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Mittwoch, 28. Mai 2008

Masern-Epidemie und Anthroposophen

Gerade entdeckt: der meistgelesene und meistkommentierte Artikel auf dem Wissenschafts-Blog-Portal "Scienceblogs" lautet derzeit:


Sehr lesenswert. Es geht um die Frage, ob anthroposophische Impf-Gegner die Verursacher einer gegenwärtigen Masern-Epidemie in Österreich (Raum Salzburg) gewesen sind, einer Epidemie, die offenbar zuerst in der Rudolf-Steiner-Schule in Salzburg ausgebrochen ist, und die sich von Waldorf-Schule zu Waldorf-Schule weiter zu verbreiten scheint.

Nur als Zwischenbemerkung: Ich hatte als Kind auch Masern und es war nicht schlimm. Aber heute werden Kinder normalerweise gegen Masern geimpft, damit auch die außerordentlich wenigen Todesfälle, die es eben früher durch Masern doch gegeben hat, vermieden werden.

Die Presse-Mitteilung der Salzburger Rudolf-Steiner-Schule findet sich in den Kommentaren eines vorausgegangen Beitrages "Masernepidemie durch Anthroposophie". - Oh, und in diesen Kommentaren geht es heiß her:

Sie meinen also, es sei ein "haltloses Gerücht", dass Antroposophen ihre Kinder kaum impfen lassen? Es freut mich, dass laut den von Ihnen hier eingestellten Beiträgen die Impfverweigerung nicht zur offiziellen Politik der Steiner-Anhänger zählt. Leider ist die Realität eine andere. Die Medien berichten, dass kaum jedes fünfte Kind an Ihrer Schule gegen Masern geimpft war. Von böswilligen Journalisten frei erfunden? Dann empfehle ich einen Blick in die Fachliteratur. Dort finden sich folgende Zahlen etwa zur MMR-Durchimpfungsrate an schwedischen Schulen:

"normale" Schulen: 93%, Steiner-Schulen: 18%

(Alm JS, Swartz J, Lilja G, Scheynius A, Pershagen G., 1999. Atopy in children of families with an anthroposophic lifestyle. Lancet 353 (9163):1485-1488)

Da wird der gleiche Artikel zitiert, den ich auch für meine Anthroposophen-Studie eingesehen habe (siehe frühere Beiträge). Es ist gut, daß hier jetzt überall die sogenannte Wissenschaftlichkeit und die sogenannte Wissenschaftsnähe der Steiner'schen Philosophie erneut aufgerollt und diskutiert wird.

Ich betone: In dem zitierten Artikel wird - soweit mir ersichtlich - ganz wissenschaftlich eine z.T. pseudo-wissenschaftliche Medizin oder auch nur ein Lebensstil untersucht, wobei diesen auch gesundheits-fördernde Aspekte abgewonnen werden.

Ich habe in der eigenen Familie und Bekanntschaft einige, die zwar nix größer mit Steiner und Waldorf zu tun haben, die aber den staatlichen Impf-Programmen sehr kritisch gegenüber stehen, und die auch ihre Kinder in Waldorf-Institutionen schicken. Deshalb will ich hier inhaltlich gar keine endlose Diskussionen anzetteln. Dafür habe ich keine Zeit. Ich lehne das alles ab. Sondern ich wollte nur auf diese, wie ich meine, doch recht wichtigen Diskussionen hinweisen ...

Die Christen haben ihre Kreationisten und die Anthroposophen offenbar neuerdings ihre Impf-Gegner, durch die sie vor der Öffentlichkeit diskreditiert dastehen. Nur recht so.

"Glaubenssache" ist eben doch nicht nur "Glaubenssache", sondern meistens noch eine ganze Menge mehr. Und all das entspringt zu oft einem zu großen Mißtrauen gegenüber der heutigen Naturwissenschaft und einem "bloß"-naturalistischen Weltbild, denen man keine religiösen Sinngebungs-Kompetenzen mehr zuspricht oder abgewinnt. Da suchen sich dann viele "Ersatz-Weltbilder" und "Ersatz-Feinde", in diesem Fall wird als Feind oft die gängige Medizin gewählt. Ja, ihr werden "Verschwörungen" angedichtet. Das ist schade, weil nicht nötig.

Hier handelt es sich überall um Restbestände monotheistischen und/oder mythischen Denkens.

Dienstag, 26. Februar 2008

Der "anthroposophische Lebensstil" als demographischer Faktor

Zusammenfassung

Statistische Daten zu Menschen, die einen „anthroposophischen Lebensstil“ leben, machen auf einen Fall aufmerksam, der in der "Evolutionären Religionswissenschaft" und in der Religionsdemographie noch nicht erforscht worden ist: Überdurchschnittliche Geburtenrate bei gleichzeitiger überdurchschnittlicher Konfessionslosigkeit. An diesem ersten exemplarischen Fall wird aufgezeigt, dass auch Konfessionslose mit moderner, philosophisch und naturwissenschaftlich zumindest partiell aufgeklärter Religiosität - insofern ihr Lebensstil in eine solche Gemeinschaftsbildung eingebettet ist, wie sie der "anthroposophische Lebensstil" aufweist - zur Erhöhung von Geburtenraten und offenbar auch zur Erhöhung von gesellschaftlicher Solidarität beitragen können.

Abstract
Scientific data about people following an "anthroposophic lifestyle" show that new forms of religiosity developed mainly in the 20th century are able to enhance social solidarity and birth rates of people, also of those who have left the traditional christian churches.
An english version of this article is also available (1).

Einleitung

Die junge Wissenschaftsdisziplin der "Evolutionären Religionswissenschaft", bzw. Religionsbiologie (auch „Religionswissenschaftliche Studien aus evolutionärer Perspektive“ genannt, engl. "Evolutionary Religious Studies" [s. Binghamton]), und darin spezieller die Religionsdemographie hat in den letzten Jahren zahlreiche Erkenntnisfortschritte mit sich gebracht.*) Als einige wesentlichere seien benannt: Religiosität steht in Wechselbeziehung zur Humangenetik und wurzelt in angeborenen Komponenten (2). Religiosität nimmt weltweit ausgeprägter und universeller auf das Fortpflanzungsverhalten von Menschen Einfluss, als jedes andere kulturelle Merkmal. Religiöse, menschliche Gemeinschaften sind kulturell stabiler als nicht-religiöse (3-5). Religiöse Menschen haben mehr Kinder als atheistische (5).

Der Fokus der jungen Disziplin lag zu Anfang auf den traditionellen Großkirchen oder auf jener stammesorientierten Vorgänger-Religion, aus der diese hervorgegangen sind (der jüdischen Religion).

Es existiert derzeit in der wissenschaftlichen Literatur - soweit übersehbar - noch kein wissenschaftlicher Nachweis oder auch nur Hinweis darauf, dass auch moderne, erst im 20. Jahrhundert entstandene Formen von Religiosität eine Erhöhung der Geburtenrate von Menschen mit sich bringen können. Auf diese Thematik macht die  vorliegende Studie aufmerksam, indem sie in einem ersten Schritt empirische Daten auswertet zum sogenannten "anthropophischen Lebensstil". Er soll hier als ein erster exemplarischer Fall zumindest partiell "modernerer", im 20. Jahrhundert entstandener Religiosität in dieser Hinsicht behandelt werden.  

Dabei ist natürlich gleich einzuschränken, daß der Gründer der Anthroposophie, Rudolf Steiner (1861-1925) (Wiki), seinen Anhängern sozusagen einen "tollen Mix" aus außerordentlich archaischen Formen von Religiosität verbunden mit moderneren, philosophisch und wissenschaftlich aufgeklärten Formen von Religiosität angeboten hat. Der "anthroposophische Lebensstil" ist aber insgesamt weniger explizit an die eigentlichen Lehren von Rudolf Steiner gebunden, sondern mehrheitlich von diesen heute eher abgekoppelt (siehe unten). Rudolf Steiner war sowohl ein Vertreter des Geistesgutes solcher Christentums-feindlichen Denker wie Friedrich Nietzsche und Johann Wolfgang von Goethe (10), wie er Verehrer von Jesus oder Buddha war. Er steht dabei in der Tradition der theosophischen Bewegung, in der Okkultismus, esoterisches und magisches Denken aller Art blühten, also sehr archaische Formen menschlicher Religiosität und Vergemeinschaftung (etwa: Freimaurerei). Er glaubte an die Reinkarnation und er und seine engsten Anhänger ließen offen, ob er nicht selbst eine Reinkarnation von Buddha, Jesus oder Goethe wäre (oder gar von allen dreien zusammen). 

Menschen, die einen „anthroposophischen Lebensstil" leben, finden sich heute vor allem in Westeuropa. Hier insbesondere in Westdeutschland, in den Niederlanden, der Schweiz, Schweden und Großbritannien. Außerdem in Nordamerika und Australien. In Deutschland bilden sie jene gesellschaftliche Gruppierung mit den meisten Privat-Schulen. Hier betreiben sie 200 Waldorf-Schulen mit nicht weniger als 80.000 Schülern.

Abb. 1: "Badging" - Ein gruppenspezifisches
Erkennungsmerkmal (Wiki)

Außerdem betreiben sie Kindergärten. Es gibt anthroposophisch orientierte Ärzte, die gemäß "anthroposophischer Medizin" behandeln. Es gibt Krankenhäuser, Altersheime und Universitäten, die vornehmlich von der gesellschaftlichen Gruppierung der Anthroposophen getragen werden. All das sind deutliche Indikatoren eines überdurchschnittlichen sozialen Engagements und des Gefühls überdurchschnittlicher sozialer Verantwortlichkeit und Solidarität, die mit einem solchen Lebensstil verbunden zu sein scheinen. Es ist sozusagen eine eigene Infrastruktur aufgebaut worden, innerhalb sich Menschen, die sich diesem Lebensstil verbunden fühlen, bewegen können und beheimatet fühlen können.

Es handelt sich bei den genannten Bereichen zudem um soziale Lebensbereiche, die evolutionspsychologisch und traditionell immer auch das besondere Interesse von Frauen angesprochen haben und ansprechen. Von Frauen ist bekannt, dass sie sich im Durchschnitt mehr für Religiosität und Spiritualität interessieren als Männer. Dementsprechend befinden sich beispielsweise auch mehr Frauen als Männer unter den Patienten von anthroposophisch orientierten Ärzten. Im Gegensatz dazu ist von Atheisten bekannt, dass Frauen unter ihnen oft nur kleine Minderheiten bilden. In der vor einigen Jahren neu gegründeten Giordano-Bruno-Stiftung etwa machen sie derzeit nur 20 % der Stiftungsmitglieder aus (11, 12). Ähnliches gilt für die atheistische "Brights"-Bewegung in den angloamerikanischen Ländern.

Methoden

Als exemplarisches Beispiel, um moderere Religiosität als demographischen Faktor einschätzen zu können, wird in der vorliegenden Studie wissenschaftliche Literatur über Menschen ausgewertet, die einem "anthroposophischen Lebensstil" folgen.

Menschen, die einen "anthroposophischen Lebensstil" leben, arbeiten, wie schon erwähnt, auch an Universitäten, unter anderem in der medizinischen und in der pädagogischen Forschung. Sie betreiben eigene Forschungsprogramme und wissenschaftliche Journale. Deshalb sind sie auch schon häufig Gegenstand wissenschaftlicher Studien und Meta-Studien geworden, häufiger als viele andere, religiös vielleicht vergleichbare Gruppierungen. So unter anderem in der Medizin und in der Pädagogik (13-19). Es geht in diesen Studien z.B. um die Anerkennung der Effizienz anthroposophischer Medizin durch die Krankenkassen oder um die Folgewirkungen anthroposophischer Pädagogik (19, 20). Auch religionswissenschaftliche Studien zu ihnen liegen vor (10, 21-25).

Ergebnisse

Ein Literatur-Überblick ergibt: Tausende von Menschen, die einen "anthroposophischen Lebensstil" leben, sind in den letzten Jahren Gegenstand von wissenschaftlichen Studien gewesen (13-25).

a. Allgemeines Bild

Menschen, die einen "anthroposophischen Lebensstil" leben, zählen wesentlich mehr Akademiker unter ihre Reihen als die Durchschnittsbevölkerung. Allein lebende Menschen gibt es unter ihnen weniger als in Kontrollgruppen. Waldorf-Schüler haben im Durchschnitt etwas mehr Geschwister als Nicht-Waldorf-Schüler, Familiengröße und Haushaltsgröße liegen leicht über dem Durchschnitt von Kontrollgruppen, bzw. der Durchschnittsbevölkerung. Es gibt weniger Raucher und Übergewichtige unter ihnen.

b. Haltung gegenüber der Lehre von Rudolf Steiner und gegenüber der Waldorf-Pädagogik

1.124 ehemalige Waldorf-Schüler, geboren zwischen den 1930er und den 1970er Jahren, haben im Winter 2004/05 an einer Fragebogen-Erhebung teilgenommen, bei der sie über ihr Leben und Denken befragt worden sind (19 - 21). Die Mehrheit dieser befragten ehemaligen Waldorf-Schüler (60 %) steht der Lehre von Rudolf Steiner indifferent oder ablehnend gegenüber. Nur eine Minderheit steht ihr positiv gegenüber. Aber 80 % von ihnen würden wieder auf eine Waldorf-Schule gehen. – Hier deutet sich eine für diese Gruppierung sehr typische hohe Identifikation mit praktischen Anwendungen ihrer zugrundeliegenden Lehre an, nicht aber mit der Lehre selbst. Es ist aber davon auszugehen, dass ein "innerer Kern" von Anhängern der Lehre von Rudolf Steiner existiert, der die Existenz, den Zusammenhalt und das zahlenmäßige Wachstum dieser gesellschaftlichen Gruppierung in den letzten 80 Jahren stabilisiert hat.

c. Politische Orientierung

Die Hälfte der erwähnten 1.124 ehemaligen Waldorf-Schüler sympathisieren mit politischen Parteien. Von dieser Hälfte sympathisiert wiederum die Hälfte mit der Partei "Bündnis 90/Die Grünen". Die Hälfte der anderen mit politischen Parteien sympathisierenden ehemaligen Waldorf-Schüler nennen die SPD als jene Partei, mit der sie sympathisieren.

d. Geburtenrate

Von den befragten 1.124 ehemaligen Waldorf-Schülern hatten 692 Kinder (61 %) und 352 (noch) keine (30 %). 50 % von ihnen waren unter 37 Jahre alt, viele werden also künftig noch Kinder bekommen. 253 waren zwischen 64 und 68 Jahre alt und hatten durchschnittlich 2,2 Kinder pro Person. 236 waren zwischen 50 und 64 Jahre alt und hatten 2,0 Kinder pro Person. 542 waren zwischen 30 und 37 Jahre alt und hatten 0,9 Kinder pro Person (20, S. 6). Wenn diese 542 am Ende ihres Lebens doppelt so viele Kinder haben wie zum Zeitpunkt der Studie, was nicht sehr unwahrscheinlich sein dürfte, dann werden sie durchschnittlich 1,8 Kinder pro Person haben. Die Gruppe insgesamt hat dann – über die drei letzten Generationen hinweg - eine Geburtenrate von 1,9 Kindern pro Person. (26) All diese Werte liegen deutlich über der gegenwärtigen durchschnittlichen Geburtenrate in Deutschland, die bekanntlich 1,3 Kinder pro Frau beträgt.

e. Konfessionszugehörigkeit

In Westdeutschland waren im Jahr 2004

19 % der Menschen nicht Mitglied einer Religionsgemeinschaft und 74 % Mitglied einer christlichen Kirche.

(In Deutschland insgesamt waren 2005
32 % der Menschen konfessionslos und 65 % Kirchenmitglieder,
da es in den ehemaligen atheistischen neuen Bundesländern schon seit Jahrzehnten
70 % Konfessionslose und nur 27 % Kirchenmitglieder gibt.)

Von den 1.124 befragten ehemaligen Waldorf-Schülern (die alle in Westdeutschland aufgewachsen sind), waren

43 % nicht Mitglied einer Kirche oder Religionsgemeinschaft und 57 % waren Mitglied einer Kirche oder Religionsgemeinschaft.

Die Nichtkirchlichkeits-Rate der ehemaligen Waldorf-Schüler ist also mehr als doppelt so hoch wie die Nichtkirchlichkeits-Rate der mit ihnen zu vergleichenden Durchschnittsbevölkerung in Westdeutschland. Überdurchschnittliche Nichtkirchlichkeits-Raten finden sich bei ihnen schon in den älteren, in den 1930er Jahren geborenen Jahrgängen. In den jüngeren Jahrgängen werden sie noch ausgeprägter.

Somit liegt ein Fall vor, der noch wenig oder gar nicht in "Religionswissenschaftlichen Studien aus evolutionärer Perspektive" ("Evolutionary Religious Studies") thematisiert und erforscht worden ist: Überdurchschnittliche Geburtenrate bei gleichzeitig (gegenüber dem Durchschnitt) doppelt so häufiger Konfessionslosigkeit.

f. Beruht der gesamtdemographische Effekt vorwiegend auf den konfessionell Gebundenen?

Im folgenden ist noch kritisch die Frage zu überprüfen, ob die Geburtenrate der kirchlich Gebundenen unter den ehemaligen Waldorf-Schülern so stark überdurchschnittlich ist, dass eine Geburtenrate der Konfessionslosen unter ihnen, die mit der Geburtenrate sonstiger Konfessionsloser in Deutschland übereinstimmen könnte, "verdeckt" sein könnte. Jedoch scheint auch dies nicht in besonders ausgeprägtem Maße der Fall zu sein. Dies soll anhand der weiteren Daten gezeigt werden. 

Von den 57 % Mitgliedern einer Kirche oder Religionsgemeinschaft unter den befragten 1.124 ehemaligen Waldorf-Schülern befanden sich:

55 % Mitglieder protestantischer Kirchen,
17 % Mitglieder der katholischen Kirche,
17 % Mitglieder der anthroposophischen "Christengemeinschaft" (gegründet 1922 zusammen mit Rudolf Steiner, ohne dass dieser selbst Mitglied wurde; nicht anerkannt von den offiziellen christlichen Kirchen in Deutschland),
10 % Mitglieder der jüdischen, buddhistischen und anderer Religionsgemeinschaften.

In den letzten Jahrzehnten hat es dabei einen Anstieg des zahlenmäßigen Anteils der Mitglieder der katholischen Kirche gegeben (jüngste Jahrgangsgruppe: 27 %) und einen Rückgang des zahlenmäßigen Anteils der "Christengemeinschaft" (jüngste Jahrgangsgruppe: 12 %).

g. Kirchenzugehörigkeit und positive Einstellung gegenüber der Lehre von Rudolf Steiner als demographisch vorteilhafte Faktoren

Es scheint keine ausgeprägten Unterschiede in der Identifikation mit der Lehre von Rudolf Steiner zu geben zwischen Kirchenmitgliedern und Konfessionslosen unter den ehemaligen Waldorf-Schülern. Nur Mitglieder der "Christengemeinschaft" weisen eine auffällig höhere Identifikation mit der Lehre von Rudolf Steiner auf.

Von den 692 befragten ehemaligen Waldorf-Schülern mit Kindern waren 60 % Kirchenmitglieder und 40 % konfessionslos. Von den 352 befragten ehemaligen Waldorf-Schülern ohne Kinder waren 50 % Kirchenmitglieder und 50 % konfessionslos (20, S. 193). Leider erlauben es die bisher veröffentlichten Daten nicht, danach zu fragen, ob es unter den Konfessionslosen - bspw. - mehr Eltern mit Einzelkindern gibt als unter den Kirchenmitgliedern und ob - bspw. - "Christengemeinschafts"-Mitglieder deutlich stärker zu Mehrkind-Familien neigen als andere Gruppierungen. Durch solche Daten könnten die bislang schon aufzeigbaren Unterschiede, was Korrelation zwischen Elternschaft und Kirchenzugehörigkeit betrifft, noch prononcierter hervortreten. Gegenwärtig kann dazu aber nichts gesagt werden.

Von den 692 befragten ehemaligen Waldorf-Schülern mit Kindern standen 43 % der Lehre von Rudolf Steiner positiv gegenüber und 56 % nicht. Von den 352 befragten ehemaligen Waldorf-Schülern ohne Kinder standen 34 % der Lehre von Rudolf Steiner positiv gegenüber und 65 % nicht.

Das heißt: Sowohl Kirchenzugehörigkeit wie positive Einstellung gegenüber der Philosophie von Rudolf Steiner haben positive Effekte auf die Geburtenrate. Aber Kirchenzugehörigkeit hat immer noch mehr positive Effekte als die positive Einstellung gegenüber der Philosophie von Rudolf Steiner.

h. Religiöse Orientierung im allgemeinen Sinn

Auf den Satz „Der Gedanke an eine höhere kosmische Ordnung gibt mir Sinn und Orientierung in meinem Leben." antworteten im Fragebogen von den befragten 1.124 ehemaligen Waldorf-Schülern 58 % mit "Ja".

Diskussion

Die Geburtenrate von Kirchenmitgliedern unter den ehemaligen Waldorf-Schülern liegt über derjenigen von Kirchenmitgliedern unter ehemaligen Nicht-Waldorf-Schülern, und ist ebenso überdurchschnittlich bezogen auf die Gesamt-Geburtenrate in Deutschland. (Für Mitglieder der "Christengemeinschaft" könnten noch deutlich höhere überdurchschnittliche Geburtenzahlen angenommen werden.)

Jenes Ergebnis jedoch, das am meisten überrascht, ist das bezüglich der Konfessionslosen unter den ehemaligen Waldorf-Schülern. Sie scheinen nach den bisher veröffentlichten Zahlen eine Geburtenrate zu haben, die nur wenig unter der von kirchlich gebundenen ehemaligen Waldorf-Schülern liegt, und die damit ebenfalls nicht nur deutlich über der Geburtenrate von Konfessionslosen in der Normalbevölkerung liegt, sondern auch gegenüber der durchschnittlichen Geburtenrate von konfessionell Gebundenen unter der Normalbevölkerung.

Anders ausgedrückt: Die überdurchschnittliche Geburtenrate von anthroposophisch orientierten Menschen kann bei einem überdurchschnittlichen Anteil von Konfessionslosen unter ihnen nicht allein auf einer überdurchschnittlichen Geburtenrate der konfessionell Gebundenen unter ihnen beruhen, zumal die anteilmäßigen Unterschiede zwischen denen, die Kinder haben, zu denen die keine haben, in Bezug auf konfessionelle Einordnung nur um 10 % unterschieden sind, und zumal auch nur allein schon eine positive Einstellung zur Lehre von Rudolf Steiner positive Auswirkung auf die Geburtenrate hat.

Religionswissenschaftler Michael Ebertz hat die Befragung der ehemaligen Waldorf-Schüler auf ihre religiösen Aspekte hin ausgewertet. Seine Interpretation der Ergebnisse geht in die Richtung, dass er sagt (21), dass moderne Menschen zweierlei Formen von Religiosität kennen und leben (27). Die eine ist die institutionalisierte: Menschen sind Mitglieder von Kirchen. Die andere ist die so genannte „universelle Religion“ in dem Sinne des abgefragten „Glaubens an eine höhere kosmische Ordnung“. Er nennt letztere Form der Religiosität auch eine "vitalistische" Weltsicht, vielleicht in der geistigen Nähe von Ernst Haeckel's "Monismus" angesiedelt. Und Ebertz vermutet, dass die ältere Form der Religiosität (die institutionalisierte) heute oft überlagert ist von der zweiten Form der Religiosität, die sich in vielerlei Hinsicht von der ersten Form unterscheidet. Und die hier präsentierten Daten zeigen, dass offenbar auch diese zweite Form der Religiosität im Prinzip Auswirkungen hinsichtlich einer positiven Beeinflussung der Geburtenrate haben kann, zumal in einem solchen sozialen Umfeld, "Setting" wie desjenigen eines „anthroposophischen Lebensstils“.

Es könnte wichtig sein, auf den Umstand hinzuweisen, dass im Prinzip auch solche Formen von Religiosität wie sie etwa von Albert Einstein vertreten worden sind - und denen auch Atheisten wie Richard Dawkins aufgeschlossen gegenüber stehen (28) -, dass solche Formen von Religiosität im Prinzip auch künftig dazu befähigt sein können, solche "reproduktiven Regime" zu etablieren, wie sie notwendig sind, wenn das demographische - und damit kulturelle - Überleben der westlichen Welt und aller seiner emanzipatorischen Werte sichergestellt sein soll.


Ingo Bading, M.A., Berlin

(überarbeitet: 10.9.2011)

________________________
*) Veranlassung und Motivation, sich auf die inhaltlichen Fragestellungen dieser Arbeit einzulassen, gaben vor allem Diskussionen mit Religionswissenschaftler Dr. Michael Blume, Tübingen, sowie weiterführende Diskussionsbeiträge um die Jahreswende 2007/08 innerhalb eines sich um ihn bildenden, bislang nur informellen, an religionsbiologischen Fragen interessierten Diskussionskreises (Lars Fischer, Edgar Dahl, Ingo-Wolf Kittel und andere).


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Zitierte Literatur:

  1. Bading, Ingo: The reproductive benefits of an anthroposophic lifestyle. Auf: http://studgen.blogspot.com/2008/02/reproductive-benefits-of-anthroposophic.html ; die jeweils aktuelle deutsche Version auf: http://studgendeutsch.blogspot.com/2008/02/der-anthroposophische-lebensstil-als.html ; als pdf. hier: http://stores.lulu.com/Studium_generale
  2. Hamer, Dean: Das Gottes-Gen. 2007
  3. Wilson, David Sloan: Darwin's Cathedral. Evolution, Religion, and the Nature of Society. University of Chicago Press 2002
  4. Sosis, Richard: Teure Rituale. In: Gehirn & Geist, 10.12.2004, http://www.spektrum.de/magazin/teure-rituale/838840; siehe auch seine Publikationsliste: http://www.anth.uconn.edu/faculty/sosis/publications.html
  5. Blume, Michael; Ramsel, Carsten; Graupner, Sven: Religiosität als demographischer Faktor. Ein unterschätzter Zusammenhang? Marburg Journal of Religion, Vol. 11, No. 1, (June 2006) (freier Download im Netz)
  6. Mackenroth, Gerhard: Bevölkerungslehre. Theorie, Soziologie und Statistik der Bevölkerung. Springer-Verlag, Berlin 1953
  7. Assmann, Jan: Die Mosaische Unterscheidung oder der Preis des Monotheismus. Carl Hanser Verlag, München 2003
  8. Conway Morris, Simon: Jenseits des Zufalls. Wir Menschen im einsamen Universum. Berlin University Press, Berlin 2008. (engl. Untertitel genauer: Inevitable Humans in a Lonely Universe. Cambridge University Press 2003)
  9. Bading, Ingo: Vorstudien zu einer Vergleichenden Religionsdemographie. Auf Wissenschaftsblog „Studium generale“
  10. Blume, Michael: Anthroposophie - Religionsdemographische Betrachtungen von Ingo Bading. At: "Religionswissenschaft aus Freude", Wissenschaftsblog von Michael Blume, 20.02.2008, see here.
  11. Bading, Ingo: Die Atheisten in Deutschland sind stark "Männer-lastig". At: Scienceblog "Studium generale", 20.11.2007 (---> here)
  12. Salcher, Ernst: Ergebnisse der Befragung der Förderkreismitglieder der Giordano Bruno-Stiftung (Juli-September 2007) (pdf.) (free download: ---> here)
  13. Roland Unkelbach u.a.: Unterschiede zwischen Patienten schulmedizinischer und anthroposophischer Hausärzte. In: Forsch Komplementärmed 2006; 13:349–355, Published online: November 3, 2006
  14. Gunver S. Kienlea u.a.: Anthroposophische Medizin: Health Technology Assessment Bericht – Kurzfassung. In: Forsch Komplementärmed 2006; 13 (suppl 2):7–18
  15. Helen Flöistrup u.a.: Allergic disease and sensitization in Steiner school children. In: J Allergy Clin Immunol, January 2006, Available online November 29, 2005
  16. Harald J. Hamre u.a.: Anthroposophic vs. conventional therapy of acute respiratory and ear infections: a prospective outcomes study. In: Wien Klin Wochenschr (2005) 117/7–8: 256–268
  17. H. J. Hamre u.a: Anthroposophic therapies in chronic disease: the anthroposophic medicine outcomes study (AMOS). In: Eur J Med Res (2004) 9: 351-360
  18. Johan S Alm u.a.: Atopy in children of families with an anthroposophic lifestyle. In: Lancet 1999; 353: 1485 – 88
  19. Barz, Heiner; Randoll, Dirk (Hg.): Absolventen von Waldorfschulen. Eine empirische Studie zu Bildung und Lebensgestaltung. 2. Aufl. VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2007 (St. gen.-Bookshop) [important parts of the text, introduction and formulars - all in german - can bee found at: http://www.hhu.de/waldorfabsolventen/]
  20. Randoll, Dirk; Barz, Heiner: Absolventenstudie zur Waldorf-Pädagogik (Deutschland). Tabellenband 1. (free download - pdf. ---> here.)
  21. Ebertz, Michael N.: Was glauben die Ehemaligen? (= What do believe people that have experienced Waldorf-education?) In: see 14., p. 133 – 160
  22. Hörtreiter, F.: Anthroposophie und christlicher Glaube. Eine Erwiderung auf Bernhard Grom SJ. In: Materialdienst der EZW 68/2005, S. 251 - 255 (---> here)
  23. Bading, Ingo: Anthroposophen: Akademiker-lastige Gruppierung mit leicht überdurchschnittlicher Geburtenrate. At: Scienceblog "Studium generale", 22.01.2008 (---> here)
  24. Bading, Ingo: Anthroposophen: Auch Neue (nicht-monotheistische) Religiosität in westlichen Gesellschaften erhöht Geburtenrate. At: Scienceblog "Studium generale", 15.2.2008 (---> here)
  25. Bading, Ingo: Auch die konfessionslosen anthroposophisch Orientierten haben eine überdurchschnittliche Geburtenrate. At: Scienceblog "Studium generale", 17.2.2008 (---> here)
  26. Bading, Ingo: Die positiven demographischen Auswirkungen eines anthroposophischen Lebensstils - Diskussion weiterer Details. At: Scienceblog "Studium generale", 26.2.2008 (---> here)
  27. Campiche, Roland J.: Die zwei Gesichter der Religion. Faszination und Entzauberung. Zürich 2004
  28. Dawkins, Richard: Der Gotteswahn. 2007

Sonntag, 24. Februar 2008

Die positiven demographischen Auswirkungen eines "anthroposophischen Lebensstils" - Diskussion weiterer Details

Der Anteil der Konfessionslosen an der Wohnbevölkerung in Westdeutschland (alte Bundesländer) betrug im Jahr 2004 19 %. 74 % der Wohnbevölkerung Westdeutschlands gehörten einer christlichen Kirche an. Das bedeutet, daß die Nichtkirchlichkeits-Rate der ehemaligen (westdeutschen) Waldorf-Schüler in der von mir behandelten Studie (siehe frühere Beiträge) doppelt so hoch ist wie die mit ihr zu vergleichende Nichtkirchlichkeits-Rate der sonstigen westdeutschen Durchschnittsbevölkerung. Das mußte noch nachgetragen werden.

Im Netz findet sich auch eine Grafik, die die konfessionelle Zugehörigkeit der Waldorf-Schüler in Nordrhein-Westfalen des Schuljahres 2006/2007 mit derjenigen der übrigen dortigen Schüler vergleicht. (Duisburgweb.de)

Überraschenderweise sind hier nicht - wie in der von mir behandelten Studie - 43 % der Waldorf-Schüler, sondern nur:
etwa 28 % konfessionslos. Und weiterhin:
etwa 30 % evangelisch
etwa 25 % katholisch und
etwa 17 % sonstige (anzunehmenderweise
inklusive Christengemeinschafts-Mitgliedern).
Also grob stimmt das Bild mit der von mir behandelten Waldorf-Absolventen-Studie überein. Daß hier die Konfessionslosen 15 % weniger Anteil haben, könnte ein Hinweis darauf sein, daß auch die "Ehemaligen" zu höheren Anteilen erst nach dem Verlassen der Schule aus der Kirche ausgetreten sind. Auf jeden Fall unterscheidet sich die konfessionelle Zusammensetzung der privaten Waldorf-Schulen auch noch ohne das zu erwartende künftige Austreten vieler derzeitiger Waldorf-Schüler deutlich von der aller anderen Schulen in Nordrhein-Westfalen.

Im Begleittext steht:
"Jede(r) Zehnte der rund 2 257 000 Schülerinnen und Schüler an den allgemein bildenden Schulen NRWs ist im derzeit laufenden Schuljahr konfessionslos. Wie das Landesamt für Datenverarbeitung und Statistik mitteilt, ist rund jede(r) Zweite katholisch, jede(r) Dritte evangelisch und jede(r) Neunte islamisch."
Auch hier dürfte die niedrigere Konfessionslosigkeits-Rate darauf zurückzuführen sein, daß die Entscheidung zum Kirchenaustritt meistens erst in einem späteren Lebensalter getroffen wird. Aber all das gab noch einmal Anregung, die Angaben im diesbezüglichen Beitrag von Michael Blume zu überprüfen. Dabei ergaben sich noch einige Korrekturen im Detail. - Das folgende ist im wesentlichen nur für "Pfennigfuchser".

Zunächst haben nur 61,6 %, nicht 66 % der Befragten Kinder. 31,3 % haben keine und 7,1 % haben dazu keine Angaben gemacht. (pdf.-Tabelle 1, S. 6)

Und wenn ich die hier zu konsultierende Tabelle richtig lese und noch einmal rechnerisch überprüfe, was doch ganz interessant ist, wie man dabei feststellen könnte, dann haben die 253 älter als 64-Jährigen unter den Befragten durchschnittlich 2,2 Kinder (also 39 + 174 + 174 + 60 + >70 / 253 - 8 = >2,11 ).

Die 236 älter als 50-Jährigen unter den Befragten haben durchschnittlich 2,0 Kinder.
(Also 40 + 188 + 90 + 68 + >60 / 236 - 9 = >1,96 )

Die 542 älter als 30-Jährigen haben durchschnittlich 0,9 Kinder.
(100 + 216 + 90 + 32 + >10 / 542 - 50 = 448/>492 = >0,9)
Aber diese 448 Kinder, bzw. 0,9 Kinder pro Person der über 30-Jährigen wird man doch wohl noch gut und gerne verdoppeln dürfen auf 896, also, sagen wir, auf 1,8 Kinder pro Person, wenn man grob abgeschätzt die hinzunimmt, die in den nächsten zehn oder zwanzig Jahren noch geboren werden dürften.

Für die hier untersuchte Gruppe ergeben sich also insgesamt - bis zum Jahr 2004 - zwar "nur" 1,5 Kinder pro Person. (189 + 606 + 384 + 172 + >145 / 1.124 - 80 = >1.496/1.044 = >1,43)

Aber wenn man noch einmal 448 Kinder für die über-30-Jährigen zur Gesamtgruppe hinzuzählt, erhält man folgende Rechnung:

>1.496 + 448 / 1.044 = 1,9 Kinder pro Person.

(Wobei man ja wohl hoffen dürfte, daß der Fragebogen nicht zu häufig gleichzeitig an Eltern von den gleichen Kindern versendet worden ist, wodurch es natürlich zu Doppelzählungen von Kindern hätte kommen können.)

Diese Angaben von Michael stimmen:
Von den 106 befragten (oft älteren) Christengemeinschafts-Mitgliedern haben 78 % Kinder,
von den 352 befragten Protestanten haben 68 % Kinder,
von den 106 befragten (oft jüngeren) Katholiken haben 46 % Kinder.
Hat er aber daraus nun einen Mittelwert gebildet, um zu sagen, daß 70 % derjenigen, die einer Religionsgemeinschaft angehören, Kinder hätten und nur 60 % der Konfessionslosen? Oder welcher Tabelle und welchen Spalten auf den Seiten 193/194 entnimmt er diese Zahlen? Man kann es - soweit ich sehe - nach den dortigen Angaben nur umgekehrt formulieren (- so wie ich das auch getan hatte), man kann nur sagen: von denen, die Kinder oder keine Kinder haben, sind soundsoviel konfessionell gebunden und soundsoviel nicht.

Aber grob könnte natürlich auch diese 70%/60%-Angabe stimmen.

Sonntag, 17. Februar 2008

Auch die konfessionslosen anthroposophisch Orientierten haben eine überdurchschnittliche Geburtenrate

Ich hatte ausgeführt und dargelegt, daß die Absolventen von Waldorf-Schulen eine (gegenüber der Restbevölkerung) leicht überdurchschnittliche Geburtenrate bei (gegenüber der "Normalbevökerung") deutlich unterdurchschnittlicher Kirchlichkeitsrate aufweisen. (Stud. gen. 1, 2) Religionswissenschaftler Michael Blume aber will es noch einmal genau wissen und fragt in Kommentaren - hier und auf seinem Blog -, ob die überdurchschnittliche Geburtenrate nicht doch daran liegen könnte, daß eben der kirchlich noch gebundene Teil unter den befragten Waldorf-Schul-Absolventen eine etwaig bloß durchschnittliche oder unterdurchschnittliche Geburtenrate der Konfessionslosen unter ihnen durch noch deutlich überdurchschnittlichere Geburtenrate kompensieren würde, so daß das Endergebnis doch - vornehmlich oder allein - auf sie, die kirchlich Gebundenen, zurückzuführen wäre.

Michael Blume fragt also (Relig.wiss.):
Gibt es z.B. demografische Unterschiede zwischen Ex-Waldorfschülern, die heute Mitglieder der Christengemeinschaft, einer anderen Kirche, des Islam oder konfessionslos sind?
Diese These müßte einen sehr deutlichen Unterschied voraussetzen zwischen dem Geburtenverhalten von anthroposophisch orientierten Konfessionslosen und Konfessionsgebundenen. Ich werde gleich zeigen, daß ein solcher nicht gar so besonders ausgeprägt vorzuliegen scheint. Aber Michael, Danke erst einmal für diese doch auch noch einmal sehr spannende und weiterführende Fragestellung.

60 % der Befragten haben Kinder

Wenn man sich die Daten daraufhin genauer anschaut und durchdenkt, werden einem die hier vorliegenden Verhältnisse noch ein bischen klarer. Die 5. Frage auf dem Fragebogen (pdf.) lautete:
"Wie viele Kinder haben Sie?"
Von den 1.124 Befragten haben 692 Befragte Kinder und 352 Befragte keine. (1, S. 6) Also 61 % haben Kinder, 30 % haben - z. T. noch - keine. Dabei ist nämlich beachten, daß 50 % der Befragten unter 40 Jahre alt waren (1, S. 2), also viele von den Jüngeren künftig noch Kinder haben werden. Und weiterhin ist zu beachten, daß in den jüngeren Jahrgängen - wie schon früher erwähnt - sich der Anteil der Religionszugehörigkeiten etwas verschoben hat, es sind mehr Katholiken geworden und (noch) weniger geworden, die der Christengemeinschaft angehören.

Zunächst nun der erste Befund: In ihrer Verbundenheit gegenüber der Anthroposophie unterscheiden sich konfessionslose Ex-Waldorf-Schüler und christliche Ex-Waldorf-Schüler kaum. (1, S. 137) Aber die Daten dazu scheinen nicht sehr genau ausgebreitet zu sein. Einzige deutlichere Ausnahme: Die Mitglieder der Christengemeinschaft, die in der Regel eine hohe Verbundenheit mit der Anthroposophie aufweisen. Es muß also derzeit für mich noch ungeklärt bleiben, ob gerade diese Gruppierung - im Vergleich zu allen anderen Ex-Waldorf-Schülern - noch einmal besonders betont Christen oder nicht doch viel eher besonders betont Anthroposophen sind. Das kann ein deutlicher Unterschied sein. Dazu weiter unten noch mehr. Jedoch zunächst weiter bei den Daten.

60 % der Eltern und 50 % der Kinderlosen sind konfessionell gebunden

Von den 692, die Kinder haben, gehören 60 % einer Religions- oder Glaubensgemeinschaft an und 40 % keiner. (1, S. 193) (Wir erinnern uns, von den Absolventen insgesamt gehörten 57 % einer an und 43 % keiner.) Von den 352, die keine Kinder haben, gehören umgekehrt 50 % einer Religions- oder Glaubensgemeinschaft an und 50 % keiner. (1, S. 193)

Noch ein weiterer, in unserem Zusammenhang weniger wichtiger Befund: Von den 692 Befragten mit Kindern stehen 43 % der Anthroposophie positiv bejahend gegenüber, 56 % indifferent und ablehnend. (1, S. 8) Von den 352 Befragten ohne Kinder stehen 34 % der Anthroposophie positiv bejahend gegenüber, 65 % jedoch indifferent und ablehnend. (1, S. 8) Das heißt also, daß auch die Bejahung der Anthroposophie sich positiv auf Kinderzahlen auswirkt, aber insgesamt nicht so eindeutig wie Kirchenmitgliedschaft. Auf letztere soll im weiteren vor allem eingegangen werden.

Alles, was man über anthroposophisch Orientierte liest und von ihnen sonst im Alltagsleben so erfährt, weist in die Richtung, daß auch für die (noch) kirchlich Gebundenen unter den Anthroposophen diese Kirchenzugehörigkeit selbst zumindest keine überdurchschnittliche Rolle spielt verglichen mit sonstigen (nicht anthroposophisch orientierten) kirchlich Gebundenen. (2) Aber diese letzteren weisen ja auch schon eine leicht überdurchschnittliche Geburtenrate auf.

Auch die Geburtenrate der Konfessionslosen unter den Anthroposophen ist untypisch für Konfessionslose an sich

Eine leicht überdurchschnittliche Geburtenrate insgesamt jedoch bei einem so überdurchschnittlich großen Anteil von Konfessionslosen muß mehr oder weniger zwangsläufig heißen, daß auch die Konfessionslosen unter den Waldorf-Schul-Absolventen eine Geburtenrate aufweisen, die deutlich über der sonstiger Konfessionsloser liegt und sich fast an konfessionell Gebundene annähert - - - wenn nicht die konfessionell Gebundenen unter den anthroposophisch Orientierten eine sich an die Geburtenrate von sonstigen Konfessionslosen annähernde Geburtenrate der Konfessionslosen durch überdeutlich starke Geburtenrate kompensieren würden. Genau das ist aber nun doch nur sehr wenig ausgeprägt der Fall wie man den oben angebenen Daten entnehmen kann. Eine so deutliche Scheidung in den Lebensstilen zwischen Konfessionslosen und Konfessionsgebundenen wie man sie dann voraussetzen müßte, findet man auch sonst wohl nirgends im Alltagsleben bei anthroposophisch orientierten Menschen vor.

(Leider kann man den bisher veröffentlichten Daten nicht auch noch entnehmen, ob etwa Konfessionslose mehr zu Einzelkindern und konfessionell Gebundene mehr zu mehreren Kinder neigen. Man muß sich zunächst mit den Daten begnügen, die veröffentlicht sind.)

Wie sind die Zahlen zu bewerten?

Also die Kirchenzugehörigkeit ist zwischen Ex-Waldorf-Schülern mit Kindern und ohne Kinder um 10 % verschoben. Ist das eine leichte oder eine deutliche Tendenz dahingehend, daß konfessionslose Waldorf-Absolventen weniger Kinder haben als konfessionell gebundene? Ich neige dazu, diese Tendenz als nicht sehr ausgeprägt zu beurteilen. Kann man aus dieser Tatsache also etwas Zuverlässiges ableiten? Soweit ich sehe nur die Tatsache, daß für das Geburtenverhalten bei anthroposophisch Orientierten Menschen insgesamt das Geburtenverhalten der konfessionell Gebundenen typischer ist als das der nicht konfessionell Gebundenen.

Man wird wohl so sagen können: Wenn die kirchlich Gebundenen unter den anthroposophisch Orientierten ähnliche Geburtenraten aufweisen wie auch nicht anthroposophisch orientierte kirchlich Gebundene, so haben zumindest die konfessionslosen anthroposophisch Orientierten eine Geburtenrate, die deutlich über sonstigen Konfessionslosen liegt. Das ist wohl die entscheidendere Erkenntnis dieses Beitrages. Sie haben ihren Anteil an der überdurchschnittlichen Geburtenrate der anthroposophisch Orientierten insgesamt zu großen Teilen nicht auf die konfessionell Gebundenen unter ihnen "abgewälzt". Und letzterer Umstand allein ist es wohl so mehr oder weniger, auf den es hier ankommt und um dessentwillen einem die Anthroposophen aus religionsdemographischer Sicht wichtig sein könnten.

Die merkwürdige "Christengemeinschaft"

Noch einige Angaben, die man den Tabellen zu Michael Blumes Fragestellung entnehmen kann: Von den 106 Katholiken haben 50 % Kinder und 50 % nicht. (1, S. 194) Der Anteil der Katholiken ist aber in den jüngeren Jahrgängen höher, wodurch man diese Zahlen als nicht sehr aussagekräftig einschätzen kann. Von den 352 Protestanten haben 68 % Kinder und 32 % keine.

Aber nun: Von den 106 zur Christengemeinschaft Gehörigen haben sogar 84 Kinder und 19 keine. (1, S. 194) Diese letztere Tatsache finde ich doch recht bemerkenswert und aussagekräftig. Sie widerlegt meiner Meinung nach mehr oder weniger deutlich die von mir im früheren Beitrag zitierte Vermutung von Michael Ebertz, daß die Christengemeinschaft "Nachwuchsprobleme" hätte. Vielleicht entscheiden sich von diesen aus irgendwelchen Gründen heute nur weniger als früher für den Besuch von Waldorf-Schulen? - Da stochert man bei den bisherigen Zahlen wohl noch im Nebel herum. (Auch hier wiederum ist zu berücksichtigen, daß die zur Christengemeinschaft Gehörigen mehr den älteren als den jüngeren Jahrgangs-Stufen angehören.)

Mehr kann man zur Zeit aus den veröffentlichten Daten dieser Studie, soweit ich sehe, für die hier interessierenden Fragestellungen nicht ableiten. Viele abgefragte Eigenschaften werden in der tabellarischen Aufschlüsselung nicht mit Kinderzahl abgeglichen, wodurch wichtige Erkenntnismöglichkeiten versperrt bleiben.

Aber das, was man eben hier schon sehen kann, schwächt meine bisherige These nicht sehr deutlich ab, sondern präzisiert sie noch. Vielleicht tragen die Konfessionslosen unter den anthroposophisch Orientierten weniger zur überdurchschnittlichen Geburtenrate derselben bei als die konfessionell Gebundenen. Aber sie tragen doch wohl ziemlich eindeutig zu ihr bei. Und das ist ein Umstand, der sonst wohl noch nicht für Konfessionslose hat nachgewiesen werden können.

Noch einmal allgemeiner zu Michael Blumes Überlegungen

Michael Blume schrieb auch (Relig.wiss.):
Ein muslimisches oder buddhistisches Kind wird durch den Besuch eines evangelischen Kindergartens doch auch nicht automatisch evangelisch.
Auch von dem - bislang wohl noch sehr unwahrscheinlichen - Fall eines muslimischen oder buddhistischen Kindes, das einen Waldorf-Kindergarten besucht, auch von diesem wird man, wie ich denke, schon von vornherein bestimmte Eigenschaften annehmen, die man auch bei Kindern dieser Herkunft allgemein nicht annehmen wird, wenn sie beliebige andere Kindergärten besuchen. Will heißen: Interesse für Waldorf-Schulen oder -Kindergärten ist eben bisher doch ein sehr starker "Selektionsfaktor" auf bestimmte Eigenschaften hin, und zwar auf solche, die auch mit Religiosität und Spiritualität zu tun haben, wie ja die Studie aufgezeigt hat. Nur eben sehr viel weniger mit "traditionellen" Formen derselben.

Weniger "Lehrgebäude" als "Lebensgefühl"

Alle Daten deuten darauf hin, daß diese Menschengruppe der der Anthroposophie und den Waldorf-Schulen Nahestehenden viel weniger durch ein bestimmtes "Lehrgebäude" oder etwas ähnliches definiert ist, sondern eher durch ein Lebensgefühl, eine Welthaltung. Und zwar ist das eine Gemeinsamkeit, die eben doch eindeutig überkonfessionell ist. Ich kennzeichnete es schon ziemlich platt - aber, wie ich finde, immer noch treffend mit den Worten: "Öko, Öko, Öko, Birkenstock, Birkenstock, Birkenstock."

Dieser Umstand wird auch recht hübsch durch die Tatsache illustriert, daß die Hälfte der Befragten mit einer politischen Partei sympathisieren und davon wiederum die Hälfte mit "Bündnis 90/Die Grünen". - Wer hätte das wohl - - - nicht gedacht? ;-) Und ein weiteres Viertel davon sympathisiert mit der SPD. (1, S. 202) Also in diesen Bereichen von "Lebensgefühl" wird eher die gemeinsame Identität und Religiosität dieser Gruppierung gesucht werden müssen, als in einem präziser umrissenen überkommenen christlichen Glaubensbekenntnis oder in präziser umrissenen christlichen, religiösen Haltungen.

"Dualisierung der Religion"

Michael Ebertz hat seine Ergebnisse in einem breiteren religionssoziologischen Rahmen interpretiert, nämlich in dem Denkrahmen von der modernen "Dualisierung der Religion", also dem Auseinanderklaffen von "institutioneller Religion" und "universaler Religion". Er zitiert dafür einen Roland Campiche (3). Vielleicht sollte man eher sagen, von der "Überschichtung" von traditioneller Religiosität durch neue religiöse Vorstellungen. So verweist Ebertz auch auf eine frühere Allensbach-Studie, wonach viele Menschen, die sich als Christen bezeichnen, an eine Wiedergeburt glauben, ohne sich überhaupt oft bewußt zu sein, daß das gar nichts mehr mit Christentum zu tun hat. (2, S. 148f) Und Ebertz interpretiert die Waldorf-Umfrage-Ergebnisse dahingehend, daß die Ex-Waldorf-Schüler nicht besonders stark durch *irgendeine* institutionelle Religion geprägt sind (auch nicht insgesamt gesehen im engeren Sinne durch die Anthroposophie), sondern zunächst einmal vor allem durch die sogenannte ("überschichtete") "universale Religion".

"Insider" bei den Anthroposophen - hier der Hamburger Christengemeinschafts-Pfarrer F. Hörtreiter (4) - formulieren, so zitiert Ebertz, daß es "bei uns viel Anarchie und Individualismus" gäbe. (2, S. 144) Also eigentlich alles eher typische Eigenschaften von Konfessionslosen und Atheisten - aber eben dennoch auch mit der aufgezeigten überdurchschnittlichen Geburtenrate.

Ich glaube, es wird gar nicht so ganz einfach sein, ähnlich fest umrissene Gruppierungen wie die hier behandelten Ex-Waldorf-Schüler oder die Patientengruppen von anthroposophischen Ärzten zu finden, von deren "universaler Religion" man so einfach wie bei dieser Gruppierung nachweisen könnte, daß diese auch bei Konfessionslosen überdurchschnittliche Geburtenrate bewirkt und mit sich bringt.
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1. Randoll, Dirk; Barz, Heiner: Absolventenstudie zur Waldorf-Pädagogik (Deutschland). Tabellenband 1. (frei herunterladbar als pdf. ---> hier.)
2. Ebertz, Michael N.: Was glauben die Ehemaligen? In: Barz, Heiner; Randoll, Dirk (Hg.): Absolventen von Waldorfschulen. Eine empirische Studie zu Bildung und Lebensgestaltung. 2. Aufl. VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2007 (St. gen.-Buchladen), S. 133 - 160 [wesentliche Auszüge - der Fragebogen, alle Rohdaten und die Einleitung - auch auf: www.waldorf-absolventen.de]
3. Campiche, Roland J.: Die zwei Gesichter der Religion. Faszination und Entzauberung. Zürich 2004
4. Hörtreiter, F.: Anthroposophie und christlicher Glaube. Eine Erwiderung auf Bernhard Grom SJ. In: Materialdienst der EZW 68/2005, S. 251 - 255 (im Netz siehe hier)

Freitag, 15. Februar 2008

Anthroposophen: Auch Neue (nicht-monotheistische) Religiosität in westlichen Gesellschaften erhöht Geburtenrate

Religionswissenschaftler Michael Blume vermutete gelegentlich in verstreuten Diskussionen, daß die leicht überdurchschnittliche Geburtenrate der Anthroposophen (St. gen. 1, 2) darauf zurückgeführt werden könnte, daß sie betonter als die Durchschnitts-Bevölkerung christlich-religiös wären. (Blume, Abgefischt 1, 2, 3) Er erwähnt, daß Rudolf Steiner selbst eine "Christengemeinschaft" gegründet hätte, die heute noch fortbesteht. Zu ergänzen ist zu letzterem zunächst, daß Rudolf Steiner selbst dieser Christengemeinschaft offenbar nie beigetreten ist. (1, S. 137)

Die religionssoziologische Literatur zu den Anthroposophen zeichnet nun aber doch ein wesentlich vielschichtigeres Bild, als offenbar von Michael vermutet. (1) 1.124 frühere Absolventen von Waldorf-Schulen wurden Ende 2004, Anfang 2005 - auch - zu ihrer religiösen Orientierung befragt (1, S. 134ff). (pdf.)

Die Kompliziertheit der bezüglich einer solchen Menschengruppe wie den Anthroposophen vorliegenden Verhältnisse wird zunächst besonders verdeutlicht durch die Tatsache, daß 60 % der Waldorfschul-Absolventen der Anthroposophie selbst indifferent, skeptisch oder negativ gegenüber stehen! (!!!) (1, S. 137) Und dennoch würden 80 % der Befragten wieder auf eine Waldorf-Schule gehen. (1, S. 139) (!!!) Also offenbar liegt hier, wie von mir schon vermutet, eine religionsdemographische Untersuchungs-Gruppe vor, deren Gemeinsamkeit vor allem erst einmal nur in einem gewissen Lebensgefühl besteht (z.B. "Öko" und "Birkenstock") und viel weniger in der Orientierung an einer bestimmten festumrissenen Ideologie, Weltanschauung oder Religion.

43 % Kirchenfreie unter den Waldorf-Schul-Absolventen - Tendenz steigend

Da man nun schon der Anthroposophie selbst so indifferent gegenüber steht, werden sich diese Umstände noch einmal verstärkt kundtun im Verhältnis zu den überkommenen christlichen Religionen. Hierzu einige Daten:

Während es
- in Deutschland insgesamt im Jahr 2005
32 % Kirchenfreie (Konfessionslose) und 65 % Kirchenmitglieder unter der Bevölkerung gab,
- in den neuen Bundesländern jedoch
70 % Kirchenfreie und 30 % Kirchenmitglieder,
gab es unter den 2004/05 befragten früheren Absolventen von Waldorf-Schulen (alles Westdeutsche):
43 % Kirchenfreie und 57 % Kirchenmitglieder. (1, S. 134f) Also eine Kirchlichkeitsrate, die ziemlich genau auf der Mitte zwischen all den "Namenschristen" der alten Bundesländer und all den "Atheisten" der neuen Bundesländer angesiedelt ist.

Ich denke also, Michael wird einige Gehirn-Akrobatik aufwenden müssen, um eine gegenüber der Normalbevölkerung leicht überdurchschnittliche Geburtenrate durch eine gegenüber der Normalbevölkerung deutlich unterdurchschnittliche Kirchlichkeitsrate erklären zu können.

Dabei ist noch festzustellen, daß die Nichtkirchlichkeitsrate unter den Anthroposophen (bzw. hier: Waldorfschul-Absolventen) zu steigen scheint, daß sie aber schon bei den älteren Jahrgängen überdurchschnittlich hoch war. Bei den 30 - 37-Jährigen lag sie im 2004/05 bei 47 % Kirchenfreie (53 % Kirchenmitglieder), während schon die älteren Jahrgänge (62 - 66-Jährige) eine gegenüber der heutigen Durchschnittsbevölkerung überdurchschnittlichen Anteil an Kirchenfreien/Konfessionslosen aufwiesen: 38 % Konfessionslose gegenüber 62 % Kirchenmitgliedern.

Also noch einmal wiederholt: Die Waldorfschul-Absolventen der letzten Jahrzehnte weisen (anzunehmenderweise) eine leicht überdurchschnittliche Geburtenrate bei zugleich leicht bis deutlich unterdurchschnittlicher Kirchlichkeitsrate auf. Sie stehen was Kirchenmitgliedschaft betrifft, zwischen der Durchschnittsbevölkerung der alten und der der neuen Bundesländer, und zwar auch schon die älteren Jahrgänge. Und zwar obwohl sie in ihrer weit überwiegenden Mehrheit Bewohner der alten Bundesländer sind. Von einer betonteren Nähe zu Kirche und Christentum scheint hier nirgends die Rede sein zu können.

Nachwuchsprobleme der anthroposophischen "Christengemeinschaft"

Aber noch weitere Tatsachen können Hinweise geben:

Von den Kirchenmitgliedern unter den Waldorfschul-Absolventen (also von den genannten 57 %) gehören
55 % protestantischen Kirchen
17 % der katholischen Kirche
17 % der (schon eingangs genannten anthroposophischen) "Christengemeinschaft" und
10 % jüdischen, buddhistischen und anderen Glaubensgemeinschaften an. (1, S. 136)

Bei den jüngeren Jahrgangsgruppen ist nun aber auffälligerweise der Anteil der Mitglieder bei der "Christengemeinschaft" auf 12 % gesunken, der Anteil der Katholiken jedoch auf 27 % gestiegen. "Was auch," wie die Studie vermutet, "auf erhebliche Nachwuchsprobleme dieser Weltanschauungsgemeinschaft" (nämlich der Christengemeinschaft) "schließen läßt". (1, S. 137)
[Achtung, die folgenden beiden Absätze sind unklar, deshalb verkleinert. Die Dinge werden in einem späteren Beitrag besser geklärt. Genaueres dazu siehe ---> hier.]
Es drängt sich also auch hier der Eindruck auf: Die von Michael genannte "Christengemeinschaft" selbst und eine betont christliche Orientierung unter Anthroposophen scheinen es nicht zu sein, die ihre leicht überdurchschnittliche Geburtenrate hervorrufen. Wie denn auch, wenn es offenbar die etwa 20.000 Mitglieder der "Christengemeinschaft" in Deutschland sind, also offenbar der "Kerntruppe" der christlich Gesonnenen unter den Anthroposophen, die die deutlichsten Nachwuchsprobleme unter ihnen haben. Wenn die leicht überdurchschnittliche Geburtenrate der Anthroposophen auf eine betontere Christlichkeit zurückzuführen sein sollte, dann sollte doch genau dieser Umstand noch einmal am Mitgliederzuwachs der "Christengemeinde" zusätzlich deutlich und prägnant festzustellen sein.
Aber genau das Gegenteil scheint der Fall zu sein. Viel mehr:
Es eine leicht überdurchschnittliche Geburtenrate bei überdurchschnittlicher und stetig wachsenden Anteilen von Konfessionslosigkeit.
Ich denke, diese Tatsachen sind ausreichend, um die Hypothese (von Michael) zurückzuweisen, es wäre eine überdurchschnittliche Christlichkeit, die die überdurchschnittliche Geburtenrate bei den Anthroposophen hervorruft.


Aber welche Art von Religiosität könnte es dann sein, die das typische Lebensgefühl von anthroposophisch orientierten Menschen (hier: Waldorfschul-Absolventen) ausmacht? Dies wird in den weiteren Ausführungen der Studie etwas verdeutlicht. Es sind bei der Befragung von 2004/05 auch Aussagen abgefragt wie die folgenden: "Der Gedanke an eine höhere kosmische Ordnung gibt mir Sinn und Orientierung in meinem Leben." Dieser Satz wird von 58 % der Befragten bejaht. (1, S. 141) Weiterhin werden Wiedergeburts-Glaube, Karma-Glaube, "Existenz höherer Wesensglieder" und "meditative/kontemplative Erfahrung" abgefragt jeweils mit hier nicht genauer aufzuschlüsselnden - aber interessanten - Ergebnissen.

Und im "Ausblick" der hier benutzten Studie heißt es noch deutlicher:
"Auf dem Hintergrund der hier vorgelegten Analyse vermute ich unter den Befragten neben einigen (wenigen) christlichen und nicht-christlichen Theisten, die an eine höhere, außerweltliche Macht glauben, zu der jeder einzelne eine Beziehung aufbauen kann, eine - je jünger sie sind - starke Majorität an so genannten 'Vitalisten', welche die persönliche Existenz durch Wiedergeburt in einem Kreislauf des Lebens und der Natur eingespannt sehen und den Sinn des Lebens in ihm selbst sehen." (1, S. 158)
Fazit: Die Anthroposophen wird man in ihrer Gesamtheit keineswegs als prononciert oder überdurchschnittlich durch Monotheismus geprägte Menschen ansehen können. Und auch ihre leicht überdurchschnittliche Geburtenrate wird man deshalb auf andere Ursachen zurückführen müssen, als gerade auf eine solchartige Prägung.

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Abschließend noch einmal Originaltext der Studie:
"Läßt die Gesamtbevölkerung in Deutschland aller religiösen und weltanschaulichen Pluralität zum Trotz immer noch eine ziemlich klare Präferenz für das Christentum und die beiden großen Konfessionskirchen erkennen, zumindest was die formale Zugehörigkeit angeht, wird man hiervon bei den ehemaligen Waldorfschülerinnen und -schülern immer weniger ausgehen können. Sie stellen keinen religiöse Mikrokosmos der religiösen Landschaft in Deutschland dar. Eine starke Minderheit, nämlich gut zwei Fünftel der Befragten, ist religiös nicht organisiert (43 %); je jünger die Befragten sind, desto geringer ist dere Anteil der religiös Organisierten (30 - 37jährige: 53%). Diese machen bei den älteren Alterskohorten immerhin noch zwei Drittel aus (62-66jährige: 62%). (...)

Die Nähe und Ferne zur Anthroposophie scheint hierbei in keinem signifikanten Zusammenhang zu stehen; die Wahrscheinlichkeit ist nur etwas größer, unter den der Anthroposophie nahe stehenden Absolventinnen und Absolventen auch auf religiös Organisierte zu stoßen. (...) Mehr Frauen (60 %) als Männer (52 %) unter den Befragten gehören einer Religionsgemeinschaft an."

"Bereits die vergleichsweise schwache konfessionelle Bindung der ehemaligen Waldorfschüler weist darauf hin, daß sie - jedenfalls ein Großteil unter ihnen - nicht zum Pol der institutionalisierten Religion tendieren."

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Benutzte Literatur:

1. Ebertz, Michael N.: Was glauben die Ehemaligen? In: Barz, Heiner; Randoll, Dirk (Hg.): Absolventen von Waldorfschulen. Eine empirische Studie zu Bildung und Lebensgestaltung. 2. Aufl. VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2007 (St. gen.-Buchladen), S. 133 - 160 [wesentliche Auszüge - der Fragebogen, alle Rohdaten und die Einleitung - auch auf: www.waldorf-absolventen.de]

Dienstag, 22. Januar 2008

Anthroposophen: Akademiker-lastige Gruppierung mit leicht überdurchschnittlicher Geburtenrate

Ich hatte gerade einen längeren, mit vielen Daten und Zitaten gespickten Beitrag über die Sozialstruktur und Familiengrößen der Anthroposophen und anthroposophisch orientierten Menschen fertig gehabt - aber: alles gelöscht! Irgend ein dummes Versehen. Deshalb schreib ich die wichtigsten Inhalte jetzt noch einmal aus dem Gedächtnis und ohne die umfangreichen Literaturnachweise und Zitate auf. (Voriger Beitrag zum Thema siehe St. gen.)

Man findet über Google Scholar (und Universitäts-Abonnement vieler medizinischer Zeitschriften) online viele neuere vergleichende medizinische Studien (1 - 6) zu Patientengruppen, die sich von anthroposophisch orientierten Ärzten behandeln lassen im Vergleich mit Kontrollgruppen, auch zu Waldorf-Schülern, Bauernkindern im Vergleich zu sonstigen Kindern. Es gibt inzwischen zu solchen Studien auch eine "Metastudie" (2), die 170 solcher Einzelstudien vergleichend beschrieben und ausgewertet hat. In dieser Schweizer Metastudie werden also noch viele weitere Einzelstudien der letzten Jahre und Jahrzehnte genannt, aus denen man sich Daten zur Sozialstruktur und zu Familiengrößen der Anthroposophen heraussuchen kann. Auch hat Michael Blume eine Magisterarbeit von Carsten Ramsel angekündigt, in der Aussagen zur "Religionsdemographie" der Anthroposophen gemacht werden. All diese Quellen lassen ein ähnliches Bild aufscheinen:

Menschen, die der Anthroposophie Wertschätzung entgegenbringen, bzw. dementsprechende Patientengruppen in deutschsprachigen Ländern, den Niederlanden oder auch in Schweden, zu tausenden untersucht, bestehen zu einem viel höheren Anteil aus Menschen mit Hochschulabschluß als die Durchschnittsbevölkerung, der Anteil der Alleinlebenden unter ihnen ist leicht niedriger, der Anteil jener unter den Waldorf-Schülern, die ältere Geschwister haben, ist leicht höher, die Familiengröße, bzw. die Zahl der Personen pro Haushalt ist leicht überdurchschnittlich. Es gibt unter ihnen wesentlich weniger Raucher und Übergewichtige. Es gibt nicht nur über 200 Schulen mit 80.000 Waldorf-Schülern und jährlich 5.000 Abiturienten in Deutschland, sondern - für mich überraschend - auch ganze Krankenhäuser und Altersheime von und für Anthroposophen. Räumliche Schwerpunkte der Anthroposophen in der BRD sind Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen.

Sind Anthroposophen Christen?

Es muß noch die Beziehung der Anthroposophen zu den christlichen Kirchen untersucht werden. Die 1922 gegründete anthroposophische "Christengemeinschaft" sieht - laut einer bayerischen Kirchenzeitung von 2002 (ein Netzfund) - die christlichen Kirchen als eine durch die Geschichte überwundene Form der Religiosität an, toleriert aber Doppelmitgliedschaft, während bspw. die Evangelische Kirche einer solchen Doppelmitgliedschaft mit sehr gerunzelter Stirn gegenüber zu stehen scheint.

Ist aber nun der "anthroposophische Lebensstil" wesentlich von der Tatsache geprägt, daß das Christentum in der Anthroposophie noch eine Rolle spielt? Nach meinem persönlichen Eindruck zunächst nicht. Aber man sollte der Frage nachgehen, wie hoch der Anteil der Menschen ist, die der Anthroposophie Wertschätzung entgegenbringen und zugleich noch nicht aus der christlichen Kirche ausgetreten sind.

Warum sind die Anthroposophen wichtig?

Insgesamt jedenfalls könnte man die Anthroposophen deshalb als wichtig ansehen, weil sie offenbar bislang einer der wenigen klareren Beweise dafür darstellen könnten, daß auch eine vorwiegend nicht-monotheistische Spiritualität und Weltanschauung in moderner Zeit dazu fähig ist, überdurchschnittliches soziales Engagement, überdurchschnittliche Familien- und Haushaltsgrößen, überdurchschnittliches Interesse von Frauen an diesem Lebensstil, überdurchschnittlich gesunde Lebensweise und insgesamt auch überdurchschnittliche Geburtenraten hervorzubringen. Dies wäre dann ein Beweis dafür, daß auch nicht-monotheistische Weltanschauung und Religiosität (Spiritualität) in heutigen westlichen Gesellschaften an sich dazu befähigt sind, die Geburtenraten zu erhöhen. Ein Beweis, auf den sich die Wissenschaft, soweit ich sehe, bislang noch nicht eingeschossen hat. Diese Fähigkeit weist also auch in modernen westlichen Gesellschaften nicht nur monotheistische religiöse Verbundenheit auf. Ich denke, dies sollte ein für viele Menschen nicht ganz unwichtiger Befund sein.

Insbesondere die Tatsache, daß höhere Bildung auch in nicht-monotheistischen Zusammenhängen mit überdurchschnittlicher Geburtenrate gekoppelt sein kann, sollte aufhorchen lassen.
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Ausgewertete Literatur:

1. Roland Unkelbach u.a.: Unterschiede zwischen Patienten schulmedizinischer und anthroposophischer Hausärzte. In: Forsch Komplementärmed 2006;13:349–355, Published online: November 3, 2006
2. Gunver S. Kienlea u.a.: Anthroposophische Medizin: Health Technology Assessment Bericht – Kurzfassung. In: Forsch Komplementärmed 2006;13(suppl 2):7–18
3. Helen Flöistrup u.a.: Allergic disease and sensitization in Steiner school children. In: J ALLERGY CLIN IMMUNOL, JANUARY 2006, Available online November 29, 2005
4. Harald J. Hamre u.a.: Anthroposophic vs. conventional therapy of acute respiratory and ear infections: a prospective outcomes study. In: Wien Klin Wochenschr (2005) 117/7–8: 256–268
5. H. J. Hamre u.a: ANTHROPOSOPHIC THERAPIES IN CHRONIC DISEASE: THE ANTHROPOSOPHIC MEDICINE OUTCOMES STUDY (AMOS). In: Eur J Med Res (2004) 9: 351-360
6. Johan S Alm u.a.: Atopy in children of families with an anthroposophic lifestyle. In: Lancet 1999; 353: 1485 – 88

Sowie zahlreiche deutschsprachige Netzseiten zu anthroposophischen Themen und von anthroposophischen Organisationen.

Donnerstag, 17. Januar 2008

Die Geburtenrate von Anthroposophen

Fragen zur Religionsdemographie nicht-monotheistischer Gruppierungen

Michael Blume hat wieder einen interessanten Beitrag, diesmal über einen neuen Werbespot von "Du bist Deutschland". (M. Blume) Der frühere bekannte Werbespot wurde auch hier auf "Studium generale" schon behandelt. Dieser neue Beitrag von Michael regte mich erneut dazu an, über die Kinderzahlen von Gruppierungen nachzudenken, die weltanschaulich nicht-monotheistisch geprägt sind - aber dennoch Phänomenen wie "Spiritualität" oder "Religiosität" nicht gleichgültig gegenüber stehen.

Und mir fielen da zuerst die Anthroposophen ein, weil es einen doch immer wieder auch erstaunt, welches soziale Engagement sie in der Öffentlichkeit entfalten: Waldorf-Kindergärten, Waldorf-Schulen und so vieles andere mehr ("Waldorf-Minister" ...). Schon dieses soziale Engagement und (Verantwortungs-) Bewußtsein könnten auf ähnlich erhöhte Geburtenraten gegenüber der Durchschnitts-Bevölkerung hinweisen wie dies ja auch bei kirchlich oder freireligiös geprägten Menschen der Fall ist, die sich auch stärker sozial engagieren. Also könnte sich die Frage stellen: Haben Anthroposophen im Durchschnitt mehr Kinder als die Durchschnitts-Bevölkerung?

Gibt es dazu Literatur?


Hier ein recht "typisches" (?) Lehrerkollegium einer Waldorfschule (Würzburg, 1981)

Waldorf-Schüler haben weniger Allergien

Netz-Suche etwa mit Stichworten wie "anthroposophisch" und "Kinder" ergeben durchaus den einen oder anderen Hinweis. So ist 2006 eine Studie veröffentlicht worden, wonach Waldorf-Schüler etwas weniger unter Allergien leiden als Kinder der Normal-Bevölkerung. (Wellness-beauty-info.de, Purenature.de) Eine niedrigere Allergie-Rate ist ja auch schon einmal von Kindern festgestellt worden, die auf dem Bauernhof aufwachsen. (Siehe früherer St.gen.-Beitrag) Vielleicht gibt es bei beiden Gruppierungen Überschneidungen in den Lebenstilen?

Jedenfalls werden die Ergebnisse dieser Allergie-Studie auch damit begründet, daß Waldorf-Kinder in der Regel (oder häufiger) in "kinderreichen Familien" aufwachsen würden. So sagt Professor Dr. Christoph Schempp, Oberarzt an der Universitäts-Hautklinik Freiburg:
... Es gibt zum Beispiel eine große Studie, die in The Lancet erschien, und in der Waldorf-Kinder mit Kindern aus nicht-anthroposophischer Erziehung verglichen wurden. Die Waldorf-Kinder hatten signifikant weniger Allergien. Diese Studie legt nahe, dass in kinderreichen Familien mit vorwiegend lactovegetabiler Ernährung und geringer Zahl von Impfungen weniger Allergien auftreten.
Herr Schempp unterstellt also hier, wenn ich richtig verstehe, daß Waldorf-Kinder eher in kinderreichen Familien aufwachsen, als Nicht-Waldorf-Schüler. *) Das ist sicher auch in der von ihm erwähnten Studie untersucht worden. Google-Scholar nun liefert mancherlei spannende Ergebnisse unter dem Stichwort "anthroposophic", also zum Thema statistisch feststellbare medizinische Auswirkungen eines anthroposophischen Lebenstiles. Dabei wird immer wieder auch "family size" oder ähnliches in den untersuchten Gruppen abgefragt. - Überhaupt, so fällt mir nun ein, könnten solche medizinischen Untersuchungen, die Familiengrößen mit abfragen, eine interessante Quelle auch für religionsdemographische Untersuchungen sein! (- ?)

Gibt es den Anthroposophen vergleichbare Gruppierungen?

Aber welche Gruppierungen könnte man bezüglich solcher religionsdemographischer Fragestellungen noch untersuchen? Es müßten ähnlich große Gruppierungen wie die Anthroposophen sein, wenn man zu aussagekräftigeren Ergebnissen kommen will. Denn irgendwelche zahlenmäßig sehr kleinen Gruppierungen und "Splittergruppen" müssen noch nicht sehr repräsentativ sein. Nur aus diesem Grund erscheinen mir die Anthroposophen wichtig.

Selbst ein solches Kriterium wie "politisch konservativ" bringt ja keine statistisch höhere Geburtenrate mit sich heute in Deutschland, wenn ich das recht in Erinnerung habe. Einen besonders ausgeprägten "Patriotismus" jenseits weitgehend hohler Worte findet man ja in diesen Kreisen auch schon lange nicht mehr. Zwischen beiden Phänomenen (hohler Patriotismus und durchschnittliche Geburtenrate) werden wohl Wechselbeziehungen bestehen. Koch thematisiert Jugendkriminalität statt Familienpolitik. Das sagt wohl alles ...

Deshalb macht ja wohl auch die CDU heute immer noch eine solch merkwürdige Familienpolitik, das heißt: immer noch gegen die Vorschläge solcher aus der Wandervogel-Bewegung hervorgegangener Sozialreformer wie Gerhard Mackenroth, die sich schon in den 1950er Jahren gegen die Adenauer-Regierung nicht durchsetzen konnten. (siehe frühere St. gen.-Beiträge über Mackenroth)

(Ein Folgebeitrag zu diesem findet sich ---> hier.)
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*) Ich werde mich hier übrigens keinesfalls in die in vielen Kreisen - auch in meiner Verwandtschaft - hochgradig beliebte Debatte über Impfen und Ernährungsfragen hineinmischen. Mir geht es hier nur um das Thema Religionsdemographie.
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