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Freitag, 19. März 2021

Die "rosenfingrige Eos" ...

Eine der wichtigsten Göttinnen der Urindogermanen 
- Sie haben ihre Verehrung bis nach Japan, China, Indien und über ganz Europa verbreitet

Gut bezeugt ist inzwischen, daß spätestens am Beginn der Bronzezeit unsere Vorfahren in Bezug auf Naturschönheit ähnlich empfunden haben wie noch viele Jahrtausende später ihre Nachfahren als Dichter und Künstler (Abb. 1).

Abb. 1: Honoré Fragonard (1732-1806) - Die Göttin Aurora triumphiert über die Nacht (1755)

Laut einer Forschungsstudie aus dem Jahr 2018 haben die Menschen der Frühbronzezeit Weihgaben für die Sonnen-Gottheit in der freien Natur abgelegt. Das geschah am liebsten an Orten mit freiem Blick auf den Sonnenaufgang, insbesondere am Tag der Sommer- oder der Wintersonnenwende (1).

Sorgfältig ausgewählte Bronze-Gegenstände wurden in der Frühen Bronzezeit in Schottland an auffallenden Orten innerhalb der Landschaft als Weihgaben für die Gottheit niedergelegt. Mehr als die Hälfte dieser Orte hatten direkte Sicht auf den Punkt des Sonnenaufgangs oder Sonnenuntergangs zur Winter- oder Sommersonnenwende (1). Diese Forschungsergebnisse erinnern daran, daß die Beobachtung von Sonnenauf- und -untergang an markanten Punkten in der Landschaft auch eine Rolle spielt etwa bei der Himmelsscheibe von Nebra (2).

Der Schwerpunkt scheint auf der Wintersonnenwende gelegen zu haben.

In einer früheren archäologischen Studie war schon dargelegt worden, daß diese Bronzegegenstände immer an hervorgehobenen Punkten der Landschaft niedergelegt worden waren, an landschaftlich schönen Orten, auch in Grenzbereichen von Landschaften. Das heißt, etwa am Übergang von Ackerland zu Weideland (3). Es sind das alles Umstände, die gut bezeugen, welchen Sinn unsere Vorfahren in der Bronzezeit für die Schönheiten der Landschaft hatten. 

Wenn es solche Sitten von Sachsen-Anhalt bis hinauf nach Schottland gegeben hat in der Frühen Bronzezeit, dann wird deutlich, von welcher Sehnsucht nach der Sonne die Menschen dieser Zeit beseelt gewesen sind, welche Verehrung sie ihr zugedacht haben.

Diese Verehrung spiegelt sich ja auch im "Sonnenwagen von Trundholm" (4) wider.

Die "rosenfingrige Eos"

Es ist das eine Verehrung, die sich in der "Ilias" des Homer erneut findet, etwa wenn er Eos, die Göttin der Morgenröte (Wiki) besingt als „rosenfingrige Eos“ (ῥοδοδάκτυλος Ἠώς rhododaktylos Ēōs).

Die Sehnsucht nach der Sonne gab es in Mitteleuropa schon vor dem Eintreffen der Indogermanen. In zahlreichen "Kreisgrabenanlagen" - wie der von Goseck aus dem Mittelneolithikum - kann man am Tag der längsten Nacht beobachten, wie im Südwesttor die Sonne untergeht. Am Morgen danach geht die Sonne im Südosttor wieder auf (Wiki). Die Späten Urindogermanen am Unteren Dnjepr haben auf Kurganen, die oben eine Plattform besaßen, vermutlich auch die Sonne verehrt. Sie haben aber die Verehrung der Sonne in Mitteleuropa sicher auch von den Vorgängerkulturen übernommen - so wie vieles andere.

Ob sich Homer und/oder unsere bronzezeitlichen Vorfahren die Sonne und die Morgenröte so vorgestellt haben wie dies im 18. Jahrhundert zur Darstellung gebracht worden ist etwa von dem französischen Maler Honoré Fragonard (Abb. 1), muß natürlich dahingestellt bleiben. 

Aber eine "rosenfingrige" Gottheit darf man sich so schon vorstellen, als Frau im Licht, während im Dunkel auf dem Boden noch die Nacht in letzten Träumen liegt - gegebenenfalls mit glühenden Bäckchen. Und dabei mag durchaus viel rosiger Duft ausgebreitet sein über das gesamte Geschehen. Dunkle, stille, verhaltene Morgenstimmung.

Abb. 2:  Honoré Fragonard (1732-1806) - Diana verliebt sich in den schlafenden Schäfer Endymion, um 1755 (Wiki) - Entstanden als Pendant zu Abb. 1 (NGA)

[Ergänzung, 21.2.2021] In der Besprechung zu einer Buchveröffentlichung zu dem Thema Metalldeponierungen in der Bronzezeit (5) wird deutlich, daß die Wissenschaft sich noch schwer tut, solche Deponierungen allein - oder vor allem - als Weihgaben an die Gottheit anzusehen.

Noch ein Blick in die Forschung

Es fällt ihr schwer, die Bronzezeit als eine Art Traumzeit anzusehen, als eine Art Märchen-Zeitalter, in der auch landschaftliche Schönheit und Poesie im Alltagsleben und religiösen Leben eine große Bedeutung gespielt haben können. 

[Ergänzung 29.3.2021] Der Bronzezeit-Archäologe Svend Hansen sagt jedoch klar (6) ... 

... daß es sich in der großen Mehrheit dieser Funde um Weihgaben an die imaginären Mächte handelt.

Liest man die Abhandlung von Svend Hansen, kommen einem die vielen Weihgaben an die Gottheit in Erinnerung, die zum Beispiel dem Orakel von Delphi gewidmet worden sind. - Diesem Gedanken war Svend Hansen schon 2016 nachgegangen (7). - Von einem Hortfund östlich des Ural, der Fragmente von Gegenständen und Waffen enthielt, mein Hansen, es sei (6) ...

... besser von einem Fragmenthort sprechen. Die Bronzen wurden als pars pro toto  deponiert, vergleichbar der Praxis in den jüngeren griechischen Heiligtümern. Ein oder zwei Fragmente der großen und wertvollen Dreifußkessel blieben, deponiert in Brunnen oder unter Ausschüttungen, im Besitz der Gottheit, der Rest wurde wieder eingeschmolzen und für andere Zwecke im Heiligtum verwendet.
Von vielen Hort-Orten kann inzwischen nachgewiesen werden, daß sie über mehrere Jahrzehnte, wenn nicht Jahrhunderte immer wieder neu genutzt wurden, und zwar nicht selten auch von einer "sozial gehobenen Führungsschicht". Hansen führt mit Bezug zu den bislang größten bronzezeitlichen Depotfund Europas in Moosbruckschrofen in Nordtirol (Wiki) aus (6):

Die lange Kollektionierungszeit sagt viel über die Stabilität der sozialen Ordnung. Mit seinen Überlegungen zur Sozialstruktur der hinter dem Hort stehenden Gemeinschaft hat Tomedi einen willkommenen Anstoß gegeben, aus der ethnologischen Zwickmühle von Big Man  und Chief  herauszukommen und stärker z. B. altitalische Überlieferungen politischer Organisation zu berücksichtigen. Es bleibt eine wichtige Aufgabe, die sozialen Hintergründe der Deponierung weiter aufzuhellen.

Mit "altitalische Überlieferungen politischer Organisation" wird wohl auf die Verfassung der Römischen Königszeit (Wiki) angespielt sein. In dieser gab es schon eine Gliederung der Gesellschaft in Adlige, Patrizier und Plebs. Bzw. wird auf die Gesellschaftsordnung der Etrusker (Wiki) und ihrer Nachbarstämme angespielt sein.

Abb. 3: Sonnenaufgang in der Ägäis, am Westufer des Thermaischen Golfes, am Fuße des Olymp, bei Platamonas (am 24. Oktober 2025 um 7:27 Uhr) 

Hansen referiert auch die vielen Metallhortfunde, die inzwischen der Glockenbecher-Kultur zugesprochen werden können, insbesondere auch aus Spanien, wo zum Beispiel vier Metalllanzenspitzen, zusammen gebunden durch ein Golddiadem niedergelegt gefunden worden sind.

Eine der wichtigsten Göttinnen der Urindogermanen 

[Ergänzung 19.3.2021] Die oben erwähnte Göttin der Morgenröte gehörte nach sprachwissenschaftlichen Befunden offenbar schon im Urindogermanischen zu den wichtigsten Göttinnen (Wiki):

h2éwsōs or Haéusōs (PIE: *h2éusōs, *haéusōs in anderen Varianten; lit. "die Dämmerung") ist der rekonstruierte urindogermanische Name der Göttin der Morgenröte in der urindogermanischen Mythologie. Es wird angenommen, daß h2éwsōs eine der wichtigsten Gottheiten gewesen ist, die von den Sprechern des Urindogermanischen verehrt worden ist, abzulesen an der Stetigkeit ihrer Bedeutung in nachfolgenden kulturellen Traditionen wie auch in der Bedeutung der Göttin Usas in der Rigveda. Ihre Merkmale sind in späteren Traditionen nicht nur vermischt worden mit denen der Sonnengöttin, sondern haben auch weibliche Gottheiten in anderen Mythologien beeinflußt. (...) h2éwsōs leitet sich ab von dem Wurzelverb *h2(e)wes- ("scheinen, rot glühen, eine Flamme"), das mit dem Suffix -os erweitert wird. Aus dieser Wurzel ergibt sich auch das Wort für "Gold" (...) Lateinisch aurum, Altprussisch ausis, Litauisch Dausos "die Himmelshöhen"; ausas Gold.
h2éwsōs or Haéusōs (PIE: *h2éusōs, *haéusōs and other variants; lit. "the dawn") is the reconstructed Proto-Indo-European name of the dawn goddess in the Proto-Indo-European mythology. h2éwsōs is believed to have been one of the most important deities worshipped by Proto-Indo-European speakers due to the consistency of her characterization in subsequent traditions as well as the importance of the goddess Uṣas in the Rigveda. Her attributes have not only been mixed with those of solar goddesses in some later traditions, but have subsequently expanded and influenced female deities in other mythologies. (...) *h2éwsōs, derives the verbal root *h2(e)wes- ('to shine, glow red, a flame') extended by the suffix -ós-. The root also underlies the word for 'gold', *h2ews-om ('glow'; cf. Latin aurum, Old Prussian ausis, Lithuanian Dausos 'the skies, heavens'; áusas 'gold').

Offenbar leiten sich daraus in germanischen Sprachen auch die Worte für Osten und Ostern ab. Wir lesen (Wiki):

Das neuhochdeutsche Ostern und das englische Easter haben die gleiche sprachliche Wurzel, zu deren Etymologie es verschiedene Lösungsansätze gibt. Das Herkunftswörterbuch des Dudenverlags leitet das Wort vom altgermanischen austrō > ausro „Morgenröte“ ab, das eventuell ein germanisches Frühlingsfest bezeichnet und sich im Altenglischen zu Ēostre, Ēastre, im Althochdeutschen zu ōst(a)ra, Plural ōstarun fortgebildet habe. Der Wortstamm sei mit dem altgriechischen Namen der vergöttlichten Morgenröte Ēōs und dem lateinischen aurora „Morgenröte“ verwandt, die ihrerseits weitere Sprachen beeinflußt hätten. Die zugrunde liegende indogermanische Wurzel ist das Substantiv *h₂au̯s-os „Morgenröte“, abgeleitet von einer indogermanischen Verbalwurzel *h₂u̯es- „(morgens) hell werden“[3] oder *h₂au̯s- „(aus dem Wasser) schöpfen, Feuer holen“.
Ēostra ist erstmals 738 bei Beda Venerabilis (De temporum ratione 15) belegt. Auf ihn geht die Vermutung zurück, das Wort habe eine angelsächsische Lichtgöttin bezeichnet, nach der der Monat April auf angelsächsisch Ēosturmanoth benannt war. (...) Wahrscheinlicher ist, daß Beda Volkstraditionen aufgriff, die im Rahmen frühjährlicher Vegetationsriten gepflegt wurden und mit den Matronen- und Disenkulten in Verbindung standen und darüber hinaus im damaligen paganen germanischen Raum üblich waren und teilweise heute noch tradiert werden.

In der vedischen Mythologie ist Ushas die bedeutendste aller Göttinnen.

Ushas

Und indem wir hören, von welcher Poesie ihre Verehrung umgeben ist, werden wir vielleicht mit der Rigveda - neben der "Ilias" - den besten Blick erhalten hinein in den Geist der Bronzezeit und auch schon des Mittel- und Spätneolithikums, die Zeit, in der sich Volk der Indogermanen bildete und ausbreitete (Wiki): 

Zwanzig der 1028 Hymnen des Rigveda sind der Morgenröte gewidmet, die als reich geschmückte schöne junge, aber arrogante (IV.30.8–11) Frau erscheint und als Bringerin des täglichen Lichts gepriesen wird (RV 7.78; 6.64: 10,172). Den Menschen gegenüber ist sie im Allgemeinen freundlich gesinnt, sie ist eine wohlwollende Göttin. Sie wird auch als Braut im rosa Gewand und mit goldenem Schleier beschrieben, manchmal auch als Tänzerin mit nackten Brüsten und reichhaltigem Juwelenschmuck oder als schöne, aus dem Bade kommende Frau vorgestellt. Sie wird im Dual angerufen.
Sie weckt die zusammengerollten Schläfer, damit sie ihre Opfer darbringen und erweist somit den anderen Göttern einen Dienst (RV 1.113). Ushas gibt Stärke und Ruhm (RV 1.44). Sie ist das, was das Leben antreibt, Dinge in Bewegung setzt, die Dunkelheit vertreibt und damit alle darin verborgenen Dinge aufdeckt und sie wird mit dem Atem und Leben aller lebendigen Kreaturen assoziiert (RV 1.48). Sie ist ferner eng mit rta verbunden und bewegt sich mit ihm (RV 3.61; 7.75). Oft wird sie mit einer Kuh verglichen. In Rigveda 1.92 wird sie die Mutter der Kühe genannt und wie eine Kuh, die ihren Euter zum Wohle der Menschen darreicht, so entblößt Ushas ihre Brüste, um zum Wohle der Menschheit das Licht zu bringen (RV 3.58; 4.5). Obwohl Ushas gewöhnlich als ein junges und schönes Mädchen beschrieben wird, wird sie auch Mutter (RV 1.113.12) der Götter und der Ashvins (RV 3.39.3) genannt. Sie wird von ihren Bittstellern als Mutter angerufen, die sich wie eine gute Hausvorsteherin um alle Dinge kümmert (RV 1.48). Sie ist zugleich die Göttin des Herdes (RV 6.64). Von Ushas heißt es sie sei das Auge der Götter (RV 7.75). Sie wird auch als geschickte Jägerin beschrieben, die das Leben der Menschen dahinschwinden lässt (RV 1.92). Ihre Aufgabe ist es die Menschen zu wecken, um sie zur Arbeit und Pflichterfüllung zu rufen (RV 148,92), doch sie stört nicht die im Todesschlaf versunkenen Wesen. Oft wird sie um die Vernichtung, Bestrafung und Fortjagen von Feinden gebeten, die sie in weite Ferne schicken soll. Sie erscheint als Feindin der chaotischen Mächte, welche die Welt in Schrecken versetzen (RV 1.113.12). Die Götter flehen sie an, nur die guten Menschen zu wecken. Auch erscheint sie als Göttin, welche die Jugend vergehen lässt (RV 7.75). Sie kann alles sehen, wird aber nur selten um Vergebung von Sünden gebeten. Sie ist die Herrin und Zeichen der Zeit und wird oft darum gebeten ein langes Leben zu gewähren (RV 7.77). Sie erinnert Menschen an ihre Sterblichkeit.

Die hier zusammen gestellten Beobachtungen wären es wohl wert, daß in Anknüpfung an diese noch viel umfassender herausgearbeitet würde, von wie viel Poesie, erhabenen Gefühlen, Innerlichkeit, innerer Erhobenheit das Leben vorgeschichtlicher Völker erfüllt gewesen sein kann.

/ hier auf dem Blog 
zuerst: 24.2.2021 /

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  1. The Placing of Early Bronze Age Metalwork Deposits: New Evidence from Scotland. By Richard Bradley, Chris Green, Aaron Watson. First published: 01 February 2018, Oxford Journal of Archaeology, https://onlinelibrary.wiley.com/doi/abs/10.1111/ojoa.12135?campaign=woletoc& 
  2. https://de.wikipedia.org/wiki/Himmelsscheibe_von_Nebra 
  3. Bading, Ingo: Menschen aus der Bronzezeit hatten ein Auge für die Landschaft. 13.2.2018, https://plus.google.com/+IngoBading/posts/LzyU4J9NFgR 
  4. https://de.wikipedia.org/wiki/Sonnenwagen_von_Trundholm
  5. Augstein, Melanie (2020). Rezension zu: Fontijn, D. (2020). Economies of destruction: How the systematic destruction of valuables created value in Bronze Age Europe, c. 2300-500 BC. Abingdon: Routledge. Archäologische Informationen 43, Early View, online publiziert 12. Jan. 2021
  6. Hansen, Svend:    Metalldeponierungen in Eurasien. Ein Phänomen der Langen Dauer, der Konjunkturen und der Ereignisse, 2021 (Acad)
  7. Hansen, Svend: Gabe und Erinnerung - Heiligtum und Opfer. 2016, Humboldt-Universität zu Berlin, Exzellenzcluster Topoi (Acad)

Samstag, 31. Januar 2009

Sehnsucht - ein psychologisches Konzept wird erforscht

Im Forschungs-Magazin der Max-Planck-Gesellschaft (3/2008) findet sich ein Artikel über die Erforschung der Sehnsucht (MPG-html, MPG-pdf.). Sie wird insbesondere dem psychologischen Konzept des Bedauerns ("regret") an die Seite gestellt und von ihm unterschieden. Das Konzept des Bedauerns und das damit verbundene Konzept der Verantwortung ist ja auf diesem Blog schon behandelt worden. (7.9.08) Bedauern stellt sich ein, wenn ein Ziel nicht erreicht worden ist. Sehnsucht ist diffuser: "Niemand würde sagen, ich sehne mich nach einem Doktortitel," wird eine der Erforscherinnen der Sehnsucht zitiert. Und man möchte anfügen: Allerdings. Aber man sehnt sich - mitunter - nach wissenschaftlicher Erkenntnis.


Abb.: ... Mancher Städter sehnt sich danach, auf dem Land leben zu können ...
Der Rhin - Wasserperle im Land Brandenburg
Blick auf das Dorf Molchow

Susanne E. Scheibe und Alexandra M. Freund erforschen die menschliche Sehnsucht auf den vorgegebenen Linien ihres 2006 verstorbenen Doktorvaters Paul B. Baltes. Forschungsliteratur ist dem MPG-Artikel nicht angefügt. Aber man findet zum Einstieg wohl einiges Wichtige ---> hier oder hier, insbesondere ein Review-Artikel im Gedenken an Paul B. Baltes (1, frei zugänglich ---> hier, pdf.) Einleitend schreiben darin die Forscherinnen, was ziemlich exakt so auch in den MPG-Artikel übernommen wurde (und dort auf deutsch gelesen werden kann):
The concept of Sehnsucht is strongly rooted in German culture and history. It has a central place in romantic literature and art, and a strong presence in contemporary media. In their writings and paintings, romantic poets such as Novalis or painters such as Caspar David Friedrich often expressed longing or yearning for something that is remote and often rather vague. The things longed for were perceived as unattainable but still created a want that guided passionate striving towards it. Symbolizing this quest, in Novalis’ (1876/ 1990) Heinrich Von Ofterdingen, a young medieval poet seeks the mysterious Blue Flower, the romantic movement’s symbol of the quest for the perfect yet unattainable. As the hero states, "It is not the treasures which have awakened such an inexpressible longing in me. There is no greed in my heart; but I yearn to get a glimpse of the blue flower." In its full sense, the German concept of Sehnsucht is difficult to translate into English. Yet, the basic components, such as fantasizing about and striving for ideal conditions that cannot be reached or only with high uncertainty, represent key aspects of lifespan development and should apply widely across cultures, including English speaking countries such as the U.S.A..
Und am Ende:
The research presented here is but the beginning of a psychology of Sehnsucht and many questions remain open. One is the generality of findings in cultural contexts other than Germany. As noted at the outset, the concept of “Sehnsucht” is salient in German culture, and its core connotations have evolved during the cultural era of Romanticism. The German word "Sehnsucht" is difficult to translate into most other languages. Does this suggest that Sehnsucht does not exist in other cultures? As its structural characteristics and developmental functions are assumed to reflect basic, universal aspects of lifespan development, they are theoretically expected to be universal, although cultural differences may produce some variation in their manifestation.
Und im MPG-Journal heißt es dazu noch konkreter:
Im amerikanischen Kulturkreis berichten die Menschen von ähnlichen Sehnsüchten wie Deutsche, obwohl ihnen das Konzept in seiner ganzen Breite unbekannt ist. Sehnsucht speist sich aus sechs Komponenten, die verankert sind in der Lebensspannen-Psychologie und der deutschen Kulturgeschichte, etwa in Malerei und Literatur.
Merkwürdig mutet die Behauptung der Forscherinnen an, daß erst 15- bis 16-Jährige konkrete Sehnsüchte würden benennen können. Aber was soll damit gesagt sein? Kinder haben doch auch dann Sehnsüchte, Wünsche, wenn diese nicht konkret in Fragebogen-Form abgefragt werden können? Das ist doch nur allzu offensichtlich. Überhaupt mutet es einem sonderbar an, falls ein solches Konzept wie Sehnsucht in der Psychologie nicht schon unter einer solchen breiteren Rubrik wie der des "Wünschens" ("desire") erforscht worden sein sollte. Es wird zwar eine Abgrenzung zum Konzept des Bedauerns und dem damit verbundenen Konzept des Anstrebens von konkreten Zielen vorgenommen. Nirgends aber wird - soweit übersehbar - eine Abgrenzung des Konzeptes Sehnsucht von dem noch breiteren Konzept des Wünschens diskutiert. Auch Suchterscheinungen wie Liebe wären hier zu diskutieren auf der Linie von Joachim Bauer. (---> Bücher)

Evolutionäre Wurzel der Sehnsucht: die Sucht

Und wie elementar, ja überlebenswichtig die Sehnsüchte und Wünsche ja schon bei Tieren sein können - etwa auf sozialem Gebiet (Mutter-Kind-Bindung, Gruppenzugehörigkeit) - das kann ein Blick in die Bindungsforschung, ein Blick in die Verhaltensforschung überhaupt schnell lehren. Man nehme nur die Nachfolgeprägung der Gänseküken in den Blick, diese unglaubliche Sehnsucht, der Nähe des Muttertieres versichert zu sein: "Hier bin ich - wo bist du?" Auch könnten sich Anknüpfungspunkte ergeben zu dem Konzept des "Sich-zugehörig-Fühlens-zu", das die amerikanische Primatologin Barbara J. King als die evolutionspsychologische Grundlage der menschlichen Religiosität benannt hat. (---> Bücher)

Die verhaltensphysiologischen Grundlagen von Hunger, Sucht und Sehnsucht sind übrigens auch schon in sehr weitgehendem Maße von Konrad Lorenz und seinen Nachfolgern erforscht worden. Auch hier gäbe es viele Anknüpfungspunkte: Appetenzverhalten, Schlüsselreize, Schwellenwerte und vieles andere mehr.

Hier scheint einem überall noch viel Forschungspotential vorhanden zu sein und auch Klärungs- und Abgrenzungsbedarf in den Begrifflichkeiten und Konzepten. Aber daß überhaupt das Konzept der Sehnsucht thematisiert wird, kann man für sehr wichtig erachten. Setzt es doch - um nur einen und zugleich auch schon sehr grundlegenden Aspekt zu nennen - der monotheistischen Religiosität mit ihrer mosaischen Unterscheidung zwischen Wahr und Falsch (Jan Assmann) ein ganz anderes - vielleicht seelenvolleres - Konzept entgegen, das dem seelischen und kulturellen Spielraum viel mehr Freiheit gewährt, als die eng umgrenzten Handlungsanweisungen eines monotheistischen Gottes wie: "Du sollst Vater und Mutter ehren, auf daß ..." etc. pp.. Solche Befehle weitab aller spontanen Sehnsucht kann alle (freiwillig empfundene) Sehnsucht und daraus abgeleitetes Handeln abtöten und vernichten. Und das haben sie wohl zu weiten Teilen auch schon in westlichen Gesellschaften über viele Jahrhunderte hinweg getan. - Übrigens kann man das für einen ganz wesentlichen Aspekt von Sehnsucht überhaupt halten: Sehnsucht kann - wohl - nur freiwillig empfunden werden, sie kann nicht befohlen werden. (Höchstens könnte sie durch das Anbieten von Schlüsselreizen gesteigert werden, wobei dann der Übergang von Sehnsucht zur Sucht schnell fließend wird ...).

Und nicht umsonst entstand das deutsche, "romantische" Konzept der Sehnsucht im Zusammenhang mit dem Aufschwung der deutschen, bürgerlichen Philosophie nach Immanuel Kant, ihm, dem Henker des monotheistischen Gottes - um im Bild von H. Heine zu bleiben, und um einige geistes- und weltgeschichtliche Aspekte zu benennen, um derentwillen Sehnsucht auch etwas mit Geschichtsphilosophie zu tun haben könnte und mit der Frage nach einem etwaigen (noch nicht erreichten) Ziel der Geschichte. (Man vgl. dazu etwa ---> F. Schiller)

ResearchBlogging.org



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  1. Susanne Scheibe, Alexandra Freund (2008). Approaching Sehnsucht (Life Longings) from a Life-Span Perspective: The Role of Personal Utopias in Development Research in Human Development, 5 (2), 121-133 DOI: 10.1080/15427600802034868

Montag, 18. August 2008

"Geschichten erzählen" – Ein Ursprung der Religionen

Weibliche Figuren in der Weltliteratur

Die in der Weltliteratur dargestellten Personen spiegeln evolutionär entstandene Grundtendenzen im Verhalten wieder, etwa auf dem Bereich angeborener, psychischer Geschlechtsunterschiede. Dies ist das Ergebnis einer vor drei Jahren von dem amerikanischen Psychologen Jonathan Gottschall veröffentlichten Studie unter dem Titel (übersetzt) "Die Heldin mit den tausend Gesichtern - Universelle Tendenzen in der Charakterisierung von weiblichen Märchen-Figuren" (epjournal) (1).

Abb. 1: Großmutter und Enkelin am Kamin (um 1900) (WikiCom), gemalt von Paul Hoecker (1854-1910) (Wiki)

Auf den ersten Blick ein abseitiges Thema. Warum sollte sich der moderne Mensch noch mit Märchenfiguren beschäftigen? Geht man aber der Frage nach, ob in die Auswahl der weltweiten Volksmärchen dieser Studie auch biblische, buddhistische, konfuzianische oder sokratische "Geschichten" einbeschlossen worden sind - natürlich nicht! -, wird gleich noch ein weiterer Erkenntnishorizont sichtbar.

Was ist der Sinn von "Erzählen"?

Der evolutionäre Weg der innerartlichen Kommunikation um des sozialen Ausgleichs und der sozialen Befriedung willen ging von „sozialer Fellpflege“ bei den Schimpansen zum „Klatsch und Tratsch“ bei den ersten Menschengruppen (siehe Robin Dunbar). Und dieser Weg ging weiter über das Erzählen von strukturierteren, verallgemeinerten Geschichten, schließlich zur vielleicht höchsten Errungenschaft der Menschheit: zu den „Geschichten“, die Wissenschaft und Philosophie „erzählen“. Dabei wurde der Kreis jener, mit denen man „soziale Fellpflege“ schließlich auf höchstem intellektuellem Niveau betreibt, immer größer. Und entsprechend nahm die angeborene Intelligenz in der Evolution zu. (siehe Robin Dunbar)

Man kann sich also leicht klar machen, daß die weltweit von Völkern erfundenen Mythen und Märchen eine Vorstufe von menschlicher Religion und Philosophie darstellen, also einen Abschnitt hin auf dem Weg zu den heute ausgebildeten Formen menschlicher Religiosität und ihrer Weitergabe durch "Erzählen". Auch noch die Bibel etwa oder der Buddhismus „erzählen“ über weite Strecken einfach nur „Geschichten“.

(Nebenbemerkung: Ein gutes Kunstwerk ist daran erkennbar, daß die „Absicht“ des Künstlers nicht so leicht und unmittelbar erkennbar wird. Bei den Geschichten der Bibel wird die „Absicht“, die „Moral von der Geschicht’“ fast immer gleich mitgeliefert: „Ich aber sage euch …!“ Der moderne Mensch zumindest erkennt die Absicht und ist verstimmt. Das Schöne an den Märchen und Mythen der Völker ist oft, daß sie nicht dauernd nur mit hoch gehobenem Zeigefinger daher kommen. Daß sie der Phantasie und dem menschlichen Handeln viel größere Spielräume lassen, dennoch aber bestimmte Verhaltensmuster "nahelegen", als vorbildlich darstellen.)

Bevor das antik-griechische wissenschaftliche Denken und Erzählen ausgebildet wurde, erzählte man sich die traditionellen Götter- und Heldengeschichten, etwa dargestellt in der "Ilias" oder bei den heidnischen Völkern Mittel- und Nordeuropas in "Götter- und Heldensagen":

„Urzeiten war’s, als Adler schrie’n
und heilige Wasser von Himmelshöhen rannen …“

Jedenfalls: Nimmt man alle diese Dinge zusammen, würde sich die Evolutionäre Religionswissenschaft über weite Strecken nur als ein „Spezialfall“ der Evolutionären Literaturwissenschaft erweisen und diese wiederum über weite Strecken als ein „Spezialfall“ der historischen Volkskunde.

Religionswissenschaft ein "Spezialfall" der Literaturwissenschaft

Religionsgemeinschaften wären dann einfach Gemeinschaften von Menschen, in denen man sich dieselben Geschichten - vor allem auch mit philosophischer oder religiöser, schließlich wissenschaftlicher Bedeutung - erzählt. Und was machen Blogger anderes als Geschichten erzählen? - Willkommen im Club!

Geschichten erzählt man sich, um Identität zu formen, um sich in der Welt zu recht zu finden, um die Welt und das eigene Leben zu strukturieren. In Geschichten, "Szenarien" versetzen wir uns in andere Personen, probieren wir Handlungsalternativen aus, ohne uns selbst konkret für eine bestimmte Handlung entscheiden zu müssen. Diese Möglichkeit zur "inneren Bühne" besitzen außer dem Menschen nur die intelligentesten Tiere in Ansätzen, etwa die Schimpansen. Aber auch die Schimpansen können kaum differenzierter über ihre jeweiligen "inneren Bühnen" mit anderen Schimpansen kommunizieren. Das ist es ja, was einem beim Umgang mit Tieren oft so bedauerlich erscheint.

(Ein weiterer Differenzierungsschritt bezüglich „innerer Bühne“ ist die heute viel diskutierte „Theory of Mind“, also daß man sich in die „innere Bühne“ eines anderen versetzt und Hypothesen darüber aufstellt, was dort gegenwärtig „passiert“. Das kann auch in einem Rückkoppelungsprozeß stattfinden nach der Art: „Er denkt, daß ich denke, daß er denkt …“ entsprechend des fortgeschrittenen Schachspielers: „Wenn ich so ziehe, zieht er so, ziehe ich so, aber er wird auch sehen, daß ich so ziehen kann, also zieht er so …“)

Kommunikation über die "innere Bühne"

Hat nun auch die moderne Gesellschaft noch ihre "Narrationen", ihre "Erzählungen" zur Identitäts-Bestimmung und zur Übung und Steigerung intellektueller Kapazitäten? Gewiß. Aber was „erzählen“ moderne Gesellschaften ihrer Jugend, um sie in die heutige Welt hineinzuführen, um ihnen die Strukturierung des Lebens zu erleichtern? ... An dieser Stelle genug der Abschweifung!

Zurück zu Gottschall. Weibliche Protagonisten in der Weltliteratur untersucht er nicht mehr ausgehend von der Freudschen Psychoanalyse, sondern ausgehend von der modernen Evolutionstheorie:

This research seeks universal patterns in dimensions of female protagonist characterization where evolutionary theory and research suggests one should find them. The expectations of this study were as follows. On the basis of kin selection theory (Hamilton, 1964) it was expected that female protagonists would devote substantial effort to assisting their kin, especially their close kin, relative to non-kin and distant kin. On the basis of research into human mate preferences inspired by sexual selection theory, it was predicted that female characters, relative to their male counterparts, would place greater emphasis on a potential mate's wealth, status, and kindness (a potential signaller of commitment) than on his physical attractiveness (Buss, 1989).
On the flip side, given the heavy emphasis males place on the attractiveness of potential mates in world cultures, it was expected that there would be markedly greater emphasis on the physical attractiveness of female characters relative to male characters. On the basis of Darwin-Trivers sexual selection theory (Darwin, 1871; Trivers, 1972), it was predicted that female protagonists would be identified as less "active," less "courageous," and less likely to be defined as "physically heroic" than their male counterparts. This is because sexual selection theory predicts that, in most sexually reproducing animals, males will be more prone to risk taking behavior in the competition for mates; males' higher likelihood both of reproducing prolifically and dying without issue gives them positive and negative incentives to compete intensely and riskily for mates, and for the social status and resources required to attract and retain them (for reviews of sexual selection literature see Anderson, 1994; Miller, 1999).
Finally, it was expected that one side effect of the higher activity, courage, and heroism ratings of males characters would be an abundance of male main characters relative to female main characters. It was assumed that active characters (as well as the courageous and physically heroic) would be more compelling than passive characters, and thus more likely to play central roles in narratives. While some of these expectations may seem obvious on the basis of commonsense, they are at odds with the dominant humanities models, which predict strong inter-cultural variability given the basically arbitrary nature of human social and gender arrangements.

Zusammengefaßt: Aus Sicht der Evolutionstheorie "sollten" weibliche Protagonisten in der Weltliteratur besonders ihre Verwandten unterstützten, bei der Geschlechtspartnerwahl stärker auf Wohlstand, sozialen Status und Mitmenschlichkeit achten denn auf körperliche Attraktivität, während für die männlichen Protagonisten eine deutlich höhere Beachtung der weiblichen körperlichen Attraktivität eine Rolle spielen "sollte". Die weiblichen Protagonisten sollten weniger "aktiv", weniger "mutig" und weniger "physisch heroisch" sein, während das stärker Risiko-in-Kauf-nehmende Verhalten der männlichen Protagonisten mit ihrer evoluierten Partnerwahlstrategie zusammen passen sollte.

Paul Hoecker (1854 - 1910) - Großmutter und Enkelin (um 1900)

Vielleicht wenig erstaunlich, daß sich all diese Erwartungen aus der Sicht der Evolutionstheorie in der Studie bestätigten. Da aber auch konkurrierende Literaturtheorien vorliegen, die solche Universalien nicht annehmen, war der Beweis doch zunächst einmal zu erbringen, daß sich Evolutionstheorie erfolgreich auf Weltliteratur anwenden läßt.

Evolutionäre Literaturwissenschaft

Nachdem solche Nachweise auf dem Gebiet der Geschlechtsunterschiede erbracht worden sind, kann man weiterschreiten in der evolutionspsychologischen Erforschung der Weltliteratur und auch die engeren religiösen Bedeutungen von "Narrationen" in den Blick nehmen, die konsensbildenden, Kooperation und gemeinsames, kooperierendes Verhalten verstärkenden Funktionen derselben. Die „Einstimmung auf das Leben“, die durch diese geschieht.

Man wird dann auch schrittweise genauer typische Unterschiede zwischen den Volksmythologien, gesellschaftlichen Mythologien aus evolutionärer Sicht erklären können, sowohl aufgrund geographischer wie historischer wie biologischer Umstände und Gegebenheiten. Etwa könnten sie erklärt werden mit unterschiedlichem Pathogen-Befall von Gesellschaften (siehe frühere Beiträge) oder auch mit dem unterschiedlichen Vorwiegen von ADHS-Anlagen in einer Gesellschaft und anderem mehr.

Vielleicht können dann auf diese Weise auch Unterschiede etwa zwischen dem monotheistischen erzählenden "Winken mit dem moralischen Zaunpfahl" und den fabulierenden, polytheistischen Geschichten der antiken Griechen und sonstigen heidnischen Völker evolutionstheoretisch in den Blick genommen werden.
__________

  1. Gottschall, J. (2005). The heroine with a thousand faces: Universal trends in the characterization of female folk tale protagonists. Evolutionary Psychology, 319, 85-103
  2. Jonathan Gottschall: The Heroine with a Thousand Faces: Universal Trends in the Characterization of Female Folk Tale Protagonists. Evolutionary Psychology, human-nature.com/ep – 2005. 3: 85-103 (pdf.)

Dienstag, 5. August 2008

Beeinflussen Krankheitsgefahren die Gruppen- und Religionspsychologie?

Neue Forschungsansätze aus der Soziobiologie

Die amerikanischen Biologen Corey L. Fincher und Randy Thornhill haben eine neue These zur Evolution menschlicher Sprach- und Religionsgemeinschaften erarbeitet. Da über diese These zumeist im Zusammenhang mit dem Schlagwort "Parasitenbefall" berichtet wurde, haben das viele Leser womöglich ein wenig zu abwegig gefunden, um weiterzulesen.

Abb.: Kranker Mensch - Gemälde von Ferdinand Hodler, Juni 1914 (Wiki)

Aber die These ist letztlich viel allgemeiner, so wird es deutlich wird, wenn man sich die Originalartikel anschaut (Oikos, Proc. Roy. Soc. B, Proc. Roy. Soc. B).

Der Ausgangspunkt ist lokale genetische Humanevolution, zunächst bei der Krankheitsabwehr des Menschen. Für solche lokale genetische Humanevolution haben ja die Genetiker in den letzten Jahren eine Fülle von neuen Hinweisen gefunden. ("Studium generale" berichtete häufig darüber.) Es handelt sich hier um sehr allgemeine Erkenntnisse und Konzepte, die weit über lokal unterschiedlichen Parasitenbefall und genetische, psychologische und kulturelle Anpassung an diesen auf Gruppenebene hinausgehen.

Jüngste, lokale Humanevolution aus der Sicht der traditionellen Soziobiologie

Soweit übersehbar sind das zwei erste Studien von Seiten der "traditionellen" Evolutionären Psychologie (bzw. der Soziobiologie), die konkreter alle die neuen Erkenntnisse in der Humangenetik der letzten zwei, drei Jahre zu jüngster, lokaler Humanevolution aufnehmen - oder sich doch sehr konkret auf theoretischer Ebene an sie annähern. Allein aufgrund dieses allgemeinen theoretischen Ansatzes verdienen die beiden Studien von Fincher und Thornhill Beachtung, auch wenn der in diesen Studien erörterte Ansatz selbst noch nicht für sich verbürgen sollte, daß man gleich im ersten Schritt schon zu sehr gut verallgemeinerbaren Ergebnissen kommt.

Anpassung an unterschiedlichen Krankheitsgefahren ist sicherlich ein Aspekt von menschlichem Gruppenverhalten. Aber sicherlich auch nicht der einzige. Der Denkansatz selbst ist jedoch so grundlegend, daß er sehr leicht erweiterungsfähig sein wird in viele Richtungen. Das mag spürbar werden, wenn nur allein einige Stichworte genannt werden aus dem zweiten Originalartikel: "locally adaptive immunity", "spacial variance in the immunbiology", was beides sowohl auf genetischer, wie psychologischer wie kultureller Ebene Auswirkungen hat, nämlich in Richtung von: "philopatry" (Heimatliebe), "ethnocentrism", "xenophobia", "collectivism", "individualism", "average coefficient of relatedness of ego's interactions over the lifetime", "flow of ideas and values", "markers of commitment", "ethnic code as a honest signal" (der "ethnische Code als ein ehrliches Signal") und so weiter und so fort.

Wie man in der Wissenschaftsberichterstattung und in der Blogszene sehen kann, sind das Studien, die beispielsweise Sprachwissenschaftler gleichermaßen interessieren wie Religionswissenschaftler. Auch dieser Umstand deutet darauf hin, daß man es hier mit einem sehr grundlegenden Denk- und Forschungsansatz zu tun hat. Die Berichte und Blog-Stellungnahmen (hier eine Auswahl: Spektr. d. Wiss., BdW, ORF, Kath.net, Spiegel, Tagesspiegel, New Scientist, Science, Telegraph, Homo economicus' Weblog, Bad Idea, Bremer Sprachblog) sind, wenn man sie mit den Originalartikeln vergleicht, oft noch viel zu oberflächlich und undifferenziert. "Studium generale" wird deshalb versuchen, auf diese Studien noch einmal differenzierter zurückzukommen.

Auszüge aus der Wissenschafts-Berichterstattung 

Hier zunächst nur einige wertvollere Auszüge aus der Berichterstattung. Der ORF schreibt:

Überprüft wurde diese These erstmals in den 1970er Jahren, als Forscher verschiedene Pavianpopulationen untersuchten. Es zeigte sich, dass in der afrikanischen Savanne die Affen von ähnlichen Bakterien befallen waren und in regem Austausch miteinander standen. In den Regenwäldern hingegen unterschied sich der Bakterienbefall zwischen den Populationen stark und die Paviane interagierten weit weniger. Die verschiedenen Parasiten, so lautete der Schluss, sind eine treibende Kraft der Evolution. Corey Fincher und Randy Thornhill meinen, daß dies auf für die Menschen gilt. (...) Wie sie in ihrer Studie schreiben, gab es überall eine strenge Korrelation zwischen diesen beiden Größen: Je mehr Sprachen es in einem Gebiet gibt, desto unterschiedlicher sind auch die Krankheitserreger, die die verschiedenen Menschengruppen tragen.
Und:
"Individuen müssen Kosten und Nutzen beim Kontakt mit Artgenossen abwägen", meinte Fincher gegenüber dem Online-Dienst des "New Scientist". Zu den Kosten zähle die Gefahr, sich mit Krankheitserregern eines fremden Individuums anzustecken, an die das eigene Immunsystem nicht angepaßt ist. Ist diese Gefahr hoch, wird der Kontakt eingeschränkt.
Man meidet also Gruppenfremde, um etwaige Ansteckungen zu vermeiden. Dazu paßt ein früheres Forschungsergebnis, nach dem vor allem schwangere Frauen stärker zwischen Gruppenfremden und Gruppenzugehörigen unterscheiden, da sie gesundheitlich besonders gefährdet sind (EHB 2007). Weiter:
Hintergrund der Studie ist ein bekanntes Phänomen der Ökologie: Die Artenvielfalt ist rund um den Äquator, in den Tropen und Subtropen, am größten, die Regenwälder sind jene Regionen mit der höchsten Artendichte und -vielfalt. Je näher man zu den Polen kommt, desto geringer ist die Biodiversität.

Aber die Forscher ziehen noch viele weitere Implikationen aus ihren Studien. Nicht nur die Größe, sondern auch die Art der Sprach- und Religionsgemeinschaften sei durch die Häufigkeit unterschiedlichen Parasitenbefalls bedingt. Hier geht es um den Unterschied zwischen mehr kollektivistischen oder mehr individualistischen Gesellschaften. Vor zwei Jahren hat der ORF schon über eine ähnliche Studie zu Parasiten berichtet (ORF, Proc. Royal Soc.). Hier wurde behauptet, daß der höhere Befall mit einer Parasitenart in Brasilien zu höheren Ängstlichkeits- und Neurotizismus-Raten, sowie zu höherer Betonung von Männlichkeit führe:

... Könnten gewisse Charakteristika nationaler Kulturen auf den Einfluß eines Parasiten zurückzuführen sein? Für die Hypothese spricht, daß der Infektionsgrad mit T. gondii regional sehr unterschiedlich ist. In Großbritannien und Norwegen liegt er bei sieben bzw. neun Prozent, in Brasilien und dem Balkan sind hingegen zwei Drittel der Bevölkerung infiziert.
Eine statistische Analyse von Lafferty zeigt indes, daß tatsächlich ein Zusammenhang zwischen der Verbreitung des Parasiten und gewissen Persönlichkeitsfaktoren besteht: Gesellschaften, die eine hohen Anteil Infizierter aufweisen, erreichen auch höhere Werte bei Persönlichkeitstests bezüglich Neurotizismus. Zusammenhänge, wenn auch weniger ausgeprägt, gibt es außerdem bei zwei Faktoren, die vom Niederländer Geert Hofstede eingeführt wurden, um das gesellschaftliche Klima in Kulturgruppen zu charakterisieren: Gesellschaften mit vielen Infizierten weisen eine tendenziell geringere Risikobereitschaft (bzw. höhere "uncertainty avoidance") auf und orientieren sich daher vermehrt an vorgegebenen Regeln. Und sie sind, in der Terminologie von Hofstede, eher "maskulin" - d.h., sie halten eher an traditionellen Geschlechterrollen fest.

Detaillierteres zu diesen Dingen noch einmal in einem weiteren Beitrag.

ResearchBlogging.org

/ leicht überarbeitet: 10.3.2021 /

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  1. Corey L. Fincher, Randy Thornhill (2008). Assortative sociality, limited dispersal, infectious disease and the genesis of the global pattern of religion diversity Proceedings of the Royal Society B: Biological Sciences, -1 (-1), -1--1 DOI: 10.1098/rspb.2008.0688

Samstag, 17. Mai 2008

Die Moderation des wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Diskurses zu Fragen von Evolution und Religion

Der Workshop der Templeton Foundation in Frankfurt und die Wissenschafts-Blogger

Die Teilnahme am Workshop der Templeton Foundation zur Evolution der menschlichen Religiosität in Frankfurt war ein tolles Erlebnis, für das ich den Veranstaltern Michael Blume, Elisabeth Gräb-Schmidt und Wolfgang Achtner an dieser Stelle noch einmal herzlich danken möchte. Und ebenso Dank an Lars Fischer für die Möglichkeit, darüber in einem Gastbeitrag in seinem Blog berichten zu können. Ich war ja von den Veranstaltern ausdrücklich als "Wissenschafts-Blogger" eingeladen worden, was vielleicht auch schon als eine gewisse Aufwertung des Mediums Wissenschafts-Blog gewertet werden kann.

Mir sind aber auch sonst auf der Rückfahrt noch mancherlei Gedanken dazu gekommen, wie man eigentlich ein solches, heute so wesentliches, interdisziplinäres Gespräch in dem weiten Feld zwischen Theologie, Religionswissenschaft, Philosophie und Naturwissenschaft moderieren sollte. Dazu will ich in den nächsten Tagen noch einmal Stellung nehmen und Vorschläge machen.

"Studium generale"

Gerade eine solche Moderation ist es ja, muß es ja sein, so wurde mir wieder einmal klar, die auch das Ziel eines jeden guten "Studium generale" ist. (Und während meines Studiums in Mainz habe ich ein solches gutes "Studium generale" kennenlernen können.) Diese Frage der Moderation berührt also die Kernfragen auch dieses Blogs. Und es war toll, in den persönlichen Begegnungen in Frankfurt (und am nächsten Tag in Gießen) dazu so viele neue Anregungen bekommen zu können. - Und auch jetzt noch in der Nachbereitung.

Denn gerade finde ich, daß Martin Ragg vom "Humanistischen Pressedienst" auf diese Veranstaltung hingewiesen hat und auf ihre Thematisierung in den "Wissenslogs" von "Spektrum der Wissenschaft". Dies geschah mit folgenden Worten von Seiten dieses atheistischen Pressedienstes:
Wissenslogs: Was nützt der Glaube? Ist Atheismus ein biologischer Nachteil?

Der Spektrum-Verlag betreibt unter www.wissenslogs.de eine Reihe von Blogs, in denen sich unterschiedliche Autoren mit "Wissenschaftsthemen" auseinandersetzen. Die Plattform wird ab dem 16. Mai die Ergebnisse eines Workshops "Gibt es eine Wissenschaft der Religion – Die Evolutionäre Grundlage des religiösen Glaubens" dokumentieren.

Aus der Ankündigung:

"Religion und Spiritualität gehören zur Grundausstattung menschlicher Kulturen überall auf der Welt. Ob Jesus, Mohammed, Buddha, geglaubt wird überall. Doch warum eigentlich? Ist Religiosität womöglich angeboren? Am Donnerstag, den 15. Mai treffen sich an der Johann Wolfgang Goethe-Universität zu Frankfurt Biologen, Pädagogen und Religionswissenschaftler im Rahmen der Templeton Research Lectures 2008 zum Workshop „Evolution der Religionen“, um diese Fragen interdisziplinär zu diskutieren."
Ein spannendes Thema - interessant dürfte auch sein, wie die "Blogs" die Diskussion aufgreifen und wie hier im Rahmen der Tagung die "neuen Medien" genutzt werden.
Hoffentlich sind die in diesen Worten mitschwingenden Erwartungen nicht zu hoch gesetzt worden. Es sollte nämlich nicht übersehen werden, daß trotz der guten Besetzung unter den Diskutanten der Workshop insgesamt nur drei Stunden dauerte, und daß die Diskutanten in ihren jeweiligen, höchstens fünfminütigen Stellungnahmen ihre eigenes Denkmodell nicht gründlich präsentieren, sondern bestenfalls andeuten konnten.

Das ist noch längst nicht ausreichend, um das interdisziplinäre Gespräch und auch das Gespräch "aus dem Elfenbein-Turm der Wissenschaft" heraus in die Öffentlichkeit wirklich nachhaltig befruchten zu können. - Und das wäre dann gleich auch schon ein erstes Nachhaken hinsichtlich der Frage, wie man solche interdisziplinären Gespräche überhaupt moderieren könnte oder sollte. - Vielleicht macht sich dazu auch der "Humanistische Pressedienst" oder die "Giordano Bruno Gesellschaft" einmal erneut Gedanken?

Regelmäßigere Wissenschafts-Blogger-Stammtische?

Eines steht jedenfalls fest: Das Interesse an der Thematik ist überall so heftig spürbar, ob nun bei Gläubigen oder Ungläubigen, ob unter Wissenschaftlern oder interessierten Laien, daß es nur noch an der geeigneten Plattform - und vor allem auch an der gut durchdachten Moderation - fehlt, um damit vielleicht noch mehr Menschen "fesseln" zu können (wissenschaftlich wie außerwissenschaftlich), als das bisher schon geschehen ist.

Ganz unprätentiöser Vorschlag, solange man nicht von besseren hört: Sollte man vielleicht einfach früher oder später z.B. in jeder größeren Stadt so etwas wie "Wissenschafts-Blogs-Leser-Stammtische" gründen oder so etwas wie "Evo-Theo-Stammtische"?

Ist ja nur so eine Frage ... Wenn "Studium generale" den sich selbst gestellten Anspruch ernst nimmt, sollte man jedenfalls in diese Richtung weiterdenken.

Montag, 5. Mai 2008

Was belebt die Religiosität - Einheitlichkeit oder Vielfalt?

Religionswissenschaftler Michael Blume betont immer wieder, wie vorteilhaft sich "freie religiöse Märkte" erweisen würden. Er sieht aber andererseits auch, wie durch zu wenig Gemeinsamkeiten Gesellschaften und Staaten auseinanderbrechen können. Er nannte dazu einmal das Beispiel Belgien. Das neueste Forschungs-Heft der Universität Frankfurt (1/2008 - pdf.) enthält mehrere Beiträge zur Religionswissenschaft. Unter anderem wird auch die Frage gestellt: "Mehr Konkurrenz = vollere Kirchen?" (S. 12) Darin beschäftigt man sich mit dieser oft von Michael erörterten These. Es heißt dort (Hervorhebung durch mich, I.B.):

Brauchen auch Religionen einen freien Markt, um sich im gesunden Wettbewerb messen zu können? Die Soziologin Prof. Dr. Sigrid Roßteutscher, die im vergangenen Sommer an die Universität Frankfurt berufen wurde, hat sich in einer international vergleichenden Studie mit der Natur religiöser Märkte und der demokratischen Rolle religiöser Zivilgesellschaften beschäftigt. Ihre wissenschaftliche Arbeit kontrastiert ökonomische Theorien mit der These, dass sich die Säkularisierung weiter durchsetzt.

Ökonomische Theorien zur Religion behaupten, dass nur freie Märkte - Gesellschaften, in denen der Staat seine Kirchen weder privilegiert noch finanziert oder reguliert - einen gesunden Wettstreit der Religionen hervorbringen. Nur die Konkurrenz um "Kunden", so das Argument weiter, schaffe kundenorientierte attraktive religiöse Angebote, während Priester in staatlich finanzierten Monopolkirchen gar von leeren Kirchen profitierten. Die ökonomische Theorie kontrastiert das partizipative, lebendige religiöse Leben der USA mit den apathischen, religiös indifferenten Staatskirchensystemen Skandinaviens, wo kaum noch Menschen die Kirche besuchen.

Die Säkularisierungstheorie behauptet das Gegenteil: Wird Religion aus der Öffentlichkeit verdrängt, wird sie mit alternativen religiösen Angeboten und Interpretationen konfrontiert; Menschen fangen an zu zweifeln, der Glaube wird relativiert. Entfremdung und Kirchenaustritt sind die Konsequenz.

Roßteutscher hat das religiöse Vereins- und Organisationswesen in verschiedenen europäischen Kommunen, in Nationen mit unterschiedlichen Staatskirchensystemen und konfessioneller Zusammensetzung untersucht - unter anderem in Aalborg (Dänemark), in Bern und Lausanne (Schweiz), in Aberdeen (Schottland), in Sabadell (Spanien), in Enschede (Niederlanden) sowie Mannheim und Chemnitz. Die Hauptergebnisse der Studie lassen sich knapp zusammenfassen: Der Freiheitsgrad religiöser Märkte ist für eine Erklärung individuellen Engagements irrelevant. Falls solche Zusammenhänge aufschienen, so zeugten sie meist vom Vorteil regulierter, wenig pluralistischer Situationen. Der Gegenspieler der ökonomischen Theorie, die Säkularisierungstheorie, bietet eine Erklärung, die diesen Befunden eher entspricht: Dort, wo die Religion sichtbar ist, dort, wo sie in viele zentrale staatliche Leistungen (etwa im Bildungssektor oder in der Wohlfahrtsproduktion) eingebunden ist, dort, wo die Strukturen noch intakt sind, da der eine "wahre Glaube" nicht durch eine Vielzahl konkurrierender Konzeptionen des Göttlichen geschwächt ist, dort sind mehr Menschen religiös engagierter als in der idealisierten Welt religiösen Wettbewerbs im freien, deregulierten Markt.

Deutlich viel versprechender schien Roßteutscher die Anwendung der Organisationstheorie, welche die partizipativen und Sozialkapital generierenden Leistungen in einen Zusammenhang mit spezifischen Organisationsmerkmalen stellt. Doch der in der Theorie gefeierte kleine, flache, dezentrale Verein ist aus empirischer Sicht ein Mythos. Dazu Roßteutscher: "Der Idealverein, der Verein, der am ehesten Sozialkapital generiert und viele Menschen in das Netz freiwilliger Organisationen integriert, ist der arbeitsteilig organisierte, wohlhabende und professionell geleitete Großverein. Mehr noch: Der so häufig angenommene Organisationsvorteil protestantischer Organisationen gegenüber der Organisationswelt des Katholizismus beruht genau auf diesen Organisationscharakteristika." Calvinistische Vereine sind katholischen Vereinen in Punkto Rekrutierung und Sozialkapitalbildung überlegen, weil sie größer, hierarchischer, arbeitsteiliger und wohlhabender sind als katholische Vereine. Roßteutschers Studie, Ergebnis ihrer an der Universität Mannheim entstandenen Habilitation, erscheint im Frühsommer 2008 unter dem Titel "Religion, Konfession, Demokratie" im Nomos Verlag.

Aus: Wissenschaftsmagazin Forschung Frankfurt 1/2008 Schwerpunktthema "Religion in der Gesellschaft" Kostenlos anfordern: steier@pvw.uni-frankfurt.de
Hm! Ich denke, das werden wir uns und Michael sich noch genauer anschauen müssen und wir werden dazu künftig etwas differenzierter argumentieren müssen. Übrigens passen die Ergebnisse auch gut zu anderen Forschungen zum Thema "multikulturelle Gesellschaft". Religionsgemeinschaften und Ethnien haben ja viele Ähnlichkeiten und Überschneidungen.

Nach jüngsten Forschungsergebnissen, über die im letzten Jahr auch hier auf dem Blog berichtet wurde, sind Menschen viel sozialer, engagierter und einander zugewandter in "entmischten" Wohngegenden als in "vermischten". Auch hat die Forschung ja schon die starken wohnräumlichen Entmischungs-Tendenzen in den USA gründlicher unter die Lupe genommen und nach Ursachen und Auswirkungen gefragt. Gleich und gleich gesellen sich gern - auf allen Gebieten des sozialen Lebens - und wie wir nun wissen auch auf dem religiösem Gebiet.

Dienstag, 8. April 2008

Ina Wunn's Beitrag zur Religionsbiologie

Am 15. Mai wird die deutsche Sektion der anglo-amerikanischen "Templeton Foundation" in Frankfurt am Main einen "Workshop" für Biologie- und Religionslehrer zum Thema "Evolution der Religionen" veranstalten.

Von den dortigen Referenten scheint mir die Bielefelder Religionswissenschaftlerin Ina Wunn besonders lesenswert zu sein. Und darauf möchte ich hier kurz hinweisen. (Sie ist übrigens auch als Kommunal-Politikerin für die FDP in Niedersachsen tätig.) Ihre Habilitation von 2002 "Die Evolution der Religionen" ist frei im Internet als pdf.-Datei herunterladbar. Sie referiert dort zwar fast nur Theorie, nur sehr wenig (religionsgeschichtliche) Empirie. Aber die Stärke der Arbeit besteht darin, daß sie wichtigere Evolutionsdeutungen zur Religion des Menschen aus dem gesamten 19. und 20. Jahrhundert referiert. Also nicht nur Charles Darwin und seine Traditionslinie werden referiert, in die man ja nicht nur Richard Dawkins, sondern wohl - cum grano salis - auch Michael Blume wird einordnen dürfen, sondern insbesondere auch der Begründer des Positivismus, Auguste Comte und seine seine Traditionslinie, die über Herbert Spencer und Denker des 20. Jahrhunderts ebenfalls bis in unsere Zeit reicht.

Und diese denkerische Traditionslinie birgt doch so manchen fruchtbaren Gedanken, so inbesondere das "Dreistadien-Gesetz" Auguste Comte's und alle späteren Ableitungen, die sich daraus ergeben haben. Leider nimmt Ina Wunn bei der Formulierung ihrer eigenen Theorie auf diese Traditionslinie dann so gut wie keinen Bezug mehr (so weit ich sehe). Doch sich gerade auch von diesen Gedanken anregen und inspirieren zu lassen und zu versuchen, sie an das heute bekannte empirische und theoretische Material (aus der Humangenetik, Soziobiologie und Historischen Demographie) noch enger heranzuführen, könnte man für außerordentlich spannend und sinnvoll halten.

Kritikpunkte

Zu kritisieren sind aus meiner Sicht an der Arbeit von Ina Wunn zunächst vor allem zwei Punkte:

1. Im Mittelpunkt steht bei Ina Wunn eher die "Evolution der Religionen" (wie der Titel sagt) und nicht die Evolution menschlicher Religiosität an sich. - Der Unterschied besteht meiner Meinung nach in folgendem: Äußere Formen der Religion sind ja recht leicht von der (wissenschaftlichen) Vernunft erfaßbar und vergleichbar. Wenn man diese äußeren Formen erforscht, gerät aber das Zentrale aller menschlichen Religiosität, von dem in letzter Instanz - zumindest im Selbstverständnis aller religiösen Menschen - auch alle äußere "Religion" bestimmt ist, allzu leicht an die Randbereiche der wissenschaftlilchen Aufmerksamkeit.

Menschliche Religiosität ist ja wohl vor allem gerade dadurch definiert, daß sie in Bereichen wurzelt, die gerade jenseits der menschlichen Vernunft, der Ratio, jenseits der von den Indern "Maya" genannten Erscheinungen angesiedelt ist. Sie hat also viel mehr zu tun mit solchen Phänomenen: Ehrfurcht, Intuition, Erleben, Gefühl, ("Weltgefühl"), "Romantik", Empathie (für lebendige und tote Dinge), Kreativität, Empfindsamkeit, ja, Intimität. - Denn das persönliche Verhältnis des Menschen zu Gott oder zum Göttlichen kann eben doch auch ein sehr persönliches, "intimes" sein, in das er all jene besonders wenig hineinschauen läßt, von denen er glaubt, daß sie sowieso keinen rechten Zugang dazu haben. Deshalb kann menschliche Religiosität mitunter auch gerade das sein, was sich in äußeren Formen am wenigsten kund tut. Das muß einem bewußt bleiben. Ansätze zu solchen Gedanken finden sich aber bei Ina Wunn wohl nur wenige.

2. Von vornherein stellt Ina Wunn klar, daß sie an der religionswissenschaftlichen Perspektive auf die Thematik interessiert ist und nicht an der soziologischen. Viele der wesentlichsten Denker, die sie behandelt, sind aber gerade nicht vornehmlich an Religionswissenschaft, sondern an Soziologie interessiert. Sie fragen also noch allgemeiner nach Gesetzmäßigkeiten, nach denen menschliches Zusammenleben, zumal in arbeitsteiligen Gesellschaften funktioniert oder idealerweise funktionieren sollte, als das die Religionswissenschaft tut. Durch eine gleichgewichtige religionswissenschaftliche und soziologische Perspektive auf die Thematik könnte sicherlich noch viel gewonnen werden. Als ein guter Ausgangspunkt dazu scheint mir der Soziologe Guy Swanson zu sein, auf den ich schon gelegentlich hier hingewiesen habe. Er wird in der über 500-seitigen Arbeit von Ina Wunn gar nicht genannt. Aber vielleicht wird das ja einmal von einer derzeit nachwachsenden Soziologen-Generation nachgeholt?

Es könnte sich künftig darum handeln, die Traditionslinie von Darwin mit der stärker soziologisch orientierten Traditionslinie von Comte und Spencer in engeren Zusammenhang zu bringen bei der Deutung der Evolution menschlicher Religiosität. Zumal aus der Sicht der modernen Theoreme der Soziobiologie könnte sich hier mancherlei Fruchtbares ergeben.

Religionsbiologie: Nur Evolution "als ob" oder schlicht: Evolution?

Die beiden genannten Kritikpunkte wirken sich übrigens auch auf die eigene Theorie von Ina Wunn zur Evolution der Religionen aus. Sie setzt die Neuentstehung einer Religion mit der "Artbildung" in der Evolution parallel und vergleicht die Selektionsprozesse, die zwischen den verschiedenen Religionen nun stattfinden, mit dem Selektionsprozeß zwischen den Arten in der biologischen Evolution. Für einen Biologen auf den ersten Blick nicht gerade besonders "umwerfend", für traditionelle Religionswissenschaftler aber offenbar noch.

Natürlich geht sie noch nicht so weit, was ja heute immer plausibler geworden ist, nämlich zu sagen, daß Evolution von Religion/Religiosität schlicht Evolution ist auf allen Ebenen, auf denen auch sonst Evolution und sozialen Evolution stattfindet. Aber im Grunde nähert sie sich doch schon sehr an die Deutung der Evolution menschlicher Religiosität durch Gruppenselektions-Prozesse an. Den Begriff "Gruppenselektion" erwähnt sie zwar gelegentlich, geht hier aber nur bis Donald Campbell, nicht bis zu den neueren soziobiologischen Diskussionen und nimmt dann auch auf diesen bei dem Entwurf ihrer eigenen Theorie keinen Bezug mehr.

Es mangelt also auch noch der Bezug zu den aller neuesten soziobiologischen und religionsbiologischen Diskussionen. Aber das wird sich ja künftig noch nachholen lassen.

(Ich wollte mit diesen Ausführungen auf diesen Beitrag Ina Wunn's hinweisen, nicht erschöpfend behandeln oder kritisieren. Zu letzterem müßte man sich ihn noch gründlicher anschauen, als ich das hier tun konnte.)

Donnerstag, 27. März 2008

Neue Forschungen zur Evolution der menschlichen Religiosität

Der "Economist" vom 19. März bringt einen offenbar recht wichtigen Bericht über neue Forschungen zur Evolution der menschlichen Religiosität. (1) Ausführlich werden die Forschungen von Richard Sosis referiert. Dazu gibt es ja schon wertvolle Verweise hier auf dem Blog. Ebenso werden in diesem Bericht abschließend die Thesen von David Sloan Wilson erwähnt. Was aber neu ist - zumindest für mich, ist insbesondere die Erwähnung der Forschungen von Patrick McNamara. Dieser Forscher aus Boston geht laut Bericht der Frage nach,
"whether different religions foster different levels of co-operation, for what reasons, and whether such co-operation brings collective benefits, both to the religious community and to those outside it."
(Hervorhebung durch mich, I.B..)

Das Vorherrschen personaler Gottheiten

Das ist eine ungeheuer spannende Frage, die ich ja vor Monaten auch schon in Diskussionen mit Michael Blume erörtert habe. Die Hypothese, die auch schon von anderen formuliert worden ist in der Religionswissenschaft und in der Soziologie (besonders schon vor Jahrzehnten von Guy E. Swanson), lautete, daß es eine Entwicklung in der menschlichen Religiosität gäbe parallel zu der Entwicklung menschlicher gesellschaftlicher Komplexität. Konkret wurde insbesondere formuliert, daß das Vorherrschen personaler Gottheiten die Kooperation in komplexen, arbeitsteiligen Gesellschaften befördern würde, daß hier also eine Art "Koevolution" vorliegen könnte zwischen (der Größe) komplexer arbeitsteiliger Gesellschaften und der Ausgeprägtheit von vorherrschenden Vorstellungen über aktiv eingreifende - den einzelnen belohnende oder bestrafende - personale Gottheiten.

Das aber wiederum würde heißen, daß komplexe arbeitsteilige Gesellschaften vielleicht nur mit bestimmten komplexen Formen menschlicher Religiosität zu vereinbaren sind und mit ihnen aufrecht erhalten werden können. Die spannende Frage wäre dann aber weiter: Welche Formen könnten das sein? Und zwar doch insbesondere auch deshalb, weil sich in modernen, säkularen Gesellschaften seit Jahrhunderten die Ansicht ausbreitet, daß der Glaube an personale Gottheiten nicht jenem faszinierenden Weltbild adäquat ist, das uns die moderne Naturwissenschaft liefert. Hm! Könnte die Schlußfolgerung lauten, daß wir selbst wieder mehr "Person" werden sollten, statt an personale Gottheiten zu glauben? Dieser Gedanke kommt mir gerade und sei hier nur einmal so in den Raum gestellt. Denn der evolutive Vorteil von "Personhaftigkeit" in religiösen Zusammenhängen ist ja doch in der Forschung wohl inzwischen unübersehbar geworden.

Statt Gott als Person anzusehen sollte sich vielleicht künftig lieber der Mensch selbst wieder mehr als einzigartige Eigenpersönlichkeit sehen?

Die Vorstellung von Gott als dem "dritten Bestrafer" im allgegenwärtigen gesellschaftlichen "Third-Punishment-Spiel" ist ja ebenfalls schon hier auf dem Blog als höchstwahrscheinlich evolutiv erfolgreich erörtert worden. Im weiteren Nachdenken hier auf dem Blog wurde dann allerdings ebenso wichtig hervorzuheben, daß der evolutive Erfolg zumindest christlicher Religiosität nord- und mitteleuropäischer Herkunft der letzten 500 Jahre nicht vornehmlich korreliert mit dem Vorherrschen einer despotischen oder auch nur mild-despotischen Priesterschaft, an die der einzelne Gläubige so mehr oder weniger die Verantwortung für seine eigene Religiosität abtritt, sondern mit der betonten Übernahme von religiöser Eigenverantwortung durch die einzelnen Gemeindemitglieder (das vielgenannte protestantische Prinzip des "Priestertums aller Gläubigen"). Siehe dazu meine "Vorstudien zu einer Vergleichenden Religionsdemographie" hier auf dem Blog in diesem Monat.

Sollte also vielleicht darüber nachgedacht werden, ob man in der künftigen, evolutiv erfolgreichen westlichen Gesellschaft statt mächtigen Priestern gegenüber unterwürfig zu sein, bzw. ihren "despotischen", einem ihnen ähnlichen Gott zugeschriebenen Moralgeboten ("Du sollst ..."), viel lieber selbst - endlich einmal - "Person" werden sollte, ob man heraustreten sollte aus der farblosen und tendenziell apersonalen, keine Verantwortung übernehmenden "Massenmenschen-Haftigkeit", "Kollektivmenschen-Haftigkeit", die ja immer wieder auch totalitaristische Tendenzen befördert.

Wer selbst Gott ist oder Gott nahe ist, braucht vielleicht keine personale Gottheit mehr? Schöne Beispiele für dieses starke Selbstbewußtsein könnten Giordano Bruno sein oder Friedrich Hölderlin. Überhaupt geht ja auch der Grundgedanke vom eigenverantwortlich denkenden und handelnden demokratischen Staatsbürger in diese Richtung: "Mehr Demokratie wagen." Aber das geht wohl nur mit charaktervollen Eigenpersönlichkeiten, nicht mit einem farblosen Massenmenschentum, wie es heute durch die schrillen Medien und vieles dergleichen mehr gefördert wird. Es könnte viele Gründe, all diese Zusammenhänge noch genauer zu durchdenken. Sie gehören auch in die Zusammenhänge moderner commitment- (und damit Altruismus-) Forschungen.

Wie mißt man die Intensität der religiösen Durchdringung des Alltags?

McNamara jedenfalls scheint selbst - und in Eigenverantwortung!? - auch neuen Schwung in die Erforschung all dieser Zusammenhänge bringen zu wollen, wenn im "Economist" über diesen Forscher berichtet wird:
"Dr McNamara, plans to analyse a database called the Ethnographic Atlas to see if he can find any correlations between the amount of cultural co-operation found in a society and the intensity of its religious rituals."
Er scheint also nicht nach der Art der Gottvorstellungen zu fragen, sondern (wohl in Anlehnung an Richard Sosis) nach der Intensität religiöser Rituale. Er fragt also vielleicht so in etwa danach, mit welcher Intensität in einer bestimmten Gesellschaft Gewissensentscheidungen im Alltag und in außergewöhnlichen Zeiten des Menschenlebens durch religiöse oder "echtere" quasi-religiöse Werte beeinflußt werden. - Auch hier wird ja wieder deutlich, daß letztlich äußere Ritualbefolgung noch gar nichts über die innere Intensität der Durchdringung des Alltags von Religiosität sagen muß. Mehr darüber sagen könnte dann da wohl viel eher der daraus folgende eigenverantwortliche Altruismus, das commitment, die Selbstverpflichtung, die durch die Religiosität bewirkt werden. Lauter spannende Fragen, denen wir hier auf dem Blog auch schon in anderen Zusammenhängen nachgegangen sind ("Nachdenken über Altruismus").

Der "Economist" weist auch auf eine schon erschienene Buchveröffentlichung von Patrick McNamara hin. (siehe: Buchladen)

Was hat die Parkinson-Krankheit mit Religiosität zu tun?

Aber Ausgangspunkt für die Forschungen von Patrick McNamara scheinen ganz andere, ebenso interessante Befunde zu sein, nämlich daß Parkinson-Kranke im Durchschnitt weniger religiös sind als gesunde Menschen und zwar offenbar gut korreliert auch nach dem Ausmaß und dem Grad der Erkrankung. Wenn man davon nun weiß, wird man sich künftig wohl Berichte über die Erforschung der Parkinson-Krankheit mit ganz anderen Augen und viel größerem Interesse anschauen. Im "Economist" heißt es:
"Patrick McNamara is the head of the Evolutionary Neurobehaviour Laboratory at Boston University's School of Medicine. He works with people who suffer from Parkinson's disease. This illness is caused by low levels of a messenger molecule called dopamine in certain parts of the brain. In a preliminary study, Dr McNamara discovered that those with Parkinson's had lower levels of religiosity than healthy individuals, and that the difference seemed to correlate with the disease's severity. He therefore suspects a link with dopamine levels and is now conducting a follow-up involving some patients who are taking dopamine-boosting medicine and some of whom are not."
Da man also weiß, daß die Parkinson-Krankheit mit niedrigerer Dopamin-Ausschüttung in bestimmten Gehirnbereichen zu tun hat, vermutet McNamara auch eine Korrelation der Religiosität mit dieser Dopamin-Ausschüttung. Das wird in diesem "Economist"-Artikel zu kurz erläutert. Auch dieser Frage wird es hochgradig sinnvoll sein, weiter nachzugehen.

Übrigens gibt es auch ein ganzes neues Forschungsprojekt, einen Forschungsverbund zu all diesen Themen, genannt "Explaining religion".
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Abschließend seien noch die längeren und sehr guten Erläuterungen der Forschungen von Richard Sosis des "Economist" zitiert:
"Richard Sosis, an anthropologist at the University of Connecticut, has already done some research which suggests that the long-term co-operative benefits of religion outweigh the short-term costs it imposes in the form of praying many times a day, avoiding certain foods, fasting and so on."

"To test whether religion might have emerged as a way of improving group co-operation while reducing the need to keep an eye out for free-riders, Dr Sosis drew on a catalogue of 19th-century American communes published in 1988 by Yaacov Oved of Tel Aviv University. Dr Sosis picked 200 of these for his analysis; 88 were religious and 112 were secular. Dr Oved's data include the span of each commune's existence and Dr Sosis found that communes whose ideology was secular were up to four times as likely as religious ones to dissolve in any given year.

A follow-up study that Dr Sosis conducted in collaboration with Eric Bressler of McMaster University in Canada focused on 83 of these communes (30 religious, 53 secular) to see if the amount of time they survived correlated with the strictures and expectations they imposed on the behaviour of their members. The two researchers examined things like food consumption, attitudes to material possessions, rules about communication, rituals and taboos, and rules about marriage and sexual relationships.

As they expected, they found that the more constraints a religious commune placed on its members, the longer it lasted (one is still going, at the grand old age of 149). But the same did not hold true of secular communes, where the oldest was 40. Dr Sosis therefore concludes that ritual constraints are not by themselves enough to sustain co-operation in a community—what is needed in addition is a belief that those constraints are sanctified.

Dr Sosis has also studied modern secular and religious kibbutzim in Israel. Because a kibbutz, by its nature, depends on group co-operation, the principal difference between the two is the use of religious ritual. Within religious communities, men are expected to pray three times daily in groups of at least ten, while women are not. It should, therefore, be possible to observe whether group rituals do improve co-operation, based on the behaviour of men and women.

To do so, Dr Sosis teamed up with Bradley Ruffle, an economist at Ben-Gurion University, in Israel. They devised a game to be played by two members of a kibbutz. This was a variant of what is known to economists as the common-pool-resource dilemma, which involves two people trying to divide a pot of money without knowing how much the other is asking for. In the version of the game devised by Dr Sosis and Dr Ruffle, each participant was told that there was an envelope with 100 shekels in it (between 1/6th and 1/8th of normal monthly income). Both players could request money from the envelope, but if the sum of their requests exceeded its contents, neither got any cash. If, however, their request equalled, or was less than, the 100 shekels, not only did they keep the money, but the amount left was increased by 50% and split between them.

Dr Sosis and Dr Ruffle picked the common-pool-resource dilemma because the communal lives of kibbutz members mean they often face similar dilemmas over things such as communal food, power and cars. The researchers' hypothesis was that in religious kibbutzim men would be better collaborators (and thus would take less) than women, while in secular kibbutzim men and women would take about the same. And that was exactly what happened."

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1. The science of religion - Where angels no longer fear to tread. In: Economist, 19.3.2008

Dienstag, 26. Februar 2008

Der "anthroposophische Lebensstil" als demographischer Faktor

Zusammenfassung

Statistische Daten zu Menschen, die einen „anthroposophischen Lebensstil“ leben, machen auf einen Fall aufmerksam, der in der "Evolutionären Religionswissenschaft" und in der Religionsdemographie noch nicht erforscht worden ist: Überdurchschnittliche Geburtenrate bei gleichzeitiger überdurchschnittlicher Konfessionslosigkeit. An diesem ersten exemplarischen Fall wird aufgezeigt, dass auch Konfessionslose mit moderner, philosophisch und naturwissenschaftlich zumindest partiell aufgeklärter Religiosität - insofern ihr Lebensstil in eine solche Gemeinschaftsbildung eingebettet ist, wie sie der "anthroposophische Lebensstil" aufweist - zur Erhöhung von Geburtenraten und offenbar auch zur Erhöhung von gesellschaftlicher Solidarität beitragen können.

Abstract
Scientific data about people following an "anthroposophic lifestyle" show that new forms of religiosity developed mainly in the 20th century are able to enhance social solidarity and birth rates of people, also of those who have left the traditional christian churches.
An english version of this article is also available (1).

Einleitung

Die junge Wissenschaftsdisziplin der "Evolutionären Religionswissenschaft", bzw. Religionsbiologie (auch „Religionswissenschaftliche Studien aus evolutionärer Perspektive“ genannt, engl. "Evolutionary Religious Studies" [s. Binghamton]), und darin spezieller die Religionsdemographie hat in den letzten Jahren zahlreiche Erkenntnisfortschritte mit sich gebracht.*) Als einige wesentlichere seien benannt: Religiosität steht in Wechselbeziehung zur Humangenetik und wurzelt in angeborenen Komponenten (2). Religiosität nimmt weltweit ausgeprägter und universeller auf das Fortpflanzungsverhalten von Menschen Einfluss, als jedes andere kulturelle Merkmal. Religiöse, menschliche Gemeinschaften sind kulturell stabiler als nicht-religiöse (3-5). Religiöse Menschen haben mehr Kinder als atheistische (5).

Der Fokus der jungen Disziplin lag zu Anfang auf den traditionellen Großkirchen oder auf jener stammesorientierten Vorgänger-Religion, aus der diese hervorgegangen sind (der jüdischen Religion).

Es existiert derzeit in der wissenschaftlichen Literatur - soweit übersehbar - noch kein wissenschaftlicher Nachweis oder auch nur Hinweis darauf, dass auch moderne, erst im 20. Jahrhundert entstandene Formen von Religiosität eine Erhöhung der Geburtenrate von Menschen mit sich bringen können. Auf diese Thematik macht die  vorliegende Studie aufmerksam, indem sie in einem ersten Schritt empirische Daten auswertet zum sogenannten "anthropophischen Lebensstil". Er soll hier als ein erster exemplarischer Fall zumindest partiell "modernerer", im 20. Jahrhundert entstandener Religiosität in dieser Hinsicht behandelt werden.  

Dabei ist natürlich gleich einzuschränken, daß der Gründer der Anthroposophie, Rudolf Steiner (1861-1925) (Wiki), seinen Anhängern sozusagen einen "tollen Mix" aus außerordentlich archaischen Formen von Religiosität verbunden mit moderneren, philosophisch und wissenschaftlich aufgeklärten Formen von Religiosität angeboten hat. Der "anthroposophische Lebensstil" ist aber insgesamt weniger explizit an die eigentlichen Lehren von Rudolf Steiner gebunden, sondern mehrheitlich von diesen heute eher abgekoppelt (siehe unten). Rudolf Steiner war sowohl ein Vertreter des Geistesgutes solcher Christentums-feindlichen Denker wie Friedrich Nietzsche und Johann Wolfgang von Goethe (10), wie er Verehrer von Jesus oder Buddha war. Er steht dabei in der Tradition der theosophischen Bewegung, in der Okkultismus, esoterisches und magisches Denken aller Art blühten, also sehr archaische Formen menschlicher Religiosität und Vergemeinschaftung (etwa: Freimaurerei). Er glaubte an die Reinkarnation und er und seine engsten Anhänger ließen offen, ob er nicht selbst eine Reinkarnation von Buddha, Jesus oder Goethe wäre (oder gar von allen dreien zusammen). 

Menschen, die einen „anthroposophischen Lebensstil" leben, finden sich heute vor allem in Westeuropa. Hier insbesondere in Westdeutschland, in den Niederlanden, der Schweiz, Schweden und Großbritannien. Außerdem in Nordamerika und Australien. In Deutschland bilden sie jene gesellschaftliche Gruppierung mit den meisten Privat-Schulen. Hier betreiben sie 200 Waldorf-Schulen mit nicht weniger als 80.000 Schülern.

Abb. 1: "Badging" - Ein gruppenspezifisches
Erkennungsmerkmal (Wiki)

Außerdem betreiben sie Kindergärten. Es gibt anthroposophisch orientierte Ärzte, die gemäß "anthroposophischer Medizin" behandeln. Es gibt Krankenhäuser, Altersheime und Universitäten, die vornehmlich von der gesellschaftlichen Gruppierung der Anthroposophen getragen werden. All das sind deutliche Indikatoren eines überdurchschnittlichen sozialen Engagements und des Gefühls überdurchschnittlicher sozialer Verantwortlichkeit und Solidarität, die mit einem solchen Lebensstil verbunden zu sein scheinen. Es ist sozusagen eine eigene Infrastruktur aufgebaut worden, innerhalb sich Menschen, die sich diesem Lebensstil verbunden fühlen, bewegen können und beheimatet fühlen können.

Es handelt sich bei den genannten Bereichen zudem um soziale Lebensbereiche, die evolutionspsychologisch und traditionell immer auch das besondere Interesse von Frauen angesprochen haben und ansprechen. Von Frauen ist bekannt, dass sie sich im Durchschnitt mehr für Religiosität und Spiritualität interessieren als Männer. Dementsprechend befinden sich beispielsweise auch mehr Frauen als Männer unter den Patienten von anthroposophisch orientierten Ärzten. Im Gegensatz dazu ist von Atheisten bekannt, dass Frauen unter ihnen oft nur kleine Minderheiten bilden. In der vor einigen Jahren neu gegründeten Giordano-Bruno-Stiftung etwa machen sie derzeit nur 20 % der Stiftungsmitglieder aus (11, 12). Ähnliches gilt für die atheistische "Brights"-Bewegung in den angloamerikanischen Ländern.

Methoden

Als exemplarisches Beispiel, um moderere Religiosität als demographischen Faktor einschätzen zu können, wird in der vorliegenden Studie wissenschaftliche Literatur über Menschen ausgewertet, die einem "anthroposophischen Lebensstil" folgen.

Menschen, die einen "anthroposophischen Lebensstil" leben, arbeiten, wie schon erwähnt, auch an Universitäten, unter anderem in der medizinischen und in der pädagogischen Forschung. Sie betreiben eigene Forschungsprogramme und wissenschaftliche Journale. Deshalb sind sie auch schon häufig Gegenstand wissenschaftlicher Studien und Meta-Studien geworden, häufiger als viele andere, religiös vielleicht vergleichbare Gruppierungen. So unter anderem in der Medizin und in der Pädagogik (13-19). Es geht in diesen Studien z.B. um die Anerkennung der Effizienz anthroposophischer Medizin durch die Krankenkassen oder um die Folgewirkungen anthroposophischer Pädagogik (19, 20). Auch religionswissenschaftliche Studien zu ihnen liegen vor (10, 21-25).

Ergebnisse

Ein Literatur-Überblick ergibt: Tausende von Menschen, die einen "anthroposophischen Lebensstil" leben, sind in den letzten Jahren Gegenstand von wissenschaftlichen Studien gewesen (13-25).

a. Allgemeines Bild

Menschen, die einen "anthroposophischen Lebensstil" leben, zählen wesentlich mehr Akademiker unter ihre Reihen als die Durchschnittsbevölkerung. Allein lebende Menschen gibt es unter ihnen weniger als in Kontrollgruppen. Waldorf-Schüler haben im Durchschnitt etwas mehr Geschwister als Nicht-Waldorf-Schüler, Familiengröße und Haushaltsgröße liegen leicht über dem Durchschnitt von Kontrollgruppen, bzw. der Durchschnittsbevölkerung. Es gibt weniger Raucher und Übergewichtige unter ihnen.

b. Haltung gegenüber der Lehre von Rudolf Steiner und gegenüber der Waldorf-Pädagogik

1.124 ehemalige Waldorf-Schüler, geboren zwischen den 1930er und den 1970er Jahren, haben im Winter 2004/05 an einer Fragebogen-Erhebung teilgenommen, bei der sie über ihr Leben und Denken befragt worden sind (19 - 21). Die Mehrheit dieser befragten ehemaligen Waldorf-Schüler (60 %) steht der Lehre von Rudolf Steiner indifferent oder ablehnend gegenüber. Nur eine Minderheit steht ihr positiv gegenüber. Aber 80 % von ihnen würden wieder auf eine Waldorf-Schule gehen. – Hier deutet sich eine für diese Gruppierung sehr typische hohe Identifikation mit praktischen Anwendungen ihrer zugrundeliegenden Lehre an, nicht aber mit der Lehre selbst. Es ist aber davon auszugehen, dass ein "innerer Kern" von Anhängern der Lehre von Rudolf Steiner existiert, der die Existenz, den Zusammenhalt und das zahlenmäßige Wachstum dieser gesellschaftlichen Gruppierung in den letzten 80 Jahren stabilisiert hat.

c. Politische Orientierung

Die Hälfte der erwähnten 1.124 ehemaligen Waldorf-Schüler sympathisieren mit politischen Parteien. Von dieser Hälfte sympathisiert wiederum die Hälfte mit der Partei "Bündnis 90/Die Grünen". Die Hälfte der anderen mit politischen Parteien sympathisierenden ehemaligen Waldorf-Schüler nennen die SPD als jene Partei, mit der sie sympathisieren.

d. Geburtenrate

Von den befragten 1.124 ehemaligen Waldorf-Schülern hatten 692 Kinder (61 %) und 352 (noch) keine (30 %). 50 % von ihnen waren unter 37 Jahre alt, viele werden also künftig noch Kinder bekommen. 253 waren zwischen 64 und 68 Jahre alt und hatten durchschnittlich 2,2 Kinder pro Person. 236 waren zwischen 50 und 64 Jahre alt und hatten 2,0 Kinder pro Person. 542 waren zwischen 30 und 37 Jahre alt und hatten 0,9 Kinder pro Person (20, S. 6). Wenn diese 542 am Ende ihres Lebens doppelt so viele Kinder haben wie zum Zeitpunkt der Studie, was nicht sehr unwahrscheinlich sein dürfte, dann werden sie durchschnittlich 1,8 Kinder pro Person haben. Die Gruppe insgesamt hat dann – über die drei letzten Generationen hinweg - eine Geburtenrate von 1,9 Kindern pro Person. (26) All diese Werte liegen deutlich über der gegenwärtigen durchschnittlichen Geburtenrate in Deutschland, die bekanntlich 1,3 Kinder pro Frau beträgt.

e. Konfessionszugehörigkeit

In Westdeutschland waren im Jahr 2004

19 % der Menschen nicht Mitglied einer Religionsgemeinschaft und 74 % Mitglied einer christlichen Kirche.

(In Deutschland insgesamt waren 2005
32 % der Menschen konfessionslos und 65 % Kirchenmitglieder,
da es in den ehemaligen atheistischen neuen Bundesländern schon seit Jahrzehnten
70 % Konfessionslose und nur 27 % Kirchenmitglieder gibt.)

Von den 1.124 befragten ehemaligen Waldorf-Schülern (die alle in Westdeutschland aufgewachsen sind), waren

43 % nicht Mitglied einer Kirche oder Religionsgemeinschaft und 57 % waren Mitglied einer Kirche oder Religionsgemeinschaft.

Die Nichtkirchlichkeits-Rate der ehemaligen Waldorf-Schüler ist also mehr als doppelt so hoch wie die Nichtkirchlichkeits-Rate der mit ihnen zu vergleichenden Durchschnittsbevölkerung in Westdeutschland. Überdurchschnittliche Nichtkirchlichkeits-Raten finden sich bei ihnen schon in den älteren, in den 1930er Jahren geborenen Jahrgängen. In den jüngeren Jahrgängen werden sie noch ausgeprägter.

Somit liegt ein Fall vor, der noch wenig oder gar nicht in "Religionswissenschaftlichen Studien aus evolutionärer Perspektive" ("Evolutionary Religious Studies") thematisiert und erforscht worden ist: Überdurchschnittliche Geburtenrate bei gleichzeitig (gegenüber dem Durchschnitt) doppelt so häufiger Konfessionslosigkeit.

f. Beruht der gesamtdemographische Effekt vorwiegend auf den konfessionell Gebundenen?

Im folgenden ist noch kritisch die Frage zu überprüfen, ob die Geburtenrate der kirchlich Gebundenen unter den ehemaligen Waldorf-Schülern so stark überdurchschnittlich ist, dass eine Geburtenrate der Konfessionslosen unter ihnen, die mit der Geburtenrate sonstiger Konfessionsloser in Deutschland übereinstimmen könnte, "verdeckt" sein könnte. Jedoch scheint auch dies nicht in besonders ausgeprägtem Maße der Fall zu sein. Dies soll anhand der weiteren Daten gezeigt werden. 

Von den 57 % Mitgliedern einer Kirche oder Religionsgemeinschaft unter den befragten 1.124 ehemaligen Waldorf-Schülern befanden sich:

55 % Mitglieder protestantischer Kirchen,
17 % Mitglieder der katholischen Kirche,
17 % Mitglieder der anthroposophischen "Christengemeinschaft" (gegründet 1922 zusammen mit Rudolf Steiner, ohne dass dieser selbst Mitglied wurde; nicht anerkannt von den offiziellen christlichen Kirchen in Deutschland),
10 % Mitglieder der jüdischen, buddhistischen und anderer Religionsgemeinschaften.

In den letzten Jahrzehnten hat es dabei einen Anstieg des zahlenmäßigen Anteils der Mitglieder der katholischen Kirche gegeben (jüngste Jahrgangsgruppe: 27 %) und einen Rückgang des zahlenmäßigen Anteils der "Christengemeinschaft" (jüngste Jahrgangsgruppe: 12 %).

g. Kirchenzugehörigkeit und positive Einstellung gegenüber der Lehre von Rudolf Steiner als demographisch vorteilhafte Faktoren

Es scheint keine ausgeprägten Unterschiede in der Identifikation mit der Lehre von Rudolf Steiner zu geben zwischen Kirchenmitgliedern und Konfessionslosen unter den ehemaligen Waldorf-Schülern. Nur Mitglieder der "Christengemeinschaft" weisen eine auffällig höhere Identifikation mit der Lehre von Rudolf Steiner auf.

Von den 692 befragten ehemaligen Waldorf-Schülern mit Kindern waren 60 % Kirchenmitglieder und 40 % konfessionslos. Von den 352 befragten ehemaligen Waldorf-Schülern ohne Kinder waren 50 % Kirchenmitglieder und 50 % konfessionslos (20, S. 193). Leider erlauben es die bisher veröffentlichten Daten nicht, danach zu fragen, ob es unter den Konfessionslosen - bspw. - mehr Eltern mit Einzelkindern gibt als unter den Kirchenmitgliedern und ob - bspw. - "Christengemeinschafts"-Mitglieder deutlich stärker zu Mehrkind-Familien neigen als andere Gruppierungen. Durch solche Daten könnten die bislang schon aufzeigbaren Unterschiede, was Korrelation zwischen Elternschaft und Kirchenzugehörigkeit betrifft, noch prononcierter hervortreten. Gegenwärtig kann dazu aber nichts gesagt werden.

Von den 692 befragten ehemaligen Waldorf-Schülern mit Kindern standen 43 % der Lehre von Rudolf Steiner positiv gegenüber und 56 % nicht. Von den 352 befragten ehemaligen Waldorf-Schülern ohne Kinder standen 34 % der Lehre von Rudolf Steiner positiv gegenüber und 65 % nicht.

Das heißt: Sowohl Kirchenzugehörigkeit wie positive Einstellung gegenüber der Philosophie von Rudolf Steiner haben positive Effekte auf die Geburtenrate. Aber Kirchenzugehörigkeit hat immer noch mehr positive Effekte als die positive Einstellung gegenüber der Philosophie von Rudolf Steiner.

h. Religiöse Orientierung im allgemeinen Sinn

Auf den Satz „Der Gedanke an eine höhere kosmische Ordnung gibt mir Sinn und Orientierung in meinem Leben." antworteten im Fragebogen von den befragten 1.124 ehemaligen Waldorf-Schülern 58 % mit "Ja".

Diskussion

Die Geburtenrate von Kirchenmitgliedern unter den ehemaligen Waldorf-Schülern liegt über derjenigen von Kirchenmitgliedern unter ehemaligen Nicht-Waldorf-Schülern, und ist ebenso überdurchschnittlich bezogen auf die Gesamt-Geburtenrate in Deutschland. (Für Mitglieder der "Christengemeinschaft" könnten noch deutlich höhere überdurchschnittliche Geburtenzahlen angenommen werden.)

Jenes Ergebnis jedoch, das am meisten überrascht, ist das bezüglich der Konfessionslosen unter den ehemaligen Waldorf-Schülern. Sie scheinen nach den bisher veröffentlichten Zahlen eine Geburtenrate zu haben, die nur wenig unter der von kirchlich gebundenen ehemaligen Waldorf-Schülern liegt, und die damit ebenfalls nicht nur deutlich über der Geburtenrate von Konfessionslosen in der Normalbevölkerung liegt, sondern auch gegenüber der durchschnittlichen Geburtenrate von konfessionell Gebundenen unter der Normalbevölkerung.

Anders ausgedrückt: Die überdurchschnittliche Geburtenrate von anthroposophisch orientierten Menschen kann bei einem überdurchschnittlichen Anteil von Konfessionslosen unter ihnen nicht allein auf einer überdurchschnittlichen Geburtenrate der konfessionell Gebundenen unter ihnen beruhen, zumal die anteilmäßigen Unterschiede zwischen denen, die Kinder haben, zu denen die keine haben, in Bezug auf konfessionelle Einordnung nur um 10 % unterschieden sind, und zumal auch nur allein schon eine positive Einstellung zur Lehre von Rudolf Steiner positive Auswirkung auf die Geburtenrate hat.

Religionswissenschaftler Michael Ebertz hat die Befragung der ehemaligen Waldorf-Schüler auf ihre religiösen Aspekte hin ausgewertet. Seine Interpretation der Ergebnisse geht in die Richtung, dass er sagt (21), dass moderne Menschen zweierlei Formen von Religiosität kennen und leben (27). Die eine ist die institutionalisierte: Menschen sind Mitglieder von Kirchen. Die andere ist die so genannte „universelle Religion“ in dem Sinne des abgefragten „Glaubens an eine höhere kosmische Ordnung“. Er nennt letztere Form der Religiosität auch eine "vitalistische" Weltsicht, vielleicht in der geistigen Nähe von Ernst Haeckel's "Monismus" angesiedelt. Und Ebertz vermutet, dass die ältere Form der Religiosität (die institutionalisierte) heute oft überlagert ist von der zweiten Form der Religiosität, die sich in vielerlei Hinsicht von der ersten Form unterscheidet. Und die hier präsentierten Daten zeigen, dass offenbar auch diese zweite Form der Religiosität im Prinzip Auswirkungen hinsichtlich einer positiven Beeinflussung der Geburtenrate haben kann, zumal in einem solchen sozialen Umfeld, "Setting" wie desjenigen eines „anthroposophischen Lebensstils“.

Es könnte wichtig sein, auf den Umstand hinzuweisen, dass im Prinzip auch solche Formen von Religiosität wie sie etwa von Albert Einstein vertreten worden sind - und denen auch Atheisten wie Richard Dawkins aufgeschlossen gegenüber stehen (28) -, dass solche Formen von Religiosität im Prinzip auch künftig dazu befähigt sein können, solche "reproduktiven Regime" zu etablieren, wie sie notwendig sind, wenn das demographische - und damit kulturelle - Überleben der westlichen Welt und aller seiner emanzipatorischen Werte sichergestellt sein soll.


Ingo Bading, M.A., Berlin

(überarbeitet: 10.9.2011)

________________________
*) Veranlassung und Motivation, sich auf die inhaltlichen Fragestellungen dieser Arbeit einzulassen, gaben vor allem Diskussionen mit Religionswissenschaftler Dr. Michael Blume, Tübingen, sowie weiterführende Diskussionsbeiträge um die Jahreswende 2007/08 innerhalb eines sich um ihn bildenden, bislang nur informellen, an religionsbiologischen Fragen interessierten Diskussionskreises (Lars Fischer, Edgar Dahl, Ingo-Wolf Kittel und andere).


________________
Zitierte Literatur:

  1. Bading, Ingo: The reproductive benefits of an anthroposophic lifestyle. Auf: http://studgen.blogspot.com/2008/02/reproductive-benefits-of-anthroposophic.html ; die jeweils aktuelle deutsche Version auf: http://studgendeutsch.blogspot.com/2008/02/der-anthroposophische-lebensstil-als.html ; als pdf. hier: http://stores.lulu.com/Studium_generale
  2. Hamer, Dean: Das Gottes-Gen. 2007
  3. Wilson, David Sloan: Darwin's Cathedral. Evolution, Religion, and the Nature of Society. University of Chicago Press 2002
  4. Sosis, Richard: Teure Rituale. In: Gehirn & Geist, 10.12.2004, http://www.spektrum.de/magazin/teure-rituale/838840; siehe auch seine Publikationsliste: http://www.anth.uconn.edu/faculty/sosis/publications.html
  5. Blume, Michael; Ramsel, Carsten; Graupner, Sven: Religiosität als demographischer Faktor. Ein unterschätzter Zusammenhang? Marburg Journal of Religion, Vol. 11, No. 1, (June 2006) (freier Download im Netz)
  6. Mackenroth, Gerhard: Bevölkerungslehre. Theorie, Soziologie und Statistik der Bevölkerung. Springer-Verlag, Berlin 1953
  7. Assmann, Jan: Die Mosaische Unterscheidung oder der Preis des Monotheismus. Carl Hanser Verlag, München 2003
  8. Conway Morris, Simon: Jenseits des Zufalls. Wir Menschen im einsamen Universum. Berlin University Press, Berlin 2008. (engl. Untertitel genauer: Inevitable Humans in a Lonely Universe. Cambridge University Press 2003)
  9. Bading, Ingo: Vorstudien zu einer Vergleichenden Religionsdemographie. Auf Wissenschaftsblog „Studium generale“
  10. Blume, Michael: Anthroposophie - Religionsdemographische Betrachtungen von Ingo Bading. At: "Religionswissenschaft aus Freude", Wissenschaftsblog von Michael Blume, 20.02.2008, see here.
  11. Bading, Ingo: Die Atheisten in Deutschland sind stark "Männer-lastig". At: Scienceblog "Studium generale", 20.11.2007 (---> here)
  12. Salcher, Ernst: Ergebnisse der Befragung der Förderkreismitglieder der Giordano Bruno-Stiftung (Juli-September 2007) (pdf.) (free download: ---> here)
  13. Roland Unkelbach u.a.: Unterschiede zwischen Patienten schulmedizinischer und anthroposophischer Hausärzte. In: Forsch Komplementärmed 2006; 13:349–355, Published online: November 3, 2006
  14. Gunver S. Kienlea u.a.: Anthroposophische Medizin: Health Technology Assessment Bericht – Kurzfassung. In: Forsch Komplementärmed 2006; 13 (suppl 2):7–18
  15. Helen Flöistrup u.a.: Allergic disease and sensitization in Steiner school children. In: J Allergy Clin Immunol, January 2006, Available online November 29, 2005
  16. Harald J. Hamre u.a.: Anthroposophic vs. conventional therapy of acute respiratory and ear infections: a prospective outcomes study. In: Wien Klin Wochenschr (2005) 117/7–8: 256–268
  17. H. J. Hamre u.a: Anthroposophic therapies in chronic disease: the anthroposophic medicine outcomes study (AMOS). In: Eur J Med Res (2004) 9: 351-360
  18. Johan S Alm u.a.: Atopy in children of families with an anthroposophic lifestyle. In: Lancet 1999; 353: 1485 – 88
  19. Barz, Heiner; Randoll, Dirk (Hg.): Absolventen von Waldorfschulen. Eine empirische Studie zu Bildung und Lebensgestaltung. 2. Aufl. VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2007 (St. gen.-Bookshop) [important parts of the text, introduction and formulars - all in german - can bee found at: http://www.hhu.de/waldorfabsolventen/]
  20. Randoll, Dirk; Barz, Heiner: Absolventenstudie zur Waldorf-Pädagogik (Deutschland). Tabellenband 1. (free download - pdf. ---> here.)
  21. Ebertz, Michael N.: Was glauben die Ehemaligen? (= What do believe people that have experienced Waldorf-education?) In: see 14., p. 133 – 160
  22. Hörtreiter, F.: Anthroposophie und christlicher Glaube. Eine Erwiderung auf Bernhard Grom SJ. In: Materialdienst der EZW 68/2005, S. 251 - 255 (---> here)
  23. Bading, Ingo: Anthroposophen: Akademiker-lastige Gruppierung mit leicht überdurchschnittlicher Geburtenrate. At: Scienceblog "Studium generale", 22.01.2008 (---> here)
  24. Bading, Ingo: Anthroposophen: Auch Neue (nicht-monotheistische) Religiosität in westlichen Gesellschaften erhöht Geburtenrate. At: Scienceblog "Studium generale", 15.2.2008 (---> here)
  25. Bading, Ingo: Auch die konfessionslosen anthroposophisch Orientierten haben eine überdurchschnittliche Geburtenrate. At: Scienceblog "Studium generale", 17.2.2008 (---> here)
  26. Bading, Ingo: Die positiven demographischen Auswirkungen eines anthroposophischen Lebensstils - Diskussion weiterer Details. At: Scienceblog "Studium generale", 26.2.2008 (---> here)
  27. Campiche, Roland J.: Die zwei Gesichter der Religion. Faszination und Entzauberung. Zürich 2004
  28. Dawkins, Richard: Der Gotteswahn. 2007
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