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Sonntag, 18. Mai 2025

Der älteste, bekannte Glockenbecher-Mann lebte bei Soissons in Nordfrankreich

Entstand die Glockenbecher-Kultur im Aisne-Tal oder in Flandern (2.500 v. Ztr.)

Der bislang älteste, bekannte Glockenbecher-Mann lebte 115 Kilometer nordöstlich des heutigen Paris in der Nähe des heutigen Soissons (GMaps), so eine im März 2025 veröffentlichte Studie aus dem Labor von Eske Willerslev in Dänemark (1) (s. Stg3/25). Die Glockenbecher-Kultur ist autochthon am Niederrhein entstanden, so eine im Mai 2025 veröffentlichte Studie aus dem Labor von David Reich in den USA (Stg5/25). Also wo nun? Diese Frage treibt uns um. 

Abb. 1: Im Jahr 2023 vorliegende archäogenetische Daten zur Glockenbecher-Kultur - Nordfrankreich als weißer Fleck (aus: 4)

Schon 2023 vermutete man die Urheimat der Glockenbecher-Kultur in Nordfrankreich, allerdings gab es damals aus dieser Region noch keine archäogenetischen Daten (s. Abb. 1) (aus: 4). Die genannten neuen Veröffentlichungen ändern diese Situation - zumindest ein wenig.

Allerdings muß von Seiten eines Laien immer noch ein bisschen wild gesucht werden, bis er alle verfügbaren Daten über den in der Literatur erwähnten Fund und seine Örtlichkeit zusammen hat - über das bis dato offenbar älteste, bekannte Glockenbecher-Grab (1-3).

Im Text der Studie (1) ist als Alter angegeben "4463" (vor heute). Mit diesem Suchwort finden wir in den Datenanhängen der Studie das folgendermaßen gekennzeichnete Individuum (1):

"CBV95.brunel_2020_pnas | La Bouche−−Vesle | France_Neolithic_Campaniforme | R1b | 4463"

Der hier angegebene Fundort „La Bouche à Vesle“ führt zunächst nicht weiter, da es sich bloß um die Bezeichnung eines Flurstückes handelt (wie wir später erfahren). Und solche finden sich bekanntlich nicht auf Google Maps. Aber man hätte den Ortsnamen ja auch einmal einfach übersetzen können, er lautet "Die Mündung der Vesle", also Mündung des Flusses Vesle (in die Aisne). Daß es so einfach sein könnte, wird uns erst später klar. Schließlich führt die Angabe "brunel_2020_pnas" weiter. Es ist dies nämlich die Studie, in der die archäogenetischen Daten dieses Fundes zum ersten mal veröffentlicht worden sind (2), und zwar unter der Kennzeichnung "CBV95".

Der frühste Glockenbecher-Fund im Aisne-Tal (2.500 v. Ztr.)

Über das Suchwort „La Bouche à Vesle“ fand sich zumindest zunächst einmal ein Bericht der französischen Denkmalbehörde über die diesbezügliche Ausgrabung (Neolitiqueblog2016):

Im Dorf Ciry-Salsogne auf dem Flurstück „La Bouche à Vesle“ wurde eine auf etwa 2.574/2.452 v. Ztr. datierte Einzelbestattung aus der Glockenbecher-Kultur entdeckt. (...) Bei dem Verstorbenen handelt es sich um einen jungen, erwachsenen Mann im Alter von 20 bis 22 Jahren. Ihm ist ein für die damalige Zeit typischer Becher, ein Feuerstein-Messer und ein Hirschgeweihobjekt beigegeben worden (ein langes, bogenförmiges Daubensegment). Der Feuersteindolch wurde links vom Verstorbenen abgelegt; gemessen an der Stumpfheit seiner Kante und der sekundären Retusche ist er sehr häufig verwendet worden.

Das Flurstück liegt also an der Mündung der Vesle in die Aisne. Die Vesle kommt von Reims her, der Stadt, die fünfzig Kilometer weiter östlich liegt. An ihrer durch die beiden Flußläufe geschützten Mündung fanden die Archäologen eine Siedlung aus der späten Hallstatt-Zeit. Sie bestand aus mindestens 16 Gebäuden, umgeben von einer Palisade (AdlFI1999). Unabhängig von diesen Funden wurde dann hier auch das 2000 Jahre ältere, bis dato älteste Grab der Glockenbecher-Kultur entdeckt. 

Abb. 2: Ein 15 cm hoher Becher als Beigabe - Aus dem bis dato ältesten Glockenbecher-Grab weltweit im Aisne-Tal (aus: Neolitiqueblog2016)

In der archäologischen Studie, in der dieser Fund 2011 veröffentlicht wurde, heißt es (3): 

Im Jahr 2000 wurde ein Grab aus der Glockenbecherzeit entdeckt im nördlichen Teil des Dorfes Ciry-Salsogne im Aisne-Tal rund ein Dutzend Kilometer östlich der Stadt Soissons. Das Flurstück „La Bouche à Vesle“ liegt an der Vesle, in der Nähe der Mündung in die Aisne. Das untersuchte Flurstück (30 ha) besteht insgesamt aus einer ebene Fläche mit kiesigem Untergrund, geeignet für menschliche Besiedlung. Durch jüngste und frühere archäologische Eingriffe wurden zahlreiche Strukturen sowohl aus der Frühgeschichte als auch aus der Geschichte freigelegt (Desenne et al., 2000). Eine Rodung auf zwei Hektar ergab nun dieses isolierte Grab (Struktur 95) inmitten von Strukturen aus der Bronze- und Latènezeit. In der Umgebung wurden sonst keine Strukturen, Außenbestattungen oder anderen Bestattungen entdeckt (Desenne et al., 2000). (...) Eine Datierung durch das Groninger Labor ergab für dieses Grab eine Zeitstellung von 2574-2452 v. Ztr..

Die Veröffentlichung der archäogenetischen Daten zu diesem 20-jährigen Mann der Glockenbecher-Kultur erfolgte dann im Jahr 2020 (2) (Abb. 3, 4). 

Abb. 3: "CBV95" - Das bislang älteste, bekannte Glockenbecher-Individuum, das sich nahe von Soissons in Nordfrankreich fand, hatte offenbar ausschließlich Steppenherkunft (aus 2)

In der Studie heißt es (2):

Wir präsentieren zwei mit der Glockenbecherkultur assoziierte Individuen (CBV95 und PEI2), die wir zusammen mit bereits beschriebenen zeitgenössischen Individuen aus Europa, einschließlich Frankreich, analysiert haben (10). Mit der Glockenbecherkultur assoziierte französische Individuen weisen ein breites Spektrum an Steppenabstammungsanteilen auf (Abb. 1C und 2D). CBV95 in Nordfrankreich weist in unserem Datensatz den höchsten Anteil an Allelen der Jamnaja-Kultur auf und gehört zur Y-Chromosom-Haplogruppe R1b (Abb. 1C und 2D und SI-Anhang, Abb. S4-5), was den frühesten klaren Beweis für die Präsenz dieser Haplogruppe in Frankreich um 2500 v. Ztr. darstellt (Datensatz S10). Diese Linie wurde mit der Ankunft von Migranten aus der Steppe in Mitteleuropa während des Spätneolithikums in Verbindung gebracht und wurde in anderen Teilen Europas und bei mit der Glockenbecherkultur assoziierten Individuen aus Südfrankreich beschrieben, während sie auf der Iberischen Halbinsel vor der Bronzezeit fast nicht vorhanden war (10, 13).
We report two Bell Beaker-associated individuals (CBV95 and PEI2), that we coanalyzed with previously reported contemporaneous individuals from Europe, including France (10). French Beaker-associated individuals display a wide range of steppe-ancestry proportions (Figs. 1C and 2D). CBV95 in northern France derives the highest proportion of alleles from the Yamnaya in our dataset, and belongs to Y-chromosome haplogroup R1b (Figs. 1C and 2D and SI Appendix, Fig. S4-5), providing the earliest clear evidence of the presence of this haplogroup in France around 2500 BCE (Dataset S10). This lineage was associated with the arrival of migrants from the steppe in central Europe during the Late Neolithic, and was described in other parts of Europe and in Bell Beaker-associated individuals from southern France, while being almost absent in Iberia prior to the Bronze Age (10, 13).

Es wird dann noch die Angabe gemacht (1):

Vermischungsmodelle erbrachten überraschenderweise Villabruna nicht als Herkunftsanteil für CBV95 oder PEI2, was sich von bisher bekannten Individuen aus der Jungsteinzeit unterscheidet.
Surprisingly, the admixture model did not include Villabruna as an ancestry source for either CBV95 or PEI2, which differs from previously known Late Neolithic individuals.

Für CBV95 wollen wir das gelten lassen. Aber diese Aussage kontrastiert ja doch mit den Ergebnissen aus dem David Reich-Labor, wonach die westeuropäische Jäger-Sammler-Herkunft konstitutiv für die Ethnogenese der Glockenbecher-Kultur gewesen sein soll (Stg5/25). Wie auch immer sich dieser Widerspruch auflösen wird!*) Wenn es im Aisne-Tal um 2.500 v. Ztr. noch Menschen mit reiner Jamnaja-Genetik gab, obwohl sich die Schnurkeramik-Leute in Europa seit 500 Jahren mit Einheimischen vermischt hatten, sollte dieser Umstand auch auf eine genetisch sehr konservativ gebliebene indogermanische Bevölkerung im Aisne-Tal verweisen.

In einer weiteren der Studie beigegebenen Grafik wird "CBV95" dann als Ausgangspunkt gewählt der europaweiten Glockenbecher-Ausbreitung (Abb. 4): Ihm stehen genetisch zunächst Glockenbecher-Individuen, die in Deutschland und Großbritannien gefunden wurden, am nächsten. 

Abb. 4: Die Vermischung der Glockenbecher-Leute während ihrer Ausbreitung über Europa - CBV96 steht dem Ursprung am nächsten (aus: 1) ("D statistics of the form D(Mbuti, Test; Yamnaya_Samara, Anatolia_Neolithic) for individuals associated with the Bell Beaker cultural complex")

Glockenbecher-Individuen, die auf der iberischen Halbinsel gefunden wurden, sind genetisch weiter von ihm entfernt. Die unterschiedliche genetische Nähe ergibt sich wohl jeweils vor allem aufgrund der Vermischung mit jeweils einheimischen Vorbevölkerungen.

Ein Fürstensitz der Michelsberger Kultur im Vesle-Tal in Nordfrankreich (4.200 v. Ztr.)

Das Aisne-Tal in Nordfrankreich und das Tal des Vesle, die von Süden kommend in die Aisne mündet, werden seit vielen Jahren archäologisch erforscht. Ein regionales Zentrum der Michelsberger Kultur aus der Zeit um 4.200 v. Ztr. fand sich nahe Jonchery-sur-Vesles, 30 Kilometer von der Mündung der Vesle flußaufwärts entfernt (Neolitiqueblog2016):

Die bedeutendste Stätte aus dem Mittelneolithikum ist die von Jonchery-sur-Vesles (Michelsberg-Kultur, etwa 4.200 v. Ztr.). Ihre Ausgrabung wurde 2003 abgeschlossen. Es handelt sich bei ihr um eine Einfriedung mit einer Innenfläche von 5 Hektar. Diese besteht aus 4 bis 5 konzentrischen Gräben (also 3.500 Meter Gräben) mit einer oder mit zwei inneren Palisaden (also 1.500 Meter Palisaden, für die 600 Bäume gefällt werden mußten). Die archäologischen Funde sind bedeutsam (sie betragen 1 Tonne Keramik!) und sie zeugen von einem Ort mit einem bestimmten Zweck, vielleicht für zeremonielle Zwecke oder um die umliegenden Dorfgemeinschaften zusammenzubringen (Markt?). Neben dieser Fundstelle wurden für das Mittelneolithikum rund zwanzig weitere Fundstellen identifiziert.

Es dürfte sich um einen Fürstensitz am Westrand der Michelsberger Kultur (4.400 bis 3.500 v. Ztr) (Wiki) gehandelt haben, deren Volk sich von Ostbayern bis Nordfrankreich ausgebreitet hatte, und die dann von der Wartberg- und der Trichterbecher-Kultur abgelöst wurde. Rund um diese Ortschaft wurden Megalithgräber angelegt und genutzt zum Spätneolithikum, so daß auch das älteste Glockenbecher-Individuum an der Mündung der Vesle in Zusammenhang mit diesem kulturellen, politischen und wirtschaftlichen Zentrum gestanden haben kann. Bekanntlich haben sich ja die Schnurkeramiker schon 500 Jahre vorher im Weichselraum mit ihren Herden in den Randbereichen der Ackerbauern-Siedlungen aufgehalten (ebenso zeitgleich die Indogermanen in Anatolien, die Kura-Araxes-Kultur). 

Die Gegend bei Soissons - Ort von Entscheidungsschlachten des Ersten Weltkrieges

Die Gegend um Soissons weist eine reiche Geschichte auf (Wiki), schon in der Zeit der Gallischen Kriege des Julius Caesar. Der Zeithistoriker denkt vor allem an das Geschehen des Ersten Weltkrieges in dieser Region. Die Deutschen hatten sich im September 1914 entsprechend des Schlieffen-Planes im vollen Siegeslauf auf Paris befunden. Sie hatten nur noch wenig Gegenwehr vorgefunden, als sie überraschend hinter Soissons, hinter die Vesle und hinter Reims zurück gingen. Dies war ein Vorgang, der unter der Bezeichnung "Wunder an der Marne" in die Geschichte einging (Wiki), und der sich in der Zeit zwischen dem 9. und 13. September 1914 vollzog (s. Abb. 5). 

Eine entscheidende Rolle bei der Verwirklichung dieses "Wunders" spielte ein Oberstleutnant Richard Hentsch, der als Abgesandter des von Rudolf Steiner okkult beratenen deutschen Generalstabschefs Hellmuth von Moltke zwischen den Hauptquartieren der vormarschierenden deutschen Armeen wechselte und der der jeweils nächsten Armee, zu der er kam, von einer angeblich sehr pessimistischen Sicht auf die Lage berichtete auf Seiten jener Armee, von der er gerade kam. Diese pessimistische Sicht hatte bei dieser aber gar nicht vorgelegen. Da nun plötzlich jede der vormarschierenden Armeen befürchtete, vom Gegner auf den Flügeln angegriffen und umfaßt zu werden, gingen alle vormarschierenden Armeen nun ziemlich gleichzeitig zurück. Ein ziemlich "verrückter" Vorgang. 

Abb. 5: Das Wunder an der Marne im September 1914

Erneut trat diese Regionen in den Mittelpunkt des Geschehens unter anderem im entscheidenden, letzten Jahr des Ersten Weltkrieges, im Jahr 1918. Mit einer gewaltigen deutschen Frühjahrsoffensive (Wiki) wollte der deutsche General Erich Ludendorff (1865-1937), der Sieger der Schlacht von Tannenberg in Ostpreußen im Jahr 1914, noch einmal die Lage zugunsten des Deutschen Reiches wenden. Die Deutschen erreichten unter seiner Führung an der Westfront auch den größten Geländegewinn seit 1914, jedoch nicht den heiß erstrebten Durchbruch nach Paris. Die erste Phase dieser Schlacht dauerte vom 21. März bis 5. April 1918. Die Deutschen waren in dieser etwas weiter nördlich von St. Quentin bis kurz vor Amiens durchgestoßen. Die zweite Phase dieser Schlacht spielte sich erneut rund um Soissons und um die Täler der Aisne und der Vesle ab. Vom 27. Mai bis zum 6. Juni griffen die Deutschen auf der Front von Reims an westwärts gen Süden an. Sie eroberten Soissons und den gesamten Flußlauf der Vesle von Reims abwärts, und zwar ein zweites mal seit 1914. Sie stießen bis Chauteaux Thierry und bis zum Wald von Villers-Cotterêts durch (Wiki). Entsprechend dieses Kriegsverlaufs heißt es über Soissons auch (Wiki):

Im Ersten Weltkrieg (1914-1918) wurde die Stadt zweimal von deutschen Truppen besetzt und durch Artilleriefeuer von beiden Seiten zu drei Vierteln zerstört. 

Über das Jahr 1914 heißt es (Wiki):

Am 13. September griffen die Zuaven und Schützen von General Quiquandon den „Hügel 132“ an, der Soissons im Norden überblickt, jedoch ohne Erfolg. Nach den Angriffen am 14., 17., 23. und 30. September gelang es den Angreifern nicht, die Verteidiger zu vertreiben, die sich in diesen von Senken durchzogenen Hügeln eingegraben hatten und die sich zu hervorragenden Beobachtungsposten und Stellungen für die Bombardierung von Soissons entwickelten. (...) Die fortschreitende Zerstörung der Stadt veranlaßte das französische Kommando Anfang Januar 1915 zu einem Angriff, um die Stadt zu befreien. Es ist die Schlacht von Crouy. Am 8. Januar griffen ein Bataillon Jäger und ein Bataillon marokkanischer Schützen mit Unterstützung der 55. Division an und es gelang ihnen, auf dem „Sporn 132“ Fuß zu fassen. Die Front stabilisierte sich nördlich der Stadt, die bis 1917 schwer bombardiert wurde. 
Henri Barbusse schrieb dort "Le Feu".
Während der Meutereien von 1917 marschierten Soldaten durch die Stadt, die sich nach der verheerenden Offensive am Chemin des Dames geweigert hatten, an die Front zu gehen. (...)
29. Mai 1918: Die marokkanische Division und das Marschregiment der Fremdenlegion werden per Lastwagen in den Westen des gerade in Feindeshand gefallenen Soissons transportiert. Ziel war es, seinen Vormarsch in Richtung Villers-Cotterêts zu blockieren, indem man Stellung auf der Montagne de Paris einnahmen. Der Angriff begann am frühen Morgen nach einem kurzen, aber heftigen Artilleriefeuer. Der zahlenmäßig deutlich überlegene Feind konnte in den Stellungen der Legion Fuß fassen. Die Legionäre waren gezwungen, ihre Munition zu schonen, und verloren in den zweitägigen Kämpfen 47 Mann, 219 wurden verwundet und 70 wurden vermißt. Dennoch gelang es dem Marschregiment der Fremdenlegion, seine Stellungen zu halten und den deutschen Vormarsch in seinem Abschnitt zu blockieren.

Soweit nur ein kurzer Ausschnitt aus diesem dramatischen Geschehen, der natürlich beliebig erweitert werden könnte (s.a. Abb. 6).

Soldatenfriedhof Soupir an der Asine

Elf Kilometer westlich der Mündung der Vesle in die Aisne wurde der deutsche Soldatenfriedhof Soupir angelegt. Auf ihm liegen (Volksbund) ...

... mehr als 11.000 Gefallene aus den Gefechten, die vom September 1914 bis zum Oktober 1918 tobten. Allein 5.955 Tote ruhen in einem Gemeinschaftsgrab.

Daneben ist ein französischer Soldatenfriedhof angelegt worden. Auf ihm liegen (Volksbund... 

7.236 französische Soldaten aus den Schlachten des Ersten Weltkrieges zwischen Soissons und Reims, an der Aisne, der Vesle und der Marne sowie um den Chemin-des-Dames.

Die meisten der hier bestatteten Soldaten werden, sofern sie nicht allein germanischer Herkunft aus Norddeutschland waren, zu größeren Teilen auch jene Glockenbecher-Herkunft in sich getragen haben, die womöglich genau in dieser Region an der Aisne - oder weiter nördlich bis hoch nach Flandern - entstanden ist.

Abb. 6: Landschafts- und Geschichtseindruck - Der Fluß Aisne - "Französischer Angriff auf die deutschen Stellungen im Norden der Aisne - April und Mai 1917" - Gemalt von François Flameng 1917 (Wiki

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*) Jedenfalls steht diese Angabe auch in Widerspruch zu Angaben im sonstigen Internet über die Herkunftszusammensetzung dieses Individuums (nach ExploreyourDNA):

73.15 % Yamnaya_RUS_Samara (Jamnaja-Steppenhirten)
16.60 % TUR_Barcin_N (anatolisch-neolithische Bauern)
10.25 % WHG (westeuropäische Jäger und Sammler)

Eine andere Aufschlüsslung der Herkunft von CBV95 (dnagenetics), wonach er 42 % westeuropäische Jäger-Sammler-Herkunft gehabt hätte, ist dann noch weniger nachvollziehbar (s.a. umap). 

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  1. Tracing the Spread of Celtic Languages using Ancient Genomics. Hugh McColl, Guus Kroonen, Thomaz Pinotti, John Koch, Johan Ling, Jean-Paul Demoule, Kristian Kristiansen, Martin Sikora and Eske Willerslev (bioRxiv. posted 1 March 2025) 10.1101/2025.02.28.640770
  2. S. Brunel,E.A. Bennett,L. Cardin,D. Garraud,H. Barrand Emam,A. Beylier,B. Boulestin,F. Chenal,E. Ciesielski,F. Convertini,B. Dedet,S. Desbrosse-Degobertiere,S. Desenne,J. Dubouloz,H. Duday,G. Escalon,V. Fabre,E. Gailledrat,M. Gandelin,[...]& M. Pruvost,  Ancient genomes from present-day France unveil 7,000 years of its demographic history, Proc. Natl. Acad. Sci. U.S.A. 117 (23) 12791-12798, https://doi.org/10.1073/pnas.1918034117 (2020). (PNAS2020)
  3. Lamys Hachem, Pierre Allard, Fabien Convertini, Bruno Robert, Laure Salanova, et al.. La sépulture campaniforme de Ciry-Salsogne ” La Bouche à Vesle ” (Aisne). In: Laure Salanova & Yaramila Tchérémissinoff (Hg): Les sépultures individuelles campaniformes en France, CNRS Editions, pp.21-35, 2011, Gallia Préhistoire. Supplément; 41, 978-2-271-07124-8. ffhalshs-00654008
  4. Ian Armit: A sea change? Mobility, Genetics and the Beaker Complex in Britain. The Transformation of Europe in the Third Millennium BC. International Conference on the Third Millennium BC archaeology in Europe. Riva del Garda, Trento, Italy, 25-28 October 2023 (Yt)

Donnerstag, 15. Mai 2025

Ein sehr konservatives Volk an der Nordsee-Küste macht Revolution (2.400 v. Ztr.)

Eine sehr konservative Genetik und Kultur in den Küstenregionen der Nordsee 
- Sie wird Ausgangspunkt für die Ethnogenese der italo-keltischen Völkergruppe, bzw. der Glockenbecherkultur

Wir hatten gerade im März erst völlig neue Erkenntnisse über die Entstehung und Geschichte der keltischen und italischen Völker in Europa behandelt (Stg25). Es geschah das unter dem Titel "Bollwerk Germanien", um deutlich zu machen, daß diese keltischen und italischen Völker mehrfach ohne langfristigen Erfolg versuchten, nach Skandinavien einzudringen, wodurch sich in Skandinavien eine vergleichsweise "konservative" Völkergruppe erhielt, nämlich die germanische.

Abb. 1: Hoher verbliebener Jäger-Sammler-Herkunftsanteil an der Nordseeküste zwischen Weser, Weserbergland und Schelde zwischen 4.500 und 2.500 v. Ztr. (aus 1) - Ausgangspunkt für die Ethnogenese der Glockenbecher-Kultur (!) 

In einer neuen archäogenetischen Studie wird nun - zunächst im Preprint - auf die Bedeutung eines anderen genetisch sehr konservativen Volkes an der Nordseeküste hingewiesen. Nämlich auf einen lange Zeit nachwirkenden, ungewöhnlich hohen Jäger-Sammler-Anteil in den neolithischen und frühbronzezeitlichen Kulturen zwischen Weser, Weserbergland und Schelde (1) (s. Abb. 1). / Ergänzung 14.2.2026: Die Studie ist inzwischen auch offiziell erschienen (3) mit einem journalistischen Begleitartikel von Ewen Callaway (Nature2026). / 

Nordhessen einerseits, die Niederlande und Flandern andererseits

Fast zeitgleich zum Preprint der hier zu behandelnden archäogenetischen Studie zu den Niederlanden und Flandern erscheint eine weitere, die einen ähnlich konservativen, hohen Jäger-Sammler-Anteil aufzeigt für die benachbarten Regionen in Nordhessen und Südniedersachsen. Nämlich für die dortige Wartberg-Kultur (3.500-2.800 v. Ztr.) (Wiki) und die dortige Westliche Trichterbecher-Kultur (4.300-2.800 v. Ztr.) (Wiki) (2), und zwar in Menschen, die in dortigen, zum Teil berühmten Galerie- und Megalithgräbern bestattet worden waren. Zum Beispiel im berühmten Galeriegrab von Züschen in Nordhessen, in dem es eines der ältesten Wagendarstellungen der Weltgeschichte gibt. 

Es wird all dies aufgezeigt anhand der Analyse von 129 Genomen, die aus Skeletten gewonnen werden konnten von den Fundorten in Altendorf, Niedertiefenbach, Rimbeck, Warburg und Züschen (alle der Wartberg-Kultur in Nordhessen/Westfalen zugehörig), sowie von dem Fundort Sorsum (im südlichen Niedersachsen, der Westlichen Trichterbecher-Kultur zugehörig). Die Genome all dieser Menschen wiesen genetisch einen hohen westeuropäischen Jäger-Sammler-Anteil auf, nämlich zwischen 25 und 50 %, im Durchschnitt 35 %.

Außerdem aber wird in dieser archäogenetischen Nordhessen-Studie Eliten-Verwandtschaft aufgezeigt rund um die genannten Großsteingräber, und zwar zum Teil über mehr als 200 Kilometer hinweg (2). Wir haben es hier mit einer ähnlichen Erscheinung zu tun, wie sie 2020 schon für die berühmtesten Megalithgräber in Irland aufgezeigt worden war (Stg20), wodurch staatliche Strukturen, "Großreiche" in Nordeuropa schon für das Mittelneolithikum immer wahrscheinlicher werden.

Aber mehr noch: die in diesen Galerie-Gräbern repräsentierten mittelneolithischen Fürstentümer und Königreiche in der norddeutschen Tiefebene und an der Nordseeküste scheinen nun das Kerngebiet der Ethnogenese der Glockenbecher-Kultur ab 2.460 v. Ztr. gewesen zu sein oder diesem Kerngebiet räumlich, genetisch und kulturell sehr nahe gestanden zu haben (1). Zunächst lesen wir von (1) ...

... der Region rund um das Rhein-Maas-Gebiet in Gemeinschaften in den Feuchtgebieten, Flußgebieten und Küstengebieten der westlichen und zentralen Niederlande, Belgiens und Westdeutschlands, wo wir genomweite Daten für 109 Menschen zwischen 8500 und 1700 v. Ztr. zusammentrugen. Hier überlebte eine besondere Population mit hohem Jäger- und Sammleranteil (∼50 %) bis zu dreitausend Jahre länger als in kontinentaleuropäischen Regionen, was auf die begrenzte Eingliederung von Frauen früheuropäischer Bauernabstammung in die lokalen Gemeinschaften hindeutet. In den westlichen Niederlanden war auch die Ankunft des Schnurkeramik-Komplexes außergewöhnlich: Tieflandbewohner aus Siedlungen, die Schnurkeramik übernahmen, hatten trotz eines charakteristischen Y-Chromosoms der frühen Schnurkeramik kaum Steppenvorfahren. Der begrenzte Zustrom könnte die einzigartige Ökologie der flußdominierten Landschaften der Region widerspiegeln, die sich nicht für die flächendeckende Übernahme des frühneolithischen Landwirtschaftstyps eigneten, der mit der Linearbandkeramik eingeführt wurde. Dadurch konnten bereits etablierte Gruppen gedeihen und eine dauerhafte, aber durchlässige Grenze geschaffen werden, die Ideentransfer und Genfluß auf niedriger Ebene ermöglichte. Dies änderte sich mit der Entstehung durch Vermischung von Bevölkerungen der Glockenbecherzeit um 2500 v. Ztr. durch die Verschmelzung lokaler Rhein-Maas-Bevölkerung (9-17 %) und mit der Schnurkeramik assoziierter Migranten beiderlei Geschlechts. Ihre Ausbreitung aus der Rhein-Maas-Region hatte dann zerstörerische Auswirkungen auf einen viel größeren Teil Nordwesteuropas, einschließlich Großbritannien, wo ihre Ankunft die Hauptursache für eine 90-100-prozentige Verdrängung der lokalen neolithischen Bevölkerung war.
... the wider Rhine-Meuse area in communities in the wetlands, riverine areas, and coastal areas of the western and central Netherlands, Belgium and western Germany, where we assembled genome-wide data for 109 people 8500-1700 BCE. Here, a distinctive population with high hunter-gatherer ancestry (∼50%) persisted up to three thousand years later than in continental European regions, reflecting limited incorporation of females of Early European Farmer ancestry into local communities. In the western Netherlands, the arrival of the Corded Ware complex was also exceptional: lowland individuals from settlements adopting Corded Ware pottery had hardly any steppe ancestry, despite a characteristic early Corded Ware Y-chromosome. The limited influx may reflect the unique ecology of the region’s river-dominated landscapes, which were not amenable to wholesale adoption of the early Neolithic type of farming introduced by Linearbandkeramik, making it possible for previously established groups to thrive, and creating a persistent but permeable boundary that allowed transfer of ideas and low-level gene flow. This changed with the formation-through-mixture of Bell Beaker using populations ∼2500 BCE by fusion of local Rhine-Meuse people (9-17%) and Corded Ware associated migrants of both sexes. Their expansion from the Rhine-Meuse region then had a disruptive impact across a much wider part of northwest Europe, including Britain where its arrival was the main source of a 90-100% replacement of local Neolithic peoples.

Der Hauptkomponenten-Analyse für die Verwandtschaftsverhältnisse zwischen den neolithischen und bronzezeitlichen Bevölkerungen im Rhein-Maas-Gebiet entnehmen wir, daß es dort mit jeder neuen archäologischen Kultur während des Neolithikums zu einem weiteren Vermischungsschub kam (Abb. 2). 

Abb. 2: Hauptkomponenten-Analyse für die Verwandtschaftsverhältnisse zwischen den neolithischen und bronzezeitlichen Bevölkerungen im Rhein-Maas-Gebiet (aus 2)

Wir haben zunächst Menschen mit 100 % westeuropäischem Jäger- und Sammler-Anteil (Abb. 2: gelb). Mit der dortigen Swifterbant-Kultur (Wiki), die parallel zur bandkeramischen Kultur entstand, kam es zu Vermischungen mit Menschen der bandkeramischen Kultur, und zwar in recht unterschiedlichen Anteilen (Abb. 2: dunkelblau). Die mittel- und spätneolithische Wartberg-Kultur (Abb. 2: hellblau) weist dann Herkunftsanteile auf wie oben schon anhand (2) wiedergegeben.

Auf Baltrum waren die Menschen genetisch noch "konservativer"

Wir lesen außerdem über genetisch noch "konservativere" Menschen in der Blätterhöhle in Westfalen und auf der schönen Nordseeinsel Baltrum (1):

Zu den seltenen Ausnahmen zählen ein Individuum aus dem Mittelneolithikum von der Insel Baltrum (BLR001) und ein veröffentlichtes Individuum aus der Blätterhöhle (I1565), beide mit einer Abstammung von >75 % von Jägern und Sammlern, sowie einige mit der Wartberg-Kultur in Zusammenhang stehende Individuen mit einem WHG-Abstammungsanteil von nur 25 %.
Rare exceptions include one Middle Neolithic individual from the island of Baltrum (BLR001) and one published individual from the Blätterhöhle cave (I1565), both with >75% hunter- gatherer ancestry, and also some Wartberg-associated individuals with a range of WHG ancestry reaching as low as 25%.

Ab 3.000 v. Ztr. nehmen die Menschen des Niederrhein-Gebietes dann die Kultur der indogermanischen Schnurkeramik an. Aber ihre Genetik verändert sich dabei einmal erneut nicht wesentlich. Sie bleiben weiterhin "konservativ". Es kommt nur zu leichten genetischen Einmischungen der Schnurkeramiker (Abb. 2: rot).

Auch als "Schnurkeramiker" blieben die Menschen an der Nordseeküste genetisch "konservativ"

Erst ab 2.500 v. Ztr. wandelt sich das genetische Abstammungsbild drastisch. Die einheimische Bevölkerung wird genetisch ersetzt durch die Glockenbecher-Kultur (orange), die ein völlig anderes Herkunftsprofil aufweist. Über die Ankunft der Glockenbecher-Genetik und -Kultur in den Niederlanden wird vornehmlich aus archäologischer Sicht ausgeführt (2):

Die Ankunft des Glockenbecher-Komplexes um 2500 v. Ztr. markierte einen weiteren großen kulturellen Übergang. Mit ihr breiteten sich Siedlungen über die Feuchtgebiete und Küstengebiete aus und ersetzten Siedlungen von Vlaardingen/Schnurkeramik, obwohl sie im Allgemeinen nicht dieselben Standorte nutzten. Die Glockenbecher-Wirtschaft war der vorherigen Schnurkeramik-Wirtschaft ähnlich und bestand hauptsächlich aus Landwirtschaft, gemischt mit Jagen und Sammeln von geringer Intensität. Im sandigen Hochland gab es eine Fortsetzung des Hügelgräberrituals, allerdings mit ausgeprägten Glockenbecher-Merkmalen und einer materiellen Kultur, die das Schnurkeramik-Repertoire ersetzte. Glockenbecher-Gruppen sind auch südlich des Rheins gut belegt, wie Glockenbecher-Grabhügel auf den Sandböden der südlichen Niederlande und Belgiens belegen.
The arrival of the BB complex around 2500 BCE marked another major cultural transition, as settlements spread across the wetlands and coastal areas, replacing Vlaardingen/CW settlements, though generally not using the same sites28. The BB economy was similar to the previous CW one and consisted of predominantly farming mixed with low-intensity hunting and gathering. In the sandy uplands, there was a continuation of the barrow ritual, but with distinct BB characteristics and material culture replacing the CW repertoire34,35. BB groups were also well attested south of the Rhine, as evident in BB burial mounds on the sandy soils of the southern Netherlands and Belgium32,36,37. BB settlement sites remain just as elusive in this area as CW settlements.

Ab 2.500 v. Ztr. vollzieht sich auch die Indogermanisierung Armeniens und Griechenlands und auch dort beobachten wir - wie anderwärts - ein vergleichsweise grausames Ausrotten der Vorbevölkerung, bildlich dargestellt etwa in dem Silberbecher von Karashamb aus der Zeit um 2.200 v. Ztr. (Stg23). Dieses grausame Ausrotten ist zeitgleich durch die Archäogenetik auch in Böhmen und anderwärts zu beobachten.

Aber dann kam die Glockenbecher-Kultur ...

Über die Glockenbecher-Genetik in den Niederlanden wird ausgeführt (2):

Alle 13 verfügbaren Individuen, die mit der Glockenbecher-Kultur in Zusammenhang stehen, scheinen in der Hauptkomponentenanalyse genetisch den Gruppen nahezustehen, die in Zusammenhang mit der Schnurkeramik-Kultur stehen, jedoch nicht mit den vorhergehenden lokalen Vlaardingen/Schnurkeramik-Individuen aus dem Rhein-Maas-Gebiet. Sie können mit einer Abstammung von ∼83 % aus dem Hauptcluster der Schnurkeramik-assoziierten Individuen und ihre restliche Abstammung aus einer mit dem Wartberg-Neolithikum verwandten Gruppe modelliert werden, die jene neolithische Bevölkerung aus dem Rhein-Maas-Gebiet mit dem niedrigsten Grad an Jäger- und Sammler-Abstammung repräsentiert, oder als Mischung zwischen mittel- und spätneolithischen Gruppen von außerhalb des Rhein-Maas-Gebiets (z. B. Kugelamphore in Polen, TRB in Tschechien, Baalberge in Deutschland, Neolithikum-Chalkolithikum in Iberien) und spätneolithischen Populationen aus Belgien. Alle diese Szenarien deuten auf eine Abstammungsänderung von ∼83–91 % (aber nicht 100 %) hin, die mit der Ankunft des Glockenbecher-Komplexes in der Rhein-Maas-Region verbunden ist (Ergänzende Tabelle 5). Ein Beitrag der lokalen Bauern des Rhein-Maas-Deltas mit ihrem charakteristischen Merkmal einer hohen Jäger- und Sammlerabstammung ist essenziell, um die Entstehung der mit dem Rhein-Maas-Delta assoziierten Glockenbecher-Individuen zu modellieren. Sogar bei 9–17 % können wir davon ausgehen, daß diese lokale Vermischung stattfand: Modelle, denen dieser einzigartige genetische Beitrag der Bauern des Rhein-Maas-Deltas fehlt, werden mit hoher Signifikanz zurückgewiesen. Das deutet darauf hin, daß die beobachtete Vermischung zwischen den mit der Schnurkeramik-Kultur verbundenen Gruppen und europäischen Bauern, die das genetische Profil des Rhein-Maas-Deltas bildete, in der Region selbst stattgefunden haben muß. Radiokarbondatierungen legen außerdem nahe, daß die Rhein-Maas-Region einer der frühesten Orte war, an denen das Glockenbecher-Kulturphänomen auftrat. Während das früheste Vorkommen von Glockenbecher-Kulturmaterial auf der Iberischen Halbinsel lokalisiert wurde, zeigen unsere Ergebnisse, daß eine frühe Bildung von Glockenbecher-assoziierten Gruppen, die nicht nur kulturell, sondern auch genetisch von Schnurkeramik-Nutzern beeinflußt wurden, auch im Rhein-Maas-Gebiet stattfand.
All 13 available BB-associated individuals appear genetically close to CW-associated groups, but not to the preceding local Rhine-Meuse area Vlaardingen/CW individuals in the PCA. They can be modeled with ∼83% ancestry from the main cluster of CW-associated individuals (Supplementary Table 5), and their remaining ancestry from a Wartberg Neolithic-related group, representing the Neolithic population from the Rhine-Meuse area with the lowest level of hunter-gatherer ancestry, or as a mixture between Middle and Late Neolithic groups from outside the Rhine-Meuse area (e.g. Poland Globular Amphora, Czechia TRB, Germany Baalberge, Iberia Neolithic-Chalcolithic) and Late Neolithic populations from Belgium. All these scenarios point to a ∼83-91% (but not 100%) ancestry change associated with the arrival of the BB complex in the Rhine-Meuse region (Supplementary Table 5). A contribution of local Rhine-Meuse delta farmers, with their distinctive signature of high hunter-gatherer ancestry, is essential to model the formation of Rhine-Meuse delta BB-associated individuals. Even at 9-17%, we can be confident this local admixture occurred: models lacking this unique Rhine-Meuse delta farmer genetic contribution are rejected with high significance. This suggests that the observed mixture between CW culture associated groups and European farmers that formed the genetic profile of Rhine-Meuse delta BB must have occurred in the region itself. Radiocarbon dates further suggest that the Rhine-Meuse area was one of the earliest places where the BB cultural phenomenon arose61. While the earliest appearance of BB cultural material has been located in Iberia62, our results show that early formation of BB-associated groups, influenced not just culturally but also genetically by CW users, also occurred in the Rhine-Meuse area.

Vor zwei Monaten erst war - wie eingangs angedeutet - eine Studie aus dem Labor von Eske Willerslev erschienen, die den Ursprung der Glockenbecher-Kultur in Nordfrankreich lokalisierte für die Zeit ab 2.463 v. Ztr., und die eine Ausbreitung in die Niederlande ab 2.384 v. Ztr. annahm (Stg25). Man darf gespannt sein, wie weit sich die Kernregion der Ethnogenese der Glockenbecherkultur künftig noch eingrenzen lassen wird.

Jedenfalls wird hier einmal erneut eine spannende Beobachtung gemacht. Einmal erneut - wie dies schon zum Beispiel archäogenetischen Studien zu Böhmen (Stg21) oder zu Ungarn/Kroatien (Stg22) gleich mehrfach beobachtet worden war (ebenso in Westfrankreich: Stg25) - sind es einheimische europäische Jäger-Sammler-Anteile, die einen entscheidenden Beitrag leisten zur Ethnogenese neuer Völker. In dem vorliegenden Fall an der Nordseeküste sogar zur Ethnogenese eines der bedeutendsten Völker der europäischen Geschichte überhaupt, nämlich der Glockenbecher-Kultur und damit der italo-keltischen Völkergruppe.

"Das untergehende Vaterland" - ein "Werden im Vergehen"

Wir ahnen, bzw. bekommen damit einmal erneut vor Augen geführt, daß "konservative" Völker dennoch zum Fortschritt der Völkergeschichte beitragen oder vielleicht gerade deshalb, weil sie so konservativ sind und darum einer Welt, die sich inzwischen völlig gewandelt hat, "Impulse" geben können, die aus weniger konservativen Völkern nicht mehr gegeben werden können, da sie zu sehr angepaßt sind an die inzwischen "modern" gewordene Welt. Wir ahnen einmal erneut ein dynamisches Wechselspiel zwischen sehr konservativen und sehr fortschrittlichen Tendenzen und Ausrichtungen innerhalb der Völkergeschichte, und daß beide Tendenzen oft sehr nahe beieinander liegen können. Ähnliches glaubten wir ja auch schon etwa bei der Ethnogenese der Urindogermanen an der Mittleren Wolga zu beobachten, wo zwei sehr gegensätzliche Lebensweisen zu einer neuen Lebensweise verschmolzen und etwas völlig Neues schufen.

Und wir erkennen damit - vielleicht einmal erneut: daß auch die norddeutsche Tiefebene und die Küstenregionen der Nordsee schon im Neolithikum und in der frühen Bronzezeit eine für das übrige Europa vergleichsweise "konservative" Genetik und Kultur aufgewiesen haben, die aber nicht bedeutungslos im "Strom der Geschichte" "versiegten". Denn welch große Überraschung zugleich: Genau diese konservative Genetik und Kultur in den Küstenregionen der Nordsee scheinen der Ausgangspunkt gewesen zu sein für die Entstehung einer der bedeutendsten Völkergruppen der europäischen Geschichte, insbesondere der Bronze- und Eisenzeit, nämlich der italo-keltischen Völkergruppe und der Glockenbecher-Kultur, die diese begründete.

Wir erkennen damit zugleich, daß die große Geschichte der  Völkergruppe der westeuropäischen Jäger und Sammler (Stg21) um 2.400 v. Ztr. zwischen Weser und Schelde einen sehr überraschenden "Endpunkt" findet, einen Abschluß, der womöglich sogar als ein neues, illustrierendes Beispiel gelten kann für den so grundlegenden geschichtsphilosophischen Gedanken von Friedrich Hölderlin (1770-1843) rund um das von ihm umsonnene Theorem vom "Werden im Vergehen" (Zeno):

Das untergehende Vaterland, Natur und Menschen, insofern sie in einer besondern Wechselwirkung stehen, eine besondere ideal gewordene Welt, und Verbindung der Dinge ausmachen, und sich insofern auflösen, damit aus ihr und aus dem überbleibenden Geschlechte und den überbleibenden Kräften der Natur, die das andere, reale Prinzip sind, eine neue Welt, eine neue, aber auch besondere Wechselwirkung, sich bilde, so wie jener Untergang aus einer reinen, aber besondern Welt hervorging. (...) Dieser Untergang oder Übergang des Vaterlandes (in diesem Sinne) fühlt sich in den Gliedern der bestehenden Welt so, daß in eben dem Momente und Grade, worin sich das Bestehende auflöst, auch das Neueintretende, Jugendliche, Mögliche sich fühlt. 

In der von uns behandelten Studie (1) wird ja zudem auch noch ausgeführt, daß es tatsächlich eine besondere "Wechselwirkung" gegeben hat zwischen den Menschen an der Nordseeküste und dem dortigen, wasserreichen Naturraum, die dazu führte, daß die vollneolithische und die nachmalige indogermanische Lebensweise viel zögernder angenommen wurde als in anderen Regionen.

Und es kann ja gar keinem Zweifel unterliegen, daß sich "das Neueintretende, Jugendliche, Mögliche" in der Glockenbecher-Kultur "fühlte" - - - angesichts des geradezu rasenden Eroberungssturmes, mit dem die Glockenbecherkultur von dem kleinen umrissenen Raum der Nordseeküste aus vordrang bis nach Südnorwegen, bis nach Böhmen, bis nach Schottland und Irland, bis nach Sizilien, bis nach Portugal, bis nach Nordafrika.

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  1. Long-term hunter-gatherer continuity in the Rhine-Meuse region was disrupted by local formation of expansive Bell Beaker groups. By: Iñigo Olalde, Eveline Altena, (...) Iosif Lazaridis, Swapan Mallick, Nick Patterson, Nadin Rohland, Martin B. Richards, Ron Pinhasi, Wolfgang Haak, Maria Pala, David Reich. als Preprint bioRxiv 2025.03.24 (biorxiv)
  2. Ben Krause-Kyora, Nicolas Antonio da Silva, Almut Nebel et al. Long-distance kinship in megalithic Europe, 06 May 2025, Preprint (Version 1) (Research Square) [https://doi.org/10.21203/rs.3.rs-6464608/v1]
  3. Olalde, I., Altena, E., Bourgeois, Q. et al. Lasting Lower Rhine–Meuse forager ancestry shaped Bell Beaker expansion. Nature (2026). https://doi.org/10.1038/s41586-026-10111-8 Published 11 February 2026 (Nature2026) (pdfoffizielle Version

Samstag, 31. Juli 2021

Die Indogermanen in Apulien - Herkunftsanteil 20 bis 40 %

Wann und von wo kamen die Indogermanen in den östlichen Mittelmeerraum und den Stiefelabsatz Italiens?

Apulien, berühmt durch das Castel del Monte (Wiki), das weiß glänzende Schloß des Stauferkaisers Friedrichs II. aus dem 13. Jahrhundert mit seinem acheckigen Grundriß (Abb. 1). Berühmt durch seine herrlichen Küsten und Strände, durch sein abwechslungsreiches Mittelgebirge im Inland. Apulien, der "Stiefelabsatz Italiens". Dort lebte in der Eisenzeit das Volk der Daunier (Wiki, engl). Es stammte genetisch zu 20 bis 40 % von Indogermanen ab (sogenannte "Steppen"-Herkunft) (1) (s. Abb. 2). Diese waren um 2.200 v. Ztr. in das Land gekommen (6) und hatten dort die Bronzezeit eingeläutet (Wiki):

An den Küsten entstanden während der Bronzezeit viele befestigte, oft zusätzlich natürlich geschützte Siedlungen, deren Funde teilweise intensive Handelsbeziehungen u. a. mit dem östlichen Mittelmeerraum - speziell dem mykenischen Griechenland und teilweise Zypern - offenbaren. Vor allem Mykenische Keramik kam an vielen Fundorten zu Tage. Ein bedeutendes Handelszentrum war die Siedlung am Scoglio del Tonno in Tarent, die nicht nur intensive Handelsbeziehungen zum östlichen Mittelmeerraum, sondern auch nach Norditalien unterhielt und ein wichtiger Umschlagsplatz für Metallwaren aus dem Norden war. Tausende von Purpurschneckenhäusern, die in der befestigten Siedlung von Coppa Nevigata ans Licht kamen, legen nahe, daß dort während der mittleren und späten Bronzezeit eine Produktionsstätte für Purpur bestand.

Daß die Bewohner Apuliens in der Bronze- und Eisenzeit zu 20 bis 40 % Steppen-Herkunft in sich trugen, also indogermanischer Herkunft waren, geht aus einer neue Studie zur Archäogenetik des eisenzeitlichen Apulien hervor (1). Wir sehen in ihr in "Fig. 2B" (hier: Abb. 2, B), daß es noch in der Eisenzeit in Apulien Menschen gab, die nur anatolisch-neolithische Herkunft (gelb) und Steppen-Herkunft (lila) in sich trugen.

Abb. 1: Casel del Monte, 13. Jahrhundert n. Ztr., erbaut von Kaiser Friedrich II. (Wiki)

Daraus wäre zu folgern, daß die westeuropäische Jäger-Sammler-Herkunft (blau) nach Süditalien erst sehr spät ("zurück"?) gekommen ist und sich dort womöglich noch nicht einmal (wie wir unten sehen werden) im Mittelalter überall ausgebreitet hatte.

Und dieser Umstand hinwiederum deutet darauf hin, daß die Bauernvölker in Süditalien sich zwar mit den Indogermanen (vermutlich der Glockenbecherkultur) irgendwann nach 2.200 v. Ztr. (2-4) sehr umfangreich vermischt haben. Aber diese Menschen der Glockenbecher-Kultur scheinen von ihrem Ursprungsraum ohne weitere Vermischungs-Ereignisse bis nach Süditalien gekommen zu sein und dabei - womöglich - 800 Jahre überbrückt zu haben. Denn sonst hätte es nahegelegen, daß sie auch eine westeuropäische Jäger-Sammler-Komponente mit nach Süditalien gebracht hätten, die ja auf ihrem Weg nach Italien überall die spätneolithischen Bevölkerungen Mittel- und Westeuropas in sich trugen. 

Kann ein solches 800 Jahre lang aufrecht erhaltenes Unvermischt-Sein plausibel gemacht werden? Mit den neuesten, hier auf dem Blog schon referierten Forschungsergebnissen (5) durchaus. Nach ihnen haben die spätneolithischen Kulturen überall in Europa viele Jahrhunderte lang in engster Nachbarschaft und Verzahnung miteinander unvermischt gelebt (5).

Abb. 2: Die Herkunftskomponenten der eisenzeitlichen Apulier: Zu einem Drittel bis zur Hälfte indogermanischer Herkunft (aus: 1)

Wir haben ja schon referiert, daß die Steppen-Genetik in jener Zeit so gut wie nicht nach Kreta und in die minoische Kultur kam. Dorthin gelangte sie erst mit den Mykenern ab 1600 v. Ztr. (4).

Die Indogermanen kamen unvermischt bis Süditalien

Neben den beiden schon genannten Herkunftskomponenten tritt im eisenzeitlichen Apulien am häufigsten die iranisch-neolithische Herkunftskomponente auf. Von dieser wissen wir ja schon, daß sie sich früh im östlichen Mittelmeer-Raum ausgebreitet hat (s. z.B.: 4). Auffallend ist aber auch hier wieder, daß es in Apulien in der Eisenzeit noch Menschen gab, die diese Herkunftskomponente nicht in sich getragen haben. Es hat also hier Regionen und Stämme gegeben, die sich lange von äußeren Einflüssen und damit verbundenem Menschenaustausch (Sklavenhandel etc.) frei hielten. Und zwar obwohl sie sich schon mit Indogermanen umfangreich vermischt hatten.

Abb. 3: Daunische Kanne, 6./5. Jhrdt. v. Ztr.; heute im Hetjens-Museum Düsseldorf (Wiki) - Fotograf: DerHexer

Die Forscher interpretieren ihre Ergebnisse grundsätzlich ähnlich wie wir (1):

... Das eisenzeiche (vor-kaiserzeitliche) Süditalien (Apulien) kann eingeordnet werden in das genetische Mittelmeer-Kontinuum, das von Kreta (Minoer) und der Levante (Seevölker) bis zum republikanischen Rom und zur iberischen Halbinsel reicht und sich vornehmlich zusammensetzt aus der anatolisch-neolithischen und der iranisch-neolithischen/Kakasus-Jäger-Sammler-Herkunftskomponente, verbunden mit der westeuropäischen Jäger- und Sammler- sowie Steppen-Herkunftskompenente wie sie im (sonstigen) kontinentalen Italien zu beobachten ist.
The new genomic sequences Daunian samples reveal that Iron Age (pre-Imperial) Southern Italy (Apulia) can be placed within a Pan-Mediterranean genetic continuum that stretches from Crete (Minoans) and the Levant (Sea People) to the Republican Rome and the Iberian Peninsula, mainly composed by AN and IN/CHG genetic features with the addition of WHG and Steppe-related influences in Continental Italy.

Hier scheint also doch zumindest indirekt unterstellt zu sein, daß die Steppen-Herkunftskomponente im eisenzeitlichen Italien sich über die Glockenbecher-Kultur (und/oder bronzezeitliche Nachfolge- oder Parallelkulturen - Cetina-Kultur [Wiki]?) bis nach Apulien ausgebreitet hat.

Womöglich wäre dann zu schlußfolgern, daß sich Steppen-Herkunft und anatolisch-neolithische Herkunft in Süditalien beide zum Teil noch in "reiner Form" miteinander vermischen konnten und als solche Vermischung sich zum Teil bis in die Eisenzeit haben halten können ohne Zuflüsse von iranisch-neolithischer oder westeuropäischer Jäger-Sammler-Herkunft, die dann beide erst später hinzugekommen sein mögen.

Die Forscher halten außerdem fest (1):

Die westeuropäische Jäger-Sammler-Herkunfts-Komponente, die bei den eisenzeitlichen Apuliern und bei den Römern im republikanischen Zeitalter zu finden ist, ist bei den Minoern (auf Kreta) und bei den eisenzeitlichen Völkern in Kroatien nicht zu finden.
The WHG contribution, which was a necessary component to explain IAA and Roman Republicans according to qpAdm output, is absent from Minoans and Iron Age Croatians.

Das ist ein wesentlicher Satz. Sogar noch ein mittelalterlicher Apulier, so führen sie aus, weist keinerlei westeuropäische Jäger-Sammler-Herkunft auf. So regional divers scheint sich die Bevölkerung Apuliens also - nach dem zusätzlichen mittelalterlichen Einzel-Ergebnis - sogar noch durch die ganze Antike hindurch entwickelt zu haben. (Ob man das glauben kann, stehe aber einstweilen dahin. Das wäre ja die Geschichte sozusagen eines "einzelnen gallischen Dorfes" über Jahrtausende hinweg ....)

Ergänzung: 1.3.22: Daß es im eisenzeitlichen Kroatien keine westeuropäische Jäger-Sammler-Herkunft gegeben habe, scheint uns so eindeutig nach neueren Studien auch nicht mehr zu sein (siehe Blogartikel des Jahres 2022).

Wir schlußfolgern und ordnen ins bisherige Gesamtbild ein: Die anatolisch-neolithische Herkunftsgruppe wird sich spätestens im Mittelneolithikum zumindest in Norditalien mit den dort noch verbliebenen, einheimischen westeuropäischen Jägern und Sammlern vermischt haben. Diese Vermischung scheint aber zumindest in Teilen Süditaliens bis zur Eisenzeit - vielleicht sogar bis zum Mittelalter (!) - nicht stattgefunden zu haben. (Ähnlich autochthon hat sich ja auch die Bevölkerung zeitgleich auf Sizilien weiter entwickelt [4].)

Während die Steppen-Genetik durchaus schon mit der Glockenbecher-Kultur - und ohne alle weitere vorherige Einmischung (auf dem Weg dorthin) - bis nach Süditalien gelangt zu sein scheint (vielleicht auch von Kroatien aus mit der Cetina-Kultur).

Das auffallendste Ergebnis dieser Studie ist also bis auf weiteres: Die Glockenbecher-Kultur (oder eine vergleichbare indogermanische Kultur) muß sich - ohne Vermischungen in Zwischenstationen - bis nach Süditalien ausgebreitet haben.

2.200 v. Ztr. - Bevölkerungsumbruch im östlichen Mittelmeer-Raum

Aber wie viel Grund haben wir eigentlich dafür zu vermuten, daß Apulien von den Glockenbecher-Leuten genetisch "indogermanisiert" wurde? Bisherige Ausbreitungskarten zeigen ja nur, daß sie bis nach Sizilien und Norditalien gekommen waren (2). 2014 fand in Halle an der Saale ein internationaler Archäologen-Kongreß zum europaweiten Epochenwechsel rund um 2.200 v. Ztr. statt (6). Auf diesem Kongreß wurde zur Archäologie Süditaliens und Siziliens rund um 2.200 v. Ztr. referiert (6):

... Eine fortgeschrittene Phase der späten Kupferzeit beginnt wohl um 26oo/255o v. Chr.; ihr Ende ist bisher noch nicht sehr gut erfaßt, ist aber wohl um 235o/23oo v. Chr. anzusetzen. Während dieser Zeit finden lokale Entwicklungen und kulturelle Veränderungen statt, während gleichzeitig die "internationale" Glockenbecherkultur aufzutreten beginnt - allerdings nur im Westen Siziliens relativ gut belegt. Die dritte Periode, die eine Endphase der späten Kupferzeit umfaßt, datiert zwischen 235o/23oo  v. Chr. und 215o/21oo v. Chr. Es  ist  eine  Übergangsphase,  während  derer einerseits frühere Traditionen verschwinden oder zumindest  klar  abgeschwächt  werden  (Laterza  und  Malpasso), sich andererseits aber neue Kulturgruppen und Keramikstile durchsetzen. In Süditalien breiten sich Cetina-artige Kulturelemente aus dem Adriagebiet aus, während in Sizilien, nebst  einigen  Funden  einer  späten  Glockenbechertradition  und einer sehr eingeschränkten Präsenz Cetina-artiger Keramik  (manchmal  auch  "Thermi-Ware" genannt),  die  bemalte  Keramik  des  sogenannten Naro-Partanna-Stils aufkommt, die eine Verwandtschaft mit der nachfolgenden Castelluccio Kulturgruppe aufweist. Die vierte Periode entspricht schließlich der Frühbronzezeit und datiert ungefähr zwischen 215o/21oo v. Chr. und 165o  v.  Chr. Diese Periode ist geprägt durch Fazies mit langen Laufzeiten, wie z. B. Palma Campania, Prov. Neapel, in Kampanien (die sich in einer späten Phase der Frühbronzezeit innerhalb der proto-apenninischen Kulturgruppe herausbildet); Cessaniti, Prov. Vibo Valentia, in Kalabrien; Capo Graziano 1, Prov. Messina, auf den Liparischen Inseln sowie Castelluccio, Prov. Syracuse, in Sizilien  (gleichzeitig mit der Rodì-Tindari-Vallelunga Kulturgruppe). Auf dem italienischen Festland lassen sich Phänomene wie Bevölkerungsrückgang und kulturelle Diskontinuität feststellen, die hauptsächlich in der ersten Periode des Übergangs zwischen der späten Kupferzeit und der frühen Bronzezeit, bzw. im späten 22. Jh. v. Chr.  und  frühen  21.  Jh.  v.  Chr. stattfinden.
The Late Copper Age, probably starts around 26oo/255oBC and ends somewhere around 235o/23ooBC. During this period, processes of local evolution and changes in previous traditions are seen, together with a limited introduction of the "international" Bell Beaker Culture group (fairly common only in western Sicily). The third phase, corresponding to a final stage of the Late Copper Age, spans from 235o/23ooBC to 215o/21ooBC. This is a phase of transition, during which we see a disappearance or a marked weakening of older traditions (Laterza and Malpasso), and the spread of new Culture groups and ceramic styles. In southern Italy, Cetina-related cultural elements of trans-Adriatic origin spread, and in Sicily, besides some artefacts relating to a late Beaker tradition and a very limited presence of Cetina-related pottery (sometimes called "Thermi Ware"), painted potteries of the so-called Naro-Partanna style appear, a style preluding to the subsequent Castelluccio Culture group. The fourth phase corresponds to the Early Bronze Age, beginning around 215o/21ooBC and ending at approximately 165oBC. This period is characterised by regional long-lasting archaeological facies like Palma Campania, prov. Naples, in Campania (evolving within the Protoapennine Culture group in a late phase of the Early Bronze Age); Cessaniti, prov. Vibo Valentia, in Calabria; Capo Graziano 1, prov. Messina, in the Aeolian Islands, and Castelluccio, prov. Syracuse, in Sicily (coexisting with the Rodì-Tindari-Vallelunga Culture group). Phenomena of depopulation and cultural discontinuity are attested in peninsular Italy, and mainly correspond to the earliest phase of transition from the Late Copper Age to the Early Bronze Age, dating to the late 22nd century BC and early 21st century BC.

In der Studie heißt es dazu genauer über (6):

...das Glockenbecher-Phänomen, das in Süditalien nur durch vereinzelte Funde belegt ist. Eine deutlichere Präsenz zeigt sich im Raum Rom, insbesondere in den fruchtbaren Ebenen südöstlich der Stadt. In diesem Gebiet ließ sich eine lokale Weiterentwicklung der Laterza-Fazies nachweisen. Nach 2600 v. Ztr. führte ein kultureller Wandel – unter anderem gekennzeichnet durch die Beimischung von Elementen der Glockenbecherkultur – allmählich zur Herausbildung der sogenannten Ortucchio-Gruppe, die sich über Teile Mittelitaliens ausbreitete (Carboni/Anzidei 2013). In ganz Süditalien ist die Präsenz der Glockenbecherkultur nur sporadisch und lediglich durch einzelne Stücke belegt (z. B. Lo Torto et al. 2001), bisweilen im Kontext der späten Laterza-Phase, wie etwa bei dem in Paestum (Prov. Salerno) nahe dem Ceres-Tempel entdeckten Gräberfeld (Arcuri/Albore Livadie 1988).
... the Bell Beaker phenomenon, although it is attested in southern Italy only by isolated  finds. A  more  significant presence has been found in the Rome area, especially in the fertile plains south-east of the city. In this area it was possible to document a local evolution of the Laterza facies. After 26oo BC a cultural change, characterised amongst other things by the admixture of Bell Beaker elements, gradually led to the development of the so-called Culture group of Ortucchio, which spread throughout part of central Italy (Carboni/Anzidei  2o13). Throughout southern Italy the Bell Beaker presence is sporadic, being evidenced only by single pieces (e. g. Lo Torto et al. 2oo1), sometimes within late Laterza contexts, as in the case of the burial ground found at Paestum, prov. Salerno, close to the temple of Ceres (Arcuri/Albore Livadie 1988).

Also nach 2.600 v. Ztr. ist in der Umgegend von Rom ein kultureller Wandel festzustellen, charakterisiert durch die Vermischung einheimischer Funde mit Glockenbecher-Funden. Die Glockenbecherkultur tritt in Süditalien in den ansonsten "einheimischen" archäologischen Funden nur "sporadisch" auf. Das würde bedeuten, daß der genetische Steppen-Zufluß - z. B. in Apulien - damals stärker war als sich aus den archäologischen Funden allein ablesen läßt. Und das wiederum würde heißen, daß die sich hierher ausbreitenden Indogermanen sehr schnell die einheimische Kultur und Lebensweise angenommen haben. Die Forscher schreiben weiter (6):

Unter Berücksichtigung der für die Fundstätte Grotta Cappuccini di Galatone (Prov. Lecce; Ingravallo 2002) vorliegenden Radiokarbondaten – wo eine späte Laterza-Fazies nachgewiesen ist, die jener von Cellino San Marco (Lo Porto 1963) stark ähnelt – läßt sich für Apulien postulieren, dass die späte Laterza-Tradition mindestens bis 2350/2300 v. Ztr. fortbestand. Für den Zeitraum, der der dritten Phase entspricht (zwischen 2350/2300 v. Ztr. und 2150/2100 v. Ztr.), ist die Datenlage in Kampanien sowie in anderen Teilen Süditaliens, etwa in der Basilikata und in Apulien, eher dürftig. Vergleicht man diese Situation mit der vergleichsweise reichhaltigen Befundlage der vorangegangenen und der nachfolgenden Phasen, so drängt sich der Eindruck auf, daß die geringe Anzahl an Fundstätten – zumindest teilweise und in bestimmten Gebieten – auf eine demografische Krise zurückzuführen sein könnte.
In Apulia, taking into account the radiocarbon dates available for the site of Grotta Cappuccini di Galatone, prov. Lecce (Ingravallo 2oo2) - where a late Laterza facies very similar to that of Cellino San Marco (Lo Porto 1963) is attested - we may postulate that the late Laterza tradition lasts until at least 235o/ 23oo BC. For the period corresponding to the third phase (between 235o/23oo BC and 215o/21oo  BC), data are not abundant in Campania and other parts of southern Italy, such as Basilicata and Apulia. If we compare this situation with the relatively rich record for the preceding and the subsequent  phases, the impression is that the scarcity of sites may be explained, at least in part and in some areas, by a demographic crisis.

Man wird also bis aufs weitere schlußfolgern können: In der Zeit um 2.350 v. Ztr. führt die vornehmliche kriegerische Ausbreitung einer indogermanischen Kultur - entweder der Glockenbecher-Kultur und/oder der ost-adriatischen Cetina-Kultur zu einem Bevölkerungszusammenbruch und zu jenem teilweisen "genetic replacement" in Süditalien, das wir noch an der Genetik in der Eisenzeit daselbst feststellen können. Die Forscher stellen Daten zusammen, nachdem dieser Bevölkerungszusammenbruch sehr eng zusammen fällt mit einem Auftreten von Cetina-Keramik in Süditalien. Über dieses Cetina-Phänomen im östlichen Mittelmeer-Raum schreiben sie (6):

In der Ägäis korreliert diese Verbreitung gut mit der Phase Frühhelladisch III, die von R. Jung und B. Weninger (Jung/Weninger im vorliegenden Band) nun in den Zeitraum zwischen etwa 2300 und 2100 v. Ztr. datiert wird. Eine ähnliche Chronologie ist auch für die italienischen Befunde möglich.
In the Aegean this diffusion correlates well with the Early Helladic III, now dated by R. Jung and B. Weninger (Jung/Weninger in the present volume) to between approximately 23oo BC and 21oo BC. A similar chronology is also possible for the Italian evidence.

Das hier genannte Frühe Helladikum III (Wiki) wird von der griechischen Archäologie häufig mit der Zuwanderung von Indogermanen in Zusammenhang gebracht. Aus der Zeit nach der Zuwanderung der Indogermanen sind übrigens in Apulien zahlreiche Megalith-Anlagen überliefert (Wiki). Sie gehörten, da erst datiert auf die Zeit ab 2.300 v. Ztr. zu den spätesten des ganzen Mittelmeerraumes.

Ergänzung [21.10.23]: Ein ausführlicher Blogartikel ist erschienen über "Die Krise des 23. Jahrhunderts - Umbrüche zwischen Spanien und dem Jangtse-Fluß ("Crisis of the 23rd Century - Upheavals from Spain to the Yangtze" (PeterNimitz2023). In einem Interview werden die Inhalte desselben mit den Daten der Archäogenetik abgeglichen (RazibKhan2023).

Ein Viertel waren blond - Die eisenzeitlichen Picener an der Adria  

Ergänzung [24.11.24]: In einer archäogenetischen Studie über die Picener (Wiki) an der mittleren Adria-Küste stellt eine ähnliche Herkunftszusammensetzung fest wie im übrigen Italien. Sie stellt aber fest (7):

Die Picener haben (...) einen größeren Anteil an Individuen mit blauen Augen (26,8 %) und blonder Haarfarbe (22,0 %) als andere italische Populationen. Bei den Etruskern und Römern sind diese helleren Phänotypen viel seltener (blaue Augen: 2,6 % bei den Etruskern, 10,0 % bei den Römern; blondes oder dunkelblondes Haar: 5,3 % bei den Etruskern, 10,0 % bei den Römern), wodurch diese Populationen früheren Individuen von der italienischen Halbinsel ähnlicher sind.
The Picenes (excluding the presumed outliers) have a greater proportion of individuals with blue eyes (26.8%) and blond hair color (22.0%) than other Italic populations. In the Etruscans and Italy_IA_Romans, these lighter phenotypes are much less common (blue eyes: 2.6% in the Etruscans, 10.0% in the Italy_IA_Romans; blonde or dark blond hair: 5.3% in the Etruscans, 10.0% in the Italy_IA_Romans), making these populations more similar to previous individuals from the Italian peninsula.

Dieser Umstand macht darauf aufmerksam, wie groß bei ähnlicher Herkunftszusammensetzung dennoch unterschiedliche Phänotypen evoluieren können. Vielleicht ergab sich dieser Umstand daraus, daß selektive Heiratswahl diesen höheren Anteil Blonder bei den Picenern hervor brachte. 

Abb. 4: Glockenbecher-Fundorte im Mittelmeerraum (aus 8)

/ Ergänzung 14.7.2026 / In einer neuen archäologischen Studie über Lanzenspitzen auf der Balkan- und der Apennin-Halbinsel wird festgestellt (9):

Im Ergebnis sind vor allem in Mittelitalien vielfältige karpatenländisch-nordwestbalkanische Einflüsse in der endbronze- bis früheisenzeitlichen Bewaffnung und Tracht zu konstatieren, die auf der Apenninhalbinsel einhergehen mit weitreichenden Veränderungen der Deponierungs- und Bestattungssitten. Die wahrscheinlichste Erklärung für den herausgestellten kulturellen und sozialen Wandel ist in der Abwanderung größerer karpatenländischnordbalkanischer Bevölkerungsteile zu sehen, die im 11. / 10. Jahrhundert v. Chr. in Teile des italischen Raumes gelangten und hier an der Bildung sowie Konsolidierung neuer früheisenzeitlicher Gemeinschaften mitwirkten. 

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*) Wie und warum die Forscher Kaukasus-Jäger-Sammler-Herkunft von iranisch-neolithischer Herkunft unterscheiden, bleibt uns unerfindlich. Womöglich ist doch die Kaukasus-Jäger-Sammler-Herkunfts-Komponente der Steppen-Herkunft hinzuzurechnen (?). Sie schreiben selbst, es sei "schwer, Kaukasus-Jäger-Sammler-Herkunft, die durch Mittelmeer-Ausbreitung nach Italien gekommen sein mag, angemessen von jener zu unterscheiden, die durch die Steppen-Herkunft dorthin gekommen sein mag" ("hard to properly detect a CHG signature  independent  from  the  Steppe wave, possibly brought by pan-Mediterranean  influxes"). Gibt es denn überhaupt Hinweise, daß Kaukasus-Jäger-Sammler-Herkunft sich von anatolisch-neolithischer Herkunft unterscheidet und sich deshalb getrennt von letzterer und der Steppen-Herkunft ausbreiten konnte? Auf solche wären wir allerdings bis jetzt nicht gestoßen.

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  1. The genetic origin of Daunians and the Pan-Mediterranean southern Italian Iron Age context. Serena Aneli, Tina Saupe, Francesco Montinaro, Anu Solnik, Ludovica Molinaro, Cinzia Scaggion, Nicola Carrara, Alessandro Raveane, Toomas Kivisild, Mait Metspalu, Christiana L Scheib and Luca Pagani, bioRxiv. posted 30 July 2021, 10.1101/2021.07.30.454498, http://biorxiv.org/content/early/2021/07/30/2021.07.30.454498?ct=ct; Molecular Biology and Evolution, Volume 39, Issue 2, February 2022, Online 17.1.2022, https://academic.oup.com/mbe/article/39/2/msac014/6509524
  2. Bading, Ingo:  2.200 v. Ztr. - Kriegerische Glockenbecherleute im westlichen Mittelmeer-Raum, kriegerische Hethiter in Anatolien - Eine neue Ancient DNA-Studie zur Geschichte der Indogermanen im Mittelmeer-Raum der Bronzezeit, 2019, https://studgendeutsch.blogspot.com/2019/04/2200-v-ztr-kriegerische.html
  3. Bading, Ingo: Indogermanische Genetik in Italien, 11/2019, https://studgendeutsch.blogspot.com/2019/11/indogermanische-genetik-in-der.html
  4. Bading, Ingo: Völkerbewegungen im Mittelmeer-Raum ab 2.400 v. Ztr., 2020, https://studgendeutsch.blogspot.com/2020/02/volkerbewegungen-im-mittelmeer-raum-ab.html 
  5. Bading, Ingo: Die Fundamente Europas - Sie wurden in einer Umbruchszeit gelegt (3.500 bis 2.700 v. Ztr.), 5/2021, https://studgendeutsch.blogspot.com/2021/05/das-fundament-europas-in-einer.html
  6. Teodoro Scarano, Marco Pacciarelli, Anita Crispino: The transition between Copper and Bronze Ages in Southern Italy and Sicily. Konferenzbeitrag, October 2015; Conference: H.H. Meller, R. Risch, R. Jung, H. W. Arz (eds.), 2200 BC - Ein Klimasturz als Ursache für den Zerfall der alten Welt? (2200 BC - A climatic breakdown as a cause for the collapse of the old world?) Proceedings of the 7th Archaeological Congress of Central Germany of the State Office of Heritage Management and Archaeology Saxony-Anhalt (LDA), October 23-26, 2014 in Halle (Saale)Volume: 12/I-II 2015 Tagungen des Landesmuseums für Vorgeschichte Halle (Halle 2015) (Researchgate)
  7. Ravasini, F., Kabral, H., Solnik, A. et al. The genomic portrait of the Picene culture provides new insights into the Italic Iron Age and the legacy of the Roman Empire in Central Italy. Genome Biol 25, 292, 21.11.2024. https://doi.org/10.1186/s13059-024-03430-4 
  8. Frank, Lea: Archaeological network analysis of decorated Bell Beaker pottery in the western and central Mediterranean. In: Bell Beakers and the Mediterranean: Maritime Connections and Networks, 2026 (GB)
  9. Sabine Pabst; Molly Tate, Paul Larsen: Bronzelanzenspitzen zwischen Karpatenbecken und Apenninhalbinsel am Übergang von der Bronze- zur Eisenzeit - Untersuchungen zu Kulturkontakten im Adriaraum. In: Bericht der Römisch-Germanischen Kommission, Bd. 104 2023(2026), Veröffentlicht: 2026-06-16 (RGK2026)
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