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Sonntag, 30. Juni 2013

Multikulti - Bringt die Evolution nicht voran

Wer einmal einen Einblick haben will in das, was an der vordersten Front der Forschung derzeit in der ganz klassischen Biologie geschieht, dem kann ein neuer Artikel von einem Forscher aus Oxford empfohlen werden (1). (Der Artikel scheint nirgendwo in der deutschen Wissenschaftspresse behandelt worden zu sein. Grund genug, hier einmal auf die wesentlicheren Inhalte aufmerksam zu machen.)

Am Übergang von der Einzelligkeit zur Vielzelligkeit


Die Natur hat sehr vielfältig experimentiert am Übergang von der Einzelligkeit zur Vielzelligkeit. Es gibt da so berühmte Beispiele wie die Grünalge Volvox oder den Schleimpilz Dictyostelium. Sie gehören zu den einfachsten Formen von Vielzelligkeit in der Natur. Und sie sind nicht nur naturwissenschaftlich, sondern auch philosophisch von großem Interesse. Spätestens seit der deutsche Evolutionsbiologe August Weismann auf die Einführung des Alterstodes gleichzeitig mit der Einführung der Vielzelligkeit in der Evolution, die mit solchen Organismen einhergeht, hingewiesen hat. Warum es den gesetzmäßigen Alterstod überhaupt gibt in der Evolution und im Leben, ist ein bis heute von der Naturwissenschaft weitgehend ungeklärtes Problem. Da herrschen die vielfältigsten Theorien vor.

Abb. 1: Dictyostelium in der späten Aggregations-Phase
Philosophisch wurde die Tatsache der Einführung des Alterstodes in der Evolution erstmals von einer Schülerin von August Weismann, von Mathilde Ludendorff (1874 - 1966), ausgewertet. Soweit übersehbar hat es andere Philosophen, die in ihrer Nachfolge ähnliches versucht haben, bisher nicht gegeben. Wissenschaftlich weitergeführt worden sind die Forschungen - auf der Grundlage der Erkenntnisse von August Weismann und auch von Mathilde Ludendorff - unter anderem durch Gerold Adam (1933 - 1996) in Konstanz.

Gerold konnte sehr eindrucksvoll von dem Schleimpilz Dictyostelium erzählen. Und von jenen Notzeiten, wenn sich viele tausende von Einzelzellen, von einer "Ruferzelle" gerufen, "aggregieren", zusammenballen. "Die Massen rotten sich zusammen", ein gemeinsamer Wille beherrscht sie plötzlich. Und wie sie einen großen Zellstaat bilden. Und wie sich dieser Zellstaat - wie eine Nacktschnecke - günstigere Standortbedingungen sucht. Und wie dann jene Zellen, die zuvor gerufen hatten und zuerst auf den Ruf gehört hatten, schließlich den Stil bilden eines kleinen Pilzes. Und wie sie auf diesem Stil die übrigen Zellen als eine ("Frucht-")Kugel emporschieben. 


Das ist auch auf Wikipedia gut beschrieben., allerdings in z.T. argem Fachchinesisch. Man könnte diesen Lebenszyklus auch ganz anders beschreiben, etwa unter Bezugnahmen auf vielerlei Ereignisse in der Geschichte komplexer menschlicher Gesellschaften. Wie etwa auf den Ruf eines Herrschers aus allen Teilen des Landes die Menschen zu seinem Regierungssitz strömen, wie eine allgemeine Bewegung das gesamte Volk ergreift, wie Völker sich auf Wanderschaft begeben. Und wie, damit die anderen überleben, sich ein Teil des Volkes auf irgendeine Weise für den anderen Teil des Volkes aufopfert.

Jedenfalls: In der nächsten Lebensphase dieses Pilzes Dictyostelium schwärmen die Zellen der hochgeschobenen Kugel wieder aus, während die Zellen des Stils sterben, zugrunde gehen. Sie haben ihre Zellteilungsfähigkeit verloren. Damit tritt erstmals der gesetzmäßige Alterstod in der Evolution auf. Die ("genialeren") Ruferzellen und die frühesten Zellen, die auf den Ruf gehört haben, hatten den Stil gebildet und haben sich für die anderen Zellen, die Fortpflanzungszellen, aufgeopfert, indem sie ihnen eine erhöhte Ausgangsposition für erneute Verbreitung verschafften. Eine der frühesten und ältesten Formen von Altruismus in der Welt des Organischen.

Eine der ältesten Formen von Altruismus in der Welt des Organischen


Und der neue Artikel (1) nimmt nun die heute bekannte Vielfalt von solchen Formen des Übergangs zwischen Einzelligkeit und Vielzelligkeit in mehreren Zweigen des Artenstammbaums von Bakterien, Schleimpilzen, Grünalgen insgesamt und vergleichend in den Blick. Und er stellt hierbei fest, daß die genetische Verwandtschaft zwischen den aggregierenden, sich zusammenballenden Zellen von ausschlaggebender Bedeutung ist dafür, ob und wie komplex die Vielzelligkeit ist, die dann in der Folge ausgebildet wird. Im Artenvergleich wird Vielzelligkeit um so häufiger und um so komplexer ausgebildet, um so mehr die Einzelzellen der jeweiligen Art, die sich zusammenballen, miteinander genetisch verwandt sind, bzw. wenn sie genetisch miteinander identisch sind.

Das klingt zwar von vornherein plausibel. (Nur womöglich nicht für Anhänger multikultureller Gesellschaften.) Aber das mußte doch erst einmal vergleichend und auf statistischer Basis solide nachgewiesen werden. Wenn das nun erst im Jahr 2013 geschieht, merkt man daran, wie lange die Forschung manchmal dafür braucht, ganz einfache Fragestellungen zu klären. Aber da die genetische Verwandtschaft auch bei der Ausbildung von gesellschaftlicher Komplexität von Insektenstaaten erst vor einigen Jahren wieder intensiver erforscht worden ist (Stud.gen. 6/2008), werden auch die Mikrobiologen sich einmal aufgefordert gesehen haben, hier die Zusammenhänge genauer in den Blick zu nehmen.

In der Regel stammen die sich zusammenballenden Zellen alle nur von einer einzelnen Zelle ab, die sich zuvor viele male geteilt hatte. (Sie bildeten etwas, was in der Wissenschaft - und auch in diesem Artikel - "Klon" genannt wird.) Und deshalb sind sie alle wie "eineiige Zwillinge". Es gibt aber auch Arten, bei denen der genetischen Verwandtschaft bei der Aggregation, der Staatenbildung, keine so große Beachtung zugemessen wird. Man könnte sagen, das waren die "multikulturellen Gesellschaften" der damaligen Zeit. Oder auch die "Patchwork-Familien" der damaligen Zeit, die ja auch heute wieder so "hip" sind (also "angesagt" sind [bzw. als "schick" oder "trendy" gelten]). Diese Form der Aggregation und Staatenbildung hat jedenfalls in der Evolution von Vielzelligkeit und vielzelliger Komplexität bei weitem nicht so viel Erfolg gehabt, wie die erstgenannte.

"Multikulturelle Gesellschaften" der damaligen Zeit


In dem Artikel wird unterschieden zwischen obligater (sprich gesetzmäßiger) Vielzelligkeit im Lebenszyklus einer Art und fakultativer Vielzelligkeit. Bei der fakultativen Vielzelligkeit ist die Fortpflanzung der Art nicht zwingend davon abhängig, daß Vielzelligkeit ausgebildet wird. Alle Säugetiere beispielsweise sind obligate Vielzeller. Sie können sich nur dann fortpflanzen, wenn eine vielzellige Lebensphase ausgebildet wird. Dies ist also die komplexere Lebensform. Außerdem werden die Zahlen der sterilen, also dem Todesmuß verfallenen Zellen des ausgebildeten Vielzellers miteinander verglichen. Und auch die Zahl der dabei ausgebildeten Zelltypen (analog zu den Kasten der Insektenstaaten).

Sprich, im Artvergleich gilt: Um so mehr die Zellen miteinander genetisch verwandt sind, die sich zusammenballen zu einem vielzelligen Organismus, um so komplexer ist der Vielzeller, der dabei ausgebildet werden kann, gemessen an den eben genannten Kriterien.


Das Bild der Evolution vereinheitlicht sich zunehmend


Und mit diesem Forschungsergebnis vereinheitlicht sich immer mehr ein Bild von der Evolution überhaupt, das in den letzten Jahren gewonnen wird. (Und worüber es auf diesem Blog vor fünf Jahren schon mehrere Artikel gegeben hat: 11/2007, 6/2008, [9/2008], 5/2009, [7/2007].) 

Auch bei der Ausbildung von arbeitsteiligen Gesellschaften von Insekten bildet die genetische Verwandtschaft die ausschlaggebende Rolle, worauf erst vor wenigen Jahren in einem aufsehenerregenden Artikel (Hughes et. al. - und zwar gegen Edward O. Wilson's neue "Superorganismus"-Theorie gewandt) hingewiesen worden ist. Diese wird durch monogame Lebensweise der Staatengründer sichergestellt.

Und diese monogame Lebensweise hinwiederum korreliert - so nach Forschungen von Robin Dunbar - mit der evoluierten Gehirngröße über weite Teile des Artenstammbaumes der Säugetiere. Sprich: Um so monogamer eine Art lebt, um so größer  die Gehirne dieser Art (wobei die allein durch Körpergewicht bedingte Gehirngröße einer Art - wie üblich - herausgerechnet wird). Und bei den Primaten korreliert dann - nach den Forschungen von Robin Dunbar - wiederum die Gehirngröße mit der Gruppengröße, also mit jenen Tieren, die dauerhaft in einer Gruppe zusammenleben. So wie bei den Nichtprimaten monogame Paare dauerhaft zusammeleben ("Dunbar's Zahl").

Von zwei Lebensprinzipien also, die heute allerwärts in der Öffentlichkeit als besonders "fortschrittlich" und "liberal" und insbesondere auch "natürlich" propagiert werden, zeigt damit die Evolutionsforschung auf, daß diese nicht die Lebensprinzipien sind, die die Evolution (von arbeitsteiliger Komplexität und Gehirngröße) vorangebracht haben. Nämlich von den Lebensprinzipien: Polygamie und multikulturelle Gesellschaft.


Diese Tatsache dürfte einmal erneut auf die erhebliche philosophische wie auch geradezu tagespolitische und sozialethische Bedeutung evolutionsbiologischer Grundlagenforschung aufmerksam machen. Oder noch allgemeiner: Wenn wir die Lebensprinzipien unserer modernen Gesellschaften in Übereinstimmung bringen wollten mit den Erfolgsprinzipien der Evolution überhaupt, müßten wir sie auf einem ganz anderen moralischen Fundament errichten, als jenem, auf dem die derzeitigen modernen Gesellschaften errichtet sind. 

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  1. Fisher RM, Cornwallis CK, & West SA (2013). Group formation, relatedness, and the evolution of multicellularity. Current biology : CB, 23 (12), 1120-5 PMID: 23746639

Sonntag, 31. Mai 2009

Das Altruismus-Gen von Volvox gefunden

Viele Kritiker der Soziobiologie bemängeln, daß die Soziobiologie nur "schöne Geschichten" erzählen würde, und daß der Weg vom ("egoistischen" oder "Altruismus"-) Gen zum Phänotyp (dem Verhalten) viel zu komplex wäre, als daß dieses "Geschichten-Erzählen" als wesentlich mehr denn als "Ideologie" angesehen werden könnte. Nun, ob dieser Einwand schon bisher wirklich treffend war, bleibe an dieser Stelle einmal dahin gestellt. Auf jeden Fall wird ihm durch eine neue Studie in "Molecular Biology and Evolution" aus dem Jahr 2006 (1, im Netz frei zugänglich) eindeutig der Boden entzogen. *)

Titel: "Der evolutionäre Ursprung eines Altruismus-Gens". Und der Aufsatz scheint exakt das zu halten, was sein Titel verspricht. In der Zusammenfassung heißt es:

"So weit es uns bekannt ist, ist dies das erste Beispiel eines spezifisch sozialen, mit Fortpflanzungs-Altruismus gekoppelten Gens, dessen Ursprung zurückgeführt werden kann auf einen einzelligen Vorfahren."

Es wird nämlich ein sehr urtümlicher Organismus untersucht, der schon in den berühmten "Vorträgen über Deszendenztheorie" von August Weismann eine wichtige Rolle spielte als Repräsentant einer wesentlichen Stufe der Evolution. Damit bekam dieser "Modellorganismus" auch in der Philosophie der Biologie des 20. Jahrhunderts eine nicht unbedeutende Rolle. Es handelt sich um einen der ursprünglichsten Mehrzeller, um die Grünalge "Volvox" (Wiki). (Später trat an ihre Seite der Schleimpilz Dictyostelium als Modellorganismus.)

Abb. 1: Mehrere Volvox-Organismen, jeweils mit "Nachkommenschaft" (Fotograf Frank Fox) (Wiki)

Volvox stellt einen der ursprünglichsten Mehrzeller dar, der arbeitsteilig strukturiert ist und damit den zwangsläufigen Alterstod kennt. Arbeisteilig heißt hier: Die Zellen teilen sich auf in Keimbahn (Fortpflanzungszellen) und Soma (sterbliche Körperzellen). Einzeller (z.B. Bakterien, einzellige Algen etc.) gelten in der Regel als "potentiell unsterblich", sie kennen höchstwahrscheinlich den gesetzmäßigen Alterstod nicht, ebensowenig wie die Fortpflanzungszellen aller Vielzeller (also die "Keimbahn"). Der gesetzmäßige, programmäßige Alterstod kommt mit dem Absterben der Zellhülle des Vielzellers Volvox erstmals in die Welt. Diese Zellhülle (das Soma), die die Fortpflanzungszellen (die Keimbahn) schützt, und die eine koordinierte Fortbewegung der "Zellkolonie", des Gesamtorganismus ermöglicht, stirbt nämlich dann, wenn sie platzt und die herangewachsenen Fortpflanzungszellen aus der Zellhülle heraus "ausschwärmen", um zu neuen Volvox-Individuen heranzuwachsen.

Diese Zellen der Zellhülle verhalten sich also außerordentlich altruistisch. Sie verzichten auf Weiterleben, auf Unsterblichkeit zugunsten der Fortpflanzungszellen, die sie schützen und in nahrungsreiche Umwelt befördern, zugunsten also einer arbeitsteiligen Strukturierung eines neu entstehenden, komplexeren Gesamtorganismus. Die Trennung, das heißt Differenzierung zwischen Keimbahn- und Somazellen während des Heranwachsens der Zellkolonie durch Zellteilungen wird schon zu einem sehr frühen Zeitpunkt in der "Individual-Entwicklung" der jungen Zellkolonie durch das Entwicklungs-Gen "regA" gesteuert. In der Arbeit heißt es:

„… regA – ein zentrales regulatorisches Gen, das einen Transkriptionsrepressor kodiert (Kirk et al. 1999), der vermutlich mehrere Kerngene unterdrückt, die für Chloroplastenproteine ​​kodieren (Meissner et al. 1999). Folglich werden das Zellwachstum (abhängig von der Photosynthese) und die Zellteilung (abhängig vom Zellwachstum) somatischer Zellen unterdrückt. Da sie sich nicht teilen können, tragen sie nicht direkt zur Nachkommenschaft bei, sondern zum Überleben und zur Fortpflanzung der Kolonie (Kirk 1998, S. 62–64; Solari, Kessler und Michod 2006; Solari et al. 2006) – ähnlich wie sterile Arbeiterinnen in einem sozialen Insektenvolk. Mit anderen Worten: Die somatischen Zellen zeigen altruistisches Verhalten, und regA (dessen Expression für dieses Verhalten notwendig und hinreichend ist; Kirk et al. 1999) ist ein altruistisches Gen.“
"... regA—a master regulatory gene that encodes a transcriptional repressor (Kirk et al. 1999) thought to suppress several nuclear genes coding for chloroplast proteins (Meissner et al. 1999). Consequently, the cell growth (dependent on photosynthesis) and division (dependent on cell growth) of somatic cells are suppressed. Because they cannot divide, they do not participate directly in the offspring but contribute to the survival and reproduction of the colony (Kirk 1998, p 62–4; Solari, Kessler, and Michod 2006; Solari et al. 2006)—in the same way that sterile workers do in a social insect colony. In other words, the somatic cells express an altruistic behavior , and regA (whose expression is necessary and sufficient for this behavior; Kirk et al. 1999) is an altruistic gene."

Also dieses Gen schaltet offenbar die Bildung von Proteinen ab, die zur Photosynthese in den Grünalgen-Zellen notwendig sind. Diese Zellen verzichten dadurch auf eigenes Fortleben als unsterbliche, einzellige, unabhängige, selbstgenügsame Grünalgen-Zellen, um durch die dadurch gewonnene Spezialisierung einem Gesamtorganismus dienlich sein zu können.

„Welche Zellen regA nicht exprimieren und sich zu Keimzellen differenzieren“ (auch Keimzellen) „wird früh während der Embryonalentwicklung durch eine Reihe asymmetrischer Zellteilungen bestimmt.“
"Which cells do not express regA and differentiate into germ cells" (also Keimzellen) "is determined early during embryonic development through a series of asymmetric cell divisions."

In Abbildung 1 ist ein Foto zu sehen mit mehreren Volvox-Kolonien (= einzelnen Volvox-Organismen). Eine Volvox enthält bis zu 16 Chlamydomonas-ähnliche (unsterbliche) Einzeller als Fortpflanzungszellen in seiner (sterblichen) Hülle. Die Hülle besteht aus bis zu 2000 Einzelzellen. Und die Forscher haben nun geschaut, ob schon der evolutionäre Vorgänger-Organismus, die einzellige Grünalge Chlamydomonas reinhardtii (siehe Abb. 2) (ebenfalls ein Modellorganismus) das genannte Gen besitzt.

Abb. 2: Die einzellige Grünalge Chlamydomonas reinhardtii

Sie stellten fest, daß dieses Gen überraschenderweise auch hier schon vorliegt! Aber die Gen-Sequenzen unterscheiden sich sehr stark zu denen von Volvox. Dennoch stellte sich natürlich die Frage:

„Das Vorhandensein von regA-ähnlichen Sequenzen in C. reinhardtii ist zunächst rätselhaft; warum sollte ein einzelliges Individuum seine eigene Fortpflanzung unterdrücken?“
"The presence of regA-like sequences in C. reinhardtii is puzzling at first; why would a unicellular individual suppress its own reproduction?"

Also warum sollte ein einzelliges Individuum (durch dieses Gen) seine eigene Fortpflanzung unterdrücken? Sie stellten dann fest: In der normalen Entwicklung wird dieses Gen bei Chlamydomonas gar nicht abgelesen. Dann machten sie aber den entscheidenden Versuch, indem sie sie bei Dunkelheit leben ließen. Leben diese einzelligen Grünalgen bei Dunkelheit, so stellten sie nun fest, dann wird dieses Gen auch bei ihnen abgelesen, um die Bildung von Chloroplasten zu verhindern. Chloroplasten sind ja jene Zellorganellen, in denen die Photosynthese stattfindet. Sie sind ja bei Dunkelheit nutzlos und überflüssig.

Um es also allgemeiner auszudrücken: Altruismus heißt bei Volvox, auch dann auf Photosynthese zu verzichten, wenn Licht da ist. Das ist ein ganz erstaunliches Ergebnis. Insbesondere vor dem Hintergrund, daß offenbar schon vorhergehende Forschungen es haben klar werden lassen, daß dieses Gen allein ausreichend ist, um die Zelldifferenzierung bei Volvox in Gang zu setzen. Natürlich muß Volvox dann noch zahlreiche andere Gene ablesen, um die koordinierte Bewegung seines Zellverbandes zu steuern.

Aber dennoch: Es scheint, als wäre dies das erste mal, daß ein so grundlegender pflanzen-physiologischer Vorgang wie die Photosynthese mit einem so grundlegenden, verhaltensbiologischen Konzept wie dem des Altruismus in einen so unmittelbaren und engen Zusammenhang gebracht werden kann.

Erstaunlich, daß die allgemeinere Wissenschafts-Berichterstattung es (wieder einmal?) versäumt hat, auf dieses Forschungsergebnis aufmerksam zu machen. Außerdem findet sich am Ende des Aufsatzes der Hinweis auf eine neue Fachrichtung, die sich "Soziogenetik" nennt (Sociogenomics) (Untertitel: "Sozialverhalten aus molekularer Sicht").

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*) Dieser Beitrag ist schon vor zwei Jahren, am 2.7.2007, auf diesem Blog veröffentlicht worden. Er erhält aber aktuelle Relevanz durch den vorigen Beitrag, weshalb er hier noch einmal im Rahmen von "Research Blogging" veröffentlicht werden soll.

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ResearchBlogging.org



  1. Nedelcu, A. (2006). The Evolutionary Origin of an Altruistic Gene Molecular Biology and Evolution, 23 (8), 1460-1464 DOI: 10.1093/molbev/msl016

Donnerstag, 26. Februar 2009

"Muß ewiges Leben sinnlos sein?"

So fragt ein Aufsatz im "European Journal of Philosophy"

"Schließlich waren es die Sonntagnachmittage, mit denen er nicht zu Rande kam," so heißt es unter anderem in der wilden Science Fiction-Satire "Das Leben, das Universum und der ganze Rest" (Wiki) von Douglas Adams (1952-2001) (Wiki) aus dem Jahr 1982, in jener Holterdipolter-Sciece-Fiction-Satire, in der der Protagonist Arthur Dent - zur Abwechslung - einmal durch einen dummen Zufall Unsterblichkeit erlangt hat. Adams spinnt diesen Gedanken - wie langweilig es wäre, Unsterblichkeit zu besitzen - noch länger aus (1).

An diesen Roman knüpft ein Aufsatz von Seiten eines britischen Philosophen an (2). Schon im Titel desselben wird die Frage gestellt "Muß ewiges Leben sinnlos sein?" Für sich genommen vermutlich ein spannendes Thema. Es fragt sich nur, ob ein satirischer, zumeist nur oberflächlich-witziger Roman der Pop-Kultur aus dem Jahr 1982 wirklich der beste Ausgangspunkt ist, um eine solche, doch eher tiefer angelegte philosophische Frage anzugehen.

Auch ist die Frage, ob eine materialistisch-atheistische Weltanschauung hier nicht in ihr innewohnende Widersprüche gerät und geraten muß, wenn sie diese Frage beantworten will. Womöglich wird genau dieser Umstand mit der philosophischen Diskussion, in die der hier genannten Aufsatz eingreift, aufgezeigt.

Insgesamt handelt es sich hier um ein Thema, mit dem wir uns bei Gelegenheit noch einmal gründlicher beschäftigen sollten. In diesem Beitrag soll auf diesen Aufsatz aber zunächst nur hingewiesen werden und auf die beiden weiteren philosophischen Texte, auf die er sich bezieht (3, 4).

Über die Bedeutung des Alterstodes aus naturwissenschaftlicher Sicht hat sich schon einer der Begründer der Evolutionsbiologie, August Weismann (1834-1914), Gedanken gemacht, als er über die Trennung von Keimbahn und Soma nachdachte, also über die Zelldifferenzierung zwischen Keimzellen (Fortpflanungszellen) einerseits und den übrigen Körperzellen (Soma) andererseits. In diesem Zusammenhang wies er darauf hin, daß die Keimzellen jene potentielle Unsterblichkeit behalten, die auch alle Einzeller besitzen, während die die ausdifferenzierten Zellen eines vielzelligen Körpers dem Altertod, der gesetzmäßigen Sterblichkeit unterliegen.

In seinen berühmten "Vorträgen über Deszendenztheorie" spricht Weismann von der ersten Leiche in der Evolution, nachdem er von dem evolutiven Übergang von der einzelligen Zellalge Eudorina zu dem frühen Vielzeller Volvox gesprochen hatte. Volvox umkleidet seine Fortpflanzungszellen mit einer ersten äußeren Schicht von Körperzellen, die "gestorben" zu Boden sinken, wenn die Fortpflanzungszellen erneut ausschwärmen.

An diese Erkenntnis von August Weismann ist schon 1921 von Seiten der Philosophie angeknüpft worden und ein ganz neuer philosophischer Entwurf formuliert worden (5). Dieser philosophische Entwurf steht allerdings vom Gehalt seiner Aussage her in einem deutlicheren Gegensatz zur Pop-Kultur von heute.

August Weismann - Richard Dawkins - Douglas Adams


Zuletzt sind auf dem Wissenschaftsblog "WeiterGen" solche Fragen angesprochen worden im Zusammenhang mit der seltenen Krankheit des beschleunigten Alterns (6).

Douglas Adamas hat sich als Atheist verstanden und als Anhänger des Evolutionsbiologen Richard Dawkins. Dawkins hinwiederum hat sein jüngst erschienenes Buch "Gotteswahn" Douglas Adams gewidmet.*)

Die genannte fiktive Geschichte von Adams (1) handelt also von einem unsterblichen Menschen und dreht sich um die Frage, mit welchen Vorhaben dieser Mensch versucht, seinem ewigen Leben Sinn zu geben. Und im Anschluß daran wird die Themenstellung des Philosophie-Aufsatzes folgendermaßen umrissen (2):
Viele heutige Philosophen, insbesondere Bernard Williams (1973) und Adrian Moore (2006) sehen an dieser Stelle ein grundlegendes Problem. Sie sehen es als unmöglich an, daß irgendjemand mit Unsterblichkeit umgehen könne, und sei es auch nur in einem geringen Umfang.
Many contemporary philosophers, notably Bernard Williams (1973) and Adrian Moore (2006), see a conceptual problem here. They cannot conceive how anyone could cope with immortality, even in the rather minimal sense.
Der Autor glaubt dann, seine Leser von folgendem überzeugen zu können (2):
Ein ewiges Leben, so argumentiere ich, kann sinnvoll sein und (...) wird sinnvoller sein als es jedes endliche Leben sein könnte, weil es frei ist von der Bedrohung durch die Sinnlosigkeit, von der keine Form von endlichem Leben entlastet werden kann. Wir haben deshalb Gründe dafür, nach einem ewigen Leben zu streben, das unter diesen Umständen gelebt werden kann.
An eternal life, I argue, can be meaningful and (...) will be more meaningful than any finite life could be, because free from a threat to meaningfulness that cannot be removed from any finite life. We therefore have reason to want eternal life lived under these circumstances.
Ein "ewiges Leben" also wäre - so der Autor - viel eher frei von der Bedrohung durch die Bedeutungslosigkeit, von der ein sterbliches Leben bedroht wäre. Er beginnt das Argument seines Aufsatzes mit dem Gedanken, daß man die Aussicht auf den sicheren Tod als sehr "sinnlos" empfinden kann. Dafür kann er natürlich viele berühmte Zeugen aufführen, angefangen bei "Hamlet" von William Shakespeare. Weil ein endliches Leben nicht nur einem "Hamlet" sinnlos erscheint, erscheinen dann Argumente dafür, daß ein ewiges Leben im Gegensatz dazu sinnvoller wäre, plausibel - nach Meinung des Autors.

[Ergänzung 17.3.2020] Beim nochmaligen leichten Überarbeiten dieses Blogbeitrages kommt uns der Gedanke, ob ein Wurzeln im Geist der Pop-Kultur der 1980er Jahre, die sich mit Richard Dawkins irreführendem Buchtitel "Das egoistische Gen" sogar recht weit bis in die empirischen Wissenschaften hinein erstreckte, vielleicht doch nicht so hilfreich sind, um für die hier gestellten Fragen eine letztlich hilfreiche Antwort zu finden. Insbesondere, so wird uns hier deutlich, erläutert der Roman von Douglas Adams ja so einigermaßen jenen Geist der Pop-Kultur, aus dem heraus Sachbücher wie "Das egoistische Gen" den Stand der naturwissenschaftlichen Altruismus-Forschung "geframed" haben (nämlich versimplifizierend Altruismus als angeblich versteckten Egoismus umgedeutet haben). - Es dürfte wirklich bald einmal an der Zeit sein, jene damalige angebliche Entzauberung der Verzauberung zu entzaubern. Ähm.

/leicht
überarbeitet:
17.3.2020/

_____________________
ResearchBlogging.org*) Douglas Adams war dem Verfasser dieses Beitrages bis zum Verfassen dieses Beitrages im Jahr 2009 ganz unbekannt. Dieser Beitrag hatte Anlaß gegeben, sich einmal Adams' erstes Buch "Per Anhalter durch die Galaxis" (1979) anzuschaffen. Weiter ist der Verfasser dieses Beitrages allerdings auch bis 2020 nicht gekommen mit der Lektüre. Obwohl der Roman einen Anfang hat angefüllt mit herrlichem britischen Humor, fesselt doch der ganze übrige "Science Fiction"-Stoff  - trotz des weiter eingestreuten Humors und manches eingestreuten Tiefsinns - insgesamt nicht so, daß es leicht wäre, an der Lektüre dran zu bleiben. Insgesamt hinterlassen die Bücher von Adams womöglich doch einen schalen Beigeschmack. (Aber vielleicht wird dieser Eindruck dem Werk von Adams auch noch nicht ausreichend gerecht.)
________________________________
  1. Adams, Douglas: Das Leben, das Universum und der ganze Rest. 1982 (GB)
  2. Timothy Chappell (2009). Infinity Goes Up On Trial: Must Immortality Be Meaningless? European Journal of Philosophy, 17 (1), 30-44 DOI: 10.1111/j.1468-0378.2007.00281.x
  3. Williams, B. (1973), ‘The Makropoulos Case: Reflections on the Tedium of Immortality’, in his, Problems of the Self: Philosophical Papers 1956–1972. Cambridge: Cambridge University Press: 82–100
  4. Moore, A. (2006), ‘Williams, Nietzsche, and the Meaninglessness of Immortality’, Mind, 115: 311-330
  5. Ludendorff, Mathilde: Triumph des Unsterblichkeitwillens. 1921
  6. Maier, Tobias: Die Seltsame Krankheit des Benjamin Button, 20. Februar 2009, http://scienceblogs.de/weitergen/2009/02/die-seltsame-krankheit-des-benjamin-button/

Dienstag, 24. April 2007

Sind Lebewesen nur Maschinen? - Zur Evolution des Psychischen seit der Lebensentstehung

Hab ich grad in der Buchhandlung entdeckt. (Amazon) - Ist da nicht schon das Umschlagbild "Programm"? Zeichnungen des deutschen Evolutionsbiologen und Philosophen Ernst Haeckel. Wenn ich es recht verstanden habe, strebt das Buch nach einem Ausgleich zwischen Vertretern des Intelligent Design und der Ansicht, Organismen, Zellen würden wie kleine Maschinen funktionieren. Es vertritt das Prinzip der Subjektivität - vielleicht so ähnlich, wie das Adolf Portmann gemacht hat. Nach eingehender Lektüre mehr.
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