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Sonntag, 31. August 2008

Die menschliche Fähigkeit zum Unterscheiden von günstigen und ungünstigen kulturellen Merkmalen

Magnus Enquist
Stefano Ghirlanda
Es gibt verschiedene Theorien darüber, wie es möglich wurde, daß der Mensch so viel mehr Fähigkeiten und Wissen durch Nachahmung und anderes "soziales Lernen" erwerben kann, als der Schimpanse und alle anderen auch sehr intelligenten sozial lebenden Tiere (etwa Delphine, Papageien, Raben etc.). Theorien also darüber, DASS es beim Menschen umfangreiche Weitergabe kultureller Merkmale gibt. Nach Meinung der schwedischen Autoren Magnus Enquista (Bild links) und Stefano Ghirlanda (Bild rechts) (Journal of Theoretical Biology) (1) ist in diesen Theorien bisher zu wenig darüber nachgedacht worden, daß der Mensch nicht nur fähig ist, kulturelle Merkmale zu erlernen und weiterzugeben, die gut für sein genetisches Überleben (oder das seiner Gruppe sind), die also "adaptiv" sind, sondern ebenso solche, die schlecht sind für sein genetisches Überleben (oder das seiner Gruppe). Dies könnte man als einen sehr wichtigen Gedanken empfinden. Denn das ist ja "das Humanum" an sich: Ein viel größerer "Freiheitsgrad" in den Entscheidungen bei der Weitergabe oder Übernahme kultureller Merkmale. Nicht durch die Gene "gezwungen" zu sein, "das Gute" oder das evolutionär Angepaßte zu tun oder zu erlernen.

ResearchBlogging.orgEnquista und Ghirlanda stellen mit ihrer Arbeit nun die neue wichtige, in vielerlei Hinsicht tatsächlich entscheidende Frage: Was bewirkt denn das Herausfiltern von evolutionär schlecht-angepaßten kulturellen Merkmalen in unserer Kultur (oder in der Kultur des ostafrikanischen Australopithecus)?
"To prevent accumulation of maladaptive traits, it appears that each generation must 'filter out', or discard, at least some maladaptive culture. Such adaptive filtering is an important addition that may increase the adaptive value of culture. (...) The possibility of adaptive filtering changes dramatically the coevolutionary scenario for the evolution of social learning. As we saw earlier, in the absence of adaptive filtering genetic evolution is expected to improve social learning until culture is no longer adaptive. (...)

If adaptive filtering is sufficiently strong, however, culture is adaptive. (...) With sufficient adaptive filtering, adaptive culture is possible even if (...) new traits are on average maladaptive. Genetic evolution favors individual capacities for adaptive filtering under broader conditions than capacities for social learning. (...) There can be selection for adaptive filtering even when the adaptive value of culture is small, suggesting that selection for adaptive filtering may have been stronger than selection for social learning at the dawn of human culture."
Tatsächlich, man könnte mutmaßen, daß das "Projekt Mensch" schon sehr früh in einer evolutionären Sackgasse geendet wäre, wenn die genetische Evolution nicht stärker noch als das soziale Lernen an sich die Fähigkeit zum "adaptiven Filtern" kultureller Merkmale hervorgebracht hätte. Der Mensch ist fähig, auf so viele unsinnige Gedanken und "Macken" zu kommen, daß das sehr nötig gewesen sein könnte und immer noch nötig ist.

Die große Frage aber bleibt: Wo ist dieser Scanner? Wie sieht er aus? Nach welchen Kriterien filtert er? Wie sehen seine Auslöse-Mechanismen aus? Meine Vermutung wäre, daß auch dies (zunächst) sehr viel mit "Gruppenverantwortung", mit Verwandten-Altruismus zu tun hat: Reifere, erwachsene weibliche oder männliche Tiere/Menschen in der Gruppe oder auch junge, innovative, sorgen mit wachsamem Auge darüber, daß sich nicht allzuviele maladaptive kulturelle Merkmale in der Gruppe ansammeln, bzw. erfinden adaptive Merkmale. (Vielleicht gibt es hier auch eine Aufteilung der Aufgaben für "Jung" und "Alt": Die Jungen erfinden Neues, die Alten "filtern" davon das Nützliche heraus?) Hierbei kommt dann sicherlich auch zunehmend mehr das logische Denken mit ins Spiel, die Fähigkeit des Durchdenkens von Folgen des Handelns auf der "inneren Bühne" der eigenen Psyche, was in der Folge dazu führen könnte, daß darauf gedrängt wird, gruppen- oder individuen-schädliche kulturelle Merkmale, Verhaltensweisen zu meiden und nützliche (adaptive) Merkmale und Verhaltensweisen zu fördern.

In einem weiteren Schritt wäre über das Themenfeld Täuschung und Selbsttäuschung nachzudenken. Denn der Mensch besitzt in einzigartigem Maße die Fähigkeit, sich selbst zu täuschen und dabei nicht ausreichend über die Folgen seines Handelns nachzudenken. Auch läßt er sich leicht und gern von anderen - bewußter oder weniger bewußt - täuschen. Diese "cheater detection", das Erkennen von Täuschern und Täuschungen (in sich selbst und anderen) dürfte ein wichtiges Merkmal aller menschlichen Kulturen sein, die sich ihre genetische Überlebensfähigkeit bewahren (oder bewahren wollen). Da Menschen sich wohl nirgends so folgenreich belügen und betrügen wie in der Politik, bzw. in der Geschichte, müßte aus evolutionärer Sicht gefordert sein, daß die Fähigkeit zur "cheater detection" gerade bei Politikwissenschaftlern und Historikern besonders ausgeprägt sein sollte.

Die Anwendung auf heutige Verhältnisse westlicher Gesellschaften kann an dieser Stelle des Nachdenkens dem Leser überlassen bleiben, bzw. er kann auf "cheater detection"-Literatur in unserem Buchladen verwiesen werden. Man könnte auch folgendes formulieren: Zeitgeschichts-Forschung ist heute nur noch selten das Erforschen grundlegender Wahrheiten über menschliches Verhalten in der Geschichte, sondern zunächst einmal größtenteils: cheater detection. Abschließend noch einmal die Autoren:
"Culture can remain adaptive, and imitation abilities continue to improve, if maladaptive traits are continuously filtered out. Thus the evolution of adaptive filtering may have been at least as important as the evolution of imitation for the origin of human culture. We may speculate that non-human animals have only rudimentary social learning abilities (compared to humans) not because social learning is especially difficult to evolve, but because it is not useful unless one cannot discriminate between adaptive and maladaptive cultural traits." "The evolution of such 'adaptive filtering' mechanisms may have been crucial for the birth of human culture."
Die Kultur muß insgesamt adaptiv sein und die menschliche Psyche ist fähig zu bewerten, ob sie das ist oder nicht. Der Mensch bleibt aufgefordert, diese seine psychischen Potentiale zu nutzen.

(ursprünglich veröffentlicht am 15.11.2007)

1. M ENQUIST, S GHIRLANDA (2007). Evolution of social learning does not explain the origin of human cumulative culture Journal of Theoretical Biology, 246 (1), 129-135 DOI: 10.1016/j.jtbi.2006.12.022

Samstag, 9. Februar 2008

"Ausländer rein!" - Judith Rosmair über die "Zukunft der westlichen Welt"

Die deutsche "Schauspielerin des Jahres 2007", Judith Rosmair, geboren 1967,
"wuchs als siebtes von zehn Kindern in einem gutbürgerlichen, ländlichen Haushalt bei Rosenheim in Bayern auf". (Abendblatt)

Die Januar-Ausgabe des Reisejournals der Deutschen Bundesbahn porträtierte sie ausführlich.



In ihrem dritten Lebensjahr stirbt ihre Mutter

Aber im "Stern" kann man noch einiges nachlesen, was dort nicht zu lesen war, nämlich daß ihre Kindheit so einfach nicht war:
Dieser dumpfe Schmerz, der niemals ganz verschwindet und der sie zum ersten Mal vor 37 Jahren traf, daheim in Ottobrunn bei München. Es sind keine einfachen Tage damals für Judith, das blasse, dünne Kind. (...)

Der Vater ernährt als Beamter die Seinen, die Mutter macht das Leben warm und sicher und verlässlich. Bis die Mutter eines Tages schlimme Kopfschmerzen bekommt und nicht mehr richtig sehen kann. Der Augenarzt findet nichts, doch die Schmerzen nehmen zu. Die Mutter fährt mit dem Fahrrad in die Klinik, es tut uns leid, eine schlimme Nachricht, Gehirntumor. Der Albtraum bis zur Operation dauert drei Monate. Drei Tage danach ist die Mutter tot. Judith ist drei Jahre alt. Und niemand ist mehr da, der ihr sagt, wie großartig sie ist.
Es ist wie nach einer Bombenexplosion. Nichts ist mehr heil. Sieben Kinder und ein Vater, mittendrin die kleine Judith, allein unter Geschwistern, zu dritt im winzigen Zimmer, ohne Rückzugsraum, ohne Trost, ohne Freude. Der Vater vergräbt sich in seinen Sorgen um die Familie und heiratet wieder; drei weitere Kinder kommen. Judith hat dunkle Ringe unter den Augen, fast kann man durch sie hindurchsehen, so dünn ist sie.

Der Schmerz bleibt. Nachts kann Judith nicht schlafen.
Nur die Flucht in eine Karriere als Ballett-Tänzerin und Schauspielerin lässt sie den Schmerz überwinden, so der Tenor des Stern-Artikels, der mit den Worten endet:
Früher wünschte sie sich, eine Fee zu sein. Eine gute Fee mit einem Zauberstab. Die könnte dafür sorgen, dass es allen gut geht. Die könnte den Tod besiegen und Gehirntumore. Und Mama zurückholen, vielleicht für eine einzige Vorstellung nur. Schau, was aus mir geworden ist. Bist du stolz auf mich?
"Hungrig nach Leben"

Und nun ist sie die deutsche "Schauspielerin des Jahres 2007" geworden und wird von der Presse gefeiert. Das "Abendblatt" berichtet über sie:
"Ich bin hungrig nach dem Leben. Es ist für mich ein einziges großes Fest", sagt sie und rollt ihre großen Augen. Sie hat viele Pläne: eine Rolle im Fernsehen, Tanzen, mehr Gesang und nach dem "Vatertag"-Erfolg ein Musikvideo zu ihrer Kismet-Rolle. "Vielleicht schreibe ich noch einen "Kismet seine Schwester"-Titel mit einer türkischen Bauchtanzgruppe. So was hat es noch nicht gegeben", sinniert Judith Rosmair.
Und sie sagt zugleich auch:
"Mich reizt die großartige Sprache der deutschen Dichter Hebbel, Kleist, Schiller und Goethe."
Aber das vielleicht Aufsehenerregendste dieser deutschen Schauspielerin ist ein Musikvideo, dass sie im August 2007 veröffentlicht hat, und dessen Text sie selbst gedichtet hat, genannt "Kismet sein Bruder", in dem sie als Frau einen türkischen Macho und Rap-Sänger imitiert. (Kismetseinbruder.de, Youtube, Spiegel Video, Spiegel Interview, itsrap.de, Stern)



Hier der leicht gekürzte Text (Kismetseinbruder.de):
Ausländer rein!

Paß auf, du, jetzt kommt
Kismet sein Bruder - hähähähä

Du säufst teuren Rotwein, laberst linken Bockmist
Und bist irre stolz, wenn Du beim Golfen mal das Loch triffst.
Du lebst so chic, Du lebst so gut -
Doch es stirbt langsam aus, dein weißes deutsches Blut.

Die Eier deiner Alten hast Du einfrieren lassen,
Dein Same ist so kostbar, den willst Du nicht verprassen,
Du hast 'n Landhaus, 'n Stadthaus, zum Pennen 'n Penthouse,
Am Weekend fährst du fett in deinem Jaguar und Benz aus.

Ihr kleinen Psychos! ihr habt Potenzprobleme
In der Glotze diskutiert ihr Fremdkultur-Theoreme,
Ihr quatscht von Freiheit, Gleichheit, Toleranz
Und seid doch heimlich neidisch auf jeden großen - - -
(Hier kommen alte Phallus- und Priapus-Kulte zum Vorschein. Wer provozieren will, kann offensichtlich nichts auslassen ...)
(...)

Ich glaub nicht an Euch, ich glaub nur an mich
Euer Gott ist der Kommerz, ihr seid alle nicht ganz dicht.
Eure Stadt, Euer Land, dieser ganze Kontinent
Sind dem Untergang geweiht, fett und renitent (...)

Bald stehen die Türken wieder vor Wien
Dann auch vor Hamburg und auch vor Berlin
Bleiberecht für Deutsche, das ist dann die Frage,
Ihr seid dann die Landesplage, so ist dann die Lage

Ey, wir vermehren uns so lang, bis euch die Glocken schellen
Und wir hier in Deutschland die Mehrheit stellen.

Ihr müsst dann kuschen, habt nix mehr zu melden
Die Minderheit seid ihr dann und wir sind hier die Helden
In zehn Jahren ist hier 'n Türke Kanzler
Und dann schnakt man Kanak-Sprak, ihr klein'n Schlappschwanzler

Auch wenn ihr aussterbt, ey!, (...)

Wir lassen euch Deutsche doch mit euch nich allein
Schwarz rot gold, wie die Fahne, werd'n die Hautfarben sein
Wir schenken euch Enkel, zahlen eure Rente ein

Wir steigern das Bruttosozialprodukt
Ja, ja, ja jetzt wird wieder in die Hände gespuckt!
Wir werden die kanakigsten Deutschländer sein
Im Heimatverein, also: Ausländer rein!

(...) wir scheißen auf Geld,
denn wir sind die Zukunft der westlichen Welt.
- Hähähähähä.
Rosmair erklärt (Abendblatt):
Der Song mit dem Titel "Ausländer rein" wirbt mit den Mitteln der derben Satire für Integration.
- Ach ja? Hätt' ich jetzt, ähm, so nicht gedacht ... Ähm ...

Deutschland soll sich als Einwanderungsland begreifen und sich die Renten von "anderen" zahlen lassen

Oder (Spiegel):
Als Performerin ist mein Hauptmotiv, die Menschen zu berühren: sie zu erfreuen, zu schockieren, sie zum Denken zu bewegen, dazu zu bringen, eine Haltung zu entwickeln.
Und dann sagt sie:
Ich glaube, es ist total wichtig, dass Deutschland sich als Einwanderungsland begreift und es als Qualität sieht, dass sich hier sehr viele Ethnien und Kulturen mischen.
Naja, wichtig, wichtig - und zumal: "total wichtig" - könnte man vieles ansehen. Und vielleicht gibt es auch noch andere Dinge, die einem wichtig sind und wozu man eine Haltung entwickeln könnte. Isch hab jetzt voll nachgedacht, ey!

Dienstag, 22. Januar 2008

Khaled Hosseini - Drachenläufer

Der Film "Drachenläufer" nach dem gleichnamigen, 2004 erschienenen Roman-Bestseller von Khaled Hosseini, der am 17. Januar in den deutschen Kino's angelaufen ist, ist wirklich gut. Ein wirklich guter Film. Man erfährt zum ersten mal (!) etwas von dem traditionellen Denken in den Stämmen Afghanistan's, insbesondere bei den Paschtunen, ein Denken in den Kategorien von Ehre und Respekt, das sich auch bei modern denkenden Paschtunen gehalten hat, selbst bei jenen, die in die USA emigriert sind. Und dieses Denken kann einem auch Achtung abgewinnen, da es Menschen auch veranlassen kann, um gewisser Prinzipien willen sehr edel zu handeln, um gewisser Prinzipien willen ihre Heimat zu verlassen, ihr Leben auf das Spiel zu setzen - mitten aus dem Alltag heraus.

Filmszene

Traditionell-modernes Stammesdenken in Afghanistan

Man erfährt auch, daß dieses Denken bei modern denkenden Afghanen das Denken in den Kategorien von Verachtung der Angehörigen anderer Stämme (hier der Hazara) überwinden kann - eines der Hauptthemen dieses Romans und Films. Es gibt übrigens Vermutungen, daß die Hazara Nachkommen der Mongolen unter Tschingis Khan waren.

Filmszene

Die sowjetische Invasion in Afghanistan wird ganz und gar als das dargestellt, was sie war: abscheulich und hassenswert. Die fanatischen Mullah's und die Taliban werden als das dargestellt, was sie - offenbar - wirklich zu großen Teilen waren und sind: zutiefst abscheulich und hassenswert. Es kommt aber auch zum Ausdruck, daß die Herrschaft der Taliban zu Teilen nur eine Folge der sowjetischen Besatzung und des Widerstandes gegen sie war.

Das eine Extrem wurde mit einem anderen Extrem beantwortet - wie so oft in den letzten hundert Jahren. Und heute hat man in Afghanistan damit immer noch zu tun - mit den Folgen der russischen Besatzung. Auch in Tschetschenien war und ist es nicht anders. Und die Gemäßigten, die aber dennoch das traditionelle Denken in moderne Zeiten retten wollen, so wie offenbar Khaled Hosseini selbst, sowie der Vater und Schwiegervater des Protagonisten im Roman, sie werden zwischen den Mühlsteinen der Geschichte zerrieben.

Khaled Hosseini

Der 1967 geborene Khaled Hosseini sagt über seinen Roman (berlinverlage.de):
Ich wollte die Leute daran erinnern, daß es ein Afghanistan vor der sowjetischen Invasion von 1979 gab und daß Afghanistan jahrzehnte lang in Frieden gelebt hatte, ohne daß irgend jemand eine Rakete abfeuerte. (...) Da ich in dieser Zeit - den letzten Jahren der Monarchie, der Geburt der Republik und den ersten Jahren von Daoud Khans Herrschaft - in Kabul gelebt habe, fühlte es sich richtig an, darüber zu schreiben.
Der Autor Khaled Hosseini setzt sich inzwischen auch für andere vergewaltigte Völker in der Welt ein. (UNHCR)

Warum - erst - jetzt?

Der Film ist also wirklich gut. Ich frage mich nur eines: Warum jetzt? Warum - erst - jetzt? Als ich vor Jahren auf dem Stand der "Gesellschaft für bedrohte Völker" auf der Buchmesse in Frankfurt half und unser Thema die Unterdrückung der Frau in Afghanistan war, hatte ich sogar Gelegenheit, mir von Afghanen selbst die Situation in Afghanistan erklären zu lassen. - Ich habe dabei damals praktisch nichts verstanden. Es kam mir alles viel zu kompliziert vor. Der Film jetzt gibt mir zum ersten mal einen echten Einblick, so daß ich mir sage: Ja, ich glaube, etwas über die Situation in Afghanistan zu verstehen.

Noch einmal: Warum erst jetzt?

Warum ist eine solche gute filmische Darstellung, die tiefer in das eigentliche innere Leben und Denken der Menschen in Afghanistan einführt, und die zugleich einen solchen Bekanntheitsgrad bekommen hat, nicht schon viel früher, vor Jahren, vor Jahrzehnten in die Kino's gekommen? Warum haben zumindest ähnlich wertvolle Filme von Tschetschenen selbst über das Schicksal ihres eigenen Landes, Filme, die ich selbst zu später Stunde im deutschen Fernsehen zufällig habe sehen können, niemals einen solchen Bekanntheitsgrad erhalten, eine solche Breitenwirkung in der westlichen Welt entfalten können?

Ich mißtraue der "public relations-Industrie" zutiefst. Ich habe den Verdacht, auch dieser Film dient einem sehr vordergründigen politischen Zweck: Er soll den eigentlich sowieso nur noch dumpf bestehenden Widerstand in der westlichen Welt gegen den Einsatz internationaler militärischer Kräfe, unter anderem auch deutscher in Afghanistan psychologisch-emotional unterlaufen. Er soll diesen Einsatz rechtfertigen. Man sagt sich: Jetzt, wo ich etwas mehr über Afghanistan weiß, verstehe ich auch, warum deutsche Truppen dort sein müssen. Warum es gut ist, daß sie dort sind ...

Hosseini und Forster, der Macher des Filmes

Oh, die "public relations-Industrie" ist eine sehr perfide Angelegenheit und ich mißtraue ihr zutiefst. Der Film ist gut. Und Khaled Hosseini ahnt bestimmt nicht besonders scharf, daß er "benutzt" wird. Oder er duldet es ... Oh, diese perfide "public relations-Industrie". Menschliches Leid wird fast immer erst dann für sie interessant, wenn es zu politischen Zwecken ausgeschlachtet werden kann. Noch einmal: Das ändert nichts daran, daß der Film gut ist. Auch der Roman "Nicht ohne meine Tochter" vor allerhand Jahren war gut, selbst wenn seine Popularität auch damals wahrscheinlich gewissen politischen Zwecken gedient haben dürfte.

Hosseini mit Dabbelju

So edel wie die Paschtunen in dem Film denkt doch in der "public relations-Industrie" heute keiner mehr ...



Khaled Hosseini in Dafur

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Ergänzung 23.1.07: Aha, wer sagt es denn. - Meldung von heute: "Bundeswehr-Kampfeinsatz in Afghanistan rückt angeblich näher". (Yahoo)

Donnerstag, 22. November 2007

"Das Judentum ist zur gänzlichen Vernichtung des Heidentums bestimmt."

Durchgeknallte neokonservative amerikanische Intellektuelle

Letztes Jahr starb in den USA ein führender neokonservativer Intellektueller, Milton Himmelfarb. Und seine Schwester Gertrude Himmelfarb hat schon dieses Jahr posthum eine Essay-Sammlung von ihm herausgebracht unter dem Titel "Jews and Gentiles". Es umfaßt vor allem Essay's, die seit vielen Jahrzehnten in der renommierten Zeitschrift "Commentary" unter der Herausgeberschaft von Norman Podhoretz erschienen sind. Dieses Buch wurde schon im April von David Gelernter, der beim konservativen "American Enterprise Institute" arbeitet, rezensiert. Die Rezension birgt allerhand Überraschungen. (AEI) Sein Urteil über dieses Buch gleich zu Beginn:
Should you happen to be a Jew or a Gentile, you will find it indispensable.
Also übersetzt:
Sollten Sie zufällig Jude oder Nichtjude sein, so werden Sie dieses Buch unentbehrlich finden.
Als gäbe es keine wichtigere Unterscheidung in der Welt als die zwischen Juden und Nichtjuden. Nun, für - manche - Juden offenbar auf jeden Fall. - Aber wer spricht denn hier eigentlich? Der nächste Satz stellt dann als geradezu selbstverständliche Tatsache hin, was in dem Buch "Israel-Lobby" von Mearsheimer und Walt gerade als heftig öffentlich umstritten - und kritikwürdig - erörtert wird (neuerdings sogar von Richard Dawkins in die öffentliche Diskussion eingebracht [siehe Michael Blume]):
Of the imposing, mostly Jewish, intellectuals who changed America forever by inventing neoconservatism (i.e., "new conservatism," progressive conservatism), Milton Himmelfarb was the one who cared first and most about religion--in particular, Judaism. Repeatedly, he described the mood of the moment with absorbing precision, but kept his eye fixed on politics and historical and religious truth.
Also übersetzt:
Von den eindrucksvollen, zumeist jüdischen Intellektuellen, die Amerika für immer umwandelten dadurch, daß sie den Neokonservatismus einführten (bzw. den "neuen Konservatismus", den fortschrittlichen Konservatismus), war Milton Himmelfarb derjenige, der zu allererst und am intensivsten Religion mitberücksichtigte - besonders die jüdische. Wiederholt beschrieb er das Tagesgeschehen mit erschöpfender Präzision. Aber er hielt sein Auge auf Politik und auf historische und religiöse Wahrheiten gerichtet.
"Die eindrucksvollen, zumeist jüdischen Intellektuellen ..."

Man höre genau hin, hier wird - wiederum ganz selbstverständlich - von "religiösen Wahrheiten" in Bezug auf das Judentum gesprochen. Weiter heißt es:
The essays here span nearly half a century, from 1949 through 1996--the time during which intellectuals took over America's universities, the universities took over American culture, and the left replaced the right as America's "Establishment" (a word that was far more popular in olden times when the Establishment was right-leaning and fun for professors to attack).
Offensichtlich ist doch der Autor der Rezension selbst Jude. Will er denn absichtlich provozieren, indem er die Thesen über die "Israel-Lobby" so schnodderig als selbstverständliches Schuljungen-Wissen voraussetzt?
Die Essay-Sammlung "Jews and Gentiles", so werden wir weiter von ihm belehrt, hat "ein Thema":

The rise of paganism in our times, and the fundamental, irreconcilable antagonism between paganism and Judaism. We must carefully distinguish (the author writes) between paganism and mere atheism. Paganism is a positive system of beliefs. Atheism dominated the "modern" age, but modernism collapsed in the turmoil of the late 1960s.

Das Thema ist also:
Der Aufstieg des Heidentums in unserer Zeit und die fundamentale, unversöhnliche Gegnerschaft zwischen dem Heidentum und dem Judentum. Wir müssen sorgfältig unterscheiden (so schreibt der Autor) zwischen Heidentum und bloßem Atheismus. Heidentum ist ein positives Glaubenssystem. Atheismus dominierte zwar das "moderne" Zeitalter. Aber diese Modernisierungsbewegung brach in den Unruhen der späten 1960er Jahre zusammen.
"Heidentum steht für Promiskuität, Not und Tod."

Der Atheismus brach schon in den späten 1960er Jahren zusammen? Merkwürdige These. Gerade damals kam er doch erst so richtig in Fahrt!? Weiter heißt es:

For Himmelfarb, paganism is the characteristic religion of today's elite--and it stands for promiscuity, misery, and death. He traces the taste for paganism to Enlightenment philosophes such as Diderot, to their 20th-century academic admirers, and to the psychotic sixties, when nature-worship and sexual promiscuity began to seem positively good and Christianity (and Judaism even more, to the extent anyone ever thought about it) began to seem evil.

Also:
Für Himmelfarb ist Heidentum die charakteristische Religion der heutigen Elite - und sie steht für Promiskuität, Not und Tod. Er führt die Vorliebe für das Heidentum auf die Philosophen der Aufklärung zurück wie Diderot und auf ihre Bewunderer im 20. Jahrhundert und auf die psychotischen 68er, als man begann, Natur-Anbetung und sexuelle Promiskuität als positiv anzusehen und das Christentum (und das Judentum noch mehr - in einem Ausmaß wie es niemand zuvor geglaubt hatte) als schlecht.
Zwischenfrage: Von welcher Elite ist denn jetzt die Rede? Doch nicht etwa jene, die mit Himmelfarb Amerika veränderte? Weiter heißt es:
Himmelfarb rottet beiläufig aber gründlich den letzten Splitter des Glaubens aus, daß Heidentum bewundernswürdig wäre.
Und das weitere ist einem viel zu dumm und geradezu absurd, als daß man es hier alles übersetzen möchte:

Himmelfarb casually but thoroughly annihilates to the last splinter the idea that paganism is admirable. Diderot admired pagan Tahiti, for example, which still (in the 21st century) strikes many people as romantic, exotic, and generally lovable. But a little research discloses that, in pagan Tahiti, an organized priesthood handled the worship of the "greater gods," who sometimes required human sacrifice; cannibalism was also on the menu, occasionally. Himmelfarb notes the bloodthirsty, "sick-making" entertainments staged in the amphitheaters of pagan Rome, a civilization much praised by Diderot and his Enlightenment colleagues. As for the Eastern spirituality sometimes admired by "soft-boiled modern pagans," as recently as 1968, India's prime minister saw fit to denounce the ritual murder of a 12-year-old boy to appease the gods at the outset of a large construction project. Bloodshed, says Himmelfarb, is "the piety of paganism."

Das absurde Allgemeinurteil lautet also:

(...) Blutvergießen, sagt Himmelfarb, ist "die Frömmigkeit des Heidentums".
"Das Judentum ist zur gänzlichen Vernichtung des Heidentums bestimmt."

Weiter heißt es in der Rezension:
Das Judentum ist der andere Teil seines Hauptthemas. Das Judentum ist zur gänzlichen Zerstörung des Heidentums bestimmt.
Im Originaltext wird dieser archaische, ganz und gar alttestamentarisch anmutende Satz im weiteren irgendwie eingeschränkt:
Judaism is the other part of his main topic. Judaism is dedicated to paganism's utter destruction. (Even though--Himmelfarb never neglects a nuance--the prophet Micah said, "For let the peoples walk each in the name of its god, but we will walk in the name of the Lord our God for ever and ever." "Sometimes I like to think," Himmelfarb writes, "that maybe [the rabbis] had a quiet weakness for pluralism.")
Also:
(Obwohl - Himmelfarb verneint niemals diese Nuance - der Prophet Micha sagte: "Laßt die Völker jedes im Namen seines Gottes leben wir werden stattdessen im Namen des Herrn, unseres Gottes für immer und ewig leben." "Manchmal möchte ich glauben," so schreibt Himmelfarb, "daß die Rabbiner eine stille Schwäche für Pluralismus hatten.")
Hört man denn hier ganz richtig ein ... zynisches Lächeln über ... "Pluralismus", religiösen Pluralismus ... heraus? Die "stille Schwäche für Pluralismus" wird nur in Klammer gesetzt aber als Hauptaufgabe des Judentums hier in der Welt wird - ganz und gar im wortwörtlichen Sinne des Alten Testamentes bestimmt: die gänzliche Zerstörung des Heidentums. Man sollte das doch festhalten. Was führende amerikanische Konservative zu äußern fähig sind am Beginn des 21. Jahrhunderts. Sollen hier nur in zynischer Weise einige Klischees bedient werden? Oder gleich alle auf einmal?

(Religiöser) Pluralismus - ja oder nein, das ist hier die Frage ...

Sodann wird - das soll hier nur kurz erwähnt werden - die Unterscheidung von Judentum und Christentum behandelt. Das Judentum würde kaum eine Hölle kennen und sei darum weniger "rachsüchtig" als das Christentum. Liest man genau, so erfährt man: Das Judentum kennt nur für Juden selbst keine Rache von Gottes Seite. Aber diese Absätze seien hier übergangen. Es ist 'eh alles schon absurd und archaisch genug. Angesehene, neokonservative Intellektuelle in den USA schreiben so etwas? - Weiter heißt es dann:

Yet Himmelfarb is careful to note that only paganism, and never Christianity, could have sponsored the Holocaust: "If one sentence could summarize Church law and practice over many centuries, it is this: the Jews are allowed to live, but not too well." This sentence is worth a couple of academic monographs and a journal paper all by itself.

Also, das Christentum kann am Holocaust nicht schuld sein, da ein Grundsatz des kirchlichen Rechtes und der kirchlichen Praxis über viele Jahrhunderte hin gelautet hätte: es ist den Juden erlaubt zu leben - aber nicht zu gut. Dieser Satz wäre eine ganze Reihe von akademischen Monographien und Zeitschriftenartikeln für sich selbst wert, so Gelernter.

Bleibt also nur das Heidentum, das am Holocaust schuld ist. Von anderen Menschheitsverbrechen muß bei dem Thema "Jews and Gentiles" ja sowieso nicht die Rede sein. (... Oder wäre nicht auch Juri Slezkine zu behandeln?) Von dem Essay über Hitler als die Ursache des Holocaust ist Gelernter dann auch nicht so recht befriedigt:

We don't hear enough about General Erich Ludendorff's anti-Christian views and Teutonic paganism. We do learn that Hitler "scorned Judaism and Christianity not like Ludendorff the Teutonizer but like Voltaire the Enlightener." But no explanation follows. There are Hitler pronouncements that support this claim (although Himmelfarb doesn't cite them); there are also pronouncements that suggest other wise--and there is the Wagner cult Hitler belonged to, the pseudo-Teutonic rites and ceremonies he loved. Himmelfarb emphasizes that the Holocaust was a pagan and not Christian phenomenon, but doesn't tell us nearly enough about Germany's paganism or Hitler's.

Übersetzt:

Wir hören nicht genug über Erich Ludendorffs antichristliche Ansichten und teutonisches Heidentum. Wie lernen, daß Hitler "das Judentum und das Christentum verachtete nicht wie Ludendorff, der Teutonisierer, sondern wie Voltaire, der Aufklärer." Aber keine Erklärung folgt. Es gibt Äußerungen von Hitler, die diese Behauptung stützen (obwohl Himmelfarb sie nicht zitiert), aber es gibt auch Äußerungen, die anderes nahelegen - und da gibt es den Wagner-Kult, dem Hitler anhing, die pseudo-teutonischen Riten und Zeremonien, die er liebte. Himmelfarb betont, daß der Holocaust ein heidnisches und nicht ein christliches Phänomen war aber er sagt uns nahezu nichts über Deutschlands Heidentum oder über das Hitlers.

Eben war noch geradezu selbstverständlich das Judentum "zur gänzlichen Vernichtung des Heidentums bestimmt" angesprochen worden (wobei offen geblieben war, mit welchen Mitteln diese Vernichtung vorangetrieben werden sollte - doch nicht etwa mit Auslands-Einsätzen amerikanischer Soldaten?), und dann macht man sich Gedanken darüber, aus welchen Gründen Antisemiten im Deutschland der 1930er Jahre "Vernichtungs-Absichten" gehegt hätten.

Keine sehr schöne gedankliche Welt jedenfalls, in der da führende amerikanische Konservative zu leben scheinen.

Sonntag, 4. November 2007

Warum sollte es Juden / Deutsche / Christen etc. geben?

Man ärgert sich so oft über die Beiträge im amerikanisch-jüdischen Online-Kultur-Magazin "Jewcy", daß man sich fortlaufend vornimmt, den Newsletter-Bezug einzustellen. Schon allein deshalb, weil man viele hier geführte inner-(amerikanisch-)jüdische Debatten nicht von vornherein in ihren Anlässen und Zielrichtungen versteht, und weil man sich denkt: Was will der Autor hier eigentlich schon wieder? Warum die Emphase? Auch reden einem hier oft (zumindest scheinbar) zu viele Söhne und Töchter von Rabbinern mit, die damit spielen, intellektuell "trotzdem" "super-cool" zu sein ... Ach, solche Dingen können einem schon ganz schön auf die Nerven gehen.

Aber dann - zwischendurch - kommen immer mal wieder Beiträge, da denkt man sich: Hu! Darauf wäre man jetzt - so ohne weiteres - nicht gekommen. So zumindest nicht. Das ist irgendwie genial.

So gibt es derzeit eine innerjüdische Debatte darüber, ob "jüdische Werte" es eigentlich wirklich wert sind, erhalten zu werden in der Welt. Als Deutscher stellt man sich natürlich gleich die parallele Frage, aha, ähm ...: 1. Gibt es "deutsche Werte"? (Hm ... sicherlich ... Distinkter wären dann wohl noch "preußische", "bayerische" - aber gewiß: auch deutsche). 2. Sind es deutsche Werte eigentlich wert, in der Welt erhalten zu werden? (- ??)

Merkwürdigerweise stellen sich wenige Deutsche solche Fragen. Noch am ehesten wurde (zumindest in früheren Jahrzehnten) oft über die "deutsche Identität" diskutiert, was das eigentlich wäre etc., also über die Frage, ob das eigentlich irgendeine Bedeutung hat, wenn man "Deutscher/Deutsche" ist oder ob das absolut irrelevant für das Menschsein an sich ist. Und nun gibt es da einen Noam Feldman, von dem folgendes berichtet wird (Jewcy):
(...) He put forth a third opinion: There’s no point in preserving Jewish values if they’re not worth saving. Rather than argue about how best to sell them to the 12 million unaffiliated Jews of the world, we should be examining them critically, to see what good they do. “We are not in the business of preservation for its own sake,” he said, “at least we ought not to be.” (...)
Das kann man als einen tollen Ansatz empfinden! Man solle ethnische Werte nicht einfach "um ihrer selbst willen" bewahren wollen, sondern sollte nach dem Sinn eines solchen Bewahrens fragen.

Übrigens könnte man sich eine solche Frage doch auch als Christ stellen und bezüglich christlicher Werte. Aber warum kommt einem letzteres nun wieder ziemlich schrill vor? Weil es einem in religiösen Fragen ja nicht darum geht, ob Werte "gut" oder "schlecht" sind, sondern aus welchem Gesamtzusammenhang heraus sie gerechtfertigt werden. - Gut, eine solche Frage scheinen sich die Juden in der "Noam Feldman-Debatte" gar nicht zu stellen. Es geht gar nicht um die Frage, ob "jüdische Werte" aus einem religiösen Gesamtzusammenhang abgeleitet sind, der schon per se geschichtlich und intellektuell seit langem überholt ist. Hm! Wieder einmal ein ganz anderer Ansatz, als man ihn aus seiner eigenen Kultur kennt.

Bei so etwas fällt einem immer der dänisch-jüdische Atomphysiker Nils Bohr ein, der auf die Frage, warum er abergläubisch ein Hufeisen über der Tür hängen habe, antwortete: "Mir wurde gesagt, daß es Glück bringt auch dann, wenn man nicht dran glaubt." Das ist wohl eine sehr "rabbinische" Antwort ... Und so denken wohl heute viele Juden, die nicht bereit sind, ihre jüdische Identität (völlig) aufzugeben.

Das Spannende am Judentum ist ja, daß bei ihm Ethnizität und Religosität zusammenfallen, das ist ein Umstand, der nur noch für wenige Völker in der Welt gilt, denn ein Großteil der Völker glaubt ja, wenn, dann ebenfalls an den jüdischen Gott und nicht an irgend einen eigenen Gott. Wäre letzteres der Fall, könnte man wohl eher sagen: "Gut, die ganze germanische Edda-Götterwelt ist ein wenig schizophren in unserer Zeit. Aber daß da noch Menschen dran glauben, könnte 'gut für unser Volk sein'". (Ich glaube, so ähnlich denken auch viele atheistische Juden in Bezug auf ihr Volk.)

... Man sieht an letzterem Beispiel schon ein wenig deutlicher das Schillernde und Schrille eines solchen Ansatzes ...

Daß heute übrigens so viele nichtjüdische Völker an einen jüdischen Gott glauben, ist auf die Bemühungen in Bezug auf Proselyten-Machen von Seiten der Juden in der Antike zu rückzuführen, als die römischen Kaiser immer wieder Gesetze dagegen erließen, daß Juden ihre nichtjüdischen Sklaven beschnitten und auch andere Nichtjuden religiös zu Juden machten. Aus diesen jüdischen Bemühungen gingen Christentum und Islam hervor, vielleicht die erfolgreichste Missions-Bewegung der Weltgeschichte.

Interessant aber nun auch die "jüdischen Werte", von denen man glaubt, sie seien es wert, in der Welt heute bewahrt zu werden:
"(...) education, tzedakah, belief in the here and now, a beneficial sense of outsiderness, a strong sense of group responsibility, and an ability to succeed any society based on individualism and meritocracy. These six values make Jews special. (...)"
Puh, da kommen wir aber mit "unseren" germanischen Göttern nicht mit! "Ein starker Sinn für Gruppenverantwortung." "Die Fähigkeit, die Nachfolge jeder Gesellschaft anzutreten, die auf Individualismus und dem Leistungsprinzip aufgebaut ist." (- Richtig übersetzt?!?)

Außerdem übrigens diskutiert der konservative amerikanische Journalist John Derbyshire in der neuesten Ausgabe mit Gideon Aronoff über die Frage, warum, ob und wie amerikanische Juden Einfluß nehmen ("sollten") auf die amerikanische Einwanderungspolitik. (Jewcy) Ausgangspunkt sind einmal aufs Neue die Thesen des amerikanischen Soziobiologen Kevin MacDonald über das Verfolgen von gruppenevolutionären Strategien durch das amerikanische Judentum ("A Culture of Critique").

John Derbyshire sagt an einer Stelle:
"Are Jews at large driven by the calculating ethnocentrism described by Kevin MacDonald? Or by the universalist humanism you profess? Something of both, would be my best guess, the mix being different under different circumstances and at different degrees of religious intensity."
Die Antwort lautet:

"A Jewish Perspective Can Be Both Fully Universalist and Fully Particularist."

Donnerstag, 27. September 2007

Eva Herman - die Medien sind komplett durchgeknallt

Ein Leser schreibt an "Stud. gen.":
.... hier ist das Originaltondokument zu der „umstrittenen“ Aussage von Eva Herman:

http://www.duesseldorf-blog.de/audio/Eva_Herman.mp3

http://de.wikipedia.org/wiki/Eva_Herman

Es ist sehr aufschlussreich, daß dieser Audiomitschnitt deutlich von der Darstellung der meisten Medien abweicht. Nach meinem Gefühl kann man Hermans Aussage in diesem Sinnzusammenhang voll bejahen. Ihre Rede scheint in jedem Fall völlig ungeeignet als Entlassungsgrund zu sein. Ähnlich wie in der verflossenen DDR scheint sich die mediale Meinungsnorm zunehmend vom Empfinden der Menschen abzukapseln.
"Stud. gen." meint: Es fehlen einem die Worte dazu, wie aus einem so harmlosen Gerede ein Skandal gemacht werden kann. Grotesk. Abscheulich. (Beim Duesseldorf-Blog gibt's weitere Verweise.)

Dienstag, 17. Juli 2007

Litwinenko ...

Die britische Regierung scheint sich endlich darauf zu besinnen, wer sie ist - - - und wer ein Herr Putin ist. (Zeit) Und welche Kreise und Interessen dieser Mann vertritt.

Frau Merkel sagt: "Ich hoffe, daß diese Periode überwunden werden kann ..." Sie scheint - leider - nicht von der "Periode" des Einflusses eines Mannes wie Putin auf die nationale und internationale Politik zu sprechen. Putin hat zwar in Tschetschenien einen zweifachen, unbestraften Mörder als Regenten eingesetzt - was soll's. In Rußland herrschen halt andere Sitten. Und deshalb mußte der Amtsvorgänger von Frau Merkel die Linie vorgegeben: "Herr Putin ist ein lupenreiner Demokrat." Wahrscheinlich meinte er "lupenreiner Demokrat" in dem Sinne, in dem Herr Putin "lupenreine Demokratie" versteht.

Ekel.

Samstag, 14. Juli 2007

Bedenklich - Morde an Regime-Gegnern sind "bedenklich"

"Bedenklich" findet es die "FAZ", daß in Rußland reihenweise regimekritische Journalisten ermordet werden, ohne daß inzwischen auch nur einMord aufgeklärt worden wäre. (FAZ) "Bedenklich".

Ob wohl auch die Ehefrau von Alexander Litwinenko das "bedenklich" findet? Oder die Familie von Anna Politowskaja? - "Bedenklich". Hänge er sich dieses Wort über den Schreibtisch, Herr Werner Adam von der "FAZ".

Es gibt manche, die finden ganz anderes "bedenklich", als das, was der Herr Werner Adam von der "FAZ" bedenklich findet. Dazu gehören aber nicht westliche Geschäftsleute in Rußland. Sie sind noch wesentlich "unbedenklicher":
... Vor allem deutsche Unternehmer (sehen) in Putin einen entschlussfähigen Politiker, der für Stabilität und Ordnung in Russland eintrete. (...) Selbst russische Kritik an russischen Zuständen (wird) von westlichen Geschäftsleuten, von deutschen zumal, gewöhnlich als störend und lästig empfunden.
Auch das mögen sie sich über ihren Schreibtisch hängen: "störend" und "lästig" - also ermorden, all diese Störenfriede und Lästigen. Deutschland! Du bist so auf den Hund gekommen, daß Du es gar nicht mehr merkst, wie sehr du auf den Hund gekommen bist.

Zum Glück hast Du ja Herrn Schäuble, der das Recht auf Mord von Staats wegen an Regimegegnern auch gleich noch mit in die Verfassung aufnehmen will. - Ein einziges Irrenhaus.

Donnerstag, 12. Juli 2007

Die "Jungen Pioniere" auf dem Weg zur Weltrevolution

"Fröhlich sein und singen", so heißt eine in den neuen Bundesländern viel verkaufte CD, auf der die "schönsten Lieder" der "Jungen Pioniere" drauf sind, der Jugend-Organisation der DDR. Davon kann man sich auch im Netz einen Eindruck verschaffen. (Superillu) Zum Beispiel das "Lied vom kleinen Trompeter". Er fiel. "Mit einem mutigen Lächeln." Im Kampf für die Weltrevolution. Und die Kinder sind traurig.

Es geht so viel Optimismus und Kampfbereitschaft und Opferbereitschaft und Gemeinschaftssinn von diesen Liedern aus, daß man sich wundert und fragt: Wie konnte da trotzdem alles so schief gehen in der DDR? Wahrscheinlich einfach, weil das Grundkonzept - Aufhebung des Privateigentums - Mist war.

Da nützt dann auch der beste Idealismus und Gemeinschaftsgeist nichts mehr. Man muß die Menschen terrorisieren und einsperren, damit sie nicht aufbegehren. Schade. - Aber die Lieder sind trotzdem schön. Denn: "Jung sein" und Optimismus haben ist doch eigentlich gleichbedeutend. Aber "Jung sein" und leichter verführt werden können, manipulierbar zu sein, ist auch gleichbedeutend. Und dennoch: Die Lieder - und Texte - sind schön. Mit dem geschichtlichen Abstand tritt in den Hintergrund, daß diese Lieder auch dazu dienten, schlechte und böse Absichten zu verbrämen und die Menschen dazu zu befähigen, solche zu haben. (Superillu)

Dienstag, 10. Juli 2007

Verbrechen unter Putin's Regierung


Verbrechen, die in diesem Video (Youtube) dargestellt sind, passieren in jenem Land, das unter der Regierung von Wladimir Putin steht, den westliche Politiker anlächeln, mit dem sie Hände schütteln, für den sie gute Worte haben.

Man ist nicht jemand, der gerne auf solche Video's hinweist. Es ist aus der "New York Times" vom Oktober letzten Jahres.

Man hat kein Verständnis für Frau Merkel und ihre gesamte Regierung, daß ihr überhaupt noch persönliche Begegnungen mit diesem Herrn Putin angenehm sind.

Mittwoch, 27. Juni 2007

Mord als Mittel der Politik: CIA

Für den amerikanischen Geheimdienst ist Mord ein Mittel der Politik. Dazu wurden neue Akten freigegeben. Und niemand (?) in der Öffentlichkeit schreit auf. (Zeit) Keine Sorge: Dann wird weitergemordet werden. Das hat schon unter Churchill und Roosevelt (und bei ausdrücklicher Mitwisserschaft beider) so gut geklappt. Der frei gewählte Präsident Tschetscheniens Dudajew ist erst vor wenigen Jahren mit einer russischen, auf sein Handy ausgerichteten Rakete ermordet worden, während er sich in Friedensverhandlungen mit einem Duma-Abgeordneten befand. Niemand soll dem Irrtum verfallen, irgendetwas an unseren Zeiten würde sich bessern ... Oder doch? Wir lesen:
Eine Expertin kritisierte, die Freigabe dieser Akten sei zu wenig. Es müssten mehr Informationen über die Möglichkeiten des CIA zur Terrorabwehr zur Zeit der Anschläge vom 11. September 2001 veröffentlicht werden, sagte die Politik-Beraterin Amy Ziegart. "Wenn der Geheimdienst wirklich verbessert werden soll, dann müssen diese Papiere herausgegeben werden", sagte sie.

Montag, 25. Juni 2007

Gläubiger Christ und Lügner - folgerichtig oder ein Gegensatz?

"Du sollst nicht lügen," heißt es in der Bibel. Und Tony Blair bezeichnet sich als gläubigen Christen und hat die demokratische Öffentlichkeit auf Teufel komm raus belogen. (Zeit) Und kein Aufschrei, keine Distanzierung in den großen Kirchen? Bei der katholischen Kirche und ihrem Vertuschen von Skandalen muß einen das nicht allzu sehr wundern. Und wie sieht es mit den protestantischen Kirchen aus? Die "Zeit" schreibt:

»Moralität« heißt im Westen überwiegend ein auf monotheistischen Restvorstellungen beruhender großer Simplifikationsapparat.

Also: Die Guten und die Bösen.

Wer weiß, dass er die Weltsituation in Umrissen richtig überblickt und moralisch korrekt beurteilt, kann sich die Mühe einer genauen Kenntnisnahme der vielen Details sparen. Wenn die Aufgabe unendlich wichtig ist, sind kleine oder auch größere Unwahrheiten lässliche Sünden. Was zählt schließlich eine kleine Lüge verglichen mit der Bekämpfung des Terrors?

Das ist genau diejenige Moral und Ethik, die mir als zutiefst verabscheuenswert erscheint. (Dazu zuletzt hier oder hier.) Es sind die typischen Lügnereien der "Public Relation-Industrie", die wir in vielen Dingen schon so verinnerlicht haben, daß wir in ihnen schwimmen wie in Kakao (und den Kakao trinken, durch den man uns zuvor gezogen hat - Erich Kästner). Und wenn darunter auch Menschen, Gesellschaften leiden, sterben - egal. Hauptsache uns geht's gut.

Vor der Invasion des Iraks hat eine Gruppe führender Nahostexperten bei Tony Blair vorgesprochen, um ihn vor den Folgen einer unüberlegten Entscheidung zu warnen. Die Situation im Irak sei sehr komplex, man könne das Gleichgewicht der politischen, religiösen, und nationalen Kräfte leicht stören, man müsse vorher genau wissen, was man vorhat, wie man die Besetzung des Landes zu organisieren gedenke und so weiter. Blair soll nur widerwillig und gelangweilt zugehört haben, die Reden der Akademiker aber immer wieder mit derselben Frage unterbrochen haben: »Saddam ist aber ein Bösewicht, nicht wahr?« (»But Saddam is evil, isn’t he?«).

Selbstverständlich (!!! man höre auf den Kakao: "selbstverständlich"!!!) hat Blair eine Reihe ganz normaler, dicker Lügen erzählt und ist ein Meister im gezielten Gebrauch der Halbwahrheiten. So hat er das britische Parlament wiederholt über die Zielsetzung seiner Irakpolitik belogen. Dass Saddam Hussein einen Krieg verhindern und unbehelligt an der Macht bleiben könne, wenn er sich nur dem Willen der UN beugte, hat Blair monatelang verkündet, obwohl er schon mit George W. Bush beschlossen hatte, Saddam in jedem Fall, gegebenenfalls mit militärischer Gewalt, zu stürzen. Er hat vertrauliche, von den britischen Sicherheitsdiensten vorgelegte Analysen, die zu dem Schluss kamen, Hussein stelle keine Gefährdung des Friedens im Nahen Osten dar, in ihr Gegenteil verkehrt und in dieser gefälschten Form veröffentlicht. Die französische Position in der Frage der sogenannten »zweiten Irak-Resolution« hat er zielbewusst falsch dargestellt, um die »Schuld« für das Nichtzustandekommen dieser Resolution den Franzosen anzulasten. Von solchen Beispielen ließen sich noch weitere anführen.

- Wer sich da nicht an die Geschichte des 20. Jahrhunderts erinnert fühlt, dem ist wirklich nicht mehr zu helfen. Blair ist genau so ein Lügner wie Gerhard Schröder, wie Joschka Fischer, wie Wladimir Putin und so unendlich viele andere in dieser Traditionslinie. Fast scheint das ein Auswahlkriterium für Politiker zu sein: Wer am besten lügen kann, ist am besten geeignet Kanzler, Minister oder Präsident zu werden. Tony Blair jedoch wird - wie alle seine Freunde - ein hochgeachteter Mann bleiben ... - Und wie, wenn "all das" tatsächlich am Christentum läge?

Ich glaube, Richard Dawkins muß noch einen Nachfolge-Band schreiben zu genau dieser Thematik.

Sonntag, 24. Juni 2007

Mit Blaskapelle für eine bessere Familienpolitik?

Vor fünf Tagen veröffentlichten wir auch hier auf dem Blog einen Demonstrations-Aufruf des "Familiennetzwerks". (Studium generale) In einem neuerlichen Rundbrief weist das Familiennetzwerk darauf hin, daß die Demonstration von ihrem Origanisator, dem CDU-Bundestags-Abgeordneten Hans-Joachim Fuchtel, als Unterstützung und Bekräftigung der Familienpolitik von Angela Merkel und von Frau Ursula von der Leyen gedacht ist. Eine Schwarzwälder Blaskapelle soll voran marschieren. Und es werden die Nuancen nur leicht verschoben gegenüber der offiziellen Familienpolitik der Bundesregierung. (Familiennetzwerk) Puh! Wer hatte sich denn das so gedacht?

Mit Schwarzwälder Blaskapellen unsere fröhliche Zustimmung zur Familienpolitik der Bundesregierung zum Ausdruck bringen? Nein, wir brauchen Pfeifkonzerte. Aber heftige. Ich will ja nicht von Pflastersteinen und Barrikaden reden. Aber Tomaten gegen die Fenster des Familienministeriums und faule Eier, dagegen hätte ich nichts. - Was nun tun? Deutscher Michel? Bist Du wieder mal über's Ohr gehauen worden? Von Herrn Hans-Joachim Fuchtel? ...

Jedenfalls regt ja auch das wiederum zur Diskussion und zum Nachdenken an. Und deshalb veröffentliche ich mal den Rundbrief hier auch gleich:
Wichtige Mitteilung!

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freundinnen und Freunde,

vor wenigen Tagen veröffentlichte und verbreitete das Familiennetzwerk einen offiziellen Aufruf zur Teilnahme an einer von Hans-Joachim Fuchtel organisierten Demonstration für Familien am Sonntag, 1. Juli 2007, Berlin Mitte, 13:00. Wahrscheinlich haben auch Sie eine Einladung zur Teilnahme erhalten.

Leider sieht sich das Familiennetzwerk zu einer Korrektur gehalten:

Am 21.6.07 erschien auf der Homepage von Herrn Fuchtel eine Pressemitteilung, in der mitgeteilt wurde, dass die Demonstration ab sofort zur Unterstützung der Familienpolitik der Union initiiert wird.

Aus diesem Grund muss das Familiennetzwerk hiermit seine offizielle Unterstützung der Demonstration zurück nehmen, denn gegründet wurde das Netzwerk, um dem kollektivistischen, arbeitsmarkt-orientierten und damit kinder- und familienfeindlichen Ansatz in der Familienpolitik der Großen Koalition entgegen zu treten und alternative Wege zu beschreiten. Eine genauere Darstellung unserer Positionen finden Sie: hier.

Sofern Mitglieder des Familiennetzwerks an der Demonstration teilnehmen, tun sie dies als Privatpersonen, ebenso wie alle anderen, die zum eMail- und Briefverteiler des Familiennetzwerks gehören, dadurch von der Demonstration erfahren haben, und am 1. Juli nach Berlin kommen.

Das Familiennetzwerk bittet Sie und Euch um Weiterleitung dieser Meldung.
Ja. Vielen Dank. Meine Lust, unter Voranmarsch einer Schwarzwälder Blaskapelle für eine bessere Familienpolitik zu demonstrieren, hält sich allerdings sehr in Grenzen. Dann hört man ja von meinem Pfeifkonzert nichts. Aber es hat uns wenigstens Anregung gegeben, selbst über außerparlamentarische Widerstandsformen nachzudenken. Offenbar ist der Fraktionszwang für Herrn Fuchtel und seine Fraktions-Hörigkeit größer, als man bei seiner ersten Pressemitteilung annehmen konnte ...

... Und wie ist es, wenn man in größerem Abstand zur Blaskapelle marschiert und pfeift und Eier wirft? (... Nicht auf die Blaskapelle, denn das sind sicherlich alles brave Familienväter wie Herr Fuchtel.) - Hm!

Dienstag, 19. Juni 2007

Umverteilung von Arbeit, Einkommen und Vermögen

Christoph Butterwegge, Kölner Politikwissenschaftler und familienpolitischer Autor sagt in der "Zeit":

Will man die Erwerbslosigkeit und die (Kinder-)Armut reduzieren, kommt man an der Umverteilung von Arbeit, Einkommen und Vermögen nicht vorbei, auch wenn dies dem neoliberalen Zeitgeist widerspricht.

Im Juli erscheint sein neues Buch "Kritik des Neoliberalismus".

- Es ist merkwürdig, daß es diesem "neoliberalen Zeitgeist" immer noch gelingt, sich so zu spreizen.

Samstag, 16. Juni 2007

"Wenn die Geburtenrate so bleibt ..."

Wirtschafts-Nobelpreisträger Gary Becker ist im "Spiegel" der Meinung, daß Kinderkrippen demographisch gar nichts bringen werden. Er sagt aber weiter:

"Wenn die Geburtenrate so bleibt, wird ein Volk wie die Italiener in fünf, sechs Generationen verschwinden."

Es klingt unwahrscheinlich hilflos, wenn Herr Becker dann sagt:

"Ob die Gesellschaften Europas das Problem lösen, hängt auch davon ab, ob sie mehr Einwanderung erlauben oder nicht. Aus meiner Sicht ist das die wirksamste Art" (!!!), "die Bevölkerungszahl zu stabilisieren oder sogar zu steigern. Es ist auch die billigste: Die Einwanderer sind auf Kosten anderer Ländern ausgebildet worden, kommen nun zu Ihnen, zahlen Steuern und entlasten die Sozialsysteme."

Selbst wenn wir es nicht tragisch finden sollten, daß in Indien Eltern und Staat durch ihre Leistungen Kinder aufziehen, die dann nicht mehr zur Stablisierung des eigenen Sozial- und Wirtschaftssystems beitragen sollen, sondern zur Stabilisierung von Sozial- und Wirtschaftssystemen in anderen Weltteilen - vielleicht nicht tragisch, ... denn: "sie haben ja genug Kinder". Selbst dann also bleiben doch bei einem derart bequemen Denken und Handeln die entscheidendsten Fragen offen:

Schon heute fällt den westlichen Staaten Integration schwer und es wird mit Recht von Einwanderern zunehmend als Bevormundung verstanden, wenn sie sich an eine "Leitkultur" anpassen sollen und diese leben sollen, an der sie, da sie zunehmend in einer Parallel-Gesellschaft leben, innerlich gar keinen Anteil nehmen und haben. Viele Angehörige von Einanderer-Kulturen haben heute subjektiv schon sehr stark das Gefühl, daß sie zu einem "Ghetto" gehören, in einem "Ghetto" leben, da eben der tatsächliche Anschluß an die derzeit noch bestehende Mehrheits-Gesellschaft, also der innerliche, subjektive gar nicht mehr geleistet werden kann. Also eine echte Identifikation. Und zwar von beiden Seiten.

Wohn-"Ghetto's" für Einwanderer-Kinder

Wer in solchen Wohn-"Ghetto's" einmal eine Weile gelebt hat, der weiß das doch: Zwar kommt es hin und wieder zu freundlichen, persönlichen Kontakten. Aber dazu leben doch dort viel zu wenig Deutsche, als daß sich die Kinder der Einwanderer vollständig "angenommen" fühlen könnten (innerlich) durch die Mehrheits-Gesellschaft. Der Alltag der Einwanderer-Kinder findet eben doch im "Ghetto" statt. So empfinden sie es eben. Wenn man als Deutscher in einer solchen Wohn-Gegend lebt, käme man gar nicht auf den Gedanken, diese als "Ghetto" zu empfinden. Weil rund um das Ghetto herum ja Deutsche leben. Ich jedenfalls kam nie auf diesen Gedanken und habe mich immer gewundert, daß dort überall vom "Ghetto" die Rede war.

- Aber warum sollten denn die Einwanderer auch dauerhaften und nachhaltigen Anteil nehmen und haben an der Kultur der Mehrheitsgesellschaft? Warum sollten wir das Recht haben, ihnen eine solche Leitkultur aufzudrängen? Es wird bei den weiter stagnierenden oder sinkenden Geburtenraten der Deutschen sowieso immer schwerer werden. Und warum sollten sich die Einwanderer nicht auf ihrer Herkunftskultur besinnen oder - wie in anderern klassischen Einwandererländern (Hawaii etc.) - eine neue Einwandererkultur ausbilden mit ganz neuer Sprache, Mentalität und so weiter?

Das kann doch alles keine Lösung sein! Ich finde es geradezu ekelhaft, wenn eine Gesellschaft die sie drängensten langfristigen Stabilitäts-Probleme nicht aus sich selbst heraus löst, sondern sie von anderen, weit entfernten Gesellschaften lösen läßt oder lösen lassen will. Die abendländische Kultur und auch die gesamte Bandbreite der emanzipatorischen und aufgeklärten Lebens- und Denkweisen, Mentalitäten, Philosophie, Wissenschaft und Technik, die diese fortschrittliche abendländische Kultur ausgebildet hat, wird dadurch zu Schrott werden. Zu schlichtem Schrott. Hölderlin auf den Schrott. Goethe auf den Schrott. Rilke auf den Schrott. Die Philharmonie auf den Schrott. Eine bestimmte, sehr emanzipierte Grundhaltung in öffentlichen und privaten Diskursen: auf den Schrott. - Das alles ist doch schon heute allzu deutlich abzusehen. Mit halbherzigen Maßnahmen ist all das nicht abzuwenden.

Freitag, 15. Juni 2007

Gerhard Schröder und Prostituierte

Kleine Meldung zum Ansehen unseres "allseits beliebten" Ex-Bundeskanzlers Gerhard Schröder in den USA:
»Die Prostituierten in meinem Wahlbezirk wären beleidigt.«

Tom Lantos, US-Demokrat, darüber, warum er Gerhard Schroeder aufgrund seiner Beziehungen zu Putin doch nicht als »politische Prostituierte« bezeichnet.
(Quelle: "Zeit"-Newsletter, 13.6.07)

Sonntag, 10. Juni 2007

"O Narretei, grausamer Traum, Wahnsinn und Raserei ..."

Die Eltern sind schuld an allem - und niemals war irgend eine deutsche Regierung an irgend etwas schuld

Zu den neuesten familienpolitischen Vorschlägen

Im "5. Familienbericht der Bundesrepublik Deutschland" des Jahres 1994 legten die angesehensten familienpolitischen Experten der Bundesrepublik (unter Federführung von Rosemarie von Schweitzer) exakt und klar da, daß praktisch alles in Deutschland bezahlt wird nur die häusliche "Familienarbeit" von Eltern nicht. Und der Familienbericht forderte, daß die Betreuung von Kindern und alten Menschen zu Hause genauso bezahlt werden müsse wie die Betreuung von jungen und alten Menschen in Kindergärten und Altersheimen.

Damals schrie die Republik auf, nicht weil man nicht meinte, daß eine solche Bezahlung den Eltern nicht grundsätzlich zustehen würde, sondern einfach weil das niemand für finanzierbar hielt. Demographie kam erst einige Jahre später in die Schlagzeilen. Deshalb wurden die Vorschläge des 5. Familienberichtes bis heute niemals wirklich ausdiskutiert. Denn: Als wäre schon damals Finanzierbarkeit in solchen für ein Staatswesen existentiellen Fragen wie der Bevölkerungsentwicklung auch nur irgend ein ausschlaggebendes Argument gewesen.

Schon der "Klassiker" der deutschen Bevölkerungswissenschaft, Gerhard Mackenroth und andere Sozialpolitiker hatten unter Konrad Adenauer - also vor ziemlich langer Zeit - nicht nur eine durchgreifende Rentenreform gefordert. Diese wurde damals durchgeführt, was entscheidend zur Wiederwahl Adenauers beitrug - was also ganz klar und eindeutig egoistische Ziele verfolgte. Sondern sie hatten vollständig parallel dazu eine Umverteilung der finanziellen Lasten der Kinderbetreuung von jenen, die weniger oder keine Kinder haben zu jenen, die mehr Kinder haben gefordert. (s. St. gen. 1, 2) Es gab und gibt also gar keinen Grund aufzuschreien. Das ist eine tiefgreifende Reform. Aber das, was notwendig ist, muß schlicht getan werden. Erst recht, wenn zu dieser Thematik verpflichtende und verbindliche Bundesverfassungsgerichts-Urteile vorliegen.

Aber die Ohnmacht, die der massive Widerstand gegen einen Reformwillen im Sinne von Gerhard Mackenroth und Rosemarie von Schweitzer in der Bundesrepublik Deutschland hervorgerufen hat, führt derzeit von einer halb- und viertelherzigen Maßnahme zur nächsten viertel- und achtelherzigen Maßnahme. Ja, die Dinge drehen sich in dem Denken jener Menschen, die sich damit befassen, derzeit scheinbar vollständig auf den Kopf.

Da wird die ekelhafte Aussage getroffen, daß man nicht möchte, daß das an Eltern gezahlte Betreuungsgeld in Zigarettenautomaten oder in der Kneipe ausgegeben wird. (Zeit) Wenn es ums Geld geht, das nicht gezahlt werden soll, dann denkt man plötzlich an Kindesvernachlässigung in Deutschland, dann ist das plötzlich ein Argument. Aber: Was ist denn das für ein Elternbild? Was ist denn das für ein Elternbild? Was für eine schwerwiegende Beleidung stellt eine solche Art von Argumentieren für Millionen von Mütter und Väter in der Bundesrepublik Deutschland dar? Hier wollen Leute die gesamte Republik umkrempeln nur um die von Mackenroth geforderten Reformen nicht endlich durchführen zu müssen.

Jeder Mensch in unserer Gesellschaft wird für die Leistungen bezahlt, die er erbringt, und niemand fragt, wie er seinen Lohn ausgibt. Aber Millionen deutscher Eltern dürfen ihren Lohn nicht in Zigarettenautomaten und in der Kneipe ausgeben. Wobei auf das außergewöhnlich späte Tätigwerden deutscher Regierungen zu Themen wie Zigarettenwerbung und gesundheitsschädigenden, verqualmten Kneipen nur noch so ganz nebenbei hingewiesen werden soll. Auch auf das immer noch nicht Tätiggeworden-Sein in Fragen der Seelenverschmutzung von Kindern und Erwachsenen durch Videos, Internet, Zeitschriften und Fernsehen.

Nein, keine deutsche Bundesregierung war jemals an den Mißständen der heutigen Zeit schuld. Die Eltern - sie und sie allein sind an allem Schuld. Welch ein absurdes Auf-den-Kopf-Stellen allen sachlichen, vernünftigen familienpolitischen Denkens.

Da lesen wir in der "Zeit":

Das Betreuungsgeld soll nicht bar ausgezahlt werden, sondern in Form von Gutscheinen, die nur direkt in der Kita oder bei der Tagesmutter eingelöst werden können – nicht aber am Zigarettenautomaten oder in der Kneipe. »Ich möchte, dass das Geld direkt bei den Kindern ankommt«, sagt die CDU-Politikerin.

Das sind schwerwiegende Sätze, die hier ausgesprochen werden. Vielleicht ist sich Frau von der Leyen gar nicht bewußt, was sie hier über Eltern sagt. Man kann sich als Vater oder Mutter schwer beleidigt fühlen durch diese Worte von Frau von der Leyen. Ist sie sich dessen bewußt?

So bleibt sie ihrer Position treu, dass der Ausbau der Kinderbetreuung nur als Einheit zusammen mit einem Ausbau von frühkindlicher Förderung und Bildung gedacht werden kann.

Soll heißen: Alle Kinder sollen in die Krippe. Offenbar stellen Eltern eine Gefahr für ihre eigenen Kinder dar, wenn sie nicht arbeiten gehen:

Die Argumentation zielt besonders auf die benachteiligten Kinder aus sozial schwachen Familien und bildungsfernen Haushalten ab, deren Sprachkenntnisse häufig nur aus dem Fernsehen stammen. Die Ministerin will mit ihrem Vorstoß dem von der OECD kritisierten Missstand entgegenwirken, dass die Zukunftschancen der Kinder in Deutschland zu sehr von der sozialen Zugehörigkeit der Eltern abhängig sind.


Alle Mißstände in Deutschland, alle will man mit - - - Kinderkrippen lösen, mit Kinderkrippen. Und dabei werden pauschal Millionen deutscher Mütter und Väter - nein, nicht mehr nur benachteiligt, sie werden: schwer beleidigt.

Wie reagieren aber nun Menschen, die dagegen Widerstand leisten? Warum hört man von Linksparteien nichts? Fordern sie nicht auch einen gerechteren Familienlastenausgleich als bisher? Fordern das nicht alle Parteien schon seit Jahrzehnten? Alles innerhalb weniger Tage und Monate vergessen?

Der familienpolitische Sprecher der Unions-Bundestagsfraktion, Johannes Singhammer (CSU), beharrt auf einem angeblich absolut wasserdicht verhandelten Koalitionskompromiss, wonach Eltern pro Kind künftig eine bar ausgezahlte Betreuungspauschale von 150 Euro monatlich bekommen sollen – die sie entweder in aushäusiger Kinderbetreuung anlegen oder für die eigene Haushaltskasse nutzen können, wenn ein Elternteil die Betreuung übernimmt. Die bayerische Sozialministerin Christa Stewens assistiert mit einer Boykottdrohung in Richtung Berlin, sollte die Koalition das Geld nicht bar auszahlen wollen.

Gut und schön. Aber warum wird das von der CSU nicht mit allen verfügbaren und klaren Argumenten unterstützt, die schon seit Jahrzehnten vorliegen? Warum hält man nur starr an Vereinbarungen fest? Warum diskutiert man die Dinge nicht aus? Warum redet man nicht über Gerhard Mackenroth? Warum nicht über Rosemarie von Schweitzer? Will man den großen Irrtum Adenauers und die Versäumnisse so vieler anderer CDU- (und SPD-)Regierungen nicht eingestehen, nicht anerkennen - immer noch verdecken? Sieht denn niemand etwas Absurdes an den gegenwärtigen Vorschlägen und Diskussionen? Aber schon Herr Stoiber hat ja Unwort des Jahres 2007 in den Mund genommen, das Unwort von der "frühkindlichen Bildung". Frau von der Leyen hat schon etwas abgewandelt, abgemildert, spricht von "frühkindlicher Förderung und Bildung". Das sagt aber doch nur wenig anderes aus.

Aber es wird immer noch absurder:

Die Gutscheinlösung baut auf der Annahme auf, dass mit etwas mehr Geld für die Familien die Kinderarmut kaum zu bekämpfen ist. Diese Position, die sich auch Ursula von der Leyen zu eigen gemacht hat, vertreten vor allem die beiden Experten am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW), Katharina Spieß und Gert Wagner. Die Politik könne nicht beeinflussen, wofür die Eltern ihr Geld ausgeben, sondern nur an den für Kinderarmut verantwortlichen Ursachen etwas ändern – an den zu niedrigen Einkommen oder an der Erwerbslosigkeit der Eltern. Deren Chancen auf Arbeit erhöhen sich, wenn die Kinder angemessen betreut sind.

Also wieder sind die Eltern schuld. Wieder. Immer nur die Eltern, die Eltern, die Eltern. Keine deutsche Regierung seit Adenauer. Nein: Die Eltern. Sie sollen gefälligst arbeiten gehen. Und ihre Kinder in die Krippe bringen.

Im Jahr 2001 gaben in einer Studie der DIW-Wissenschaftler in Westdeutschland 80 Prozent der Mütter mit Vorschulkindern an, dass der Grund für ihre Arbeitslosigkeit der Mangel an Betreuungsmöglichkeiten für ihre Kinder sei. Ein Betreuungsgutschein würde diese Eltern animieren, die Kinder tatsächlich außer Haus betreuen zu lassen.

Handfeste Erziehungsabsichten - gegenüber Eltern. - - - Man möchte die Politiker dringend bitten, sich anzuschauen, was Gerhard Mackenroth und Rosemarie von Schweitzer und so viele andere Fachleute schon vor vielen Jahren und Jahrzehnten gesagt und gefordert haben. Und man möchte sie dann bitte, dringendst den Egoisten in unserer Gesellschaft auf die Füße zu treten - und sollten sie es selbst sein. Daß eine Umverteilung der Einkommen von den Kinderlosen zu denen, die Kinder haben, stattfinden muß, diese Forderung steht seit Jahrzehnten und es wird immer nur weitergewurstelt.

Kinder sind nicht an Eltern interessiert, die arbeiten gehen. Kinder sind an Eltern interessiert.

Es ist schon so viel Narretei aus dem "Zeit"-Artikel zitiert worden, daß ich verzichte, den Rest auch noch zu behandeln und zu zitieren. Denn es folgen noch weitere Narreteien.
Bin ich im Fieber? Ist das ein Spuk
Der nächtlichen Phantasei?
Äfft mich ein Traum? Es träumet mir
Grausame Narretei.

(...)

O Narretei, grausamer Traum,
Wahnsinn und Raserei!
Es gähnt die Nacht, es kreischt das Meer,
O Gott! o steh mir bei!

O steh mir bei, barmherziger Gott!
Barmherziger Gott Schaddey!
Da schollerts hinab ins Meer - O Weh -
Schaddey! Schaddey! Adonay! -

(Heinrich Heine)

Freitag, 8. Juni 2007

"Wettbewerb der Lebensformen" und Gleichschaltung im 20. Jahrhundert

Michael Blume hat es wieder einmal geschafft, Gedanken in Bewegung zu setzen (Studium generale) und einen dazu zu veranlassen, Ergebnisse alter Literatur-Recherchen herauszusuchen. Daß es Atheisten und Kirchenfreie in großer Zahl gibt, ist ja auch ein Phänomen, das erst 100 Jahre alt ist, und mit dem man sich schon häufiger intensiver auseinander gesetzt hat. Es muß ja nicht unbedingt sein, daß 100 Jahre ausreichen, um neue, stabile, evolutiv erfolgreiche Gemeinschaftsstrukturen in diesem Bereich zu etablieren.

Man könnte zum Beispiel in der Gruppe der Religionslosen mal untersuchen, ob es "soziale Marker", Gruppenzugehörigkeiten, Untergruppen gibt, die auch nur *irgendwie* mehr mit Familienstabilität, Kinderzahlen korrelieren, als der Durchschnitt dieser Gruppe heute. Ganz wild durcheinander gefragt:
- Wie sieht es zum Beispiel mit Outdoor-Aktivitäten aus (Häufigkeit etc.)?
- Wie sieht es aus mit gesellschaftlichem Engagement?
- Gibt es bestimmte Berufsgruppen, die herausragen (Pädagogen, Heilberufe ...)?
- Gibt es "Sekten", Gruppierungen, bei denen man diesbezüglich irgend welche Aussagen machen könnte? (Wie sieht es da z.B. mit den Anthroposophen aus? Oder sind die unter der Rubrik christlich einzuordnen?)
- Sollte man sich diesbezüglich einmal die diversesten "neuen religiösen Bewegungen des 20. Jahrhunderts" anschauen? (Dazu unten noch mehr.)
- Wie sieht es aus mit den Lebensreform-Bewegungen des 20. Jahrhunderts?
Wie sieht es nun mit der Stabilität all dieser Gruppen jenseits der "großen monotheistischen Religionen" aus? Das wären dann so in etwa parallele deutsche Untersuchungen zu den Untersuchungen von Richard Sosis zur Stabilität von religiösen und nicht-religiösen gemeinschaftlichen Gruppierungen.

Wandervögel

Wild herausgegriffen: Meine beiden Omas waren Wandervögel, die eine hatte vier, die andere hatte sieben Kinder. Ihrem Lebensoptimismus verdanke also auch ich mein Leben (ebenso wie meine Schwestern). Beide sind entweder kurz vor oder nach der Eheschließung aus der Kirche ausgetreten. Ehestabilität bei beiden bestens. Eine frühere, greise Vermieterin von mir stammt aus einer bekannten Professoren-Familie, der auch Christiane Nüßlein-Vollhart ihr Leben verdankt. Auf den sehr kinderreichen Familienfotos, die meine Vermieterin an der Wand hängen hatte (glaube, sie hatte 10 Geschwister), waren alle Kinder in Wandervogel-Kluft mit dem breiten "Schiller-Kragen" (so hieß der wohl) abgelichtet. (Auch meine Vermieterin selbst hatte fünf Kinder.)

Auch im Wanderverein meiner Eltern waren viele alte Wandervögel, die aus kinderreichen Familien stammten. Und die Kirchennähe der Wandervögel war nicht besonderes ausgeprägt (- ganz bestimmt jedenfalls geringer als bei den Pfadfindern.)

Auch die "großen" Religionen waren einmal klein

Alle heutigen "großen" Religionen sind ja schon das Ergebnis Jahrhunderte langer Auslese-Prozesse. Sie haben alle so ähnlich angefangen, wie die gerade eben erwähnten Gruppierungen. Sie haben alle ebenso in ihren Anfängen Phasen der Instabilität durchlaufen, wie sie seit hundert Jahren kirchenfreie Gruppierungen erfahren, die um neue gemeinschaftliche Lebensformen ringen. Und sie haben in diesen Prozessen ähnlich viele andere instabile, erfolglose Experimente zurückgelassen wie sie auch in den letzten hundert Jahren auf nichtchristlicher Seite wieder "eingegangen" sind.

Totalitarismen bremsen oder stoppen den Wettbewerb

Aber wenn wir weiter darüber nachdenken: Keine dieser Gruppierungen ist irgendwann einmal in größerem Maße als "staatstragend" empfunden worden von den herrschenden Kräften so wie dies von den großen Kirchen immer ganz selbstverständlich der Fall war (zum Beispiel auch im Dritten Reich). Und daß sich keine dieser neuen Gruppierungen bisher stabiler - und in Religions-Statistiken nachweisbar - durchgesetzt hat, ja, überhaupt stabil geblieben ist, liegt natürlich nicht zuletzt auch an den Totalitarismen des 20. Jahrhunderts. Noch ehe sich viele von diesen neuen Bewegungen stabilisieren konnten, wurden sie schon wieder von diesen Totalitarismen geschluckt bzw. - "gleichgeschaltet".

Bis heute läßt sich das beobachten. Zuletzt wieder die Gleichschaltung der großen Friedens- und Umweltschutzbewegung in Form eines kriegsführenden und mit mörderischen Staatsmännern kooperierenden Außenministers, der den Tief- und Endpunkt einer großen Aufbruch- und Erneuerungsbewegung (sicherlich insgesamt sehr kirchenferner Art) bedeutete. Frühere Gleichschaltungen bezogen sich auf die Bürgerrechtsbewegung in der früheren DDR nach 1989. Und so kann beliebig weiter in der Geschichte zurück gegangen werden bezüglich der Gleichschaltung, dem Absorbieren gesellschaftskritischer, lebensreformerischer Bewegungen. Solche "Gleichschaltungen" werden also sowohl von Orwell'schen "Diktaturen durch Verängstigung" wie von Huxley'schen "Diktaturen durch Verwöhnung" praktiziert - und die zweite genannte Form der Diktatur ist heute - wenn Robert Trivers und Noam Chomsky recht haben - die Gefährlichere, weil viel leichter zu Selbsttäuschungen verleitende. (Studium generale 1, 2)

Und genauso wie sich die großen monotheistischen Religionen am Anfang in heftigen intellektuellen "Weltanschauungs-Kämpfen", "Kulturkämpfen" gegen eine andersartige und anders denkende Mehrheitsbevölkerung durchsetzen mußten, genauso müssen auch heute Kirchenfreie ringen, nicht nur nach innen in Richtung Stabilisierung von Ehe, Familie und etwaiger Gruppenzusammengehörigkeit (siehe etwa Giordano-Bruno-Gesellschaft), sondern eben auch nach außen in Richtung Anerkennung und gesellschaftliche Akzeptanz.

Forschungsliteratur

Wie sieht es nun mit der religionswissenschaftlichen Aufarbeitung all dieser Dinge aus? Vom evolutionsbiologischen Standpunkt ist mir da - merkwürdigerweise - noch überhaupt nichts bekannt. Vom rein geisteswissenschaftlichen Standpunkt ist natürlich da überall schon allerhand "gesammelt" und "gesichtet" worden (- auch von mir, grins: 1 - 12): Da gibt einen "Arbeitskreis zur Geschichte neuer Religiosität im 20. Jahrhundert", organisiert von der Berliner Skandinavistik-Professorin Stefanie von Schnurbein und dem Mitarbeiter der "Stiftung Weimarer Klassik" in Weimar, Justus H. Ulbricht. Da gibt es unter vielem anderen das "Archiv der deutschen Jugendbewegung" auf Burg Ludwigstein (Nordhessen), das die Lebensrefom-Bewegungen des 20. Jahrhunderts aufarbeitet. (1 - 4) Da gibt es die Freireligiöse Bewegung, die selbst und deren Umfeld geschichtlich dokumentiert wird. (5 - 7) Da gibt es dann die breiten, immer stärker ins Politische hinüberschwenkenden Strömungen der "Konservativen Revolution" und der "Völkischen Bewegung" im 20. Jahrhundert. Sie werden natürlich von verschiedensten Seiten aus aufgearbeitet. (8 - 12) Aber natürlich ist auch "Politische Religion" Religion, die religionswissenschaftlich analysiert werden könnte und sollte. Und außerdem wären natürlich auch die Freidenker-Verbände zu berücksichtigen, die dezidiert atheistischen Vereinigungen, sowie dann all die gesellschaftskritischen Protestbewegungen der 1960er und 1970er Jahre, ihre Kommunen, Bürgerinitiativen etc.. Und sicherlich hat eine solche Liste immer noch unwahrscheinlich viel Wesentliche unberücksichtigt gelassen. Zum Beispiel die "Frankfurter Schule", die natürlich auch in gewisser Weise ein "staatstragender Religions-Ersatz" war und ist. Und zwischen all diesen Dingen gibt es dann viele Verflechtungen, fließende Übergänge, heftige Abstoßungen, also insgesamt viel Wettbewerb, aber Wettbewerb, in dessen Verlauf die beiden größten bisherigen Kriege der Weltgeschichte geführt worden sind.


1. Diethart Kerbs; Jürgen Reulecke: Handbuch der deutschen Reformbewegungen 1880 bis 1933, Peter Hammer Verlag, 1998 (Amazon)
2. Symposium des Archivs der deutschen Jugendbewegung: Die Wiederbelebung jugendbündischer Kulturen in der deutschen Nachkriegsgesellschaft (1945 - 1960), Oktober 2004
3. Hepp, Corona: Avantgarde. Moderne Kunst, Kulturkritik und Reformbewegungen nach der Jahrhundertwende. dtv, München 1992 (1987)
4. Linse, Ulrich: Barfüßige Propheten. Erlöser der zwanziger Jahre. Siedler-Verlag, Berlin 1983
5. Cancik, Hubert: Religions- und Geistesgeschichte der Weimarer Republik. Patmos Verlag, Düsseldorf 1982
6. Bronder, Dietrich: Die Geschichte des Bundes Freireligiöser Gemeinden bis 1945. In: Bund Freireligiöser Gemeinden Deutschlands (Hg.): Die Freireligiöse Bewegung - Wesen und Auftrag. Selbstverlag, Krach in Mainz 1959
7. Heyer, Friedrich (Hg.): Religion ohne Kirche. Die Bewegung der Freireligiösen. Ein Handbuch. Evangelische Zentralstelle für Weltanschauungsfragen, Quell Verlag, Stuttgart 1977
8. Mohler, Armin: Die Konservative Revolution in Deutschland 1918 - 1932. Ein Handbuch. 4. Aufl. Darmstadt, Wissenschaftliche Buchgesellschaft 1994
9. Bronder, Dietrich: Bevor Hitler kam. Hans Pfeiffer Verlag, Stuttgart 1953
10. Buchheim, Hans: Glaubenskrise im Dritten Reich. Drei Kapitel nationalsozialistischer Religionspolitik. Deutsche Verlagsanstalt, Stuttgart 1953
11. von Schnurbein, Stefanie; Justus H. Ulbricht (Hg.): Völkische Religion und Krisen der Moderne. Entwürfe "arteigener" Glaubenssysteme seit der Jahrhundertwende. Verlag Königshausen & Neumann, Würzburg 2001
12. Puschner, Uwe; Schmitz, Walter; Ulbricht, Justus H.: Handbuch zur "Völkischen Bewegung". K.G. Saur Verlag, München u.a. 1996
13. Maier, Hans (Hg.): Totalitarismus und Politische Religionen. Konzepte des Diktaturvergleichs. Band 1 - 3. Ferdinand Schönigh Verlag, Paderborn u.a. 2003

Donnerstag, 7. Juni 2007

"Zerreißen will ich das Geweb der Arglist ..."

Er hat die Schnauze voll - Ein Nobelpreisträger
(Zu Englisch: "He is pissed off ...")

Vorbemerkung (7.2.2016): Das Wort von der "Lügenpresse" kam 2014 auf den Pegida-Demonstraionen in Dresden auf (Wiki). Dieser Beitrag zeigt, dass das Phänomen "Pinocchiopresse", bzw. "Lügenäther" (Peter Sloterdijk) in der Wissenschaft schon spätestens seit 2006 bekannt ist.

Die folgenden Ausführungen werden Wolf Biermann, der auch oft die Schnauze voll hat oder voll nimmt, nicht gefallen. Andererseits müssen nicht jedem die jüngsten, sehr undifferenzierten Äußerungen Wolf Biermanns zum palästinensisch-arabischen Konflikt besonders gefallen. Und man darf sich insbesondere fragen, ob sie im Sinne seiner früh verstorbenen Freunde Rudi Dutschke, Jürgen Fuchs oder Rudolf Bahro wären, die alle - wohl - in ähnlicher Weise gewissen Geheimdiensten unbequem waren, so wie neuerdings der russische Regime-Gegner Alexander Litwinenko.

Robert Trivers

Durch "Gene Expression" stößt man auf ganz neue, sehr direkt politische Implikationen der modernen Soziobiologie und des etwaig durch diese wiederbelebten "neuen Atheismus". - Robert Trivers (geboren 1943) ist nach William D. Hamilton (1936 - 2000) der zweite große theoretische Begründer der Soziobiologie. Er hat das Prinzip des Gegenseitigkeits-Altruismus formuliert in Ergänzung zu William D. Hamilton's Prinzip des Verwandten-Altruismus, also "des E = mc2 der Evolutionären Psychologie". Bis heute hat er viele wichtige, weitere Beiträge zur modernen Evolutionsbiologie geleistet, unter anderem zur Theorie von Täuschung und Selbsttäuschung. Auch ein dickes Lehrbuch hat er verfaßt.

Robert Trivers ist, wie viele wohl heute zum ersten mal erfahren, ein unerschrockener Kritiker politischer Mißstände, vielleicht noch ein viel unerschrockenerer, als sein Freund Bill Hamilton, der in seinen Erinnerungen "Narrow Roads of Gene Land" durchaus auch schon so mancherlei Kritisches und "Unkorrektes" zu äußern bereit war, so daß jedenfalls die Herausgeber mehrmals über der Frage zögerten, ob sie diese Aufzeichnungen vollständig veröffentlichen sollten. Wir haben es also im folgenden mit einem weiteren, neuen Stadium in der politisch unkorrekten Geschichte dieser mißliebigen Wissenschaftsrichtung zu tun: der Soziobiologie ...

Alan Dershowitz

Wohl weil Robert Trivers (amerikanisch-)jüdischer Abstammung ist, interessiert er sich auch sehr stark für den israelisch-arabischen Konflikt (- wie ja jüngst auch Wolf Biermann). Und wie man aus neuesten Berichten erfährt (chronologisch: Inside Higher Education 2005, Seed 2006, Inside Higher Education April 07, Inside Higher Education Mai 07, Frontpage Magazine, Gene Expression), hat er vor kurzem aus diesem Anlaß einen privaten Brief an Alan Dershowitz, den Herausgeber des einflußreichen "Wall Street Journal" und zugleich Professor an der Harvard-Universität, geschrieben, der unter anderem eine heftige Passage enthielt. Sie schlägt einen herausfordernden - oder vielleicht auch richtiger: zornigen - Ton an, wie man ihn in dieser Weise bisher noch niemals von irgend einem Soziobiologen zu politischen Fragen vernommen hat:
“Regarding your rationalization of Israeli attacks on Lebanese civilians, let me just say that if there is a repeat of Israeli butchery toward Lebanon and if you decide once again to rationalize it publicly, look forward to a visit from me. Nazis — and Nazi-like apologists such as yourself — need to be confronted directly.”
Auf Deutsch übersetzt:
"Lassen Sie mich in Hinsicht auf Ihr Entgegenbringen von Verständnis gegenüber den israelischen Angriffen auf libanesische Zivilisten sagen, daß wenn es eine Wiederholung von israelischer Schlächterei gegen den Libanon geben sollte und Sie entscheiden sollten, diesem noch einmal öffentlich Verständnis entgegen zu bringen, daß Sie dann mit einem persönlichen Besuch meinerseits rechnen können. Nazis - und Nazi-ähnlichen Apologeten wie Ihnen - muß man sich direkt in den Weg stellen."
Nun. Recht unzweideutig. Wissenschaftsblogger Razib Khan fragt - rhetorisch -: "Bob Trivers - a bad ass?" Und ein Kommentator schreibt:
"Dershowitz hat wirklich ein schreckliches Maul, das mehr zum Nachteil der eigenen Sache hervorbringt, als er sich selbst vorstellen kann."
Aufgrund dieses Briefes jedenfalls wurde Trivers, der letztes Jahr den "Nobelpreis für Biologie" erhalten hatte (das ist der "Crafoord-Preis für Biowissenschaften"), kurzfristig von einem Vortrag ausgeladen, den er an der Harvard-Universität halten sollte. Dies geschah, nachdem Alan Dershowitz den zitierten Brief ("routinemäßig", wie er sagt) an die Polizei-Abteilung von Harvard weitergegeben hatte.

Norman G. Finkelstein

Trivers, so ist weiter zu erfahren, hatte diesen Brief geschrieben, um den Äußerungen von Dershowitz über Norman G. Finkelstein zu widersprechen, also um zugunsten des Kritikers der "Holocaust-Industrie" Partei zu ergreifen. - Neuerlich eine ziemlich brisante Sache ... Es geht noch weiter: Alan Dershowitz ist einer der prominentesten Vertreter der von Norman G. Finkelstein so apostrophierten und kritisierten "Holocaust-Industrie". Und er hat offenbar versucht, das Erscheinen des jüngsten Buches von Norman G. Finkelstein ("Beyond Chuzpah") zu verhindern. Alan Dershowitz scheint sich nach den Berichten unglaublich durch dieses Buch angegriffen zu fühlen. Das war 2005. - Wie man feststellen kann, ist das Internet voll mit Dershowitz-Kontroversen: Wikipedia.

Forschungsgelder

Dieses Jahr nun verweigerte der Dekan des Universitäts-Fachbereichs, an dem Israel Finkelstein arbeitet, die ihm vom Fachbereich selbst schon mehrheitlich gewährten Forschungsgelder. Es gehen Gerüchte um, daß Dershowitz daraufhin arbeitet, daß Finkelstein entlassen werden solle. Diese Umstände offenbar haben den Brief von Trivers ausgelöst. Aber weiterhin ist auch zu erfahren, daß zwei Schwestern von Trivers mit libanesischen Männern verheiratet sind. Seine Worte sind also aus direkter persönlicher Betroffenheit heraus geschrieben - man könnte auch sagen aus: Verwandten-Altruismus.

Täuschung und Selbsttäuschung

Robert Trivers hat vor allem auch die evolutionsbiologische Funktion von Täuschung und Selbsttäuschung auf der Ebene von Individuen und Gruppen erforscht. In einem Gespräch mit dem berühmten Sprachforscher und Kritiker einer zu Israel-freundlichen US-Außenpolitik, Noam Chomsky, im September letzten Jahres (Seed 2006) wurden daraus zahlreiche Nutzanwendungen für die gegenwärtigen Politik gezogen. So sagte Chomsky zum Beispiel (Hervorhebungen nicht im Original):
"... we now have huge industries deceiving the public—and they're very conscious about it, the public relations industry . Interestingly, this developed in the freest countries—in Britain and the US—roughly around time of WWI, when it was recognized that enough freedom had been won that people could no longer be controlled by force. So modes of deception and manipulation had to be developed in order to keep them under control. And by now these are huge industries. They not only dominate marketing of commodities, but they also control the political system. As anyone who watches a US election knows, it's marketing. It's the same techniques that are used to market toothpaste. And, of course, there are power systems in place to facilitate this. (...) You have to reconstruct a picture of the world in order to be conducive to the interests and concerns of the educated classes, and this involves a lot of self-deceit."
Zu deutsch:
"Wir haben nun riesige Industrien, die die Öffentlichkeit betrügen - sie sind sich dessen sehr bewußt, die Public relation-Industrie. Interessanterweise wurde sie in den freisten Ländern - in Großbritannien und den Vereinigten Staaten - ungefähr in der Zeit des Ersten Weltkrieges entwickelt, als erkannt worden war, daß genügend Freiheit gewonnen war, so daß Menschen nicht mehr länger durch Gewalt kontrolliert werden konnten. So wurden Wege der Täuschung und Manipulation entwickelt, um sie unter Kontrolle zu halten. Und nun sind es riesige Industrien. Sie dominieren nicht allein den Wirtschaftsbereich, sondern ebenso das politische System. Und jeder, der die US-Wahlen beobachtet, weiß, daß es Marketing ist. Es werden die gleichen Techniken benutzt wie die, mit denen Zahnpasta verkauft wird. Und natürlich gibt es da Machtsysteme, die das erleichtern. (...) Man muß ein Bild der Welt zeichnen, um die Interessen und Absichten der gebildeten Klassen zu fördern und dies schließt eine ganze Menge Selbsttäuschung mit ein."
Abb.: Pegida-Demonstration - Dresden, 21. April 2014 (Wiki)
Ein ganzer "Schwarm von Lügen"

Ja, als Zeithistoriker kann man jedes einzelne dieser Worte bestätigen. Das 20. Jahrhundert war ein "Jahrhundert der Lügen". Und was diesen Aspekt der Geschichte betrifft, so scheint das 20. Jahrhundert noch heute nicht zu Ende zu sein. Trivers antwortete unter anderem:
"... So let me ask you, when you think about the leaders—let's say the present set of organisms that launched this dreadful Iraq misadventure—how important is their level of self-deception? We know they launched the whole thing in a swarm of lies, the evidence for which is too overwhelming to even need to be referred to now. My view is that their deception leads to self-deception very easily. ..."
/ Ergänzung Febr. 2015: Soviel schon vor acht Jahren hier auf dem Blog zum Thema "Unwort des Jahres 2014", bzw. zu den Rufen auf den Dresdener Pegida-Demonstrationen "Lügenpresse - halt die Fresse". Chomsky und Trivers jedenfalls sagten schon vor vielen Jahren der Sache nach nichts anderes .../ Trivers sagt gegen Ende des Gespräches unter anderem:
"There is excellent work being done on deception in other creatures. To give you just one line of work that's of some interest: We find repeatedly now—in wasps, in birds and in monkeys—that when organisms realize they're being deceived, they get pissed off. And they often attack the deceiver. Especially if the deceiver is over-representing him or herself. If you're under-representing and showing yourself as having less dominance than you really have, you're not attacked. And the ones that do attack you are precisely those whose dominance status you are attempting to expropriate or mimic.
It's very interesting and it suggests some of the dynamic in which fear of being detected while deceiving can be a secondary signal, precisely because if you are detected, you may get your butt kicked or get chased out."
Das Gespräch ist noch viel länger. Aber mit den gebrachten Auszügen ist zunächst genug von der Richtung des Denkens aufgezeigt worden, das hier verfolgt wird. Insofern der "neue Atheismus" dabei mithelfen sollte, "das Geweb der Arglist" zu zerreißen, wie das ja auch Richard Dawkins, James Watson und viele andere immer wieder tun, könnte man allerdings sehr viel von ihm erwarten:
Zerreißen will ich das Geweb der Arglist,
aufdecken will ich alles, was ich weiß!
In der Tat kann das Verfolgen von Lobby-Interessen interpretiert werden als das Verfolgen von "gruppenevolutionären Strategien". Dazu hat der Evolutionäre Psychologe Kevin MacDonald aufschlussreiche Studien vorgelegt.

/Abbildung hinzugefügt: 7.2.16/
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