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Dienstag, 10. Juni 2008

Genetische Unterschiede beim Menschen

Genetische Gruppenunterschiede beim Menschen machen wieder einmal Schlagzeilen.

In der "Time" von Mitte Mai wurde ein neues amerikanisches Gesetz gegen "genetische Diskriminierung" kommentiert. Und "Die Welt" brachte zu gleicher Zeit einen Bericht darüber, daß die Doping-Kontrollen des europäischen Sports aus genetischen Gründen bei Menschen asiatischer Herkunft nicht verfangen. Und "Bild der Wissenschaft" und "New Scientist" berichten heute über eine neue Studie, nach der Träger von ADHS-Genen bei kenianischen Hirtenvölkern als Nomaden besser ernährt sind als bei Seßhaften.

Und die Forscher der letztgenannten Studie erörtern die Selektionsbedinungen, unter denen erbliche Neigung zu ADHS in der Evolution erfolgreich ist, und warum sie niemals so erfolgreich war, daß alle Menschen einer Gruppe (oder die ganze Menschheit) die Anlage für ADHS besitzen. In jedem Fall wird es auch heute noch schwierig sein, Menschen mit ADHS "gleiche Chancen" zu gewährleisten wie Menschen ohne ADHS und umgekehrt. Die Natur "diskriminiert", unterscheidet, benachteiligt und bevorteilt hier ja überall selbst. Durch "banale" Gleichbehandlung baut man genetisch bedingte "Ungleichheit" unter Menschen nicht einfach ab.

Asiaten und Doping-Kontrollen

Und wie war das mit den Doping-Kontrollen? Am meisten wird ja mit Testosteron-ähnlichen Mitteln gedopt. Die Abbauprodukte des Testosterons, auf die kontrolliert wird, scheiden aber Asiaten nun gar nicht über den Urin aus. "Die Welt" wörtlich:
Asiaten fehlen bestimmte Enzyme. Das führt unter anderem auch dazu, dass Asiaten schon nach geringen Mengen Alkohol betrunken sind, während Schwarze und Weiße mehr als das Dreifache vertragen. Oder dass vielen Chinesen, Japanern oder Philippinern Milchprodukte deutlich schlechter bekommen als Europäern. Obendrein fehlt bei bis zu 90 Prozent aller Asiaten offensichtlich genetisch bedingt ein Enzym, das an der Ausscheidung von Testosteron beteiligt ist.
Wie aber geht man mit solchen und vielen anderen genetischen individuellen und Gruppen-Unterschieden bei Menschen um? Indem man einfach "genetische Diskriminierung" verbietet? Die "Time" macht auf die Problematik in diesem Zusammenhang aufmerksam:
... This law forbids the use of genetic information garnered in blood tests. But your genes affect your life in many ways. To avoid all the controversy around the concept of "intelligence," let's consider a slightly different concept called "talent." Is it unfair that Yo-Yo Ma can play cello better than I can? Or that people hire Frank Gehry instead of me when they want a beautiful building, or that Warren Buffett is a better stock picker? Sure, it's unfair. And it's unfair in precisely the same way the results of a genetic test are: my lack of talent at playing the cello is something I was born with and beyond my control. Could I have overcome my lack of talent through discipline and hard work? Maybe, but not enough to scare Yo-Yo. In fact, picking stocks or trying to play the cello is a genetic test, to some extent. It's just one that doesn't require the drawing of blood. But we can't outlaw discrimination on the basis of talent. We don't want to. Discrimination in favor of talent--rewarding a talented cellist over a lousy one--is how we get talent to express itself.

As writers like Richard Dawkins (The Selfish Gene) and Robert Wright (The Moral Animal) have taught us, it is hard to draw the line between aspects of the human condition that are genetically determined and aspects that are the result of free will. The science of evolutionary psychology can explain why you work hard and how you developed the talent for glad-handing that has served you so well. Even these behaviors are in your genes, just like a predisposition to develop cancer.

Mittwoch, 19. März 2008

Der Kindergarten - oder: Die ausgelutschte Zitrone Kind

Wozu hat man Kinder? Um den Alltag nicht mit ihnen zu verbringen?

Abb. 1: F. W. A. Fröbel
- So sieht ein Wohltäter der Menschheit aus?
Ein Vater schreibt an "Stud. gen."*):
Wir haben eine entzückende, kleine, zweieinhalbjährige Tochter. Geradezu "wie aus dem Bilderbuch". Meine Lebensgefährtin geht Vollzeit arbeiten und ich gehe derzeit von zu Hause aus einer Halbtags-Beschäftigung nach und habe dabei bislang auf unsere Tochter aufgepaßt. Nun drängt sich der "Zeitgeist" in unsere Familie.

Meine Lebensgefährtin meint, die Tochter müsse "unbedingt" in den Kindergarten. Und heute hat unsere Tochter ihren fünften Kindergarten-Tag. Grade habe ich sie wieder hingebracht.

Aber wie sieht so etwas aus aus meiner Perspektive?

Bislang war jeder Tag mit meiner Tochter ein Tag voller Freude, Friede und Glück. Voller Ausgeglichenheit.

Vielleicht gelingt das nicht immer zwischen Eltern und Kindern. Aber die Tochter hat ein glückliches Naturell, mit dem ich als Vater gut zurecht komme. Während ich am Rechner sitze und arbeite, spielt sie - in Ruhe und vollkommener Harmonie. Natürlich, es fehlt etwas. Vor allem fehlen Spielkameraden für sie. Sie kann zwar - wie wohl jedes Kind in diesem Alter - viel für sich alleine spielen. Aber immer, das ist natürlich auch ein bißchen einseitig und langweilig.

Und freilich, ich muß mich oft von meiner Arbeit lösen, wenn ich sehe, das Kind muß rauss an die frische Luft, muß laufen, muß sich bewegen. Oft denke ich, ich müßte eigentlich weiterarbeiten. Aber das Kind geht vor. Frische Luft - was ist besser, als frische Luft für so ein Kind? Aber selbst wenn man nun hinaus geht: Alle Kinder in der Wohnsiedlung scheinen im Kindergarten zu sein und die wenigen, die es nicht sind, findet man auch nicht. Selbst nicht auf den zentralsten Spielplätzen. Also auch hier: Einsamkeit für die kleine Tochter. Nicht so schlimm. Sie kann stundenlang mit Sandkasten-Förmchen und ein bißchen Regenwasser in der kleinen, von ihr als "Küche" konzipierten Spielecke spielen - oder was immer sonst. Nur für mich als Vater und Aufsichtsperson wird es leicht ein bißchen langweilig, jedenfalls so "auf die Dauer".

Ja, da sind also mancherlei Gründe, daß man sich sagt, das Kind müßte eigentlich unter Kinder. Aber wie? Wo?

Vielleicht gäbe es noch andere Möglichkeiten (Spielkameraden ins Haus einladen? Welche?) Aber die naheliegendste ist: Kindergarten.

Kindergarten


Natürlich ist die Tochter begeistert. Wir haben die zwei nächstgelegenen zusammen besichtigt, Vater und Tochter. Und der, wo es am meisten Krach und Lärm gegeben hat, und wo die Kinder am chaotischsten herumliefen, der war ihr am liebsten. Klar! Aber man konnte ihr leicht verständlich machen, was auch die Kindergarten-Leitung dem Vater erklärte: Der Kindergarten ist "voll". Warteliste: "ein Jahr", "mindestens".

In einem anderen bekommen wir sofort einen Platz.

So. Und da soll sie nun - vorläufig - hin: drei Tage in der Woche von 9 Uhr bis 12 Uhr.

- Toll?

Ne.

Aus meiner Perspektive als Vater: Ich bin nur noch der Müllablade-Platz für meine Tochter, die - viel - seelischen Müll abzuladen hat nach einem solchen Kindergarten-Tag. Merkwürdig, daß das - offenbar - so wenige andere Eltern erleben. Oder reden sie nur nicht darüber? Versuchen sie es, sich nicht bewußt zu machen? Sie geben wahrscheinlich allem möglichen die schuld, wenn ihre Kinder nervös, unruhig, unerzogen, unaufmerksam, "fahrig" oder "völlig durch den Wind" sind. Bestimmt nicht dem Kindergarten. Dem Kindergarten, dem Kindergarten, dem Kindergarten.

Oh, das ist eine grausame Erfindung. Einem viel gerühmten Friedrich Wilhelm August Fröbel (1782-1852) haben wir Deutschen und die Welt - offenbar - diese "Erfindung" zu verdanken. (Wikipedia 1, 2) Vorher nannte man das auch - wie ich es treffender benannt finde: "Kinderbewahranstalt". Das ist es doch - und mehr nicht. Und dann lese ich auch, daß Kindergärten in Preußen zehn Jahre lang (zwischen 1851 und 1860) verboten gewesen sind. Was? Waren die damals schon so klug?
(Das preußische Kultusministerium verbot sie am 7. August 1851 wegen „destruktiver Tendenzen auf dem Gebiet der Religion und Politik“ und weil sie „atheistisch und demagogisch“ wären. ...)

Abb. 2: F.W.A. Fröbel
 Sieht denn das keiner?

Muß man noch mehr sagen? Zu was bin ich "degradiert"? Morgens bin ich nur damit beschäftigt, meine Tochter fertig zu machen: Töpfchen, Anziehen, Kämmen, Essen, Anziehen, in den Kindergarten fahren. Dabei der "Zwang zur Pünktlichkeit", der doch noch Grundschulkindern einigermaßen zu schaffen macht. Und jetzt schon bei einer Zweieinhalbjährigen? Ich muß sie dauernd drängeln, damit wir nicht "zu spät" kommen. Und das jetzt - - - "jeden Morgen"? Mittags kriege ich ein "völlig fertiges", übermüdetes Kind zurück, das so fertig ist, daß ein ruhiges, normales Mittagessen überhaupt nicht möglich ist. Bisher jedenfalls. Das Kind ist ein einziger Müllhaufen. Seelisch.

Und mir ist inzwischen auch klar, warum. Äußerlich geht alles freundlich zu in einem Kindergarten, man möchte sagen "superfreundlich". Daran kann es nicht liegen. Der Grund ist, daß die Situation an sich boshaft ist. Kein Kind trennt sich gern von seinen Eltern. Und ihm wird im Kindergarten eingeflößt, daß das "normal" ist. Alle Kinder machen das ja. Und alle sind ja "superfreundlich". Aber alle Reaktionen, die es danach zeigt, zeigen mir, daß das normal nicht ist. Und daß das Unbehagen, wenn meine Tochter andere Mütter sich von ihren Kindern an der Tür des Kindergartens verabschieden sieht, ein wesentliches ist. Es wird von ihr registriert, sie sieht es.

Seit sie im Kindergarten ist, ist sie viel aggressiver. Warum? Weil die Situation selbst aggressiv ist. Meine Meinung jedenfalls. Niemand einzelner ist Schuld. Schuld sind allein die Eltern, also ich, die das zulassen, um die Beziehung nicht auf eine Zerreiß-Probe zu stellen und - natürlich - der Zeitgeist. Es sind wunderbare Erzieherinnen im Kindergarten. An ihnen liegt es nicht.

Also so schnell wie möglich zum Mittagsschlaf mit diesem seelischen Müllhaufen. Essen ist doch sowieso nicht mehr möglich. Nun, zwei Stunden später scheint äußerlich alles wiederhergestellt. Aber die tiefe, gemütvolle, harmonische Beziehung, die entspannte Freude, der Spaß will sich - nach diesem tiefen Einschnitt der drei Stunden Kindergarten, diesen ungeheuer reichhaltigen und vielfältigen Eindrücken für so ein kleines Kind - offenbar auch nachmittags nicht mehr zwischen uns einstellen. Sie kann nicht mehr, wie sonst, still, harmonisch und friedlich spielen. "Fahrig" läuft sie in der Wohnung herum, macht dies, macht das. Macht meistens Mist und Unsinn. Findet keinen Frieden, keine Ruhe mehr in sich, also das, was doch zuvor - für Vater und Tochter - das Schönste war am Tag.

Wozu? Wozu, wozu? Wir hatten so schöne Stunden. Tage. Jeder Tag war ein Fest mit ihr. Und nun?

Und nun? "Auf den Hund gekommen." Eine Kindheit und ihre Frieden zerstört.

Und wie man in der Umgebung sieht, gibt es viele Kinder, die nicht nur drei Tage in der Woche drei Stunden im Kindergarten sind. Nein, sie gehen früher und kommen später, erst am Nachmittag nach Hause. Ganz und gar "kaputt". Nur noch ein "Haufen Elend". Ich sehe es doch. Bei Nachbarkindern. Und das fünf Tage die Woche. - Hat Gott diese Welt wirklich verlassen? Die Hand von ihr abgezogen? Oder bin ich einfach "zu zimperlich", "zu sensibel"? Wir sind doch sonst in allem so ... "supersensibel"? Und in diesen Fragen nicht?

Habe ich meine Tochter nur, um sie die schönsten Zeiten, die man überhaupt mit ihr haben kann im Leben, um sie diese im Kindergarten verbringen zu lassen? Und um mir selbst dann nur den "faden Rest" zu lassen, die "ausgelutschte Zitrone"? Ist das der Sinn? Ist es das, was wir wollen und zu preisen würdig finden?

Ich finde es ekelhaft und könnte erbrechen.
Abb. 3: F.W.A. Fröbel
- Soweit dieser Vater. - Ja, schade, was soll man dazu noch sagen? So wie dieser Vater erlebt vielleicht noch so mancher und so manche die Welt, soziale Beziehungen und Kinder.

Zur Bebilderung dieses Beitrages wurden noch ein paar Fotos von dem F. W. A. Fröbel heraus gesucht. Kann man diesen Menschen freundlich nennen? War er ein "Menschenfreund"? War das gut, was er getan hat? Konnte er ahnen, was er tut? Oder hat der preußische Kultusminister nicht doch auch eine gewisse richtige "Ahnung" gehabt über dessen Tun - ? Waren ihm die möglichen Folgen seines Tuns nicht bewußt? Das "düsterste" Portrait von ihm (ganz oben) scheint einem jedenfalls am ehesten jene Menschlichkeit zum Ausdruck zu bringen, die von ihm und seiner "Erfindung" auf die heutige Gesellschaft ausstrahlt. ...

Mittwoch, 26. Dezember 2007

Angeborene ADHS-Neigung und angeborene Intelligenz

Wollte grade eine Antwort auf den letzten Kommentar von MichaS schreiben. Aber sie wurde so lang, daß ich jetzt einen eigenen Beitrag daraus mache.

Zunächst eine Übersicht über alle bisher auf Studium generale erschienen Beiträge zur ADHS-Genetik (hier). Und dann soll noch einmal der jüngste Kommentar von MichaS zu diesem Studium generale-Beitrag (vom Mai 2007) zitiert werde. MichaS - selbst ADHS-Betroffener - schreibt:
Hallo Ingo,

Zit.:"Dummerweise scheint man das einfachste von der Welt gar nicht gemacht zu haben, nämlich IQ-Tests."

Soweit ich weiß, stimmt folgendes:

Häufig korreliert ADHS (auch ohne Hyperaktivität) mit einem hohen bis sehr hohen IQ, der aber nicht immer zum Tragen kommt, bzw. gerade dazu "ausreicht", die Symptome zu kompensieren (z.B. auch um sozial mithalten zu können).

Es gibt sicher ADHS-"Schulversager" (Underachiever) mit einem IQ >130.

Zur Förderung überdurchschnittlich begabter ADS-ler gibt es auch eine Schule:
http://www.muensingerschule.de/c...index.php? id=19

P.S.: Ohnehin ist in diesem Artikel in erster Linie von hyperaktivem Verhalten die Rede und nicht von ADHS wenn ich das richtig verstehe. Hyperaktives Verhalten kann auf ADHS hinweisen oder auch nicht.
Meine Antwort: Der Plomin ist schon ein anerkannter, führender Forscher auf dem Gebiet der IQ- und Verhaltensgenetik, insofern kann man seine Ergebnisse nicht so einfach vom Tisch wischen.

Suche nach dem Original-Artikel

Wenn man in der Frage weiter kommen will, muß man sich über Google Scholar den Originalartikel organisieren (hier, hier). Der Titel des Aufsatzes wird danach sein: "Why Are Hyperactivity and Academic Achievement Related?" Hier die Originalzeitschrift "Child Development", die weltweit führende wissenschaftliche Zeitschrift auf ihrem Gebiet. Hier diverse weitere Pressemeldungen zu diesem Aufsatz. Hier nun der Abstract.

... Tja, und dann erfährt man nach vieler Suche nur wieder, daß unser "Open Acess"-System wieder einmal grottenschlecht funktioniert und der Aufsatz nicht öffentlich zugänglich ist. Also muß man zur nächsten Uni-Bibliothek pilgern - am besten mit Sticker, um sich den Aufsatz dort runterzuladen. (Falls nicht einer der Leser ihn grad schicken kann ...)

Interessiert hätten mich die sicherlich differenzierteren Argumentationen der Autoren auf jeden Fall. Studien, die diesen Aufsatz zitieren (überprüfen?) würden, scheint es auch noch nicht zu geben. Dafür ist es auch noch zu früh.

... Nicht gefunden, also selber überlegen ...

- Hm, also sagen wir einmal so. Aschkenasische Juden haben den durchschnittlich höchsten IQ weltweit (IQ = 115) und zugleich (wenn ich das richtig in Erinnerung habe) eine ADHS-Gen-Häufigkeit sehr ähnlich der bei Europäern. Chinesen haben den nächsthöheren durchschnittlichen IQ (IQ = 105), dagegen geht bei denen die ADHS-Gen-Häufigkeit gegen Null. Europäer haben den nächsthöheren (IQ = 100) - aber eine ähnliche ADHS-Häufigkeit wie bei den aschkenasische Juden. (Manche) Stämme amerikanischer Ureinwohner haben eine sehr hohe Häufigkeit von ADHS-Genen und grob einen niedrigeren durchschnittlichen IQ als Europäer (sagen wir grob 85). Buschleute haben einen sehr niedrigen durchschnittlichen IQ (56) und deren ADHS-Gen-Häufigkeit geht ähnlich wie bei den Chinesen gegen Null.

Was kann man daraus ablesen? Es gibt Gruppen (Völker) mit hohem IQ und höherer ADHS-Rate ebenso wie es Völker gibt mit hohem IQ und niedriger ADHS-Rate, ebeno wie es Völker gibt mit niedrigerem IQ und hoher ADHS-Rate, ebenso wie es Völker gibt mit niedrigem IQ und niedriger ADHS-Rate.

Von diesen Daten kann man ja eigentlich schon ablesen, daß die Beziehung zwischen IQ- und ADHS-Genetik keine sehr enge sein kann. Es stellt sich nun die Frage, welche Untersuchungsgruppe gewählt worden war. Europäer? Chinesen? Juden? Gemischt? Und wie weit das dann überhaupt auf die Gesamt-Menschheit verallgemeinerbar ist.

Man kann an diesen wenigen Daten jedenfalls schon sehen, daß die Psychologie von Völkern (und einzelnen Menschen?) sehr differenziert und sehr spezfisch sein kann und nicht allzu leicht "über einen Kamm geschert" werden kann. Interessant wäre tatsächlich zu erfahren, ob beispielsweise bei der Gruppe der aschkenasischen Juden, deren IQ über 130 liegt, die ADHS-Gen-Häufigkeit genauso groß ist wie in der Durchschnittsbevölkerung der aschkenasischen Juden. Und ebenso bei Chinesen oder Europäern.

Freitag, 29. Juni 2007

ADHS durch Passiv-Rauchen von Müttern verursacht

"Passivrauchen der Mutter führt zu Verhaltensproblemen beim Kind," so titelt "Spektrum der Wissenschaft" und schreibt weiter: "Kinder zeigen deutlich mehr psychologische Auffälligkeiten, wenn ihre Mütter während der Schwangerschaft Zigarettenrauch ausgesetzt waren." (Spektrum) Und bei Gesundheitpro.de erfahren wir:

Kinder, deren Mütter in der Schwangerschaft passivrauchten, zeigen mehr ernsthafte psychologische Probleme als Kinder von Frauen, die keinem Zigarettenrauch ausgesetzt waren, berichten Forscher der University of Washington in Child Psychiatry and Human Development. Studienleiter Lisa Gatzke-Kopp und Theodore Beauchaine bringen damit erstmals Belege für einen Zusammenhang zwischen dem Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom (ADHS) und dem Passivrauchen.

Untersucht wurden sieben- bis 15-Jährige Kinder und Jugendliche, die alle Verhaltensauffälligkeiten zeigten. Bei einer Gruppe waren die Mütter in der Schwangerschaft Zigarettenrauch ausgesetzt, bei der anderen Gruppe nicht. In einer dritten Gruppe rauchten die Mütter in den letzten beiden Schwangerschaftstrimestern selbst. Insgesamt wurden 171 Kinder von 133 Müttern untersucht, vor allem Jungen.

Die Kinder, die durch ihre Mütter dem Rauchen ausgesetzt waren, hatten mehr Symptome eines ADHS als Kinder von rauchfreien Müttern. Verantwortlich dafür könnten Auswirkungen des Nikotins auf Belohnungszentren im Gehirn sein. Der Botenstoff Dopamin soll dabei eine Rolle spielen.

Die Forscher appellieren an Schwangere, nicht nur selbst nicht zu rauchen, sondern auch das ungewollte Passivrauchen zu verhindern.

Habe ich ADHS? Meine Mutter hat tatsächlich in der Zeit, in der sie mit mir schwanger war, in einem Büro gearbeitet, in dem rücksichtslos stark geraucht wurde. Auf jeden Fall wird deutlich, daß Verhaltensstörungen wie ADHS wahrscheinlich durch ein Ursachenbündel zustandekommen, wie schon in einem gestrigen Beitrag vermutet.

Auch das Erbgut des Kindes wird dauerhaft durch Rauchen geschädigt - sowohl durch das Rauchen des Vaters wie der Mutter. (Gesundheitpro.de)

Freitag, 22. Juni 2007

ADHS: Struktur und Lebensraum für Kinder statt Reizüberflutung

ADHS scheint eine Verhaltens-Auffälligkeit zu sein, die wie wenige andere auf die eigentlichen Probleme aufmerksam macht, die es in unserer Gesellschaft gibt: Zu wenig Struktur für Kinder. Zu wenig gefahrlosen Platz für Kinder zum Toben. Zu viel Fernsehen. Zu viel Reizüberflutung. Und - vielleicht - zu viele Medikamente. Die letztere Problematik ist der Ausgangspunkt eines spannenden Interviews, das die auch sonst von mir sehr geschätzte Journalistin Brigitta vom Lehn mit dem Neurobiologen Gerald Hüther geführt hat. (Welt) Darin sagt Hüther gleich zu Anfang auf die Frage "Wie entsteht ADHS?" (alle Hervorhebungen im folgenden durch mich, I.B.):

Wenn in der äußeren Welt Struktur gebende Elemente fehlen, kann auch im Gehirn keine Struktur aufgebaut werden. Das ist heute ein riesiges Problem, denn unsere Welt hat viel an Struktur verloren. Das hängt mit der Hektik des modernen Alltags zusammen, mit Problemen, die jungen Familien zu schaffen machen wie Partnerschaftskonflikte oder mit Karrieren, die aufzubauen sind. Kinder wachsen heute in eine Welt hinein, in der sehr viel durcheinander gerät, wenig Strukturen bietet. Besonders schwierig ist dies für Kinder, die mehr Strukturen brauchen als andere, die so genannten ADHS-Kinder.

An diese Worte wird man doch wohl gleich die Frage anschließen dürfen: Geben Kinderkrippen Kindern mehr oder weniger "Struktur", innere Ruhe als die traditionelle Eltern-Kind-Bindung? Geben arbeitende Mütter und Väter ihren Kindern mehr Struktur oder solche, die bei ihren Kindern zu Hause bleiben? Auf die Frage "Wie ist man früher mit „Zappelphilippen“ umgegangen?" sagt Hüther etwas, was mir sehr treffend erscheint:

Die Kinder sind früher nicht aufgefallen, weil die Strukturen so hart waren, dass sie keine anderen Möglichkeiten hatten, als sich diesen Strukturen anzupassen. Sie sind verprügelt worden, wenn sie sich nicht richtig verhalten haben. Wir wünschen uns aber heute keine Abrichtung von Kindern mehr mit Strafen und dergleichen.

Hüther bestreitet im weiteren, daß ADHS vererbbar ist. Das erstaunt mich nicht wenig, denn die erst vor kurzem von mir konsultierte Studie (Studium generale) geht ganz selbstverständlich davon aus. Aber richtig wird es wieder sein, wenn Hüther auf die Frage, ob Pharmazie zur Behandlung von ADHS der richtige Weg sei, antwortet:

Das ist eine Notlösung. Aber wir machen in dieser Gesellschaft ja viele Notlösungen.

Brigitta vom Lehn fragt energisch nach, das gefällt mir. So sollte Journalismus sein. Hintergrund ist vielleicht auch eine heftige Leser-Debatte zu früheren Beiträgen zum Thema ADHS in der "Welt". Vom Lehn fragt: Der Psychologe Wolfgang Bergmann meint, es müsste eigentlich ein Schrei durch die Öffentlichkeit gehen angesichts des hohen Methylphenidat-Konsums. Warum bleibt der Schrei aus?

Und dann fragt sie: Wer sind die Interessenten dieses falschen Modells? (- nämlich, daß ADHS deshalb [!], weil es genetisch bedingt sei [!], vornehmlich mit Ritalin behandelt werden müßte.) Und Hüther antwortet:

Den größten Nutzen ziehen die betroffenen Eltern. Sie haben ein immenses Interesse daran, dass jemand kommt, der sagt: Es ist genetisch bedingt. Es gibt schließlich nichts Schlimmeres für Eltern, als etwas falsch gemacht zu haben. Deshalb werden eine definierte Krankheit und eine entsprechende Behandlung ausdrücklich begrüßt. (...) Nicht zu vergessen die Lehrer! Viele von ihnen können mit diesen Kindern überhaupt nichts anfangen. Sie sind froh, wenn sie endlich ruhig werden, egal, womit das geschieht, und wenn dies mit einer Tablette geht, ist ihnen das auch recht.

Hüther greift auch die Wissenschaft, die Ärzte und die Pharmaindustrie an. Das ist mir zu pauschal, als daß ich es hier wiedergeben möchte. Natürlich muß man solche Möglichkeiten immer mit in Rechnung stellen. Die Leserkommentare nun - Volkes Stimme! - sagen für mich ebenfalls viel Wertvolles.

Ein Mann:

Man sollte anmerken, dass sich Kinder "früher" (also vielleicht zwei oder drei Generationen zurück) noch frei in unserer Umwelt bewegen, toben & spielen konnten. Heute werden die Kinder vor der Glotze "geparkt" und dürfen nicht mehr draußen spielen weil sie auf der Straße von Autos todgefahren werden. Wer wundert sich da, dass Kindern anfangen zu zappeln? Ich konnte meine Energie vor 35 Jahren noch mit anderen Kids beim Fußball auf der (fast Autofreien) Straße loswerden. Wo gestern Kinder spielten, parkt heute Daddys "Defender".

Eine Frau:

Kinder sollten draussen spielen um ihre Abwehrkräfte zu stärken und überschüssige Energie zu verbrennen. Ein ganz normales Kinderdasein heisst spielen, toben, dreckeln, nicht Pillen schlucken!

Ein Mann:

Ich selbst bin Betroffener und habe die Diagnose erst mit 35 erhalten. MP hilft mir, mich auf meine Arbeit zu konzentrieren und die ständige innere Unruhe zu bekämpfen. Mir hat das Medikament ein neues Leben geschenkt.

Ein Mann:

Auch ich habe die Diagnose ADS nach einem wirklich langen Leidensweg und vielen Falschdiagnosen erhalten - mit 38 Jahren!
Methylphenidat hilft mir ein einem Maße, wie ich es kaum beschreiben kann.
Jemand, der nicht selbst betroffen ist bzw. keine betroffenen Kinder hat, sollte sich nicht anmaßen, derart selbstgerecht so negativ über dieses Methylphenidat zu urteilen.
Und weil Methylphenidat (z.B. Ritalin) nunmal auf einem Betäubungsmittelrezept verschrieben wird, heißt noch lange nicht, dass es ein Betäubungsmittel im Sinne von "Kinder ruhigstellen" ist.
Seit meiner ersten Ritalin-Tablette kann ich jedenfalls nachvollziehen, was sich in den Köpfen der ebenfalls betroffenen Kinder abspielt. Für alle betroffenen einer Dopaminstoffwechselstörung im Frontalhirn ist dieses Methylphenidat ein Segen.
Was allerdings auch ich nicht bezweifele, ist, dass allzuviele ADHS-Diagnosen zu leichtfertig gestellt werden und es sicher viele Falschdiagnosen gibt. Ebenso, wie es sicher viel zu wenig feste Strukturen in den Familien gibt und zuwenig Gelegenheiten für Kinder, "sich selber draußen auszuprobieren und auszutoben".
Trotzdem: Wer selber kein ADS oder ADHS hat, kann und sollte hier nur sehr zurückhaltend mitdiskutieren und Kritik an "den Pillen" am besten garnicht erst äußern. Ich kritisiere ja auch nicht die vielen Medikamente gegen andere Stoffwechselstörungen wie Diabetes oder was weiß ich.
Wenn Ärzte damals, als ich ein Kind war, und mein Eltern selber auch dafür gesorgt hätten, dass ich viel früher Ritalin bekommen hätte, wäre mich ganz ganz sicher ein sehr leidensvoller Lebensweg erspart geblieben.

Ein Mann:

Herr Hüther rennt scheinbar mit einem Heile-Heile-Gänschen-Weltbild durchs Leben.
ADS bedeutet für mich (40 jahre alt) den Umweltreizen nicht entkommen zu können. Und vieles mehr.
Jeder Mensch hat das Recht auf ein würdiges und glückliches Leben. Und das geht nicht, wenn man den ganzen Tag keine Chance hat, den Reizen zu entkommen oder sich auf irgendetwas konzentrieren kann.
Kein Arzt oder Therapeut, der nicht selbst ADS hat kann sich das vorstellen! KEINER! Auch Sie nicht, sehr geehrter Herr Hüther.

Ein Mann:

Als selbst Betroffener und ausserdem in der Elternrolle kann ich nur sagen, Herr Hüther weiss nicht wirklich, wovon er redet. Es ist das ewige dumme Vorurteil, dass wir nur die Symptome korrigieren und nicht die Ursache. Dank dieser Tabletten kann mein Sohn funktionieren und und wir kaufen ihm Zeit damit er ausreifen kann - übrigens ist die Behandlung eingebunden in ein Therapiekonzept mit Kinderpsychiatern, anerkannten Leuten auf diesem Gebiet, auch wenn wir "nur" in der Schweiz sind. Die Tabletten helfen ihm damit bestimmte Funktionen ausreifen können und er Ruhe findet vor der Reizüberflutung.

Ich muss frustriert feststellen, dass die Gesellschaft trotz hervorragender Fachleute einfach kapituliert und am schlimmsten ist für mich die Schule. Gottseidank haben wir nun eine Schule gefunden, die bereit war meinen Sohn nicht nur aufzunehmen, sondern sich auch seiner anzunehmen - keine Kuschelpädagogik, sondern klare Strukturierung, Aufbau von Konfliktfähigkeit und Eigenverantwortung.

Aber nicht jeder hat so viel Glück und es macht mich traurig, dass es offensichtlich eine Frage des Glücks und nicht der Diagnose ist.

Volkes Stimme - Gottes Stimme? ... Manchmal ....

Sonntag, 17. Juni 2007

ADHS-Genetik und Thom Hartmann

In der Humangenetik wird derzeit nur (oder vornehmlich) das sehr stark erforscht, was irgendwie "pathologisch" ist. Aber immer mehr Humangenetikern wird bewußt, daß Humangenetik nicht nur aus Pathologie besteht, ja, daß auch ein großer Teil dessen, was man heute als "pathologisch" bezeichnet (zum Beispiel die Neigung zu ADHS), in früheren Jahrhunderten oder Jahrtausenden als so "pathologisch" nicht empfunden worden sein kann, denn wie hätten sich sonst so viele patholgische, genetisch mitverursachte Merkmale so lange in der Evolution halten, überhaupt herausbilden können (Gene Expression)?

Abb. 1: "ADHS als Chance begreifen"
Der Artikel, der diese neuen Gedanken aufkommen und erörtern läßt (Sciencedirect), sagt am Ende seiner Zusammenfassung übrigens etwas über Thom Hartmann (siehe deutsches Wikipedia), dessen Thesen zu ADHS mir schon seit längerem sehr spannend vorkommen:

Recent molecular and clinical evidence supports Thom Hartmann's Hunter–Farmer theory, reaffirming that ADHD might be an anachronic behavioral trait.

(Schade, daß der Artikel nicht freigeschaltet ist. Mal sehen, ob ich ihn an der Uni kriege. Klingt sehr spannend.)

In den Kommentaren zu p-ter's "Gene Expression"-Eintrag sagt ein "MarcZ":











Freitag, 15. Juni 2007

Hat Rasse etwas mit Genen zu tun oder nicht?

Humangenetiker Razib Khan hat einen schönen Beitrag zum Thema "Why genes don't determine race?" über einen gleichlautenden Artikel in The New Republic, einem amerikanischen Mitte-Links-Journal. (Gene Expression, TNR) Khan sagt das, was mir inzwischen auch immer mehr klar geworden ist in privaten Diskussionen und hier auf dem Blog - zum Beispiel über ADHS.

Nämlich, daß Gene nicht "determinieren", daß das Schlagwort vom "genetischen Determinismus" ein Strohmann ist. Er sagt zum Beispiel, daß es der TNR-Artikel gut klar macht, daß die epidemische Fettleibigkeit unter amerikanischen Schwarzen nicht durch resignierende "Deklarationen" dahingehend gelöst werden könne, daß Fettleibigkeit halt "in ihren Genen" läge. Sondern das Verständnis des genetischen Hintergrunds fügt den Maßnahmen der Gesundheitspolitik ein nicht-triviales Werkzeug hinzu, so sagt er, um geeignete Antworten zu formulieren. Denn es würde so etwas wie eine "Reaktionsnorm" im Hintergrund stehen - also so etwas ähnliches wie bei den Herzkrankheiten in der schwarzen Minderheit in den USA.

Freitag, 1. Juni 2007

Krippen und ADHS - (k)ein Zusammenhang?

Daß ADHS so viel häufiger in den neuen als in den alten Bundesländern vorkommt, muß nicht unbedingt oder vorwiegend etwas mit einer dortigen weitaus häufigeren Krippen-Kinderzeit zu tun haben. Aber wer wollte so frischweg behaupten, daß es damit überhaupt nichts zu tun hätte? Ganz bestimmt niemand. - Merkwürdig deshalb schon, daß das niemand bei den möglichen Ursachen mit aufzählt. (Welt, Berliner Zeitung) - In jedem Fall zeigt es, daß es noch mehr als nur genetische Ursachen geben muß, denn so stark genetisch unterschiedlich werden Kinder östlich und westlich der Elbe nicht sein.

.... Der Studie zufolge werden Jungs im Osten fünfmal so häufig wegen ADHS stationär behandelt als Mädchen. Gegenüber den Jungs in den westlichen Ländern liegt die Rate bei den ostdeutschen Jungs insgesamt dreimal so hoch: Kommen im Osten auf 100 000 Einwohner statistisch gesehen 25,3 ADHS-Jungs, so sind es im Westen nur 8,7. Die höchste Rate wurde in Brandenburg verzeichnet, gefolgt von Thüringen und Sachsen-Anhalt. Den niedrigsten Wert ermittelte Studienleiter Professor Andreas Stang, Leiter der Medizinischen Epidemiologie der Universität Halle, in Hamburg. Er hat die bundesweite Krankenhausdiagnosestatistik ausgewertet. (...)

Stang spricht von "umweltbedingten Faktoren" als möglicher Ursache: "Beispielsweise könnten soziale Risikofaktoren für ADHS wie niedrige soziale Schicht, insbesondere der Mutter, Alkoholprobleme beim Vater sowie weitere psychosoziale Faktoren in Ostdeutschland als Folge der deutlich höheren Arbeitslosigkeit und möglicherweise auch häufigeren sozialen Entwurzelung nach der Wiedervereinigung häufiger vorkommen als in Westdeutschland." Denn auch bei anderen Erkrankungen, die auf diese Faktoren zurückzuführen seien, habe sich gezeigt, so Stang, dass diese in Ostdeutschland häufiger auftreten als in den westlichen Bundesländern.

ADHS-Kinder sind unkonzentriert, wirken überdreht und sind leicht ablenkbar, sie handeln unüberlegt, unorganisiert und haben eine niedrige Frustrationstoleranz. Zudem tragen sie ein höheres Risiko für andere psychiatrische Erkrankungen. Auch die Gefahr des Drogenmissbrauchs ist bei diesen Kindern deutlich erhöht. (...)

Was den meisten Kindern fehle, seien "feste Strukturen", sagt er. Hüther rät daher: "Es ist zum Beispiel schon eine strukturgebende Maßnahme, das Kind anzuschauen, vielleicht sogar anzufassen, wenn man mit ihm spricht. Dadurch merkt das Kind, dass es bedeutsam ist. Und Bedeutsamkeit ist eine Struktur. Man sollte im Familienleben auf feste Strukturen achten. Gibt es gemeinsame Mahlzeiten, Einschlafrituale? Rituale sind für Kinder extrem wichtig, sie sind strukturbildend."


Feste Strukturen? Die festeste Struktur wäre, so möchte man meinen, zunächst schon einmal eine gute Mutter-Kind-Bindung, bzw. Vater-Kind-Bindung. Auch über die Einflüsse von "Bildschirmen" (Fernsehen etc.) wird hier nichts gesagt. Es scheint jedenfalls, als ob eine innere Ruhe, ein inneres Gleichgewicht gänzlich verloren gegangen ist.

Donnerstag, 24. Mai 2007

Niedrigere Intelligenz und ADHS genetisch miteinander gekoppelt?

Die Nachricht über einen Forschungsartikel in "Child Development" darüber, daß nach neueren Zwillingsforschungen niedrigere Intelligenz und ADHS genetisch miteinander verbunden sein sollen (Reuters), verwirrt mich etwas. Zugegebenermaßen. Das heißt, sie sollte zu intensivierem Nachdenken anregen.
Hyperactive behavior and difficulty in school share the same genetic roots, conclude the authors of a new study of twins.

The findings call into question the assumption that hyperactive kids do poorly in school due to lack of effort, as well as the idea that hyperactivity arises from frustration with difficulties in school, Dr. Kimberly J. Saudino of Boston University told Reuters Health.

"It's not just a matter of not trying hard enough," Saudino said in an interview. "These things are linked, they're genetically linked, and it's not simply a matter of effort."

The link between hyperactivity and poor academic achievement is well documented, but little understood, she and her colleague Dr. Robert Plomin of the Institute of Psychiatry in London note in the journal Child Development.

To understand if the two traits might be genetically linked, the researchers looked at 1,876 twin pairs, interviewing their parents and teachers about their behavior and comparing it to achievement as assessed by teachers. The students' average age was 7.

Scientists use twin studies to investigate whether certain traits are related to genes or the environment. Identical twin pairs share 100% of their genes, while fraternal twins share just 50%, but any set of twins raised together is theoretically exposed to an identical environment.

Plomin and Saudino found a significant genetic overlap between both hyperactive behaviors such as inattention, fidgeting, restlessness and distractibility and low academic achievement, which remained after the researchers adjusted for children's intelligence. "Our results suggest that probably somewhere around 50% of the genes that influence hyperactivity also influence academic achievement," Saudino said.

There are two possible explanations for the findings, according to the researchers. For one, some of the same genes that produce hyperactive behavior may also influence academic achievement. But it's also possible, they add, that hyperactive behavior makes it more difficult for children to learn in school -- and harder for teachers to teach them.
Die letztere These ist naheliegend und war mir auch schon in anderem Zusammenhang gedämmert. Hat dies auch etwas damit zu tun, daß "Geduld" mit Intelligenz korreliert (wie auf "Gene Expression" behandelt)? Dummerweise scheint man das einfachste von der Welt gar nicht gemacht zu haben, nämlich IQ-Tests. Kann ich mir aber bei Plomin gar nicht vorstellen. Aber mit diesen müßte man doch Umwelt-Einflüsse und genetische Einflüsse besser voneinander trennen können.

Samstag, 19. Mai 2007

Macho's in München - und: Hormone, Hormone, Hormone

Die genetischen Folgen der Verstädterung bei - Amsel-MÄNNCHEN

Als vor wenigen Wochen, Anfang April, der Frühling "aus allen Poren" blühte, waren wir alle ein wenig verstört. Was, schon wieder Frühling? Und damals fand ich den Beitrag vom "Betonblog" so schön über "Liebestolle Amseln" (zitiert bei den "Kulturellen Welten" von Joern Borchert unter dem ebenso schönen Titel "Betonblogs Frühling"):

Also man kann das nicht anders sagen: die Amseln sind liebestoll und jagen sich durch die Forsythien (...), als gäbe es kein Morgen und als bestünde die Welt nur aus Zweigen für Amseln. Hitchock muß auf “Die Vögel” gekommen sein, als er, ähnlich ängstlich wie ich, liebestolle Amseln bei ihren Verfolgungsjagden beobachtete. Man bekommt beim gepflegten Vorbeispazieren regelrecht Angst ob solch heftiger hormongesteuerter Wildheit.

Ich will jetzt nicht der Frage nachgehen, ob der "Betonblog" in München zu Hause ist. Wenn er es wäre, hätte man sogar sehr spezielle neue Nachrichten für ihn. (Obwohl nach den ersten frühlingshaften Verunsicherungen bei der Spezies Mensch wohl schon wieder Gewöhnungsphasen eingesetzt haben. -?) Denn:

Wow, wow, wow. Die Singvögel (auch hier wieder die Amseln) schlagen als Forschungsobjekt uns Menschen einmal aufs Neue um Längen bei der Erforschung nicht nur der - - - verhaltensmäßigen Folgen von Verstädterung (!) (1.), sondern zusätzlich auch noch der (verhaltens-)GENETISCHEN (!) Folgen der Verstädterung (2.). (Science Now, Razib Khan) Nein, und auch damit ist es noch nicht zu Ende, sondern auch noch gleich bei der Erforschung der geschlechts-unterschiedlichen Evolution in derselben Art - also von "sexueller Selektion" in Zusammenhang mit Verstädterung und "jüngsten Evolutionsereignissen" in der Amselevolution. (3.) Ich glaube, auf das letztere Forschungsthema ist noch so gut wie kein Humanbiologe oder Anthropologe oder Evolutionärer Psychologe gekommen. Und auch die anderen haben sich noch nicht so arg herumgesprochen.

Aber die Parallelen, die man zum Menschen ziehen kann, sind beim heutigen Forschungsstand schon so deutlich und so augenfällig, daß einem das Forschungsobjekt "Amsel" da wieder einmal einen neuen, wahnsinnigen Motivationskick geben könnte, diesen Parallelen beim Menschen genauer nachzugehen. - Nun, Betonblog hat das ja schon früher ansatzweise - und etwas verängstigt! - getan. (Es ist das übrigens wieder irgendwie so etwas wie "konvergente Evolution" ...)

... "It's a very cool study, with a simple message: Urbanization is an important evolutionary force," says Roarke Donnelly, an ornithologist at Oglethorpe University in Atlanta, Georgia. "We've been thinking about this stuff for a long time, but it isn't easy to test. And they've done it with a simple but elegant experiment."

Jesko Partecke, an ornithologist at the Max Planck Institute for Ornithology in Erling, Germany, knew that European blackbirds (Turdus merula) in Munich stayed put in winter while ones living nearby forests still migrated. To see if the urbanized birds had evolved, Partecke and Eberhard Gwinner (now deceased) collected chicks from the two settings in the spring of 1998. They raised them in their lab in individual cages with light and temperatures mimicking Munich's. As summer gave way to fall, and winter to spring, they recorded the birds' nocturnal activity; this "migratory restlessness" is inherited and correlates with the distance a bird travels on its migrations.

The urban males were the least active of all the birds, preferring to sit quietly in their cages while other birds hopped about. In contrast, the urban females were just as active at night as their forest counterparts, indicating that the Munich females continue to migrate. "We were completely surprised by the females," says Partecke. "We naturally assumed that both males and females had changed." The difference may be bullying; males, which are larger, are known to drive the females away from food and warmth, says Partecke. As a result, he speculates, city-females who try to stay in town through winter may end up dying.

Another benefit of city life for males is that they reach sexual maturity earlier there than in the forest. Because blackbirds have multiple broods, this means they may have more offspring. "The shift to being sedentary seems to be adaptive in urban habitats," the authors say.

The findings are described in this month's Ecology. "It's good to see a study that's looking at the evolutionary pressures caused by these pseudotropical bubbles, our cities," says Eyal Shochat, an urban ecologist at Arizona State University in Tempe.

Die Mikro-Evolution des Zeitpunkts und der Dauer der angeborenen Wander-Unruhe und Wanderungs-Richtung erforscht ja schon seit Jahrzehnten der Vogelforscher Peter Berthold an der Vogelwarte Radolfzell. Nun also absolut Überraschendes und Neues aus München. Denn von erblicher "Verstädterung" von Vogelmännchen bei gleichzeitiger erblicher Nicht-Verstädterung von Vogelweibchen hab ich ja bei Peter Berthold - und auch sonst - noch nie (!) etwas gehört. Und dann auch noch dieses wahnsinnige unchevalereske Macho-Gehabe der Münchner Amselmännchen. Ich hoffe ja sehr, daß die "lokale Evolution" auf diesem Gebiet in Frankfurt andere Ergebnisse hervorgebracht hat. Ist ja direkt eine Schande für München! So unhöfliche Amselmännchen. Pfui Teufel!

- Mich würde außerdem mal interessieren, an welchem Gen eigentlich die Wanderunruhe verschaltet ist? Doch wohl nicht etwa auch am ADHS-Gen? Wenn das gleiche Gen die Meisen haben (wie vor ein paar Wochen berichtet)??? - Ach, und übrigens, die Meisen: Die "konvergente Evolution der Milchverdauung bei stadtlebenden Meisen" (wäre auch eine schöne Ergänzung für Conway Morris) ist ja schon seit Jahrzehnten ein Standardbeispiel für Verhaltens-Mikro-Evolution gewesen. Das heißt, auch jene Meisen wurden in England vor einigen Jahrzehnten im Winter in Städten seßhaft, die so klug waren, dort die Aluminiumfolien der morgens vor die Türen gestellten Milchflaschen zu öffnen ...

Mittwoch, 2. Mai 2007

Auch Meisen haben ADHS

Die erbliche Neigung zum Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Syndrom (ADHS) wird durch ein "Neugier"-Gen hervorgerufen, das offenbar auch Meisen individuell unterschiedlich besitzen (Yahoo Nachrichten, Proc B, Scienceticker, Süddeutsche). Seit langem macht damit wieder einmal erfreulicherweise das Konrad-Lorenz-Institut für Verhaltenswissenschaften in Seewiesen von sich reden. Den Forschungsartikel muß man sich noch genauer anschauen.

Seewiesen/London (dpa) - Max-Planck-Wissenschaftler haben bei Kohlmeisen ein Neugier-Gen nachgewiesen. Das Gen mit der Bezeichnung Drd4 enthalte die Bauanleitung für einen Rezeptor, der im Gehirn Andockstelle für den Botenstoff Dopamin ist, berichtete die Max-Planck-Gesellschaft in München.

Bei Vögeln mit einer bestimmten Variante dieses Rezeptors beobachteten die Wissenschaftler ein deutlich ausgeprägteres Erkundungsverhalten als bei Vögeln mit anderen Formen des Gens. Die Wissenschaftler stellen ihre Ergebnisse in den «Proceedings B» der britischen Royal Society vor (online vorab veröffentlicht).

Eine Verbindung zwischen dem gefundenen Gen und der Neugier galt bereits seit zehn Jahren als wahrscheinlich. Die Forscher des Max- Planck-Instituts für Ornithologie in Seewiesen konnten jetzt den Beweis dafür erbringen, gemeinsam mit ihren Kollegen vom neuseeländischen Cawthron Institute in Nelson und dem niederländischen Ökologie-Institut in Heteren.

In Gentests beobachteten die Forscher deutliche Unterschiede zwischen zwei Kohlmeisenlinien, die sie über vier Generationen nach dem Grad ihrer Neugier ausgewählt hatten. Als Maß diente den Forschern dabei das Erkundungsverhalten der Tiere, sobald sie flügge geworden waren. Die Forscher fanden eine signifikante Verknüpfung zwischen der Genvariante SNP830 und den unterschiedlichen Ausprägungen von Neugier.

Dienstag, 6. März 2007

"Seelische Krankheiten nehmen bei Kindern massiv zu

- so lautete die Schlagzeile in der "Welt" vor vier Tagen. Wahrscheinlich ist auch dafür das beste Gegenmittel der Ausbau von Krippenplätzen. - ?

Wenn man es von einem grundsätzlicheren Standpunkt aus angeht, dann wird feststellbar, daß alle großen Fortschritte in der Evolution vor allem Fortschritte in einer noch größeren Behütung der Nachkommenschaft, also in der Brutpflege waren. Das ist insbesondere durch die Forschungen des Schweizer Biologen Adolf Protmann (1897 - 1982) herausgearbeitet worden. (Der Wikipedia-Artikel über ihn ist noch sehr ungenügend, wie ich gerade sehe.) Besonders auffällig der Übergang von den Reptilien zu den Säugetieren, wobei sich letztere viel intensiver um den Nachwuchs kümmern. Und parallel dazu der Übergang von den Nacktsamern zu den Bedecktsamern bei den Pflanzen. Wie wäre unser Leben, wenn wir keine Blütenpflanzen kennen würden? All das ist eine Folge der Evolution von "Brutpflege". Aber Ursula von der Leyen will zurück zu den Reptilien und den Krokodilen und den Nadelbäumen und ihrer "Brutpflege". - Ist das eine übertriebene Aussage?

2. März 2007, 17:14 Uhr
Psychologie

Seelische Krankheiten bei Kindern nehmen massiv zu

Auffälligkeiten im Verhalten, Defizite bei der Konzentration, sozialer Rückzug, Ess- und Schlafprobleme oder Ängste: 18 Prozent der Kinder im Vorschulalter sind psychisch erkrankt. Therapeuten fordert Hilfe für die Betroffenen.

Deutsche Therapeuten zeigen sich alarmiert über einen Anstieg psychischer Krankheiten bei Kindern. Auf einer Fachtagung in Frankfurt am Main verwiesen die Kinder- und Jugendpsychotherapeuten auf eine entsprechende Untersuchung des Robert-Koch-Instituts.

Professor Klaus Fröhlich-Gildhoff von der Evangelischen Fachhochschule Freiburg verwies darauf, dass bereits 18 Prozent der Kinder im Vorschulalter verhaltensauffällig seien. „Wer mit fünf Jahren aggressives Verhalten an den Tag legt, wird auch mit 35 zu Gewalt neigen“, warnte er. Seien 1990 noch etwa 1.500 Kinder mit dem sogenannten Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitäts-Syndrom (ADHS) medikamentös mit Ritalin und damit dem Wirkstoff: Methylphenidat behandelt worden, waren es nach seinen Angaben im Jahr 2002 bereits 50.000. Derzeit gibt es rund 350.000 diagnostizierte Fälle des Aufmerksamkeitsdefizitsyndroms.

Eine Ursache für die verschlimmerte Situation ist nach Angaben des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapeuten (bkj), „dass heute viele Eltern nicht mehr genug Wissen haben, um die Aufgaben, die Elternschaft mit sich bringt, zu bewältigen“.
Der Berufsverband forderte angesichts dieser Zahlen mehr Präventionsangebote für die seelische Gesundheit der Kleinen. Der Verband appellierte an die Politik, „nach der Verabschiedung der Gesundheitsreform nunmehr ein größeres Augenmerk auf die psychosoziale Lage von Kindern und Jugendlichen zu legen“. Das seit langem in der Schublade liegende Präventionsgesetz müsse endlich in die Tat umgesetzt werden; dabei müsse auch die psychische Gesundheit berücksichtigt werden. Dies sei „gerade angesichts der Diskussion um Schutz der Kinder vor Misshandlung“ enorm wichtig.

„Wir wollen auch die Eltern der unter Dreijährigen erreichen“, betonte Marion Schwarz, Vorsitzende des bkj-Landesverbandes Hessen. Damit sich Verhaltensauffälligkeiten nicht schon im Kindesalter verfestigten, müsse gezielt therapeutisch und pädagogisch entgegengewirkt werden. Um Kinder vor Misshandlung und Vernachlässigung zu schützen, müssten früh „aufsuchende Hilfen“ für Risikogruppen wie minderjährige Mütter, sozial schwache Familien und drogenabhängige Eltern eingesetzt werden.
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