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Mittwoch, 19. März 2008

Der Kindergarten - oder: Die ausgelutschte Zitrone Kind

Wozu hat man Kinder? Um den Alltag nicht mit ihnen zu verbringen?

Abb. 1: F. W. A. Fröbel
- So sieht ein Wohltäter der Menschheit aus?
Ein Vater schreibt an "Stud. gen."*):
Wir haben eine entzückende, kleine, zweieinhalbjährige Tochter. Geradezu "wie aus dem Bilderbuch". Meine Lebensgefährtin geht Vollzeit arbeiten und ich gehe derzeit von zu Hause aus einer Halbtags-Beschäftigung nach und habe dabei bislang auf unsere Tochter aufgepaßt. Nun drängt sich der "Zeitgeist" in unsere Familie.

Meine Lebensgefährtin meint, die Tochter müsse "unbedingt" in den Kindergarten. Und heute hat unsere Tochter ihren fünften Kindergarten-Tag. Grade habe ich sie wieder hingebracht.

Aber wie sieht so etwas aus aus meiner Perspektive?

Bislang war jeder Tag mit meiner Tochter ein Tag voller Freude, Friede und Glück. Voller Ausgeglichenheit.

Vielleicht gelingt das nicht immer zwischen Eltern und Kindern. Aber die Tochter hat ein glückliches Naturell, mit dem ich als Vater gut zurecht komme. Während ich am Rechner sitze und arbeite, spielt sie - in Ruhe und vollkommener Harmonie. Natürlich, es fehlt etwas. Vor allem fehlen Spielkameraden für sie. Sie kann zwar - wie wohl jedes Kind in diesem Alter - viel für sich alleine spielen. Aber immer, das ist natürlich auch ein bißchen einseitig und langweilig.

Und freilich, ich muß mich oft von meiner Arbeit lösen, wenn ich sehe, das Kind muß rauss an die frische Luft, muß laufen, muß sich bewegen. Oft denke ich, ich müßte eigentlich weiterarbeiten. Aber das Kind geht vor. Frische Luft - was ist besser, als frische Luft für so ein Kind? Aber selbst wenn man nun hinaus geht: Alle Kinder in der Wohnsiedlung scheinen im Kindergarten zu sein und die wenigen, die es nicht sind, findet man auch nicht. Selbst nicht auf den zentralsten Spielplätzen. Also auch hier: Einsamkeit für die kleine Tochter. Nicht so schlimm. Sie kann stundenlang mit Sandkasten-Förmchen und ein bißchen Regenwasser in der kleinen, von ihr als "Küche" konzipierten Spielecke spielen - oder was immer sonst. Nur für mich als Vater und Aufsichtsperson wird es leicht ein bißchen langweilig, jedenfalls so "auf die Dauer".

Ja, da sind also mancherlei Gründe, daß man sich sagt, das Kind müßte eigentlich unter Kinder. Aber wie? Wo?

Vielleicht gäbe es noch andere Möglichkeiten (Spielkameraden ins Haus einladen? Welche?) Aber die naheliegendste ist: Kindergarten.

Kindergarten


Natürlich ist die Tochter begeistert. Wir haben die zwei nächstgelegenen zusammen besichtigt, Vater und Tochter. Und der, wo es am meisten Krach und Lärm gegeben hat, und wo die Kinder am chaotischsten herumliefen, der war ihr am liebsten. Klar! Aber man konnte ihr leicht verständlich machen, was auch die Kindergarten-Leitung dem Vater erklärte: Der Kindergarten ist "voll". Warteliste: "ein Jahr", "mindestens".

In einem anderen bekommen wir sofort einen Platz.

So. Und da soll sie nun - vorläufig - hin: drei Tage in der Woche von 9 Uhr bis 12 Uhr.

- Toll?

Ne.

Aus meiner Perspektive als Vater: Ich bin nur noch der Müllablade-Platz für meine Tochter, die - viel - seelischen Müll abzuladen hat nach einem solchen Kindergarten-Tag. Merkwürdig, daß das - offenbar - so wenige andere Eltern erleben. Oder reden sie nur nicht darüber? Versuchen sie es, sich nicht bewußt zu machen? Sie geben wahrscheinlich allem möglichen die schuld, wenn ihre Kinder nervös, unruhig, unerzogen, unaufmerksam, "fahrig" oder "völlig durch den Wind" sind. Bestimmt nicht dem Kindergarten. Dem Kindergarten, dem Kindergarten, dem Kindergarten.

Oh, das ist eine grausame Erfindung. Einem viel gerühmten Friedrich Wilhelm August Fröbel (1782-1852) haben wir Deutschen und die Welt - offenbar - diese "Erfindung" zu verdanken. (Wikipedia 1, 2) Vorher nannte man das auch - wie ich es treffender benannt finde: "Kinderbewahranstalt". Das ist es doch - und mehr nicht. Und dann lese ich auch, daß Kindergärten in Preußen zehn Jahre lang (zwischen 1851 und 1860) verboten gewesen sind. Was? Waren die damals schon so klug?
(Das preußische Kultusministerium verbot sie am 7. August 1851 wegen „destruktiver Tendenzen auf dem Gebiet der Religion und Politik“ und weil sie „atheistisch und demagogisch“ wären. ...)

Abb. 2: F.W.A. Fröbel
 Sieht denn das keiner?

Muß man noch mehr sagen? Zu was bin ich "degradiert"? Morgens bin ich nur damit beschäftigt, meine Tochter fertig zu machen: Töpfchen, Anziehen, Kämmen, Essen, Anziehen, in den Kindergarten fahren. Dabei der "Zwang zur Pünktlichkeit", der doch noch Grundschulkindern einigermaßen zu schaffen macht. Und jetzt schon bei einer Zweieinhalbjährigen? Ich muß sie dauernd drängeln, damit wir nicht "zu spät" kommen. Und das jetzt - - - "jeden Morgen"? Mittags kriege ich ein "völlig fertiges", übermüdetes Kind zurück, das so fertig ist, daß ein ruhiges, normales Mittagessen überhaupt nicht möglich ist. Bisher jedenfalls. Das Kind ist ein einziger Müllhaufen. Seelisch.

Und mir ist inzwischen auch klar, warum. Äußerlich geht alles freundlich zu in einem Kindergarten, man möchte sagen "superfreundlich". Daran kann es nicht liegen. Der Grund ist, daß die Situation an sich boshaft ist. Kein Kind trennt sich gern von seinen Eltern. Und ihm wird im Kindergarten eingeflößt, daß das "normal" ist. Alle Kinder machen das ja. Und alle sind ja "superfreundlich". Aber alle Reaktionen, die es danach zeigt, zeigen mir, daß das normal nicht ist. Und daß das Unbehagen, wenn meine Tochter andere Mütter sich von ihren Kindern an der Tür des Kindergartens verabschieden sieht, ein wesentliches ist. Es wird von ihr registriert, sie sieht es.

Seit sie im Kindergarten ist, ist sie viel aggressiver. Warum? Weil die Situation selbst aggressiv ist. Meine Meinung jedenfalls. Niemand einzelner ist Schuld. Schuld sind allein die Eltern, also ich, die das zulassen, um die Beziehung nicht auf eine Zerreiß-Probe zu stellen und - natürlich - der Zeitgeist. Es sind wunderbare Erzieherinnen im Kindergarten. An ihnen liegt es nicht.

Also so schnell wie möglich zum Mittagsschlaf mit diesem seelischen Müllhaufen. Essen ist doch sowieso nicht mehr möglich. Nun, zwei Stunden später scheint äußerlich alles wiederhergestellt. Aber die tiefe, gemütvolle, harmonische Beziehung, die entspannte Freude, der Spaß will sich - nach diesem tiefen Einschnitt der drei Stunden Kindergarten, diesen ungeheuer reichhaltigen und vielfältigen Eindrücken für so ein kleines Kind - offenbar auch nachmittags nicht mehr zwischen uns einstellen. Sie kann nicht mehr, wie sonst, still, harmonisch und friedlich spielen. "Fahrig" läuft sie in der Wohnung herum, macht dies, macht das. Macht meistens Mist und Unsinn. Findet keinen Frieden, keine Ruhe mehr in sich, also das, was doch zuvor - für Vater und Tochter - das Schönste war am Tag.

Wozu? Wozu, wozu? Wir hatten so schöne Stunden. Tage. Jeder Tag war ein Fest mit ihr. Und nun?

Und nun? "Auf den Hund gekommen." Eine Kindheit und ihre Frieden zerstört.

Und wie man in der Umgebung sieht, gibt es viele Kinder, die nicht nur drei Tage in der Woche drei Stunden im Kindergarten sind. Nein, sie gehen früher und kommen später, erst am Nachmittag nach Hause. Ganz und gar "kaputt". Nur noch ein "Haufen Elend". Ich sehe es doch. Bei Nachbarkindern. Und das fünf Tage die Woche. - Hat Gott diese Welt wirklich verlassen? Die Hand von ihr abgezogen? Oder bin ich einfach "zu zimperlich", "zu sensibel"? Wir sind doch sonst in allem so ... "supersensibel"? Und in diesen Fragen nicht?

Habe ich meine Tochter nur, um sie die schönsten Zeiten, die man überhaupt mit ihr haben kann im Leben, um sie diese im Kindergarten verbringen zu lassen? Und um mir selbst dann nur den "faden Rest" zu lassen, die "ausgelutschte Zitrone"? Ist das der Sinn? Ist es das, was wir wollen und zu preisen würdig finden?

Ich finde es ekelhaft und könnte erbrechen.
Abb. 3: F.W.A. Fröbel
- Soweit dieser Vater. - Ja, schade, was soll man dazu noch sagen? So wie dieser Vater erlebt vielleicht noch so mancher und so manche die Welt, soziale Beziehungen und Kinder.

Zur Bebilderung dieses Beitrages wurden noch ein paar Fotos von dem F. W. A. Fröbel heraus gesucht. Kann man diesen Menschen freundlich nennen? War er ein "Menschenfreund"? War das gut, was er getan hat? Konnte er ahnen, was er tut? Oder hat der preußische Kultusminister nicht doch auch eine gewisse richtige "Ahnung" gehabt über dessen Tun - ? Waren ihm die möglichen Folgen seines Tuns nicht bewußt? Das "düsterste" Portrait von ihm (ganz oben) scheint einem jedenfalls am ehesten jene Menschlichkeit zum Ausdruck zu bringen, die von ihm und seiner "Erfindung" auf die heutige Gesellschaft ausstrahlt. ...

Sonntag, 17. Februar 2008

Auch die konfessionslosen anthroposophisch Orientierten haben eine überdurchschnittliche Geburtenrate

Ich hatte ausgeführt und dargelegt, daß die Absolventen von Waldorf-Schulen eine (gegenüber der Restbevölkerung) leicht überdurchschnittliche Geburtenrate bei (gegenüber der "Normalbevökerung") deutlich unterdurchschnittlicher Kirchlichkeitsrate aufweisen. (Stud. gen. 1, 2) Religionswissenschaftler Michael Blume aber will es noch einmal genau wissen und fragt in Kommentaren - hier und auf seinem Blog -, ob die überdurchschnittliche Geburtenrate nicht doch daran liegen könnte, daß eben der kirchlich noch gebundene Teil unter den befragten Waldorf-Schul-Absolventen eine etwaig bloß durchschnittliche oder unterdurchschnittliche Geburtenrate der Konfessionslosen unter ihnen durch noch deutlich überdurchschnittlichere Geburtenrate kompensieren würde, so daß das Endergebnis doch - vornehmlich oder allein - auf sie, die kirchlich Gebundenen, zurückzuführen wäre.

Michael Blume fragt also (Relig.wiss.):
Gibt es z.B. demografische Unterschiede zwischen Ex-Waldorfschülern, die heute Mitglieder der Christengemeinschaft, einer anderen Kirche, des Islam oder konfessionslos sind?
Diese These müßte einen sehr deutlichen Unterschied voraussetzen zwischen dem Geburtenverhalten von anthroposophisch orientierten Konfessionslosen und Konfessionsgebundenen. Ich werde gleich zeigen, daß ein solcher nicht gar so besonders ausgeprägt vorzuliegen scheint. Aber Michael, Danke erst einmal für diese doch auch noch einmal sehr spannende und weiterführende Fragestellung.

60 % der Befragten haben Kinder

Wenn man sich die Daten daraufhin genauer anschaut und durchdenkt, werden einem die hier vorliegenden Verhältnisse noch ein bischen klarer. Die 5. Frage auf dem Fragebogen (pdf.) lautete:
"Wie viele Kinder haben Sie?"
Von den 1.124 Befragten haben 692 Befragte Kinder und 352 Befragte keine. (1, S. 6) Also 61 % haben Kinder, 30 % haben - z. T. noch - keine. Dabei ist nämlich beachten, daß 50 % der Befragten unter 40 Jahre alt waren (1, S. 2), also viele von den Jüngeren künftig noch Kinder haben werden. Und weiterhin ist zu beachten, daß in den jüngeren Jahrgängen - wie schon früher erwähnt - sich der Anteil der Religionszugehörigkeiten etwas verschoben hat, es sind mehr Katholiken geworden und (noch) weniger geworden, die der Christengemeinschaft angehören.

Zunächst nun der erste Befund: In ihrer Verbundenheit gegenüber der Anthroposophie unterscheiden sich konfessionslose Ex-Waldorf-Schüler und christliche Ex-Waldorf-Schüler kaum. (1, S. 137) Aber die Daten dazu scheinen nicht sehr genau ausgebreitet zu sein. Einzige deutlichere Ausnahme: Die Mitglieder der Christengemeinschaft, die in der Regel eine hohe Verbundenheit mit der Anthroposophie aufweisen. Es muß also derzeit für mich noch ungeklärt bleiben, ob gerade diese Gruppierung - im Vergleich zu allen anderen Ex-Waldorf-Schülern - noch einmal besonders betont Christen oder nicht doch viel eher besonders betont Anthroposophen sind. Das kann ein deutlicher Unterschied sein. Dazu weiter unten noch mehr. Jedoch zunächst weiter bei den Daten.

60 % der Eltern und 50 % der Kinderlosen sind konfessionell gebunden

Von den 692, die Kinder haben, gehören 60 % einer Religions- oder Glaubensgemeinschaft an und 40 % keiner. (1, S. 193) (Wir erinnern uns, von den Absolventen insgesamt gehörten 57 % einer an und 43 % keiner.) Von den 352, die keine Kinder haben, gehören umgekehrt 50 % einer Religions- oder Glaubensgemeinschaft an und 50 % keiner. (1, S. 193)

Noch ein weiterer, in unserem Zusammenhang weniger wichtiger Befund: Von den 692 Befragten mit Kindern stehen 43 % der Anthroposophie positiv bejahend gegenüber, 56 % indifferent und ablehnend. (1, S. 8) Von den 352 Befragten ohne Kinder stehen 34 % der Anthroposophie positiv bejahend gegenüber, 65 % jedoch indifferent und ablehnend. (1, S. 8) Das heißt also, daß auch die Bejahung der Anthroposophie sich positiv auf Kinderzahlen auswirkt, aber insgesamt nicht so eindeutig wie Kirchenmitgliedschaft. Auf letztere soll im weiteren vor allem eingegangen werden.

Alles, was man über anthroposophisch Orientierte liest und von ihnen sonst im Alltagsleben so erfährt, weist in die Richtung, daß auch für die (noch) kirchlich Gebundenen unter den Anthroposophen diese Kirchenzugehörigkeit selbst zumindest keine überdurchschnittliche Rolle spielt verglichen mit sonstigen (nicht anthroposophisch orientierten) kirchlich Gebundenen. (2) Aber diese letzteren weisen ja auch schon eine leicht überdurchschnittliche Geburtenrate auf.

Auch die Geburtenrate der Konfessionslosen unter den Anthroposophen ist untypisch für Konfessionslose an sich

Eine leicht überdurchschnittliche Geburtenrate insgesamt jedoch bei einem so überdurchschnittlich großen Anteil von Konfessionslosen muß mehr oder weniger zwangsläufig heißen, daß auch die Konfessionslosen unter den Waldorf-Schul-Absolventen eine Geburtenrate aufweisen, die deutlich über der sonstiger Konfessionsloser liegt und sich fast an konfessionell Gebundene annähert - - - wenn nicht die konfessionell Gebundenen unter den anthroposophisch Orientierten eine sich an die Geburtenrate von sonstigen Konfessionslosen annähernde Geburtenrate der Konfessionslosen durch überdeutlich starke Geburtenrate kompensieren würden. Genau das ist aber nun doch nur sehr wenig ausgeprägt der Fall wie man den oben angebenen Daten entnehmen kann. Eine so deutliche Scheidung in den Lebensstilen zwischen Konfessionslosen und Konfessionsgebundenen wie man sie dann voraussetzen müßte, findet man auch sonst wohl nirgends im Alltagsleben bei anthroposophisch orientierten Menschen vor.

(Leider kann man den bisher veröffentlichten Daten nicht auch noch entnehmen, ob etwa Konfessionslose mehr zu Einzelkindern und konfessionell Gebundene mehr zu mehreren Kinder neigen. Man muß sich zunächst mit den Daten begnügen, die veröffentlicht sind.)

Wie sind die Zahlen zu bewerten?

Also die Kirchenzugehörigkeit ist zwischen Ex-Waldorf-Schülern mit Kindern und ohne Kinder um 10 % verschoben. Ist das eine leichte oder eine deutliche Tendenz dahingehend, daß konfessionslose Waldorf-Absolventen weniger Kinder haben als konfessionell gebundene? Ich neige dazu, diese Tendenz als nicht sehr ausgeprägt zu beurteilen. Kann man aus dieser Tatsache also etwas Zuverlässiges ableiten? Soweit ich sehe nur die Tatsache, daß für das Geburtenverhalten bei anthroposophisch Orientierten Menschen insgesamt das Geburtenverhalten der konfessionell Gebundenen typischer ist als das der nicht konfessionell Gebundenen.

Man wird wohl so sagen können: Wenn die kirchlich Gebundenen unter den anthroposophisch Orientierten ähnliche Geburtenraten aufweisen wie auch nicht anthroposophisch orientierte kirchlich Gebundene, so haben zumindest die konfessionslosen anthroposophisch Orientierten eine Geburtenrate, die deutlich über sonstigen Konfessionslosen liegt. Das ist wohl die entscheidendere Erkenntnis dieses Beitrages. Sie haben ihren Anteil an der überdurchschnittlichen Geburtenrate der anthroposophisch Orientierten insgesamt zu großen Teilen nicht auf die konfessionell Gebundenen unter ihnen "abgewälzt". Und letzterer Umstand allein ist es wohl so mehr oder weniger, auf den es hier ankommt und um dessentwillen einem die Anthroposophen aus religionsdemographischer Sicht wichtig sein könnten.

Die merkwürdige "Christengemeinschaft"

Noch einige Angaben, die man den Tabellen zu Michael Blumes Fragestellung entnehmen kann: Von den 106 Katholiken haben 50 % Kinder und 50 % nicht. (1, S. 194) Der Anteil der Katholiken ist aber in den jüngeren Jahrgängen höher, wodurch man diese Zahlen als nicht sehr aussagekräftig einschätzen kann. Von den 352 Protestanten haben 68 % Kinder und 32 % keine.

Aber nun: Von den 106 zur Christengemeinschaft Gehörigen haben sogar 84 Kinder und 19 keine. (1, S. 194) Diese letztere Tatsache finde ich doch recht bemerkenswert und aussagekräftig. Sie widerlegt meiner Meinung nach mehr oder weniger deutlich die von mir im früheren Beitrag zitierte Vermutung von Michael Ebertz, daß die Christengemeinschaft "Nachwuchsprobleme" hätte. Vielleicht entscheiden sich von diesen aus irgendwelchen Gründen heute nur weniger als früher für den Besuch von Waldorf-Schulen? - Da stochert man bei den bisherigen Zahlen wohl noch im Nebel herum. (Auch hier wiederum ist zu berücksichtigen, daß die zur Christengemeinschaft Gehörigen mehr den älteren als den jüngeren Jahrgangs-Stufen angehören.)

Mehr kann man zur Zeit aus den veröffentlichten Daten dieser Studie, soweit ich sehe, für die hier interessierenden Fragestellungen nicht ableiten. Viele abgefragte Eigenschaften werden in der tabellarischen Aufschlüsselung nicht mit Kinderzahl abgeglichen, wodurch wichtige Erkenntnismöglichkeiten versperrt bleiben.

Aber das, was man eben hier schon sehen kann, schwächt meine bisherige These nicht sehr deutlich ab, sondern präzisiert sie noch. Vielleicht tragen die Konfessionslosen unter den anthroposophisch Orientierten weniger zur überdurchschnittlichen Geburtenrate derselben bei als die konfessionell Gebundenen. Aber sie tragen doch wohl ziemlich eindeutig zu ihr bei. Und das ist ein Umstand, der sonst wohl noch nicht für Konfessionslose hat nachgewiesen werden können.

Noch einmal allgemeiner zu Michael Blumes Überlegungen

Michael Blume schrieb auch (Relig.wiss.):
Ein muslimisches oder buddhistisches Kind wird durch den Besuch eines evangelischen Kindergartens doch auch nicht automatisch evangelisch.
Auch von dem - bislang wohl noch sehr unwahrscheinlichen - Fall eines muslimischen oder buddhistischen Kindes, das einen Waldorf-Kindergarten besucht, auch von diesem wird man, wie ich denke, schon von vornherein bestimmte Eigenschaften annehmen, die man auch bei Kindern dieser Herkunft allgemein nicht annehmen wird, wenn sie beliebige andere Kindergärten besuchen. Will heißen: Interesse für Waldorf-Schulen oder -Kindergärten ist eben bisher doch ein sehr starker "Selektionsfaktor" auf bestimmte Eigenschaften hin, und zwar auf solche, die auch mit Religiosität und Spiritualität zu tun haben, wie ja die Studie aufgezeigt hat. Nur eben sehr viel weniger mit "traditionellen" Formen derselben.

Weniger "Lehrgebäude" als "Lebensgefühl"

Alle Daten deuten darauf hin, daß diese Menschengruppe der der Anthroposophie und den Waldorf-Schulen Nahestehenden viel weniger durch ein bestimmtes "Lehrgebäude" oder etwas ähnliches definiert ist, sondern eher durch ein Lebensgefühl, eine Welthaltung. Und zwar ist das eine Gemeinsamkeit, die eben doch eindeutig überkonfessionell ist. Ich kennzeichnete es schon ziemlich platt - aber, wie ich finde, immer noch treffend mit den Worten: "Öko, Öko, Öko, Birkenstock, Birkenstock, Birkenstock."

Dieser Umstand wird auch recht hübsch durch die Tatsache illustriert, daß die Hälfte der Befragten mit einer politischen Partei sympathisieren und davon wiederum die Hälfte mit "Bündnis 90/Die Grünen". - Wer hätte das wohl - - - nicht gedacht? ;-) Und ein weiteres Viertel davon sympathisiert mit der SPD. (1, S. 202) Also in diesen Bereichen von "Lebensgefühl" wird eher die gemeinsame Identität und Religiosität dieser Gruppierung gesucht werden müssen, als in einem präziser umrissenen überkommenen christlichen Glaubensbekenntnis oder in präziser umrissenen christlichen, religiösen Haltungen.

"Dualisierung der Religion"

Michael Ebertz hat seine Ergebnisse in einem breiteren religionssoziologischen Rahmen interpretiert, nämlich in dem Denkrahmen von der modernen "Dualisierung der Religion", also dem Auseinanderklaffen von "institutioneller Religion" und "universaler Religion". Er zitiert dafür einen Roland Campiche (3). Vielleicht sollte man eher sagen, von der "Überschichtung" von traditioneller Religiosität durch neue religiöse Vorstellungen. So verweist Ebertz auch auf eine frühere Allensbach-Studie, wonach viele Menschen, die sich als Christen bezeichnen, an eine Wiedergeburt glauben, ohne sich überhaupt oft bewußt zu sein, daß das gar nichts mehr mit Christentum zu tun hat. (2, S. 148f) Und Ebertz interpretiert die Waldorf-Umfrage-Ergebnisse dahingehend, daß die Ex-Waldorf-Schüler nicht besonders stark durch *irgendeine* institutionelle Religion geprägt sind (auch nicht insgesamt gesehen im engeren Sinne durch die Anthroposophie), sondern zunächst einmal vor allem durch die sogenannte ("überschichtete") "universale Religion".

"Insider" bei den Anthroposophen - hier der Hamburger Christengemeinschafts-Pfarrer F. Hörtreiter (4) - formulieren, so zitiert Ebertz, daß es "bei uns viel Anarchie und Individualismus" gäbe. (2, S. 144) Also eigentlich alles eher typische Eigenschaften von Konfessionslosen und Atheisten - aber eben dennoch auch mit der aufgezeigten überdurchschnittlichen Geburtenrate.

Ich glaube, es wird gar nicht so ganz einfach sein, ähnlich fest umrissene Gruppierungen wie die hier behandelten Ex-Waldorf-Schüler oder die Patientengruppen von anthroposophischen Ärzten zu finden, von deren "universaler Religion" man so einfach wie bei dieser Gruppierung nachweisen könnte, daß diese auch bei Konfessionslosen überdurchschnittliche Geburtenrate bewirkt und mit sich bringt.
___________________

1. Randoll, Dirk; Barz, Heiner: Absolventenstudie zur Waldorf-Pädagogik (Deutschland). Tabellenband 1. (frei herunterladbar als pdf. ---> hier.)
2. Ebertz, Michael N.: Was glauben die Ehemaligen? In: Barz, Heiner; Randoll, Dirk (Hg.): Absolventen von Waldorfschulen. Eine empirische Studie zu Bildung und Lebensgestaltung. 2. Aufl. VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2007 (St. gen.-Buchladen), S. 133 - 160 [wesentliche Auszüge - der Fragebogen, alle Rohdaten und die Einleitung - auch auf: www.waldorf-absolventen.de]
3. Campiche, Roland J.: Die zwei Gesichter der Religion. Faszination und Entzauberung. Zürich 2004
4. Hörtreiter, F.: Anthroposophie und christlicher Glaube. Eine Erwiderung auf Bernhard Grom SJ. In: Materialdienst der EZW 68/2005, S. 251 - 255 (im Netz siehe hier)

Freitag, 15. Februar 2008

Anthroposophen: Auch Neue (nicht-monotheistische) Religiosität in westlichen Gesellschaften erhöht Geburtenrate

Religionswissenschaftler Michael Blume vermutete gelegentlich in verstreuten Diskussionen, daß die leicht überdurchschnittliche Geburtenrate der Anthroposophen (St. gen. 1, 2) darauf zurückgeführt werden könnte, daß sie betonter als die Durchschnitts-Bevölkerung christlich-religiös wären. (Blume, Abgefischt 1, 2, 3) Er erwähnt, daß Rudolf Steiner selbst eine "Christengemeinschaft" gegründet hätte, die heute noch fortbesteht. Zu ergänzen ist zu letzterem zunächst, daß Rudolf Steiner selbst dieser Christengemeinschaft offenbar nie beigetreten ist. (1, S. 137)

Die religionssoziologische Literatur zu den Anthroposophen zeichnet nun aber doch ein wesentlich vielschichtigeres Bild, als offenbar von Michael vermutet. (1) 1.124 frühere Absolventen von Waldorf-Schulen wurden Ende 2004, Anfang 2005 - auch - zu ihrer religiösen Orientierung befragt (1, S. 134ff). (pdf.)

Die Kompliziertheit der bezüglich einer solchen Menschengruppe wie den Anthroposophen vorliegenden Verhältnisse wird zunächst besonders verdeutlicht durch die Tatsache, daß 60 % der Waldorfschul-Absolventen der Anthroposophie selbst indifferent, skeptisch oder negativ gegenüber stehen! (!!!) (1, S. 137) Und dennoch würden 80 % der Befragten wieder auf eine Waldorf-Schule gehen. (1, S. 139) (!!!) Also offenbar liegt hier, wie von mir schon vermutet, eine religionsdemographische Untersuchungs-Gruppe vor, deren Gemeinsamkeit vor allem erst einmal nur in einem gewissen Lebensgefühl besteht (z.B. "Öko" und "Birkenstock") und viel weniger in der Orientierung an einer bestimmten festumrissenen Ideologie, Weltanschauung oder Religion.

43 % Kirchenfreie unter den Waldorf-Schul-Absolventen - Tendenz steigend

Da man nun schon der Anthroposophie selbst so indifferent gegenüber steht, werden sich diese Umstände noch einmal verstärkt kundtun im Verhältnis zu den überkommenen christlichen Religionen. Hierzu einige Daten:

Während es
- in Deutschland insgesamt im Jahr 2005
32 % Kirchenfreie (Konfessionslose) und 65 % Kirchenmitglieder unter der Bevölkerung gab,
- in den neuen Bundesländern jedoch
70 % Kirchenfreie und 30 % Kirchenmitglieder,
gab es unter den 2004/05 befragten früheren Absolventen von Waldorf-Schulen (alles Westdeutsche):
43 % Kirchenfreie und 57 % Kirchenmitglieder. (1, S. 134f) Also eine Kirchlichkeitsrate, die ziemlich genau auf der Mitte zwischen all den "Namenschristen" der alten Bundesländer und all den "Atheisten" der neuen Bundesländer angesiedelt ist.

Ich denke also, Michael wird einige Gehirn-Akrobatik aufwenden müssen, um eine gegenüber der Normalbevölkerung leicht überdurchschnittliche Geburtenrate durch eine gegenüber der Normalbevölkerung deutlich unterdurchschnittliche Kirchlichkeitsrate erklären zu können.

Dabei ist noch festzustellen, daß die Nichtkirchlichkeitsrate unter den Anthroposophen (bzw. hier: Waldorfschul-Absolventen) zu steigen scheint, daß sie aber schon bei den älteren Jahrgängen überdurchschnittlich hoch war. Bei den 30 - 37-Jährigen lag sie im 2004/05 bei 47 % Kirchenfreie (53 % Kirchenmitglieder), während schon die älteren Jahrgänge (62 - 66-Jährige) eine gegenüber der heutigen Durchschnittsbevölkerung überdurchschnittlichen Anteil an Kirchenfreien/Konfessionslosen aufwiesen: 38 % Konfessionslose gegenüber 62 % Kirchenmitgliedern.

Also noch einmal wiederholt: Die Waldorfschul-Absolventen der letzten Jahrzehnte weisen (anzunehmenderweise) eine leicht überdurchschnittliche Geburtenrate bei zugleich leicht bis deutlich unterdurchschnittlicher Kirchlichkeitsrate auf. Sie stehen was Kirchenmitgliedschaft betrifft, zwischen der Durchschnittsbevölkerung der alten und der der neuen Bundesländer, und zwar auch schon die älteren Jahrgänge. Und zwar obwohl sie in ihrer weit überwiegenden Mehrheit Bewohner der alten Bundesländer sind. Von einer betonteren Nähe zu Kirche und Christentum scheint hier nirgends die Rede sein zu können.

Nachwuchsprobleme der anthroposophischen "Christengemeinschaft"

Aber noch weitere Tatsachen können Hinweise geben:

Von den Kirchenmitgliedern unter den Waldorfschul-Absolventen (also von den genannten 57 %) gehören
55 % protestantischen Kirchen
17 % der katholischen Kirche
17 % der (schon eingangs genannten anthroposophischen) "Christengemeinschaft" und
10 % jüdischen, buddhistischen und anderen Glaubensgemeinschaften an. (1, S. 136)

Bei den jüngeren Jahrgangsgruppen ist nun aber auffälligerweise der Anteil der Mitglieder bei der "Christengemeinschaft" auf 12 % gesunken, der Anteil der Katholiken jedoch auf 27 % gestiegen. "Was auch," wie die Studie vermutet, "auf erhebliche Nachwuchsprobleme dieser Weltanschauungsgemeinschaft" (nämlich der Christengemeinschaft) "schließen läßt". (1, S. 137)
[Achtung, die folgenden beiden Absätze sind unklar, deshalb verkleinert. Die Dinge werden in einem späteren Beitrag besser geklärt. Genaueres dazu siehe ---> hier.]
Es drängt sich also auch hier der Eindruck auf: Die von Michael genannte "Christengemeinschaft" selbst und eine betont christliche Orientierung unter Anthroposophen scheinen es nicht zu sein, die ihre leicht überdurchschnittliche Geburtenrate hervorrufen. Wie denn auch, wenn es offenbar die etwa 20.000 Mitglieder der "Christengemeinschaft" in Deutschland sind, also offenbar der "Kerntruppe" der christlich Gesonnenen unter den Anthroposophen, die die deutlichsten Nachwuchsprobleme unter ihnen haben. Wenn die leicht überdurchschnittliche Geburtenrate der Anthroposophen auf eine betontere Christlichkeit zurückzuführen sein sollte, dann sollte doch genau dieser Umstand noch einmal am Mitgliederzuwachs der "Christengemeinde" zusätzlich deutlich und prägnant festzustellen sein.
Aber genau das Gegenteil scheint der Fall zu sein. Viel mehr:
Es eine leicht überdurchschnittliche Geburtenrate bei überdurchschnittlicher und stetig wachsenden Anteilen von Konfessionslosigkeit.
Ich denke, diese Tatsachen sind ausreichend, um die Hypothese (von Michael) zurückzuweisen, es wäre eine überdurchschnittliche Christlichkeit, die die überdurchschnittliche Geburtenrate bei den Anthroposophen hervorruft.


Aber welche Art von Religiosität könnte es dann sein, die das typische Lebensgefühl von anthroposophisch orientierten Menschen (hier: Waldorfschul-Absolventen) ausmacht? Dies wird in den weiteren Ausführungen der Studie etwas verdeutlicht. Es sind bei der Befragung von 2004/05 auch Aussagen abgefragt wie die folgenden: "Der Gedanke an eine höhere kosmische Ordnung gibt mir Sinn und Orientierung in meinem Leben." Dieser Satz wird von 58 % der Befragten bejaht. (1, S. 141) Weiterhin werden Wiedergeburts-Glaube, Karma-Glaube, "Existenz höherer Wesensglieder" und "meditative/kontemplative Erfahrung" abgefragt jeweils mit hier nicht genauer aufzuschlüsselnden - aber interessanten - Ergebnissen.

Und im "Ausblick" der hier benutzten Studie heißt es noch deutlicher:
"Auf dem Hintergrund der hier vorgelegten Analyse vermute ich unter den Befragten neben einigen (wenigen) christlichen und nicht-christlichen Theisten, die an eine höhere, außerweltliche Macht glauben, zu der jeder einzelne eine Beziehung aufbauen kann, eine - je jünger sie sind - starke Majorität an so genannten 'Vitalisten', welche die persönliche Existenz durch Wiedergeburt in einem Kreislauf des Lebens und der Natur eingespannt sehen und den Sinn des Lebens in ihm selbst sehen." (1, S. 158)
Fazit: Die Anthroposophen wird man in ihrer Gesamtheit keineswegs als prononciert oder überdurchschnittlich durch Monotheismus geprägte Menschen ansehen können. Und auch ihre leicht überdurchschnittliche Geburtenrate wird man deshalb auf andere Ursachen zurückführen müssen, als gerade auf eine solchartige Prägung.

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Abschließend noch einmal Originaltext der Studie:
"Läßt die Gesamtbevölkerung in Deutschland aller religiösen und weltanschaulichen Pluralität zum Trotz immer noch eine ziemlich klare Präferenz für das Christentum und die beiden großen Konfessionskirchen erkennen, zumindest was die formale Zugehörigkeit angeht, wird man hiervon bei den ehemaligen Waldorfschülerinnen und -schülern immer weniger ausgehen können. Sie stellen keinen religiöse Mikrokosmos der religiösen Landschaft in Deutschland dar. Eine starke Minderheit, nämlich gut zwei Fünftel der Befragten, ist religiös nicht organisiert (43 %); je jünger die Befragten sind, desto geringer ist dere Anteil der religiös Organisierten (30 - 37jährige: 53%). Diese machen bei den älteren Alterskohorten immerhin noch zwei Drittel aus (62-66jährige: 62%). (...)

Die Nähe und Ferne zur Anthroposophie scheint hierbei in keinem signifikanten Zusammenhang zu stehen; die Wahrscheinlichkeit ist nur etwas größer, unter den der Anthroposophie nahe stehenden Absolventinnen und Absolventen auch auf religiös Organisierte zu stoßen. (...) Mehr Frauen (60 %) als Männer (52 %) unter den Befragten gehören einer Religionsgemeinschaft an."

"Bereits die vergleichsweise schwache konfessionelle Bindung der ehemaligen Waldorfschüler weist darauf hin, daß sie - jedenfalls ein Großteil unter ihnen - nicht zum Pol der institutionalisierten Religion tendieren."

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Benutzte Literatur:

1. Ebertz, Michael N.: Was glauben die Ehemaligen? In: Barz, Heiner; Randoll, Dirk (Hg.): Absolventen von Waldorfschulen. Eine empirische Studie zu Bildung und Lebensgestaltung. 2. Aufl. VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2007 (St. gen.-Buchladen), S. 133 - 160 [wesentliche Auszüge - der Fragebogen, alle Rohdaten und die Einleitung - auch auf: www.waldorf-absolventen.de]

Dienstag, 22. Januar 2008

Anthroposophen: Akademiker-lastige Gruppierung mit leicht überdurchschnittlicher Geburtenrate

Ich hatte gerade einen längeren, mit vielen Daten und Zitaten gespickten Beitrag über die Sozialstruktur und Familiengrößen der Anthroposophen und anthroposophisch orientierten Menschen fertig gehabt - aber: alles gelöscht! Irgend ein dummes Versehen. Deshalb schreib ich die wichtigsten Inhalte jetzt noch einmal aus dem Gedächtnis und ohne die umfangreichen Literaturnachweise und Zitate auf. (Voriger Beitrag zum Thema siehe St. gen.)

Man findet über Google Scholar (und Universitäts-Abonnement vieler medizinischer Zeitschriften) online viele neuere vergleichende medizinische Studien (1 - 6) zu Patientengruppen, die sich von anthroposophisch orientierten Ärzten behandeln lassen im Vergleich mit Kontrollgruppen, auch zu Waldorf-Schülern, Bauernkindern im Vergleich zu sonstigen Kindern. Es gibt inzwischen zu solchen Studien auch eine "Metastudie" (2), die 170 solcher Einzelstudien vergleichend beschrieben und ausgewertet hat. In dieser Schweizer Metastudie werden also noch viele weitere Einzelstudien der letzten Jahre und Jahrzehnte genannt, aus denen man sich Daten zur Sozialstruktur und zu Familiengrößen der Anthroposophen heraussuchen kann. Auch hat Michael Blume eine Magisterarbeit von Carsten Ramsel angekündigt, in der Aussagen zur "Religionsdemographie" der Anthroposophen gemacht werden. All diese Quellen lassen ein ähnliches Bild aufscheinen:

Menschen, die der Anthroposophie Wertschätzung entgegenbringen, bzw. dementsprechende Patientengruppen in deutschsprachigen Ländern, den Niederlanden oder auch in Schweden, zu tausenden untersucht, bestehen zu einem viel höheren Anteil aus Menschen mit Hochschulabschluß als die Durchschnittsbevölkerung, der Anteil der Alleinlebenden unter ihnen ist leicht niedriger, der Anteil jener unter den Waldorf-Schülern, die ältere Geschwister haben, ist leicht höher, die Familiengröße, bzw. die Zahl der Personen pro Haushalt ist leicht überdurchschnittlich. Es gibt unter ihnen wesentlich weniger Raucher und Übergewichtige. Es gibt nicht nur über 200 Schulen mit 80.000 Waldorf-Schülern und jährlich 5.000 Abiturienten in Deutschland, sondern - für mich überraschend - auch ganze Krankenhäuser und Altersheime von und für Anthroposophen. Räumliche Schwerpunkte der Anthroposophen in der BRD sind Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen.

Sind Anthroposophen Christen?

Es muß noch die Beziehung der Anthroposophen zu den christlichen Kirchen untersucht werden. Die 1922 gegründete anthroposophische "Christengemeinschaft" sieht - laut einer bayerischen Kirchenzeitung von 2002 (ein Netzfund) - die christlichen Kirchen als eine durch die Geschichte überwundene Form der Religiosität an, toleriert aber Doppelmitgliedschaft, während bspw. die Evangelische Kirche einer solchen Doppelmitgliedschaft mit sehr gerunzelter Stirn gegenüber zu stehen scheint.

Ist aber nun der "anthroposophische Lebensstil" wesentlich von der Tatsache geprägt, daß das Christentum in der Anthroposophie noch eine Rolle spielt? Nach meinem persönlichen Eindruck zunächst nicht. Aber man sollte der Frage nachgehen, wie hoch der Anteil der Menschen ist, die der Anthroposophie Wertschätzung entgegenbringen und zugleich noch nicht aus der christlichen Kirche ausgetreten sind.

Warum sind die Anthroposophen wichtig?

Insgesamt jedenfalls könnte man die Anthroposophen deshalb als wichtig ansehen, weil sie offenbar bislang einer der wenigen klareren Beweise dafür darstellen könnten, daß auch eine vorwiegend nicht-monotheistische Spiritualität und Weltanschauung in moderner Zeit dazu fähig ist, überdurchschnittliches soziales Engagement, überdurchschnittliche Familien- und Haushaltsgrößen, überdurchschnittliches Interesse von Frauen an diesem Lebensstil, überdurchschnittlich gesunde Lebensweise und insgesamt auch überdurchschnittliche Geburtenraten hervorzubringen. Dies wäre dann ein Beweis dafür, daß auch nicht-monotheistische Weltanschauung und Religiosität (Spiritualität) in heutigen westlichen Gesellschaften an sich dazu befähigt sind, die Geburtenraten zu erhöhen. Ein Beweis, auf den sich die Wissenschaft, soweit ich sehe, bislang noch nicht eingeschossen hat. Diese Fähigkeit weist also auch in modernen westlichen Gesellschaften nicht nur monotheistische religiöse Verbundenheit auf. Ich denke, dies sollte ein für viele Menschen nicht ganz unwichtiger Befund sein.

Insbesondere die Tatsache, daß höhere Bildung auch in nicht-monotheistischen Zusammenhängen mit überdurchschnittlicher Geburtenrate gekoppelt sein kann, sollte aufhorchen lassen.
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Ausgewertete Literatur:

1. Roland Unkelbach u.a.: Unterschiede zwischen Patienten schulmedizinischer und anthroposophischer Hausärzte. In: Forsch Komplementärmed 2006;13:349–355, Published online: November 3, 2006
2. Gunver S. Kienlea u.a.: Anthroposophische Medizin: Health Technology Assessment Bericht – Kurzfassung. In: Forsch Komplementärmed 2006;13(suppl 2):7–18
3. Helen Flöistrup u.a.: Allergic disease and sensitization in Steiner school children. In: J ALLERGY CLIN IMMUNOL, JANUARY 2006, Available online November 29, 2005
4. Harald J. Hamre u.a.: Anthroposophic vs. conventional therapy of acute respiratory and ear infections: a prospective outcomes study. In: Wien Klin Wochenschr (2005) 117/7–8: 256–268
5. H. J. Hamre u.a: ANTHROPOSOPHIC THERAPIES IN CHRONIC DISEASE: THE ANTHROPOSOPHIC MEDICINE OUTCOMES STUDY (AMOS). In: Eur J Med Res (2004) 9: 351-360
6. Johan S Alm u.a.: Atopy in children of families with an anthroposophic lifestyle. In: Lancet 1999; 353: 1485 – 88

Sowie zahlreiche deutschsprachige Netzseiten zu anthroposophischen Themen und von anthroposophischen Organisationen.

Donnerstag, 17. Januar 2008

Die Geburtenrate von Anthroposophen

Fragen zur Religionsdemographie nicht-monotheistischer Gruppierungen

Michael Blume hat wieder einen interessanten Beitrag, diesmal über einen neuen Werbespot von "Du bist Deutschland". (M. Blume) Der frühere bekannte Werbespot wurde auch hier auf "Studium generale" schon behandelt. Dieser neue Beitrag von Michael regte mich erneut dazu an, über die Kinderzahlen von Gruppierungen nachzudenken, die weltanschaulich nicht-monotheistisch geprägt sind - aber dennoch Phänomenen wie "Spiritualität" oder "Religiosität" nicht gleichgültig gegenüber stehen.

Und mir fielen da zuerst die Anthroposophen ein, weil es einen doch immer wieder auch erstaunt, welches soziale Engagement sie in der Öffentlichkeit entfalten: Waldorf-Kindergärten, Waldorf-Schulen und so vieles andere mehr ("Waldorf-Minister" ...). Schon dieses soziale Engagement und (Verantwortungs-) Bewußtsein könnten auf ähnlich erhöhte Geburtenraten gegenüber der Durchschnitts-Bevölkerung hinweisen wie dies ja auch bei kirchlich oder freireligiös geprägten Menschen der Fall ist, die sich auch stärker sozial engagieren. Also könnte sich die Frage stellen: Haben Anthroposophen im Durchschnitt mehr Kinder als die Durchschnitts-Bevölkerung?

Gibt es dazu Literatur?


Hier ein recht "typisches" (?) Lehrerkollegium einer Waldorfschule (Würzburg, 1981)

Waldorf-Schüler haben weniger Allergien

Netz-Suche etwa mit Stichworten wie "anthroposophisch" und "Kinder" ergeben durchaus den einen oder anderen Hinweis. So ist 2006 eine Studie veröffentlicht worden, wonach Waldorf-Schüler etwas weniger unter Allergien leiden als Kinder der Normal-Bevölkerung. (Wellness-beauty-info.de, Purenature.de) Eine niedrigere Allergie-Rate ist ja auch schon einmal von Kindern festgestellt worden, die auf dem Bauernhof aufwachsen. (Siehe früherer St.gen.-Beitrag) Vielleicht gibt es bei beiden Gruppierungen Überschneidungen in den Lebenstilen?

Jedenfalls werden die Ergebnisse dieser Allergie-Studie auch damit begründet, daß Waldorf-Kinder in der Regel (oder häufiger) in "kinderreichen Familien" aufwachsen würden. So sagt Professor Dr. Christoph Schempp, Oberarzt an der Universitäts-Hautklinik Freiburg:
... Es gibt zum Beispiel eine große Studie, die in The Lancet erschien, und in der Waldorf-Kinder mit Kindern aus nicht-anthroposophischer Erziehung verglichen wurden. Die Waldorf-Kinder hatten signifikant weniger Allergien. Diese Studie legt nahe, dass in kinderreichen Familien mit vorwiegend lactovegetabiler Ernährung und geringer Zahl von Impfungen weniger Allergien auftreten.
Herr Schempp unterstellt also hier, wenn ich richtig verstehe, daß Waldorf-Kinder eher in kinderreichen Familien aufwachsen, als Nicht-Waldorf-Schüler. *) Das ist sicher auch in der von ihm erwähnten Studie untersucht worden. Google-Scholar nun liefert mancherlei spannende Ergebnisse unter dem Stichwort "anthroposophic", also zum Thema statistisch feststellbare medizinische Auswirkungen eines anthroposophischen Lebenstiles. Dabei wird immer wieder auch "family size" oder ähnliches in den untersuchten Gruppen abgefragt. - Überhaupt, so fällt mir nun ein, könnten solche medizinischen Untersuchungen, die Familiengrößen mit abfragen, eine interessante Quelle auch für religionsdemographische Untersuchungen sein! (- ?)

Gibt es den Anthroposophen vergleichbare Gruppierungen?

Aber welche Gruppierungen könnte man bezüglich solcher religionsdemographischer Fragestellungen noch untersuchen? Es müßten ähnlich große Gruppierungen wie die Anthroposophen sein, wenn man zu aussagekräftigeren Ergebnissen kommen will. Denn irgendwelche zahlenmäßig sehr kleinen Gruppierungen und "Splittergruppen" müssen noch nicht sehr repräsentativ sein. Nur aus diesem Grund erscheinen mir die Anthroposophen wichtig.

Selbst ein solches Kriterium wie "politisch konservativ" bringt ja keine statistisch höhere Geburtenrate mit sich heute in Deutschland, wenn ich das recht in Erinnerung habe. Einen besonders ausgeprägten "Patriotismus" jenseits weitgehend hohler Worte findet man ja in diesen Kreisen auch schon lange nicht mehr. Zwischen beiden Phänomenen (hohler Patriotismus und durchschnittliche Geburtenrate) werden wohl Wechselbeziehungen bestehen. Koch thematisiert Jugendkriminalität statt Familienpolitik. Das sagt wohl alles ...

Deshalb macht ja wohl auch die CDU heute immer noch eine solch merkwürdige Familienpolitik, das heißt: immer noch gegen die Vorschläge solcher aus der Wandervogel-Bewegung hervorgegangener Sozialreformer wie Gerhard Mackenroth, die sich schon in den 1950er Jahren gegen die Adenauer-Regierung nicht durchsetzen konnten. (siehe frühere St. gen.-Beiträge über Mackenroth)

(Ein Folgebeitrag zu diesem findet sich ---> hier.)
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*) Ich werde mich hier übrigens keinesfalls in die in vielen Kreisen - auch in meiner Verwandtschaft - hochgradig beliebte Debatte über Impfen und Ernährungsfragen hineinmischen. Mir geht es hier nur um das Thema Religionsdemographie.

Sonntag, 21. Oktober 2007

Häufige genetische Anlage für Zwillingsgeburten in Westafrika?

Witzig: Vor einigen Jahren haben isländische Humangenetiker einen Genabschnitt gefunden, der - überraschenderweise - mit Kinderreichtum korreliert - aber nur bei nordeuropäischen Bevölkerungen. Und es gab doch, wenn ich mich richtig erinnere, schon länger Hinweise darauf, daß die Neigung zu Zwillingsgeburten familiär bedingt sei.

In Westafrika wundert man sich derzeit über eine besondere Häufung von zweieiigen Zwillingsgeburten. Die Forscher - haben sie noch nie etwas von möglicherweise genetisch bedingter Häufung von Kinderreichtum und Zwillingsgeburten gehört? - nehmen als Ursache die Ernährung an. (Berliner Morgenpost) Aber eine Krankenschwester ist klüger:
Oberschwester Muyibi Yomi macht die Gene verantwortlich. "Wenn es in einer Familie immer schon Mehrlingsgeburten gab, dann wird das von Generation zu Generation weitergegeben."
Ich denke, sie wird recht behalten.

Interessant übrigens wieder einmal der Aberglaube in früheren Zeiten:
... In vorkolonialer Zeit hingegen galten Zwillinge in der Region als schlechtes Zeichen. Deshalb wurden sie ertränkt oder ausgesetzt. Auch die Mütter wurden häufig getötet. Sie hätten mit zwei Männern geschlafen, so der Vorwurf.
Wenn diese Gebräuche allgemein verbreitet gewesen sind, müßten sie eigentlich gegen eine genetische Neigung zu Zwillingsgeburten selektiert haben. Und dieser Selektionsdruck könnte in den letzten Jahrzehnten verloren gegangen sein.

Es gibt aber, wie berichtet wird, noch viele andere abergläubische Vorstellungen über Zwillinge in Afrika, die nicht allgemein den Eindruck machen, es wäre gegen Zwillingsgeburten Selektion betrieben worden.

Dienstag, 17. Juli 2007

Frohe Kindheit in Norwegen


"Bading the Movie" heißt dieses Video. Offenbar heißt "Bading" auf Norwegisch "Baden".

So jedenfalls müssen Kinder aufwachsen!
Hilft auch gegen Asthma. (Berliner Morgenpost)
Eine Studie mit rund 40 000 Kindern hat bestätigt, dass Kinder von Landwirten weniger anfällig für Asthma und Allergien sind als Stadtkinder. Nur acht Prozent der Bauernkinder in Baden-Württemberg leiden an Asthmasymptomen. Bei Kindern ohne Kontakt zu einem Bauernhof sind es zwölf Prozent. Von den Kindern, die manchmal auf Höfen spielen, leiden zehn Prozent an Asthma.

Ähnliche Unterschiede stellten die Forscher offenbar bei Heuschnupfen und Neurodermitis fest.

Mittwoch, 11. Juli 2007

Ein Vater im Einsatz



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Vorschaubild
Warum Video's bei "Studium generale"? Sie werden zusammen gestellt aus der Erkenntnis heraus, daß Kulturgestaltung, Lebensreform, Gesellschaftsreform immer auch etwas mit "Stimmungen" zu tun hat - und nicht nur mit rein rationalen Erkenntnissen. Man kann Video's als gut geeignet empfinden, sich auch über zukunftsweisende (gesellschaftliche) "Stimmungen" zu verständigen. - Die Auswahl der Video's ist sehr willkürlich und natürlich auch vom persönlichen Geschmack bestimmt und von dem, was sich im Netz gegenwärtig findet. - Auch Dokumente zur Zeitgeschichte in Ton und Bild finden sich in dieser Reihe.


Das Internet kann nicht nur die traditionelle Zeitung, sondern auch das traditionelle Fernsehen und Kino mehr und mehr ersetzen.

Freitag, 22. Juni 2007

ADHS: Struktur und Lebensraum für Kinder statt Reizüberflutung

ADHS scheint eine Verhaltens-Auffälligkeit zu sein, die wie wenige andere auf die eigentlichen Probleme aufmerksam macht, die es in unserer Gesellschaft gibt: Zu wenig Struktur für Kinder. Zu wenig gefahrlosen Platz für Kinder zum Toben. Zu viel Fernsehen. Zu viel Reizüberflutung. Und - vielleicht - zu viele Medikamente. Die letztere Problematik ist der Ausgangspunkt eines spannenden Interviews, das die auch sonst von mir sehr geschätzte Journalistin Brigitta vom Lehn mit dem Neurobiologen Gerald Hüther geführt hat. (Welt) Darin sagt Hüther gleich zu Anfang auf die Frage "Wie entsteht ADHS?" (alle Hervorhebungen im folgenden durch mich, I.B.):

Wenn in der äußeren Welt Struktur gebende Elemente fehlen, kann auch im Gehirn keine Struktur aufgebaut werden. Das ist heute ein riesiges Problem, denn unsere Welt hat viel an Struktur verloren. Das hängt mit der Hektik des modernen Alltags zusammen, mit Problemen, die jungen Familien zu schaffen machen wie Partnerschaftskonflikte oder mit Karrieren, die aufzubauen sind. Kinder wachsen heute in eine Welt hinein, in der sehr viel durcheinander gerät, wenig Strukturen bietet. Besonders schwierig ist dies für Kinder, die mehr Strukturen brauchen als andere, die so genannten ADHS-Kinder.

An diese Worte wird man doch wohl gleich die Frage anschließen dürfen: Geben Kinderkrippen Kindern mehr oder weniger "Struktur", innere Ruhe als die traditionelle Eltern-Kind-Bindung? Geben arbeitende Mütter und Väter ihren Kindern mehr Struktur oder solche, die bei ihren Kindern zu Hause bleiben? Auf die Frage "Wie ist man früher mit „Zappelphilippen“ umgegangen?" sagt Hüther etwas, was mir sehr treffend erscheint:

Die Kinder sind früher nicht aufgefallen, weil die Strukturen so hart waren, dass sie keine anderen Möglichkeiten hatten, als sich diesen Strukturen anzupassen. Sie sind verprügelt worden, wenn sie sich nicht richtig verhalten haben. Wir wünschen uns aber heute keine Abrichtung von Kindern mehr mit Strafen und dergleichen.

Hüther bestreitet im weiteren, daß ADHS vererbbar ist. Das erstaunt mich nicht wenig, denn die erst vor kurzem von mir konsultierte Studie (Studium generale) geht ganz selbstverständlich davon aus. Aber richtig wird es wieder sein, wenn Hüther auf die Frage, ob Pharmazie zur Behandlung von ADHS der richtige Weg sei, antwortet:

Das ist eine Notlösung. Aber wir machen in dieser Gesellschaft ja viele Notlösungen.

Brigitta vom Lehn fragt energisch nach, das gefällt mir. So sollte Journalismus sein. Hintergrund ist vielleicht auch eine heftige Leser-Debatte zu früheren Beiträgen zum Thema ADHS in der "Welt". Vom Lehn fragt: Der Psychologe Wolfgang Bergmann meint, es müsste eigentlich ein Schrei durch die Öffentlichkeit gehen angesichts des hohen Methylphenidat-Konsums. Warum bleibt der Schrei aus?

Und dann fragt sie: Wer sind die Interessenten dieses falschen Modells? (- nämlich, daß ADHS deshalb [!], weil es genetisch bedingt sei [!], vornehmlich mit Ritalin behandelt werden müßte.) Und Hüther antwortet:

Den größten Nutzen ziehen die betroffenen Eltern. Sie haben ein immenses Interesse daran, dass jemand kommt, der sagt: Es ist genetisch bedingt. Es gibt schließlich nichts Schlimmeres für Eltern, als etwas falsch gemacht zu haben. Deshalb werden eine definierte Krankheit und eine entsprechende Behandlung ausdrücklich begrüßt. (...) Nicht zu vergessen die Lehrer! Viele von ihnen können mit diesen Kindern überhaupt nichts anfangen. Sie sind froh, wenn sie endlich ruhig werden, egal, womit das geschieht, und wenn dies mit einer Tablette geht, ist ihnen das auch recht.

Hüther greift auch die Wissenschaft, die Ärzte und die Pharmaindustrie an. Das ist mir zu pauschal, als daß ich es hier wiedergeben möchte. Natürlich muß man solche Möglichkeiten immer mit in Rechnung stellen. Die Leserkommentare nun - Volkes Stimme! - sagen für mich ebenfalls viel Wertvolles.

Ein Mann:

Man sollte anmerken, dass sich Kinder "früher" (also vielleicht zwei oder drei Generationen zurück) noch frei in unserer Umwelt bewegen, toben & spielen konnten. Heute werden die Kinder vor der Glotze "geparkt" und dürfen nicht mehr draußen spielen weil sie auf der Straße von Autos todgefahren werden. Wer wundert sich da, dass Kindern anfangen zu zappeln? Ich konnte meine Energie vor 35 Jahren noch mit anderen Kids beim Fußball auf der (fast Autofreien) Straße loswerden. Wo gestern Kinder spielten, parkt heute Daddys "Defender".

Eine Frau:

Kinder sollten draussen spielen um ihre Abwehrkräfte zu stärken und überschüssige Energie zu verbrennen. Ein ganz normales Kinderdasein heisst spielen, toben, dreckeln, nicht Pillen schlucken!

Ein Mann:

Ich selbst bin Betroffener und habe die Diagnose erst mit 35 erhalten. MP hilft mir, mich auf meine Arbeit zu konzentrieren und die ständige innere Unruhe zu bekämpfen. Mir hat das Medikament ein neues Leben geschenkt.

Ein Mann:

Auch ich habe die Diagnose ADS nach einem wirklich langen Leidensweg und vielen Falschdiagnosen erhalten - mit 38 Jahren!
Methylphenidat hilft mir ein einem Maße, wie ich es kaum beschreiben kann.
Jemand, der nicht selbst betroffen ist bzw. keine betroffenen Kinder hat, sollte sich nicht anmaßen, derart selbstgerecht so negativ über dieses Methylphenidat zu urteilen.
Und weil Methylphenidat (z.B. Ritalin) nunmal auf einem Betäubungsmittelrezept verschrieben wird, heißt noch lange nicht, dass es ein Betäubungsmittel im Sinne von "Kinder ruhigstellen" ist.
Seit meiner ersten Ritalin-Tablette kann ich jedenfalls nachvollziehen, was sich in den Köpfen der ebenfalls betroffenen Kinder abspielt. Für alle betroffenen einer Dopaminstoffwechselstörung im Frontalhirn ist dieses Methylphenidat ein Segen.
Was allerdings auch ich nicht bezweifele, ist, dass allzuviele ADHS-Diagnosen zu leichtfertig gestellt werden und es sicher viele Falschdiagnosen gibt. Ebenso, wie es sicher viel zu wenig feste Strukturen in den Familien gibt und zuwenig Gelegenheiten für Kinder, "sich selber draußen auszuprobieren und auszutoben".
Trotzdem: Wer selber kein ADS oder ADHS hat, kann und sollte hier nur sehr zurückhaltend mitdiskutieren und Kritik an "den Pillen" am besten garnicht erst äußern. Ich kritisiere ja auch nicht die vielen Medikamente gegen andere Stoffwechselstörungen wie Diabetes oder was weiß ich.
Wenn Ärzte damals, als ich ein Kind war, und mein Eltern selber auch dafür gesorgt hätten, dass ich viel früher Ritalin bekommen hätte, wäre mich ganz ganz sicher ein sehr leidensvoller Lebensweg erspart geblieben.

Ein Mann:

Herr Hüther rennt scheinbar mit einem Heile-Heile-Gänschen-Weltbild durchs Leben.
ADS bedeutet für mich (40 jahre alt) den Umweltreizen nicht entkommen zu können. Und vieles mehr.
Jeder Mensch hat das Recht auf ein würdiges und glückliches Leben. Und das geht nicht, wenn man den ganzen Tag keine Chance hat, den Reizen zu entkommen oder sich auf irgendetwas konzentrieren kann.
Kein Arzt oder Therapeut, der nicht selbst ADS hat kann sich das vorstellen! KEINER! Auch Sie nicht, sehr geehrter Herr Hüther.

Ein Mann:

Als selbst Betroffener und ausserdem in der Elternrolle kann ich nur sagen, Herr Hüther weiss nicht wirklich, wovon er redet. Es ist das ewige dumme Vorurteil, dass wir nur die Symptome korrigieren und nicht die Ursache. Dank dieser Tabletten kann mein Sohn funktionieren und und wir kaufen ihm Zeit damit er ausreifen kann - übrigens ist die Behandlung eingebunden in ein Therapiekonzept mit Kinderpsychiatern, anerkannten Leuten auf diesem Gebiet, auch wenn wir "nur" in der Schweiz sind. Die Tabletten helfen ihm damit bestimmte Funktionen ausreifen können und er Ruhe findet vor der Reizüberflutung.

Ich muss frustriert feststellen, dass die Gesellschaft trotz hervorragender Fachleute einfach kapituliert und am schlimmsten ist für mich die Schule. Gottseidank haben wir nun eine Schule gefunden, die bereit war meinen Sohn nicht nur aufzunehmen, sondern sich auch seiner anzunehmen - keine Kuschelpädagogik, sondern klare Strukturierung, Aufbau von Konfliktfähigkeit und Eigenverantwortung.

Aber nicht jeder hat so viel Glück und es macht mich traurig, dass es offensichtlich eine Frage des Glücks und nicht der Diagnose ist.

Volkes Stimme - Gottes Stimme? ... Manchmal ....

Der Schrei

Hier wird Promotion für Kinder gemacht. Den größten Schatz, den eine Gesellschaft besitzt. (Außer Goethe und Schiller natürlich.) Und deshalb auch mal die ganz profanen Ratschläge aus einer Eltern-Zeitschrift zum Thema "Was will mir mein Baby sagen, wenn es schreit?" (Berliner Morgenpost)

Was wollen Säuglinge, wenn sie wie am Spieß brüllen? Vielleicht auf den Arm genommen werden, futtern oder eine frische Windel?

Konrad Lorenz übrigens hat ein ähnliches Thema in dem Buch "Hier bin ich, wo bist du?" behandelt ... Nun also Auszüge aus einem "Schrei-Lexikon":

Der Hunger-Schrei: Wenn Babys etwas zu sich nehmen möchten, kündigen sie das mit einem anfangs fordernden Quengeln an, das bald in energisches Schreien übergeht. Beste Reaktion: Überlegen, wann die letzte Mahlzeit war. Brust oder Brei anbieten und schauen, was passiert!

Der Sehnsuchts-Schrei: Das Baby wacht auf und fühlt sich allein. Achten Sie auf einen kurzen "Kontakt-Laut". Wenn sich keiner um das Baby kümmert, geht die Sirene los. Beste Reaktion: schnell sein und in den Arm nehmen!

Der Müdigkeits-Schrei: Das Baby reibt sich die Augen oder die Nase, es gähnt und meckert. Kann ein Baby trotz extremer Müdigkeit nicht einschlafen, schreit es - und zwar immer dramatischer. Beste Reaktion: abwarten, aber in der Nähe bleiben. Babys ab sechs Monaten schlafen nach einer kurzen Heulphase oft von allein ein.

Der Stress-Schrei: Das Baby macht den Rücken steif, ballt die Hände, stößt kurze, schrille Schreie aus - es will einfach in Ruhe gelassen werden. Beste Reaktion: sofort für Stille sorgen und Lärmquellen ausschalten. Oft hilft das vertraute Bett.

Der Langeweile-Schrei: Das Baby strampelt, rudert mit den Armen. Seine Schreie sagen: "Leute, unternehmt was mit mir". Beste Reaktion: mit dem Kind reden, seine Mimik und seine Laute nachahmen, aber auch ganz normal sprechen. Die Gesichter und Stimmen von Mama und Papa hat es am liebsten.

Der Schmerz-Schrei: Eindeutig der schrillste und intensivste Schrei-Laut. Beste Reaktion: Genau nachschauen, wo es zwicken könnte. Ob der Po wund ist oder sich womöglich ein Haar um einen Zeh gewickelt hat. Bei häufig undefinierbaren Schmerz-Attacken zum Kinderarzt gehen!

Mittwoch, 20. Juni 2007

Die Pille - schafft sie ein "Klima seelischer Verhütung"?

Die "Zeit" berichtet über die neuesten Entwicklungen auf dem Gebiet der hormonellen Empfängnis-Verhütung von Frauen. (Zeit) In dem Artikel sind wesentliche Aspekte und gesellschaftliche Folgen was Pillen-Einnahme betrifft, nicht genannt.

Das "Berlin-Institut" berichtet Anfang des Jahres, daß die Pille ein sehr konkretes "Klima der seelischen Verhütung" in Paarbeziehungen und in unserer Gesellschaft allgemein schaffen könnte. (Studium generale)

Sonntag, 17. Juni 2007

"Fernhalteprämie vom Arbeitsmarkt für Mütter"

"Fernhalteprämie vom Arbeitsmarkt für Mütter" - diesen Spruch muß man sich erst mal auf der Zunge zergehen lassen: "Fernhalteprämie vom Arbeitsmarkt für Mütter". Noch einmal: "Fernhalteprämie vom Arbeitsmarkt für Mütter".

Oh, ich versuche zurückhaltend zu bleiben. Und nicht in blasphemische Zornausbrüche zu geraten. Ok ... ruhig bleiben. Ganz ruhig.

Mir liegt vor:

Butterwegge, Christoph/Klundt, Michael (Hg.): Kinderarmut und Generationengerechtigkeit. Familien- und Sozialpolitik im demographischen Wandel. Leske & Budrich, Opladen 2002

Ein vielgelesener Schinken aus der UB - viele Bleistift-Anmerkungen in den letzten fünf Jahren. Sehr lobenswert. Zeugt von großem Fleiß. Zum Beispiel steht da auf Seite 214 an den Rand geschrieben nebem dem Buchtext "Es wird eine klare und leicht handhabbare Lösung empfohlen: ein ausreichendes Erziehungsgehalt oder -entgelt soll - zahlbar bis zum Ende der Schulpflicht von Kindern - die Bereitschaft zur Übernahme von Erziehungsverantwortung stärken und Eltern eine Alternative zur Erwerbsarbeit und außerhäuslichen Kinderbetreuung erschließen." Zu diesem Buchtext also hat eine freundliche Leserin oder ein freundlicher Leser (die Schrift sieht eher weiblich aus) geschrieben: "aber: Förderung des Hausfrauendaseins". Na. Da wird ja in den Soziologie-Seminaren sehr altklug diskutiert worden sein.

Zwei Beiträge sind es jedenfalls, die in diesem Band zunächst besondere Aufmerksamkeit erregen:

Ebert, Thomas: Beutet der Sozialstaat die Familien aus? - Darstellung und Kritik einer politisch einflußreichen Ideologie (S. 99ff) und:

Stolz-Willig, Brigitte: Generationen- und Geschlechtergerechtigkeit oder:Familienarbeit neu bewerten - aber wie? (S. 213ff)

Nachdem ich beide Artikel (an-)gelesen habe, wird mir klar, daß es gegen ein Elterngehalt im Grunde keine vernünftigen Argumente gibt. Die genannte Bleistift-Anmerkung ist eigentlich alles, was dagegen vorgebracht wird. Und ist das ein Argument? Oder ist es Ideologie? - Man muß sich nur erst einmal die Argumente angesehen haben, und erkennt sofort, wie schwach und ärmlich sie sind, auf welchen dünnen, ja absurden Füßen sie stehen.

Das wichtigste Stichwort: "Erziehungsgehalt"

Das Schöne an den Beiträgen ist aber, daß sie die Literatur und die Stichworte nennen, die man konsultieren muß, wenn man sich über die Diskussion zu dieser Thematik auf dem Laufenden halten will. Das wichtigste Stichwort lautet "Erziehungsgehalt". Unter diesem Stichwort läuft die Diskussion. (Wikipedia) Ich würde es lieber Elterngehalt nennen. Denn es soll deutlich werden, daß es Müttern wie Vätern gleichermaßen zusteht. Außerdem ist Erziehung nicht das Einzige - vielleicht noch nicht einmal das Vorwiegende, was geschieht, wenn man Kinder aufzieht. Sie müssen gewickelt werden, gebadet werden, getröstet werden, man muß ihnen Einschlaflieder singen, sie wollen etwas vorgelesen bekommen, man muß ihnen Essen zu bereiten, man muß mit ihnen spazieren gehen, man muß - im Grunde meist - "nur" aufpassen, daß sie keinen Blödsinn anstellen, nicht sich und andere gefährden. "Erziehung" im engeren Sinne ist wohl bei all dem noch das Allergeringste. Im Grunde ist eine solche Benennung wiederum ein Ausfluß, ein Kennzeichen von "Verkopfung" unserer Gesellschaft, die gar nicht mehr realisiert - wie das schon Friedrich Hölderlin wußte -, daß Kinder im wesentlichen wie Pflanzen aufwachsen. Man muß sie begießen, sie brauchen Licht und Sonne. Aber wenn sie das haben, können sie von allein wachsen. Man soll ihre zarten Blätter nicht dauernd betasten und befühlen. Deshalb bleibe ich bei meinem Wort Elterngehalt. Es ist - quasi - im Wesentlichen ein "Gärtner-Gehalt". (Das Wort steckt ja auch im Wort Kindergarten drin, merke ich grade ... ;-) )

Ruhig bleiben, ganz ruhig bleiben ...

Wikipedia ist nun schon etwas einseitig ideologisch vorprogrammiert, was diesen Eintrag zu "Erzieungsgehalt" betrifft. Aber es bringt halt doch sehr aktuelle Literaturverweise. Und da entdecke ich als erstes die Überschrift: "Fernhalteprämie vom Arbeitsmarkt für Mütter". Ok. Also ... Weiter versuchen, ruhig zu bleiben. Ganz ruhig. Was steht denn in dem Artikel drin, einem Artikel vom renommierten "idw - Informationsdienst Wissenschaft"? (idw) "Erwerbswillige Zweitverdiener", "Fachkräftemangel", Reduktion der "Einnahmeeffekte für die öffentliche Hand" (wenn Eltern bei Kindern bleiben). "Verringerung des Fachkräftemangels im demografischen Wandel". Die Formulierung, die mir die Zornader schwillen läßt, stammt von "Bildungsökonom Dr. Dieter Dohmen". Ok. Lieber Herr Dr. Dohmen. Ok. ... Ruhig bleiben. Ruhig. Abschließend wird er zitiert mit den Worten:

"Das von den Befürwortern des Erziehungsbonus' dafür ins Feld geführte Gerechtigkeitsargument ist vorgeschoben. Nicht erwerbstätige Ehefrauen werden in beträchtlichem Umfang auch heute schon durch indirekte staatliche Leistungen unterstützt. Der Erziehungsbonus verstärkt die bestehende Subventionierung nur noch."

Ja. Und dazu schlage ich vor, daß man einfach allen staatlichen Familien-Förderungs-Wirrwarr streicht und dann
1. den reinen materiellen Unterhalt der Kinder staatlich sicherstellt (was heute wohl schon sowieso in weiten Teilen sichergestellt ist - halt durch "Wirrwarr") und
2. zusätzlich ein vollkommen reguläres Elterngehalt einführt.
Wir werden ja dann sehen, ob die derzeitige Lösung gerecht ist oder ob die dann eingeführte Lösung nicht um einiges gerechter ist.

Das "Gerechtigkeitsargument" - vorgeschoben?

Derzeit ist die Gerechtigkeitsfrage - offenbar - gar nicht so schnell zu klären, weil all die "Ökonomen" völlig den Überblick verloren haben, bzw. noch nie richtig versucht haben, ihn zu gewinnen, sich auf einen gemeinschaftlichen Überblick zu einigen. (Siehe frühere St. g.-Beiträge.)

Soweit ich sehe, wird jeder moderne Arbeitsmarkt durch Lohne und ihre Höhe reguliert. Das ist Thema fast jeder zweiten oder dritten Nachricht in Presse und Rundfunk. Also. Dann wendet das für die Mütter und Väter an, die ihr auf dem Arbeitsmarkt braucht. Was mich aber eben immer wieder am meisten ekelt, ja ekelt, an all den Äußerungen von "Bildungsökonomen" das ist, daß eben - und hier nur wieder allzu kraß - mit dem augenblicklichen ökonomischen Nutzen argumentiert wird. Weder wird auf die langfristige Stabilität einer hochkomplexen arbeitsteiligen Gesellschaft Rücksicht genommen, ausreichend Rücksicht genommen (die eben nur durch Kinderzahlen zu sichern ist), noch aber - was im Grunde viel schlimmer ist - auf irgendein Kindeswohl, auf irgendeinen Kinderwillen. Das taucht überhaupt nicht auf!

Kinder wollen nicht Eltern, die arbeiten. Kinder wollen Eltern. Und sie allein, diese Kinder werden die Eltern und Großeltern künftiger Facharbeiterinnen und Facharbeiter sein. Sie sollen mit Freude in das Leben hineingehen. Sie sollen Urvertrauen dem Leben gegenüber gewinnen. Sie sollen bindungsfreudige, bindungsfähige, nicht bindungsängstliche und bindungsunfähige Menschen werden. Sie sollen mutig sein. Sie sollen später "Männer- und Frauenstolz vor Königsthronen" (Schiller) beweisen. Sie sollen also in ihrer Kindheit möglichst wenig beunruhigt werden durch die Bedingungen, in denen sie aufwachsen. Sie brauchen Ruhe und streßfreie Zonen. Sie brauchen: liebende, verständnisvolle Eltern.

"Kinder vor dem Fernseher"

Oh ja, das Kindeswohl taucht dann auf, wenn man Geld sparen und Eltern verunglimpfen will. Das bei Wikipedia zitierte Handelsblatt läßt den CDU-Familienminister von Nordrhein-Westfalen, Herrn Armin Laschet, in die gleiche Kerbe hauen wie seine Bundesfamilienministerin: „Da droht die Gefahr, dass Eltern aus sozial schwachen Schichten und Eltern mit Migrationshintergrund das Geld behalten, um ihr Einkommen aufzubessern, und ihre Kinder vor den Fernseher setzen.“

Frau von der Leyen hat es mit Zigarettenautomaten und Kneipen, Herr Laschet hat es mit dem Fernseher. Wie toll! - Wenn der Staat seine Bürger im Bildungssystem auch nicht auf Elternschaft vorbereitet, wenn er nicht Verantwortungsbewußtsein fördert, wenn er den Menschen nicht "Daseinskompetenzen" vermittelt, die das klare Wissen beinhalten, daß Fernsehen nichts für Kinder ist, wenn er überhaupt eine Medienpolitik betreibt, die unter aller Sau ist - mit Verlaub gesagt - ja, dann muß er Eltern so "infantilisieren", wie er es mit einer solchen Argumentation tut. Aber mal ganz andere Frage: Wenn der Staat den Eltern nicht mehr zutraut, Kinder richtig aufzuziehen, wie will er ihnen dann zutrauen, die richtigen Politiker zu wählen? Sollte er dann nicht auch das allgemeine Wahlrecht abschaffen? Kein Wahlrecht für Eltern! Es besteht Gefahr, daß sie die falschen Parteien wählen. - Mit Verlaub gefragt. Das sind also ganz und gar undemokratische, bevormundende Argumentationsweisen.

Der Staat kann von jenen Menschen, denen er ein Erziehungsgehalt, ein Elterngehalt bezahlt, verlangen, daß sie ihre Befähigungen vorweisen und sich auf diese immer wieder prüfen lassen. Wie das in jeder sozialen Einrichtung geschieht. Er kann verlangen, daß die Eltern ihrer Erziehungspflicht in ordentlicher Weise nachkommen. Er kann das aber nur tun, wenn er auch selbst seinen Pflichten zum Schutz der Kinder vor Kinder- und Jugendgefährdung nachkommt. Solange der Staat selbst hier seine Pflichten nicht erfüllt, hat er keinerlei Recht, bevormundend gegenüber Eltern aufzutreten.

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1. Ebert, Thomas: Beutet der Sozialstaat die Familien aus? - Darstellung und Kritik einer politisch einflußreichen Ideologie. In: Butterwegge, Christoph/Klundt, Michael (Hg.): Kinderarmut und Generationengerechtigkeit. Familien- und Sozialpolitik im demographischen Wandel. Leske & Budrich, Opladen 2002, S. 99ff
2. Stolz-Willig, Brigitte: Generationen- und Geschlechtergerechtigkeit oder:Familienarbeit neu bewerten - aber wie? In: Butterwegge, Christoph/Klundt, Michael (Hg.): Kinderarmut und Generationengerechtigkeit. Familien- und Sozialpolitik im demographischen Wandel. Leske & Budrich, Opladen 2002, S. 213ff

Samstag, 16. Juni 2007

Kindergeschichten ...

"Kindergeschichten" in deutschen Tages- und Wochenzeitungen werden "trendy". Und sie werden auch immer realistischer. Und dadurch wird erkennbar, daß man für Kinder und für das Kinder-Betreuen Humor braucht. Viel Humor. Man muß vor allem über sich selbst lachen können. Und dadurch auch - automatisch - noch mehr über die Eitelkeiten anderer Leute. - Das alles ist im Grunde eine gute Entwicklung. Hier also jetzt einmal die "Zeit", in der eine kinderlose Studentin darüber berichtet, wie sie einen Tag lang das Kind ihrer Kommilitonin (einen zweieinhalb Jahre alten Jungen) einen Tag lang mit in die Uni nimmt und sich als dessen Mutter ausgibt - im "Selbstversuch". Das sollten mal andere Studentinnen und Studenten auch tun! Der Augenöffner pur. Hier nur ein paar Ausschnitte:

(...) "Uni gehen", ruft er laut, legt den kleinen blonden Kopf in den Nacken und strahlt die Professorin, Anfang 50, mit seinen roten Kinderbäckchen an. Die gibt sich unbeeindruckt von dem Kind mit den großen, blauen Augen. (...) Nur zwei Prozent der studierenden Eltern nehmen ihre Kinder regelmäßig in Vorlesungen mit. Mir wird jetzt klar, warum. Es ist total anstrengend. (...) Später beim Mittagessen in der Mensa ist es ähnlich. Einigen steht das Mitleid für mich, die junge Mutter, ins Gesicht geschrieben, andere wiederum versuchen politisch korrekt zu sein nach dem Motto: "Bloß nicht hingucken, ist doch nichts Besonderes." Da kann Keno noch so renitent die Nahrungsaufnahme verweigern und jeden Versuch dazu mit einem durchdringenden Schrei quittieren. (...)

Das Fazit des Tages: Noch nie habe ich so wenig vom Unterrichtsstoff mitbekommen, noch nie in der Mensa so wenig gegessen, noch nie habe ich vor lauter Stress vergessen, einen Kaffee zu trinken. Mit den Kommilitonen habe ich kaum gesprochen, weil die entweder das Mutter-Kind-Gespann nicht stören wollten oder nur mit dem blonden Keno geflirtet haben. Und von all den Gleichaltrigen nur noch als Mutter wahrgenommen zu werden, ist auch etwas gewöhnungsbedürftig. Selbst wenn ich sonst zusammen mit Keno auf dem Spielplatz oder beim Bauklötzestapeln schon mal an ein eigenes Kind denke - heute in der Uni überkam mich dieser Wunsch nicht. Im Gegenteil, ich bin, zugegeben, erleichtert, dass auf den langen Tag nicht noch ein kinderreicher Abend folgt. Gegen sechs Uhr entlasse ich Keno in die Arme seiner Eltern. Gegen halb zehn piept mein Handy. Eine SMS von Bianca: "Keno ist noch im Buggy eingeschlafen. War ein harter Tag für ihn." Ich sehe die Nachricht erst am nächsten Morgen. Ich schlafe zu diesem Zeitpunkt schon.

Daß alles in unserer Gesellschaft bezahlt wird, aber solche Heldentaten, nämlich das Aufziehen von Kinder nicht, seit über 50 Jahren nicht, wie so etwas möglich gewesen ist, das wird man künftigen Generationen nur schwer erklären können - wenn es sie noch geben sollte. Gibt es sie aber, dann ist ihnen ein Elterngehalt sicherlich das Allerselbstverständlichste von der Welt.

Freitag, 15. Juni 2007

Elterngehalt statt heillosem Methoden-Wirrwarr

Siebter und - vorerst - letzter Beitrag der Reihe "Warum Erziehungsgehalt?"

In der Reihe "Warum Erziehungsgehalt?" ist in sieben Beiträgen aus dem Mai und Juni 2007 der Weg aufgezeichnet, auf dem der Autor dieser Zeilen sich in Auseinandersetzung mit einigen wichtigeren Neuerscheinungen in der Fachliteratur von der offensichtlichen Notwendigkeit eines Erziehungsgehaltes überzeugte. Jeder, der sich von dieser Notwendigkeit überzeugt, sieht so in etwa die gleichen Zusammenhänge. Aber jeder mag auch auf leicht unterschiedlichem Wege zu dieser Einsicht gekommen sein. - Bei Zeit und Gelegenheit muß der Faden dieser Beiträge anhand neuerer Fachliteratur auch wieder aufgenommen werden. (Letzte Überarbeitung 11.7.09)

In den unserer Zeit angemessenen familienpolitischen Zusammenhängen zu denken, ist heute so schwierig, weil unser gesamtes Sozial- und Wirtschaftssystem nach allen möglichen Rationalitäten ausgerichtet und strukturiert ist, nur nicht nach der Rationalität, die heute für die langfristige Stabilität dieses Sozial- und Wirtschaftssystems die wichtigste ist, nämlich: daß Menschen Kinder haben. Diese Fehlentwicklung begann - das wurde hier auf dem Blog schon ausgeführt - spätestens mit der Rentenreform von Konrad Adenauer und dessen Mißachtung der Mackenroth-Thesen von 1952. Und dieser grundlegende Fehler ist bis heute von keiner deutschen Regierung jemals auch nur ansatzweise angemessen korrigiert worden.

Aber allein diese Rationalität muß im Mittelpunkt stehen. Doch stattdessen gibt es - wie es beschönigend genannt wird - einen "ausgeprägten Instrumenten-Pluralismus" auf dem Gebiet der Familienpolitik (1, S. 12, 20), also einen heillosen, hilflosen Wirrwarr von einzelnen Maßnahmen, den nur Volkswirtschafts-Doktoranden nach zwei Jahren Arbeit einigermaßen überblicken und durchschauen, und wo immer noch zweifelhaft bleiben muß, ob sie nicht grundlegendste Prinzipien übersehen oder mißachtet haben.

Dieser "Pluralismus", bzw. Wirrwarr erstreckt sich über zehn Politikbereiche (also über die Steuerpolitik, die Sozialpolitik, die Bildungspolitik und weitere Politikfelder), in denen im Laufe der Jahre nach Selbstdarstellung der Bundesregierung (d.h. im Jahr 2002) 109 unterschiedliche Maßnahmen zur Familienpolitik ergriffen worden sind, die bei heutigen Berechnungen berücksichtigt werden müssen. (1, S. 13f)

Allzu leicht kann es da passieren, daß der eigentliche Elefant im Raum übersehen wird, daß man den Wald vor lauter Bäumen völlig aus den Augen verliert.

"Ausgeprägter Instrumenten-Pluralismus"

Beim genaueren Studium kann einem zweifelhaft werden, ob die in einem früheren Beitrag (St. gen.) behandelte Volkswirtschafts-Dissertation von Frank Kupferschmidt, die eigentlich - auf den ersten Blick - eine sehr ordentliche Arbeit zu sein scheint, ob auch sie überhaupt den zu stellenden Ansprüchen genügt.

Der vorige Beitrag enthielt einen logischen Fehler, der so stehen bleiben soll, weil er aufzeigt, wie schwierig es ist, zu Klarheit auf diesen Gebieten durchzudringen. Offenbar ist das auch nicht im wesentlichen der Fehler des Autors dieser Zeilen, sondern der Fehler der benutzten Studie von Frank Kupferschmidt. Bei der Auflistung der Leistungen, die für das Aufziehen von Kindern erbracht wurden, sind in den dort angeführten Berechnungen die Leistungen, die die Familien selbst von sich aus direkt vor Ort für die Kinder erbringen, nicht enthalten. Also im Punkt 1 ist vor allem der Faktor Betreuung nicht enthalten.

Über diesen Sachverhalt geht das Buch offenbar nur in einem Nebensatz (1, S. 16) hinweg, wo es heißt:
"Die Auflistung der gesamten Aufwendungen ist jedoch nicht nur wegen der (noch) nicht ausreichenden Daten zu familiären Zeitbudgets schwierig ..."
Das heißt, mit diesen Zeitbudgets befaßt sich das Buch gar nicht. Da wird deutlich, in was für eine Schieflage die ganze Argumentation von vornherein kommt. Ja, möglicherweise wird diese Studie durch diese Nichtberücksichtigung in weiten Teilen sogar nutzlos.

Argumentation ohne Einberechnung eines Elterngehaltes nutzlos?

Das ganze Buch will also nur zur Darstellung bringen, daß Familien alle jene Leistungen, die vom Staat zum Aufziehen von Kindern geleistet werden - entweder direkt an die Eltern oder durch die Finanzierung staatlicher Schulen usw. -, sowieso schon zu 43 % selbst zuvor an den Staat abgeführt haben, da die Familien wie alle anderen auch Steuern zahlen. Dies ist der in der Studie so genannte "Eigenfinanzierungsanteil der Familien".

Aber was sagt dieser Anteil eigentlich aus? Soweit erkennbar wird, keineswegs genug, um zu einer abschließenden und gültigen Beurteilung von Leistungsgerechtigkeit oder -ungerechtigkeit zu kommen.

Die ganze Rechnung wird erst dann komplett und folgerichtig - soweit erkennbar -, wenn der im vorigen Beitrag genannte Punkt 1 mit in die Rechnung hineingenommen wird. Man ist aber zu optimistisch, wenn man annimmt, das sei in der behandelten Dissertation von Frank Kupferschmidt schon (*irgendwie*) geschehen. An dieser entscheidenden Stelle wird deutlich: Die Rechnung wird erst dann komplett, kann erst dann komplett werden, wenn man den Eltern ein Erziehungsgehalt bezahlt, das ebenso versteuert wird wie alle anderen Gehälter. So auch das Gehalt der Kindergärtnerin, die die Kinder außerhäuslich betreut, und die ja auch dafür bezahlt wird, bzw. bezahlt werden muß. Und die Rechnung wird außerdem auch erst dann vollständig, wenn mit einbezogen wird, was die Eltern für ihre Kinder für Essen, Unterkunft, Spielzeug, Reisekosten (usw.) monatlich ausgeben. Auch das muß von allen bezahlt werden, weil alle davon profitieren.

Kinder sind volkswirtschaftlich gesehen kein "Vergnügen"

Wenn das Prinzip gilt, daß die grundlegende Versorgung (Essen, Unterkunft, Kleidung, Spielzeug ...) der Kinder vom Staat (das heißt von allen) bezahlt wird (und nicht nur von den Familien selbst), weil ja auch alle davon profitieren, dann braucht es auch nichts geben, was vom häuslich verdienten Elterngehalt oder vom außerfamiliär verdienten Gehalt für die Steuerzahlung freigestellt wird. Häuslich und außerhäuslich verdientes Geld können dann gleich besteuert werden - unabhängig von familienpolitischen Erwägungen. Genauso wie ja auch das Gehalt der Kindergärtnerin nicht (per se) freigestellt wird. Es könnte sein, daß dieses letztere Prinzip größtenteils schon durch die gegenwärtigen Maßnahmen (Kindergeld, Steuerfreistellung) einigermaßen sichergestellt ist, wenn auch die Zusammenhänge für den Normalbürger völlig undurchschaubar sind. Besser durchschaubar und einfach auch sachlich richtig wäre es, wenn die Dinge so strukturiert würden, wie soeben ausgeführt.

Denn undurchschaubar bleibt es letztlich auch für die Fachleute. Das Problem ist nämlich jetzt vor allem, daß die genannte Berechnung von 43 % "Eigenfinanzierungsanteil der Familien", soweit erkennbar, im Grunde genommen gar nichts aussagt. Denn jetzt müßte man ja wieder fragen, wie gerecht oder ungerecht diese 43 % sind. Und welche Maßstäbe will man dafür heranziehen? Die Lasten für das Aufziehen von Kindern sind nur dann gerecht verteilt, wenn jeder für die Arbeit, die er - auch - in diesem Zusammenhang erbringt, ein Gehalt bekommt. Die einzigen, die keines bekommen, sind die Eltern.

Somit ergibt sich zwanglos die Forderung nach einem Erziehungsgehalt, allein schon, um überhaupt alles richtig berechnen zu können und um überhaupt sinnvoll politisch entscheiden zu können. Und dieses wird sich staffeln nach dem Alter und nach der Anzahl der Kinder. So lange es also ein Kind vor dem dritten Lebensjahr in der Familie gibt, wird auf jeden Fall das volle Gehalt einer mindestens acht Stunden arbeitenden Kindergärtnerin zu zahlen sein. Für die Betreuung eines Kindes zwischen dem dritten und dem sechsten Lebensjahr sicherlich immer noch 80 % eines solchen Erziehungsgehaltes, bei zwei und mehr Kindern 100 %, insofern beide Kinder ganztags zu Hause betreut werden. Dieses Elterngehalt können sich übrigens Vater und Mutter ganz flexibel untereinander aufteilen. (Um so flexibler übrigens, um so flexibler außerhäusliche Arbeitgeber in diesen Punkten sind.) Und natürlich kann das Elterngehalt auch dazu verwendet werden, um eine Kindergärtnerin oder eine Haushaltshilfe, ein Kindermädchen für die Kinder zu finanzieren.

Erst wenn die Sache so aufgezogen wird, kommt doch Vernunft in diese ganzen Angelegenheiten hinein und dann kann doch überhaupt erst beurteilt werden, wie gerecht oder ungerecht ein System ist. Diese Freistellungen von Steuerzahlungen waren doch nur eine ganz hilflose erste Maßnahme, auf die, soweit erkennbar wird, das Bundesverfassungsgericht gedrängt hat. Es ist nur ein Provisorium, ein Notbehelf.

Darum noch einmal grundsätzlich: Kinder sind volkswirtschaftlich gesehen kein "Vergnügen", bei dem man dafür, daß man dieses Vergnügen haben darf, bezahlen muß. Sondern Kinderbetreuung ist eine Arbeitsleistung wie jede andere auf dieser Welt. Sie muß bezahlt, das heißt entlohnt werden: durch ein Erziehungsgehalt.

Versteht man es richtig, wenn man sagt, daß Frank Kupferschmidt zur Zeit nur berechnet, daß Familien im Jahr 60 Milliarden Euro für das "Vergnügen" bezahlen, Kinder haben zu dürfen? So war der Eindruck bisher. Das wäre aber nicht richtig. Denn Familien sollen nicht mehr und nicht weniger als Kinderlose dafür bezahlen, daß es Kinder gibt, und daß Kinder großgezogen werden, sondern schlicht: gleichviel. Ob sie das tun oder nicht, kann aus dieser bisherigen Berechnung des "Eigenfinanzierungsanteils" nicht abgeleitet werden. Es sei denn, hier liegt immer noch ein großer logischer Fehlschluß vor. Wozu hat Kupferschmidt dann aber seine großartigen Berechnungen aufgestellt?

- Über eine Bekannte wird man in diesem Zusammenhang auf folgenden Netzverweis hingewiesen: "Verband der Familienfrauen und -männer e.V." Auch da macht man sich über diese Dinge Gedanken und stellt Forderungen auf wie in vielen ähnlichen Vereinigungen.

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1. Kupferschmidt, Frank: Umverteilung und Familienpolitik. Eine empirische Analyse der Verteilungs- und Umverteilungswirkungen familienpolitischer Leistungen in Deutschland. Peter Lang Verlag, Frankfurt am Main 2007 (Diss. Nürnberg 2007)
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