es kam durch die noch viel größere Verwirrung im Internet keineswegs zur Klärung.
Wo war Klarheit? Wo war Klärung? Nichts von dem, was er da fand, erreichte ihn.
Dann las er den Wikipedia-Artikel über Eifersucht. Nichts erreichte ihn, nichts. War denn Eifersucht einfach nur - - - "dumm", "egoistisch"? Oder war sie - - - groß? Merkwürdig, wie wenig Klarheit es in der Weltantwort-Zentrale, genannt Internet, gab. Zu diesem, womöglich entscheidenden Thema.
Erste Antworten - Edvard Munch
Edvard Munch war erwähnt (Wiki). Natürlich, dieser große, große Kerl. Ja, von seinen Bildern geht Wahrheit aus. Wer wollte das infrage stellen? Dieser Maler, er hat so gräßliche Bilder gemalt. Und er hat die Wahrheit dabei gemalt. Ohne Frage (Abb. 1). "Denn das Schöne ist nichts als des Schrecklichen Anfang," hatte doch einer gedichtet, einer, der es aushalten wollte, aushalten konnte - - - das Schöne (gemeint ist R. M. Rilke). Oder der doch - zumindest - wie ein Wilder in Berge rennen konnte ...
Und er? Er sehnte sich nach Wahrheit, nach wahrhaftiger Einsicht. Mochte er damit nun im Himmel oder in die Hölle landen.
Er beschäftigte sich ein wenig mit jener Dagny Juel, die den Anstoß für so viele Bilder von Edvard Munch gegeben hatte. Was für eine Frau. Was für ein Schicksal (Yt23) (1). Solche Frauen scheinen dazu zu gehören, zum Leben, eine solche "femme fatale". Wem hätte es nicht schon wohlige Schauer über den Rücken gejagt bei dem Gedanken, einer solchen zu begegnen? Und wer würde es, sollte er wirklich einer solchen begegnet sein, jemals wirklich bereuen, in die Höllen-Flammen ihrer Liebe getreten zu sein - ? Wer? Mag er nun zu Leben aufgeflammt sein in diesen Höllen-Flammen oder mag er an ihnen zugrunde gegangen sein - - -?
War es nicht die Größe allein, die zählte? Die Größe, das Feuer des Erlebten? Sei es nun Himmel oder Hölle gewesen?
Ach, so war es wohl. So dachte man wohl, damals, im "Ferkel", im Künstlerkreis um Edvard Munch und Dagny Juel in Berlin-Mitte. Nur groß sein, nur groß lieben, groß handeln - niemals kleingeistig.
Ja, Teufel, geh weg mit deiner Kleingeistigkeit, geh weg. Kleingeistigkeit ist die größte Hölle - auch wenn diese Hölle von den wenigsten wahrgenommen wird.
Weiter Antworten - Die Nibelungen
Und so fragte er Google einfach ganz willkürlich weiter: "Welche Rolle spielt die Eifersucht in der Nibelungensage?" Ja, natürlich: darin spielt sie eine große Rolle. Mensch, und Wikipedia hatte diese Rolle gar nicht erwähnt. Wie kann das sein? Verleugnet Wikipedia etwa das Große?
Nun gut, sie ist wichtig: die Nibelungensage.
Denn es ist nicht trivial, was passiert - möglicherweise - wenn Eifersucht im Spiel ist. Möglicherweise. Helden können daran zugrunde gehen. Mit dem Speer im Rücken. Helden können durch ein Flammenmeer schreiten und die Frau ihres Lebens erobern - wie Siegfried die Brünhildis auf dem Brünhildisfelsen.
Gut, wichtig.
Ein weiterer Schritt zur Einsicht in das Wesen der Eifersucht: die Nibelungensage. Eifersucht kann die Stelle sein, in der du allein noch verwundbar bist - in all deiner stumpfen oder auch veredelten Unverletzlichkeit.
Wikipedia meinte sogar - oh Gott, wie dumm! - Eifersucht wäre ein Wort und Konzept der Neuzeit. Wie so durch und durch ungebildet kann Wikipedia sein. Wie so enttäuschend. Und es hätte in der Antike keine Eifersucht gegeben? Glaubst du das wirklich, Wikipedia? (Auch der "Große Brockhaus" aus den 1880er Jahren gibt sich in seinem Artikel "Eifersucht" mehr als wortkarg. Wie so außerordentlich merkwürdig.)
Aber dieser Gedanke an die Nibelungensage erhebt das Thema gleich hoch, sehr hoch. Ins Große. Dorthin, wo es - sicherlich - gehört. Denn wer möchte schon "im Kleinen" sein? Im Niedrigen, Seichten, Flachen, im nichtigen Nichts? Wollen wir denn nicht alle, daß die Dinge uns etwas - - - bedeuten? Und nicht nur im Sinne von "angenehm" oder "unangenehm"?
Beim weiteren Nachdenken gingen ihm irgendwann Worte durch den Sinn, von denen er zunächst nur die "Stimmung" wahrnahm, den "Rhythmus" derselben, den er in Erinnerung hatte. Dann erst dämmerte ihm, um welche Worte es sich handelte:
... Hast du der Gaspara Stampa
denn genügend gedacht ...
Ja, nun war er angekommen.
Dort war die Antwort. Dort wollte er hin. Hier war sie, die Antwort in all der Verwirrung. Das waren Worte, die waren ihm schon früher ins Blut gegangen. Berühmt genug waren sie. Aber wer, dem sie schon einmal ins Blut gegangen sein mochten, wußte eigentlich jemals schon, warum sie ihm ins Blut gegangen waren? Einfach nur, weil einem wertvolle Dichtung überhaupt leicht ins Blut geht - - - ?
Angekommen - Rainer Maria Rilke
Die Worte stammen aus den Duineser Elegien, also natürlich von Rainer Maria Rilke. Und, ja, sie sind berühmt genug, und zwar mit Recht. Aber indem er nun "Rilke Gaspara Stampa" googelte, erhielt er eine Deutung dieser Dichtung, die ihm jetzt - zum ersten mal - auch rein gedanklich wirklich einging, die sich ihm jetzt zum ersten mal wirklich erschloß:
Rainer Maria Rilke verewigte die italienische Dichterin Gaspara Stampa (1523-1554) in der Ersten Elegie seiner Duineser Elegien. Er porträtiert sie als das Urbild der unerfüllt Liebenden, die ihren Schmerz in höchste künstlerische Hingabe und Energie verwandelte.
Die Bedeutung von Gaspara Stampa bei Rilke
Das Vorbild der Liebenden: Gleich zu Beginn der Ersten Elegie fragt Rilke, ob ein verlassenes Mädchen nicht an Gaspara Stampa denken und sich wünschen sollte: "daß ich würde wie sie?"
Liebe als Befreiung: Er stilisiert sie zum Sinnbild dafür, sich liebend vom Geliebten zu befreien, indem man die Spannung des Kummers aushält.
Gesammelt im Absprung: Rilke nutzt sie als Metapher für spirituelle und emotionale Transformation: Sie hält dem Liebeskummer stand, "wie der Pfeil die Sehne besteht, um gesammelt im Absprung mehr zu sein als er selbst."
Nun mit einem mal erschloß sich ihm eine ganze neue Welt in dieser Dichtung.*) Und er las noch einmal ein wenig in den Elegien (s. Kalliop). Und er wußte: Hier stand die Antwort. Und in diesen Elegien würde er künftig noch häufiger lesen. Denn darum ging es. Darum allein.
Und er wußte auch: Rilke hatte Ähnliches erlebt. Rilke hatte Ähnliches durchgestanden. Für Rilke war dies nichts weniger als der Weg zu Gott.
Rilke über die Ehe
Rilke hat wertvolle, große Liebe zu Frauen erfahren, etwa zu Lou Andreas-Salomé, etwa zu Sidonie Nádherná oder zu Lou Albert-Lasard. Zum Schluß zu Baladine Klossowska. Und damit sind wohl auch nur einige der bedeutenderen Begegnungen genannt. Wobei ja für Rilkes Leben gilt, daß es in diesem eigentlich gar nichts "Unbedeutendes" gab. Am Ende seines Lebens stand die Liebe zu Baladine Klosswska. Er las (KulturC):
1920 begegnet die Malerin Baladine Klossowska dem Dichter Rainer Maira Rilke wieder. Sie, die geschiedene Mutter zweier halbwüchsiger Söhne - einer ist der Maler Balthus -, verliebt sich leidenschaftlich in ihn. Nach einer kurzen Amour fou geht Rilke immer mehr auf Abstand zu der Geliebten. Wo sie unbedingte Nähe und Gemeinschaft sucht und sich in der Liebe zu ihm verliert, braucht er Abstand und Ruhe, um schreiben zu können. Sie schreiben sich sehnsuchtsvolle Briefe, immer auf der Suche nach dem richtigen Maß von Nähe und Distanz. "Mouky" nennt Rilke seine Freundin darin zärtlich. Ein Brief an sie wird der letzte sein, den er kurz vor seinem Tod schreibt.
Diese "Suche nach dem richtigen Maß von Nähe und Distanz" hat im Leben von Rainer Maria Rilke schon früh begonnen. Von der KI kann man sich belehren lassen, was Rainer Maria Rilke schon im Jahr 1901 für sein Leben erkannt hatte:
In seinen "Briefen an einen jungen Dichter" beschreibt Rainer Maria Rilke eine tiefe, reife Form der Liebe, die nicht auf Besitz oder Klammern beruht, sondern darauf, einander den Raum zur Entfaltung zu lassen. Das entsprechende Originalzitat lautet: „Ich halte dies für die höchste Aufgabe einer Verbindung zwischen zwei Menschen: daß jeder die Einsamkeit des anderen behütet und bewacht.“ In einem anderen bekannten Brief aus derselben Sammlung formuliert er diesen Gedanken ganz ähnlich: „... der Liebe, die darin besteht, daß zwei Einsamkeiten einander schützen, grenzen und grüßen.“ Für Rilke war das Alleinsein keine schmerzhafte Leere, sondern ein fruchtbarer Zustand. Er sah die Einsamkeit als eine notwendige Voraussetzung für inneres Wachstum und die Entfaltung der eigenen Kreativität.
Und er fand, daß Rilke in diesen "Briefen an einen jungen Dichter" noch viel mehr geschrieben hatte. Er hatte im Jahr 1901 geschrieben (Rilke1901):
Es fällt niemandem ein, von einem einzelnen zu verlangen, daß er “glücklich” sein soll, - heiratet aber einer, so ist man sehr erstaunt, wenn er es nicht ist! (Und dabei ist es wirklich gar nicht wichtig, glücklich zu sein, weder als Einzelner noch als Verheirateter.)
Was für Worte. - Was für Worte. - - - Und Rilke schrieb auch (Rilke1904):
Es handelt sich in der Ehe für mein Gefühl nicht darum, durch Niederreißung und Umstürzung aller Grenzen eine rasche Gemeinsamkeit zu schaffen, vielmehr ist die gute Ehe die, in welcher jeder den anderen zum Wächter seiner Einsamkeit bestellt und ihm dieses größte Vertrauen beweist, das er zu verleihen hat.
Aber von einigen dieser Frauen hat sich Rilke schwer, nur sehr schwer wieder gelöst.
Aber er hat sich gelöst.
Und er ist früh gestorben.
Einsam.
Seine letzten Jahre waren einsam. Und es ist ja bekannt, daß Einsamkeit nicht gerade das Leben verlängert. Rilke aber hatte es bewußt so für sich entschieden. Und in den Elegien waren die Gründe dafür klar und deutlich verzeichnet. Von Seiten eines Mannes, der dem Leben alles abgerungen hatte, was ihm abzuringen war.
Schon in dieser ersten Elegie steht - fast - alles über sein Leben: Die Spannung aushalten. Sich der Liebe ergeben, sich ihr ausliefern - aber nicht vollständig. Achtung behalten, Distanz wahren. Vor ihrer großen Macht.
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*) Sie gehen noch weiter Aber das gehört nicht mehr so sehr hierher, kann bei anderer Gelegenheit weiter verfolgt werden:
Die historische Gaspara Stampa
Wer war sie? Eine der bedeutendsten italienischen Dichterinnen der Renaissance (geboren um 1523 in Padua, gestorben 1554 in Venedig).
Literarisches Schaffen: Sie war eine Kurtisane und führte einen literarischen Salon. Sie gilt als die größte italienische Lyrikerin des 16. Jahrhunderts.
Ihr Werk: Ihre berühmte Gedichtsammlung Rime kreist um die schmerzhafte, unglückliche Liebe zu dem Grafen Collaltino di Collalto.
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Nos, Karolina: Dagny, czyli Jutrzenka. O artystce i muzie – Dagny Juel (zu Deutsch: "Dagny oder Jutrzenka. Über die Künstlerin und Muse – Dagny Juel") 2016 (NiezlaSztuka2016)
- Späte Jäger und Sammler bis 2.700 v. Ztr. - Řivnáč-Höhensiedlungen ab 2.700 v. Ztr.
"Auf'd Wulda, auf'd Wulda, scheint Sunna so gulda" - so heißen die ersten Worte eines deutschen Volksliedes auf die Moldau, auf die "Wulda", die im Böhmerwald entspringt. Sie fließt von dort unentwegt bis Prag, um hinter Prag in die Elbe zu münden (Abb. 3) (Rbg).
Abb. 1: Blick in das Wittingauer Becken im südlichen Böhmen (Wiki) (Fotograf: Pavel Rychtecký)
Die Moldau trägt einen Namen germanischen Ursprungs. Nach der Besiedlung Böhmens durch die Tschechen erhielt die Moldau von den Slawen aber ebenfalls einen eigenen Namen, nämlich den Namen Vltava. Vom Böhmerwald nach Norden fließend kommt die Moldau unter anderem auch durch die Stadt Budweis. Zwanzig Kilometer östlich der Stadt Budweis befindet sich dann das Wittingauer Becken, das über den Fluß Fluß Lainsitz (tschechisch: Lužnice) (Wiki) in die Moldau entwässert (Abb. 1-3).
Dieses Wittingauer Becken wird im vorliegenden Beitrag eine Rolle spielen. Deshalb wird eine flüchtige geographische Einordnung desselben voran gestellt.
Das Wittingauer Becken liegt rund um die Stadt Wittingau und es liegt im Bezirk Wittingau (Wiki). Die Stadt Wittingau liegt nur zwanzig Kilometer von der im Südosten gelegenen, heutigen österreichischen Grenze entfernt (GMaps). Der Bezirk Wittingau war dennoch immer schon tschechisch besiedelt. Er gehörte nicht zu dem bis 1945 von Deutschen besiedelten "Sudetenland". Um sich diesen Umstand klar zu machen, ist ein Blick auf die Abbildung 2 hilfreich. Dort sehen wir, daß es im südlichen Teil des Sudentenlandes einen ("weißen") Bezirk gibt, der immer schon tschechisch und nicht deutsch besiedelt war: der Bezirk Wittingau. Die Laisnitz, von der er durchquert wird, mündet 45 Kilometer weiter nördlich in die Moldau (Abb. 3).
Zwei neue tschechische archäologische Studien
In zwei neuen tschechischen archäologischen Studien, in der auch dieses Wittingauer Becken eine Rolle spielt, werden jene durch die Archäogenetik aufgeworfenen Fragen erneut behandelt, die uns auch hier auf dem Blog schon seit einigen Jahren beschäftigen (1, 2).
Abb. 2: Der Anteil der deutschen Bevölkerung bis 1945 in den Gerichtsbezirken des Sudentenlandes
Es wird etwa das folgende ausgeführt (1):
Fortschritte in der aDNA-Forschung zeigen auf, daß vormals vorherrschende Abstammungslinien (Völker) fortbestehen oder wiederaufleben, lange nachdem sie durch ihnen nachfolgende Ausbreitungsbewegungen (von Völkern) vermeintlich verdrängt worden waren. Aber diese Ergebnisse geben selten Aufschluß darüber, von woher diese wiederauflebenden Abstammungslinien eigentlich stammen. Einige Autoren vertreten die Ansicht, daß solche Herkunftsanteile durch demische Ausbreitung aus den Randgebieten der von großen Ausbreitungsbewegungen betroffenen Regionen wieder eingeführt wurden - also aus Gebieten, in denen sich ältere Herkunftsanteile innerhalb lokaler Gruppen erhalten hatten (Beau et al. 2017; Da Silva et al. 2025; Immel et al. 2021; Papac et al. 2021). Während dieses Szenario in bestimmten, mittels Admixture-Analysen untersuchten Fällen zutreffen mag (z. B. die von Papac et al. 2021 in verschiedenen neolithischen Populationen nachgewiesenen vielfältigen Quellen mesolithischer Abstammung; vgl. dazu Brami 2023, der auf die Grenzen dieser Tests hinweist), bleibt es in den meisten anderen Fällen weitgehend deduktiv begründet.
Although advances in aDNA sampling reveal substantial persistence or reappearance of earlier ancestries long after they were thought to have been erased by subsequent migrations, these results rarely indicate where the source populations may have come from. Some authors argue that such ancestries were reintroduced through demic expansions from the outskirts of areas affected by major migrations, where archaic ancestries remained available within local groups (Beau et al. 2017; Da Silva et al. 2025; Immel et al. 2021; Papac et al. 2021). While this scenario may hold in certain cases tested through admixture analyses (e.g. multiple sources of Mesolithic ancestry identified in various Neolithic populations by Papac et al. 2021,cf. Brami 2023, who highlights the limitations of these tests), it remains largely deductive in most other instances. More importantly, it implicitly reproduces the assumption that ‘otherness’ can be situated only at the outer frontiers, rather than within the interior landscapes of central Europe.
Insgesamt wecken die beiden Studien solchen Fragen gegenüber unseres Erachtens nun aber mehr Erwartungen als sie dann einlösen können. Immerhin präzisieren sie allmählich Schritt für Schritt zumindest die archäologischen Fragestellungen und Fragehorizonte.
Abb. 3: Reliefkarte von Böhmen und Mähren - In der Vergrößerung sind Wittingau und der Fluß Laisnitz zu sehen
Es werden zunächst die zeitlich versetzten Abläufe während des Frühneolithikums in fünf verschiedenen Regionen in und um Böhmen miteinander verglichen (1) (Abb. 4 und 5). Die Bandkeramik breitete sich bekanntlich von ihrer "Urheimat", dem Wiener Becken, ausgehend Donau-aufwärts aus.
Saatgerste und den Timopheev-Weizen im Südlichen Böhmen ab 5.200 v. Ztr.
Ab 5.400 v. Ztr. kam die Bandkeramik nach Bayern - "innerhalb einer Generation" von Wien bis Schweinfurt wie wir andernorts schau ausführten (Stg2022). Ab 5.350 v. Ztr. kam sie nach Mähren, kurze Zeit später an die Obere Elbe und erst ab 5.230 v. Ztr. in die Region an der Oberen Moldau ("Upper Vlatava") (Abb. 5). Über die zeitlich versetzte, bäuerliche Besiedlung der Region der Oberen Moldau wird ausgeführt (2):
Die durchschnittlichen Zeitunterschiede (der Besiedlung) der Region der Oberen Moldau und der Tiefländer (Böhmens) betragen zwischen 136 und 172 Jahren, was etwa 5 bis 7 Generationen entspricht. (...) Das im Allgemeinen einheitliche und nicht sehr breite Spektrum der von den frühen Bauern in Mitteleuropa angebauten Nutzpflanzen (Kreuz und Marinova 2017) wurde in der Region der Oberen Moldau durch die Saatgerste und den Timopheev-Weizen erweitert. Beide Arten gelten als geeignet für rauere Bedingungen; wenngleich sie im Gesamtspektrum der Nutzpflanzen nur einen geringen Anteil einnehmen läßt sich ihr Anbau als Anpassung an die lokale Umwelt deuten (Ptáková et al. 2024).
The median time difference between the Upper Vltavaand lowland regions ranges between 136 and 172 years, which equals approximately 5–7 generations. (...) The generally uniform and narrow spectrum of crops cultivated by early farmersin central Europe (Kreuz and Marinova 2017) was diversified in the Upper Vltava region by common barley and Timopheev’s wheat. Both species are considered suit-able for harsher conditions, and their cultivation, although still low in the total spec-trum of crops, can be interpreted as an adaptation to the local environment (Ptákováet al. 2024).
Von dem hier erwähnten Tricum timopheevii (Wiki) hören wir an dieser Stelle zum ersten mal. Auf Wikipedia heißt es, daß die Wildform dieses Weizens zwar in der Südosttürkei vorkommen würde, daß die domestizierte Form aber (heute?) allein in Georgien, also im Südkaukasus angebaut würde.
Und dennoch wäre sie von den anatolisch-neolithischen Bauern bis an die Obere Moldau mitgebracht worden!?! Obwohl sie selbst in ungünstigen Regionen nur in geringen Anteilen angebaut wurde? Reimt sich das zusammen? Es sei erst einmal nur so hier festgehalten.
Abb. 4: Geographische Regionen in und um Böhmen (aus 2) - Obere Moldau=Upper Vlatava, Egerland=Upper Beounuka
Dennoch, so die Autoren weiter (2), ...
... war die Besiedlung der Region der Oberen Moldau sehr begrenzt. Bislang wurden lediglich 17 frühneolithische Siedlungen nachgewiesen, die sich größtenteils auf wenige kleine Cluster verteilen; diese orientieren sich an den ökologisch günstigsten Nischen der Region. Paradoxerweise läßt sich eine solche geringe Anzahl durchaus als Siedlungsboom werten, da die nachfolgenden Epochen durch eine noch spärlichere Fundlage gekennzeichnet waren. (...) Ein noch deutlicherer Rückgang der Siedlungsdichte ist in den Regionen der Oberen Moldau für den Zeitraum von ca. 4600 bis 3200 v. Ztr. zu verzeichnen; aus dieser Zeit liegen nur wenige Belege für eine Besiedlung vor. (...) Eine ähnliche Situation ergab sich nach 4600 v. Ztr. im Egerland (in der Region der Oberen Beraun, tschech. Berounka). Obwohl die Anzahl der Fundstellen hier etwas höher ist, erreicht sie dennoch nicht die Dichte, die im Tiefland verzeichnet wurde (Metlička 2015; Neustupný 2013).
The occupation of the Upper Vltava area was very limited. To date, only 17 Early Neolithic settlements have been identified being distributed mostly within afew small clusters that follow the environmentally most convenient niches of theregion. Paradoxically, such low numbers can be considered a settlement boom, asthe following periods were marked by even scantier records. (...) An even more pronounced decrease in settlement den-sity took place in the Upper Vltava regions in c. 4600–3200 BC during which verylittle evidence of occupation is available. (...) A similar situation occurred in the Upper Berounka region after 4600 BC. Although the num-ber of sites is slightly higher here, it still does not reach the density recorded in thelowlands (Metlička 2015; Neustupný 2013).
Daß das Egerland zuvor schon in bandkeramischer Zeit besiedelt worden wäre, dafür scheint es bislang noch weniger Belege zu geben.
Das Wittingauer Becken - Ein Rückzugsort der späten Jäger und Sammler
Nun aber hören wir doch von einigen etwas grundlegenderen neuen Erkenntnissen (2):
Die erst zeitlich versetzt einsetzende Besiedlung der Region der Oberen Moldau durch frühbäuerlicher Gemeinschaften könnte den dortigen Jägern und Sammlern die Möglichkeit geboten haben, ihre Subsistenzweise länger beizubehalten als andernorts. Insbesondere das im östlichen Teil der Region gelegene Wittingauer Becken (Třeboň-Becken), das von zahlreichen Seen früh-postglazialen Ursprungs durchsetzt ist, könnte eine attraktive ökologische Nische für Menschen geboten haben, die an der Lebensweise von Jägern und Sammlern festhielten (Hošek et al. 2019; Ptáková et al. 2023). Besonders gut belegt ist diese späte Präsenz am Schwarzenberg-See: Dort wurden am Ufer bereits elf Lagerplätze identifiziert, und die geschichteten paläoökologischen Befunde aus der Litoralzone sowie aus den Seesedimenten zeugen von einem erheblichen menschlichen Einfluß. Dieser äußert sich unter anderem in periodischen Brandereignissen, die vermutlich darauf abzielten, die Ufervegetation zu beseitigen und so die Bedingungen für Jagd und Sammeltätigkeit zu verbessern. Zudem wurden Makroreste eßbarer Wildpflanzen – von denen einige nicht zur typischen Flora von Seeumgebungen gehören – sowie weitere Pflanzenarten nachgewiesen, die indirekt auf menschliche Aktivitäten hinweisen (Pokorný et al. 2010; Šída und Pokorný 2021).
The delayed arrival of early farming communities in the Upper Vltava region could open a window of opportunity for local hunter-gatherers to retain their subsist-ence practices longer than elsewhere. In particular, the Třeboň Basin, located in theeastern part of the region and scattered with numerous lakes of early post-glacialorigin, might offer an attractive ecological niche for people retaining hunter-gath-erer practices (Hošek et al. 2019; Ptáková et al. 2023). Their late presence is best evidenced by Švarcenberk Lake, where eleven campsites have already been identi-fied along the shore, and the stratified palaeoenvironmental records in the littoralzone, as well as in lake sediments, revealed considerable human impact. It involvesperiodic burning events, likely aimed at clearing lake shore vegetation to improvehunting and gathering opportunities. The presence of macroremains from consum-able wild plant species has also been identified, some of which are not indigenous tolake environments, along with other plant species indirectly indicating human activi-ties (Pokorný et al. 2010; Šída and Pokorný 2021).
Dem wasserreichen Wittingauer Becken (Wiki) sieht man es auf den ersten Blick an, daß hier eine günstige Region gewesen sein könnte dafür, daß sich eine zahlenmäßig größere Fischer-, Jäger- und Sammler-Population in vergleichsweise höherer Siedlungsdichte hier für Jahrtausende ganz gut müßte gehalten haben können (s. Abb. 1). Die Region erinnert an die wasserreiche Region der Oberen Theiß und des Körös, wo Genetik der Karpaten-Jäger-Sammler festgestellt worden ist.
Abb. 5: Ankunft der Bandkeramik (aus 2)
Und weiter (2):
Bemerkenswert ist die räumliche Nähe zwischen den Fundplätzen des späten Mesolithikums und jenen der bäuerlichen Bevölkerung im Gebiet der Oberen Moldau. Jäger und Sammler nutzten den Schwarzenberg-See sowie weitere Seen, die unmittelbar an das Siedlungsgebiet der Bauern angrenzten (Einzelheiten siehe Ptáková et al. 2023). Da die beiden Fundplatztypen oft nur wenige Kilometer voneinander entfernt lagen, ist es kaum vorstellbar, daß die jeweiligen Bewohner nichts voneinander wußten. Überraschenderweise liefern die derzeit vorliegenden Daten keine Hinweise auf gegenseitige Beeinflussung; beide Gemeinschaften hielten an ihren jeweiligen Subsistenzstrategien fest. Nicht nur griffen die Bauern kaum auf wildlebende Nahrungsressourcen zurück, auch bei der Herstellung von Steinwerkzeugen und der Rohmaterialbeschaffung zeigten sich Unterschiede. Bereits seit dem frühen Mesolithikum nutzten die Jäger und Sammler der Oberen Moldau überwiegend lokale Materialien zur Herstellung vorwiegend mikrolithischer Werkzeuge (Vencl 2006). Opal, Quarz und andere Materialien, deren Vorkommen bis zu 50 km von den Fundplätzen entfernt lagen, machten 75 bis 90 % des Rohmaterialspektrums an den Lagerplätzen am Švarcenberk-See aus (z. B. Šída 2017; 2021; Šída et al. 2019). Die Bauern hingegen setzten auf nicht-lokale Materialien, die sie zu größeren Klingen verarbeiteten. Diese Materialien wurden vermutlich in Form von Kernen oder Halbfertigprodukten über größere Entfernungen aus benachbarten Regionen herangeführt. Trotz Anzeichen für Rohstoffknappheit - etwa häufige Wiederverwendung und vollständige Ausnutzung der Kerne in den Fundkomplexen der oberen Moldau - gaben die dortigen frühen Bauern dieses Beschaffungssystem nicht auf. Die deutlichen Unterschiede bei den Rohmaterialspektren und der Technologie widerlegen zudem die Hypothese, daß die anthropogenen Aktivitäten im Gebiet des Schwarzenberg-Sees im späten 6. und im 5. Jahrtausend v. Ztr. auf neolithische Gemeinschaften zurückzuführen sein könnten, die saisonal zwischen Ackerbau und Wildbeutertum wechselten.
Archäologische Forschungen haben belegt, daß die Interaktionsformen zwischen Jägern und Sammlern einerseits und Bauern andererseits je nach Region stark variieren konnten (z. B. Allentoft et al. 2024a; Bánffy 2019; Bollongino et al. 2013; Hofmanová et al. 2016; Jones et al. 2017; Shennan 2018; Simões et al. 2024). Insbesondere in Seegebieten konnten Jagd, Sammeln und Fischerei ein langfristig tragfähiges Wirtschaftssystem darstellen, das entweder eigenständig betrieben oder lediglich durch Ackerbau ergänzt wurde (Wieckowska-Lüth et al. 2021). In den Tiefländern, die von der frühen Ausbreitung der Bauern erfaßt wurden, sind Belege für einen engen Kontakt hingegen spärlich (Shennan 2018, S. 82–85); dies steht im Kontrast zur Region der Oberen Moldau. Hier deuten die vorliegenden Daten auf ein getrenntes Nebeneinander von spätmesolithischen Jägern und Sammlern sowie Bauern hin, wobei zu beachten ist, daß viele Anzeichen einer Vermischung aufgrund der lückenhaften archäologischen Überlieferung verborgen geblieben sein könnten. Da beide Gruppen jedoch unterschiedliche ökologische Nischen und Ressourcen der Region nutzten, stand ihre Beziehung wahrscheinlich nicht in Konkurrenz zueinander; vielmehr dürften sie einen dauerhaften *Modus vivendi* gefunden haben, insbesondere als die bäuerliche Bevölkerung in diesem Gebiet nach 5000 v. Ztr. zurückging. Auch wenn der Anteil nicht-lokaler Steinmaterialien bei den Jägern und Sammlern gering war, gelangten diese Objekte auch nach 5200 v. Ztr. in ihren Besitz - zu einer Zeit, als der Transport über Zwischenstationen von weit entfernten Rohstoffvorkommen bis zur Oberen Moldau von den neuen, in ganz Mitteleuropa ansässigen Bauerngesellschaften abhing.
The spatial proximity between the Late Mesolithic and farming-based sites inthe Upper Vltava region is notable. Hunter-gatherers utilized Švarcenberk andother lakes that immediately neighbor the zone occupied by farming-based settle-ments (see Ptáková et al. 2023 for details). The two types of sites were often onlya few kilometers apart, so it is difficult to imagine that their inhabitants would beunaware of each other. Surprisingly, there is no evidence in the currently availabledata for mutual influences; both communities adhered to their subsistence strategies.Not only did farmers make minimal use of wild food resources, but differences canalso be observed in the techniques and procurement of raw materials for stone tools. Since the Early Mesolithic, hunter-gatherers of the Upper Vltava region utilized alarge portion of local materials to produce mostly microlithic tools (Vencl 2006).Opal, quartz, and other materials, which outcrop up to 50 km from the site, cre-ate between 75 and 90% of the spectra at Švarcenberk campsites (e.g., Šída 2017;2021; Šída et al. 2019). Farmers, on the other hand, relied on non-local materials,which they chipped into larger blades. These materials should have been imported inthe form of cores or semi-products over larger distances from neighboring regions.Despite signs of material shortages, such as frequent reutilization and total extrac-tion of cores identified in Upper Vltava assemblages, local early farmers did notabandon this procurement system. The sharp difference in raw material spectra and technology also refutes the hypothesis that the late sixth and fifth millenniumanthropic activities around Švarcenberk Lake could refer to Neolithic communities,which might have altered between farming and foraging on a seasonal basis.Archaeological research has documented that the ways in which hunter-gather-ers and farmers interact might considerably differ region by region (e.g., Allentoftet al. 2024a; Bánffy 2019; Bollongino et al. 2013; Hofmanová et al. 2016; Joneset al. 2017; Shennan 2018; Simões et al. 2024). Especially in lake zones, hunting,gathering, and fishing could prove a long-term sustainable economic system prac-ticed independently or just supplemented by agriculture (Wieckowska-Lüth et al.2021). Nevertheless, in the lowlands reached by the early expansion of farmers, evi-dence for close contact is sparse (Shennan 2018, pp. 82–85), which contrasts withthe Upper Vltava region. Here, the available data point to the separate co-existenceof Late Mesolithic hunter-gatherers and farmers, but it should be noted that manyattributes of mingling may remain hidden due to the scarcity of the archaeologicalrecord. Still, as both groups utilized the different ecological niches and resources ofthe region, their relationship was likely not competitive, and they might have estab-lished a sustainable modus vivendi, especially when the farming population in thearea declined after 5000 BC. Although the proportion of non-local stone materi-als among hunter-gatherers was minor, these objects had to find their way into theirhands even after 5200 BC, when the down-the-line transport from distant outcropsto the Upper Vltava relied on the new farmer societies settled throughout central Europe.
Mit solchen Studien werden also die späten Jäger und Sammler Mitteleuropas, die zur Ethnogenese zahlreicher mittel- und spätneolithischer Völker und Kulturen maßgeblich beigetragen haben, nach und nach besser faßbar. Man erkennt: Die Archäologen tasten sich langsam - weiterhin noch sehr langsam - Schritt für Schritt an die Thematik dieser in Randregionen fortlebenden Jäger-Sammler-Populationen heran.
Wir möchten allerdings meinen, daß die neuen mittel- und spätneolithischen Kulturen des böhmischen Raumes, die aus der Vermischung zwischen Bandkeramikern und Jägern und Sammlern entstanden, eher im Karpatenraum entstanden sind, wo es womöglich noch volkreichere Jäger-Sammler-Stämme gegeben haben könnte als an der Oberen Moldau und im Böhmerwald. Aber diesbezüglich gibt es noch viele weiße Flecken auf unserer Wissenslandkarte.
Böhmen ab 3.000 v. Ztr.
Zur Zeit der Ankunft der Indogermanen in Mitteleuropa ab 2.900 v. Ztr. gab es dort neben der ostmitteleuropäischen Kugelamphorenkultur und der nordeuropäischen Trichterbecherkultur noch zahlreiche weitere spätneolithische "Regional-Kulturen", in Böhmen insbesondere die Řivnáč-Kultur (2.900 bis 2.400 v. Ztr.) (Wiki), in Ostbayern und im heutigen deutschsprachigen Alpenraum bis nach Nordtirol hinein gab es die Chamer Kultur (3.500-2.400 v. Ztr.) (Wiki).
Abb. 6: Die Ankunft der Indogermanen in Böhmen und Mitteleuropa - "SGR burials" = Schnurkeramiker/Glockenbecherleute (aus 2)
Hier auf dem Blog hatten wir darüber schon anhand der aufregenden archäogenetischen Böhmen-Studie aus dem Jahr 2021, auf die auch im ersten hier gebrachten Zitat insbesondere Bezug genommen war, festgehalten (Stg2021):
Die Forscher vermuten, daß Böhmen zur Zeit der Ankunft der Schnurkeramiker zeitgleich besiedelt wurde einerseits von Gruppen der Kugelamphoren-Kultur und anderseits von Menschen der Řivnáč-Kultur. Beide Gruppen unterschieden sich nicht nur kulturell, sondern auch genetisch voneinander. Als Ausnahme fand sich ein sequenziertes Individuum bestattet im Kontext von Řivnáč-Kultur, trug aber in sich die Genetik der Kugelamphoren-Kultur.
Über die Řivnáč-Kultur hatten wir aus der 2021-Böhmen-Studie unter anderem die Worte zitiert (Stg2021):
Sie trat hauptsächlich in Mittelböhmen auf, aber auch in Nordwestböhmen und vereinzelt auch in Ostböhmen. In West- und Südböhmen gab es eine mit Řivnáč zeitgenössische Chamer Kultur.
Die Indogermanen treten nun als Schnurkeramiker auf ab 2.880 v. Ztr. an der Oberen Elbe, ab 2.700 v. Ztr. an der Oberen Donau und ab 2.500 v. Ztr. in Mähren (Abb. 6). Darüber wird ausgeführt (1):
Die Regionen Süd- und Westböhmens liefern nur wenige Hinweise auf eine Besiedlung während des Großteils des 4. Jahrtausends v. Ztr., doch gegen dessen Ende nimmt die Zahl der Fundplätze deutlich zu (John 2021; Metlička 2015). Sie werden den Kulturen von Řivnáč und Cham zugeordnet.
Das hieße also: Die Řivnáč-Kultur hätte sich von Mittelböhmen aus nach Westen ausgebreitet und die Chamer Kultur hätte sich von Ostbayern aus nach Böhmen ausgebreitet. Und weiter (1):
Sie waren Teil eines umfassenderen mitteleuropäischen Horizonts des Spätneolithikums, der durch gemeinsame Keramikmerkmale - wie etwa aufgerauhte Oberflächen oder plastische Leisten - sowie durch Siedlungen mit Grubenhäusern ("semi-sunken houses") gekennzeichnet war; diese Siedlungen waren häufig befestigt und lagen an exponierten Stellen, meist auf felsigen Kuppen oder Geländespornen über Flüssen (z. B. Bogner 2017; Engelhardt 2002; Gohlisch & Reisch 2001; Medunová 1977; Zápotocký & Zápotocká 2008; Zuber 2019). Aus Westböhmen sind fast 80 solcher Fundplätze bekannt, aus Südböhmen etwa zehn (John 2010; 2021). Im Einklang mit dem allgemeinen zeitlichen Rahmen der Řivnáč- und Cham-Kulturen in Böhmen wurden sie zunächst in den Zeitraum 3200–2800/2700 v. Ztr. datiert (Zápotocký 2013). Erst durch Radiokarbondatierungen - bei denen häufig Makroreste von Kulturpflanzen untersucht wurden - konnte nachgewiesen werden, daß die Gemeinschaften in Süd- und Westböhmen diese Siedlungsplätze weiterhin bewohnten und die Keramiktradition bis mindestens 2400 v. Ztr. fortführten. Dies ist ein um etwa drei Jahrhunderte längerer Zeitraum als in den benachbarten Regionen Mittelböhmen, Ostbayern und Mähren (Vondrovský et al., im Druck). Das Fortbestehen der Traditionen von Höhensiedlungen ging mit einer nur geringfügigen Integration neuer materieller Elemente einher - vor allem Schaftlochäxte und schnurverzierte Becher -, die im frühen 3. Jahrtausend v. Ztr. vorwiegend in Einzelgrabfeldern in ganz Mitteleuropa aufkamen.
Und zwar eben von Seiten des indogermanischen „Schnurkeramik-Volkes“.
Die Frankenalp ab 3000 v. Ztr.
Wir lesen weiter (1):
Manche Gruppen nahmen diese Neuerungen nur zögerlich an oder lehnten sie weitgehend ab. In Süd- und Westböhmen fehlen nennenswerte Belege für dieses materielle Repertoire und für Einzelgräber, obwohl entsprechende Gräberfelder in den nordwestlichen und zentralen Gebieten Böhmens bereits ab 2900 v. Ztr. nachweisbar sind (Dobeš et al. 2021). Aus kulturhistorischer Sicht galten Süd- und Westböhmen während der Zeit der Schnurkeramik somit als weitgehend unbesiedelt (Menšík 2017). Die materiellen Hinterlassenschaften der Schnurkeramik sowie der späteren Glockenbecherkultur beschränken sich in diesen Regionen auf wenige isolierte Keramikfragmente und Streufunde von Streitäxten (John 2021; Metlička et al. 2007). (...) Ein Fall ist aufschlußreich: Ein typischer Streitaxtkopf von der Höhensiedlung Stupno-Břasy deutet darauf hin, daß den westböhmischen Höhensiedlungsgemeinschaften die neuen materiellen Ausdrucksformen, wie sie auf Gräberfeldern der Nachbarregionen auftraten, durchaus bekannt waren.
Vom späten 4. bis zum frühen 3. Jahrtausend v. Ztr. nahm auch im Gebiet der nördlichen Frankenalb (Bayern) die Intensität der Besiedlung und Landnutzung zu (Fuchs et al. 2011; Kothieringer et al. 2023; Pechtl 2024). Spätneolithische Kulturgruppen (Bernburg - Burgerroth - Cham - Goldberg III - Wartberg) bestanden hier bis weit in das 3. Jahrtausend hinein fort (Übersicht bei Nadler 2023, 912-25). So erbrachten beispielsweise Ausgrabungen in Voitmannsdorf-Stroholz eine Höhensiedlung mit einem charakteristischen Keramik- und Steinartefaktinventar, das keine eindeutigen Elemente der Schnurkeramik aufwies - und dies, obwohl eine Radiokarbondatierung an einem Tierknochen eine Besiedlung bis mindestens 2600-2300 v. Ztr. belegte (Dürr et al. 2004). Zu diesem Zeitpunkt waren die Erscheinungsformen der Schnurkeramik (insbesondere durch charakteristische Bestattungen) im benachbarten Flachland bereits fest etabliert (Seregély 2008; Ullrich 2008; Vondrovský et al. i. Vorb.), und im Nordwesten Bayerns traten um 2550 v. Ztr. erste Inventare der Glockenbecherkultur auf (Ullrich 2008). In dieser Zeit setzten die Gemeinschaften im Norden der Fränkischen Alb zudem die lokale Tradition der Höhlenbestattungen fort, die bis in das Mesolithikum und das frühe Neolithikum zurückreicht (Richter 2023, 669–72; Seregély 2012). In der Kirschbaumhöhle wurden im Zeitraum von 2900 bis 2600 v. Ztr. menschliche Körper niedergelegt (Seregély et al. 2015).
Andere Fundplätze zeugen jedoch von einer gewissen Integration von Objekten und materiellen Ausdrucksformen der Schnurkeramik-Kultur. Diese wurden in der Fränkischen Alb vereinzelt in eher ungewöhnlichen Kontexten dokumentiert, etwa an Felsüberhängen und an markanten Felsformationen (Falkenstein 2012). Eine faszinierende Mischung kultureller Elemente zeigt sich in Wattendorf-Motzenstein, einer zwischen 2630 und 2470 v. Ztr. besiedelten Fundstelle. Obwohl der Platz als Beispiel für eine Siedlung der Schnurkeramik-Kultur angeführt wird (Müller & Seregély 2008; Seregély 2008), weist er wesentliche Merkmale des späten Neolithikums auf: eine Höhenlage sowie Grubenhäuser. Elemente der Schnurkeramik manifestierten sich dennoch in der Keramik, sowohl in Hinsicht auf ihren Stil als auch in Hinsicht auf ihre Herstellungstechnik. In dieser Hinsicht weist die Fränkische Alb Parallelen zu einigen Fundorten entlang der Westgrenze der Verbreitung der Schnurkeramik im Alpenvorland auf, wo schnurverzierte Keramik in die Traditionen der dortigen Seeufersiedler integriert wurde (Suter 2017). Es ist jedoch darauf hinzuweisen, daß eine chronologische Überschneidung von Fundkomplexen des Spätneolithikums und der Schnurkeramik für Süddeutschland allgemein anerkannt ist (Dunne et al. 2023; Furholt 2003) und eine vergleichbare Vermischung gut belegt ist für Burgerroth, etwa 80 km südwestlich der Fränkischen Alb - eine befestigte Höhensiedlung, die bis ins 26. Jahrhundert besiedelt war (zuletzt Link 2025). Die Fränkische Alb ist somit am besten als räumlich spezifisches Beispiel für Prozesse zu verstehen, die sich im 3. Jahrtausend in einem größeren Gebiet der deutschen Mittelgebirge abspielten (Drummer 2025).
Am Hohlen Stein bei Bad Staffelstein wurden ja auch Schnurkeramiker zusammen mit Wildpferden bestattet, und zwar auch eher in einer abgelegenen Höhenlage (s. Stg2021).
Insgesamt wird ein vergleichsweise vielfältiges kulturelles Nebeneinander deutlich sowohl im Frühneolithikum wie auch im Spätneolithikum in Mitteleuropa. Menschen und Kulturen sehr unterschiedlicher genetischer und kultureller Herkunft trafen aufeinander und lebten Jahrzehnte und Jahrhunderte nebeneinander her.
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Václav Vondrovský: Not just a Single Story: Conceptualising the Diversity of Neolithic Lifeways in Central Europe. Proceedings of the Prehistoric Society (2026), Juni 2026, 1–15 (Resg26)
Rethinking Key Transformations in the Neolithic and Bronze Age Central Europe: A Radiocarbon Modeling Approach. Václav Vondrovský, Václav Hrnčíř, Daniel Hlásek ... Michaela Ptáková. Journal of Archaeological Research 34(2):1-58, December 2025 (Resg25)
In den Völkern Westeurasiens standen tausende von Genorten in den letzten 8000 Jahren unter gerichteter Selektion
- Ergänzendes zum letzten Blogartikel
Vorbemerkung: Ach, Ihr armen deutschen Archäologen. Jetzt müßt Ihr irgendwann auch noch "The Bell Curve" (Wiki) lesen oder Richard Lynn lesen (gnxp2006), um zu verstehen, was für Prozesse Ihr da schon seit vielen Jahrzehnten erforscht. Ihr werdet irgendwann auch noch zu Evolutionären Anthropologen umschulen müssen. Keiner von euch wollte das, gewiß nicht. Nein. Aber jetzt könnt ihr dem bald gar nicht mehr ausweichen. Dieser Blog möchte euch herzliches Beileid wünschen anläßlich des Untergangs so vieler Weltbilder, die ihr gerade miterlebt. Nun, es gibt einen Trost: Das Gerücht vom Absterben veralteter Weltbilder spricht sich manchmal nur verzweifelt "Schnecken-haft" herum. Im Zeitlupen-Tempo. Insofern sind solche Beileidwünsche sicherlich noch etwas verfrüht. Womöglich wißt ihr noch gar nicht, wer gestorben ist. Womöglich wißt ihr noch gar nicht, welch große Trauerzeit auf euch zukommt ...
Abb. 1: Angeborene Eigenschaften verschaltet an nur einem einem Genort - Gerichtete Selektion zwischen 8000 vor heute und heute (aus 1)
Jedenfalls: Während der Durchschnittsmensch - und damit auch der Durchschnitts-Archäologe - aufgrund der öffentlich-rechtlichen Desinformation mehrheitlich immer noch der diffusen Meinung anhängt, Intelligenz und Schulerfolg wären vornehmlich abhängig von Umwelteinflüssen und Lern-Anstrengungen, ist innerhalb der Wissenschaft längst klar, daß die Intelligenz-Unterschiede zwischen den Menschen zu 80 % erblich sind und - - - daß sie in den letzten 10.000 Jahren eine erhebliche evolutionäre Entwicklung durchlaufen haben - zusammen mit unglaublich vielen anderen angeborenen Eigenschaften. Und daß sie deshalb auch sehr deutlich unterschiedlich auf Völker verteilt sind oder sein können, sowohl in der Geschichte wie in der Gegenwart.
Wenn damit keine Weltbilder zusammen krachen - - - womit, bitteschön, sollen sie denn dann noch zusammen krachen?
Weltbilder krachen zusammen
Die neueste und sehr revolutionäre "Nature"-Studie zu diesem Thema (1) haben wir schon behandelt anhand eines Interviews von David Reich (Stg26), sowie anhand einer Parallel-Studie von Davide Piffer (Stg26a). Im vorliegenden Beitrag blicken wir noch einmal in den Text selbst der Reich-Studie hinein, sowie in ihre Abbildungen (Abb. 1 bis 3) und und lassen am Ende noch einige Zitate der Wissenschaftsberichterstattung über diese Studie auf uns wirken. In der Studie heißt es unter der Zwischenüberschrift "Hundreds of cases of directional selection" (1):
Wir fanden Hinweise auf 479 unabhängige Loci (410 unter Ausschluß der HLA-Region). (...) Die tatsächliche Zahl der unter Selektion stehenden Loci dürfte wahrscheinlich weitaus höher liegen. (...) Wir identifizierten 7.689 Nicht-HLA-Loci, was auf mehr als 3.800 unabhängige Selektionsereignisse hindeutet. (...) Downsampling-Analysen zeigten, daß weitere Erhöhungen der Zahl der auszuwertenden Archäogenome die Anzahl der detektierten Loci voraussichtlich weiter erhöhen werden, wobei Menschen, die vor mehr als 8.000 Jahren lebten, den größten zusätzlichen Nutzen bringen (werden Extended Data 1d,e).
We found evidence of 479 independent loci (410 excluding the HLA region). (...) The actual number of loci under selection is likely to be much larger. Using a threshold of |X| > 3.61 (FDR = 50%), we identified 7,689 non-HLA loci, implying more than 3,800 independent episodes of selection. (...) Downsampling analyses showed that further increases in sample size are expected to increase the number
of detected loci further, with people living more than 8,000 years ago providing the most added power (Extended Data Fig. 1d,e).
Gehen wir die angeborenen Eigenschaften in der Reihenfolge durch, in der sie als Grafiken in der Studie präsentiert werden (siehe hier Abb. 1 bis 3).
Zunächst werden 36 angeborene Eigenschaften behandelt, die nur an einem einzigen Genort verschaltet sind, der schon für sich genommen erhebliche phänotypische Auswirkungen hat (Abb. 1 und 2). (Hierbei handelt es sich also nicht um "Small-Effect"-Gene, sondern um Gene mit erheblicher Auswirkung. Es handelt sich um "monogen" verschaltete Eigenschaften.)
In Abbildung 1a sehen wir, daß es Zöliakie (Glutenunverträglichkeit) (Wiki) vor 2000 v. Ztr. in Westeurasien gar nicht gab und ihre Häufigkeit dann stetig bis heute angestiegen ist. Man fragt sich, welcher selektive Vorteil damit einher gegangen sein soll. Auf Wikipedia finden wir dazu zunächst keine Hinweise. In Abbildung 1c sehen wir, daß glattes Haar und die Neigung zu Glatzenbildung in den letzten 4000 Jahren deutlich zugenommen hat (oder soll das bedeuten: daß sie deutlich zurück gegangen ist?). Die Tuberkulose-Wahrscheinlichkeit lag bei den Jamnaja ab 3.300 v. Ztr. sehr hoch und erreichte bis 2000 v. Ztr. in Westeurasien - also seit und nach ihrer Ausbreitung - ihren Höhepunkt. Wir erwähnen hier nicht alles in den Abbildungen Präsentierte. Das kann der Leser sich das ja selbst vervollständigen durch eigene Durchsicht.
Verschiedene Genorte, die mit heller Haut- und Haarfarbe in Verbindung stehen, waren bei der anatolisch-neolithischen Herkunft und bei der Jamnaja-Herkunft vergleichsweise häufig und ihre Häufigkeiten sind in den Völkern Westeurasiens dann seit der Vermischung der beiden Vorfahrengruppen miteinander bis heute stetig weiter gestiegen (Abb. 1 j-q).
Abb. 2: Angeborene Eigenschaften verschaltet an nur einem einem Genort - Gerichtete Selektion zwischen 8000 vor heute und heute (aus 1)
In Abb. 2s und t finden sich die gerichteten Selektionstrends von zwei weiteren Erbvarianten für Zöliakie dargestellt.
Noch mal erläutert: Was heißt "Polygenic Score"?
In Abb. 3 werden dann angeborene Eigenschaften behandelt, die an viele Genorten mit Small-Effekt-Genen verschaltet sind, für die also ein "polygenic Score" erstellt werden muß. Im nächsten Zitat werden wir noch hören, daß insbesondere psychische angeborene Eigenschaften polygenetisch verschaltet sind.
Oben links ist der Rückgang der Häufigkeit von dunkler Hautfarbe in Westeurasien dargestellt, dann der Rückgang von Fettleibigkeit. In der zweiten Reihe ist dargestellt der Rückgang einer erblichen Variante der Schizophrenie. Von der waren die anatolisch-neolithischen Bauern schon recht gut durch Selektion "kuriert", aber die europäischen Jäger und Sammler und die Jamnaja noch nicht. Für die Interpretation dieses Sachverhaltes gibt es sicherlich sehr, sehr unterschiedliche Ansätze. Im Text der Studie wird in diesem Zusammenhang noch mal das Prinzip des "polygenic Score" recht treffend erklärt (1):
Wir stellen eine negative polygenetische Selektion fest gegen Allele, die heute mit Psychosen wie der bipolaren Störung (γ = −0,63 ± 0,13) und der Schizophrenie (γ = −0,74 ± 0,12; Abb. 4) assoziiert sind. (...) Psychische Eigenschaften weisen qualitativ andere genetische Architekturen auf als Merkmale des Blut-, Immun- und Entzündungssystems; sie zeichnen sich durch eine höhere Zahl modulierender Genorte aus, die zugleich durchschnittlich jeweils für sich genommen geringere Auswirkungen auf den Phänotyp haben.
We detected negative polygenic selection against alleles associated today with psychoses such as bipolar disorder (γ =%−0.63 ± 0.13) and schizophrenia (γ =%−0.74 ± 0.12; Fig.4). (...) Brain traits have qualitatively different genetic architectures from blood–immune–inflammatory traits, with a higher proportion of sites modulating them and smaller effect sizes on average per allele.
In der untersten Reihe ist die Gehgeschwindigkeit dargestellt, die bei den europäischen Jägern und Sammlern deutlich geringer war als bei Bauern und Steppenhirten. Wenn wir das recht in Erinnerung haben, steht dieses angeborene Merkmal in Zusammenhang mit der Intelligenz. Die angeborene Intelligenz folgt dann. Das ist ja schon im letzten Blogartikel behandelt worden. Dann folgen noch die Selektionstrends für "polygenic Scores" für Haushaltseinkommen und Bildungshöhe ("years of schooling"), die beide einen Zusammenhang mit der Intelligenz aufweisen. Im Text der Studie heißt es dazu (1):
Schließlich beobachteten wir Selektionssignale für Allelkombinationen, die heute mit drei korrelierten Verhaltensmerkmalen assoziiert sind: Ergebnisse in Intelligenztests (zunehmendes γ = 0,74 ± 0,12), Haushaltseinkommen (zunehmendes γ = 1,12 ± 0,12) und Zahl der Schuljahre (zunehmendes γ = 0,63 ± 0,13). Diese Signale sind allesamt hochgradig polygen; wir müßten 449 bis 1.056 Loci eliminieren, damit die Signale nicht mehr signifikant wären (Extended Data, Fig. 10). Die Signale werden maßgeblich durch Selektion aus der Zeit vor etwa 2.000 Jahren bestimmt, woraufhin γ gegen null tendiert (Extended Data, Fig. 9).
We finally observed signals of selection for combinations of alleles that today are associated with three correlated behavioural traits: scores on intelligence tests (increasing γ = 0.74 ± 0.12), household income (increasing γ = 1.12 ± 0.12) and years of schooling (increasing γ = 0.63 ± 0.13). These signals are all highly polygenic, and we have to drop 449–1,056 loci for the signals to become non-significant (Extended Data Fig. 10). The signals are largely driven by selection before approximately 2,000 years )*, after which γ tends towards zero (Extended Data Fig. 9).
Der letzte Satz geht über sehr entscheidende Schwankungen in der Evolution der angeborenen Intelligenz viel zu schnell hinweg. Ansonsten werden ausgesprochene Intelligenzforscher (wie David Becker oder Heiner Rindermann in Deutschland) noch allerhand mehr dazu sagen können, warum die drei Kurven dennoch nicht völlig identisch sind. Das sind, soweit wir sehen, Detailfragen, denen wir an dieser Stelle erst einmal nicht weiter nachgehen wollen. (David Becker hat sich auf Facebook [Fb] zu dieser Nature-Studie noch nicht geäußert, womöglich wird er das ja künftig noch tun ...)
Da steht wohl eine etwas gründlichere Beschäftigung mit der modernen Intelligenz-Forschung an ...
Weiter heißt es dazu (1):
Bei der Interpretation von Signalen polygener Adaption sind gewisse Vorbehalte angebracht – insbesondere in Hinsicht auf die drei genetisch korrelierten Merkmale: Ergebnisse in Intelligenztests, Haushaltseinkommen und Schuljahre. Diese Merkmale sind lediglich für moderne Gesellschaften relevant und wären in schriftlosen Gesellschaften - also während des weitaus größten Teils des Zeitraums, in dem Selektion wirksam war - gar nicht meßbar gewesen.
There are caveats when interpreting signals of polygenic adaptation, especially for the three genetically correlated traits of scores on intelligence tests, household income and years of schooling. These traits are only relevant to modern societies and would have been unmeasurable in preliterate societies over the vast majority of the period during which selection acted.
Uns ist nicht klar, was die Autoren bei diesem Satz reitet. Intelligenz ist sehr wohl in allen bekannten Gesellschaften weltweit relevant - auch in ihrem Unterschied zum Beispiel zu den Neandertalern und so weiter. Es ist manchmal ein bisschen merkwürdig, auf was für ein banales Niveau sich Wissenschaftler herablassen können, nur um ja nicht zu sehr irgendwelche ideologischen Scheuklappen infrage zu stellen. Wozu gibt es die "Social-Brain"-Theorie von Robin Dunbar und unzähligen anderen, wenn Gehirngröße und damit korrelierte Intelligenz nicht über den gesamten Stammbaum der Tiere hinweg "relevant" wäre und damit natürlich auch für menschliche "schriftlose" Kulturen.
Abb. 3: Angeborene Eigenschaften mit gerichteter Selektion zwischen 8000 vor heute und heute (aus 1)
Soweit uns bekannt, gibt es im übrigen auch Intelligenztests für Menschen ohne Lesefähigkeit. Für die Buschleute in Südafrika ist ja auch eine durchschnittliche angeborene Intelligenz festgestellt worden (z.B. ausgewertet von Richard Lynn [gnxp2006]). Es wird an vielen Stellen deutlich, daß David Reich und Mitarbeiter bewußt oder unbewußt so tun, als bräuchten sie sich mit der modernen Intelligenzforschung gar nicht weiter zu beschäftigen und als wäre es wissenschaftlich seriös, unter Nichtbeachtung derselben solche Aussagen zu tätigen. Weiter heißt es (1):
Die Interpretationsschwierigkeiten werden dadurch noch verstärkt, daß jene Allele, die die Häufigkeit von Merkmalen im Zusammenhang mit Typ-2-Diabetes senken, in hohem Maße mit jenen korreliert sind, die zu höheren Werten bei den Merkmalen Schuljahre, Haushaltseinkommen und Intelligenz beitragen (Extended Data Fig. 13). Schließlich gibt es Hinweise darauf, daß sich diese Selektionsdrücke im Laufe der Zeit gewandelt haben57 – so etwa in Island im vergangenen Jahrhundert, wo eine signifikante Selektion zugunsten einer Verringerung des Prädiktors „Schuljahre“ stattfand; ein Trend, der im Gegensatz zu der von uns festgestellten langfristigen Zunahme steht.
The difficulty of interpretation is enhanced by the fact that the alleles driving down the frequency of type 2 diabetes-related traits are highly correlated to those contributing to the increased scores for years of schooling, household income and intelligence (Extended Data Fig. 13). Finally, there is evidence of change in these selection pressures over time57, for example, in Iceland in the past century in which there was significant selection to decrease the predictor of years of schooling, opposite to the long-term increase that we detected.
Letzterer Umstand ist hochgradig relevant.
"Die bedeutendste Arbeit meiner letzten zehn Jahre"
Nun noch ein Blick in die Wissenschaftsberichterstattung. David Reich wird im "Science Magazine" zitiert mit den Worten (ScMa26):
„Dies ist die bedeutendste Arbeit, an der ich seit zehn Jahren beteiligt war. … Sie löst endlich das Versprechen alter DNA ein, über die (menschliche) Biologie ebenso viel aussagen zu können wie über die (menschliche) Geschichte.“
"Das Genom ist voller Signale", sagt Reich. Er beobachtet "eine Phase ungewöhnlich intensiver … und gleichzeitig schwankender natürlicher Selektion - die Häufigkeit von Varianten steigt sprunghaft an und sinkt dann wieder."
Und der Hauptautor Ali Akbari wird zitiert mit den Worten (ScMa26):
"Das (menschliche) Genom stand in den letzten 10.000 Jahren unter enormem Selektionsdruck. Unsere Lebensweise hat sich grundlegend verändert, und das spiegelt sich in unserem Genom wider, das versucht, sich anzupassen."
Nun, es handelt sich sicherlich um ein Wechselspiel, nicht nur die Kultur wirkt auf die Gene zurück, sondern die Gene wirken auch auf die Kultur zurück.
Gen-Kultur-Koevolution - Seit Lumbsden/Wilson (1981)
Das wird schon seit Jahrzehnten unter dem Stichwort "Gen-Kultur-Koevolution" (Wiki) behandelt. Edward O. Wilson und Charles Lumbsden hatten schon 1981 und 1983 in ihren Büchern "Genes, Mind and Culture - The Coevolutionary Process" und "Promethean Fire - Reflections on the Origin of Mind" (letzteres ist auch auf Deutsch erschienen) eine solche Gen-Kultur-Koevolution erörtert. Sie hatten dabei die Möglichkeit erörtert, daß sich wesentliche neue Erbvarianten innerhalb von tausend Jahren innerhalb eines Volkes durchsetzen könnten. Genau diese bislang nur theoretisch formulierte Hypothese wird nun doch offensichtlich durch die Archäogenetik in der Empirie bestätigt. (Sie wurde übrigens auch schon bestätigt zum Beispiel durch den IQ-Unterschied zwischen aschkenasischen und sephardischen Juden, da die aschkenasischen Juden ja nur 1000 Jahre alt sind.) Auf Wikipedia wird zu diesem Buch ausgeführt, daß es diese Theorie begründet hat, aber ... (Wiki):
Das erste war "Genes, Mind and Culture" von Charles Lumsden und E. O. Wilson. Dieses Buch skizzierte eine Reihe mathematischer Modelle, die darlegten, wie die genetische Evolution die Selektion kultureller Merkmale begünstigen könnte und wie kulturelle Merkmale ihrerseits die Geschwindigkeit der genetischen Evolution beeinflussen könnten. Obwohl es das erste veröffentlichte Buch war, das beschrieb, wie Gene und Kultur koevolvieren könnten, hatte es verhältnismäßig geringen Einfluß auf die weitere Entwicklung der Dual Inheritance Theory. Einige Kritiker waren der Ansicht, daß ihre Modelle zu stark auf genetischen Mechanismen fußten – auf Kosten kultureller Mechanismen. Auch die Kontroversen um Wilsons soziobiologische Theorien könnten die nachhaltige Wirkung dieses Buches geschmälert haben.
The first was Charles Lumsden and E.O. Wilson's Genes, Mind and Culture. This book outlined a series of mathematical models of how genetic evolution might favor the selection of cultural traits and how cultural traits might, in turn, affect the speed of genetic evolution. While it was the first book published describing how genes and culture might coevolve, it had relatively little effect on the further development of DIT.[80] Some critics felt that their models depended too heavily on genetic mechanisms at the expense of cultural mechanisms.[81] Controversy surrounding Wilson's sociobiological theories may also have decreased the lasting effect of this book.
Nun, daß die "genetischen Mechanismen" keineswegs als zu stark einschätzt worden waren von Lumsden und Wilson wird nun durch die Archäogenetik klar. Da gibt es jetzt allerhand "Stoff", um auch das Konzept der Gen-Kultur-Koevolution völlig neu anzugehen.
Im "Science Magazine" wird dann aber erneut die irrtümliche Aussage getätigt (ScMa26):
Frühere Studien zur menschlichen Evolution, die sich größtenteils auf die Analyse der DNA moderner Menschen stützten, kamen zu dem Schluß, daß unsere Genome in den letzten Zehntausenden von Jahren relativ stabil waren. Das liegt daran, daß moderne Bevölkerungsgruppen wie Westeuropäer, Afrikaner und Ostasiaten eine beträchtliche genetische Ähnlichkeit aufweisen, was darauf hindeutet, daß seit der Trennung der Menschen auf diesen Kontinenten nicht viel Evolution stattgefunden hat.
Daß hier nur Bezug genommen wird auf einige wenige, ausgewählte Studien, während hier offensichtlich ein großer Teil der Forschung der letzten 25 Jahre ignoriert wird, darauf hatten wir schon im letzten Blogartikel hingewiesen. Allein die immensen IQ-Unterschiede zwischen den Völkern in der heutigen Zeit sind ein Hinweis darauf, daß diese grundsätzlich auch schon innerhalb der letzten 10.000 Jahre vorgelegen haben müssen. Das letzte Zitat ist also eine krasse Irreführung. Seit 2018 liegt ja auch der polygenetische "Score" für Intelligenz vor, so daß auch anhand dessen aufgezeigt werden kann (und sicherlich aufgezeigt worden ist und wird), daß - zum Beispiel - Ostasiaten durchschnittlich eine höhere durchschnittliche Intelligenz aufweisen als Europäer (und so weiter). (Dazu unten gleich mehr.) Es wird auch eine, ein wenig naive Frage angeführt wie die folgende (ScMa26):
"Diese Studie ist das Ergebnis fast zehnjähriger intensiver Arbeit, aber sie kratzt erst an der Oberfläche", sagt die Harvard-Evolutionsbiologin Annabel Perry, eine weitere Co-Autorin. "Im Neolithikum gab es noch keine Hochschulbildung, also welches Merkmal veränderte sich tatsächlich? Dies ist eine Aufforderung an die Forschung, diese Zusammenhänge genauer zu untersuchen."
Offensichtlich ist eine solche Naivität gesund für eine Karriere an der Elite-Universität Harvard. Das ist eine Aussage, die mal eben so viele Jahrzehnte IQ-Forschung völlig ignoriert. Da möge sie mal weiter an der Oberflächen kratzen an der Harvard University. Bloß keinen Spaten nehmen und tiefer graben ...
Es gibt schon weitere, neue Studien ....
Es wird aber auch noch folgender Hinweis gegeben (ScMa26):
Reich hofft, daß zukünftige Forschungen diese Fragen in anderen Teilen der Welt untersuchen werden. Mehrere kürzlich veröffentlichte Preprints - darunter einer von einigen der Autoren der Nature-Studie - deuten darauf hin, daß ähnliche Dynamiken auch in anderen Populationen wirkten.
Eine hier genannte Studie schaut sich die Intelligenz-Unterschiede zwischen Europäern und Asiaten an (Biorxiv4/26), stellt also die Frage, die wir oben schon stellten. Ebenso gibt es eine weitere Völker-vergleichende Studie (Biorxiv1/26). Abschließend heißt es (ScMa26):
Auch in anderen Zeiträumen könnten rasche evolutionäre Veränderungen stattgefunden haben, die jedoch nicht untersucht wurden oder werden können. „Der spannendste Zeitraum dürfte die Zeit zwischen 1.800.000 und 300.000 Jahren vor unserer Zeit sein, als sich das Gehirn der Homininen verdreifachte und der moderne Mensch entstand“, sagt er (David Reich). „Uns fehlen diese Daten.“
Jetzt gräbt David Reich endlich wieder tief und stellt die richtigen Fragen. Mit ebenso spannenden Fragen wird er in einem anderen Bericht zitiert (TheBrief):
„Inwieweit werden wir ähnliche Muster in Ostasien sehen oder in Ostafrika oder bei den Ureinwohnern Mesoamerikas und der zentralen Anden?“
Die wissenschaftliche Revolution, die im Jahr 2000 begann, unter anderem mit dem Aufsatz von Charles Murray "Deeper into the Brain" (AEI2000), diese Revolution wird jetzt, 26 Jahre später, offenbar Mainstream-Forschung.
... Und was sagt die deutschsprachige Wissenschaftspresse?
Ergänzung 4.6.26: Auch die deutsche Wissenschafts-Presse hat die hier behandelten Forschungsergebnisse aufgegriffen. Unter dem Titel "Hoher Anpassungsdruck prägte menschliches Genom - Rote Haare, Glatze, Intelligenz" heißt es beim ORF und in österreichischen Regionalzeitungen unter anderem (ORF26, NOEN26, BVZ26):
Auch in den Daten ausmachen lassen sich den Autoren zufolge Gruppen an Genveränderungen, die (...) im Heute ihren Trägern im Durchschnitt ein etwas besseres Abschneiden bei Intelligenztests, ein tendenziell höheres Einkommen oder längeres Verweilen in Ausbildungssystemen bescheren.
Nunja, "etwas besseres Abschneiden" ist nicht "ganz" richtig. Aber gut. Das ist - soweit wir das überblicken - der einzige deutschsprachige Artikel, der auch das Thema Intelligenz wenigstens erwähnt. Aber man muß schon sehr genau danach suchen. Die "Frankfurter Rundschau schreibt unter dem Titel "Evolution des Menschen hat in den letzten 10.000 Jahren massiv an Tempo zugelegt" (FRd26):
Bislang kannten Forschende nur etwa 21 Beispiele für sogenannte gerichtete Selektion – jene Form der natürlichen Auslese, bei der sich vorteilhafte Genvarianten in einer Population durchsetzen. Die neue Studie identifiziert nun 479 solcher Genvarianten, die sich in Westeurasien seit dem Ende der Eiszeit verbreitet oder zurückgebildet haben.
Das Thema Intelligenz wird nicht erwähnt. Das Schweizer Nachrichtenportal "20min" titelt: "Immer mehr Rothaarige - dafür sorgt die natürliche Selektion" (20min26, l'ess26). Intelligenz wird nicht erwähnt. Die Bildzeitung titelt "Rothaarige werden immer mehr - Evolutionsvorteil" (Bild26). Intelligenz wird nicht erwähnt. SmartUpNews titelt "Evolution läuft weiter: Studie zeigt, wie sich der Mensch heute noch verändert" (Smart26). Derselbe Artikel ist unter einem "Rote Haare"-Titel auch im "Focus" erschienen (Focus26). Intelligenz wird in beiden Artikeln nicht erwähnt.
Wie lautet der Fachbegriff? - - - "Lückenpresse"? 👀 👀 👀
Hinter einer Zahlschranke verbergen sich die Beiträge in der "Neuen Zürcher Zeitung" (NZZ26) ("Von der letzten Eiszeit bis heute - So entwickelt sich der Mensch evolutionär weiter"), in der Süddeutschen Zeitung und im Schweizer Tagesanzeiger (SdtZtg26, TAnz26) ("Der Mensch hat sich in den vergangenen 10 000 Jahren schneller verändert als gedacht") sowie in "Spektrum der Wissenschaft" (SpdWis2026) ("Auch der moderne Mensch unterliegt natürlicher Selektion") (übrigens nicht in der Papier-Ausgabe dieser Zeitschrift enthalten, bislang).
Es finden sich vereinzelt auch wissenschaftsnahe Autoren im deutschsprachigen Raum abseits des Mainstream, die das Thema aufgreifen. An dieser Stelle sei nur einer heraus gegriffen. Auf ihn stoßen wir im Zusammenhang mit dieser Recherche zum ersten mal, nämlich der X-Autor Dieter Kief. Er wiederholt auf seinem (offenbar nur wenig von anderen verfolgten) Accout - zumindest in den letzten Monaten - anhand von Studien und Daten sein Mantra "Sarrazin hat recht" (in Bezug auf die Erblichkeit der Intelligenz und der Ungleichverteilung dieser Intelligenz auf Völker). Und er bezieht sich unter anderem auf den US-amerikanischen Journalisten Steve Sailer, den wir hier auf dem Blog schon vor zwanzig Jahren als kenntnisreich und lehrreich entdeckt hatten. Am 4. Mai 2026 bezieht sich Kief (X4.5.26) auf einen Beitrag von Steve Sailer vom 16. April 2026 (Sailer2026).
Die Zusammenhänge, die Sailer herausarbeitet, hatten wir ja auch schon versucht anzudeuten. Aber macht es Sinn, auf zwanzig oder auch nur fünfzehn Jahre alten Diskussionen so herumzureiten wie es hier geschieht? Das ist nicht die Art, mit der hier auf dem Blog mit diesen Themen umgegangen wird. Dieter Kief wird auf X aktuell offenbar kaum gelesen. Aber wir "folgen" ihm dort jetzt mal probehalber.*)
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*) Es findet sich auch noch ein einstündiger Podcast über die Akbari/Reich-Studie (Butales26) - aber soweit wir das beim kurzen Reinhören feststellen können, nur auf sehr niedrigem intellektuellen Niveau.
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Akbari A, Perry A, Barton AR, Kariminejad M, Gazal S, Li Z, Zeng Y, Mittnik A, Patterson N, Mah M, Zhou X, Price AL, Lander ES, Pinhasi R, Rohland N, Mallick S, Reich D (2026) Ancient DNA reveals pervasive directional selection across West Eurasia. Nature, 15.4.2026 (Nature2026) (pdf)
Die "allgegenwärtige" gerichtete Selektion in den Völkern Westeurasiens hinsichtlich ihrer angeborenen Eigenschaften und Begabungen
Der Archäogenetiker David Reich nennt die neueste Studie, die er zusammen mit Mitarbeitern heraus gebracht hat (1) die bedeutendste, an der er im letzten Jahrzehnt beteiligt gewesen ist (ScienceMag).
Abb. 1: Die Veränderungen des "polygenic Score" für Intelligenz in den letzten 10.000 Jahren in Westeurasien - grün = Jäger und Sammler, orange = anatolisch-neolithische Bauern, lila = indogermanische Steppengenetik (nach 1, aus 2)
Seine Studie handelt von denselben Themen und bringt ähnliche Ergebnisse wie sie akademische "Abweichler" wie der Italiener Davide Piffer und der Däne Emil Kirkegaard schon 2024 publiziert hatten (Stg26). Wir selbst hatten damals einen Blogartikel über die Ergebnisse ihrer Studie verfaßt, zögerten aber bis heute mit seiner Veröffentlichung. Erst nachdem nun dieselben Erkenntnisse auch von einem so angesehenen "Mainstream-Wissenschaftler" wie David Reich veröffentlicht werden, glauben wir die Sicherheit zu besitzen, daß Piffer und Kirkegaard ebenfalls schon solide gearbeitet hatten. Die Erkenntnisse der beiden waren uns aber vor zwei Jahren ein wenig zu kraß erschienen, als daß wir allein auf der Grundlage ihrer Studie schon unser Weltbild ändern wollten (Stg26). Jetzt aber sind wir dazu bereit, bzw. müssen wir dazu bereit sein.
David Reich tut allerdings jetzt so, als wären er und seine Mitarbeiter die ersten, die auf diese Ergebnisse gekommen wären. Ganz offensichtlich unterschlägt er bewußt die Veröffentlichungen von Piffer und Kirkegaard, die er in seiner Studie nicht zitiert (1). Piffer hat darüber bei "Nature" Beschwerde eingelegt, der Reich-Mitarbeiter Iosif Lazaridis hat ihm gegenüber auf Twitter versucht, vermittelnde Worte zu finden, konnte aber nicht wirklich überzeugen damit.*)
Polygenic Score und Archäogenetik
In beiden Studien geht es darum, die Methoden und Erkenntnisse rund um die Erforschung der "polygenic scores" an heutigen Menschen auf die archäogenetisch gewonnenen Genome anzuwenden. Die Thematik der "polygenic scores" wurde durch ein Buch von Robert Plomin im Jahr 2018 öffentlich bekannt (Stg2018): Die meisten angeborenen Eigenschaften und Begabungen des Menschen werden "polygenetisch" vererbt, daß heißt, sie sind an vielen hunderten, tausenden oder zehntausenden, für sich genommen "Small-Effect-Genen" im Genom verschaltet und man kann deshalb angeborene Eigenschaften und Begabungen des Menschen erst dann aus dem Genom auslesen, wenn dieser Umstand berücksichtigt wird und dafür riesengroße Datensätze analysiert werden. Die Analyse so großer Datensätze ist erst durch die gesteigerten Computer-Leistungen möglich geworden, die inzwischen erreicht worden sind.
Die US-amerikanische Psychologin Kathryn Paige Harden hat dann noch einen drauf gesetzt und 2021 in ihrem Buch versucht, die Bedeutung der neuen Erkenntnisse für Schule und Erziehung einzuordnen (Wiki). Denn mit dem polygenic score ist jetzt grundsätzlich schon ab Geburt eines Kindes voraussagbar, welchen Schulabschluß es erwerben wird und in welcher Einkommensklasse es beruflich höchstwahrscheinlich unterwegs sein wird. Unter diesem Aspekt stellt sich die Frage, welche Aufgabe dann eigentlich die Schule noch hat.
Aber nun zurück zu David Reich. Wenn man ohne gar zu viel Vorbereitung hinein schaut in die neue Studie von David Reich oder wenn man Berichterstattung über sie liest, kommt einem das alles ein bisschen zu abstrakt vor und es wird einem nicht so leicht augenfällig, eingängig und klar, warum gerade diese Studie so bedeutend sein soll und wo überhaupt ihre wesentlichsten Erkenntnisse liegen. Man hat den Eindruck, hier würde über eine wissenschaftliche Fachsprache insgesamt mehr vernebelt als geklärt, zumindest für Leute, die nicht unmittelbar "vom Fach" sind.
Aber in dem in den vorliegenden Blogartikel eingebundenen, ausführlichen Interview, das vor zwei Wochen veröffentlicht wurde (2), erläutert David Reich seine Studie sehr gut nachvollziehbar. Die Studie ist betitelt (1):
"Die Archäogenetik deckt für das gesamte westliche Eurasien allgegenwärtige, gerichtete Selektion auf"
("Ancient DNA reveals pervasive directional selection across West Eurasia")
Westliches Eurasien deshalb, weil bislang nur für diesen Erdteil ausreichende archäogenetische Daten verfügbar sind (10.000 bis 16.000 Genome aus der Nacheiszeit, dem Neolithikum, der Bronzezeit und der Eisenzeit). "Gerichtet" heißt hier: "nicht zufällig", kein zufälliges "Driften" von angeborenen Eigenschaften. Damit ist gemeint: Bestimmte angeborene Eigenschaften weisen im zeitlichen Verlauf in ihrer Häufigkeit und Verbreitung eine "Richtung" auf, sozusagen eine "zielgerichtete" Entwicklung: Am Anfang sind im westlichen Eurasien die meisten Menschen dunkelhäutig, am Ende hellhäutig(er) (Abb. 2). Am Anfang haben sie eine niedrigere angeborene Intelligenz, am Ende eine höhere (Abb. 1). Hier hat sich also eine "gerichtete" Entwicklung vollzogen dadurch, daß hellhäutige und intelligente Menschen mehr Nachkommen hatten als dunkelhäutige ("Selektion"). Und genau so sind wir heutigen Europäer entstanden. Und nun ist im Titel außerdem noch von "allgegenwärtig" die Rede. Damit ist gemeint: Signale von solcher gerichteten Selektion sind "allgegenwärtig" in den menschlichen Genomen in dem untersuchten Erdteil und in allen darin untersuchten Zeiträumen (Nacheiszeit, Neolithikum, Bronzezeit, Eisenzeit und heute). Damit ist gemeint: Hautfarbe und Intelligenz sind bei weitem nicht die einzigen angeborenen Eigenschaften, die in diesem Erdteil und in diesen Zeiträumen "gerichtete Selektion" erfahren haben.
Abb. 2: Die Veränderungen des "polygenic Score" für Hautfarbe in den letzten 10.000 Jahren in Westeurasien - grün = Jäger und Sammler, orange = anatolisch-neolithische Bauern, lila = indogermanische Steppengenetik (nach 1, aus 2)
Dieser Blog hat einen großen Teil der archäogenetischen Erkenntnisse, die auf diesem Blog seit etwa 2018 referiert werden, dadurch verstanden, daß wir uns einfach Vorträge oder Interview's von David Reich gründlich angeschaut haben, ggfs. auch zu wiederholten Malen. (Ebenso vergleichbare Beiträge von Johannes Krause und vereinzelt auch von anderen.) Wir finden, insbesondere David Reich spricht ein klares, gut verständliches Englisch und er kann hinreißend gut, klar und verständlich erklären. Außerdem ist er durchweg begeistert. Womit er zusätzlich sehr viel Anteilnahme weckt. So auch in diesem Video.
David Reich - Die Nützlichkeit von Vorträgen und Interviews seinerseits
Das Thema erfordert allerdings schon allerhand Konzentration, um alles zu verstehen. Und da so schnell gesprochen wird in diesem Video, ist es hilfreich, die englischsprachigen (oder deutschsprachigen) Untertitel anzustellen, um mitlesen zu können. Für uns stellt sich aber als noch hilfreicher heraus, sich nach ersten Eindrücken dem Video über das Transkript anzunähern, das verfügbar ist, und das man automatisch auf Deutsch übersetzen lassen kann. Mit diesem arbeiten wir im folgenden zumeist (Transkript).
Es wird beim Zusehen in diesem Video und beim Lesen des Transkripts aber schnell klar, daß das, was David Reich hier als "wissenschaftliche Revolution" des Jahres 2026 hinstellt, auch von Seiten des Verfassers dieser Zeilen schon seit 2005 behandelt wird, etwa unter Stichworten wie "jüngste Humanevolution" oder "jüngstselektierte Gene" oder "lokale Humanevolution" (3). Schon 2003 etwa war das Wort aufgekommen von "Lewontin's Fallacy", nämlich von dem Fehlschluß (andere nennen es einen bewußten, wissenschaftlichen Betrug), zu sagen daß die genetischen Unterschiede zwischen Völkern gering wären im Vergleich zu den genetischen Unterschieden zwischen einzelnen Menschen.
Neu ist das ganze Thema also nicht.
Als Zeugnis dafür, daß das Thema nicht neu ist, mag auch unser Buchprojekt "10.000 Jahre Humanevolution" gelten, das wir 2007 im Entwurf und mit ausführlichem Literaturverzeichnis veröffentlicht haben (3). Liest man insbesondere englischsprachige Kommentare auf Twitter oder anderwärts zu der neuen Studie von David Reich, ist das auch viele anderen wissenschaftsnahen Menschen bewußt. Dieser Umstand hat sich längst herum gesprochen. In unserem Buchmanuskript konnten wir zahllose namhafte Autoren benennen, die seit dem Jahr 2000 über diesen Paradigmenwechsel sprachen.
Um den Grundgedanken unseres damaligen Buchprojektes noch einmal heraus zu stellen: Ausgangspunkt war, daß zum Beispiel Konrad Lorenz immer davon gesprochen hatte, wir seien "Steinzeit-Menschen, die Düsenjäger fliegen" (oder "Mammutjäger in der Metro" - oder ähnliche Metaphern). Dabei war die Wissenschaftler-Generation von Konrad Lorenz noch davon ausgegangen, daß es kaum oder wenig Evolution seit der Steinzeit gegeben hätte. Man wußte es damals eben auch gar nicht besser.
David Reich tut in seinem Interview so, als wäre davon auch noch seine Wissenschaftlergeneration ausgegangen. Da gibt er sich gewiß ahnungsloser als er war und ist. Die Erkenntnisse, von denen ich in meinem Buchprojekt 2007 spreche, und die bis dahin breit in der Wissenschaft und Öffentlichkeit behandelt worden waren (siehe dortiges Literaturverzeichnis) (3), wurden nur immer und immer wieder "klein geredet", da man den Menschen aus ideologischen Gründen möglichst als "unbeschriebenes Blatt" charakterisieren wollte, und da man von unterschiedlicher "gerichteter Evolution" von angeborenen Eigenschaften in unterschiedlichen Erdteilen und Völkern schon einmal gar nichts wissen wollte. Warum sonst auch gelten so sauber arbeitende Wissenschaftler wie Piffer und Kirkegaard als "Abweichler"? Jetzt erfahren wir aber durch David Reich: Die Mainstream-Wissenschaft kommt auf keine anderen Ergebnisse als sie in diesem Sinne seit etwa dem Jahr 2000 und dem Jahr 2018 immer schon behandelt worden waren.
Über diesen Umstand geht David Reich also "husch husch" hinweg und gibt sich völlig naiv. Diese Naivität nehmen wir ihm nicht wirklich ab. Aber wir sind ihm deshalb nicht gar zu böse. Wir lernen grade wieder so viel Neues, daß wir dieser angeblichen "Naivität" gar keine so große Beachtung schenken wollen. Gott ja, es gibt Schlimmeres!, möchte man ausrufen. Wir sind ja wirklich schon allerhand gewohnt. Johannes Krause zum Beispiel hat bezüglich solcher Dinge über viele Jahre hinweg eine solche Naivität an den Tag gelegt, daß man sie ihm sogar abnehmen mußte als wirklich ehrlich gemeinte. Deshalb kleiner Tipp am Rande: Gib dich naiv, junger Akademiker, dann machst du am ehesten Karriere.
Seit der vollständige Sequenzierung des menschlichen Genoms im Jahr 2000 fand man also schon zunehmend mehr Hinweise dafür,
daß die menschliche Intelligenz evoluierte und deshalb unterschiedlich auf Völker verteilt ist,
daß die menschliche Verhaltensgenetik evoluierte und deshalb unterschiedlich auf Völker verteilt ist,
daß die menschliche Verdauungsgenetik evoluierte und deshalb unterschiedlich auf Völker verteilt ist,
daß die menschliche Immunabwehr evoluierte und unterschiedlich auf Völkerr verteilt ist ....
... und so weiter, und daß sich deshalb Völker weltweit in ihrem Spektrum angeborener Eigenschaften und Begabungen sehr deutlich unterscheiden. Der herzensgute Bestseller-Autor Steven Pinker, der sich so gut mit Jeffrey Epstein verstand im Rahmen von "The Edge" und anderwärts, nannte genau diese "Idee" ja im Jahr 2005 schon die "gefährlichste Idee der nächsten zehn Jahre", nämlich daß sich Völker hinsichtlich ihrer angeborenen Eigenschaften und Begabungen unterscheiden könnten (Edge). - Für wen eigentlich "gefährlich"?, möchte man im Nachhinein fragen. Für Bestrebungen eines Jeffrey Epstein und seiner Leute? Ach Gott, was fragen wir wieder naiv. .... Boah. Schnell weiter im Text ...
David Reich erzählt nun, daß die ersten archäogenetischen Studien, die diese genannte westeurasische Evolution zwischen Nacheiszeit und heute zu erfassen suchten auf der Ebene der Archäogenome, nur erstaunlich wenig Signale gefunden haben, die darauf hindeuteten, daß hinsichtlich bestimmter "polygenetischer Scores" (Eigenschaften, Begabungen) Evolution stattgefunden hätte. Der Grund dafür war, daß es noch nicht genügend sequenzierte Genome aus dem Neolithikum, der Bronze- und Eisenzeit gegeben hatte. Er nennt diesbezüglich eine Studie aus der Forschungsgruppe um Eske Willerslev (Stg19) und bezieht sich dabei auch auf andere Studien (Stg22).
Seither ist die Datengrundlage aber aufgrund der exponentiell steigenden Zahl sequenzierter, archäologisch gewonnener Genome viel umfangreicher geworden.
Die Bronzezeit - Ist sie wichtiger für die gerichtete Selektion als das Neolithikum?
Die meiste gerichtete Selektion in Westeurasien hat nach David Reich nun vermutlich nicht bei der Einführung des Ackerbaus stattgefunden, sondern in der Bronzezeit (so wird er gleich im Eingangssatz zum Interview angeführt). Die Bronzezeit (2) ...
"... war die Zeit, in der die Genfrequenzen für alles - von der Immunfunktion über das Körperfett bis hin zur Intelligenz - am stärksten schwankten,"
faßt der Interviewer zusammen. Und weiter (2):
"Im Laufe der letzten 10.000 Jahre hat die Selektion den genetischen Prädiktor für die kognitive Leistungsfähigkeit um etwa eine volle Standardabweichung erhöht - der größte Teil davon vor 4.000 bis 2.000 Jahren."
Hier ist von einer Standardabweichung die Rede. Das ist also eine Erhöhung der angeborenen Intelligenz von etwa 80 oder 85 (wie man sie in Afrika und bei schwarzafrikanischen US-Amerikanern findet) auf 95 oder 100 (wie man sie bei heutigen Europäern findet).
David Reich stellt es noch einmal heraus, daß die Archäogenetik zwar mit wenigen sequenzierten Menschenfunden schon unglaublich viel über den Ablauf der Völkergeschichte heraus bekommen konnte, daß diese wenigen Genome aber nicht ausreichten dafür festzustellen, in welchen Bereichen des Genoms angeborene Eigenschaften und Fähigkeiten sich im Verlauf der Geschichte in bestimmte Richtungen hin selektiert, bzw. entwickelt hatten.
Das liegt daran, daß man mit den Genen eines einzigen Menschen zwar zugleich die Gene eines ganzen Volkes vor Augen hat. Jeder Mensch trägt die Gene seines Volkes in sich. Wenn man also ein einzelnes Genom aus der Vergangenheit sequenziert, sequenziert man damit zugleich das Genom eines ganzen Volkes. David Reich drückt das - etwas zurückhaltender, verschleiernder - folgendermaßen aus (2):
Die DNA einer einzelnen Person liefert eine enorme Menge an Informationen über die Geschichte. Denn die DNA einer Person repräsentiert nicht nur eine einzelne Person, sondern viele. Sie enthält die DNA der Eltern, der vier Großeltern, der acht Urgroßeltern, der sechzehn Ururgroßeltern und so weiter. Geht man in der Zeit zurück, so tragen Tausende, Zehntausende, ja Hunderttausende von Vorfahren zu den heutigen Menschen bei.
Ja, er hätte es auch kürzer ausdrücken können: Wenn ich ein einzelnes Individuum an der Mittleren Wolga um 4.500 v. Ztr. sequenziere, sehe ich in seinem Genom zugleich sein ganzes Volk, das sich als solches von allen anderen Völkern derselben Zeit auf kennzeichnende Weise unterscheidet. Man kann deshalb schon mit vergleichbar wenigen Genomen aus verschiedenen Regionen und Zeit-Epochen vergleichsweise umfangreich und zugleich detailliert und in den meisten Fällen völlig überraschend die gesamte Völkergeschichte Eurasiens nachvollziehen. Und zwar in den meisten Fällen in einer Weise, wie sie niemand zuvor erwartet hatte oder niemand zuvor zumindest mit dieser abschließenden Sicherheit hätte behaupten können.
Wenn man aber nun schauen will, wie sich angeborene Eigenschaften und Fähigkeiten im Verlauf der Geschichte in bestimmte Richtungen hin selektierten, entwickelten (auf der Ebene von Individuen und Völkern), reichen solche vereinzelte, "repräsentative" "Stichproben" nicht mehr aus. Man braucht einen viel größeren Datensatz (2):
Um ein hochauflösendes Bild der Frequenzveränderungen im Zeitverlauf zu erhalten, benötigt man sehr große Stichproben, wirklich sehr viele Personen. Das stand uns bis vor wenigen Jahren nicht zur Verfügung. Die Motivation für die Studie, über die wir heute sprechen, und die Arbeit, die hoffentlich in den kommenden Jahren von mehreren Forschungsgruppen durchgeführt wird, liegt darin, daß wir nun endlich über diese Zahlen verfügen. Wir können die Daten analysieren, um die Frequenzveränderungen im Zeitverlauf zu untersuchen.
Gibt es keine genetischen Unterschiede zwischen Ostasien und Europa?
Dann sagt David Reich wieder etwas so vergleichsweise Komisches (2):
Es gibt jedoch fast keine genetischen Veränderungen, deren Häufigkeit sich zwischen Europäern und Ostasiaten zu 100 % unterscheidet.
Diese Aussage ist ein sogenannter Non-Starter. Sie mag ja formal durchaus richtig sein, aber sie verwischt, bzw. macht dabei zugleich geradezu unsichtbar die wesentlichsten Tatbestände.*) Mit 100 % ist die Latte sehr hoch gelegt. Sehr große angeborene Häufigkeitsunterschiede zwischen Ostasiaten und Europäern gibt es aber trotzdem. Man frage doch nur ChatGPT. Es zählt für uns die folgenden Beispiele auf:
Merkmal / Genvariante
Ostasien
Europa
Bemerkung
ALDH2-Defizienz
ca. 25–45 %
<1 %
Ursache des häufigen „Asian Flush“
Schnelles ADH1B-Allel (Alkoholabbau)
ca. 60–90 %
ca. 5–20 %
Beschleunigt Bildung von Acetaldehyd
Laktasepersistenz
ca. 5–20 %
ca. 70–95 %
Besonders hoch in Nordeuropa
EDAR-Variante V370A
ca. 80–95 %
<5 %
Assoziiert mit dickem, glattem Haar
ABCC11-Polymorphismus (trockener Ohrenschmalz)
ca. 80–95 %
ca. 1–5 %
Sehr klarer Populationsunterschied
Epikanthische Lidfalte
häufig, grob 50–90 %
selten, meist <10 %
Kein einzelnes „Gen“, sondern polygen
Sehr dichter Bartwuchs bei Männern
eher selten
deutlich häufiger
Schwer exakt zu quantifizieren
Helle Hautvarianten SLC24A5
niedrig bis moderat
oft >90 %
Sehr stark in Europa verbreitet
Schaufelzähne („shovel incisors“)
ca. 80–95 %
ca. 10–20 %
Häufig verwendetes anthropologisches Merkmal
So schnell kann man Aussagen von David Reich mit ChatGPT bloßstellen. Da wird also sehr schnell deutlich, daß die Aussage von David Reich die tatsächlichen Verhältnisse zum Teil kraß verwischt, und daß diese Aussage damit fast schon wieder eine Täuschung ist. Nein, nicht 100 % Unterschiede - aber 95 % Unterschiede gibt es in einigen angeborenen Eigenschaften, Genvarianten zwischen Europa und Asien durchaus!!!
Und das ist - wie gesagt - nicht erst seit heute bekannt, sondern Wissen darüber sammelt sich spätestens seit dem Jahr 2000 immer mehr an. Der geneigte Leser kann mit Hilfe der hier genannten Stichworte schnell die Dinge weiter verfolgen (zum Beispiel auf ChatGPT). ChatGPT benennt hier nur Körpermerkmale, aber bezüglich von psychischen Merkmalen könnten ebenfalls Beispiele angeführt werden. Eine für ADHS mitverantwortliche Variante, die in siebenfacher Wiederholung im Genom vorkommt, gibt es in China fast gar nicht, während sie in anderen Völkern eine sehr deutliche Häufigkeit hat. Ebenso hatten wir für das COMT-Sensibilitäts-Gen hier auf dem Blog schon vergleichsweise hohe Häufigkeitsunterschiede zwischen Völkern erörtert (Stg2019). Und damit kann sehr schnell abgeleitet werden, daß wesentliche kulturelle Merkmale und Begabungsprofile von Völkern in Europa und Ostasien sich auch aufgrund solcher Häufigkeitsunterschiede so markant voneinander unterscheiden. Deshalb stimmt es auch nicht, wenn David Reich sagt (2):
Die seit 40.000 oder 50.000 Jahren vergangene Zeit ist auf einer evolutionären Zeitskala so kurz, daß es im Durchschnitt nur geringe genetische Unterschiede zwischen diesen beiden Gruppen gibt.
Aber im nächsten Satz widerspricht er der eben getätigten Äußerung sowieso gleich wieder (2):
Wenn jedoch natürliche Selektion stattgefunden hat, beispielsweise um Menschen an einem bestimmten Ort zu helfen, Alkohol oder Milch besser zu verdauen, könnte man erwarten, daß eine Mutation extrem häufig auftritt.
Es ist nicht nur zu erwarten, sondern längst bekannt, lieber Herr Reich.
Es werden dann Beispiele durchgegangen. Immun-Gene weisen die höchsten Selektions-Hinweise auf. Eine Genvariante, die im Zusammenhang mit Tuberkulose steht, wird behandelt. Diese Gen-Variante war 1000 v. Ztr. am häufigsten in Europa verbreitet und ist danach in ihrer Häufigkeit bis heute wieder sehr deutlich zurück gegangen. Die genauen Gründe dafür sind bislang noch nicht bekannt. Vielleicht war es eine andere Krankheit, so meint der Interviewer, der gegenüber diese Genvariante einen Überlebensvorteil bot. Reich will das nicht ausschließen als Möglichkeit. Reich:
Die TYK2-Variante, die mit einem erhöhten Tuberkulose-Risiko und einem erhöhten Risiko für Multiple Sklerose einhergeht, nahm vor der Bronzezeit deutlich zu und kehrte sich dann vor 2.000 bis 3.000 Jahren um. In Nordeuropa ist dieser Prozeß extrem stark ausgeprägt, mit sehr starker positiver und negativer Selektion. In Südeuropa hingegen ist er nur geringfügig und die negative Selektion nicht sehr stark. Auch die Hämochromatose, eine pathogene Eisenablagerung, die in Europa Probleme verursacht, hat sich um diesen Zeitraum herum umgekehrt.
Beiden typisch nordeuropäischen Erbkrankheiten habe ich schon in meinem Buch-Entwurf von 2007 Kapitel gewidmet (3). Durch diese neuen Ergebnisse kann man sich nun neue Gedanken machen, warum diese Erbkrankheiten in Nordeuropa noch heute so auffallend häufig sind. Es werden auch Hinweise gefunden für einen vermehrten Verzehr von pflanzlichen Nahrungsmitteln gegenüber fleischbasierter Nahrung. Der Interviewer fragt (2):
FADS1, das dabei hilft, pflanzliche Fettsäuren in langkettige Fettsäuren umzuwandeln, die der Körper benötigt: Das ist natürlich wichtig, wenn man von einer fleischbasierten Ernährung als Jäger und Sammler zu einer getreidebasierten Ernährung übergeht. Das ist auch ein Aspekt, den Sie, glaube ich, vor 5.000 bis 3.000 Jahren als besonders selektionsbedürftig identifiziert haben. Was ist also der Grund dafür? Warum ist die Bronzezeit in Bezug auf all diese verschiedenen Merkmale, die Sie beobachten, so besonders?
Reich antwortet (2):
Diese FADS1/2-Variante ist also eine Anpassung an Vegetarier bzw. Fleischesser. Bereits in früheren Arbeiten hatte Ian Mathieson, mit dem ich 2015 zusammengearbeitet habe, diese Variante als stark selektiert identifiziert. Sie ist tatsächlich uralt. Man findet Kopien davon auch bei archaischen Menschen.
Die Völker weltweit unterscheiden sich schon seit vielen Jahrzehntausenden darin, ob sie vorwiegend pflanzliche oder tierliche Nahrung zu sich nehmen. Für beide Möglichkeiten müssen im Genom Anpassungsmöglichkeiten vorliegen. David Reich sagt allgemein über die genetischen Veränderungen während der Bronzezeit in Europa im Vergleich zu denen während des Übergangs zum Ackerbau (2):
Diese Beobachtung, daß es sich um einen Wendepunkt handelt, verrät uns etwas darüber, wann die Menschen, zumindest in diesem Teil der Welt, gezwungen waren, eine Lebensweise einzuschlagen, die sich so stark von der ihrer Vorfahren als Jäger und Sammler unterschied, daß sich der Organismus enorm anpassen mußte. Möglicherweise war der Grad dieser Umstellung beim Übergang in die Bronzezeit qualitativ größer als derjenige, der beim anfänglichen Übergang zum Ackerbau stattfand. Das ist überraschend, denn unser vereinfachtes Bild läßt uns annehmen, daß der große Wandel im Ackerbau liegt. Doch die biologischen Daten zeigen, daß unser Genom viel stärker auf diese Ereignisse reagiert, die vor 5.000 Jahren stattfanden.
So völlig durchgängig kann ich ihm diese Aussage nicht abnehmen. Schließlich zeigen seine Daten, daß schon die Bandkeramiker einen IQ hatten wie wir heute. Da ist also das Wichtigste durchaus schon beim Übergang zum Ackerbau passiert, nicht erst in der Bronzezeit. Freilich, durch die mittelneolithische Vermischung mit den Restbevölkerungen von Jägern und Sammlern in Europa und durch die spätneolithische Vermischung mit indogermanischer Steppengenetik war der IQ offenbar zunächst noch einmal wieder bis etwa 2000 v. Ztr. gesunken, um dann in der Spätbronzezeit fast wieder heutige Werte zu erreichen, um danach aber wieder abzusinken (s. Abb. 1). Nun gut.
Beispiel Pigmentierung
Reich weiter (2):
Nehmen wir zum Beispiel die Pigmentierung, die in unseren Daten das stärkste Indiz für Selektion eines komplexen Merkmals ist. Man betrachtet genetische Mutationen, die bekanntermaßen die Pigmentierung beeinflussen. Addiert man ihre Wirkung über die gesamte DNA - es sind Dutzende oder Hunderte -, so findet man heraus, wann die natürliche Selektion am stärksten war. Dieser Zeitraum liegt tatsächlich vor 2.000 bis 4.000 Jahren.
Ja, die Evolution der hellen Hautfarbe verlief offenbar stetiger als die Evolution des IQ in der europäischen Völkergeschichte (Abb. 2).
Beispiel Intelligenz
Reich weiter (2):
Die Daten zeigen deutlich, daß die Auswirkungen der Migration enorm sind. Betrachtet man beispielsweise die Entwicklung kognitiver Leistungsfähigkeit – die Ergebnisse von Intelligenztests bei weißen Briten heute – und vergleicht sie mit den entsprechenden Prädiktoren bei Menschen in der Antike, so liegt der Schätzwert für die Jäger und Sammler Europas drei Standardabweichungen unter dem heutigen Durchschnitt. Das ist ein gewaltiger Unterschied.
Oben war noch von einer Standardabweichung die Rede, jetzt wird sogar von drei Standardabweichungen gesprochen. Wenn es also heute bei Europäern einen IQ von 100 gibt ebenso wie bei den ersten Ackerbauern Europas, den Bandkeramikern, dann hätte es bei den europäischen Jägern und Sammlern vor dem Neolithikum einen IQ von 55 gegeben. Das entspricht dem IQ der Buschleute in Südafrika von heute und ist noch niedriger als der IQ der Bantu-Völker in Afrika. Das können wir auf den ersten Blick so nicht für glaubhaft halten. Hat sich Reich hier versprochen? Auch Piffer und Kirkegaard hatten 2024 nur eine Stanardabweichung Unterschied festgestellt, nicht drei. Reich weiter über die europäische IQ-Evolution (2):
Dann sieht man einen gewaltigen Sprung zu den Bauern, deren Werte im Mittel bei null liegen. Das ist Migration. Man sieht, daß diese beiden Gruppen unterschiedliche Ausgangswerte für diese Merkmale hatten. Die Steppenhirten haben einen niedrigeren Ausgangswert.
Also die Bandkeramiker hatten schon einen IQ von 100 so wie wir heute. Wie kraß. Und die Jamnaja, die Indogermanen der zweiten Ausbreitungswelle ab 3.300 v. Ztr. hatten einen IQ von 85. Also so hoch wie die heutigen Afroamerikaner in den USA. Das kommt uns ebenfalls sehr kraß unterschiedlich vor. Reich weiter (2):
Man beobachtet im Laufe der Zeit enorme Schwankungen im Prädiktor dieses Merkmals. Das beweist keine Selektion, sondern lediglich Migration. Unser Test zeigt aber Folgendes: Gibt es neben diesen migrationsbedingten Schwankungen einen konsistenten Effekt der natürlichen Selektion, der das Merkmal über alle Orte und Zeiten hinweg in dieselbe Richtung beeinflußt? Genau das untersuchen wir.
So ganz wie nebenbei tritt hier zu Tage, welche krassen angeborenen Intelligenz-Unterschiede es zwischen Völkern schon im Neolithikum und in der Bronzezeit gegeben hat. Solche angeborenen Intelligenz-Unterschiede zwischen Völkern gibt es heute immer noch und sie waren unter anderem Gegenstand der Sarrazin-Debatte des Jahres 2010.
Der Interviewer stellt dann sehr uninformierte Vermutungen über die Evolution des IQ in den Raum. Diese übergehen wir hier. Beide geben sich in ihren "Vorannahmen" zu all diesen Themen rührend naiv. So als hätte es - zum Beispiel - die "Bell Curve"-Debatte des Jahres 1994 (Wiki) nie gegeben, in der es ebenfalls um die angeborenen Intelligenzunterschiede zwischen heutigen Völkern und Abstammungsgruppen ging. Der Interviewer ist völlig fachfremd. Dem nehme ich diese Naivität ab. Bei David Reich scheint sie mir ein wenig gar zu deutlich durchgestylt zu sein, nämlich: um nicht gleich die volle Breitseite des akademischen Gegenwindes auf sich zu ziehen. Offenbar denkt er sich, die neuen Erkenntnisse könnten sich in die Wissenschaft geradezu unbemerkt einschleichen. Aber all das soll aktuell für uns nicht im Vordergrund stehen, wir wollen ihm das hier nicht gar zu sehr anrechnen, denn aktuell ist so viel anderes so viel wichtiger. Es gilt, erst einmal den neuen Forschungsstand nachzuvollziehen und dem bisherigen Wissen zuzuordnen.
Auch wie David Reich die IQ-, bzw. Educational Attainment- (EA-)Voraussage sonst einordnet, scheint uns keineswegs dem Stand der heutigen Intelligenz-Forschung zu entsprechen. Da der IQ mit so vielen anderen Merkmalen des Lebensverlaufs korreliert, meint er, ihm könnte auch ein anderer Faktor als der IQ selbst zugrunde liegen, etwa die Fähigkeit zum Belohnungsaufschub. Es sei das hier nur erwähnt. Wir glauben viel eher, daß höherer IQ auch Belohungsaufschub erleichtert. Aber all das ist für uns hier gar nicht das Thema.
Sehr spannend ist der Hinweis, daß die IQ-Evolution in China und Europa auf denselben polygenetic Score's zu beruhen scheint, so sagt Reich. Das darf man sicherlich als bemerkenswert empfinden. Denn es hätte ja auch sein können, daß die ostasiatische Intelligenz noch eine sozusagen "ganz andere" ist als die europäische. Aber nein, sie folgt offenbar denselben genetischen Verschaltungen. Das, was sich zwischen Europa und Ostasien unterscheidet, sind eher angeborene und muttersprachlich geprägte Neigungen hinsichtlich Individualismus versus Kollektivisimus oder hinsichtlich Veränderungsfreude oder Beharrungsfreude (hinsichtlich: erfinden oder kopieren) und so weiter. Und natürlich weisen die Ostasiaten einen um 5 IQ-Punkte höheren IQ auf als die Europäer. Womöglich wird man dennoch sagen können und müssen, daß es sich bei der IQ-Evolution in Ostasien und Europa um konvergente Evolution handelt.***)
War Intelligenz ein gesellschaftlicher Wert? Im Neolithikum? In der Bronzezeit?
Reich meint, in der "Ilias" oder im "Alten Testament", die in Zeiten entstanden, als der IQ am höchsten war, hätte Intelligenz als Wert keine Rolle gespielt, viel eher hätten Schönheit eine Rolle gespielt oder andere Werte. Wir sehen hier eine Inkonsistenz in der Argumentation. Schon die Bandkeramiker hatten einen vergleichbar hohen IQ. Wie soll der denn dann zustande gekommen sein? Ist nicht schlicht der Grad der gesellschaftlichen Arbeitsteilung, der schon bei den Bandkeramikern sehr hoch gewesen sein wird, ein ausschlaggebender Faktor? Den Befund, daß die (Spät-)Bronzezeit so wesentlich für die europäische IQ-Evolution gewesen sei, hatten wir zuvor für uns selbst während der Lektüre schon folgendermaßen eingeordnet:
In der Bronzezeit gab es erste "Währungen" (Ösenhalsringe und anderes), es mußte also gezählt und gerechnet werden. Es gab spezialisiertes Handwerk. Bronze-Schmiede stellten Bronze-Waffen her, sie stellten Bronze-Schmuck her, bronzene Musikinstrumente. Überhaupt gab es einen Musikinstrumenten-Bau. Es gab ein Töpferhandwerk. Es gab Nah- und Fernhandel mit Rindern, Schweinen, Getreide, Gemüse, Obst, Fischen. Es gab Fischer, es gab Jäger. Die Kochkunst verfeinerte sich. Importwaren wurden über hunderte von Kilometern transportiert. Es gab spezialisierte Handwerker in der Textilherstellung. Es gab spezialisierte Handwerker in der Herstellung von Streitwagen und anderen Transportmitteln. Es gab Goldschmiede, die die steilen, hohen Goldhüte herstellten. Der Ackerbau wurde verbessert. Der höchste Gott der Kelten war noch in römischer Zeit der Gott Merkur, der Gott des Handels, des Handwerks und der Kunstfertigkeit. Das berichtet noch Cäsar von ihnen (Stg26). Von Sängern wurden lange Dichtungen vorgetragen, vergleichbar der Ilias des Homer - die längsten Zeiträume ganz ohne Verschriftlichung. Zuhören war heilig bei den Kelten und in vielen anderen vorgeschichtlichen Völkern (Stg24). Aufmerksames Zuhören und Merken (Kurz- und Langzeitgedächtnis) fällt ja vermutlich um so leichter, um so intelligenter man ist. Wir sehen insbesondere in der Spätbronzezeit ein intensives Bevölkerungswachstum nicht nur in Griechenland, sondern wir sehen "Terrassierungen" in ganz Mitteleuropa bis hinauf nach England. All solche Vorgänge werden bezüglich der IQ-Evolution zu berücksichtigen sein.
Die ganze Thematik, die der Interviewer mit Reich diskutiert, wird schon seit Jahrzehnten diskutiert. Vor diesem Hintergrund wirken die Erörterungen im Interview erneut eher naiv. Lange hatte man ja vermutet, daß die IQ-Evolution in China durch die konfuzianische Beamten-Elite voran getrieben worden sei. Sie erfolgte aber in allen Bevölkerungsschichten, insbesondere auf dem Land bei den Bauern, auch ganz ohne konfuzianische Gelehrsamkeit. Ebenso auch in Europa. Es müssen also deutlich allgemeinere Faktoren in Betracht gezogen werden. Für Europa in der Frühen Neuzeit gilt jedenfalls: Die reichsten Bauern haben immer die meisten Kinder gehabt. Das hat Eckart Voland in seiner Krummhörn-Studie festgestellt und das ist für viele andere Regionen Deutschlands und Europas ebenfalls festgestellt worden. Und genau über solche Mechanismen wird IQ-Evolution womöglich auch sonst zustande gekommen sein.
Und es ist zusätzlich zu sagen: Wohlstands-Unterschiede aufgrund höherer Intelligenz waren erst in solchen arbeitsteiligen Gesellschaften möglich, die solche Wohlstands-Unterschiede eben ermöglichten aufgrund ihrer arbeitsteiligen Differenzierung.
Viele weitere Teile des Interviews erscheinen uns zu spekulativ, als daß sie hier von uns weiter behandelt werden müßten. Es wird etwa erörtert, daß sich vergleichbare gerichtete Selektion bei den Menschen, die vor 100.000 oder vor 50.000 Jahren in Afrika gelebt haben, nicht gegeben hätte. Aber sind denn die aktuell vorliegenden archäogenetischen Daten überhaupt ausreichend, um eine solche Behauptung aufstellen zu können? Wir glauben nicht. Und schließlich hat der Autor dieser Zeilen schon in seinem Buchentwurf von 2007 Gene genannt, die heute alle Menschen tragen, und die in dem genannten Zeitraum in Afrika erst entstanden sind. Also diese Erörterungen sind uns alle zu spekulativ und auch zu widersprüchlich und außerdem auch ein wenig zu naiv.
Stattdessen wird zum Beispiel gar nicht die so wesentliche Frage erörtert, wo denn der hohe IQ der europäischen Ackerbauern überhaupt herkommt und wie dieser evoluiert ist oder evolutiert sein könnte. Das wäre doch eine viel spannendere Frage. Aber dazu fehlen David Reich und ebenfalls dem Interviewer ausreichende wissenschaftliche Hintergrundinformationen aus fünfzig Jahren IQ-Forschung ebenso wie - etwa - aus fünfzig Jahren Forschung zum Präkeramikum und Keramikum im Fruchtbaren Halbmond und sodann zum Neolithikum in Anatolien, im Mittelmeerraum und in Mitteleuropa. Man könnte mutmaßen, daß schon die ersten Ackerbauern Anatoliens denselben IQ hatten wie die Bandkeramiker und daß dieser IQ während des vorhergehende Präkeramikums und Keramikums im Fruchtbaren Halbmond evoluiert ist. Ich könnte mir vorstellen, daß er schon im PPNB ("vorkeramische Neolithikum B") erreicht worden ist um etwa 7000 v. Ztr.. Diese Gesellschaft war damals jedenfalls durchaus schon ausreichend arbeitsteilig ausdifferenziert.
Mit diesem Blogartikel soll ein erster Einstieg in diese neue, spannende Thematik gegeben sein. Vielleicht müssen wir uns künftig den Forschungsartikel selbst (1) auch noch einmal gründlicher anschauen.
Ansonsten: Ergänzung, 29.5.26 - Jetzt ist es endlich so weit: Ein Jahresabonnement bei Davide Piffer ist von Seiten des Bloginhabers abgeschlossen (DavidePiffer). Denn der Mann ist unwahrscheinlich fleißig und testet ständig neue Theorien anhand archäogenetischer Daten. Da kommt man zwar kaum hinterher - aber man sollte es vermutlich!
Anhang
*) Piffer schrieb am 16. April, ein Tag nach der Veröffentlichung der Reich-Studie einen Beitrag, warum er die Vorgehensweise des Nichtzitierens seiner thematisch sehr weitgehend deckungsgleichen Vorstudie für wissenschaftlich unredlich hält (Piffer). Einen Tag später, am 17. April, zwei Tage nach der Veröffentlichung der Reich-Studie schrieb er auf Twitter (Tw):
Reichs Team tut jetzt so, als ob seine Veröffentlichung ein Paradigmenwechsel wäre, und als ob niemand zuvor solche Ergebnisse veröffentlicht habe (falsch). Reich hat sich auch meine Idee angeeignet, daß diese Ergebnisse der Standardansicht widersprechen würden, nach der es über die letzten 100.000 Jahre keine Selektion gegeben habe, die ich hier kritisiert habe ...
Reich's team is now framing their publication as a paradigm shift, nobody had published such results before (wrong). Reich also appropriated my idea that these results challenge the standard view of no selection over 100K years, which I criticized here ...
... und er gibt dann den Hinweis auf einen Blogartikel vom Dezember 2025 (Piffer2025). Er spricht von Plagiat:
Die Ergebnisse, die sie in ihrem Plagiat darstellen, stammen allerdings größtenteils aus Fachzeitschriften, die mit Peer Review veröffentlichen.
The findings they plagiarized are mostly in peer reviewed journals though.
Piffer erhält für seine Aussage viel Zustimmung auf Twitter. Was ein Kommentator dort schreibt, ging uns genauso (Tw):
Ich bin mir ziemlich sicher, daß ich bereits durch die Lektüre von Piffer wußte - lange bevor diese Studie erschien -, daß die anatolisch-neolithischen Bauern den höchsten Polygenic Score für Intelligenz aufwiesen. Die Griechen der ägäischen Bronzezeit wiesen einen hohen Anteil an anatolisch-neolithischer Bauernherkunft auf.
I’m pretty sure I knew the EEF had highest PGs for intelligence from reading Piffer way before this paper came out. Bronze Age Aegean Greeks have a lot of EEF.
Diese Bemerkung hat inzwischen 3.500 Likes, mehr als der Ausgangs-Beitrag von Piffer selbst. Diese 3.500 sind jene, die die Arbeit von Piffer ebenso verfolgen wie der vorliegende Blog.
Der griechische Archäogenetiker Iosif Lazaridis versuchte schließlich, sozusagen zwischen Piffer und David Reich zu vermitteln und argumentiert, daß jeder Autor selbst würde entscheiden können, welche vorherigen Arbeiten er zitiert und welche nicht (Tw). Nun gut, zumindest von Großmut zeugt die Haltung von David Reich in dieser Frage nicht. Am 18. April schreibt Piffer (Tw):
Würde ein Maler eine Kopie Ihres Werkes anfertigen, dann aber so tun, als hätte er ein eigenständiges Werk geschaffen, weil Ihr Pinselstrich „mangelhaft“ gewesen sei, dann können wir das getrost Betrug nennen. Wenn ich in der Wissenschaft „methodische Mängel“ vorschiebe, um dasselbe Modell und dieselben Ergebnisse zu ignorieren, die ich selbst nutze und gewinne, dann liegt nichts anderes vor als ein Plagiat mit Doktortitel.
If a painter copies your composition but denies credit because your brushwork was "inadequate," we call it a scam. In science, using "methodological inadequacy" to ignore the same model and results is just plagiarism with a PhD.
Am 28. und 30. April bringt er Kritiken an der David Reich-Studie heraus (Pfiffer, 2) (die wir noch nicht verstehen). Und er schreibt am 30. April auf Twitter (Tw):
Vor zwei Wochen habe ich mich wegen der Problematik des Nichtzitierens durch Akbari et al. an Nature gewandt. Die Herausgeber haben nun geantwortet: Sie prüfen den Fall. Wollen wir sehen, was dabei herauskommt.
Two weeks ago I escalated the Akbari et al. citation issue to Nature. Editors have now responded: they’re reviewing it. Let’s see where this goes.
**) In der Studie selbst heißt es: "Frühere Arbeiten haben gezeigt, daß klassische „Hard Sweeps“ - durch die vorteilhafte Mutationen bis zur Fixierung getrieben werden – über den weiten Zeitraum der menschlichen Evolution hinweg selten waren." ("Previous work has shown that classic hard sweeps driving advantageous mutations to fixation have been rare over the broad span of human evolution.") Vielleicht bezieht sich darauf diese 100%-Angabe. Aber auch diese Aussage ist insgesamt irreführend.
***) Tatsächlich heißt es auch in der Folgestudie zur Evolution derselben Eigenschaften und Begabungen in Europa und Ostasien ausgehend von vorhergehenden Jäger-Sammler-Populationen (bioRxiv2026):
"Unsere Ergebnisse legen nahe, daß die von dieser Vorfahren-Population ererbten Varianten - sobald sie der Landwirtschaft, der Weidewirtschaft, modernen Pathogenen sowie den Lebensweisen ausgesetzt waren, die mit dem Leben in größeren staatlichen Gesellschaften einhergehen - sowohl in West- als auch in Ost-Eurasien weiterhin dieselbe Entwicklungstendenz zeigten; dies spiegelt wahrscheinlich eine konvergente Evolution wider, die der Anpassung an die neuen Anforderungen nahrungsproduzierender Lebensweisen und des Lebens in hoher Bevölkerungsdichte diente."
"Our results suggest that once exposed to agriculture, pastoralism, modern pathogens, and the lifestyles that come with living in larger state societies, the variants inherited from this ancestral population continued moving in the same direction in both West and East Eurasia, likely reflecting convergent evolution to adapt to the new requirements of food producing lifestyles and living at high-density."
____________
Akbari A, Perry A, Barton AR, Kariminejad M, Gazal S, Li Z, Zeng Y, Mittnik A, Patterson N, Mah M, Zhou X, Price AL, Lander ES, Pinhasi R, Rohland N, Mallick S, Reich D (2026) Ancient DNA reveals pervasive directional selection across West Eurasia. Nature, 15.4.2026 (Nature2026)
Dwarkesh Patel: David Reich - Bronze Age shock, the Neanderthal puzzle, & the sudden spread of farming. Dwarkesh Podcast, 08.05.2026 (Yt2026) (Transkript)
Bading, Ingo: 200.000 Jahre Humanevolution. Manuskript 2007 (Resg2007)
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