Donnerstag, 1. April 2021

Die westeuropäischen Fischer, Jäger und Sammler

Eine großartige europäische Völkergruppe - Ihre Geschichte, ihr Ende
- Sie sah über die Jahrtausende hinweg viele europäische Völker kommen und gehen (12.000 bis 2.700 v. Ztr.)
- Ihre letzten Vertreter auf der Insel Gotland übernahmen die Kultur der zugewanderten Indogermanen

Die Geschichte der großen - heute ausgestorbenen - Völkergruppe der dunkelhäutigen und blauäugigen Fischer, Jäger und Sammler in Süd-, West-, Mittel- und Nordeuropa (Wiki) ist noch nicht geschrieben. Der genetische Zusammenhang dieser Völkergruppe über viele Jahrtausende hinweg ist erst seit wenigen Jahren durch die Archäogenetik erkannt worden. 

Erst allmählich werden auch in der traditionellen, archäologischen Forschung alle Funde und Befunde zu dieser großen Völkergruppe in ebensolchen Zusammenhängen gesehen wie sie durch die Genetik aufzeigt worden sind. Im folgenden sollen erste Umrisse der bewegenden, ja, erschütternden Geschichte dieser Völkergruppe gezeichnet werden. Ihrer kann immer nur mit Respekt gedacht werden. Die "westeuropäischen Jäger und Sammler" sind - sozusagen - die "Indianer Europas", die Ureinwohner Europas, die die Ankunft bäuerlicher Bevölkerungen über die Jahrtausende hinweg schlußendlich auch in Rückzugsräumen und Reservaten nicht überlebt haben.

Zur Zeit sind auf dem deutschen Wikipedia zu dieser Völkergruppe nur die archäologischen Daten zusammen getragen (Wiki). Sie bieten eine erste Orientierung (Wiki).

7.100 v. Ztr. - Der "Cheddar Man" auf den britischen Inseln

Am stärksten wird das Bild dieser Völkergruppe derzeit wohl bestimmt durch die Diskussionen, die es rund um den berühmten "Cheddar Man" (Wiki) in Großbritannien im Jahr 2018 gegeben hat. Er ist sicherlich bis heute der bekannteste und berühmteste Vertreter dieser Völkergruppe.


Sein Skelett wurde 1903 in einer Höhle in Südwest-England gefunden. Der zugehörige Mann ist nur 23 Jahre alt geworden und lebte um 7.100 v. Ztr.. Nach archäogenetischen Untersuchungen des Jahres 2018 hatte er die typischen anthropologischen Merkmale dieser Völkergruppe: dunkelbraune Hautfarbe, blaue Augen und dunkle, gelockte Haare.

In England glaubte man anfangs dieses Forschungsergebnis so wahrnehmen zu müssen, als könne es das Herkunftsbild und Selbstverständnis heutiger "weißer" Engländer infrage stellen. Und umgekehrt gingen viele "Patrioten" in England auf diese Wahrnehmung ein. Offenbar von wissenschaftsfernen Menschen wurde ihnen weisgemacht, es wäre sinnvoll, dieses Forschungsergebnis als ein solches wahrnehmen zu müssen, das nur um einer "Multikulti-Agenda" willen herbei "gefälscht" worden sei. Ein grotesker Unsinn.

Eine solche Debatte mutet einem sehr künstlich und geradezu an den Haaren herbei gezogen an vor dem Gesamtbild der europäischen und weltweiten Völkergeschichte wie es sich inzwischen herausgeschält hat sowohl in seinen Kontinuitäten wie in seiner großen Wechselhaftigkeit. Um diese soll es ja auch im vorliegenden Aufsatz gehen.

Aufgrund solcher Debatten jedenfalls ist in England inzwischen der "Cheddar Man" ein "bunter Hund" und ähnlich bekannt wie in Deutschland der "Ötzi". Allerdings ist der Ötzi 4.000 Jahre jünger als der "Cheddar Man" und lebte in einer Zeit, kurz bevor die letzten Reste unvermischt gebliebener westeuropäischer Jäger und Sammler in Skandinavien - zum Beispiel auf der Insel Gotland - ausstarben (siehe unten). Der Ötzi gehörte dementsprechend auch schon der zu seiner Zeit in Europa vorherrschenden anatolisch-neolithischen Völkergruppe an.

Die niederländischen "Kennis-Zwillinge", Kennis & Kennis (Wiki), die beiden bedeutendsten Paläontologie-Konstrukteure der Gegenwart, haben vom "Cheddar Man" - so wie zuvor schon von Neandertalern, dem Ötzi und anderen Vormenschen - eine außerordentlich eindrucksvolle Renstruktion geschaffen. Um ihretwillen haben wir ein Video eingebunden, das diese Rekonstruktion als Vorschaubild zeigt (24). Wie in anderen Fällen auch fließt nämlich ihre Rekonstruktion sehr stark und kaum hintergehbar in das Bild mit ein, das wir uns von den ausgestorbenen westeuropäischen Fischern, Jägern und Sammlern machen.

12.000 v. Ztr. - Villabruna-Cluster

Zur Zeit des "Cheddar Man" hatte es die Völkergruppe der westeuropäischen Jäger und Sammler (Wiki) aber schon viele Jahrtausende lang in Europa gegeben. Sie hatte den Höhepunkt der Eiszeit im mediterranen Raum überstanden, nämlich vor allem in Italien (um 12.000 v. Ztr.) als sogenannter "Villabruna-Cluster". Von dort aus breitete sie sich dann wieder über ganz West- und Mitteleuropa bis nach England, Skandinavien und Ostmitteleuropa aus (1).

Wie es um die genetische Kontinuität der im vorliegenden Artikel behandelten mesolithischen west- und mitteleuropäischen Jäger und Sammler gegenüber den eiszeitlichen Vorgängerkulturen in Mitteleuropa bestellt ist, insbesondere gegenüber der Magdalénien-Kultur (18.000-12.000 v. Ztr.) (Wiki) und den damit im Zusammenhang stehenden Kulturen - wie Hamburger Kultur (13.700-12.200 v. Ztr.) (Wiki) und Federmesser-Kultur (12.000-10.000 v. Ztr.) (Wiki), sowie das "Doppelgrab von Oberkassel" bei Bonn (um 13.500 v. Ztr.) (Wiki), all das wäre noch einmal gesondert zu behandeln, bzw. hier nachzutragen. Jedenfalls deckt sich der Verbreitungsraum der eben genannten Kulturen und Funde ja schon einmal sehr deutlich mit dem der nachfolgenden mesolithischen, west- und mitteleuropäischen Jäger und Sammler.  Um 11.000 v. Ztr. reichte er bis ins heutige östliche Polen (Antiquity 2021).

Aus der Grotte Bichon in der Schweiz ist ein Menschenfund bekannt, auf 11.500 v. Ztr. datiert (Wiki), der in Zusammenhang mit den Knochen eines weiblichen  Bären gefunden wurde. Aus dieser Völkergruppe finden sich wiederholt Hinweise auf gemeinsame Niederlegung von Bären- und Menschenknochen, später etwa auch in der Blätterhöhle in Westfalen (Researchgate).

Abb. 1: Die früheste Besiedlung Skandinaviens während des Rückgangs des Inlandeises (aus: 22) - Von west- und osteuropäischen Jägern und Sammlern gleichzeitig

11.300 v. Ztr. - Beginn der Besiedlung Skandinaviens

Die neueste archäologische Studie datiert die Besiedlung Skandinaviens zeitgleich mit dem Rückgang des dortigen Inlandeises auf die Zeit ab 11.300 v. Ztr., und zwar zunächst von Süden durch "westeuropäische Jäger und Sammler" (Abb. 1 rot), wenig später von Osten durch "osteuropäische Jäger und Sammler" (Abb. 1 grün). Nach 8.600 v. Ztr. werden die westeuropäischen Jäger und Sammler in vielen Regionen von der anderen Herkunftsgruppe zurück gedrängt, bzw. ersetzt, wobei sie Menschen offenbar auch über das Meer übersetzen.

Dieser Vorgang ist womöglich spannender als man auf den ersten Blick denken sollte. Immerhin begegneten den dunkelhäutigen und dunkelhaarigen Angehörigen der westeuropäischen Jäger und Sammler Menschen der Völkergruppe der osteuropäischen Jäger und Sammler, bei denen es schon Menschen gab, die blonde Haare hatten und helle Haut. Die Abfolge der Ereignisse wird zusammenfassend folgendermaßen charakterisiert (22):

1) Das erste Eindringen ins südliche Schweden von Süden aus, zirka 11.300 bis 10.000 v. Ztr.
2) Die Ausbreitung entlang der norwegischen Küste vom westlichen Schweden aus Richtung Nordwesten, zirka 9.500 bis 9.300 v. Ztr.
3) Eine nordöstliche Ausbreitung ins nördliche Norwegen und auf die Kola-Halbinsel vor 9.000 v. Ztr.
4) ...
5) ...
6) ...
Original: 1) The initial dispersal into southern Sweden from the south c. 11 300–10 000 BC.
2) The north-westward migration along the Norwegian coast from western Sweden c. 9500–9300 BC.
3) The pre-9000 BC north-eastern migration into northern Norway and Kola.
4) The eastern dispersal into Finland and Karelia c. 9000–8400 BC.
5) The movement of quartz-using groups into northern Sweden from the east between 8900–8200 BC.
6) The southward migration of groups using the eastern technology along the Norwegian coast and into central Sweden c. 8400–8000 BC.
Furthermore, a migration across the Baltic Sea Basin to southern Sweden c. 8500 BC can be suggested (Figure 10).

Im ersten Jahrtausend hat es in Skandinavien nach dieser Studie keine kulturelle und genetische Vermischung der beiden Zuwanderergruppen - nämlich von südlichen "westeuropäischen Jägern und Sammlern" und östlichen "osteuropäischen Jägern und Sammlern" - gegeben (22). Nach 8.300 v. Ztr. kommt es dann aber - nach Zeugnis der Archäologie - innerhalb von Skandinavien zu kulturellen und auch genetischen Vermischungen zwischen der östlichen kulturellen Tradition und der westlichen (22):

Deshalb schlagen wir vor, daß der Prozeß, der zu einer vermehrten archäologischen Sichtbarkeit der östlichen technologischen Tradition nach 8.300 v. Ztr. führte und zu jener genetischen Vermischung, die in den aDNA-Daten für etwa 7.500 v. Ztr. festgestellt worden ist, auf ein Jahrtausend früher datiert werden kann als die Ausbreitung der östlichen Technologie vom nördlichen ins südliche Skandinavien.
We therefore suggest that the processes that led to the increased archaeological visibility of the eastern technological tradition after 8300 BC and the genetic admixture detected in aDNA samples at c. 7500 BC can be traced back one millennium earlier than the expansion of the eastern technology from the north into Southern Scandinavia.

Mit diesen Ausführungen wird eine archäogenetische Studie ergänzt und präzisiert, die im Jahr 2017 erschienen war. Sie hatte die genetische Geschichte der Maglemose- (Wiki), der Kongemose- (Wiki) untersucht, sowie der aus ihr folgenden Ertebolle-Kultur (Wiki) im Nord- und Ostseeraum zwischen dem heutigen England und Finnland. Dabei hat sie aber ein Zeitraum behandelt, der nach dem eben behandelten Zeitraum liegt. In ihr hieß es (2):

Wir sequenzierten die Genome von sieben Jägern und Sammlern aus Skandinavien (...). Die Überreste konnten direkt datiert werden auf 7.500 v. Ztr. und 4.000 v. Ztr. und wurden im südwestlichen Norwegen (Hum1, Hum2), nördlichen Norwegen (Steigen) und auf den Ostsee-Inseln Stora Karlsö und Gotland (SF9, SF11, SF12 and SBj) gefunden. Sie repräsentieren 18 % (6 von 33) aller bekannten menschlichen Überreste in Skandinavien, die älter als 8000 Jahre sind.
We sequenced the genomes of seven hunter-gatherers from Scandinavia (...). The remains were directly dated to between 9,500 BP and 6,000 BP, and were excavated in southwestern Norway (Hum1, Hum2), northern Norway (Steigen), and the Baltic islands of Stora Karlsö and Gotland (SF9, SF11, SF12 and SBj) and represent 18% (6 of 33) of all known human remains in Scandinavia older than 8,000.

Und sie schrieben weiter (2):

Die skandinavischen Jäger und Sammler (SHG) haben keinerlei direkte Nachfahren hinterlassen oder eine Population, die direkte (genetische) Kontinuität mit mesolithischen Populationen aufweisen würde.  Deshalb haben sich viele genetische Varianten, die in mesolithischen Individuen gefunden werden, in heutigen Völkern nicht erhalten.
Original: The SHGs (as well as WHGs and EHGs) have no direct descendants, or a population that show direct continuity with the Mesolithic populations. Thus, many genetic variants found in Mesolithic individuals have not been carried over to modern-day groups.
Dieser Umstand, daß die skandinavischen Jäger und Sammler bis heute keinerlei direkte Nachfahren hinterlassen haben, gilt auch für die west- und die osteuropäischen Jäger und Sammler (WHG und EHG). Diese drei großen europäischen, mesolithischen Völkergruppen müssen heute - vom Prinzip her - als ausgestorben gelten. Das Fischer-Volk der Ertebolle-Kultur im Ostseeraum war aus genetischer Sicht ein komplexes Mischvolk aus westeuropäischen und osteuropäischen Jägern und Sammlern, wie es sich aus der eben geschilderten Erstbesiedlung ergeben hat. Es hieß in der Studie von 2017 (2):
Die skandinavischen Jäger und Sammler des nördlichen und westlichen Skandinavien zeigen eine scharf umrissene und bedeutsam stärkere Nähe zu den osteuropäischen Jägern und Sammlern auf, verglichen mit den zentralen und östlichen skandinavischen Jägern und Sammlern. Umgekehrt waren die skandinavischen Jäger und Sammler im östlichen und zentralen Skandinavien genetisch näher den westeuropäischen Jägern und Sammlern, verglichen mit den nördlichen und westlichen skandinavischen Jägern und Sammlern.
Original: The SHGs from northern and western Scandinavia show a distinct and significantly stronger affinity to the EHGs compared to the central and eastern SHGs. Conversely, the SHGs from eastern and central Scandinavia were genetically more similar to WHGs compared to the northern and western SHGs.

Der genetische Anteil der osteuropäischen Jäger und Sammler betrug im Norden und Westen Skandinaviens zu dieser Zeit - also nach 7.500 v. Ztr. - 55 % und auf den Ostseeinseln und in Lettland 35 %. Auf der Grundlage dieser Ergebnisse war damals vorgeschlagen worden, daß das eisfreie Skandinavien, vor allem die Südküste der Ostsee erst von Süden aus von den mittel-, bzw. westeuropäischen Mesolithikern besiedelt wurde, und daß später die Nordküste der Ostsee von Osten aus von den osteuropäischen Jägern und Sammlern besiedelt wurde. So wird es ja auch von der Archäologie 2021 dargestellt (22).

Abb. 2: Umiak der Grönländischen Inuit (aus: 23)

Beide Gruppen hätten sich dann im Ostseeraum miteinander vermischt. Aber es scheint auch Gegenden gegeben zu haben, wo sich beide Völkergruppen niemals miteinander vermischt haben. Auf der dänischen Insel Lolland hat sich nämlich noch sehr später reine westeuropäische Jäger-Sammler-Genetik gefunden (siehe unten).

Immerhin könnte auch eine der ältesten Bootsdarstellungen Nordeuropas aus dem nördlichen Norwegen (23) damit den westeuropäischen Jägern und Sammlern zugesprochen werden. Die Bootsdarstellung stellt wahrscheinlich ein Boot von Art der "Umiak" (Wiki) dar (s. Abb. 2). Sein inneres tragendes Gerüst wurde aus Treibholz oder Walknochen hergestellt. Es wurde dann von einer Seerobben-Haut überzogen. Es gibt auch sehr schöne bildliche Rekonstruktionen des Lebens dieser Meeresfischer (25).

Zur Vermischung zwischen westeuropäischen und osteuropäischen Jägern und Sammlern scheint es im gesamten ostmitteleuropäischen Raum gekommen zu sein. Wo dies genau geschah und zu welchen Anteilen wird in der künftigen Forschung sicher noch deutlicher heraus gearbeitet werden.

Abb. 3: Der Feuerstein, der um 9.000 v. Ztr. in einer Werkstatt in Mittelhessen verarbeitet wurde, stammte aus allen Richtungen und ist bis zu 150 Kilometer weit transportiert worden (aus: 17)

9.000 v. Ztr. - Eine Feuerstein-Werkstatt in Mittelhessen

Welche komplexe Lebensweise die westeuropäischen Fischer, Jäger und Sammler aufgewiesen haben müssen, wird durch die Herkunft von 8.000 Feuerstein-Funden auf dem sogenannten "Feuersteinacker" bei dem Dorf Stumpertenrod im nördlichen Vogelsberg-Gebirge in Mittelhessen deutlich (16, 17). Die Rohmaterialien dieser - sozusagen "indianischen" - Feuerstein-Werkstatt stammten aus allen Himmelsrichtungen und sind bis zu 150 Kilometer weit transportiert worden (Abb. 3). Die Masse der Feuersteine stammten aus etwa 60 Kilometer Entfernung. Es ist dazu zu erfahren (16):

"Das Farbspektrum des Inventars ist besonders vielfältig", sagt (Erstautor) Hess, "und es ist möglich, daß den Materialien neben einer funktionalen auch eine symbolische Bedeutung zukam." Im Vogelsberggebiet, im größten vulkanischen Gebirge Mitteleuropas, entspringen zahlreiche Flüsse, an denen sich die Menschen damals orientierten. Der heute abgelegene Feuersteinacker war in der Mittelsteinzeit ein wichtiger Verkehrsknotenpunkt und diente als Versammlungsort.

Abb. 4: Venus von Bierden (W)

Vielleicht ist an diesem Ort durch beabsichtigte Brandrodung auch eine größere, freie Fläche entstanden, die als Versammlungsort für "Indianer-Stämme" genutzt wurde, die von weit her entlang der Flüsse gekommen sein mögen (17):

Die Transportwege, die die Orte, wo das Rohmaterial gewonnen wurde, mit den Siedlungen verbanden, folgten dem Flußsystem von Lahn, Main, Fulda, Schwalm, Ohm, und Eder. (...). Mesolithische Siedlungsorte liegen oft auf erhöhten Terrassen, durch die sie vor Überflutung geschützt sind, nahe von kleinen Flüssen, die zu größeren Flüssen führen.
Original: Transportation routes, linking raw material outcrops and settlements, followed the river systems of Lahn, Main, Fulda, Schwalm, Ohm, and Eder. (...) Mesolithic sites are often situated on elevated terraces that are protected from floods, near small streams leading to the tributary waters of larger rivers.

Diesen Umstand finden wir auffallenderweise auch noch in der Bronzezeit vor, etwa am Königsgrab von Seddin, wo eine Wallanlage an einem sehr kleinen Flüsschen gelegen war, das als Schutz genutzt wurde. Neben Siedlungsorten finden sich aber auch Jagd-Camps (17). 

9.000 v. Ztr. - Venusdarstellung in der Lüneburger Heide

Daß es in dieser Völkergruppe ähnliche künstlerische Ambitionen gab wie in den europäischen Völkern der Eiszeit, bezeugt unter anderem die Venus von Bierden (Wiki) bei Verden an der Aller, eine Venus-Darstellung, die 2011 entdeckt wurde (Abb. 4).


8.500 v. Ztr. - Geweihmasken, Schamanismus

Welcher Art der Schamanismus war, der in dieser Völkergruppe praktiziert wurde, kann abgelesen werden anhand der 1953 an der Wuhle in Ost-Berlin gefundenen Hirschgeweihmaske (Wiki). Von solchen gibt es auch Exemplare aus England, Westfalen (Wiki), Mecklenburg oder Bad Dürrenberg an der Saale (21). An letzterem Ort wurde das Grab einer eindrucksvollen Schamanin gefunden, das im Museum für Vor- und Frühgeschichte in Halle ausgestellt ist (siehe Video) (21).

Abb. 5: Nordrußland, 1692 (W)

Die Geweihmasken werden als Hinweise auf Schamanismus gedeutet.

Schamanen in Nordrußland trugen solche auch noch im 17. Jahrhundert (Abb. 5). Sie sind auch auf dem Kessel von Gundestrup aus dem 2. Jhdt. v. Ztr. dargestellt.

7.000 v. Ztr. - Ausbreitung nach Nordwest-Spanien

Westeuropäische Jäger und Sammler haben sich noch vor der Ausbreitung des Ackerbaus auch nach Nordwest-Spanien ausgebreitet. Darauf wies der Archäogenetiker David Reich in einem Vortrag im November 2019 hin (13). Anhand der Folie "A population turnover in northwest (Iberia) between 7.000-6.000 BCE" (Minute 3:00) referiert er das Forschungsergebnis einer zuvor veröffentlichten Studie (14):

In Nordwestspanien dokumentieren wir eine Herkunfts-Verschiebung schon vor der Verbreitung des Ackerbaus, auf die zuvor niemand aufmerksam geworden war. Das älteste Individuum "Chan" wies Ähnlichkeit auf zu dem etwa 19.000 Jahre alten Individuum von "El Mirón", während die "La Braña"-Brüder aus der Zeit etwa 1300 Jahre später größere Ähnlichkeit mit zentraleuropäischen Jägern und Sammlern aufweisen wie dem ungarischen Individumm "KO1", wobei das Individuum "Canes1" aus der Zeit von etwa 700 Jahren später eine noch extremere genetische Verschiebung aufweist. Darin könnte sich ein Genfluß wiederspiegeln, der den Nordwesten der iberischen Halbinsel betroffen hat, nicht aber ihren Südosten, wo Individuen mit großer Ähnlichkeit zu El Miron fortlebten.
Original: In northwest Iberia, we document a previously un-appreciated ancestry shift before the arrival of farming (Fig. 2A, fig. S5, and table S7). The oldest individual Chan was similar to the ~19,000-year-old El Mirón, whereas the La Braña brothers from ~1300 years later were closer to central European hunter-gatherers like the Hungarian KO1, with an even more extreme shift ~700 years later in Canes1. This likely reflects gene flow affecting northwest Iberia but not the southeast, where individuals remained close to El Mirón (Fig. 2A). More data from the Mesolithic period, especially from currently unsampled areas, would provide additional insight into the geographical impact and archaeological correlates of this ancestry shift.

Solche vorneolithischen Bevölkerungsverschiebungen sind ja neuerdings (2021) auch für die Philippinen festgestellt worden (siehe Beitrag vor einigen Tagen).

7.000 v. Ztr. - Mesolithische Menschenfunde in Schweden

Die sitzende Bestattungsweise war in dieser Völkergruppe sehr weit verbreitet. Um 7.000 v. Ztr. wurde so auch eine Frau in Schweden bestattet (Wiki) ("Frau von Bäckaskog") (Abb. 6).

Abb. 6: Frau von Bäckaskog (W)

Die Schädelfunde von Motala in Schweden (Wiki) aus der Zeit um 5.500 v. Ztr. deuten noch auf mancherlei Rituelles mehr hin in der Umgangsweise mit den Gestorbenen und ihren Überresten. 

Auch in Motala sind unter anderem Bärenknochen um die Menschenknochen herum gruppiert (Sciencealert).

5.500 v. Ztr. - Hellhäutige Bauern aus dem Süden kommen

Der schon 1878 erschienene historische Roman "Rulaman" von David Friedrich Weinland (Wiki) hat das Zusammentreffen von hellhäutigen Bauern aus dem Süden mit dunkelhäutigen Einheimischen, die in den Höhlen der Schwäbischen Alp lebten, beschrieben. Er hat damit intuitiv ein Geschehen nachgezeichnet, das sich - nach heutigem Kenntnisstand - genau so ab etwa 5.500 v. Ztr. in Höhlen in der Schwäbischen Alp abgespielt haben kann.

Während der Besiedlung Europas durch die hellhäutige, braunhaarige Völkergruppe der anatolisch-neolithischen Bauern kam es nämlich dann auch tatsächlich nicht nur zu friedlichem Kontakt, sondern auch zu Kämpfen zwischen beiden Völkergruppen (3) ebenso wie zu Vermischungen beider Völkergruppen. Durch die Vermischungen sind dann ganz neue Völker und Kulturen entstanden, insbesondere im Mittelneolithikum. In Rückzugsräumen lebten Stämme dieser dunkelhäutigen Ursprungsbevölkerung allerorten noch tausende von Jahren parallel zu den aus Anatolien stammenden hellhäutigeren Bauernkulturen. Erst in der Frühbronzezeit, als sich die indogermanischen Kulturen der Schnurkeramiker und der Glockenbecherleute bis nach Skandinavien, bzw. England und bis in den Mittelmeerraum ausbreiteten, sind - in Skandinavien - die letzten Stämme der dunkelhäutigen Ursprungsbevölkerung in Form des Volkes der Grübchenkeramischen Kultur untergegangen.

Auch Schädelfunde am Pritzerber See an der Unteren Havel bei Brandenburg sind - mit großer Wahrscheinlichkeit - dieser Völkergruppe zuzuordnen. Seit  den 1920er Jahren hatten sie in der anthropologischen Forschung eine Rolle gespielt und es war darüber nachgedacht worden, ob sie eine Vorform der "nordischen Rasse" darstellen würden (4). Seit den großen Erkenntnisfortschritten der Archäogenetik ab 2015 wird diese Annahme aber wohl als widerlegt gelten müssen. (In welchem Umfang, hinge von der genauen Datierung dieser Schädelfunde ab.)

Als sich die hellhäutigen, braunhaarigen Bauern anatolisch-neolithischer Herkunft um 5.700 v. Ztr. von Süden her bis in das Wiener Becken ausgebreitet hatte, entstand an der dortige Siedlungsgrenze ein neues Volk, in das 7 % Genetik der einheimischen osteuropäischen Jäger und Sammler eingemischt war, wobei letztere - anzunehmenderweise - auch sprachlich Einfluß genommen haben auf die Ausformung eines neuen Volkes und einer neuen Kultur, nämlich der Bandkeramik. Die Siedlungsweise der Bandkeramik war nämlich nun etwas historisch ganz Neues, nicht mehr eine Dorfkultur wie bisher im Balkan-Raum, sondern eine Kultur, die in einzel oder weilerartig angeordneten Langhäusern lebte.

Diese großartige Kultur breitete sich dann sehr schnell über weite Räume Mitteleuropas aus, natürlich auch bis zu den Südhängen der Schwäbischen Alp (wo dies "Rulaman" und die alte Urahne des Romans so eindrucksvoll erleben). Diese Kultur hat allerdings nur die Täler besiedelt, die einheimischen Fischer, Jäger und Sammler blieben weiterhin in den Höhenlagen der europäischen Mittelgebirge wohnhaft. Das Volk des Rulman könnte also auch in der Schwäbischen Alp noch Jahrhunderte oder Jahrtausende lang fortgelebt haben.

4.900 v. Ztr. - Die geschlossene Welt der Bandkeramik-Bauern löst sich auf

Spätestens ab 5.000 v. Ztr., im Zuge der Auflösung der europaweit sehr einheitlichen Bandkeramik in Regional-Kulturen, kam es offenbar auch zu blutigen Kriegen zwischen den Bandkeramikern und der ursprünglicher einheimischen Bevölkerung in den Mittelgebirgen.

Womöglich auf Kriegszügen in Gefangenschaft geratene Fischer, Jäger und Sammler wurden von den Bandkeramikern an Zentralorten rituell in größeren Zahlen getötet (3). Die auf die Bandkeramiker folgenden Bauernkulturen, deren Vorfahren oder Verwandten westeuropäische Jäger und Sammler zeitweise so grausam getötet hatten, haben sich dann aber dennoch verstärkt auch mit ihnen vermischt. Der genetische Anteil der westeuropäischen Jäger und Sammler in den Bauernvölkern stieg nun auf 15 bis 20 % an, in Mittelhessen zeitweise sogar auf 30 und 40 %. Wiederum können natürlich auch sprachliche Einflüsse der Jäger und Sammler bei der Neuentstehung der Völker und Kulturen des Mittelneolithikums angenommen werden.

 
Abb. 7: Die letzte Ausdehnung der Grübchekeramischen Kultur, nachdem sie vormalige Siedlungsräume der Trichterbecherkultur wieder übernommen hatte

Nachgewiesene Rückzugsräume der westeuropäischen Jäger und Sammler waren die Blätterhöhle in Westfalen, der Schweriner See, Neuwasser an der Pommerschen Ostseeküste (5), Schweden und Norwegen, sowie die dänischen und schwedischen Inseln in der Ostsee. Etwa von Neuwasser in Pommern aus unternahmen halbseßhafte Angehörige dieses Volkes als Fischer Handelsschiffahrten auf den großen Flüssen Oder und Weichsel bis weit in das Innere des Landes der Bauernkulturen hinein (5).

4.900 v. Ztr. - Beitrag zur Ethnogenese der mittelneolithischen Kulturen, insbesondere auch der Cucuteni-Tripolje-Kultur

Zu den Rückzugsräumen der westeuropäischen Jäger und Sammler müssen auch die Karpaten gehört haben. Denn wir schrieben schon 2019 hier auf dem Blog aufgrund der damals neuesten archäogenetischen Erkenntnisse, daß sich die westeuropäischen Jäger und Sammler schon vor der Ausbreitung des Ackerbaus so weit nach Osteuropa ausgebreitet haben müssen, daß ihre Nachkommen nach dem Untergang der Bandkeramik um 4.900 v. Ztr. in Moldawien - so wie zu den mittelneolithischen Völkern in Mitteleuropa - zu etwa 20 % zur Ethnogenese der mittelneolithischen Cucuteni-Tripolje-Kultur beitragen konnten. Die anderen 80 % Herkunftsanteil stellten die Bandkeramiker.

Zu gleicher Zeit breiteten sich übrigens Keramik-Kulturen der iranisch-neolithischen Völkergruppe rund um das Kaspische Meer und das Schwarze Meer, sowie entlang der in diese von Norden her mündenden Flüsse - Wolga, Don, Dnjepr, Dnjestr - aus (26). Daraus ergab sich an der Mittleren Wolga - zwischen Samara und Chwalynsk an der Grenze zwischen Waldsteppe und Steppe - die Ethnogenese der Indogermanen, die dann etwa um 3.600 v. Ztr. sich mit den Menschen der Cucuteni-Tripolje-Kultur vermischten.

4.300 v. Ztr. - Beitrag zur Ethnogenese der Trichterbecherkultur - Sie verdrängt die einheimische Ertebolle-Kultur im westlichen Ostseeraum

Um 4.300 v. Ztr. entsteht auf dem Festland in Ostholstein die erste Bauernkultur des Ostseeraumes, die Trichterbecherkultur. Auch die Trichterbecherleute hatten etwa 18 % Herkunftsanteil westeuropäischer Jäger-Sammler in sich, der Rest ihrer genetischen Herkunft bestand aus anatolisch-neolithischer Genetik.

Sie hatte sich von dort in den nächsten Jahrhunderten rund um den westlichen Ostseeraum ausgebreitet. Ob sie um 3.700 v. Ztr. auch schon auf der dänischen Insel Lolland nachweisbar ist, wäre interessant zu erfahren, denn dort lebten auf jeden Fall noch unvermischte, einheimische Fischer, Jäger und Sammler, die dort schon seit vielen Jahrtausenden gelebt hatten.

Gleichzeitig lebten aber noch bis 3.900 v. Ztr. im östlichen Ostseeraum, sprich im heutigen Finnland und in angrenzenden Ländern, westeuropäische Jäger und Sammler, bzw. Fischer weiter. In Finnland wurden diese westeuropäischen Jäger und Sammler ab 3.900 v. Ztr. durch osteuropäische Jäger und Sammler der Grübchenkeramik (Wiki, engl) ersetzt. Auch hier werden "nicht-neolithische" Völkerverschiebungen innerhalb von Europa greifbar.

3.700 v. Ztr. - Eine der "Letzten ihres Stammes" auf der Insel Lolland

Um 3.700 v. Ztr., also tausend Jahre VOR dem Untergang der letzten Völker dieser Völkergruppe, lebte auf der dänischen Insel Lolland (beim heutigen Syltholm) eine solche braunhäutige, braunhaarige, blauäugige Frau dieses Volkes noch mit der reinen Genetik desselben. Sie kaute ein Birkenpech-Kaugummi. Und dieses wurde von Archäologen gefunden und in ihm haben sich Gene erhalten, die 2019 sequenziert werden konnten (6, 7).

Die Grübchenkeramische Kultur bestand im nördlichen Dänemark bis 2.700 v. Ztr. fort, also eintausend Jahre lang parallel zur Trichterbecherkultur (8). Es findet sich auf einer Grafik (6) auch, daß sequenzierte Träger dieser Kultur etwa 20 % Herkunftsanteile osteuropäischer Jäger und Sammler in sich trugen. Mit solchen Mischungsverhältnissen könnte diese Jäger-Sammler-Kultur auch in Finnland bis zur Ankunft der Schnurkeramiker fortbestanden haben.

Also die wirklich "Letzte ihres Stammes" kann man diese Birkenpech kauende Frau auf Lolland noch nicht wirklich nennen. Sie erscheint den Forschern deshalb so auffällig, weil sie noch keinerlei osteuropäische Jäger-Sammler-Genetik in sich trug - wie es sonst recht häufig im Ostsee-Raum vorkam in der Ertebollekultur. Jedenfalls scheinen es erst die nachfolgenden Indogermanen gewesen zu sein, die diesem Jahrtausende alten Jäger-Sammler-Volk sowohl im westlichen wie im östlichen Ostseeraum den endgültigen Garaus gemacht haben. Und es schwant einem so ein wenig, daß sich die Indogermanen mit ihnen auch direkt vermischt haben könnten (so wie sie es zuvor mit den Trichterbecherleuten getan haben). Insbesondere in Finnland könnte das der Fall gewesen sein.

3.100 v. Ztr. - Völker im Umbruch auf der dänischen Halbinsel

Vor zehn Jahren veröffentlichten wir unseren Artikel "3.100 v. Ztr. - Der Rinderwagen in der Weltgeschichte" über damals neu gedeutete Rinderwagen-Gräber in Norddänemark. Dort hatten wir in einer Nebenbemerkung festgehalten (18):

Wagenräder als Grabgut kennt die "Majkop-Kultur" am Westkaukasus schon zwischen 3.700 und 3.000 v. Ztr.. (...) Die neue Studie läßt sogar die Vermutung verschiedener Forscher anklingen, daß die parallelen Erscheinungen von Wagengräbern zwischen Westkaukasus und Norddänemark ähnlich wie die nachfolgende Ausbreitung der Indogermanen mit ihrer Kultur Pferde-gezogener Streitwagen auf großflächigen kulturellen oder sogar bevölkerungsmäßigen Ausbreitungsbewegungen beruhen könnte. 

Zu unserer Überraschung findet sich inzwischen in einer neuen archäologischen Studie, daß diese Rinderwagen-Gräber in Dänemark zeitgleich auftreten mit der Schnurkeramik-Kultur, also mit den Indogermanen (19):

Um 3.100 v. Ztr. breitet sich das Kugelamphoren-Phänomen mit seiner eigenen groben Keramik, Äxten, Dechsel-Typen ebenso wie Rindergräbern vom Südosten ins nördliche Jütland aus. Zur selben Zeit entwickelt sich das Phänomen der Einzelgrabkultur, räumlich verteilt in unterschiedlicher Intensität mit seinen eigenen Formen sozialer Organisation und seinen eigenen Symbolen sowie mit der Betonung auf einem zweiten Monumenten-Boom oder vielleicht auch auf der Rolle von Kriegern.
In 3100 BCE, the Globular Amphora phenomenon, with its own coarse ware, axe and adze types, as well as cattle burials, spreads from southeast to northern Jutland. At the same time, the phenomenon of the SGC develops, spatially in different intensities, with  its own forms of social organization and its own symbols, such as emphases on a second  monumental boom or perhaps on the role of warriors.

Im Süden der dänischen Halbinsel tritt diese Einzelgrabkultur ab 2.950 v. Ztr. auf, im Norden der dänischen Halbinsel ab 2.750 v. Ztr. (Abb. 6).

Der Begriff "Dunkle Jahrhunderte" (Wiki) wird auf eine Phase der Geschichte Griechenlands zwischen 1200 und 800 v. Ztr. angewendet. Für diese Zeit nach dem "Seevölkersturm" beobachten Archäologen fundarme Jahrhunderte in Griechenland. Diese Jahrhunderte markieren dort den Übergang von der Bronze- zur Eisenzeit, den Untergang des mykischen und die Entstehung des klassischen Griechenland. Ähnliche "Dunkle Jahrhunderte" werden nun auch im Zusammenhang der Zuwanderung der Indogermanen nach dem heutigen Norddeutschland und Dänemark festgestellt (19):

Neue Studien über die Umweltveränderungen, das Ausmaß der Bewaldung, die Zahl der Großbauten (Monumente) und allgemein über den wirtschaftlichen Wandel haben eine Periode aufscheinen lassen zwischen 3.100 und 2.800 v. Ztr., in der keine neuen Monumente errichtet werden, und in der ein Rückgang des menschlichen Einflusses auf die Landschaft sowohl im nördlichen Deutschland als auch im südlichen Teil der dänischen Halbinsel festzustellen ist.
Original: New studies on environmental change, the degree of opening up of the land, the quantities of monuments, and economic change have shown a period between ca. 3100 and 2800 BCE without monumental building activity and a decrease in human impact on the environment in northern Germany and the southern part of  the Cimbrian peninsula.

Auf diesen "Hiatus", bzw. Bevölkerungsrückgang in Europa vor, bzw. während der Zeit der Ankunft der Indogermanen wird neuerdings auch von Seiten des Archäogenetikers Johannes Krause in seinem inhaltsreichen Buch "Die Reise unserer Gene" hingewiesen (20). Genau in diese Zeit der "Dunklen Jahrhunderte" fällt nun das Auftreten eines (neuen) Keramiktyps, der schon in den 1950er Jahren nahe des dänischen Ortes Store Valby gefunden wurde. Er wird deshalb "Store Valby Keramik" genannt. Diese Keramik war in ganz Dänemark, ebenso in Ostholstein ("Wagrien") und bis nach Dithmarschen verbreitet.


Abb. 8: Chronologische Einordnung der "Store-Valby-Übergangsgesellschaften auf der dänischen Halbinsel (aus: 19)

Dieser Keramiktyp wird nun in einer neuen Studie deutscher Archäologen als Keramiktyp der Zeit des Übergangs, der Zeit der "Dunklen Jahrhunderte des Nordens" gekennzeichnet. Und man glaubt mit diesem fehlenden Puzzleteil nun die Kulturabfolge in diesem Raum noch genauer zeitlich, räumlich und kulturell einordnen zu können (s. Abb. 8). Dabei ist zu berücksichtigen, daß in nördlichen Teilen der jütländischen Halbinsel bis 2.700 v. Ztr. interessanterweise sogar noch die Grübchenkeramik-Kultur ("Pitted Ware Societies"; Abb. 8) fortbestand, jenes Jahrzehntausende Jahre alte Volk westeuropäischer Jäger, Sammler und Fischer, das sich für den westlichen Ostseeraum hier mit seinen letzten Rückzugsorten bis zur Ausbreitung der Indogermanen hielt. (Etwas später ging dieses Volk auch im östlichen Ostseeraum unter.) Das Ergebnis der Studie lautet nun für die Viehzucht und ackerbautreibenden Kulturen (19):

In der Zeit 3.100 bis 2.900 v. Ztr. hatten die Menschen Zugang zu Keramik der Trichterbecherkultur, der Kugelamphorenkultur und der (regionalen) Store Valby-Keramik.
In  the  period 3100-2900 BCE, people could have had access to Bundsø/Lindø, Globular Amphora and Store Valby ceramics. 

Das könnte heißen, daß in dieser Zeit der "Landnahme" Menschen ganz unterschiedlicher kultureller und ggfs. auch genetischer Herkunft neben einander lebten. Im weiteren Verlauf, in der Zeit von 2.900 bis 2.600 v. Ztr. kam zu der soeben beschriebenen, schon vorhandenen Keramik noch die Keramik der Schnurkeramiker dazu (in Abb. 6 "Single Grave Societies", sprich Einzelgrab-Kultur).  Die kulturellen Spuren der Kugelamphorenkultur verlieren sich aber hinwiederum nach 2.700 v. Ztr. im Norden ebenso wie die der Grübchenkeramik-Kultur. Nur die Kultur der Schnurkeramik bleibt übrig.

Unsere Frage, bzw. Vermutung, bzw. Deutung: War das etwaige Großreich der Kugelamphoren-Kultur von den Indogermanen aus dem Osten erobert worden, haben diese Indogermanen Teile des Heeres des Großreiches der Kugelamphoren-Kultur in ihr eigenes Heer aufgenommen und haben wurden während der Landnahme auf der dänischen Halbinsel unterschiedlichen Heeresteilen unterschiedliche Siedlungsräume zugeordnet? Das ist jedenfalls das, was sich uns in diesen Zusammenhängen schemenhaft andeutet.

2.800 v. Ztr. - Die Indogermanen sind da

Erst also also die Indogermanen ab 2.800 v. Ztr. als Schnurkeramiker - womöglich in großen Heerzügen gemeinsam mit Kriegern der Kugelamphoren-Kultur - den westlichen Ostseeraum erobern, verlieren sich dort die kulturellen und genetischen Spuren der großartigen Völkergruppe der westeuropäischen Fischer, Jäger und Sammler, die sich dort lange als Ertebolle-Kultur (Wiki) und zuletzt als Grübchenkeramische Kultur ("pitted ware culture") (Wiki) gehalten hatte.

Zu dieser Zeit brachten die Schnurkeramiker den Ackerbau auch nach Finnland, also in den östlichen Ostseeraum. 

Es deutet inzwischen immer mehr darauf hin, daß hier sowohl in Form der anatolisch-neolithischen Trichterbecher- und Kugelamphoren-Kultur wie auch auf Seiten der Indogermanen stattliche Strukturen vorlagen, wie sie am ehesten in der Eisenzeit "Altitaliens" greifbar werden, das heißt, mit einer kriegerischen Adelsschicht, die sich Steinstelen als Grabsteine setzte, freien "Patriziern" und dem einfachen Volk, sowie auch Sklaven und Kriegsgefangene.

2.700 v. Ztr. - Die letzten einheimischen Fischer auf Gotland nehmen die indogermanische Streitaxt-Kultur an

Auf der Insel Gotland haben zwischen 3.300 v. Ztr. und 2.700 v. Ztr. Menschen der bäuerlichen Trichterbecherkultur gelebt, die mehrheitlich anatolisch-neolithischer genetischer Herkunft waren. Im Verlauf des Untergangs dieser bäuerlichen Trichterbecherkultur durch die Zuwanderung der Schnurkeramischen Kultur von Süden her bis nach Dänemark hinein, wurde diese Kultur ab 2.700 v. Ztr. noch einmal ersetzt von jenem im skandinavischen Raum schon viel länger einheimischen Fischer-Volk mesolithischer, genetischer Herkunft. Es war dies das Volk der Grübchenkeramischen Kultur. Was für ein verrückter Vorgang!

Die Archäologen hatten nämlich schon länger beobachtet, daß diese Grübchenkeramische Kultur auf Gotland zwischen 2.900 und 2.500 v. Ztr. etwa zur Hälfte Grabsitten und Grabausstattungen jener indogermanischen Streitaxt-Kultur angenommen hatte, die sich in dieser Zeit rund um den Ostsee-Raum ausgebreitet hat. Eine archäogenetische Studie von 25 Skeletten der Insel Gotland aus dem Juni 2020 zeigt nun auf, daß die dortigen Menschen der Grübchenkeramischen Kultur, die teilweise mit Streitäxten und in Hockerstellung begraben wurden, aus genetischer Sicht von skandinavischen Fischer-, Jäger und Sammler-Populationen abstammen (15) (Abb. 7). Vielleicht waren diese Menschen als "Verbündete" des Königs oder Fürsten der Streitaxt-Kultur sehr bewußt von anderen Gegenden her um- und auf Gotland angesiedelt worden.


Abb. 9: Die kulturell von der Streitaxt-Kultur beeinflußten Grübchenkeramischen Gräber auf Gotland (rote und orangene Dreiecke) waren genetisch identisch mit sonstigen Grübchenkeramischen Gräbern in Skandinavien. Insgesamt standen diese letzten Jäger und Sammler Skandinaviens genetisch den westeuropäischen Jägern und Sammlern näher als den osteuropäischen (aus: 15).

Zwölf der von der Insel Gotland sequenzierten Skelette waren jedenfalls in der typischen Rückenlage der Grübchenkeramischen Kultur bestattet, elf dieser Skeletten waren in der typischen Hockerlage der Streitaxt-Kultur bestattet. Letzteren war auch eine entsprechende typische Streitaxt beigegeben worden. Aber alle diese Skelette wiesen einheitliche, einheimische mesolithische, skandinavische Genetik auf. Trotz ihrer Streitaxt-Grabkultur hatten alle diese Menschen sich vornehmlich von Meerestieren ernährt, was untypisch ist für die Herdenhalter der Streitaxt-Kultur (15).

Ob wohl diese kulturell von der Streitaxt-Kultur überformten Menschen auf Gotland aus dem 3. Jahrtausend v. Ztr. als die geschichtlich letzten Vertreter der einstmals so großen Völkergruppe der westeuropäischen Jäger und Sammler angesprochen werden können? Und ob es solche kulturelle Überformung auch noch an anderen Orten des Ostseeraumes gegeben hat?

 
/ Entwurf: 30.6.2020;
letzte Ergänzung,
Überarbeitung: 8.5.2021 /
_________________

  1. Bading, Ingo: 2018, https://studgendeutsch.blogspot.com/2018/10/jager-und-sammler-im-kaukasus-ganz.html 
  2. Torsten Günther, Helena Malmström, Emma Svensson, (...) Jan Storå, Anders Götherström, Mattias Jakobsson: Genomics of Mesolithic Scandinavia reveal colonization routes and high-latitude adaptation. doi: https://doi.org/10.1101/164400, Preprint 30.7.2017, https://www.biorxiv.org/content/early/2017/07/30/164400, veröffentlicht 9.1.2018, https://journals.plos.org/plosbiology/article?id=10.1371/journal.pbio.2003703
  3. https://studgendeutsch.blogspot.com/2020/01/ein-rassekrieg-am-ende-des-europaischen.html
  4. http://preussenlebt.blogspot.com/2017/04/zur-geschichte-des-dorfes-bahnitz-der.html
  5. Bading, Ingo: Ostsee-Handels-Schifffahrt lange vor dem Ackerbau Über die Ausgrabungen in Neuwasser in Hinterpommern seit 2003, 11. Juli 2017, https://studgendeutsch.blogspot.com/2017/07/ostsee-handels-schifffahrt-lange-vor.html
  6. https://www.nature.com/articles/s41467-019-13549-9
  7. https://www.spektrum.de/news/kaugummi-aus-der-jungsteinzeit/1693536 
  8. Brozio, Jan Piet et al. The Dark Ages in the North? A transformative phase at 3000-2750 BCE in the western Baltic: Brodersby-Schönhagen and the Store Valby phenomenon. Journal of Neolithic Archaeology, [S.l.], v. 21, p. 103–146, dec. 2019. ISSN 2197-649X. Available at: . Date accessed: 19 dec. 2019. doi: https://doi.org/10.12766/jna.2019.6. 
  9. https://www.nature.com/articles/s41598-019-41293-z
  10. https://www.helsinki.fi/en/news/language-culture/a-5000-year-old-barley-grain-discovered-in-aland-southern-finland-turns-researchers-understanding-of-ancient-northern-livelihoods-upside-down 
  11. https://studgendeutsch.blogspot.com/2014/08/die-schnurkeramiker-brachten-die.html 
  12. 1900 v. Ztr. - Sibirische Jäger und Sammler wandern nach Ost-Skandinavien ein - Forschungen zur Entstehung und Ausbreitung der finno-ugrischen Völkergruppe, 19. Juli 2018, https://studgendeutsch.blogspot.com/2018/07/1900-v-ztr-sibirische-jager-und-sammler.html 
  13. Reich, David: The Genomic History of the Iberian Peninsula over the past eight-thousand years. 1.11.2019, https://youtu.be/aOix-8DSzRQ  
  14. Olalde I, Mallick S, Patterson N, (...) Haak W, Pinhasi R, Lalueza-Fox C, Reich D (2019) The genomic history of the Iberian Peninsula over the past 8000 years. Science 363, 1230-4 (pdf)
  15. The Neolithic Pitted Ware culture foragers were culturally but not genetically influenced by the Battle Axe culture herders. Alexandra Coutinho, Torsten Günther, Arielle R. Munters, Emma M. Svensson, Anders Götherström, Jan Storå, Helena Malmström, Mattias Jakobsson. American Journal of Physical Anthropology, First published: 04 June 2020 https://doi.org/10.1002/ajpa.24079, https://onlinelibrary.wiley.com/doi/full/10.1002/ajpa.24079?campaign=wolearlyview.
  16. Dieffenbacher, Christoph: Steinzeitliche Massenproduktion, März 2021, Horizonte - Schweizer Forschungsmagazin, https://www.horizonte-magazin.ch/2021/03/04/steinzeitliche-massenproduktion/ 
  17. Hess, T, Riede, F. The use of lithic raw materials at the Early Mesolithic open‐air site Feuersteinacker (Vogelsbergkreis, Germany). Geoarchaeology. 2021; 36: 252– 265. https://doi.org/10.1002/gea.21828
  18. Bading, Ingo: 3.100 v. Ztr.: Der Rinderwagen in der Weltgeschichte - Prozessionen an Königsgräbern lassen um 3.100 v. Ztr. staatliche Strukturen in Norddänemark erkennen, Oktober 2010, https://studgendeutsch.blogspot.com/2010/10/3100-v-ztr-der-rinderwagen-in-der.html
  19. Brozio, Jan Piet et al. The Dark Ages in the North? A transformative phase at 3000–2750 BCE in the western Baltic: Brodersby-Schönhagen and the Store Valby phenomenon. Journal of Neolithic Archaeology, [S.l.], v. 21, p. 103–146, dec. 2019. ISSN 2197-649X. Available at: <http://www.jna.uni-kiel.de/index.php/jna/article/view/181>. Date accessed: 19 dec. 2019. doi: https://doi.org/10.12766/jna.2019.6. 
  20. Krause, Johannes: Die Reise unserer Gene. Eine Geschichte über uns und unsere Vorfahren. Propyläen Berlin 2019
  21. Das Grab der Schamanin von Bad Dürrenberg, 2021, https://youtu.be/ZzNYOaa4bEE
  22. Manninen, M., Damlien, H., Kleppe, J., Knutsson, K., Murashkin, A., Niemi, A., . . . Persson, P. (2021). First encounters in the north: Cultural diversity and gene flow in Early Mesolithic Scandinavia. Antiquity, 95(380), 310-328. doi:10.15184/aqy.2020.252
  23. Gjerde, J. M. (2021) The earliest boat depiction in northern Europe: Newly discovered early Mesolithic Rock Art at Valle, Northern Norway. Oxford Journal of Archaeology, 40: Pages: 136-152 | First Published: 19 April 2021. https://doi.org/10.1111/ojoa.12214. 
  24. The 10,000 Year Old Man - The National History Museum - Channel 5, 11.03.2021, https://youtu.be/cUx_HLRPnvk.
  25. Renum63: Mesolithic western (European) hunter-gatherers, https://www.deviantart.com/renum63/art/Mesolithic-western-European-hunter-gatherers-777521526
  26. Frank N.:  How did CHG get into Steppe_EMBA? Part 2: The Pottery Neolithic. https://adnaera.com/2019/01/11/how-did-chg-get-into-steppe_emba-part-2-the-pottery-neolithic/
  27. Bading, Ingo: Die Indogermanen kommen nach Siebenbürgen, 3.500 v. Ztr., 2019, https://studgendeutsch.blogspot.com/2019/12/die-indogermanen-foderaten-fruher.html

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