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Mittwoch, 2. Oktober 2019

Wie funktionieren Völker? - Das Verständnis erleichtert eine neue "Family Tree"-Funktion bei "23andme"


- Ein Rap-Musiker zeigt auf: Wir sind (meistens) Nachkommen kinderreicher Familien, die vor drei oder vier Generationen gelebt haben
- Diese Einsicht werden künftig immer mehr Menschen gewinnen: über Gensequenzierung

Aus der Reihe "Meine Gene", Teil 11

Kinder machen die Welt interessant. Kinderreiche Familien machen Familienforschung interessant. Denn wo Kinder sind, da ist Leben. Und wo viele Kinder sind, da ist viel Leben. Darüber kann sich bald jeder belehren lassen, der seine Gene bei 23andme sequenzieren läßt. Diese Erkenntnis ist inzwischen sogar in der Rap-Musik angekommen. In dieser wurde jüngst der Kinderreichtum eines burischen, evangelischen Pfarrhauses aus der Zeit um 1820 in Südafrika, sowie deren vielfältige Nachkommenschaft gefeiert (1).

So etwas kann aber inzwischen fast jeder auch für sich selbst und seine eigenen Vorfahren tun. (Ich für meinen Teil muß jetzt nur noch Rap-Musik lernen ....) Und wir sollten das alle tun und unsere Vorfahren feiern. Denn ohne sie und ihre aufopferungsvolle Bereitschaft, Kinder aufzuziehen, gäbe es uns alle nicht. Und das wäre doch eigentlich sehr schade. Oder wie es einmal ein deutscher Schriftsteller formulierte*):

"Ich bin das elfte Kind meiner Eltern. Und so lange ich Freude am Leben habe, bin ich geschworener Feind des Zehn-Kinder-Systems."

Wer von Kindheit an natürlicherweise in einem größeren Kreis von Verwandten aufwächst, der weiß womöglich den Wert von Verwandtschaft gar nicht wirklich zu schätzen. Aber auf diesen können auch immer einmal wieder bewegende Schicksale von Adoptivkindern aufmerksam machen (6).

Im folgenden sei von Seiten der Vorfahren des Blogautors ein Beispiel erläutert, eine in Ansätzen vergleichbare Geschichte erzählt wie jene genannte aus der Rap-Musik: Am 14. Januar 1858 wurde in  Stoke-on-Trent in Stafford in England eine Ehe geschlossen zwischen dem nachmaligen Forschungsreisenden Henry W. Morley (1834-1917) (Abb. 1), der in Leeds in England getauft worden war und in Quito in Ecuador gestorben ist, und Elizabeth Locker (1834-1909) (Abb. 2), die aus Uttoxeter in Staffordshire stammte, und die 1909 in Southampton an der englischen Kanalküste gestorben ist. Das Ehepaar lebte zunächst in Neuseeland als Farmer. Später ging der Ehemann als Forschungsreisender nach Südamerika. Ihre zehn Kinder (!) heirateten in alle Welt. Sie hatten vermutlich eine höhere Schulbildung genossen. Denn die älteste Tochter heiratete einen zeitweise in Deutschland tätigen englischen Diplomaten, eine ihrer Schwestern einen deutschen Arzt, der in Oberschlesien in der Funktion als Leibarzt des Fürsten Pleß tätig war.

Abb. 3: Nachkommen des kinderreichen Ehepaares William und Elizabeth Morley (die beiden Fragezeichen ganz oben rechts) (von 23andme) - Rekonstruiert werden nur die herkunftsmäßigen Zusammenhänge zwischen Menschen, die ihre Gene bei 23andme haben sequenzieren lassen und zu höheren Graden miteinander verwandt sind. Das sind in diesem Falle - bislang - Nachkommen von drei Kindern des Ehepaares

Es handelte sich bei den Kindern unter anderem um die Geschwister Alice, Elizabeth, Emma, Charlotte, Frances, Mary, John, Eliza, Lydia, Evely und Henry. (In den Unterlagen sind mehr als zehn Kinder aufgeführt, vermutlich haben nicht alle das Erwachsenenalter erreicht.) Diese vielen Kinder haben viele Nachfahren bis heute hinterlassen. Der Autor dieser Zeilen hat sogar seine Mitochondrien von Elizabeth Locker geerbt, weil seine Mutter in ungebrochener weiblicher Linie von ihr und einer ihrer Töchter abstammt (Abb. 6).

Die neue "Family Tree"-Funktion bei 23andme

Auf 23andme gibt es neuerdings in der Beta-Version einen "Family Tree, auf dem allein über genetische Daten "automatisch" rekonstruiert ist, über welche Wege man mit seinen "DNA-Verwandten " verwandt ist (also mit näheren oder entfernteren Verwandten, die bei 23andme ihre Gene haben sequenzieren, bzw. genauer: "typisieren" lassen) (2). Dieser "Family Tree" (zu übersetzen vielleicht mit "Verwandtschafts-Baum") ermöglicht es, familiengeschichtliche und verwandtschaftliche Zusammenhänge zu verstehen, die man zuvor nicht gleich auf den ersten Blick - und ohne (gemeinsame) Ahnenforschung schon einmal gar nicht - hätte verstehen können. In meinem Fall ist es so: Da ich schon einige wenige "Unbekannte" der "Gleichung mit vielen Unbekannten" in diesem "Family Tree" (Abb. 3) rekonstruiert habe (durch Austausch mit einigen der DNA-Verwandten über unsere etwaige gemeinsame Herkunft), sind hier nun in der Grafik weitere "Unbekannte" für mich viel leichter zu rekonstruieren und zu ergänzen.

Abb. 1: H. Morley

Und darüber verstehe ich zum ersten mal mir bislang schleierhafte Zusammenhänge zwischen mir und mir schon seit Jahren auf 23andme angezeigten "DNA-Verwandten", die auf meine Anfragen bisher nicht geantwortet hatten. Ich verstehe nämlich, daß auch diese - mit mir - Nachkommen aus der eben genannten Ehe sind. Vielleicht wissen sie das selbst (noch) nicht und ich könnte es ihnen jetzt erklären, ... wenn sie mir antworten würden.

Abb. 2: E. Locker

Nämlich: Die älteste Tochter des genannten Ehepaars war Alice, verheiratete Hadgkinson, die 1858 in Sneulou Mautra in Neuseeland geboren worden war. Von dieser stammen (mindestens) zwei mir namentlich bekannte DNA-Verwandte ab, die mir auf "23andme" angezeigt werden, darunter Sylvia aus Ontario in Kanada, mit der ich darüber geschrieben habe und worüber ich schon berichtet habe (3). Der Ehemann von Alice, ein Hadgkinson, war im auswärtigen, diplomatischen Dienst in Deutschland tätig, so schrieb mir Sylvia, deshalb ist auch einer seiner Söhne in Deutschland geboren worden. 

Abb. 4: Mary
Abb. 5: Jakob

Alice hatte eine Schwester Mary (Abb. 4), die 1864 in Otahuhu in Auckland auf Neuseeland geboren worden war, und die meine Ururgroßmutter ist. Sie wird in unserer Familienchronik folgendermaßen beschrieben:

"Haare braun, Augen tiefblau, mittelgroß, schlank. Charakter: sehr lebhaft, temperamentvoll, phantasievoll."

Mary hat (wohl) ihre Schwester Alice, die Diplomaten-Ehefrau, in Deutschland besucht und dabei ihren nachmaligen Ehemann Jakob Paul (Abb. 5) kennengelernt, einen Arzt mit dem im damaligen Baltikum verbreiteten adligen Familiennamen von Samson-Himmelstjerna. Er war aufgewachsen in Reval (heute Tallin). Sie ist die Großmutter meiner Großmutter. Ihr Ehemann Jakob war Leibarzt des Fürsten Pleß in Pleß in Oberschlesien. Dort ist noch meine eigene Großmutter 1910 geboren worden (weil ihre Mutter sich von ihrem Vater hatte entbinden lassen). Meine Großmutter ist aber nicht nur in Schlesien geboren, sondern ihr Vater mit dem Familiennamen Willner stammte mit allen seinen Vorfahren ebenfalls aus Schlesien, genauer, aus Wüstewaltersdorf.

Von den Nachkommen meiner Willner-Verwandten nun, wo es auch die eine oder andere kinderreiche Familie gegeben hat, und die meines Wissens zumindest in großen Teilen in Deutschland und Österreich leben, haben offenbar noch nicht sehr viele ihre Gene sequenzieren lassen, weder bei MyHeritage noch auf 23andme. Bei dieser Gelegenheit ist man fast versucht zu sagen: "Leute, Verwandte, der 'gesellschaftliche Druck' steigt. Eure Verwandten wissen allmählich, was ihr tut oder nicht tut, nämlich, ob ihr eure Gene sequenzieren laßt und das Wissen darüber teilt oder nicht. Ihr schließt euch nicht an, ihr haltet euch abseits. Wir sehen euch!" (- Naja, nicht ganz ernst gemeint.)

Beziehungsweise - in Anlehnung an George Orwell: "Your relatives are watching you!" War es nicht schon immer so, daß die liebe Verwandtschaft ein Auge hatte auf ihre Anverwandten? Das ist nun wieder häufiger und leichter möglich. Und das ist sicher besser (!!!), als wenn es "Big Brother" tut, der bestimmt vieles ist - aber kein echter Bruder. Immer mehr jedenfalls wird sich künftig der erstaunte Blick verschieben von jenen unter den eigenen näheren und entfernteren Verwandten, die ihre Gene "schon" haben sequenzieren lassen hin zu jenen, die das "immer noch nicht" getan haben.

Entfernt Verwandte meinerseits über die schon erwähnte von Samson-Himmelstjerna-Linie leben heute in London und haben ihre Gene schon sequenziert (4). Sie werden aber bisher auf dem Family Tree (Abb. 3) gar nicht angezeigt. Vermutlich hat das seinen Grund darin, daß der Verwandtschaftsgrad mit ihnen (0,36 %) zu gering ist. Würden sie mit erfaßt, würde es vermutlich auf dem "Family Tree" schnell sehr unübersichtlich werden. Aber es handelt sich ja erst um die Beta-Version ....

Eure Verwandten sehen Euch

Sylvia erzählte, daß man sich in ihrer Familie einer entfernten deutschen Verwandtschaft bewußt gewesen war (3) und auch in der Generation meiner Mutter war dieses Wissen noch vorhanden dahingehend, daß man von einer Tante erzählte, die in England leben würde. Dieses Wissen wird jetzt kräftig erneuert durch - - - 23andme.

Die gemeinsamen Gene von Sylvia und mir liegen auf den Chromosomen 16 und 17. Und das ist die Erkenntnis, die einem bei dieser Gelegenheit zum ersten bewußt wurde: Man kann also sagen, daß unsere gemeinsamen Vorfahren, die Eheleute Morley/Locker auch diese Gene auf Chromosom 16 und 17 hatten. Jetzt müßte man nur noch schauen, welche Gene das sind und man wüßte schon wieder einiges mehr über die Erbmerkmale dieser Vorfahren. Und man merkt dabei: Um so mehr Menschen mitmachen bei DNA-Sequenzierungen und ihr Wissen teilen, um so mehr kann man auch über die Gene ganz entfernter Vorfahren heraus bekommen. Und man kann lernen, welche angeborenen Eigenschaften man teilt und welche nicht.

Nun jedenfalls stelle ich über den automatisch erstellten "Family Tree" fest, daß es noch ein weiteres Geschwisterteil aus dieser eingangs genannten Morley-Familie gibt, von denen DNA-Verwandte abstammen, die mir auf 23andme schon seit Jahren angezeigt werden, nämlich die Geschwister Rodd E. und Tanya G., mit denen ich fast 1 % gemeinsame Gene habe (0,97 % und 0,99 %). Und vielleicht hat der Algorithmus, mit dem dieser "Family Tree" erstellt wurde aufgrund von Alterangaben von DNA-Verwandten und durchschnittlichem Generationenabstand auch schon die Altersreihenfolge der Morley-Geschwister rekonstruieren können, von denen wir alle abstammen. Sie sind jedenfalls in diesem Falle, soweit ich sehe, dem Alter nach von rechts nach links aufgereiht. (Denn die älteste war Alice und eine der älteren Mary. Und ich wüßte sonst nicht, warum sich in der Darstellung die Stammbäume von Rodd und Tanya einerseits und mir andererseits überkreuzen sollten.)

Allerdings stelle ich bei genauerem Hinschauen fest, daß der "Family Tree" eine Generation unterschlagen hat, nämlich die Mutter meiner Großmutter. An Stelle der Mutter wird gleich die Großmutter meiner Großmutter angezeigt. Das habe ich auch gleich als "Feedback" an 23andme gemeldet.

Mit Rodd und Tanya teile ich unter anderem Gene auf den Chromosomen 12 und 17. Damit ergänzen ihre Gene weiterhin die Kenntnis des Gen-Satzes unserer gemeinsamen Vorfahren Henry und Elizabeth Morley, denn zu 16 und 17 kommt nun noch - mindestens - ein gemeinsamer Abschnitt auf 12 dazu. Auffallen könnten einem noch die großen Unterschiede im Anteil gemeinsamer Gene zwischen uns entfernten Verwandten. Während ich mit Robert 1,25 % Gene teile, habe ich mit seiner Cousine Sylvia nur 0,68 % gemeinsam. Mit Rodd und Tanya hinwiederum fast 1 % gemeinsame Gene. Robert und Sylvia sind aber über eine Generation weniger hinweg mit mir verwandt als Rodd und Tanya. Aber wie gerade gesehen, scheint der Family Tree sich derzeit noch leicht um eine Generation verrechnen zu können.

Wenn es dieselbe Funktion auch auf MyHeritage geben wird, werden auch die Zusammenhänge unter den vielen Nachkommen der genannten von Samson-Himmelstjerna's viel leichter und schneller zu rekonstruieren sein, die dort ihre Gene haben sequenzieren lassen. Auch mit einigen von denen habe ich mich ja schon geschrieben und versucht, die Verzweigungen gemeinsamer Stammbäume zu rekonstruieren (4). Aber, huh!, das war schon verdammt kompliziert, zum Teil. Und nicht alles ist da geklärt (4).

Abb. 6: Meine Mutter (Jg. 1941) mit meiner Urgroßmutter (mütterliche Linie), geborene von Samson-Himmelstjerna, im Mai 1965 in Wien vor dem Weinheber-Gedenkstein ("Doch den Kranz der Heimat gebt mir Wien ...")

Aber alles das ist bislang nur möglich mit mittel-entfernter Verwandtschaft meinerseits mütterlicherseits, weil es eben hier viele solcher Verwandte im englischsprachigen Raum gibt. Es wird erkennbar, daß dort das Sequenzieren seiner Gene schon häufiger geschieht, weil es viel populärer ist als hier bei uns in Deutschland. Deutsche und österreichische Nachkommen des Vaters meiner Großmutter mütterlicherseits, ebenso wie Verwandte meines Vaters - ursprünglich alles Bauern im Elb-Havel-Winkel - und deren Nachkommen haben sich noch auffallend weniger häufig sequenzieren lassen. Mit Ausnahme des von mir schon behandelten Andreas T. (3), mit dem ich zwar "irgendwie" verwandt bin, da wir aus derselben Region stammen, aber wir konnten den genauen Zusammenhang bislang nicht rekonstruieren, und das obwohl wir sogar mehrere gemeinsame Familiennamen unter unseren Vorfahren haben. Diese Verwandtschaft über meinen Vater dürfte größtenteils in Deutschland leben und es dürfte typisch sein für das zerknirschte - und auf alles skeptisch schauende - Deutschland, daß hier die Menschen noch viel weniger häufig ihre Gene haben sequenzieren lassen und ihr diesbezügliches Wissen mit anderen teilen.

Aber es wird erkennbar, daß diese neue "Family Tree"-Funktion vieles erleichtern wird künftig. Man kann dann auf einen Blick sehen, welche und wie viele mittelentfernte (und ggfs. auch entfernte) Verwandte man hat und aufgrund welcher Zusammenhänge. Das, was heute für das Volk auf Island schon zur Verfügung steht (zum Teil sogar zurückreichend bis ins Frühmittelalter), wird dann allmählich weltweit möglich sein (wenn auch größtenteils vorerst nicht ganz so weit zurückreichend).

Es wird dabei dann die Rolle kinderreicher Familien sichtbar werden, die in der Historischen Demographie und in der Populationsgenetik schon lange bekannt ist (5). Nämlich die Erkenntnis: Im Wesentlichen stammen wir alle von kinderreichen Familien in früheren Generationen ab. Sie tragen in viel größerem Ausmaß zur der von den Populationsgenetikern so genannten "Effektiven Populationsgröße" (Wiki) bei als alle übrigen Familien. Das darf man alles sehr spannend finden. Das hat nämlich schon viele kenntnisreiche Demographen und Bevölkerungswissenschaftler veranlaßt zu fordern, daß es demographisch hinsichtlich der Zukunft von Völkern und Kulturen insbesondere darauf ankommt, kinderreiche Familien zu fördern, also Familien ab drei und mehr Kindern.

Mein Buch

Und um zu dieser Erkenntnis zu gelangen aufgrund der eigenen DNA-Verwandten muß man künftig seine eigenen Vorfahren und deren vielfältige Nachfahren immer weniger in erster Linie durch Ahnen-Forschung in Kirchenbüchern und sonstigen schriftlichen oder mündlichen Überlieferungen rekonstruieren (zumindest jedenfalls, um so mehr Verwandte man findet, die das schon für ihre eigenen Vorfahren getan haben).  Das könnte doch eigentlich auch all jene hellhörig machen, die nicht aus Familien wie meiner stammen, in der schon seit vielen Jahrzehnten Ahnenforschung aus Kirchenbüchern und aus Familienüberlieferung heraus eifrig betrieben wird.

Und aus allem werden wir lernen: Wir stehen in einer langen Reihe von Vorfahren, die ihr Leben immer weiter gegeben haben. Und wir werden uns von ihnen allen, also von hunderten, von tausenden von Vorfahren die Frage gefallen lassen dürfen: "Du willst der letzte sein in unserer langen Reihe?"

Mit diesem Blogartikel ist vorläufig das letzte Kapitel meines Buches "Meine Gene - Forschungsreise in unentdeckte Länder" fertig gestellt, nämlich das 11. Kapitel. Deshalb im folgenden einmal eine Übersicht über die anderen, bisher schon auf diesem Blog erschienenen Kapitel, alle verschlagwortet unter dem Stichwort "Meine Gene" und alle kostenlos einsehbar:

  • Genomforschung für alle! (Einleitung) (Sept. 2011)
  • Meine Gene - Teil 1 (Mai 2016)
  • Meine Gene - Teil 2 (Mai 2017)
  • Meine Gene - Teil 3 (Mai 2017)
  • Meine DNA-Verwandten (Feb. 2018)
  • Meine Londoner Verwandtschaft (Okt. 2018)
  • Unsere Gene, unsere besten Heiratspartner (Okt. 2018)
  • Robert Plomin und die polygenetische Revolution (Jan. 2019)
  • Mein erster Archäogenetik-Test (April 2019)
  • Meine ersten "Polygenic Score's" (Juni 2019)
  • Krieger oder Zweifler - Was bist du? (Sept. 2019)
  • Kinderreichtum und Familienforschung in der Rap-Musik (Okt. 2019)

Ein Teil des Stammbaumes von allem Leben

[Ergänzung 25.1.2022] MyHeritage, 23andme und andere Firmen arbeiten an nutzerfreundlichen, Visualisierungen, Veranschaulichungen der genetischen Verwandtschafts-Verhältnisse näherer und entfererer Art, das heißt, sie arbeiten mit Stammbäumen. Eine Veranschaulichung des Stammbaumes allen Lebens ist auf der Seite https://www.onezoom.org/ veröffentlicht worden, ein virtueller Baum des Lebens (7, 8). Da kommt der Gedanke auf, daß man den Stammbaum jedes einzelnen Menschen an diesen virtuellen Baum des Lebens anschließen könnte, daß man sie verknüpfen könnte, wodurch die Humanevolution und die Evolution von Völkern und Stämmen auf dieser Erde noch übersichtlicher veranschaulicht werden könnte. Das heißt, es wären die Australopithecinen einzutragen, Homo habilis, Homo erectus, Homo neandertalensis, Homo sapiens sapiens einzutragen, sowie jeweilige "Seitenlinien". Bei den eiszeitlichen Vorfahren würden sich die jeweiligen Stammbaum-Zweige von heute lebenden Menschen trennen, hin zu jenen, die heute in Afrika leben, hin zu jenen, die heute in Asien leben, hin zu jenen, die heute in Europa leben. Es Wären dann die neolithischen und bronzezeitlichen Vorfahren einzutragen und schließlich würde der virtuelle Baum des Lebens und des menschlichen Lebens einmünden in den virtuellen Baum des bronzezeitlichen Europa und von dort über die verschlungenen Pfade des Mittelalters zu jedem einzelnen Menschen von uns heute.

____________________

*) Wilhelm Pleyer (1901-1974) in seiner Kindheits-Geschichte "Tal der Kindheit". (Nach der Erinnerung zitiert.)


/ Ergänzungen: 
8.10.2019, 25.1.2022 /
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  1. Blume, Michael: Evolution und Religionsdemografie im Rap Guide to Religion von Baba Brinkman, 15.9.2019, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/evolution-und-religionsdemografie-im-rap-guide-to-religion-von-baba-brinkman/; das Video: https://youtu.be/WvSds8vTIZo
  2. thednageek: 23andMe Introduces the Automated Family Tree, October 1, 2019, https://thednageek.com/23andme-introduces-the-automated-family-tree/ 
  3. Bading, Ingo: Meine DNA-Verwandten, 9.2.2018, https://studgendeutsch.blogspot .com/2018/02/meine-dna-verwandten.html
  4. Bading, Ingo: Meine Londoner Verwandtschaft,  27. Oktober 2018, https://studgendeutsch.blogspot .com/2018/10/mitmach-genetik-meine-gene-teil-4.html
  5. Chaunu, Pierre: Die verhütete Zukunft. Seewald, Stuttgart 1981 
  6. Silvia: Koreanische Schwestern finden „The Missing Piece“ im neuen Dokumentarfilm von MyHeritage, 11. September 2019, https://blog.myheritage.de/2019/09/koreanische-schwestern-finden-the-missing-piece-im-neuen-dokumentarfilm-von-myheritage/
  7. Virtueller Baum des Lebens präsentiert die Arten der Erde, 16.12.2021, https://www.derstandard.de/story/2000131958523/virtueller-baum-des-lebens-praesentiert-die-arten-der-erde
  8. "Baum des Lebens" komplett: 2,2 Millionen Spezies auf einen Blick, 12/2021, https://www.heise.de/news/Baum-des-Lebens-komplett-2-2-Millionen-Spezies-auf-einen-Blick-6299106.html 

Mittwoch, 1. August 2007

Gründe für unerfüllte Kinderwünsche

Tabuthemen: a) Unfruchtbarkeit in der Ehe, b) keine echte Liebe, c) Geld ...
- Eine wichtige Studie des "Berlin-Instituts"

Die Hauptgründe dafür, daß heute in Deutschland nicht mehr Kinder geboren werden, sind erst ansatzweise in das Bewußtsein derer, die derzeit Familienpolitik betreiben oder in das Bewußtsein der öffentlichen Meinung überhaupt eingegangen. Die Medien thematisieren sie so gut wie gar nicht.

Abb. 1: Gründe für unerfüllte Kinderwünsche

Laut neuester Studie des "Berlin-Instituts" und der von ihm in Auftrag gegebenen Allensbach-Studie (Berlin Institut, St. gen.), deren Bedeutung man von Tag zu Tag klarer erkennt, wünschen sich derzeit 4,6 Millionen Kinderlose und 3,3 Millionen Eltern (weitere) Kinder, also insgesamt grob 8 Millionen Menschen. Gründe dafür, daß sich diese Kinderwünsche derzeit nicht erfüllen, sind in einer Umfrage nun abgefragt worden. Es handelt sich im Grunde um lauter Themen, die letztlich noch heute selbst im Gespräch unter Freunden Tabuthemen sind. Das sind noch am wenigsten Geldfragen. Und deshalb haben "Studium generale" und andere diese Geldfragen zunächst in den Vordergrund der Diskussion gestellt (Thema Erziehungsgehalt). Aber es gibt noch stärker mit Tabus behaftete Themen, die hier wichtig sind. Themen, zu denen leicht gesagt wird: "Darüber spricht man nicht."

Gründe für nicht erfüllten Kinderwunsch werden von den 4,6 Millionen Kinderlosen in der folgenden Reihenfolge der Häufigkeit genannt (Mehrfachnennungen waren möglich) *):

1. der subjektiv als geeignet empfundene Lebenspartner fehlt (46 % !!!)
2. berufliche Gründe (26 %)
3. finanzielle Gründe (25 %)
4. man fühlt sich zu jung (18 %) (nur Menschen ab dem 25. Lebensjahr waren überhaupt befragt worden!)
5. der objektiv richtige Lebenspartner zum Kinderkriegen fehlt ("es hat mit dem Schwangerwerden nicht geklappt") (13 %) (Bei den "früheren", heute nicht mehr vorhandenen unerfüllten Kinderwünschen [man hat also schon resigniert] rangiert dieser Grund bei den Kinderlosen sogar auf Platz 2 mit 34 %.)

Gründe dafür, daß sich Kinderwünsche derzeit nicht erfüllen, werden von den genannten 3,3 Millionen Eltern in der folgenden Reihenfolge der Häufigkeit genannt:

1. finanzielle Gründe (35 % !!!) (- ob Ministerin von der Leyen den hier sprechenden Eltern wirklich ausreichend zuhört?)
2. der Partner möchte kein weiteres Kind (19 %) (- erstaunlich!)
3. berufliche Gründe (18 %)
4. der fehlende objektiv richtige Lebenspartner zum Kinderkriegen ("es hat mit dem Schwangerwerden nicht geklappt") (15 %)

Siehe die entsprechende Grafik in Abb. 1 (durch Draufklicken wird's größer) *).

Gehen wir im folgenden die einzelnen Gründe noch einmal durch.

a) Kinderwunsch zurückgestellt: Die "große Liebe" fehlt

Der Hauptgrund ist also ganz eindeutig der fehlende subjektiv als richtig/geeignet angesehene Lebenspartner. Diese Thematik wurde hier auf dem Blog schon mehrmals erörtert. Aber deshalb sicherlich noch keineswegs genug. Warum verstehen sich die Menschen heute so schlecht miteinander, dass sie nicht zusammen kommen können? Reichen Partner-Vermittlungs-Institute wie "Parship" oder "Elitepartner" aus, um diese Frage zu lösen? Ganz klar heute immer noch mehr oder weniger ein Tabuthema, das noch immer sehr selten offen und gerade heraus in größerer Runde besprochen wird. Oder wer möchte über seine Parship-Erfahrungen gleich ganz unbefangen und gerade heraus reden? - Ganz offensichtlich ist aber in diese Rubrik auch einzuordnen der zweite Hinderungsgrund bei den sich weitere Kinder wünschenden Eltern: der Partner möchte nicht! Was für eine verrückte Welt! Nur einer von beiden Partner möchte noch ein weiteres Kind. In zentralen Fragen einer Partnerschaft herrscht keine Einigkeit.

b) Kinderwunsch zurück gestellt: zu wenig Geld

Dann aber - etwas, was einem erst nach und nach auffällt an der Studie und hochgradig bedeutsam ist: Der Hauptgrund von Eltern, einen weiteren Kinderwunsch zurückzustellen, ist der finanzielle. Wer hat eigentlich diesen Sachverhalt schon wirklich ausreichend auf sich wirken lassen? Das ist ein entscheidendes Argument für mehr Geld für Eltern. Betreuungsgeld, Erziehungsgehalt, bedingungsloses Grundeinkommen, Bürgergeld - ganz egal, wie: mehr, mehr, mehr ist notwendig, wenn man Zukunft sichern will. Dieses Thema wurde ja schon vielfach behandelt hier unter der Rubrik "Familienpolitik". Die Tatsache, dass es die Eltern sind, nicht die Kinderlosen, die diesen Grund als Hauptgrund nennen, zeigt klar auf, dass das nur aus klarstem Realismus heraus genannt worden sein kann. Denn Eltern wissen, was Kinder kosten! Sollten derartige Dinge nicht jeder Bundesregierung in den Ohren gellen?

c) Kinderwunsch zurückgestellt: Keine familienfreundliche Arbeitswelt

Dabei hatte sich "Studium generale" eigentlich vorgenommen, über das Tabuthema Nummer eins in diesem Zusammenhang zu schreiben, nämlich Unfruchtbarkeit in der Beziehung. Sie nimmt einen bedeutsamen vierten und fünften Platz ein und wurde vom Berlin-Institut bei der Auswertung zunächst in den Vordergrund gestellt. Wahrscheinlich auch mit einiger Berechtigung. Aber finanzielle Gründe rangieren auch bei den Kinderlosen auf Platz drei gleich hinter den beruflichen Gründen, die wiederum bei den Eltern auf Platz drei liegen. Die Forderung muss also klar lauten: 1. mehr Geld, 2. ganz umfassend familienfreundlichere Arbeitswelt (Wiedereinstiegs-Chancen etc. pp.). Und diese familienfreundlichere Arbeitswelt wird schlicht dadurch geschaffen, dass die Familien selbst mehr Geld bekommen und darum nicht mehr so sehr auf die Arbeitswelt angewiesen sind. Diese wird sich dann überlegen müssen, wie sie die Eltern wieder zurück lockt. So funktionieren gesunde volkswirtschaftliche Zusammenhänge - auch auf diesen Gebieten.

d) Kinderwunsch zurückgestellt: Man fühlt sich zu jung

Dann ist aber auch Grund vier der Kinderlosen hoch bedeutsam: Man fühle sich zu jung, obwohl man schon 25 Jahre alt ist. Das Berlin-Institut hat in anderem Zusammenhang klar darauf hingewiesen, dass die Wahrscheinlichkeit rein medizinisch a) schwanger zu werden, b) eine leichte Schwangerschaft zu haben, c) eine leichte Geburt zu haben, mit jedem späteren Jahr, in der Erstgeburt stattfindet, deutlich sinkt. Sich mit 25 Jahren noch "zu jung" zu fühlen, ist eine weitere Absurdität unserer infantilen Gesellschaft. Viele Fachleute haben deshalb schon gefordert - auch "Studium generale": Ausbildungs- und Berufswege müssen so gestaltet werden, dass die Menschen erst Kinder bekommen können und dann ihre Ausbildung, ihren beruflichen Weg fortsetzen können. Auch dies wird am ehesten dadurch geschaffen werden, dass man die Eltern finanziell vom Produktionsbereich in den Reproduktionsbereich "lockt", und dass sich dann der Produktionsbereich endlich mal wieder etwas einfallen lassen muss, wie er sie zurücklockt und nicht umgekehrt. So wird ein Schuh daraus.

Jeder andere Weg wäre doch "Murks". Jeder andere Weg wäre so ähnlich wie die früheren DDR-Kampagnen zur Leistungssteigerung, die, da sie den Gesetzen des freien Marktes nicht gehorchten, eben immer wieder nur fruchtlos verhallten, bis das ganze Gebäude in einem riesigen großen Krach zusammen stürzte.

Natürlich wird dann auch schnell deutlich, dass schulische und mediale Beeinflussung in Richtung auf die höhere oder geringere Befähigung zur Übernahme familiärer Verantwortung schon in früherem Lebensalter von Bedeutung ist. So ist es zum Beispiel absurd, wie in der Wochenzeitung "Zeit" jüngst berichtet, dass sich die Alkohol-Werbe-Industrie neuerdings ausgerechnet die jungen Frauen als neue Zielgruppe ausgesucht hat. (siehe St. gen.) Mit der Zigaretten-Werbung verhält es sich ganz identisch. Man könnte aber auch weiter fragen, ob "Werbung" in Richtung auf ständigen Sexual-Partnerwechsel sich nicht ebenfalls massiv kontraproduktiv auswirkt auf die Fähigkeit zur Übernahme und zum Leben familiärer Verantwortung in frühen Lebensjahren. Das würde auf eine Kritik an Jugendzeitschriften wie "Bravo" und ähnliche "Institutionen" hinauslaufen.

e) Kinderwunsch unerfüllbar: Unfruchtbarkeit

Und nun zu dem eigentlichen Thema, das ursprünglich in diesem Beitrag hatte behandelt werden sollen: Unfruchtbarkeit in Partnerbeziehungen. Auch hier hat das "Berlin-Institut" (siehe frühere Beiträge) schon wichtige Erkenntnisse verbreitet, als es nämlich darauf hinwies, dass die Pille schon allein ein Klima seelischer Unfruchtbarkeit schafft dadurch, dass die hormonell falsche "Einstellung" der Frauen sie den potentiell falschen Lebenspartner für Kinderkriegen wählen läßt.

"Studium generale" hat den diesbezüglich abgefragten Grund - "es hat mit dem Schwangerwerden nicht geklappt" - umformuliert in: "der objektiv richtige Lebenspartner zum Kinderkriegen fehlt". Und das soll nun begründet werden: Unzählige Kinder werden gezeugt und geboren unbeabsichtigt, da werden Frauen oft viel zu "schnell" schwanger. Wir sind also biologisch im Grunde darauf ausgerichtet (ohne Verhütung), dass Kinder nur so in die Wiegen purzeln, zumal in jungen Jahren, und wenn nicht lange gestillt wird, was ja - mitunter zumindest - eine natürliche Empfängnisverhütung darstellt.

Warum erhofft man sich eigentlich heutzutage so viel von "reproduktiver Medizin"? Sie ist zum einen Teil sehr teuer. Und zum anderen hat sie viel geringere Erfolgswahrscheinlichkeiten, als das allgemein bewusst ist. Darauf wies ebenfalls schon das "Berlin-Institut" hin. (Das "Berlin-Institut" leistet auf all diesen Gebieten derzeit ganz hervorragende Arbeit.) Aber ist nicht auch das ein Absurdum hoch Zehn? Sagt denn hier "die Natur", "die Biologie" nicht ganz klar: nein, sie will nicht. So geht es nicht.

Das muss doch etwas zu bedeuten haben. Wollen wir überall auf die Natur hören, wollen uns gesund ernähren, gesund leben, Sport treiben, Birkenstock-Sandalen tragen, "Jutetaschen statt Plastik" - aber bei einem so wesentlichen Lebensbereich wie dem Kinderkriegen plötzlich das Unnatürlichste vom Unnatürlichen unternehmen? Auch das muss einem doch absurd und haarsträubend erscheinen.

Kinderwunsch und Öko-Bewegung

Und merkwürdig genug, daß solche Dinge noch von keiner "Öko-Bewegung" breit aufgegriffen und thematisiert worden sind. Oder ging das an "Studium generale" vorbei? Jeder kennt aus dem eigenen Verwandten-, Freundes- und Bekanntenkreis solche genannten Fälle. Kaum jemals wird darüber offen gesprochen. Man ist da "betulich", läuft nur auf Zehenspitzen umher und tanzt Eiertänze kommunikativer Nichtkommunikation.

Sagt denn die Biologie einem hier nicht ganz klar und eindeutig das, was den anderen (siehe ganz oben) schon die subjektive Psychologie gesagt hat: der geeignete Lebenspartner zum Kinderkriegen ist nicht vorhanden? Selbst wenn man sich sonst noch so gut versteht? Und dies ist nun sogar eine objektive Tatsache. Nicht nur eine subjektiv empfundene. Wollen wir denn gar nicht mehr auf die Natur hören? Auf: "unsere"!?

Natürlicher Umgang mit menschlicher Unfruchtbarkeit

Wie sind denn frühere Generationen, in denen eheliche Fruchtbarkeit schlicht oft die Rentenversicherung darstellte, in denen die Weitergabe des Bauernhofes als Lebensgrundlage als wegleitend empfunden wurde, mit solchen Dingen umgegangen? "Studium generale" fallen dazu die folgenden Zusammenhänge ein. Sicherlich gibt es da noch weitere:

Zunächst herrschte vielerorts in Europa und in Deutschland vor allem bei den Bauern die Sitte, dass eine halbjährige Verlobung erst dann nicht wieder aufgekündigt wurde, wenn die Frau schwanger geworden war. Man lebte also nicht Jahre lang zusammen und "entschied" sich "dann" für Kinder (das wäre in vorindustriellen Gesellschaften schlichtweg als absurd empfunden worden). Sondern man ging frühzeitig Verbindungen ein, die auch wieder gelöst werden konnten, wenn sich zeigte, dass sie sich für die "Alterssicherung" als nicht geeignet erwiesen. Das war früher sicherlich eine der ersten Grundsicherungen gegen Unfruchtbarkeit in der Ehe. (Dies war in vielen Gegenden in Deutschland Sitte. Auch das frühere bayerische, alemannische und heutige amische "Fensterln" fanden und finden aus solchen Gründen heraus Tolerierung bei bäuerlichen Menschen. Bei den Amischen in Nordamerika, einer Bevölkerungsgruppe mit einer der höchsten Geburtenraten weltweit, heute immer noch.)

Zweitens wurde oft und durchaus auch recht pragmatisch eine Ehe wieder aufgelöst, wenn aus ihr keine Kinder hervorgingen. Die Alterssicherung ging vor. Die Verabsolutierung der romantischen Liebesheirat gab es nicht in so ausgeprägtem Maß wie heute.

Die "Fromme Helene"

Drittens gab es bei vielen vormittelalterlichen Kulturen die noch unkompliziertere Institution des "Zeugungshelfers". Also die Frau besuchte einen anderen Mann. Etwas einfacheres kann es ja auch nicht geben. Bei Abwägung aller Umstände werden das viele Menschen als besser empfinden als die Adoption eines Kindes, mit dem man biologisch dann gar nicht verwandt ist. Wenn der deutsche Zeichner und Humorist Wilhelm Busch mit seiner "Frommen Helene" recht haben sollte, dann herrschten solche Sitten noch bis ins späte 19. Jahrhundert sehr selbstverständlich vor: Die Frau machte eine Wallfahrt. Zufälligerweise kam auch noch ihr alter Vetter Franz mit. Aber ansonsten war sie - "sozusagen" - "ganz alleine" (Fromme Helene):

... Aber dort im Sonnenscheine
Geht Helene traurig-heiter,
Sozusagen, ganz alleine,

Denn ihr einziger Begleiter,
Still verklärt im Sonnenglanz,
Ist der gute Vetter Franz ...

Welche Frau von heute traut sich solche Dinge schon zu, wenn sie über eine von einer Ehe unabhängige finanzielle Absicherung für sich und ihre Kinder, die über das Existenzminimum auch dann hinaus geht, wenn sie nicht parallel einer Berufsarbeit nachgeht, nichts weiß. Nicht jede Frau mit gutem Bildungsabschluss und guten Karriereaussichten lebt gerne am Existenz-Minimum. Sogar die meisten nicht. Und wenn Gefahr besteht, dass ein "Vetter Franz" die Ehe zerstören kann, lassen es natürlich alle Beteiligten gleich ganz sein.

Unsere Gesellschaft kennt heute in der medialen Welt einen unglaublichen geschlechtlichen Laisser-faire auf fast allen Gebieten. Und auf der anderen Seite - oder gerade deshalb? - herrscht im privaten Bereich oft eine Prüdität vor, die zu all den schon vorhandenen Absurditäten noch so manche weitere mit sich bringt.

- Es ist die Seele, an der unsere heutige Gesellschaft krankt. Mit allen sich daraus ergebenden Folgen. Bis auf die fundamentalsten Gebiete. Und jeder - jeder - ist betroffen.

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*) Achtung, in dem Berlin-Institut-Artikel scheinen die Überschrift der beiden Grafiken zu Kinderwünschen heute und früher vertauscht zu sein. Aber man kann sich ja an den Formulierungen "ich habe"/"ich hatte" orientieren.
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