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Montag, 8. Dezember 2014

Europäische Gene in Afrika ab 6.500 v. Ztr.

Spannende neue Erkenntnisse aus der Erforschung der Genome der Afrikaner

Die folgende Abbildung ist eine tolle Grafik, die einige der wesentlichsten Ergebnisse einer neuen Studie in "Nature" (1) über die Erforschung des Genoms der Afrikaner und der Geschichte derselben in den letzten 12.000 Jahren zusammenfasst (Abb. 1) (die Studie ist frei zugänglich).

Abb. 1: Datierung und Anteil der Eimischung von außerafrikanischen und Buschleute-Genen in das typische Genom der Schwarzafrikaner

Sie zeigt den Anteil der Einmischung von außerafrikanischen und Buschleute-Genen in das typische Genom der schwarzafrikanischen Bevölkerung südlich der Sahara (orange gefärbt = "SSA ancestry" = Sub-Saharan Africa ancestry). Diese Bevölkerung wird auch als die Gruppe der traditionell Ackerbau und Rindviehzucht betreibenden Bantuvölker angesprochen. Aber es wird nicht nur der Anteil gekennzeichnet, sondern auch auch die jeweilige zeitliche Datierung der Einmischung.

Vieles davon deutete sich schon in früheren Studien an. Aber hier hat man es nun einmal zusammengefaßt und komprimiert auf einen Blick und auf neuestem Stand.

6.500 v. Ztr. - Ethnogenese der Bantu-Völker angestoßen durch Neolithisierung des Mittelmeerraumes?

Nach dieser Studie, bzw. der genannten Grafik gab es zwischen 8.500 und 5.500 v. Ztr. eine geringe Einmischung der Gene von frühen "Eurasiern", also sicherlich Menschen grob gesprochen aus dem Mittelmeerraum, dem fruchtbaren Halbmond und von deren Randgebieten (s. Abb 1 linke Grafik "Eurasian ancestry"). Es erscheint nicht unwahrscheinlich, dass dies in einem näheren oder ferneren Zusammenhang steht mit der gleichzeitigen Neolithisierung des gesamten Mittelmeerraumes ab 6.500 v. Ztr.. Es könnte sich hierbei also um frühe neolithische, ackerbautreibende Völker von den Mittelmeerküsten Nordafrikas gehandelt haben, die den Bantu-Völkern die Anregung gegeben haben könnten, zum Ackerbau überzugehen, und die damit womöglich die Ethnogenese der Bantu-Völker initiiert haben.

Es wäre sicher von Interesse zu wissen, ob sich diese über Land oder über die Meeresküsten nach Westafrika ausgebreitet haben. Hier auf dem Blog ist schon auf Indizien darauf hingewiesen worden, dass die Schiffahrt auf dem Mittelmeer ab 6.500 v. Ztr. weitere Strecken überwinden konnte (direkter Seeweg von Nordafrika nach Südfrankreich, nachgewiesen anhand bestimmter Pflanzen). Deshalb könnte man es für plausibel erachten, dass sich diese Kulturen auch bis Westafrika entlang der Küsten ausgebreitet haben.

Zwischen 9.100 und 4.500 v. Ztr., also etwa zeitgleich, gab es bei der Ethnogenese der Bantu-Völker in Westafrika eine geringe Eimischung der Gene von Buschleuten (Abb. 1, rechte Seite: "HG ancestry" = Hunter-Gatherer-ancestry), die also damals womöglich noch bis Westafrika ausgebreitet lebten und erst danach von der schnell wachsenden Demographie der seßhaften Bantu-Völker über ganz Afrika südlich der Sahara hinweg in Restgebiete verdrängt worden sind. Darüber heißt es in der Studie (mit Bezügen zu entsprechenden vorausgehenden archäologischen Studien):
Given limited archaeological and linguistic evidence for the presence of Khoe-San populations in West Africa, this extant HG admixture might represent ancient populations, consistent with the presence of mass HG graves from the early Holocene period comprising skeletons with distinct morphological features, and with evidence of HG rock art dating to this period in the western Sahara.
Zur Vermischung mit Buschleuten kam es bei der Ausbreitung der Bantu-Völker in den nachfolgenden Jahrtausenden immer wieder, ihr genetischer Anteil in den Bantu-Bevölkerungen ist im Süden Afrikas heute noch höher als im Norden (s. Abb. 1 rechte Grafik). - Vielleicht war er früher im Norden auch noch höher und ist über den langen Zeitraum "herausselektiert" worden?

Ab 4.500 v. Ztr. - Genetische Einflußnahmen nördlicher Ackerbau- und Hochkulturen auf die Bantu-Völker

Auch spätere Eimischung von Genen vermutlich nordafrikanischer, mediterraner Ackerbauern-Kulturen (mit Rinderhaltung), bzw. der Ägypter, sowie von Genen des Vorderen Orients lassen sich in den Bantu-Völkern nachweisen (Abb. 1 linke Grafik). Unter anderem aus der Zeit, als die ägyptischen städtische Kultur ("Hochkultur") am Oberlauf des Nil vordrang (1.900 v. Ztr. bis 400 v. Ztr.) und als etwa zeitgleich städtische Kulturen ("Hochkulturen") der arabischen Halbinsel auf den afrikanischen Kontinent übergriffen (1.800 v. Ztr. bis 600 v Ztr.), sowie als sich die Expansion der Araber, bzw. des Islam vollzog (300 bis 900 bzw. 1250 n. Ztr.).

Einen Tag nach der Veröffentlichung dieser Studie wurde im parallelen Wissenschaftsmagazin "Science" aufmerksam gemacht auf eine mindestens ebenso spannende Studie zur genetischen Geschichte der Buschleute, veröffentlicht in "Nature Communications" (2, 3). Die Buschleute stehen ja genetisch, geographisch und sprachlich am dichtesten an der Wurzel des Völker-Stammbaums von uns Menschen heute weltweit. Sie sind sozusagen - wahrscheinlich - die Hüter unseres ursprünglichsten genetischen, sprachlichen und kulturellen Erbes. Während alle anderen Völker weltweit nach der Menschwerdung vor etwa 200.000 Jahren in Afrika aus sich abwandernden kleinen Bevölkerungsgruppen hervor gingen (also etwa ab 60.000 Jahren vor heute), wobei in Gründerpopulationen viel Drift (neue Zufallsverteilungen von Genen) und Selektion stattfinden konnte (sprich genetische Neuanpassungen an die Verhältnisse vor Ort, sprich: Evolution), stammen die Buschleute heute immer noch von der einstmals grössten Bevölkerungsgruppe weltweit ab (2):
For tens of thousands of years, the Khoisan’s ancestors were members of “the largest population” on the planet, according to a new study. (...) The Khoisan inherited their genetic diversity from a large ancestral population, an idea supported by a single Khoisan genome published in 2012. 
Und weiter:
The team reconstructed population sizes for the ancestors of the Khoisan, as well as for Europeans, Asians, and another African group, the Yoruba. They found that all four groups declined in effective population size (the number of breeding adults) between 120,000 and 30,000 years ago. The non-Khoisan groups’ numbers plunged precipitously - by 30,000 years ago, European and Asian populations had plummeted by 90% from their peak, thanks to population bottlenecks caused by the migration of small groups out of Africa. But the Khoisan population declined by only 26%. (Yoruba populations dropped by 69%).
In der Originalstudie (3) heißt es:
The ancestors of the non-Khoisan groups, including Bantu-speakers and non-Africans, experienced population declines after the split and lost more than half of their genetic diversity.
Und:
The earliest human population split has been known to be between the ancestral Khoisan and the ancestors of the other human populations and was estimated to take place ~110–150 kyr ago. (...) After the earliest split, between the ancestral Khoisan and non-Khoisan populations ~100–150 kyr ago, the ancestral Khoisan population maintained their high genetic diversity, while the effective population size of the non-Khoisan continued to decline for 30~120 kyr ago and lost more than half of its diversity. The ‘Out of Africa’ migration ~40–60 kyr ago (ref. 20) accounts for the observed population split between African and non-African populations, and the subsequent smaller effective population size of non-Africans compared with non-Khoisan Africans.
Die Buschleute wurden in den letzten 2000 Jahren durch die Ausbreitung der Bantuvölker ebenfalls zu einer Art "Flaschenhals-Population", die am Rande des Aussterbens steht. Aber alles deutet darauf hin, dass auch dieser Bevölkerungsrückgang für sich noch nicht so viel Selektion und Evolution ausgelöst hat wie ihn die Vorfahren aller übrigen Völker weltweit während und nach dem Auswandern aus Afrika erfahren haben, bzw. während ihrer Ethnogenese innerhalb der anderen Weltteile später.

Die Buschleute waren einst die größte Bevölkerungsgruppe weltweit 

Dies macht deutlicher vielleicht als jemals zuvor auf eine Erkenntnis aufmerksam, die sich nach und nach immer deutlicher herausschält: Human-Evolution - zusammen mit Intelligenz- und Verhaltens-Evolution, sowie mit der Evolution von vielfältigsten Körpermerkmalen, Verdauungsmerkmalen, Krankheitsneigungen - scheint mehr oder weniger still zu stehen, wenn Völker zahlenmäßig groß bleiben und nicht mit neuen Lebens- und Überlebensbedingungen konfrontiert werden oder solche von sich aus aktiv aufsuchen.

Und daran schließt sich eine weitere Schlußfolgerung an, die einen ziemlich umtreiben könnte: Sollte das - sozusagen - der evolutionäre Sinn der Tatsache sein, dass sich heute weltweit die einheimischen Bevölkerungen auf der Nordhalbkugel in der demographischen Krise befinden? Nachdem sich ihre kulturellen Lebens- und Überlebensbedignungen in den letzten 500 Jahren drastisch verändert haben? Und wie werden die Neuanpassungen aussehen, die geeignet sind, diese demographische Krise zu überstehen und - sozusagen - eine "neue Welt" zu schaffen? Eine neue Welt des Menschen, des zukünftigen? Diese letztgenannte Studie läßt darüber jedenfalls intensiver nachdenken, als jede andere Studie zuvor, da sie so vieles bestätigt und ergänzt, was sich schon zuvor angedeutet hatte!

Friedrich Schiller läßt seinen Marquis Posa in seinem "Don Carlos" zum Beispiel sagen:
                              Das Jahrhundert
Ist meinem Ideal nicht reif. Ich lebe,
Ein Bürger derer, welche kommen werden.
Man könnte noch viele Erwartungen auf eine bessere Zukunft der Menschheit zitieren, wie sie unsere großen Dichter und Denker ausgesprochen haben. Die neuen genetischen Erkenntnisse müssen jedenfalls nicht als im Widerspruch zu solchen Erwartungen stehend interpretiert werden.

Ergänzungen zu neuen Erkenntnissen seither


Ergänzung 14.12.2014: Dieser Blogartikel hat einen zweiten nach sich gezogen (4, 5).

Ergänzung 25.7.2017: Ein Mann, der 1.000 v. Ztr. in Tansania lebte, hatte Gene sowohl der ostafrikanischen Jäger und Sammler als auch Gene der Ackerbauern aus dem Levanteraum in sich. Zu seiner Zeit wurde in Tansania schon Rinderhaltung betrieben, die sich von hier aus bis Südafrika ausgebreitet haben könnte (6).

Ergänzung 26.7.2018: Es ist sicher von Interesse, die Domestikation des afrikanischen Reis in Mali im Niger-Delta in Verbindung zu bringen zu den in diesem Blogartikel behandelten Fragen (7, 8).

Ergänzung 6.5.2019: Man hat inzwischen verstanden, daß die Gegend des nördlichen Niger-Flusses in Zusammenhang gebracht werden kann mit zahlreichen Domestikationsereignissen, die nachfolgend für weite Teile Afrikas Bedeutung erhalten sollten, etwa auch für die Yams-Wurzel (9).

/ Als neuer Titel des Blogartikels
die erste statt zuvor die 
dritte Zwischenüberschrift:
8.7.2019/
_____________________________________________

  1. Deepti Gurdasani, Stephen Tollman et al.: The African Genome Variation Project shapes medical genetics in Africa. In: Nature (2014), Published online 03 December 2014, doi:10.1038/nature13997, http://www.nature.com/nature/journal/vaop/ncurrent/full/nature13997.html
  2. Gibbons, Anne: Dwindling African tribe may have been most populous group on planet. In: Science, 4.12.2014 
  3. Kim, H., Ratan, A., Perry, G., Montenegro, A., Miller, W., & Schuster, S. (2014). Khoisan hunter-gatherers have been the largest population throughout most of modern-human demographic history Nature Communications, 5 DOI: 10.1038/ncomms6692  
  4. Mace, Ruth u.a.: Phylogenetic reconstruction of Bantu kinship challenges Main Sequence Theory of human social evolution. PNAS, December 9, 2014, vol. 111, no. 49
  5. Bading, Ingo: Wie kam das Ursprungsvolk der Bantu-Völker zum Ackerbau? Historische Erläuterungen und Ergänzungen zum vorigen Blogartikel. Stud. gen., 14. Dezember 2014, https://studgendeutsch.blogspot.com/2014/12/wie-kam-das-ursprungsvolk-der-bantu.html
  6. Callaway, Ewen: Ancient-genome studies grapple with Africa’s past - Clutch of DNA analyses show that ancient humans moved around on the continent far more than has been appreciated. In: Nature, 06 July 2017, http://www.nature.com/news/ancient-genome-studies-grapple-with-africa-s-past-1.22272
  7. Philippe Cubry et. al. (Yves Vigourou): The Rise and Fall of African Rice Cultivation Revealed by Analysis of 246 New Genomes. Current biology 2018, Vol: 28, Issue: 14, Page: 2274-2282.e6, https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0960982218307024
  8. Samantha J. Snodgrass, Matthew B. Hufford: Domestication Genomics: Untangling the Complex History of African Rice. Current Biology, Volume 28, Issue 14, 23 July 2018, Pages R786-R788, https://doi.org/10.1016/j.cub.2018.05.072, https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0960982218307085  
  9. Elizabeth Pennisi: Plant studies show where Africa’s early farmers tamed some of the continent’s key crops. Science Magazine, 1. Mai 2019, https://www.sciencemag.org/news/2019/05/plant-studies-show-where-africas-early-farmers-tamed-some-continents-key-crops

Donnerstag, 2. September 2010

Thilo Sarrazin: Der wissenschaftliche Paradigmenwechsel hinter seinen Sachargumenten

200.000 Jahre Humanevolution - Die derzeitige Forschung im Überblick - Ein Buchprojekt

Durch die Diskussionen rund um Thilo Sarrazin ist das im folgenden vorgestellte Buchprojekt aus dem Jahr 2007 aktuell wie nie. Wer die Diskussionen rund um Thilo Sarrazin in ihren wissenschaftlichen Hintergründen verstehen will, muß sich mit allen Themen dieses Buchprojektes und mit der Literatur dieses Buchprojektes befassen. Der Paradigmenwechsel in der Anthropologie, der in den letzten zehn Jahren stattgefunden hat, und auf den sich Thilo Sarrazin stützt, ist eine Herausforderung für unser Menschen- und Weltbild: Kann ich nur ein humaner Mensch sein, wenn die Menschen aller Völker im wesentlichen genetisch gleich sind und gleiche Startbedingungen haben? Oder gibt es auch einen Humanismus, der mit genetischer Ungleichheit human umgehen kann? Das ist die entscheidende Frage. Wenn sie gelöst ist, ist die Sachdebatte rund um Thilo Sarrazin leicht. Denn in der Tat: Schwerkraft ist Schwerkraft. Und die Evolution des Menschen geht auf genetischer Ebene weiter - in jeder Region und Kultur der Welt anders. Und wir nehmen darauf Einfluß, wie immer wir auch handeln. (- Soweit die Aktualisierung vom 2.9.2010. Nun weiter im Text von 2007:)

Die Netzseite Lulu.com bietet die Möglichkeit, umfangreichere Manuskripte kostenlos als pdf.-Datei ins Netz zu stellen. Diese Möglichkeit ist einmal genutzt worden, um ein 88-seitiges Literaturverzeichnis für ein Buchprojekt zum Thema "200.000 Jahre Humanevolution" öffentlich verfügbar zu machen. (Lulu/Ingo Bading) Einen solchen Forschungs-Überblick wird sicherlich mancher für nützlich halten. Denn eine wissenschaftliche oder populärwissenschaftliche Darstellung des derzeitigen Forschungsstandes in der Humangenetik ist ein offensichtliches Desiderat. Dies gilt auch für den englischen Sprachraum. An einer Zusammenarbeit interessierte Verlage oder Koautoren dürfen sich gerne beim Bearbeiter melden!

An dieser Stelle nur die thematische Gliederung des Manuskriptes. (Wie sichtbar werden kann, handelt es sich um das reichhaltigste Themenspektrum, das überhaupt nur denkbar ist.)

Einleitung: Humangenomforschung auf neuen Wegen

a) Das Suchen nach Zeichen von Selektion im menschlichen Genom (Koppelungs-Ungleichgewicht)
b) Der „Rebell mit einem Labor“ (Bruce Lahn)
c) Geht die Evolution weiter? (Robert Moyzis, Jonathan Pritchard)

1. Teil: Die Menschheits-Geschichte aus Sicht der Gene
Allgemeineres

A) Ursprünge in Ostafrika: Menschsein in einem Klicksprachen-Volk (190.000 – 65.000 Jahre vor heute)

a) Menschwerdung: eine kleine Gruppe am Rande des Aussterbens (190.000 Jahre vor heute)
b) Die ersten Menschen archäologisch in Äthiopien - ohne spezifische heutige Rassemerkmale? (195.000 v. Ztr.)
c) Ein „Tänzer-Gen“ entsteht: Tanzen und Singen als frühe, gemeinschaftsverstärkende Kommunikationsformen des Menschen (190.000 Jahre vor heute)
d) „Klatsch und Tratsch“ – moralisches Bewerten die wichtigste Funktion bei der Sprachentstehung? (Robin Dunbar)
e) Die Klicksprache – die erste Sprache des Menschen? (190.000 Jahre vor heute)
f) Ein Fettleibigkeits-Gen entsteht (190.000 Jahre vor heute) – noch an der „Venus von Willendorf/Österreich“ zu beobachten (26.000 Jahre vor heute) und danach in Europa verloren gegangen?
g) Evolutionäre Ästhetik: Savannen-Hypothese
h) Ein Bitterstoff-Geschmacks-Gen entsteht (190.000 v.Ztr.)
i) Menschenopfer, Schädelkult und Kannibalismus (seit 190.000 v. Ztr.)
j) „Krieger-Gene” bei Primaten und Menschenvölkern (Schwarzafrikaner, Andamanen, Indogermanen, Kelten, Germanen, Wikinger, Yanömamö, Maori, „Linkshänder-Völker“ …)
k) „Krieger-Gene“ - archäologisch Hinweise (weltweit, zeitübergreifend)
l) Der Mensch schmückt sich (spätestens ab 100.000 Jahre v. Ztr.)
m) Die menschliche Kleiderlaus entsteht (ERST [!] 80.000 Jahre v. Ztr.)
n) Buschleute Intelligenz-Quotient: 57

B) Die schwarzafrikanische Art des Menschseins

a) Das erste Herzmedikament nur für Schwarze (2001 – 2006)
b) Entspringt die höhere Anfälligkeit von Afrikanern für Bluthochdruck und Vitamin D-Mangel einer evolutionären Anpassung an heiße Temperaturen mit vor UV-Strahlung schützender Haut?
c) Größere Anfälligkeit von Schwarzafrikanern für Brustkrebs, Prostatakrebs, Lungenkrebs und anderes
d) Kein Verlust von Geruchs-Genen wie bei Europäern und Asiaten
e) Genetisch andere Art von Schizophrenie als bei Europäern und Asiaten?
f) Andere Art von Alzheimer bei Weißen als bei Schwarzen
f) Körper – wie geschaffen für Sport?
g) Schwarzafrikanischer Intelligenz-Quotient: 68 (in USA mit 30 % europäischen Genen: 85)

C) „Negritos“: Aus Afrika hinaus entlang des indischen Ozeans bis Australien (um 65.000 Jahre vor heute)

a) Eine Gen-Variante für Veränderungs-Freudigkeit entsteht (und damit das „Zappelphilipp“-Syndrom ADHS) (65.000 Jahre vor heute) und wird unterschiedlich in den Völkern weltweit selektiert
b) Entlang der Küste von Afrika nach Australien (65.000 Jahre vor heute)
c) Die Andamanen (65.000 Jahre vor heute)
d) Die Australoiden in Thailand (bis mindestens 24.000 v. Ztr.)

D) Ainu-Vorfahren besiedeln Ostasien (40.000 Jahre v. Ztr.)

a) Die Ainus - Verwandtschaft mit Andamanen und Tibetern (um 40.000 v.h.) (um 10.000 v. Ztr. erste Keramik - zeitgleich zum Vorderen Orient)
b) Höherer IQ auf der Nordhalbkugel aufgrund effizienterer Mitochondrien?

E) Die europäische Art des Menschseins – vom Atlantik bis Sibirien (40.000 v. Ztr.)

a) Die Neandertaler (150.000 v.h. entstanden, 29.000 v. Ztr. ausgestorben)
b) 30.000 Jahre vor heute: Mammutjäger zwischen Nordspanien und Ostsibirien
c) Geringere Häufigkeit genetischer Depressionsneigung in Europa als in Ostasien (Serotonin-Transporter-Gen) aufgrund von Selektion?
d) Orientale und Europäer – mehr als Asiaten und Afrikaner auf Blutverluste selektiert? – Eine Gen-Variante für Thrombose-Neigung entsteht (22.000 v. Ztr.)
e) Die Nordeuropäer – Haut-, Augen-, Haar-Farben-Gene unter starker Selektion (40.000/10.000 v. Ztr.)
f) Andere Art von Schizophrenie als bei Afrikanern und Asiaten?
g) Andere Art von Alzheimer bei Weißen als bei Schwarzen
h) Besonders hohe Anfälligkeit für Multiple Sklerose, Mukoviszidose (Zystische Fibrose) und Osteoporose (Knochenschwund)
i) 60 % andere Arzneimittel-Wirkstoffe in Europa als in Japan
j) Intelligenz-Quotient Europäer: 100

F) Amerika wird besiedelt (15.000 Jahre bis 6.000 Jahre vor heute)

a) Die Europäer (20.000 v. Ztr.), Ainu-Ähnliche (mit Flaschenkürbis) (10.000 v. Ztr.) und die Eskimo/Navajo (3.000 v. Ztr.) besiedeln Amerika nach Körperkontakt mit spätem Homo erectus (Kopflaus-Übertragung)
b) Intelligenz-Quotient amerikanische Ureinwohner: 85 - 91

G) Seßhaftigkeit bringt Veränderungen mit sich (10.000 v. Ztr. – 5.000 v. Ztr.)

a) Erste Negroide in Nubien (?) (12.500 v. Ztr.) / Rückwanderung von Asien nach Afrika?
b) Vorkeramisches und keramische Neolithikum in Südanatolien (10.000 v. Ztr.)
c) Die ersten mitteleuropäischen Bauern (Bandkeramiker - 5.600 v. Ztr. am Neusiedler See entstanden, 4.900 v. Ztr. ausgestorben)
d) Die bäuerlichen „Polynesier“ auf Taiwan (5.500 v. Ztr.) (ab 3.500 v. Ztr. Pazifik besiedelt)
e) Schwarzafrikanische Bantu-Bauern verbreiten die Malaria und Malaria-Resistenz

H) Die ostasiatische Art des Menschseins - zusammen mit dem Hirse- und Reisanbau evoluiert? (6.000 v. Ztr.)

a) Die gemeinsamen Vorfahren der heutigen Han-Chinesen, Koreaner und „Yayoi“-Japaner entstehen in Nordchina/Manschurei (wohl durch Vermischung nord-, süd- und ostchinesischer Anteile bei Einflußnahme von Vorfahren der Indogermanen) (vor 5.100 v. Ztr.)
b) Größere Häufigkeit genetischer Depressionsneigung in Ostasien als in Europa (Serotonin-Transporter-Gen) aufgrund von fehlender Selektion in einer Konsens- und Kollektivkultur (Gen-Kultur-Koevolution)?
c) Keine siebenfache Sequenz eines ADHS-Gens bei Ostasiaten: Selektion gegen "aufsässige Charaktere"?
d) Besonders hohe Anfälligkeit von Nichteuropäern für Diabetes (amerikanische Ureinwohner, Polynesier, Ostasiaten)
e) Angeborene größere Schmerzempfindlichkeit?
f) Besonders hohe Anfälligkeit für Alkoholunverträglichkeit
g) Andere Art von Schizophrenie als bei Afrikanern und Europäern?
h) 60 % andere Arzneimittel-Wirkstoffe in Japan als in Europa
i) Eine „Scham”-, keine “Schuld“-Kultur (eine Kollektiv-, keine Individual-Kultur)
j) Evolution stärker durch einzelne Männer geprägt? - Tschingis-Khan, … und Mao Tse Tung (1200 n. Ztr.)
k) Intelligenz-Quotient Ostasiaten: 105

I) Das Menschsein als Kentum-sprachiger, bronzezeitlicher Milchverdauer (Westindogermanen 4.500 v. Ztr. – 1.200 v. Ztr.)

a) Die Kentum-sprachigen und ihr Milchverdauungs-Gen – (4.500 v. Ztr. erworben [Ural/Trichterbecher], nach 2.000 weltweit verbreitet [Tocharer, Tuareg])
b) Die Kentum-sprachigen, bronzezeitlichen Milchverdauer - ihr Pocken- und HIV-Schutz (4.500 v. Ztr. erworben [Trichterbecher], nach 2.000 weltweit verbreitet)
c) Die Kentum-sprachigen, bronzezeitlichen Milchverdauer (?) – ein Gen korreliert mit Kinderreichtum (4.500 v. Ztr. erworben [Trichterbecher], nach 2.000 weltweit verbreitet)
d) Die Kentum-sprachigen, bronzezeitlichen Milchverdauer – besonders auf Blutverluste selektioniert? (4.000 v. Ztr.)
e) Die Kaste der Hindus
f) Die Tocharer (1.800 v. Ztr. nach Xinjang zugewandert) und verwandte Völker (Skythen-Vorfahren) bringen die Bronzezeit nach China (1200 v. Ztr.), Korea und Japan (300 v. Ztr.)

J) Menschsein in Europa, Afrika und Asien nach dem Seevölker-Sturm (1.200 v. Ztr. – 850 n. Ztr.)

a) Die Etrusker – Aussterben oder genetische Fortexistenz? (um 100 v. Ztr.)
b) Die Kalenjin - Langlauf-Begabung im Hochland von Kenia (um 100 n. Ztr. ?)
c) Einige zehntausend Angeln und Sachsen kommen nach Britannien (450 n. Ztr.)

K) Die Evolution geht weiter – auch heute (seit etwa 850 n. Ztr.)

a) Die Art des Menschseins des aschkenasischen Judentums – IQ-Evolution durch extreme Inzucht und extreme IQ-Auslese bei der Heiratswahl (siehe auch HIV-Schutz, Kinderreichtums-Gen) (seit 850 n. Ztr.)
b) Die Evolution des aschkenasischen IQ (Cochran/Harpending, 2005)
c) Brachte Vermischung männlicher Skandinavier mit den Inuit in Grönland den letzteren einen höheren IQ? (IQ: 91)
d) Die Nachkommen der als Sklaven Verschleppten
e) Die Genetik der Rassemischung
f) Ideen heute: Die Nobelpreisträger-Samenbank des Robert Graham und ihre 200 Kinder (1980 – 2000)

2. Teil: Neubewertungen: Der Mensch, das Gruppenwesen

a) Die Physische Anthropologie der Rasseunterschiede wird rehabilitiert
b) In der Populationsgenetik breitet sich ein neues Paradigma aus („Lewontin’s Fallacy“): Völker als Einheiten der Evolution
c) Armand Leroi und Richard Dawkins popularisieren das neue Paradigma
d) Neubewertungen im Rückblick auf Charles Murray und Jon Entine?
e) Nicholas Wade popularisiert das neue Paradigma
f) Gregory Cochran: Lewontin, Diamond, Gould, Boas und ihr „wissenschaftlicher Betrug“
g) Neue Diskussionen in der Psychologie über Populationsunterschiede im IQ flammen auf
h) Der Zusammenhang zwischen Gehirnstruktur, Gehirnentwicklung und Intelligenz wird erforscht

A) Die Evolutionäre Psychologie liefert umfassendere Theorie-Konzepte

a) Zu Konzepten von Gruppenselektion
b) „Ethnische genetische Interessen”? (Frank Salter, 2004)
c) Wahrnehmung und emotionale Reaktionen auf „Fremdes“ und „Verwandtes“ (Der Dawkins’sche Ansatz)
d) Sprache als sozialer Marker - Evolution von Gruppen- und Sprachvielfalt

B) Die Sprachpsychologie schaltet sich ein

a) Die tiefe Prägung der Wahrnehmung, des Denkens und Verhaltens durch die Muttersprache
b) Die Prägung des mathematischen Denkens durch die Muttersprache
c) Daraus folgende Probleme der Zweisprachigkeit
d) Lassen zusammen spielende Kinder verschiedener Muttersprache neue Muttersprachen und damit neue Völker entstehen?
e) Die Menschheitsgeschichte aus sprachvergleichender Sicht (Joseph H. Greenberg)

C) Kurzfristigere kulturelle Werte-Verschiebungen als Selektionsfaktoren

D) Philosophische Ansätze zur Einordnung

Humanismus heute. Ein neuer Konsens auf Grund zustimmunsgpflichtiger naturwissenschaftlicher Forschungsergebnisse. Aber: Wie umgehen mit genetischen Unterschieden? Moral des Ressentiments oder der freudigen geegnseitigen Anerkennung, des Respektes, des Wohlwollens und der Großzügigkeit zwischen den Völkern und Kulturen?

E) Ausgewählte Themen: Was werden die nächsten Jahre bringen?

a) Schlaglichter aus der Verhaltensgenetik und Genom-Sequenz-Forschung des letzten Jahrzehnts
b) Schlüsselgene im menschlichen Genom: Serotonin (1998 – 2005)
c) Schlüsselgene im menschlichen Genom: Oxytozin
d) Noch einmal: IQ-Evolution aschkenasische Juden im breiteren Kontext heutiger Diskussionen (K. MacDonald, Eric L. Goldstein, )
e) Aus der Domestikations-Forschung
f) Religiosität und (Gruppen-)Evolution (D. S. Wilson)
g) Religiosität und (Gruppen-)Evolution (Dean Hamer und andere)
h) Wahrheit und Lüge in der Intelligenz-Evolution von soziallebenden Tieren und des Menschen (Richard D. Alexander)

Erstveröffentlichung hier auf dem Blog: 22.09.07

Sonntag, 31. August 2008

Wurde "der Mensch" in Afrika in getrennten Populationen zum Menschen?

Achtung! Siehe Aktualisierung dieses Blogartikels - vom 2.7.2013 - ganz am Ende desselben.

Die hier vor kurzem behandelte neueste genetische Studie zur Entstehung des anatomisch modernen Menschen und seiner weltweiten Populationen schon in Afrika selbst vor 200.000 Jahren (1) habe ich mir noch einmal genauer angeschaut und will hier ausführlicher aus ihr zitieren.

Abb.: "Out of Africa" (Quelle: Wikip.)


Eine neue Studie jenseits von mitochondrialer und Y-chromosomaler "molekularer Uhr"

In der Einleitung heißt es ganz allgemein über die bisherigen Untersuchungen menschlicher Haplotypen nach dem Prinzip der "molekularen Uhr":
The haplotypes found on different continents tend to represent only a subset of African variants. These observations suggest a long lasting subdivision of the African population prior to the out-of-Africa expansion (Harding and McVean 2004). Such population structure could have arisen 200 Kya or even earlier (Falush et al. 2003; Harris and Hey 1999; Labuda et al. 2000) and thus be older than the first modern human fossils.
Es wird nun aber weiter der sehr bedeutsame Umstand ausgeführt, daß die zeitliche Auflösung bei Untersuchungen von mitochondrialen und Y-chromosomalen Haplotypen zu gering wäre, um Aussagen zu menschlichen Populationsstrukturen machen zu können, die älter sind als 200.000 Jahren vor heute in Afrika. Auf dem X-Chromosom liegende Gensequenzen werden hierfür nun aber als besonders geeignet angesehen, weil sie den Zeitrahmen, der bisher durch nur väterlich oder nur mütterlich vererbte Haplotypen untersucht werden konnte, um das Dreifache vergrößern würden. Die Forscher schreiben:
DXS1238 is an unusually informative complex microsatellite located in the middle of a very large dystrophin gene on Xp21. Because of its location in a highly recombining region, far from other genes, we can assume that its presumably neutral evolution (Nachman and Crowell 2000) was not affected by selection acting on neighboring loci.
Es ist überraschend, daß hier also offenbar eine ganz neue Herangehensweise an die Stammbaum-Forschung nach dem Prinzip der "molekularen Uhr" eingeschlagen wird. Es handelt sich also überraschenderweise offenbar nicht nur um eine beliebige neue Studie zum out-of-Africa-Modell, sondern sie geht die damit verbundenen Fragen auf neuen, bisher nicht eingeschlgenen Wegen an. Also wirklich ein Grund, sie sich genauer anzuschauen. Weiter heißt es:
Here we present an exhaustive analysis of DXS1238 variants sequenced in 600 X-chromosomes from around the world. Among Sub-Saharan Africans we find DXS1238 lineages that are older than MRCA (= most recent common ancestor) of mtDNA and earliest human fossils. These lineages are relatively common, but were not included in the out-of-Africa expansion, indicating substantial genetic subdivision of the ancestral human population(s) within Africa. This either suggests an early emergence of our species, before 200 Kya, or substantial flow of genes associated with the transformation to modern humans between isolated African populations prior to range expansion. The data also indicate an associated out-of-Africa bottleneck followed by founder effects related to colonization of different continents.
Lange Zeiträume innerafrikanischer, isolierter Evolution von Haplotypen, bevor der Mensch - z.T. dann mit diesen - Afrika verließ

Aus dem Diskussions-Teil:
The non-African lineages also included new haplogroup variants that must have arisen relatively early, given their wide geographic distribution. This suggests conditions favoring genetic variation, implying a relatively long time period, large population size or both, prior to the geographic dispersal over all continents. (...) The contemporary African diversity thus appears to be a mosaic, representing contributions from distinct lineages that have had a chance to evolve independently for substantial periods of time. The age estimates of these lineages suggest that ‘‘structured’’ history of the ancestral human population in Africa extends deep into the evolutionary past, well before the colonisation of other continents. In other words, our data provide evidence of a structured African population subdivided into subpopulations carrying distinct lineages and evolving in isolation prior to the successful colonization of other continents by a subpopulation(s). (...) Some ancient lineages that are rare or non-existent in the present day-Africa also appear in non-African populations (e.g. Zietkiewicz et al. 2003). This provides additional support for the notion that H. sapiens emerged from a number of genetically distinct subpopulations oscillating between South Africa and Levant over long periods of time before moving to Eurasia. (...)
Die Frage, die sich mir nun stellt, wäre: Blieben diese isolierten Populationen auch nach der Auswanderung aus Afrika isoliert in der Weise, daß die einen ("Negroide"?, "Australide") nach den Andamanen-Inseln usw./Australien, die anderen (Asiaten) nach Asien und die dritten (Europäer) nach Europa wanderten? Daß es also grundsätzlich alle diese drei oder mehr Populationen schon getrennt in Afrika selbst gegeben hat? Oder war es im wesentlichen eine in Afrika isolierter lebende Population, von der sich alle außerafrikanischen Populationen gleichmäßig und gleichermaßen ableiten? Wenn ich es recht sehe, läßt sich aufgrund der derzeitigen Forschungsergebnisse darauf noch keine klare Antwort geben. Es könnte tatsächlich sein, daß alle außerafrikanischen Populationen von mehr oder weniger einer einzigen ursprünglich "nordafrikanischen" Population abstammen. Oder interpretiere ich damit diese Studie falsch? Vielleicht ist die Frage auch gar nicht so wichtig, da die lokale Humanevolution in den Kontinenten selbst erst zu den entscheidenen heute bekannten Charakteristika der Menschenrassen führten? Aber lesen wir hier weiter:
The earliest fossils displaying modern characteristics, found in Herto and Omo Kibbish in Ethiopia, Klassies River Mouth in South Africa or in Skhul and Qafzeh in Israel, indicate that humans inhabited widely disparate regions within Africa and the Middle East as early as *195 Ky to less than *100 Ky ago. The periods of arid climate preceded and followed the warming of interglacial maximum *120 Ky ago that could have favoured fragmentation of the population, promoting their independent evolution and distinct adaptations within smaller groups (Harding and McVean 2004). The characteristics of the human fossils from Herto from 160 Kya led to the proposition of classifying them into a distinct subspecies (White et al. 2003). In other words, these data suggest the existence of distinct human populations within Africa itself. (...)
Konvergente menschliche Gehirnevolution vor 200.000 Jahren in isolierten innerafrikanischen Populationen?

In dem letzten Absatz des Artikels wird die These desselben noch einmal sehr differenziert formuliert, wobei es richtig sein wird, genau zu lesen:
The existence of population genetic structure that we provide evidence for is thus consistent with documented anatomical variation of early fossils of modern humans. However, if the cognitive transition to modern humans occurred more recently than the origin of population structure, it necessarily follows that genes associated with this transformation spread via gene flow between populations. It had to occur however before or at least at the same time as the out-of-Africa and within Africa expansion. However, if such a transition occurred earlier (Mellars 2006), our data suggest that the genetic exchange between different populations was restricted for a considerable time, pointing to a possibility that in spite of subsequent anatomical variation, H. sapiens as a species could have already emerged in Africa between 300 and 200 thousand years ago, before the mitochondrial DNA and well before the Y-chromosome most recent common ancestors.
Übersetzt:
Wenn die Gehirn-Evolution, die zu den modernen Menschen führte, später stattgefunden hat als der Ursprung der (in der Studie festgestellten) Populations-Struktur, dann folgt notwendigerweise daraus, daß Gene, die mit dieser Gehirn-Evolution verbunden sind, sich über Gen-Fluß zwischen den Populationen verteilt haben.
- Zwischenfrage: Warum "notwendigerweise"? Vielleicht weil man der Meinung ist, daß heute kein anatomisch moderner Mensch mehr auf dem kognitiven Niveau eines Neandertalers steht. Dem wird man dann sicherlich zustimmen müssen. Dennoch scheinen die Forscher die Möglichkeit konvergenter Evolution bei der Gehirnevolution des Menschen mit diesem Begriff "notwendigerweise" gar nicht in Rechnung zu stellen. - Doch weiter:
Wenn jedoch eine solche Gehirn-Evolution viel früher stattgefunden hat, dann würden unsere Daten nahelegen, daß der genetische Austausch zwischen unterschiedlichen Populationen für eine beträchtliche Zeit beschränkt war, was auf die Möglichkeit hinweisen würde, daß H. sapiens trotz späterer anatomischer Vielfalt als eine Art in Afrika schon vor 300.000 oder 200.000 Jahren entstanden sein könnte vor der mitochondrialen DNA und vor dem Y-Chromosom des jüngsten gemeinsamen Vorfahren aller Menschen.
Man hat das Gefühl, daß hier sehr spannende Wege in der Forschung eingeschlagen wurden, die noch manches aufsehenerregende Ergebnis bringen könnten. Es scheint als könne ein immer differenzierteres und detaillierteres Bild menschlicher Humanevolution in Afrika vor 200.000 Jahren gezeichnet werden. Man darf gespannt sein, was sich auf diesem Gebiet in der Forschung weiterhin tun wird und ob die durch diesen Artikel aufgeworfenen Fragen im weiteren definitiver werden gelöst werden können.

Ergänzung/Aktualisierung 2.7.2013

Aus mir nicht ganz nachvollziehbaren Gründen hält sich dieser Artikel schon über lange Zeiträume hinweg als einer der "beliebtesten" dieses Blogs. Warum auch immer. Wie sich die Forschungen zum Thema dieses Blogartikels im einzelnen in den letzten Jahren weiterentwickelt haben, habe ich nicht mehr so genau verfolgt.

Allerdings gibt mir heute ein neuer PNAS-Artikel zur frühesten Besiedlung der Küsten rund um den Indischen Ozean einiges zu denken auch zur Thematik dieses alten Blogartikels. Nämlich: Wie soll man sich das eigentlich konkret vorstellen, daß Jäger-Sammler-Gruppen, die über lange Jahrhunderte hinweg in einer bestimmten Region in Afrika evoluiert sind - also sagen wir mal konkreter und wahrscheinlicher: irgendwo in Nordafrika - nun mit einem mal quasi vollständig nach einem anderen Kontinent abgewandert sein sollen? Und zwar ohne in Afrika selbst Nachkommen zu hinterlassen? Sind derartige Formen von "Völkerwanderungen" für Jäger-Sammler-Gesellschaften eigentlich überhaupt plausibel? Ich denke, eher nicht. Denn die einzelnen Menschen und Kleinfamilien leben doch viel zu weit verteilt, um als gemeinsame größere Gruppe zu agieren oder jemals agiert zu haben. Wenn also kleinere (Familien-)Gruppen abgewandert sind, haben sie nächste Verwandte immer in der Region selbst zurück gelassen. So wie das auch bekannt ist von der frühen Besiedelung des amerikanischen Kontinents von Gruppen in der Region des Baikal-Sees aus.

Deshalb kann ich mir eigentlich nur vorstellen, daß sich die genetischen Veränderungen erst ergeben haben während der Abwanderung und danach. Nicht schon in Afrika selbst.

(ursprünglich veröffentlicht 2.12.2007, ergänzt 2.7.2013)
___________________________

ResearchBlogging.org
  1. Vania Yotova, Jean-François Lefebvre, Oleksiy Kohany, Jerzy Jurka, Roman Michalski, David Modiano, Gerd Utermann, Scott M. Williams, Damian Labuda (2007). Tracing genetic history of modern humans using X-chromosome lineages Human Genetics, 122 (5), 431-443 DOI: 10.1007/s00439-007-0413-4

Donnerstag, 19. Juni 2008

Erbliche Sechszehigkeit und die Bevölkerungsgeschichte des Vorderen Orients

Ein kleines Beispiel zu den vielfältigen Erkenntnispotentialen der modernen Humangenetik

In dem Buch „Sie bauten die ersten Tempel“ (1) über das älteste Kultheiligtum der Menschheit auf dem Göbekli Tepe in der Südtürkei (10.000 Jahre alt) (2) erwähnt der Ausgräber Klaus Schmidt Hinweise auf Polydaktylie, auf erbliche Sechszehigkeit in Ain Ghazal in Jordanien, der frühneolithischen „Schwesterstadt“ von Jericho, die von dem deutsch-amerikanischen Archäologen-Ehepaar Rollefson ausgegraben wird (1, S. 40). Eine Ausstellung der eindrucksvollen, dort vorgefundenen Ahnenfiguren - unter anderem auch der „plastered skulls“ (übermodellierte menschliche Schädel) - machte im Sommer 2005 in Bonn auf diese Forschungen aufmerksam (3).

Abb.: Beispiel für Polydaktylie

Da Vielfingrigkeit und Vielzehigkeit erblich sind (4), wird es schon aufgrund eines solchen ausgefallenen Erbmerkmals möglich zu erforschen, inwieweit es im Vorderen Orient (human-)biologische Kontinuität seit dem Frühneolithkum gibt, bzw. welcher Art diese humanbiologische Kontinuität sein könnte. Beim derzeitigen Forschungsstand (5, 6) darf man aber nicht mehr erwarten, daß es sich um besonders „einfach gestrickte“ biologische Kontinuität handelt. In den letzten Jahren gab es erste genetische Hinweise auf ein weitgehend vollständiges Aussterben des ersten Ackerbauern-Volkes Mitteleuropas, der Bandkeramiker, sowie auch des Volkes der Etrusker - oder zumindest seiner Oberschicht.

/Ergänzung 8.1.2018: Die Jahre seit 2015 haben einen Fülle von Neuerkenntnissen aus der Ancient-DNA-Forschung gebracht, über die hier auf dem Blog auch im Herbst 2017 in mehreren Aufsätzen berichtet worden ist. Nach diesen ist der vorliegende Artikel sehr vorausschauend gewesen: Tatsächlich liegt im Vorderen Orient seit dem Natufium und Frühneolithikum genetische Kontinuität bis heute vor, während für Europa ganz andere Verhältnisse zu charakterisieren sind, die sich unter anderem darin wiederspiegeln, daß die Bandkeramiker dort heute ausgestorben sind. In Europa gibt es eine dem Vorderen Orient vergleichbare genetische Kontinuität erst seit dem Spätneolithikum, seit der Zuwanderung der Indogermanen von der Mittleren Wolga aus. - Der vorliegende Aufsatz war also überraschend "gut" in der Vorhersage von Erkenntnissen über die populationsgenetische Kontinutität im Vorderen Orient, die seit 2015 abgesichert sind. Aber das soll nicht heißen, daß dieser Blog nicht fähig zum Irrtum wäre. Mit der Anerkennung der Tatsache, daß die ersten europäischen Bauern auch genetisch mediterraner Herkunft waren (neolithisch-anatolischer), hat er sich über mehrere Jahre sehr schwer getan. Aber auch dieser Umstand ist heute abgesichert./ 

Diese beiden Hinweise und auch viele weitere zeigen auf, daß es in der Menschheitsgeschichte immer wieder zu populationsgenetischen „Flaschenhals-Ereignissen“ gekommen ist. Ein bevölkerungsbiologisches Flaschenhals-Ereignis bedeutet einen weiträumigen, starken Rückgang der Ursprungs-Bevölkerung bei Zuwanderung neuer Bevölkerungen aus anderen Bereichen mit nachfolgendem erneuten Bevölkerungswachstum von den durch diese Prozesse „neu selektierten“ Bevölkerungsgruppen.

Die Bedeutung von bevölkerungsbiologischen „Flaschenhals-Ereignissen“

Die Forschung erkennt derzeit immer deutlicher, daß solche bevölkerungsbiologischen „Flaschenhals-Ereignisse“ und die mit ihnen einhergehenden „Gründerpopulationen“ (das heißt populationsgenetisch „effektive Bevölkerungsgrößen“ von relativ kleinem Umfang einer jeweiligen Übergangsepoche) großen Einfluß auf die kulturelle und biologische Prägung künftiger Geschichtsepochen, also ganzer Jahrtausende haben (6). Es werden diese bevölkerungsbiologischen Vorgänge auch unter dem Begriff der „Ethnogenese“ behandelt, das bezeichnet die Neuentstehung von Völkern.

Von den Genetikern wird angenommen, daß das heutige 10 Millionen Menschen umfassende aschkenasische Judentum (das ist das traditionell deutschsprachige, jiddisch-sprachige Judentum) zur Hälfte von nur wenigen Frauen abstammt, die im Frühmittelalter (parallel zur Ethnogenese des deutschen Volkes) in süddeutschen Rheinstädten gelebt haben (7, 5) (siehe auch diverse frühere Beiträge hier auf dem Blog). Vor dem Frühmittelalter gab es ein aschkenasisches Judentum gar nicht, weder biologisch noch kulturell, genauso wenig wie es vor dem Frühmittelalter ein deutsches Volk gab.
Beim aschkenasischen Judentum handelt es sich also um eine Abspaltung vom sephardischen (romanischsprachigen und arabischen) Judentum, das während des Mittelalters seine kulturelle und religiöse Dominanz innerhalb des weltweiten Gesamtjudentums an das aschkenasische Judentum abtrat ähnlich wie überhaupt der südeuropäische Raum seine kulturelle und wirtschaftliche Dominanz während des Mittelalters und der Neuzeit schrittweise an den mittel- und nordwesteuropäischen Raum abgetreten hat.

Auch das aschkenasische Judentum stammt, so weisen alle genetischen Studien immer wieder aus, aus dem Vorderen Orient. Umstritten ist noch, ob die vielen blonden, aschkenasischen Juden nicht doch von Einmischungen einheimischer mitteleuropäischer Bevölkerung abstammen könnten. Auch sonst findet man viele Erbmerkmale in auffallend ähnlichen Häufigkeiten bei aschkenasischen Juden und Mitteleuropäern vor. - Es würde sich also in jedem Fall bei solchen und anderen Flaschenhals-Ereignissen jeweils um bevölkerungsbiologische, bewußtere oder unbewußtere „Auswahl“-Ereignisse handeln, die zwar z.T. die wesentlichsten psychologischen Erbmerkmale eines Volkes bis heute mögen erhalten haben (also vor allem auch religionspyschologischer, mentalitätspsychologischer Art), die aber doch auch viele stärkere Veränderungen im „Gen-Pool“ ermöglicht haben können, aufgrund deren ja Neuanpassungen an neue, äußere, geschichtliche Bedingungen in der Evolution immer stattfinden. Dies wird aller Wahrscheinlichkeit nach auch für die Intelligenz-Evolution während der 200.000 Jahre Menschheitsgeschichte von einem IQ von 57 bei den heutigen Buschleuten in Südafrika bis zu einem IQ von 115 bei den heutigen aschkenasischen Juden gelten (8, 5).

Der „Gen-Pool“ eines Volkes ist der Gesamtbestand an Erbmerkmalen innerhalb eines Volkes (oder allgemeiner: einer Population). Flaschenhals-Ereignisse verändern also den „Gen-Pool“ eines Volkes, einer Bevölkerung immer auf ganz charakteristische Weise. Sie verstärken bestimmte Erbmerkmale eines Volkes und schwächen andere ab, je nach Selektionswert der jeweiligen Erbmerkmale innerhalb der neuen „kulturellen“ und natürlichen Umgebung, an die die Anpassungsprozesse stattfinden. Das heißt also, je nach den spezifischen Erbmerkmalen jener Familien, die auch innerhalb von kulturellen und biologischen Krisenzeiten noch kinderreich sind und es über die Generationen hinweg bleiben.

Diese oft wenigen Familien bilden den Kernbestand der „effektiven“ Bevölkerungsgröße eines Volkes, wie das die Populationsgenetik nennt. (6) Von der äußerlich sichtbaren Bevölkerungsgröße eines Volkes müssen also aus der Sicht der Populationsgenetik alle generationenübergreifend kinderlosen und kinderarmen Familien und Einzelindividuen abgezogen werden.

Beispiel Erbmerkmal Rohmilch-Verdauung

Da in Nordeuropa heute fast 100 % der Bevölkerung das Erbmerkmal besitzt, als Erwachsene Rohmilch verdauen zu können, und da das Bevölkerungen in Afrika und Asien nicht besitzen (oder auffällig anders genetisch verschaltet), müssen irgendwann in der Bevölkerungsgeschichte Nordeuropas jene Familien und kleinen „Ausgangspopulationen“ besonders viele Kinder gehabt haben, die aufgrund einer Mutation als Erwachsene Rohmilch verdauen konnten. Es wird dies in den Anfangsphasen der Einführung der Milchviehhaltung in Nordeuropa gewesen sein (vor 6.000 Jahren oder später). Vielleicht bei der Entstehung der frühen Trichterbecher-Kultur in der "Wangels-Phase" in Ostholstein um 4.100 v. Ztr.. (Siehe frühere Beiträge hier auf dem Blog.)

Der Kinderreichtum einer solchen "Ausgangspopulation" veränderte also den Bestand der Erbmerkmale der nordeuropäischen Bevölkerung in einer genetischen Neuanpassung an neue kulturelle Umstände. Menschen und Familien, die dieses Erbmerkmal nicht hatten, starben im Laufe von Jahrzehnten oder Jahrhunderten aus. Ähnliche „Szenarien“ kann man sich für die IQ-Evolution und die Evolution vieler anderer menschlicher Erbmerkmale denken (auch vieler erblicher Krankheitsneigungen). Und diese werden derzeit auf vielfältigsten Gebieten erforscht.

Es wäre nun interessant, wenn man im heutigen Vorderen Orient noch die gleiche vererbte Form von Polydaktylie (hier: Sechszehigkeit) vorfinden würde, wie sie für die Zeit vor 9.000 Jahren in Ain Ghazal festzustellen ist. Sieht man sich den hierfür relevanten, auf „Online Mendelian Inheritance in Man“ (ONIM) gebrachten Forschungsüberblick zu „Polydactyly“ an (9), wird nicht erkennbar, dass da für die genannte Fragestellung auf den ersten Blick gleich greifbare Erkenntnisse „herausgefiltert“ werden können. (Das war Stand Sommer 2007 - vielleicht hat sich bis heute schon etwas dort getan.)

Immerhin lässt sich aber dem Buch des Humangenetikers Armand Leroi der interessante Hinweis entnehmen (4, S. 119), daß Polydaktylie bei Afrikanern etwa zehn mal häufiger vorkommt als bei Europäern (bei einem von 300 afrikanischen Neugeborenen und nur bei einem von 3.000 europäischen Neugeborenen). Das ist ein erster Hinweis darauf, daß möglicherweise weltweit tatsächlich unterschiedliche Selektionsdrücke auf diesem Merkmal liegen. Niemand kann wohl heute schon sagen, welcher Art diese sein mögen. Weiterhin könnte dies als ein erster Hinweis darauf verstanden werden, daß die frühneolithischen Bauern im Vorderen Orient genetisch näher mit heutigen afrikanischen als mit heutigen europäischen Bevölkerungen verwandt gewesen sind. Aber das wäre noch sehr spekulativ, solange keine näheren Eingrenzungen geographischer Art vorgenommen werden können, sowie bezüglich der jeweiligen spezifischen Art der Polydaktylie (welcher Finger oder Zeh ist betroffen? und so weiter).

Es muß also derzeit noch vieles offen bleiben. Die neuen Fragestellungen in der Populationsbiologie von Völkern wie auch in der Archäologie lassen überall weite, unerforschte Erkenntnisgebiete aufscheinen, die in den nächsten Jahren und Jahrzehnten geschlossen werden. Das Erbmerkmal Polydaktylie ist hier auch nur als ein anschauliches Beispiel gewählt worden. Genauso könnte das Erbmerkmal Linkshändigkeit herausgegriffen werden oder das bekannte Erbmerkmal Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitäts-Syndrom (ADHS) (6). Viel eher noch als anhand der Sechszehigkeit wird erwartet werden können, daß man - wie bei den Bandkeramikern, dem höchstwahrscheinlich ausgestorbenen ersten Ackerbauern-Volk Mitteleuropas (5.600 - 4.900 v. Ztr.) -, aufgrund von Gen-Spuren in archäologischen Skelettresten überprüfen wird, inwieweit biologische Kontinuität oder genetische Verwandtschaft von ersten Ackerbauern der Menschheit gegenüber heute noch im Vorderen Orient (oder in New York oder Afrika) lebenden Völkern vorliegt oder nicht.


__________________________________________________
Schrifttum:
  1. Schmidt, Klaus: Sie bauten die ersten Tempel. Das rätselhafte Heiligtum der Steinzeitjäger. Verlag C.H. Beck, München (2. Auflage) 2006
  2. Wikipedia deutsch: Göbekli Tepe. http://de.wikipedia.org/wiki/G%C3%B6bekli_Tepe
  3. Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland, Bonn: 10.000 Jahre Kunst und Kultur aus Jordanien. Ausstellung. April bis August 2004 (Ausstellungskatalog unter gleichem Titel im Philipp von Zabern Verlag, Mainz 2005) http://www.kah-bonn.de/index.htm?ausstellungen/jordanien/index.htm
  4. Leroi, Armand Marie: Tanz der Gene. Von Zwittern, Zwergen und Zyklopen. Spektrum Akademischer Verlag, Heidelberg 2004
  5. Wade, Nicholas: Before the Dawn. Recovering the Lost History of Our Ancestors. The Penguin Press, New York, Mai 2006; siehe auch: http://topics.nytimes.com/top/reference/timestopics/people/w/nicholas_wade
  6. Jobling, Mark A.; Hurles, Matthew; Tyler-Smith, Chris: Human Evolutionary Genetics. Origins, Peoples & Disease. Garland Science, New York 2004
  7. Wikipedia englisch: Ashkenazi. http://en.wikipedia.org/wiki/Ashkenazi
  8. Malloy, Jason: A World of Difference: Richard Lynn Maps World Intelligence. A review of Richard Lynn’s “Race Differences in Intelligence: An Evolutionary Analysis”. Auf: www.gnxp.com, 01.02.2006 - http://www.gnxp.com/blog/2006/02/world-of-difference-richard-lynn-maps.php
  9. ONIM, Stichwort „Polydactyly“. Auf: http://www.ncbi.nlm.nih.gov/entrez/dispomim.cgi?id=603596

Dienstag, 15. April 2008

Neues zur Gründerpopulation des aschkenasischen Judentums

Auf "Gene Expression" stellt der Humangenetiker Gregory Cochran aus Utah, der insbesondere durch seine Studie zur "Naturgeschichte der aschkenasischen Intelligenz" vom Jahr 2005 bekannt geworden ist (zusammen mit Henry Harpending und Jason Hardy) ("Natural History of Ashenazi Intelligence"), eine neue genetische Studie vor, von der er glaubt, daß sie im wesentlichen ihre Hypothesen aus dem Jahr 2005 bestätigen würde. Nun aber auf einer sehr stark erweiterten Datengrundlage (GeneExpr 1, 2, Steve Sailer).

Trennung des aschkenasischen und sephardischen Judentums im Frühmittelalter

Er legt insbesondere Wert auf die Tatsache, daß das aschkenasische Judentum, also das traditionell jiddisch-sprachige, "osteuropäische" Judentum, von dem vermutet werden kann, daß es sich im Frühmittelalter am Oberrhein vom sephardischen (romanisch-sprachigen) westeuropäischen, mediterranen Judentum abgespalten hat, daß dieses aschkenasische Judentum, das 80 % des heute weltweit lebenden Judentums bildet, mit seinen ganz besonderen und spezifischen genetischen Eigenschaften, nicht als eine (populationsgenetische) Gründerpopulation, also nicht durch einen (populationsgenetischen) "Flaschenhals" entstanden ist.

Abb. 1: Esra liest aus der Thora - Fresco in der Missions-Synagoge in der von Griechen gegründeten syrischen Handelsstadt Dura-Europos, erste Hälfte des 3. Jhdt. n. Ztr.

Offenbar scheinen die neuen genetischen Befunde dafür sehr überzeugend zu sein.

Gerade in den letzten Jahren war vermutet worden, daß die aschkenasischen Juden vor etwa tausend Jahren aus einer sehr kleinen Ausgangspopulation hervorgegangen wären, daß die mütterliche Linie (das mitochondriale Genom) aufzeigen würde, daß sie zu etwa 40 % von nur acht nichtjüdischen Frauen abstammen würden, was ja nur durch eine Gründerpopulation und einen Flaschenhals würde erklärt werden können. (Literaturangabe siehe die Kommentare, in denen diese damalige These nur sehr kritisiert wird.)

Nur Selektion, keine Gründerpopulation?

Sollte also diese Meinung nun aufgegeben werden müssen?

Das wäre immerhin recht interessant. Auch ich selbst hatte bislang vermutet, daß genetische Unterschiede zwischen Völkern viel besser durch Flaschenhals-Ereignisse zu erklären sein würden, als durch bloße "Selektion" wie nun neuerdings - nach Cochran - vermutet wird. Also bloß Selektion (durch Heiratswahl und unterschiedliche Nachkommenzahlen der einzelnen Individuen innerhalb einer gegebenen Population, also durch Heiratsschranken zu anderen Populationen) in einer nach hunderttausenden von Angehörigen zählenden Population innerhalb von nur gut tausend Jahren bringt so markante genetische Unterschiede zwischen Völkern hervor, wie sie diese neue Studie ebenfalls offenbar wiederum deutlicher als jemals zuvor aufzeigt (- nach Cochran)?

Ausgeschlossen darf diese Möglichkeit scheinbar jetzt nicht mehr. Wie sollen dann aber die 40 % nichtjüdischen (weiblichen) Vorfahren in den Abstammungslinien der aschkenasischen Juden erklärt werden? Das würde heißen, daß sich im Frühmittelalter, während der Ethnogenese der heutigen europäischen Völker, viele tausende von nicht-jüdischen Frauen (deutschsprachigen höchstwahrscheinlich, wie schon der jiddische Dialekt impliziert) zum Judentum bekehrt hätten.

Man darf auf die weitere Forschungsdiskussion in diesem Bereich gespannt sein.

Die neuen Erkenntnisse müssen doch relativiert werden

- Aha, Cochran sagt in den Kommentaren noch einiges letztlich doch stark Relativierende:

Montgomery Slatkin used a historical population model with _two_ population bottlenecks. The first bottleneck in that model was the founding of the Roman Jewish population, which he modeled using a range of population sizes (150, 600, and 3,000), with a second bottleneck around 1350 (600, 3,000, and 6,000). These are the census sizes: he assumes that the effective population size was 1/3rd of census size.

You need to have populations in those size ranges - low thousands or fewer - to have any significant chance of perturbing gene frequencies enough to get the sort of mutation spectrum we see among the Ashkenazim. Even then you won't see clustering in a couple of metabolic pathways. And those scenarios have other effects on genetic statistics, effects we do not observe. Moreover, any really strong bottleneck would make a population somewhat dumber.

Das präzisiert die Sache allerdings erheblich. Eine Population von nur tausend oder mehreren hundert Individuen ist aber für mich doch eine Flaschenhals-Population! Wenn später ein Volk von Millionen Menschen daraus hervorgeht!? Natürlich handelt es sich dabei um "Gründereffekte"!

Worms oder Straßburg - oder wo?

Die Diskussion in den Kommentaren, an der sich zum Schluß auch Henry Harpending beteiligt, geht eigentlich nur darum, ob es plausibel ist, bloß wenige zig Angehörige in der Gründerpopulation anzunehmen, oder mehrere hundert. Diesen Unterschied finde ich nicht mehr gar so bedeutsam. Eine Population von tausend Menschen ist nicht mehr als ein heutiges Dorf, sicherlich nicht größer als eine durchschnittliche jüdische Gemeinde in einer frühmittelalterlichen Stadt. Ich finde das eine sehr winzige Ausgangspopulation.

- Bliebe weiter die spannende Frage: in welcher Stadt? In Straßburg? In Worms? Wäre doch ungeheuer spannend, wenn man das herausbekommen würde. Wenn man sagen könnte: Hier in dieser Stadt, an diesem Ort entstand das heute zu Millionen weltweit verbreitete aschkenasische Judentum. Ich habe noch nirgends irgendwelche guten Hypothesen von Frühmittelalter-Historikern oder -Archäologen oder Judaistik-Professoren zu dieser Frage gehört. Die wissen wahrscheinlich gar nichts von den derzeitigen Diskussionen in der Humangenetik? ... Oder interessieren sich nicht dafür?

Freitag, 14. Dezember 2007

Gruppenrechte und Genetik

Die genetischen Forschungen der letzten Jahre legen immer mehr die Möglichkeit nahe, daß ethnische und rassische Minderheiten weltweit medizinisch benachteiligt werden, wenn bei der Medikamenten-Entwicklung und der Weiterentwicklung der Behandlungs-Methoden - wie bisher - nur weiße Europäer (oder auch Japaner) berücksichtigt werden oder Versuchsgruppen, in denen wohlstandsmäßig arme Minoritäten weiterhin Minoritäten bleiben. Es stellt sich immer mehr heraus, daß gleicher medizinischer Versorgungs-Standard weltweit möglicherweise nur dadurch erreicht werden kann, daß man die besondere Genetik der jeweiligen ethnischen und rassischen Gruppen mitberücksichtigt, da ihre Genetik eben oft in bedeutsamer Weise anders ist als die anderer Gruppen. (Zum Beispiel werden selbst heute noch nach Jahrzehnte langem medizinischen Austausch in Japan 60 % andere Arznei-Mittelwirkstoffe verwendet als in Deutschland.)

Aus der Erkenntnis dieser Zusammenhänge ergeben sich natürlich eine Fülle weiterer ethischer und juristischer Fragen.

Auf den ersten Blick glaubt man, daß die Herbst-Ausgabe des "Journal of Law, Medicine and Ethics" diese Themen angehen würde, da ihr Titel lautet "Genome Justice: Genetics and Group Rights". In der Ankündigung heißt es dann weiter:
We are closer than ever before to discovering valuable knowledge about genetic disorders, their possible cures, and the origin and migration patterns of distinctive groups; however, there is much to debate as we consider the implications this research may have on studied populations. In the current symposium issue of "The Journal of Law, Medicine & Ethics", researchers reflect on the many ethical and legal issues that have arisen as a result of genomic research on populations and distinctive groups.
Angeblich soll diese Ausgabe online freigeschalten sein, ich erkenne aber nur, daß die Folge davor freigeschalten ist. Die Themen jedenfalls klingen schon spannend:
- Population Genomics and Research Ethics with Socially Identifiable Groups
Joan L. McGregor
- Genes and Spleens: Property, Contract, or Privacy Rights in the Human Body?
Radhika Rao
- Human Genetics Studies: The Case for Group Rights
Laura S. Underkuffler
- Cultural Challenges to Biotechnology: Native American Genetic Resources and the Concept of Cultural Harm
Rebecca Tsosie
- Narratives of Race and Indigeneity in the Genographic Project
Kim TallBear
- The Human Genome as Common Heritage: Common Sense or Legal Nonsense?
Pilar N. Ossorio
- Partnership in U.K. Biobank: A Third Way for Genomic Property?
David E. Winickoff
Wenn man in die "Abstracts" hineinschaut, erkennt man, daß sich die Forscher offenbar doch immer noch allzu zögerlich den eigentlichen Problemen, die eingangs angerissen wurden, stellen. Ich kann nicht erkennen, daß ein "Gruppenrecht" auf gleichwertige medizinische Versorgung weltweit vehement und robust gefordert werden würde. Aber Genaueres könnte man wohl nur sagen, wenn man tatsächlich rein schauen könnte ... (Vielleicht kann mir ja ein Leser, der an die Dinger herankommt, ein paar pdf.s schicken? ... Ähm, das Editorial und der erste Aufsatz würden mich zunächst am meisten interessieren ...)
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