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Donnerstag, 2. Januar 2025

Sogder - BMAC- und Steppen-Genetik

Hier auf dem Blog haben wir uns in früheren Jahren sehr häufig mit dem Volk der Sogder (6. Jhdt. v. Ztr.-11. Jhdt. n. Ztr.) (Wiki) beschäftigt. Die Sogder sind jenes Volk, dem die Ehefrau Alexanders des Großen, Roxana, angehörte, dessen Hauptstadt Samarkand war, und das Jahrhunderte lang über die Seidenstraße hinweg mit Kamelkarawanen Fernhandel mit dem Tang-zeitlichen China trieb, und deren Angehörige deshalb in China ein beliebtes Motiv der Tang-zeitlichen Kunst gewesen sind. Denn sie brachten die Chinesen offenbar zum Schmunzeln, da sie so ganz anders aussahen und sich eventuell auch so ganz anders verhielten als man das in China kannte (s. Beiträge vor allem zwischen 2007 bis 2009: Stge: Sogder).

Abb. 1: Sogdische Musiker auf einem Kamel, Xi'an, 723 n. Ztr. (ein beliebtes Kunstmotiv im Tang-zeitlichen China) - Tang-zeitliche Sancai-Porzellan-Figur, ausgestellt im Nationalmuseum von China in Peking (Wiki, a) (Fotograf Gary Todd)

Nun ist erstmals eine Studie zur Archäogenetik der Sogder erschienen. Und zwar wird ein Tang-zeitlicher Chinese untersucht, benannt "Sute1", dessen Urgroßvater offensichtlich ein Sogder war (1). Wir lesen in der Studie (zit. n. Nrken19):

Diese Modelle passen erfolgreich zum genetischen Profil von SUTE1 und enthüllen einen vorherrschenden Beitrag von Populationen des Gelben Flusses (87-99 %), kombiniert mit kleineren Beiträgen aus Zentralasien und der westeurasischen Steppe, einschließlich Western_Steppe-MLBA (6,3-8,1 %), BMAC-verwandter Abstammung (6,2-8,5 %), Afanasievo (6,9-9 %), Sarmatians_450BCE (8,3-12,3 %) und Andronovo.SG.
These models successfully fit SUTE1's genetic profile, revealing a predominant contribution from Yellow River populations (87-99 %), combined with minor contributions from Central Asia and the Western Eurasian Steppe, including Western_Steppe-MLBA (6,3-8,1 %), BMAC-related ancestry (6,2-8,5 %), Afanasievo (6,9-9 %), Sarmatians_450BCE (8,3-12,3 %) and Andronovo.SG.

Das Individuum trug also etwa 10 % Herkunft der Sogder mit sich. Und wenn wir es recht verstehen, setzte sich die Sogder-Herkunft zusammen aus BMAC-Genetik und Anteilen von Jamnaja-, Schnurkeramik-oder gar sarmatischer Genetik (also indogermanische Völker). Die BMAC-Genetik ist die Genetik der erst in den letzten Jahrzehnten bekannt gewordenen Marghiana-, bzw. Oasen-Kultur, die wir in früheren Blogartikeln behandelt haben (z.B. Stg19, Stg20).

Abb. 2: Skulptur eines Saken aus der antiken Stadt Chaltschajan (Wiki), 400 Kilometer südlich von Samarkand, heute Usbekistan, 1. Jhdt. n. Ztr. (s. Stgen22)

In Twitter-Kommentaren lesen wir dazu ergänzend (s. Nrken19):

Er ist kein wirklicher Sogder, eine wirklich sogdische Familie ist die Shi-Familienbestattung, die ihm genetisch nahe steht, und der Grund, warum dieser Mann so nah zu der sogdischen Shi-Familie begraben ist, könnte eine frühere Eheverbindung sein. Ich vermute, daß die im Shi-Familiengrab neben ihm Bestatteten mehr BMAC- und Steppen-Genetik in sich trugen. Vorläufige physiologische Untersuchungen legen nahe, daß sie Kaukasier waren, und sie hatten Grabinschriften, die klar besagen, daß sie Sogdier waren. Außerdem wurde letzten Monat ein sogdischer Familienname „an“安 veröffentlicht.
He is not a really Sogdian, really Sogdian family is shi family burial that is closer to him (being dna testing) and the reason why this man is buried so close to the Sogdian shi family may be due to a previous marriage relationship. I suspect that shi family tomb next to him had more bmac and step (ancestry). Preliminary physiology suggests that they were Caucasian, and they had clear epitaphs stating that they were Sogdian. also a Sogdian family surname “an”安was published last month.

Wir hatten schon in früheren Blogartikeln behandelt, daß Sogder hohe Beamtenstellen im Tang-zeitlichen China einnehmen konnten, also Mandarine waren und deshalb zum Teil auch sehr prächtige Grabstätten erhielten.

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  1. Zhang, Jiashuo, et al. "Unraveling the origins of the sogdians: Evidence of genetic admixture between ancient central and East Asians." Journal of Archaeological Science: Reports 61 (2025): 104957 (Sciencedirect).

Sonntag, 13. März 2022

Die stolzen Altai-Skythen

Einige Eindrücke zu ihrer Kultur
- Insbesondere zu den Goldapliken auf ihren Königsgewändern

Anfang der 1960er Jahre wurde in der antiken Stadt Chaltschajan (Wiki), 400 Kilometer südlich von Samarkand im heutigen Usbekistan (nahe der heutigen Stadt Denov), die Skulptur eines Saken gefunden (Abb. 1, 2). Sie fand sich in der Empfangshalle des Palastes der Stadt, vormals angebracht in 3 Meter Höhe. Heute ist sie im Archäologischen Museum in Termez in Usbekistan ausgestellt.

Abb. 1: Skulptur eines Saken aus der antiken Stadt Chaltschajan (Wiki), heute Usbekistan, 1. Jhdt. n. Ztr.

Bei ihrem Anblick kommt einem der Gedanke, daß sie - vom Gesichtsausdruck her gesehen - genauso gut auch mitten in Deutschland hätte geschaffen, bzw. gefunden worden sein können. Sie mag beispielsweise in entfernerer Weise erinnern an den berühmten Mainzer "Kopf mit der Binde", der im Dommuseum in Mainz ausgestellt ist und um 1240 n. Ztr. vom Naumburger Meister geschaffen wurde. 

Abb. 2: Skulptur eines Saken aus der antiken Stadt Chaltschajan (Wiki), 1. Jhdt. n. Ztr.

Beide Kunstwerke wurden räumlich 5.500 Kilometer voneinander entfernt (G-Maps) und zeitlich tausend Jahre von einander entfernt geschaffen.

Räumlich mußt du quer durch Usbekistan reisen, durch Kasachstan, bis nach Astrachan an der Wolga. Heute gehört es zu Rußland. Dann mußt du quer durch die Ukraine reisen, über Kiew, Lublin, Breslau, Dresden und Frankfurt, um schließlich nach Mainz zu gelangen, also vom Amudarja zum Rhein.

Für die Sarmaten des ersten Jahrhunderts n. Ztr. übrigens, die aus der Region südlich des Ural stammten, war das keine Entfernung, die zu überwinden für sie unüberwindlich gewesen wäre. Im Gegenteil: Sie waren in den nachchristlichen Jahrhunderten in beiden Regionen zu Hause, in China und in Asien ebenso wie an der Donau, am Rhein und im römisch regierten England.

Abb. 3: Der Mainzer "Kopf mit der Binde", geschaffen vom Naumburger Meister (Wiki), 1240 n. Ztr. (Rev)

Zeitlich freilich mußt du über die Christianisierung der germanischen Völker hinweg springen, mußt du den Untergang der skythischen Völker in Asien im Hunnensturm an deinem Auge vorbei ziehen lassen, sowie ihre weiteren Schicksale im Zusammenhang mit der Ausbreitung der Turkvölker in Asien, um zu verstehen, daß ein solcher dargesteller Gesichtsausdruck heute nicht mehr der typische ist, den du in Usbekistan antreffen kannst.

Der Issyk-Kurgan

In den letzten Monaten sind zwei neue Studien erschienen über die serienmäßig hergestellten Goldapliken an den Königsgewändern der Altai-Skythen, die sich in ähnlicher Form auch im China der Jahrhunderte vor und nach der Zeitenwende finden lassen und auf die kulturellen Kontakte zwischen beiden Regionen verweisen (1, 2) (Abb. 4, 5).

Abb. 4: Der Skythen-König vom Issyk-Kurgan (Wiki) in Kasachstan, ein etwa 18-jähriger Prinz (4./3. Jhdt. v. Ztr.)

Ein solches Königsgewand fand sich etwa im Issyk-Kurgan des "Sonnenkönigs" der Saka-Skythen (Wiki) aus dem 4. oder 3. Jahrhundert v. Ztr., das sich 50 Kilometer östlich des heutigen Alma-Ata ("Almaty"), der Hauptstadt des heutigen Kasachstan befindet. Dieser Kurgan war umgeben von 45 weiteren königlichen Hügelgräbern. Das Gewand dieses Skythen ist heute fest in der Staats-Ikonographie Kasachstans verankert.

Dieses Grab befand sich im östlichen Skythien, unmittelbar nördlich der Sogdiana und deren Hauptstadt Samarkand. 

Eine Inschrift auf einem Silberbecher, der diesem Grab beigegeben worden ist, scheint in der Saka-Sprache der Kushan (Wiki) verfaßt worden zu sein, einem Stamm der Saka-Skythen ("Yuezhi"), der - verdrängt von den Hunnen - zwischen 100 und 250 n. Ztr. Nordindien beherrschte.

Abb. 5: Ähnliche serienmäßig hergestellte Gold-Artefakte in der Steppe und in China (aus: 1)

Ein stolzes, indogermanisches Volk waren sie, die Saken, bzw. Altai-Skythen (Wiki). Nach und nach wollen wir uns hier auf dem Blog noch mehr mit ihrer Kultur und Geschichte beschäftigen. Vor eineinhalb Jahren hatten wir damit schon in einem ersten Artikel begonnen (3).

Eine ihrer Städte war die eingangs schon erwähnte antike Stadt Chaltschajan (Wiki), 400 Kilometer südlich von Samarkand, gelegen im heutigen Usbekistan nahe der heutigen Stadt Denov (G-Maps). Sie lag am Fluß Surxondaryo, eines nördlichen Nebenflusses des Amudarya (Oxus). Sie existierte im 1. Jhdt. n. Ztr. zur Zeit des Reiches von Kushan. Sie befand sich in einer Region, die 329 v. Ztr. von Alexander dem Großen erobert worden war, der die Prinzessin von Samarkand heiratete. 

In der Stadt Chaltschajan mischten sich skythische, griechische und indische kulturelle Elemente - es kam offenbar bald auch zu genetischer Vermischung der hier aufeinander treffenenden genetischen Herkunftsgruppen.

Abb. 6: Gewand einer Saken-Fürstin mit Gold-Aplikationen (Taksai, Kasachstan) (aus: 1)

Seid gegrüßt, ferne Verwandte am Amudarja, über zwei Jahrtausende von uns getrennt, über 6000 Kilometer von uns entfernt - und doch uns in vielen Grundzügen so nah. Ob uns euer Schicksal etwas zu sagen hat?

So wie Lennart Meri (1929-2006) (Wiki, engl), der estnische Filmemacher und frühere Staatspräsident der Republik Estland, in seinen bewegenden Filmdokumentationen der 1970er bis 1990er Jahre (4-9) der Verwandtschaft der Völker finno-ugrischer Sprache nachgespürt hat, so spüren wir hier auf dem Blog mit besonderem Schwerpunkt der Verwandtschaft der Völker indogermanischer Sprache nach. Dabei fühlen wir uns dem Geist Lennart Meri's eng verbunden. Er hat Pionierarbeit geleistet.

Für ihn war geistiges Schaffen jene Höhle der Freiheit, die noch blieb in der Ära, in der der Menschentyp des "Sowjetmenschen" vorzuherrschen begann. In den Fußstapfen von Lennart Meri wollen wir weiter gehen. Und auch über die wenig beachtete finno-ugrische Völkergruppe sollen hier auf dem Blog - in Ergänzung zu den bisherigen (10) - noch weitere Blogartikel erscheinen.

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  1. Liu, Y., Tan, P., Yang, J., & Ma, J. (2022). Social agency and prestige technology: serial production of gold appliqués in the early Iron Age north-west China and the Eurasian steppes. World Archaeology, 1-21 (Academia)
  2. Liu, Y., Li, R., Yang, J., Liu, R., Zhao, G., & Tan, P. (2021). China and the steppe: technological study of precious metalwork from Xigoupan Tomb 2 (4th–3rd c. BCE) in the Ordos region, Inner Mongolia. Heritage Science, 9(1), 1-16. 
  3. Bading, I.: Die Altai-Skythen - Und ihre Vorgänger-Kulturen, 2020, https://studgendeutsch.blogspot.com/2020/11/die-altai-skythen-und-ihre-vorganger.html
  4. Lennart Meri: Völker im Zeichen des Wasservogels, 1970; Englisch "The people of the water bird": https://youtu.be/hYzYe3jAOyQ; Russisch (Yt), Original Estnisch "Veelinnurahvas" (Yt) [Encyclopaedia Cinematographica Gentium Fenno-Ugricarum, Teil 1]
  5. Lennart Meri: Die Winde der Milchstraße, 1977; Englisch "The Winds of the milky weay", https://youtu.be/Vgc1Nu3oSVs; Original Estnisch "Linnutee tuuled" (Yt) ["Encycolopaedia Cinematographica Gentium Fenno-Ugricarum" - Teil 2]
  6. Lennart Meri: Die Stimmen von Kaleva, 1986; Englisch "Sounds of Kaleva", (Ausschnitt: Yt, Yt); Russisch (Yt); Original Estnisch "Kaleva hääled", https://jupiter.err.ee/1073584/kaleva-haaled  ["Encycolopaedia Cinematographica Gentium Fenno-Ugricarum" - Teil 3]
  7. Lennart Meri: Die Söhne von Toorum, 1990; Englisch "The Sons of Toorum": https://youtu.be/iX7nHETRNow; Russisch: "Сыновья Тоорума" (Yt) Original Estnisch "Toorumi pojad" ["Encycolopaedia Cinematographica Gentium Fenno-Ugricarum" - Teil 4] [Über die Chanten, sowie ihren Bärenkult]
  8. Lennart Meri. Der Schamane, 1997, https://youtu.be/1LgY3vFpMxI , Russisch (Yt) ["Encycolopaedia Cinematographica Gentium Fenno-Ugricarum" - Teil 5] [aufgenommen 1977]
  9. Jaak Lõhmus: Tänze auf der Milchstraße, 2011; Original Estnisch "Tantsud Linnuteele", https://youtu.be/9MSdTqN2mjw [(L Meri's Filmschaffen] 
  10. Bading, I.: Im Land der Chanten und Mansen, 2022, https://studgendeutsch.blogspot.com/2022/03/im-land-der-chanten-und-mansen-in.html

Sonntag, 28. Februar 2021

Tibeter, Tocharer, Japaner, Chinesen ...

Das Werden der ostasiatischen Völker - Es klärt sich weiter
Breitengrad versus Herkunft - Was war wichtiger für die Intelligenz-Evolution in Ostasien?

Hinweis: Die Inhalte dieses Blogartikels sind auch in einem Video behandelt worden: https://youtu.be/ppplxeqUXq8

Die wichtigsten neuen Einsichten in Kurzfassung:

  1. Die Tibeter stammen von den Nordchinesen ab.
  2. Die Japaner stammen von den Südchinesen ab - nicht von den Nordchinesen
  3. Die Tocharer waren womöglich (!) die letzten Nachfahren der ersten indogermanischen Ostwanderung nach Asien.
  4. Die heutigen Nordchinesen stammen zu 2 bis 4 % von Europäern ab (Sogdern, Skythen ...).
  5. Der Voll-Ackerbau entstand auch in Ostasien offenbar zuerst in Inland-Regionen, nicht an der Küste.

Eine im letzten Jahr im Preprint erschienene archäogenetische Studie zur Genetischen Geschichte Ostasiens - von David Reich,  Johannes Krause uvam. (1) - hat endlich das Gutachter-Verfahren durchlaufen und ist vor einigen Tagen in "Nature" erschienen (2). Sie ist nun offenbar stark überarbeitet und wartet dabei mit zahlreichen neuen Einsichten auf. 

Vor einem Jahr berichteten wir über eine neue, im Preprint erschienene Studie zur genetischen Geschichte Chinas und Ostasiens (1). In dieser wurden die Daten von 130 neuen, archäogenetisch gewonnenen Genomen aus ganz Asien ausgewertet und interpretiert. Nun ist diese Studie offiziell in "Nature" veröffentlicht worden (2). Soweit wir sehen, widerspricht die offiziell veröffentlichte Studie nirgendwo expliziter den Ergebnissen der Vorab-Veröffentlichung (1). In ihr werden aber andererseits noch allerhand Erkenntnisse hervor gehben, die zumindest wir selbst im Preprint vor einem Jahr nicht entdeckt hatten, die also in diesem womöglich noch gar nicht enthalten waren. Es handelt sich dabei im Wesentlichen um die fünf Punkte, die wir oben in der Zusammenfassung genannt haben. 

Wie wir schon häufiger beobachten konnten, scheint also auch diese Studie während des Gutachter-Verfahrens des letzten Jahres noch einmal kräftig umgeschrieben worden zu sein. Es flossen wohl auch Ergebnisse mit ein, die während dieses Jahres aus anderen Studien bekannt geworden waren (z.B.: 3). All das ist ein Spiegel der derzeit sehr schnellen Entwicklung auf dem Gebiet der Archäogenetik. 

1. Die Tibeter stammen von den Nordchinesen ab

Zu den neuen Einsichten gehört, daß nach dieser neuen Version nun die Tibeter sich scheinbar nicht unabhängig von den Chinesen von örtlichen nacheiszeitlichen Bevölkerungen aus zu den heutigen Tibetern entwickelten, sondern daß ihre Herkunft auf die Ausbreitung chinesischer Bauern ab 1600 v. Ztr. nach Tibet hinein zurückzuführen ist. 

Abb. 1: Ausbreitung der Landwirtschaft nach Tibet, gemeinsam mit der sinotibetischen Sprachgruppe, ab 1600 v. Ztr.

Dazu heißt es in der offiziellen Studie unter anderem (2):

... Dies gibt einen unabhängigen Beleg dafür, daß die Kern-Tibeter und ihre genetisch fast ununterscheidbaren Verwandten im alten Nepal wohl nicht Nachkommen von Jägern und Sammlern sind, die zuvor in Tibet gelebt haben. Wir schätzen, daß die (zuwandernde) Vermischung durchschnittlich um 290 v. Ztr. bis 270 n. Ztr. vonstatten gegangen ist, wenn nur ein Vermischungsereignis unterstellt wird. Es könnte aber um 1600 v. Ztr. begonnen haben, als sich der Ackerbau auf das tibetische Hochland ausbreitete.   
... This provides independent evidence that Core Tibetans and their genetically almost indistinguishable relatives in ancient Nepal are unlikely to represent continuous descendants of Tibetan hunter-gatherers. We estimate that mixture occurred an average of ~290 BCE - 270 CE under models of a single pulse of admixture (Online Table 18). Its start could plausibly be as old as the ~1600 BCE date for the spread of agriculture onto the Tibetan plateau.

Dies war so auch schon von Seiten der Sprachwissenschaft in Studien der letzten Jahre angenommen, während es konkurrierende Theorien gab, nach der sich die sinotibetische Sprachgruppe aus umgekehrt vom Nordrand Indiens aus Richtung Norden ausgebreitet haben sollte. Diese letztere Theorie scheint also immer weniger Wahrscheinlichkeit für sich zu haben. Überhaupt wird einem hier erst bewußt, um was für vergleichsweise junge Völker es sich bei den Tibetern und Nepalesen handelt. Immerhin wird das geschichtliche Geschehen auf dem englischen Wikipedia schon aufgrund einer genetischen Studie aus dem Jahr 2009 genau so dargestellt (Wiki):

Das tibetische Hochland wird seit mindestens 21.000 Jahren von Menschen bewohnt. Diese Bevölkerung wurde um 1.000 v. Ztr. im wesentlichen ersetzt durch Zuwanderer aus dem nördlichen Cina. Aber es gibt zum Teil genetische Kontinuität zwischen den paläolithischen Einwohnern und der gegenwärtigen tibetischen Bevölkerung. 
Humans inhabited the Tibetan Plateau at least 21,000 years ago. This population was largely replaced around 3,000 BP by Neolithic immigrants from northern China, but there is a partial genetic continuity between the Paleolithic inhabitants and contemporary Tibetan populations.

Diese Tatsachen werden also durch die neue Studie präzisierend eingegrenzt, wobei jedoch der Umstand des "Replacement" schärfer hervor tritt.

Weiterhin gilt: Lokale genetische Kontinuität der Chinesen seit der Eiszeit

In einer Grafik der Studie (2) wird noch einmal die große genetische Kontinuität der Han-Chinesen über viele Jahrtausende hinweg verdeutlicht, die uns schon die wichtigste Erkenntnisse vor einem Jahr war (1) (Abb. 2). Hier wird diese dargestellt als blaue Farbkomponente ausgehend von der vorneolithischen Bevölkerung, deren Existenz um 10.000 v. Ztr. im nördlichen Inland von China vorasuszusetzen ist (Abb. 2: "Interior North").

Abb. 2: Die ersten Bauernvölker am Gelben Fluß und am Jangtse-Fluß, ihre genetischen Herkunftsanteile und ihre Nachkommen im heutigen Asien  

Als von dieser herstammend werden nun sowohl die Han-Chinesen ebenso wie die Mongolen ebenso wie die Tibeter ("Nepal") beschrieben. Parallel zu der Vorfahren-Gruppe der Han-Chinesen im inneren nördlichen China hat es nach dieser Grafik eine Küstenbevölkerung gegeben, deren Genetik heute unvermischt nur noch auf den Andamanen-Inseln fortbesteht, und die genetisch lange Zeit auch die Jomon-Kultur in Japan (vor dem dortigen Übergang zum Ackerbau) getragen hat. Von dieser Genetik war auch die Hoabinien-Kultur Vietnams getragen.

Diese Verwandtschaft zwischen Jomon-Kultur und Andamanen war schon seit 2018 durch archäogenetische Studien deutlich geworden (4). Interessanterweise wäre damit jene Völkergruppe, der auch die Andamanen zuzuzählen sind, diejenige, die erstmals in der Weltgeschichte Keramik hervorgebracht hat (5). 

2. Die Japaner stammen von den Südchinesen ab - nicht von den Nordchinesen

/ Ergänzung 5.10.2021: In einer neueren Studie wird die Herkunft der Japaner ganz anders gedeutet (St. gen. 9/2021), deshalb ist dieser Abschnitt in der Hauptaussage (den durchgestrichenen Teilen) nicht mehr gültig. /

Im südlichen Inland-China hat es zeitgleich um 10.000 v. Ztr. eine Bevölkerung gegeben, deren Genetik heute immer noch schwerpunktmäßig in Südchina, in Südostasien, in Taiwan und - - - Japan fortbesteht, die den Übergang zum Reis-Anbau im südlichen China am Jangtse-Fluß getragen hat, und die sich - auch das war uns im Preprint nicht aufgefallen - nach dieser Studie bis nach Japan ausgebreitet hat (2) (Abb. 2). Wie unseren Ausführungen vor einem Jahr zu entnehmen, hatten wir im Preprint zu dieser Frage überhaupt keine Klarheit gewinnen können (1).

Aber nach dieser neuen Grafik (Abb. 2) hieße das, daß die Japaner genetisch mit den nördlichen Han-Chinesen überhaupt keine Herkunft teilen, sondern nur mit den südlichen Reisbauern-Chinesen. Dieser Umstand - sollte er sich bestätigen - erschiene uns hoch bedeutsam. Denn das hieße,  daß es nicht auf eine einzelne Vorfahren-Gruppe ankam dafür, ob in Ostasien ein durchschnittlicher angeborener Intelligenz-Quotient von 105 evoluierte oder nicht. 

/ 5.10.21: Womöglich kommt es also doch auch hier darauf an! /

Und die Frage, wie ein solcher zustande kommt, steht im Hintergrund aller sonstigen Fragen, die hier zu behandeln sind. Auf Wikipedia heißt es dazu im Grunde recht eindeutig (Wiki):

Heutige Japaner sind den (südchinesischen) Yajoi-Reisbauern ähnlicher als den Jomon-Ureinwohnern, allerdings im südlichen Japan stärker als im nördlichen .... 
Modern Japanese are genetically more similar to the Yayoi people than to the Jōmon people - though more so in southern Japan than in the north - whereas the Ainu bear significant resemblance to the Jōmon people. It took time for the Yayoi people and their descendants to displace and intermix with the Jōmon, who continued to exist in northern Honshu until the eighth century CE. A 2017 study on ancient Jōmon aDNA from the Sanganji shell mound in Tōhoku estimated that the modern mainland Japanese inherited less than 20% of Jōmon peoples' genomes, and their genetic admixture resulted of the indigenous Jōmon people, the Yayoi people, and later migrants during and after the Yayoi period. Another study by Gakihari et al. 2019 estimates that modern Japanese people have on average about 92% Yayoi ancestry and cluster closely with other East Asians but are clearly distinct from the Ainu people. The geneflow estimation by Gakuhari et al. suggests only 3,3% Jōmon ancestry in modern Japanese.

Wir sehen, hier gibt es noch sehr unterschiedliche Angaben zu den Herkunftsanteilen. - In der Grafik oben (Abb. 2) wird ja 46 % Jomon- und 54 % Yajoi-Genetik angenommen für die Japaner. - Einig scheinen sich allerdings alle zu sein, daß die Japaner keine Inland-Han-Chinesen-Hirse-Bauern-Herkunft aufzuweisen scheinen. 

Die Frage, die sich aufgrund dieses Umstandes für uns heraus schält, scheint folgendermaßen auf den Punkt gebracht werden zu können: 

Warum ist der heutige durchschnittliche IQ in Vietnam niedriger als in Japan? Aufgrund welcher geschichtlicher Entwicklungen kam es - trotz sehr ähnlicher Reisbauern- und Andamanen-Herkunft und sehr ähnlicher komplex organisierter Gesellschaften - zu einer so unterschiedlichen Evolution von Intelligenz in Nordost- und in Südostasien und damit zu einem großen Unterschied in der heutigen wirtschaftlichen und wissenschaftlichen Leistungsfähigkeit der jeweiligen Gesellschaften?  

Dazu ist zu erläutern, daß nach Richard Lynn der durchschnittliche IQ in Südostasien nur 87 beträgt (6). Es wäre sowieso zu berücksichtigen, was uns ebenfalls noch nicht bewußt geworden war bislang, daß das Volk der Japaner ein noch jüngeres Volk ist als das Volk der Tibeter und Nepalesen. Kann man sagen, daß in Ostasien neben den uralten Völkergruppen der Hirse- und Reisbauern-Chinesen einige der jüngsten Völker der Weltgeschichte leben, entstanden durch Abgeschiedenheit, und zwar einerseits im Hochland von Tibet, andererseits auf den japanischen Inseln?

Aber auch hier wäre wieder zu fragen: Warum ist in Tibet nicht ein ähnlicher IQ evoluiert wie in Japan und Korea?

... Und die Koreaner?

Es schließt sich gleich noch eine weitere Frage an. Nämlich die nach den nacheiszeitlichen Herkunftsgruppen der heutigen Koreaner. Auch die Koreaner leben an der Küste. Also auch bei ihnen wird der Andamanen-Herkunftsanteil nicht unbedingt der geringste sein. Außerdem wird auch ihr Herkunftsanteil von Seiten der südchinesischen Reisbauern nicht gering sein. Schließlich erfolgte ja die Ausbreitung derselben nach Japan hinein vornehmlich über die koreanische Halbinsel hinweg. 

Zu den nacheiszeitlichen Herkunftsanteilen der Koreaner gibt es aber noch sehr unterschiedliche Angaben (Wiki - siehe dort "Genetics"). Auch aus dem sehr detaillierten Wikipedia-Artikel dazu (Wiki) gewinnen wir noch kein rundes, abgeschlossenes Bild.

Aber sicher scheint ja doch zusätzlich noch, daß bei den Koreanern der nordostasiatische Ultschen-Anteil fortexistiert, durch den sie sich von den Japanern unterscheiden könnten und durch den sie wiederum den nördlichen Hirse-Bauern-Chinesen näher stehen könnten, vielleicht grob ähnlich der historischen Bevölkerung am Westlichen Liao-Fluß (s. Abb. 2). Es handelt sich dort auch um Mischgebiete, wo sowohl Hirse- wie Reisanbau vorkommt (11).

Aber noch einmal: Da Koreaner, Japaner und Chinesen - im Gegensatz zu sonstigen südostasiatischen und südasiatischen Völkern einen Intelligenz-Quotienten von 105 aufweisen, würde dies bedeuten, daß es nicht in erster Linie auf die jeweiligen Herkunftsanteile ankommt, ob ein solcher evoluiert wird, sondern - nun auf den ersten Blick: vor allem auf den Breitengrad.**)  

Der Andamanen-ähnliche Herkunftsanteil der Chinesen 

Die ersten Bauern am Gelben Fluß haben sich nach dieser Version zu 10 % mit der Andamanen-ähnlichen Bevölkerung an der chinesischen Küste vermischt (der Völkergruppe der Hoabinien-Kultur). Es scheint dieser genetische Anteil gewesen zu sein, der Han-Chinesen bis in historische Zeit hinein von den Mongolen unterschieden hat (in historischer Zeit mischten sich Han-Chinesen in die Mongolen ein, ebenso wie Indogermanen).

Am Yangtse-Fluß haben sich die Reis-Bauern südchinesischer Herkunft sogar zu 27 % mit der Andamanen-ähnlichen Küstenbevölkerung (Hoabinien) vermischt (Abb. 1).

In die neolithische Kultur am Westlichen Liao-Fluß um 3.000 v. Ztr. hatte sich dann schon 33 % südchinesische Genetik - ursprünglich von den Reis-Bauern am Jangtse-Fluß stammend - eingemischt. Diese genetische Komponente findet sich aber zur gleichen Zeit nicht am Oberen Gelben Fluß.

Vom Oberen Gelben Fluß aus haben sich nun nach dieser Version die nördlichen Inland-Bauern Chinas bis nach Nepal ausgebreitet, wobei noch ein kleinerer weiterer Vermischungsanteil der dortigen Andamanen-ähnlichen Vorbevölkerung hinzu gekommen zu sein scheint (6 %). Durch diese 6 % scheinen sich die Tibeter genetisch dann von den Han-Chinesen zu unterscheiden. In der Studie heißt es (2):   

Die Bauern aus dem Tal des Gelben Flusses breiteten um 3.000 v. Ztr. die sino-tibetische Sprachfamilie aus, indem ihre Genetik sich sowohl nach Tibet ausbreitete, wo sie 84 % zur Genetik beitrugen bis zu einigen Völkerschaften auf dem zentralen Hochland, wo ihr Herkunftsanteil zu 59 % bis 84 % zur Genetik beitrug.
Yellow River Basin farmers at ~3000 BCE likely spread Sino-Tibetan languages as their ancestry dispersed both to Tibet where it forms up ~84% to some groups and to the Central Plain where it contributed ~59-84% to Han Chinese.

Über "Taiwan ~1300 BCE to 800 CE" heißt es (2):

Die eisenzeitliche Bevölkerung von Taiwan führt 25% ihrer Herkunft zurück auf eine der Herkunftsgruppe des nördlichen Inland-China sehr ähnlichen Gruppe, wodurch eine zusätzliche Nord-Süd-Ausbreitung nahegelegt wird. 
Ancient Taiwan people derived ~25% ancestry from a northern lineage related to but different from Yellow River farmers implying an additional north-to-south expansion.

3. Die Tocharer waren womöglich (!) die letzten Nachfahren der ersten indogermanischen Zuwanderung nach Asien

Zu der viel erörterten Frage der Herkunft der Tocharer an den Oasenstädten der Seidenstraße heißt es in der Zusammenfassung (2):

Yamnaja-Steppengenetik kam nach 3.000 v. Ztr. in die Westliche Mongolei (die Afanasievo-Kultur), wurde aber später durch zuvor in der Mongolei beheimatete Herkunft ersetzt, während sie im westlichen China fortbestand. So war es zu erwarten, wenn sich mit ihnen die Vorfahren der tocharischen indogermanischen Sprache ausgebreitet haben. Zwei weitere genetische Herkunfts-Zuflüsse betrafen die westliche Mongolei: nach 2000 v. Ztr. kamen Völkerschaften mit Yamnaja- und anatolisch-neolithischer Herkunft (die Andronovo-Kultur), sowie episodische Einflüsse späterer Gruppen mit (iranisch-neolithischer) Turan-Herkunft. 
"Yamnaya Steppe pastoralist ancestry arrived in western Mongolia after ~3000 BCE" (die Afanasievo-Kultur) "but was displaced by previously" (in der Mongolei) "established lineages even while it persisted in western China as expected if it spread the ancestor of Tocharian Indo-European languages. Two later gene flows affected western Mongolia: after ~2000 BCE migrants with Yamnaya and European farmer ancestry" (die Andronovo-Kultur), "and episodic impacts of later groups with ancestry from Turan."

Damit wäre postuliert, daß die Tocharer von der ersten indogermanischen Zuwanderungswelle abstammen. Im Text selbst heißt es zur Frage der Herkunft der Tocharer (2):

Während die Yamnaja/Afanasievo-Genetik in der Mongolei während der Mittleren und Späten Bronzezeit ausstirbt, bestand das Erbe dieser Herkunft im westlichen China bis in der eisenzeitlichen Shirenzigou-Kultur (410-190 v. Ztr.) fort. (...) Dies bestätigt, daß die Afanasievo-Kultur in Xiangjiang fortbestand. (...) Dies gibt jener Theorie zusätzliches Gewicht, die annimmt, daß sich die tocharische Sprache des Tarim-Beckens durch Zuwanderung von Yamnaja-Nachfahren in den Altai und in die Mongolei im Zusammenhang mit der Afanasievo-Zuwanderung ausgebreitet hat, von wo sie sich später nach Xianjiang ausbreitete. Diese Ergebnisse sind bedeutsam für Theorien der indoeuropäischen Sprach-Verzweigung, denn sie stärken die Hinweise zugunsten der Hypothese, daß die Verzweigung des zweitältesten Zweiges des indoeuropäischen Sprachstammbaums sich am Ende des 4. Jahrtausends v. Ztr. ereignete.
While the Yamnaya/Afanasievo-associated lineages are consistent with having largely disappeared in Mongolia by the Middle to Late Bronze Age, we confirm and strengthen previous ancient DNA analysis suggesting that the legacy of this expansion persisted in western China into the time of the Iron Age Shirenzigou culture (410-190 BCE). Considering many of the Shirenzigou individuals singly as well as three of the five genetically homogeneous subclusters, the only parsimonious models derive all their West Eurasian-related ancestry from groups related to Afanasievo, confirming that Afanasievo ancestry without the characteristic European farmer-related mixture that appeared later in Central Asia and Mongolia persisted in Xinjiang. For example, for the two individuals with the most West Eurasian-related ancestry (Xinjiang_EIA_Shirenzigou_1C) all fitting three-way models include Russian Afanasievo (71-77%) (Figure 3, Online Table 25). Moreover, the total ancestry from the two other West Eurasian-related groups that can fit in small proportions in such models is always <9% (Online Table 25). In pre-state societies languages are thought to spread primarily through movements of people, and these results thus adds weight to the theory that the Tocharian languages of the Tarim Basin spread through the migration of Yamnaya descendants to the Altai Mountains and Mongolia (in the guise of the Afanasievo culture), from whence they spread further to Xinjiang. These results are significant for theories of Indo-European language diversification, as they increase the evidence in favour of the hypothesis that the split of the second-oldest branch in the Indo-European language tree occurred at the end of the fourth millennium BCE.

Obwohl wir hier auf dem Blog immer geneigt waren und sind, der Urteilsfähigkeit von David Reich viel zuzusprechen, haben wir das Gefühl, daß in dieser Frage das letzte Wort noch nicht gesprochen ist. Die indogermanische Besiedlung der Oasenstädte der Seidenstraße begann erst nach 2.000 v. Ztr., das wäre eigentlich der Zeitraum, in der sich die zweite Welle indogermanischer Völker nach Nordindien und Asien ausgebreitet hat. 

4. Die heutigen Nordchinesen stammen zu 2 bis 4 % von den europäischen Sogdern ab

Interessant ist auch folgende Angabe (2):

Bei den nördlichen Han-Chinesen finden wie eine Zumischung von 2 bis 4 Prozent westeurasischer (sprich: europäischer) Genetik. Wir vermuten, daß sie im Durchschnitt 32 bis 45 Generationen zurück liegt, womit sich diese überschneidet mit den Zeiten der Tang- (618-907 n. Ztr.) und der Song- (960-1279 n. Ztr.)-Dynastien, aus denen es historische Berichte der Integration westlicher ethnischer Gruppen in die Bevölkerung der Han-Chinesen existieren. 
In northern Han for whom we infer West Eurasian-related admixture of 2-4% (Online Table 7 and Online Table 8). We estimate this mixture occurred on average 32-45 generations ago overlapping the Tang (618-907 CE) and Song (960-1279 BCE) dynasties from which there are historical records of integration of Han Chinese and western ethnic groups.

Zu diesen westlichen, ethnischen Gruppen gehörten insbesondere die Sogder aus Sogdien mit der Hauptstadt Samarkand, die Jahrhunderte lang den Handel auf der Seidenstraße zwischen China und dem Westen dominierten. Mit ihnen haben wir uns hier auf dem Blog vor zwölf bis vierzehn Jahren sehr intensiv beschäftigt (8). Ständig werden aber neue archäologische und kunstgeschichtliche Erkenntnisse über sie gewonnen (12). Dieser Umstand wird auch durch eine humangenetische Studie zum historisch so bedeutenden Hexi-Korridor in Nordwest-China bestätigt, die am 1. März 2021 erschien (13):

Interessanterweise identifizierten wir ein westeurasisches Einmischungs-Signal, das in den nordwestlichen Han zu finden ist aber nicht in den südlichen Han, und das einen Vermischungszeitpunkt von etwa 1.000 n. Ztr. aufweist (Tang- und Song-Dynastien). 
Interestingly, we identified one western Eurasian admixture signature that was present in northwestern Han but absent from southern Han, with an admixture time dated to approximately 1000 CE (Tang and Song dynasties).

5. Der Voll-Ackerbau entstand auch in Ostasien offenbar zuerst in Inland-Regionen, nicht an der Küste

Zwei Autoren der Studie führen zusammenfassend über die eiszeitliche Entwicklung der ostasiatischen Völkergruppen gemäß den Ergebnissen dieser Studie aus (9):

Die Studie stützt die These, daß es im Jungpleistozän Wanderungsbewegungen entlang einer Küstenroute gab, die Südostasien, das japanische Archipel und den äußersten Osten von Rußland verband. Das 40.000 Jahre alte, aus dem Jungpaläolithikum stammende Genom aus Tianyuan in China und die aus dem frühen Holozän stammenden Genome aus der Mongolei und dem Amur-Gebiet gehören hingegen einer anderen Abstammungslinie an, die sich früh abgespalten und über eine Route im Landesinneren verbreitet hat.

Da darf ja nun gefragt werden, warum die Entwicklung von Ackerbau auch in Ostasien vornehmlich von Inland-Bevölkerungen entwickelt und getragen worden ist - ähnlich wie im Fruchtbaren Halbmond und wie an der Mittleren Wolga und warum ursprüngliche Küstenbevölkerungen an dieser Entwicklung weniger Anteil scheinen genommen zu haben. 

Wenn man von der These ausgeht "Desparate times forced rice of farming", also daß Notzeiten die Entwicklung der Ackerbaus vorangetrieben haben (10), dann könnte man mutmaßen, daß das Meer für eine zu gleichmäßige Versorgung mit Nahrungsmitteln sorgt als daß Menschen hier für sich genommen durch anhaltende Notzeiten veranlaßt würden, die Zivilisation der Menschheit weiter zu entwickeln.

Allerdings gilt weiterhin: Zwei so große Ausbreitungs- und Replacement-Vorgänge wie am Anfang und am Ende des Neolithikums in der euorpäischen Geschichte sind in der asiatischen Geschichte nicht anzutreffen. Die etwas kleinräumigeren Ausbreitungsbewegungen von Hirsebauern nach Tibet und von Reisbauern nach Japan fallen vor allem in Zeiträume nach der Eiszeit.

Ergänzung: .... Und die Inder

Abb. 3: Verwandtschaftsverhältnisse der Herkunftsgruppen der Indus-Kultur (aus: 14)

Ergänzung 10.3.2021: Die Andamanen-Herkunft findet sich sogar bei der Entstehung der Indus-Kultur, auch Harappa-Kultur genannt (2.800-1.900 v. Ztr.) (Wiki, engl), der ersten Bauernkultur Nordindiens (14) (s. Abb. 3: rote Herkunftsgruppe). Auch die südindische Herkunftsgruppe ist dieser Herkunftsgruppe zuzuordnen (Abb. 3).

Interessanterweise entstand die Indus-Kultur ansonsten aus iranischen Jägern und Sammlern, die sich schon fast 100.000 Jahre früher von jenen Verwandten abgetrennt hatten, die im Westiran als Teil des Fruchtbaren Halbmonds zum Ackerbau übergegangen waren (s. Abb. 3). Die bislang erforschten frühesten Träger der Harappa-Kultur trugen somit 87 % ostiranische Herkunft in sich und 13 % Andamanen-Herkunft.

Es wird immer deutlicher, daß wir vor dem Neolithikum weit verbreitete Herkunftsgruppen haben, zumal in Asien, und daß es deshalb auch genetische regionale Unterschiede innerhalb dieser Herkunftsgruppen gegeben haben könnte. Womöglich werden wir darüber in den nächsten Jahren noch mehr erfahren. 

Ergänzung 12.12.2024: Soeben ist ein neuer Überblick zur Archäogenetik Ostasiens erschienen (AEBennettetal2024). Es wäre noch einmal zu prüfen, ob wichtigere Erkenntnisse, die wir hier auf dem Blog zur Archäogenetik Ostasiens behandelt haben, zu revidieren wären. In einem ersten Querlesen war uns das nicht erkennbar.  

___________

*) Es heißt darin (2):

We newly report data from 166 individuals (Figure 1, Online Table 1): from Mongolia 82 between ~5700 BCE to ~1400 CE, from China 11 at a ~3000 BCE site in the Yellow River Basin, from Japan 7 Jomon hunter-gatherers dating to ~2500-800 BCE, from the Russian Far East 18 individuals at the Boisman-2 cemetery at ~5400-3600 BCE as well as an individual at ~900 BCE and another at ~1100 CE, and from two sites in Taiwan 46 individuals spanning ~1300 BCE - 800 CE (Online Table 1).  

**) In diesem Zusammenhang schwant uns, daß hier das Thema Monogamie ins Spiel kommen könnte. Die südostasiatischen Gesellschaften wiesen schon zu Zeiten von Marco Polo einen ganz anderen Umgang auf mit dieser Thematik auf als die nordostasiatischen Gesellschaften. Aus Thailand werden die höchsten Raten ehelicher Untreue weltweit berichtet (7). Für andere südostasiatische Länder liegen keine Angaben vor. (Zwar wird Thailand gleich gefolgt von heutigen europäischen Ländern. Aber in diesen sind das erst sehr junge Entwicklungen, während das in Thailand, Indonesien und Südostasien vielleicht eher in der traditionellen Kultur verankert ist. 

________________

  1. Bading, Ingo: Die Ethnogenese des chinesischen Volkes. 27.3.2020, Studium generale: Die Ethnogenese des chinesischen Volkes (studgendeutsch.blogspot.com)
  2. Wang, C-C. et al (Reich, David): Genomic Insights into the Formation of Human Populations in East Asia. Nature, Veröffentlicht 22.2.2021, https://doi.org/10.1038/s41586-021-03336-2 (2021),  https://reich.hms.harvard.edu/sites/reich.hms.harvard.edu/files/inline-files/2021_Wang_Nature_EastAsia.pdf
  3. Bading, Ingo: Studium generale: KEINE ungebrochene genetische Kontinuität in Ostasien von der Eiszeit ins Neolithikum (studgendeutsch.blogspot.com), Juli 2020
  4. Bading, Ingo: Studium generale - Kurzbeiträge: Die Ur-Japaner und die Andamesen (ibading.blogspot.com), 2018
  5. Bading, Ingo: Studium generale - Kurzbeiträge: Erfindung der Keramik in Japan, 14.000 v. Ztr. (ibading.blogspot.com), 2018 
  6. Malloy, Jason: Gene Expression: A World of Difference: Richard Lynn Maps World Intelligence (gnxp.com), 2006
  7. It’s official: Thailand fails the most at monogamy (coconuts.co), 2015
  8. Studium generale: Sogder (studgendeutsch.blogspot.com), 2007 bis 2009
  9. Pinhasi, Ron; Frey, Alexandra: Neue genomische Einblicke in die menschliche Entwicklungsgeschichte in Ostasien (univie.ac.at), 22.2.2021
  10. Bunney, Sarah: Desperate times forced rise of farming | New Scientist, 1994
  11. https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Spatial_distribution_of_rice,_millet_and_mixed_farming_sites_with_a_boundary_of_rice_and_millet_and_possible_centers_of_agriculture.png
  12. Shing Müller (München): Sogdier in China um 600 n. Chr. - Archäologische Zeugnisse eines Lebens zwischen Assimilation und Identitätsbewahrung, noag2008-7.pdf (uni-hamburg.de)
  13. Yao, H., Wang, M., Zou, X. et al. New insights into the fine-scale history of western–eastern admixture of the northwestern Chinese population in the Hexi Corridor via genome-wide genetic legacy. Mol Genet Genomics (2021). https://doi.org/10.1007/s00438-021-01767-0, Published 01 March 2021
  14. An Ancient Harappan Genome Lacks Ancestry from Steppe Pastoralists or Iranian Farmers - ScienceDirect, By Vasant Shinde, Vagheesh M. Narasimhan .... David Reich, Volume 179, Issue 3, 17 October 2019, Pages 729-735.e10, https://doi.org/10.1016/j.cell.2019.08.048

Dienstag, 12. November 2019

Eine Hochkultur im Westen der Seidenstraße (2.300 - 1.700 v. Ztr.)

Höchstes kulturelles Niveau - Aber bislang ohne Platz in unserem kulturellen Bewußtsein
- Ein Großreich der Bronzezeit - Margiana in Turkmenistan

Ein begeisternder Podcast (1) macht bewußt, in welchem Umfeld sich westindogermanische Völker - abstammend von den Schnurkeramikern - wie die Vorfahren der Tocharer an der Seidenstraße und oder die Vorfahren der Sogder in Samarkand - festgesetzt haben, bzw. auch, von welchen Reichtümern sie angezogen worden waren in den Zeiten ihrer Ankunft. Im Norden des Tarim-Beckens gab es schon lange die Afanasjewo-Kultur (Wiki) von vorwiegend Viehzucht treibenden Früh- und Ostindogermanen. Diese Völker wurden - in Teilen auch genetisch - von der westindogermanischen Andronowo-Kultur ersetzt. Die Vorfahren der Tarim-Mumien werden in diesen Zusammenhängen ab 2000 v. Ztr. im Tarim-Becken zugewandert sein.

Abb. 1: Frauenskulptur aus Baktrien (nördliches Afghanistan), etwa 2500-1500 v. Ztr. (Kunsthistorisches Museum Los Angeles) (aus Chlorit und Kalkstein, Höhe 13 cm) (Wiki)

Von großer Bedeutung ist es, sich bewußt zu machen: Im Westen der Seidenstraße gab es in der sogenannten "Margiana" (Wiki) ein Großreich, das schon sehr ausgefeilte städtische Kultur aufwies und viele Anklänge an die Hochkulturen im Industal und im Mittelmeerraum, sowie Handelskontakte zu diesen aufwies. Diese Hochkultur wurde von westindogermanischen Völkern - anzunehmenderweise - ebenfalls überlagert (/erobert). Dazu ist hier auf dem Blog schon in einem früheren Beitrag geschrieben worden (4):

"Ab 2.300 v. Ztr. findet sich in Baktrien/Turan/Ostiran dann: "... frühe iranische Bauernherkunft (60% in Baktrien und in der Margiana) mit einem kleineren Anteil von anatolischer Bauernherkunft (21 %) und westsibirischer Jäger-Sammler-Herkunft (13 %)." Bei "BMAC" handelt es sich um den "Bactria Margiana Archaeological Complex", um eine Völkergruppe in Baktrien und in der Margiana, grob gesprochen im Westteil der Seidenstraße und in der nördlich angrenzenden kasachischen Steppe. Hier lag also eine bemerkenswerte genetische Zusammensetzung vor. Es stellt sich zum Beispiel die Frage: Wie gelangte die anatolisch-neolithische Genetik so früh so weit nach Osten? Zu dieser Zeit findet sich noch keine Jamnaya-Herkunft daselbst vor. Erst ab 2.000 v. Ztr. kommt indogermanische Genetik nach Baktrien, und zwar - natürlich! - in der jüngeren Schnurkeramik- bzw. Shintashta-Version."

In der Bronzezeit gab es einen regen genetischen Austausch. Anatolisch-neolithische Genetik breitete sich Richtung Osten aus, während sich iranisch-neolithische Genetik Richtung Westen ausbreitete. Wie man sich diese Ausbreitungsvorgänge genauer vorzustellen hat, ist wohl noch nicht ganz klar. Vielleicht handelt es sich einfach um "Diffusionsvorgänge", bewirkt durch Handel und Fernhandel.

Für die Ausbreitung der indogermanischen Völker aus der Steppe heraus in alle Richtungen deuten sich demgegenüber eher Völkerwanderungen und Kriegszüge an. Vermutlich waren diese indogermanischen Völker so kinderreich, daß sie von der Margiana und von Norden aus auch in das weitgehend menschenleere Tarimbecken vorstießen und dort Fürstentümer bildeten, zugleich Handelsverbindungen herstellten zwischen der Margiana und China. Da gibt es - mit diesen Neuerkenntnissen - neuerlich viel zu forschen. Aber ohne das Wissen um die bislang fast unbekannte Margiana-Kultur im heutigen Turkmenistan fehlen im Gesamtbild wesentlichste Teile.

Der genannte Podcast handelt von der "Entdeckung" der Margiana-Kultur durch deutsche Archäologen. Er ist eine wahre Perle, weil hier zwei deutsche Archäologen aus dem Nähkästchen plaudern (1) und weil man einen unmittelbaren Eindruck von ihrer Begeisterungsfähigkeit erhält und auch davon, wie Begeisterungsfähigkeit sich überträgt und beiträgt zum Bewußtwerden von vorhandenem, aber bislang kaum bekanntem archäologischen Wissen.

Ein städtisch geprägtes Großreich auf hohem kulturellen Niveau

Der Podcast wurde erstellt im Zusammenhang mit einer archäologischen Ausstellung über die Margiana-Kultur. Und die beiden Archäologie-Professoren, die am meisten zum Zustandekommen der Ausstellung beitrugen, erzählen darin sehr aufschlußreich, wie sie dazu gekommen sind, dieses Thema zu entdecken und dann diese Ausstellung zu organisieren. Auch wird deutlich, daß es sich um ein Thema handelt, das von der Forschung noch wenig verstanden und historisch eingeordnet worden ist. Wir nehmen quasi Teil an Entdeckungen, die erinnern an jene des Heinrich Schliemann. Nämlich an der Entdeckung der bronzezeitlichen Margiana-Kultur, die auch Oasen-Kultur (Wiki) benannt worden ist oder - bislang eher abstrakt und unanschaulich - "Bactria-Margiana Archaeological Complex" ("BMAC") (2, 3).

Das Großreich der Margiana bestand zwischen 2200 und 1700 v. Ztr., zur selben Zeit wie die Indus-Kultur, mit der sie viel Ähnlichkeit aufweist. Nicht nur anatolisch-neolithische Genetik gelangte - wie im obigen Zitat erwähnt - weit in den Osten. Auch Kulturelemente von Euphrat und Tigris gelangten nach Osten. Auf Wikipedia ist zu dieser Kultur verzeichnet (Wiki):

Die Oasenkultur zeigt ein für die Region und Zeit (spätes 3. bis frühes 2. Jahrtausend v. Chr.) ungewöhnlich hohes Niveau der Töpferei und Metallverarbeitung (Bronze, Silber). (...) Die (zum Teil monumentalen) Gebäude lassen somit auf mathematisches, geometrisches und astronomisches Wissen schließen. Davon zeugen auch mehrere ausgegrabene Städte mit rechtwinkeligem Straßennetz, die dicke Stadtmauern und ein palastähnliches Gebäude im Zentrum aufweisen. Mehrere Städte wurden in einem Verbund angelegt - bei der Fundstelle Adji Kui sind es neun im engen Umkreis.  In Adji Kui wurden Amulette gefunden, deren Abbildungen – darunter das häufig auftretende Adler-Schlange-Motiv – als Darstellungen von Szenen des mesopotamischen Etana-Mythos gedeutet wurden. In Gräbern gefundene Fayence-Armreife aus der Indus-Kultur sowie syrische Stempelsiegel mit geflügelter weiblicher Gottheit auf einem Panther legen nahe, dass Fernhandel stattfand. Auf eine ausgeprägte Handelskultur deuten auch Stempelsiegel zur Kennzeichnung des Besitzes sowie Zählsteine für die buchhalterische Erfassung von Waren hin.  Die Menschen der Oasenkultur domestizierten Schaf und Ziege, sowie Hausesel und vor allem Kamele. Mit ausgeklügelten Bewässerungsanlagen wurden große Felder versorgt, auf denen Gerste, Weizen und Hülsenfrüchte angebaut wurden.

Eine der bedeutendsten Ausgrabungsstätten, vielleicht die Hauptstadt des hier entdeckten bronzezeitlichen Großreiches in Turkmenistan ist Gonur Depe (Wiki).

Abb. 2: Merw (Margiana) und Baktra im Westen von Samarkand (Sogdien) und der Seidenstraße (Wiki)

Ergänzung, 16.11.2020: Erinnert sei auch daran, daß die Stadtkultur sich ab 2.000 v. Ztr. mit der Andronovo-Kultur östlich des Ural etablierte, bezeugt durch die "Spiralstadt" Arkaim im Ural (Wiki). Hier lebten dann um 200 v. Ztr. Sarmaten.

Ergänzung 4.6.21: Noch einmal festgestellt sei, daß die Hochkultur der Marghiana schon in der Bronzezeit genetisch Einfluß genommen zu haben scheint auf die Ethnogenese der Wusun (Wiki) und Kangju (Wiki), bäuerlich-nomadisch lebender skythischer Völker im Siebenstromland (Wiki) (4). Diese haben sich dann mit den hunnischen Wanderungen nach Westen ausgebreitet, insbesondere - über die Wolga (Wolgabulgaren) - nach Bulgarien.

Trockenperiode um 1.900 v. Ztr.

Ergänzung 9.7.24: Laut einer neuen Studie (6) kam es um 1.900 v. Ztr. zu einer Periode der Trockenheit, die die Ausbreitung der Indogermanen auf Kosten der Margiana-Kultur ermöglichte (Abb. 3).

Abb. 3: Eine Trockenperiode begünstigte die Ausbreitung der Indogermanen auf Kosten der Margiana-Kultur um 1.900 v. Ztr. (Carvajal2024)

Die Sintashta-Kultur formte sich in dieser Zeit um zur Andronowo-Kultur, das heißt, zu den späteren "Ariern", die Nordindien eroberten (Stgen2020). 

_________________________
  1. Margiana - Ein Königreich der Bronzezeit in Turkmenistan - Sonderausstellung des Archäologischen Museums Hamburg, Podcast mit Prof. Dr. Schaumburg und Prof. Dr. Weiß, https://amh.de/amh18-margiana/
  2. Margiana - Ein Königreich der Bronzezeit in Turkmenistan, https://amh.de/ausstellungen/margiana-ein-koenigreich-der-bronzezeit-in-turkmenistan/
  3. Margiana - Ein Königreich der Bronzezeit in Turkmenistan - Ausstellung in Berlin, 19.6.2018, https://youtu.be/g7hoh0ACpLQ
  4. Bading, Ingo: "Söhne der Sonne" - Die Indogermanen Asiens, 1. Juli 2018, https://studgendeutsch.blogspot.com/2018/07/sohne-der-sonne-die-indogermanen-asiens.html  
  5. Prestel, Peter; Graichen, Gisela: Das Vermächtnis der Steppenkrieger. Schliemanns Erben 32, ZDF 2010, https://youtu.be/6PcDHUSc_2w.  
  6. Oasis civilization collapse under 3.9 ka climate event in Bactria, Central Asia. G Chen, X Zhou, M Khasanov, J Ma, J Liu, H Shen u.a. In: Quaternary Science, Volume 337, 1 August 2024.

Mittwoch, 30. August 2017

Die Jagnoben und Usbeken sind Nachkommen der indogermanischen Sogder

Obwohl sie sprachlich türkisch sind
- Die wenigen Überreste der großen Vergangenheit indoarischer Völker im Mittleren Osten

In Usbekistan leben heute 22 Millionen Usbeken, mehrere Millionen Usbeken leben in angrenzenden Ländern, insbesondere in Afghanistan.

Abb. 1: Frauen des Volksstamms der Jagnoben - Auf Fotografien der Jagnoben sieht man häufiger eher westlich-europäisch anmutende Menschen zwischen "muslimisch" anmutenden Menschen. Erstere insbesonders werden Nachkommen der Sogder sein. - Vor dem Hintergrund der großen Vergangenheit der Sogder liest sich das Schicksal der heutigen Jagnoben(Wiki), die ein untergehendes Volk sind, mehr als erschütternd 

In einer neuen Studie (1) wurde der genauere Umfang der genetischen und sprachlichen Unterschiede zwischen 11 turksprachigen und 10 indo-iranisch-sprachigen Lokalstämmen in Usbekistan, Tadjikistan und Kirgistan untersucht. Zu den untersuchten Turkvölkern gehörten mehrere Lokalstämme der Kasachen, der Kirgisen, der Karakaplaken und der Usbeken ("UZA"), insgesamt 11. Zu den untersuchten indo-iranischen Völkern gehörten mehrere Lokalstämme der Tadschiken, sowie die Bewohner des abgelegenen Yagnob-Tales ("TJY"), insgesamt 10.

Interessanterweise ergibt sich nun als erstes Ergebnis, daß die indo-iranischen Lokalstämme dieses Raumes - also vor allem die Tadschiken - deutlich größere genetische Unterschiede untereinander aufweisen als die genannten turksprachigen Lokalstämme dieses Raumes sie untereinander aufweisen (1):

Wie frühere Studien gezeigt haben, wiesen die indoiranisch sprechenden Populationen höhere genetische Differenzierungsgrade auf als die turksprachigen Populationen. Tatsächlich unterschieden sich 47 von 55 paarweisen FST-Werten bei den 10 indoiranisch sprechenden Populationen signifikant von Null, während dies bei den neun turksprachigen Bevölkerungsgruppen nur bei 14 von 45 paarweisen FST-Werten der Fall war.
"As shown in previous studies, the Indo-Iranian speaking populations had higher genetic differentiation levels than the Turkic speaking populations. Indeed, 47 pairwise FST values out of 55 were significantly different from zero for the 10 IndoIranian speaking populations, while it was the case for only 14 pairwise FST out of 45 for the nine Turkic speaking populations."

Der Grund dafür wird zunächst darin gesucht werden können, daß die genetische Aufspaltung der indo-iranischen Stämme viele hundert, wenn nicht tausend Jahre älter sein kann als die Aufspaltung der genannten Turkstämme, die ja nicht älter als 2000 Jahre alt sein wird. Aber für diesen Umstand kann es natürlich auch noch viele andere Gründe geben, die man womöglich erst kennt, wenn man sich mit der Kulturgeschichte dieses Raumes eingehender beschäftigt hat.

Sprachlich waren alle Turkvölker natürlich miteinander mehr verwandt als mit den indo-iranischen Sprachen. Genetisch aber steht - vielleicht überraschend - das Turkvolk er Usbeken ("UZA") näher zu den indo-iranischen Stämmen als zu den sprachlich verwandteren Turkvölkern. Und das, obwohl die Usbeken sogar das zweitgrößte Turkvolk in der Welt überhaupt bilden (!) (1):

Die turksprachige Varietät UZA war anderen Turksprachenvarianten näher als indoiranischen Varianten, aber die UZA-Population war genetisch näher an indoiranisch sprechenden Populationen als an anderen turksprachigen Populationen.
The Turkic linguistic variety UZA was found closer to other Turkic varieties than to Indo-Iranian varieties, but the UZA population was genetically closer to Indo-Iranian speaking populations than to other Turkic speaking populations.

Es handelt sich also bei den Usbeken zu nicht geringen Teilen um Nachkommen des indogermanischen Volkes der Sogder - so wie es sich bei den Uiguren in den Oasenstädten der Seidenstraße genetisch etwa zur Hälfte um Nachkommen des indogermanischen westsibirischen Volkes der Tocharer handelt.

Den Sogdern und ihrem Kamel-Fernhandel bis ins kaiserliche China der Tang-Zeit hinein sind hier auf dem Blog in früheren Jahren ja schon viele Blogbeiträge gewidmet worden (siehe Schlagwort "Sogder"). Ebenso den ursprünglich westsibirischen Bewohnern der Oasenstädte in der Taklamakan (unter anderem Tocharer). Die Sogder fanden als auffällige europäische Menschentypen in der Tang-Zeit viele Darstellungen in der chinesischen Kunst und sie stiegen dort bis in den Ministerrang auf.

Abb. 2: Von Samarkand in Usbekistan ins Jagnob-Tal in Tadschikistan sind es 230 Kilometer

Die Bewohner des abgelegenen Jagnob-Tales hingegen weisen laut der neuen Studie weder sprachlich noch genetisch besonders große Nähe zu einer der beiden großen Sprachgruppen auf, stehen also noch heute mehr für sich:

Die TJY-Bevölkerung schien sowohl sprachlich als auch genetisch von den anderen indoiranischsprachigen Bevölkerungen (...) und noch weiter von den turksprachigen Bevölkerungen entfernt zu sein.
The TJY population seemed both linguistically and genetically distant from the other Indo-Iranian speaking populations (...) and even more distant from the Turkic speaking populations.

Die in abgelegenen Bergtälern lebenden Jagnoben (Wiki) werden sowohl sprachlich als auch genetisch als letzte Nachkommen der Sogder gehandelt (Wiki). Sie leben in Bergtälern 230 Kilometer östlich von Samarkand (GMaps). 

Eine Studie aus dem Februar 2019 zu den Jagnoben

Aber sie sind heute ein aussterbendes Volk. Und das heutige Schicksal der Jagnoben mag erschütternd zu sehen sein im Angesicht der großen und langen Vergangenheit dieses indoiranischen Volkes. Neuerdings ist im Jahr 2019 zu den Jagnoben eine eigene Studie erschienen. In dieser heißt es zusammenfassend (2):

Unsere Analysen zeigen, daß die genetische Vielfalt der Jagnoben als Querschnitt eines genetischen Hintergrunds betrachtet werden kann, der in einem großen Gebiet Eurasiens weit verbreitet war, bevor eine Reihe historischer, demografischer Ereignisse die genetische Struktur der in dieser Region lebenden menschlichen Populationen grundlegend änderte.
Our analyses highlighted that the Yaghnobi genetic diversity could be thus considered as a cross-section of a genetic background widespread in a large area of Eurasia before that a series of historical demographic events substantially reshuffled the genetic structure of human populations residing in this region.

Und (2):

Vermischungs-, Outgroup-f3- und D-Statistiken, die auf Grundlage der autosomalen Variation erstellt wurden, untermauerten die Hinweise, die das Y-Chromosom gegeben hatte und wiesen auf einen geringen Anteil an anatolischer neolithischer Abstammung bei den Jagnoben bzw. auf einen hohen Anteil an Steppenabstammung hin, sowie auf eine größere Verwandtschaft mit den Tadschiken als mit den Iranern.
Admixture, outgroup- f3 , and D-statistics computed on autosomal variation corroborated Y-chromosome evidence, pointing respectively to low Anatolian Neolithic and high Steppe ancestry proportions in Yaghnobis, and to their closer affinity with Tajiks than to Iranians.

Die Jagnoben haben also über die väterliche Herkunft einen höheren Anteil indo-iranischer Herkunft ("Steppe ancestry") und sind enger mit den Tadschiken verwandt als mit den Iranern. Weiter heißt es (2):

Angesichts der neuen Fortschritte auf dem Gebiet der Paläogenomik stellt die Möglichkeit zur Analyse alter Exemplare aus diesem Gebiet und insbesondere aus sogdischen Siedlungen einen grundlegenden und empfehlenswerten Beitrag zum Verständnis der genetischen Geschichte der Jagnoben dar.
In the light of the new advances in the field of paleogenomics, a fundamental and advocated contribute to the understanding of the genetic history of Yaghnobis will be represented by the possibility to analyze ancient specimens from that area and in particular from Sogdian settlements.

Auf diese darf man sehr gespannt sein. - - - Die Autoren der 2017er-Studie schrieben zusammenfassend über die Usbeken, bzw. über ihre Vorfahren, die Sogder (1):

Die jüngsten Zuwanderungen türkischsprachiger Bevölkerungen führten wahrscheinlich zu einem sprachlichen Wandel. Dieser Wandel scheint eher auf eine Vermischung des indoiranischen und des turksprachlichen Wortschatzes zurückzuführen zu sein, als auf einen vollständigen sprachlichen Austausch, wie zuvor angenommen. Dabei wurde der turksprachliche Wortschatz stark bevorzugt. Umgekehrt schienen die angenommenen Anteile der von jeder Gruppe geerbten Gene ähnlich zu sein.
The recent Turkic speaking population invasions probably led to a linguistic shift. This shift seems to have resulted from an admixture between the Indo-Iranian and Turkic vocabularies, strongly biased towards the latter, rather than a complete linguistic replacement as previously proposed. Conversely, the estimated proportions of genes inherited from each group appeared to be similar.

Insgesamt wird es sich bei den Usbeken also genetisch tatsächlich um ein ähnliches Mischungsverhältnis handeln wie bei anderen Völkern der Oasenstädte in der Taklamakan. Vielleicht leben also noch heute unter den Usbeken Nachkommen der Verwandten jener berühmten sogdischen Prinzessin Roxane, die Alexander der Große nach der Einnahme von Samarkand (sogdisch "Marakanda") geheiratet hat.

Abb. 3: Usbeken; aus: Erich Zugmayer's "Eine Reise durch Vorderasien im Jahre 1904" (Wien: Verlag Dietrich Reimer, 1905) (Herkunft: Wiki)

Merkwürdig ist, daß die Usbeken heute nur noch wenig Bewußtsein zu haben scheinen davon, daß sie Nachkommen der Sogder sind. Der Islam hat hier - wie in Uigurien - offenbar zu einem völligen Traditionsbruch geführt, vermutlich ähnlich ausgeprägt wie sich die Christen in Europa Jahrhunderte lang kaum noch daran erinnerten, daß sie heidnische, germanische Vorfahren hatten und wer diese waren.


/ Zuerst auf Google-Plus, 30.8.2017;
ergänzt mit (2) 27.2.2019;
leicht überarbeitet: 15.2.25 /

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  1. Thouzeau V, Mennecier P, Verdu P, Austerlitz F. 2017 Genetic and linguistic histories in Central Asia inferred using approximate Bayesian computations. Proc. R. Soc. B 284: 20170706. http://rspb.royalsocietypublishing.org/content/284/1861/20170706
  2. The genetic legacy of the Yaghnobis: A witness of an ancient Eurasian ancestry in the historically reshuffled central Asian gene pool. Autoren: Elisabetta Cilli Stefania Sarno Guido Alberto Gnecchi Ruscone Patrizia Serventi Sara De Fanti Paolo Delaini Paolo Ognibene Gian Pietro Basello Gloria Ravegnini Sabrina Angelini Gianmarco Ferri Davide Gentilini Anna Maria Di Blasio Susi Pelotti Davide Pettener Marco Sazzini Antonio Panaino Donata Luiselli Giorgio Gruppioni. American Journal of Physical Anthropology, First published: 29 January 2019 https://doi.org/10.1002/ajpa.23789

Freitag, 3. Dezember 2010

"Epoc" berichtet über das Volk der Sogder

Das Volk der Sogder, das vor 2000 Jahren in Samarkand gelebt hat und das dem Welteroberer Alexander dem Großen bei seinem Zug nach Indien die berühmte Prinzessin Roxane zur Ehefrau gegeben hat,  ein Volk, das aber insbesondere in der kulturellen Blütezeit Chinas eine nicht unwichtige Rolle gespielt hat - das also zwischen "West" und "Ost" stand, ist jetzt erfreulicherweise auch in der Zeitschrift "Epoc" (von "Spektrum der Wissenschaft") mit einem neuen Aufsatz gewürdigt worden (1; freies pdf.).

Abb. 1: Skulptur eines Saken aus der antiken Stadt Chaltschajan (Wiki), heute Usbekistan, 1. Jhdt. n. Ztr. (s. Stgen2022)

Über dieses bis heute weitgehend unbekannt gebliebene Volk, dessen geschichtliche Bedeutung erst in den letzten Jahren besser erkennbar geworden ist, berichtete "Studium generale" schon vor drei Jahren (2-6). Und dies, wie man finden kann, um mancherlei Facetten reichhaltiger als dies jetzt die drei Autoren von "Epoc" getan haben.

Man hätte gerne auch uns um einen wissenschaftsjournalistischen Beitrag bitten können.

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  1. Mayke Wagner, Patrick Wertmann, Pavel Tarasov, Desmond Durkin-Meisterernst: Sogder: Die Netzwerker des Ostens - epoc, 1/11 (Online: 29.11.2010), S. 44 - 49
  2. Bading, Ingo: Sogder und Tocharer zwischen Samarkand und chinesischem Kaiserhof. Studium generale, 26.5.2007
  3. Bading, Ingo: Die Frühbronzezeit in den Fürstentümern der Seidenstraße. Studium generale, 4.11.2007
  4. Bading, Ingo: Indoeuropäer-Frage ein "anrüchiges" Thema? Studium generale, 7.11.2007
  5. Bading, Ingo: Europäisch-Stämmige im Nordosten Chinas um 500 v. Ztr.. Studium generale, 29.11.2007
  6. Bading, Ingo: "Eine der reichhaltigsten Kulturregionen Chinas" - tausende neuer Fundstellen entdeckt - und "es werden ständig mehr". Studium generale, 8.2.2008

Freitag, 8. Februar 2008

"Eine der reichhaltigsten Kulturregionen Chinas" - tausende neuer Fundstellen entdeckt - und "es werden ständig mehr"

Über die bedeutende Ausstellung "Ursprünge der Seidenstraße - Sensationelle Neufund aus Xinjiang, China" haben wir hier auf dem Blog schon mehrmals ausführlich berichtet und zu ihr Stellung genommen. (St. gen. 1, 2, 3, 4; Weiteres zum Thema auch hier: Stud. gen.)

Reichhaltig ausgestattete Einzel- und Gemeinschaftsgräber

Nun wandert die Ausstellung von Berlin weiter nach Mannheim und der "Spiegel" bringt aus diesem Anlaß neuerlich einen Bericht. (Spiegel) Vor allem macht er viele neue Fotos zugänglich, von denen ich hier einige der Eindrucksvollsten einstelle.

Die berühmte "Frau von Subashi" (am Ostrand der Talimakan) -
wahrscheinlich eine angesehene Frau, die auch ärztliche Tätigkeiten ausübte

In dem Artikel heißt es zur Erforschung dieser alten Hochkulturen, Städte und Fürstentümer, die sich vor 2.000 Jahren wie Perlen an einer Schnur entlang der Seidenstraße aufreihten - dort, wo heute oftmals Wüste ist, befanden sich damals zum Teil wasserreiche Gegenden:
Eine systematische wissenschaftliche Erkundung kam erst vor zwei Jahrzehnten in Gang. "Seit 1988 wurden etwa 3000 Fundstellen entdeckt", erklärt der Archäologe Qiurong Ruan im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Und es werden ständig mehr. "Xinjiang ist eine der reichhaltigsten Kulturregionen Chinas."
Ein Ehepaar, von dem sich noch die Gesichter in der Sterbestunde erhalten haben

Ein typischer Baum-, bzw. bootsförmiger Sarg aus Pappelschindeln
(Pappeln sind eine weitverbreitete Baumart an den Flußläufen den Talimakan
- und waren früher noch weiter verbreitet)
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