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Dienstag, 23. Juni 2026

"Unser" stolzes Nomadenleben

Bis vor 5.000 Jahren
- Tataren, Kalmücken, Kirgisen, Mongolen setzen es fort bis heute ...
- Sie zeigen: Wie könnte - auch mit Wildpferden - "Pferde-Management" ausgesehen haben?

Seit wir sicher wissen, wann, wo und wie das Urvolk der Späten Urindogermanen um 3.300 v. Ztr. als Nomadenvolk am Mittleren Dnjepr gelebt hat (Stg2024, a, b), werden alle Völker, die bis ins späte 19. oder noch bis ins 21. Jahrhundert als Nomadenvölker gelebt haben oder sogar noch leben, für uns hochgradig interessant. 

Abb. 1: Nomadenlager der Mongolen, fotografiert von dem Schweizer Abenteuer-Schriftsteller Bruno Blum (geb. 1967) im Jahr 2010 (Alam) -Typische Raumverteilung von Nomaden-Lagern in der Steppe - Wenn sich von solchen Nomadenlagern ausgehend die Menschen bei zentralen Grabhügeln mit Rinderwagen sammeln, können wohl leicht sternförmige Wege entstehen (wie für den Mittleren Dnjepr 3.300 v. Ztr. festgestellt)

Weil sie alle etwas aussagen können darüber, wie die Urindogermanen an der Mittleren Wolga um 4.500 v. Ztr. und am Mittleren Dnjepr um 3.300 v. Ztr. und von dort ausgehend in vielen Teilen Eurasiens eigentlich gelebt haben.

Dazu sollen im vorliegenden Beitrag einige "Bildeindrücke" und einige für uns neue Überlegungen zusammen gestellt werden. Auch über die KI können wir viele Fragen klären, die wir uns bislang noch nie bewußt gemacht hatten.

Was für ein Blick über die Weiten eines Nomadenlagers (Abb. 1 und 11)! Schafe in einer riesigen Herde gehalten, frei laufende Pferde, eingezäunte Pferde, rauchende Jurten, Weite, vereinzelt Rinder. Was für ein vielfältiges Leben!

Dazu folgen weiter unten noch weitere - historische - Abbildungen. Aber zuvor noch einige Überlegungen bezüglich der Pferdehaltung bei den Frühen und bei den Späten Urindogermanen in der Nordschwarzmeersteppe, die wir uns erst aus Anlaß der Veröffentlichung dieses Blogbeitrages bewußt machen. 

Unsere heutigen Pferde wurden domestiziert - erst - um 2.200 v. Ztr. im Nordschwarzmeerraum (Stg2021).

Das heißt, sowohl bei den Frühen Urindogermanen an der Mittleren Wolga wie bei den Späten Urindogermanen am Mittleren Dnjepr spielen zwar "Pferde" eine Rolle. Aber es handelte sich - im heutigen Sinne - um Wildpferde, nicht um domestizierte Pferde. Diese Wildpferde wurden als Opfertiere zusammen mit domestizierten Schafen und Rindern niedergelegt. Ihre Rolle wird auch deutlich an den weit verbreiteten Wildpferdekopf-Zeptern, die wir hier auf dem Blog schon behandelt haben.

Auch aufgrund vieler anderer Umstände kann es nicht anders sein, als daß es schon spätestens seit 4.500 v. Ztr. ein "Pferde-Management" (1) gegeben hat bezüglich dieser Wildpferde.

Nomadenleben bei den Kirgisen im Tienshan

Wie "Pferde-Management" - auch für Wildpferde - ausgesehen haben kann, kann man - unter anderem - bei traditionell lebenden Kirgisen lernen (2). Diese arbeiten zwar mit domestizierten Pferden. Aber ihre Pferde bewegen sich die meiste Zeit des Jahres "wild" auf den Weiden. Für die Wanderung zu den Hochweiden, die innerhalb des Tianshan auf 3.000 Meter Höhe 150 Kilometer entfernt liegen, werden die Leithengste eingefangen (2, 7'11). Damit sie nicht miteinander um ihre jeweiligen Herden kämpfen, werden sie während der Wanderung von den Pferdehirten geritten. 

Von den Kirgisen kann man also lernen, wie auch domestizierte Pferde noch heute wie Herdentiere auf die Weide "getrieben" und dort gemolken werden (2). Um die Stuten melken zu können, werden ihre Fohlen eingefangen und angepflockt. Wenn dann ihre Mütter sich zu ihnen gesellen, können sie ruhig gemolken werden, obwohl sie gar nicht angebunden sind.

Auf Youtube findet sich eine hinreißende Dokumentation von echtem, wildem Nomadenleben wie es in Kirgistan noch am Beginn des 21. Jahrhundert gelebt wird (2).

Man ist hingerissen von dieser Freiheit eines Nomadenvolkes, von all den vielen Tieren, von der Landschaft, von ihrer Wildheit.

Vor allem die Lebenshaltung, die große Freiheit und Ungebundenheit unserer Vorfahren, des Volkes der Späten Urindogermanen der Jamnaja-Kultur am Mittleren Dnjepr kann man über eine solche Dokumentation vielleicht besser verstehen. 

Abb. 2: Angepflockte Fohlen und ihre Mütter in der Tschuja-Steppe im Altai (fotografiert von Alexandr Frolov, 13. Juli 2016) (Wiki)

Auch die Kirgisen haben diese nomadische Lebensweise - vermutlich - indirekt und über viele Umwege von dem Volk der Späten Urindogermanen vom Mittleren Dnjepr geerbt. Auch sie stammen in Teilen von diesem Urvolk ab.

Denn die Späten Urindogermanen lebten diese Lebensweise als Steppennomaden erstmals in voller Ausprägung, wenn auch damals noch mit Wildpferden (Przewalski-Pferden). Aber ansonsten auch schon mit Schafen, Ziegen und Rindern. Sie waren ja die "Erfinder" dieser Lebensweise. Der Lebensraum Steppe, der zuvor kaum von Menschen genutzt wurde, wurde ja durch sie und die von ihnen erfundene Lebensweise erst ganz neu erschlossen.

Fast ist man versucht zu sagen: Wir Deutschen, wir europäischen Völker - wenn gar nichts mehr geht, wenn alles zuschanden ist, die Umwelt zerstört ist, die moderne Wirtschaft, die moderne Lebensweise zusammen bricht - womöglich kehren wir dann zu unseren Ursprüngen zurück, zu unseren Ursprüngen als Nomadenvolk. 

"Digitale Nomaden" gibt es sowieso schon in rauen Mengen. Dieser Lebensstil braucht ja nicht nur hedonistisch gelebt werden. Er kann - womöglich - auch familienfreundlich gelebt werden. Und nur eine familienfreundliche Lebensweise ist auch eine zukunftsträchtige Lebensweise, eine "evolutionsstabile" Lebensweise. Wer darauf nicht achtet, ist zum demographischen Aussterben verdammt - so wie die heutigen Deutschen und alle anderen Völker in nördlichen Breitengraden. Ihr biologisches und damit auch kulturelles Überleben scheint ihnen egal zu sein. Und dann gibt es in diesen Völkern auch noch "patriotische" Politiker, "Populisten", "Rechtskonservative", die sich selbst und ihren Völkern einreden, es bräuchte im Wesentlichen nur das Kreuz auf dem Wahlzettel an der richtigen Stelle gesetzt werden, dann wäre das Überleben der Völker der nördlichen Breitengrade gesichert. Was für ein Hohn.

Alle unsere Vorfahren waren insgesamt "familienfreundlich". Wie Europäer heute sind die Nachkommen der kinderreichen Bauernfamilien der Frühen Neuzeit. 

Abb. 3: Grasende Pferde mit Fußfesseln in Kirgistan im inneren Tienshan-Gebirge (Wiki, a) nördlich der Taklamakan - Blick auf den Fluß Naryn im Naturschutzgebiet Naryn in Kirgistan (fotografiert von Abujoy, 18. August 2018)

Aber hat denn nicht mancher schon diesen inneren Ruf verspürt: Laßt uns der Zivilisation den Rücken kehren. Laßt uns zurück kehren in die Wildheit der Berge, in die Wildheit der Steppen, der großen Einsamkeiten. Laßt uns allein sein mit unseren Tieren, mit den Wolken, mit der Sonne und dem Wind. Und - damit - mit Gott. 

Laßt uns auch zurück kehren zur Hochachtung der Mütter, wie sie Steppennomaden Jahrtausende lang selbstverständlich war (siehe dazu auch z.B. die Doku "Nomadenleben in der Mongolei" [SWR2018]). 

Laßt uns verfluchen all die "Zivilisation", die seither diesen Planeten umgibt - wie ein Grauen ...

"Pferde-Management"

Noch einige Gedanken zum oben genannten "Pferde-Management": Wildpferde könnten auch mit Hilfe von Fußfesseln (Wiki) gehalten worden sein. Oder sie könnten angepflockt gehalten worden sein (Abb. 2) so wie andere Weidetiere auch. Hinweise auf die Nutzung von Fußfesseln gibt es, so finden wir es auf Wikipedia erwähnt, aus dem Alten Ägypten, bei den Skythen des 4. Jahrhunderts v. Ztr. und auch bei den antiken Persern (Wiki). Weiter unten werden wir uns von der KI noch erklären lassen, wie traditionelle Nomadenvölker Pferde an Fußfesseln und an das Anpflocken gewöhnen.

So können Anhaltspunkte gesammelt werden dafür, wie auch schon Wildpferde ab 4.500 v. Ztr. gehalten worden sein können und wie mit ihnen "Pferde-Management" betrieben worden sein kann (1).

Da wir heute zumeist in einer siedlungsdichten, lauten, schreckhaften Umgebung leben, wo man Pferde nicht frei in der Herde laufen lassen kann, liegen all diese Dinge gar nicht mehr in unserem Vorstellungsbereich. Und deshalb scheinen sich auch die Archäologen seit Jahren so schwer damit zu tun, Erklärungen dafür zu finden, wie das genannte "Pferde-Management" mit Wildpferden eigentlich konkret ausgesehen haben könnte. Auf die Anhaltspunkte, die wir im vorliegenden Blogartikel zusammen tragen, sind wir durch eigenes Nachdenken gekommen, wir haben sie nicht irgendwo in der Literatur gelesen.

Abb. 4: Nomadenlager - In: "Vollständige Völkergalerie in getreuen Abbildungen aller Nationen" aus dem Jahr 1833, herausgegeben von H. O. F. Goedsche (Bildgsforsch) (Leibniz-Institut für Bildungsforschung und Bildungsinformation - inzwischen abgeschaltet)

Die in Abbildung 2 genannte Tschuja-Steppe ist übrigens eine siebzig Kilometer lange, bis zu vierzig Kilometer breite Hochgebirgssenke. Sie liegt in der russischen Altai-Republik in Sibirien. Sie liegt auf einer Höhe von 1.750 bis 1.850 Metern. Sie gilt als der kälteste und trockenste Ort des russischen Altais. Die Hochebene ist zudem reich an archäologischen Schätzen. Es finden sich zahlreiche alte Grabstätten, Steinkreise, Felszeichnungen (Petroglyphen) und Artefakte aus der Stein- bis Eisenzeit. (Nach KI.) 

Nomaden! Nomaden!

1833 wurde in Deutschland heraus gebracht eine "Vollständige Völkergalerie in getreuen Abbildungen aller Nationen mit ausführlicher Beschreibung derselben" (3).

Der Herausgeber war Hermann Goedsche (1816-1878) (Wiki). Dies war ein Schlesier und äußerst zwielichtiger Mitarbeiter des preußischen Geheimdienstes. Er ging mit sehr seichten, Sensations-heischenden Romanen seinem Gelderwerb nach. Sein Sensations-heischender Roman "Der Judenfriedhof von Prag" konnte - dementsprechend - zu einem der Ausgangspunkte für die sogenannten "Zionistischen Protokolle" werden.  

Seine "Völkergalerie" war wohl ebenfalls Teil seines Gelderwerbs (3). In dieser finden sich jedoch auch zum Teil sehr eindrucksvolle Abbildungen vom Leben von Nomadenvölker, die es im 19. Jahrhundert noch in ursprünglicherer Form gab als später (Abb. 4).

Was für ein vielfältiges Leben auch hier: Jurten werden aufgebaut, Fahnen werden aufgerichtet, Heiligtümer gibt es, Kamele werden als Lasttiere genutzt, einachsige Karren sieht man.

Abb. 5: "Lager der Kalmücken" - In: "Vollständige Völkergalerie in getreuen Abbildungen aller Nationen" aus dem Jahr 1840, herausgegeben von H. O. F. Goedsche

Ähnlich die Abbildung "Lager der Kalmücken". Ein kalmückisches Dorf wird gezeigt mit vielen Ghers, Menschen, Kamelen, Pferden, Ziegen und weiterem Vieh (Abb. 5). In der Ferne schlängelt sich ein Fluß durch die Ebene (das sieht man erst auf Abb. 6, weshalb wir auch diese einstellen). Flüsse und ihr Wasserstand waren zentral für Nomadenvölker in der Steppe (auch noch für die Arier in Nordindien - wie man zum Beispiel aus der Rigveda weiß, wo die "Sturmgötter" eingeladen wurden, auf daß sie Regen bringen und die Flüsse anschwellen lassen).

"KI, wie halten Steppennomaden Pferde?"

Beim weiteren Umsinnen der Frage, wie Steppennomaden eigentlich leben, fragen wir die KI einfach einmal "Wie halten Steppennomaden Pferde?" Und wir sehen, daß die KI sehr brauchbar ist, um sich mit ihr über solche Fragen zu unterhalten, denn wir erhalten die Antwort:

Steppennomaden, wie zum Beispiel in der Mongolei, halten Pferde traditionell als robuste Herdentiere im Freien. Die Tiere leben ganzjährig in weitläufigen Herden auf der Steppe, trotzen extremen Witterungsbedingungen ohne künstliche Unterstände und versorgen sich selbst durch das Grasen von kargem Steppengras, ohne zusätzliches Kraftfutter. Die Haltung der Steppenpferde zeichnet sich durch folgende Kernpunkte aus: Ganzjährige Freilandhaltung: Die Pferde leben das ganze Jahr über ungeschützt im Freien. Sie trotzen eisigen Temperaturen von oft unter -30°C im Winter und starker Hitze im Sommer. Durch ihr dichtes Winterfell sind sie perfekt isoliert. Natürliche Herdenstruktur: Die Tiere leben in natürlichen Sozialverbänden, die von erfahrenen Leitstuten angeführt werden. Hengste verteidigen ihre Stuten und den Nachwuchs. Dieses Herdenleben ist essenziell für das psychische Wohlbefinden der Pferde. Keine Zufütterung: Nomaden füttern selten Heu oder Kraftfutter zu. Die Pferde müssen den ganzen Tag wandern, um den kargen, aber faserreichen Bewuchs der Steppe aufzunehmen. Ihr Verdauungssystem ist exakt auf diese stetige, kleine Nahrungsaufnahme eingestellt. Große Bewegungsfreiheit: Als Lauftiere legen die Pferde täglich weite Strecken bei der Futtersuche zurück. Dies verhindert den Abbau von Muskeln und erhält den gesamten Bewegungsapparat gesund.

Und so fragen wir die KI willkürlich weiter "Woher wissen Steppennomaden, welche Tiere ihnen gehören?"  

Abb. 6: "Lager der Kalmücken" - In: "Vollständige Völkergalerie in getreuen Abbildungen aller Nationen" aus dem Jahr 1840, herausgegeben von H. O. F. Goedsche (andere Version von Abbildung 5)

Und wir erhalten die Antwort:

Steppennomaden wissen primär durch traditionelle Brandzeichen (Tamga), feine Einschnitte an den Ohren sowie durch eine phänomenale persönliche Kenntnis jedes einzelnen Tieres, wem welche Pferde gehören. Da es in der Steppe keine Zäune gibt und sich Herden vermischen können, beruht ihr System auf jahrtausendealten Methoden. Die Zuordnung der Tiere basiert auf drei wesentlichen Säulen: Die Tamga (Brandzeichen): Jede Nomadenfamilie oder jeder Clan besitzt ein eigenes, seit Generationen überliefertes Symbol, die sogenannte Tamga. Dieses Zeichen wird jungen Pferden im Herbst auf den Oberschenkel eingebrannt. Die Symbole stellen oft Himmelskörper (Sonne, Mond), religiöse Zeichen oder Tiere dar und sind in der Region einzigartig. Imts (Ohrmarkierungen): Da Brandzeichen im dichten Winterfell manchmal schwer zu erkennen sind, nutzen Nomaden zusätzlich kleine, spezifische Schnitte oder Kerben an den Ohren der Tiere (Imts). Jede Familie schneidet ein individuelles Muster (z. B. eine kleine Kerbe links oder eine Spitze rechts), das sich auch auf Distanz oder im Winter schnell überprüfen läßt. Fotografisches Gedächtnis der Hirten: Die wichtigste Säule ist das persönliche Wissen. Nomaden wachsen mit ihren Tieren auf und kennen jedes einzelne Pferd genau. Sie unterscheiden sie fehlerfrei an Nuancen in der Fellfarbe, der Beinstellung, Wirbeln im Haar, Kopfformen oder dem individuellen Verhalten.
Das Branding selbst ist keine rein bürokratische Angelegenheit, sondern ein zentrales kulturelles Ereignis: Wenn im Herbst die Fohlen alt genug sind, kommen benachbarte Nomadenfamilien zu einem großen Fest zusammen. Es wird gemeinsam gefeiert, während die Erfahrensten die Tamga mit glühendem Eisen präzise aufsetzen. Das Zeichen gilt als unumstößlicher Eigentumsbeweis auf den offenen Weiden.

Eine weitere historische, völkerkundliche Abbildung zeigt drei Jurten der Kalmücken, wir bringen sie hier in zwei Versionen (Abb. 7 und 8).  

Abb. 7: Ein Lager der Kalmücken, aus: "A Trip up the Volga", 1875 (4)

Wir fragen die KI weiter "Welche Rolle spielen Fußfesseln und Anpflocken?" Und wir erhalten die Antwort:

Fußfesseln und das Anpflocken sind für Steppennomaden die wichtigsten Methoden, um Pferde gezielt am Weglaufen zu hindern, da es in der Steppe keine Zäune gibt. Während die Hauptherde frei läuft, sichern diese Techniken die Reit- und Arbeitspferde für den täglichen Zugriff. Die beiden Methoden erfüllen im Alltag der Nomaden unterschiedliche, präzise Aufgaben: Das Fesseln der Beine (Tschidur / Shidur) Das Fesseln der Beine (Tschidur genannt) ist die flexibelste Art der Sicherung auf offenem Gelände. Funktionsweise: Zwei Vorderbeine oder ein Vorder- und ein Hinterbein werden mit einem weichen Leder- oder Seilriemen eng miteinander verbunden. Zweck: Das Pferd kann sich dadurch nicht mehr im Galopp oder Trab fortbewegen. Es kann sich nur noch in kleinen, hüpfenden Schritten vorwärtsbewegen. Vorteil: Die Pferde können trotz der Einschränkung die ganze Nacht über grasen und sich frei bewegen, entfernen sich aber nur wenige Kilometer vom Camp. Der Hirte kann sie morgens problemlos zu Fuß einholen.
Das Anpflocken (Uurgatscht / Schatzi) Das Anpflocken an einem Holzpfahl oder einer langen Bodenleine wird für den direkten, schnellen Einsatz genutzt. Funktionsweise: Ein Pferd wird mit einem langen Strick am Halfter an einem in den Boden gerammten Holzpfahl (Gadas) festgebunden. Oft wird auch eine lange Leine zwischen zwei Pfählen gespannt, an der mehrere Pferde nebeneinander angebunden werden. Zweck: Dies betrifft meist die Reitpferde, die für den aktuellen Tag oder die anstehende Hütearbeit gebraucht werden, sowie die Stuten während des Melkens. Besonderheit bei Fohlen: Häufig werden tagsüber nur die Fohlen angepflockt. Da die Mutterstuten ihre Fohlen niemals im Stich lassen, bleibt die gesamte Herde dadurch freiwillig in der Nähe des Camps, ohne daß man die ausgewachsenen Tiere einsperren muß. Durch diese Kombination aus Bewegungseinschränkung und psychologischer Bindung (Mutter-Fohlen-Instinkt) behalten die Nomaden die volle Kontrolle über Hunderte von Tieren, ohne einen einzigen Meter Zaun bauen zu müssen. Möchtest du wissen, wie die Nomaden die Pferde schonend an diese Fesseln gewöhnen, oder interessiert dich, wie das Melken der Stuten mithilfe dieser Methode abläuft?

Auch hier lernen wir wieder sehr viel Neues. 

Abb. 8: Ein Lager der Kalmücken, aus: "A Trip up the Volga", 1875 (4) (andere Version von Abbildung 7)

Da wir die Grundzüge der Antwort auf die letztere, von der KI vorgeschlagene Frage schon in obiger Filmdokumentation kennen lernten, wollen wir über die erstere von ihr vorgeschlagene Frage mehr wissen und erfahren: 

Steppennomaden gewöhnen junge Pferde primär durch Geduld, langsame Gewöhnung an Berührungen an den Beinen und die Nutzung extrem weicher Materialien an die Fußfesseln (Tschidur). Da ein panisches Pferd sich verletzen oder das Vertrauen zum Menschen verlieren würde, erfolgt dieser Prozeß schrittweise und meist im Alter von zwei bis drei Jahren, wenn das Pferd auch an Sattel und Reiter gewöhnt wird. Der Gewöhnungsprozeß folgt einem traditionellen, schonenden Ablauf: Desensibilisierung der Beine: Bevor überhaupt ein Seil fixiert wird, streichen die Nomaden den Jungpferden bei der täglichen Pflege intensiv über die Beine. Das Pferd lernt dadurch, daß Berührungen an den Hufen und Fesseln keine Gefahr bedeuten und es die Beine stillhalten muß. Weiche Materialien: Für das Training werden niemals harte oder einschneidende Seile verwendet. Nomaden nutzen geflochtenes, weiches Pferdehaar, weichgeklopftes Leder oder dicke, elastische Stoffbänder. Dies verhindert schmerzhafte Scheuerstellen oder Hautverletzungen. Das erste Fixieren unter Aufsicht: Beim ersten Mal wird die Fessel meist im Beisein der Mutterstute oder in der vertrauten Nähe des Camps angelegt. Der Hirte bleibt direkt am Pferd. Macht das Tier einen Satz, hält das weiche Material stand, ohne einzuschneiden, und der Mensch beruhigt das Tier sofort mit der Stimme. Lernen durch Nachahmung: Jungpferde schauen sich das Verhalten bei den älteren, erfahrenen Herdenmitgliedern ab. Wenn das Jungpferd sieht, daß die Leitstuten und Wallache mit den Fesseln völlig entspannt grasen, verliert es schnell die Angst vor der Bewegungseinschränkung. Kurze Trainingseinheiten: Anfangs bleibt das Pferd nur für wenige Minuten gefesselt, während es abgelenkt ist (z. B. beim Fressen). Die Dauer wird von Tag zu Tag gesteigert, bis das Pferd gelernt hat, das Gewicht fließend von einem Bein auf das andere zu verlagern und sich in kurzen, koordinierten Hüpfern fortzubewegen. Schon nach wenigen Tagen haben die Pferde die Mechanik verstanden. Sie akzeptieren die Fessel als Signal, daß nun "Ruhezeit" oder "Weidezeit" im Camp-Bereich angesagt ist, und geraten nicht mehr in Panik.

Eine Fotografie zeigt eindrucksvoll die Weiten der Kalmücken-Steppe (Abb. 9). 

Abb. 9: Kalmückische Steppe (Fotograf: dsandzhiev [Pix])

Stammt von hier das "angeborene" Gefühl für Weite bei den Indogermanen? Ihre angeborene Sehnsucht nach Weite, Größe, Schönheit? Hieß nicht noch ein Wikinger-Wort: "Littila sanda, littila saeva littil ero ged guma," was auf Deutsch heißt: "Am engen Strand, an enger See wird eng des Menschen Sinn."

Die Germanen - Das Volk der Freiheit

Ist nicht genau das das "Neue", jene völlig neue Mentalität, Weltauffassung, die - womöglich - die Indogermanen in eine durch die Seßhaftigkeit und den Ackerbau "klein" und "eng" gewordene Welt hinein brauchten, "zurück" brachten? Sinn für Größe und Weite? Werden deshalb die Indogermanen und die Germanen (von Hegel und anderen) als "das Volk der Freiheit" erachtet? Weil sie sich ihre Mentalität selbst als Ackerbauern, selbst als Städter erhalten haben - jedenfalls immer dann, wenn sie sich auf sich selbst besinnen und wenn sie sich nicht durch orientalische oder christliche "Engherzigkeiten", "Verkniffenheiten", "Verschwommenheiten" davon abbringen lassen?

Diese Sehnsucht nach Klarheit - kommt sie hierher? Wurde sie in den Weiten dieser Steppen geboren? Fand hier die Geburt moderner Philosophie statt, moderner Wissenschaft? Klassischer Musik?

Abb. 10: Tataren in der Steppe - "Ein wanderndes Dorflager - Aul der Kundorofskischen Tataren in der Nogayischen Steppe", Kupferstich von Christian G. H. Geißler, 1793, koloriert erschienen 1812 (Stckh) (aus Abschluß-Folie in: Yt)

Eine weitere historische Abbildung vom Nomadenleben (Abb. 10): "Tataren in der Steppe". Es wird ein "wanderndes Dorf" gezeigt. Jurten werden unzerlegt auf Karren gepackt und weiter transportiert. Auch hier werden vor allem zweirädrige Karren genutzt. In der Bildmitte sehen wir, wenn wir uns nicht irren, sogar ein Getreidefeld, von dem die Nomaden ihre Tiere abhalten mußten.

So ähnlich könnte es auch ausgesehen haben, als die Schnurkeramiker nach Europa kamen. Sie bewohnten "wandernde Dörfer" abseits der ackerbautreibenden Kulturen, mußten dabei aber Rücksicht nehmen auf die ackerbautreibenden Kugelamphoren-Leute (archäologisch nachgewiesen etwa in der Weichselniederung in Kujawien [Stg2021]). (Ähnlich auch die indogermanische Kura-Araxes-Kultur in Anatolien.)

Abb. 11: Jurten von Nomaden, Schafe und Kamele im Kanas-Tal im Altaigebirge, nahe der äußersten Nordspitze der Provinz Xinjiang an der Grenze zu Kasachstan, der Mongolei und Rußland. Das Kanas-Tal ist die Heimat einer großen Bevölkerungsgruppe ethnischer Tuwiner und Kasachen, von denen viele als Nomaden leben (Fotografin Leisa Tyler, 30.5.2005 [LT])

Wir fragen die KI noch "Welche Tiere werden zum Schlachten ausgewählt?" Und wir erhalten die Antwort:

Für die Schlachtung wählen Steppennomaden primär ausgewachsene, unfruchtbare oder ältere männliche Tiere (oft Wallache), die im Spätherbst optimal fettgeweidet sind. Da Nomaden respektvoll mit ihren Herden leben, basiert die Auswahl auf einem strengen wirtschaftlichen und ökologischen System, das die Fortpflanzung und das Überleben der Herde im Winter sichert. Die Kriterien für die Auswahl der Schlachttiere umfassen folgende Punkte: Der Ernährungszustand (Der Fettanteil): Das wichtigste Kriterium ist der Fettstatus des Tieres im Spätherbst. In der Steppe gilt Fett als überlebenswichtiger Energielieferant für den Menschen im eisigen Winter. Ausgewählt werden Tiere, die sich über den Sommer eine dicke Fettschicht anfressen konnten. Das Geschlecht und die Rolle in der Herde: Bevorzugt werden ältere Wallache (kastrierte Hengste) oder junge, überschüssige Hengste geschlachtet, die nicht für die Zucht benötigt werden. Kostbare Zuchthengste und fruchtbare Mutterstuten stehen unter absolutem Schutz und werden fast nie geschlachtet. Das Alter: Sehr junge Fohlen werden aus wirtschaftlichen Gründen geschont. Das ideale Schlachtalter für Pferde liegt meist zwischen 5 und 10 Jahren, wenn das Tier ausgewachsen ist, viel Fleisch anberaumt hat, aber das Fleisch noch zart genug ist. Auch altersschwache Tiere, die den harten Winter ohnehin nicht überleben würden, werden ausgewählt. Trächtigkeits-Ausschluß: Eine tragende Stute zu schlachten, gilt in der nomadischen Kultur als schweres Tabu und schlechtes Omen, da damit zwei Leben gleichzeitig ausgelöscht würden. Die Fruchtbarkeit wird vor der Auswahl genau geprüft. Die Schlachtung findet fast ausschließlich im Spätherbst (November/Dezember) statt. Zu dieser Zeit sind die Tiere am fettesten, und der einsetzende Frost dient als natürlicher Gefrierschrank, um das Fleisch über die harten Wintermonate haltbar zu machen, ohne daß Konservierungsstoffe benötigt werden. Möchtest du mehr über die schmerzfreie, traditionelle Schlachtmethode der Nomaden erfahren?

Ja, das wollen wir. Und wir erhalten die Antwort:

Die traditionelle Schlachtmethode der Steppennomaden ist darauf ausgelegt, dem Tier so wenig Angst und Schmerz wie möglich zuzufügen. Aus tiefem Respekt vor dem Pferd, das als heilig und als bester Freund des Menschen gilt, wird die Schlachtung ruhig, schnell und völlig ohne Blutvergießen auf dem offenen Boden durchgeführt. Diese Methode basiert auf jahrhundertelanger Erfahrung und läuft nach folgenden Schritten ab: Beruhigung des Tieres: Das ausgewählte Pferd wird nicht fixiert oder in eine Enge getrieben, was Panik auslösen würde. Ein vertrauter Hirte führt das Tier ruhig zu einem sauberen Platz abseits der restlichen Herde. Die Herde darf den Vorgang nicht sehen, um Unruhe zu vermeiden. Das sanfte Ablegen: Das Pferd wird mithilfe von Seilen vorsichtig und ohne Hektik auf die Seite gelegt. Die Nomaden sprechen dabei leise mit dem Tier, um es bis zum Schluß zu beruhigen. Der präzise Schnitt (Der Brustschnitt): Der Schlachter setzt mit einem sehr scharfen Messer einen kleinen, gezielten Schnitt in die Brusthaut nahe dem Herzen. Das Durchtrennen der Aorta: Der Schlachter führt seine Hand vorsichtig durch diesen kleinen Schnitt direkt in den Brustraum ein und drückt oder trennt die Hauptschlagader (Aorta) direkt am Herzen ab. Sekundenschneller Tod: Durch das Kappen der Aorta fällt der Blutdruck im Gehirn des Pferdes sofort auf Null ab. Das Tier verliert innerhalb weniger Sekunden das Bewußtsein und schläft schmerzfrei ein, ohne einen Todeskampf oder Todesangst zu erleiden. Kulturelle Tabus und Regeln: Diese Methode unterscheidet sich grundlegend von westlichen Schlachthöfen und ist durch strenge kulturelle Gesetze geregelt: Kein Blutvergießen auf die Erde: Das Blut sammelt sich komplett im inneren Brustraum des Tieres. Es gilt in der Nomadenkultur als schweres Tabu und Beleidigung der Erde, das Blut eines Tieres unkontrolliert auf den Boden fließen zu lassen. Später wird das Blut sauber abgeschöpft und vollständig zu Blutwurst verarbeitet. Dankbarkeit: Vor und während der Schlachtung bitten die Nomaden den Geist des Tieres um Verzeihung und bedanken sich dafür, daß es der Familie das Überleben sichert.


/ Erster Entwurf 7.12.2024 /

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  1. Hans J . J . G . Holm: Pre-DOM2 Horses in the Corded Ware Culture: A Necessary Correction to the Current DOM2 Narrative. 2026, Zenodo (Acad2026)
  2. Mertin, Wolfgang: Die neuen Nomaden von Kirgisistan (360° - GEO Reportage) MedienKontor / ARTE, 2009 (Yt)
  3. Goedsche, Friedrich Wilhelm: Vollständige Völkergalerie in getreuen Abbildungen aller Nationen mit ausführlicher Beschreibung derselben. Bd. 2. Abtg. 2. Meißen [1833]
  4. Munro-Butler-Johnstone, Henry Alexander (1837-1902) (Wiki): The fair of Nijni-novgorod and a trip up the Volga, 1875; auch unter dem Titel "Trip up the volga to the fair of Nijni-novgorod". With thirteen illustrations. Porter & Coates, Philadelphia 

Sonntag, 24. Mai 2026

Die ersten Ackerbauern - Sie brachten den heutigen hohen IQ nach Europa

Die "allgegenwärtige" gerichtete Selektion in den Völkern Westeurasiens hinsichtlich ihrer angeborenen Eigenschaften und Begabungen  

Der Archäogenetiker David Reich nennt die neueste Studie, die er zusammen mit Mitarbeitern heraus gebracht hat (1) die bedeutendste, an der er im letzten Jahrzehnt beteiligt gewesen ist (ScienceMag). 

Abb. 1: Die Veränderungen des "polygenic Score" für Intelligenz in den letzten 10.000 Jahren in Westeurasien - grün = Jäger und Sammler, orange = anatolisch-neolithische Bauern, lila = indogermanische Steppengenetik (nach 1, aus 2)  

Seine Studie handelt von denselben Themen und bringt ähnliche Ergebnisse wie sie akademische "Abweichler" wie der Italiener Davide Piffer und der Däne Emil Kirkegaard schon 2024 publiziert hatten (Stg26). Wir selbst hatten damals einen Blogartikel über die Ergebnisse ihrer Studie verfaßt, zögerten aber bis heute mit seiner Veröffentlichung. Erst nachdem nun dieselben Erkenntnisse auch von einem so angesehenen "Mainstream-Wissenschaftler" wie David Reich veröffentlicht werden, glauben wir die Sicherheit zu besitzen, daß Piffer und Kirkegaard ebenfalls schon solide gearbeitet hatten. Die Erkenntnisse der beiden waren uns aber vor zwei Jahren ein wenig zu kraß erschienen, als daß wir allein auf der Grundlage ihrer Studie schon unser Weltbild ändern wollten (Stg26). Jetzt aber sind wir dazu bereit, bzw. müssen wir dazu bereit sein.

David Reich tut allerdings jetzt so, als wären er und seine Mitarbeiter die ersten, die auf diese Ergebnisse gekommen wären. Ganz offensichtlich unterschlägt er bewußt die Veröffentlichungen von Piffer und Kirkegaard, die er in seiner Studie nicht zitiert (1). Piffer hat darüber bei "Nature" Beschwerde eingelegt, der Reich-Mitarbeiter Iosif Lazaridis hat ihm gegenüber auf Twitter versucht, vermittelnde Worte zu finden, konnte aber nicht wirklich überzeugen damit.*)

Polygenic Score und Archäogenetik

In beiden Studien geht es darum, die Methoden und Erkenntnisse rund um die Erforschung der "polygenic scores" an heutigen Menschen auf die archäogenetisch gewonnenen Genome anzuwenden. Die Thematik der "polygenic scores" wurde durch ein Buch von Robert Plomin im Jahr 2018 öffentlich bekannt (Stg2018): Die meisten angeborenen Eigenschaften und Begabungen des Menschen werden "polygenetisch" vererbt, daß heißt, sie sind an vielen hunderten, tausenden oder zehntausenden, für sich genommen "Small-Effect-Genen" im Genom verschaltet und man kann deshalb angeborene Eigenschaften und Begabungen des Menschen erst dann aus dem Genom auslesen, wenn dieser Umstand berücksichtigt wird und dafür riesengroße Datensätze analysiert werden. Die Analyse so großer Datensätze ist erst durch die gesteigerten Computer-Leistungen möglich geworden, die inzwischen erreicht worden sind.

Die US-amerikanische Psychologin Kathryn Paige Harden hat dann noch einen drauf gesetzt und 2021 in ihrem Buch versucht, die Bedeutung der neuen Erkenntnisse für Schule und Erziehung einzuordnen (Wiki). Denn mit dem polygenic score ist jetzt grundsätzlich schon ab Geburt eines Kindes voraussagbar, welchen Schulabschluß es erwerben wird und in welcher Einkommensklasse es beruflich höchstwahrscheinlich unterwegs sein wird. Unter diesem Aspekt stellt sich die Frage, welche Aufgabe dann eigentlich die Schule noch hat. 

Aber nun zurück zu David Reich. Wenn man ohne gar zu viel Vorbereitung hinein schaut in die neue Studie von David Reich oder wenn man Berichterstattung über sie liest, kommt einem das alles ein bisschen zu abstrakt vor und es wird einem nicht so leicht augenfällig, eingängig und klar, warum gerade diese Studie so bedeutend sein soll und wo überhaupt ihre wesentlichsten Erkenntnisse liegen. Man hat den Eindruck, hier würde über eine wissenschaftliche Fachsprache insgesamt mehr vernebelt als geklärt, zumindest für Leute, die nicht unmittelbar "vom Fach" sind.

Aber in dem in den vorliegenden Blogartikel eingebundenen, ausführlichen Interview, das vor zwei Wochen veröffentlicht wurde (2), erläutert David Reich seine Studie sehr gut nachvollziehbar. Die Studie ist betitelt (1):

"Die Archäogenetik deckt für das gesamte westliche Eurasien allgegenwärtige, gerichtete Selektion auf"
("Ancient DNA reveals pervasive directional selection across West Eurasia")

Westliches Eurasien deshalb, weil bislang nur für diesen Erdteil ausreichende archäogenetische Daten verfügbar sind (10.000 bis 16.000 Genome aus der Nacheiszeit, dem Neolithikum, der Bronzezeit und der Eisenzeit). "Gerichtet" heißt hier: "nicht zufällig", kein zufälliges "Driften" von angeborenen Eigenschaften. Damit ist gemeint: Bestimmte angeborene Eigenschaften weisen im zeitlichen Verlauf in ihrer Häufigkeit und Verbreitung eine "Richtung" auf, sozusagen eine "zielgerichtete" Entwicklung: Am Anfang sind im westlichen Eurasien die meisten Menschen dunkelhäutig, am Ende hellhäutig(er) (Abb. 2). Am Anfang haben sie eine niedrigere angeborene Intelligenz, am Ende eine höhere (Abb. 1). Hier hat sich also eine "gerichtete" Entwicklung vollzogen dadurch, daß hellhäutige und intelligente Menschen mehr Nachkommen hatten als dunkelhäutige ("Selektion"). Und genau so sind wir heutigen Europäer entstanden. Und nun ist im Titel außerdem noch von "allgegenwärtig" die Rede. Damit ist gemeint: Signale von solcher gerichteten Selektion sind "allgegenwärtig" in den menschlichen Genomen in dem untersuchten Erdteil und in allen darin untersuchten Zeiträumen (Nacheiszeit, Neolithikum, Bronzezeit, Eisenzeit und heute). Damit ist gemeint: Hautfarbe und Intelligenz sind bei weitem nicht die einzigen angeborenen Eigenschaften, die in diesem Erdteil und in diesen Zeiträumen "gerichtete Selektion" erfahren haben.

Abb. 2: Die Veränderungen des "polygenic Score" für Hautfarbe in den letzten 10.000 Jahren in Westeurasien - grün = Jäger und Sammler, orange = anatolisch-neolithische Bauern, lila = indogermanische Steppengenetik (nach 1, aus 2)

Dieser Blog hat einen großen Teil der archäogenetischen Erkenntnisse, die auf diesem Blog seit etwa 2018 referiert werden, dadurch verstanden, daß wir uns einfach Vorträge oder Interview's von David Reich gründlich angeschaut haben, ggfs. auch zu wiederholten Malen. (Ebenso vergleichbare Beiträge von Johannes Krause und vereinzelt auch von anderen.) Wir finden, insbesondere David Reich spricht ein klares, gut verständliches Englisch und er kann hinreißend gut, klar und verständlich erklären. Außerdem ist er durchweg begeistert. Womit er zusätzlich sehr viel Anteilnahme weckt. So auch in diesem Video.

David Reich - Die Nützlichkeit von Vorträgen und Interviews seinerseits

Das Thema erfordert allerdings schon allerhand Konzentration, um alles zu verstehen. Und da so schnell gesprochen wird in diesem Video, ist es hilfreich, die englischsprachigen (oder deutschsprachigen) Untertitel anzustellen, um mitlesen zu können. Für uns stellt sich aber als noch hilfreicher heraus, sich nach ersten Eindrücken dem Video über das Transkript anzunähern, das verfügbar ist, und das man automatisch auf Deutsch übersetzen lassen kann. Mit diesem arbeiten wir im folgenden zumeist (Transkript).

Es wird beim Zusehen in diesem Video und beim Lesen des Transkripts aber schnell klar, daß das, was David Reich hier als "wissenschaftliche Revolution" des Jahres 2026 hinstellt, auch von Seiten des Verfassers dieser Zeilen schon seit 2005 behandelt wird, etwa unter Stichworten wie "jüngste Humanevolution" oder "jüngstselektierte Gene" oder "lokale Humanevolution" (3). Schon 2003 etwa war das Wort aufgekommen von "Lewontin's Fallacy", nämlich von dem Fehlschluß (andere nennen es einen bewußten, wissenschaftlichen Betrug), zu sagen daß die genetischen Unterschiede zwischen Völkern gering wären im Vergleich zu den genetischen Unterschieden zwischen einzelnen Menschen.

Neu ist das ganze Thema also nicht.

Als Zeugnis dafür, daß das Thema nicht neu ist, mag auch unser Buchprojekt "10.000 Jahre Humanevolution" gelten, das wir 2007 im Entwurf und mit ausführlichem Literaturverzeichnis veröffentlicht haben (3). Liest man insbesondere englischsprachige Kommentare auf Twitter oder anderwärts zu der neuen Studie von David Reich, ist das auch viele anderen wissenschaftsnahen Menschen bewußt. Dieser Umstand hat sich längst herum gesprochen. In unserem Buchmanuskript konnten wir zahllose namhafte Autoren benennen, die seit dem Jahr 2000 über diesen Paradigmenwechsel sprachen.

Um den Grundgedanken unseres damaligen Buchprojektes noch einmal heraus zu stellen: Ausgangspunkt war, daß zum Beispiel Konrad Lorenz immer davon gesprochen hatte, wir seien "Steinzeit-Menschen, die Düsenjäger fliegen" (oder "Mammutjäger in der Metro" - oder ähnliche Metaphern). Dabei war die Wissenschaftler-Generation von Konrad Lorenz noch davon ausgegangen, daß es kaum oder wenig Evolution seit der Steinzeit gegeben hätte. Man wußte es damals eben auch gar nicht besser.

David Reich tut in seinem Interview so, als wäre davon auch noch seine Wissenschaftlergeneration ausgegangen. Da gibt er sich gewiß ahnungsloser als er war und ist. Die Erkenntnisse, von denen ich in meinem Buchprojekt 2007 spreche, und die bis dahin breit in der Wissenschaft und Öffentlichkeit behandelt worden waren (siehe dortiges Literaturverzeichnis) (3), wurden nur immer und immer wieder "klein geredet", da man den Menschen aus ideologischen Gründen möglichst als "unbeschriebenes Blatt" charakterisieren wollte, und da man von unterschiedlicher "gerichteter Evolution" von angeborenen Eigenschaften in unterschiedlichen Erdteilen und Völkern schon einmal gar nichts wissen wollte. Warum sonst auch gelten so sauber arbeitende Wissenschaftler wie Piffer und Kirkegaard als "Abweichler"? Jetzt erfahren wir aber durch David Reich: Die Mainstream-Wissenschaft kommt auf keine anderen Ergebnisse als sie in diesem Sinne seit etwa dem Jahr 2000 und dem Jahr 2018 immer schon behandelt worden waren.

Über diesen Umstand geht David Reich also "husch husch" hinweg und gibt sich völlig naiv. Diese Naivität nehmen wir ihm nicht wirklich ab. Aber wir sind ihm deshalb nicht gar zu böse. Wir lernen grade wieder so viel Neues, daß wir dieser angeblichen "Naivität" gar keine so große Beachtung schenken wollen. Gott ja, es gibt Schlimmeres!, möchte man ausrufen. Wir sind ja wirklich schon allerhand gewohnt. Johannes Krause zum Beispiel hat bezüglich solcher Dinge über viele Jahre hinweg eine solche Naivität an den Tag gelegt, daß man sie ihm sogar abnehmen mußte als wirklich ehrlich gemeinte. Deshalb kleiner Tipp am Rande: Gib dich naiv, junger Akademiker, dann machst du am ehesten Karriere.

Seit der vollständige Sequenzierung des menschlichen Genoms im Jahr 2000 fand man also schon zunehmend mehr Hinweise dafür,

  1. daß die menschliche Intelligenz evoluierte und deshalb unterschiedlich auf Völker verteilt ist,
  2. daß die menschliche Verhaltensgenetik evoluierte und deshalb unterschiedlich auf Völker verteilt ist,
  3. daß die menschliche Verdauungsgenetik evoluierte und deshalb unterschiedlich auf Völker verteilt ist,
  4. daß die menschliche Immunabwehr evoluierte und unterschiedlich auf Völkerr verteilt ist ....

... und so weiter, und daß sich deshalb Völker weltweit in ihrem Spektrum angeborener Eigenschaften und Begabungen sehr deutlich unterscheiden. Der herzensgute Bestseller-Autor Steven Pinker, der sich so gut mit Jeffrey Epstein verstand im Rahmen von "The Edge" und anderwärts, nannte genau diese "Idee" ja im Jahr 2005 schon die "gefährlichste Idee der nächsten zehn Jahre", nämlich daß sich Völker hinsichtlich ihrer angeborenen Eigenschaften und Begabungen unterscheiden könnten (Edge). - Für wen eigentlich "gefährlich"?, möchte man im Nachhinein fragen. Für Bestrebungen eines Jeffrey Epstein und seiner Leute? Ach Gott, was fragen wir wieder naiv. .... Boah. Schnell weiter im Text ...

David Reich erzählt nun, daß die ersten archäogenetischen Studien, die diese genannte westeurasische Evolution zwischen Nacheiszeit und heute zu erfassen suchten auf der Ebene der Archäogenome, nur erstaunlich wenig Signale gefunden haben, die darauf hindeuteten, daß hinsichtlich bestimmter "polygenetischer Scores" (Eigenschaften, Begabungen) Evolution stattgefunden hätte. Der Grund dafür war, daß es noch nicht genügend sequenzierte Genome aus dem Neolithikum, der Bronze- und Eisenzeit gegeben hatte. Er nennt diesbezüglich eine Studie aus der Forschungsgruppe um Eske Willerslev (Stg19) und bezieht sich dabei auch auf andere Studien (Stg22).

Seither ist die Datengrundlage aber aufgrund der exponentiell steigenden Zahl sequenzierter, archäologisch gewonnener Genome viel umfangreicher geworden.

Die Bronzezeit - Ist sie wichtiger für die gerichtete Selektion als das Neolithikum?

Die meiste gerichtete Selektion in Westeurasien hat nach David Reich nun vermutlich nicht bei der Einführung des Ackerbaus stattgefunden, sondern in der Bronzezeit (so wird er gleich im Eingangssatz zum Interview angeführt). Die Bronzezeit (2) ...

"... war die Zeit, in der die Genfrequenzen für alles - von der Immunfunktion über das Körperfett bis hin zur Intelligenz - am stärksten schwankten,"

faßt der Interviewer zusammen. Und weiter (2):

"Im Laufe der letzten 10.000 Jahre hat die Selektion den genetischen Prädiktor für die kognitive Leistungsfähigkeit um etwa eine volle Standardabweichung erhöht - der größte Teil davon vor 4.000 bis 2.000 Jahren."

Hier ist von einer Standardabweichung die Rede. Das ist also eine Erhöhung der angeborenen Intelligenz von etwa 80 oder 85 (wie man sie in Afrika und bei schwarzafrikanischen US-Amerikanern findet) auf 95 oder 100 (wie man sie bei heutigen Europäern findet).

David Reich stellt es noch einmal heraus, daß die Archäogenetik zwar mit wenigen sequenzierten Menschenfunden schon unglaublich viel über den Ablauf der Völkergeschichte heraus bekommen konnte, daß diese wenigen Genome aber nicht ausreichten dafür festzustellen, in welchen Bereichen des Genoms angeborene Eigenschaften und Fähigkeiten sich im Verlauf der Geschichte in bestimmte Richtungen hin selektiert, bzw. entwickelt hatten.

Das liegt daran, daß man mit den Genen eines einzigen Menschen zwar zugleich die Gene eines ganzen Volkes vor Augen hat. Jeder Mensch trägt die Gene seines Volkes in sich. Wenn man also ein einzelnes Genom aus der Vergangenheit sequenziert, sequenziert man damit zugleich das Genom eines ganzen Volkes. David Reich drückt das - etwas zurückhaltender, verschleiernder - folgendermaßen aus (2):

Die DNA einer einzelnen Person liefert eine enorme Menge an Informationen über die Geschichte. Denn die DNA einer Person repräsentiert nicht nur eine einzelne Person, sondern viele. Sie enthält die DNA der Eltern, der vier Großeltern, der acht Urgroßeltern, der sechzehn Ururgroßeltern und so weiter. Geht man in der Zeit zurück, so tragen Tausende, Zehntausende, ja Hunderttausende von Vorfahren zu den heutigen Menschen bei.

Ja, er hätte es auch kürzer ausdrücken können: Wenn ich ein einzelnes Individuum an der Mittleren Wolga um 4.500 v. Ztr. sequenziere, sehe ich in seinem Genom zugleich sein ganzes Volk, das sich als solches von allen anderen Völkern derselben Zeit auf kennzeichnende Weise unterscheidet. Man kann deshalb schon mit vergleichbar wenigen Genomen aus verschiedenen Regionen und Zeit-Epochen vergleichsweise umfangreich und zugleich detailliert und in den meisten Fällen völlig überraschend die gesamte Völkergeschichte Eurasiens nachvollziehen. Und zwar in den meisten Fällen in einer Weise, wie sie niemand zuvor erwartet hatte oder niemand zuvor zumindest mit dieser abschließenden Sicherheit hätte behaupten können.

Wenn man aber nun schauen will, wie sich angeborene Eigenschaften und Fähigkeiten im Verlauf der Geschichte in bestimmte Richtungen hin selektierten, entwickelten (auf der Ebene von Individuen und Völkern), reichen solche vereinzelte, "repräsentative" "Stichproben" nicht mehr aus. Man braucht einen viel größeren Datensatz (2):

Um ein hochauflösendes Bild der Frequenzveränderungen im Zeitverlauf zu erhalten, benötigt man sehr große Stichproben, wirklich sehr viele Personen. Das stand uns bis vor wenigen Jahren nicht zur Verfügung. Die Motivation für die Studie, über die wir heute sprechen, und die Arbeit, die hoffentlich in den kommenden Jahren von mehreren Forschungsgruppen durchgeführt wird, liegt darin, daß wir nun endlich über diese Zahlen verfügen. Wir können die Daten analysieren, um die Frequenzveränderungen im Zeitverlauf zu untersuchen.

Gibt es keine genetischen Unterschiede zwischen Ostasien und Europa? 

Dann sagt David Reich wieder etwas so vergleichsweise Komisches (2):

Es gibt jedoch fast keine genetischen Veränderungen, deren Häufigkeit sich zwischen Europäern und Ostasiaten zu 100 % unterscheidet.

Diese Aussage ist ein sogenannter Non-Starter. Sie mag ja formal durchaus richtig sein, aber sie verwischt, bzw. macht dabei zugleich geradezu unsichtbar die wesentlichsten Tatbestände.*) Mit 100 % ist die Latte sehr hoch gelegt. Sehr große angeborene Häufigkeitsunterschiede zwischen Ostasiaten und Europäern gibt es aber trotzdem. Man frage doch nur ChatGPT. Es zählt für uns die folgenden Beispiele auf:

Merkmal / GenvarianteOstasienEuropaBemerkung
ALDH2-Defizienzca. 25–45 %<1 %Ursache des häufigen „Asian Flush“
Schnelles ADH1B-Allel (Alkoholabbau)ca. 60–90 %ca. 5–20 %Beschleunigt Bildung von Acetaldehyd
Laktasepersistenzca. 5–20 %ca. 70–95 %Besonders hoch in Nordeuropa
EDAR-Variante V370Aca. 80–95 %<5 %Assoziiert mit dickem, glattem Haar
ABCC11-Polymorphismus (trockener Ohrenschmalz)ca. 80–95 %ca. 1–5 %Sehr klarer Populationsunterschied
Epikanthische Lidfaltehäufig, grob 50–90 %selten, meist <10 %Kein einzelnes „Gen“, sondern polygen
Sehr dichter Bartwuchs bei Männerneher seltendeutlich häufigerSchwer exakt zu quantifizieren
Helle Hautvarianten SLC24A5niedrig bis moderatoft >90 %Sehr stark in Europa verbreitet
Schaufelzähne („shovel incisors“)ca. 80–95 %ca. 10–20 %Häufig verwendetes anthropologisches Merkmal

So schnell kann man Aussagen von David Reich mit ChatGPT bloßstellen. Da wird also sehr schnell deutlich, daß die Aussage von David Reich die tatsächlichen Verhältnisse zum Teil kraß verwischt, und daß diese Aussage damit fast schon wieder eine Täuschung ist. Nein, nicht 100 % Unterschiede - aber 95 % Unterschiede gibt es in einigen angeborenen Eigenschaften, Genvarianten zwischen Europa und Asien durchaus!!!

Und das ist - wie gesagt - nicht erst seit heute bekannt, sondern Wissen darüber sammelt sich spätestens seit dem Jahr 2000 immer mehr an. Der geneigte Leser kann mit Hilfe der hier genannten Stichworte schnell die Dinge weiter verfolgen (zum Beispiel auf ChatGPT). ChatGPT benennt hier nur Körpermerkmale, aber bezüglich von psychischen Merkmalen könnten ebenfalls Beispiele angeführt werden. Eine für ADHS mitverantwortliche Variante, die in siebenfacher Wiederholung im Genom vorkommt, gibt es in China fast gar nicht, während sie in anderen Völkern eine sehr deutliche Häufigkeit hat. Ebenso hatten wir für das COMT-Sensibilitäts-Gen hier auf dem Blog schon vergleichsweise hohe Häufigkeitsunterschiede zwischen Völkern erörtert (Stg2019). Und damit kann sehr schnell abgeleitet werden, daß wesentliche kulturelle Merkmale und Begabungsprofile von Völkern in Europa und Ostasien sich auch aufgrund solcher Häufigkeitsunterschiede so markant voneinander unterscheiden. Deshalb stimmt es auch nicht, wenn David Reich sagt (2): 

Die seit 40.000 oder 50.000 Jahren vergangene Zeit ist auf einer evolutionären Zeitskala so kurz, daß es im Durchschnitt nur geringe genetische Unterschiede zwischen diesen beiden Gruppen gibt.

Aber im nächsten Satz widerspricht er der eben getätigten Äußerung sowieso gleich wieder (2):

Wenn jedoch natürliche Selektion stattgefunden hat, beispielsweise um Menschen an einem bestimmten Ort zu helfen, Alkohol oder Milch besser zu verdauen, könnte man erwarten, daß eine Mutation extrem häufig auftritt.

Es ist nicht nur zu erwarten, sondern längst bekannt, lieber Herr Reich.

Beispiele: Tuberkulose, Hämochromatose, pflanzlich dominierte Ernährung ...

Es werden dann Beispiele durchgegangen. Immun-Gene weisen die höchsten Selektions-Hinweise auf. Eine Genvariante, die im Zusammenhang mit Tuberkulose steht, wird behandelt. Diese Gen-Variante war 1000 v. Ztr. am häufigsten in Europa verbreitet und ist danach in ihrer Häufigkeit bis heute wieder sehr deutlich zurück gegangen. Die genauen Gründe dafür sind bislang noch nicht bekannt. Vielleicht war es eine andere Krankheit, so meint der Interviewer, der gegenüber diese Genvariante einen Überlebensvorteil bot. Reich will das nicht ausschließen als Möglichkeit. Reich:

Die TYK2-Variante, die mit einem erhöhten Tuberkulose-Risiko und einem erhöhten Risiko für Multiple Sklerose einhergeht, nahm vor der Bronzezeit deutlich zu und kehrte sich dann vor 2.000 bis 3.000 Jahren um. In Nordeuropa ist dieser Prozeß extrem stark ausgeprägt, mit sehr starker positiver und negativer Selektion. In Südeuropa hingegen ist er nur geringfügig und die negative Selektion nicht sehr stark. Auch die Hämochromatose, eine pathogene Eisenablagerung, die in Europa Probleme verursacht, hat sich um diesen Zeitraum herum umgekehrt.

Beiden typisch nordeuropäischen Erbkrankheiten habe ich schon in meinem Buch-Entwurf von 2007 Kapitel gewidmet (3). Durch diese neuen Ergebnisse kann man sich nun neue Gedanken machen, warum diese Erbkrankheiten in Nordeuropa noch heute so auffallend häufig sind. Es werden auch Hinweise gefunden für einen vermehrten Verzehr von pflanzlichen Nahrungsmitteln gegenüber fleischbasierter Nahrung. Der Interviewer fragt (2):

FADS1, das dabei hilft, pflanzliche Fettsäuren in langkettige Fettsäuren umzuwandeln, die der Körper benötigt: Das ist natürlich wichtig, wenn man von einer fleischbasierten Ernährung als Jäger und Sammler zu einer getreidebasierten Ernährung übergeht. Das ist auch ein Aspekt, den Sie, glaube ich, vor 5.000 bis 3.000 Jahren als besonders selektionsbedürftig identifiziert haben. Was ist also der Grund dafür? Warum ist die Bronzezeit in Bezug auf all diese verschiedenen Merkmale, die Sie beobachten, so besonders?

Reich antwortet (2):

Diese FADS1/2-Variante ist also eine Anpassung an Vegetarier bzw. Fleischesser. Bereits in früheren Arbeiten hatte Ian Mathieson, mit dem ich 2015 zusammengearbeitet habe, diese Variante als stark selektiert identifiziert. Sie ist tatsächlich uralt. Man findet Kopien davon auch bei archaischen Menschen.

Die Völker weltweit unterscheiden sich schon seit vielen Jahrzehntausenden darin, ob sie vorwiegend pflanzliche oder tierliche Nahrung zu sich nehmen. Für beide Möglichkeiten müssen im Genom Anpassungsmöglichkeiten vorliegen. David Reich sagt allgemein über die genetischen Veränderungen während der Bronzezeit in Europa im Vergleich zu denen während des Übergangs zum Ackerbau (2):

Diese Beobachtung, daß es sich um einen Wendepunkt handelt, verrät uns etwas darüber, wann die Menschen, zumindest in diesem Teil der Welt, gezwungen waren, eine Lebensweise einzuschlagen, die sich so stark von der ihrer Vorfahren als Jäger und Sammler unterschied, daß sich der Organismus enorm anpassen mußte. Möglicherweise war der Grad dieser Umstellung beim Übergang in die Bronzezeit qualitativ größer als derjenige, der beim anfänglichen Übergang zum Ackerbau stattfand. Das ist überraschend, denn unser vereinfachtes Bild läßt uns annehmen, daß der große Wandel im Ackerbau liegt. Doch die biologischen Daten zeigen, daß unser Genom viel stärker auf diese Ereignisse reagiert, die vor 5.000 Jahren stattfanden.

So völlig durchgängig kann ich ihm diese Aussage nicht abnehmen. Schließlich zeigen seine Daten, daß schon die Bandkeramiker einen IQ hatten wie wir heute. Da ist also das Wichtigste durchaus schon beim Übergang zum Ackerbau passiert, nicht erst in der Bronzezeit. Freilich, durch die mittelneolithische Vermischung mit den Restbevölkerungen von Jägern und Sammlern in Europa und durch die spätneolithische Vermischung mit indogermanischer Steppengenetik war der IQ offenbar zunächst noch einmal wieder bis etwa 2000 v. Ztr. gesunken, um dann in der Spätbronzezeit fast wieder heutige Werte zu erreichen, um danach aber wieder abzusinken (s. Abb. 1). Nun gut.

Beispiel Pigmentierung

Reich weiter (2):

Nehmen wir zum Beispiel die Pigmentierung, die in unseren Daten das stärkste Indiz für Selektion eines komplexen Merkmals ist. Man betrachtet genetische Mutationen, die bekanntermaßen die Pigmentierung beeinflussen. Addiert man ihre Wirkung über die gesamte DNA - es sind Dutzende oder Hunderte -, so findet man heraus, wann die natürliche Selektion am stärksten war. Dieser Zeitraum liegt tatsächlich vor 2.000 bis 4.000 Jahren. 

Ja, die Evolution der hellen Hautfarbe verlief offenbar stetiger als die Evolution des IQ in der europäischen Völkergeschichte (Abb. 2).

Beispiel Intelligenz

Reich weiter (2):

Die Daten zeigen deutlich, daß die Auswirkungen der Migration enorm sind. Betrachtet man beispielsweise die Entwicklung kognitiver Leistungsfähigkeit – die Ergebnisse von Intelligenztests bei weißen Briten heute – und vergleicht sie mit den entsprechenden Prädiktoren bei Menschen in der Antike, so liegt der Schätzwert für die Jäger und Sammler Europas drei Standardabweichungen unter dem heutigen Durchschnitt. Das ist ein gewaltiger Unterschied.

Oben war noch von einer Standardabweichung die Rede, jetzt wird sogar von drei Standardabweichungen gesprochen. Wenn es also heute bei Europäern einen IQ von 100 gibt ebenso wie bei den ersten Ackerbauern Europas, den Bandkeramikern, dann hätte es bei den europäischen Jägern und Sammlern vor dem Neolithikum einen IQ von 55 gegeben. Das entspricht dem IQ der Buschleute in Südafrika von heute und ist noch niedriger als der IQ der Bantu-Völker in Afrika. Das können wir auf den ersten Blick so nicht für glaubhaft halten. Hat sich Reich hier versprochen? Auch Piffer und Kirkegaard hatten 2024 nur eine Stanardabweichung Unterschied festgestellt, nicht drei. Reich weiter über die europäische IQ-Evolution (2):

Dann sieht man einen gewaltigen Sprung zu den Bauern, deren Werte im Mittel bei null liegen. Das ist Migration. Man sieht, daß diese beiden Gruppen unterschiedliche Ausgangswerte für diese Merkmale hatten. Die Steppenhirten haben einen niedrigeren Ausgangswert.

Also die Bandkeramiker hatten schon einen IQ von 100 so wie wir heute. Wie kraß. Und die Jamnaja, die Indogermanen der zweiten Ausbreitungswelle ab 3.300 v. Ztr. hatten einen IQ von 85. Also so hoch wie die heutigen Afroamerikaner in den USA. Das kommt uns ebenfalls sehr kraß unterschiedlich vor. Reich weiter (2):

Man beobachtet im Laufe der Zeit enorme Schwankungen im Prädiktor dieses Merkmals. Das beweist keine Selektion, sondern lediglich Migration. Unser Test zeigt aber Folgendes: Gibt es neben diesen migrationsbedingten Schwankungen einen konsistenten Effekt der natürlichen Selektion, der das Merkmal über alle Orte und Zeiten hinweg in dieselbe Richtung beeinflußt? Genau das untersuchen wir.

So ganz wie nebenbei tritt hier zu Tage, welche krassen angeborenen Intelligenz-Unterschiede es zwischen Völkern schon im Neolithikum und in der Bronzezeit gegeben hat. Solche angeborenen Intelligenz-Unterschiede zwischen Völkern gibt es heute immer noch und sie waren unter anderem Gegenstand der Sarrazin-Debatte des Jahres 2010. 

Der Interviewer stellt dann sehr uninformierte Vermutungen über die Evolution des IQ in den Raum. Diese übergehen wir hier. Beide geben sich in ihren "Vorannahmen" zu all diesen Themen rührend naiv. So als hätte es - zum Beispiel - die "Bell Curve"-Debatte des Jahres 1994 (Wiki) nie gegeben, in der es ebenfalls um die angeborenen Intelligenzunterschiede zwischen heutigen Völkern und Abstammungsgruppen ging. Der Interviewer ist völlig fachfremd. Dem nehme ich diese Naivität ab. Bei David Reich scheint sie mir ein wenig gar zu deutlich durchgestylt zu sein, nämlich: um nicht gleich die volle Breitseite des akademischen Gegenwindes auf sich zu ziehen. Offenbar denkt er sich, die neuen Erkenntnisse könnten sich in die Wissenschaft geradezu unbemerkt einschleichen. Aber all das soll aktuell für uns nicht im Vordergrund stehen, wir wollen ihm das hier nicht gar zu sehr anrechnen, denn aktuell ist so viel anderes so viel wichtiger. Es gilt, erst einmal den neuen Forschungsstand nachzuvollziehen und dem bisherigen Wissen zuzuordnen.

Auch wie David Reich die IQ-, bzw. Educational Attainment- (EA-)Voraussage sonst einordnet, scheint uns keineswegs dem Stand der heutigen Intelligenz-Forschung zu entsprechen. Da der IQ mit so vielen anderen Merkmalen des Lebensverlaufs korreliert, meint er, ihm könnte auch ein anderer Faktor als der IQ selbst zugrunde liegen, etwa die Fähigkeit zum Belohnungsaufschub. Es sei das hier nur erwähnt. Wir glauben viel eher, daß höherer IQ auch Belohungsaufschub erleichtert. Aber all das ist für uns hier gar nicht das Thema.

Sehr spannend ist der Hinweis, daß die IQ-Evolution in China und Europa auf denselben polygenetic Score's zu beruhen scheint, so sagt Reich. Das darf man sicherlich als bemerkenswert empfinden. Denn es hätte ja auch sein können, daß die ostasiatische Intelligenz noch eine sozusagen "ganz andere" ist als die europäische. Aber nein, sie folgt offenbar denselben genetischen Verschaltungen. Das, was sich zwischen Europa und Ostasien unterscheidet, sind eher angeborene und muttersprachlich geprägte Neigungen hinsichtlich Individualismus versus Kollektivisimus oder hinsichtlich Veränderungsfreude oder Beharrungsfreude (hinsichtlich: erfinden oder kopieren) und so weiter. Und natürlich weisen die Ostasiaten einen um 5 IQ-Punkte höheren IQ auf als die Europäer. Womöglich wird man dennoch sagen können und müssen, daß es sich bei der IQ-Evolution in Ostasien und Europa um konvergente Evolution handelt.***)

War Intelligenz ein gesellschaftlicher Wert? Im Neolithikum? In der Bronzezeit?

Reich meint, in der "Ilias" oder im "Alten Testament", die in Zeiten entstanden, als der IQ am höchsten war, hätte Intelligenz als Wert keine Rolle gespielt, viel eher hätten Schönheit eine Rolle gespielt oder andere Werte. Wir sehen hier eine Inkonsistenz in der Argumentation. Schon die Bandkeramiker hatten einen vergleichbar hohen IQ. Wie soll der denn dann zustande gekommen sein? Ist nicht schlicht der Grad der gesellschaftlichen Arbeitsteilung, der schon bei den Bandkeramikern sehr hoch gewesen sein wird, ein ausschlaggebender Faktor? Den Befund, daß die (Spät-)Bronzezeit so wesentlich für die europäische IQ-Evolution gewesen sei, hatten wir zuvor für uns selbst während der Lektüre schon folgendermaßen eingeordnet: 

In der Bronzezeit gab es erste "Währungen" (Ösenhalsringe und anderes), es mußte also gezählt und gerechnet werden. Es gab spezialisiertes Handwerk. Bronze-Schmiede stellten Bronze-Waffen her, sie stellten Bronze-Schmuck her, bronzene Musikinstrumente. Überhaupt gab es einen Musikinstrumenten-Bau. Es gab ein Töpferhandwerk. Es gab Nah- und Fernhandel mit Rindern, Schweinen, Getreide, Gemüse, Obst, Fischen. Es gab Fischer, es gab Jäger. Die Kochkunst verfeinerte sich. Importwaren wurden über hunderte von Kilometern transportiert. Es gab spezialisierte Handwerker in der Textilherstellung. Es gab spezialisierte Handwerker in der Herstellung von Streitwagen und anderen Transportmitteln. Es gab Goldschmiede, die die steilen, hohen Goldhüte herstellten. Der Ackerbau wurde verbessert. Der höchste Gott der Kelten war noch in römischer Zeit der Gott Merkur, der Gott des Handels, des Handwerks und der Kunstfertigkeit. Das berichtet noch Cäsar von ihnen (Stg26). Von Sängern wurden lange Dichtungen vorgetragen, vergleichbar der Ilias des Homer - die längsten Zeiträume ganz ohne Verschriftlichung. Zuhören war heilig bei den Kelten und in vielen anderen vorgeschichtlichen Völkern (Stg24). Aufmerksames Zuhören und Merken (Kurz- und Langzeitgedächtnis) fällt ja vermutlich um so leichter, um so intelligenter man ist. Wir sehen insbesondere in der Spätbronzezeit ein intensives Bevölkerungswachstum nicht nur in Griechenland, sondern wir sehen "Terrassierungen" in ganz Mitteleuropa bis hinauf nach England. All solche Vorgänge werden bezüglich der IQ-Evolution zu berücksichtigen sein.

Die ganze Thematik, die der Interviewer mit Reich diskutiert, wird schon seit Jahrzehnten diskutiert. Vor diesem Hintergrund wirken die Erörterungen im Interview erneut eher naiv. Lange hatte man ja vermutet, daß die IQ-Evolution in China durch die konfuzianische Beamten-Elite voran getrieben worden sei. Sie erfolgte aber in allen Bevölkerungsschichten, insbesondere auf dem Land bei den Bauern, auch ganz ohne konfuzianische Gelehrsamkeit. Ebenso auch in Europa. Es müssen also deutlich allgemeinere Faktoren in Betracht gezogen werden. Für Europa in der Frühen Neuzeit gilt jedenfalls: Die reichsten Bauern haben immer die meisten Kinder gehabt. Das hat Eckart Voland in seiner Krummhörn-Studie festgestellt und das ist für viele andere Regionen Deutschlands und Europas ebenfalls festgestellt worden. Und genau über solche Mechanismen wird IQ-Evolution womöglich auch sonst zustande gekommen sein.

Und es ist zusätzlich zu sagen: Wohlstands-Unterschiede aufgrund höherer Intelligenz waren erst in solchen arbeitsteiligen Gesellschaften möglich, die solche Wohlstands-Unterschiede eben ermöglichten aufgrund ihrer arbeitsteiligen Differenzierung. 

Viele weitere Teile des Interviews erscheinen uns zu spekulativ, als daß sie hier von uns weiter behandelt werden müßten. Es wird etwa erörtert, daß sich vergleichbare gerichtete Selektion bei den Menschen, die vor 100.000 oder vor 50.000 Jahren in Afrika gelebt haben, nicht gegeben hätte. Aber sind denn die aktuell vorliegenden archäogenetischen Daten überhaupt ausreichend, um eine solche Behauptung aufstellen zu können? Wir glauben nicht. Und schließlich hat der Autor dieser Zeilen schon in seinem Buchentwurf von 2007 Gene genannt, die heute alle Menschen tragen, und die in dem genannten Zeitraum in Afrika erst entstanden sind. Also diese Erörterungen sind uns alle zu spekulativ und auch zu widersprüchlich und außerdem auch ein wenig zu naiv.

Stattdessen wird zum Beispiel gar nicht die so wesentliche Frage erörtert, wo denn der hohe IQ der europäischen Ackerbauern überhaupt herkommt und wie dieser evoluiert ist oder evolutiert sein könnte. Das wäre doch eine viel spannendere Frage. Aber dazu fehlen David Reich und ebenfalls dem Interviewer ausreichende wissenschaftliche Hintergrundinformationen aus fünfzig Jahren IQ-Forschung ebenso wie - etwa - aus fünfzig Jahren Forschung zum Präkeramikum und Keramikum im Fruchtbaren Halbmond und sodann zum Neolithikum in Anatolien, im Mittelmeerraum und in Mitteleuropa. Man könnte mutmaßen, daß schon die ersten Ackerbauern Anatoliens denselben IQ hatten wie die Bandkeramiker und daß dieser IQ während des vorhergehende Präkeramikums und Keramikums im Fruchtbaren Halbmond evoluiert ist. Ich könnte mir vorstellen, daß er schon im PPNB ("vorkeramische Neolithikum B") erreicht worden ist um etwa 7000 v. Ztr.. Diese Gesellschaft war damals jedenfalls durchaus schon ausreichend arbeitsteilig ausdifferenziert.

Mit diesem Blogartikel soll ein erster Einstieg in diese neue, spannende Thematik gegeben sein. Vielleicht müssen wir uns künftig den Forschungsartikel selbst (1) auch noch einmal gründlicher anschauen.

Ansonsten: Ergänzung, 29.5.26 - Jetzt ist es endlich so weit: Ein Jahresabonnement bei Davide Piffer ist von Seiten des Bloginhabers abgeschlossen (DavidePiffer). Denn der Mann ist unwahrscheinlich fleißig und testet ständig neue Theorien anhand archäogenetischer Daten. Da kommt man zwar kaum hinterher - aber man sollte es vermutlich!

Anhang

*) Piffer schrieb am 16. April, ein Tag nach der Veröffentlichung der Reich-Studie einen Beitrag, warum er die Vorgehensweise des Nichtzitierens seiner thematisch sehr weitgehend deckungsgleichen Vorstudie für wissenschaftlich unredlich hält (Piffer). Einen Tag später, am 17. April, zwei Tage nach der Veröffentlichung der Reich-Studie schrieb er auf Twitter (Tw):

Reichs Team tut jetzt so, als ob seine Veröffentlichung ein Paradigmenwechsel wäre, und als ob niemand zuvor solche Ergebnisse veröffentlicht habe (falsch). Reich hat sich auch meine Idee angeeignet, daß diese Ergebnisse der Standardansicht widersprechen würden, nach der es über die letzten 100.000 Jahre keine Selektion gegeben habe, die ich hier kritisiert habe ...
Reich's team is now framing their publication as a paradigm shift, nobody had published such results before (wrong). Reich also appropriated my idea that these results challenge the standard view of no selection over 100K years, which I criticized here ...

... und er gibt dann den Hinweis auf einen Blogartikel vom Dezember 2025 (Piffer2025). Er spricht von Plagiat:

Die Ergebnisse, die sie in ihrem Plagiat darstellen, stammen allerdings größtenteils aus Fachzeitschriften, die mit Peer Review veröffentlichen.
The findings they plagiarized are mostly in peer reviewed journals though.

Piffer erhält für seine Aussage viel Zustimmung auf Twitter. Was ein Kommentator dort schreibt, ging uns genauso (Tw): 

Ich bin mir ziemlich sicher, daß ich bereits durch die Lektüre von Piffer wußte - lange bevor diese Studie erschien -, daß die anatolisch-neolithischen Bauern den höchsten Polygenic Score für Intelligenz aufwiesen. Die Griechen der ägäischen Bronzezeit wiesen einen hohen Anteil an anatolisch-neolithischer Bauernherkunft auf.
I’m pretty sure I knew the EEF had highest PGs for intelligence from reading Piffer way before this paper came out. Bronze Age Aegean Greeks have a lot of EEF.

Diese Bemerkung hat inzwischen 3.500 Likes, mehr als der Ausgangs-Beitrag von Piffer selbst. Diese 3.500 sind jene, die die Arbeit von Piffer ebenso verfolgen wie der vorliegende Blog.

Der griechische Archäogenetiker Iosif Lazaridis versuchte schließlich, sozusagen zwischen Piffer und David Reich zu vermitteln und argumentiert, daß jeder Autor selbst würde entscheiden können, welche vorherigen Arbeiten er zitiert und welche nicht (Tw). Nun gut, zumindest von Großmut zeugt die Haltung von David Reich in dieser Frage nicht. Am 18. April schreibt Piffer (Tw):

Würde ein Maler eine Kopie Ihres Werkes anfertigen, dann aber so tun, als hätte er ein eigenständiges Werk geschaffen, weil Ihr Pinselstrich „mangelhaft“ gewesen sei, dann können wir das getrost Betrug nennen. Wenn ich in der Wissenschaft „methodische Mängel“ vorschiebe, um dasselbe Modell und dieselben Ergebnisse zu ignorieren, die ich selbst nutze und gewinne, dann liegt nichts anderes vor als ein Plagiat mit Doktortitel.
If a painter copies your composition but denies credit because your brushwork was "inadequate," we call it a scam. In science, using "methodological inadequacy" to ignore the same model and results is just plagiarism with a PhD.

Am 28. und 30. April bringt er Kritiken an der David Reich-Studie heraus (Pfiffer2) (die wir noch nicht verstehen). Und er schreibt am 30. April auf Twitter (Tw):

Vor zwei Wochen habe ich mich wegen der Problematik des Nichtzitierens durch Akbari et al. an Nature gewandt. Die Herausgeber haben nun geantwortet: Sie prüfen den Fall. Wollen wir sehen, was dabei herauskommt.
Two weeks ago I escalated the Akbari et al. citation issue to Nature. Editors have now responded: they’re reviewing it. Let’s see where this goes. 
**) In der Studie selbst heißt es: "Frühere Arbeiten haben gezeigt, daß klassische „Hard Sweeps“ - durch die vorteilhafte Mutationen bis zur Fixierung getrieben werden – über den weiten Zeitraum der menschlichen Evolution hinweg selten waren." ("Previous work has shown that classic hard sweeps driving advantageous mutations to fixation have been rare over the broad span of human evolution.") Vielleicht bezieht sich darauf diese 100%-Angabe. Aber auch diese Aussage ist insgesamt irreführend.
***) Tatsächlich heißt es auch in der Folgestudie zur Evolution derselben Eigenschaften und Begabungen in Europa und Ostasien ausgehend von vorhergehenden Jäger-Sammler-Populationen (bioRxiv2026): 
"Unsere Ergebnisse legen nahe, daß die von dieser Vorfahren-Population ererbten Varianten - sobald sie der Landwirtschaft, der Weidewirtschaft, modernen Pathogenen sowie den Lebensweisen ausgesetzt waren, die mit dem Leben in größeren staatlichen Gesellschaften einhergehen - sowohl in West- als auch in Ost-Eurasien weiterhin dieselbe Entwicklungstendenz zeigten; dies spiegelt wahrscheinlich eine konvergente Evolution wider, die der Anpassung an die neuen Anforderungen nahrungsproduzierender Lebensweisen und des Lebens in hoher Bevölkerungsdichte diente."
"Our results suggest that once exposed to agriculture, pastoralism, modern pathogens, and the lifestyles that come with living in larger state societies, the variants inherited from this ancestral population continued moving in the same direction in both West and East Eurasia, likely reflecting convergent evolution to adapt to the new requirements of food producing lifestyles and living at high-density."

____________

  1. Akbari A, Perry A, Barton AR, Kariminejad M, Gazal S, Li Z, Zeng Y, Mittnik A, Patterson N, Mah M, Zhou X, Price AL, Lander ES, Pinhasi R, Rohland N, Mallick S, Reich D (2026) Ancient DNA reveals pervasive directional selection across West Eurasia. Nature, 15.4.2026 (Nature2026)
  2. Dwarkesh Patel: David Reich - Bronze Age shock, the Neanderthal puzzle, & the sudden spread of farming. Dwarkesh Podcast, 08.05.2026 (Yt2026) (Transkript)
  3. Bading, Ingo: 200.000 Jahre Humanevolution. Manuskript 2007 (Resg2007)

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