Sonntag, 8. März 2026

Die Goten - Zwischen Ostpolen und Bulgarien

Zwei neue archäogenetische Studien

Die Goten der Völkerwanderungszeit (Wiki) werden aufgrund der vielen gut sequenzierbaren menschlichen Überreste, die den Archäogenetikern von den Archäologen zur Verfügung gestellt werden, allmählich zu einem der am besten erforschten Völker, auf die die Archäogenetik Licht wirft (1-3). 

Abb. 1: Ein Stück aus dem gotischen Goldschatz von Pietroasa (Nationalmuseum für Rumänische Geschichte, Bukarest) (Wiki) - aus der Zeit um 350 oder 450 n. Ztr. - In der Mitte thronend vielleicht Nerthus, um sie herum gruppiert andere germanische Gottheiten, allerdings in griechischer Kunstauffassung (Wiki), alle in friedlichen Zusammenhängen, ohne Waffen, vielleicht hergestellt in einer griechischen Stadt an der Nordküste des Schwarzen Meeres, wo auch noch skythischer Kunstgeschmack nachwirkte

Um so häufiger das geschieht, um so häufiger fällt der Name des Wiener Historikers Wolfram Herwig (geb. 1934), der schon 1979 ein Standardwerk zur Geschichte der Goten heraus gebracht hat (1), dessen grundlegende Aussagen sich durch die Erkenntnisse der modernen Archäogenetik offenbar sehr deutlich zu bestätigen scheinen. 

Aber die Erkenntnisse sind zum Teil auch vielfältig und schillernd. Sie können deshalb - je nach Beleuchtung - ganz unterschiedlich wahrgenommen werden. Schon 2021 hatten wir einen umfangreichen Blogartikel zur Geschichte der Goten verfaßt (Stg2021). Aber uns dämmert doch allmählich der Verdacht, daß in Bezug auf die Goten von Seiten der Archäogenetiker zwar sehr viel von ihrem "Kosmopolitismus" die Rede ist, weil sich so viele Menschen finden, die wenig eigentlich skandinavische genetische Herkunft aufweisen aber dennoch wie Goten bestattet worden sind. Dabei gerät aber - und womöglich auch bislang hier auf dem Blog - aus dem Blickfeld, daß vermutlich bis in die Endzeit der Goten die ursprünglich skandinavische Herkunft dennoch eine recht große Rolle gespielt hat. So jedenfalls lesen wir hier auf dem Blog die beiden neuesten archäogenetischen Studien zu den Goten (2, 3).

Während wir nämlich 2021 verstanden hatten, daß schon in der Willenberg-Kultur im Weichselraum sich die Goten fast durchgängig etwa zur Hälfte mit dort zuvor einheimischen Menschen vermischt hätten, liest sich eine neue archäogenetische Studie zu dieser Kultur aus dem Jahr 2026 doch noch einmal etwas anders (2), ebenso die Studie zu Goten, die in Nordbulgarien bestattet worden sind. 77 % der Y-Chromosomen der erforschten Goten der Willenberg-Kultur stammen hiernach aus Skandinavien. Die restlichen aus dem Baltikum und aus dem Balkan-Raum. Vielleicht verschiebt sich dieses Bild bezüglich der weiblichen mitochondrialen Linien noch einmal etwas mehr von Skandinavien weg. Aber sehr eindeutig scheint das aktuell nicht zu sein.      

Die Goten - Bevor sie den Weg in ihre Glanzzeit und in ihren Untergang beschritten ...

Die Goten am Bug-Fluß, 133 km nördlich von Lemberg

Das polnische Dorf Masłomęcz liegt zehn Kilometer westlich des Flusses Bug (GMaps), der hier die heutige Grenze zwischen Polen und Rußland bildet, die seit dem Hitler-Stalin-Pakt von 1939 besteht. Das Dorf liegt 133 Kilometer nördlich von Lemberg und 50 Kilometer östlich der polnischen Stadt Zamość (GMaps).

Abb. 2: Ein gotisches Langhaus, rekonstruiert aufgebaut entsprechend archäologischer Erkenntnisse im gotischen Dorf in Masłomęcz (Wiki)

Entsprechend des Berichtes des antiken Goten-Historikers Jordanes über die gotische Wanderung von "Gothiscandza" nach "Oium" unter der Führung Filimers führte dieser mythische gotische König Filimer (Wiki) die Goten vom Weichselraum an das Schwarze Meer. Dieser Schritt war ein wohl recht bedeutender für die weitere gotische Geschichte. In der Ukraine werden die Goten von den Archäologen unter dem Namen Tschernjakow-Kultur erforscht, in Rumänien und Siebenbürgen unter dem Namen "Sântana de Mureș-Kultur" (oft auch Sântana de Mureș-Tschernjakow-Kultur). Sântana de Mureș ist ein Gräberfeld in Siebenbürgen im heutigen Rumänien. Die so benannte Kultur erstreckte sich über das heutige Rumänien, Moldawien, die Ukraine und Teile Weißrußlands.

Sie wird oft mit dem gotischen Reich von "Oium" in Verbindung gebracht. Die Ausgrabungen in Sântana de Mureș (bei Târgu Mureș, Rumänien) sind also fundamental für das Verständnis dieser Epoche. Aber zunächst zum "Ausgangspunkt" zurück, zum ostpolnischen Dorf Masłomęcz in der Nähe des Flusses Bug.

Abb. 3: Die Goten in Galizien rund um Masłomęcz im größeren geographischen und historischen Zusammenhang - Hellgelb 2. bis mittleres 3. Jhdt. n. Ztr., Dunkelgelb spätes 3. bis 4. Jhdt. n. Ztr. (Die eingetragenen Nummern beziehen sich auf sequenzierte Menschenfunde der Goten) (aus 2)

In der Zusammenfassung einer neuen archäogenetischen Studie zu Menschenfunden aus der Nähe dieses Dorfes heißt es zunächst aus rein archäologischer Sicht (2):

Die Masłomęcz-Gruppe sticht heraus aufgrund des außergewöhnlichen Reichtums ihrer archäologisch feststellbaren materiellen Kultur. Bislang sind über 800 Gräber ausgegraben worden; die große Mehrheit derselben gehört zu den beiden größten Gräberfeldern an den Fundorten Masłomęcz15 und Gródek1C. Der Reichtum an Grabbeigaben ermöglicht die sehr genaue Datierung individueller Gräber und die exzellenten natürlichen Bedingungen, unter denen die Knochen gelagert waren, haben zu ihrer guten Erhaltung beigetragen. (...) Die Grabbräuche schlossen mehrfaches Öffnen von Gräbern mit ein. (...) Grabbräuche und Grabeinrichtung von einigen Gräbern der Masłomęcz-Gruppe legen Zugehörigkeit zu den Kulturen der Sarmaten, der Balten und der Santana de Mures-Kultur nahe.   

Die hier veröffentlichte archäogenetische Studie sieht sich nur als eine Pionier-Studie an. Es sollen künftig noch über hundert weitere Menschenreste sequenziert werden, da der Erhaltungszustand der Knochen an diesem Ort sehr gut zu sein scheint. Wir lesen in dieser Pionier-Studie nun aus Sicht der Archäogenetik (2):

Hohe Mobilität sowie umfangreiche Handels- und Militärbeziehungen sind im gesamten Europa der späten Eisenzeit bekannt. Der überaus reiche archäologische Befund der Masłomęcz-Gruppe – einer mit den Goten verbundenen Gruppe, die zwischen dem 2. und 4. Jahrhundert n. Ztr. im heutigen Ostpolen florierte – liefert seit Langem Belege für ihre weitreichenden interkulturellen Kontakte. Inwieweit diese jedoch nur kurzzeitig waren oder langfristige Zuwanderung und Vermischung umfaßten, blieb lange ungeklärt.
Ergebnisse
Durch die Auswertung archäogenomischer Daten aus 37 Bestattungen und die erneute Analyse bereits veröffentlichter Daten konnten wir nachweisen, daß die Masłomęcz-Gruppe zwar überwiegend skandinavischer Abstammung war, aber auch Individuen aus verschiedenen Regionen und Entfernungen, darunter aus dem Baltikum, dem Balkan und sogar dem Mittelmeerraum, assimilierte und so eine genetisch sehr heterogene Population schuf. Darüber hinaus konnten wir die Bestattungsbräuche dieser Gemeinschaft besser verstehen, indem wir in Mehrpersonenbestattungen keine engen Verwandtschaftsverhältnisse feststellten.
Schlußfolgerungen
Unsere Ergebnisse belegen die Mobilität der Völker weit über die Grenzen des Römischen Reiches hinaus. Die Masłomęcz-Gruppe war eine sehr offene Gemeinschaft, die Kontakte nach außen pflegte und Zuwanderung begrüßte, was möglicherweise gängigen Annahmen über die sogenannten Barbaren widerspricht.

Man möchte also auf den ersten Blick meinen, als ob man es in Masłomęcz mit einem gotischen Königshof zu tun hätte - vielleicht der Hof des sagenhaften Königs Filimer (?). Und man möchte meinen, daß - deshalb - an diesem Hof auch Menschen aus vielen anderen Ländern lebten, etwa als Geiseln oder als Repräsentanten von Verbündeten oder Unterworfenen. Dazu lesen wir etwa (2):

Insgesamt läßt sich (...) - basierend auf den Y-Chromosom-Haplogruppen - die Abstammung von 17 Individuen (77 %) auf Populationen des Ostseeraums zurückführen, wobei die engste Verwandtschaft zu Skandinaviern besteht; zwei Individuen (9 %) gehören zu heutigen baltoslawischen Gruppen, bei zwei weiteren (9 %) bleibt die genaue biogeografische Herkunft unklar, und ein Individuum weist die größte Verwandtschaft zu Populationen der Balkanhalbinsel auf.

Uns fällt auf, daß zwar Vertreter der baltischen Stämme hier bestattet wurden - aber bislang offenbar keine Vertreter aus jener Region im Süden Weißrußlands und im Norden der Ukraine, die inzwischen als Urheimat der Slawen eingegrenzt ist, also die Region östlich der im Nordosten von Masłomęcz gelegenen Pripjet-Sümpfe. Vielleicht bildeten die Pripjet-Sümpfe eine nachhaltige geographische Barriere für vorgeschichtliche Völker. Weiter lesen wir auffallender Weise auch (2):

Die bronzezeitliche genetische Komponente aus dem Gebiet Polens scheint in der genetischen Zusammensetzung der untersuchten Individuen keine bedeutende Rolle zu spielen.

Nach dieser Studie hat es also - nach derzeitigem Stand und in Widerspruch zu einer von uns behandelten Studie aus dem Jahr 2019 - gar keine Vermischung der Goten aus Skandinavien mit Einheimischen gegeben! Aber die Forschung scheint hier noch im Fluß zu sein und wir wollen weitere Erkenntnisse abwarten.

Ein arianischer, gotischer Bischofssitz in Nordbulgarien

Als Schlüsselphasen der Geschichte und ethnischen Umformung der Goten, die sich bis Galizien als Willenberg-(Wielbark)-Kultur ausgebreitet haben und von dort dann in die Ukraine und in den Nordschwarzmeer-Raum gekommen sind, werden in einer weiteren, neuen archäogenetischen Studie benannt, Zitat (in Übersetzung) (3) ...

  • die Willenberg-(Wielbark)-Kultur, die ihre Heimat im nördlichen Polen (1.-4. Jahrhundert n. Ztr.) hatte und durch einen hohen Anteil skandinavischer Abstammung (Speidel et al., 2025; Stolarek et al., 2023) sowie erhöhte Häufigkeiten der Y-Haplogruppe I1 (~41 %; Stolarek et al., 2023) gekennzeichnet war;
  • die multiethnische Tschernjachow-Kultur (spätes 2.-5. Jahrhundert n. Ztr.) in der Ukraine/Moldau/Rumänien, wo sich gotisch geprägte Bevölkerungsgruppen mit Sarmaten, Dakern und Alanen vermischt haben (Saag et al., 2025; Järve et al., 2019);
  • Raubzüge im 3. Jahrhundert in Anatolien, bei denen Tausende gefangen genommen wurden (Thompson, 2008), darunter auch zentralanatolische Christen (als Vorfahren von Bischof Ulfilas).
  • Verträge aus dem 4. Jahrhundert, die zur Gründung von Foederati-Siedlungen führten und im Vertrag von 382 n. Ztr. unter Theodosius I. gipfelten;
  • nachhunnische Umstrukturierungen nach 454 n. Ztr.; und
  • Theoderichs Abwanderung nach Italien im Jahr 488 n. Ztr. (Wolfram, 1988, Heather, 1996), Restbevölkerungen in der Region zurücklassend.

Man sieht, wie ereignisreich die Geschichte der Goten schon war, bevor sie nach Italien gekommen sind, um dort ihren "letzten" "Kampf um Rom" zu führen, der vor allem bis heute im kulturellen Bewußtsein haften geblieben ist - insbesondere durch den gleichnamigen Roman von Felix Dahn aus dem Jahr 1876.

Abb. 4: Grafik zu den gotischen Wanderungen (aus 3)

Die neuen ausgewerteten archäogenetischen Daten stammen zum einen aus einem gotischen Bischofssitz in Nordbulgarien, etwa 150 Kilometer von der Schwarzmeerküste entfernt im Landesinnern (3, Anhang, S. 8f) ... 

... vermutlich die bedeutendste gotische Stätte im heutigen Bulgarien. Sie liegt etwa 10 km von der modernen Stadt Schumen entfernt, nahe dem heutigen Dorf Khan Krum, und wird seit 1958 von verschiedenen Forschern ausgegraben. Die Stätte wurde sowohl in der Spätantike als auch im Frühmittelalter genutzt. Das bemerkenswerteste Merkmal ist die Entdeckung von insgesamt fünf christlichen Kirchen, von denen die fünfte im 9. Jahrhundert erbaut wurde (...). Kirche Nr. 1 ist eine schlichte und relativ kleine (14,45 × 6,9 m) einschiffige Basilika mit einem für altchristliche Kirchen typischen Altarschranke (griechisch: κυκλίδεξ). Die bei den Ausgrabungen gefundenen Münzen stammen von den Kaisern Constantius II. (337-361) und Honorius (393–423) (Balabanov 2006).
... probably the most notable Goths-related site in present-day Bulgaria. It is situated about 10 km away from the modern city of Shoumen near the modern village Khan Krum and has been excavated by various researchers since 1958. The site was used in both Late Antiquity and the Early Middle Ages. The most notable feature of the site is the discovery of a total of five Christian churches, the fifth being built in the 9th c. (FIG. 2). Church N1 is a simple and relatively small (14.45×6.9 m) one-nave basilica with an altar fence (Greek κυκλίδεξ) typical of old-Christian temples. The coins discovered during the excavation belong to the emperors Constantius II (337–361) and Honorius (393–423) (Balabanov 2006).

Diese Kirche wurde also nach den dortigen Münzfunden von der Mitte des 4. bis zum beginnenden oder mittleren 5. Jahrhundert n. Ztr. genutzt (3, Anhang):

Der Brand der Kirche war vermutlich auf die Angriffe der Hunnen von Uldus in der Diözese Thrakien zwischen 405 und 408 v. Ztr. oder auf die Angriffe von 451 v. Ztr. und die Zeit unmittelbar nach Attilas Tod 453 v. Ztr. zurückzuführen (Stoeva 2014, 445–475). Funde aus Grab 6 in der Vorhalle der Kirche bestätigen diese Datierung. Das Grab wurde in der Antike nach dem Brand der Kirche geplündert. Zu den wenigen erhaltenen Funden gehören eine zweiteilige Silberfibel, typisch für die Zeit vom späten 4. bis zum ersten Viertel des 5. Jahrhunderts v. Ztr., ein Set silberner Kosmetik- oder Heilinstrumente sowie drei Perlen aus Gold und Bernstein (Stoeva 2013, 354–369).
The reason for its burning was probably the attacks of the Huns of Uldus in the Diocese of Thrace between 405–408 or those of 451 and the period immediately after Attila’s death in 453 (Stoeva 2014, 445–475). Finds from grave 6 in the narthex of the church are also in agreement with this dating. The grave was robbed in Antiquity, after the church was burned down. Among the few surviving finds are a two-plate silver fibula, typical of the period from the late 4th – first quarter of the 5th c., a set of silver cosmetic or medical instruments and three beads made of gold and amber (Stoeva 2013, 354-369).

Schon aus diesen wenigen Angaben zu der ersten Kirche wird deutlich, mit was für einer wesentlichen Ausgrabungsstätte man es hier zu tun hat.

Abb. 5: Deckenmosaik in der Taufkapelle der Arianer in Ravenna, erbaut zur Zeit von Theoderich dem Großen (Wiki) - vom Stil her ähnlich könnten die Kirchen am Bischofssitz in Nordbulgarien ausgesehen haben

Um auch nur "irgendeine" Vorstellung von dem etwaigen Aussehen der Kirchen an diesem Bischoftsitz zu bekommen, wählen wir hier ein Foto eines Deckenmosaiks in der Taufkapelle der Arianer in Ravenna (Wiki), die zur Zeit von Theoderich dem Großen erbaut worden ist (Abb. 5). Dies könnte auch bewußt machen, daß die Goten schon in der Zeit, bevor sie nach Italien kamen, sehr intensiv mit der spätantik-römischen Kultur in Verbindung gekommen waren. In dem eingestellten Deckenmosaik werden die Genitalien von Jesus unverhüllt dargestellt, was ungewöhnlich für christliche Kirchen ist (Wiki):

Die vermutlich wahrscheinlichere Ursache dieser Darstellungsform ist die pagane Tradition, die im ausklingenden 5. Jahrhundert durchaus noch spürbar war. In der griechischen und römischen Kunst sind Darstellungen männlicher Nacktheit, besonders im sakralen Bereich nichts Ungewöhnliches. 

Zurück nach Nordbulgarien. Zu dem dortigen Bischofssitz sei noch erwähnt: Da der Herrscher des nachmaligen Ersten Bulgarischen Reiches - Omurtag (815-831 n. Ztr.) - diesen mit Mauern befestigten Bischofssitz als Residenzstadt wählte, wird die archäologische Stätte daselbst heute als "Aul (Aulē) des Omurtag" (GMaps) oder als "Palast des Omurtag" (Wiki) bezeichnet. Aber dieser Ort hat schon zur Zeit der Goten fünfhundert Jahre zuvor eine Rolle gespielt (Wiki):

Die ältesten Ruinen (...) umfassen vier Kirchen, von denen zwei übereinander errichtet wurden, ein Bad und Wehrmauern, die alle aus der Spätantike (etwa 250–650 n. Ztr.) stammen. Drei der Kirchen und das Bad liegen außerhalb der mittelalterlichen Befestigungsanlage, während eine der Kirchen und Spuren antiker Mauern innerhalb ihrer Grenzen ausgegraben wurden. Archäologen und Wissenschaftler bringen die antiken Ruinen mit der Ansiedlung arianisch-gotischer Bundesgenossen der Römer (Föderaten) in der Region und insbesondere mit dem gotischen Bischof Ulfilas (Wulfila) aus dem 4. Jahrhundert in Verbindung. Er zog nachweislich mit seinen Anhängern in das heutige Nordbulgarien und übersetzte die Bibel in Nikopolis ad Istrum ins Gotische. Man nimmt an, daß die vier gotischen Kirchen bei aufeinanderfolgenden Hunneneinfällen zerstört wurden.

Das hier erwähnte Nikopolis ad Istrum liegt noch einmal 140 Kilometer weiter im Westen (GMaps). Wir lesen weiter (Wiki):

Eine 1976 freigelegte kleine Kirche wurde vom Ausgrabungsberater Todor Balabanov als Privatkirche eines hochrangigen Goten, möglicherweise Ulfilas, identifiziert. Die nur spärlich erhaltene Schicht christlicher Fresken in der Kirche gilt als die älteste in Bulgarien. Neben dieser Kirche wurde eine größere Basilika errichtet, die als arianischer Bischofssitz angesehen wird. Die Basilika, ein nahezu quadratisches Gebäude mit den Maßen 29,7 × 26 Meter, besitzt drei Schiffe und eine zweiflügelige Apsis. Über den Ruinen der Basilika befand sich ein achteckiges Gebäude mit einer Apsis im nördlichen Teil. Balabanov vermutet, daß es sich um ein Mausoleum handelt und vergleicht es mit dem Mausoleum des Theoderich in Ravenna. In den 2000er Jahren legten Forscher mehrere gotische Gräber frei. Zu den Fundstücken gehörten medizinische Ausrüstungsgegenstände, ein Kettenhemd und charakteristischer germanischer Schmuck, darunter Gürtelschnallen und Fibeln (Broschen), die mit Gold, Edelsteinen und zoomorphen Motiven verziert waren. In einem der Gräber fanden Forscher die Überreste einer Frau mit der für Adlige bei den Goten, Sarmaten und Bulgaren typischen künstlichen Schädeldeformation.

Die Genomdaten von 15 Menschen, die hier in der Zeit zwischen 350 und 489 n. Ztr. bestattet worden waren, konnten nun neuerdings gewonnen und untersucht werden. In diese Zeit fällt auch die Schlacht bei Nedao (Wiki) im Jahr 455 n. Ztr. in Pannonien, in der die Gepiden die Hunnen besiegten. Dies bedeutete das Ende des Hunnen-Reiches und läutete damit eine weitere Siedlungsphase auch am untersuchten nordbulgarischen Bischofssitz ein (3):

Die aufeinanderfolgenden Friedhöfe (C1 - C5) umfassen
- vorhunnische Phasen (C1/C2, mit einer an Tschernjachow erinnernden materiellen Kultur),
- Kontexte der hunnischen Periode (C3/C4, die Brüche und ostasiatische Beimischungen aufweisen) und
- die nach-Nedao-Besiedlung (C5, ein Gräberfeld mit pannonisch beeinflußtem Material (Balabanov, 2006), zeitlich mit Theoderichs Abwanderung aus der Region übereinstimmend).
Einige Gräber weisen reichhaltigen germanischen Schmuck und Schädeldeformation (ein elitäres Merkmal von Steppenpopulationen), was auf eine mehrwellige Besiedlung hinweist. Charakterisierungen des Besiedlungsphasen, archäologische Datierungspunkte und der Kontext der Fundstätten sind in der ergänzenden Anmerkung S4 zusammengefaßt. Zusammen verdeutlichen diese beiden Fundstätten die Komplexität der Zeitabfolge und ermöglichen es, die gotische Ethnogenese mithilfe alter DNA in verschiedenen Phasen der Völkerwanderungszeit zu untersuchen. Eine detaillierte archäologische Chronologie, Lagepläne und Phasenzuordnungen finden sich im Anhang.
Sequential necropoleis (C1 - C5) span pre - Hunnic phases (C1/C2, with Chernyakhov - like material culture), Hunnic - period contexts  (C3/C4, showing disruptions and East Asian admixture), and post - Nedao occupation (C5, a burial  ground with Pannonian - influenced material (Balabanov, 2006), temporally aligned with  Theodoric’s departure from the region). Some burials display rich Germanic jewelry and cranial deformation (a steppe elite marker), reflecting multi - wave occupation. Phase definitions,  archaeological dating anchors, and site context are summarized in Supplementary Note S4. Together, these two sites encapsulate the timeline’s complexity and enable ancient DNA to probe  Gothic ethnogenesis across different phases of the Migration Period. Detailed archaeological  chronology, site plans, and phase assignments are provided in Supplement.

Wie spannend! Die Lebenszeit des Wulfila (311-383) (Wiki) fällt also vorwiegend in die vorhunnische Zeit. Über die Goten, die an diesem Bischofssitz bestattet worden sind (abgekürzt "AKO" genannt), heißt es (1):

Individuen von AKO (n=15) bilden im oberen Bereich des PCA-Plots ein relativ eng beieinanderliegendes Cluster, das mit anderen germanischen Gruppen der Völkerwanderungszeit (z. B. Ungarn_Langobarden, völkerwanderungszeitliche Germanen) und Genomdaten aus Pannonien (Amorim et al., 2018) übereinstimmt. AKO-Individuen sind näher an Genomdaten aus dem eisenzeitlichen Polen/Willenberg- (Wielbark) (Stolarek et al., 2023) und der Krim/Ukraine (Saag et al., 2025) als zu Aquae Calidae positioniert, ...

dem weiteren untersuchten Ausgrabungsort (siehe unten), 

... was mit einem genetischen Profil übereinstimmt, das primär aus nordeuropäischen (Willenberg) und pontischen multiethnischen (Chernyakhov) Quellen stammt, mit sekundären Steppeneinflüssen.
Individuals from AKO (n=15) form a relatively tight cluster in the upper portion of the PCA plot, aligning with other Migration Period Germanic - associated groups (e.g., Hungary_Langobard, Germanic Migration composites) and Pannonian references (Amorim et al., 2018). AKO individuals are positioned closer to Iron Age Poland/Wielbark (Stolarek et al., 2023) and Crimean/Ukrainian steppe references (Saag et al., 2025), than to Aquae Calidae, consistent with a genetic profile deriving primarily from northern European (Wielbark) and Pontic multi - ethnic (Chernyakhov) sources, with secondary steppe inputs.

Das sieht man gut in der folgenden Grafik (Abb. 6).

Abb. 6: Herkunftszusammensetzung der Goten vom nordbulgarischen Bischofssitz ("AKO") und von Aquae Calidae ("Kalide") - früh (C1) und spät (C5) 

Die Goten am erörterten Bischofssitz in Nordbulgarien (AKO) der C1-Phase sind ganz unten aufgetragen, sie weisen grob (1, S. 12): 

  • 50 % bis 56 % Steppengenetik, etwa 38 % anatolisch-neolithische Bauerngenetik und der Rest west-europäische Jäger-Sammler-Herkunft auf.

Das wären also die Goten zur Lebenszeit des Wulfila, die somit eine noch heute typische skandinavische Genetik aufgewiesen haben. Der Verfasser dieser Zeilen muß sich bei solchen Gelegenheiten neuerdings immer wieder die unterschiedlichen Herkunftsanteile an Steppengenetik in Prozent innerhalb seiner eigenen Familie (lt. MyHeritage) vor Augen führen, um Anhaltspunkte für konkrete Vorstellungen - zum Beispiel zum wahrscheinlichen äußeren Aussehen - zu haben. Diese betragen (s. Stg2025):

  • 47,6 % mein Vater (Brandenburger) (geschlußfolgert unter der Annahme, daß ich diesbezüglich auf der Mitte liege zwischen meiner Mutter -s.u. - und meinem Vater )
  • 45,4 % eine angeheiratete, blonde Familienangehörige mit hälftiger Herkunft einerseits aus Pommern und andererseits aus Friesland, Mitteldeutschland und Schlesien
  • 43,6 % ich
  • 39,6 % meine Mutter (Österreicherin mit baltischen, englischen und norditalienischen Vorfahren)
  • 39,4 % mein Kind
  • 36,8 % die Mutter meines Kindes (Herkunft aus dem Rheinland und aus der Pfalz)

Diese Herkunftsanteile korrelieren schon in meiner eigenen Familie recht deutlich mit hellerer oder dunklerer Pigmentierung der Haare und der Augen und mit anderen wichtigen Persönlichkeitsmerkmalen, etwa auch dem Sensibilitätsgen (oft reinerbig bei hoher Steppengenetik, oft gar nicht vorhanden bei hoher mittelneolithischer Bauerngenetik, also typisch mediterraner Genetik [Stg2019]). 

Die "Warmen Wasser" (Aquae Calidae)

Außerdem wurden die Knochenreste von Goten untersucht, die bei Aquae Calidae bestatteten worden sind, es handelte sich dabei fast ausschließlich um Männer. Sie stehen genetisch in auffallendem Gegensatz zu den Goten am nordbulgarischen Bischofssitz. Wir lesen  (3):

Im Gegensatz dazu streuen die Individuen von Aquae Calidae (n=23) im unteren linken Bereich der Grafik und gruppieren sich mit Populationen der Balkan-Spätantike und der römischen Periode (Olade et al., 2023; Lazaridis et al., 2022). Die beiden Fundorte sind im PCA-Raum weiter voneinander entfernt als von ihren jeweiligen nächstgelegenen Referenzpopulationen. Innerhalb von Aquae Calidae teilen sich die Individuen entlang der Hauptkomponenten 1 und 2 in zwei Subcluster auf: ein südliches Subcluster („PCA – Süd“, n=12, einschließlich eines extremen Ausreißers in der Nähe altägyptischer Proben), das sich in Richtung von Genomdaten des bronzezeitlichen Anatolien (Kalehöyük, ~2000 v. Ztr.) verschiebt, und ein nördliches Subcluster („PCA – Nord“, n=10), das enger mit byzantinischen Marmara-/Iznik-Genomdaten und örtlichen Genomen der Balkan-Antike übereinstimmt. Beide Untergruppen weisen identische gotische Grabbeigaben und eine Ost-West-Ausrichtung der Bestattungen auf, die mit dem arianischen Christentum übereinstimmen.
In contrast, Aquae Calidae individuals (n=23) scatter toward the lower - left portion of the plot, clustering with Balkan Late Antiquity and Roman – period (Olade et al., 2023, Lazaridis et al., 2022) populations. The two sites are more distant from each other in PCA space than either is from its respective closest reference populations. Within Aquae Calidae, individuals separate into two subclusters along PCs 1 - 2: a southern subcluster (“PCA - South,” n=12, including one extreme outlier positioned near ancient Egyptian samples) shifted toward Anatolian Bronze Age proxies (Kalehöyük, ~2000 BCE), and a northern subcluster (“PCA - North,” n=10) aligned more closely with Byzantine - era Marmara/Iznik references and local Balkan Antiquity samples. Both subclusters share identical Gothic diagnostic artifacts and east - west burial orientations consistent with Arian Christianity.

Wir haben es hier also offenbar mit Männern zu tun, deren Vorfahren - vermutlich - zweihundert Jahre zuvor (s.u.) in den gotischen Stammesverband aufgenommen worden waren, aber größtenteils unter sich geheiratet haben, und die deshalb nur zu 10 bis 20 % skandinavische Herkunft in sich getragen haben. Vielleicht handelt es sich bei den Vorfahren um besiegte Thraker oder Nachkommen von gefangen genommenen Bevölkerungsteilen in Anatolien oder ähnliche Dinge.

Aquae Calidae (Wiki) war in der Antike ein Badeort in Thrakien, 30 Kilometer von der Küste des Schwarzen Meeres entfernt (GMaps). Er liegt 130 Kilometer südlich von Warna am Schwarzen Meer, der (hier auf dem Blog schon mehrfach erwähnten) Königsstadt aus der Zeit um 4.500 v. Ztr. (GMaps), und 300 Kilometer nördlich des Bosporus, also nördlich von Istanbul, bzw. Konstantinopel, bzw. Byzanz. Heute heißt die bulgarische Ortschaft bei Aquae Calidae Banewo bei Burgas. 

Abb. 7: Aquae Calidae beim heutigen Burgas, 300 Kilometer nördlich des Bosporus, 130 Kilometer südlich von Warna

Aquae Calidae heißt auf Deutsch schlicht "Warme Wasser". In der neuen Studie werden die Genom-Daten von 23 Gräbern aus der Zeit zwischen 320 und 375 n. Ztr. untersucht, darunter 17 männliche und drei weibliche Genome. Diese wurden 2012 ausgegraben (3, Anhang, S. 5). Wir lesen (Wiki):

Der im 6. Jahrhundert lebende Geschichtsschreiber Jordanes beschreibt in seinem Werk Getica die Einfälle gotischer Stämme an der südlichen Schwarzmeerküste Thrakiens im Jahre 270. Er berichtet, daß die Goten nach der Eroberung von Anchialos zu heißen Quellen („aquarum calidarum“) gezogen seien, die sich zwölf Meilen von Anchialos entfernt befanden. Sie seien dort mehrere Tage verblieben, um sich zu erholen.

Prokopios von Caesarea berichtet um 550 n. Ztr., daß Kaiser Justinian I. (482-565) um 500 n. Ztr. "barbarische Einwohner" von dort vertrieben hätte (1), um den Badeort wieder sicher zu machen (Wiki): 

Die Bäder wurden Ende des 4. /Anfang des 5. Jahrhunderts wiederhergestellt. Laut Prokopios von Caesarea wurden unter Kaiser Justinian I. um die Stadt Festungsmauern errichtet. Die Bautätigkeit des Kaisers beschrieb der Historiker in seinem Werk De Aedificiis (Über die Bauten) folgendermaßen: „...Thraker bewohnen eine Hafenstadt des Euxeinos Pontos mit dem Namen Anchialos, […] nicht weit von der Stadt entspringt Wasser aus natürlichen, warmen Quellen, die als Bäder der dortigen Bevölkerung dienen. Diese Siedlung, die seit alten Zeiten nicht befestigt war, wurde von den alten Kaisern nicht wahrgenommen, auch wenn in ihrer Nähe Barbaren siedelten und Kranke sie unter Lebensgefahr besuchten. Jetzt aber hat Kaiser Justinian sie mit Mauern umgeben und die Heilung ungefährlich gemacht.“ (Prokopios von Caesarea: De Aedificiis).

Es könnten also gotische "Barbaren" gewesen sein, die die Gegend zuvor gefährlich gemacht hatten. Wir lesen (3, Anhang, S. 7):

Angesichts der noch unerforschten Teile der Nekropole und der archäologischen Funde in ihrer Umgebung, insbesondere der Münzen, läßt sich schlußfolgern, daß der Ort als Begräbnisstätte für die Mitglieder einer lokalen, gemischten gotischen Landbevölkerung diente. Diese Gemeinschaft durfte sich nach dem Vertrag von 332 n. Ztr. zwischen Konstantin dem Großen und den Goten im Gebiet der bedeutenden Stadt Anchialos ansiedeln und lebte dort mindestens zwei bis drei Jahrzehnte, bis der Konflikt von 376 n. Ztr. sie zur Umsiedlung zwang. Die Bestatteten stammten vermutlich aus dem nördlichen Grenzgebiet (Donau-Limes), und einige von ihnen heirateten einheimische Frauen, die mit ihnen bestattet wurden. Es ist auch möglich, daß einige der Dorfbewohner aus Mischehen zwischen Goten und der lokalen byzantinischen Bevölkerung oder sogar aus Ehen zwischen byzantinischen Gefangenen stammten, die während der Raubzüge in der zweiten Hälfte des 3. Jahrhunderts n. Ztr. verschleppt worden waren. So war es auch bei dem berühmten Bischof Ulfilas, der um 311 in den gotischen Gebieten nördlich der Donau geboren wurde und teilweise von römischen Gefangenen abstammte, die bei einem Überfall der Goten in Sadagolthina gefangen genommen und aus Kleinasien verschleppt worden waren (Wolfram 1988).
Considering the yet-to-be-studied parts of the necropolis and the archaeological material found in its vicinity, particularly the coins, we may conclude that the place was used as a burial ground for the members of a local mixed rural Gothic community, that was allowed to settle in the area of the major town of Anchialos sometime after the treaty of AD 332 between Constantine the Great and the Goths and was living here for at least two or three decades, until the conflict of AD 376 forced the group to relocate. The individuals likely came from the northern frontier (Danube limes) and some of them would marry local wives, who would be entombed alongside them. It is possible also that some of the villagers would have originated from mixed marriages between Goths and the local Byzantine population or even between Byzantine captives who were taken during the raids in the second half of the 3rd c. Such was the case of the famous bishop Ulfilas, who was born in the Gothic lands north of the Danube around 311 and partially descended from Roman prisoners, who were captured in a raid by Goths at Sadagolthina and carried away from Asia Minor (Wolfram 1988).

Über die archäogenetisch festgestellte Herkunft der gotischen Bestattungen bei Aquae Calidae lesen wir weiter (3):

Die Analyse der Ursprungspopulationen (Population-level proximal qpAdm) deutet darauf hin, daß die Individuen von Aquae Calidae primär von anatolischen Populationen abstammen, mit geringen Anteilen von nord-/pontisch-gotischen Populationen und lokalen, ursprünglichen Balkan-Herkunftsgruppen.  Das am besten passende, plausible Drei-Wege-Modell für das südliche Subcluster (PCA-Süd, n = 12) setzt sich wie folgt zusammen: ~48 % Zentralanatolien (Kalehöyük, ca. 2000 v. Ztr.) + ~34 % frühe Eisenzeit Bulgariens + ~18 % Tschernjakow (p = 0,713, SE ±4–6 %; Tabelle 1). (...) Wir stellen fest, daß vergleichbare oder sogar stärkere anatolische Abstammung in nicht-gotischen Kontexten an Fundstätten aus römischer Zeit auf dem Balkan (z. B. Viminacium) auftritt. Dies deutet darauf hin, daß dieses anatolische Signal zwar deutlich vorhanden ist, aber nicht nachweislich spezifisch gotisch ist und wahrscheinlich breitere Bevölkerungsbewegungen in den Balkan während der hellenistisch-römischen Zeit widerspiegelt.
Population-level proximal qpAdm indicates that Aquae Calidae individuals derive primarily from Anatolian-related sources, with modest contributions from northern/Pontic Gothic proxies and local Balkan substrates. The best - fitting feasible three - way model for the southern subcluster (PCA - South, n=12) is ~48% Central Anatolian (Kalehöyük ~2000 BCE) + ~34% Bulgaria Early Iron Age (EIA) + ~18% Chernyakhov (p=0.713, SE ±4 - 6%; Table 1). We acknowledge the substantial temporal gap (~2,300 years) between the Kalehöyük proxy and proposed Late Antique contacts; in the absence of published ancient DNA from Roman - era Cappadocia, this Bronze Age source represents the best available approximation among ~100 ancient Anatolian samples from more than 20 populations tested (spanning Roman, Byzantine, Iron Age, and Bronze Age periods). We note that comparable or greater Anatolian ancestry appears in non - Gothic contexts at Roman - period Balkan sites (e.g., Viminacium), indicating that this Anatolian signal - while robustly present - is not demonstrably Gothic - specific and likely reflects broader Hellenistic - Roman period population movements into the Balkans.

Die Goten von Aquae Calide weisen also nur 10 bis 20 % nordeuropäische Herkunft auf. Aber immerhin weisen sie auch diese Herkunft auf. Die Vermischungsereignisse, auf die die Herkunftszusammensetzung zurück geführt werden können,  werden von den Genetikern für beide Fundorte - den nordbulgarischen Bischofssitz und Aquae Calidae - auf elf bis 13 Generationen zurück angenommen und damit auf einen Zeitraum zwischen dem 1. Jahrhundert v. Ztr. und dem frühen 2. Jahrhundert n. d. Ztr. datiert ...

... und zwar vor den frühesten historisch belegten gotischen Einfällen in das östliche Römische Reich (um 170 n. Ztr.), was darauf schließen läßt, daß zumindest ein Teil der Vermischung außerhalb Bulgariens stattgefunden haben könnte, möglicherweise während der Tschernjachow-Ethnogenese im Pontischen Raum oder während der Vermischung im Grenzgebiet jenseits der Donau nach der Gründung des römischen Dakiens (nach 106 n. Ztr.).
... predating the earliest historically recorded Gothic intrusions into the eastern Roman Empire (~170 CE) and suggesting that at least some of the admixture may have occurred outside Bulgaria, potentially during the Chernyakhov formation in the Pontic region or during trans - Danubian frontier mixing after the establishment of Roman Dacia (post - 106 CE).

Das heißt, die Tschernajakow-Kultur muß als eine sehr prägende Zeit für das Volk der Goten zumindest in der Art wie es in der Zeit danach dann aufgetreten ist angesprochen werden. Im Diskussionsteil heißt es (3):

Das auffälligste Ergebnis dieser Studie ist die außergewöhnlich große genetische Heterogenität der Individuen, die mit typischen gotischen Grabbeigaben bestattet worden sind. Auf Populationsebene reichen die qpAdm-Modelle von mit den Goten in Verbindung stehenden Individuen von ca. 100 % Tschernjakow-Herkunft bis ca. 85 % anatolischer Herkunft. Sie umfassen nordgermanische (von Wielbark abgeleitete, ca. 5–28 % bei verschiedenen Individuen), multiethnisch-pontische (Tschernjakow, ca. 18–100 %), anatolische (Kalehöyük/Marmara-Verwandte, ca. 15–85 %), Steppen- (skythisch/sarmatisch, ca. 2–67 %), begrenzte ostasiatische (hunnische, ca. 3–12 %) und lokale Balkan-Abstammung (bulgarisch-frühindianisch/antike, ca. 20–40 %).
The most striking finding of this study is the extreme genetic heterogeneity among individuals buried with diagnostic Gothic material culture. At the population level, qpAdm models for Gothic - associated individuals range from ~100% Chernyakhov to ~85% Anatolian - related, encompassing northern Germanic (Wielbark - derived, ~5 - 28% in different individuals), Pontic multi - ethnic (Chernyakhov, ~18 - 100%), Anatolian (Kalehöyük/Marmara proxies, ~15 - 85%), steppe (Scythian/Sarmatian, ~2 - 67%), limited East Asian (Hunnic - related, ~3 - 12%), and local Balkan (Bulgaria_EIA/LAntiquity, ~20 - 40%) ancestries.

Und weiter (3):

Goten skandinavischer Abstammung aus der Willenberg-(Wielbark)-Kultur (1.–4. Jahrhundert n. Ztr.) verschmolzen im Zuge der Entstehung der Tschernjachow-Kultur (spätes 2.–5. Jahrhundert n. Ztr.) mit örtlichen Dakern, Sarmaten und Alanen zu einem multiethnischen Verbund. Unsere Daten deuten darauf hin, daß diese Integration während der Besiedlungsphasen auf dem Balkan anhielt und sich möglicherweise sogar verstärkte. Dabei wurden neben Personen mit einem hohen Anteil nordeuropäischer Abstammung auch Individuen vorwiegend anatolischer Herkunft integriert. Drei Individuen veranschaulichen den multiethnischen Charakter dieser gotischen Gemeinschaften anhand ihrer Biografie. I41205 (AKO, C4) trägt die Y-Haplogruppe C2a1a1b1b1 - eine ostasiatische Linie, deren engste moderne Parallelen bei den Burjaten und Khalcha-Mongolen zu finden sind - kombiniert mit mtDNA J1c1b1a (europäisch) und 6,5 % ostasiatischer autosomalen Abstammung. I41194 (Aquae Calidae) vereint die für anatolische Bevölkerungsgruppen charakteristische Y-Haplogruppe J2a mit mtDNA L1b1a, einer Linie aus Subsahara-Afrika. Sein Genom belegt die Präsenz der afrikanischen Diaspora innerhalb der Mobilitätsnetzwerke des Mittelmeerraums in der Spätantike und die Fähigkeit der gotischen Identität, Individuen unterschiedlicher biologischer Abstammung zu umfassen. I40570 (Aquae Calidae) weist etwa 50 % ägyptische Abstammung auf (modelliert als Komponente der Dritten Zwischenzeit) mit der Y-Haplogruppe J1 (assoziiert mit der Arabischen Halbinsel) und liegt vollständig außerhalb des Hauptclusters der Aquae Calidae (PCA). Dieses Individuum, dessen genetisches Profil eher auf eine Bevölkerung aus dem Niltal oder der Levante als auf eine europäische Bevölkerung der Völkerwanderungszeit hindeutet, wurde dennoch unter Goten bestattet – das extremste Beispiel in unserem aktuellen Datensatz für eine Diskrepanz zwischen biologischer Abstammung und kultureller Identität.
Goths originating from Scandinavian - related populations in the Wielbark culture (1st - 4th centuries CE) merged with local Dacians, Sarmatians, and Alans during the formation of the Chernyakhov culture (late 2nd - 5th centuries CE), creating a multi - ethnic confederation. Our data suggest that this accretion continued - and perhaps intensified - during the Balkan settlement phases, incorporating individuals of predominantly Anatolian ancestry alongside those retaining substantial northern European ancestry. Three individuals illustrate the multi-ethnic character of these Gothic communities at the biographical level. I41205 (AKO, C4) carries Y - haplogroup C2a1a1b1b1 - East Asian lineage whose closest modern parallels occur among Buryats and Khalkha Mongols - combined with mtDNA J1c1b1a (European) and 6.5% East Asian autosomal ancestry. I41194 (Aquae Calidae) combines a J2a Y - haplogroup -characteristic of Anatolian populations with mtDNA L1b1a, a sub-Saharan African lineage. His genome indicates the African diaspora’s presence within Late Antique Mediterranean mobility networks and the capacity of Gothic identity to encompass individuals of diverse biological ancestry. I40570 (Aquae Calidae) shows approximately 50% Egyptian ancestry (modeled as Third Intermediate Period component) with J1 Y-haplogroup (Arabian Peninsula-associated) and falls entirely outside the main Aquae Calidae PCA cluster. This individual, whose genetic profile suggests Nile Valley or Levant rather than European population from the Migration Period, was nonetheless buried among Goths—the most extreme example in our current dataset of biological ancestry diverging from cultural identity.

Soweit die beiden neuen archäogenetischen Studien. Abschließend noch einige vielleicht eher geschichtsphilosophische Bemerkungen und Überlegungen, die einem kommen beim Lesen der Gotengeschichte des Jordanes.

Die Gotengeschichte des Jordanes

Der Gote Jordanes (gest. 552) (Wiki) schrieb selbst schon deutlich genug über die Zeit um 465 n. Ztr. (Jordanes):

Als da und dort bei den Nachbarvölkern die Ergebnisse der Raubzüge spärlicher ausfielen, fehlte es auch den Goten allmählich an Nahrung und Kleidung, und es wurde ihnen, Leuten, denen schon lange der Krieg die einzige Erwerbsquelle gewesen war, der Friede unbequem; sie zogen alle zusammen mit lautem Geschrei vor den König Thiudimir und baten, er möge doch irgendwohin zum Krieg ausziehen, wohin er nur wolle.

Man versteht, wenn man solche Dinge liest, durchaus, warum der Bischof Wulfilas für die Goten das Neue Testament übersetzt hat und warum er versucht hat, sie damit "friedlicher" zu machen. Dabei war er aber nur in Teilen erfolgreich. Der hier erwähnte König Thiudimir (gest. 474) (Wiki) war der Vater Theoderichs des Großen. In der Nibelungensage ist er Dietmar, der Vater Dietrichs von Bern. Thiudimir verlegte den Herrschaftssitz der Goten von Pannonien nach Süden, nach Makedonien.

Abb. 8: Krone des westgotischen Königs Rekkeswinth (649-672) (Wiki)

Ein nicht unbedeutender Teil der Geschichte des Volkes der Goten ist uns Deutschen durch den Roman "Ein Kampf um Rom" von Felix Dahn ans Herz gelegt worden. Dieser Roman ist in früheren Generationen viel gelesenen worden und hat 1968 auch noch eine Verfilmung erfahren (Abb. 9, 10). Den sachlichen, historischen Gehalt dieses Romans kann man in Kurzform als zuverlässige historische Berichterstattung nachlesen im "Gotenkrieg" des oströmischen Geschichtsschreibers Prokop.

Auch wenn man dort die Geschichte des Volkes der Ostgoten liest, kann man betroffen sein.

Man versucht zu verstehen, warum in der Geschichte der Menschen sich Menschen oft für unbedeutendere Dinge mit größerer Hartnäckigkeit einsetzten als für bedeutende.

Die Kriege der Goten bewegten sich völlig abseits der großen geistigen Traditionen der Menschheit. Diese waren durch das Volk der Griechen in Athen ab der Zeit um 500 v. Ztr. gewaltige Schritte vorangebracht worden, waren unter anderem eingemündet in die große Geistestradition der platonischen und neuplatonischen Philosophie. Aber all das war zur Zeit der Gotenkriege schon "untergegangen". Es war zuletzt kaum noch verteidigt worden.

Und jetzt, im 6. Jahrhundert waren - vom Standpunkt der großen Geistesgeschichte der Menschheit aus gesehen - die Zeiten völlig "dunkel" geworden. Und dennoch setzten sich Menschen nun für geistig vergleichsweise unbedeutende Dinge mit größerer Hartnäckigkeit ein als sie sich zuvor für geistig bedeutende Dinge eingesetzt hatten.

Man könnte daraus lernen, daß es Altruismus, Einsatzfreude, Aufopferungsbereitschaft in den unterschiedlichsten Zusammenhängen geben kann, und daß Aufopferungsbereitschaft für höchsten Werte der Menschheitsgeschichte vergleichsweise selten in der Menschheitsgeschichte überhaupt aufgetreten ist und auftritt.

Abb. 9: Amalaswintha wird Königin der Goten (Verfilmung 1968 - Kino)

Wir Barbaren in einem barbarischen Zeitalter. Schlagen wir uns nicht erneut mit einem klug und systematisch vorgehenden Feldherrn Belisar herum? Ohne daß wir überhaupt einmal zur Besinnung gekommen wären, worum es überhaupt geht?

Nachdem er die Übergabe Ravenna's durch Wittich an Belisar geschildert hat, beendet Justinian seine Gotengeschichte mit den Worten (Justinian):

So besiegte der Kaiser Justinian, der Besieger so mancher Völker, das berühmte Reich, das tapferste Volk, das so lange geherrscht, endlich, nachdem es fast 2030 Jahre gewährt, durch seinen getreuen Konsul Belesar.

Alle großen vorgeschichtlichen und antiken Völker, die einst herrschten, sind untergegangen, um nur einige Beispiele zu nennen:

  • Die Aunjetitzer Kultur (das Volk der Himmelsscheibe von Nebra),
  • die Urnenfelderkultur (das Volk der Goldhüte),
  • die Kelten,
  • die antiken Griechen,
  • die Karthager,
  • die Römer,
  • die Wandalen,
  • die Goten.

Übrig geblieben sind germanische und romanische Nachfolge-Völker.

Abb. 10: "Der letzte Römer" (Verfilmung 1968 - Kino)

Uns kommt noch ein anderer Gedanke: War es dieses Tohuwabohu der Völkerwanderung, das "notwendig" war, um am Ende "uns", das Volk der Deutschen - inmitten der anderen abendländischen Völker - hervorzubringen? Mußte so viel "Sinnloses" sich zuvor erst "abreagieren", damit dann - nach und nach - wieder "Sinn" in die Weltgeschichte kam?

Justinian allerdings konnte nicht wissen, daß auf die Herrschaft des Wittichis noch die Herrschaft des Königs Totila (Wiki) folgte.

Abb. 11: Der Tod von König Teja, Pietro Narducci, Italienisch, aktiv 1809-1841

Und auf dessen Herrschaft folgte noch die des Königs Teja. All das hinreißend in dem Roman von Felix Dahn dargestellt. Aber schon Anfang des 19. Jahrhunderts war der italienische Künstler Pietro Narducci (1793-1880) (Wiki) ergriffen von dem Endkampf und dem Tod des "schwarzen Teja", des letzten Königs der Goten - am Fuße des Vesuv (Abb. 11).

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  1. Wolfram, Herwig: Geschichte der Goten. Entwurf einer historischen Ethnographie. C. H. Beck, München 1979, 2. Auflage 1980, unter dem Titel: Die Goten. Von den Anfängen bis zur Mitte des sechsten Jahrhunderts. 3., 4. und 5. Auflage (1990/2001/2009), Italienische, amerikanische, französische, polnische und russische Übersetzungen. Überarbeitet und gekürzt als Beck’sche Sonderausgabe (München 1983)
  2. Golubiński, M., Baca, M., Popović, D. et al. Cosmopolitanism in the depths of Barbaricum evidenced by archaeogenomic data from the Late Iron Age Goth community of the Masłomęcz group. Genome Biol (2026). https://doi.org/10.1186/s13059-026-03969-4, veröffentlicht 28 January 2026 (GenomeBiol2026)
  3. Gothic Identity as Cultural Practice: Paleogenomic Evidence for Multi - Ethnic Assemblages Under Gothic Material Culture in Late Antique Bulgaria (4th - 6th centuries CE). Svetoslav Stamov, Todor Chobanov, Tianyi Wang, Kremena Stoeva, Dimcho Momchilov, Andrey Aladzhov, Kaloyan Chobanov, Milen Nikolov, Desislava Nesheva, Peter Heather, Draga I. Toncheva, Milen Zamfirov, Iosif Lazaridis and David Emil Reich. bioRxiv. posted 5 March 2026, 10.64898/2026.03.03.709317

Donnerstag, 5. März 2026

Römer - Machtmenschen

Römische Skulpturen
- Die Darstellung von Ernst, Strenge und Würde, von Severitas und Gravitas

In diesem Blogartikel sollen römische Skulpturen zusammen gestellt werden, die uns bemerkenswert erscheinen.

160 v. Ztr. - Der Sieger über die Makedonen

Denn wir stoßen immer wieder auf Skulpturen, die wir bislang gar nicht kannten oder über die wir zuvor auch gleichgültig hinweg gegangen sein mögen.

Abb. 1: Der Sieger über die Makedonen - Der römische Konsul Lucius Aemilius Paullus Macedonicus (229-160 v. Ztr.) (X)

1992 wurde am Stiefelabsatz von Italien bei Brindisi eine Bronzeskulptur aus dem Meer gefischt, die als der römische Konsul Lucius Aemilius Paullus Macedonicus (229-160 v. Ztr.) (Wiki) identifiziert worden ist. Diesem hat der griechische Historiker Plutarch auch eine Biographie in seinen berühmten "Doppelbiographien" gewidmet (s. Brindisi).

Lucius Aemilius Paullus Macedonicus siegte 168 v. Ztr. im Dritten Makedonischen Krieg endgültig über die Makedonen. Er ließ über hundert Städte in Aitiolien plündern und schickte über hunderttausend makedonische und griechische Sklaven nach Italien. Daß in dieser Zeit in größtem Umfang ostmediterrane Genetik nach Süditalien hinein kam, ist in den letzten Jahren auch durch die Archäogenetik festgestellt worden.

300 v. Ztr. - Er stürzte den letzten etruskischen König

Die berühmte Brutus-Skulptur stellen wir - entgegen der Chronologie - erst an zweite Stelle. Denn sie ist schon zu lange bekannt. Sie wurde schon zur Zeit der Französischen Revolution ab 1789 n. Ztr. gefeiert. Über diese Skulptur lesen wir (Wiki):

Der kapitolinische Brutus oder auch der Brutus vom Kapitol ist eine antike römische Bronzebüste, von der allgemein angenommen wird, daß sie Lucius Iunius Brutus darstellt, den legendären ersten Konsul der Römischen Republik. Die Büste, die als Prototyp des römischen Porträts gilt, befindet sich im Konservatorenpalast als Teil der Kapitolinischen Museen in Rom.

Über diesen Lucius Iunius Brutus († angeblich 509 v. Ztr.) (Wiki) gibt es nur sagenhafte Berichte, nichts historisch Gesichertes.

Abb. 2: Der Kapitolinische Brutus (Msdr)

Er soll maßgeblich an der Vertreibung des letzten etruskischen Königs Tarquinius Superbus im Jahr 509 v. Ztr. beteiligt gewesen sein. Die Königsherrschaft wurde dabei durch die römische Republik (libera res publica) abgelöst. Das war zehn Jahre vor Beginn der Perserkriege in Griechenland.

Schon die Mörder von Caesar (44 v. Ztr.) nahmen die Sage als Vorbild für ihre Tat, insbesondere Marcus Iunius Brutus, der als direkter Nachfahre des Republikgründers angesehen wurde.

30 v. Ztr. - Republikanische Büste

Diese Skulptur ist im Boston Museum of Fine Arts ausgestellt (1).

Abb. 3: Republikanische Büste, 30 v. Ztr., Boston Museum of Fine Arts (Fb2023)

Was man über sie weiß oder vermutet, werden wir nachtragen, so bald wir es in Erfahrung bringen. Wir möchten meinen: Ein Mensch - in den Erschütterungen seines Zeitalters.

1. Jhdt. v. Ztr. - Caesar

Auch was man über die folgende Skulptur weiß oder vermutet, werden wir nachtragen, sobald wir es in Erfahrung bringen.

Abb. 4: Portrait des Julius Caesar, 1. Jhdt. v. Ztr., Sparta. Archäologisches Museum von Sparta, Griechenland (Fotograf: George E. Koronaios) (Wiki)

Von allen überlieferten Portraits des Julius Caesar erscheint uns - als Laien - dieses Portrait als das authentischste, als das am wenigsten stilisierte.

30 n. Ztr. - Ein Stiefbruder von Julius Caesar

Ein Stiefbruder des Julius Caesar. 

Abb. 5: Lucius Calpurnius Piso Caesoninus Pontifex, 48 v. Ztr.-32 n. Ztr.; Bronze. Archäologisches Natioalmuseum Neapel (Fotograf: Marie-Lan Nguyen) (Wiki)

Dieser Lucius Calpurnius Piso Caesoninus Pontifex war Sohn des Besitzers der Villa dei Papiri in Herculaneum bei Pompeji und Neapel (NGA2015):

Hier klingt das Portrait der römischen Republik nach, das Tugenden der Severitas (Ernst, Strenge) und der Gravitas (Würde) verkörperte. Aber der expressive Ausdruck ist typisch für hellenistische Skultpuren.
This likeness harks back to portraiture of the Roman Republic that embodied the virtues of severitas (strictness) and gravitas (dignity), but its expressive power is distinctive of Hellenistic sculpture.

Was für Worte: "Tugenden der Severitas (Ernst, Strenge) und der Gravitas (Würde)." 

2. Jhdt. n. Ztr. - Venus Felix

Die Römer brachten - offenbar - den kühlen, abschätzigen Blick in die Kunst. Und zwar auch in die Darstellung des weiblichen Menschen. 

Abb. 6: Venus Velix mit ihrem Sohn Amor, Römische Skulptur 2. Jhdt. n. Ztr.

Hier eine Venus Velix mit ihrem Sohn Amor.

Abb. 7: Venus Felix mit ihrem Sohn Amor, 2. Jhdt. n. Ztr.

Jubelnde, überschäumende Lebensfreude spricht freilich nicht aus ihrem Gesicht. - So also sieht Glück aus, wenn ein Römer des 2. Jahrhunderts nach der Zeitrechnung dieses zur Darstellung zu bringen versucht. Das Abendland ist nicht weit. Es ist die Zeit des Historikers Tacitus.

200 n. Ztr. - Der römische Kaiser Kaisers Septimius Severus

Die Bronzestatue des Septimius Severus (Wiki) wurde 1928 in Fragmenten in dem antiken Chytroi auf Zypern gefunden.

Abb. 8: Bronzestatue des römischen Kaisers Septimius Severus (146-211 n. Ztr.) (W), entdeckt 1928 auf einem Feld nahe des Dorfes Kythrea, wo sich die antike Siedlung Chytroi befand, seit 1976 restauriert zugänglich im Zypernmuseum Nikosia (DAllsop) (WikiCom) - Die glanzvollste Fotografie dieser Skulptur stammt von Peter Schickert (Lk) - steht aber leider unter Copyright

Sie wurde in das Cyprus Museum in Nikosia gebracht. Die Statue ist mit 2,08 Metern Höhe überlebensgroß. Sie gehört zu den nicht sehr zahlreich erhaltenen Bronzestatuen römischer Kaiser. Der Kaiser Septimius Severus regierte 193 bis 211 n. Ztr.. 

Dieser Blogartikel soll nach und nach noch ergänzt werden.

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  1. Kosta Papadopoulos: Boston Museum of Fine Arts Unveils New Galleries for Ancient Greece, Rome and the Byzantine Empire (GreekTimes2021)

Samstag, 28. Februar 2026

Das Volk der Himmelsscheibe von Nebra - Es bewahrte über 1300 v. Ztr. hinweg Kontinuität

Genetisch und kulturell bis mindestens 750 v. Ztr.
- Und zwar als "Unstrut-Gruppe"- trotz der Ausbreitung der süddeutschen Urnenfelder-Kultur
- Nahe Nebra an der Unstrut, dreißig bis fünfzig Kilometer westlich von Halle

Wer sich ein Bild von vorgeschichtlichen Kulturen machen möchte, tut gut daran, sich immer wieder vor Augen zu führen, daß der Rinderwagen ab 4.000 v. Ztr. Verbreitung gefunden hat zwischen Vorderem Orient, sowie Nord- und Ostsee, ja, daß der Rinderwagen noch um 1200 v. Ztr. in Ägypten als Streitwagen benutzt worden ist (s. Abb. 1) (Stg2010). 

Abb. 1: Verteidigung Ägyptens durch von Rindern gezogene Streitwagen - Wandrelief von Medinet Habu, 1176 v. Ztr.

Er tut außerdem gut daran, sich klar zu machen, daß ab 2.200 v. Ztr. in Europa, im Vorderen Orient und in Asien die große Ära der von Pferden gezogenen Streitwagen (Wiki) begonnen hat. Das wurde durch die Domestizierung des Pferdes ermöglicht (Stg2021).

Die Indogermanen, die sich ab 4.500 v. Ztr. von der Mittleren Wolga und ab 3.300 v. Ztr. vom Mittleren Dnjepr aus ausbreiteten, verehrten zwar das Wildpferd, das Przewalski-Pferd und nutzten es womöglich auch als bevorzugte Opfertiere, daß diese aber geritten worden sind oder als Zugpferde benutzt worden sind, scheint uns beim derzeitigen Stand der Forschung höchst zweifelhaft. Sie gingen bis 4.000 v. Ztr. zu Fuß und nutzten ab dieser Zeit auch den Rinderwagen  (Stg2024).

Abb. 2: Streitwagen der Eisen-, bzw. Bronzezeit - Bronzemodell aus Göchebi (Dedoplistsqaro), Georgien, erste Hälfte des 1. Jahrtausends v. Ztr., Sighnaghi-Museum, Georgien (Wiki)

Für die Zeit ab 2.200 v. Ztr. ist die Domestizierung des Pferdes sicher (Stg2021). Und jeder Gedanke auch an die europäische Bronzezeit wird sofort viel anschaulicher, wenn man sich klar macht, daß zu dieser Zeit sowohl Rinderwagen - für den Krieg wie den Transport - als auch Streitwagen - für die Kriegsführung - benutzt worden sind. Und daß die Geschwindigkeit dieser Fortbewegungsmittel den Alltag ebenso wie die Kriegsführung bestimmten.

Im Grunde macht es Sinn, an den Anfang jeden Blogartikels über die europäische Bronzezeit das Bild solcher Rinder- und Streitwagen zu stellen (Abb. 1 und 2). Denn sofort taucht ein ganz anderes Bild der bronzezeitlichen Gesellschaften vor dem inneren Auge auf als ohne daß sich diesen Umstand klar macht.

Die Verwendung der Streitwagen für den Krieg endete im Mittelmeer-Raum etwa um 750 v. Ztr. (zuletzt wohl genutzt von den Assyrern und Persern). Auf den britischen Inseln waren sie noch zur Zeit der Eroberung durch Cäsar in Gebrauch. 

Abb. 2: Verteidigung Ägyptens durch von Rindern gezogene Streitwagen - Wandrelief von Medinet Habu, 1176 v. Ztr.

Diese Hinweise eigentlich nur vorweg. Denn im folgenden geht es einmal erneut um die mitteleuropäische Bronzezeit. Und es ist immer wieder der Eindruck vorhanden, daß es an "Anschaulichkeit" fehlt, wenn davon die Rede ist. 

***

In unserem Blogartikel "Bollwerk Germanien" (Stg2025) war von dem sagenhaften Eroberungszug der keltischen Urnenfelderkultur, bzw. besser der keltischen Goldhut-Kultur ab etwa 1300 v. Ztr. vom heutigen Serbien aus nach Süddeutschland, nach Böhmen und Frankreich - und von dort weiter bis Schlesien und Mecklenburg - die Rede gewesen (Abb 4).

Abb. 3: Pferdegeschirr der Lausitzer Kultur (Wiki) aus dem 8. Jhdt. v. Ztr. aus Mittelpommern, entdeckt 2020 durch Raubgräber - Aus einem Hort bei Schönberg (poln. Kaliska) (Wiki) (s.a. Hölkew) (GMaps) gelegen im Landkreis Schlochau in der einstigen Grenzmark Posen-Westpreußen (Wiki), drei Kilometer nördlich von Baldenburg (Wiki), 60 Kilometer südwestlich von Köslin (3)

Dort in Mecklenburg kam es an der Tollense zur sagenhaften, siegreichen Abwehrschlacht der Nordischen Bronzekultur gegen die Urnenfelder-Leute (Stg2025). Skandinavien konnte in der Folge nicht von der Urnenfelderkultur erobert werden (ein Zeichen dafür, daß die Schlacht für die Urnenfelder-Leute höchstwahrscheinlich nicht siegreich verlaufen sein wird). Sehr wohl aber konnten die Urnenfelder-Leute in der Folge die britischen Inseln erobern. Und sehr wohl sollten sie - vermutlich - als "Seevölker" bis vor die Tore Ägyptens gelangen (Stg2025). 

Durch diesen Eroberungszug breitete sich südeuropäische Glockenbecher-Genetik nach Norden aus (Stg2025). Die südeuropäische ("italo-keltische") Glockenbecher-Genetik ist durch höhere Herkunftsanteile anatolisch-neolitscher Bauerngenetik gekennzeichnet und durch geringere Anteile an (indogermanischer) Steppgenetik. In der nordeuropäischen Schnurkeramik-Genetik ist es umgekehrt.

Um einige Anhaltspunkte zu gewinnen, nenne ich einmal die unterschiedlichen Herkunftsanteile an Steppengenetik in Prozent innerhalb meiner eigenen Familie (lt. MyHeritage) (s. Stg2025):

  • 47,6 % mein Vater (Brandenburger) (geschlußfolgert unter der Annahme, daß ich auf der Mitte zwischen meinem Vater und meiner Mutter liegen werde)
  • 45,4 % ein angeheiratetes blondes Friesen-, Pommern- und Schlesierkind
  • 43,6 % ich
  • 39,6 % meine Mutter (Österreicherin)
  • 39,4 % mein Kind
  • 36,8 % die Mutter meines Kindes (Herkunft aus dem Rheinland und aus der Pfalz)

Diese Herkunftsanteile korrelieren schon in meiner eigenen Familie klar mit hellerer oder dunklerer Pigmentierung der Haare und der Augen.

Abb. 4: Bollwerk Germanien in Norddeutschland an der Tollense und die Eroberung des übrigen Europas durch die Urnenfelder-Kultur ausgehend von Serbien, 1300 bis 800 v. Ztr. (Wiki) - Der zeitgleiche Seevölker-Sturm im Mittelmeerraum, ebenfalls von Serbien ausgehend

Die Herkunftsanteile an Steppengenetik in Prozent betrugen nun nach einer neuen archäogenetischen Studie zu Mitteldeutschland (1) ... 

  • 52 % bei Menschen in der Frühbronzezeit 30 Kilometer westlich von Halle ("Aunjetitzer Kultur")
  • 49 % bei Menschen in der Spätbronzezeit 30 Kilometer westlich von Halle ("Unstrut-Gruppe")
  • 48 % bei Menschen in der Spätbronzezeit in Oberschlesien
  • 41 % bei Menschen in der Spätbronzezeit in Böhmen
  • 33 % bei Menschen in der Spätbronzezeit in Süddeutschland (Neckarsulm)

Diese Zahlen sind von mir selbst abgeleitet aus dem folgenden Zitat - und zwar unter der Voraussetzung, daß sich der dritte wesentliche Herkunftsanteil der Europäer seit dem Spätneolithikum, nämlich der Anteil der westeuropäischen Jäger-Sammler, von 10 bis 20 % im Durchschnitt bei den Menschen nicht mehr geändert hat. Er wird deshalb von mir im Mittel mit 15 % angenommen und einberechnet. Von dem folgenden Zitat können dann die oben genannten Prozent-Angaben abgeleitet werden (1):

Wir beobachten, daß spätbronzezeitliche Individuen aus Mitteldeutschland einen etwas höheren Anteil an anatolisch-neolithischer Abstammung (36,6 ± 2,9 %) aufweisen als jene aus der frühen Bronzezeit in Mitteldeutschland (33,2 ± 2,7 %). Darauf folgen spätbronzezeitliche Individuen aus Böhmen (43,7 ± 4,5 %) und spätbronzezeitliche Individuen aus Süddeutschland, die den höchsten Anteil an anatolisch-neolithischer Abstammung aufweisen (53,5 ± 5,3 %) (Abb. 2b, Ergänzende Daten  4a ). Von allen analysierten Individuen weist der genetische Ausreißer Neckarsulm021 (NES021) mit 67,2 ± 1,7 % den höchsten Anteil an EEF-verwandter Abstammung auf. Die vier spätbronzezeitlichen Individuen aus Oberschlesien/Zentralpolen zeigen ebenfalls einen geringeren Anteil an EEF-verwandter Abstammung (37,4 ± 2,9 %), ähnlich wie jene aus Mitteldeutschland. Angesichts der geringen Stichprobengröße bleibt jedoch offen, ob diese Individuen repräsentativ für die polnisch-schlesischen spätbronzezeitlichen Gruppen sind.

Dieselben Umstände sind in der Abbildung 3 grafisch dargestellt.

Abb. 5: Herkunftsanteile anatolisch-neolithischer Bauerngenetik in Süddeutschland (gelbe Linie oben), Böhmen (hellgrüne Linie), Mitteldeutschland (orange-braune Line) und Oberschlesien/Polen (blaue Linie)

Die anatolisch-neolithische Genetik lag in Süddeutschland schon in der Frühbronzezeit höher als in den anderen dargestellten Regionen (und dementsprechend die Steppengenetik niedriger), sie nahm aber ab 1800 v. Ztr. noch einmal sehr deutlich zu (vielleicht durch Zuwanderungen aus Serbien). In Böhmen nahm dieser Anteil etwas später und nicht ganz so abrupt zu. In Mitteldeutschland nahm er noch weniger abrupt zu. Auch in Oberschlesien/Polen nimmt er ab 1800 v. Ztr. recht deutlich zu, nimmt aber ab 1600 v. Ztr. wieder deutlich ab, um dann allmählich wieder erneut anzusteigen. Der Anstieg der anatolisch-neolithischen Herkunftsanteile in Mitteldeutschland wird in der Studie folgendermaßen erklärt (1):

Individuen der frühen Späten Bronzezeit in Mitteldeutschland können mit der frühbronzezeitlichen Aunjetitzer-Herkunft in Deutschland als einziger Quelle modelliert werden, was auf eine regionale Kontinuität seit der frühen Bronzezeit als sparsamste Erklärung hindeutet (...). Im Gegensatz dazu läßt sich die Abstammung der meisten spätbronzezeitlichen Individuen in Mitteldeutschland nicht allein durch die früheren frühbronzezeitlichen Populationen dieser Region modellieren. Sie wird am besten durch zwei Abstammungsquellen beschrieben: Deutschland frühbronzezeitliche Aunjetitzer Kultur als lokale Quelle und Deutschland_Lech_Mittlere_Bronzezeit, Tschechien_Mittlere_Bronzezeit_Tumulus oder Deutschland_Süddeutschland_Singen_Frühe_Bronzezeit als zweite, geografisch und chronologisch nächstgelegene, nicht-lokale Herkunft (Ergänzende Daten  4c sowie Abb.  4a und 4b ). Dieses Muster deutet auf eine Mischung aus lokaler Kontinuität und Genfluß aus südlichen und/oder östlichen Regionen hin, was mit einer zunehmenden Vernetzung innerhalb der geografischen Verbreitung/Ausdehnung der Urnenfelderkultur übereinstimmt (...), aber ohne daß das genauer eingegrenzt werden kann.

Aufgrund welcher Funde gelangte man zu diesen neuen Erkenntnissen?

Dreißig Kilometer westlich von Halle liegen die Dörfer Kuckenburg und Esperstedt (GMaps). Hier wurde bis 2009 die A38 gebaut und im Zuge der vorhergehenden archäologischen Grabungen wurde unter und östlich der heutigen Autobahnabfahrt ein Gräberfeld und eine zugehörige befestigte Siedlung ergraben, ebenso wurde eine befestigte bei dem gegenüber liegenden Kuckenburg ergraben. Aus den hierbei gefundenen Menschenresten konnte nach einer neuen archäogenetischen Studie die DNA von 36 Personen der Urnenfelder-Zeit, genauer der örtlichen Unstrut-Gruppe (1300-750 v. Ztr.) (Wiki) gewonnen werden.

Wennungen - Proto-urbane Siedlung der Unstrut-Gruppe

Eine noch weitaus größere proto-urbane Siedlung der "Unstrut-Gruppe" wurde nur zwanzig Kilometer weiter südlich der Kuckenburg über dem Unstrut-Tal gefunden (GMaps). Diese liegt nur sechs Kilometer östlich von Nebra an der Unstrut, dem Fundort der Himmelsscheibe (1850 v. Ztr.) und wurde vierhundert Jahre nach der Niederlegung der Himmelsscheibe angelegt. Über Wennungen lesen wir (Wiki):

In der späten Bronze- und der frühen Eisenzeit (12. bis frühes 5. Jh. v. Ztr.) trug die Hochfläche westlich des Dorfes (bis zum Dissaubach) eine etwa 300 Hektar umfassende „Proto-Stadt“ der Unstrut-Kultur, die mit Gräben und Wällen geschützt war und an einem Fernhandelsweg vom Thüringer Becken in die Leipziger Tieflandsbucht lag.

Also grob ein Kilometer breit und drei Kilometer lang. Und weiter (Wiki): 

Gegenüber den zeitgenössischen Siedlungen mit meist nur 1 bis 2 Hektar Größe nahm diese Großsiedlung eine deutlich herausgehobene, überregionale Bedeutung ein. Sole und Metallerze wurden hier in großen Mengen verarbeitet. In tausenden Vorratsgruben wurde Getreide gespeichert. Ihre Einwohnerzahl wird für ihren Höhepunkt auf mehrere tausend Menschen geschätzt. Einzigartig für jene Zeit sind die Reste einer ornamental bemalten Hauswand, etwa 1.500 Lehmputzsplitter - die größte vorgeschichtliche Wandmalerei nördlich der Alpen. Teile der Siedlung wurden von 2007 bis 2010 im Zuge von Bauarbeiten an der ICE-Schnellfahrstrecke Erfurt - Leipzig ergraben.

Es finden sich online Artikel zu den gefundenen Wandornamenten (s. ArchOnl). In Wennungen wurde innerhalb der Siedlung auch eine - sehr abstoßende - Siedlungsbestattung gefunden, die im Museum in Halle ausgestellt wird: ein junges behindertes Geschwisterpaar, das getötet und achtlos in eine Grube geworfen worden ist (Yt2021). Über die Unstrut-Gruppe heißt es bezeichnenderweise auch (Wiki):

Anfänglich dominierte die Körperbestattung in Baumsärgen und Holzkästen. Sie wurde jedoch nie ganz gegenüber der Brandbestattung aufgegeben, deren Nutzung ab dem 1. Jahrtausend v. Ztr. zunehmend einsetzte.

Die Brandbestattung wurde durch die Urnenfelder-Kultur ausgebreitet. Der offenbar durch sie bewirkte Anstieg der anatolisch-neolithischen Genetik erfolgte in der Unstrut-Gruppe offenbar nur ebenso allmählich an wie die zeitgleiche Übernahme der die Sitte der Bandbestattung. Also Hinweise sowohl auf genetische wie kulturelle Kontinuität im Angesicht einer Umbruchszeit. Dementsprechend heißt es auch in der Studie (1):

Insgesamt legen unsere Ergebnisse nahe, daß die unterschiedlichen Bestattungspraktiken in Kuckenburg und Esperstedt kulturell motiviert waren und lokale Traditionen sowie die bestehende regionale Vernetzung widerspiegelten und nicht den Zuzug neuer genetischer Gruppen oder nicht-lokaler Individuen.

Und (1):

Die Unstrut-Gruppe (ca. 1325–750 v. Ztr.), die zwischen dem Thüringer Wald und der Saale in Mitteldeutschland lebte und im Mittelpunkt dieser Studie steht, bestattete ihre Toten beispielsweise fast 500 Jahre lang, während benachbarte Gruppen wie die Saalemündungs-Gruppe zur Feuerbestattung übergingen.

In der Studie vereinzelte ausgewertete Funde stammen auch aus drei Dörfern in Oberschlesien.

Abb. 6: Die Fundorte der ausgewerteten Menschenfunde (1) - 1 Esperstedt, 2 Kuckenburg, 3 Leubingen, 4 Neckarsulm, 5 Türmitz (Sudetenland, tsch. Trmice), 6 Holubitz (tsch. Holubice), 7 Libschitz an der Moldau (tsch. Libčice nad Vltavou), 8 Kněževes (Dorf nahe Prag), 9 Praha-Ruzyně, 10 Schlan (tsch. Slaný), 11 Laband-Pschyschowka (Oberschlesien, poln. Łabędy Przyszówka), 12 Deutsch Neukirch (Oberschlesien, poln. Nowa Cerekwia), 13 Kornitz (Oberschlesien, poln. Kornice)

Sie gehören der Lausitzer Kultur an (GMaps). Da wir uns auch für die schlesische Landesgeschichte sehr interessieren, gehen wir im folgenden noch auf einige Einzelheiten dieser Fundorte ein.

Die bronzezeitlichen Menschenfunde aus Oberschlesien

Deutsch Neukirch

Die Menschenfunde stammen erstens aus dem Dorf Deutsch Neukirch (poln. Nowa Cerekwia) (Wiki), 16 Kilometer südlich von Leobschütz und 22 Kilometer entfernt von jenem Dorf Dobersdorf (GMaps), das auf unserem Parallelblog schon eine Rolle gespielt hat (Prbl2023). Die ausgewerteten Menschenfunde stammen aus Grabungen des Archäologischen Museums Breslau der Jahre 1973 und 1986 (1, Anhang, S. 50).

Kornitz

Die Menschenfunde stammen außerdem aus dem Dorf Kornitz (poln. Kornice) (Wiki), gelegen fünfzehn Kilometer östlich von Deutsch Neukirch (Wiki), sowie acht Kilometer westlich von Ratibor. Hier fanden 2008 bis 2013 Rettungsgrabungen des Archäologischen Museums Kattowitz statt im Vorfeld einer großflächigen Erweiterung der dortigen Fensterfabrik Eko-Okna (WikiFb) (Abb. 7). Sie ist der europaweit größte Hersteller von Aluminium- und PVC-Fenstern und -Türen. Die Firma hat gegenwärtig 13.000 Mitarbeiter.

Abb. 7: Fensterfabrik auf Gräberfeldern der Lausitzer Kultur bei Kornitz in Oberschlesien (Fb)

Über die Ausgrabung lesen wir (1, Anhang, S. 46):

Die Fundstätte liegt am linken Ufer der Zinna (poln. Psina), etwa 8 km westlich von Ratibor (Racibórz), in einer Region im Vorfeld des Mährischen Tores. Sie spielte eine wichtige Rolle für den Austausch und die Weitergabe kultureller Muster zwischen Gebieten südlich der Karpaten und Sudeten und Nordeuropa. Die Ausgrabungen führten zur Entdeckung jungpaläolithischer Fundstätten, neolithischer Siedlungen, darunter eine ausgedehnte Siedlung der Kugelamphorenkultur mit trapezförmigen Langhäusern, eines kleinen Siedlungskomplexes der Glockenbecherkultur mit Friedhof, zweier kleiner frühbronzezeitlicher Friedhöfe, einer mehrphasigen offenen und geschlossenen bronzezeitlichen Siedlung mit Friedhof, einer kaiserzeitlichen Siedlung, eines frühmittelalterlichen Friedhofs und eines spätmittelalterlichen Dorfes.

Über den hier erwähnten Oder-Nebenfluß Zinna lesen wir (Wiki):

Entlang der Zinna verlief auch die sprachliche Grenze zwischen dem lachischen und polnisch-schlesischen Dialekt - in einer örtlichen Überlieferung nördlich von Zinna fliegt wróna (Krähe) und südlich vrana.

Wir lesen über die Geschichte des Dorfes Kornitz im 20. Jahrhundert unter anderem (Wiki):

Bei der Volksabstimmung in Oberschlesien am 20. März 1921 stimmten vor Ort 133 Wahlberechtigte für einen Verbleib Oberschlesiens bei Deutschland und 79 für eine Zugehörigkeit zu Polen. Auf dem Gut stimmten 62 für Deutschland und drei für Polen. Kornitz verblieb nach der Teilung Oberschlesiens beim Deutschen Reich.

Nebenbei erhalten wir hier einen eindrucksvollen Hinweis auf den polnischen Wirtschaftsaufschwung in den letzten Jahren. 

Abb. 8: Die Mährische Pforte entlang des Oberlaufs der Oder - An ihrem östlichen Ende stießen tschechischer und polnischer Siedlungsraum zusammen, über die Mährische Pforte breiteten sich die Deutschen ab 1250 von Schlesien nach Mähren hinein aus - Das Teschener Schlesien blieb im Westen mehrheitlich tschechisch und im Osten mehrheitlich polnisch besiedelt, die Mährische Pforte trennte die Sudeten im Westen von den Karpaten im Osten, sie trennte auch Böhmen (links der Oder) von Mähren (rechts der Oder) (Wiki)

Außerdem stammen ausgewertete Funde aus dem Dorf Pschyschowka (poln. Przyszówka, dt. auch Waldenau) (Wiki) (Abb. 10) bei dem Dorf Laband, elf Kilometer nördlich von Gleiwitz (GMaps).

Pschyschowka bei Laband

Im Anhang der Studie lesen wir zu letzteren (1, Anhang, S. 49):

Die Rettungsgrabung im Jahr 1938 wurde von T. Kubiczek unter der wissenschaftlichen Leitung von F. Pfützenreiter vom Oberschlesischen Regionalmuseum in Beuthen durchgeführt. (...) Die Ausgrabung legte 80 Gräber frei, darunter 58 Körpergräber, 17 Brandbestattungen (sowohl Gruben- als auch Urnengräber) und 4 nicht näher bestimmte Gräber. Die Gräber dieser Stätte werden den HaC- und HaD-Phasen der Hallstattzeit zugeordnet. Der Friedhof von Laband-Pschyschowka (Łabędy-Przyszówka) gehört zu einer besonderen Gruppe von Friedhöfen mit zwei Bestattungsriten, in denen Körpergräber im Allgemeinen die Brandgräber überwiegen (z. B. Świbie). Diese Ansammlung von Gemeinschaften, die mit der Lausitzer Kultur verbunden sind und sich durch ihre besonderen Bestattungsbräuche auszeichnen, befindet sich in einem begrenzten Gebiet im östlichen Oberschlesien und westlichen Kleinpolen, zwischen Tschenstochau (Częstochowa) und Gleiwitz (Gliwice).

Die anthropologische Sammlung des Museums Beuthen hat sich offenbar über das Jahr 1945 hinweg erhalten.

Abb. 8: Antennenschwert vom Typ Weltenburg aus dem Kaliska-II-Schatzfund aus Mittelpommern, 7. Jhdt. v. Ztr. (3)

Aber von den 58 Körpergräbern konnte offenbar nur aus einem auswertbares Genmaterial gewonnen werden. Es stammte aus der Zeit grob um 700 v. Ztr.. Der hier genannte Archäologe und Botaniker Franz Pfützenreiter wurde 1888 in Bernterode bei Heiligenstadt in Thüringen geboren, starb 1968 in Stuttgart (LeoBW), wirkte aber bis 1945 in Schlesien. Er promovierte 1932 in Breslau und wurde 1934 Direktor des Oberschlesischen Landesmuseums in Beuthen. Später war er tätig als Leiter des Heimatmuseums Fraustadt (Wiki), das nahe der schlesischen Grenze zur Provinz Posen lag, die 1919 an Polen abgetreten worden war. Fraustadt gehörte ursprünglich zur Provinz Posen und war ab 1919 Teil der "Grenzmark Posen-Westpreußen" (Wiki). Nach 1945 wurde Pfützenreiter nordwürttembergischer Landesbeauftragter für Naturschutz und Landschaftspflege. Über die Ergebnisse der Volksabstimmung am 20. März 1921 im Dorf Laband heißt es (Wiki):

In Laband stimmten 1332 Wahlberechtigte (44,1 % der abgegebenen Stimmen) für einen Verbleib Oberschlesiens bei Deutschland, 1683 für eine Zugehörigkeit zu Polen (55,6 %), 8 Stimmen (0,3 %) waren ungültig. Die Wahlbeteiligung betrug 97,7 %. Laband verblieb nach der Teilung Oberschlesiens beim Deutschen Reich.

Das Schloß von Laband befand sich im Besitz der Adelsfamilie von Welczeck (Wiki), deren Angehörige über die Jahrhunderte als Offiziere und Diplomaten in preußischen Diensten standen. Noch 2011 wurde vor dem Verwaltungsgericht Köln über die deutsche Staatsangehörigkeit eines aus Pschyschowka stammenden Mannes entschieden (LegalData). 

Abb. 10: Postkarte aus Pschyschowka

Es wird spannend sein zu erfahren, wie es nach 750 v. Ztr. weiter ging. Sicher ist, daß es irgendwann im 1. Jahrhundert v. Ztr. zur Zuwanderung von Germanen aus Skandinavien kam. Diese lebten zuletzt als Thüringer in der Region der vormaligen Unstrut-Gruppe. Sie sind dann aber genetisch fast vollständig verschwunden. An ihrer Stelle breiteten sich ja dann die Slawen aus (Stg2025). Bis die Deutsche Ostsiedlung begann. 

___________

  1. Reconstruction of the lifeways of Central European Late Bronze Age communities using ancient DNA, isotope and osteoarchaeological analyses. E Orfanou, A Ghalichi, AB Rohrlach, E Paust, … Johannes Krause .... Harald Meller ... Philipp W. Stockhammer, Joachim Wahl, ... Wolfgang Haak.  Nature Communications, 24.2.2026 (Nature2026)
  2. Matthias Becker, Madeleine Fröhlich, Andreas Hüser, Helge Jarecki, Jan F. Kegler und Franziska Knoll: »Wenige hundert Schritte oberhalb des Dorfes Wennungen ...«, Archäologie in Deutschland 2011, 6-11 (Acad)
  3. The Kaliska II hoard: Interconnections and metal trade between Pomerania and the Nordic zone during the North European Bronze Age. By Grzegorz Szczurek, Łukasz Kowalski, Zofia Anna Stos-Gale, Maciej Kaczmarek, Roland Maas, Jon Woodhead. Journal of Archaeological Science: Reports. Volume 61, February 2025, 104877 (JAS2025)

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