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Dienstag, 5. Dezember 2023

Waldweide im Böhmischen Paradies - Schafe im Neolithikum, Schweine in der Bronzezeit

Waldweide in der Vorgeschichte
- Sediment-DNA - Neue Erkenntnismöglichkeiten in der Archäogenetik
- Hatten die Indogermanen eine besondere Vorliebe für Schweinefleisch?
- Im "Böhmischen Paradies" südlich des Sudentenlandes 

Innerhalb von Dörfern, Weilern oder Siedlungsstellen, sowie deren unmittelbarer Umgebung können - über die Jahrtausende hinweg - mehrheitlich andere Tiere gehalten worden sein als in weiter entfernt gelegenen Triften (DWB) und Wäldern. Letztere sind über die Jahrtausende hinweg oft vor allem auch als "Waldweide" (Wiki) genutzt worden. So zum Beispiel noch bis ins späte 19. Jahrhundert hinein zur "Eichelmast" (Wiki). 

Abb. 1: Der Felsüberhang im Böhmischen Paradies, genannt "Großes Mammut" ("Velký Mamuťák" [VM]) im Jahr 2017 - Seit Jahrtausenden gern aufgesucht von Tier und Mensch (aus: Resg2021)

Ein eindrucksvolles Beispiel von Überresten solcher Eichelmast stellen beispielsweise die "Schwanheimer Eichen" (Wiki) im Südwesten von Frankfurt am Main dar. Naturdenkmäler wie die "Schwanheimer Eichen" gibt es in vielen Teilen Deutschlands und Europas. Dem Autor dieser Zeilen sind sie erstmals in Schwanheim bewußter begegnet.

Sediment-DNA

Mit welchen Tieren die Wälder in früheren Jahrtausenden "beweidet" wurden, kann gegebenenfalls mit der Erforschung von Sediment-DNA (Wiki) geklärt werden. Sie ist eines der neuesten Forschungsfelder im Bereich der Archäogenetik. Sie weist Überschneidungen auf mit der ebenfalls sehr neuen Erforschung von "Umwelt-DNA" (Wiki). Diese Forschungsrichtungen sind alle ermöglicht worden durch die enorme Beschleunigung und kostengünstige Vereinfachung der Sequenzierung von DNA-Material in den letzten 25 Jahren. 

Die Erforschung vieler Bodenschichten unter einem Felsüberhang in Nordböhmen, im abgelegenen sogenannten "Böhmischen Paradies" (Wiki) inmitten der "Pschichraser Felsen" (Wiki) verdeutlicht die Erkenntnismöglichkeiten dieses neuen Forschungsbereiches (1).*) Es handelt sich um einen Felsüberhang namens "Velký Mamuťák" (VM) zu Deutsch "Großes Mammut" (s.a. Fb2023) (s. Abb. 1) (1):

VM sticht hervor aufgrund seiner günstigen Erhaltungsbedingungen für organische Materialien und aufgrund seiner tiefreichenden archäologischen Schichtenfolge, die alle bedeutenden Epochen umfassen vom Mesolithikum bis zur Gegenwart.
VM is remarkable for its exceptional organic preservation, and deep occupation layers spanning all significant periods from the Mesolithic to the present.

Der Felsübergang liegt im dichten Wald und Naturschutzpark eineinhalb Kilometer nördlich des Dorfes Branžež (Wiki) (GMaps), wie gesagt inmitten der "Pschichraser Felsen" (s.a. Yt2023), 16 Kilometer südlich der Burg Waldstein (Wiki), 60 Kilometer südlich von Zittau im Landkreis Görlitz in Sachsen (Abb. 2).

Abb. 2: Von Zittau über Reichenberg und Liebenau nach Turnau und südlich davon ins "Böhmische Paradies" mit seinem vielen Wald und seinen Felsformationen - Im Osten liegt Schlesien (Grafschaf Glatz) und Österreichisch-Schlesien, im Westen liegt das Egerland

In derselben Region gibt es viele sehenswerte Burgruinen und Felsen, deshalb der Name "Böhmisches Paradies". 

Waldweide mit Ziegen in der Bandkeramik

Es ist wichtig, sich bewußt zu machen, daß Böhmen zur Kernregion der frühneolithischen Bandkeramik-Kultur gehörte (Abb. 3) (2). Die Kultur der Bandkeramik scheint nun eine solche Waldweide - zumindest in so vergleichsweise abgelegenen Gebieten wie im Böhmischen Paradies - anders genutzt zu haben als die späteren Gesellschaften und Kulturen der Bronzezeit. Wir lesen als Forschungsergebnis (1):

Unsere Ergebnisse bei Velký Mamuťák (VM) unterstreichen, daß die vollständige Verbreitung der ganzen Artenbandbreite von Viehhaltung in Wäldern erst im späten Neolithikum statthatte, während man sich bei den anfänglichen Management-Praktiken auf Schafe (Ovis) konzentrierten. Vor allem stellen wir bezüglich der vorherrschenden Arten (mit denen die Waldweide genutzt wurde), einen allmählichen Übergang fest von Schafen zu Schweinen bis zur Späten Bronzezeit. Dies korreliert mit der mittelholozänen Transformation der Waldstruktur und kann möglicherweise die Folge dieser Verschiebung der Waldsukzessionsmuster sein, des Nährstoffmangels und der Habitatkonnektivität.
Our results at VM support the understanding that the full expansion of herding to forested ecoregions did not take place until the Late Neolithic, with initial management practices focused on sheep (Ovis). Importantly, we identify a gradual change in dominant species from sheep to pigs (Sus) by the Late Bronze Age. This correlates with the mid-Holocene transformation of forest structure and can potentially be the consequence of this shift in forest succession patterns, nutrient depletion, and habitat connectivity.

Mit dem letzteren Satz könnte auf Überweidung verwiesen sein. 

Der beigegebenen Grafik (Abb. 4) ist zu entnehmen, daß die Forscher Hinweise auf Ziegenhaltung an dem Felsüberhang schon ab 5.000 v. Ztr., also in der Hochzeit der Bandkeramik, finden:

Ziege oder möglicherweise Steinbock (Capra sp.) erscheinen als einziges Taxon in der frühneolithischen Schicht um 5.000 v. Ztr..
Goat or possibly ibex (Capra sp.) appears as the only taxon in the Early Neolithic layer (∼7.0 kyr BP).

Die Bandkeramiker also, die den Urwald in Mitteleuropa rodeten, zogen offenbar vor allem mit Ziegen in die Wälder.

Abb. 3: Dichte frühneolithische, bandkeramische Besiedlung Nordböhmens und des mittleren Sudetenlandes (aus: "The Neolithic Site of Hrdlovka", 2019) (Resg)

Die Forscher stellen für die Waldweide folgende vorherrschende Tierarten in Nordböhmen je nach Zeitepoche fest (siehe Abbildung 4):

  1. Bandkeramik (Frühneolithikum): Ziegen
  2. Mittelneolithikum: Unterbrechung der Waldweide (haben wieder mehr Jäger und Sammler in der Region gelebt???)
  3. frühes Spätneolithikum: Schafe, Rinder, Ziegen, Schweine - Bewuchs: Ahorn (Acer) und Ulme (Ulmus)
  4. spätes Späthneolithikum: Schafe, Schweine, Rinder - Bewuchs: Taubnessel (Lamium) 

Eine Verringerung der Siedlungsdichte im Mittelneolithikum ist für die Region Nordböhmens auch anderweitig festgestellt worden (2). 

Hat es im übrigen während der Endphase des Spätneolithikums eine Überweidung und Übernutzung der Wälder vor allem durch Schafe gegeben, so daß an dem genannten Felsüberhang schließlich vorwiegend Taubnesseln gewachsen sind (die für Schafe sogar giftig sind, wie es im Text heißt)? 

Waldweide mit Schweinen in der Bronzezeit

Wir folgen weiter den Angaben der Abbildung 4:

  1. Frühbronzezeit: Schweine, Schafe, Rinder, sowie auch Ziegen und Menschen - Bewuchs: Weizen (Triticum) (!), Fichten (Picea), Ulmen, Eichen und anderes
  2. Mittelbronzezeit: Schweine, Schafe, Rinder - Bewuchs: Buche (Fagus), Ahorn (Acer)
  3. Spätbronzezeit: nur Schweine

Womöglich ist erkennbar, daß solche Felsen vor allem im Frühneolithikum besonders vielfältig genutzt wurden. Schnurkeramiker haben auch in Oberfranken beispielsweise den abgelegeneren "Hohlen Fels" genutzt, in seiner Nähe gesiedelt und am Felsen auch wilde Pferde bestattet. 

Der Umbruch vom Spätneolithikum zur Bronzezeit geht - wie in vielen Beiträgen hier auf dem Blog behandelt - einher mit dem genetischen und kulturellen Umbruch der Ausbreitung der Indogermanen über ganz Europa hinweg, also mit den genannten Schnurkeramikern und Glockenbecherleuten. 

Von nun an tritt das Schwein bis zur Bronzezeit immer mehr in den Vordergrund was Waldweide betrifft. So daß sich die Frage anschließt: Haben die Indogermanen etwa eine besondere Vorliebe für Schweinefleisch gehabt? Für "Borstenvieh und Schweinespeck"?

Abb. 4: Tier-DNA im Sediment unter dem Felsüberhang über die Jahrtausende hinweg (aus 1)

Daß in der Bronzezeit Schweine in der Waldweide eine viel größere Rolle spielen als im Neolithikum, könnte ja womöglich ein grundlegenderes Kennzeichen der Epoche der europäischen Bronzezeit sein.

Die Bedeutung der Schweinehaltung tritt ja auch noch - zumindest für die Region um Hallstatt in Oberösterreich - während der Eisenzeit hervor, als über das Dachstein-Gebirge hinweg Schweinefleisch samt Salz in größeren Mengen Richtung Süden gehandelt wurde (s. Fb2023). Womöglich war Schweinehaltung die kostengünstigere Variante der Tierhaltung bei den steigenden Bevölkerungszahlen in ganz Europa in der Spätbronzezeit.

Abb. 5: Der Felsübergang liegt inmitten der "Pschichraser Felsen" (Wiki), im Wald eineinhalb Kilometer nördlich des Dorfes Branžež (Wiki) (GMaps)

Man darf gespannt sein, ob sich diese ersten Ergebnisse einer ganz neuen Forschungsrichtung künftig bestätigen werden, und ob solche Forschungsergebnisse insgesamt künftig zu einem deutlich detaillierten Bild der Wirtschaftsweise der jeweiligen Gesellschaft beitragen werden.

Wo liegt das "Böhmische Paradies"?

Abschließend noch einiges zur räumlichen und zeitgeschichtlichen Einordnung der Region des "Böhmischen Paradieses": Von Zittau in Sachsen nach Turnau in Böhmen sind es 55 Kilometer. Auf dem Weg fährt man durch den einstigen deutsch-österreichischen Gerichtsbezirk Reichenberg (Wiki). Dessen Bevölkerung bestand bis 1945 zu 91 % aus Deutschen. 

Hauptort des Bezirkes war Reichenberg (Wiki). Auf dem genannten Weg liegt auch die bis 1945 deutsche Stadt Liebenau (Wiki). Sie gehörte ebenfalls zum Bezirk Reichenberg. Südlich von Liebenau verlief ab 1938 - nach dem Godesberger Abkommen - die Grenze zwischen dem Deutschen Reich und Resttschechien, bzw. ein halbes Jahr später die Grenze zum "Protektorat Böhmen und Mähren". Südlich dieser Grenze lebten zwar seit dem Mittelalter auch Deutsche. Auch die dortigen mittelalterlichen Städte, Dörfer und Burgen sind oft von Deutschen gegründet und bewohnt worden. Zumindest in der Neuzeit (insbesondere seit den Hussitenkriegen) bildeten sie aber in diesen Regionen nicht mehr die Bevölkerungsmehrheit. 

Jedenfalls wenige Kilometer südlich dieser Grenze liegt - grob auf dem Weg Richtung Prag - das "Böhmische Paradies" (Wiki), und zwar südlich eines Hauptortes dieser Region, nämlich Turnau in Böhmen. Über die deutsche Besiedlung des Bezirkes Reichenau als mittlerer Teil des Sudentenlandes lesen wir (Wiki):

Die Gegend um Reichenberg gewann im 13. Jahrhundert an Bedeutung, als deutsche Siedler das bislang kaum bewohnte Gebiet erschlossen und die Wälder im Bereich des alten Handelsweges vom Zentrum Böhmens zur Ostsee rodeten. Die älteste belegte Siedlung der Gegend neben der Johanniterkommende von Böhmisch Aicha ist Friedland, von wo aus die Fürsten, denen unter anderem auch Reichenberg unterstand, jahrhundertelang herrschten.

Friedland liegt 25 Kilometer nördlich von Reichenberg, Böhmisch Aicha liegt acht Kilometer westlich von Liebenau. Friedland ist durch den Feldherrn Wallenstein bekannt geworden, der zum "Herzog von Friedland" ernannt worden war, weil sich die Jesuiten so sehr freuten über seine militärischen Erfolge bei der Rekatholisierung Deutschlands.

Durch diese Gegend zogen im Jahr 1866 auch die preußischen Truppen in die Schlacht von Königgrätz 70 Kilometer weiter südlich. 

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*) Schon im Mai dieses Jahres hatten wir uns mit einer Studie aus dieser neuen Forschungsrichtung beschäftigt (2). Wir hatten im Entwurf einen Blogartikel verfaßt, der den Titel tragen sollte "Auferstanden aus dem Dreck". Aber ob die Erkenntnisse der von uns behandelten Studie schon ausreichend tragfähig waren, wagten wir nicht zu beurteilen. Deshalb ist dieser Blogartikel bis heute unveröffentlicht geblieben.

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  1. Early Pastoralism in Central European Forests: Insights from Ancient Environmental Genomics. Giulia Zampirolo, Luke Earl Holman, Rikai Sawafuji, Michaela Ptáková, Lenka Kovaiková, Petrída, Petr Pokorný, Mikkel Winther Pedersen and Matthew Walls. bioRxiv. posted 3 December 2023, http://biorxiv.org/content/early/2023/12/03/2023.12.01.569562?ct=ct.
  2. Pere Gelabert, Susanna Sawyer, Anders Bergström, Ashot Margaryan, Thomas C. Collin, Tengiz Meshveliani, Anna Belfer-Cohen, David Lordkipanidze, Nino Jakeli, Zinovi Matskevich, Guy Bar-Oz, Daniel M. Fernandes, Olivia Cheronet, Kadir T. Özdoğan, Victoria Oberreiter, Robin N.M. Feeney, Mareike C. Stahlschmidt, Pontus Skoglund, Ron Pinhasi, Genome-scale sequencing and analysis of human, wolf, and bison DNA from 25,000-year-old sediment, Current Biology, Volume 31, Issue 16, 2021, Pages 3564-3574.e9, https://doi.org/10.1016/j.cub.2021.06.023. (https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0960982221008186)
  3. Rolandstouren: Felsenstadt Příhrazy im Böhmischen Paradies in Tschechien / Příhrazské skály / Český ráj ( Yt2023)

Sonntag, 19. April 2020

Unsere Äpfel - Sie stammen aus dem Tianshan-Gebirge

Breiteten sie die Indogermanen über ganz Europa aus?

Abb.: Äpfel (Wiki)
Überall blühen jetzt wieder die Apfelbäume. Und wir freuen uns auf den Spätsommer und auf eine reiche Apfelernte. Wir freuen uns auf Apfelkuchen, Apfelsaft, Apfelmus, Bratäpfel und Äpfel am Weihnachtsbaum. 

Woher aber eigentlich kommt er, der Apfel. Dieses so durch und durch europäisch und einheimisch anmutende Obst. Nun: Der nächste genetische Verwandte unserer domestizierten Apfelsorten (Wiki) ist - - - der "Asiatische Wildapfel". Darauf werden wir aufmerksam aufgrund einer interessanten Rezension in der Zeitschrift "Antiquity" (1). Auf Wikipedia lesen wir dazu ergänzend (Wiki):

Die Heimat des Asiatischen Wildapfels liegt in Zentralasien; das Verbreitungsgebiet erstreckt sich vom südlichen Kasachstan über Kirgisistan und Tadschikistan bis ins chinesische Xinjiang. An einigen Stellen des Tianshan-Gebirges ist der Asiatische Wildapfel bestandsbildend. So steht beispielsweise ein großer Apfelbaumwald im Dsungarischen Alatau, einem Bergzug des Tianshan-Gebirges. Er wächst auf einer Höhe zwischen 1500 und 2200 m. (...) Im Habitus ist er dem Kulturapfel (Malus domestica) recht ähnlich. Seine Früchte sind die größten von allen wilden Apfelarten; sie werden bis zu 7 cm groß. Ihr Geschmack ist unterschiedlich und reicht von sauer bis süß. Die Früchte einiger Exemplare des Asiatischen Wildapfels aus dem Tianshan-Gebirge sind sehr wohlschmeckend und durchaus mit dem Kulturapfel vergleichbar.

Er stammt also aus der Dsungarei, unser Apfel. Waren es schon dortige (westsibirische?) Jäger und Sammler, die herzhaft in ihn gebissen haben? Sicherlich. Aber vielleicht ist er doch erst von der ersten dortigen Bauernkultur, von der Marghiana-Kultur (Wiki) domestiziert worden?

Von der Marghiana-Kultur domestiziert?

Die Hauptstadt von Kasachstan ist sogar nach dem Apfel benannt. "Alma" heißt auf Kasachisch Apfel, und Alma-Ater "Apfel der Äpfel" oder auch "Vater der Äpfel". Kasachisch ist eine Turksprache. Noch ist unter Sprachforschern nicht geklärt, ob unser Wort "Apfel" abgeleitet ist von Alma oder ob umgekehrt Alma von Apfel abgeleitet ist oder ob beide unabhängiger Herkunft sind. Sicherer sind sich die Sprachforscher da schon über die Appel-Apfel-Grenze (Wiki), die sich ab 600 n. Ztr. mit der "zweiten (deutschen) Lautverschiebung" (Wiki) ergeben hat. Ursprünglich hieß in Deutschland der Apfel "Appel", bis sich eben zwischen 620 und 640 n. Ztr. vom gemeinsamen nord- und südalpinen Kulturraum der damaligen Baiern und Langobarden ausgehend die "neumodischere" Aussprache Apfel ausbreitete. Und das Wort "Apfel/Appel" ist westindogermanischen Ursprungs (Wiki):

Das Wort Apfel wird auf die indogermanische Grundform *h₂ébōl zurückgeführt, die nur Fortsetzungen im Nordwestindogermanischen (Germanisch, Keltisch, Baltisch und Slawisch) hat und dort in allen Formen den Apfel bezeichnet. In der Forschung herrscht Uneinigkeit darüber, (...) ob es sich um (...) eine Entlehnung aus einer nicht-indogermanischen Sprache (vgl. kasachisch alma, burushaski báalt) handelt.

Wenn es unter allen westindogermanischen Völkern eine gemeinsame Herkunft des Wortes "Apfel" gibt, könnte daraus abgeleitet werden, daß sich das Wort - und die domestizierten Äpfel selbst - auf den Rinderwagen der sich gen Westen ausbreitenden Schnurkeramiker oder der Glockenbecherleute um 2.800 v. Ztr. über Europa hinweg ausgebreitet haben. Da die Verwandten dieser westindogermanischen Völker als Afanasievo-Kultur (Wiki) schon ab 3.500 v. Ztr. die Nordhänge des Tianshan-Gebirges besiedelt haben, könnte von ihnen ausgehend sich der domestizierte Apfel nach Westen ausgebreitet haben.

Zentralasien als Ursprungs- und Transferraum von domestizierten Pflanzen

Über die zum Teil sehr weit auseinander liegenden Routen der Seidenstraße haben sich aber über die Jahrhunderte und Jahrtausende hinweg auch noch viele andere domestizierte Pflanzenarten Richtung Westen und Richtung Osten ausgebreitet. Über das neu erschienene Buch zu diesem Thema heißt es (1):

Einer größeren Öffentlichkeit wird durch die systematischen und detaillierten Diskussionen (...) ein Blick in diese faszinierende und noch ganz unbekannte Welt eröffnet. Wir erfahren etwas über die reiche Kultur- und Umweltgeschichte dieser Oasen, dieser Täler, Gärten, Flüsse und Wüsten, wir erfahren etwas über mittelalterliche Karawanen und über Städte wie Samarkand und Buchara, und über deren Märkte, die den Reisenden und Anwohnern eine große Vielfalt an Früchten, Gemüsesorten und Gewürzen zum Kauf anbieten. 
His systematic and detailed discussions (...) have opened up this fascinating but still unfamiliar world to a wider audience. We learn of the rich cultural and environmental history of these oases, valleys, gardens, rivers and deserts, of medieval caravans and of cities such as Samarkand and Bukhara, whose markets offered a huge variety of fruits, vegetables and spices to travellers and residents alike.
Bemängelt wird, daß in dem Buch fehlen würde ...
... eine Tafel, um eine Übersicht zu gewinnen, welche Nahrungsmittel im Osten ihren Ursprung haben und Richtung Westen ausgebreitet wurden (z.B. Reis, Hirse, Pfirsich, Apfelsinen), welche im Westen ihren Ursprung haben und sich Richtung Osten ausgebreitet haben (z.B. Weizen, Gerste, Weintrauben) und welche in Zentralasien ihren Ursprung haben (z.B. Äpfel, Pistazien, Quitten), sowie wann die Ausbreitungbewegung ungefähr statt hatte.
.... a table included to set out clearly which foods originated in the East and travelled West (e.g. rice, broomcorn millet, peach, orange), which originated in the West and travelled East (e.g. wheat, barley, grapes) and which originated in Central Eurasia (e.g. apples, pistachios, quince) and approximately when these transfers occurred.

Haben sich die hier erwähnten Weintrauben aber wirklich von Westen nach Osten ausgebreitet?

Der erste domestizierte Wein - in China oder im Kaukasus?

In einem weiteren neuen Buch berichtet vielmehr der Archäologe Peter Kupfer über (4)

Funde aus Jiahu in der nordchinesischen Provinz Henan. Dort entdeckten Archäologen um Patrick McGovern von der University of Pennsylvania im Jahr 2004 Gefäße aus der Zeit um 7000 vor Christus, in denen Rückstände eines fermentierten Getränks erhalten waren. Nähere Analysen enthüllten, daß dieses Getränk eine Mischung aus Bier, Wein und Met darstellte. Es wurde mit Weintrauben, Reis, Honig und bestimmten Pilzkulturen hergestellt. Nur wenig später, vor rund 8000 Jahren, wurde auch in Georgien mit dem Weinbau begonnen, wie archäologische Funde nahelegen.
Daß der möglicherweise älteste Wein der Welt ausgerechnet in China gefunden wurde, ist kein Zufall, wie Kupfer erklärt. Denn in dieser Region wuchs damals die größte Vielfalt und Dichte an wilden Weinarten. Noch heute gibt es in China mehr als 40 wilde Vitis-Arten, davon 30 originär einheimische Spezies. Einen starken Aufschwung erhielt Chinas frühe Weinherstellung vor allem während der Bronzezeit, als Angehörige der nomadischen Rong- und Di-Stämme aus dem Gebiet des heutigen Iran nach China vordrangen. „Diese Stämme brachten ihre Weinbaukultur und Winzerkünste aus Zentralasien und dem Alten Persien in den Norden Chinas und begannen dort die Kultivierung und den Handel mit Wein“, berichtet Kupfer.

Das hieße: Domestizierter Wein 7.000 v. Ztr. in Nordchina, 6.000 v. Ztr. in Georgien (Südkaukasus, wo es schon riesige Weinbottiche gab).

Schon seit Jahrzehnten ist der Bloginhaber fasziniert von dem immer genaueren Wissen um die Herkunft und Geschichte so vielen verschiedener Tier- und Pflanzenarten, die vom Menschen domestiziert wurden oder die sich als Kulturfolger an das Zusammenleben mit dem Menschen angepaßt haben (z.B.: Hausmaus, Hausratte oder Hauskatze). Sie alle sind z.T. wichtige Erkenntnisquellen des Historikers und Archäologen, da wichtige Indikatoren für Besiedlungsdichte, gesellschaftliche und wirtschaftliche Komplexität, Fernhandel und vieles andere mehr.

Seit mehreren Jahrzehnten ist ja gut gesichert, daß viele heute in Europa gebräuchliche Pflanzen- und Tierarten aus dem Fruchtbaren Halbmond stammen. Der nächste wilde Verwandte des Einkorn-Weizens etwa wächst heute noch im Karacadac-Gebirge in der Südtürkei. Ähnlich haben wir hier auf dem Blog immer einmal wieder Artikel veröffentlicht zur Erforschung der Domestizierung und Ausbreitung von Hirse, Reis, Mais, Hausrind, Hausschwein, Pferd oder Haushuhn. (Siehe Stichworte "Domestikation" oder "Hausmaus").

Mit den Indogermanen hat sich vielleicht auch die osteuropäische Hausmaus bis zur Donau und zur Elbe ausgebreitet (2). Und auch unsere Haushühner (Wiki, engl) stammen aus dem Osten (3). Sie könnten - nach derzeitigem Forschungsstand (Wiki, engl) - schon im 6. Jahrtausend v. Ztr. in China domestiziert worden sein. Unsere heutigen Hühnerrassen stammen aber offensichtlich aus Indien im 3. Jahrtausend v. Ztr. (3). Von dort haben sie sich früh nach Osten (Ukraine, Rumänien, Anatolien) ausgebreitet. Vielleicht auch mit den Indogermanen? Allerdings werden in den Dichtungen des griechischen Dichters Homer um 800 v. Ztr. keine Haushühner genannt. Um diese Zeit breiteten sie sich dennoch in der Ägäis und im nördlichen Mittelmeerraum aus. Und von dort breiteten sie sich auch zu den Kelten an der Donau im 7. Jahrhundert v. Ztr. (3). Vermutlich mit den Römern haben sich die Haushühner dann über den Limes hinaus nach Norden ausgebreitet.

Also, denken wir ab und zu einmal bei einem herzhaften Biß in einen Apfel an unsere fernen, ausgestorbenen Verwandten, die frühen Indogermanen der Afanasievo-Kultur am Nordhang des Tianshan-Gebirges.

Ergänzt um Ausführungen 
nach (4): 22.4.2020
________________
  1. Marijke van der Veen: Rezension von Robert N. Spengler III. "Fruit from the sands: the Silk Road origins of the foods we eat" (University of California Press, Oakland 2019) In: Antiquity, Volume 94, Issue 374, April 2020 , pp. 553-555 (Antiquity)
  2. Bading, Ingo: 2014, https://studgendeutsch.blogspot.com/2014/09/die-stadte-der-indogermanen-und-ihre.html
  3. Bading, Ingo: 2007, https://studgendeutsch.blogspot.com/2007/04/hhner-sind-in-nordeuropa-christliche.html 
  4. Nadja Podbregar: Der Ursprung des Weinbaus liegt in China, 21. April 2020, https://www.wissenschaft.de/geschichte-archaeologie/der-ursprung-des-weinbaus-liegt-in-china/

Donnerstag, 29. August 2019

Unsere Hausschweine stammen NICHT aus dem Vorderen Orient

Nahöstliche domestizierte Schweine vermischten sich gleich anfangs auf dem europäischen Kontinent mit europäischen Wildschweinen

Vor einem Monat titelten wir: Unsere Hausrinder stammen nicht aus dem Vorderen Orient (1). Inzwischen ist eine vergleichbare Studie zur Herkunft der europäischen Hausschweine erschienen, die nun die Überschrift erlaubt: Unsere Hausschweine stammen nicht aus dem Vorderen Orient. Denn schon die Hausschweine der ersten Bauernkultur Europas, der Bandkeramiker, stammten nur zu 50 % aus Anatolien (2).

Abb. 1: Schweinchen-Figurinen aus der bandkeramischen Kultur in der Wetterau (ohne Maßstab). 1 Butzbach-Nieder-Weisel (Ankel/Meyer-Arendt, Anm. 41) und 2.4.6.8 Nieder-Mörlen (Schade-Lindig, Idole, Abb. 10, 31; 9, 33.34; 13,51). 3 Glauberg und 5 Butzbach-Nieder-Weisel (Schade-Lindig/Schade, Preziosen, Abb. 13,1.3).7 Bad Homburg-Nieder-Erlenbach (Zeichnung Schade-Lindig).

Erinnern wir uns bei dieser Gelegenheit daran, daß Hausschweine bis in 19. Jahrhundert hinein über die sogenannte "Eichelmast" (3) gehalten wurden. Bis dahin hatte jedes Dorf nicht nur einen Pferdehirten, einen Kuhhirten und einen Schafhirten, sondern eben auch eine Schweinehirten. Die Schweine wurden über weite Teile des Jahres gar nicht im Stall gehalten, sondern draußen in der Nähe des Waldes (3):

"Die Eichelmast trug auch dazu bei, daß das Hausschwein lange Zeit dem Wildschwein glich, da die Sauen sehr häufig durch Keiler gedeckt wurden."

Und aus der neuen Studie darf geschlossen werden, daß diese Vermischung von Haus- und Wildschweinen in Europa schon in den ersten Balkan-neolithischen Kulturen begann und in der Mittleren Bronzezeit weitgehend abgeschlossen war. 

[Ergänzung 22.1.22] Schon für die vorkeramischen, halbseßhaften Kulturen im östlichen Teil des Fruchtbaren Halbmonds, im Zagros-Gebirge ist festgestellt worden, daß sie männliche Schafe und Ziegen jagten - aber nicht weibliche, um die Bestände zu erhalten, und daß sie weibliche (Wild-)Sauen im oder nahe des Haushalts hielten, sie aber regelmäßig mit wilden Ebern decken ließen, so wie das zum Teil noch heute auf Neuguinea geschieht (9). So daß das im vorliegenden Blogartikel aufscheinende Geschehen in den frühen neolithischen Kulturen Europas nicht ungewöhnlich ist.

Das Schwein ist also zwar ursprünglich im Vorderen Orient domestiziert worden und die Genetik der nahöstlichen Hausschweine beeinflußte anfangs auch sehr stark diejenige der europäischen Hausschweine. Doch heute spielt sie in Europa kaum noch eine Rolle (2):

"Die ersten domestizierten Schweine, die aus dem Nahen Osten nach Europa eingeführt wurden, waren beträchtlich kleiner als die europäischen Wildschweine."
"The first domestic pigs introduced from the Near East were substantially smaller than European wild boars."

So führt die neue Studie aus. Ihr Ziel (2):

"Wir charakterisieren das Ausmaß, die Geschwindigkeit und den Mechanismus, durch den (die in Europa eingeführte) Schweine die Herkunft europäischer Wildschweine annahmen."
"Here we (...) characterized the extent, speed, and mechanisms by which" (introduced) "pigs acquired European wild boars ancestry."

Hierzu wurden 1.318 archäologisch gewonnene Schweineknochen untersucht, 262 von Wildschweinen, 592 von Hausschweinen, 464 mit unbekannter Zuordnung. Von ihnen gilt (2):

"Am frühesten tritt der mitochondriale nahöstliche Hausschwein-Haplotyp Y1 in unserer  kontinentaleuropäischen Untersuchungsgruppe 6.000 v. Ztr. in neolithischen Hausschweinen im heutigen Bulgarien auf, am spätesten in einem neolithischen Kontext 3.100 v. Ztr. in einem polnischen Exemplar."
"The first appearance of the" Near Eastern "mt-Y1 haplotype in our continental European dataset was ∼8,000 y ago in Neolithic Bulgarian pigs (Kovacevo: Kov18, Kov21), and its terminal appearance in a Neolithic context was ∼5,100 y ago in a Polish sample (AA134, _ Zegotki 2)."

Bei dem Fundort Zegotki handelt es sich um ein Dorf, das auf Deutsch Wiesengrund (Wiki) hieß.**) Bei den in Wiesengrund gefundenen Schweineknochen dürfte es sich um Hausschweine der Kugelamphorenkultur gehandelt haben.

In der Zeit danach findet sich nahöstliche mitochondriale Signatur nur selten und punktuell in Hausschweinen um 2.000 v. Ztr. im südwestlichen Griechenland, sowie in Sardinien und um 1200 n. Ztr. in Neapel, Korsika und in der Toskana.

Heutige europäische Hausschweine haben dann nur noch 4 % nahöstliche Hausschwein-Genetik in sich und das aufgrund vornehmlich von südeuropäischen Hausschwein-Rassen. Weiter (2):

"Zwei frühneolithische Schweine aus Herxheim, Deutschland (5.100 v. Ztr.) besaßen 54 % und 9 % nahöstliche Herkunft; ein domestiziertes Schwein von  la Baume d’Oulen (5.100 v. Ztr.) besaß 15 % davon; ein spätneolithisches Schwein von Durrington Walls in Großbritannien (Großsiedlung in der Nähe von Stonehenge) (2.500 v. Ztr.) besaß nur 5 %.
"2 early Neolithic samples from Herxheim, Germany (∼7,100 y BP: KD033, KD037) possessed ∼54% and ∼9% Near Eastern ancestry, respectively; a domestic pig from la Baume d’Oulen, France (∼7,100 y BP: AA288) possessed 15%; a Late Neolithic sample from Durrington Walls in Britain (∼4,500 y BP: VEM185) possessed ∼10%; and a 1,000-y-old Viking Age sample from the Faroe Islands (AA451) possessed only 5%."

Also schon die Hausschweine der Bandkeramik in Südhessen (Herxheim) um 5.100 v. Ztr. hatten zur Hälfte bis 90 % einheimische europäische Wildschwein-Genetik. Und in der Bronzezeit war der Anteil der nahöstlichen Genetik bei den europäischen Hausschweinen schon auf den heutigen Anteil zurückgegangen.

Bei dieser Gelegenheit fällt einem ein, daß es so manche schöne tönerene Hausschweine-Darstellung in der bandkeramischen Kultur gibt, die zeigt, daß Liebe und Zuneigung zu Hausschweinen Bestandteil des kulturellen Selbstverständnisses dieses ersten Bauernvolkes Europas gewesen ist (Abb. 1) (4, 5). Interessant ist außerdem die Angabe für La Baume d’Oulen um 5.100 v. Ztr.. Das ist eine Höhle im Rhonetal in Südfrankreich (6), wo es also um 5.100 v. Ztr. ebenfalls nur 15 % anatolische Hausschwein-Genetik gab. Weitere Untersuchungen in geringerer Sequenzierungs-Auflösung ergaben (2)

"acht domestizierte Schweine, die den nahöstlichen Wildschweinen und neolitischen domestizierten Schweinen des Nahen Ostens näher standen. ....Und zwar im Nördlichen Makedonien (5.650 v. Ztr.), Herxheim (5.100 v. Ztr.), Rumänien (5.100 und 4.000 v. Ztr.) und Serbien (4.500 v. Ztr.). (...) Sieben dieser Schweine gehörten auch die nahöstliche mitochondriale Y1-Haplogruppe."
"8 domestic pigs that are closer to Near Eastern wild boars and ancient Near Eastern domestic pigs. In all, this group comprised Neolithic pigs from contexts dating from 7,650 to 6,100 y BP, including the following: Madzhari, Northern Macedonia (∼7,650 y BP: BLT022, BLT023); Herxheim, Germany (7,100 y BP: KD033, KD032); Magura, Romania (7,100 y BP: BLT010); Plocnik, Serbia (∼6,650 y BP: AA212); Vinca Belo Brdo, Serbia (∼6,500 y BP: BLT014); and Cascioarele, Romania (∼6,000 y BP: AA072). Interestingly, 7 of these samples also possessed the Near Eastern mt-Y1 haplogroup."

Eine jünger datierte, zweite Gruppe von in geringerer Aufslöung sequenzierten Schweineknochen stand dann genetisch den europäischen Wildschweinen näher (2):

"Die zweite Gruppe von archäologischen europäischen Schweineknochen stand den wilden und modernen domestizierten europäischen Schweinen näher und schloß in sich ein Schweineknochen, die meistens in der Zeitstellung jünger sind als die der ersten Gruppe. ....
"The second group of ancient European samples was closer to wild and modern domestic pigs from Europe and included samples that are mostly younger in age than the first group. This second group consisted of 18 domestic samples from overall more recent archaeological sites dating from 7,100 to 900 y BP, including the following: Herxheim, Germany (7,100 y BP: KD037); Oulens, France (∼7,100 y BP: AA288); Bozdia, Poland (∼6,700 y BP: AA346; ∼900 y BP: AA343, AA341); Durrington Walls, England (∼4,500 y BP: VEM183, VEM184, VEM185); Utrecht, The Netherlands (∼2,300 y BP: KD025; ∼700 y BP: KD024); Basel, Switzerland (∼2,000 y BP: AA266); Coppergate, England (∼1,800 y BP: AA301); Undir Junkariusfløtti, Faroe Islands (∼1,000 y BP: AA451, AA411, AA414, AA418, AA440); and Ciechrz, Poland (∼900 y BP: AA139). (...) All of these samples possessed a European mtDNA signature."

Aus all dem ist insgesamt zu schlußfolgern: So wie schon die ersten neolithischen Kulturen auf dem Balkan einheimische europäische Hausrinder nutzten, so hatten sie auch schon - wenigstens zum Teil - einheimische, europäische Hausschweine. Diese Hausschweine konnten in den balkan-neolithischen Kulturen und in der Bandkeramik noch zu über die Hälfte anatolisch-neolithischer Herkunft sein. Aber in der Zeit danach ging dieser anatolisch-neolithische Herkunftsanteil innerhalb Europas stetig zurück bis er in der Mittleren Bronzezeit um 2.000 v. Ztr. in Europa nur noch eine verschwindende Rolle spielte.

Abb. 2: Niedliche tönerne Schweinchen-Darstellung aus Nieder-Weisel in der Wetterau in Hessen, 16 Zentimeter lang, Bandkeramik (v.a. Nummer 3 links unten) (aus: 4, s.a. 5)

Damit übrigens der mitochondriale genetische Anteil europäisch wurde, reichte das Decken durch Wildeber nicht aus, sondern es mußten weibliche Wildschweine eingefangen worden sein, denkbar als Frischlinge, nachdem das Muttertier erjagt worden war. Daß es in den frühen neolithischen Bauernkulturen - ähnlich wie auf Neuguinea - sehr beliebt war, Schweine zu päppeln, möchte man von den geschaffenen Figurinen durchaus ablesen.

Hausschweine in der Ertebolle-Kultur um 4.500 v. Ztr.?

Ergänzung 24.11.2013: Schon in einer Kieler Studie aus dem Jahr 2013 wurde übrigens in der mesolithischen Ertebolle-Kultur des westlichen Ostseeraumes um 4.500 v. Ztr. herum nahöstliche Hausschwein-Genetik gefunden, die auf kulturelle Kontakte zu den südlichen Bauernkulturen zurück geführt wird (7):

Surprising is the presence of three Ertebølle pigs from Grube–Rosenhof (specimens: E24, E44) and Poel (E69) from northern and northeastern Germany that possessed the Near Eastern haplotype Y1 (...). This result indicates the presence of animals with an ‘exotic’ domestic origin in a hunter-gatherer context (...). In addition, one of these specimens (E24) revealed a range of other domestic traits. (...) Finally, direct dating of E24 (4720–4582 cal BC, KIA 41338) confirmed its younger Ertebølle cultural affiliation (~4750–4450 cal BC). (...)
As Ertebølle and Neolithic groups (LBK, Stichbandkeramik and Rössen) coexisted for ~700 years (between 5500 and 4200 cal BC), the presence of a domestic pig dated from 4720 to 4582 cal BC at an Ertebølle site suggests that contact was frequent enough to be detected in the limited sample size analysed in this study. It seems that specimen E24 represents the earliest evidence of the first domesticated pigs introduced to the region.

Da nahöstliche Hausschwein-Genetik sowieso schnell zurückgegangen ist damals in Europa, ist der Nachweis von Hausschweinen in der Ertebolle-Kultur künftig sicher noch anders zu führen als durch Nachweis nahöstlicher Genetik.

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*) Wiesengrund gehörte bis 1918 zu Deutschland, da es inmitten der damaligen deutschen Provinz Posen lag, 100 Kilometer östlich der Stadt Posen, 15 Kilometer südlich der Stadt Hohensalza, zwischen den Städten Gnesen und Wloclawek an der Weichsel, das heißt: 50 km westlich von Gnesen und 65 km östlich von Wloclawek, außerdem 50, bzw. 60 km südlich von Thorn und Bromberg an der Weichsel (Wiki), 200 Kilometer nördlich von Breslau.
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  1. Bading, Ingo: Unsere Kühe - Sie waren schon immer bei uns einheimisch - Sie stammen NICHT (!) aus dem Vorderen Orient, 18. Juli 2019, https://studgendeutsch.blogspot.com/2019/07/unsere-kuhe-schon-immer-waren-sie-bei.html 
  2. Ancient pigs reveal a near-complete genomic turnover following their introduction to Europe. Laurent A. F. Frantz, James Haile, Audrey T. Lin, Amelie Scheu, Christina Geörg, Norbert Benecke, (...) Wolfram Schier, (...) Joachim Burger, Allowen Evin, Linus Girdland-Flink, Greger Larson. In: Proceedings of the National Academy of Sciences Aug 2019, 116 (35) 17231-17238; DOI: 10.1073/pnas.1901169116 (Researchgate)
  3. https://de.wikipedia.org/wiki/Eichelmast
  4. Fröhlich, Madeleine: Figürliche Kunst der Linienbandkeramik aus Günthersdorf, Dezember 2017, http://www.lda-lsa.de/de/landesmuseum_fuer_vorgeschichte/fund_des_monats/2017/dezember/
  5. Tönernes Schwein aus Nieder-Weisel , Wetteraukreis (Hessen). In: Andrea Streily und Kirtsen Hellström: Archäologische Funde in Deutschland ausgewählt und kommentiert von Svend Hansen. Berlin 2010, S. 22f (pdf
  6. https://de.wikipedia.org/wiki/Baume_d%E2%80%99Oullins, https://fr.wikipedia.org/wiki/Baume_d%27Oullins
  7. Use of domesticated pigs by Mesolithic hunter-gatherers in northwestern Europe. Krause-Kyora B, Makarewicz C, Evin A, Flink LG, Dobney K, Larson G, Hartz S, Schreiber S, von Carnap-Bornheim C, von Wurmb-Schwark N, Nebel Almut. Nat Commun. 2013;4:2348. doi: 10.1038/ncomms3348, https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC3903269
  8. Sabine Schade-Lindig: Kunst oder Kult - Figürliche Plastiken aus Bad Nauheim-Nieder-Mörlen und der geographischen Wetterau. 2012, S. 453ff (DocPlayer)
  9. Bading: Zagros, 2022, https://studgendeutsch.blogspot.com/2022/01/das-zagros-gebirge-in-der.html

Donnerstag, 22. Januar 2009

Die weltgeschichtliche Bedeutung der bandkeramischen Kultur

Wissenschaftsblogger Lars Fischer fragte nach Literatur-Angaben zu der Fußnote im vorigen Beitrag (Stud. gen.) über die Siedlungsdichte der Bandkeramiker, der ersten Bauernkultur Mitteleuropas:

"Den Hinweis auf die Bandkeramiker find ich besonders spannend. Kannst du da Quellen nennen?"

Die Antwort soll hier auch noch einmal als ein eigener Beitrag veröffentlicht werden. (Für frühere Beiträge zu den Bandkeramikern siehe ---> hier, hier, hier und hier, jetzt zusammengefaßt unter der neuen Rubrik "Bandkeramik".)

Bandkeramisches Langhaus

Die Verteilung von frühgeschichtlichen Siedlungen in der Landschaft (1 - 3) kann anhand von Scherben kartographiert werden, die über die Jahrzehnte hinweg von Archäologen und Hobbyarchäologen als Oberflächenfunde zusammen getragen worden sind.

In der Gegend des Zusammenflusses von Schwalm und Eder in Nordhessen (der engeren Heimat des Verfassers dieser Zeilen) hat man über einen Streifen guter Böden von etwa 16 Kilometer Länge und 8 Kilometer Breite 28 bandkeramische Siedlungsstellen gefunden (1). Das entspricht etwa der Zahl der Dörfer, die es in diesem Gebiet heute gibt. Und das ist eine typische Erscheinung für alle agrarischen Regionen zwischen dem Schwarzem Meer und der Kanalküste, in denen die Kulturstufe der Bandkeramik bislang gut hatte erforscht werden können. Es gibt viel und detaillierte Literatur zu vielen Regionen, etwa zu Südpolen - auch zu Schlesien, Böhmen, der Slowakei oder Niederösterreich. Auch zum Rheinland, wo Jens Lüning innovativ die Erforschung der europäischen Bandkeramik vorangetrieben hat (durch flächenmäßig weit gefaßte Archäologie des dortigen Braunkohletagebaus). Ebenso in Belgien. Und neuerdings vermehrt auch in Sachsen aufgrund des dortigen Neubaus von Autobahn-Trassen.

Auf 16 Kilometer Länge 28 Siedlungsstellen

Die frühen Ackerbau-Kulturen haben sich die waldreichen Höhenlagen in der Regel nicht erschlossen. Sie besiedelten vornehmlich die Niederungen mit den guten Böden. Diese bestanden damals aus Schwarzerde wie es sie heute noch in der außerordentlich fruchtbaren Ukraine gibt. Der gleiche Boden - frühere Schwarzerde - ist aufgrund der Jahrtausende langen Nutzung durch Ackerbau in Mitteleuropa inzwischen zu Braunerde "degeneriert".

Die heute in Mitteleuropa besiedelten Höhenlagen wurden zumeist erst im Hochmittelalter erstmals gerodet und besiedelt (siehe hier als Beispiel zwei Luftbilder aus der Oberpfalz). An ihnen ist heute noch oft die sprichwörtliche Lage als "Waldinsel", als Rodungsinsel sichtbar. (Aus der mittelalterlichen Rodungssiedlung stammen dementsprechend häufig Dorfnamen mit der Endung "-rode". )

Diese Insellage inmitten von Wald war auch typisch für die ersten Langhaus-Siedlungen der Bandkeramiker, wie Jens Lüning als einer der ersten nachgewiesen hat. Damals allerdings - wie gesagt - in den tieferen Lagen. Außerdem verbanden sich viele solcher "ältest-bandkeramischen" Rodungsinseln innerhalb weniger Jahrzehnte - oder Jahrhunderte - zu den typischen, dichtbesiedelten bandkeramischen "Siedlungskammern" oder "Siedlungsbändern" entlang der Flußläufe. Diese sind typisch für die Hochzeit der Bandkeramik, ihre mittlere Phase. In ihr reihte sich Weiler an Weiler, ungefähr in der gleichen Verteilung, wie sich heute Dorf an Dorf reiht in diesen Gebieten.

Von einzelnen Rodungsinseln zu Siedlungsbändern verdichtet

Aber zwischen diesen bandkeramischen "Siedlungskammern" oder "-bändern" (oder denen späterer Kulturen) lagen immer auch vergleichsweise breite Streifen weitgehend unbesiedelten Waldes. Gegenden, die immer auch "Grenzregionen" zwischen benachbarten Stämmen darstellten. Dieser Umstand gilt noch für die germanische Zeit.

Daß man sich grob für jedes heutige mitteleuropäische Dorf in guter Bodenlage (siehe als Beispiel Foto rechts: Sievershausen in Nordhessen) ein bandkeramisches Gehöft (ein bis zu 30 Meter langes Langhaus) denken kann (von mehreren kinderreichen Familien samt Vieh bewohnt), diese Faustregel läßt sich aus vielen Bandkeramik-Studien ableiten.

Anschauliche Beispiele für ein solches Siedlungsbild wie es die Hochzeit der Bandkeramik aufwies, wird man heute schwer in der Landschaft noch finden können, da im Mittelalter die mitteleuropäischen Dörfer, zumal in guter Bodenlage, alle weit über die Größe von "Weilern" hinausgewachsen sind.

7.500 Jahre Bauern in Mitteleuropa

In einer Studie über die nördliche Wetterau (nördlich von Frankfurt) - die noch heute besten, fruchtbarsten Boden aufzuweisen hat - ist die bandkeramische Siedlungsstruktur mit der Siedlungsstruktur der Abfolge der hier siedelnden späteren Kulturen verglichen worden (2). Nach dieser Studie finden sich in der nördlichen Wetterau:

1. für die älteste Bandkeramik 20 Siedlungsstellen
2. für die spätere Bandkeramik 122 Siedlungsstellen (!)
3. für die hier darauf folgende Großgartacher Kultur 28 Siedlungsstellen,
4. für die darauf folgende Rössener Kultur 43,
5. für die darauf folgende Michelsberger Kultur (Erfindung des Rades!) 36,
6. für die Hügelgräberbronzezeit 20,
7. für die Urnenfelderkultur 84 (!),
8. für die Hallstattzeit 45,
9. für die Latenezeit 50,
10. für die Römische Kaiserzeit 94 (!),
11. für die Völkerwanderungszeit 11,
12. für das Frühmittelalter 50 Siedlungsstellen. (2, S. 226)

Es wird der klare Siedlungsverdichtungs-Sprung von der ältesten (also frühesten) Bandkeramik zur späteren Bandkeramik deutlich, auf den schon oben hingewiesen worden ist. Und es wird deutlich, wie spätere Kulturen oftmals wieder auf die Siedlungsdichte der Gründungsphase der Bandkeramik zurückfielen oder wie sie nicht besonders ausgeprägt über eine solche hinaus kamen. Das gilt insbesondere auch für die Kultur, die auf den Untergang der Bandkeramik-Kultur folgte, sowie sowohl für die Hochkultur der Bronzezeit, als auch für die Völkerwanderungszeit.

Die höchste Siedlungsdichte von allen vormittelalterlichen Kulturen

Heute gibt es in dieser Region 120 Dörfer und Siedlungen. - Es sei darauf hingewiesen, daß in der hier benutzten Studie die Zahlen nur "Nebenprodukt" der dort verfolgten Argumenation sind. Aber diese Zahlen sind vielleicht noch viel aussagekräftiger, als alles übrige, was in dieser Studie mitgeteilt und geschlußfolgert wird.

Wenn nun auch die Lebenszeit der angeführten Kulturen unterschiedlich ist, wenn deshalb auch kein exakter Vergleich zwischen den angegebenen Kulturen beim Stand der Forschungen dieser Studie möglich ist, so geben diese Zahlen doch einen groben Anhalt dafür, daß zwischen 5.500 v. Ztr. und dem Frühmittelalter tatsächlich die Bandkeramik die höchste Siedlungsdichte von allen Kulturen aufwies. Zumindest einige der nachbandkerramischen Epochen/Kulturen dauerten mindestens ebenso lange wie die Spätere Bandkeramik.

Große Einheitlichkeit aller Kulturmerkmale

Es wäre schön zu erfahren, ob Bandkeramik-Spezialisten die hier vorgetragenen Vermutungen im Wesentlichen bestätigen. Ob sie dieselben noch mit detaillierterem (aktuellerem) Zahlenmaterial untermauern könnten. Erstaunlicherweise ist dem Autor dieser Zeilen auch nach intensivem Studium der Forschungsliteratur keine andere Studie bekannt geworden, anhand der ein solcher Vergleich vorgenommen werden könnte wie er oben (anhand von 2) hat vorgenommen werden können (siehe auch: 3). Die Bandkeramik-Forscher scheinen das Licht der von ihnen erforschten Kultur immer noch "unter den Scheffel" stellen zu wollen!

Bandkeramikforscher staunen aber nichtsdestotrotz schon seit Jahrzehnten über die hohe Verbreitungsgeschwindigkeit, mit der sich die Bandkeramik aus dem Ursprungsgebiet, nämlich aus der Gegend rund um den Neusiedler See aus über ganz Mitteleuropa bis zur Kanalküste hin ausgebreitet hat (über das "Lößerde-Gebiet" hinweg). Sie sind auch erstaunt über die große Einheitlichkeit fast aller kulturellen Parameter über so weite Entfernungen hinweg und auch über die große kulturelle Stabilität, in der sich diese Einheitlichkeit über so viele Jahrhunderte hinweg erhalten hat.

Eine gut erforschte bandkeramische Siedlung im heutigen Ungarn gleicht überraschend stark einer solchen in den heutigen Niederlanden (etwa im Inventar der Gebrauchsgegenstände, in der Architektur, in der räumlichen Einordnung in der Landschaft, in dem Artenspektrum der verwerteten Pflanzen und Tiere und in vielem anderen mehr). Zugleich weist aber die physische Anthropologie der Bandkeramiker (Ilse Schwidetzky und andere) darauf hin, daß wir uns die Menschen dieser Kultur selbst gar nicht einmal als körperlich so besonders ausgeprägt "einheitlich" vorstellen dürfen.

Antagonismus zwischen Verhaltensgenetik und Kultur?

Man könnte sich also vorstellen, daß die Bandkeramik ihre große kulturelle Energie gewonnen hat aus dem Wechselspiel oder gar aus dem Antagonismus einer gar nicht einmal so besonders ausgeprägten Einheitlichkeit ihrer verhaltensgenetischen Grundlage, die sich - zum Zwecke des genetischen Überlebens - eine Kultur geschaffen hat, die durch ihre Einheitlichkeit ein Gegengewicht darstellte gegen die "auseinanderstrebenden" Tendenzen der möglicherweise "uneinheitlicheren" Verhaltensgenetik der Bandkeramiker.

Diese letzteren Gedanken gehen deutlich in den Bereich der Spekulation über. In jedem Fall müssen die Bandkeramiker außerordentlich erfolgreiche soziale, kulturelle und zivilisatorische Techniken entwickelt haben. Und diese stehen - wie in diesem Beitrag aufgezeigt werden konnte - einzigartig in der europäischen Geschichte da. Genau in diesem Umstand wird man die geschichtliche, nein, die weltgeschichtliche Bedeutung der Bandkeramiker zu suchen haben.

Die Evolution zertrümmert ihre besten Produkte

Um so verwunderlicher ist es dann, daß es sich die Evolution, die Humanevolution, bzw. die Weltgeschichte - wer von diesen dreien es war, gilt im einzelnen noch aufzuzeigen - "erlaubten", "erlauben konnten", ein so erfolgreiches evolutionäres Konzept wie das Konzept "Bandkeramik" nicht nur kulturell, sondern - zumindest über die vielen Jahrtausende bis heute hin - auch genetisch weitgehend aussterben zu lassen. (Die nächsten genetischen Verwandten der Bandkeramiker haben sich bis heute in einem solchen abseitigen Gebiet wie Sardinien erhalten.) Dies ist jedenfalls die Erkenntnis der jüngsten humangenetischen Erforschung der Genreste dieser Bevölkerung, die an der Universität Mainz vorgenommen worden ist: Wir heutigen Europäer stammen nicht von ihnen ab, sondern vor allem von Menschen mitsamt ihrer Genetik, die sich mit nachfolgenden Kulturen ausgebreitet haben.

Zu diesen Kulturen gehört - nach derzeitigem Stand der Erforschung von Genresten archäologisch bekannter Bevölkerungen (siehe spätere Beiträge hier auf dem Blog): die nordeuropäische Trichterbecher-Kultur ("Megalithkeramiker") und die ostmitteleuropäische Schnurkeramik-Kultur. Die letztere ist - wahrscheinlich - in den heute polnischen und ukrainischen Karpaten in Auseinandersetzung mit der nördlichen Trichterbecher-Kultur / nein: der ostmitteleuropäischen Kugelamphoren-Kultur / und mit der südlichen Tripolje-Kultur entstanden.

/ 19.2.2020: Aktualisierung: Inzwischen wissen wir, daß die Menschen der Trichterbecherkultur genetisch zu etwa 80 % von den Bandkeramikern abstammten und zu etwa 20 % von einheimischen Jägern und Sammlern. Auch dieses Volk ist mit und nach der Zuwanderung der Schnurkeramiker sehr weitgehend ausgestorben, so daß der größte Teil unserer modernen Genetik auf der Genetik der Schnurkeramiker beruht. /

Welchen Anteil diese und anderen Kulturen an der Genetik der heutigen Europäer haben, wird sicherlich durch die Forschung in den nächsten Jahren noch deutlicher herausgearbeitet werden.

Vielleicht gilt es in der Zukunft für die Europäer, wieder eine ähnlich "vereinheitlichende" Kultur zu finden, bzw. zu entwickeln, die sozial, kulturell, zivilisatorisch und bevölkerungspolitisch auch wieder eine ähnliche Erfolgsgeschichte aufzuweisen hat, wie es für die Ausbreitungszeit und die Hochzeit der Bandkeramik gilt. Wie es aber sonst für kaum ein Volk Europas gilt, es sei denn jene Völker, die sich im europäischen Frühmittelalter gebildet haben und deren seit 1400 Jahren so außerordentlich lebendiger Lebensimpuls derzeit seinem Ende entgegenzugehen scheint.

Ergänzung (3.10.2016)

Dieser Artikel wird seit vielen Monaten auf dem Wikikpedia-Artikel "Linearbandkeramische Kultur" zitiert (derzeit Literaturangabe Nr. 128). Es wäre noch einmal zu überprüfen, ob die neueren Forschungen von Stephen Shennan, veröffentlicht in "Nature Communications", gültigere Ergebnisse liefern über die Entwicklung der Siedlungsdichten in vorgeschichtlicher Zeit (4) als in diesem Blogartikel mitgeteilt.


/ Überarbeitungen: 
19.12.2009,  1.10.14, 19.2.2020
Identische Version dieses 
Blogartikels unter altem Link -> hier. /
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  1. Irene Kappel: Die Jungsteinzeit in Nordhessen. In: Kassel - Hofgeismar - Fritzlar - Ziegenhain. Führer zu vor- und frühgeschichtlichen Denkmälern, Bd. 50, 1982, S. 42 - 78 
  2. Thomas Saile (1997). Landschaftsarchäologie in der nördlichen Wetterau (Hessen): Umfeldanalysen mit einem geographischen Informationssystem (GIS) Archäologisches Korrespondenzblatt, 27, 221-232
  3. Jens Lüning: Steinzeitliche Bauern in Deutschland. Die Landwirtschaft im Neolithikum. 2000. (St.gen. Bücher)
    Kadrow, Slawomir: Settlements and Subsistence Strategies of the Corded Ware Culture at the Beginning of the 3rd millenium BC in Southeastern Poland and in Western Ukraine. In: Dörfer, W. u.a. (Hg.): Umwelt, Wirtschaft, Siedlungen im 3. vorchristl. Jahrtausend Mitteleuropas und Skandinaviens. Internationale Tagung Kiel 4.-6. November 2005, Wachholtz Verlag, 2008, S. 243 - 252
  4. Shennan, Stephen et. al.: Regional population collapse followed initial agriculture booms in mid-Holocene Europe. In: Nature Communications, 1. Oktober 2013, http://www.nature.com/articles/ncomms3486

Montag, 19. Januar 2009

Von der "Villa rustica" zum germanischen Dorf

Zur Entstehung der nachantiken, mitteleuropäischen Agrarstrukturen

Auf vielen zentralen Gebieten der europäischen Geschichte, auch dem der Sozial- und Wirtschaftsgeschichte, wurden im Frühmittelalter jene Grundlagen gelegt, die noch bis in unsere Zeit hinein nachwirken. Im Frühmittelalter entstand mit der Landnahme der germanischen Stämme in Süddeutschland und im heutigen Frankreich, sowie in England jenes ländliche Siedlungsmuster, das sich in den Grundzügen bis heute erhalten hat. Ein großer Teil der deutschen, der fränkischen, alemannischen und bayerischen Dörfer und Dorfnamen geht auf Gründungen im Frühmittelalter zurück. Diese Dörfer sind in der Landnahmezeit zunächst als kleine Weiler, als kleine Häusergruppen (um einen Adelshof herum) entstanden und wuchsen in späterer Zeit, besonders im Hoch- und Spätmittelalter, durch Landteilungen und Rodungen zu der Größe der heutigen Dörfer an mit ihren Vollbauernhöfen, Halbbauern und Kätnerhäusern.*)

Abb. 1: Von der Villa Rustica ... - hier ein Nachbau bei Mehring in Rheinland-Pfalz aus dem 2. Jahrhundert n. Ztr. (Wiki)

In römischer Zeit hat es in Süddeutschland, in Frankreich und in Britannien ein ganz anderes Agrarsystem gegeben, als dann mit der germanischen Landnahme etabliert worden ist. Es ist sehr erstaunlich zu erleben und zu erforschen, wie die germanischen Landnahme-Stämme mit diesem von ihnen vorgefundenen Siedlungsmuster und Agrarsystem umgegangen sind. Dazu ist ein neuer Überblicks-Artikel erschienen (1) (Early Medieval Europe, frei herunterladbar).

Die römische "Villa rustica" ...

Das römische Agrarsystem war in der Spätantike über das ganze Römische Reich hinweg jeweils zentriert um die sogenannte "Villa rustica", die die umfangreichen städtischen Bevölkerungen im Römischen Reich versorgten, und auf denen auch nicht unerhebliche Steuerlasten ruhten. (Wiki) Diese ländlichen Villen, bzw. Landgüter waren oft sehr luxeriös ausgestattet. Mit den bekannten Mosaikfußböden und Wandmalereien. Sie wurden von der römischen Oberschicht bewohnt, die auf ihren Villen Sklaven und Freigelassene wirtschaften ließen.

Die Villen waren zum Teil auch nach ästhetischen Aspekten, das heißt in landschaftlich schöner Lage angelegt worden. So die heute so genannte Villa Hasselburg im Odenwald (Wiki). Sie wurden von Menschen angelegt, die Sinn für landschaftliche Schönheiten hatten. Es geht dies auch aus vielen anderen Zeugnissen hervor. So aus überkommenen spätantiken, lateinischen Dichtungen, die - etwa - zum Preis der landschaftlichen Schönheiten des Moseltales verfaßt worden sind.

... und ihre Nachnutzung durch die germanischen "Barbaren"

Nach dem derzeitigen Stand der archäologischen Forschungen muß man sich die Germanen als von ganz anderem kulturellen "Kaliber" beschaffen vorstellen. Keineswegs brachten sie etwa ein zivilisatorisch "verfeinertes" Kulturbewußtsein mit sich. Sie waren wirtschaftlich auch mehr auf den lokalen Markt hin orientiert, nicht auf reichsweite Absatzmärkte, wie die römische Villenwirtschaft. Die Forscherin Tamara Lewit schreibt in ihrem Artikel über die germanische Nachnutzung der römischen Villen (1, S. 83):

Wohnbereiche wurden für landwirtschaftliche oder handwerkliche Zwecke genutzt, und Ölpressen, Vorratsgefäße, Feuerstellen, Töpferöfen, Eisenschmelzöfen, Fischverarbeitungsbecken und Zisternen wurden in den ehemals repräsentativen Räumen installiert, selbst in den einst luxuriösesten Villen. Oft wurden diese Gebrauchsgegenstände in prächtige Mosaikböden eingearbeitet, in die monumentalen Empfangsräume integriert oder aus umgebauten Badehauselementen errichtet. Es scheint deutlich weniger importierte Luxusgüter gegeben zu haben, und ein völlig anderer Baustil wurde angewendet, der vergängliche Materialien (meist Holz, Lehm und Stuck), Pfostenlochkonstruktionen (oftmals großflächig) und versenkte Gebäude sowie einfachere Bautechniken verwendete. Manchmal wurden Steingebäude sogar absichtlich abgerissen, um Platz für neue Holzkonstruktionen zu schaffen. An anderen Orten wurden Räume in private Oratorien oder Baptisterien umgewandelt. Häufig wurden Gräber innerhalb oder um die Villengebäude herum angelegt.
... Residential zones were used for agricultural or industrial purposes, and oil presses, storage jars, hearths, pottery kilns, iron-working furnaces, fish-processing tanks and cisterns were installed in the formerly decorative rooms, even at what had been the most luxurious villas. Often these utilitarian features were cut into rich mosaic floors, implanted in the monumental reception rooms, or constructed from converted bathhouse features. There appear to have been considerably fewer imported luxury goods, and a completely different construction style was used, employing ephemeral materials (usually wood, earth and stucco), post-hole structures (often large) and sunken buildings, and rougher building techniques. Sometimes stone buildings were even deliberately demolished to make way for new timber structures. At other sites, rooms were converted into private oratories or baptisteries. Often, burials were placed within or around villa buildings.

Oft wurden die Villen auch "links liegen" gelassen, sie verfielen.

Abb. 2: ... zum frühmittelalterlichen germanischen Dorf - Hier Nachbau eines bäuerlichen Weilers in Haithabu (Foto: Kai-Erik, 2016)

So daß erst in den letzten Jahrzehnten in Wäldern und auf heute waldfreiem Gebiet ihre Grundmauern wieder zum Vorschein gekommen sind.

Unprätentiöse Nachnutzung

Tamara Lewit schreibt über die eigenen, weilerartigen Ansiedlungen der Germanen (1):

Solche ländlichen Holzsiedlungen, in denen Wohnen, Bestattungen und Nutzflächen enger beieinander lagen als in der römischen Zeit, lassen sich wohl eher als Beginn frühmittelalterlicher Siedlungsformen denn als trauriges Ende der Siedlungsformen des 1. bis 4. Jahrhunderts betrachten. Jüngste archäologische Forschungen deuten darauf hin, daß der charakteristische Siedlungstyp des 5. bis 7. Jahrhunderts der kleine Holzweiler mit wenigen Häusern und Wirtschaftsgebäuden war. Ein gut erforschtes Beispiel ist El Val in Spanien, wo die luxuriöse römische Behausung durch ein 14 × 19 m großes Holzgebäude ersetzt wurde, das nachweislich verschiedene Bereiche zum Wohnen, Kochen, Schlafen und zur Tierhaltung aufwies. Ähnliche Strukturen finden sich in frühmittelalterlichen, repräsentativen Gehöften wie Cowdery’s Down in Großbritannien, einem Elite-Anwesen aus dem 6. Jahrhundert, bestehend aus einem 194 m² großen Holzgebäude und mehreren weiteren Häusern und Erdbauten; oder dem hölzernen Gehöft Lauchheim aus dem späten 7. Jahrhundert, das von Nebengebäuden und einem großen ummauerten Hof mit sechs außergewöhnlich reich bestatteten Gräbern umgeben war. Soziokulturelle Veränderungen innerhalb der aristokratischen Elite – einschließlich einer veränderten Zusammensetzung – dürften eine wichtige Rolle bei diesem Wandel gespielt haben. Die radikal neue Einbeziehung von Gräbern in die Villengebäude und die achtlose Zerstörung von Elementen, die für den klassischen Lebensstil wesentlich waren, wie etwa Badehäuser, scheinen besonders auf kulturelle Veränderungen wie die Militarisierung der Elite hinzuweisen.
... Such wood-built rural settlement, in which habitation, burial and utilitarian uses were more closely clustered than in Roman practice, is perhaps better seen as the start of early medieval patterns than as the sad and sorry tail-end of first-to fourth-century settlement forms. Recent archaeological work suggests that the characteristic settlement type of the fifth to seventh centuries was the small wooden hamlet of a few houses and work buildings. A wellexplored example is El Val in Spain, where the luxurious Roman period habitation was replaced by a 14 × 19 m wooden structure, with evidence of different zones used for habitation, cooking, sleeping and the care of animals. Such arrangements seem similar to early medieval highstatus farmsteads such as Cowdery’s Down in Britain, a sixth-century elite habitation consisting of a 194 qm wooden structure and several other houses and sunken buildings; or the late seventh-century wooden farmstead at Lauchheim, which was surrounded by supplementary buildings and a large enclosed yard where six exceptionally rich graves were placed. Socio-cultural changes among the aristocratic elite – including a change in its composition – may have played an important role in the transformation. The radically new inclusion of burials within the villa building, and the careless destruction of elements essential to the classical lifestyle, like bathhouses, seem particularly indicative of cultural changes such as the militarization of the elite.

Untersuchungen bezüglich von Pollendiagrammen lassen es keineswegs nahe gelegen erscheinen, daß nach der germanischen Landnahme in Nordwesteuropa etwas das Land weniger intensiv genutzt worden wäre als zuvor. Lewit betont nur, daß es anders genutzt wurde. Mit anderen, vielfältigeren Anbau-Sorten. Und die Herdenhaltung, sowie die Waldweide spielten nun wieder eine größere Rolle.

Prosperierender östlicher Mittelmeer-Raum

Im Vergleich der nachantiken Siedlungs- und Wirtschaftsformen Nordwesteuropas mit denen Italiens und mit jenen des östlichen Mittelmeerraumes stellt Lewit fest, daß der östliche Mittelmeerraum noch über lange Zeiträume des Frühmittelalters hinweg wirtschaftlich - und überraschenderweise sogar: demographisch (etwa in Griechenland) - prosperierte. Diesen Umstand hat man sich als wirtschaftliche und demographische Grundlage des politischen und kulturellen Aufblühens der oströmischen, byzantinischen Kultur im Mittelalter hinzudenken.

Um so weiter man in den Jahrhunderten voranschreitet, um so mehr wird man sowohl im nördlichen Europa wie im Mittelmeerraum von religionsdemographischen Verhältnissen zu sprechen haben, die durch die christliche Religion sehr stark mitbeeinflußt und stabilisiert worden sind und immer weniger von nachwirkenden, antiken demographischen Bedingungsfaktoren ("Bevölkerungsweisen" in der Begrifflichkeit von Gerhard Mackenroth).

In der hier behandelten Übergangszeit ist der Einfluß des Christentums auf die Sozial- und Wirtschaftsgeschichte ebenso wie auf die Demographie sicherlich noch nicht so sicher zu bestimmen, wie das Religionswissenschaftler Michael Blume möglicherweise gerne voraussetzen würde (siehe "Natur des Glaubens" und dortige Diskussionen).

Reiche, prächtige Adelsgräber der Germanen

Für Spanien und Nordafrika, die Getreideversorgungsländer der Spätantike, zeichnet Lewit im übrigen noch einmal ein leicht anderes Bild. Hier siedelten zwar die germanischen Stäme der Wandalen und Westgoten. Aber sie siedelten dort keineswegs so nachhaltig und dicht wie im nördlichen Europa.

Und festzuhalten wäre außerdem, daß die Stämme der germanischen Landnahmezeit über viele Jahrhunderte hinweg - zumindest in den Adelskreisen - keineswegs als wirtschaftlich "verarmt" bezeichnet werden kann - etwa im Vergleich zur vorausgehenden römischen Oberschicht. Die reich ausgestatteten Adelsgräber, die reiche Ausstattung von Klöstern wie auf der Insel Reichenau (im Bodensee) schon in dieser frühen Zeit, ebenso wie die riesigen Reihengräberfelder zeichnen ein Bild, dem wirtschaftshistorisch die richtigen Bedingungsfaktoren zugeordnet werden müssen.

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*) Nebenbei sei bemerkt, daß die Siedlungsdichte des Frühmittelalters im mitteleuropäischen Raum zuvor schon annähernd von der bandkeramischen Kultur erreicht worden war - aber nur von dieser. Nach dem Untergang der Bandkeramik (4.700 v. Ztr.) hat erst das Frühmittelalter (600 n. Ztr.), noch nicht einmal die keltische Kultur, wieder eine vergleichbare Siedlungsdichte erreicht (abgeleitet aus der archäologischen Fundort-Dichte der vielen aufeinander folgenden archäologischen Kulturen). Dieser Umstand stellt besonders die exzeptionelle Rolle heraus, die die bandkeramischen Kultur für die Sozial- und Wirtschaftsgeschichte Europas, bzw. ihre Grundlegung gespielt hat. (Siehe dazu --> Folgeartikel.)

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ResearchBlogging.org

  1. Tamara Lewit (2009). Pigs, presses and pastoralism: farming in the fifth to sixth centuries AD Early Medieval Europe, 17 (1), 77-91

Montag, 15. September 2008

Wissenslogs: Die ländliche, nichtbäuerliche Wirtschaft

"Rural Nonfarm Economy" (RNE), die Entwicklung der ländlichen, nichtbäuerlichen Wirtschaft wird als ein entscheidender Faktor in der wirtschaftlichen Entwicklung der heutigen Entwicklungsländer gesehen, so erfahren wir im Interview von Stefan Ohm vom Wissenschaftsblog "Geo-Log" mit dem amerikanischen Wirtschaftswissenschaftler Steven Haggblade (Geo-Log), der zu diesem Thema gerade ein Buch veröffentlicht hat. (Amazon)

Auf dieses Thema habe ich selbst schon im Zusammenhang mit der Diskussion um die Evolution des (beruflichen) Verantwortungsbewußtseins und der Amischen hingewiesen auf den Chronologs (Natur des Glaubens von Michael Blume). Ich schrieb dort:

... Bei den Amischen kann man ja heute auch eine berufliche "Spezialisierung" im wirtschaftlichen sekundären Sektor (Handwerk usw.) beobachten, (die insbesondere von Donald Kraybill wissenschaftlich aufgearbeitet wird), da nicht alle amischen Kinder selbst Land kaufen können und selbst Landwirte werden können. Auf der Farm des Bruders richten sie deshalb handwerkliche Betriebe ein und gründen auf diese Weise selbst Familie.

Sie exerzieren gegenwärtig eine Entwicklung vor, die alle komplexer-arbeitsteiligen Gesellschaften geschichtlich durchlaufen haben, (in Mittel- und Nordeuropa besonders seit dem Frühmittelalter - aber sicherlich letztlich schon seit Einführung des Ackerbaus überhaupt).

Auch bei den Amischen ermöglicht und stabilisiert arbeitsteilige-gesellschaftliche Gliederung, Spezialisierung derjenigen, die nicht Bauern werden können, das weitere Wachstum, also die biologische Fitneß der Gruppe.

Siehe dazu das Buch von Donald Kraybill "Amish Enterprise" (Amazon).

"Pull-" und "Push-"Faktoren bezüglich ländlicher, nichtbäuerlicher Wirtschaft (NRE)

Steven Haggblade sagt nun in dem Interview:

Nonfarm earnings account for 35% to 50% of rural household income across the developing world. Landless and near-landless households everywhere depend heavily on nonfarm income for their survival, while agricultural households count on nonfarm earnings to diversify risk, moderate seasonal income swings and finance agricultural input purchases. (...)

Since many of the resource flows from agriculture to the secondary and tertiary sectors of the economy transit functionally and spatially via the rural nonfarm economy, an understanding of the forces that drive change in the RNFE becomes central to understanding the processes that drive overall economic growth. Rural households diversify into nonfarm activities in response to “pull” factors such as growing markets and rising rural purchasing power or in response to “push” factors such as falling rural wage rates and declining land availability. Thus the trajectory of rural nonfarm growth and development differs substantially across settings, driven by changes in agriculture, population and integration with urban markets.

Und dann sagt er weiter:

In successfully transforming economies, policy makers see the RNFE as a sector that can productively absorb the many agricultural workers and small farmers being squeezed out of agriculture by increasingly commercialized and capital intensive modes of farming. Given frequently low capital requirements in the nonfarm economy, policy makers in both settings view the RNFE as offering a potential pathway out of poverty for many of their rural poor.

(Ich schrieb dort gerade den folgenden Kommentar.)

Wenn ich Haggblade recht verstehe, dann sieht er im gegenwärtigen Afrika die "Zug"-Faktoren, die in einer prosperierenden landwirtschaftlichen Entwicklung liegen, positiv, die "Druck"-Faktoren, die aus einer stagnierenden oder rückläufigen landwirtschaftlichen Entwicklung folgen, als negative Folgen für die RNE. Es entsteht der Eindruck, als würde Haggblade alles von einer prosperierenden landwirtschaftlichen Entwicklung erwarten. Ich habe das Buch selbst noch nicht gelesen und würde deshalb gerne fragen: Ist dieser Eindruck richtig?

Wie war es in der europäischen Entwicklung?

Als Mittelalter- und Neuzeithistoriker würde ich dazu sagen: In der europäischen mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Entwicklung war ja alles ein bischen anders. Da bekamen nur diejenigen eine Heiratserlaubnis, die eine zuverlässige wirtschaftliche Versorgung der künftigen Familie nachweisen konnten, damit diese neu gegründeten Familien nicht künftig die Armenhäusern der jeweiligen Dörfer füllen würden, die von den Dorfbewohnern jeweils ja selbst finanziert werden mußten, ihnen selbst zur Last fielen.

Damit war ein letztlich durch "sexuelle Askese" (Max Weber) angetriebener Anreiz gegeben, sich wirtschaftlich so zu positionieren, daß man an diese wertvolle Glücks-Ressource "Sexualität" herankam (als Mann oder auch als Frau). (Auch spätes Heiraten von wirtschaftlich nicht gut Versorgten wurde dadurch gefördert, was ja die Nachkommenzahl herabsetzt.)

In der Dritten Welt gibt es diese typisch europäische mittelalterliche und frühneuzeitliche Steuerung des Bevölkerungswachstums, um allgemeinen gesellschaftlichen Rückgang des Wohlstandes zu vermeiden, so weit ich weiß ja nicht.

Übrigens gab es diese Steuerung laut dem französischen Bevölkerungswissenschaftler Pierre Chaunu ("Die verhütete Zukunft") auch nicht in der Geschichte Chinas, in der immer fast 100 % der Bevölkerung auch verheiratet war, und in der chinesische Kaiser es sich sogar zur Pflicht machten, dafür zu sorgen, daß alle Chinesen heiraten konnten. Was immer wieder zu übertrieben starkem Bevölkerungswachstum führte, ohne daß die wirtschaftliche Komplexität parallel mitwachsen konnte.

Die chinesische Geschichte war dementsprechend von geradezu periodisch wiederkehrenden, katastrophalen Bevölkerungszusammenbrüchen gekennzeichnet, die nicht zu vergleichen wären mit den parallelen in Europa. Diesen gegenüber hätte Europa eine viel kontinuierlichere Entwicklung aufzuweisen. (Ich weiß nicht, ob das alles wirklich exakt so stimmt - so aber zumindest Chaunu.)

Wenn man die Aids-Epidemie im heutigen Afrika berücksichtigt und anderes, auf das diese Gesellschaften immer noch nur sehr unflexibel reagieren können, möchte man doch meinen, daß Afrika sich - unbewußt - eher an das von Chaunu beschriebene "chinesische Modell" ökonomisch-demographischer Entwicklung hält, als an das mittelalterlich-frühneuzeitlich europäische.

Nimmt denn Haggblade in seinem Buch auch demographische Entwicklungen in die Betrachtung hinein?

Sonntag, 31. August 2008

Seßhafte Völker verdauen anders - auch in Zentralasien

Zur Verdauungs-Genetik der Völker

Das Enzym NAT2 ist eines der wichtigsten jener Enzyme, die bei Menschen und Säugetieren auf die Verstoffwechselung von Arzneimitteln, Drogen und Giften Einfluß nehmen (also auf Art und Schnelligkeit ihrer Verdauung). Das Enzym beschleunigt die Azetylierung von aromatischen Aminen in Nahrungsmitteln. Der Gen-Ort, der dieses Enzym kodiert, macht Menschen oder andere Säugetiere angeborenermaßen entweder zu schnellen oder zu langsamen "Azetylierern". (Y-Suche: "Azetylierer", Wiki engl.: "Acetylation")

Abb. 1: Kirgise *)

Die Unterscheidung zwischen beiden Menschentypen (schnellen oder langsamen Azetylierern) wird bspw. auch schon in ihrer Bedeutung für die Arbeitsmedizin diskutiert. ("Genetik und Arbeitswelt" 2003, pdf.) Es gibt Hinweise darauf, daß angeborenermaßen schnelle menschliche oder tierliche Azetylisierer ein höheres Risiko haben, an Dickdarm-, Lungen-, Brust- oder Kehlkopf-Krebs zu erkranken, besonders wenn sie lang und gut durchgekochtes Fleisch essen. Umgekehrt gibt es Hinweise darauf, daß langsame menschliche (oder tierliche) Azetylierer ein höheres Risiko haben, an Prostata- oder Harnblasen-Krebs zu erkranken. (1) Offenbar ist bei Menschen der Typ des schnellen Acetylierers der evolutionär ursprünglichere Typ.

In der Humangenetik wird nun vermutet, daß die Veränderung des Lebensstiles von einer nomadischen zu einer seßhaften Lebensweise die Menschen ganz unbewußt vor neue Herausforderungen bezüglich der Azetylierung ihrer Nahrungsmittel gestellt haben könnte. Dies könnte gelten bezüglich des Verdauens von lang und gut durchgekochtem Fleisch. Aber auch andere Herausforderungen an die Körper und ihre Verdauung könnten einen neuen Selektionsdruck (erhöhte oder verringerte Sterblichkeit) in Richtung auf einen bestimmten Azetylierer-Typ hervorgebracht haben.

Humangenetiker aus Paris

Eine internationale Forschergruppe um den französischen Humangenetiker Etienne Patin in Paris ist dieser Frage genauer nachgegangen (1) (Europ. J. of Human Genetics, 28.11.07). Sie verglichen die Gen-Sequenzen, die das NAT2-Gen kodieren, bei wohl immer schon nomadisch lebenden Kirgisen (KRA und KRM) mit denen von erst seit etwa 500 Jahren seßhaft gewordenen Kasachen (KZ) und Usbeken (UZ), sowie mit wahrscheinlich schon seit Jahrtausenden seßhaft lebenden Tadschiken (TJA und TJU) in Zentralasien. (Siehe Karte, TK = seßhafte Turkmenen, die schon in einer früheren Studie untersucht worden waren.)

Es wurden die Gensequenzen für NAT2 von mindestens 50 Personen pro genannter Gruppierung untersucht. Von den Kirgisen vermuten die Forscher, daß sie immer schon Nomaden waren, weil sie ursprünglich aus Südsibirien stammen, wo der Ackerbau geschichtlich erst sehr spät und spärlich eingeführt worden ist. "Ihre Nahrung besteht vornehmlich aus Fleisch," schreiben die Forscher - und weiter:

Es ist allgemein anerkannt, dass die Usbeken und Kasachen ursprünglich Nomaden waren, die im 14./15. bzw. im 20. Jahrhundert sesshaft wurden. Heute sind sie Ackerbauern, deren Ernährung hauptsächlich auf Fleisch und Milchprodukten basiert. Im Gegensatz dazu betreiben die Tadschiken schon seit Langem Ackerbau; sie sind möglicherweise Nachfahren jener Bevölkerungsgruppen, die in dieser Region den Übergang zur neolithischen Lebensweise vollzogen (vor etwa 4000 bis 3000 Jahren). Sie leben als sesshafte Ackerbauern und betreiben Rinderzucht. Ihre Ernährung ist – anders als bei den zuvor genannten Bevölkerungsgruppen – weniger stark vom Fleischkonsum geprägt.
It is widely accepted that the Uzbeks and the Kazakhs were nomads who became sedentarized in the 14–15th century and the 20th century, respectively. They are now agriculturalists and have a diet based mainly on meat and dairy (- also Fleisch- und Milchprodukten). By contrast, the Tajiks are long-term agriculturalists and may represent the descendants of people who made the Neolithic transition in this area (approx. 4000–3000 years ago). They are sedentary agriculturalists rearing cattle. Their food diet is less dominated by meat consumption, contrary to the other populations cited above.

Die Ernährung ist also bei den Tadschiken weniger von Fleisch dominiert als bei den anderen genannten Populationen.

Die Forschungsergebnisse

Die Forscher fanden reinerbig schnelle Azetylierer zu:

- 21 % bei den Kirgisen, zu
- 16 % bei den Usbeken, zu
- 11 % bei den Kasachen und zu
- 8 % bei den Tadschiken und Turkmenen. (Tabelle 2 der Studie)

Falls die oben genannten historischen Annahmen zur Lebensweise stimmen sollten, wäre das ein sehr aussagekräftiges Ergebnis!

Sie fanden genauso eindeutig umgekehrt reinerbig langsame Azetylierer zu etwa

  • 60 % bei den Tadschiken,
  • 44 % bei den Turkmenen,
  • 35 % bei den Kasachen und etwa
  • 28 % bei den Kirgisen. (Tabelle 2)
  • "Mischtypen", also Menschen, die auf ihrem einen Chromosom die Version für schnellen Azetylierer und auf ihrem anderen Chromosom die Version für langsamen Azetylierer hatten, fanden sich zu e50 % bei Kasachen, Usbeken und Kirgisen aber nur zu etwa
  • 30 % bei Tadschiken. (Tabelle 2)

In diesen finden sich also bei den Tadschiken doppelt so viele wie bei den nomadisch oder erst "kürzlich" seßhaft gewordenen zentralasiatischen Völkern. Wurden nur einfache Chromosomen-Sätze betrachtet (also Haplotypen, von denen jeder Mensch zwei hat), so fanden die Forscher die einzige Version des Gens für einen schnellen Azetylierer (NAT2*4), nämlich die ursprüngliche Version dieses Gens, bei 47 % der Haplotypen der Kirgisen, bei 42 % der Haplotypen der Usbeken und bei 38 % der Haplotypen der Kasachen, bei 31 % der Haplotypen der Turkmenen und nur bei 24 % der Haplotypen der Tadschiken. (Tabelle 1 der Studie)

Die Verteilung der diversen neu evolutierten Versionen dieses Gens, die angeborenermaßen langsame Aztylierer hervorbringen (also die Versionen NAT2*12A, *5A, *5B, *5C, *6A, *7B), erwies sich noch als deutlich schwieriger zu interpretieren, zeigte aber eine ebenfalls sehr charakteristisch Verteilung auf. Beispielsweise fand sich die Version NAT2*7B, die sich auch sonst im wesentlichen nur in ost-eurasischen Bevölkerungen findet, bei 23 % der Haplotypen der Kasachen aber nur bei 4 % der Haplotypen der Tadschiken, während die Version NAT2*5B ebenso viele Haplotypen der Kasachen wie der Tadschiken aufwiesen (23, bzw. 24 %).

NAT2*6A fand sich vor allem bei den Tadschiken (etwa 42 %), während wieder abgestuft Usbeken 31 %, Turkmenen 30 %, Kirgisen 25 % und Kasachen nur 13 % aufwiesen. (Tabelle 1 der Studie)

All das - und noch mehr - deutet in jedem Fall auf eine jeweils sehr charakteristische Populationsgenetik und damit historische Demographie dieser Völker hin und macht einmal auf's Neue klar, wie sehr sich auch über Jahrhunderte benachbart wohnende Völker - wahrscheinlich vornehmlich aufgrund unterschiedlicher früherer Populations-Flaschenhälse und aufgrund kultureller Heiratsgrenzen - dennoch deutlich genetisch in Häufigkeits-Verteilungen unterscheiden können.


Die Forscher schreiben:
These significant differences in the frequency distribution of slow/fast acetylation phenotypes depending on lifestyle (...) strongly suggest that being slow acetylator has been an advantage in long-term agriculturalist populations in Central Asia.

Ähnliche Unterschiede haben sie ein Jahr zuvor auch schon für Afrika südlich der Sahara veröffentlicht, wie sie erwähnen, nämlich zwischen den ackerbau-treibenden Bantu-Völkern und den dortigen Jäger-Sammler-Völkern.

Die eigentlichen Selektionsfaktoren sind derzeit noch kaum bekannt und können nur vermutet werden - entsprechend der bekannten Tatsachen aus den einleitenden Ausführungen. Auffällig ist noch, daß das Koppelungs-Ungleichgewicht ("Linkage disequilibrium" = LD) für die entsprechenden Gene bei den Kirgisen viel höher ist als bei den Tadschiken, obwohl doch davon ausgegangen wurde, daß die Kirgisen vornehmlich die ursprüngliche Gen-Variante tragen würden und die Tadschiken die abgeleitete, evolutionär jüngere, deren LD dann eigentlich größer sein müßte. Also auch hier gibt es noch widersprüchliche Tatsachen, die vielleicht damit erklärt werden können, daß die Tadschiken von ganz anderen geschichtlichen "Rest-Misch-Bevölkerungen" abstammen als die vielleicht vor viel kürzerer Zeit aus kleineren Ausgangspopulationen hervorgegangenen Kirgisen. (?)

Die Sogder und ähnliche Völker Vorfahren der Tadschiken?

Zu der Bevölkerungs-Geschichte der Tadschiken noch einige Anmerkungen aus meinem eigenen, jüngsthin erworbenen Wissens-Bestand. Sie leben - offenbar schon seit vielen Jahrtausenden - in einem Gebiet, in dem noch vor 1.500 Jahren das in chinesischen Kunstwerken häufig dargestellte und sehr europäisch aussehende Volk der Sogder gelebt hat. Auch deren Hauptstadt war Samarkand (siehe Karte oben). Die Sogder lebten in den reichen Fürstentümern und Städten der damaligen "Sogdiana", in "Baktrien" (nördliches Afghanistan und Tadschikistan) und in der Ferghana. Und sie waren jenes Fernhandels-Volk, das in langen Karawanen bis nach Korea, China, Indien und Byzanz, sowie zu den Hunnen im Altai-Gebirge und möglicherweise bis an die heutige deutsche Ostsee über Jahrhunderte hinweg Fernhandel getrieben hat. In China lebten sie in "Ausländer-Kolonien" und nahmen hohe Staatsbeamten-Stellen ein.

Diesem Volk entstammte auch die sogdische Prinzessin Roxanne, die Alexander der Große bei der Eroberung des Perserreiches auf seinem Zug durch diese Gebiete (nach der Eroberung der Burg ihres Vaters in der Nähe Samarkands) heiratete. (Siehe viele frühere Studium generale-Beiträge zu den Sogdern aus dem letzten Jahr, vor allem diese: 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7)

Ob und in welchem Ausmaß und in welchen Völkern diese zu großen Teilen sicherlich ausgestorbenen Sogder heute noch Nachkommen hinterlassen haben, ist meines Wissens bislang kaum erforscht, bzw. überhaupt als Fragestellung erfaßt. Von den östlich den Sogdern benachbart wohnenden Tocharern wird manchmal vermutet, daß sie ihr genetisches Erbe den heute dort lebenden Uiguren vermacht haben könnten, die europäischer aussehen als die Han-Chinesen. Vielleicht kann also ähnliches teilweise auch von den Tadschiken bezüglich des Vorgänger-Volkes der Sogder vermutet werden. Die europäischen Gene der Sogder und Tocharer könnten übrigens in der chinesischen Geschichte der letzten 1.500 Jahre, wie von dem chinesischen Humangenetiker Bruce Lahn vor einigen Jahren gegenüber Henry Harpending vermutet worden war, durch "Selektion gegen rebellische (ADHS-)Charaktere" sehr weitgehend wieder verloren gegangen sein.

Die Sogder waren sehr nahe verwandt den ihnen weiter nördlich benachbart wohnenden, ebenfalls hellhaarig und europäisch aussehenden skythischen Völkerschaften, die größtenteils nomadisch lebten. Die Sogder selbst aber waren grundsätzlich ein seßhaftes Volk, das von Ackerbau (und eben Fernhandel) lebte. Von den Kirgisen wird man sicherlich vermuten dürfen, daß sie von diesen nomadisch lebenden Skythen und zum Teil von den hunnisch-mongolischen Völkerschaften abstammen, die ursprünglich im Altai-Gebirge beheimatet waren.

Jüngste Humanevolution

Im ganzen ist die hier behandelte Arbeit jedenfalls eine deutliche Ergänzung zu anderen Ergebnissen auf dem Gebiet der menschlichen Verdauungs-Genetik, in der sich die Völker weltweit sehr deutlich unterscheiden entsprechend der bevorzugten Nahrung, die sie zu sich nehmen (Stud. gen., 16.6.07): In Ostasien kann man aufgrund genetischer Veranlagung Alkohl und Rohmilch wesentlich weniger gut verdauen als in Europa. Völker mit Stärke-reicher Nahrung haben deutlich häufiger Genvarianten, die das Verdauen von Stärke-haltigen Produkten erleichtern, als solche Völker mit weniger Stärke-reicher Nahrung (das Enzym Amylase). (s. Stud. gen., 21.10.07)

Zusammen mit diesem neuen Fall handelt es sich bei all diesen um Beispiele für "jüngste Humanevolution", ein Phänomen, das erst einige Jahre bekannt ist, und das unser Bild vom Menschenaber deutlich verändert, da wir Erkenntnisse zu dieser "jüngsten Humanevolution" nicht nur auf dem Gebiet der Verdauungs-Genetik haben oder der Genetik des äußeren Erscheinungsbildes des Menschen (Haut, Haare, Gesicht, Augen - ihre Farbe und Beschaffenheit, Körpergröße und vieles andere mehr) oder der Genetik der Abwehr von Krankheiten oder der Genetik von Erbkrankheiten, sondern eben auch der Verhaltensgenetik (ADHS, MAOA und anderes) und der Intelligenz-Genetik (charakteristische Verteilung der durchschnittlichen Intelligenz-Werte der Völker weltweit entlang eines Süd-Nord-Gradienten, wobei Vermischung zwischen Völkern durchschnittliche IQ-Werte erbringen auf der Mitte zwischen denen der Ausgangsvölker - genau so wie man es auch von allem erwartet, was man von den sonstigen genannten Genetik-Bereichen kennt, eben hier auch von den mischerbigen Azetylierern). Nochmal die Forscher und was sie in ihrer Einleitung in ihren eigenen Worten schreiben:

Mit dem Aufkommen der Landwirtschaft kamen neuartige Nahrungsmittel hinzu, mit denen das menschliche Genom evolutionär kaum vertraut war. Landwirtschaftlich geprägte Gemeinschaften sahen sich daher neuen Selektionsdrücken gegenüber, die zur Herausbildung genetisch verankerter Phänotypen führten, welche das Überleben des Menschen begünstigten. Neben der Verdauung neuer, energiereicher Nährstoffe mussten Menschen auch eine Vielzahl neuartiger Xenobiotika – darunter Toxine und Karzinogene – entgiften. So verändert beispielsweise die Temperatur bei der Zubereitung von Fleisch und Fisch die Exposition des Menschen gegenüber exogenen Karzinogenen (wie heterozyklischen Aminen und polyzyklischen aromatischen Kohlenwasserstoffen) und erhöht damit das Risiko für Dickdarmkrebs. Dieses Beispiel legt nahe, dass Gene, die an der Entgiftung exogener Moleküle beteiligt sind, eine wichtige Rolle bei der menschlichen Anpassung während des Übergangs von der Jäger-und-Sammler-Lebensweise zur Landwirtschaft gespielt haben könnten.
Zu den Enzymen, die an der Entgiftung von Xenobiotika beteiligt sind, gehört die Arylamin-N-Acetyltransferase 2 (NAT2); dabei handelt es sich um ein Phase-II-Enzym des Arzneimittelstoffwechsels (Drug-Metabolizing Enzyme, DME), das die N-Acetylierung aromatischer Amine katalysiert. Dieses Enzym erlangte zunächst dadurch Bekanntheit, dass es als eines der ersten als Ursache für interindividuelle Unterschiede im Arzneimittelstoffwechsel identifiziert wurde. Funktionelle Polymorphismen des NAT2-Gens führen beim Menschen (wie auch bei anderen Säugetieren) zur Ausprägung von Phänotypen mit schneller oder langsamer Acetylierung. Es wurde bereits nachgewiesen, dass der Acetylierungsstatus Häufigkeit und/oder Schweregrad der Toxizität von Arzneimitteln und Xenobiotika in menschlichen Populationen beeinflusst.
So weisen beispielsweise „langsame Acetylierer“ ein erhöhtes Risiko für eine durch Isoniazid – ein wichtiges Tuberkulosemedikament – ​​verursachte Hepatotoxizität auf, da die hohen und langanhaltenden Konzentrationen des Wirkstoffs im Blutkreislauf toxische Effekte hervorrufen können. Zudem haben langsame Acetylierer ein höheres Risiko für Prostata- und Blasenkrebs nach einer Exposition gegenüber krebserregenden aromatischen Aminen. Umgekehrt weisen „schnelle Acetylierer“ beispielsweise ein erhöhtes Risiko für Dickdarmkrebs (sowie Lungen-, Brust- und Kehlkopfkrebs) auf, wenn sie in hohem Maße heterozyklischen Aminen ausgesetzt sind, die in stark erhitztem Fleisch vorkommen. In diesem Zusammenhang deutet die Beteiligung der Acetylierungsphänotypen am Stoffwechsel verschiedener Xenobiotika darauf hin, dass sie die Fitness menschlicher Populationen beeinflussen. Folglich könnten die durch den Übergang zur Landwirtschaft veränderten Expositionsbedingungen gegenüber toxischen Molekülen und Karzinogenen zu einer Reihe von Veränderungen des Selektionsdrucks auf die entsprechenden Enzyme (DMEs) geführt haben – wie kürzlich am Beispiel des NAT2-Gens gezeigt wurde.
With the advent of agriculture, novel foods were introduced, of which the human genome had little evolutionary experience. Thus, farming communities were challenged by new selective pressures that led to the emergence of genetically transmitted phenotypes increasing human survival. Besides digesting new energy-rich nutrients, humans also had to detoxify a wide range of novel xenobiotics, including toxins and carcinogens. For example, changes in the temperature at which meat and fish are cooked modify human exposure to exogenous carcinogens (heterocyclic amines and polycyclic aromatic hydrocarbons), and therefore, increases the risk of developing colon cancer (= Dickdarm-Krebs). This example suggests that the genes involved in the detoxification of exogenous molecules, generally speaking, might have played an important role in human adaptation during the transition from foraging to farming.
Among the enzymes involved in xenobiotic detoxification, arylamine N-acetyltransferase 2 (NAT2) is a phase II drug-metabolizing enzyme (DME), which catalyses the N acetylation of aromatic amines. This DME reached prominence initially as one of the first enzymes to be recognized as a cause of interindividual variation in drug metabolism. Functional polymorphisms at NAT2 gene segregate in humans and in other mammals into rapid and slow acetylation phenotypes. The acetylation status has been previously shown to modify the frequency and/or the severity of drug and xenobiotic toxicity in human populations.
For example, slow acetylators are at increased risk of hepatotoxicity to isoniazid, a major antitubercular drug, because the high and extended circulating concentration of this drug gives rise to toxic effects in humans. Slow acetylators are also at increased risk for prostate and urinary bladder cancers following exposure to aromatic amine carcinogens. Conversely, for example, fast acetylators are at increased risk for colon cancer (also lung, breast and laryngeal cancers) when individuals are highly exposed to heterocyclic amines found in well-cooked meat. In this context, the involvement of acetylation phenotypes in the metabolism of several xenobiotics suggests that they do change the fitness of human populations. Consequently, the changes in human exposure to toxic molecules and carcinogens introduced by the transition to agriculture might have implied a number of modifications in the selective pressures acting on DMEs, as recently shown for the NAT2 gene.

Im Netz scheint sich nur auf dem Blog von Yann Klimentidis (18.12.07) noch etwas zu dieser Studie zu finden.

Abschließende Bemerkung

Sonst scheint die Wissenschafts-Berichterstattung diese Arbeit "großzügig" übersehen zu haben. Waren ihr die Zusammenhänge zu kompliziert? Ehrlich gesagt, hab ich auch eine ganze Weile daran geknabbert, bis ich sie einigermaßen kapiert hatte. Erst die Tatsache, daß ich zu "Azetylierern" auch im deutschsprachigen Netz zahlreiche Netzfunde fand, gab mir einige Sicherheit, daß hier einigermaßen Wichtiges behandelt sein könnte.

/ ursprünglich veröffentlicht 27.1.2008 /

ResearchBlogging.org


*) Die Fotos dieses Beitrages dienen nur einer eher oberflächlichen Illustrierung der behandelten Völkerschaften, es handelt sich um eher zufällige Netzfunde, ohne jeden Anspruch darauf, besonders repräsentativ zu sein (dazu fehlen mir nämlich doch genauere Kenntnisse zur rezenten physischen Anthropologie dieser Völker).
_______________

  1. Hélène Magalon u.a.: Population genetic diversity of the NAT2 gene supports a role of acetylation in human adaptation to farming in Central Asia. In: European Journal of Human Genetics, (2008) 16, 243–251, published online 28 November 2007Hélène Magalon, Etienne Patin, Frédéric Austerlitz, Tatyana Hegay, Almaz Aldashev, Lluís Quintana-Murci, Evelyne Heyer (2007). Population genetic diversity of the NAT2 gene supports a role of acetylation in human adaptation to farming in Central Asia European Journal of Human Genetics, 16 (2), 243-251 DOI: 10.1038/sj.ejhg.5201963
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